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Heißkalte Rache

Nach einem dramatischen Vorfall, bei dem sein bester Freund getötet wurde, hat Bo Ruskin sich geschworen, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. Doch nun braucht ausgerechnet Rachael seine Hilfe - die Witwe seines Freundes und die Frau, die sein Herz schneller schlagen lässt. Er muss sie nicht nur vor dem russischen Gangsterboss beschützen, der es auf ihr Leben abgesehen hat. Sondern auch vor der Wahrheit über das, was in jener Nacht geschah, in der ihr Mann starb …
  • Erscheinungstag: 01.09.2015
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956494581
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Linda Castillo

Heißkalte Rache

Aus dem Amerikanischen von Ivonne Senn

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der Harper Collins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Operation: Midnight Cowboy

Copyright © 2007 by Linda Castillo

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold& gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Thorben Buttke

Titelabbildung: Thinkstock/Getty Images, München

Autorenfoto: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN eBook 978-3-95649-458-1

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

PROLOG

Dieses Mal würde man sie umbringen.

Der erste Schuss hinterließ ein daumengroßes Loch in der Seitenscheibe direkt neben ihr. Rachael Armitage riss das Lenkrad nach rechts herum. Der Mustang kam auf der regennassen Straße ins Schlingern, doch sie steuerte dagegen. Sobald die Reifen wieder Grip hatten, trat sie aufs Gas.

Es war mindestens ein Wagen hinter ihr. Vielleicht auch zwei. Die Männer darin waren vermutlich bis an die Zähne bewaffnet. Der Fahrer war gut. Er wusste, wann er näher kommen konnte und wann er etwas Abstand lassen musste. Aber sie war besser. Sie hoffte nur, dass ihr Wagen auch über die nötigen PS verfügte, um es zu beweisen.

Ohne ihren Blick vom Rückspiegel zu lösen, lenkte sie den Mustang durch die enge Kurve. Das Heck brach aus, aber sie behielt die Kontrolle. Die Scheinwerfer hinter ihr verschwanden. Als die Straße wieder gerade wurde, drückte Rachael das Gaspedal durch. Doch sie wusste, ihre Verfolger würden nicht aufgeben.

Sie streckte die Hand nach ihrer Tasche aus und kippte deren Inhalt auf den Beifahrersitz. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie lieber nach dem Handy oder nach ihrer Beretta greifen sollte, entschied sich dann aber fürs Telefon.

Gerade als sie es aufklappte, flammten im Rückspiegel erneut Scheinwerfer auf. Fluchend drückte sie mit dem Daumen die Kurzwahltaste. Der Wagen kam erstaunlich schnell näher. Zu schnell. Zu nah. Es klingelte einmal. Zweimal.

„Komm schon“, rief sie.

In dem Moment, wo sie einen Stoß gegen ihr Heck abbekam, meldete sich endlich jemand. „Kennnummer und Code bitte.“

„Hier ist Alpha zwei-vier-sechs. Code Red.“ Rachael schaute nach links und sah eine dicke Chromstoßstange, die nur wenige Zentimeter von ihrem Fenster entfernt war. „Verdammt.“

„Wie lautet Ihre Position, Alpha?“

Sie wusste, dass der Wagen sie gleich rammen würde, deshalb stieg Rachael fest auf die Bremse. Doch sie war nicht schnell genug. Der große SUV scherte aus, und seine Vorderpartie stieß so hart mit dem Mustang zusammen, dass es ihr das Handy aus der Hand schlug und die Reifen kreischend ihren Halt verloren.

Gekonnt steuerte sie dagegen, doch als sie den Wagen endlich wieder unter Kontrolle hatte, klopfte ihr Herz wie ein Presslufthammer. Adrenalin schoss heiß durch ihren Körper. Das war knapp, dachte sie. Diese Jungs waren gut. Vermutlich Profikiller. Sie hatten schwerere, schnellere Wagen. Größere Waffen. Aber weniger hätte sie von dem Mann auch nicht erwartet, dessen einzige Aufgabe im Leben es war, dass sie einen verfrühten Tod starb.

Sie hätte Cutters Rat befolgen und den Learjet nehmen sollen. Doch Rachael war noch nie gut darin gewesen, Ratschläge anzunehmen.

Vor sich sah sie den gelblichen Schimmer von Chicagos nördlichen Vororten über den Bäumen. Sie kannte diese Straße nicht, wusste nicht, wo sie hier Zuflucht finden könnte. Wo, zum Teufel, war die Polizei, wenn man sie mal brauchte?

Der zweite Schuss schlug in die Windschutzscheibe. Das Sicherheitsglas hielt, aber kleine Splitter regneten wie Graupel auf sie nieder. Ein großkalibriges Projektil mit hoher Geschwindigkeit. Wenn sie durch den Motor geschossen hätten, könnte sie ihr kleines Wettrennen hier vergessen.

