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Herzüber verliebt

Dumm gelaufen, Darling

Zehn Jahre ist es her, dass Lilly ein Millionenvermögen geerbt hat und vor ihrem geldsüchtigen Onkel fliehen musste. Damals hat sie zusammen mit dem attraktiven Privatdetektiv Ty ihren eigenen Tod vorgetäuscht. Jetzt ist Lilly zurück und will Rache. Sie hat nur nicht damit gerechnet, Ty in die Arme zu laufen, der sich prompt als ihr Beschützer aufspielt. Ganz schön nervig, aber mehr auch nicht. Denn Ty interessiert sie schon lange nicht mehr, oder?

Fang schon mal ohne mich an!

Was ist nur in Molly gefahren? Hunter offenbart ihr seine Gefühle und sie haut einfach ab! Nur acht Monate später bittet sie ausgerechnet ihn um Hilfe. Sie braucht den besten Anwalt, den sie kennt, und natürlich wird Hunter ihr beistehen. Diesmal allerdings kommt sie ihm nicht so leicht davon: Er wird mit ihr flirten - und sie eiskalt verlassen. Dumm nur, dass die Liebe ganz andere Pläne mit ihm hat.

"Temporeich und unglaublich lustig"


Rachel Gibson, New York Times-Bestsellerautorin

  • Erscheinungstag: 09.10.2017
  • Seitenanzahl: 624
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955767358
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Prolog

Der Himmel war pechschwarz. Keine Sterne. Kein Mond. Kein Licht, das sie verraten konnte. Tyler Benson führte sie die Klippe hinauf. Daniel Hunter, ihr bester Freund, hinkte etwas hinterher. Lilly hielt sich an Tys Hand fest, drückte sie ab und zu und zeigte ihm damit ihre Angst. Sonst würde er noch denken, das hier sei für sie nur ein weiteres Abenteuer. Doch Ty wusste es besser.

Gleich würde er den Wagen starten, den Gang einlegen und dann schnell hinausspringen, bevor das Auto über die Klippe in den düsteren See stürzte. Danach würde Lilly Dumont vermisst gemeldet werden. Auf dem Grund des Sees fände man den Wagen ihres Onkels, vielleicht bliebe er auch verschwunden. Eine Leiche könnte man jedenfalls nicht bergen. Lilly würde nach New York gehen und den Namen annehmen, den die drei für sie ausgesucht hatten. Und Ty sähe sie nie wieder.

All das, damit Lilly nicht zu diesem Mistkerl von Onkel zurückkehren musste, der sie weiter misshandeln würde. Deswegen wollte sie ihre Pflegefamilie, Tys Mutter, verlassen. Sie war erst siebzehn. Sie würde keinen weiteren Monat, geschweige denn ein Jahr, überleben, wenn sie zu ihrem Onkel zurückkehrte. Der Mann liebte nicht sie, sondern ihren Treuhandfonds.

„Komm schon, Daniel!“, rief Lilly und durchbrach damit die Stille. Sie hatte vermutlich Angst, dass sie ihn in der Dunkelheit verlieren könnten.

„Ich heiße Hunter“, murmelte ihr Freund und Pflegebruder laut genug, dass sie es hören konnten.

Ty grinste. Seit er dem Freund geraten hatte, seinen Nachnamen zum Rufnamen zu machen, sagten die Mitschüler nicht mehr „Danny Boy“ zu ihm, und Hunter hatte aufgehört, jeden zu verprügeln, der ihm in die Quere kam. Hunter und Ty waren wie richtige Brüder, und Ty kümmerte sich um Hunter, und dieser um ihn. Deshalb blieb er jetzt auch etwas zurück. Er überließ Ty die letzten paar Minuten mit Lilly.

Dem Mädchen, das sie beide liebten.

Hunter hatte niemals darüber gesprochen, doch Ty wusste es. Er war sich jedoch nicht sicher, ob es auch Lilly klar war. Sie war so verdammt unschuldig, auch wenn sie versuchte, sich anders zu geben; deshalb lag sie Ty auch so sehr am Herzen. Sie waren kein Paar, doch da war etwas zwischen ihnen.

Zu schade, dass sie niemals die Gelegenheit haben würden, herauszufinden, was das war.

Der Anhänger, den er für sie gekauft hatte, brannte ihm fast ein Loch in die Tasche. Sie sollte ihn nicht vergessen. Niemals. Sein Magen zog sich zusammen, und er blieb plötzlich stehen.

Lilly lief auf ihn auf. „Was ist los? Warum hältst du an? Wir sind doch noch nicht da.“

Ty schluckte hart. „Ich wollte dir nur etwas geben.“ Er flüsterte, obwohl niemand in der Nähe war.

Hunter, der Tys Plan kannte, wartete irgendwo hinter ihnen.

Ty schob die Hand in seine Hosentasche und holte das kleine goldene Herz hervor. Ihm wurde ganz heiß, als er ihr die Hand entgegenstreckte. Gut, dass es so dunkel war und sie seine brennenden Wangen nicht sehen konnte.

„Hier“, murmelte er. Es war nicht viel, und das war ihm ebenso peinlich wie, ihr überhaupt das Geschenk zu überreichen.

Lilly nahm den winzigen Anhänger. Obwohl in der Dunkelheit kaum etwas zu erkennen war, drehte sie ihn in der Hand hin und her und betrachtete ihn so lange, dass Ty nervös von einem Fuß auf den anderen trat.

„Er ist wunderschön“, sagte sie schließlich mit belegter Stimme.

Er atmete tief durch vor Erleichterung. „Ich …“ Ty war keiner, der große Worte machte. Er wusste nicht, was er nun sagen sollte.

„Ich weiß.“ Wie schien sie seine Gedanken lesen zu können? Sie umklammerte das Herz, schlang die Arme um ihn und drückte ihn fest an sich.

Der liebliche Geruch ihrer Haare stieg ihm in die Nase, als er ihre Umarmung erwiderte und ihren weichen Körper fest an sich zog. Zu viele Gefühle und Empfindungen durchströmten ihn gleichzeitig.

All die Dinge, die sie niemals zueinander würden sagen können, lagen in dieser letzten Berührung.

Ty konnte keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn sprechen. Der Kloß in seinem Hals wurde immer größer.

Sie entzog sich ihm plötzlich und schaute nach unten. Sie nestelte an ihrer Kette, und irgendwie gelang es ihr trotz der Dunkelheit, das Herz daran zu befestigen.

„Danke“, sagte sie weich und blickte ihm in die Augen.

Er nickte steif. „Gerne.“

Sekunden der Stille vergingen, in denen keiner von beiden die Worte aussprechen wollte, die doch irgendjemand sagen musste. Schließlich konnten sie es nicht riskieren, erwischt zu werden.

„Wir müssen gehen“, sagte Ty.

Sie nickte und reichte ihm die Hand. Er ergriff sie und lief weiter.

Wenige Minuten später krochen sie durch das Unterholz und kamen dicht an der Klippe heraus. Dort wartete ein Wagen auf sie – so wie Tys Freund, der mit ihm an der Tankstelle arbeitete, es versprochen hatte. Ihr Vorhaben wurde immer mehr zur Realität. Schwindel überkam ihn, und er musste gegen die Übelkeit ankämpfen.

„Ist das wirklich der von Onkel Marc?“, fragte Lilly, während sie mit der Hand über den dunkelblauen Lincoln strich.

Ty nickte. „Ein Kumpel von mir weiß, wie man Autos knackt. Er schuldete mir einen Gefallen, weil ich ihn nicht verpfiffen habe, deswegen war das keine große Sache.“ Ty hatte Freunde in unterschiedlichen Kreisen, an unterschiedlichen Orten. Diese Sache hier abzuziehen war leicht gewesen.

„Ich kann kaum glauben, dass wir das hier tun“, sagte Lilly.

Sie starrte ihn aus angsterfüllten Augen an. Doch hinter ihrer Furcht entdeckte Ty die Entschlossenheit. Sie war stark und unerschrocken, und er war stolz auf sie.

