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Heiligenblut

Als Buch hier erhältlich:

Da, wo München richtig schwarz ist: ein toter Priester, dubiose Immobiliengeschäfte, das Verschwinden wertvoller Kirchenkunst, eine Frauenleiche im Säurebad. Ein neuer Fall für Mader, Hummel & Co., bei dem nur noch Beten hilft.

Wie's der Teufel will: Kaum hat Kriminalkommissar Hummel sein Sabbatical beendet, schon fällt ihm ein neuer Fall vor die Füße. Und zwar aus dem vierten Stock eines Rokoko-Palais in der Kardinal-Faulhaber-Straße, der schönsten Straße Münchens: ein Toter in schwarzer Soutane.
Klar, dass Hummels Chef Mader und sein Team erst mal auf eine Mauer des Schweigens stoßen: Der tote Priester war für den Verkauf des wertvollen Palais zuständig; dabei war er wohl jemandem im Weg. Als im Badezimmer seiner Zweitwohnung eine junge Frau tot in Beizlauge aufgefunden wird, spannen sogar Hummel, Mader & Co, dass der Gefallene ein gefährliches Doppelleben führte …


  • Erscheinungstag: 23.04.2024
  • Aus der Serie: Chefinspektor Mader, Hummel & Co.
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749907045
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Reini

Puder, Flocken, Sturm

Dächer, Giebel, Rathausturm

weiß zu grau und fein zu Matsch

Nieselregen, just a touch

unentschieden, Zwischenzeit

nicht mehr gestern, noch nicht heut

Ein paar warme Strahlen

wecken all die fahlen

Farben aus dem Winterschlaf

stellen die Konturen scharf

frischer Wind ist ein Versprechen

das gilt auch für Verbrechen

München bleibt ein guter Ort

für Gewalt und Raub und Mord

Heiligenblut ist nach Isartod und Die Schöne Münchnerin der dritte Kriminalroman in der Reihe der Münchner Ermittlungsgruppe rund um Kriminalrat Mader.

Karl-Maria Mader: Chef der Mordkommission I in München, Mitte fünfzig, Dackelbesitzer, wohnhaft im betonierten Neuperlach, liebt Frankreich, Cathérine Deneuve (Fernbeziehung, einseitig) und natürlich seinen Dackel Bajazzo.

Klaus Hummel mag Musik (Soul) und Krimis, fantasievoller Kriminalbeamter, unsterblich verliebt in die Kneipenwirtin Beate. Nach schwerem Bergunfall (»Die Schöne Münchnerin«) und vier Monaten Zwangspause jetzt wieder am Start. Auch bei seiner Zweitkarriere als Krimiautor. Er hat sich eine Literaturagentin gesucht und feilt am perfekten Exposé.

Frank Zankl ermittelt oft mit einer Prise zu viel Testosteron. Seit (erfolgreicher) Wunschkindbehandlung (»Isartod«) allerdings verträglicher, weil hormonsediert.

Dosi Roßmeier, das niederbayerische Gemüt der Münchner Kripo: loses Mundwerk, fintenreich. Klein, stark, rothaarig – »das Sams« (Zitat Zankl).

Rechtsmedizinerin Dr. Gesine Fleischer kümmert sich weiterhin hingebungsvoll um die Toten – in jeder Verfassung.

Dezernatsleiter Dr. Günther bewegt sich gerne in den gehobenen Münchner Kreisen. Kümmert sich vor allem um das gute Ansehen der Polizei in der Öffentlichkeit. Bussi!

Dr. Patzer ist zurück! Nach der Pleite mit dem bizarren Wellness-Bauprojekt ISARIA (»Isartod«) und verbüßter Haftstrafe (Stadelheim de luxe) sucht der Immobilienhai neue Aufgaben.

Notar Dr. Steinle, der Ex-Kompagnon von Patzer, ist das gut geschmierte Bindeglied zwischen High Society und Halbwelt.

Bajazzo ist und bleibt der klügste Dackel Münchens. Teilt mit Herrchen Mader so manche Ansichten und Brühwürfel. Hat den Überblick und zieht die Fäden im Hintergrund.

ENGELSFLÜGEL

Gehsteigplatten glänzen. Luft kühl und frisch. Die Tauben spüren es, vorher schon. Flügelschlag hallt durch die Straßenschlucht. Unwirklich blauer Himmel. Preußisch Blau. In München! Dottergelbe Türme der Theatinerkirche, Wetterfahnen grünspanig, federleicht im Wind. Kalte Sonne auf ehrwürdigen Fassaden und in hohen Fenstern. Schlagschatten – Simse, Erker, Dachvorsprünge. Hupen eines Kleinlasters vor blockierter Einfahrt, ein paar wenige Passanten. Bruder Wolfgangs erstaunt aufgerissene Augen. Keiner sieht ihn kommen. Dann der Knall. Als ob eine Melone platzt. Oder ein großes Glas Essiggurken. Hart und weich. Erstaunlich laut. Alle Aufmerksamkeit auf das schwarze Bündel. Ein Mensch? Ein Priester?

Blicke nun nach oben. Woher kam denn der geflogen? Im vierten Stock ein weißer Vorhang aus einem offenen Fenster. Engelsflügel. Unten: Schaulustige um das Bündel, rote Pfütze. Große Augen, bleiche Gesichter, Hände vor Mündern. Tauben wieder da. Picken Krumen aus dem Blut.

STUMMFILM

Gerlinde von Kaltern sieht auf ihre Zigarette. Die ist runtergebrannt, ohne dass sie noch einmal daran gezogen hätte. Die Chefin der Verlagsagentur Paperweight steht auf der kleinen Terrasse des Vortragssaals im Dachgeschoss des Literaturhauses, wo sie die erste Pause beim Marketingseminar für schnelle Nikotinaufnahme nutzen wollte. Aus der Entspannung wurde nichts. Gerade hat sie gesehen, wie schräg gegenüber ein Mensch rückwärts aus einem Fenster gestürzt ist. Wie in einem Film. Stummfilm – kein Schrei. Doch der Aufprall war bis hier oben zu hören. Entsetzt fragt sie ihre Mitraucherin: »Ist das gerade wirklich passiert?«

Die Frau ringt nach Fassung, nickt verwirrt. »Da war noch jemand am Fenster!«

Gerlinde von Kaltern ist sich nicht sicher, aber ja, könnte sein. Sie schnippt die Kippe in die Tiefe, geht in den Saal zurück und holt ihr Handy aus der Handtasche.

KNALLROT

Hummel ist am Marienplatz, als ihn der Anruf erreicht. Seine neue Literaturagentin. Aber sie ruft ihn nicht wegen seines Krimiprojekts an. Ein Notfall! In der Kardinal-Faulhaber-Straße wurde jemand aus dem Fenster gestoßen! Kein Unfall!