Der Wind heulte durch das Loch in der Frontscheibe. Kalte Nachtluft griff mit eisigen Fingern nach ihr. Doch es war nicht die Kälte, die ihre Hände am Lenkrad zittern ließ. Ein Blick auf den Tacho verriet ihr, dass sie beinahe hundert Meilen pro Stunde fuhr. Das war selbst unter besten Bedingungen eine gefährliche Geschwindigkeit. Mitten in der Nacht auf nasser, kurviger Straße war es einfach nur leichtsinnig.

Aber leichtsinnig war Rachael schon immer gewesen.

Jede Nervenbahn in ihrem Körper zuckte, als hinter ihr ein weiteres Paar Scheinwerfer auftauchte. Sie trat das Gaspedal ganz durch, doch der V8-Motor des Mustangs hatte seine Leistungsgrenze bereits erreicht. Das zweite Auto fuhr neben sie. Ein großer Geländewagen.

Der Bullenfänger rammte ihre Fahrertür. Stahl kreischte und stöhnte, als die Fahrzeuge sich ineinander verhakten. Rachael trat auf die Bremse, doch wieder zu spät. Der Mustang schlitterte auf die Leitplanke zu. Funken stoben, als Stahl an Stahl entlangschrammte. Sie versuchte mit allen Mitteln, den Wagen zurück auf die Straße zu lenken, aber der Geländewagen neben ihr war zu schwer und sie fuhr zu schnell.

In einem letzten, verzweifelten Versuch, das Auto davon abzuhalten, die Leitplanke zu durchbrechen und die Böschung hinunterzurasen, riss sie das Lenkrad scharf nach links. Der Geländewagen war darauf vorbereitet und rammte sie noch einmal. Der Aufprall ließ den Mustang schlingern. Rachael wurde hart nach rechts geworfen. Ihr Wagen prallte von der Leitplanke zurück und fing an, sich zu drehen.

Sie kämpfte mit dem Lenkrad, um die Kontrolle zurückzuerlangen, doch diese Schlacht würde sie verlieren. Aus dem Augenwinkel erhaschte sie einen Blick auf Scheinwerfer. Auf Bäume, die sich gegen den Nachthimmel abhoben. Auf die Lichter von Chicago, die sich in der zersplitterten Windschutzscheibe brachen. Sie war sich vage bewusst, dass ihr Handy und ihre Waffe zu Boden glitten.

Der Wagen drehte sich wie in Zeitlupe. Als er gegen die Leitplanke auf der anderen Straßenseite prallte, wurde sie in ihren Sicherheitsgurt gepresst. Das Geräusch von splitterndem Holz klang wie ein Schuss. Der Airbag ging auf. Dann überschlug sie sich wieder und wieder.

Rachael versuchte, ihr Gesicht und ihren Kopf zu schützen, doch der Fall die Böschung hinunter war erschreckend heftig. Trotz des ausgelösten Airbags knallte ihre Wange so hart gegen das Lenkrad, dass sie einen Moment lang drohte, ohnmächtig zu werden. Glas zerbarst, als sie seitlich mit dem Kopf gegen die Scheibe in der Fahrertür knallte. Das Auto überschlug sich schlimmer als eine außer Kontrolle geratene Achterbahn auf dem Jahrmarkt.

Nach allem, was sie durchgemacht hatte – nach allen Risiken, die sie eingegangen war –, konnte sie nicht glauben, dass ihr Leben so enden sollte. Mitten in der Nacht auf irgendeiner Landstraße durch die Hände irgendwelcher gesichtsloser, namenloser Verbrecher, die sie nicht einmal kannte. Sie hatte sich immer vorgestellt, mit fliegenden Fahnen unterzugehen – und wenigstens einen von ihnen mitzunehmen.

Sie dachte an Michael. An all die Zeiten in den letzten zwei Jahren, in denen sie nichts mehr gewollt hatte, als aufzugeben und sich zu ihm zu legen. Sie fragte sich, ob das jetzt der Moment war. Ob die neun Leben, die sie immer geglaubt hatte, zu besitzen, jetzt endlich aufgebraucht waren.

So plötzlich, wie der Wagen außer Kontrolle geraten war, so plötzlich lag er jetzt still. Rachael fand sich kopfüber in ihrem Sitz hängend wieder, nur gehalten von ihrem Sicherheitsgurt. Ihr erster Gedanke war, dass sie noch lebte. Sie fühlte sich allerdings wie windelweich geprügelt und hörte sich selber nach Luft schnappen. Ihre Erleichterung hielt jedoch nicht lange an, als sie das Geräusch einer Kugel hörte, die nur wenige Zentimeter neben ihrem Kopf das Blech des Wagens durchbrach. Sie konnte nicht glauben, dass sie immer noch auf sie schossen. Es war an der Zeit, zu verschwinden.