„Es ist nicht so, als ob wir eine Wahl hätten“, erinnerte Hunter sie.

„Ich weiß.“ Sie nickte und schob ihr dunkles Haar, das ihr ins Gesicht gefallen war, hinter die Ohren zurück. „Ihr Jungs seid wirklich großartig, dass ihr mir hierbei helft.“

„Einer für alle, alle für einen“, sagte Hunter.

Ty schüttelte den Kopf und verkniff sich ein Lachen, um seinen Freund nicht zu beschämen. Hunter sagte immer die dümmsten Sachen, doch Ty war das egal. Außerdem nahm er an, dass Hunter im Moment auch nicht klarer denken konnte als Lilly und er.

„Wir sind die drei Musketiere“, sagte Lilly grinsend. Wie immer vermittelte sie und stimmte ihrem Freund zu, um ihn vor einer Demütigung zu bewahren.

Außerdem hatte sie recht. Ebenso wie Hunter. Sie drei waren in dieser Sache ganz allein, und das würde sie für immer verbinden. Ty steckte die Hände in die Taschen seiner Jeans.

„Also stirbt Lillian Dumont heute Nacht, und Lacey Kinkaid wird geboren.“ Lillys Stimme bebte.

Er tadelte sie nicht, weil sie Angst hatte. Sie war dabei, Hawken’s Cove, das kleine Provinzstädtchen im Bundesstaat New York, zu verlassen und allein nach New York zu gehen – nur mit dem wenigen Geld, das Ty in den Ferien an der Tankstelle verdient hatte, und den paar Kröten, die Hunter in dem einzigen Restaurant der Stadt zusammengekratzt hatte, wo er für das Abräumen der Tische zuständig gewesen war.

„Niemand spricht über das, was hier heute Nacht geschieht. Niemals!“, schärfte Ty ihnen ein. Keiner von ihnen konnte es riskieren, auch nur einen Teil des Plans aufzudecken, sodass irgendjemand die richtigen Schlüsse zog. „Okay?“, fragte er und wartete auf die Bestätigung. Sein Herz schlug so hart in seiner Brust, dass er dachte, es müsse explodieren.

„Okay“, stimmte Hunter zu.

Ty wusste, dass sie Lillys Geheimnis für immer bewahren würden.

„Lilly?“, fragte Ty. Sie hatte am meisten zu verlieren, sollte ihr Onkel je herausfinden, dass sie am Leben war.

Sie nickte. „Ich werde niemals darüber sprechen.“ Ihr Blick begegnete dem seinen, während sie mit dem kleinen Herz an ihrer Kette spielte.

Für den Bruchteil einer Sekunde befanden sie sich in ihrer eigenen Welt. Er blickte in ihre braunen Augen, und plötzlich war alles wieder gut. Sie würden zurückgehen zum Haus seiner Mutter und sich in Lillys Schlafzimmer schleichen und die ganze Nacht miteinander reden. Sie würden zusammen sein.

Stattdessen brach sie den Bann. „Ich werde niemals vergessen, was ihr für mich getan habt“, sagte sie.

Sie umarmte Hunter, während Ty wartete und immer wieder seine Hände zu Fäusten ballte und wieder öffnete.

Dann wandte sie sich ihm zu und zog ihn eng an sich. Er hielt sie zum letzten Mal in seinen Armen, schloss die Augen und kämpfte gegen den Kloß in seinem Hals.

„Pass auf dich auf“, brachte er heraus.

Sie nickte. Ihr weiches Haar berührte seine Wange. „Ich werde dich niemals vergessen, Ty. Ich schwöre es“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

1. Kapitel

Das Gerichtsgebäude von Hawken’s Cove war der Mittelpunkt der Stadt. Das alte Steinhaus diente jedermann zur Orientierung. Wenn man links abbog, lag das „Tavern Grill“ auf der rechten Seite, ebenso die „Night Owl’s Bar“, und wenn man rechts abbog, war an der nächsten Ecke die Tankstelle. Die Eisdiele befand sich gegenüber.

Als Rechtsanwalt verbrachte Hunter seine Tage im Gerichtsgebäude, wenn er einen Prozesstermin hatte. Wenn nicht, arbeitete er in seinem kleinen Büro, das sich in der Straße dahinter befand. Manch einer mochte es merkwürdig finden, dass Hunter nach dem, was ihm in seiner Kindheit widerfahren war, in Hawken’s Cove geblieben war. Doch die guten Erinnerungen überwogen, und sein engster Freund sowie die einzige Familie, die Hunter etwas bedeutete, wohnten ebenfalls noch hier.

Hunter hatte niemals daran gedacht, Hawken’s Cove zu verlassen, doch um seinem Leben etwas mehr Würze zu verleihen, wohnte er im zwanzig Autominuten entfernten Albany, einem Ort, der im Hinterland von New York einer Stadt am nächsten kam.

Er verließ das Gericht um vier Uhr nachmittags und steuerte direkt auf die großen Eingangstüren zu. Er hatte heute einen schwierigen Fall gewonnen. Ein unschuldiger Mann, der sich keinen teuren Rechtsbeistand leisten konnte, war Hilfe suchend an ihn herangetreten, und er hatte sein Bestes gegeben. Dies waren die Fälle, die Hunter liebte. Die Reichen und Mächtigen vertrat er nur, um solche kostenlosen Vertretungen annehmen zu können.

Nachdem er monatelang jeden Tag lange gearbeitet hatte, sehnte er sich nun nach einem starken Drink und mindestens vierundzwanzig Stunden, in denen er sein Gehirn nicht anstrengen musste. Doch als er das Büro der Justizbeamtin passierte, fiel sein Blick auf zwei lange Beine und knallige pinkfarbene High Heels. Es gab nur eine Frau, die Schuhe in dieser Farbe trug.

„Molly Gifford“, sagte Hunter und blieb neben seiner ehemaligen Kommilitonin stehen. Sie hatten seinerzeit um den ersten Rang an der Albany Law School konkurriert. Es wurmte ihn, zugeben zu müssen, dass sie gewonnen hatte.

Nach dem Abschluss hatten sich ihre Wege getrennt. Molly hatte einen Job in einem anderen Bundesstaat angenommen, doch kürzlich war sie hierhergezogen, und im letzten Monat hatte er fast täglich das Vergnügen gehabt, ihre Beine zu bewundern. Ihr Umzug kam überraschend, denn Molly war weder in Hawken’s Cove geboren noch hier aufgewachsen. Als er sie nach dem Grund gefragt hatte, hatte sie etwas von der Versöhnung mit ihrer Mutter erwähnt – und weiter nichts.

Molly richtete ihre Aufmerksamkeit von der Justizbeamtin, mit der sie gesprochen hatte, auf Hunter und blickte ihn mit ihren braunen Augen an. „Hunter“, sagte sie mit einem einladenden Lächeln. „Wie ich höre, kann man dir gratulieren.“

Hunter war nicht überrascht, dass sie schon davon wusste, doch es war ihm eine Genugtuung. Wenn sie ihm nicht gratuliert hätte, hätte er ihr selbst von dem Sieg erzählt. Er hielt nicht allzu viel von Bescheidenheit, jedenfalls nicht wenn es darum ging, vor einer Frau gut dazustehen.

„Die Neuigkeiten verbreiten sich ja schnell.“

„Ein Sieg gibt immer Anlass zum Klatsch. Ich hoffe, du feierst ihn“, erwiderte sie.

Was er an Molly immer bewundert hatte, war ihre Bereitschaft, den Erfolg anderer anzuerkennen. „Ich könnte mich dazu überreden lassen.“ Er lehnte sich gegen den Aktenschrank und sah ihr in die Augen. „Kommst du mit auf einen Drink?“

„Ich kann nicht“, schüttelte sie den Kopf. Ihr blondes Haar umschmeichelte in weichen Wellen ihr Gesicht, und er spürte die vertraute Anziehung in sich aufwallen.