Als er nur fünf Minuten später dort eintrifft, sind schon ein Krankenwagen und ein Streifenwagen vor Ort. Sanitäter ratlos vor dem Bündel. Hier ist offensichtlich nichts mehr zu tun. Für letzte Hilfe sind sie nicht zuständig. Dafür müsste sich ein Bruder des abgestürzten Geistlichen einfinden. Bisher aber nur der Pförtner des kirchlichen Gebäudes. Der spricht mit einem der Streifenpolizisten. Der zweite hat alle Hände voll zu tun, die Schaulustigen halbwegs auf Distanz zu halten. Hummel zeigt seinen Dienstausweis und lupft das weiße Tuch. Nicht schön das Arrangement: verdrehter Körper, das Fruchtfleisch der Melone sternförmig am Pflaster. Roter Soßenspiegel. Hummel würgt kurz, lässt das Tuch sinken und sieht auf. Jemand winkt ihm aus der Menge der Schaulustigen.

»Hallo, Herr Hummel. Sie sind aber schnell!«, begrüßt ihn Frau von Kaltern.

»Die Polizei ist immer schnell. Was haben Sie gesehen?«

»Wie er aus dem Fenster gefallen ist. Ich war da oben.« Sie deutet zur Glasfront des Foyers beim Vortragssaal. »Ich besuche gerade ein Seminar zum Thema ›Die Bestseller von morgen‹. Sehr interessant.« Sie deutet auf den Toten. »Jetzt haben Sie einen neuen Fall! In einem illustren Milieu. Vielleicht können Sie was draus machen? Klosterkrimi, das wär doch was! Im Namen der Rose – auf bayerisch! Also im Namen der Loderhose. Haha!«

»Sie haben gesehen, dass ihn jemand gestoßen hat?«

»Nein.«

»Aber Sie sagten doch …?«

»Eine andere Teilnehmerin hat das gesehen. Warten Sie …« Sie sucht die Menge ab und deutet schließlich auf die Dame.

Hummel wird knallrot. Er seufzt und geht auf die Frau zu. »Hallo, Frau König«, begrüßt er seine ehemalige Verlegerin.

»Sieh an«, meint sie kühl, »Sie sind jetzt bei Paperweight

Er nickt schuldbewusst.

»Und – wie läuft es mit dem Schreiben?«, fragt sie.

»Sie haben gesehen, wie der Mann geschubst wurde?«

»Ich glaube, ich habe einen Arm gesehen. Aber da war auch der Vorhang. Doch, ich bin mir sicher, er wurde gestoßen.«

»Kein Gesicht?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Schade.«

»Wird das Ihr neuer Fall?«

»Sieht ganz danach aus.« Hummel greift zum Handy, um Mader anzurufen.

VON A NACH B

Manche Dinge sind ziemlich banal. Stellt man sich großartig vor, so Offenbarung, ein Leuchten, blitzartige Erkenntnis. Und dann ist es ganz einfach: eine graue Stahltür, das Summen eines elektrischen Türöffners, ein kurzer Druck gegen den Knauf, und du bist draußen.

Giesinger Himmel löwenblau. Der Duft von Benzin. Das Rauschen des Autoverkehrs eine Verheißung: Du kommst von A nach B. Wenn du willst. Keiner hält dich auf. Du musst dich nicht bewegen. Aber du kannst es. Es ist ein Angebot, eine Möglichkeit. Ja, das Leben hat ihn wieder. Fast ein Jahr musste er absitzen nach der Geschichte mit ISARIA, dem Wellness-Resort bei Grünwald. Dieser blöde Mader war schuld. Der hätte ihn am liebsten für Mord drangekriegt. Hätte. Aber die Sache mit der Wasserleiche und dem toten Italiener war so verzwickt gewesen, dass man ihm nichts nachweisen konnte. Logisch. Er ist ja kein Anfänger! Er ist Dr. Friedrich Patzer, Investmentgenie und Spezialist für komplexe Bauvorhaben. Gewohnt, mit harten Bandagen zu kämpfen. Aber dass man ihn dann wegen frisierter Buchhaltung verknackt, schon blöd. Passiert ausgerechnet ihm, der sich mit Finanzen bestens auskennt. Die Psychologie des Geldes, so der Titel seiner Doktorarbeit. Ja, die kennt er. Was aber nicht viel hilft, wenn man die Psychologie der Geschäftspartner falsch einschätzt. Sein Kompagnon Dr. Steinle hat sich elegant aus der Affäre gezogen, als es eng wurde. Na ja, hätte er genauso gemacht. Der Herr Notar, immer wichtig, mit den besten Verbindungen, stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Wäre nur gerecht gewesen, wenn die Cops auch bei ihm was gefunden hätten. Aber Steinle ist ein Aal. Wahrscheinlich würde er sich winden, wenn er in den Knast müsste. Er hingegen hat noch Eier in der Hose. Stadelheim war eine bereichernde Lektion. Manchmal weiß man erst, was wichtig ist, wenn man es nicht mehr hat. Die Möglichkeit, von A nach B zu gelangen zum Beispiel. Die Auszeit war die Chance für einen Perspektivenwechsel, für Muße, das Leben einmal zu überdenken, Ziele neu zu formulieren. Hat er gemacht. Jetzt will er wieder angreifen. Attacke!

Patzer überlegt. Taxistand. Nein. Bus? Nein. Er orientiert sich kurz: Giesing, München. Immer noch seine Stadt. Er atmet tief durch, dann schreitet er weit aus. Wieder Boden unter die Füße kriegen. Die Stadt zurückerobern.

Schwanseestraße runter, Chiemgaustraße, der dichte Verkehr am Ring, Giesinger Bahnhof. Weiter: dann Ostfriedhof und Nockherberg. An der Hochstraße macht er halt und sieht hinab auf die Stadt, seine Stadt. Olympiaturm unwirklich nahe. Davor Dom, Alter Peter, Rathaus, Patentamt. Vertrauter Anblick, den er in seinen Monaten in Stadelheim vermisst hat. Ein paar Gedanken: Einiges muss er grundsätzlich ändern, anderes nur besser machen, ein bisschen aufräumen. Dass seine Frau über alle Berge ist, soll ihm nur recht sein. Mit dem bürgerlichen Scheiß ist er fertig. Er wird die Scheidungspapiere unterschreiben. Aus die Maus. Und dann wieder ins Geschäft einsteigen, Gas geben! Patzer ist zurück! Der neue Patzer! Buh!

WURSTHAUT

Mader schüttelt Hummel herzlich die Hand. »Respekt, noch nicht mal im Büro, und schon ein neuer Fall.«

Hummel grinst schief. »Ich dachte, ich lass es mal langsam angehen.«

»Ist dir gelungen«, sagt Zankl.