Sie nahm sich kurz Zeit, um festzustellen, wie schwer sie verletzt war. Ein dumpfer Schmerz pochte in ihrer linken Schulter. Und sie war ziemlich sicher, dass die Wärme, die sie auf ihrer linken Gesichtshälfte spürte, vom Blut kam. Doch sie hatte keine Zeit, verletzt zu sein. Sie wusste, diese Männer waren noch lange nicht fertig mit ihr. Wenn sie am Leben bleiben wollte, würde sie sich aus dem Auto schleppen und einen Fluchtversuch starten müssen.

Ein Stöhnen entwich ihr, als sie nach dem Schloss des Sicherheitsgurts griff, um ihn zu lösen. Der Schmerz schoss von der Schulter in ihren Ellbogen, doch davon ließ sie sich nicht aufhalten. Der Drang, überleben zu wollen, überlagerte den Schmerz. Den Verletzungen würde sie sich später widmen.

Mit einem Klicken löste sich das Gurtschloss. Die Schwerkraft ließ Rachael hart auf das Lenkrad fallen. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie, in der Dunkelheit ihr Handy oder ihre Waffe zu ertasten. Das Handy lag auf dem, was vom Armaturenbrett übrig geblieben war, die Beretta fand sie direkt neben dem zerborstenen Deckenlicht. Sie steckte sich beides in den Bund ihrer Jeans und hievte sich aus dem Fenster auf der Beifahrerseite.

Winzige Glassplitter schnitten ihr in die Haut, als sie durch die schmale Öffnung kroch. Zwei weitere Schüsse hallten durch die Nacht. Der Mustang war auf dem Dach gelandet. Aus dem Unterboden kroch zischend Rauch hervor, und unter der Motorhaube flackerte ein kleines Feuer.

Sie rappelte sich auf. Ein leichter Schwindel packte sie, dann pendelte die Welt sich wieder ein. Um sie herum war nichts mehr von der brutalen Kraft zu sehen, die nur wenige Sekunden zuvor hier gewütet hatte. Das einzige Geräusch kam von einem langsam rotierenden Reifen und dem Zischen des Rauchs. Dann hörte sie das Zirpen der Grillen. Das Bellen eines Hundes.

Stimmen durchschnitten die Stille. Rachael schaute zur Straße hinauf, die über ihr lag. Ein frischer Schwall Adrenalin rauschte durch ihre Adern, als sie vier Männer erblickte. Im Licht der Scheinwerfer ihrer Wagen machten sie sich an den Abstieg die Böschung hinunter. Mindestens zwei von ihnen waren mit Pistolen bewaffnet, die anderen beiden trugen Gewehre. Ganz kurz fragte sie sich, ob sie wohl auch mit Nachtsichtgeräten ausgestattet waren.

Hartnäckige Mistkerle, dachte sie und setzte sich humpelnd in Bewegung. Sie müsste nur die Bäume erreichen, die knapp zehn Meter von ihr entfernt standen. Ihr Knie protestierte, als sie in einen leichten Trab verfiel, doch davon ließ sie sich nicht zurückhalten.

Als sie in den Schutz der Bäume eintauchte, erschollen hinter ihr laute Rufe. Die Männer waren beim Auto angekommen und hatten entdeckt, dass sie fort war. Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte sie diesen Augenblick vermutlich genossen. Es gab nichts, was sie mehr liebte, als solch einen Abschaum wie diese Kerle zu überlisten. Aber noch war sie nicht in Sicherheit.

Sie zog das Handy aus dem Hosenbund und drückte den Kurzwahlknopf für die Krisenhotline der MIDNIGHT Agency. Der Vermittler meldete sich nach dem ersten Klingeln. Atemlos nannte Rachael ihren Namen, den Code und ihre Koordinaten. Die Stimme sagte ihr, dass ein Helikopterteam auf dem Weg wäre, voraussichtliche Ankunftszeit in fünfundzwanzig Minuten. In diesem Moment kamen ihr fünfundzwanzig Minuten wie ein ganzes Leben vor. Rachael wusste nur zu gut, was in dieser Zeitspanne alles passieren konnte.

Als sie das Handy wieder im Hosenbund verstaute, betete sie dafür, lange genug zu überleben, um den Treffpunkt zu erreichen.

1. KAPITEL

„Willst du mir verraten, warum ich hier bin?“ Bo Ruskin rieb sich mit der Hand über sein stoppeliges Kinn. Nach dem nächtlichen Flug von seiner außerhalb von Cody, Wyoming, liegenden Ranch zu dem kleinen, geheimen Landeplatz in der Nähe von Washington, D. C., der exklusiv von der CIA und seiner weniger bekannten Unterabteilung MIDNIGHT Agency genutzt wurde, hatte er noch keine Zeit gehabt, sich zu rasieren.

Der Anruf war um kurz vor elf Uhr nachts gekommen – ein Zeitpunkt, zu dem Anrufe meistens nichts Gutes bedeuteten. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass der Leiter der Agency, Sean Cutter, ihm diese Befürchtung gleich bestätigen würde.