Ihre Antwort überraschte ihn nicht. Er fragte, sie lehnte ab. Selbst damals im Studium hatten sie dieses alte Spiel gespielt. Er hatte gewusst, warum er nicht hartnäckiger wurde. Molly war ein nettes Mädchen, und es war leichter, mit den nicht ganz so Netten etwas Ernsterem aus dem Weg zu gehen. Mit denen, die nicht viel mehr erwarteten als Sex und Spaß.

Dennoch konnte er dem Drang nicht widerstehen, Molly zu fragen, ob sie mit ihm ausgehen wolle. Und nun, da das Schicksal sie wieder zusammengeführt hatte, hoffte er, dass sie ihm – ihnen beiden – eine Chance geben würde. Denn er wusste, dass er nun erwachsen genug war, sich eine Chance mit ihr zu wünschen.

„Wie lautet deine Entschuldigung dieses Mal? Musst du deinen Hund baden?“, fragte er.

Sie grinste. „Nichts, was annähernd so aufregend wäre. Der Verlobte meiner Mutter möchte, dass ich mich um eine rechtliche Angelegenheit kümmere. Was mich just daran erinnert.“ Sie blickte auf die Uhr. „Ich komme zu spät, wenn ich mich nicht beeile. Aber vielleicht ein anderes Mal“, sagte sie und eilte zur Tür, wobei sie eine Wolke betörenden Parfums hinterließ.

Er stöhnte auf, weil er wusste, dass er sich heute Nacht im Bett hin und her werfen würde – und das nicht nur wegen ihres Dufts. „Vielleicht ein anderes Mal“ waren Worte, die Molly ihm gegenüber nie zuvor ausgesprochen hatte. In der Vergangenheit war ihre Antwort immer ein klares Nein gewesen, bis er sie eben bei der nächsten Gelegenheit erneut fragte. Bei dem Gedanken, sie könnte sich erweichen lassen, schlug sein Herz höher.

Er wandte sich zu der Justizbeamtin, die der Unterhaltung hinter ihrem Schreibtisch begierig gelauscht hatte. „Dann heiratet Mollys Mutter jemanden aus dem Ort?“

Anna Marie Costanza arbeitete bereits länger als Justizbeamtin, als sich irgendjemand am Gericht erinnern konnte. Sie stammte aus einer Familie, die wichtige Positionen in der Stadt innehatte. Einer ihrer Brüder war der Bürgermeister, der andere Stadtrat und ein dritter war Partner in der renommierten Anwaltskanzlei „Dunne & Dunne“ in Albany. Die Familie verfügte über ein gutes Netzwerk und konnte nahezu alle Fragen beantworten, die man haben konnte.

Was Anna Marie anging, so heizte sie die Gerüchteküche im Gericht kräftig an, führte zugleich aber ein strenges Regiment. Außerdem gehörte ihr und ihren Brüdern eine der ältesten Pensionen der Stadt. Anna Marie wohnt selbst dort und spielte die Pensionsherrin. Molly hatte eines der Apartments gemietet. Wenn man Anna Maries Tagesjob und ihre Tätigkeit als Vermieterin bedachte, würde er darauf wetten, dass sie über jeden Bewohner der Stadt so ziemlich alles wusste. Auch über Molly.

„Allerdings. Ihre Mutter heiratet einen langjährigen Bewohner unseres hübschen Städtchens.“ Anna Marie beugte sich nach vorn. „Wollen Sie nicht wissen, wer der Glückliche ist?“, fragte sie, offensichtlich begierig darauf, ihre Information weiterzugeben.

„Darüber wollte ich gerade mit Ihnen sprechen“, erwiderte Hunter lachend.

„Ihr Verlobter ist Marc Dumont. Ich weiß das, seit Mollys Mutter die Eheschließung angemeldet hat.“ Anna Marie blickte ihn bedeutungsvoll an.

Hunters Lächeln erlosch. Erinnerungen aus einer Zeit, als er jung und längst nicht so selbstsicher gewesen war, wie er sich heute gerne gab, stürmten auf ihn ein. Er ballte seine Hände zu Fäusten, als die alte Wut, die er zu kontrollieren gelernt hatte, in ihm aufstieg. Er kämpfte sie nieder.

Es war nicht Anna Maries Schuld, dass sie ihn an seine Verbindung zu Dumont erinnerte. Es gab niemanden in der Stadt, der die Geschichte von Lillys Verschwinden nicht kannte und der nicht davon gehört hatte, dass der Wagen vermutlich über die Klippe in den See gestürzt war. Ihre Leiche hatte man niemals gefunden.

Es gab auch niemanden, der nicht wusste, dass Marc Dumont ihre besten Freunde Hunter und Ty für den Tod seiner Nichte verantwortlich gemacht hatte. Er hatte erfolglos versucht, sie des Diebstahls seines Autos zu überführen, doch es war ihm gelungen, die Behörden dazu zu bringen, die Freunde zu trennen und Flo Benson die Pflegschaft für Hunter zu entziehen.

Hunter hatte das folgende Jahr bis zu seinem 18. Geburtstag in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche verbracht. Seine Wut und Verbitterung waren dort wieder zurückgekehrt, und seine Haltung hatte ihm so viele Prügeleien eingebracht, dass er beinahe im Knast gelandet wäre. Stattdessen hatte man ihn zu einem Mentorenprogramm verdonnert, und wie beabsichtigt, hatte die Realität seine Einstellung rasch geändert. Der Gedanke an Lilly hatte ihn dabei motiviert.

Sie wünschte sich etwas Besseres für ihn als das Gefängnis, das wusste er. Dumont aber gab er noch immer die Schuld für seine Zeit im Heim; Lilly, Ty und Flo verdankte er seinen Wandel zum Guten.

Dumonts Namen zu hören brachte Hunter daher noch immer auf die Palme. „Was hat der alte Mistkerl denn jetzt schon wieder vor? Wobei braucht er Mollys Hilfe?“

Anna Marie kniff die Lippen zusammen. „Ts, ts. Sie wissen doch, dass ich solche Auskünfte nicht weitergeben darf.“

Hunter lächelte über die spöttische Herausforderung, die in ihrer Stimme lag. Anna Marie und er liebten es gleichermaßen, Informationen aus anderen herauszukitzeln – egal wie. „Hat Mr. Dumont irgendwelche offiziellen Dokumente bei Gericht ausgefüllt?“

Anna Marie grinste. „Nun, bisher nicht.“

„Was ist dann gegen einen bisschen Gerichtsklatsch einzuwenden?“ Hunter wollte jetzt unbedingt in Erfahrung bringen, zu welchem Zweck Dumont einen Anwalt brauchte, warum er Molly hinzuzog und wem der Mistkerl diesmal schaden wollte.

„Gutes Argument. Sie sind ein kluger Junge. Sind Sie sicher, dass Sie zu jung für mich sind?“, fragte sie und kniff ihn spielerisch in den Arm.

„Ich schätze, Sie sind zu jung für mich. Ihre Energie würde mich fertigmachen“, lachte er auf. Er wusste nicht, wie alt sie war, doch er schätzte sie auf Mitte sechzig. Sie war geistig jung geblieben.

Sie schlug mit der Hand auf den Tresen und kicherte.

„Na los, spucken Sie’s schon aus.“ Er sah ihr an, dass sie es kaum erwarten konnte, ihr Geheimnis loszuwerden.

„Nun, da Sie so nett fragen: Ich habe Molly vorhin am Telefon gehört. Marc Dumont hat vor, Ansprüche auf den Treuhandfonds seiner Nichte zu erheben.“

„Was?“, fragte Hunter verblüfft. Er glaubte, sich verhört zu haben.

„Da die Frist fast abgelaufen ist, will er sie vor Gericht offiziell für tot erklären lassen. Sie wissen ja, dass man keine Leiche gefunden hat, nachdem das Auto in die Dead Man’s Drift gestürzt ist.“ Anna Marie benutzte den Namen, den die Bewohner von Hawken’s Cove der Klippe samt dem darunterliegenden See nach Lillian Dumonts Tod gegeben hatten.

