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Helium und Katzengold

Als Buch hier erhältlich:

Auf der Erde gibt es 92 Elemente. Florian Werner hat jedem davon einen Text gewidmet und dabei dessen Eigenschaften aufgegriffen; Kurzgeschichten, die in den Naturwissenschaften – Chemie und Physik – genauso zu Hause sind wie in der Literatur. Eines haben alle Texte gemeinsam: Sie schreiben die Eigenschaften der Elemente fort und erzählen von den Grunderfahrungen des Lebens, von Geburt, Tod und Zahnschmerzen, von schmutzigen Wörtern und Wasserstoffbomben, von fliegenden Priestern und fleischfressenden Pflanzen. So ergibt sich ein literarisches Periodensystem aus findigen, kuriosen und bisweilen hochexplosiven Geschichten.
  • Erscheinungstag: 29.09.2014
  • Seitenanzahl: 208
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312006342

Leseprobe

Al, B, C, Dy, Eu, F, Ge

Die Symbole für die Elemente, aus denen sich unsere Welt zusammensetzt, bilden auch die Grundbausteine unserer Sprache. Helium und Katzengold versammelt zweiundneunzig Texte, für jedes auf der Erde vorkommende Element einen. Erzählungen reagieren mit Bildgedichten, dramatische Szenen mit Kürzestprosa, Wörter explodieren oder zerfallen. Die Ordnungszahl und das Elementsymbol geben dem jeweiligen Text seinen Namen, die Eigenschaften, Anwendungsmöglichkeiten oder Entdeckungsgeschichte des Elements bilden seinen narrativen Kern. In den Geschichten auftauc1Hende Elementsymbole weisen auf verwandte oder weiterführende Texte hin. So bildet sich, parallel zum chemischen Periodensystem, eine neue, assoziative Ordnung: ein periodisches System der Textelemente.

Eines jedoch haben alle hier versammelten Episoden gemeinsam: Sie handeln nicht nur von den Elementen, sondern auch und vor allem von elementaren Erfahrungen des Lebens. Sie erzählen von Geburt, Tod und Zahnschmerzen, von schmutzigen Wörtern und Wasserstoffbomben, von Übervätern und Erdmüttern, von fliegenden Priestern und fleischfressenden Pflanzen, von Werwölfen und Wetterhähnen, von depressiven Katzen und Mäusen, die auf dem Tisch tanzen. Und immer wieder vom Cowboy, der sich ein Bett bauen will und doch so weit weg ist von zu Hause und dem Hefeteig seiner Verlobten.

 

Anmerkungen am Ende der Episoden informieren über die wichtigsten Eigenschaften der Elemente. Ihre Anordnung folgt, wie im klassischen Periodensystem, der Elektronenkonfiguration, von H : Wasserstoff bis U : Uran.

2He

Am zwanzigsten April, einem Sonntag, setzte sich der fliegende Priester in seiner Heimatstadt Paranaguá auf einen Stuhl, an den er zuvor tausend gasgefüllte Ballons gebunden hatte, sprach, so steht bei einem katholischen Geistlichen zu vermuten, ein finales Gebet und ließ sich dann von der bunten Traube gen Himmel ziehen: näher, mein Gott, zu Dir.

Etwa zur selben Zeit stand ein älterer, untersetzter Mann mit Lodenmantel, Breitcordhose und Gamsbartimitat am Hut auf einem Stadtteilfest in einem nordwestlichen Randbezirk von Berlin und verpulverte seine gesamte Monatsrente bei dem Versuch, mit einem Luftgewehr tausend Ballons zu zerschießen, um für seinen Enkel den riesigen blauen Teddybären zu gewinnen, der in einer Schießbude als Hauptgewinn oben links in der Ecke hing; wobei er sich vorstellte, dass die Luftballons das Herz seines Schwiegersohns wären, das Gewehr ein Gewehr und der Teddy das Herz seiner treulosen Tochter, na ja, immerhin hatte sie ihm einen Enkel geschenkt, das war aber auch das einzig Gute, was man über sie sagen konnte.