„Du musst mir einen Gefallen tun“, sagte Cutter.

Sofort schrillten alle Alarmglocken in Bos Kopf. Er kannte Sean Cutter und dessen Gefallen. „Scheint sich ja um was Großes zu handeln, wenn du mich so kurzfristig und ohne eine Erklärung hier einbestellst.“

Cutter blieb vor einer großen Mahagonitür stehen, auf der in goldenen Lettern Konferenzraum stand, und drückte sie auf. „Setz dich.“

Bo nahm den langen, glänzenden Konferenztisch und die hochlehnigen, lederbezogenen Stühle nur am Rande wahr. Er setzte sich auf den Stuhl, der der Tür am nächsten stand, denn er war sich ziemlich sicher, diesen Raum innerhalb der nächsten Minute wieder zu verlassen.

Cutter setzte sich ans Kopfende. „Eine meiner Agentinnen braucht ein sicheres Haus und Schutz.“

„Dann steck sie ins Zeugenschutzprogramm“, erwiderte Bo wie aus der Pistole geschossen.

„Du bist dir bestimmt bewusst, dass Ian Rasmussen vor zwei Monaten die Datenbank des Zeugenschutzprogramms gehackt hat. Wir haben sie immer noch nicht wiederhergestellt, Bo. Achtzig Prozent unserer sicheren Häuser sind aufgeflogen. Sechs hochkarätige Zeugen wurden ermordet. Ein Dutzend Anklagen, in denen seit Jahren ermittelt wurde, sind zusammengebrochen.“

„Klingt, als hättest du ein Problem.“

Der Muskel in Cutters Kiefer zuckte. „Ich brauche deine Hilfe.“

„Ich bin seit zwei Jahren nicht mehr dabei. Ich bilde jetzt Pferde aus, um Himmels willen. Ich habe kein Gewehr mehr in der Hand gehabt, seit …“ Bo brach ab. „Tut mir leid, ich bin nicht interessiert.“

„Du warst ein verdammt guter Agent, Bo.“

„Alle deine Agents sind gut.“

„Aber keiner von ihnen besitzt eine sechshundert Hektar große Ranch mitten im Nirgendwo.“

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schwall kaltes Wasser. „Du willst, dass ich jemanden auf meiner Ranch verstecke.“

„Du stehst doch nicht in den Papieren dafür, oder?“

Nein. Nichts, was er besaß, lief auf seinen Namen. Das war der Preis, den man als ehemaliger Agent zu zahlen hatte. Denn wenn Bo Ruskin eines war, dann vorsichtig. Das hatte er auf die harte Tour lernen müssen.

„Nachdem ich die Agency verlassen habe, habe ich eine Gesellschaft gegründet. Mein ganzer Besitz ist unter dem Namen Dripping Springs Cattle Company registriert.“

Cutter nickte. „Ich kann mit meinem Problem nicht zu jedem gehen, Bo. Es gibt gewisse Risiken. Große Risiken. Du bist einer der fähigsten Männer, die ich kenne.“

„Was für Risiken.“

„Es wurde ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt.“

„Ein Kopfgeld?“, wiederholte er ungläubig.

„Ehrlich gesagt sogar zwei.“

„Das klingt, als würde sie Ärger anziehen.“

„Lass es mich so ausdrücken: Sie hat keine Angst, sich die Hände schmutzig zu machen.“

„Cutter, ich bin sicher, es gibt einen Notfallplan für diese Art von Situationen.“

„Du bist mein Notfallplan.“

Bo fluchte. „Also was hat sie getan? Wen hat sie gegen sich aufgebracht?“

Cutter beugte sich vor, als hätte er Angst, dass ihn selbst in den sicheren Wänden der MIDNIGHT Agency jemand belauschen könnte. „Sie hat Viktor Karas‘ Sohn erschossen.“

Die Worte hallten nach wie ein Schuss in der Stille. Einen Moment lang war das einzige Geräusch das Summen der Heizung aus den Lüftungsschlitzen in der Decke.

„Karas will sie tot sehen“, fuhr Cutter fort. „Ich muss dir nicht erzählen, wozu dieser Mistkerl fähig ist.“

Alleine den Namen zu hören reichte schon, dass sich Bo die Nackenhaare sträubten. Viktor Karas führte eines der brutalsten Verbrechersyndikate der Welt. Waffen. Drogen. Prostitution. Das Letzte, was Bo gehört hatte, war, dass Karas versuchte, Atomsprengköpfe für eine Terrorgruppe zu organisieren.

„Es war Notwehr“, fügte Cutter hinzu. „Ihre Deckung war aufgeflogen. Danach brach die Hölle los. Es gab einen Schusswechsel.“ Er zuckte die Schultern. „Nikolai Karas hat eine Kugel in den Kopf bekommen.“

Bo verspürte kein Mitleid. Viktor Karas‘ Brutalität und Hang zu Gewalttätigkeit kannte keine Grenzen. Er hatte im Laufe der Jahre mehr als nur einen guten Mann getötet. Wer auch immer die Verantwortung für den Schutz dieser Frau übernahm, würde sich und jeden, den er kannte, in große Gefahr bringen.