Hunter wurde schwindelig. Es verging kein Tag, an dem er nicht an Lilly dachte, an jene schicksalhafte Nacht und an seine Rolle bei ihrem Verschwinden. Er würde sie immer vermissen, ihr Lachen, ihre Freundschaft. Dass er Dumonts Namen seit Jahren nicht mehr gehört hatte, hatte ihm dabei geholfen. Hunter wollte das Thema vermeiden, und bis heute war ihm das auch problemlos gelungen. Dumont lebte seit Jahren zurückgezogen im Haus von Lillys Eltern und hatte keinerlei Aufmerksamkeit erregt. Und nun musste Hunter innerhalb von fünf Minuten erfahren, dass der Mann Mollys Mutter heiraten würde und außerdem vorhatte, Lilly Dumont für tot zu erklären, um Zugriff auf ihren millionenschweren Treuhandfonds zu erhalten.

Sein Timing hätte nicht schlechter sein können. Ausgerechnet in dem Moment, in dem Molly ein Date mit Hunter offenbar zumindest in Erwägung zog, tauchte Dumont wieder auf und trat ihm in den Weg. Der Mistkerl hatte sich nicht verändert. Er hatte sich nur versteckt und auf den Zeitpunkt gewartet, zu dem die drei Freunde glaubten, ihre Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen zu haben. Dumont hatte ihr Leben schon einmal verändert, und Hunter befiel eine merkwürdige Ahnung, als würde auch die neuerliche Begegnung keinen von ihnen unversehrt lassen.

Tyler Benson war kein Morgenmensch. Er arbeitete lieber spätabends im „Night Owl’s“, als einen Nine-to-Five-Job anzunehmen. Von seinem Freund Rufus, dem die Bar gehörte und der es begrüßte, wenn Ty ab und zu aushalf, hatte er die Wohnung darüber gemietet. Wenn er nicht seinem Freund zuliebe hinter dem Tresen stand, arbeitete Ty als Privatdetektiv – sowohl in seiner Wohnung als auch in seinem kleinen Büro gegenüber vom Gerichtsgebäude. Die Ortsansässigen fanden Ty, wo auch immer er sich gerade aufhielt, und er mochte die Freiheit und Spontaneität in seinem Leben. Am meisten gefiel ihm, dass er unabhängig war und niemandem auf der Tasche lag.

Sein Einkommen reichte, um sich die Fälle auszusuchen, die ihn interessierten. Die anderen gab er an Derek weiter, einen frisch gebackenen Privatdetektiv, der neu in der Stadt war und Tys Namen brauchte, um sich einen guten Ruf zu erarbeiten. Derek war sein Angestellter, nicht sein Konkurrent in der kleinen Stadt, und diese Situation war für beide von Vorteil. Tatsächlich liefen die Geschäfte immer besser, sodass Ty allmählich eine Bürokraft und einen weiteren Privatdetektiv engagieren musste.

Ty zapfte ein Bud und stellte es dem Gast auf den Tresen. Er blickte auf die Uhr. Erst sieben. In der Baseballsaison und mit den Yankees gegen die Red Sox auf dem Spielplan würde die Bar innerhalb einer halben Stunde total überfüllt sein. Aber im Moment kroch die Zeit geradezu, und er gähnte verstohlen.

„In etwa fünf Minuten wirst du dir wünschen, dass das Leben so langweilig ist, wie du es im Moment offensichtlich findest.“ Hunter, Tys ältester Freund, glitt auf einen Barhocker am Tresen.

Ty grinste. „Irgendwie bezweifle ich, dass deine Erlebnisse bei Gericht heute meine Lebensgeister wecken.“ Er lachte und griff nach dem guten Martini, den sein Freund in den letzten Tagen sowohl dem Fass- als auch dem Flaschenbier vorgezogen hatte.

Der andere schüttelte den Kopf. „Jack Daniels. Pur.“

Ty zog überrascht eine Augenbraue hoch. „Da muss ja was Großes im Gange sein, wenn du deinen gepflegten Drink für härteren Stoff eintauschst. Und dabei wollte ich dir gerade zu deinem gewonnenen Fall gratulieren, doch wenn du feiern wolltest, würdest du keinen Whiskey bestellen.“

Hunters Gesicht blieb umwölkt. Er schien mit den Gedanken meilenweit weg zu sein und dachte ganz offensichtlich nicht an seinen großen Erfolg von heute.

Ty ging davon aus, dass er früh genug erfahren würde, was seinen Freund belastete. Wenn Hunter ein Problem hatte, grübelte er immer ziemlich lange darüber nach, bevor er sein Herz ausschüttete.

„Kannst du dich daran erinnern, wie ich als Pflegekind zu euch kam und mit dir das Zimmer teilte?“, fragte Hunter.

Ty war überrascht. „Na klar erinnere ich mich. Aber das ist lange her, und es hat sich viel verändert. Zum Beispiel sahst du damals anders aus. Herrje, du warst jemand anderes!“

Daniel Hunter war als sehr reizbarer und verschlossener Sechzehnjähriger zu den Bensons gekommen. Für ihn war damals klar gewesen, dass niemand auf der Welt ihn lieben würde. Er hatte sich geirrt. Hunter war fast ein Jahr bei Tyler und seiner Mutter geblieben und für beide zu einem Teil der Familie geworden.

Hunter nickte. „Ich versuchte, anders zu werden. Irgendwie besser.“

Ty blickte den Freund an und verstand seine Begründung. Er hatte sich sehr angestrengt, um ein aufrechter Anwalt und ein geachtetes Mitglied der Gemeinde zu werden – und es war ihm gelungen. Heute Abend trug er dunkle Jeans, die neu und gebügelt wirkten, dazu ein schickes Rugby-Shirt. Für Hunter war seine Kleidung ein Ausdruck des Mannes, zu dem er sich entwickelt hatte.

„Du magst dich zwar anziehen wie ein adretter Collegeboy, aber im Herzen bleibst du ein Straßenjunge“, neckte ihn Ty. Doch waren sie gerade deshalb all die Jahre so eng befreundet geblieben. „Was ist denn passiert, dass du gerade jetzt die Vergangenheit heraufbeschwörst?“, fragte Ty.

„Einiges. Und nicht nur ich muss mich erinnern, sondern ich möchte, dass auch du zurückdenkst.“

„Ich erinnere mich, wie Mom dich aufgenommen hat“, erwiderte Ty.

„Wir waren so unterschiedlich, dass ich dachte, du würdest mich im Schlaf umbringen“, lachte Hunter trocken.

„Du kannst froh sein, dass ich das nicht getan habe.“ Ty grinste. Seine Erinnerung an Hunters erste Nacht bei den Bensons war immer noch sehr lebendig.

„Das Kind in der vorherigen Pflegefamilie hatte mir in den Hintern getreten, kaum dass seine Mutter aus der Tür war. Du hast mir nur ein Kissen zugeworfen und mich gewarnt, nicht zu schnarchen“, schmunzelte Hunter.

„Was du dennoch getan hast.“ Ty lachte auf.

Äußerlich hätten die beiden nicht unterschiedlicher sein können – Ty mit seinem langen dunklen Haar und der olivfarbenen Haut seiner Mutter und Hunter mit seinem sandfarbenen Haar und der blassen Haut. Doch sie hatten sich gefunden. Sie waren einander ähnlich genug, um sich zu einer Allianz zusammenzuschließen. Denn Ty fasste genauso schwer Vertrauen wie Hunter.

Wie konnte er auch, wo doch die gebrochenen Versprechen seines Vaters seine ganze Kindheit bestimmt hatten? Natürlich werde ich bei deinem Spiel dabei sein. Ich hole dich vom Training ab. Ja, ja – wenn ihn nicht seine Spiel- und Wettsucht davon abgehalten hätten, dachte Ty bitter. Sein Vater war notorisch unzuverlässig gewesen. Trotzdem war Ty auf den letzten Tritt nicht gefasst gewesen.