Etwa fünfhundertfünfzig Kilometer weiter südlich kniete derweil ein sichtlich verwirrter Professor der Universität Tü83Bingen vor einem dahergelaufenen Hund am Wegesrand, ließ sich von dem Tier die Hand ablecken und erzählte ihm den Mythos von Ikarus; wobei er sich vorstellte, dass er selbst der tragische Held der Geschichte wäre, seine Ehe das Labyrinth, der einzige Ausweg der Sprung ins Wasser oder in den Wahnsinn, und dass der Hund, der ihn aufmerksam anhechelte, jedes seiner Worte verstünde: Da erblickte er die Federn in den Wellen und verfluchte seine Künste und barg den Körper in einem Grab.

Am Abend des zwanzigsten April brach der Funkkontakt mit dem fliegenden Priester ab, nachdem unerwartet aufkommende nordwestliche Winde ihn aufs offene Meer getrieben hatten. Zwei Tage später entdeckte die Küstenw89Ache Ballonfetzen, die im Atlantik trieben.

 

He : Helium : nach Wasserstoff das zweithäufigste Element im Universum. Wird unter anderem als Traggas für Ballons und Luftschiffe verwendet.

3Li

Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Die Feldmäuse tanzen Ländler, die Sumpfklettermäuse bevorzugen verschwitzten Südstaatenrock. Die Wühlmäuse vergraben sich beim Engtanz in den Armen ihrer Partnerin, die Rennmäuse stehen auf Techno. Wenn die Katze nach Hause kommt, hört sie schon von Ferne das Dröhnen der Lautsprecherboxen. Sie hört das schrille Lachen, das rhythmische Scharren der Krallen, das erschreckte Fiepen, wenn ihr Kommen bemerkt wurde. Sie hört das hastige Zurechtrücken von Mobiliar, dann eine Stille, tief wie ein Mauseloch, das bis ins Innerste der Erde führt. Ihre Einsamkeit ist in solchen Momenten so groß, dass sie die Katze zu verschlingen droht. Wenn die Mäuse auf dem Tisch tanzen, möchte die Katze gern Mäuslein sein.

 

Li : Lithium : Leichtmetall. Wird in Form von einigen seiner Salze zur Behandlung von Schizophrenie und depressiven Störungen eingesetzt.

4Be

Herkömmliche Brillen haben den Nachteil, dass sie uns die Welt mit all ihren Fehlern in unerträglicher Klarheit vor Augen führen. Dieses neuartige Modell bewirkt exakt das Gegenteil: Die Linsen aus sandgestrahltem Milchglas legen einen gnädigen Schleier über die Welt. Zugleich lassen sie dank ihrer doppelt konkaven Wölbung die Umgebung in unendliche Ferne rücken. Selbst Menschen mit perfekter Sehschärfe werden mit Hilfe dieser Brille einen gesunden Abstand zu den Dingen gewinnen.

Sie werden, während die Welt um sie he44Rum verschwimmt, einen umso klareren Blick auf sich selbst erlangen. Sie werden sich endlich erkennen. Und dann, fasziniert von ihrem Inneren, werden sie die Augen schließen, das Gestell von der Nase nehmen, die Gläser aus ihren Fassungen drücken und sie, zunächst noch zögernd, dann immer hastiger, verzehren. Wie Oblaten liegen die Linsen auf der Zunge, kühl, geschmacklos. Der erste Biss ist der schwerste, sobald die Zunge blutet, geht das Schlucken fast von allein. Sehen Sie das Zäpfchen, die Speiseröhre, den Magen? Lassen Sie die Augen geschlossen, die Reise hat erst begonnen.

 

Be : Beryllium : giftiges Metall, das unter anderem im Halbedelstein Beryll vorkommt. Da Beryll früher zu Augenlinsen geschliffen wurde, ist unser Wort Brille von ihm abgeleitet.

5B

Als der Unfall passierte, dachte der Unternehmer über die Trophäe nach. Wo sollte er sie aufstellen? Der Hausflur wäre ideal, weil selbst flüchtige Besucher sie dort unweigerlich zu sehen bekämen. Schon Thomas Mann, von dem er nie etwas gelesen hatte, der ihm aber aufgrund seines virilen Nachnamens ein gutes Vorbild zu sein schien, hatte sein Exemplar, wie der Unternehmer aus dem Fernsehen wusste, am Eingang platziert: den Oberkörper aufgerichtet, die Zähne gefletscht, eine hölzerne Schale in den nach vorn gereckten Tatzen, für die Visitenkarten der Besucher. Heutzutage gab zwar kein Mensch mehr seine Karte ab, wenn er ein Haus betrat; und seitdem seine Frau ausgezogen war, kamen sowieso kaum noch Gäste. Aber er konnte ja auch Erdnüsse in die Schale tun, oder Gummibären. Der Gedanke gefiel ihm: ein ausgewachsener Braunbär, der Gummibären anbot. Bären, die selber Schalen in den Tatzen hielten, so klein, dass man sie mit bloßem Auge kaum erkennen konnte, mikroskopisch kleine Schüsseln, in denen sich wiederum Bären befanden, die Schalen in den Tatzen hielten, die …