„Karas hat der MIDNIGHT Agency mehr oder weniger offen den Krieg erklärt“, fuhr Cutter fort.

„Bist du vor ihm sicher?“

„Ich habe das beste Sicherheitsteam der Welt.“ Wieder zuckte er mit den Schultern. „Jeder Mitarbeiter bis hinunter zum Putzteam ist bis ins Kleinste durchleuchtet worden. Um die Agency mache ich mir keine Sorgen. Wohl aber um diese Agentin.“

„Wer ist sie?“, wollte Bo wissen.

„Du kennst sie.“

Bo wartete. Tief in seinem Inneren wusste er, dass ihm das, was er jetzt zu hören bekäme, gar nicht gefallen würde.

„Rachael Armitage“, sagte Cutter.

Armitage.

Der Name traf ihn mit der Wucht eines Fausthiebs in den Magen. Vor zwei Jahren war Michael Armitage sein bester Freund gewesen. Sie hatten gemeinsam die Polizeischule besucht. Waren Cops in den üblen Straßen von Washington, D. C. gewesen. Waren gemeinsam zur MIDNIGHT Agency gewechselt. Hatten undercover gearbeitet und einige der umfangsreichsten und gefährlichsten Einsätze in der Geschichte der Agency geplant und durchgeführt. Dann war Michael getötet worden und hatte seine Frau im Alter von siebenundzwanzig Jahren zur Witwe gemacht. Bo hatte danach den einzigen Beruf aufgegeben, den er je gekannt hatte.

„Ich bin nicht interessiert“, hörte er sich selber sagen.

„Sieh mal, ich weiß, dass Michael und du Freunde waren.“

„Wir waren mehr als Freunde. Verdammt, du weißt genau, was passiert ist.“

„Ich weiß aber auch, dass es nicht deine Schuld war.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte Bo den Wunsch, wegzulaufen. Gott wusste, wie gut er darin war. Er wollte aus diesem Konferenzraum stürmen und nach Wyoming auf seine Ranch und zu seinen Pferden zurückkehren. Das war der einzige Ort auf der Welt, an dem er atmen konnte. Wo er nicht darüber nachdenken musste, was vor zwei Jahren geschehen war …

„Wenn ich dich nicht überzeugen kann“, sagte Cutter, „dann vielleicht ja das hier.“

Mit klopfendem Herzen schaute Bo zu, wie Cutter eine dünne Mappe aufschlug und ihm ein paar Fotos über den Tisch zuschob. „Das hier tut Karas den Menschen an, die ihm in die Quere kommen.“

Bo wollte nicht hinsehen, doch er tat es trotzdem. Genau wie Cutter vorausgesehen hatte. Er sah grauenhafte Bilder, die ihn weit mehr verstörten, als er zugeben wollte. „Du warst schon immer ein manipulativer Mistkerl.“

Cutter versuchte nicht einmal, beleidigt auszusehen. „Das bin ich immer noch.“

„Ja, nur dieses Mal funktioniert es nicht.“ Bo stand so abrupt auf, dass sein Stuhl nach hinten umfiel. Er war schon halb zur Tür, als Cutter ihn am Arm packte.

„Sie schwebt in Gefahr, Bo. In der letzten Woche hat es zwei Anschläge auf sie gegeben. Beim letzten Mal hätte Karas sie fast erwischt. Sie kann nicht mehr. So geht es ihr schon seit Michaels Tod. Sie wird es niemals zugeben, aber sie hat Angst.“ Er verzog das Gesicht. „Um Himmels willen, sie hat schon genug durchgemacht.“

„Das haben wir alle“, gab Bo zurück.

Cutters Augen blitzten auf. „Du bist mir was schuldig, verdammt noch mal.“

Bo riss sich von Cutter los und zeigte dann mit zitterndem Finger auf ihn. „Wage es ja nicht, Cutter. Benutze unsere Freundschaft nicht, um mich zu etwas zu zwingen, was ich nicht tun will.“

„Oder vor dem du Angst hast.“ Cutters Blick bohrte sich in Bos. „Vielleicht bist du doch nicht der richtige Mann für diesen Job. Vielleicht bist du überhaupt nicht der Mann, für den ich dich immer gehalten habe.“

Die Worte erschütterten ihn, aber Bo ließ sich nichts anmerken. Der Drang, durch diese Tür zu gehen und nie mehr zurückzublicken, zerrte an ihm wie eine mächtige Strömung. Doch auch wenn Sean Cutter gut darin war, zu manipulieren – was er sagte, stimmte. Bo schuldete ihm tatsächlich etwas. Mehr, als er je in seinem Leben würde zurückzahlen können.