»Hey, Hummel, oide Wursthaut!«, ruft Dosi, die gerade hereinkommt. »Wie geht’s dir?«

Sie umarmen sich. »Passt schon«, nuschelt Hummel.

»Und, was macht er?«, fragt Mader Dosi.

»Wer?«, fragt Hummel.

»Patzer«, erklärt Dosi. »Ist heute aus dem Knast. Ich hab ihn ein bisschen im Auge behalten. Ihr werdet lachen. Ist erst mal ganz brav zu Fuß durch Giesing marschiert, hat am Nockherberg die Aussicht genossen, dann mit der Tram zum Sendlinger Tor. Von da aus in ein Hotel in der Schillerstraße.«

»Schöne Gegend«, murmelt Zankl. »Erotronik – Stripschuppen und Elektronikläden. Na, für Ersteres hat er ja jetzt vielleicht erhöhten Bedarf.«

»Zumindest hat er nichts mit unserem Toten aus der Kardinal-Faulhaber-Straße zu tun«, sagt Hummel. »Wasserdichtes Alibi. Haben wir was Neues zu Bruder Wolfgang?«

»Gesine hat ihn gerade auf dem Tisch«, sagt Zankl.

KALTSCHALE

»Und, Dr. Fleischer, Auffälligkeiten?«, fragt Mader, als Gesine das Leichentuch weggezogen hat. »Nein. Genickbruch, Schädelbasisbruch – vorsichtig ausgedrückt. Das Gehirn war großflächig am Pflaster. Ist da drüben.«

Mader wirft einen flüchtigen Blick in die Kaltschale. »Hinweise auf Fremdverschulden?«

»Kann ich nicht sagen.«

»Wir haben Zeugenaussagen«, erklärt Mader Dosi, »zwei Frauen. Eine sagt, dass er gestoßen wurde. Nicht hundertprozentig, aber die Frau wirkt glaubwürdig. Hummel kennt sie.«

Hummel antwortet etwas zerknirscht: »Die beiden Zeuginnen sind meine Verlegerin und meine Agentin.«

»Uh, Agentin. Mein kleiner 007«, sagt Zankl.

»Genau. Jedenfalls hat mich meine Agentin Frau von Kaltern angerufen, und offenbar hat meine Verlegerin Frau König das mit dem Schubsen gesehen.«

»Eins ist bemerkenswert«, unterbricht Gesine das Geplänkel. »Die Rückseite des Toten.« Geschickt greift sie unter Hüfte und Schulter und dreht den Toten zur Seite, sodass sie den vernarbten Rücken sehen können. Eine Landkarte aus knotigem Gewebe. Bedrückt mustern sie das geschundene Fleisch.

»Er hat sich kasteit?«, fragt Mader.

»Vielleicht. Ich weiß es nicht. Die Narben sind jahrealt.«

TIPPTOPP

Der Hotelchef persönlich schiebt Patzer den doppelten Espresso über den Tresen. »Schön, dass du wieder draußen bist, Herby.«

»Kannst du laut sagen, Sammy. Danke für deine Hilfe.«

»Ist doch klar. Wenn du sonst irgendwas brauchst? Eine Dame?«

»Im Moment nicht. Danke. Wo ist der Aston Martin?«

»Steht in der Tiefgarage. Tipptopp. War sogar beim TÜV.« Er reicht Patzer die Autoschlüssel und die Papiere.

»Du bist ein echter Freund.« Patzer trinkt aus und geht zum Lift.

PSYCHO

Hummel steht auf dem Isar-Wehr beim Müllerschen Volksbad. Kleiner Stopp auf dem Heimweg, zum Nachdenken. Nach viermonatiger Pause hat er heute wieder zu arbeiten begonnen. Sein letzter Fall steckt ihm noch immer in den Knochen: der schwere Sturz beim Schachenhaus in den Bergen, die Chefin der Modelagentur Chris Winter, die ihn so arg hintergangen hat, und die vielen Toten, die sie auf dem Gewissen hat. Sein monatelanger Krankenhausaufenthalt hat aber auch gute Seiten gehabt: Beate hatte lange an seinem Krankenbett gesessen, bis er endlich aus dem Koma erwachte. Sie war die ganze Zeit da, als ich weg war, denkt er und lächelt. Chris Winter war nur eine kurzfristige Verwirrung. Sehr gut aussehend, klar, aber ein Herz schwarz und hart wie Kohle. Beate hingegen … Ach, Beate! Endlich ist sie sein. Und er hat eine steile Karriere hingelegt: vom Stammgast ihrer Musikkneipe Blackbox zum Lebensgefährten. Na ja, »Lebensgefährte« ist dann doch ein bisschen zu hoch gegriffen. Aber das ist zumindest sein Nahziel. Ihren Ex-Freund, den Testfahrer von BMW, hat Beate in die Wüste geschickt. Ja, den hat er offenbar ausgestochen. Charme, Witz, Humor – das ist seine Währung. Sonst gäbe es auch keinen plausiblen Grund für Beate, die Pferde zu wechseln. Zum Glück hat Liebe nichts mit Logik zu tun.

Hummel sieht auf die Isar und die Kiesbänke. Schon sehr viel passiert in letzter Zeit, in seinem Leben. Das er immer noch sortieren muss. Der Betriebsarzt hat zu einer langsamen Wiedereingliederung geraten. Das war auch die Botschaft der Polizeipsychologin: Erst mal nicht mehr als zwei Tage die Woche arbeiten. Und begleitende Therapie. »Mentale Hygiene« lautete das Resümee der Psychologin. Wie klingt denn das? Mentale Hygiene! Soll er jetzt sein eigener Facility Manager werden, mit Mopp und Wischlappen seine Seele schrubben? Ja, vielleicht sollte er das mal tun. Oder? Ach, er beschäftigt sich doch eh schon andauernd mit sich selbst. Würde das mit so einer Therapie nicht noch schlimmer werden? Er wollte die Psychologin nicht enttäuschen, also hat er zugestimmt. Wer weiß, wozu das gut ist.

In den letzten Monaten war ihm vor allem Bajazzo eine große Stütze. Dem musste er nichts erklären, der widersprach nicht, war einfach da. Und Mader war ganz froh, dass mal jemand anders mit Bajazzo Gassi geht. Bajazzos Zuneigung kann sich Hummel sicher sein, bei Beate ist das noch nicht ganz der Fall. Es hat sich so gut angelassen, aber jetzt ist gestern dieser blöde Testfahrer wieder auf der Bildfläche erschienen, hat in der Blackbox herumgesülzt, Beate ölige Komplimente gemacht. Dass sie diesen eitlen Deppen nicht einfach aus dem Lokal geschmissen hat, enttäuscht ihn schon etwas. Aber wenn Hummel ehrlich ist – es ist auch schwierig, so im direkten Vergleich: Der Typ sieht ziemlich gut aus, hat Kohle und Selbstbewusstsein, ist kein solches Komplexbündel wie er. Egal, er muss diese feindlichen Balzattacken als Herausforderung sehen. Ein Grund mehr, an sich zu arbeiten.