Der Unternehmer gähnte, schüttelte den Kopf und öffnete das Seitenfenster. Ein Auto näherte sich von hinten, das erste seit langem, seine Scheinwerfer blendeten ihn. Er beugte sich vor, klappte den Rückspiegel nach unten, und für einen Moment erhaschte er einen Blick auf sich selbst: wehendes Haar. Tollkirschaugen. Eine Christophorus-Plakette am Schlüsselbund, eine Flasche mit Hausbrand auf dem Beifahrersitz und ein Gewehr im Gepäck: Seine Frau wusste nicht, was sie verpasste. Sie kletterte immer noch brav auf der Leiter, verbissen. Sollte sie doch. Er für sein Teil hatte losgelassen.

Ein schmutziggelber Nachtfalter flatterte ins Scheinwerferlicht und wurde größer, ein verwittertes Straßenschild: Gura Humorului 30 km. Dort, das wusste der Unternehmer, gab es ein Hotel. Im Hotel gab es ein auf seinen Namen reserviertes Zimmer, in diesem Zimmer ein Bett, und in diesem Bett würde er in einer halben Stunde liegen, so sicher und geborgen wie das Püppchen im Innersten einer Matrjoschka. Oder wie ein Bär in den Tatzen eines Bären in den Tatzen eines sehr, sehr großen Bären, und dieser Bär stand im Flur seines Hauses, direkt am Eingang neben der Garderobe.

Der Bär war ein Geschenk der Zwillinge, oder besser gesagt: seiner neuen Geschäftspartner, der Unternehmer hatte sie im Herbst zuvor in den Karpaten kennengelernt. Die beiden trugen nicht nur Namen wie rumänische Wilddiebe, sie sahen auch so aus: wettergegerbte, leicht aufgeschwemmte Gesichter. Selbstgestochene Arm- und Oberkörpertätowierungen, die unter für sein Stilempfinden etwas zu weit aufgeknöpften Holzfällerhemden hervorlugten. Schulterlanges schwarzes Haar, das der eine offen und der andere als Zopf trug, zum Glück, denn nur so konnte er die beiden unterscheiden.

In Deutschland, dachte er, würde man mit solchen Typen keine Geschäfte machen. Und wenn seine Tochter – eine hypothetische Größe, an der der Unternehmer den Charakter aller Männer im heiratsfähigen Alter maß – mit einem solchen Karpatenwindhund ankäme, würde es eine Gardinenpredigt geben, dass die Goldkante rauschte. Aber hier in Rumänien war eben alles etwas anders, neue Märkte erforderten neue Maßstäbe, und wenn er es in Osteuropa zu etwas bringen wollte, musste er die Berührungsängste, die er vor tätowierten Männern mit Schusswaffen hatte, endlich ablegen. Zumal die Zwillinge zwar auf den ersten Blick wie Wilddiebe aussehen mochten, es zum Glück aber nicht waren: Hinter ihren Tatarenfassaden verbargen sich gutbürgerliche, am westeuropäischen Werbefernsehen geschulte Wertvorstellungen, und darüber hinaus hatten sie hervorragende Kontakte zur Forstverwaltung in Suceava.