Er war in der Woche zuvor gerade neun geworden, als sein Vater ihm versprochen hatte, ihn vom Basketballtraining abzuholen. Ty war nicht überrascht, als er mitten im Winter allein auf dem Parkplatz stand. Es war ja nicht das erste Mal. Also kauerte er sich unter einen Laternenmast und wartete darauf, dass sein Vater mit den üblichen Entschuldigungen und Ausflüchten auftauchte. Als das nicht geschah, lief Ty schließlich zum nächsten Geschäft, um von dort seine Mutter anzurufen. Gemeinsam fanden sie heraus, dass sein Vater sich aus dem Staub gemacht hatte.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Joe Benson einen Brief hinterlassen. Zurück blieb auch ein enttäuschter Ty, der Versprechen fortan nur noch misstraute. Bis Hunter in seine Familie kam und wenig später auch Lilly.

Bevor er sich weitere Gedanken gestattete, wandte er sich wieder seinem Freund zu. „Was führt dich denn ausgerechnet jetzt zurück in die Vergangenheit?“, fragte Ty und goss seinem Freund den gewünschten Whiskey ein.

Hunter lächelte grimmig. „Du solltest dir auch einen einschenken.“

Ty hob die Augenbraue. „Warum?“

Hunter beugte sich vor und raunte leise: „Es geht um Lilly.“

Allein bei ihrem Namen wurde Ty von Emotionen überwältigt. In seinem Kopf begann es zu pochen. Weder er noch Hunter hatten etwas von Lilly gehört seit jener Nacht, in der sie abgehauen war. „Was ist los?“

Hunter atmete tief durch, bevor er antwortete. „Dumont will sie offiziell für tot erklären lassen, um Anspruch auf ihren Treuhandfonds erheben zu können.“

Ty musste die Worte gar nicht erst sacken lassen, sondern schlug spontan mit der Faust auf den Tresen. „Dieser Hurensohn.“

Die alte Wut und Verbitterung, die Ty lange Jahre empfunden und dann begraben hatte, wallten wieder in ihm auf. Dumont mochte Lilly in Tys Leben gebracht haben, doch er war auch der Grund, warum Ty sie für immer verloren hatte. Das würde er dem Mann niemals verzeihen, ebenso wenig wie die Misshandlungen, die er Lilly angetan hatte, bevor sie zu den Bensons kam.

Das Blut pochte in seinen Schläfen, als die Vergangenheit wieder zum Leben erwachte und seine Gefühle ihn überwältigten. Erst war Hunter in sein Leben getreten und hatte irgendwie die Mauer durchbrochen, die er nach dem Weggang seines Vaters um sich errichtet hatte. Danach war Lilly gekommen, und sein Verteidigungswall war vollständig in sich zusammengebrochen. Er hatte dafür mit vielen einsamen Jahren bezahlt, doch er bereute es nicht, Lilly getroffen und ihr nahe gewesen zu sein.

Für eine kurze Zeit hatte er sein Herz öffnen können. Vom Einzelgänger war Ty zu einem Menschen geworden, der mit seinem besten Freund und seiner besten Freundin herumgezogen war. Zumindest in Gedanken war sie für ihn damals seine beste Freundin gewesen, auch wenn er und Lilly niemals die Chance gehabt hatten, die unter der Oberfläche brodelnden Gefühle auszuleben. Vielleicht waren sie schon damals trotz ihrer Jugend so klug gewesen, die Freundschaft vorzuziehen. Vielleicht hatten sie einfach nur nicht genug Zeit gehabt. Tyler würde es niemals erfahren. Denn allzu bald war der Brief von ihrem Onkel gekommen, in dem er angekündigt hatte, seine Nichte wieder unter seine Obhut nehmen zu wollen. Daraufhin hatten die drei Freunde ihren Plan geschmiedet und in die Tat umgesetzt.

„Kaum zu glauben, dass Dumont sich das nach all den Jahren traut, oder?“, fragte Hunter.

Ty blickte gen Himmel. „Ich wünschte, wir hätten es kommen sehen.“

Hunter verdrehte die Augen. „Und das von dem Mann, der darauf bestanden hat, dass wir niemals über jene Nacht sprechen?“

„Halt die Klappe“, murmelte Ty, der sich über seine eigenen Worte von damals ärgerte.

Denn sein Freund hatte recht. Er hatte gedacht, Lilly würde aus seinem Leben verschwinden, wenn er nie wieder über sie spräche. Und er hatte gehofft, dass er sie vergessen könne.

Ich schwöre es. Ihre zärtlichen Worte holten ihn ein. Bei ihrem Abschied hatte sie versprochen, dass sie ihn niemals vergessen würde. So sehr er es versucht hatte – auch ihm war es nicht gelungen, sie aus seiner Erinnerung zu verbannen. Egal wie schmerzhaft der Gedanke an das war, was hätte sein können, hatte er oft an Lilly gedacht – und tat es noch immer.

Von der Minute an, als sie ihre Baseball-Kappe aufgesetzt hatte und verschwunden war, hatte Ty nichts lieber gewollt, als mit ihr zu gehen. Etliche Tage hatte er mit dem Gedanken gespielt, ihr zu folgen. Doch er war zu Hause geblieben, weil seine Mutter ihn brauchte. Ty wusste, dass Flo es nicht verkraftet hätte, wenn ihr Sohn gegangen wäre, nicht so kurz nach Lillys Verschwinden. Sie verdiente etwas Besseres, als dass ihr zweimal hintereinander das Herz gebrochen wurde. Dreimal sogar, wenn man berücksichtigte, dass Hunter ihnen ebenfalls weggenommen worden war. Doch Ty hatte Lilly seitdem jeden einzelnen Tag vermisst.

Jahre später hatte er der Versuchung nachgegeben. Er kontaktierte einige Cops in New York und forschte mit ihrer Hilfe nach dem Verbleib von Lacey Kinkaid. Unter diesem Namen war sie abgetaucht. Es war überraschend einfach gewesen, zu erfahren, dass sie am Leben war und es ihr gut ging.

Ty hatte es dabei bewenden lassen. Er hatte keinen Kontakt zu ihr gesucht. Ganz offensichtlich ging es ihr gut in New York, und er sah keinen Sinn darin, die alten Geister heraufzubeschwören. Schließlich hatte Ty selbst auf dem eindeutigen Bruch bestanden. Und obwohl der Vorschlag von ihm gekommen war, hatte sie seine Anweisungen befolgt. Sie hatte niemals Kontakt zu ihm aufgenommen. Auch nicht, als sie erwachsen geworden war, ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und nichts mehr von ihrem Onkel zu befürchten hatte. Und auch nicht Jahre später, als sie eine unabhängige Frau war, die ihre eigenen Entscheidungen traf.

In den Nächten, in denen er daran dachte, redete er sich ein, dass seine Gefühle für sie nicht mehr gewesen waren als „jugendliche Schwärmerei“ – so nannten die Eltern von davongelaufenen Teenagern, wie er sie heute oft aufspürte, die hormonellen Verirrungen ihrer Kinder. Und er versuchte, sie sich selbst auszureden: Sie konnte nicht so hübsch sein, wie er sie in Erinnerung hatte. Ihre Haut konnte nicht so weich sein. Ihr Duft würde ihm nicht mehr die Sinne rauben. All diese Dinge mussten eine Illusion sein, Projektionen dessen, was Lilly damals gewesen war. Eine wohlhabende Erbin, deren Vormund sie aus dem Haus getrieben und ihr das Vermögen vorenthalten hatte, sodass sie auf sich gestellt war und darauf angewiesen, dass sich jemand um sie kümmerte.

