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Grace Valley: Im Schutz des Morgens / Im Licht des Tages (Band 1&2)

Im Schutz des Morgens

Nach ihrem Studium in der Großstadt kehrt June Hudson in ihr geliebtes idyllisches Heimatstädtchen Grace Valley zurück, um die Arztpraxis ihres Vaters zu übernehmen. Tag und Nacht ist sie voller Hingabe für die Menschen im Ort da. Platz für Romantik bleibt da nicht. Bis ein gut aussehender Fremder ihren Weg kreuzt und sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Doch diese Liebe muss ein Geheimnis bleiben, denn Jim Post muss seine Identität verbergen.

Im Licht des Tages

Im beschaulichen Grace Valley ist es nahezu unmöglich, ein Geheimnis zu wahren - doch Dr. June Hudson ist es gelungen. Noch ahnt niemand etwas von ihrer neuen Beziehung. Deshalb ist die Freude im Ort groß, als Junes Jugendliebe zurückkehrt - schließlich sind alle der Meinung, dass die Ärztin endlich den Mann fürs Leben finden sollte. Zum Glück hüten auch andere Bewohner Geheimnisse, die das Dorf in Atem halten und bald geht es in Grace Valley drunter und drüber …


  • Erscheinungstag: 09.01.2017
  • Seitenanzahl: 560
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955766993
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Robyn Carr

Grace Valley – Im Schutz des Morgens

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Grace Valley – Im Licht des Tages

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MIRA® TASCHENBUCH

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1. Auflage: Januar 2017

Copyright © 2017 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH Erste Neuauflage

Titel der nordamerikanischen Originalausgaben:

Deep In The Valley

Copyright © 2000 by Robyn Carr
erschienen bei: MIRA Books, Toronto

Just Over The Mountain

Copyright © 2002 by Robyn Carr
erschienen bei: MIRA Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: Hafen Werbeagentur gsk GmbH, Hamburg

Umschlagabbildung: Thinkstock/Getty Images, München

ISBN eBook 978-3-95576-699-3

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Robyn Carr

Grace Valley – Im Schutz des Morgens

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Gisela Schmitt

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1. Kapitel

June blieb am Morgen etwas länger unter der Dusche stehen als sonst, weil sie an das Einstellungsgespräch dachte, das ihr heute noch bevorstand. Sie führte die einzige Arztpraxis in der Kleinstadt Grace Valley in Kalifornien. Diesen Job hatte sie von ihrem Vater gewissermaßen geerbt, Elmer „Doc“ Hudson. Elmer war inzwischen zweiundsiebzig und tat so, als wäre er im Ruhestand. In Wirklichkeit war das nur eine charmante Beschreibung dafür, dass er die Praxis zwar nicht mehr selbst führte, sich dennoch permanent in die Arbeit seiner Tochter einmischte.

Die Notwendigkeit für einen zweiten Arzt wurde jeden Tag deutlicher. June hatte bereits mit mehreren Kollegen gesprochen, doch bisher hatte sich kein geeigneter Partner für die Praxis gefunden. Heute kam also ein weiterer Anwärter vorbei, Dr. John Stone. Er war vierzig Jahre alt und hatte sein Studium an der Stanford University und der Medizinischen Fakultät der University of California absolviert. Seinen Facharzt in Frauenheilkunde und Geburtshilfe hatte er an der Johns Hopkins University in Baltimore gemacht, danach war er acht Jahre an einer renommierten Frauenklinik tätig gewesen und hatte noch ein Studium der Familienmedizin drangehängt. Er war genau der Richtige für Grace Valley. Aber war Grace Valley auch das Richtige für ihn?

June versuchte, ihn sich vorzustellen. Sicher so ein Yuppie aus Sausalito. Bestimmt war er mal im Rahmen einer Weinprobe nach Grace Valley gekommen und glaubte nun, dass man hier als Arzt ein lockeres Leben hätte. Die herrliche Landschaft mit Bergen, Tälern und dem Meer lockte schließlich jedes Jahr mehr Städter an, die sich dauerhaft niederließen. Vielleicht hatte er aber auch schon mal einen Urlaub in der Region verbracht, spekulierte June, in einer kleinen Frühstückspension an der Küste. Nein. Eher besaß ein wohlhabender Freund von ihm aus San Francisco in der Nähe ein luxuriöses Feriendomizil – jemand, der es sich leisten konnte, nicht mehr zu arbeiten. Die Golfplätze oder Segelreviere konnten John Stone jedenfalls nicht angelockt haben – so etwas gab es hier nämlich nicht. Hier war eher Wandern angesagt oder Camping, und auch das nur für echte Abenteurer. Was also wollte er hier? Wahrscheinlich würde er ihr von seiner Sehnsucht nach Ruhe und Frieden erzählen, nach Sicherheit und schöner Umgebung, denn all das gab es in Grace Valley im Überfluss. Apfelkraut. Traditionell gefertigte Quilts, echte Familienerbstücke. Unverschlossene Haustüren, schmucke Häuschen mit umlaufender Veranda und Kuchen, die auf der Fensterbank abkühlten. Idyllisches Landleben. Anstand. Einfachheit.

Wahrscheinlich sollen seine Kinder nicht in der schmutzigen Großstadt aufwachsen, sondern weit weg von Drogen und Verbrechen. Dass das Militär regelmäßig mit Hubschraubern das kalifornische Küstengebirge und die Trinity Alps nach Marihuana-Plantagen absuchte, würde ihm mit Sicherheit nicht gefallen. Durch die häufigen Luftrazzien in den Wäldern stellten Wanderungen inzwischen ein gefährliches Abenteuer dar, da man nie wusste, wer gerade Drogen anbaute und welche Wege und Orte von den illegalen Betreibern kontrolliert und gegen unerwünschte Eindringlinge vehement verteidigt wurden. Cannabis war das meistangebaute zum Verkauf bestimmte Agrarprodukt Kaliforniens. So weit die traurigen Tatsachen – und das alles fand nur einen Steinwurf entfernt von Grace Valley statt.

Was Ruhe und Frieden betraf – davon wünschte June sich selbst auch ein bisschen. Genau deshalb sah sie sich ja nach einem Praxiskollegen um.

Sie drehte das Wasser ab und trocknete sich die Haare.

June hatte sich bewusst dafür entschieden, in der Kleinstadt zu praktizieren, in der sie aufgewachsen war. Sie kannte die Herausforderungen, und ihr war klar, dass es hier spannender zugehen konnte als in jeder Unfallambulanz einer Großstadtklinik. Aber ihr waren auch die Unannehmlichkeiten nicht fremd – sie erlebte sie täglich. Dazu gehörte die mitunter unpassende Intimität zwischen Arzt und Patient. Denn sie war mit vielen ihrer Patienten auch befreundet – das passierte einem Mediziner in der Großstadt eher selten. Bisher waren alle Anwärter, mit denen sie gesprochen hatte, darauf aus gewesen, weniger arbeiten zu müssen, keine Überstunden mehr zu schieben und die generelle Überbeanspruchung, die sie aus ihren Großstadtpraxen kannten, hinter sich zu lassen. Nach dem Gespräch wurde den Medizinern dann meistens klar, dass Grace Valley wohl doch nicht das Richtige für sie war. Sie würden hier nur eine bestimmte Art von Stress gegen eine andere eintauschen, die Tätigkeit blieb genauso anspruchsvoll. Es bedurfte schon ganz bestimmter Eigenschaften, um sich den medizinischen Bedürfnissen einer ganzen Stadt stellen zu können.

Das Telefon klingelte. Sie sah auf die Uhr. Es war sechs Uhr fünfzehn.

Das war auch so eine Sache. So etwas wie den Begriff „Bereitschaft“ gab es hier nicht. Man war einfach immer erreichbar. Punkt.

Sie streckte die Hand nach dem Hörer aus, doch im selben Moment gab das schnurlose Telefon den Geist auf. Kein Saft mehr. Mal wieder hatte sie vergessen, es auf die Station zu legen. Rasch wickelte sie sich das Handtuch um und rannte mit tropfenden Haaren runter zum Telefon in der Küche.

Und bekam erst mal einen Schock. Da waren Fremde in ihrem Wohnzimmer! Instinktiv duckte sie sich hinter die Küchentheke und spähte über die Kante ins Wohnzimmer, während das Telefon immer weiter klingelte. Spielten ihre Augen ihr einen Streich, oder war das wirklich wahr? Da saßen vier Personen – ein Mann, eine Frau und zwei Teenager, Junge und Mädchen. Eine schreckliche Narbe zog sich über die gesamte linke Gesichtshälfte der Frau. Es dauerte einen Moment, bis June erkannte, dass die Narbe nicht von einer frischen Wunde stammte – ihretwegen war die Familie also nicht hier. Die vier hockten auf ihrem Sofa, schauten sie freundlich an und schienen keineswegs irritiert über Junes Anblick.

Das Telefon hörte nicht auf zu klingeln.

„Sind Sie der Arzt?“, fragte schließlich der Mann.

„Ähm, ja. Das bin ich wohl.“

Die altmodische Kleidung und das fragwürdige Benehmen ließen darauf schließen, dass diese Leute im wahrsten Sinn des Wortes Hinterwäldler waren, irgendwelche Farmer wahrscheinlich. Grace Valley lag an der Kreuzung von drei Countys, und man konnte unmöglich darauf schließen, woher die Familie kam. Jedenfalls kannte June sie nicht. Vielleicht waren sie zum allerersten Mal in ihrem Leben bei einem Arzt.

„Wir haben ein Problem mit unserem Jungen.“

June wickelte das Handtuch fester um sich und streckte die Hand nach dem Telefonhörer aus. „Entschuldigung“, sagte sie zu den Leuten. „Ich kümmere mich sofort um Sie.“ Rasch duckte sie sich wieder hinter den Tresen. „Hallo?“, fragte sie ins Telefon.

„Hallo“, antwortete ihr Vater. „Ich dachte, ich sage dir lieber mal Bescheid, dass gerade eine Familie aus Shell Mountain sich bei George Fuller nach dem Weg zu deinem Haus erkundigt hat.“

„Und was zum Teufel hat sich George dabei gedacht, es ihnen einfach zu sagen?“, fauchte June leise.

„Na ja. George denkt nie viel, wenn es sich vermeiden lässt.“

„Sie sind nämlich schon da! Sind einfach ins Haus getrampelt und haben es sich auf meiner Couch bequem gemacht, während ich noch oben unter der Dusche stand.“

„Herrjemine! Soll ich vielleicht …“

„Ich bin so gut wie nackt! Ich musste runter in die Küche ans Telefon und trage nur ein Handtuch!“

Elmer lachte leicht pfeifend – jahrelanges Pfeiferauchen forderte seinen Tribut. „Ich wette, damit haben sie nicht gerechnet.“

„Ich bringe George um!“

Elmer konnte vor Lachen kaum noch sprechen. „Ich schätze … du hast dich noch nie … so geärgert … wie jetzt … weil du mal wieder den schnurlosen Apparat nicht aufgeladen hast!“

War ihr Vater etwa Hellseher? Wie dem auch sei, sie fand seine neue Gabe in diesem Augenblick alles andere als amüsant. „Dad, falls du George vor mir zu Gesicht kriegen solltest, richte ihm aus, dass ich ihn lange leiden sehen will, bevor er stirbt!“

„Schaff dir einen Hund an, June. Wie oft habe ich dir das schon gesagt? Soll ich rüberkommen?“

„Nicht nötig. Ich schaffe das schon.“

„Na gut. Ist heute Hackbraten-Abend?“

„Falls ich den Tag überlebe.“ June legte auf, ohne sich zu verabschieden. Elmer würde sich länger, als ihr lieb war, an diesem Moment ergötzen.

June überprüfte, ob ihr Handtuch fest saß, dann erhob sie sich und musterte die Familie. Der Vater trug eine Anzugjacke, die mindestens dreißig Jahre alt war, die Mutter hatte einen Hut auf dem Kopf. Sie hatten offensichtlich ihre Sonntagskleidung an wegen des Arztbesuches. Eine allzu anstrengende Reise schienen sie nicht hinter sich zu haben. Auf den ersten Blick hätte sie nicht den Jungen, sondern die Frau für krank gehalten. Ihre Narbe verlief von der Stirn bis hinunter zum Kinn, über ein versehrtes Auge, dessen Lid schlaff herunterhing. Die Frau sah aus, als hätte man ihr eins mit der Axt übergezogen. Und allein ihr Anblick verursachte June Kopfschmerzen, obwohl die Verletzung schon etliche Jahre alt sein musste. Vielleicht sogar ein Unfall aus der Kindheit.

Der Junge musste in äußerst schlechter Verfassung sein, wenn sie eigens seinetwegen in die Stadt gekommen waren. June fiel auf, dass er nur an einem Fuß einen Stiefel trug, am anderen bloß einen sauberen Strumpf. Kein gutes Zeichen.

„Ich werde mich rasch anziehen, dann schaue ich mir Ihren Sohn an. Bitte bleiben Sie, wo Sie sind.“

So viel zum Thema Ruhe und Frieden des Landlebens.

Elmer hatte seine Patienten immer zu Hause empfangen. Seine Praxis befand sich nicht in einem Anbau oder einem extra Gebäude, sondern bestand aus zwei Räumen im Erdgeschoss ihres Wohnhauses, das vom ersten Dorfarzt eigens so gebaut worden war.

Wenn ein Patient auftauchte, der nur einen Schuh trug, musste sein anderer Fuß so stark geschwollen sein, dass er in keinen Schuh passte. Auf solche Hinweise zu achten, hatte June bereits als Kind gelernt.

Die Familie stellte sich vor, allerdings war Reden nicht ihr Ding. Nur mühsam erfuhr June, dass dem Jungen eine Eselstute auf den Fuß getreten war. Die Wunde schwärte, das Fleisch begann bereits zu faulen. June sah auf den ersten Blick, dass mehrere Mittelfußknochen gebrochen sein mussten. Normalerweise wussten die Leute vom Land, wie man Knochenbrüche verarztete. Vielleicht hatte der Junge aber ein Stoffwechselproblem, das die Heilung erschwerte. Sie würde auf jeden Fall einen Blutzuckertest machen, um festzustellen, ob er an Diabetes litt.

„Sie hätten mich früher aufsuchen müssen“, tadelte June die Eltern. Sie hatten sich als Clarence und Jurea Mull vorgestellt, die Kinder hießen Clinton und Wanda und waren sechzehn beziehungsweise dreizehn Jahre alt. Clinton war ein kräftiger, gut aussehender Junge. In Wanda erkannte June die Schönheit der Mutter wieder, die nun so tragisch entstellt war. Clarence und Wanda waren keine jungen Eltern, June schätzte sie beide auf Mitte fünfzig. „Der Fuß ist gebrochen, Muskeln und Gewebe haben Schaden erlitten, weil der Fuß nicht geschont wurde. Dazu kommt die Nekrose rund um die Wunde. Tut das nicht weh?“

Der Junge zuckte mit den Schultern. „Ja, schon. Aber Ma …“

„Es ist meine Schuld“, unterbrach Jurea ihn. „Ich habe die Wunde versorgt und ihm einen Verband gemacht.“

„Und vermutlich haben Sie ihm auch eine Kräutermedizin gegen die Schmerzen verabreicht – seine Pupillen sind erweitert. Damit sollten Sie vorsichtig sein.“

„Doch es wirkt gut gegen Schmerzen, oder nicht?“

„Zu gut. Nur deshalb konnte Ihr Sohn mit dem gebrochenen Fuß herumlaufen, und die Verletzung hat sich weiter verschlimmert. Wie sind Sie denn hergekommen? Mit dem Auto?“

„In unserem alten Pick-up“, erklärte Clarence.

„Schaffen Sie es noch bis Ukiah oder Eureka?“

Er zuckte die Achseln. „Wir kommen nur langsam voran, aber wir kommen voran.“

June zog dem Jungen vorsichtig wieder den Strumpf über den schwarz verfärbten, stark geschwollenen Fuß. „Wie langsam?“, erkundigte sie sich.

„Schneller als 50 Kilometer in der Stunde schafft die Kiste nicht mehr.“

„Dann habe ich eine bessere Idee“, schlug June vor. „Einer der Deputys wird Sie nach Rockport fahren, ins Valley Hospital. Sie müssen den Jungen zu einem Spezialisten bringen.“

„Ich bringe ihn hin, wo er hinmuss.“ Clarence nickte zur Bestätigung.