Lange genug hatte sich der Unternehmer mit der Organisation von Bildungsreisen nach Osteuropa abgeplagt, nicht zuletzt aus dem diffusen Gefühl heraus, dass die Kunstgeschichtevorlesungen, die er neben seinem BWL-Studium gelegentlich besucht hatte, doch für irgendetwas gut gewesen sein mussten. Brain-Tours, der anmaßende Name seines Unternehmens war Programm gewesen, mit ihm hatte er ein junges, urbanes Publikum für Pauschalbildungsreisen in entlegene Regionen Osteuropas begeistern wollen, doch die Rechnung war nicht aufgegangen. Sein tatsächlich recht beachtliches Fachwissen über Tugenddarstellungen auf spätmittelalterlichen Fassadenfresken in der südlichen Bukowina – ein Thema, zu dem der Unternehmer einst ein Hauptseminar besucht hatte – konnte letztlich nicht sein beachtliches Unwissen über die Reisegewohnheiten eines jungen, urbanen Publikums aufwiegen, und die zwei Busse, die er einem Kaffeefahrten-Anbieter zu einem vermeintlichen Spottpreis abgekauft hatte, fuhren zunächst spärlich besetzt die vorgesehenen Routen ab und blieben schließlich leer in Deutschland stehen, bis der Unternehmer den Betrieb dichtmachen und erleben musste, wie seine Busse Insolvenzmasse wurden.

Aus Trotz verordnete er seiner Frau und sich im Herbst darauf einen ausgedehnten Bukowina-Urlaub und klapperte all jene Orte ab, die seine ausgebliebenen Kunden verpasst hatten: den jüdischen Friedhof von Czernowitz, wo Grabsteine mit hebräischen, kyrillischen und deutschen Inschriften zwischen Unkraut, Glasscherben und antisemitischen Schmierereien verschwanden. Die kaiserlich-königlichen Salzminen von Cacica, wo Grubenarbeiter unter den Ausläufern der Karpaten eine Kirche in den Salzstock gehauen hatten, glitzernde Reliefs, ja sogar einen Tennisplatz. Und schließlich, der Höhepunkt, das befestigte Kloster von Suceviţa. Mächtig wachten seine Außenmauern über dem Eingang zum Tal, im Norden wölbte sich ein Hügel, auf dessen Spitze man im Licht der untergehenden Sonne ein Kreuz erkennen konnte. Den Klosterkomplex betrat man durch ein riesiges hölzernes Tor.

Die Nonne an der Kasse war hübsch, herb und sichtlich gelangweilt und quittierte das locker dahingeworfene Cât costă? des Unternehmers mit einer müden Geste auf das Schild mit den Eintrittspreisen und einem routinierten drei Lei. Der Unternehmer zahlte, ärgerte sich über die vereitelte Chance, seine Frau mit seinen rudimentären Rumänischkenntnissen beeindrucken zu können, doch lange hatte er dafür keine Zeit, denn als er aus dem Halbdunkel des Torgewölbes in den Innenhof trat, verschlug es ihm den Atem.

Die Tugendleiter! Vor grünblauem Hintergrund erstreckte sie sich beinahe über die gesamte Höhe der Kirche, von der untersten Sprosse, der Demut, bis zur obersten, der Weisheit, und dann geradewegs in den Himmel. Obwohl, ganz so geradlinig, wie es auf den ersten Blick scheinen mochte, war der Weg dorthin nicht. Auf die zunehmend älter werdenden Herren, die die himmlische Kirschbaumleiter erklommen, warteten mannigfache Gefahren, ein ganzes Geschwader geflügelter Teufel befand sich bereits im Anflug, um strauchelnde Sünder in die Tiefe zu zerren und in einen nimmersatten Höllenschlund zu stopfen wie abgeschnittene Äste in einen Schredder. Verzweifelt klammerten sich die Fehlgegangenen an der Leiter fest, doch vergeblich: Die Versuchung war zu groß, das Fleisch zu schwach, und die diabolischen Fratzen, die die Teufel auf ihren Bäuchen trugen, lachten.

«Komisch», sagte der Unternehmer, den Blick unverwandt auf das Fresko gerichtet: «Eigentlich sollten solche Darstellungen doch dem einfachen Volk einen tugendhaften Lebenswandel schmackhaft machen. Aber wenn man sich das Himmelreich hier so anschaut, all diese gleichgeschalteten Engel, die den lieben langen Tag in Reih und Glied flattern müssen und Gott preisen – und wenn man im Vergleich dazu das Reich des Teufels betrachtet, diese fidele Gegend hier unten, wo sogar die Körper was zu lachen haben … dann möchte man am liebsten in die Hölle kommen. Oder? Sag doch auch mal was, Bienchen», sagte der Unternehmer etwas lauter und einen Kosenamen für seine Frau gebrauchend, der eigentlich zur Beschwichtigung bei Streitigkeiten reserviert war, und wandte sich, als sie immer noch nicht reagierte, nach ihr um.