Hummel hebt einen Stock auf und wirft ihn in das gurgelnde Wasser. Der Stock dreht sich in den eisigen Fluten. Hummel sieht ihm eine Weile lang zu, dann geht er zur Museumsbrücke, biegt in die Lilienstraße ein. Er hat Hunger. Vielleicht will Beate ja zum Essen kommen? Er greift zum Handy.

PETIT BATEAU

»Frank, hier hast du deine Tochter, ich bin raus!«, sagt Jasmin, als er um 19 Uhr zu Hause eintrifft. Clarissas Schreien war bereits im Treppenhaus zu hören. Als es vor der Wohnungstür immer mehr anschwoll, hat Zankl kurz überlegt, einfach auf dem Absatz kehrtzumachen und Jasmin per Handy mit irgendwelchen Überstunden wegen des neuen Falls anzuschwindeln. Aber Jasmin riecht Ausreden hundert Meter gegen den Wind. Also Home sweet Home. Als ihm das Schluchzen von Clarissa nach Öffnen der Wohnungstür ungefiltert entgegenströmt, ist ihm schlagartig klar, wie wunderbar ruhig sein Arbeitstag war. Herrlich. Nun Feueralarm. Und das Zuschlagen der Wohnungstür kurz darauf bedeutet, dass Jasmin jetzt die Stille einer Stunde Rückbildungsgymnastik genießen kann und er ganz allein ist mit dem Problem auf seinem Arm. Wie stellt Jasmin sich das vor?! Dass er Clarissa die Brust gibt?

»Clarissa-Schatzi, Mausi, Dididudu, bist du müde, ja? Ja, du bist müde. Komm, schlaf Mausi, schlaf …«

Clarissas Wehklagen wird immer penetranter. Keine Chance. »Na gut«, sagt Zankl und geht ins Schlafzimmer, wo der BabyBjörn auf dem Wickeltisch liegt. Er riecht an Clarissas Windel, findet den Geruch akzeptabel und legt Clarissa ab. Sie schweigt und sieht mit großen Augen zu, wie er sich das Tragegestell anschnallt. Das klappt immer. Auch heute. Er bugsiert sie in die Stoffschlaufen, setzt ihr ein Mützchen auf und holt den weiten Wintermantel aus dem Schrank. Hat er nach vielen Jahren wieder in Betrieb genommen. Muffelt ein bisschen. Allerdings, was muffelt nicht zurzeit?

Clarissa schläft bereits im Treppenhaus. Er überlegt kurz, ob er einfach zurück in die Wohnung gehen, sich mit ihr aufs Sofa setzen und auf Sky Fußball schauen soll, verwirft den lukrativen Gedanken aber sogleich wieder. Das hat noch nie funktioniert. Also raus. Er geht zum Bavaria-Ring und sieht auf die dunkle Theresienwiese.

Dass ein Kind so anstrengend sein kann, hätte er nicht gedacht, hätten sie beide nicht gedacht. Na ja, Clarissa ist besonders anstrengend, so klein und zierlich, wie sie ist. Zwei Monate zu früh, und trotzdem alles dran. Ihre Stimme reicht für zwei. Als müsste sie die verpassten Monate durch Dezibel kompensieren und rausposaunen: »Ja, ich bin da!!!«

Jetzt schläft sie tief und fest. Zankl denkt über den heutigen Tag nach. Hummel ist zurück. Endlich. Zwar kommt er inzwischen mit Dosi ganz gut klar, aber Hummel als ausgleichendes Element hat gefehlt. Denn Dosi ist schon manchmal auf Krawall gebürstet. Er allerdings auch. Ach, ein bisschen Emotion gehört zum Geschäft. Er denkt an den toten Geistlichen, an die Striemen auf seinem Rücken und an dessen wenig auskunftsbereiten Kollegen in der Faulhaber-Straße, als sie gestern einen ersten Blick auf den vermeintlichen Tatort in Bruder Wolfgangs Büro geworfen haben. Vielleicht hat die Spurensicherung ja noch Überraschungen für sie parat. Morgen wird er sich mit Mader den Laden mal genauer ansehen.

Er überlegt, ob Clarissa eigentlich getauft werden soll. Vermutlich. Jasmin ist evangelisch und geht zumindest an Feiertagen in die Kirche. Er nicht. Er war katholisch und ist schon lange ausgetreten. Es gibt ja schon genug Katholiken ohne ihn. Was seine Mama niemals erfahren darf, da ist sie sehr konservativ. Seine Mama, jetzt Oma – wie sich Rollen ändern. Jasmin ist allerdings nicht so begeistert, dass Luise jetzt ständig bei ihnen anruft und unangekündigt vorbeischaut. »Mei, schau mal, Jasmin, was ich für einen entzückenden Strampler bei Petit Bateau gekauft habe. Clarissa wird fantastisch darin aussehen. Was haltet ihr davon, wenn ich sie euch heute Nachmittag entführe und mit ihr in die Hypo Kunsthalle gehe? Ein bisschen Frühförderung kann doch nicht schaden. Kinder sind ja so kreativ!«

Jetzt sieht er das Blaulicht. Der Polizeiwagen ist schnell. Die Ampel wird rot. Bitte nicht! Natürlich schalten die Polizisten das Martinshorn ein. Blöde Bullen! Clarissa lässt einen gellenden Schrei los.

FOREVER IN LOVE

Dosi wacht früh auf. Ihr Kopf brummt. Eins von den Augustinern gestern muss schlecht gewesen sein. Sie betrachtet Fränkis nackten Rücken. Viel dran ist nicht an ihm. »A Haring«, wie man in Niederbayern sagt – ein Hering, schmal und zäh. Aber der rote Engel mit den weiten Flügeln und den Teufelshörnchen am Kopf ist schon beeindruckend. Darunter in Fraktur: Forever in Love. Das Tattoo meint er durchaus wörtlich. Fränki wird sie nie wieder loswerden.Dosi-Schatzi, Dosi-Mausi, Dosi-Hasi … Aber da gibt es Schlimmeres. Und man sollte immer im Rahmen der eigenen Möglichkeiten bleiben, da ist sie ganz realistisch. Ihr Kopf dröhnt. Ein Kickerturnier unter der Woche ist einfach keine gute Idee. Sie fährt langsam mit dem Finger über Fränkis Rippenklavier und denkt an die Striemen bei der Leiche gestern. Was war der Grund dafür? Was Sexuelles, Sadistisches? Oder doch nur das Kasteien des sündigen Fleisches? Was ist heutzutage schon sündig? Na ja, diese Kirchenmänner haben sicher strenge Spielregeln. Fränki grunzt selig. Dosi deckt ihn ordentlich zu und klettert aus dem Bett. Sie setzt Kaffee auf und geht duschen.