„Und zwar so schnell wie möglich“, erwiderte June, während sie zum Telefon ging. „Aber das ist Ihnen vermutlich klar, sonst hätten sie ihn nicht um sechs Uhr morgens zu mir gebracht.“

„Glauben Sie, dass der Fuß abstirbt?“, fragte der Vater.

June schaute ihn an. Ein Hinterwäldler, der abgestorbenes Gewebe als unheilbar gangränös erkannte? Vielleicht interpretierte sie in seine Frage ja nur etwas hinein, doch …

„Wenn Sie den Jungen nicht ins Krankenhaus bringen, könnte er in der Tat den Fuß verlieren. Oder noch schlimmer. Das wollen Sie sicher nicht riskieren.“

„Spezialisten sind teuer, oder nicht?“

„Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Kosten, Mr Mull. Über solche Dinge lässt sich reden. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie Sie Unterstützung erhalten können, wenn Sie knapp bei Kasse sind.“ Sie wählte eine Nummer.

„Ich habe noch nie Schulden gemacht.“

„Da bin ich mir sicher.“ Dann sprach sie in den Telefonhörer. „Ricky? June hier. Kannst du mir einen Gefallen tun? Ein junger Patient von mir braucht dringend einen Transport ins Valley Hospital, er muss zu einem Spezialisten. Ich schreibe ihm auf, an wen er sich zu wenden hat, dann schicke ich ihn dir gleich zum Polizeirevier. Vielen Dank für deine Hilfe.“

June schrieb den Namen des Krankenhauses und des Arztes auf, dann nahm sie eine Packung Antibiotikum aus ihrem Arztkoffer. Sie füllte ein Glas mit Wasser und reichte es zusammen mit den Tabletten dem Jungen. Den Zettel drückte sie Clarence in die Hand. Als er die Hand danach ausstreckte, rutschte sein Hemdsärmel nach oben und June entdeckte eine Tätowierung auf seinem Handgelenk.

„Mr Mull, es wäre eine Tragödie, wenn Clinton seinen Fuß verliert. Eine noch größere Tragödie allerdings wäre es, seine Verletzung zu ignorieren, denn dann stirbt er womöglich an einer Sepsis. Blutvergiftung. Das kennen Sie vermutlich noch aus Vietnam. Also bringen Sie Ihren Sohn bitte zu einem Spezialisten ins Krankenhaus. Das hier ist ein Antibiotikum“, fügte sie an Clinton gewandt hinzu. „Nimm vier Stück jetzt sofort und dann alle vier Stunden eine, bis die Packung leer ist. Und zeig das Medikament auf jeden Fall dem Arzt im Krankenhaus. Sag ihm, wie viele Tabletten du genommen hast. Es könnte sein, dass er dir andere Tabletten gibt, okay? Wissen Sie, wo die Polizeistation von Grace Valley ist? Oder soll ich mit Ihnen in die Stadt fahren?“

„Nein, nicht nötig. Das schaffen wir schon“, meinte Clarence. „Es ist ja nicht weit.“ Damit erhob er sich und trug seinen Sohn, der gut und gerne einsachtzig groß war, auf seinen Armen aus dem Haus. Clarence Mull war ein sehr stattlicher Mann.

Ihr Pick-up, geschätztes Baujahr 1940, ächzte bedenklich, als die Familie einstieg. Nachdem der Wagen mehr kriechend als fahrend verschwunden war, schloss June die Haustür ab und lief zurück ins Schlafzimmer, um sich endlich anzuziehen. Die Mulls waren keine unbedarften Landeier, die es nicht besser wussten, als unangekündigt beim Arzt hereinzuplatzen. Oh nein. Clarence wollte seinen Sohn nur nicht an einen öffentlichen Ort wie ein Krankenhaus bringen. Vielleicht war er ein Marihuana-Bauer. Oder ein Kriegsveteran, der unter Verfolgungswahn litt. In den Bergen wimmelte es von eigentümlichen Gestalten.

Rasch schlüpfte sie in eine Gabardinehose mit schicker Bügelfalte und wählte dazu eine Seidenbluse und eine bestickte Weste. Immerhin hatte sie heute noch ein Einstellungsgespräch vor sich.

Sie schaute in den Spiegel, und ihr entfuhr ein „Ach du Scheiße“. Ihre Haare waren ungekämmt getrocknet, während sie Clinton Mull untersucht hatte, und jetzt standen sie in alle Richtungen ab. Seufzend steckte sie das Durcheinander zu einem Knoten hoch. Das Thema Haare war noch nie ihres gewesen.

2. Kapitel

Tom Toopeek stand mit nackter Brust vor dem Badezimmerspiegel und band sein langes, seidiges schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. In diesem Moment öffnete seine Frau Ursula, mit der er seit achtzehn Jahren verheiratet war, die Tür und reichte ihm ein frisch gebügeltes Hemd hinein.

„Tom, gerade hat jemand von den Cravens angerufen. Einer der jüngeren Söhne, welcher, weiß ich nicht. Er sagte nur, dass sein Daddy echt sauer sei. Mehr musste er auch nicht sagen, denn es war schon zu hören. Gus schlägt wieder mal das Haus kurz und klein. Und seine Familie kriegt vermutlich auch was ab.“

Tom war bereits in sein Hemd geschlüpft, jetzt nahm er seine Waffe samt Holster aus dem Schrank im Schlafzimmer.

„Fährst du direkt raus zu ihnen?“, erkundigte sich seine Frau. „Logisch.“ Ohne ein weiteres Wort befestigte er das Holster an seinem Gürtel.

Im Morgengrauen raus zu den Cravens. An einem dieser Tage würde es mal zu spät sein.

Ursula hielt ihm einen dampfenden Kaffeebecher hin. Er küsste sie, nahm den Becher und ging durch den langen Flur, vorbei an den Schlafzimmern seiner Kinder. Seine fünfzehnjährige Tochter Tanya öffnete unvermittelt die Zimmertür und stellte sich ihm in den Weg. „Daddy, kannst du ihn nicht endlich einsperren?“

„Ich sperre ihn jedes Mal ein, Tan. Und jetzt lass mich durch, ich muss mich beeilen.“

„Er wird noch jemanden umbringen. Er muss ins Gefängnis!“ „Ich rufe Ricky an, dass du Verstärkung brauchst!“ Ursula beobachtete besorgt ihren Mann.

„Nein“, erwiderte Tom. „Ruf lieber Lee zu Hause an und sag ihm, wir treffen uns vor Ort. Er wohnt in der Nähe.“

„Sei vorsichtig, Tom. Bitte sei vorsichtig. Gus wird dich sofort erschießen, wenn er …“

„Ich sorge schon dafür, dass er mich nicht erschießt. Ruf jetzt Lee an.“

Gus Craven war der mieseste Dreckskerl im ganzen Valley. Er hatte fünf Söhne, alle etwa im selben Alter wie die fünf Toopeek-Kinder. Ihre ältesten waren jeweils fünfzehn. Aber natürlich hatten sie nichts miteinander zu tun. Tom hielt seine Familie von den Cravens fern, die eine Farm im oberen Mendocino County besaßen, nahe der Grenze zum Humboldt County. Es war ein bescheidener Hof mit wenigen Tieren und kaum ertragreicher Ernte. Trotzdem hätte es besser laufen können, aber Gus war ein Säufer und ließ sich regelmäßig volllaufen. Dann schlug er seine Familie zusammen, randalierte im Haus und musste zur Ausnüchterung weggebracht werden. Es gab aber auch Tage, an denen er seine Frau und die Kinder verprügelte, ohne dass er einen Tropfen angerührt hatte. Ein widerliches Ekel war er.

Toms Pflicht als Polizeichef bestand darin, Gus immer einen Schritt voraus zu sein, damit die Prophezeiung seiner Tochter nicht wahr wurde. Die Polizeistation von Grace Valley war mit drei Mann besetzt. Ricky Rios und Lee Stafford, seine beiden Deputys, waren beide dreißig Jahre alt, junge Ehemänner und Väter. Zu dritt waren sie rund um die Uhr im Dienst. Jeder Bewohner im Valley konnte Tom oder seine Kollegen auch zu Hause anrufen, wenn die Polizeistation geschlossen war. Wie an diesem Morgen.

Tom fuhr mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit über die County Road 92, aber die Polizeisirene ließ er ausgeschaltet, um Gus nicht zu warnen. Tom wollte ihn wegschaffen, bevor Gus spitzkriegte, dass einer der Jungs ihn alarmiert hatte. Der Mann hatte schon zahlreiche Tage und Wochenenden wegen seiner Ausfälle in Gewahrsam verbracht, und das reichte üblicherweise aus, damit er wieder zur Vernunft kam. Doch leid tat es Gus nie, was er anrichtete. Diesmal würde Tom ihn ein bisschen länger aus dem Verkehr ziehen. Er hatte ihn gewarnt. Es war gar nicht nötig, dass seine Frau Leah ihn anzeigte. Tom selbst würde ihn wegen Gewaltanwendung und Körperverletzung anzeigen. Das wäre dann seine fünfte Anzeige diesbezüglich, und diesmal würde er in den Knast gehen. Richter Forrest war es ebenfalls leid, den Mann immer wieder auf der Anklagebank sitzen zu haben. Und Tom hatte die Nase voll davon, dass Gus keinerlei Konsequenzen aus seinem Verhalten zog.

Jeder in der Stadt hasste Gus. Ohne Ausnahme. Wieso war dieser Mann bloß so widerwärtig? Er stammte nicht aus dem Valley, niemand kannte seine Familie. Wenn die Cravens in die Stadt kamen, einkaufen oder in die Kirche gingen, machten die meisten Leute einen Riesenbogen um Gus. Sie begrüßten zwar Leah und die Jungs, aber mit Gus wechselte freiwillig niemand ein Wort. Das Schlimmste an der ganzen Situation war die Tatsache, dass dieser Kerl ein Stück Land im Valley erworben und ein Mädchen aus Grace Valley geheiratet hatte. Leah war eine von ihnen, und trotzdem schien niemand etwas für sie tun zu können.

Leah war erst dreiunddreißig. Tom kannte sie noch aus der Schule. Sie war mit einer seiner Schwestern befreundet gewesen. Ein schüchternes, aber hübsches Mädchen – und clever. Wieso sie sich für Gus Craven entschieden hatte, blieb allen ein Rätsel. Er war sieben Jahre älter als sie und noch nie auch nur annähernd freundlich gewesen. Jedenfalls nicht, soweit sich Tom erinnern konnte.

Das Farmhaus der Cravens hatte sechzig Jahre auf dem Buckel und war mittlerweile ziemlich renovierungsbedürftig. Die Veranda war abgesackt, überall blätterte die Farbe ab, die Fliegenfenster waren zerrissen. Innen sah es noch schlimmer aus.

Die Sonne stieg gerade über den Bergen auf und warf lange Schatten. Tom parkte den Range Rover an einer schwer einsehbaren Stelle und registrierte sofort, dass im hell erleuchteten Haus Aufruhr herrschte. Im selben Moment traf sein Deputy Lee Stafford ein.

Schon als Tom die Wagentür öffnete, hörte er den Lärm. Geschrei, Gebrüll, Türenschlagen, das Zerbrechen von Gegenständen, hektisches Gerenne. Gus tobte und fluchte, während Leah ihn anflehte, endlich aufzuhören. Tom zog seine Waffe und checkte, ob sie geladen war.

„Gehen wir ihn holen.“ Er nickte Lee zu.

Im Gleichschritt rannten die beiden Männer die Verandatreppe hoch. Lee stellte sich mit dem Rücken an die Wand neben die Eingangstür, die Tom jetzt mit einem Fußtritt öffnete. Tom übernahm die heiklen Aufgaben immer selbst. Er wollte nicht, dass sich die Deputys an seiner Stelle in Gefahr begaben – obwohl sie beide sieben Jahre jünger waren als er.

Gus wandte seine wässrigen Augen der Tür zu. Seinen dreizehnjährigen Sohn hatte er mit der einen Hand an den Haaren gepackt, mit der anderen Hand wollte er ihm gerade einen Schlag versetzen. Leah klammerte sich verzweifelt an seinem Arm fest, ohne echte Hoffnung, den Schlag verhindern zu können. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Tom, wie schön es wäre, wenn Gus bewaffnet wäre. Dann könnte er ihn einfach erschießen, und die Sache wäre ein für alle Mal erledigt. Und er müsste nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben. Doch der Gedanke verflog so schnell, wie er gekommen war. Tom war eben vor allem eins: der Gesetzeshüter.

„Lass den Jungen los, Gus“, forderte er den Mann auf.

„Das hier geht dich nichts an!“

Tom eilte durch den Raum und trat dabei auf zerbrochenes Glas; es stank nach Alkohol und Schweiß und Fett. Der metallische Geruch von Blut lag in der Luft. Er zählte nach. Eins, zwei, drei, vier. „Leah, wo ist Stan?“ Stan war der Jüngste, erst sechs Jahre alt.

Sie ließ Gus los. Ihr Gesicht war voller blauer Flecken und völlig verheult. Sie trug ein altes, abgewetztes Nachthemd. „Oben. Ich schätze, er versteckt sich.“

„Welches von euch stinkenden Mistviechern hat den Indianer-Bullen gerufen?“, donnerte Gus und schüttelte den Jungen heftig, den er immer noch festhielt.

„Gus“, warnte Tom ihn. „Lass den Jungen los und geh weg von ihm. Sofort.“

„Ich brauche nur einen Grund, um dich zu verklagen, Toopeek!“, schrie Gus.

Tom stieß ein müdes Lachen aus. Verklagen? Er warf Lee seine Waffe zu und schlenderte beinahe gemächlich auf Gus zu, während er die Handschellen aus dem Gürtel zog. Gus machte große Augen, als Tom ihm mit einer blitzschnellen Bewegung eine Handschelle ums Handgelenk legte. Dann zerrte er ihm unsanft den Arm auf den Rücken und brachte ihn zu Fall, sodass Gus mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden zu liegen kam. Gus schrie vor Wut, doch sein Geschrei wurde von dem abgewetzten Teppich gedämpft. Der Sohn, den er an den Haaren festgehalten hatte, sprang davon. Leah hielt sich eine zitternde Hand vor den Mund, in ihren Augen stand die pure Angst.

Tom schnappte sich Gus’ anderes Handgelenk, was etwas schwieriger war, weil er sich wehrte. Als es gelungen war, stellte Tom ihm einen Fuß auf den Rücken. „Ich habe dich gewarnt, Gus, und Richter Forrest hat es dir auch versprochen – diesmal wanderst du in den Knast!“

„Ich wandere nirgendwo hin! Sie wird mich nicht anzeigen! Keiner von ihnen!“ Tom war sich nicht sicher, ob Gus wirklich so dumm war, wie er sich manchmal anhörte. Im Grunde hatte er immer nur viel zu sagen, wenn er betrunken war. Nüchtern war er mürrisch und still und schien seine verängstigte Familie mit Blicken zu steuern. Seine Augen waren dann zu Schlitzen verengt. Tom warf dem fünfzehnjährigen Frank einen Blick zu. Er sah die Augen des Vaters, sah auch Gus’ Hass darin. Frank war ein großer, schlaksiger Junge, schon fast ein ebenbürtiger Gegner für seinen Vater. Tom wurde in diesem Moment klar, dass der Albtraum nicht mehr lange dauern würde. Etwas würde passieren. Entweder würde Gus seine komplette Familie auslöschen, oder Frank würde Gus umbringen. So konnte es jedenfalls nicht weitergehen.

Tom riss Gus auf die Füße. „Wir hatten das alles oft genug. Niemand von ihnen muss dich anzeigen. Das werde ich erledigen.“ Er schob Gus zur Tür. „Ich setze ihn in den Wagen, dann komme ich zurück und sehe nach, ob jemand ernstlich verletzt ist. Okay?“

Leah schüttelte den Kopf. „Schon okay. Ich kümmere mich um die Jungs.“

„Wehe, du sagst nur ein Wort gegen mich, Frau! Wenn du das tust …“ Tom schlug Gus mit der flachen Hand gegen den Kopf, damit er den Mund hielt. „Ha! Die Polizei misshandelt mich! Misshandlung durch die Polizei!“

Lee steckte seine Waffe ein und lachte laut. „Oh Mann, Sie haben Nerven, Gus.“

„Willst du dich etwa mit mir anlegen? Los, nimm mir die Handschellen ab, dann gehen wir raus auf den Hof!“

„Schön wär’s.“ Lee blickte ihn bedauernd an.