Seine Frau war nirgends zu sehen. Dafür stand dort, wo sie eben noch gewesen war, ein Mann von vielleicht vierzig Jahren. Er hatte langes, schwarzes Haar, schien dem Unternehmer bereits eine Weile zugehört zu haben und blickte ihn nun halb amüsiert, halb verständnislos an. «Bienchen?», fragte er: «So hat mich schon lange niemand mehr genannt. Hast du gehört?»

«Klar hab ich gehört», antwortete eine Stimme hinter dem Unternehmer, der eilig beiseite trat und sich umdrehte. Der Anges59Prochene glich dem Mann, den der Unternehmer Bienchen genannt hatte, aufs Haar. Das heißt, nein, das Haar trug er zu einem Zopf gebunden, aber ansonsten war er ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Er blickte den Unternehmer prüfend an, dann hob er den Zeigefinger und wa60Ndte sich an seinen Bruder. «Der deutsche Kunstlehrer ist verliebt in dich.»

«Aber nein», der Unternehmer lachte verlegen. Wenn er in irgendjemanden verliebt sei, dann höchstens in seine Frau; ob sie die übrigens gesehen hätten? Gerade eben sei sie noch hier gestanden, nun, vermutlich sei sie ins Museum gegangen oder zum Souvenirshop, wie auch immer, er müsse jetzt wirklich …

«Du hast eine Frau?» Der Mann mit den offenen Haaren hakte die gespreizten Finger ineinander und drückte die Handflächen nach außen, dass die Knöchel knackten. «Versprichst mir die Hölle auf Erden, nennst mich Bienchen und willst mich dann stehenlassen wie kalte Tasse Tee? Weißt du, was passiert, wenn du mich an der Nase bohrst?»

«Nein», sagte der Unternehmer und schüttelte den Kopf, als würde eine rhetorische Frage eine doppelte Verneinung verdienen.

«Wenn du mich an der Nase bohrst», wiederholte der Mann, «mache ich Pferdekarren aus dem Sarg deiner Mutter.» Und während der Unternehmer ihn noch verdutzt anstarrte und überlegte, ob er die Nonnen zu Hilfe rufen oder besser gleich die Flucht ergreifen sollte, brachen seine Gegenüber in Gelächter aus.

Nichts für ungut, sagten sie, sie hätten sich einfach nur gefreut, mal wieder Deutsch zu sprechen; und als er da so allein vor der Kirche gestanden und mit sich selbst geredet habe, sei er ihnen gerade recht gekommen.

Und dieser Satz mit dem Sarg?

Ah, das sei ihre absolute Lieblingsbeleidigung, solche Sachen lerne man, wenn man in deutschen Schnellfressfilialen hinterm Tresen stehe, viele schöne Flüche und Sätze wie Möchten Sie das als Maxi-Menü? oder Zum Hieressen? Klar, ein Scheißjob, aber gut bezahlt, zumindest im Vergleich zu Rumänien. Aber diese Zeit sei jetzt ja endlich vorbei, nun, da das Land in der EU sei, dürfe man nicht länger warten, sondern müsse sich auch mal vorne anstellen, proaktiv tätig werden, ja die Zwillinge sprachen tatsächlich von Projekten, die sie am Laufen hatten, offenbar waren sie in Deutschland nicht nur in Fast-Food-Restaurants gewesen, sondern auch an den Wasserlöchern der New Economy, oder redete man jetzt überall so?

Zumindest an der Bar des Hotel Bucovina wurde an jenem Abend so geredet: Die Zwillinge luden den Unternehmer auf ein Glas Ţuika ein, seine Frau, die tatsächlich nur auf der Suche nach einer Toilette gewesen war, kam mit, ging aber nach einer halben Stunde schnaps- und testosterongeschwängerter Männerbündelei aufs Zimmer. Aus dem Glas Ţuika wurden sieben, aus dem Vollrausch Unternehmergeist, und am Ende des Abends hatte tatsächlich ein Projekt Konturen angenommen, das die neuen Geschäftspartner ans vordere Ende der Warteschlange bugsieren und umgehend reich machen sollte.