Kopfschüttelnd trat Cutter an die Tür und riss sie auf. Sein harter Blick landete auf Bo. „Geh nur. Lauf. Lauf zurück nach Wyoming, wie du es vor zwei Jahren getan hast.“

Bo war sich bewusst, dass er unter seiner Lederjacke angefangen hatte, zu schwitzen. Er löste die Hand seines Freundes vom Türknauf und schloss die Tür. „Wie lange“, fragte er.

„Ein paar Tage.“ Cutter zuckte mit den Schultern. „Maximal ein paar Wochen. Lange genug, dass wir etwas über Karas ausgraben können, dass die Bundesanwälte glücklich macht.“

„Ihr habt bereits eine Anklage gegen ihn vorbereitet.“

„Ja, aber die Staatsanwälte wollen etwas, das ihn für lange Zeit hinter Gitter bringt. Sobald er in Gewahrsam ist, bist du erlöst.“

Wäre die gesamte Situation nicht so ernst, hätte Bo vermutlich über Cutters Wortwahl gelacht. Denn wenn es um Rachael Armitage ging, würde Bo niemals erlöst sein.

Rachael schwor, dass sie niemandem zeigen würde, wie es in ihr aussah. In der Vergangenheit hatte dieses sich selbst gegebene Versprechen immer ausgereicht, um selbst während der härtesten Einsätze die Beherrschung zu bewahren. Doch als sie nun den mit Marmor gefliesten Gang im Hauptquartier der MIDNIGHT Agency in Richtung Konferenzraum hinunterging, spürte sie, wie die Seidenbluse unter ihrem Jackett ihr am Rücken klebte. Das Briefing, zu dem sie einbestellt war, würde nicht angenehm werden. Sean Cutter hatte den Ruf, ein ziemlich harter Hund zu sein.

Tja, das war sie auch.

Sie bemühte sich sehr, nicht zu humpeln, als sie den Konferenzraum betrat. Mit zusammengebissenen Zähnen gegen den Schmerz in ihrem Knie ankämpfend, straffte sie die Schultern und ging – so locker, wie es ihr möglich war – zu einem der gepolsterten Stühle. Sie war sich nur zu bewusst, dass die beiden anwesenden Männer sie beobachteten, doch das ließ sie sich nicht anmerken. Das Letzte, was sie wollte, war, dass die beiden sahen, wie angespannt sie hinter ihrer Fassade war.

Sean Cutter saß am Kopfende des Tisches und blätterte in einer dicken Akte. Ihrer Akte, da war sie sich sicher. Eine Akte, die ein wenig zu dick war, deren Seiten ein wenig zu abgegriffen waren von zu vielen Fingern, die zu oft darin geblättert hatten. So war es während ihrer gesamten Zeit bei der MIDNIGHT Agency gewesen.

Der Anblick des zweiten Mannes ließ sie kurz innehalten. Sie hatte ihn schon einmal gesehen, ihn irgendwann kennengelernt. Aber sie konnte sich beim besten Willen nicht an seinen Namen erinnern. Und auch nicht daran, wo sie sein Gesicht schon einmal gesehen hatte. Was seltsam war, denn es war ein Gesicht, das durchaus bemerkenswert war. Dunkle Augen. Adlernase. Kantiges Kinn, das seit mindestens vierundzwanzig Stunden nicht rasiert worden war. Seine Körpersprache und der direkte Blick verrieten ihr, dass er zu einer der Strafverfolgungsbehörden gehörte; die Jeans und die Cowboystiefel hingegen, dass er von Dresscodes nichts hielt. Wer war er – und was, zum Teufel, machte er hier?

Sie schaute Cutter zweifelnd an. „Sie wollten mich sehen?“

Er sah auf und betrachtete sie mit dem düsteren Blick, mit dem ein verärgerter Vater seine unartige Teenagertochter betrachtete, der er gleich lebenslangen Hausarrest aufbrummen würde. „Setzen Sie sich.“

Ohne den Blick von ihrem Vorgesetzten zu lösen, setzte sie sich dem Cowboy gegenüber und legte ihre lederne Aktenmappe vor sich auf den Tisch.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte Cutter.

„Gut genug, um zur Arbeit zurückzukehren.“ Sie schaute ihm ruhig in die Augen. „Ich hoffe, Sie enttäuschen mich nicht.“

Die beiden Männer tauschten einen Blick, den sie nicht verstand. Ein Blick, der ihr ein unangenehmes Gefühl im Magen bereitete. „Es sieht schlimmer aus, als es ist“, sagte sie in Bezug auf die Prellungen in ihrem Gesicht.