Zusammen mit Tom packte er Gus, der fluchte und um sich trat, während sie ihn zum Wagen brachten.

Kurz darauf betrat Tom wieder das Haus. Leah hatte den kleinen Stan auf dem Schoß und wischte sein tränenverschmiertes Gesicht mit einem Waschlappen ab. Frank stand starr daneben, den Rücken an die Wand gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Auf seinem Wangenknochen prangte ein frischer blauer Fleck. Das ist Gus’ Vermächtnis, dachte Tom traurig. Auch diese Jungs werden später ihre Frauen und Kinder schlagen. Vermutlich sogar am ehesten derjenige von ihnen, der gerade am meisten erbost war über das gewalttätige Verhalten seines Vaters.

„Leah, ich bringe dich und die Jungs in die Arztpraxis. June soll sich das ansehen.“

„Ich bin okay, Tom“, wehrte sie ab. „Ich sehe mir die Jungs gleich an, und wenn einer von ihnen zum Arzt muss, bringe ich ihn hin. Wie lange wird er weg sein, Tom?“

„Ein paar Monate ganz sicher, vielleicht auch ein Jahr. Richter Forrest hat die Nase voll von seinen endlosen Entschuldigungen. Und du, Leah, musst endlich eine Entscheidung treffen. Viel Zeit bleibt dir nicht mehr.“ Er sah Frank an, Leah folgte seinem Blick. „Ich weiß, dass du das weißt.“

Sie lächelte hilflos. „Und wo soll ich mich mit meinen fünf Jungs verstecken?“

„Du musst nur Vertrauen haben, das ist alles. Ruf die Sozialarbeiterin an, sie hat bestimmt ein paar Ideen. Es gibt nicht nur die Frauenhäuser in der Stadt, sondern auch andere gute Hilfsprogramme. Es gibt Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, Familien wie euch zu helfen.“

Leahs Lachen klang entmutigt und hohl. „Ja, an mir haben sie auch eine Lebensaufgabe. Fünf Söhne, kein Geld, keine Fähigkeiten, und ein Ehemann, der geschworen hat, mich zu töten, sollte ich ihn jemals verlassen.“

Tom fischte sein Portemonnaie aus der Hosentasche und zog die Visitenkarte von Corsica Rios vom Sozialdienst des Countys heraus. Corsica lebte in Pleasure, hatte aber einen engen Bezug zu Grace Valley – auch weil ihr einziger Sohn, Ricky Rios, hier Deputy war. Sie hatte Erfahrung mit Fällen von häuslicher Gewalt – persönlich wie beruflich – und hatte Ricky selbst als alleinerziehende Mutter großgezogen. „Ruf diese Frau an. Sie wird dir sagen, wo es Hilfe gibt. Du darfst nur nicht aufgeben, klar?“

Leah sah die Karte einen Moment lang an.

„Du musst mich für schrecklich halten“, sagte sie schließlich. „Weil ich es zulasse, dass er meiner Familie das antut.“

Tom legte seine große, starke Hand auf ihre schmale, blasse. „Nein, Leah. Niemand denkt, du lässt es einfach so zu.“

3. Kapitel

Bevor June morgens in die Praxis fuhr, legte sie gewöhnlich einen Zwischenstopp in Fuller’s Café ein – natürlich nur, wenn es keine Notfälle gab. Dort holte sie sich einen Kaffee zum Mitnehmen und einen Bagel, ein Donut oder etwas anderes zu essen, schwatzte ein bisschen mit den Stammkunden und startete danach beschwingt in den Tag. Heute allerdings würde sie ihre freundliche Routine unterbrechen – denn sie musste George Fuller den Kopf waschen.

„Guten Morgen, June“, begrüßte er sie lauthals und schenkte ihr einen Kaffee ein.

„George, sag mal – hast du eigentlich den Verstand verloren?“ „Was ist los?“

„Was hast du dir dabei gedacht, diese Leute um sechs Uhr morgens zu mir nach Hause zu schicken?“

Er sah sie völlig perplex an. June war mit ihm zur Schule gegangen und kannte diesen Blick genau. George war nicht blöd, er stellte sich in manchen Dingen nur fürchterlich dumm an. „Ich habe sie nicht zu dir geschickt, June. Sie wollten nur deine Adresse wissen.“

„Gibst du allen Fremden in einem klapprigen Pick-up meine Adresse, wenn sie danach fragen?“

Wieder dieser Blick.

Tom Toopeek, seit Kindheitstagen Junes bester Freund, beendete seine Unterhaltung mit zwei Ortsansässigen und ging hinüber zum Verkaufstresen, wo June mit George diskutierte. Tom lehnte sich gegen den Tresen, ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Er hatte eine Tasse in der Hand, auf der „Das Gesetz“ stand. George hielt diese Tasse immer für Tom bereit.

„Es war noch früh am Morgen und ich hatte gerade Buddy auf die Weide gebracht, als dieser alte Wagen neben mir hielt und der Fahrer – ein netter Kerl, wenn du mich fragst – mich fragte, ob ich ihm den Weg zu Doc Hudsons Haus beschreiben könnte. Ich fragte ihn, welcher Doc, alt oder jung, und er antwortete: ‚June.‘ Wirklich sehr freundlich, als wärt ihr gute Freunde. Seine Familie sah auch nicht krank aus oder so, obwohl die Frau eine schlimme Narbe mitten im Gesicht hat, stimmt’s? Aber sie sah gut verheilt aus, also dachte ich nicht, dass sie deine Dienste in Anspruch nehmen muss. Ich dachte mir, du erwartest sie vielleicht. Gab’s Ärger?“

„Oh nein, George. Überhaupt nicht! Sie okkupierten nur einfach mein Haus, während ich oben unter der Dusche stand.“

Vergeblich versuchte Tom, sein Lachen zu unterdrücken.

„Oh Mann, June, tut mir leid. Ich wusste ja nicht …“

„Mein Name steht auf dem Praxisschild, George. Kein Wunder, dass der Mann ihn wusste!“

„Meine Güte, June …“

„Sag gefälligst nie mehr jemandem, wo ich wohne, wenn du nicht mit absoluter Sicherheit weißt, dass ich diese Leute bei mir haben will! Ist das klar?“

„Und woher soll ich das wissen?“

„Ruf mich halt vorher an, George! Oder nenn ihnen die Adresse der Praxis und sag ihnen, wir machen um acht Uhr auf!“

„Geht klar, June. Tut mir wirklich leid. Hier, dafür gibt’s eine Bärentatze aufs Haus.“ Er griff ins Regal und nahm ein Stück Gebäck.

„Sieh zu, dass so was nicht noch mal vorkommt“, erwiderte June beschwichtigt. Sie bekam oft genug von George ihre morgendlichen Kohlehydrate aufs Haus, denn es war immer gut, sich mit Medizin und Gesetz gut zu stellen. Das wusste George ganz genau.

„Kannst dich drauf verlassen, June.“

George Fuller war sehr erfolgreich in Grace Valley. Sein Café sicherte ihm ein gutes Einkommen, er hatte ein großes Haus und eine nette Familie. Seine Frau war hübsch und intelligent. Seit Jahren war er Mitglied im Stadtrat, unterrichtete immer wieder an der Highschool und schrieb ab und an wohlüberlegte, wenn nicht sogar erkenntnisreiche Leserbriefe. In der Schule hatte er immer gute Noten gehabt, soweit June sich erinnern konnte, aber trotzdem waren immer wieder Situationen entstanden, in denen er sich wie ein Volltrottel aufgeführt hatte.

„Bist bestimmt ganz schön erschrocken, als du aus der Dusche kamst und plötzlich Besuch hattest“, stellte Tom fest. Immer noch zuckten seine Mundwinkel.

„Kann man so sagen. Vor allem, weil ich runter in die Küche ans Telefon musste und nur mein Lieblingshandtuch trug.“ Toms hohe Cherokee-Wangenknochen barsten beinahe vor Anspannung. „Was für ein Start in den Tag.“

„Für die oder für mich?“

„Ich schätze, das gilt für beide.“ Jetzt gab er sich keine Mühe mehr, sein breites Grinsen zu unterdrücken.

„Hat Ricky den Jungen schon nach Rockport gefahren?“ „Welchen Jungen?“, fragte Tom überrascht.

„Ich hatte heute Morgen auf dem Revier angerufen und darum gebeten, dass man einen jungen Patienten ins Krankenhaus bringt. Den Jungen aus meinem Wohnzimmer, der von seinen Eltern und seiner Schwester begleitet wurde. Die Familie Mull?“

Tom runzelte die Stirn. An den Namen konnte er sich absolut nicht erinnern. „Habe ich gar nicht mitbekommen, ich war mit etwas anderem beschäftigt. Lee und ich mussten im Morgengrauen raus zu den Cravens, mal wieder für Ordnung sorgen.“

„Oh Gott, nicht schon wieder. Die arme Leah.“

„Jetzt hat sie erst mal Ruhe vor ihm. Ich bin sicher, dass Judge Forrest Gus so lange wie möglich wegsperren wird.“

„Das kann nicht lange genug sein.“

„Ricky hat mir erzählt, dass er etwas für dich zu erledigen hat, aber er sagte mir nicht, was. Vor fünfzehn Minuten hat er noch auf der Station gesessen und gewartet. Und eine Familie Mull kenne ich nicht.“

Die Deputys erledigten häufiger etwas für June, beziehungsweise die Praxis, ohne dass Tom darüber informiert wurde. Manchmal mussten Patienten transportiert oder Laborproben ausgeliefert, Blutkonserven oder anderes notwendiges Zubehör abgeholt werden. Alles Mögliche. Die Praxis funktionierte nur dank der tatkräftigen Unterstützung durch die örtliche Polizei so gut.

„Diese Leute waren auch nicht von hier, Tom. Vielleicht wohnen sie oben in den Bergen oder sind Farmer aus einem anderen County. Der Vater kannte sich jedenfalls besser mit Verletzungen aus, als er zugab, und ich habe eine Tätowierung auf seinem Handgelenk gesehen. Vielleicht ist er ein Kriegsveteran oder ein Dope-Anbauer. Und Mrs Mulls Narbe – George hat sie eben schon erwähnt – zieht sich quer über eine Hälfte ihres Gesichts. Die arme Frau ist furchtbar entstellt, und vermutlich sieht sie auch auf dem einen Auge nichts. Wenn du sie schon mal gesehen hättest, wüsstest du, wen ich meine. Aber ihr Sohn brauchte dringend medizinische Hilfe. Ihm ist vor zwei Wochen oder so ein Esel auf den Fuß getreten, und inzwischen hat sich die Wunde entzündet und das Gewebe stirbt bereits ab. Wenn man noch länger wartet, wird er am Ende nicht nur den Fuß verlieren. Ich hatte schon Angst, dass sie gar nicht zur Polizeistation fahren. Vielleicht wollen sie nicht ins Krankenhaus.“

„Bist du ihnen auf dem Weg in die Stadt nicht begegnet?“

„Ich war erst noch bei Mikos Silva zum Blutdruck messen“, antwortete sie und schüttelte den Kopf.

„Und der Junge ist noch minderjährig?“, erkundigte sich Tom. „Sechzehn. Aber trotzdem …“

„Wir sehen uns mal um.“

„Sie fahren einen uralten Pick-up. Mit dem Ding kommen sie kaum von der Stelle, sie können also noch nicht weit gekommen sein.“ Bitte findet sie, bevor sie auf Nimmerwiedersehen in den Bergen verschwinden, fügte sie im Stillen hinzu.

Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand mit einem ernsthaften medizinischen Problem Junes Rat ignorierte. Trotzdem würde sie sich wohl nie daran gewöhnen.

Das Gelächter der vier alten Herren am Fenster unterbrach sie. George lehnte sich über den Tresen und versuchte, aus dem vorderen Fenster zu schauen. „Was ist los?“, rief er den Alten zu.

„Mary Lou Granger hat vor knapp einer Viertelstunde eine Kiste in die Presbyter-Kirche gebracht, und jetzt kommt die Frau des Pfarrers aus dem Pfarrhaus. Sie hat eine Spürnase wie ein Hund. Sie riecht es vom anderen Ende der Stadt, wenn ihr Mann mit einer anderen Frau allein ist.“

„Da kommt sie!“, rief ein anderer.

June und Tom gesellten sich ebenfalls ans Fenster und beobachteten, wie Mary Lou, eine attraktive junge Mutter um die dreißig, offensichtlich verärgert aus der Kirche kam. Sie trug eng anliegende Jeans und Stiefel und einen Pullover, der nicht ganz bis zur Hüfte reichte. Ihr dichtes, langes, braunes Haar wogte ihr in weiten Wellen über die Schultern. Als sie bei ihrem Kombi angekommen war, drehte sie sich noch einmal zur Kirche um, stampfte wütend mit dem Fuß auf und stieg schließlich ein.

„Wollen wir wetten, dass Pastor Wickham einen hübschen roten Streifen auf der Wange hat?“, fragte jemand.

„Er ist jedenfalls der mutigste Pfarrer, den wir jemals in dieser Stadt hatten“, meinte ein anderer. „Wenn er sich traut, sich den Zorn von Clarice Wickham zuzuziehen.“

„Genau das treibt ihn an, würde ich sagen.“

Die Männer brachen in Gelächter aus.

„Das ist nicht komisch.“ June schüttelte den Kopf über den Pastor. „Ach, ich weiß nicht. Man darf den Humor nicht verlieren. Hast du ihn in letzter Zeit mal gesehen?“

„Nein, wieso?“

„Er trägt jetzt keine Perücke mehr. Er hat sich einer Haartransplantation unterzogen.“

„Ist nicht wahr!“

„Ist wahr. Seine Eitelkeit ist wirklich Ehrfurcht gebietend.“

Sie musste unwillkürlich kichern, doch dann wurde sie wieder ernst. „Ich denke, es wäre keine schlechte Idee, mal ein Wörtchen mit ihm zu reden, Tom. Du weißt besser als jeder andere, wie schnell solche Situationen eskalieren können. Seine aufdringlichen Blicke und die Tatsache, dass er seine Finger nicht bei sich behalten kann, werden ihm irgendwann echt Ärger einhandeln. Die Männer haben recht – Mrs Wickhams Zorn könnte übel enden. Was, wenn sie die Nase voll hat von seinen ewigen Eskapaden und Flirts? Sie wirkt auf mich ein bisschen, sagen wir, neurotisch.“

„Ich weiß ja, dass du recht hast, June. Vielleicht sollte ich wirklich mal mit ihm reden. Es wird auch nicht schaden, wenn er mitbekommt, dass wir alle wissen, was er so treibt.“ Tom zuckte die Schultern. „Es könnte ihm eine Warnung sein. Nur leider kann ich einfach nicht an mich halten, wenn ich mir seinen Haarschopf ansehe!“

June hob eine Augenbraue. „Ich wette, wenn er dir den Arsch tätscheln und dir ins Ohr blasen würde, könntest du es.“

Tom riss erstaunt die Augen auf, räusperte sich, leerte seinen Kaffee und sagte: „Da kannst du recht haben. Ich denke, ich fahre jetzt mal los. Vielleicht kann ich ja die Mulls in ihrem alten Pick-up überholen.“

Als June Hudson noch ein kleines Mädchen war, dachte sie immer, sie würde Arzthelferin bei ihrem Vater werden. Schon damals hatte sie begriffen, dass Doc Hudson das Leben der gesamten Stadt in seinen fähigen Händen hatte. Später machte June eine Ausbildung zur Krankenschwester, und sie hätte sicher auch ihren Abschluss gemacht, wäre nicht ihrem Chemieprofessor in Berkeley aufgefallen, dass sie ein besonderes Talent für die wissenschaftliche Arbeit besaß. Also wechselte sie mit der Zustimmung ihres Vaters an die medizinische Fakultät.

Während der Semesterferien arbeitete sie bei ihrem Vater. Bei ihm lernte sie nicht nur die Arbeit eines Allgemein- und Familienmediziners kennen, sondern die Arbeit eines Landarztes. Und das war ein großer Unterschied. Oft musste man auf dem Land mit weniger Ausstattung und Geräten auskommen, außerdem mussten sie häufig improvisieren, um die Patienten erfolgreich zu behandeln. June empfand es als weitaus anregender und herausfordernder als die Spezialisierung auf ein besonderes Fachgebiet. Welcher Arzt in San Francisco wurde schon um zwei Uhr nachts angerufen, um die Opfer eines Verkehrsunfalls zusammenzuflicken, weil der Rettungshubschrauber noch nicht da war? Wer fuhr nachts raus zu einem Holzfällercamp, um einen Mann und eventuell auch seine verletzten Gliedmaßen in das nächstgelegene Krankenhaus zu bringen?

