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Herzblut - Wenn die Nacht stirbt

hier erhältlich:

Mit einem Biss hat Savannah ihre große Liebe unsterblich gemacht - und den Hass des Clanns entfesselt … der dritte Band von Melissa Darnells fantastischer Vampir-Trilogie!

Es ist geschehen: Savannah und Tristan sind vereint - durch Savannahs Biss, der Tristan zum Vampir gemacht hat. Wenn sie zusammen im Mondlicht tanzen, wenn Tristan sie küsst, könnte Savannah fast vergessen, dass sie ihn zum ewigen Leben verdammt hat! Aber Liebe ist nicht das Allheilmittel: Tristans Verwandlung weckt den Hass des Clanns, zu dem er früher gehört hat. Aus dem schwelenden Konflikt zwischen dem Clann der Magier und dem Hohen Rat der Vampire wird ein Krieg, der eine uralte Macht entfesselt, stärker und böser als alles, was sie bisher kannten. Bald müssen Tristan und Savannah erfahren, dass es Verbindungen gibt, die stärker sind als Liebe - und dass nicht jeder Sieg ohne Opfer errungen werden kann.


  • Erscheinungstag: 15.01.2016
  • Aus der Serie: Herzblut
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 396
  • ISBN/Artikelnummer: 9783733785512
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Euch, liebe Leser dieser Serie, für all Eure
anhaltende, großartige Unterstützung und die
Liebe, die Ihr der Welt und den Charakteren
der Herzblut-Reihe entgegenbringt!

1. KAPITEL

Savannah

Starr blickte ich in den Wald des Rich Mountain und stützte mich mit einer Hand an den Stamm des kahlen Laubbaums. Mein unnatürlich schneller Atem stieg in kleinen Wölkchen in die Nachmittagsluft, während die blasse Sonne sich hinter den nackten Ästen der Baumgrenze vorwärtsschleppte. In der Luft hing Rauch, der beißende Gestank eines falschen Versprechens von Wohlbehagen aus dem Schornstein der Jagdhütte, die wenige Meter hinter mir stand. Und die ich in diesen wenigen kostbaren Minuten der Einsamkeit hier draußen verbissen zu ignorieren versuchte.

Eigentlich hätte es perfekt sein sollen ... Tristan und ich und eine abgelegene Blockhütte mit einem knisternden Kaminfeuer, weit abgelegen auf einem Berg im Westen von Arkansas, mitten im Dezember. Weit und breit weder der Clann noch der Vampirrat in Sicht, um uns Probleme zu bereiten. Keine Regeln oder Geheimnisse mehr, die uns trennten. Keinerlei Risiko mehr, Tristan mit einem bloßen Kuss aus Versehen auszusaugen und zu töten.

Doch stattdessen war alles verkehrt, und ich drohte unter dem Gewicht dessen, was uns jetzt bevorstand, zusammenzubrechen.

Wir waren nicht allein hier. Mein Vater war mitgekommen. Nicht zu Tristans oder meiner Sicherheit, sondern um jeden anderen zu schützen, der womöglich zu dicht in die Nähe kam und Tristans Blutdurst weckte. Hätte Dad ihn letzte Nacht nicht zurückgehalten, hätte Tristan dort im Zirkel womöglich seine eigene Familie abgeschlachtet. Jene Lichtung in unseren heimatlichen Wäldern war der Hauptversammlungsort des Clanns, wo erst vor wenigen Stunden so viel Clann- und Vampirblut vergossen worden war.

Allein bei der Erinnerung daran, wie Tristan dort ausgesehen hatte – seine ehemals sanften grünen Augen plötzlich silberweiß vor Begierde, seine sonst vollen Lippen dünn und über frisch gewachsene Fangzähne gespannt, während er wütend fauchte –, durchlief mich ein mächtiger Schauer. Bis zu jenem Augenblick hatte ich nie gesehen, wie ein Vampir die Kontrolle über seinen Blutdurst verlor. Nun würde ich den Anblick nie wieder vergessen.

Zu dieser einsamen Jagdhütte zu fahren war unsere einzige Option gewesen, und unser Aufenthalt hier versprach alles andere als spaßig oder friedlich zu werden. Gestern Nacht hatten wir direkt nach dem Kampf Dads Auto beladen und aufbrechen müssen, nur um Tristan aus der Nähe der Menschen zu bringen, bevor der Blutdurst ihn wahnsinnig machte. Selbst der kurze Halt an einer Tankstelle war ein Albtraum gewesen. Gott sei Dank war es von Jacksonville, unserer Heimatstadt im Osten von Texas, bis hierher nur eine Tagesfahrt, deshalb hatten wir nicht oft anhalten müssen. Jetzt, da Tristan ein ausgewachsener Vampir war, überstiegen seine Kräfte die meinen bei Weitem – schließlich hatte er jahrelang Football gespielt und Krafttraining gemacht, bevor er verwandelt worden war. Bei unserem einzigen Halt war es an mir gewesen, den Tank zu füllen, während Dad Tristan im Auto festgehalten hatte, damit er nicht auf die Menschen an der Raststätte losging.

Und seitdem war es durch die neu entstandene geistige Verbindung nur noch viel, viel schlimmer geworden. Denn Tristan konnte jeden meiner Gedanken aufschnappen, während ich stumm darum kämpfte, nicht durchzudrehen.

Bevor ich Tristan verwandelt hatte, waren die ASW zwischen uns eine Einbahnstraße gewesen, und ich hatte mir keine Gedanken darüber machen müssen, dass er jedes Wort hören könnte, das ich dachte. Weil Vampire und der Clann von Geburt an natürliche Feinde waren, hatten sich in beiden Spezies mentale Barrieren entwickelt, sodass keine Seite die Gedanken der anderen lesen konnte. Doch da ich ein Dhampir war – von einer menschlichen Mutter und einem Vampirvater gezeugt –, konnte ich die Gedanken beider Seiten lesen, während meine vor ihnen abgeschirmt waren.

Unglücklicherweise hatten wir jetzt, da Tristan genau wie ich zur Hälfte dem Clann entstammte und zur Hälfte Vampir war, keinerlei Schwierigkeiten, gegenseitig unsere Gedanken zu lesen. Und das wäre großartig gewesen – hätte es einen Schalter gegeben, mit dem man diese Fähigkeit abstellen konnte. Doch zumindest fürs Erste schien so etwas nicht zu existieren, weshalb die neue Fähigkeit eher ein Fluch war. Der einzige Weg für uns, die Gedanken des anderen zu blocken, war, uns in unterschiedliche Räume zu begeben. Zum Glück hielten anscheinend Wände mit geschlossenen Türen und Fenstern zwischen uns unsere Gehirnwellen auf.

Früher hatte ich mich mit dieser Fähigkeit, all die offenen Gedanken um mich herum zu hören, aber nicht gehört zu werden, so allein gefühlt. Doch jetzt, da Tristan zur einzigen Person auf dem ganzen Planeten geworden war, die meine Gedanken hören konnte, sobald sie entstanden, wurde mir erst bewusst, wie verwöhnt ich durch meine Freiheit gewesen war, alles zu denken, was ich wollte. Ich hatte keinen Schimmer, wie ich das panische, schuldzerfressene Chaos in meinem Kopf unter Kontrolle bekommen sollte, während ich mit ihm zusammen war. Und durch meine fehlende mentale Selbstbeherrschung verletzte ich ihn ein ums andere Mal.

Das war auch der Grund, warum ich mich nach draußen an den Waldrand geschlichen hatte, um kurz durchzuatmen, nachdem Tristan in der Hütte eingeschlafen war – immer noch verletzt und verwirrt von meiner Reaktion auf ihn an der Tankstelle. Außerdem konnte ich mich hier endlich mit den unzähligen Sorgen beschäftigen, die ich so angestrengt verdrängt hatte, solange er noch wach gewesen war.

Was hatte ich ihm angetan? Uns?

Ich schlang einen Arm um den Baum und lehnte mich an den Stamm, ließ mich von ihm stützen. Ich war so müde, doch mein Geist weigerte sich, abzuschalten und mir Erholung zu gönnen.

Warnend quietschte die Tür der Blockhütte, und als ich mich umdrehte, zerbröselte ein weiteres Stück Baumrinde unter meinen Fingern.

Dad kam zu mir herübergeschlendert, und erleichtert entspannte ich mich. Fast hätte ich vergessen, dass ich nicht allein in dieser Misere steckte. Gott sei Dank hatte ich Dad, an den ich mich wenden konnte, um mir Rat über die Ausbildung eines Zöglings zu holen, denn auf mich gestellt wäre ich in der Hinsicht vollkommen hilflos gewesen.

„Na, schnappst du ein bisschen frische Bergluft?“, fragte er.

„Nein. Ich hab bloß ... etwas Raum gebraucht, um meinen Sorgen um Tristan freien Lauf zu lassen. Von jetzt an kann er all meine Gedanken hören, ob ich will oder nicht. Aber er erinnert sich an nichts außer dem, was er mit meinem Blut aufgenommen hat. Er ist so verloren und verwirrt, und er hat keine Ahnung, warum ich so aufgewühlt bin.“ Ich war lauter geworden. Mühsam atmete ich durch und zwang mich, meine Stimme zu einem Murmeln zu senken, damit Tristan uns nicht hörte. „Wie sollen wir ihm nur alles erklären?“

Dad hatte gesagt, in der größten Gefahr befänden sich die Zöglinge in den ersten paar Monaten nach der Verwandlung, während der menschliche Geist noch darum kämpfte, sich mit der Vampir-DNA zurechtzufinden. Ihm zufolge verhielt sich das Gehirn während dieser Phase oft wie nach einer Gehirnerschütterung: Es schaltete das Erinnerungszentrum ab und operierte allein auf den niederen Ebenen von Instinkt und Sinneswahrnehmungen. Irgendwann würden die Erinnerungen zurückkommen, doch das konnte Monate dauern.