Ty hatte diese Rolle bereitwillig übernommen, doch tief in seinem Inneren wusste er, dass Lilly stärker war, als er glaubte, und ihn nicht so sehr brauchte, wie er sich das wünschte. Sie war in die Stadt gegangen und hatte sich dort eine Existenz aufgebaut. Sie war keinesfalls die zerbrechliche Prinzessin, die er auf ein Podest gehoben hatte – Gott sei Dank war sie das nicht, sonst hätte sie es nicht geschafft. Während er von dem Geld gelebt hatte, das seine Mutter niemals hätte annehmen dürfen …

„Ich wusste, dass das hier für keinen von uns einfach sein würde“, sagte Hunter. „Aber du bist etwas grün um die Nase. Geht es dir gut?“

Ty räusperte sich. „Ich bin in Ordnung. Wie hast du das mit Dumont erfahren?“

„Indirekt durch Molly Gifford.“

„Die Kleine, die du vom Studium her kennst?“

Hunter nickte. „Ich lief ihr heute im Gerichtsgebäude in die Arme.“

„Hat sie schon in ein Date eingewilligt?“, lachte Ty, der sicher war, dass sein Freund es zumindest wieder versucht hatte.

„Nein, aber ich mache Fortschritte. Unglücklicherweise ist der Zeitpunkt für ihren Sinneswandel denkbar ungünstig. Ihre Mutter wird Dumont heiraten, was sie zu meiner einzigen Informationsquelle über den Mann macht.“ Er rutschte unbehaglich auf seinem Sitz hin und her. Offensichtlich gefiel ihm die Rolle, die er übernehmen sollte, nicht sonderlich.

„Kein Witz? Mollys Mutter heiratet den Mistkerl?“

Statt einer Antwort kippte Hunter seinen Drink mit einem Schluck hinunter.

„Dann wirst du deinen Charme spielen lassen müssen.“

„Und sie wird mich sofort durchschauen“, erwiderte Hunter und winkte ab. Trotz seines frechen Grinsens war er offensichtlich nicht sehr erfreut über die Verbindung.

Ty schenkte seinem Freund nach. „Aber du tust es, um Lilly zu helfen?“

Hunter senkte den Kopf. „Habe ich eine Wahl? Wir drei sind miteinander verbunden. Ich habe ihr damals geholfen, und ich helfe ihr jetzt.“

Weil auch ihm Lilly am Herzen lag. In all den Jahren ihrer Freundschaft hatten sie nicht über Hunters unerwiderte Gefühle gesprochen oder über die Konkurrenz zwischen den Freunden, die niemals hatte aufbrechen können. Ein weiterer Grund, warum Lillys Rückkehr für alle Beteiligten unangenehm sein würde.

„Dann sind wir uns einig?“, fragte Ty. „Dumont hat kein Recht auf das Geld.“ Ty wiegte seinen Kopf hin und her, um die steifen Nackenmuskeln zu lockern. Doch die Anspannung blieb. Sein Leben würde sich dramatisch ändern.

„Wir sind uns einig. Doch du hast recht. Wir hätten an die Zukunft denken sollen“, sagte Hunter. „An ihren Treuhandfonds und an das, was nach vielen Jahren geschehen würde. Haben wir aber nicht. Lilly wird mit diesem Teil ihres Lebens irgendwie umgehen müssen.“

Und dabei ihrer aller Leben umkrempeln, dachte Ty.

„Lilly muss davon erfahren“, sagte Hunter mit ruhiger Bestimmtheit.

„Lacey. Sie heißt jetzt Lacey“, erwiderte Ty, der sich innerlich schon darauf vorbereitete, jener Frau zu begegnen, zu der Lilly geworden war.

„Lacey muss erfahren, dass Dumont sie offiziell für tot erklären lassen will, um mit dem Geld ihrer Eltern auf großem Fuß zu leben.“

Tys Schläfen begannen wieder zu pochen. Hunters Worte erinnerten ihn daran, dass seine Mutter genau das getan hatte.

Hunter musterte Ty argwöhnisch. „Das meinte ich nicht, und das weißt du.“

Ty zuckte die Schultern. „Vielleicht nicht, aber es war so. Wir dachten, dass Lilly ein weiteres Pflegekind sei, doch das war sie nicht. Meine Mutter bekam Geld von Dumont, damit sie Lilly aufnahm. Inoffiziell. Nichts davon taucht in den Akten auf. Er bezahlte sie, damit sie seine Nichte so lange behielt, bis diese seiner Meinung nach ihre Lektion gelernt haben würde und danach leichter zu kontrollieren wäre.“

„Deine Mutter kannte Dumonts Hintergedanken damals nicht. Sie dachte, dass sie einem Mann hilft, der nicht weiß, wie er mit seiner außer Rand und Band geratenen Nichte fertigwerden soll; sie bekam dafür Geld und ermöglichte dir damit gleichzeitig ein besseres Leben. Er bot ihr eine Chance, und sie ergriff sie.“

Ty nickte. Ihn beschäftigte bis heute, was seine Mutter getan hatte. Er fühlte sich noch immer schuldig, weil sie ihren Lebensunterhalt mit Geld bestritten hatten, das eigentlich Lacey gehörte.

„Du hast deine Schuld bezahlt, auch wenn du gar keine hattest. Das College abzubrechen war eher Selbstbestrafung, wenn du mich fragst. Wem hat es genützt?“, fragte Hunter.

„Meinem Stolz. Ich konnte mir jeden Morgen in die Augen sehen.“ Sie hatten dieses Gespräch schon oft geführt, doch Ty gab zum ersten Mal eine Erklärung für sein Verhalten ab. Er spürte, dass Hunter ihn bereits verstanden hatte.

Hunter nickte. „Das Schicksal bietet dir jetzt die Chance, Lilly das zurückzugeben, was sie verloren hat. Finde sie und sag ihr, dass sie zurückkommen soll, um Anspruch auf ihr Vermögen zu erheben.“

Ty fuhr sich mit der Hand durch das zu lange Haar. Er musste zum Friseur und wünschte, er könnte sich mit solch trivialen Dingen beschäftigen.

„Sie hat eine Menge schlechte Erinnerungen an die Zeit hier.“ Ty schenkte sich selbst einen Whiskey ein. Er trank einen Schluck und genoss die Wärme in seiner Kehle.

„Sie ist erwachsen. Es gibt hier nichts, was ihr noch Schaden zufügen kann. Außer alten Geistern“, sagte Hunter.

„Und mit denen müssen wir alle leben.“ Ty schwenkte die Flüssigkeit in seinem Glas hin und her.

„Glaubst du, dass sie einfach zu finden sein wird?“

„Du weißt doch, wozu ich fähig bin.“ Ty setzte ein selbstgewisses Grinsen auf und erhob das Glas.

Der Witz war, dass er beim ersten Mal keinerlei Mühe gehabt hatte, sie zu finden. Lilly lebte unter dem Namen Lacey Kinkaid, doch sie benutzte ihre echte Sozialversicherungsnummer, und sie bezahlte ihre Steuern unter ihrem richtigen Namen. Wenn ihr Onkel einige Jahre später noch mal nach ihr gesucht hätte, hätte er herausfinden können, dass aus Lilly eine erfolgreiche Geschäftsfrau geworden war. Er hatte nur keinen Grund gehabt, daran zu zweifeln, dass sie in jener schicksalhaften Nacht im tiefen dunklen Wasser umgekommen war. Zum Glück für Lacey war ihr Plan trotz ihrer Jugend erfolgreich verlaufen.

Obwohl Ty vor fünf Jahren ihre Adresse ausfindig gemacht hatte, konnte man nicht wissen, wie oft sie seitdem umgezogen war. Dennoch machte er sich nicht allzu viele Sorgen. Er hatte seine Verbindungen und seine Methoden.

Auch Hunter erhob sein Glas. „Viel Glück.“

„Irgendwas sagt mir, dass ich das brauchen werde“, erwiderte Ty und stieß mit Hunter an.

Der Widerhall der Gläser, der sonst so festlich klang, hörte sich plötzlich wie eine Warnung an.