Zwölf Jahre später kehrte June endgültig nach Grace Valley zurück, als frischgebackene, idealistische junge Ärztin. Doch sie musste feststellen, dass sie in der Zwischenzeit einiges über das Landleben vergessen hatte.

Da waren zum einen die Menschen, die nur sehr zögerlich Vertrauen zu ihr fassten. Ein neuer Arzt, noch dazu eine Frau! Dabei kannten alle sie seit Ewigkeiten. Sie musste erst ein paar Jahre als Elmers Assistentin arbeiten, bevor man sie ernst nahm. Und sie musste ein paar – von den Einheimischen als medizinische Wunder bezeichnete – Taten vollbringen, bevor sie den ersten Holzfäller ohne Stiefel sehen durfte. Selbst als Elmer schon einige Zeit im Ruhestand war, wandten sich die Männer noch an ihn. Doch ihr Vater schickte sie alle zu June. Oft traf er diese Art von Patienten im Café, an der Tankstelle oder auf der Post. Doch bei den meisten Menschen im Valley hatte sich mittlerweile herumgesprochen, dass June die zuständige Ärztin war. Abgesehen davon war ihr Vater ihr auf professioneller und persönlicher Ebene ein großer Halt. Seit Junes Mutter vor neun Jahren gestorben war, waren sie beide füreinander da.

Zum anderen galt in Grace Valley die alte Regel, dass man sich schon im neunten Schuljahr seinen späteren Ehemann auszusuchen hatte – zumindest, wenn man sein restliches Leben in dieser Stadt verbringen wollte. Glaubte sie wirklich, dass eines Tages ganz zufällig ein gut aussehender Junggeselle in die Stadt kommen und sich unsterblich in sie verlieben würde, während sie seinen verletzten Knöchel verarztete? June war inzwischen siebenunddreißig, und ihre beiden besten Freunde waren ihr Dad und Tom Toopeek. Sie hatte zwar auch einige gute Bekannte in ihrem Quilt-Club, den Graceful Women, und hielt Kontakt zu ihren alten Schulkameradinnen. Einsam war sie also nicht, aber die letzte richtige Verabredung mit einem Mann war bestimmt fünf Jahre her. Elmer dachte lange, sie wäre noch Jungfrau, was sie merkwürdig und lächerlich fand. Zum Glück stimmte es auch nicht. Allerdings war sie inzwischen ganz schön festgefahren – und wohl auch zu unabhängig, um in einer Beziehung einfach nur das hübsche Gesicht zu spielen. Gegen ein bisschen Romantik in ihrem Leben hätte sie trotzdem nichts einzuwenden.

Grace Valley war ursprünglich ein Fischer- und Farmerdorf gewesen. Es lag am Schnittpunkt von drei Countys, etwas näher an Mendocino County als an Trinity und Humboldt. In Rockport gab es ein kleines Krankenhaus, ein etwas größeres in Eureka, und als June und Elmer vor zehn Jahren ihre gemeinsame Praxis eröffnet hatten, hatten die Leute das als Extravaganz angesehen. Eine Arztpraxis in einer Stadt mit neunhundert Einwohnern! Heute lebten in Grace Valley tausendfünfhundertvierundsechzig Menschen, und die medizinische Versorgung durch die Arztpraxis war notwendiger denn je.

June parkte gleich hinter der Praxis neben Charlotte Burnhams Wagen. Charlotte war sechzig Jahre alt und bereits Arzthelferin bei ihrem Vater gewesen. Eine taffere oder effizientere Kraft ließ sich kaum finden. Aber auch keine mürrischere. Der einzige Mensch, bei dem sich Charlotte jemals bemühte, freundlich zu sein, war Elmer. Trotzdem war ihr Ehemann Bud ziemlich vernarrt in sie. Inzwischen war June schon seit einer ganzen Weile die offizielle Ärztin, aber diesen Übergang schien Charlotte nicht wirklich mitbekommen zu haben. Natürlich erledigte sie ihre Aufgaben, aber sie behandelte June immer noch wie das kleine Mädchen, das seinen Vater in der Praxis besuchte, und nicht wie ihre Chefin. Doch June hatte aufgehört, sich darüber aufzuregen. Sie hatte einfach ihre Rachegelüste ausgelebt, indem sie Jessica Wiley einstellte, was Charlotte als schrecklichen Fluch empfand.

Charlotte kam gerade, als June aus ihrem Jeep stieg, aus dem Hintereingang, um eine Zigarette zu rauchen. In der Praxis war Rauchen selbstverständlich nicht gestattet. Charlotte würde jetzt eine Weile draußen bleiben, husten, wieder an die Arbeit gehen und über kurz oder lang die nächste Kippe brauchen. Neben der Hintertreppe stand eine Kaffeedose, die zur Hälfte mit Zigarettenstummeln gefüllt war. Schon seit Jahren versuchte June, Charlotte zum Aufhören zu bewegen.

„Frustzigarette?“, erkundigte sich June.

Charlotte holte tief Luft. „Heute brauche ich sie noch mehr als sonst“, gab sie von sich.

„Ach ja? Hat Jessie sich wieder extra für Sie schick gemacht?“ „Warten Sie’s ab.“ Sie nahm den nächsten Zug.

Die Sprechstundenhilfe Jessica war zwanzig. Sie hatte die Schule geschmissen, war aber trotzdem die beste Bürokraft, die June je hatte. Sie war sehr klug, einfallsreich und schnell im Kopf – aber auch ein wenig exzentrisch. Ihre Outfits waren immer äußerst auffällig. June war schon ganz gespannt, was sie heute erwarten würde. Die schwerfällige Charlotte und die avantgardistische Jessica sorgten jedenfalls immer für Abwechslung. Sie benahmen sich nicht gerade wie Mutter und Tochter.

Oder … vielleicht doch?

June trat sich die Schuhe ab und stellte die schlammverkrusteten Stiefel vor die Tür, damit sie in der Sonne trocknen konnten. Auf dem Weg zur Praxis war sie noch beim alten Mikos Silva gewesen. Sie fuhr regelmäßig bei ihm auf seiner Farm vorbei, um ihm den Blutdruck zu messen. Seine Auffassung davon, es auf ihre Empfehlung hin „ruhig angehen“ zu lassen, sah so aus, dass er bis halb fünf morgens schlief und nur die Hälfte von der Arbeit erledigte, die er zu erledigen hatte. An diesem Morgen hatte sie in der Scheune nach ihm suchen müssen. Ein Farmer vom alten Schlag, wie Mikos einer war, konnte nicht lange still sitzen. Er hatte Angst, tot umzufallen, wenn er mal nichts arbeitete – ungeachtet aller medizinischen Ratschläge, die ihn zum Gegenteil bewegen sollten.

June schlüpfte in ihre Clogs und machte sich auf den Weg in die vorderen Praxisräume. Eigentlich wollte sie einen guten Morgen wünschen, aber der Anblick von Jessicas neuer Frisur raubte ihr den Atem.

Das Mädchen war ein Goth – so bezeichnete sie sich zumindest selbst. Schwarze Kleidung, viele Piercings an den seltsamsten Stellen, schwarzer Nagellack und Lippenstift. Es gab jedoch keinen Beweis dafür, dass sie irgendwelche schrecklichen Dinge tat – wie Menschenopfer bringen oder so etwas, trotz ihres Erscheinungsbilds, das unwillkürlich darauf schließen ließ. Heute schoss Jessica den Vogel ab. Sie hatte sich die Haare abrasiert bis auf einen bunten Irokesenkamm, der sich stolz in die Höhe reckte und dessen gewagte Strähnen in Lila, Blau, Rot, Orange und Gelb bei jeder ihrer Bewegungen hin und her wippten.

June war sich nicht sicher, wie lange sie ihre Sprechstundenhilfe angestarrt hatte, aber in diesem Moment kehrte Charlotte an ihren Arbeitsplatz zurück. June sah sie an, und Charlottes Blick verhieß nichts als grimmiges Elend. Und die Warnung: Wehe, Sie sagen ein Wort der Bewunderung zu ihr. Als June ins kleine Wartezimmer spähte, musste sie feststellen, dass alle sechs Augenpaare der wartenden Patienten ebenfalls auf Jessicas Irokesenfrisur gerichtet waren. In ihnen spiegelte sich eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Faszination.

„Es geht gleich los“, teilte sie den Wartenden mit. „Guten Morgen, Jessica. Neue Frisur?“

Jessica sah von ihrer Arbeit auf, lächelte sie auf entzückendste Weise an, denn sie war eine entzückende Person, und nickte. Durch das Nicken gerieten ihre verschiedenen Piercings in Bewegung – in den Ohren, der Augenbraue, der Nase und vermutlich auch an anderen Stellen, die June sich lieber nicht vorstellen mochte.

Sie schnappte sich den Stapel mit Patientenkarteien, den Charlotte bereitgelegt hatte, und ging zu ihrem Sprechzimmer. Die Krankenschwester folgte ihr und schloss die Tür hinter sich.

„Ich bin am Ende mit meiner Kraft“, stöhnte Charlotte. „Nehmen Sie’s leicht. Es ist nur eine Frisur.“ June musste sich zurückhalten, um nicht eine Bemerkung über Charlottes eigene Frisur zu machen, dunkelrot getönt mit leichtem Hang zum Lila, die immer so aussah, als hätte sie schon vor zwei Wochen nachgetönt werden müssen, denn das Grau kam durch.

„Das dürfen Sie ihr nicht durchgehen lassen!“

„Charlotte, sie ist ein sehr nettes Mädchen und eine sehr effiziente Kraft.“ Fast hätte June laut gelacht. „Sie bringt Farbe in unsere Praxis!“

„Wieso erlaubt ihr Vater ihr diesen Irrsinn?“

Charlotte und Bud hatten sechs Kinder großgezogen. Keins von ihnen hatte es sich jemals getraut, den Scheitel auf der falschen Seite zu tragen oder sich gar die Haare abzurasieren oder zu färben. Doch Jessicas Vater Scott, ein fröhlicher, toleranter Künstler, der bereits mit zweiundvierzig Witwer war, überließ es seiner Tochter, ihren eigenen Weg zu gehen. June fand diesen Erziehungsstil gut, auch wenn sie das Charlotte gegenüber niemals zugeben würde.

„Was haben Sie zu Jessie gesagt?“

„Ich habe beschlossen, überhaupt nicht zu reagieren.“

„Sie nehmen sich Jessicas Kleidung und Frisuren unnötig zu Herzen, Charlotte. Vielleicht sollten Sie mal mit jemandem darüber reden? Wie wäre es mit einem Besuch bei Dr. Powell?“ Jerry Powell war der örtliche Seelenklempner – ein promovierter Psychologe mit Schwerpunkt Familientherapie. Er hatte sich auf der Suche nach einem ruhigen, friedlichen Leben nach Grace Valley zurückgezogen, nachdem er zwanzig Jahre lang eine Praxis im Silicon Valley geführt hatte.

„Wieso sollte ich mit dem Spinner reden?“

Jerry Powell war vermutlich ein ausgezeichneter Therapeut – allerdings war er davon überzeugt, er sei einst von Außerirdischen entführt worden.

„Er unterscheidet sich nicht sonderlich von den meisten Einwohnern hier.“

„Von uns glaubt doch niemand an außerirdische Raumschiffe, um Himmels willen!“

„Oh nein“, sagte June lachend. „Natürlich nicht. An Engel, vergrabene Schätze, indianische Geister, verborgene Höhlen und Big Foot – ja. Aber doch nicht an Raumschiffe!“

Charlotte presste die Lippen zusammen. „Ich glaube manchmal, Sie nehmen mich auf den Arm.“ Eilig verließ sie June.

Jerry Powell nahm seinen Kaffee mit ins Büro und wartete dort auf den ersten Patienten des Tages, Frank Craven. Ein Notfall – der Junge war an der Schulbushaltestelle in eine Schlägerei verwickelt gewesen und wurde nun von der Schule geschickt.

Jerry lebte erst seit wenigen Jahren in dem einstöckigen Haus. Einerseits würde er für die nächsten zwanzig Jahre in Grace Valley als Neuankömmling gelten, andererseits hatte man ihn im Ort bereits akzeptiert. Was nicht bedeutete, dass man ihn besonders bevorzugte oder sonst wie hegte und pflegte. Nein, man akzeptierte ihn als den Seelenklempner aus San Jose, der vor knapp zwanzig Jahren in Medienberichten behauptet hatte, er sei mit einem Außerirdischen-Raumschiff unterwegs gewesen. Den „Raumschiff-Shrink“ nannten einige ihn hier. Oder auch den „schwulen Raumschiff-Shrink“, obwohl in Grace Valley niemand genau wusste, ob Jerry Powell homo- oder heterosexuell war. Ohne Zweifel gab es eine Menge Einwohner, die ihn für bekloppt hielten, aber es gab auch genügend Menschen, die auf seine Dienste zurückgriffen. Er verdiente in der kleinen Stadt wesentlich besser, als er es zu hoffen gewagt hatte.

Die Garage des Hauses hatte er zu seiner Praxis umfunktioniert. Ein gepflasterter Fußweg führte zur Seitentür, damit seine Patienten nicht durch seine Privaträume zur Therapiesitzung gehen mussten. Die eine Hälfte der Garage diente als sein Büro, die andere als Wartezimmer. Außerdem hatte er ein großes Fenster einbauen lassen und konnte daher sehen, wann seine Patienten kamen. Und genau durch dieses Fenster bemerkte er jetzt auch den Polizeiwagen, einen braun-beigefarbenen SUV. Lee Stafford saß am Steuer, und Frank Craven stieg aus.

Jerry kam es vor, als sähe er sich selbst vor fünfunddreißig Jahren: dünn, schlaksig, zu lange Arme, schlecht geschnittene Haare, gesenkter Kopf und unbeholfener Gang. Eigentlich hatte sich daran nicht viel geändert, fiel Jerry auf. Er war eins vierundneunzig groß, hatte Schuhgröße 51 und schaffte es bis heute nicht, sein welliges blondes Haar zu bändigen. Und obwohl er versuchte, sich aufrecht zu halten, gelang es ihm selten – schließlich befanden sich neun Zehntel seines Körpers unterhalb des Kinns.

„Komm rein, Frank, komm rein“, begrüßte er den Jungen und hielt ihm die Tür auf. „Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet. Ich bin Jerry Powell.“

„Der Raumschiff-Typ“, murmelte Frank missmutig und mit geschwollenen Lippen.

„Genau der bin ich. Du hast einen aufregenden Morgen hinter dir. Möchtest du etwas trinken? Wasser? Saft? Limo?“

„Nein.“

„Bitte komm mit in mein Büro. Falls du es dir anders überlegt hast, sag es ruhig.“

Aber Frank folgte Jerry in sein Büro. Jerry wartete an der Tür, bis er sich einen Sitzplatz gesucht hatte. Er hatte die Wahl zwischen einer Couch und zwei Stühlen an einem niedrigen Tisch, oder er konnte sich auf einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch setzen. Doch Frank stand einfach nur da. „Setz dich“, forderte Jerry ihn auf.

„Wohin?“, fragte der Junge.

„Egal wo.“

„Wohin?“, fragte er noch mal. Offensichtlich wollte er es nicht selbst entscheiden.

„Wie wäre es hier?“, übernahm Jerry die Führung und deutete auf einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch.

Frank ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Dauert das hier lang?“ „Wahrscheinlich nicht. Ich will dir nur vorher rasch ein paar Dinge erklären. Ich werde mir Notizen machen, weil ich meinem Gedächtnis nicht traue. Diese Aufzeichnungen sind streng vertraulich. Auch wenn dein Schulleiter dich hierher geschickt hat, darf ich ihm nichts über unser Gespräch mitteilen. Ist das okay für dich?“

„Ist mir doch egal, was Sie dem sagen. Das blöde Arschloch.“ „Ich werde ihm nur mitteilen, dass unsere Sitzung stattgefunden hat“, informierte Jerry ihn ungerührt, als hätte er die Bemerkung gar nicht gehört.