Bis dahin wäre Tristan höchst emotional und vielleicht sogar manchmal irrational, und es würde ihm schwerfallen, sich über längere Zeiträume zu konzentrieren. Zudem würde er den Impuls verspüren, Menschen auszusaugen, ohne zu verstehen, woher dieser Drang kam. Darüber hinaus würde er über die Schnelligkeit, die Kraft und die Reflexe eines ausgewachsenen Vampirs verfügen.

„Wir dürfen auf keinen Fall versuchen, seine Erinnerungen schneller zurückzuholen“, warnte Dad. „Wir müssen Geduld haben und ihnen Zeit lassen, von allein zurückzukehren. Wenn wir ihm erzählen, was er vergessen hat, wird ihn das nur noch mehr aufwühlen und verwirren. Nichts, woran er sich nicht selbst erinnert, wird er je ganz glauben. Und im Moment ist sein Zustand zu instabil, als dass er mit all dem, was unsere Situation im Ganzen bedeutet und was sie nach sich zieht, umgehen könnte. Du wirst ihn weiterhin so gut vor deinen Gedanken schützen müssen, wie du kannst.“

Leichter gesagt als getan.

„Was ist, wenn er sich nie an alles erinnert? Was ist, wenn ich nicht stark genug bin oder schlau genug oder wenn wir ihn nicht richtig ausbilden oder nicht schnell genug ...?“

Dad legte mir eine Hand auf die Schulter. „Jetzt weißt du, was ich mit dir durchgemacht habe. Es gibt keine größere Verantwortung als dafür zu sorgen, dass ein anderer weiterhin existiert. Aber mit der Zeit wird es leichter.“

Zeit. Wie viel hatten wir überhaupt? „Wird der Rat versuchen, uns aufzuspüren?“

Er schüttelte den Kopf. „Sie vertrauen darauf, dass ich ihnen am Telefon wahrheitsgemäß Bericht erstatte. Der Clann dagegen .“

Verwirrt runzelte ich die Stirn. „Aber sie werden jetzt von Tristans Mom angeführt. Warum sollten sie ein Problem sein?“

„Wir wissen beide, wie sie zu unserer Art steht.“

Und Nancy Coleman gab mir die Schuld daran, dass ich ihren einzigen Sohn in genau das verwandelt hatte, wovor sie sich am meisten fürchtete.

„Okay, vielleicht hasst sie mich abgrundtief“, räumte ich ein. „Aber wenn sie mich ausschalten wollte, hätte sie das gestern Nacht im Zirkel erledigen können.“

„Vor einem so gemischten Publikum aus Clann-Mitgliedern und Vertretern des Vampirrats?“

Hmm. Da hatte er nicht unrecht. Mich überlief ein kalter Schauer. „Trotzdem, sie ist Tristans Mom. Sie weiß, dass er mich jetzt braucht, damit ich helfen kann, ihn auszubilden.“

„Außer sie beschließt, dass Tristan und du doch eine zu große Bedrohung für den Clann seid. Vor allem jetzt, wo du gezeigt hast, dass dein Blut Nachfahren verwandeln kann. Etwas, wozu kein anderer Vampir je in der Lage war.“

Mir krampfte sich der Magen zusammen. Langsam und kontrolliert holte ich Luft. „Das würde sie nicht tun. Ihrem eigenen Sohn würde sie das nicht antun. Egal in was ich ihn verwandelt habe: Sie vergöttert Tristan.“

„Hoffen wir, dass du damit recht hast, um unser aller willen. Lass uns außerdem hoffen, dass sie schnell die Kontrolle über den Clann ergreift, bevor irgendwelche Nachfahren beschließen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und sich an dir zu rächen, weil du ihren Anführer verwandelt hast.“

„Tristan war bloß ungefähr zwei Minuten lang ihr Anführer.“

„Trotzdem war er es. Und jetzt ist er ein Ausgestoßener, für sie ist er so gut wie tot. Du hast ihn in das verwandelt, was sie mehr als alles andere auf der Welt fürchten. Wir können nicht davon ausgehen, dass sie diese Tatsache in nächster Zeit vergessen.“

Ich starrte in die scheinbar endlosen Wälder hinaus, die in der zügig einbrechenden Abenddämmerung immer düsterer und grauer wirkten. „Selbst wenn der Clann Jagd auf uns macht: Hier draußen können sie uns nicht finden. Wir haben keine Spuren hinterlassen und niemand weiß von dieser Hütte, stimmt’s?“

„Davon müssen sie auch gar nicht wissen. Wenn der Clann entschlossen ist, uns aufzuspüren, stehen die Chancen gut, dass es ihnen gelingt. Vergiss nicht, dass sie sowohl ihre Magie als auch die Hüter auf ihrer Seite haben.“

Gütiger Gott. Ich hatte die Allianz des Clanns mit den Hütern vergessen, einer Gruppe von Familien, die ebenfalls aus Irland stammten und sich damals in der alten Welt bereit erklärt hatten, sich mit einem generationsübergreifenden Gestaltwandler-Zauber belegen zu lassen. Wenn sie ihre riesige schwarze Panthergestalt annahmen, konnten die Hüter sowohl die Gedanken des Clanns als auch die von Vampiren lesen, einschließlich der meinen – und wahrscheinlich auch weiterhin die von Tristan. Der Freund meiner besten Freundin, Ron Abernathy, gehörte zu einer langen Reihe von Hütern.

Konnte der Clann Ron und seine Familie zwingen, ihnen bei der Jagd auf uns zu helfen?

Mühsam versuchte ich, den Kloß hinunterzuschlucken, der sich in meiner Kehle bildete. Wir waren tief im Wald verborgen, zwei Staaten entfernt vom Hauptquartier des Clanns in Jacksonville. Wie sollten die Hüter uns aufspüren – anhand des Geruchs unserer Autoabgase?

„Während unserer Reise habe ich sämtliche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen“, versicherte mir Dad. „Und wir werden uns von den Städten in der Umgebung fernhalten, um die Menschen nicht auf unsere Anwesenheit aufmerksam zu machen. Trotzdem müssen wir wachsam bleiben. Solltest du spüren, wie irgendeine Form von Magie angewendet wird, musst du es mich sofort wissen lassen. Wenn sie wirklich entschlossen sind, versuchen sie womöglich, einen Zauber einzusetzen, um uns ausfindig zu machen.“

Na super. Auch daran hatte ich nicht gedacht.

Wie alle Nachfahren des Clanns spürte ich, wenn in meiner Nähe Magie eingesetzt wurde. Dann überlief ein unangenehmes Prickeln meinen Nacken und meine Arme. Aber meine Clann-Fähigkeiten waren immer noch neu für mich, und da ich schon vor meiner Geburt ausgestoßen worden war, hatte ich mir alles selbst beigebracht. Was Magie anging, gab es so vieles, was ich nicht wusste. Über welche Entfernung konnte sie gegen jemanden eingesetzt werden? Würde ich einen solchen Zauber spüren, wenn der Ausführende körperlich nicht in meiner Nähe war?

Dann fiel mir wieder ein, mit wem ich da gerade redete, und ich erstarrte.

Sowohl der Clann als auch der Vampirrat hatten darauf bestanden, dass meine Mutter und meine Großmutter mich niemals mit den Lehren der Magie vertraut machen durften. Doch ich hatte diese Regel gebrochen und sie heimlich trotzdem gelernt. Bis zur vergangenen Nacht hatte ich mir alle Mühe gegeben, meine wachsenden Clann-Fähigkeiten vor meinem Dad geheim zu halten, denn der Vampirrat konnte all seine Gedanken lesen.

Dies war Dads erstes offenes Eingeständnis, dass er wusste, dass ich Magie anwenden konnte.

Er musste letzte Nacht im Zirkel gesehen haben, wie ich Abwehrzauber eingesetzt hatte. Wahrscheinlich war es auch den Ratsmitgliedern nicht entgangen. In der Hitze des Gefechts, während ich links und rechts Zauber abwehrte und erwiderte, hatte ich wirklich andere Sorgen gehabt, als meine neuen Fertigkeiten zu verbergen.

Ich wusste nicht, ob ich erleichtert sein sollte, dass nun auch mein letztes Geheimnis ans Tageslicht gekommen war, oder noch besorgter. „Hat der Rat irgendwas zu dir gesagt, was meine neuen ... ähm, Fertigkeiten angeht?“

Er schüttelte den Kopf, den Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst. „Ich nehme an, sie warten erst einmal ab, wie sich Tristans Ausbildung gestaltet. Es wäre strategisch unklug von ihnen, die einzigen beiden existierenden Vampire, die zusätzlich magische Fähigkeiten besitzen, gegen sich aufzubringen. Vor allem, solange einer davon so instabil ist und das Friedensabkommen mit dem Clann infrage steht. Trotzdem rechne ich damit, dass sie euch beide in nicht allzu ferner Zeit zu einer ... Unterredung zu sich rufen werden.“

Toll. Das letzte Mal, als der Rat mich in sein Hauptquartier in Paris beordert hatte, hatten sie Tristan entführt und ihn dazu benutzt, meine Widerstandskraft gegen den Durst nach Clann-Blut zu testen, die machtvollste Versuchung für jeden lebenden Vampir. Ich hatte den Test bestanden, aber nur gerade so.

Ich hatte null Interesse daran, zu sehen, wie ein angepisster, frisch verwandelter Tristan darauf reagierte, wenn er dem Rat in dessen Hauptquartier gegenüberstand.