„Ich habe den Bericht des Arztes direkt vor mir liegen.“ Er schaute in die Akte. „Ausgerenkte Schulter. Die Wunde an Ihrer linken Schläfe wurde mit sieben Stichen genäht. An Ihrem geprellten Knie musste eine Drainage gelegt werden, um die angestaute Flüssigkeit ablaufen zu lassen.“ Er schaute sie finster an. „Ich schätze, das klingt auch schlimmer, als es wirklich ist, oder?“

Rachael errötete. „Wunden verheilen bei mir sehr schnell.“

„Ja, und ich bin auch nicht erst gestern auf die Welt gekommen.“

In dem Moment wusste sie, dass die geringfügigen Verletzungen, die sie sich bei dem Unfall zugezogen hatte, ihr kleinstes Problem waren. „Ich kann so lange Schreibtischarbeit erledigen, bis die blauen Flecken verheilt sind.“

„Das müssen Sie nicht, denn Sie sind mit sofortiger Wirkung beurlaubt.“

Ein Gefühl, das sie sehr an Panik erinnerte, schnürte ihr die Luft ab. „Cutter, ich fühle mich gut.“

„Es geht nicht darum, wie Sie sich fühlen.“

„Mit allem nötigen Respekt, Sir, ich denke, ich würde im Einsatz wesentlich nützlicher sein, und das wissen Sie.“

„Was ich weiß, ist, dass das der mächtigste Verbrecherboss der Welt Sie tot sehen will. Es liegt in meiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass er dieses Ziel nicht erreicht.“

„Aber …“

„Das hier ist Bo Ruskin“, unterbrach er sie und nickte in Richtung des Cowboys.

Ruskin.

Eine Erinnerung regte sich. Ruskin war ein ehemaliger MIDNIGHT Agent. Er und Michael hatten zusammengearbeitet. Sie waren Freunde gewesen. Ruskin war in der Nacht dabei gewesen, als Michael getötet wurde …

„Wir sind uns schon einmal begegnet.“ Auf der Beerdigung. Kein Wunder, dass sie sich nicht an ihn erinnert hatte. Diese dunklen Wochen, die dem Tod ihres Ehemannes folgten, waren in einer verschwommenen Mischung aus Trauer und Wut und dem unerträglichen Gefühl des Verlustes an ihr vorübergezogen …

„Ja, Ma’am“, sagte Ruskin mit tiefer Stimme.

Cutter fuhr fort. „Sie werden Agent Ruskin noch heute Nachmittag zu einem geheimen Ort begleiten, wo Sie in Sicherheit sind, bis Karas verhaftet wurde.“

Die Worte katapultierten sie zurück in die Gegenwart. „Ich fürchte, das ist nicht möglich“, sagte sie.

„Und ich fürchte, das ist ein Befehl“, entgegnete Cutter.

„Sie können mich jetzt nicht vom Karas-Fall abziehen.“ Sie führte Zeigefinger und Daumen bis auf wenige Millimeter zusammen. „Ich bin so nah dran, ihn festzunageln.“

„Und er war so nah dran, Sie vor drei Tagen umzubringen.“ Cutter seufzte und schaute Ruskin an. „Würdest du uns bitte einen Moment entschuldigen?“

„Gerne doch.“ Der Cowboy erhob sich, zog kurz seinen Hut und ging zur Tür.

Rachael nahm aus dem Augenwinkel seine breiten Schultern und die schmalen Hüften wahr, die in engen Jeans steckten, die wiederum in Cowboystiefeln endeten. Doch ihre Konzentration galt weiterhin dem Mann, der dabei war, ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

„Cutter, bitte tun Sie das nicht.“ Sie hasste den flehenden Unterton in ihrer Stimme. „Ich bin so nah dran …“

„Sie haben zwanzig Minuten, um ihre Unterlagen und Notizen zum Fall Karas zusammenzusuchen und mir zu übergeben.“

Sie traute ihren Ohren nicht. „Sie übergeben meinen Fall einem anderen Team?“

„Sie haben sich zwar nie groß als Teamplayer hervorgetan, aber ja. Ich setze ein frisches Team darauf an.“

„Das ist unglaublich unfair.“

„Hier geht es nicht um Fairness. Es geht darum, Sie am Leben zu halten. Sie zu beschützen.“ Cutter beugte sich vor. Sein Blick suchte ihren und hielt ihn fest. „Sie sind ein guter Agent, Rachael. Einer meiner besten. Ich will Sie nicht verlieren. Aber Sie brauchen eine Auszeit. Ich empfehle Ihnen, das Beste daraus zu machen.“ Er zeigte auf ihre Schulter. „Werden Sie wieder gesund. Entspannen Sie sich. Die letzten Jahre sind für Sie sehr hart gewesen.“

„Ich bin damit klargekommen“, brachte sie hervor und hörte selber, wie sehr ihre Stimme zitterte.