Eigentlich war alles ganz einfach: Der Unternehmer sollte zahlungskräftige deutsche Jäger nach Rumänien locken. Die Zwillinge sollten hungrige rumänische Braunbären vor die Büchsen der Jäger locken. Mehr als fünftausend Exemplare gab es noch in den Karpaten, mehr als irgendwo sonst in Europa, und ab dem kommenden Frühjahr sollten auch sie an der EU-Osterweiterung teilhaben dürfen und wieder überall auf dem Kontinent heimisch sein. Zumindest ihre Überreste. Jeder Schütze sollte nämlich nicht nur das Fell des erlegten Tiers erhalten, sondern, quasi als Dreingabe, gleich den ganzen Bären, ausgestopft, Lieferung frei Haus. Das war das Alleinstellungsmerkmal, welches das Unternehmen von anderen Jagdveranstaltern abheben sollte; Ruhm & Bären, so sollte es heißen. Das erste Tier aber sollte dem Unternehmer gehören, auf Kosten der Zwillinge und zur beruflichen Weiterbildung, wie sie sich ausdrückten. «Damit du, wenn du Jäger anlockst, nicht redest wie Jungfrau vom Kind», sagte der Bezopfte.

«Papst vom Licht», verbesserte sein Bruder.

«Blinder vom Sex», sagte der Bezopfte, und dann lachten die Zwillinge wieder ihr Geysirlachen, ein Ausbruch von Freude und Körperflüssigkeiten, wie der Unternehmer ihn schon lange nicht mehr erlebt hatte, und als er ins Hotelzimmer kam, schlief seine Frau schon, und er tastete sich ins Bad, zog dort seinen Pyjama an und löschte, bevor er die Tür wieder öffnete, das Licht.

Zwei Scheinwerfer aus dem Dunkel, schnell näherkommend, ein Hupen. Arschloch. Oder hatte er vergessen abzublenden? Tatsächlich. Besser abgeblendet lassen, auf solche Feinheiten konnte der Unternehmer sich in seinem jetzigen Zustand nicht mehr konzentrieren. Einen Augenblick lang kam es ihm vor, als säße er auf dem Rücksitz, wie heute morgen. Kälte. Dunkelheit, ein neuer SUV süddeutschen Fabrikats. Erst vom Holpern des Wagens auf dem Waldweg war er wieder erwacht.

Der Fußmarsch zum Luderplatz, der Bezopfte voran, der Blick auf seine Stiefel. Fauliges Laub, junge Triebe, hin und wieder eine Kröte. Als sie auf die Lichtung traten, befleckten die ersten Sonnenstrahlen die Baumwipfel. Am südlichen Rand, im Unterwind, stand ein notdürftig zusammengezimmerter Hochsitz. Hier hatten die Zwillinge den Bären angefüttert.

«Kunstlehrer zuerst», sie ließen ihm den Vortritt. Das kalte, feuchte Holz der Sprossen, er musste aufpassen, dass er nicht abrutschte. Während sein Fuß nach der nächsten Stufe suchte, klammerte er sich mit beiden Händen an den Holmen fest. Demut. Armut. Sorge. Liebe. Weisheit. Geschafft. Wenn man zusammenrückte, bot der Himmel drei Personen Platz.

Warten. Rauchen. Ţuika aus einer Plastikflasche, gegen die Kälte. Nicht einschlafen. Nicht reden. Mehr Ţuika.

Das Rauschen der Buchen. Ein Schatten gegen die grüngrauen Stämme. Ein Ellenbogen wurde ihm in die Seite gerammt.

«Siehst du?», flüsterte der Bezopfte. «Dicker Brummer. Vierhundert Punkte, mindestens.»

«Ein echtes Maxi-Menü», sein Bruder kicherte. «Mit Ketchup oder Mayo?»

Der Geruch des Gewehrs, Öl, Metall, Schießpulver. Die Kühle an Händen und Wange. Der Lauf wurde wärmer, nahm seine Körpertemperatur an, bis er ein Teil von ihm war, eine Prothese; bis der Unternehmer eine Verlängerung des Gewehrs war und alles, was er sah, eine braungraue Fläche am anderen Ende des Fernrohrs. Das Fell des Bären. Der nichts ahnte, nichts roch. Der nicht wusste, dass er bald in einem deutschen Hausflur stehen und eine Schale mit Gummibären präsentieren würde.

Wieder ein Nachtfalter, diesmal rot und direkt vor ihm. Der Unternehmer riss den Gewehrlauf, das Steuer zur Seite. Ein Rückstoß, ein Knall. Der Airbag explodierte und presste ihn mit Macht in den Sitz seines Autos.