GRÜBCHEN

Hummel wacht ebenfalls nicht alleine auf. Allerdings nicht in seiner Wohnung. Er sieht auf den wunderbaren langen makellosen Rücken von Beate, verliert sich in den beiden Grübchen oberhalb ihrer Pobacken. Sie ist so perfekt, denkt er. Nachdem sie die spontane Einladung zum Abendessen ausgeschlagen hat, ist er ohne große Hoffnung später noch in die Blackbox gegangen, hat still an einem Tisch gesessen, hat ein paar Bier getrunken. Beate hat Philly-Soul aufgelegt, klebrig süßes Zeug mit Streichern und Chören! Aber sehr inspirierend. Und da hat er spontan ein paar Zeilen auf seinen Bierdeckel geschrieben und ihr diese vorgetragen, nachdem der letzte Gast gegangen war. Beates Reaktion war überwältigend. Sie hat ihn geküsst – so intensiv, dass er sich geschämt hat, sich morgens das letzte Mal die Zähne geputzt zu haben. Und dann Wolke 7. Oder heißt das Wolke 9 wie in dem Song der Temptations? Stratosphäre jedenfalls.

Jetzt hat er einen wirklich üblen Geschmack im Mund. Er sieht auf die Uhr – uh, höchste Zeit, er muss ins Büro. Halb zehn ist sein Termin mit der Polizeipsychologin. Braucht er das wirklich noch? Er ist doch glücklich. Aber darum geht es ja nicht, sondern um seinen Job. Na ja, den neuen Fall hat er bisher ja ganz gut verdaut. Das hat ihn gestern selbst nach der langen Pause nicht aus der Bahn geworfen. Er geht ins Bad, drückt sich etwas Zahnpasta auf den Zeigefinger und reibt sich die Zähne ein. Dann nimmt er einen von Beates Lippenstiften und schreibt in großen Lettern ICH LIEBE DICH auf den Spiegel.

FAST PARIS

Was für ein herrlicher Tag!, denkt Mader, als er am Odeonsplatz aus der U5 steigt, um die letzten Meter zur Ettstraße zu Fuß zurückzulegen via Theatinerstraße, Kardinal-Faulhaber-Straße und Löwengrube. In der Faulhaber-Straße hat der nächtliche Regen die letzten Blutspuren vom Gehsteig gespült. Spontan entscheidet sich Mader, in dem kleinen Café schräg gegenüber dem kirchlichen Verwaltungsgebäude einen Kaffee zu trinken und ein Croissant zu essen. Ein kleines Bistro, das ihm gestern erstmals aufgefallen ist. Le bon matin. Sehr apart, sehr französisch, das Ambiente mit dem Duft von Kaffee und Gebäck, dem leisen Rascheln der Zeitungen der frühen Gäste. An der Wand ein altes Kinoplakat. Belle de Jour. Hallo, Cathérine! Mader fühlt sich beinahe wie im Urlaub. Er denkt an seinen letzten Trip nach Paris. Ein guter Polizist ist immer im Dienst, sagt er sich und beobachtet durchs Fenster, wer drüben bei den Schwarzröcken ein und aus geht. Viele Männer mit Aktenkoffern. Mal scharf geschnittene Businessanzüge, häufig aber der diskrete Charme offiziöser Pietät. Da gibt es bestimmt einen speziellen Herrenausstatter. Mader glaubt sich an einen kleinen Laden beim Dom erinnern zu können.

Er stutzt, als eine ihm bekannte Person zusammen mit einem Geistlichen aus dem Gebäude kommt. Dr. Steinle! Der Notar, der immer wieder seinen Weg kreuzt und bei ihm für Bauchschmerzen und für Ärger mit seinem Chef Dr. Günther sorgt. Steinle verkehrt in den gehobenen Kreisen Münchens, wo Günther auch gern mitmischen würde. Mader weiß, dass Steinle und Günther eine lockere Golfklubbeziehung pflegen. Allerdings ist Günthers Position zu Steinle eher die eines Caddies zu Bernhard Langer. Jetzt steuern Steinle und der Geistliche direkt auf das Café zu. Mader sieht sich um. Es ist einfach zu eng hier, um sich zu verstecken! Über Accessoires wie Sonnenbrille oder Hut verfügt er nicht. Schon öffnet sich die Tür. Mader schnappt sich die Zeitung vom Nachbartisch und entfaltet sie zu ganzer Größe. Le Figaro. Aktuell, wie er erfreut feststellen würde, wäre genug Muße für Lektüre. Er konzentriert sich nicht auf die Artikel, sondern darauf, was die beiden Caféhausgäste sagen. »Wird das Ableben von Bruder Wolfgang etwas am Lauf der Dinge ändern?«, hört er Steinles sonores Organ.

»Kaum. Er war zwar Projektleiter«, lautet die Antwort in zartem Moll, »aber nur ausführendes Organ. Die Leitung um Bruder Notkar wird das Angebot annehmen, das am attraktivsten ist und am besten mit den Interessen der Kirche korrespondiert. Da bleiben nicht viele Bewerber übrig. Und Sie sind dabei!«

»Das freut mich sehr. Es geht ja auch um ein Stück Münchner Geschichte.«

»Als neuer Projektleiter habe ich da durchaus Einflussmöglichkeiten.«

Mader lauscht angestrengt dem Gespräch über den Immobilienverkauf, in dem nur das Wort »Schmiergeld« fehlt.

»Das klingt doch sehr gut«, schließt Steinle. »Ich freue mich auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Oh, so spät schon. Bitte zahlen!«

Dann hört Mader nichts. Obwohl die beiden Herren noch da sind. Mader traut sich nicht, hinter der Zeitung hervorzulugen. Dann landet ein Keks auf dem Boden. »Da, Bajazzo, was Süßes. Und sag deinem Herrchen einen schönen Gruß.«

SHAOLIN

Als Mader im Präsidium eintrifft, ist seine schlechte Laune verflogen. War ja auch lächerlich. Er hat sich wie ein Schuljunge benommen. Oder eine Figur in einem Detektivroman für Kinder. Fehlten nur noch die Gucklöcher in der Zeitung. Er lacht. Günthers Nachfrage im Treppenhaus – »Was gibt’s Neues von den fliegenden Mönchen?« – hat er soeben cool mit »Shaolin gibt’s im Circus Krone« gekontert. Woraufhin Günther herzhaft gelacht hat. Das Niveau von Günthers Humor steht in diametralem Gegensatz zu seinem elitären Gehabe. Wobei? Ist das so? Eigentlich passt das. Denn Geschmack hat Günther nicht. Mader muss an die unterirdischen Lyrik-Events oder an die zähen Edelgastroabende denken, die er mit Günther bereits verbringen durfte – dienstlich natürlich.