2. Kapitel

Lacey Kinkaid betrachtete ihre jüngste Neueinstellung, eine junge spanische Frau, die gebrochen Englisch sprach und keinerlei Erfahrung mit Haushaltsarbeit rund um New York oder auch irgendwo anders hatte. Doch sie brauchte den Job dringend, und Lacey wusste genau, wie sich die Verzweiflung anfühlte, die sie in Serenas Augen sah. Aus diesem Grund hatte sie sie dennoch eingestellt. Sie hatte sie auch auf ihrem Sofa übernachten lassen. Das Gleiche hatte einst Marina für sie getan und ihr damals sehr damit geholfen.

Mit einer Kopfbewegung versuchte sie die Vergangenheit abzuschütteln, wie sie es immer tat, wenn Erinnerungen in ihr hochstiegen. Die Gegenwart war alles, was zählte, und in der Gegenwart zählte vor allem der Job. Wenn Lacey nicht gerade einen der verschiedenen Aufträge ihrer Klienten bearbeitete, glättete sie die Wogen zwischen Angestellten und Klienten ihrer kleinen Firma mit dem treffenden Namen „Odd Jobs“ – Gelegenheitsarbeit.

„Was genau ist das Problem?“, fragte Lacey Amanda Goodwin, eine Klientin, die Laceys Dienste jede Woche in Anspruch nahm und eine wertvolle Quelle für weitere Empfehlungen war.

„Sie“, sagte Amanda und deutete mit ihrem manikürten Zeigefinger auf Serena, „versteht kein Englisch. Als Reinigungskraft ist sie wunderbar, doch ihr Englisch ist grauenhaft. Ich musste ihr etwas erklären, also sprach ich Spanisch mit ihr. Sie brach in Tränen aus.“

Lacey nickte. Serena hatte nah am Wasser gebaut, was im Job Probleme bereiten konnte. Während sie Serena eine tröstende Hand auf die Schulter legte, fragte sie Amanda: „Was genau haben Sie zu ihr gesagt? Auf Spanisch bitte, falls es Ihnen nichts ausmacht.“

In ihrer ersten Zeit in New York hatte Lacey so viel Spanisch gelernt, dass sie es fast fließend sprach. Schon in der Highschool hatte sie ausgezeichnete Noten gehabt; die Sprache flog ihr förmlich zu. Das war hilfreich, denn sie brauchte einen Job, und der einzige Mensch, der sie einstellte, war eine Frau namens Marina. Marina leitete einen Reinigungsservice, bei dem vor allem Immigrantinnen arbeiteten. Sie brachte ihr in den Abendstunden alles bei, was Lacey nicht wusste, sodass sie schließlich nicht nur Spanisch sprechen konnte, sondern auch ihr Highschool-Diplom erhielt.

Nachdem sie in New York angekommen war, hatte sie den Namen Lacey Kinkaid angenommen und ihn aus Angst, ihr Onkel könnte sie sonst finden, konsequent benutzt. Später, als sie erwachsen war und ihre eigene Firma gründete, nannte sie sich zwar weiterhin so, in den offiziellen Dokumenten jedoch stand der Name Lilly Dumont. Einige wenige Leute fragten nach, doch die meisten kümmerten sich nicht darum, und heute kam ihr Onkel sowieso nicht mehr auf die Idee, nach ihr zu suchen.

Sie blickte ihre Klientin an und bat sie noch einmal, das Gesagte zu wiederholen.

„Ich wollte ihr sagen, dass sie den Hund nicht füttern soll.“ Die Frau deutete auf den Spitz, der als haariges Knäuel zu ihren Füßen lag. „Also sagte ich: ‚Por favor no comas al perro‘.“ Voller Befriedigung über ihre Fähigkeit, mit der Putzhilfe zu kommunizieren, verschränkte Amanda die Arme vor der Brust.

Lacey brach in Gelächter aus, während aus Serena gleichzeitig ein Sturzbach in weinerlichem Spanisch hervorbrach, das selbst Lacey nicht verstand. Sie erkannte nur einige wenige Wörter, die aber eindeutig davon zeugten, wie wütend und gekränkt Serena war.

„Sehen Sie? Was ist los? Was hat sie denn?“, fragte Amanda.

Lacey fuhr sich beruhigend über den Nasenrücken, bevor sie Amandas Blick begegnete. „Weil Sie gesagt haben ‚Bitte iss nicht den Hund‘ statt ‚Bitte füttere nicht den Hund‘. Das heißt auf Spanisch nämlich ‚Por favor, no le des comida al perro‘ – was wörtlich übersetzt heißt ‚Bitte gib dem Hund kein Futter‘“, erklärte Lacey, die sich wieder an ihre Spanischstunden erinnerte. „Serena ist gekränkt, weil Sie denken, dass sie so etwas tun würde.“ Lacey musste sich ein Lachen verbeißen.

Amanda, die wirklich eine anständige Arbeitgeberin war und Hilfskräfte sehr nett behandelte, errötete unterdessen vor Scham. „Ich hatte meine Tochter um Hilfe gebeten. Sie hat Spanisch in der Schule“, erklärte sie.

Immerhin war Amanda so peinlich berührt von ihrem Fehler, dass sie sich nicht über Serenas unangebrachte Reaktion beschwerte. Damit würde sich Lacey später befassen müssen. Für den Moment beschränkte sie sich darauf, Serena das Missverständnis auf Spanisch zu erklären, und wandte sich dann wieder ihrer Klientin zu.

„Sie müssen sich keine Vorwürfe machen. Es gibt tatsächlich kein Wort für füttern, was vermutlich zu dem ganzen Durcheinander geführt hat.“

„Es tut mir leid, dass Sie den ganzen Weg hierher machen mussten“, sagte Amanda.

„Mir nicht. Ich wünschte, alle Probleme könnten so leicht gelöst werden.“ Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Serena und Amanda auch ohne sie klarkamen, machte sich Lacey auf den Weg nach Hause.

Ihre Hündin Digger erwartete sie an der Tür und wedelte wie verrückt mit dem Stummelschwänzchen. Lacey liebte nichts mehr, als wenn Digger beim Nachhausekommen vor Aufregung immer wieder an ihr hochsprang.

„Hey, du Süße“, sagte Lacey und tätschelte ihr den Kopf.

Mit dem Hund an den Fersen warf Lacey ihre Tasche aufs Bett und drückte den Knopf des Anrufbeantworters. Die einzige Nachricht stammte von Alex Duncan, einem Investment-Banker, den sie über einen Klienten kennengelernt hatte und mit dem sie seit Kurzem liiert war. Er war gut zu ihr, lud sie zu Broadway-Shows und in Edelrestaurants ein, und er machte ihr teure Geschenke, was sie mehr als alles andere in den letzten Jahren wieder an ihre Kindheit und ihre Jugend vor dem Tod ihrer Eltern erinnerte. Er weckte in ihr eine Sehnsucht nach Dingen, die sie vermisst hatte – nach Sicherheit und Geborgenheit, nach Wohlstand und Stabilität.

Er wollte auf ganz altmodische Weise für sie sorgen, indem er ihr ein Heim und eine Familie bot. Lacey sehnte sich nach so etwas, seit sie ihre Eltern verloren hatte, denen sie so nahe gewesen war. Ihre Mom Rhona war immer da gewesen, wenn Lacey nachmittags von der Schule kam, und ihr Dad Eric hatte sie jeden Abend zu Bett gebracht. Es war traumatisch gewesen, sie zu verlieren, und ihre ganze Welt war aus den Fugen geraten. Unschuldig wie sie war, hatte sie sich an ihren Onkel Marc gewandt, und er hatte sie verraten.

Außer Ty und Hunter hatte sie jahrelang niemanden an sich herangelassen. Doch sie wünschte sich Nähe zu einem anderen Menschen. Sie sehnte sich nach Zuneigung und nach jemandem, zu dem sie jeden Abend nach Hause kommen konnte. Alex war ein guter Mann. Der Beste sogar. Dennoch hatte er ihre Mauer noch nicht überwunden. Und sie hatte seinen Heiratsantrag nicht angenommen.