„Ich hatte die Wahl. Schulverweis oder Therapeut.“

„Ja, und …“

„Hätte ich die Wahl gehabt zwischen kurzzeitiger Beurlaubung und Therapie, hätte ich die Beurlaubung genommen.“

Jerry hatte die Beine übereinandergeschlagen und legte sich jetzt einen gelben Block auf die Knie, auf dem er das Datum notierte. 17. April. „Wieso hast du dich gegen den Schulverweis entschieden? Gehst du gern zur Schule?“

„Nicht wirklich. Aber meine Ma möchte gern, dass ich hingehe.“ „Aber jetzt hättest du die perfekte Entschuldigung gehabt. Ein Schulverweis.“

Frank zog an einem Faden seiner Jeans. Die Hose war in keinem guten Zustand, sie war alt und nun auch noch verdreckt von der Rauferei.

„Deine Mutter hat heute schon genug durchgemacht, schätze ich.“ Frank sah auf. „Woher wissen Sie davon?“ Wut funkelte in seinen Augen. Ein wütender junger Mann.

„Ich weiß nur, dass du in eine Schlägerei an der Bushaltestelle verwickelt warst, weil jemand eine Bemerkung darüber fallen ließ, dass man deinen Vater ins Gefängnis gebracht hat. Und dadurch fühltest du dich … was? Beleidigt? Oder hast du dich geschämt?“

„Es hat mich einfach angekotzt.“

„Ja?“, hakte Jerry nach.

„Ja.“

„Und es hat dich angekotzt, weil …“

„Nur so.“

„Willst du nicht mit mir darüber reden?“

„Nein, es ist vorbei. Die Nummer ist durch.“

„Wir müssen aber gemeinsam etwas tun. Unsere Sitzung dauert noch fünfundfünfzig Minuten.“

Schweigen.

„Ich bin nicht verpflichtet, mit irgendjemandem über unser Gespräch zu reden. Aber das bedeutet nicht, dass ich das nicht tun möchte.“

Augenkontakt. Unglückliche Augen.

„Zum Beispiel: Wenn ich der Meinung bin, es könnte dir guttun, wenn wir uns öfter unterhalten, kann ich mich dafür aussprechen, ohne dafür einen Grund zu nennen. Das reicht in der Regel.“

Noch unglücklichere Augen.

„Also, lass uns reden, damit ich weiß, wo wir stehen. Okay? Sag mir wenigstens, was dich dazu bringt, jemanden zusammenzuschlagen. Was muss ich sagen, damit du mich an der Bushaltestelle verprügelst?“

„Oh Mann …“

„Ich habe Geduld. Und ich werde pro Stunde bezahlt.“

„Wer bezahlt für die Stunde?“, wollte Frank wissen.

„In deinem Fall im Prinzip die Schulbehörde, die dafür entsprechende Gelder vom County zugeteilt bekommt. Wenn ein Jugendlicher Probleme hat und die Schule es für sinnvoll erachtet, dass er mit einem Psychologen spricht, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder die Versicherung der Eltern zahlt oder die Schule. Was ist los mit dir, Frank? Wieso bist du so wütend?“

Der Junge wand sich ein wenig, atmete laut durch die Nase ein und begann schließlich zu reden. „Wie wär’s, wenn wir eine Abmachung treffen? Wenn ich eine halbe Stunde lang alle Ihre Fragen beantworte, beantworten Sie mir dann auch eine?“

Wie unoriginell. Jerry hörte diesen Vorschlag regelmäßig. Aber er kannte alle Tricks. „Los geht’s“, sagte er.

In den folgenden dreißig Minuten erfuhr er eine Menge über Gus’ Saufattacken, die Schläge, die Wutanfälle und die regelmäßigen Besuche durch die Polizei. Er erfuhr auch, wie sehr Frank seinen Vater hasste und wie sehr er seine Mutter liebte, die er aber auch verachtete. Er erfuhr, wie stark Franks eigene Wut war und wie frustriert er war, dass er seine Mutter und seine kleinen Brüder nicht beschützen konnte. Jerry wünschte, er würde diese Geschichte zum ersten Mal hören, doch all das kam leider sehr häufig vor. Er wusste bereits, was zu tun war – er würde Frank zu einem Antiaggressionstraining schicken und in eine Therapiegruppe für misshandelte Jugendliche. Aber er musste langsam und vorsichtig vorgehen – und auch seinen Teil der Abmachung einhalten.

„Also.“ Frank beugte sich in seinem Stuhl nach vorn. „Wie sieht es im Inneren eines Raumschiffs aus?“

„Es sieht alles aus wie glänzendes Metall, aber es ist ein anderes Material, ähnlich wie Glas.“

4. Kapitel

Christina Baker war sechzehn und schwanger. Und verheiratet, womit sie im Vergleich zu anderen minderjährigen Müttern etwas besser dran war. Sie litt unter Anämie, war untergewichtig und vermutlich auch depressiv.

„Ist die morgendliche Übelkeit vorbei?“, erkundigte sich June. „Oh ja. Mir war schon lange nicht mehr schlecht.“

„Und spürst du, wie das Kind sich bewegt?“

„Ja. In den letzten paar Monaten jedenfalls. Gary ist so aufgeregt, er kann es kaum noch aushalten.“

Es klang nicht überzeugend. Ihre blauen Augen wirkten leer.

June kannte weder Christina noch ihre Familie wirklich gut. Sie lebten weiter unten im Valley. Besser gesagt: Sie wohnten irgendwo in der Einöde, abseits vom Schuss, aber immerhin nicht in den Bergen. Irgendwo auf einer Farm oder in einer Hütte, vielleicht auch in einer Wohnwagensiedlung. Das Mädchen ging offensichtlich nicht zur Schule, denn den Fragebogen für neue Patienten hatte Jessica mit ihr ausgefüllt. Vermutlich war Christina Analphabetin. Das eigentlich Überraschende war, dass es ihr erstes Kind war. Immerhin wurde sie von ihrem jungen Ehemann begleitet – er saß draußen im Wartezimmer. Vielleicht würden sie es mit ihren Kindern besser machen, als ihre Eltern es mit ihnen gemacht hatten.

„Und hilft dir Gary auch ein bisschen im Haushalt? Ich mache mir Sorgen wegen deines Gewichts und deiner Blutarmut. Du arbeitest zu viel.“

„Es ist nicht der Haushalt. Ich stehe morgens um vier Uhr auf und reite nach Fort Seward, wo ich mit meiner Mama und meiner Tante im Gewächshaus arbeite. Das strengt mich an, aber es geht nicht anders. Wir brauchen das Geld.“

„Und wo arbeitet Gary?“

„Als Holzarbeiter. Wenn er arbeitet. Im Moment hat er nichts.“ June runzelte die Stirn. Wieso das? Eigentlich war gerade Hochsaison für Holzfäller. Hatte man ihn am Ende rausgeworfen? In den regnerischen Wintermonaten fanden die Holzarbeiter, Bauarbeiter und Fischer tendenziell keine Arbeit, aber im Frühjahr ging es wieder los.

„Macht er sonst noch was? Außer Holzfällen?“

„Er arbeitet auch auf dem Bau.“

Gerade auf dem Bau gab es im Moment Arbeit im Überfluss. Ohne Ende zogen Menschen aus den Ballungsgebieten aufs Land, weil sie weg wollten aus dem Lärm und dem Dreck und das ruhige Landleben suchten. Das war der Grund, weswegen sich die Einwohnerzahl von Grace Valley in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt hatte.

„Das ist ein ganz schönes Pensum für dich. Ich bin ja froh, dass ich deine Schwangerschaft betreuen darf, Christina, aber kennst du nicht Dr. Lowe? Seine Praxis liegt auf deinem Weg nach Fort Seward. Es wäre sicher einfacher für dich, wenn du vor oder nach der Arbeit zu ihm gingest.“

„Ich weiß. Aber ich habe gehört, dass Sie echt gut sind.“

„Ach ja?“ June musste lächeln. Sie freute sich, obwohl ihr klar war, dass dieses Mädchen sicher nicht wusste, was gut ist. „Das ist schön.“ Sie warf einen Blick auf die Karteikarte. Christina war definitiv nicht gesund und sollte an einen Facharzt verwiesen werden. June würde so gern John Stone anstellen – dann könnte sie solche Probleme in Zukunft leichter lösen.

„Ich werde dir zusätzliche Vitamine mitgeben, Christina. Du musst dringend zunehmen.“

„Gary mag keine dicken Frauen.“

„Wenn Gary Vater werden möchte, sollte er seinen Geschmack ändern. Dein Kind braucht die Versorgung im Mutterleib.“

„Ja, Ma’am. Ich weiß.“

Das war ein Teil ihrer Arbeit als Landärztin, der ihr schwerfiel. Grace Valley war ein kleiner Ort mit ein paar außergewöhnlichen Geschäften und Restaurants, die vor allem Besucher von außerhalb anzogen – Leute mit schicken Autos. Die meisten Geschäftsleute hier hatten ein gutes Auskommen, und in letzter Zeit waren einige Yuppies zugezogen, die nicht aufs Geld achten mussten, und so war das Leben noch teurer geworden. Über die zusätzlichen Steuereinnahmen freuten sich die Schulbehörde und das Straßenbauamt. Es gab auch ein paar äußerst erfolgreiche landwirtschaftliche Betriebe und Weinbauern im Valley. Aber es gab auch bittere Armut und sehr viele Menschen, die zum Beispiel das schicke Restaurant Vine & Ivy samt eigenem Souvenirshop noch nie betreten hatten. Sie gingen auch nicht im Crack’d Door ein und aus, einer teuren Galerie, die vor sechs Jahren eröffnet hatte. Aber trotzdem traf sie diese Menschen überall – neuerdings auch morgens früh in ihrem eigenen Wohnzimmer. Wenn man sich die Häuser in der Stadt ansah, die kleinen Pensionen, die Ende der achtziger Jahre eröffnet hatten, die Wein- und Delikatessen-Probierstuben, die viele neue Architektur, dann konnte man diesen Ort für wohlhabend halten. Aber es gab eben noch eine andere Seite der Gesellschaft, mit der vor allem die Polizei, die Mediziner und die Sozialarbeiter in Kontakt kamen. Misshandelte Frauen, die in völliger Isolation auf heruntergewirtschafteten Farmen lebten. Es gab auch das Etablissement Dandies, das alles andere als idyllisch war und sicher keine Touristen anlockte.

Und der potenzielle Kollege, den sich June neu in ihre Praxis holte, musste diese zwei Gesichter der Stadt kennen und verstehen.

Als sie mit Christinas Karteikarte in der Hand wieder nach vorne ging, sah sie, dass die junge Frau ihre letzte Patientin an diesem Morgen gewesen war. Das Wartezimmer war leer.

„Haben Sie was Besonderes vor zum Lunch?“, erkundigte sich Charlotte.

„George Fuller aus dem Weg gehen.“

„Ich habe gehört, dass er Ihnen um sechs Uhr heute Morgen Fremde ins Haus geschickt hat, denen Sie dann nackt gegenüberstanden, als Sie aus der Dusche kamen.“

„Meine Güte! Diese Stadt ist doch immer wieder erstaunlich! Wieso haben wir überhaupt eine Lokalzeitung?“

Charlotte zuckte die Schultern. „Wir brauchen ein paar Märchen zum Lesen, würde ich sagen. Ich wette, Sie vergessen nie wieder, Ihr schnurloses Telefon anzuschließen!“

„War etwa mein Vater hier?“, fragte June misstrauisch.

„Nein, aber Ihre Tante Myrna hat angerufen. Sie wollte wissen, ob Sie nicht zum Lunch zu ihr rausfahren könnten, und wenn ja, ob sie ihr die Blutdruckmedikamente mitbringen würden.“

Ihre Tante, die in dieser Stadt lebte, in der jeder alles über den anderen wusste, hatte erstaunlicherweise immer noch nicht registriert, dass sie statt Blutdruckmitteln Placebos bekam. Myrna erfreute sich nämlich erstaunlich guter Gesundheit.

In letzter Zeit hatte June sie dennoch ziemlich häufig besucht – offensichtlich hatte ihre Tante Langeweile oder war ruhelos. Myrna war vierundachtzig und alles andere als ein Stubenhocker. Mit ihrem Cadillac Baujahr 1967 fuhr sie munter durch die Gegend, unter anderem zu ihrer wöchentlichen Pokerrunde mit Elmer, Judge Forrest, Burt Crandall und Sam Cussler. Myrna war die älteste in der Runde und gewann am häufigsten.

„Rufen Sie sie an und sagen Sie ihr, ich bin schon auf dem Weg“, seufzte June. „Ich kann etwas Tapetenwechsel gebrauchen. Und sagen Sie ihr bitte auch, dass ich Scones mitbringe aus der Bäckerei.“.

„Hatten Sie heute nicht schon eine Bärentatze?“, fragte Charlotte. June war schon an der Tür, drehte sich jetzt aber noch einmal um und blickte die Arzthelferin an. Charlotte selbst war deutlich übergewichtig. June kannte sie gar nicht schlank. Sie selbst dagegen war klapperdünn, eine dieser armseligen Gestalten, die schon in der Highschool vergeblich versucht hatten, mithilfe von Ergänzungsernährung an Gewicht zuzulegen. Und doch behielt Charlotte ihre Nahrungsaufnahme im Blick, als litte sie unter einer Essstörung. June sah sie fragend an.

„Sie bleiben auch nicht ewig jung“, gab Charlotte zu bedenken und wandte June den Rücken zu.

June setzte sich in ihren Jeep, ließ die Tür aber noch offen und schrieb sich rasch in ihr Notizbuch ein paar Fragen auf, die sie John Stone stellen wollte, sowie ein paar Dinge, über die sie ihn informieren wollte.

„Du lieber Himmel“, hörte sie da einen Mann sagen und erschrak. An die geöffnete Wagentür gelehnt stand der Pastor Jonathan Wickham und schlug sich mit der Faust gegen die Brust. „Wie sehen Sie denn aus? Gibt’s was zu feiern?“

Erst wusste sie nicht, was er überhaupt meinte, dann fiel ihr wieder ein, dass sie heute statt Jeans und Stiefeln etwas schicker angezogen war. In der Stadt trugen Ärztinnen Röcke und Kleider, aber hier draußen hatte sich praktischere Kleidung bewährt, mit der man auch problemlos durch Schlamm stapfen konnte, wenn es sein musste.

„Na ja, nicht ganz. Aber heute Nachmittag kommt ein Kollege und stellt sich für die Praxis vor. Was ist denn mit Ihrer Wange passiert? Haben Sie sich eine Ohrfeige gefangen?“

Der Pastor runzelte die Stirn, berührte seine Wange und bemerkte erst dann, dass sie flachste. Er lächelte sie an.

Jonathan war einer dieser Männer, die eigentlich gut aussahen, diesen Eindruck aber durch peinliches Benehmen sofort wieder wettmachten. Er war groß und schlank und über eins achtzig groß. Er arbeitete nicht körperlich, deswegen hatte er keine muskulöse Statur, aber unmännlich wirkte er auch nicht – dafür sorgten sein markantes Kinn und seine gesunde Gesichtsfarbe. Er hatte schöne Zähne, dennoch wirkte sein Lächeln immer bemüht. Außerdem hatte er mit beginnendem Haarausfall zu kämpfen. Leider konnte er sich nicht damit abfinden, sondern experimentierte mit immer neuen Haarteilen, Perücken und jetzt dieser albernen Haarverpflanzung.

„Sie sehen fantastisch aus“, sagte er. „Selbst für die Heiligen wären Sie eine Versuchung.“

„Wie schön! Solange ich keine Versuchung für Sie bin, Jonathan.“ Sie drehte den Schlüssel im Zündschloss und startete den Wagen.

„Ich bin eben nur ein Sterblicher …“

„Habe ich heute Morgen nicht Mary Lou Granger aus der Kirche stürmen sehen – gleich, nachdem Clarice reingestürmt ist? Mir schien fast, die beiden hätten eine Meinungsverschiedenheit gehabt.“

Er musste einen Moment nachdenken. June wurde klar, dass Tom recht hatte. Es war schwierig, angesichts der Haarverpflanzung nicht laut loszuprusten. Jonathan war ein notorischer Anmacher, dabei konnte er es gar nicht. Bei June schien er sich außerdem zurückzuhalten – als ahnte er instinktiv, dass sie ihm den Arm brechen würde, wenn er ihr zu nahe kam.