Für den Fall seines Todes hatte der Unternehmer sich stets vorgenommen, an seine Frau zu denken. Mit ihrem Bild im Gedächtnis und ihrem Namen auf den Lippen wollte er sterben, das war er seiner Frau, wie er fand, nach zwölf Jahren Ehe schuldig; und so flüsterte er nun, in jenen endlos scheinenden Sekunden, in denen sich sein Auto um die eigene Achse drehte: Bienchen, Bienchen, warum hast du mich verlassen?

Warum? Nun, das konnte er sich denken. Nein, die Frage war nicht, warum seine Frau ihn verlassen hatte, sondern warum sie nicht zurückgekommen war; das war eine Konsequenz und Stärke, die er ihr nicht zugetraut hätte. Er sah sie noch im Hausflur stehen, verlaufenes Kajal auf den Wangen, die Reisetasche in der Hand. Er hörte sie sagen, erst wenn der letzte Pflaumenschnaps gesoffen, der letzte Braunbär abgeknallt und der Unternehmer wieder halbwegs bei Verstand sei, brauche er sich wieder bei ihr zu melden. Er spürte, wie sie einen Schritt auf ihn zutrat, und wusste, dass er in diesem Moment etwas hätte tun sollen, sie umarmen, festhalten. Stattdessen war er regungslos stehen geblieben, stumm, wie ausgestopft, tot.

Doch er blieb am Leben. Und als er von dem erschlafften Airbag befreit auf der Beifahrerseite aus dem Wagen kletterte, galt seine erste Sorge dem Auto. Mit dem Heck in Fahrtrichtung hing es im Straßengraben, die Fahrertür eingedrückt, die Nase mit den zersplitterten Frontscheinwerfern ragte trotzig in die Höhe. Die Augen ausgestochen, dachte er; aber nein, so sehr er sein Auto auch liebte, man durfte Maschinen nicht vermenschlichen. Apropos. Der Unternehmer betastete seinen Körper, wie man vor Verlassen des Hauses prüft, ob man an alles gedacht hat. Brieftasche, Schlüssel, Mobiltelefon. Oberschenkel, Brustkorb, Arme: Alles da, alles dran, nur seine linke Hüfte schmerzte ein wenig. Nicht der Rede wert. Nein, es ging ihm gut, er war unversehrt, sogar wieder halbwegs nüchtern. Was war eigentlich passiert? In diesem Moment hörte der Unternehmer das Schnauben.

Es war vielleicht zehn, fünfzehn Meter entfernt. Der Himmel über dem Horizont war matt erleuchtet, die Lichter von Gura Humorului, die sich in den Wolken spiegelten, aber um ihn herum war alles dunkel. Mit behutsamen Schritten ging er in Richtung des Schnaubens, das von Mal zu Mal dringlicher wurde. Ein ungefähr zwei Meter hoher Kasten zeichnete sich schwarz gegen den milchigen Himmel ab, als der Unternehmer auf ihn zuging, spürte er etwas Weiches unter den Füßen. Er blieb stehen, trat auf der Stelle, fuhr mit dem rechten Fuß über den Boden. Heu. Der Wagen musste beim Unfall umgekippt sein und seine Ladung verloren haben. Das Pferd, das ihn gezogen hatte, lag wenige Meter weiter, schnell atmend, halb von ihm verdeckt.

Bevor er nach Rumänien gekommen war, hatte der Unternehmer Pferdewagen stets für eine Erfindung deutscher Reiseprospekte gehalten. Doch wie die meisten Besucher hatte er schnell bemerkt, dass sie vor allem in den ländlichen Regionen eine Realität darstellten, und nach den ersten Tagen und einigen Dutzend Digitalfotos hatte sich der exotische Reiz dieses Motivs auch schon verflüchtigt. Bevorzugtes Gesprächsthema zwischen ihm und seiner Frau war nun die Gefahr für den Straßenverkehr gewesen, die von diesen Fuhrwerken ausging: Hier unbeleuchtete Karren mit dem Segen des Popen als einziger Fahrsicherheit, dort Limousinen mit automatischem Gurtstraffer, ABS und Airbag, Mittelalter und einundzwanzigstes Jahrhundert trafen mit Karacho aufeinander, zwei Welten auf einer Fahrbahn, wie konnte das gutgehen?