Mit zitternden Fingern rieb ich mir die hämmernden Schläfen. Eins nach dem anderen. Erst mal mussten wir Tristan stabilisieren; dafür sorgen, dass andere in seiner Gegenwart wieder halbwegs sicher waren. Um den Rat würden wir uns später kümmern.

„Wo du gerade von Tristans Ausbildung redest“, wechselte ich das Thema. „Du hast doch einen Plan, oder?“

„Nicht wirklich.“

Ich fuhr herum und starrte ihn an. „Du machst Witze, oder? Du bist über dreihundert Jahre alt. Inzwischen musst du doch Massen von Zöglingen ausgebildet haben.“

„Du bist mein einziger Zögling, der noch am Leben ist.“

„Was ist mit denen vor mir passiert?“

„Es gab nur einen. In den ersten hundert Jahren meines Lebens als Unsterblicher war Gowin mit seinen ganzen anderen Zöglingen beschäftigt, und mit der Zeit fühlte ich mich einsam und desillusioniert, was mein Dasein betraf. Ich war so töricht, zu versuchen, einen Freund zu verwandeln, der im Sterben lag, damit ich einen Gefährten hätte, jemanden, mit dem ich über unsere besonderen Sorgen und Nöte sprechen könnte.“

Plötzlich raste mein Herz. „Was ist passiert?“

„Ich habe es nicht geschafft, ihm über die anfängliche Hürde des Blutdursts hinwegzuhelfen.“

„Also hat der Rat ...?“

„Mein Zögling geriet trotz all meiner Bemühungen außer Kontrolle, und letzten Endes konnte ich dem Rat nicht widersprechen, als sie entschieden, ihm den Gnadenstoß zu versetzen.“

Den Gnadenstoß?

Oh. Er meinte, sie hatten seinen ersten Zögling umgebracht.

Und da ich ein Dhampir war, also kein richtiger Vampir, konnte man meine Ausbildung wohl auch nicht zu Dads wahrer Bilanz als Vampirschöpfer dazuzählen. Was bedeutete, dass Dad genauso wenig wusste, was er tat.

„Warum müsst ihr das so nennen?“, flüsterte ich und versuchte, mir nicht auszumalen, wie sich der Zorn des Rates auf Tristan richten würde, sollten Dad und ich es nicht schaffen, ihm Selbstbeherrschung beizubringen. „Sie sind doch keine Tiere, die man notschlachtet. Das sind Menschen. Also, na ja. Du weißt, was ich meine.“

„Glaube mir, wenn der Rat beschließt, dem Dasein eines Zöglings ein Ende zu setzen, dann geschieht das nicht, weil der Zögling irgendeine Form zivilisierten Verhaltens an den Tag legt. Sie sind Tiere, getrieben von nichts als dem Grundbedürfnis der Nahrungsaufnahme., Gnadenstoß‘ ist die einzig treffende Bezeichnung für das, was der Rat tut. Es ist ein Akt des Mitgefühls, der in dem Wissen ausgeführt wird, dass die Person, die jener Zögling einmal war, in keiner Weise je wiederhergestellt werden kann. So wird hoffentlich sowohl die Seele des Zöglings gerettet als auch die Seelen all der Leben, die er anderenfalls aus dieser Welt reißen würde.“

Stumm blickte ich meinen Dad an. Mir war, als spürte ich, wie das Summen seiner Emotionen durch die Luft zwischen uns huschte, während ich zugleich hörte, was er dachte. Noch nie hatte ich ihn so angespannt gesehen, ängstlich als auch verzweifelt und beschämt, alles zur selben Zeit. Beschämt über sein damaliges Versagen, ängstlich, weil er erneut versagen könnte. Und diesmal wäre es mein Zögling, über den die Höchststrafe des Rates verhängt würde.

Aber mein Dad war ein dreihundert Jahre alter Vampir, ein ehemaliges Ratsmitglied. Er hätte auf alles eine Antwort haben sollen.

„Was ist, wenn wir den Rat befragen?“, schlug ich vor.

„Bei ihren Zöglingen versagen selbst Ratsmitglieder manchmal. In den Rat wird man aufgrund seines Alters und seines politischen Fingerspitzengefühls aufgenommen, nicht weil man mehr weiß als alle anderen in der Gemeinschaft. Davon abgesehen ist unsere Situation in Bezug auf den Rat bereits mehr als riskant, und ich habe nicht das Bedürfnis, ihnen noch mehr Gründe für vorschnelle Entscheidungen zu geben. Schon jetzt sind sie äußerst beunruhigt ob der Tatsache, dass es zwei Vampire mit magischen Fähigkeiten gibt, die sich womöglich eines Tages gegen sie erheben könnten. Wenn sie glauben, wir sind nicht in der Lage, Tristan Selbstbeherrschung beizubringen ...“

Diesen Gedanken musste er nicht weiter ausführen. Meine Fantasie konnte den Satz nur zu leicht beenden.

„Was ist, wenn wir andere Vampire um Hilfe bitten, die nicht zum Rat gehören? Irgendwer da draußen muss doch inzwischen die Sache mit der Ausbildung draufhaben.“

Wortlos blickte Dad weiter in die Ferne. Sein Schweigen war Antwort genug.

„Wir müssen das also echt allein hinkriegen?“ Als mir das Ausmaß dessen, was uns bevorstand, bewusst wurde, konnte ich plötzlich nicht mehr atmen. Es war, als bräche alles über mir zusammen.

„Es tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss, Savannah, aber es gibt kein Buch à la, Vampirausbildung für Dummies‘, nach dem wir uns richten können. Keine Schule für Vampirzöglinge, auf die wir ihn schicken können. Jeder Zögling ist ein Fall für sich, dieser mehr als jeder andere. Ich kann es nur mit den Methoden versuchen, die mein Schöpfer in meinen Anfangstagen bei mir angewandt hat, während du dein Möglichstes tust, um Tristan ruhig zu halten. Außerdem musst du ihm beibringen, dass er es vermeidet, seine Clann-Fähigkeiten einzusetzen. Mehr können wir nicht tun.“

Also ließ man uns vollkommen allein. Was auch geschah, es war an uns, rauszufinden, wie wir einen irrationalen, launischen Vampir ohne Erinnerungsvermögen und mit magischen Fertigkeiten, die weit über die meinen hinausgingen, zur Räson bringen sollten. Und um das zu erreichen, würden wir antiquierte Trainingsmethoden anwenden, mit denen mein Dad schon einmal gescheitert war. Schlimmer noch, diese Methoden waren von demselben Ratsmitglied an ihn weitergereicht worden, das abtrünnig geworden war und versucht hatte, Tristan das Herz rauszureißen – wodurch diese ganze Misere überhaupt erst entstanden war.

Wieder quietschte die Tür der Blockhütte, und das Herz hämmerte mir noch härter in der Brust und in den Ohren.

Tristan war wach.

Ich zwang mich, meine Gedanken leer zu fegen und langsamer zu atmen.

Eine Sekunde später stand Tristan neben mir. „Ich bin aufgewacht, und es war niemand da.“

„Wir haben bloß ein bisschen frische Luft geschnappt“, murmelte Dad. „Was für ein herrlicher Sonnenuntergang, nicht wahr?“ Ein kurzer Blick in seine Gedanken zeigte, dass er über die Natur nachdachte.

Doch Tristan sah nur mich an und runzelte die Stirn. Dabei verrieten seine Gedanken, dass er nun, da er nichts aus meinem Kopf herausbekam, versuchte, meine Gefühle zu lesen. „Alles in Ordnung?“ Dein Herz rast, und ich rieche Angst auf deiner Haut, fügte er stumm hinzu.

Ich rang mir ein Lächeln ab. „Alles bestens. Hast du gut geschlafen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich schätze mal ganz gut. Aber als ich aufgewacht bin, hatte ich Durst.“

Fast unmerklich huschte Dads Blick seitwärts und traf den meinen. Dann wandte er sich uns zu. „Wir sollten hineingehen und etwas trinken.“

Doch Tristan hörte nicht mehr zu. Stirnrunzelnd hob er den Kopf ein wenig und schnupperte in die Luft. „Was ist das?“

„Was?“ Ich schnupperte ebenfalls, roch jedoch nur den Rauch aus dem Schornstein, die toten Blätter unter unseren Füßen und den Erdboden.

Und dann war Tristan weg. Er rannte so schnell, dass ich seine Bewegungen nicht einmal mit meinen Vampiraugen verfolgen konnte.

Schockiert sah ich zu Dad. „Was zum ...“

„Jäger“, knurrte Dad.

Oh Gott. Tristan hatte irgendwo in den Wäldern Menschen gewittert.

Auf der Stelle schossen wir hinter ihm her. Nur das aufgewirbelte Laub zeigte, wo er entlanggerannt war.

2. KAPITEL

Savannah

Als wir ihn endlich einholten, war es schon fast zu spät.

Gefangen zwischen Tristan und einem Baum, rang der einsame menschliche Jäger nach Luft, während Tristans Griff ihm die Kehle abdrückte. Ein paar Meter weiter lag vergessen sein Gewehr, dort, wo es ihm aus der Hand gefallen sein musste.

Tristan beugte den Kopf, brachte seine Fangzähne an den Hals des Mannes und lächelte voller Vorfreude.

„Tristan, halt!“, schrie Dad. Er vergaß, dass wegen unserer gemischten Vampir- und Clann-Gene weder Tristan noch ich gezwungen waren, dem Befehl eines älteren Vampirs Folge zu leisten.

Tristan ignorierte ihn, und eine halbe Sekunde später schlug er die Zähne tief in den Hals des Mannes.