„Ich weiß gar nicht, worum es dabei ging. Wohl ein Missverständnis.“ „Wahrscheinlich.“ June legte den Rückwärtsgang ein. „Jonathan, ich muss los, ich bin schon zu spät. Brauchen Sie irgendwas von mir, oder war das nur ein Test, ob Sie mit Ihren Komplimenten Erfolg haben?“

Er lachte und gab die Tür frei. „Sie kennen mich zu gut. Ich war auf dem Weg zu Ihnen, weil ich Sie bitten wollte, mir noch etwas von der Salbe gegen trockene Haut zu geben.“

Sie machte die Tür zu und lehnte sich mit dem Ellbogen ins geöffnete Fenster. „Fragen Sie Charlotte oder kommen Sie später noch mal vorbei. Ich muss jetzt ein paar Besorgungen machen.“

In diesem Moment kam Charlotte aus der Praxis. Sie hatte ihre Handtasche dabei und bekam noch den Rest von Junes Worten mit.

„Kommen Sie später vorbei“, wimmelte sie den Pastor ab.

„Ich könnte doch … äh … Vielleicht könnte Jessie ja …“

„Jessie darf keine Medikamente ausgeben, Pastor. Besser wäre es …“ „Ich schaue nur kurz bei ihr rein. Ich habe sie ewig nicht gesehen.“

„Nein!“, riefen beide Frauen. Instinktiv hob er die Hände, wie um ihren Protest abzuwehren. Langsam machte er kehrt und ging auf die andere Straßenseite. June und Charlotte tauschten einen Blick, aber keine von beiden bewegte sich von der Stelle, bis der Pastor wieder zurück bei seiner Kirche war. Und dann tat Charlotte etwas Außergewöhnliches: Sie drehte sich um und schloss die Hintertür ab. Jessica saß vorne am Empfangstresen, und von hier aus konnte jeder sehen, wer das Gebäude betrat.

June und die Krankenschwester sahen sich noch einmal kurz an und nickten.

Pastor Wickham und seine Familie lebten erst seit knapp einem Jahr im Valley, aber sein Ruf wurde mit jedem Tag schlechter. Was die alten Männer im Café amüsierte, ging ihr und einigen anderen Frauen ziemlich auf die Nerven.

Charlotte fuhr wie immer zum Mittagessen nach Hause, um dort mit ihrem Mann zu essen und in Ruhe eine zu rauchen. Meistens war auch June über Mittag nicht in der Praxis, und so hielt Jessica allein die Stellung und nahm die Telefonanrufe entgegen, während sie ihren mitgebrachten Lunch aß.

Jessica gefiel das. Wenn jemand wüsste, womit sie sich beschäftigte, würden sicher alle denken, nicht nur ihre Frisur wäre seltsam. Denn sie ging in Junes Büro und schnappte sich eins der medizinischen Standardwerke, meistens „Henry Gray’s Anatomy of the Human Body“, manchmal aber auch das Fachbuch „Infektionskrankheiten und Mikrobiologie“, in denen sie dann fünfundvierzig Minuten las und die Bilder betrachtete, während sie an ihrem Erdnussbuttersandwich knabberte.

Niemand wusste davon. Jessica war Schulabbrecherin und hatte keinen Abschluss gemacht. Sie ging deshalb fest davon aus, dass jeder, der von ihrer heimlichen Leidenschaft für komplizierte Fachbücher erfahren würde, einen Lachanfall bekäme. Ihr Vater hatte begriffen, dass sie nicht per se gegen die Schule und Lernen war. Sie hatte sich nur einfach fehl am Platz gefühlt.

In Junes Praxis dagegen fühlte sich Jessica pudelwohl.

Die örtliche Bäckerei wurde von Burt Crandall und seiner Frau Syl betrieben. Burt war nach dem Koreakrieg nach Grace Valley zurückgekehrt und hatte sein eigenes Geschäft eröffnet, um nicht mehr fortzumüssen. Er war weder Landwirt noch Fischer, also überlegte er sich, welches Handwerk in der kleinen Stadt wohl gebraucht wurde. Eigentlich wollte er die Tankstelle übernehmen, aber sie war nicht zu verkaufen, und so eröffnete er eine Bäckerei, obwohl er überhaupt keine Ahnung von dem Metier hatte. Allerdings würde man das niemals vermuten, denn seine Backwaren schmeckten vorzüglich. Burt versorgte die gesamte Stadt, inklusive das Café und das Vine & Ivy, mit seinen Bäckereiprodukten – und auch einige andere Lokale in der näheren Umgebung.

Die Türglocke klingelte, als June eintrat.

„Hallo, June. Ich habe gehört, du hast heute Morgen als Flitzerin ein paar alte Leutchen aus den Bergen erschreckt?“, meinte Burt zur Begrüßung grinsend.

„Du kennst mich“, erwiderte June leicht genervt. „Ich muss mich einfach ständig ausziehen.“

Er lachte glücklich, eigentlich kicherte er mehr wie eine alte Frau. Seine Zähne waren zu groß für seinen Mund, und wegen seiner stets guten Laune sah man sie häufig. Er war eigentlich dünn – bis auf den dicken Bauch. Ein Fass auf zwei Beinen.

Seine Frau hatte die Statur eines Wasserballs – klein und rund. Wie aufs Stichwort trat in diesem Moment Syl durch die Schwingtür im hinteren Teil des Ladens. Sie hatte ein großes Blech mit frisch gebackenen Keksen in der Hand. „Burt, lass das Mädchen in Ruhe. June, ignorier ihn einfach und nimm dir ein paar Kekse, solange sie noch warm sind.“ Und schon verschwand sie wieder in der Backstube.

„Erspar mir bitte das Geschwätz und gib mir lieber vier Scones“, sagte June zu Burt.

„Ach, fährst du raus zu Myrna? Sag ihr, die habe ich extra für sie gebacken. Weißt du, June, du solltest dir einen Hund anschaffen, damit nicht permanent Fremde in deine Wohnung stiefeln.“

Nachtigall, ick hör dir trapsen.

„Mein Vater war einmal der diskreteste Mensch im gesamten Valley.

Und jetzt hat er das schlimmste Plappermaul von allen.“

„Er geht zu viel angeln, das kommt davon. Angler sind die größten Angeber. Vielleicht haben aber auch die vielen Geheimnisse, die er während seiner Zeit als Arzt für sich behalten musste, ihre Spuren hinterlassen, und er hat jetzt einen Riesennachholbedarf an Geschwätz, wenn du mich fragst.“ Burt legte die Scones in eine Schachtel, während June nach Kleingeld kramte. „Aber sein Pokerface hat der alte Kauz immer noch.“

„Das sagt der Richtige.“

„Heute Abend gibt’s bei euch Hackbraten, stimmt’s? Nimm doch noch ein paar Brötchen mit. Elmer mag die Kartoffelbrötchen gern.“

„Burt, findest du es eigentlich nicht komisch, wenn andere Menschen aus deinem Ort wissen, was du zu Abend isst?“

Burt grinste und steckte vier Brötchen in eine Papiertüte. „Nein, Süße, über so was mache ich mir keine Gedanken. Ich finde das schön.“ Er reichte ihr die Tüte, und sie musste gegen ihren Willen lächeln. Für die Brötchen würde sie nichts bezahlen – dafür hatte sie sich schon seinen dummen Spruch anhören müssen. „Ich finde es viel schlimmer, wenn jemand vor Fremden nackt rumläuft.“ Dann fing er so heftig an zu lachen, dass ihm eine kleine Träne aus dem Augenwinkel kullerte.

June riss ihm die Tüte aus der Hand und warf ihm einen warnenden Blick zu, bevor sie die Bäckerei verließ. Sie hörte ihn noch durch die geschlossene Tür lachen. Als sie in ihren Wagen stieg, sagte sie zu sich selbst: „Geschieht ihm recht, wenn ihm ein Blutgefäß platzt“, und fuhr zur Tankstelle.

Das Werkstatttor war zu und die Jalousie vor dem Fenster zur Hälfte heruntergelassen. Also tankte June selbst und dachte nach. Solche Zustände würden sich bald ändern. Es zogen immer mehr Menschen ins Valley, die nicht wussten, wie es hier zuging. Sam Cussler, der Besitzer der Tankstelle, arbeitete nur, wenn es ihm passte. Seit immer mehr Leute ausländische Wagenfabrikate fuhren, hatte Sam als Mechaniker nicht mehr viel zu tun. Er ging lieber angeln. Er könnte die Zapfsäulen in der Zeit abschließen, aber wozu? Wer Benzin brauchte, konnte selbst tanken, schrieb dann den Betrag auf einen Zettel, den man in eine Box an der Säule neben der Zapfsäule steckte. Ab und zu überprüfte Sam den Inhalt der Box und ließ sich bezahlen – vermutlich immer dann, wenn er neue Köder brauchte.

„Hey, junge Frau“, rief er, als er mit seiner Köderbox und der Angelrute aus der Seitentür trat. „Jetzt hast du mich ertappt! Ich wollte mich still und heimlich davonstehlen!“

„Ich habe dein Auto gar nicht gesehen.“

„Ich habe es Georges Sohn geliehen, der ein paar Besorgungen machen muss.“

„Soll ich dich beim Fluss absetzen?“, bot sie an.

„Nein. Ich gehe zum Windle Stream, gleich hinter dem Café. Keine Ahnung, ob sie beißen werden, aber immerhin kann ich so dem Arbeiten entgehen, und das ist mir das Wichtigste. Ich habe gehört, eine Familie aus Shell Mountain hat dich nackt in deinem Haus überrascht? Weil George sie zu dir geschickt hat?“

Sam Cussler war ein freundlicher Mann, braun gebrannt und mit strahlenden Augen, vollem weißen Haar und einem dichten weißen Bart. Er erinnerte ein bisschen an Santa Claus. Er musste um die siebzig sein, wirkte aber viel jünger, denn er war kräftig gebaut, hatte muskulöse Arme und einen flachen Bauch. Wohl ein Verdienst seiner Mechanikertätigkeit und dem Aufenthalt an der frischen Luft. Ein echtes Kraftbündel, dessen Augen so blau waren wie die von Paul Newman.

„Ja, so ähnlich war’s“, meinte June.

„Was würden wir ohne den lieben George machen?“

„Das hätten wir beinahe herausgefunden. Ich war nämlich heute Morgen drauf und dran, ihn umzubringen.“ June griff in den Wagen und holte ihr Portemonnaie heraus, während Sam den Tankvorgang für sie beendete. Sie streckte ihm einen Zwanzigdollarschein hin. Auf der Zapfsäule stand ein Betrag von 16,78 Dollar. Sam zog seine Geldbörse aus der Hosentasche, die die Größe einer Orange hatte, und zählte vier Eindollarscheine ab. Das Portemonnaie war voller Fünfziger, Zwanziger, Zehner und Fünfer.

„Ist dein Glückstag heute. Hab gerade ein Sonderangebot“, meinte er, weil er ihr zu viel Wechselgeld herausgab. Offensichtlich hatte er keine Lust, das Kleingeld abzuzählen.

„Sam, du solltest nicht so viel Bargeld mit dir herumschleppen. Oder zeig wenigstens deinen Kunden nicht, wie viel du dabeihast. Hast du denn keine Angst, überfallen zu werden?“

„Eigentlich nicht.“

„Solltest du aber.“ June stieg wieder in ihr Auto ein. „Die Stadt wächst und verändert sich.“

„Ich werde darüber nachdenken, June. Und zwar jetzt gleich, beim Angeln. Ich war sowieso auf der Suche nach einem Thema, mit dem ich mich auseinandersetzen kann.“ Myrna lebte in dem Haus, das von den Einwohnern von Grace Valley als das Familienanwesen der Hudsons angesehen wurde. Grandpa Hudson hatte es im Bergbau und im Bankwesen zu Geld gebracht und in fortgeschrittenem Alter eine junge Frau geheiratet, mit der er nach Grace Valley zog. Bald darauf wurde die gemeinsame Tochter Myrna Mae geboren. Zwölf Jahre später kam Nachzügler-Kind Elmer – da war Grandpa Hudson bereits Mitte sechzig. Und doch starb seine junge Frau vor ihm, im Alter von nur vierunddreißig Jahren. Myrna war damals gerade vierzehn, Elmer erst zwei Jahre alt. Ihr Vater stand kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag. Den er allerdings nicht mehr erlebte.

Also zog Myrna ihren Bruder allein in ihrem Elternhaus groß, obwohl sie selbst noch ein Kind war. Sie war Elmer vollkommen ergeben, kümmerte sich um seine Erziehung, wachte gewissenhaft über das Geld, das ihnen hinterlassen worden war, und investierte es vorsichtig, aber sinnvoll. Sie hielt das Haus sauber und in Schuss und stellte ihre eigenen Bedürfnisse immer hintenan, bis Elmer seinen Doktortitel hatte und er Junes Mutter heiratete. Zu diesem Zeitpunkt war er Mitte dreißig und Myrna Ende vierzig.

Erstaunlicherweise ließ Myrna ihn ohne zu klagen ziehen. Im Gegenteil: Sie war stolz auf ihn. Sie selbst heiratete Morton Claypool, einen Handlungsreisenden, mit dem sie siebzehn gute Jahre hatte, bevor sie ihn „verlegte“, wie sie es immer nannte. Was genau geschehen war, wusste niemand, aber in der Stadt wurde gemunkelt, dass er in einer anderen Stadt noch eine zweite Familie gehabt hatte, zu der er zurückgekehrt war. Oder dass er unter dem Haus der Hudsons vergraben lag. June glaubte, Myrna genoss den Hauch des Geheimnisvollen, der ihr seitdem anhaftete. Und sie trug auf ihre Weise dazu bei, dass die Gerüchteküche in der Stadt kräftig weiterbrodelte.

In all den Jahren – als Teenager, als Ersatzmutter, während ihrer Ehe mit dem Vertreter – hatten die Bücher Myrna Kraft gegeben. Als sie Anfang fünfzig war, begann sie schließlich selbst mit dem Schreiben. Sie schrieb Schauerromane, Mystery-Thriller, Liebesromane und Familiensagas. Sie schrieb, während Morton auf Reisen war – und fast jedes ihrer Werke wurde sofort zum Bestseller. Als Morton von einer seiner vielen Touren nicht zurückkam, schien Myrna es kaum zu bemerken. Ihre Geschichten wurden nur noch gruseliger und anzüglicher. In einem Roman reiste eine Frau auf der Suche nach ihrem Mann in eine abgelegene Kleinstadt. Sie fand heraus, dass er im Hof einer anderen Frau vergraben worden war. In einem anderen Roman brachte eine Frau ihren fremdgehenden Mann um und mauerte ihn hinter der Schrankwand ein. Das waren ihre üblichen Themen. Die Leute tuschelten, aber sie liebten Myrna auch.

Das Familienanwesen der Hudsons war keine protzige Villa, aber es war Anfang des letzten Jahrhunderts erbaut worden und hatte das typisch viktorianische Giebeldach. Elmer hatte nach seiner Heirat keinerlei Interesse gezeigt, dort wohnen zu bleiben. Erst recht nicht mehr, als Nachwuchs kam. Er wollte lieber in einem einfachen, dafür aber heimeligen Haus wohnen. Als Kind hatte June es geliebt, Myrna zu besuchen. Die vielen Winkel und großen Schränke, die Vorratsräume, der Keller und der Dachboden übten eine riesige Anziehungskraft auf sie aus. Und da Myrna nie etwas an der Einrichtung verändert hatte, war jedes Zimmer eine Schatzkiste und ein eigenes Abenteuer.

Als sie jetzt vor dem Haus vorfuhr, sah sie den Wagen der Barstow-Schwestern. Vor einigen Jahren hatte Myrna Amelia und Endeara Barstow als Köchinnen und Haushaltshilfen eingestellt. Fast jeden Tag kam eine der beiden vorbei. June war sich nicht sicher, ob Myrna die Schwestern wirklich so häufig brauchte oder ob sie sich nicht in Wirklichkeit um die beiden kümmerte. Denn die Barstows waren schlecht gelaunte, verbitterte alte Weiber, die nur sehr wenig Geld hatten und mit niemandem auskamen – auch nicht miteinander. Die einzige Ausnahme bildete Myrna.

Es überraschte June nicht, dass Myrna selbst die Tür öffnete. „Gott sei Dank hast du etwas an!“, begrüßte die alte Dame sie.