Es ging eben nicht immer gut, wie der Unternehmer nun feststellte. Das Mobiltelefon in der Hand, wahllos Tasten drückend, um die Beleuchtung des Displays am Laufen zu halten, suchte er die Straße ab, bis in dem bläulichen Schimmer eine Hand auftauchte. Ein Arm, ein Körper. Der Kutscher lag fast zwanzig Meter von seinem Wagen entfernt, der Zusammenstoß musste ihn vom Bock katapultiert haben. Verrenkt wie die Sünder, die von der Tugendleiter stürzten, lag er auf dem Boden, die Arme von sich gestreckt, das Gesicht auf der Seite, als lauschte er am Asphalt. Der Unternehmer ergriff seine Hand, tastete mit einer Routine, die ihn selbst überraschte, nach dem Puls und erschrak über die Erleichterung, die er empfand, als er feststellte, dass der Mann tatsächlich tot war. Als würde von einem Toten wenigstens keine Anklage, keine Schuld ausgehen. Als wäre der Tod der einzig angemessene Abschluss für einen solchen Unfall. Ein Schnauben riss ihn aus seinen Gedanken.

Der Unternehmer ging langsam zurück, vorbei an dem Pferd, vorbei am umgestürzten Wagen, durch Heu und Scherben zu seinem Auto. Er öffnete die Hintertür. Er löste die Verriegelung der Sitzbank, klappte eine Hälfte nach vorn und suchte im Dunkel des Kofferraums nach dem Leinenbeutel. Er bekam einen Zipfel zu fassen, zerrte ihn aus dem Auto, setzte sich auf die warme Motorhaube und löste die ledernen Riemen.

Obwohl er es erst seit wenigen Wochen besaß, fühlte sich das Gewehr bereits vertraut an; es in der Hand zu halten war wohltuend, belebend, wie wenn in einen eingeschlafenen Arm das Gefühl zurückkehrt. 28Nicht zuletzt der heutige Morgen hatte sie zusammengeschweißt. Auch wenn sein Schuss den Bären nur gestreift hatte. Auch wenn die Zwillinge den Unternehmer daraufhin verflucht hatten, auf Rumänisch, er hatte kein Wort verstanden, was aber, wie die Zwillinge ihm später versicherten, für ihre weiteren Geschäftsbeziehungen auch das Beste war. Auch wenn der Bezopfte sich beim hastigen Herabklettern vom Hochsitz fast den Fuß gebrochen hätte und sein Bruder bei der anschließenden Hatz auf das verletzte Tier beinahe von diesem erledigt worden wäre. «Wenn du dich zu früh freust, ist immer gefährlich», sagte er, während er dem Riesen den Bauch aufschlitzte, um ihm das Fell abzuziehen. «Man soll den Tag nicht loben, bevor der Bär geschossen ist.»

Im Handschuhfach fand der Unternehmer die Schachtel mit der Munition. Er setzte sich auf den Beifahrersitz, klappte den Lauf nach unten, tastete nach den Kammern und drückte zwei Patronen hinein. Ein Klicken: Das Gewehr war wieder verriegelt. Der Unternehmer zwängte sich aus dem Auto, stand auf, ihm wurde schwarz vor Augen, doch als seine Sinne zurückkehrten, wurde es kaum heller.

Im Vorbeigehen nahm er eine Handvoll Heu vom Boden und kniete sich neben den Kopf des Pferdes. Er hielt ihm das trockene Gras hin und streichelte über seine Nase. Das Tier atmete nur noch ganz flach, alle paar Sekunden entwich ein leiser, warmer Windstoß seinen Nüstern. Als der Unternehmer die Hand zurückzog, merkte er, dass sie nass war, klebrig. Er stand auf, wischte das Blut an seiner Hose ab, entsicherte das Gewehr, zielte auf das Schnauben und schoss.

In diesem Moment durchzuckte ihn ein stechender Schmerz. Der Rückstoß, dachte er und wusste doch zugleich, dass das nicht sein konnte: Er hielt den Kolben an der rechten Schulter, das Stechen war links an seinem Hals. Sein nächster Gedanke: eine Kugel. Der Kutscher ist doch nicht tot, er hat eine Waffe, er ist wütend, verständlich, verdammt, er hat mich erwischt.

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