„Tristan, bitte“, flehte ich. Angst und Entsetzen schnürten mir die Kehle zu. Wenn er diesen Mann umbrachte, würde er sich das nie verzeihen. Und ich würde mir nie verzeihen, dass ich ihn nicht aufgehalten hatte. Aber wie sollte ich das schaffen? Wenn ich versuchte, sie auseinanderzuzerren, würden Tristans Fangzähne dem Mann die Kehle zerfetzen.

Entweder meine Worte oder die Angst dahinter brachte Tristan dazu, innezuhalten.

Warum sollte ich aufhören? dachte er, die Zähne immer noch tief in der Haut des Mannes vergraben. Aber wenigstens trank er nicht mehr in großen Schlucken das Blut seines Opfers. Ich hab Durst, und er bedeutet für mich Nahrung.

Es gibt andere Möglichkeiten, sich zu ernähren. Möglichkeiten, bei denen niemand verletzt wird. In der Hütte haben wir mehr als genug Blut für uns alle, antwortete ich stumm, um Tristans Opfer nicht noch weiter zu verängstigen. Wie erstarrt stand der Mann in seiner Umklammerung. Schon jetzt waren seine Augen vor Entsetzen geweitet, weil Tristan nicht wusste, wie er ihn mit seinem Vampirblick benebeln musste, um ihn zu beruhigen.

Aber warum sollten wir erst den ganzen Weg dahin zurücklaufen, wenn dieser Mensch sich doch direkt hier vor meiner Nase befindet?

Tristan hatte keine Bedenken, dem Mann Angst einzujagen, trotzdem antwortete er mir ebenfalls telepathisch. Auf Dads Befehl hatte er nicht reagiert, doch bei mir war er bereit, zuzuhören. Ob es an meinem Blut lag, an den paar Erinnerungen, die wir dadurch miteinander teilten, oder daran, dass noch irgendein Gefühl von Liebe die Verwandlung in ihm überstanden hatte – anscheinend war unsere Verbindung das Einzige, was ihn davor bewahrte, vollends den Verstand zu verlieren.

Ich musste es schaffen, diese Verbindung zu nutzen, um ihn vor seinen Instinkten zu retten. Aber wie?

Weil das nicht du bist, dachte ich.

Aber ich hab Durst, fauchte er mich in Gedanken an. Und dieses Blut ist frisch. Wie kann das schlecht sein?

Könnte er sich doch nur an alles erinnern! Dann wäre es so viel leichter zu erklären gewesen. Verzweifelt suchte ich nach den richtigen Worten. Ich wusste, dass das Leben dieses Menschen von dem abhing, was ich als Nächstes dachte.

Im Moment fühlt es sich vielleicht an, als wäre es genau das, was du willst. Aber das liegt nur daran, dass noch nicht all deine Erinnerungen zurückgekehrt sind. In ein paar Monaten wird das anders sein. Und wenn es so weit ist, wirst du wieder wissen, warum du niemals diesem oder irgendeinem anderen Menschen etwas antun wollen würdest. Jetzt gerade fühlt es sich gut an, ihn zu beißen. Aber später wird dich dieser Fehler auf ewig verfolgen. Und du wirst ihn niemals ungeschehen machen können.

Für den alten Tristan hätte das als Erklärung ausgereicht, um seinen Gefangenen freizugeben. Doch der neue Tristan hob nur den Kopf und starrte mich über die gekrümmte Schulter hinweg an. Seine roten Lippen waren geteilt, als sei selbst diese kurze Unterbrechung beim Löschen seines Durstes eine Qual für ihn. Verschwunden war der Junge, den ich so geliebt hatte. An seine Stelle war ein blindwütiges Raubtier getreten, das ganz versessen darauf war, aus purer Begierde ein Leben zu beenden. Er hatte sich in genau das verwandelt, was ich selbst zu werden befürchtete, wenn ich auch nur ein einziges Mal eine falsche Entscheidung träfe oder die Kontrolle verlöre.

Es durchfuhr mich wie ein düsterer Glockenschlag, hallte in meinem Innersten wider, dröhnend von der tiefen Liebe zu Tristan, die ich immer für so unerschütterlich gehalten hatte, und hinterließ einen tiefen, langen Riss. Die fremde Empfindung ließ mich innerlich wie äußerlich erbeben. Doch ich hatte keine Zeit, mich jetzt damit zu befassen. Das würde ich irgendwann anders tun müssen.

Ich musste einen Weg finden, Tristan zu überzeugen, diesen Mann nicht zu töten. Aber wie? Er verfügte über keinerlei eigene Erinnerungen, die ihn hätten leiten können, und die paar Bluterinnerungen von mir halfen offensichtlich auch nicht. Genauso wenig wie meine Versuche, vernünftig mit ihm zu reden. Wäre da nicht dieses Band zwischen uns gewesen, was auch immer es war, hätte er den Kerl schon längst bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt. Er könnte es immer noch tun.

Und wenn er diesen Menschen vor den Augen meines Vaters tötete, würde der Vampirrat es irgendwann aus Dads Erinnerungen erfahren. Sie würden wissen, dass wir nicht in der Lage gewesen waren, zu verhindern, dass Tristan im Angesicht eines Menschen die Kontrolle verlor.

Ich schluckte schwer und spürte meinen Herzschlag so hart in der Kehle, dass mein ganzer Körper bebte. Tristan, wenn du diesen Menschen verletzt, dann – dann verlasse ich dich. Es war die pure Verzweiflung, die diesen Gedanken in meinem Kopf auftauchen ließ, und Panik brachte mich dazu, mich daran zu klammern. Das war die einzige Drohung, mit der ich ihn womöglich erreichen konnte.

Er zuckte zusammen, und wie ein Messer durchfuhren der Schock und die Verletzung uns beide. Du würdest mich verlassen? Wegen eines vollkommen Fremden? Aber du hast mich doch zu dem hier gemacht!

Ich nickte und versuchte, meinen eigenen Schmerz zu ignorieren. Hier ging es nicht um mich. Es ging darum, Tristan zu retten. Du hast recht, ich habe dich verwandelt. Aber nur weil wir jetzt anders sind, heißt das nicht, dass wir anderen Schaden zufügen müssen. Wir haben die Wahl. Wir müssen keine Mörder sein. Und wenn du diesen Menschen verletzt, selbst wenn du damit davonkommst ... Eines Tages, wenn du wieder du selbst bist und dich an diesen Moment zurückerinnerst, wird es dich vernichten. Und vielleicht auch das, was wir miteinander haben. Vielleicht fängst du an, mir die Schuld zu geben, weil ich keine Möglichkeit gefunden habe, dich aufzuhalten. Du würdest wollen, dass ich alles unternehme, was in meiner Macht steht, um dich davon abzuhalten, diesen Fehler zu begehen.

Und in diesem Augenblick konnte ich unsere Zukunft vor mir sehen. Wie seine Schuldgefühle ihn innerlich zerreißen würden. Wie er beginnen würde, sich zu hassen. Und auch mich, selbst wenn er es nicht wollte. Weil ich ihn nicht nur verwandelt hatte, sondern ihn auch nicht davon abgehalten hatte, jemanden zu töten.

So oder so, wenn ich nicht alles unternahm, um ihn aufzuhalten, würde uns dieser Moment vernichten.

Plötzlich erwachte seine Neugier. Er legte den Kopf zur Seite, und der Mensch in seinen Fängen war beinahe vergessen. Inwiefern sind wir, jetzt anders‘?

Du bist noch nicht lange so. Vor gestern Nacht hättest du nicht mal ansatzweise in Erwägung gezogen, einen Unschuldigen so anzugreifen.

Und vor gestern Nacht, bevor ich ... so geworden bin ... Waren wir schon immer zusammen?

Zuerst waren wir beste Freunde, vor Jahren, als Kinder. Aber ich habe dich immer geliebt, von Anfang an, so fühlte es sich jedenfalls immer für mich an. Ich hätte alles gegeben, hätten wir zurückreisen können in eine Zeit, als für uns alles so viel einfacher gewesen war.

Du bist traurig. Du ... magst mich nicht mehr, weil ich anders bin. Anders inwiefern?

Ich liebe dich, dachte ich eindringlich und trat einen Schritt auf ihn zu. Ich werde dich immer lieben. Aber ich vermisse die Art, wie du früher warst. Der Tristan, in den ich mich verliebt hab, mein erster bester Freund, hätte niemals jemandem Schaden zugefügt. Gezielt rief ich mir den Tag ins Gedächtnis, an dem er meiner Freundin Michelle bei einem Wettkampf in der achten Klasse von der Laufbahn geholfen hatte. Nach ihrem Fünfkilometerlauf hatten ihr die Schienbeine so wehgetan, dass sie kaum noch hatte gehen können. Er hatte sie nicht mal gekannt, und es war passiert, bevor wir zusammengekommen waren. Damals hatten seine Eltern ihm noch den Umgang mit mir verboten. Nicht mir zuliebe hatte er Michelle geholfen. Er hatte es getan, weil er gesehen hatte, wie eine Fremde Schmerzen litt und niemand sonst ihr zu Hilfe geeilt war.

Als ich die Erinnerung in meinem Kopf abspielte, runzelte er die Stirn und versuchte, sein diffuses Selbstkonzept mit jenem kurzen Ausblick auf den Jungen zusammenzubringen, der er einmal gewesen war. Quälend langsam verstrichen die Sekunden, während seine Hand immer noch fest unter dem Kinn seiner Beute lag und er mit seinen Instinkten rang.

Ich habe keine Erinnerung an diese Person, die ich deiner Meinung nach sein soll, dachte er schließlich. Alles, woran ich mich erinnere, sind Augenblicke mit uns beiden, wie wir irgendwo an einem Bach sitzen und wie wir in einem verspiegelten Raum miteinander tanzen. Und irgendwas mit dir in einem weißen Kleid und mit ... Flügeln?