„Ich werde Dad umbringen.“

„Mach dich nicht lächerlich. Freu dich lieber, dass er endlich mal wieder was zu erzählen hat! Seit Wochen habe ich keine so gute Geschichte mehr von ihm gehört.“

„So lustig ist sie nicht, wenn man selbst die Betroffene ist.“

„Hast du denn niemandem davon erzählt?“

„Nein“, log June. Tom Toopeek hatte sie alles erzählt, aber der würde sich eher die Zunge abbeißen, als sich an dem Getratsche zu beteiligen. „Ich hätte es Elmer auch garantiert nicht erzählt, aber er erwischte mich auf dem falschen Fuß. Das alte Plappermaul.“

„Das muss ein herrlicher Anblick gewesen sein!“ „Da bin ich mir sicher.“

„Ach, was soll’s. Ärgere dich nicht, sondern komm rein. Amelia hat eine Kartoffelsuppe gemacht – und ich möchte dir eine neue Romanidee vorstellen.“

Aha, dachte June. Das erklärte die häufigen Anrufe in letzter Zeit. Myrna saß an einem neuen Buch.

„Diesmal“, eröffnete sie June, „werde ich mich vor allem der Verstümmelung widmen.“

5. Kapitel

Dr. John Stone sah so gut aus, dass es schon fast wehtat. Er war eins achtzig groß, hatte dichte blonde Haare wie Robert Redford, strahlende blaue Augen, eine gute Figur und ein umwerfendes Lächeln. Er trug eine dünne, elegante Wollhose, ein Hemd von Armani, eine Krawatte von Versace und italienische Schuhe, die sicher mehr gekostet hatten als der komplette Inhalt von Junes Kleiderschrank. Sie musste unwillkürlich lächeln, als sie sich vorstellte, wie man ihn anstarren würde, wenn er in diesem Aufzug raus in ein Holzfällercamp fuhr.

Sie saßen in ihrem Sprechzimmer, sie hinter dem Schreibtisch. Ganz der Boss.

„Wieso Grace Valley?“, wollte sie von ihm wissen.

„Ruhe und Frieden für meine Familie. Sicherheit, Gesundheit, ländliche Schönheit. Allein die Luftveränderung wird Wunder wirken! Meine sechs Jahre alte Tochter hat nämlich Probleme mit dem Atmen, vielleicht eine Vorstufe von Asthma.“

„Einige Menschen leben hier tatsächlich in Ruhe und Frieden, aber für den Arzt kann es mitunter ganz schön aufreibend sein. Erst heute Morgen …“ June unterbrach sich. Sie regte sich darüber auf, dass Elmer die Geschichte überall herumerzählte. Dann sollte sie selbst besser auch den Mund halten.

„Ich habe schon gehört. Eine Familie aus den Bergen hat Sie überrascht und ist einfach in Ihr Haus eingedrungen. Noch dazu so früh am Morgen. Und Sie trugen nur … Was genau? Unterwäsche?“

June riss den Mund auf.

„Ich habe gegenüber im Café zu Mittag gegessen“, entschuldigte John sich. „Ich wollte Sie nicht beleidigen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Es war ein Handtuch.“

„Oh Mann.“ Er versuchte, sein Kichern zu unterdrücken. „Ich meine …“

„Kein schlechter Ausgangspunkt für unser Gespräch. So verrückt kann das Leben als Landarzt nämlich sein. Hart, unpassend und unvorhersehbar. Wenn die Patienten nicht gerade zu Ihnen nach Hause kommen und Sie unter der Dusche überraschen, halten Sie sie an der Kreuzung auf und bitten Sie, mal eben nach ihrem geschwollenen Knöchel zu sehen. Oder sie fangen Sie in der Bäckerei ab und fragen, ob ihr Ausschlag nicht schon besser aussieht. Und da haben wir von den Unfällen noch gar nicht gesprochen – Stürze, Angelhaken, Unfälle mit großen Tieren, Autounfälle und Schussverletzungen.“

„Schussverletzungen?“

„Nicht von der Art, wie Sie sie kennen werden. Fünfundneunzig Prozent der Einwohner hier besitzen Schusswaffen. Und am besten gleich mehrere. Sie gehen auf die Jagd, ob gerade erlaubt oder nicht, sie schießen auf unbefugte Personen, töten kranke Tiere – und dabei ereignen sich natürlich auch immer wieder Unfälle. Wir können hier locker mit jeder Großstadt-Notfallambulanz mithalten.“

John stützte die Ellbogen auf die Knie. „Und was machen Sie, wenn Sie nicht mehr können? Sie arbeiten doch allein, oder nicht?“

„Meistens ja. Mein Vater ist auch Arzt. Er hatte seine Praxis in unserem Haus, als ich noch ein Kind war. Inzwischen ist er seit zwei Jahren im Ruhestand, aber er kommt trotzdem jede Woche in die Praxis. Manchmal, weil ich ihn darum bitte, manchmal auch einfach so. Ab und zu muss ich ihn anflehen, damit er vorbeikommt. Aber in der Umgebung gibt es noch einige weitere Ärzte. In Nordkalifornien gibt es so viele kleine Städte, und da helfen wir einander, wenn Not am Mann ist.

Aber das, was ich für diese Stadt leiste, geht weit über das rein medizinisch Notwendige hinaus. Ich habe auch soziale Verpflichtungen. In der Praxis haben wir einen Raum mit Lebensmittelvorräten und einen Kleiderschrank mit frischer Kleidung. Ich habe immer einen eindrucksvollen Vorrat an Medikamenten da, und viele davon zahle ich selbst, wenn keine Versicherung, die Kirche oder eine andere soziale Organisation für die Kosten einer Behandlung aufkommt. Ich habe Blutkonserven im Kühlschrank und Säuglingsfertignahrung in meinem Besenschrank. Das Sheriffbüro hilft bei Notfällen und beim Transport von Patienten und Medikamenten. Ich habe einen Schlüssel für das örtliche Café für den Fall, dass ich große Mengen Eis zum Kühlen benötige. Staat und County übernehmen zwar die Kosten für bedürftige Patienten, aber damit das geschieht, müssen die Patienten natürlich Formulare ausfüllen.“ Sie zuckte die Schultern. „Zum Glück ist die Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden gut. Ich werde übrigens häufig mit Naturalien bezahlt. Frische Eier zum Beispiel.“ Sie lächelte. „Natürlich gibt es hier die besten Eier im Westen.“

Er lauschte ihr so versunken, dass sie seine Begeisterung bereits erahnen konnte. Oder vielleicht missinterpretierte sie seinen Blick und er wollte es sich doch lieber noch mal überlegen?

„Sie haben einen beeindruckenden Lebenslauf und kommen aus einer Großstadtpraxis hierher“, fuhr sie fort. „Sie mögen vielleicht mit dem Gedanken spielen, als Landarzt hier eine ruhige Kugel schieben zu wollen, aber Ihr Alltag wird Sie bald an die x-te Wiederholung einer uralten Fernsehsendung erinnern. Es ist schön, hier zu leben, aber es ist nicht immer einfach. Zumindest nicht für den Arzt.

Ich habe es da vielleicht leichter. Ich bin im Haus des Doktors aufgewachsen. Ich saß im Behandlungszimmer auf dem Boden und malte in meinem Malbuch, während mein Vater eine Schienbeinfraktur richtete. Ich war mit sieben Jahren bei meiner ersten Hausgeburt dabei. Und obwohl meine Mutter dagegen war, fuhr ich bei vielen Notfalleinsätzen mit. Diese Stadt hat mich erzogen. Wenn Ihr Vater der Landarzt ist, kommt jeder Mensch, der in dieser Stadt lebt, eines Tages mal bei Ihnen zu Hause vorbei. Und irgendwann war man auch bei jedem von ihnen zu Hause.“

Sie hielt einen Moment inne und versuchte, Johns überraschte Miene zu deuten.

„Ich habe nicht vor, Sie zu verscheuchen. Ich möchte nur, dass Sie wissen, was Sie hier erwartet, damit Sie eine wohlüberlegte Entscheidung treffen können. Ich persönlich denke, Sie wären der Richtige für uns, und es besteht gar kein Zweifel daran, dass wir Ihre Fähigkeiten hier sehr gut brauchen können. Aber ist Grace Valley auch das Richtige für Sie?“

„Sie machen mir keine Angst“, sagte er entspannt lächelnd. „Ich kenne mich selbst auch ein bisschen aus mit dem Leben eines Landarztes. Ich habe während meines Studiums in einem Reservat in Arizona gearbeitet. Bundeszuschuss, Sie wissen schon.“

„Oh“, erwiderte sie schwach. „Das ist mir jetzt ein bisschen peinlich.“

„Das muss es nicht sein. Ich habe es absichtlich nicht in meinem Lebenslauf erwähnt.“

„Wieso nicht?“

Er zuckte mit der Achsel. „Es war anders, als man es erwarten würde.“

„Ich … verstehe nicht ganz.“

„Ich habe das damals nicht aus ehrenhaften Gründen getan. Ich brauchte einfach das Geld. Also schloss ich einen Vertrag mit der Regierung ab. Medizinstudium gegen ärztliche Arbeit auf dem Land. Doch schon bald lieh ich mir das Geld, um das Stipendium abzubezahlen, damit ich schneller aus dem Reservat wegkam und in einer Privatpraxis anfangen konnte.“

„Ich verstehe. Sie mögen also …“

„Die Wüste mag ich nicht.“

„Und das war der einzige Grund, wieso Sie ausgestiegen sind?“ „Ich war damals achtundzwanzig und interessierte mich mehr für ein neues Auto als für die Rettung der Menschheit. Und ich weiß, dass es auch hier sehr ärmliche Gebiete gibt.“

„Nicht ärmlich Dr. Stone, richtig arm. Meist sind es die abgeschiedenen Gegenden in den Bergen, mitten auf dem Land, obwohl es auch in der Stadt einige Familien gibt, die mit sehr bescheidenen Mitteln auskommen müssen. Es gibt sogar einige, die ohne meine Hilfe nicht einmal genug zu essen hätten. Die harten, kalten Winter hier sind oft schwer für die Holzfäller und Farmer und die anderen saisonabhängigen Arbeiter. Was macht Sie also so sicher, dass Sie es hier aushalten werden?“

„Zwei Dinge. Ich bin inzwischen bereit, anders zu praktizieren als bisher. Und ich brauche das Geld nicht mehr.“

„Alles klar.“ June dachte einen Moment nach. Abgesehen von seinen großartigen Qualifikationen war es wichtig, dass ihm absolut klar war, worauf er sich einließ. Und nach allem, was sie ihm erzählt hatte, schien er immer noch sehr angetan. Neue Armani-Anzüge würde er sich ab sofort allerdings nicht mehr leisten können. „Sagen Sie mir eins, Dr. Stone. Wieso sahen Sie zuerst so schockiert aus, als ich meine Arbeit hier beschrieb?“

„Ich war überhaupt nicht schockiert, ich war fasziniert! Voller Respekt. Ich habe noch nie eine Ärztin – oder überhaupt jemanden – so voller Liebe und Stolz über ihre Arbeit oder ihr Leben reden hören. Selbst, als Sie von den unangenehmsten Aspekten Ihrer Rolle berichteten. Sie tun nicht einfach Ihre Arbeit, Sie leben Ihren Beruf. Sie sind Ihre Profession.“ Er schüttelte den Kopf. „Eine wahre Lobeshymne.“

„Oh … danke. Das nehme ich mal als Kompliment.“ Er will, dass ich ihn einstelle, dachte sie.

„In Ihrer Beschreibung klingen sogar die unpassendsten Ereignisse romantisch.“

„Es kann hier ziemlich anstrengend werden für jemanden, der das Geld nicht braucht“.

„Trauen Sie mir die Stelle nicht zu? Geben Sie mir eine Chance. Meine besten Jahre liegen noch nicht hinter mir.“

Er hat die besten Jahre noch nicht mal gesehen, dachte June. Wie würden die einfachen Leute aus Grace Valley über seine schicke Bundfalten-Hose und die Quasten auf seinen Schuhen denken? Vielleicht passte er nicht hierher. „Wir könnten eine Probezeit vereinbaren“, schlug sie vor. „Wie wäre es mit einem Dreimonatsvertrag?“

„Wieso nicht sechs Monate? Ich gewöhne mich schnell ein.“

„Na ja, ich würde gern erst mal …“

„Es ist Ihre Praxis. Ich werde nicht hierbleiben, wenn Sie es nicht wollen, aber ich bin auch kein Mann für eine Nacht. Ich hätte ein besseres Gefühl, hier anzufangen, wenn ich …“

Er wurde unterbrochen, denn die Tür flog auf und Charlotte stand vor ihnen. „Julianna Dickson hat gerade angerufen. Sie sagt, sie fühlt sich seltsam.“

June sprang auf. „Verdammt!“ Sie schlüpfte aus ihrem Kittel.

„Ich habe ihr gesagt, sie soll einen Kopfstand machen, durch den Mund atmen und die Beine zusammenpressen“, fuhr Charlotte fort.

„Gut. Holen Sie mir ein paar Blutbeutel, 0 negativ!“

„Jessie macht alles fertig.“

„Kommen Sie, Dr. Stone“, sagte June. „Das ist genau Ihr Metier. Julianna erwartet ihr fünftes Kind, und weder mein Vater noch ich waren je bei einer ihrer Geburten dabei.“ Sie schnappte sich ihre Tasche und rannte zur Hintertür. Rasch warf sie noch einen Blick auf seine schicken, glänzenden Schuhe, während sie ihre Clogs abstreifte und in ihre Stiefel schlüpfte. „Sie haben nicht zufällig ein altes Paar Schuhe im Auto?“

„Nein, wieso?“

„Es war ein nasses Frühjahr. Einige Wege sind keine Wege mehr.“ Jessica kam mit einem kleinen Behälter mit zwei Blutkonserven angerannt. June übernahm ihn und sprintete zu ihrem Jeep. Zu ihrer Überraschung hielt Dr. Stone mit und sprang neben ihr auf den Beifahrersitz.

„Diesmal will ich ihr zuvorkommen!“, erklärte June, während sie über die Straße bretterte. „Sie ins Krankenhaus bringen und erst dort die Wehen einleiten. Sie ist drei Wochen vor dem Termin.“

„Hatte sie Blutungen?“

„Zwei Mal.“

„Gibt es hier einen Rettungsdienst?“

„Das ist noch so ein Ding mit Kleinstädten. Das Gebiet ist sehr weit gestreut. Grace Valley liegt auf der Grenze zu drei Countys – man braucht schon einen Abschluss in Geografie, damit man sich hier zurechtfindet. Wenn man raus zu einem Holzfällercamp oder auf eine Farm muss, will man keine wertvolle Zeit damit verschwenden herumzutelefonieren, um den zuständigen Rettungsdienst oder die zuständige Polizeistation zu informieren.“

Sie griff zum Funkgerät. „Charlotte, hören Sie?“

„Ich bin da“, krächzte es zurück.

„Bleiben Sie auf Stand-by wegen des Notarztwagens. Ich bin über meinen Piepser erreichbar, aber wenn es was Besonderes gibt: Ich habe gerade den Wagen meines Vaters vor dem Café stehen sehen.“

„Er ist schon hier. Er hat mitbekommen, wie Sie aus der Stadt gerast sind, und konnte es nicht ertragen, sich bloß um seine Angelegenheiten zu kümmern.“

„Sagen Sie ihm, sein Hackbraten hängt von Juliannas Effizienz ab.“ June steckte das Funkgerät wieder an seinen Platz. „Wir haben alle einen Piepser und ein Handy, aber in den Bergen hat man oft keinen Empfang. Deswegen brauchen wir ein verlässliches Funkgerät. Wenn Sie sich dafür entscheiden sollten, hier zu arbeiten, müssen Sie sich eins anschaffen.“

„Gibt es hier eine Hebamme?“

„Nein, aber wir könnten eine gebrauchen. In Colby gibt es eine Frau, die allerdings keine ausgebildete Hebamme ist. Sie macht ihre Sache zwar gut und kümmert sich um eine Menge Frauen, aber ich darf offiziell nicht mit ihr arbeiten, sonst steigt uns der Landesverband aufs Dach. Dabei bekommen wir von denen so gut wie keine Unterstützung. Wir möchten die bestmögliche medizinische Versorgung garantieren, und wenn es sich dabei um eine Hebamme ohne Ausbildung handelt, dann ist das immer noch besser als nichts. Aber bei den Behörden herrscht die Regulierungswut.“

John lachte. „Die elenden Behörden!“ Sein Blick verriet ihr jedoch, dass er sich fragte, wer hier eigentlich verrückt geworden war, als June mit quietschenden Reifen um die Kurven schoss.