Im Büro gibt er Zankl die Anweisung, sich schlau zu machen, was es mit dem Immobiliendeal und Steinle auf sich hat. »Und machen Sie uns bitte einen Termin bei diesem Abt Notkar, das ist der Chef bei den Paternostern. Wo ist denn Doris?«

»Beschattet Patzer.«

»Aber nur noch heute und morgen. Dann ist es gut. Vielleicht ist er ja nach seinem Gefängnisaufenthalt ein ehrbarer Bürger geworden.«

»Glaub ich nicht.«

»Und wo ist Hummel?«

»Bei Dr. Schaller.«

»Reden ist immer gut.«

ESTELLE

Hummel steht im Hof des Polizeipräsidiums und raucht. Er hat gerade die erste Sitzung mit der Polizeipsychologin hinter sich. Die nimmt einen ja regelrecht auseinander! Hat angefangen, in seiner Kindheit zu kramen, nach seinen Eltern gefragt. Warum die sich getrennt haben? Ob er die neuen Partner seiner Eltern kennt? Ob er sie mag? Nein, Zefix! Er mag sie nicht! Was hat das denn mit seinem Job zu tun?! Andererseits – es stimmt schon: Sein familiärer Hintergrund ist eine unaufgeräumte Großbaustelle, die er am liebsten zubetonieren würde. Nein, das hat er bereits getan. Vielleicht ist das tatsächlich das Problem: feine Risse im Estrich, aus denen ein unguter Geruch strömt. Ungesagtes, Enttäuschungen, Konflikte. Bestimmt hat das auch Auswirkungen auf seinen Arbeitsstil. Sein Handy klingelt. Er sieht auf das Display und nimmt hocherfreut den Anruf an. »Hey, du«, haucht er.

»Klaus, hast du eigentlich den Arsch offen? Was fällt dir ein, meinen Spiegel vollzuschmieren?«

»Ich, äh, Beate?«

»Mit meinem Lippenstift! Der ist von Estelle, der kostet schlappe 35 Euro!«

»35 Euro?!«

»Fünf-und-dreißig! In Worten!«

»Ein Lippenstift?«

»Ja, und?«

»Ein Lippenstift kann doch nicht 35 Euro kosten?«

»Wenn du einen String für 100 Euro kaufen kannst!«

Er lacht. Sie hängt ein.

BAVARIAN SHISHA

Dosi steht im Bavarian Shisha-Outlet in der Bayerstraße umgeben von Oktoberfest-T-Shirts, Schneekugeln mit Rathaus und Olympiaturm, Wasserpfeifen samt Zubehör und Komplettdirndlsets für sage und schreibe 49 Euro. »Nur heute«, steht auf dem zerknitterten Preisschild an einem schreiend pinken Jodel-Outfit. Dosis Blick ist starr durch das vollgestopfte Schaufenster nach draußen gerichtet. Der afrikanischen Verkäuferin mit ihrer eindrucksvollen Kopfbedeckung – bunter Bastkorb mit 40 Zentimetern Höhe, aus dem fein geflochtene Zöpfe wie Bohnenkraut wuchern – ist Dosis mangelndes Kaufinteresse egal. Sie plappert wie ein Wasserfall in ihr Smartphone in einer Dosi unbekannten Sprache.

Dosis Blick geht über die Straße. Patzer sitzt nur wenige Meter weiter an einem der hohen Tische im Bistrobereich des Fleming’s Hotels. Nicht allein. Mit einem anderen Anzugmenschen. Das Treffen sieht geschäftlich aus. Jetzt dreht sich Patzers Gesprächspartner in Dosis Richtung. Hey, den kennt sie doch! Das fleischige Gesicht, der kecke Oberlippenbart, die angeklatschten Haare. Woher nur? Vielleicht aus Passau? Die beiden scheinen sich prächtig zu amüsieren, denn sie lachen in einer Tour. Jetzt fährt draußen ein dicker schwarzer Mercedes vor, und die beiden verlassen das Lokal.

Dosi stürzt nach draußen, sieht gerade noch die Autonummer. Passauer Landnummer. Notiert. Im selben Moment fällt ihr ein, wer der Mann war. Der Chef des Bauunternehmens, das damals ihr Haus in Passau gebaut hat. In dem immer noch ihr Ex Eric sitzt. So, der Schmidhammer aus Untergrießbach hat jetzt einen Mercedes samt Fahrer. Das Geschäft läuft ja offenbar gut. Muss sie sich mal informieren, was der so genau treibt. Und was er mit Patzer zu schaffen hat.

SCHÄFCHEN

Bruder Notkar bittet die beiden Kriminaler, Platz zu nehmen. Harte Büßerstühle. Auch sonst ein recht karges Styling in Bürograu und -beige. Als einziges religiöses Insignium – mal abgesehen von Bruder Notkars Dienstkleidung – hat Mader ein kleines Kruzifix über der Tür entdeckt.

»Sie sind katholisch?«, fragt Notkar.

Mader nickt, Zankl fühlt sich ertappt und schüttelt den roten Kopf.

»Jedes verlorene Schäfchen ist willkommen«, sagt Notkar und lächelt. »Kleiner Scherz. Ihre Konfession geht mich nichts an. Und Sie sehen es vielleicht an unserem Ambiente – das könnte eine x-beliebige Amtsstube sein.«

»Welchen Dienstgrad, äh, welche Funktion haben Sie hier?«, fragt Zankl mit immer noch rotem Kopf.

»Ich bin Finanzdirektor. Ich koordiniere verschiedene Aufgabenbereiche, die ein vor allem wirtschaftliches Denken erfordern: Controlling, Haushaltsplanung, Portfolio- und Immobilien-Management.«

»Sagen Sie, kennen Sie Dr. Steinle?«, fragt Mader.