„Sie können es ja noch nicht mal aussprechen.“

„Ich habe Michaels Tod verarbeitet, verdammt.“

„Sie haben ihn verarbeitet, indem Sie sich selber beinahe zu Tode geschuftet haben. Indem sie sich erst kopfüber in alles hineingestürzt und später nachgedacht haben. Ich hätte dem schon lange einen Riegel vorschieben müssen.“

„Ich sollte nicht dafür bestraft werden, dass ich keine Angst davor habe, meinen Job zu erledigen.“

„Ich bestrafe Sie nicht. Aber nur für den Fall, dass Sie es noch nicht selber herausgefunden haben: Es ist die gute alte Angst, die uns am Leben hält. Die dafür sorgt, dass wir unseren Job möglichst unbeschadet an Leib und Seele durchführen können. Und diese Angst scheinen Sie nicht mehr zu haben.“

„Ich bin nicht lebensmüde, wenn es das ist, was Sie da andeuten wollen …“

Er unterbrach sie, indem er die Hände hob. „Sie werden Ihre Auszeit so durchführen, wie Sie jeden Undercover-Einsatz durchführen würden. Niemand wird wissen, wo Sie sind. Genau wie immer. Haben Sie das verstanden?“

„Ich bin mit dem, was Sie hier tun, nicht einverstanden.“

„Habe ich zur Kenntnis genommen.“ Cutter schaute auf seine Uhr. „Gehen wir Ruskin suchen.“

Als Bo die Lobby erreichte, hatten seine Beine angefangen, zu zittern. Er wollte es der schlaflosen Nacht und dem langen Flug aus Wyoming zuschreiben. Doch er wusste, das unangenehme Gefühl im Magen und die verspannten Muskeln zwischen seinen Schultern hatten nichts mit Müdigkeit zu tun – sondern einzig mit der Frau, deren Gesicht er noch immer in seinen Träumen sah.

In den Jahren, die er und Michael zusammengearbeitet hatten, hatte er immer wieder mal kleine Blicke auf sie erhascht. Hauptsächlich auf Fotos, da Mike stets versucht hatte, sein Privatleben so weit wie möglich von seinem Berufsleben fernzuhalten. Sie war eine dunkelblonde Schönheit mit grünen Augen und einem Lächeln, das einen Mann in die Knie zwingen konnte. Er hatte neidisch zugehört, wenn Michael von ihr sprach. Mehr als einmal hatte Bo seinen Freund damit aufgezogen, was für ein Glück er hatte, mit der schönsten Frau der Welt verheiratet zu sein.

Was so ziemlich der Wahrheit entsprach.

Rachael Armitage war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Zäher. Ein wenig kantig in ihrer Art. Aber das war normal bei Leuten mit ihrem Job.

Bo wusste das.

Das einzige Mal, dass er sie getroffen hatte, war auf der Beerdigung gewesen. Seitdem war sie irgendwie weicher geworden. Nicht mehr ganz so dünn. Er erinnerte sich daran, wie das schwarze Kleid, das sie damals getragen hatte, sich scharf gegen ihre blasse Haut abgehoben hatte. Sie hatte so zerbrechlich und schmerzerfüllt und … erschüttert ausgesehen.

Was kein Wunder war. Michael Armitages Tod hatte viele Leute erschüttert.

Als Bo seinen Blick jetzt aus dem Fenster in der Lobby in den trüben Tag hinausschweifen ließ, glaubte er, sie immer noch riechen zu können. Ein warmer, weiblicher Duft, der ihn an Blumen und Regen erinnerte. Wild und zerbrechlich und unglaublich schön.

„Bo.“

Cutters Stimme bohrte sich in seine Gedanken. Bo wirbelte herum und sah, dass der Leiter der Agency und Rachael nur ein paar Meter vor ihm standen. „Hast du den Flugplan schon eingereicht?“, fragte Cutter.

Bo nickte. „Wir heben in fünfundvierzig Minuten ab.“

„Gut.“ Cutter wandte sich Rachael zu und musterte sie, wie ein Trainer seinen verletzten Spieler mustern würde. Einen Spieler, der gut war, aber aufgrund einer Verletzung die Saison nicht zu Ende spielen konnte. „Ich bin der einzige Mensch, der weiß, wo Sie hinfliegen. Niemand in der Agency hat auch nur die geringste Ahnung. Dabei sollten wir es belassen.“

„Ja, Sir.“

Sie wirkte nicht glücklich über das, was hier mit ihr geschah. Bo war es auch nicht. Doch zum ersten Mal, seitdem er der Agency den Rücken gekehrt hatte, fühlte er sich moralisch verpflichtet, das Richtige zu tun.

„Ich gehe nicht davon aus, dass etwas schiefläuft“, sagte Cutter. „Falls doch, ruft Code neunundneunzig aus.“

„Roger.“ Bo verfiel ohne Probleme in den alten Jargon.

„Ich möchte, dass Sie mich bezüglich Karas auf dem Laufenden halten“, sagte Rachael.

Cutter schüttelte den Kopf. „Sie werden keinen Kontakt zur Agency haben, außer natürlich, Sie befinden sich in Gefahr oder benötigen Hilfe. Karas hat der Agency mehr oder weniger den Krieg erklärt. Sie wissen, wie gut seine Organisation ausgerüstet ist. Nach neuesten Informationen hat er sogar Zugriff auf einen Satelliten.“

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