Mir lief eine Träne über die Wange. Ich wischte sie fort, und gleichzeitig zuckte mein Mundwinkel, weil ich beinahe lächeln musste. Er erinnerte sich an unseren Tanz auf dem Maskenball der Charmers vor zwei Jahren, als wir angefangen hatten, uns heimlich zu treffen.

Das war ein Halloween-Kostüm, erklärte ich telepathisch.

Warum kann ich mich an kaum etwas erinnern? Er legte seine Stirn in noch tiefere Falten, während kalte Angst aus seinen Gedanken tröpfelte. Ich hab das Gefühl, ich sollte mich an mehr erinnern. Aber wenn ich es versuche, ist es, als würde ich mich im Nebel verlaufen.

Es wird alles zurückkommen. Ich werde dir helfen, dich zu erinnern. Aber würdest du mir bitte einfach vertrauen, bis es so weit ist, und diesen Mann gehen lassen?

Du verlässt mich nicht?

Ich schluckte den harten Kloß in meinem Hals hinunter und schüttelte den Kopf. Wir kriegen das zusammen hin.

Tristan atmete tief durch, trat von dem Menschen weg, ließ ihn los und schoss so schnell an meine Seite, dass er vor meinen Augen verschwamm. Sofort begann der Mann, am Stamm des kahlen Baums hinabzurutschen. Offensichtlich stand er unter Schock. Dad huschte nach vorn und fing ihn auf, bevor er zu Boden krachen konnte, stellte ihn auf die Füße und fing seinen Blick ein. Unter der Macht des Vampirblickes weiteten sich die Augen des Jägers, um schließlich leer zu werden, als Dad begann, Anweisungen zu murmeln, um sein Gedächtnis zu manipulieren und ihn sicher nach Hause zu schicken.

Wäre es doch nur genauso leicht gewesen, Tristans Erinnerungen zurückzuholen, wie es war, diesem Menschen einen Teil der seinen zu nehmen.

Meine Knie zitterten vor Erleichterung, als ich Tristan einen Arm um die Taille legte und ihn langsam durch die Wälder zurück zu unserer Hütte führte. Und ich versuchte, nicht daran zu denken, wie sehr sich mein Magen beim süßen, köstlichen Duft des Blutes auf seinen Lippen zusammenzog – und wie gierig mein Herz raste.

In den folgenden fünf Monaten verbrachten wir jede wache Minute damit, Tristan mithilfe von Tai-Chi beizubringen, die Schnelligkeit seiner Reflexe und Bewegungen zu kontrollieren. Immerhin hatte es bei meinem Dad und mir sehr gut funktioniert. Dad hatte die Theorie, dass ein großer Teil der Unbeherrschtheit von Zöglingen daher kam, dass unser Körper sich schneller bewegte als unser Geist. Deshalb ergriff uns instinktiv dieser Durst, der uns dazu brachte, anzugreifen, bevor wir überhaupt begriffen, was wir da taten, und keine bewusste Entscheidung treffen konnten, es nicht zu tun.

Je länger Tristan sich mit Tai-Chi beschäftigte, desto öfter gab es kleine Lichtblicke, Momente, in denen der Junge zutage trat, den ich so geliebt hatte. Er bewegte sich weniger vogelhaft, flüssiger – so wie er es als menschlicher Sportler getan hatte. Mit seiner wachsenden Selbstbeherrschung hatte er auch etwas anderes als seine verlorene Erinnerung, worauf er sich konzentrieren konnte. Dadurch entspannte er sich langsam etwas und wurde Schritt für Schritt unabhängiger.

Wenn ich nicht gerade Dad half, Tristan auszubilden, arbeitete ich an meinen Hausaufgaben. Und von denen gab es eine ganze Menge. Ich hatte gedacht, irgendwann später, wenn Tristan wieder über sein Gedächtnis verfügte, könnten wir unsere Schulausbildung wieder aufnehmen. Was machte schon ein Jahr Pause, wenn wir sowieso ewig leben würden? Doch Dad hatte darauf bestanden, uns für den Hausunterricht übers Internet anzumelden – und erwartete von mir, dass ich sowohl meine als auch Tristans Aufgaben erledigte, damit wir nicht den Anschluss verlören. Wenn Tristans Erinnerung zurückkäme, sollte er alles, was er verpasst hatte, in der für Vampire typischen Schnelligkeit überfliegen, um aufzuholen.

Ich glaube, Dad wollte mich bloß beschäftigen, damit ich mir nicht die ganze Zeit Sorgen machte.

Aber wie sollte das gehen? Vor allem, wenn Tristans Schwester Emily eine SMS nach der anderen schrieb, um sich von seinen Fortschritten berichten zu lassen. Zuerst hatte ich geglaubt, sie würde sich bloß Gedanken um ihren kleinen Bruder machen. Doch in letzter Zeit fragte ich mich langsam, ob sie vielleicht nicht die Einzige im Clann war, die sich um Tristan sorgte.

Eines frühen Morgens im April wachte ich vom Piepton meines Handys auf, das eine neue Nachricht vermeldete.

Noch halb im Schlaf rollte ich mich auf die Seite, ertastete mein Telefon und öffnete ein Auge einen Spaltbreit, um die Nachricht zu lesen, bevor das Geräusch noch jemanden weckte.

Meine Mutter will wissen, wann ihr zwei nach Jacksonville zurückkommt.

Warum sollten wir zurückkommen? textete ich zurück.

Ihr müsst, lautete Emilys Antwort. Der Clann braucht die Gewissheit, dass er sich beherrschen kann und für niemanden eine Gefahr darstellt.

Mit finsterer Miene blickte ich aufs Display. Wenn es nach mir ginge, würden wir nie nach Jacksonville zurückkehren. Wie könnten wir, solange Tristan immer noch mehr Tier als Mann war? Ich war mir nicht mal sicher, ob er sich in einer Menschenmenge beherrschen könnte, geschweige denn unter lauter Nachfahren.

Seufzend stützte ich mich auf einen Ellbogen, sah mich um und erstarrte.

Ich war allein in der Jagdhütte.

War Tristan einem weiteren Jäger nachgerannt? Vielleicht hatte Dad es zu eilig gehabt, um mich zu wecken? Wenn dem so war, warum hatte ich nichts gehört?

Mit rasendem Puls sprang ich auf und hastete zur Tür. Doch eine Bewegung vor dem Fenster ließ mich innehalten. Wenige Meter vor der Blockhütte machten Tristan und Dad gemeinsam Tai-Chi.

Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung trat ich näher ans Fenster, um ihnen zuzusehen, und schon bald entwich mir eine ganz andere Art von Seufzer.

In der kalten Morgenluft, noch grau vom Anbruch der Dämmerung, verlieh Tristans eiserne Konzentration jeder Bewegung zugleich eine ergreifende Schönheit und messerscharfe Gefährlichkeit. Er wirkte wie ein Kämpfer in einem Kung-Fu-Film, der sich auf eine Schlacht vorbereitete. Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper und beobachtete ihn, ausnahmsweise mal ungesehen und ungehört, und in jenem Moment wusste ich wieder, warum ich ihn liebte. Es war nicht nur die Art, wie er sich bewegte. Auch die herrlichen Konturen seines Körpers, den er in unzähligen Stunden Footballtraining gestählt hatte und der jetzt durch das Vampirblut perfektioniert war, waren es nicht. Es war der Blick in seinen Augen, der zielbewusste Ausdruck um seinen Mund und den Kiefer, jene unverrückbare Entschlossenheit, zu schaffen, was auch immer er sich vornahm. Wie es ihm bisher bei allem gelungen war.

Es war ein seltener Ausblick auf den alten Tristan, den ich kannte und liebte und jeden einzelnen Tag der vergangenen fünf Monate vermisst hatte.

Als er fließend in einen tiefen rechten Ausfallschritt der 16er-Form glitt, rieselte mir ein warmer Schauer über den Rücken. Eine Minute später, als er zur 18er-Form überging und die linke Hand langsam vorschob, als drückte er eine unsichtbare Tür auf, verwandelte sich mein Schauer in eine ausgewachsene Gänsehaut, und mir stellten sich die Nackenhärchen auf. Doch diesmal lag es nicht an der Schönheit des Augenblicks.

Gleich würden Tristans magische Kräfte zum Einsatz kommen.

Mir blieb gerade noch Zeit, oh nein zu denken und zur Tür zu stürzen. Als ich sie eine halbe Sekunde später aufriss, war schon ein nahe stehender Baum mit einem Krachen in Flammen aufgegangen. Die morgendliche Tai-Chi-Stunde war definitiv beendet.

Sprachlos starrte Tristan auf den Baum. Er blickte auf seine Hände hinunter und dann hoch zu mir, und als ich zu ihm hinüberrannte, waren seine Augen weit aufgerissen.

„Ich ... Hab ich gerade ...“, stammelte er.

„Ist schon gut“, erwiderte ich und nahm seine Hände. „Das hast du mit deiner Willenskraft und dieser gebündelten Energie in deinem Inneren gemacht. Kannst du die Energie spüren?“

Forschend runzelte er die Stirn, dann nickte er langsam.

„Gut. Jetzt konzentrier dich auf diese Energie. Versuche, dir vorzustellen, du würdest sie als festen Ball in deinem Inneren behalten.“

„Ich wollte diesen Baum nicht in Brand setzen. Es war bloß ... Ich war genervt. Ich hab mich ablenken lassen. Ich hab gedacht ...“

Ich las seine Gedanken. Er hatte gedacht, dass er es satthatte, nicht zu wissen, wer und was er war. Und dann hatte seine Verärgerung seine Willenskraft geweckt, die einen Schuss Magie in Form eines Feuerballs ausgespuckt hatte.