»Dr. Steinle. Aber ja! Wer in München mit Vermögenswerten – Geld, Aktien oder Immobilien – zu tun hat, kommt an Dr. Steinle nicht vorbei.«

»Machen Sie Geschäfte mit ihm?«

»Wir haben gelegentlich mit ihm zu tun, in seiner Funktion als Notar.«

»Wobei zum Beispiel?«

»Dazu kann ich nichts Näheres sagen. Außer es hätte etwas mit dem Ableben unseres Bruders Wolfgang zu tun.«

»Entschuldigen Sie, ich wollte nicht indiskret sein. Ich bin heute Morgen hier vorbeigekommen, da kommt Dr. Steinle gerade aus dem Gebäude.«

In Notkars Miene zeigt sich gar nichts. Mader wartet, ob da noch mehr Informationen kommen. Nein. Also fragt er: »Womit war Bruder Wolfgang denn hier so alles befasst?«

»Er war ebenfalls Verwaltungsfachwirt. Er kümmerte sich vor allem um unsere Immobilien. Viele unserer Liegenschaften haben übrigens keinerlei kirchliche Funktion: Mietshäuser, Büros und sogar eine Ladenpassage.«

»Hatte Bruder Wolfgang zurzeit irgendeine besondere Aufgabe?«

Notkar überlegt kurz, dann nickt er. »Momentan war er vor allem Projektleiter für den Verkauf dieser Immobilie.«

»Sie verkaufen dieses Haus?«, fragt Zankl.

»Ja, es wird eng hier. Wir haben bei Garching ein großes Gelände, da soll ein Neubau entstehen, in dem dann alle Ressorts Platz finden. Sie sehen ja selbst, hier ist alles ein bisschen unzeitgemäß.«

»War Steinle deswegen hier?«, fragt Mader dann doch.

Notkar lächelt. »Sie sind hartnäckig. Sprechen Sie mit Bruder Johannes. Das ist der Kollege von Bruder Wolfgang. Johannes leitet jetzt dieses Projekt.«

»Ja, das machen wir. Sagen Sie, was war Bruder Wolfgang für ein Mensch? Hatte er Feinde?«

»Nicht dass ich wüsste. Ein eher stiller Zeitgenosse. Kein Wort zu viel. Sehr gewissenhaft. Ein – wie soll ich sagen? – Erbsenzähler. Nein, doch, das trifft es ganz gut. Muss man wohl sein, wenn man Immobilien bewertet.«

»Hatte er Freunde?«

»Das wäre zu viel gesagt. Er war ein Einzelgänger. Aber auch hier: Am besten Sie sprechen mit Bruder Johannes.«

»Dürfen wir uns noch mal in Bruder Wolfgangs Büro umsehen?«

»Natürlich. Aber die Herren von der Spurensicherung haben es versiegelt.«

Mader lächelt.

»Gibt es denn Hinweise auf ein Fremdverschulden?«, fragt Notkar.

»Dazu kann ich noch gar nichts sagen.«

Notkar nickt verständnisvoll.

Mader und Zankl stehen auf.

»Warten Sie«, sagt Notkar und öffnet eine Schublade seines Schreibtischcontainers. Er holt etwas heraus und gibt es Bajazzo. Hundekeks. Er krault Bajazzo den Hals. »Ich hab auch einen Hund. Einen Spitz. Sehr lebhaft.«

»Und wo ist der jetzt?«, fragt Mader erstaunt.

»Bei meiner Haushälterin.«

MÄNNER

Als Dosi im Büro eintrifft, findet sie nur einen etwas derangierten Hummel vor. Wie ein Schilfrohr im Wind, der Gute. Auf den muss sie ein Auge haben. »Vielleicht solltest du doch noch nicht arbeiten«, meint sie.

»Was Privates.«

»So?«

»Ärger mit Beate.«

»Ach, dann ist’s ja gut.«

»Nichts ist gut.«

»So hab ich’s nicht gemeint.«

»Hast du eine Ahnung, wo ich einen Lippenstift von Estelle herkriege?«

Sie sieht ihn verwundert an. »Nein, aber wahrscheinlich bei Douglas. Welche Farbe?«

»Wie, welche Farbe? Rot natürlich. Gibt’s noch andere?«

»Männer!«, stöhnt Dosi.

HÄRTER

»Bei meiner Haushälterin«, äfft Zankl den Prälatensound nach.

»Jetzt seien Sie mal nicht so päpstlich, der war doch ganz in Ordnung. Das ist halt eine andere Welt.«

»Das können Sie laut sagen.«

Zankl und Mader haben das Büro im vierten Stock erreicht und durchtrennen das Siegel an der Tür von Bruder Wolfgangs Büro.

»He, das dürfen Sie nicht«, sagt ein Mann aus der offenen Bürotür von gegenüber.

Mader erkennt den Geistlichen als den Mann aus dem Café von heute Morgen wieder und lächelt. »Doch, wir dürfen das.« Er hält ihm den Dienstausweis hin.

»Meiser, Johannes Meiser«, stellt sich der Mann vor. »Schreckliche Geschichte. Ich war gestern nicht im Büro und habe es erst am Abend erfahren. Schrecklich!«

»Zankl, Sie sprechen bitte mit Herrn Meiser, ich sehe mich so lange noch mal im Büro von Bruder Wolfgang um.«

Mader betritt das Büro und schließt die Tür hinter sich. Er geht ans Fenster und öffnet es, sieht nach unten. Sehr tief. Er stellt sich ans Fenster. Der Sims ist hüfthoch. Da fällt keiner einfach so raus. Das hat er sich gestern schon gedacht. Wenn ihn jemand geschubst hat – wer und warum? Da sein Kollege von gegenüber gestern nicht da war, ist der leider uninteressant. Wieso leider? Weil er ihn heute Morgen mit Steinle gesehen hat? Ein Zusammenhang? Wenn die Immobilie zum Verkauf steht, ist es nur logisch, dass sich Steinle dafür interessiert. Wobei es schon erstaunlich ist, wie schnell Steinle über den plötzlichen Personalwechsel informiert ist. Der hat seine Fühler wirklich überall.

Mader setzt sich auf den Schreibtischstuhl und zieht die Schubladen des Containers auf. Stifte, Büroklammern, Tesa, Taschenrechner. Hat er gestern bei dem flüchtigen Blick durch Bruder Wolfgangs Habseligkeiten schon gesehen. Mader geht die Schubladen jetzt im Detail durch. Unter einem Stoß Druckerpapier findet er eine Hochglanzzeitschrift. Cover nach unten. Hinten eine ganzseitige Anzeige für Davidoff Cool Water. Er dreht die Zeitschrift nicht gleich um. Lässt seiner Fantasie freien Lauf: ein Herrenmagazin, Playboy oder gar was Härteres, ein Porno? Jetzt dreht er sie um: Der BOCK. Tatsächlich: ein Porno, ein Tierporno, eine Jagdzeitschrift mit künstlerischen Fotos von toten Tieren oder Tieren, die im nächsten Moment tot sein würden. Und mit stolzen, in prächtigem Grünbraun gewandeten Männern, deren kernige Blicke starr ins Unterholz gerichtet sind. Schuss und Gegenschuss. Jäger und Gejagte. Täter und Opfer. Preis 16,80 Euro. Mader blättert durch die Zeitschrift und hängt seinen Gedanken nach.