Sie bog von der Hauptstraße auf einen überwucherten Feldweg ab, der sehr eng zwischen Bäumen entlangführte. „Das ist die hintere Zufahrt zu der Obstplantage der Dicksons. Ich habe zum Glück schon vor zwei Wochen bei Mike angerufen und ihn gebeten, wegen der gegebenen Umstände den Weg freizuschneiden.“ Sie hoppelten durch ein tiefes Schlagloch, und John stieß sich am Dach den Kopf.

„Aua! Und das nennt er freischneiden?“

„Aha“, rief sie, ohne darauf einzugehen, als sie die Plantage erreichte. Sie steuerte den Wagen wild zwischen den Bäumen hindurch. „Da sind wir. Die Dicksons sind die nettesten Menschen der Welt. Eine große, wunderbare Familie, fleißige Arbeiter. Sie verkaufen ihr Obst, seit ihre ersten drei Bäume Früchte trugen. Wenn Sie mal irgendwas brauchen, ganz egal was, können Sie sich auf Mike und Julianna Dickson verlassen.“ June fuhr von hinten um das Haus herum und hielt dicht hinter einem Traktor. „Ab jetzt sind Sie auf sich gestellt.“

Bevor er etwas erwidern konnte, war sie schon weg. Sie rannte die Verandastufen hoch, schlüpfte schnell aus ihrem schlammigen Stiefeln und rannte auf Socken ins Haus. John stand bis zu den Knöcheln im Schlamm. Ein nasses Frühjahr – wie sie gesagt hatte.

Mike Dicksons Mutter passte im vorderen Zimmer auf die kleinen Kinder auf. June zischte an ihr vorbei, ohne sie zu begrüßen, so eilig hatte sie es. Sie wusste, wo sie Julianna finden würde: im unteren Schlafzimmer. Ihr junger Ehemann war bei ihr.

„Manchmal fühle ich mich wirklich ausgeschlossen“, beschwerte sich June, während sie sich ein paar Gummihandschuhe überstreifte. Julianna hatte unter der Decke die Knie angewinkelt, Mike saß neben ihr und hielt ihre Hand. Frische Handtücher lagen schon bereit. Immerhin hatte Mike alle seine Kinder selbst zur Welt geholt – auch wenn das nicht geplant gewesen war – und wusste, was gebraucht wurde.

„Ich habe aber versucht zu warten“, presste Julianna keuchend hervor.

June schob die Decke weg und setzte sich zwischen Juliannas Beine. „Ich habe einen Kollegen dabei, Julianna, einen Gynäkologen. Erschrecken Sie also nicht, wenn er gleich hereinkommt. Ich wollte, dass er … Oh, du meine Güte! Hallo, Kleines. Bitte beeil dich nicht so. Bitte, bitte nicht.“ Sie strich mit den Fingern über den Kopf des Kindes. „Mal sehen, ob wir es überzeugen können, langsam herauszukommen. Dann kann ich mich um die Nabelschnur kümmern.“

Plötzlich stand John Stone neben ihr, zog sich ein Paar Handschuhe aus ihrer Arzttasche über und betrachtete den kleinen Kopf mit einem zufriedenen Blick. Das Erste, was er sagte, war: „John Stone, sehr erfreut.“ Und das Zweite: „Oh ja.“

Er nahm eine Arterienklemme aus Junes Tasche, legte sich ein sauberes Handtuch über den Arm und beugte sich über den Ort des Geschehens. „Dann wollen wir mal!“

Doch bevor John eingreifen konnte, ging es auch schon los. Als der Kopf erschien, überprüfte June, ob die Nabelschnur sich auch nicht um den Hals des Kindes gewickelt hatte und murmelte ein leises „okay“, und dann war das Baby da. John klemmte die Nabelschnur ab und drehte das Kind um, wobei er ihm sanft den Rücken rieb. Sofort begann es zu schreien.

„Heiliges Kanonenrohr!“ John sah Julianna grinsend an. „Sie sind ja fast so gut wie ich! Ein gesunder, kräftiger Junge!“

Er schob June ein wenig zur Seite, damit er einen Blick in den Geburtskanal werfen konnte, dann begann er, sanft Juliannas Unterleib zu massieren. „Das machen Sie großartig!“, lobte er sie. „Ganz ausgezeichnet. Sie sind in hervorragender Verfassung. Bei einer so schnellen Geburt hätte ich auf einen eher schlaffen Muskeltonus getippt, aber Sie sind fit wie ein Boxer!“

„Das kommt vom Fußbodenschrubben“, erklärte Julianna. „Meine Mama sagt immer, wenn man auf den Knien den Fußboden schrubbt, kommen die Kinder leichter.“

„Aber langsam wollen Sie doch mal mit dem Fußbodenschrubben aufhören, oder?“, fragte June.

Mike lachte und küsste seiner Frau die Hand. „Ich weiß nicht, worüber Sie sich beschweren, June. Immerhin sind Sie doch diesmal bei der Party dabei!“

„June, legen Sie ihr das Kind an die Brust. Dann kommt die Placenta schneller und die Blutung wird verlangsamt.“ John Stone schaute sie freundlich an.

„Ich gebe ihn nur sehr ungern ab“, sagte sie scherzhaft und drückte das Kind sanft an die Brust seiner Mutter.

Der Gynäkologe behielt recht: Nachdem das Kind ein paar Minuten getrunken hatte, war alles vorbei. Während John die nötigen Untersuchungen durchführte, besorgte June eine Wanne mit Wasser. Grandma Dickson hatte sie schon vorbereitet.

Als sie wieder das Geburtszimmer betrat, bot sich ihr ein Anblick, den sie so schnell nicht vergessen würde. Der schick gekleidete Dr. Stone stand neben dem Bett und hielt das Neugeborene, das in ein Handtuch gewickelt war, auf dem Arm. Er hatte die Ärmel seines teuren Hemds hochgekrempelt, seine Designerkrawatte ragte aus seiner Hosentasche, die Hosenbeine waren hochgeschoben bis zu den Knien, und er stand barfuß auf dem kühlen Holzfußboden. Sein Gesicht war ein Ausdruck reiner Freude.

„June“, sagte er grinsend und mit glänzenden Augen. „Ich bin dabei.“

6. Kapitel

June lebte in einem sanierten alten Haus in Grace Valley. Es war eine ziemliche Bruchbude gewesen, als sie es kaufte – sehr zum Missfallen ihrer Eltern. Die frischgebackene Ärztin kehrte nach Hause zurück, wohnte zunächst bei ihren Eltern, hatte kein gesichertes Einkommen, aber dafür jede Menge Darlehensschulden von ihrem Studium.

Aber dieses Haus hatte sie schon als kleines Mädchen geliebt. Mindestens fünf Jahre lang war es unbewohnt gewesen, und die ortsansässige Jugend hatte sich darin ausgetobt. Alle Fensterscheiben waren zerbrochen, es wurde zum Versteckspielen und als Liebesnest benutzt und als Gott-weiß-was noch. Von Anfang an war es nicht gut gepflegt worden, und nachdem die Kids damit fertig waren, hätte man es vermutlich am besten einfach abgerissen.

Doch als June nach Grace Valley zurückgekehrt war, stand es immer noch auf dem kleinen Hügel, knapp zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Es hatte eine wunderschöne Veranda, die sich um das gesamte Gebäude zog, einen herrlich schattigen Baum im Garten davor, ein süßes kleines Mansardenfenster im ersten Stock und einen grandiosen Blick. Schon ganz früher hatte June sich vorgestellt, wie sie in einer Hollywoodschaukel auf der Veranda saß und hinunter auf die Straße blickte, über die Dächer der anderen Häuser und Gebäude der Stadt, hinüber zum Kirchturm der Presbyter-Kirche, der sich stolz über den Bäumen erhob. Von hieraus konnte man meilenweit über das Valley blicken. Gleich hinter dem Haus war dichter, grüner Wald. Es fehlte nur der weiße Lattenzaun.

Es hatte lange gedauert, bis June sich ihren Traum erfüllt hatte und aus der Bruchbude ein Traumhaus geworden war. Die Installationen wurden von einem Mann durchgeführt, den June wegen Magengeschwüren behandelt hatte. Die Elektroarbeiten übernahmen die Gebrüder Stewart, deren Frauen äußerst fruchtbar und daher regelmä-ßige „Kundinnen“ von June waren. Die Holzböden steuerte die Familie Bradford bei. Ihre Söhne waren im Teenageralter in einen schlimmen Verkehrsunfall verwickelt worden, aber zum Glück waren inzwischen beide wieder vollständig hergestellt. Die neuen Fenster, den Teppich, die Jalousietüren, den Anstrich und die Spachtelarbeiten verdankte sie einem kalten, langen Winter mit vielen Grippekranken in der Stadt. Die Arbeitsplatten in der Küche waren dem fünfmaligen Masernausbruch bei den Wilson-Jungs geschuldet. Ihre Elektrogeräte hatte sie von Elektro-Reynolds bekommen – sie hatte Susans und Johns Kinder immer wieder wegen verschiedener Beschwerden behandelt.

June selbst war verantwortlich für die Einrichtung, die Möbel und die Dekoartikel, bestickte Kissen und handgearbeitete Quilts – immerhin war sie eine der besten Näherinnen der Stadt. Ihr Haus war wunderschön geworden, und sie liebte es heiß und innig. Hier fand sie Frieden und Ruhe und Trost.

Normalerweise.

Nach der erfolgreichen Geburt bei den Dicksons fuhr sie mit John Stone zurück zur Praxis, wo sein Wagen parkte, und einigte sich mit ihm auf eine Probezeit von sechs Monaten. Dann eilte sie nach Hause und bereitete den Hackbraten für ihren Vater zu – schließlich war ja Dienstag. Zum Glück waren auf dem Anrufbeantworter keine wichtigen Nachrichten. Momentan wurde sie tatsächlich nicht gebraucht. Doch das Kochen machte ihr heute Abend keinen rechten Spaß, sie quälte sich ein bisschen ab.

„Dad, ich bin eine alte Jungfer.“ Es platzte einfach aus ihr heraus, als ihr Vater das Haus betrat.

„Ach herrje. Du hast das Dickson-Baby länger als vier Minuten gehalten, habe ich recht?“

„Ich bin jetzt siebenunddreißig. Seit fünf Jahren hatte ich keine richtige Verabredung mehr. Ich bin mit dieser Stadt verheiratet! Selbst wenn ich jemanden kennenlernen sollte und mich verlieben würde – es würde doch alles viel zu lang dauern. So viel Zeit bleibt mir nicht! Ich bin jetzt schon offiziell zu alt fürs Kinderkriegen!“

„Was für ein Unsinn“, wischte Elmer ihre Bedenken weg. „Weißt du, ich wollte eigentlich Wein mitbringen, habe es aber doch gelassen. Jetzt wünschte ich mir, ich hätte es getan. Du brauchst einen Drink. Wahrscheinlich hast du keinen Alkohol im Haus?“

„Irgendjemand hat mir letztens einen teuren Brandy geschenkt. Aber ich weiß nicht, ob ich so was mag.“

„Vergiss es. Ich mache uns einen Kaffee.“

„Elmer, was tue ich mir nur an?“

„Hör auf mit diesem Selbstmitleid. Der Zug ist noch lange nicht abgefahren für dich.“

„Ach nein? Und wie soll ich es anfangen, jemanden kennenzulernen?“

„Du könntest ein paar deiner alten Klassenkameraden anrufen und ihnen sagen, dass du gerne jemanden kennenlernen würdest. Erzähl überall rum, dass du gerne mal wieder ein Date haben möchtest, und die Männer werden dir die Bude einrennen. Du bist ein hübsches Mädchen, June.“

„Ich bin kein Mädchen mehr.“

„Doch, das bist du. Und was Kinder angeht: Niemand weiß, ob er Kinder haben wird. Vielleicht klappt es nicht mit einer Familie für dich. Vielleicht bist du unfruchtbar, wie deine Mutter. Wir haben ja nie verhütet – und herausgekommen bist nur du.“

„Woher willst du wissen, dass es an ihr lag? Vielleicht warst du es ja.“

„Nein.“ Er schwieg einen Moment und maß die Kaffeemenge ab. „Ich habe eine Spermaprobe ins Labor nach Ukiah geschickt, als ich siebenundfünzig war. Meine Spermien waren zwar kleine alte Wichte mit langen Bärten, aber sie waren da und voll aktiv.“ Er füllte die Kaffeekanne mit Wasser.

„Das hast du mir nie erzählt. Das mit der Spermaprobe.“

„Hätte ich aber, wenn das Thema früher darauf gekommen wäre. Zum Beispiel, wenn du auch Probleme gehabt hättest, schwanger zu werden. Hast du dich nie gefragt, wieso du ein Einzelkind bist?“

„Mutter hat gesagt, du wärst in deiner Freizeit lieber angeln gegangen.“

Er lachte und musste gleich darauf heftig husten. „Sie hatte wirklich einen guten Humor, das muss man ihr lassen.“ Er legte den Arm um Junes Schultern und drückte sie. „Du hattest einen langen Tag, nicht wahr, mein Schatz?“

„Lang? Ich war superfrüh auf. Wie immer. Dann erschreckte ich die Mulls in meinem Wohnzimmer, fuhr in die Praxis, wo meine Sprechstundenhilfe seit Neuestem aussieht wie ein Papagei, kümmerte mich um fünfundzwanzig Patienten, traf mich mit Myrna und Amelia Barstow auf drei Martini zum Lunch – Myrnas drei Martini – und hörte mir ihre neue Buchidee an.“ Als sie sich daran erinnerte, hielt June inne.

„Dad, hat sie es dir schon erzählt?“

Er verzog das Gesicht. „Ja. Kaum zu glauben, dass eine klapprige alte Dame sich mit brutaler Gewalt beschäftigt.“

June schauderte. „Abgetrennte Körperteile sind ihr neues Lieblingsthema. Apropos, Dad. Was ist eigentlich mit Morton Claypool passiert?“

„Er ging fort, das ist alles.“

„Aber wohin?“

„Was weiß ich. Und falls Myrna es wissen sollte, verrät sie es nicht.“ „Es wird geredet, das weißt du.“

„Du liebe Güte! Sie liebt diesen Tratsch! Ich wette, sie hat selbst einige der Gerüchte in Umlauf gebracht. Obwohl diese Frau so schaurige Bücher schreibt, kann sie keiner Fliege etwas zuleide tun. Ich habe sie damals gefragt, ob sie einen Detektiv engagieren möchte, um Morton zu finden, um herauszufinden, ob er noch lebt oder tot ist, aber sie wollte nicht. Hielt es nicht für nötig. Sie war gar nicht erpicht darauf, ihn zurückzubekommen – oder für seine Beerdigung zu bezahlen.“

„Findest du das nicht seltsam?“ „Für Myrna? Oder überhaupt?“ „Ich wette, sie weiß, wo er hinging.“

„Könnte sein. Ich werde nie den Tag vergessen, an dem sie es erzählte. Es war der Tag, als dein Homecoming-Spiel von der Highschool stattfand. Deine Mutter und ich holten Myrna ab, und auf dem Weg eröffnete sie es uns. ‚Mir scheint, Morton ist auf und davon und er wird auch nicht mehr zurückkommen.‘ Das war alles. Wir wollten natürlich wissen, ob sie sich denn gar keine Sorgen mache. ‚Kein bisschen‘, hat sie gesagt. Wenn etwas passiert wäre, hätte man sie schon informiert.“ Elmer sprach mit sanfterer Stimme weiter. „Und jetzt sage ich dir etwas, das du ihr niemals verraten darfst. Ich habe damals nachgesehen, ob in der Nähe ihres Hauses irgendwo Spuren von frisch ausgehobener Erde waren.“

„Dad!“

„Hätte ja sein können.“

„Du alter Spürhund!“

„Myrna ist eine wunderbare Frau, aber sie ist eben auch ein wenig exzentrisch.“

„Ein wenig?“, frage June. „Sie ist vollkommen durchgeknallt! Ich kann mir nicht vorstellen, wie es gewesen sein muss, von ihr großgezogen zu werden.“

Elmer lächelte beinahe wehmütig. „Es war, wie von einer Märchenprinzessin großgezogen zu werden.“

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