Ein Feuerball, der meinen Dad oder mich ohne Weiteres hätte töten können, hätte Tristan in eine andere Richtung gezielt.

Schnell schob ich den Gedanken fort. „Ich weiß. Es war ein Unfall. Deshalb machen wir Tai-Chi. Es ermöglicht dir, deine Emotionen körperlich rauszulassen, ohne, na ja, Sachen in die Luft zu jagen.“ Ich wandte mich dem Baum zu, holte tief Luft, streckte die Hände aus und richtete meine Willenskraft darauf, ihn abzukühlen. Die Flammen schrumpften und erstarben schließlich in einer dicken Rauchwolke.

„Savannah, der Rauch ...“, raunte Dad. „Er ist meilenweit zu sehen. Kannst du etwas tun, um ihn aufzulösen?“

Ich überlegte kurz und biss von innen an meinem Mundwinkel. Dann hob ich die Hände und stellte mir eine steife Brise vor, die von meinen Händen aus in den Rauch wehte.

Tristan zischte und rieb sich den Nacken, als sich ein Wind erhob, den Rauch erfasste und schließlich in lange graue Fetzen zerriss, die schon bald verschwanden.

„Na also.“ Mit einem gezwungenen Lächeln wandte ich mich Tristan zu. „Siehst du? Schon erledigt. Versuch einfach nur, deine Willenskraft unter Kontrolle zu behalten, dann ist alles gut.“

Doch Tristan war wie erstarrt, sah mit geweiteten, starren Augen auf den Baum, der jetzt kohlschwarz war.

„Tristan?“

Er blinzelte nicht, regte sich nicht, war mit den Gedanken Millionen Meilen entfernt, an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit – als er das letzte Mal mit jemandem zusammengearbeitet hatte, um zu lernen, seine Clann-Kräfte zu kontrollieren.

Tristan

Durch meinen Kopf rasten Bilder, die ich zuerst nicht verstand – von mir und einem breitschultrigen Mann mit einem dichten silbernen Bart, mitten in der Nacht in einem Garten.

Dann erkannte ich ihn. Die Antworten fielen mir zu, ohne dass ich darum kämpfen musste.

Dad. Wir standen im Garten hinter unserem Haus.

„Also gut“, sagte Dad, „erst mal zu den Grundlagen des Zauberns: Am Anfang benutzt jeder Hexer ein bestimmtes Wort und eine kleine Geste. Bis man gelernt hat, seinen Geist zu beherrschen, stärkt das die Konzentration und hilft, während man den Zauber erwirkt. Wenn du so weit bist, bringe ich dir bei, wie man selbst gefesselt und geknebelt magische Kräfte entwickelt, indem man das Wort nur denkt und seinen Willen benutzt. Mit der Zeit lernst du, ohne ein einziges Wort zu zaubern. Dann denkst du nur noch an das Ergebnis, das du erreichen willst. Genau so, wie du Feuer erschaffst oder deine Energie ableitest.“

Die kurze Erinnerung war wie der Wind, den Savannah soeben flüsternd entfacht hatte, und blies den geistigen Nebel fort, der monatelang in meinem Kopf geherrscht hatte. Ich erinnerte mich. Alles, was verloren gewesen war, kam in Wellen zurück, mehr und mehr. Ich erinnerte mich, wie Dad mir beigebracht hatte, Magie einzusetzen ... wie der Rat der Vampire mich entführt und in ihrem unterirdischen Hauptquartier in Paris mit Handschellen an einen Stuhl gefesselt hatte, um Savannahs Selbstbeherrschung zu testen ... wie Mom von mir erwartet hatte, dass ich in Dads Fußstapfen treten würde, um der nächste Anführer des Clanns zu werden, und wie sehr ich mir stattdessen gewünscht hatte, ich könnte Profi-Footballspieler werden, und all unsere endlosen Streitereien über dieses Thema ... Dads Tod ... wie Moms Herzschmerz sich in Freude verwandelt hatte, als ich endlich den steinernen Thron des Clann-Anführers bestiegen hatte ... Der Schmerz, der in meiner Brust explodiert war, als Gowin versucht hatte, mir von hinten das Herz herauszureißen ... und dann, wie ich in Savannahs Armen aufgewacht war, mit nichts als der Erinnerung an ihr Lächeln, an der ich mich festhalten konnte, während alles andere in dem Nebel verschwand, der sich in meinem Kopf ausgebreitet hatte.

An all das erinnerte ich mich. Aber es war zu viel auf einmal, tausend unterschiedliche Erinnerungen und Gefühle, die wie ein Tornado durch mein Inneres wirbelten. Er drohte mich in Stücke zu reißen. Ich konnte nicht atmen, hatte keinerlei Kontrolle.

Ich musste hier weg, brauchte Luft zum Atmen, musste mir meinen Weg durch das Chaos bahnen, durch eine Erinnerung und eine Emotion nach der anderen, bevor ich wahnsinnig würde.

3. KAPITEL

Savannah

Tristan strauchelte, und ich streckte die Hand nach ihm aus. Doch als ihn eine Woge des Schocks und des Entsetzens überrollte, wandte er sich ab. Eine Erinnerung nach der anderen prasselte auf ihn ein, aus allen Richtungen zugleich, jede mit einer weiteren verbunden, die sie direkt nach sich zog – und jede trieb ihm die Luft aus den Lungen, raubte ihm die Fähigkeit, zu atmen.

„Tristan!“ Ich machte einen Schritt in seine Richtung. Gut, sein Gedächtnis kam zurück, aber es ging viel zu schnell. Niemand sollte die Erinnerungen von siebzehn Jahren auf einmal bewältigen müssen.

„Dad, seine Erinnerungen ... Es kommt alles zurück.“ Was sollte ich tun? Sollte ich versuchen, ihn in den Arm zu nehmen, ihn spüren zu lassen, dass ich an seiner Seite war, damit er wusste: Er war nicht allein?

Wieder versuchte ich, nach Tristan zu greifen, aber er schob meine Hand fort und stolperte auf die nahe gelegene Felskante zu, auf der er manchmal gern saß, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Er war zu dicht am Abgrund. Dad meinte, er würde den Sturz überleben, aber ich wollte trotzdem nicht zusehen müssen, wie er sich verletzte.

„Lass ihn gehen. Er wird einige Zeit und viel Freiraum brauchen, um sich allein damit auseinanderzusetzen.“

Ich hielt den Atem an, bis Tristan den Felsen erreicht hatte, auf den er sich normalerweise setzte. Blindlings tastete er mit den Händen über die Oberfläche. Als er schließlich auf den Stein sank, ließ er sich allein von seinem Tastsinn leiten.

„Bist du sicher, dass er im Moment allein sein sollte?“

„Ja, ich bin mir sicher. Vor einigen Dingen kannst du ihn nicht bewahren.“

Der Gedanke, dass Tristan allein mit der Rückkehr seines Erinnerungsvermögens klarkommen müsste, gefiel mir nicht. Vor allem, wenn es um die Gedanken an den Tod seines Vaters ging. Als Tristan fast gestorben wäre und ich ihn hatte verwandeln müssen, war das gerade mal eine Woche her gewesen.

Doch ich befolgte Dads Rat und blieb stehen, obwohl ich Tristan folgen wollte. Sah zu, obwohl ich lieber irgendwie aktiv geholfen hätte. Nach einem Moment des Schweigens bemerkte ich, dass Dad allen Ernstes lächelte.

„Darüber kannst du dich ja wohl unmöglich freuen“, fuhr ich ihn an. „Tristan leidet. Ich weiß, dass du nicht so herzlos bist.“

„Nein, sein mentaler Schmerz gefällt mir nicht. Aber die Rückkehr seiner Erinnerungen bedeutet, dass er schnell all seine frühere Selbstbeherrschung und Disziplin zurückgewinnen wird. Das ist der eine große Vorteil an seiner ehemaligen Stellung innerhalb des Clanns: In diesen Bereichen dürfte er bereits hervorragend ausgebildet sein. Anderenfalls hätte er seine berüchtigten Coleman-Clann-Fähigkeiten niemals in der Öffentlichkeit kontrollieren können. Und wenn er diese Fähigkeiten im Griff hat ...“

„... dann kann er auch seine Vampirfähigkeiten in den Griff kriegen“, beendete ich seinen Satz, ohne den Blick von Tristans gebeugten Schultern abzuwenden. Er hatte immer eine tadellose Haltung gehabt, die Schultern zurückgenommen, ohne jede Scham, dass er mit seinen über eins achtzig die meisten anderen überragte.

„Exakt. Was bedeutet, dass unsere Tage der Ausbildung hier auf diesem Berg nun ein Ende haben und wir uns darauf vorbereiten müssen, ihn nach Jacksonville zurückzubringen.“

„Jacksonville?“, zischte ich und schaffte es endlich, meinen Dad anzusehen. „Bist du wahnsinnig? Dahin können wir nicht zurück!“

„Wir müssen. Der Rat besteht darauf.“

„Der Rat ...“, stammelte ich. „Das ist nicht dein Ernst. Die können doch unmöglich wollen, dass wir uns wieder auf Clann-Territorium begeben.“

„Aber genau das wollen sie. Sie wissen, dass du und Tristan die Gedanken der Nachfahren lesen könnt.“

Und dann sickerte es zu mir durch. Ich stöhnte auf. „Oh nein. Auf keinen Fall. Tristan und ich werden nicht für den Rat spionieren.“

Dad starrte mich an, und seine silbrigen Augen verdunkelten sich zu einem harten Schiefergrau. „Ihr müsst. Der Rat besteht darauf.“

Mit hochgezogener Augenbraue erwiderte ich seinen Blick. Wir wussten beide, wie unheimlich toll ich es fand, mir vom Rat sagen zu lassen, was ich zu tun hätte.