Sonst ist nichts Interessantes in den Schubladen. Mader betrachtet das Ölbild an der Wand. Ein Bergsee, eingerahmt von hohem Nadelwald. Hinter dem Schilfgürtel eine Hütte. Wie die Alpen sieht das nicht aus – eher Mittelgebirge. Mader macht mit dem Handy ein Foto von dem Gemälde. Denkt nach. Eine Jagdzeitschrift, Wald, Natur – merkwürdig für einen Kirchenmann. War Bruder Wolfgang ein Jäger, hatte der vielleicht sogar eine Jagdhütte? Konnte der sich so was leisten? Würden sie dort interessante Sachen finden? Er sieht zum Fenster. Wenn jemand Bruder Wolfgang aus dem Fenster gestürzt hat, im Affekt oder kühl geplant? Der Täter ist hier aus dem Gebäude. Höchstwahrscheinlich. Ohne Termin kommt man hier nicht rein. Alle Besucher müssen sich an der Pforte anmelden. Was kann der Grund für eine solche Tat sein? Der Immobilienverkauf? Geht es um Einflussnahme, Schmiergeld? Mader zuckt mit den Achseln und geht zu Zankl, der immer noch im Büro des einstigen Kollegen sitzt.

»Hatte Bruder Wolfgang eine Jagdhütte?«, platzt Mader ins Gespräch.

»Eine was?«

»Eine Jagdhütte.«

Bruder Johannes lacht auf. »Was glauben Sie, verdienen wir hier – sicher nicht mehr als Sie. Haben Sie eine Jagdhütte?«

»In seiner Schreibtischschublade lag ein Jagdmagazin.«

»Ich lese das Oldtimer-Magazin. Fahre ich deswegen einen Oldtimer? Nein, ich fahre einen VW Jetta.«

»Gute Wahl. Und das Bild in seinem Büro?«

»Irgendein Alpenkitsch.«

»Also kein Jäger?«

»Waffen und ein Mann der Kirche? Wie passt das zusammen?«

Mader lüpft seine Jacke, damit Bruder Johannes seine Waffe sehen kann. »Ich bin katholisch.«

Bruder Johannes grinst irritiert.

Mader fährt fort: »Was wissen Sie über Bruder Wolfgang? Hobbys, Freunde, Vorlieben, Musik, gutes Essen?«

Bruder Johannes schüttelt den Kopf. »Nein, ich weiß eigentlich gar nichts über ihn. Er war sehr für sich. Klar, wir sprachen über die Arbeit. Er war ein Aktenfresser und ein harter Rechner.«

»Ein Erbsenzähler.«

»Ja, wenn Sie es so nennen wollen. Er wollte die Immobilie unbedingt zum bestmöglichen Preis verkaufen.«

»Hatten Sie deswegen Streit?«, fragt Zankl.

»Wie meinen Sie das?«

»Na, wenn Sie das so betonen. ›Bestmöglich‹?«

»Nun ja, Geld ist nicht alles. Finde ich. Ich habe schon den Wunsch, dass ein Stück Münchner Geschichte – und das ist diese Immobilie – im Kern bewahrt bleibt und nicht an irgendwelche ausländischen Heuschrecken verkauft wird.«

»Darum Dr. Steinle«, sagt Mader.

Johannes sieht ihn erstaunt an.

»Die Polizei sieht alles.«

Johannes nickt. »Ja, es gibt auch eine Münchner Bietergruppe, die Dr. Steinle vertritt.«

»Und andere Interessenten?«

»Eine ganze Reihe, aber für die meisten ist es aussichtslos. Vom Volumen her. Außer für eine italienische Gruppe. Die haben ein interessantes Mischkonzept: Konsum und Kultur. Die Italiener haben ebenfalls ein sehr gutes Angebot abgegeben.«

»Details?«

»Kann ich Ihnen nicht geben. Das ist intern. Ich habe jetzt schon zu viel gesagt. Und ich glaube auch nicht, dass das etwas mit Bruder Wolfgangs Tod zu tun hat.«

»Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Kannte noch jemand von den Kollegen ihn näher?«

»Nein. Nicht wirklich. Wie gesagt, Wolfgang war sehr für sich.«

MAX WEBER

»Die sind doch alle nicht ganz knusper«, sagt Zankl, als sie draußen auf der Straße stehen.

»Wie meinen Sie das?«, fragt Mader.

»Na ja, denen muss man alles aus der Nase ziehen. Und richtig betrübt sind sie auch nicht über das Ableben ihres Bruders. Vielleicht sind die schon so auf Himmelreich gepolt, dass sie es nicht mehr so tragisch nehmen, wenn hier einer den Löffel abgibt.«

»Kommen Sie, wir gehen noch einen Kaffee trinken. Da drüben gibt es ein nettes Café.«

»Da trink ich dann einen Pharisäer.«

»Sie Witzbold. Nicht, dass Sie enttäuscht sind – ein französisches Café.«

»Oh, là, là.«

Zankl checkt sein iPhone. »Hummel. Er hat rausgefunden, dass Bruder Wolfgang nicht nur die kleine Dienstwohnung in der Rochusstraße bewohnt hat. Es gibt noch eine andere Adresse. An der Kreppe 7. Haidhausen. Beim Max-Weber-Platz.«

»Das schauen wir uns nachher an.«

»Soll ich Hummel Bescheid geben?«

»Ja, aber er soll Innendienst machen. Immer schön langsam. Und wir trinken jetzt erst mal Kaffee. In dem Bistro hab ich heute Morgen Bruder Johannes mit Dr. Steinle gesehen. Vielleicht weiß der Wirt ja, ob Bruder Wolfgang da ebenfalls mit Geschäftsfreunden verkehrte.«

AUSFLIPPEN

Hummel ist beleidigt, dass sie ihn nicht dabeihaben wollen. Glauben wohl, dass sie ihn schonen müssten. An der Kreppe. In seinem Viertel. Tja. Er überlegt. Warum war Bruder Wolfgang an zwei Adressen gemeldet? Hat er ein Doppelleben geführt? Mit einer Frau? Hat man alles schon gehört. Oder hat er eine künstlerische Ader? Dort gibt es nämlich Ateliers.

»Was grübelst du?«, fragt Dosi.

»Ach nichts. Was macht Patzer?«

»Ich weiß es nicht. Er hatte einen Geschäftstermin. Mit einem Mann, den ich aus Passau kenne. Schmidhammer. War früher ein kleiner Bauunternehmer und hat heute einen Riesenladen. Ich hab’s gerade recherchiert. Vor allem Fertigteile aus Beton. Ich frag mich, was die Burschen aushecken.«

»Vielleicht was bauen? Du wirst es rauskriegen. Sag mal, würdest du auch so ausflippen wegen einem Lippenstift?«

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