Er seufzte. „Lass mich das umformulieren: Caravass und die anderen Ratsmitglieder wüssten es sehr zu schätzen, wenn ihr zwei in Erwägung ziehen würdet, nach Jacksonville zurückzugehen und uns über jegliche beunruhigenden Entwicklungen innerhalb des Clanns zu informieren. Sie wollen einfach nur den Frieden mit dem Clann wahren, sonst nichts.“

Ich lehnte mich zu ihm vor. „Tristans Erinnerungen kommen gerade erst zurück, die an seine Familie eingeschlossen. Und jetzt will der Rat, dass er sie ausspioniert?“

„Sie haben ihn aus dem Clann ausgestoßen.“

„Weil sie es mussten! Er ist jetzt ein Vampir. Einen Vampir konnten sie nicht behalten.“ War das nicht in den Gesetzen des Clanns verankert oder so was? Ganz offensichtlich gab es eine Regel, was Beziehungen zwischen Vampiren und Clann-Mitgliedern betraf – immerhin war meine Mutter rausgeworfen worden, weil sie meinen Vater geheiratet hatte, und meine Großmutter gleich mit, weil sie es nicht verhindert hatte.

„Ich wiederhole: Der Rat ist nur an Informationen interessiert, die es ihm erlauben, das Friedensabkommen mit dem Clann aufrechtzuerhalten. Sonst nichts.“

Ich durchsuchte seine Gedanken. Er sagte die Wahrheit.

Mein Ärger versiegte, und zurück blieb ein entsetzliches Gefühl von Niedergeschlagenheit. „Aber ich will nicht zurück.“ Ich versuchte, meine Stimme zu kontrollieren, trotzdem schlich sich ein leichtes Zittern ein. „Gerade du müsstest doch wissen, wie das ist ... wenn man endlich mit der Person zusammen ist, die man liebt, und einem dann all dieser Hass und die Verurteilung entgegenschlagen. Die Nachfahren werden mich umbringen wollen, weil ich Tristan verwandelt habe! Wenn ich so drüber nachdenke, wollen sie uns wahrscheinlich gar nicht zurückhaben.“

Jetzt war Dad an der Reihe, mich mit hochgezogener Augenbraue anzusehen. „Glaub nicht, ich hätte Emilys Nachrichten nicht gelesen, in denen sie Tristans Rückkehr nach Jacksonville fordert. Mir ist wohl bewusst, dass seine Mutter und der Clann sich vergewissern wollen, dass er nicht länger eine Gefahr darstellt.“

Ich wandte mich ab und verschränkte die Arme.

„Savannah, bitte versuch doch, dich wie eine Erwachsene zu verhalten. Wir müssen nach Jacksonville zurückkehren. Das ist der einzige Weg, dem Clann zu versichern, dass du und Tristan nicht länger eine Bedrohung für sie seid. Und der Rat verlässt sich darauf, dass wir ihnen detaillierte Warnungen liefern, die nur ihr beide in Erfahrung bringen könnt. Denk an all das Gute, das ihr bewirken könnt. Die Leben, die ihr retten könnt, indem ihr helft, einen erneuten Krieg abzuwenden.“

Na toll. Was Manipulation durch schlechtes Gewissen anging, musste Dad ein paar Lektionen von meiner Mutter gelernt haben. Im Moment schaffte er es ziemlich gut, mich wie ein selbstsüchtiges Kind dastehen zu lassen.

Mit hängendem Kopf schloss ich die Augen. Jahrelang hatte ich so viel durchgemacht, nur wegen dieser dämlichen hasserfüllten Furcht zwischen den Vampiren und dem Clann ... Ich hatte meine Träume von einem Platz als Tänzerin in unserem Highschool-Team aufgegeben, damit ich nicht aller Welt meine Vampirfähigkeiten präsentierte. Ich hatte alles riskiert, sogar den Verlust meiner Nanna, indem ich die Regeln gebrochen und eine Beziehung mit Tristan angefangen hatte. Selbst diese Beziehung hatte ich monatelang aufgegeben, nur um den Vampirrat und den Clann glücklich zu machen.

Und jetzt, wo es endlich so aussah, als könnten Tristan und ich ungehindert zusammen sein, ohne irgendwelche Regeln zu brechen, ohne uns mit Heimlichtuerei herumplagen zu müssen ... jetzt, wo endlich sein Gedächtnis zurückgekehrt war und ich meinen Tristan wiederhaben könnte ... wagte es der Rat, schon wieder Ansprüche zu stellen.

Ich hatte das alles so satt ... den Hass und die Angst und das Getuschel und die verurteilenden Blicke – und ständig das tun zu müssen, was alle anderen wollten. Wann würde endlich das zählen, was ich wollte? Oder was Tristan wollte? Selbst jetzt, nach allem, was wir durchgemacht hatten, waren wir noch nicht frei.

Dad versuchte, mir eine Hand auf die Schulter zu legen. Doch ich trat einen Schritt vor, sodass sie herabfiel.

Leise seufzte er. „Fehlen dir deine Freundinnen nicht? Und deine Tanztruppe?“

Ich zuckte die Schultern. „Ich bin davon ausgegangen, dass ich sie nie wiedersehen würde.“

„Nun, jetzt kannst du es.“

Auch wenn ich es nicht wollte, hörte ich Dads Gedanken, während er nach einem weiteren, überzeugenderen Argument für mich suchte. Als mein Vater ging es ihm gegen den Strich, dass er mich so bedrängen musste. Aber als Vertreter des Rates war es seine Pflicht, gegen die er sich nicht auflehnen konnte. Er musste mich ohne Unterlass bearbeiten, bis ich nachgeben würde.

Ich knirschte mit den Zähnen und hob eine Hand, um ihm das Wort abzuschneiden. „Von mir aus. Wir gehen zurück nach Jacksonville. Aber erst, wenn Tristan so weit ist. Bis dahin, bis er sicher ist, dass er sich unter Kontrolle hat, bleiben wir hier. Okay?“

„Einverstanden.“

Tristan blieb den ganzen Tag lang auf der Klippe. Als die Sonne unterging, hielt ich es nicht länger aus und ging zu ihm.

„Wie geht es dir?“, fragte ich und streckte eine Hand nach ihm aus. Dann zögerte ich und ließ sie schließlich wieder fallen. Vielleicht wollte er immer noch allein sein.

Reglos blickte er weiter in den Himmel hinaus, der sich durch den Sonnenuntergang langsam verdunkelte. „Ich erinnere mich an alles. Dad und Mom, Emily und Gowin. An dich und mich. Den Clann und den Vampirrat. An den Kampf im Zirkel und Gowins hinterlistigen Schlag durch meinen Rücken. Wie du mich verwandelt hast.“

Ich erstarrte, voller Angst, dass mein Albtraum wahr werden würde. Hasste er mich für die selbstsüchtige Entscheidung, die ich getroffen hatte? Für meine Unfähigkeit, ihn sterben zu lassen?

Endlich wandte er den Kopf zu mir um. „Danke übrigens.“

„Das mit der Amnesie tut mir leid. Davon hab ich erst erfahren, nachdem ich dich verwandelt hatte – ich selbst hatte das nicht. Ich wusste nicht, dass es so umfassend sein oder so lange dauern würde.“

Matt zog er mit den Schultern und wandte sich wieder dem Abendhimmel zu. „Jetzt ist es ja vorbei. Das ist alles, was zählt.“

Stumm nickte ich. Ich wusste nicht, was ich sonst noch sagen sollte. Nachdem ich so viele Tage damit verbracht hatte, mich auf den kindlichen und hilflosen Tristan einzustellen, musste ich mich erst daran gewöhnen, dass er jetzt wieder der Alte war. Bloß dass er immer noch nicht ganz er selbst war.

Zum Beispiel hatte er noch keine einzige Bewegung in meine Richtung gemacht.

„Tut mir leid. Schätze, ich bin in letzter Zeit etwas zerstreut.“ Seufzend streckte er den Arm aus, um meine Hand zu nehmen und mich an sich zu ziehen.

Sobald seine Haut die meine berührte, durchströmte mich Wärme, und die Anspannung in meinem gesamten Körper ließ nach. Jetzt würde alles wieder gut werden. Das Schlimmste hatten wir hinter uns.

Bevor mir vor Erleichterung die Knie nachgeben konnten, setzte ich mich neben ihn. Einen Arm legte ich um seine Taille, dann lehnte ich die Wange an die muskulöse Rundung seiner Schulter. „Du hast mir gefehlt. Ich meine, dein wahres Ich.“

„Ich hab mir auch gefehlt.“ Er hob unsere verschränkten Hände, um behutsam einen Kuss auf jeden einzelnen meiner Finger zu drücken.

Ich hob den Kopf, und er lehnte sich herüber und küsste mich. In meinem Inneren stieg eine schwindelerregende Mischung aus Erleichterung und Liebe empor, raubte mir den Atem und brachte mich dazu, beide Arme um ihn zu schlingen. Wir waren beide überrascht davon, wie intensiv meine Gefühle waren. Und als wir innehielten, um wieder zu Atem zu kommen, hob sich einer seiner Mundwinkel.

„Wow. Du hast mich echt vermisst, was?“

„Ich hatte Angst ...“ In mir tobten zu viele Gefühle, um sie in Worte zu fassen ... Die grauenvolle Angst, ihn zu verlieren, als er beinahe gestorben war; das Entsetzen, als ich entdeckte, dass er wegen mir zeitweilig mehr Tier als Mann war; die Verantwortung, ihn vor seinen eigenen Taten zu schützen; die Sorge, als seine Schöpferin Mist zu bauen; die monatelange schreckliche Furcht, dass ich ihn womöglich nur körperlich gerettet hatte, jedoch nie den wahren Tristan zurückbekommen würde; die quälenden Schuldgefühle; die ständige Ungewissheit, ob ich mit seiner Verwandlung nicht doch die falsche Entscheidung getroffen hatte. Es war zu viel, um es auszusprechen. Also ließ ich ihn einfach selbst all die Emotionen und Erinnerungen in meinem Kopf fühlen und sehen.

„Hey, jetzt ist alles wieder gut“, murmelte er, legte mir die Hände an die Wangen und wischte mit den Daumen meine Tränen der Erleichterung fort. „Ich verschwinde nicht wieder, nie mehr. Du und ich, bis ans Ende aller Zeiten. Oder zumindest, bis du beschließt, dass du es nicht mehr mit mir aushältst.“

Sanft drückte er mir einen langen Kuss auf die Stirn, dann auf die Wangen, auf die Nasenspitze und schließlich wieder auf die Lippen.

Und endlich war ich wieder vollständig.

Schließlich trat Dad aus der Blockhütte, und sobald er nah genug war, dass ich seine Gedanken hören konnte, erinnerte ich mich an das, was ich ihm versprochen hatte, und all meine Anspannung kehrte zurück.

Ich seufzte und lehnte meine Stirn an die von Tristan. „Hast du gehört, was Dad vorhin über die neuesten Forderungen des Rates gesagt hat?“

„Das mit unserer Rückkehr nach Jacksonville?“

Ich nickte, und als ich den wachsenden Kloß in meinem Hals hinunterschlucken wollte, machte meine Kehle ein trockenes Geräusch.

„Ja, das hab ich gehört.“ Er zögerte. „Ich hab auch den Teil gehört, wo es darum ging, dass auch meine Schwester und meine Mutter wollen, dass wir zurückkommen.“

„Ah, ja. Der Clann will sichergehen, dass du ... du weißt schon, alles unter Kontrolle hast.“

„Okay. Also gehen wir zurück nach Jacksonville.“

Ich lehnte mich zurück und sah ihn stirnrunzelnd an. „Du würdest ernsthaft deine Freunde und deine Familie ausspionieren?“

„Ich würde dem Rat niemals etwas verraten, das dem Clann schaden könnte. Aber wenn ich ein Ratsmitglied wäre, würde ich auch ständig ein wachsames Auge auf den Clann haben wollen. Dazu muss man wissen, dass der Clann als Ganzes sich manchmal verhält wie eine Herde verängstigtes Vieh, die alles niedertrampeln würde, egal ob es nun Sinn macht oder nicht. Denk nur mal daran, wie lange sie mit allen Mitteln versucht haben, uns voneinander fernzuhalten.“

„Äh, na ja, da hatten sie ja vielleicht auch gar nicht so unrecht. Du siehst doch, was dir letzten Endes zugestoßen ist.“

„Hey, ich bin froh, dass du mich endlich verwandelt hast. Jetzt können wir zusammen sein, ohne dass du dir jedes Mal, wenn wir uns küssen, Sorgen machst, du könntest mich aussaugen.“

„Stimmt, aber zu welchem Preis? Du hast deine Familie verloren.“

„Ich hab sie nicht verloren. Meine Mutter hat ihre Entscheidung getroffen. Sie hat sich auf die Seite des Clanns gestellt, gegen mich. Außerdem sind du und dein Dad jetzt meine Familie, nicht wahr?“

„Schon, Tristan, aber deine Mutter und deine Schwester lieben dich immer noch.“

Eine lange Zeit sagte er nichts, verfolgte nur schweigend, wie die Sonne hinter dem Horizont versank und der Himmel in dunkle Schattierungen von Lila getaucht wurde.

Als er schließlich wieder das Wort ergriff, war seine Stimme leiser, tiefer. „Dein Dad hat recht, Sav. Wir könnten es schaffen, einen neuen Krieg zu verhindern. Wenn das Friedensabkommen platzt, werden nicht nur die Vampire und der Clann leiden. Es wären deine Freundinnen – Anne und Carrie und Michelle – und jeder andere Mensch, der ins Kreuzfeuer gerät. Ganz zu schweigen von Ron und allen anderen Hütern.“

Er legte mir einen Arm um die Schultern, und ich schmiegte mich an ihn, lehnte den Kopf an die festen Muskeln zwischen seiner Schulter und seinem Nacken. Ich wünschte, ich könnte mich noch tiefer vergraben und irgendwie vor seinen Worten und der ganzen Welt um uns herum fliehen.

Aber kein Weg führte an meinen eigenen Gedanken vorbei oder an der Erkenntnis, dass Dad und Tristan recht hatten. Sosehr ich mich auch dagegen wehrte.

„Ist es denn so falsch von mir, einfach nur mit dir zusammen sein zu wollen, ohne dass ständig irgendeine Jury darüber urteilt, was wir tun oder sagen?“, flüsterte ich.

„Nein, ist es nicht.“ Langsam streichelte er mir über den Rücken, und die Berührung seiner großen, kräftigen Hand beruhigte meine Nerven. Das war genauso tröstlich wie früher eine Tasse von Nannas selbst gezogenem Kamillentee.

Stille senkte sich über uns wie eine weiche Decke. Doch mit jeder Sekunde, die verstrich, schien ihr Gewicht zuzunehmen.

Schließlich seufzte ich. „Also gut. Wir tun das Richtige und gehen zurück nach Jacksonville.“

4. KAPITEL

Savannah

Bitte?“, murmelte Tristan und sah mich mit großen Hundeaugen an. „Ich liebe dich. Ich vergöttere dich. Sag mir nicht, dass du mich jetzt zappeln lässt, nach allem, was wir durchgestanden haben.“

„Nein, Tristan. Ich hab gestern schon Nein gesagt und letzte Nacht und vor zwei Stunden, und die Antwort lautet immer noch Nein.“ Mit verschränkten Armen lehnte ich mich gegen meine silberne Corvette Stingray. „Und wenn du weiter so rumjammerst, komme ich noch zu spät zum Charmers-Training. Und wir wissen beide, wie gern Mrs Daniels Leute hat, die zu spät zum Training kommen.“

„Aber Sav, es ist eine Corvette! Wie kannst du mich die nicht fahren lassen? Nur dieses eine Mal? Bitte, bitte!“

„Nein. Jetzt behauptest du vielleicht noch, es wäre nur dies eine Mal. Aber wenn du erst mal eine Corvette gefahren bist, willst du nie wieder was anderes. Und dann jammerst du mir für den Rest unseres Lebens die Ohren damit voll. Was bedeutet, dass du mich wortwörtlich bis in alle Ewigkeit damit nerven wirst. Lass uns einfach abmachen, dass du stattdessen gleich damit aufhörst, damit wir endlich in den Tag starten können, okay?“

Schmollend schob er die Unterlippe vor.

„Nope. Das funktioniert bei mir nicht.“ Demonstrativ blickte ich auf meine Armbanduhr, bevor ich um das Auto herum zur Fahrerseite ging. „Beeilst du dich jetzt bitte und steigst ein?“ Gott sei Dank wohnten wir in der Stadt. Hätten wir die zehn Meilen von Nannas altem Haus fahren müssen, wären wir definitiv zu spät dran gewesen. Auch so würde ich schon hart an der Geschwindigkeitsbegrenzung fahren müssen, damit wir noch pünktlich kämen.

Mit einem lauten Seufzen setzte er sich ins Auto. Als ich nach meinem Gurt griff, musste ich mir ein Grinsen verkneifen. „Schnall dich bitte an. Ich will nicht schon wieder wegen Nichteinhalten der Gurtpflicht angehalten werden.“

„Schon wieder? Wie oft wirst du denn angehalten?“

„Glaub mir, wenn du ein Vampir bist, willst du nicht ein einziges Mal von einem Clann-Cop angehalten werden.“

In einem kurzen Moment der Unachtsamkeit huschte mir die Erinnerung an das eine Mal durch den Kopf, als ich rausgewinkt worden war. Bis heute hatte ich manchmal Albträume, wenn ich mich an die Gedanken erinnerte, die jenem Nachfahren in Uniform durch den Kopf gingen, als er mich dort im Auto zehn lange Minuten lang schmoren ließ, während denen er versuchte, zu entscheiden, ob er lieber ein guter Cop oder ein guter Nachfahre sein wollte. Seine Gedanken waren voller Hass und kaum im Zaum gehaltener Gewalttätigkeit gewesen.

Tristan packte meine Hand, und in seinen Augen loderte die Wut. „Im Ernst? Hat er irgendwas gemacht, oder hat er nur drüber nachgedacht?“

Verdammt. Ich musste wirklich einen Weg finden, diesen Telepathiekram zwischen uns zu blockieren. Ich schluckte schwer. „Keine Angst, er hat sich für, guter Cop‘ entschieden. Damals. Aber ich will’s wirklich nicht drauf anlegen, ihn noch mal in Versuchung zu führen. Und deshalb können wir heute Morgen nicht rasen, um vertrödelte Zeit aufzuholen.“

„Ich sollte ...“, setzte er grollend an.

„Nein, solltest du nicht. Sieh es einfach als Lektion. Bei solchen Alltäglichkeiten müssen wir aufpassen wie die Schießhunde. Und damit meine ich nicht bloß die Verkehrsregeln. Wir dürfen nichts tun, womit wir irgendeinem von ihnen einen Grund geben würden, uns zu verfolgen, okay? Egal wie sehr sie uns triezen, wir müssen uns zusammenreißen. Keine Fehler. Nichts Unbeherrschtes.“ Forschend sah ich ihm in die Augen. Ich musste sicher sein, dass er mich klar und deutlich hörte.

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