Noch nicht. Irgendetwas, das sie nicht benennen konnte, fehlte. Egal wie sehr sie ihn mochte und wie sehr sie es versuchte – sie konnte nicht mit Überzeugung sagen, dass sie ihn liebte. Sie hatten nun schon seit einer ganzen Zeit Sex miteinander – trotzdem vermisste sie eine tiefere Verbindung.

Doch Alex hatte Verständnis für ihre steinige Vergangenheit, auch wenn er längst nicht alle Details kannte, und er war bereit, ihr Zeit zuzugestehen, weil er sie liebte. Und weil er überzeugt war, dass Liebe mit der Zeit wachsen konnte. Lacey wollte dies nur allzu gern glauben und hatte eine Zukunft mit ihm deshalb nicht ausgeschlossen.

Mit einem Stöhnen löschte sie den Anruf und zog sich dann rasch aus, um eine lange heiße Dusche zu nehmen. Sie hatte am Nachmittag für eine berufstätige Mutter im Supermarkt eingekauft und danach ein Rudel Hunde auf der Fifth Avenue ausgeführt, bevor sie losgefahren war, um das Missverständnis zwischen Serena und Amanda aufzuklären. Lacey hatte sich schon den ganzen Tag auf ein bisschen freie Zeit zu Hause gefreut. Zeit, in der sie nicht über Alex oder ihre Firma nachdenken wollte.

Ein halbe Stunde später machte sie sich, eingehüllt in einen Frotteebademantel, in der Küche daran, Eier zu verrühren. Sie genoss es, leise Musik zu hören und in ihrer eigenen Küche zu kochen, bis es an der Tür klingelte. Digger begann sofort zu kläffen und lief zur Tür.

Lacey seufzte. Sie konnte nur hoffen, dass Alex nicht überraschend zu Besuch kam, um über alles zu reden. Sie machte den Herd wieder aus und zog die Pfanne von der heißen Platte.

Dann ging sie zur Tür und blinzelte durch den Spion. Alex hatte blondes Haar und trug stets einen Anzug oder zumindest ein Hemd. Der Typ draußen aber hatte langes dunkles Haar, trug eine alte Jeansjacke über der Schulter und wirkte vertraut.

Sie blinzelte und musterte den Mann erneut. Oh herrje! Oh mein Gott. Ty.

Mit bebenden Händen öffnete sie die Wohnungstür. „Ty?“

Sie hätte ihn überall erkannt. Sie sah ihn nicht nur in ihren Erinnerungen, sondern auch in ihren Träumen.

Er nickte, doch bevor er antworten konnte, schnüffelte Digger schon an seinen Füßen und stupste immer wieder mit der Schnauze an sein Bein, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

„Digger, aus!“, schalt Lacey, doch der Hund gehorchte nicht.

Lacey war schon immer der Meinung gewesen, dass man einen Mann nach seinem Verhalten gegenüber einem Hund beurteilen konnte und grinste, als Ty sich vorbeugte, um Digger zu tätscheln. Er hatte sich offenbar nicht verändert. Er hatte noch immer ein weiches Herz für die Bedürftigen, so wie sie einst eine gewesen war. Was sie an die quälende Frage erinnerte, die sie noch lange nach ihrem Verschwinden aus Hawken’s Cove beschäftigt hatte. Hatte Ty dasselbe merkwürdige Begehren und dieselbe Verliebtheit empfunden wie sie, oder war sie ähnlich wie Hunter nur eine weitere verirrte Seele gewesen, die er unter seine Fittiche genommen und beschützt hatte?

Sie musterte Ty und erkannte, dass er noch immer die Fähigkeit hatte, sie in ihrem Innersten zu berühren. Verschiedenste Emotionen stiegen in ihr hoch. Die Freude darüber, ihn zu sehen, wurde zu Herzenswärme und schließlich zu einem flauen Gefühl im Magen, das sie lange nicht mehr empfunden hatte.

Digger, die die Aufmerksamkeit des Fremden genoss, machte Männchen und bettelte um mehr.

„Okay, du schamloses Flittchen. Lass Ty jetzt mal in Ruhe“, sagte Lacey und zog den Hund von ihm fort.

„Er ist eine sie?“, fragte Ty überrascht.

Lacey nickte. „Sie hat zwar nicht die Figur, die man sich als Frau wünscht, aber sie ist eine Süße.“

„Sie hat auch keinen Namen, den man sich als Frau wünscht“, erwiderte er lachend.

Seine Stimme war tiefer geworden, bemerkte sie. Die leichte Heiserkeit darin ließ ihr Herz schneller schlagen.

„Ich fand sie, wie sie im Abfall rumwühlte, daher der Name. Das arme Ding war ganz ausgehungert. Ich nahm sie auf, fütterte sie und versuchte, ihre Besitzer ausfindig zu machen. Vergebens.“ Sie zuckte die Achseln und kraulte Digger unterm Kinn. „Seitdem frisst sie mir die Haare vom Kopf.“ Digger war Laceys Ein und Alles. Sie ließ das Halsband der Hündin los. „Lauf!“, kommandierte sie, und der Hund lief in die Wohnung.

Lacey ging einen Schritt zurück, damit Ty eintreten konnte, und registrierte den warmen, würzigen Duft seines Rasierwassers, als er an ihr vorbeiging. Ihr Körper straffte sich bei dem unvertrauten und doch einladenden Geruch.

Als sie die Tür schloss, wandte Ty sich um und betrachtete sie mit unverhohlener Neugier von oben bis unten. Sie schob die Kragenenden ihres Bademantels zusammen, doch das änderte nichts daran, dass sie darunter nackt war.

Neugierig wie Lacey war, konnte sie nicht widerstehen und musterte Ty ebenfalls. Er war ein attraktiver Junge gewesen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. In den letzten zehn Jahren war er gereift. Seine Schultern wirkten breiter, sein Gesicht schmaler, und die haselnussbraunen Augen waren düsterer, als sie sie in Erinnerung hatte. Er ist sehr männlich und zum Umfallen attraktiv, dachte Lacey.

Als er ihr wieder ins Gesicht sah, entging ihr nicht das kleine Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte. Er schob die Hände in die Jeans und sagte schließlich: „Du siehst gut aus.“

Ihr wurde ganz heiß bei dem Kompliment. „Du siehst selber ziemlich gut aus.“ Sie nagte leicht an der Innenseite ihrer Wange und fragte sich, warum er jetzt aufgetaucht war.

Was genau hielten das Schicksal und der höchst anziehende Ty für sie bereit?

Lacey entschuldigte sich, bevor sie im Flur verschwand, der wohl zu ihrem Schlafzimmer führte, wie er vermutete. Sie hatte gesagt, er solle es sich bequem machen – was ihm vermutlich leichter fallen würde, wenn sie etwas anderes anzöge als den Bademantel. Auch wenn der flauschige Frottee ihren Körper bedeckte, fragte er sich doch, was genau sich unter dem Stoff verbergen mochte, zumal der kurze Schnitt des Bademantels ihre langen, gebräunten Beine wundervoll zur Geltung brachte.

Genau dort befanden sich seine Gedanken, seit sie ihm die Tür geöffnet und sich als erwachsene und höchst frauliche Version jener Lilly entpuppt hatte, die ihm früher vertraut gewesen war. Dieselbe und doch anders, schöner noch und auch selbstbewusster, dachte Ty.

Er hatte sie begehrt, als er jung gewesen war, hatte sich angezogen gefühlt von ihren großen braunen Augen und ihrem forschen Auftreten. Erst als sie fort war, hatte er erkannt, dass er Lilly liebte – erste Liebe, Jugendschwarm. Egal wie er es nannte, sie zu verlieren, hatte geschmerzt. Die Gelegenheit, herauszufinden, was hätte sein können, war dahin. Doch nichts und niemand hatte ihn seitdem auch nur annähernd so lebendig fühlen lassen, wie Lilly es getan hatte. Und wie sie es, wenn er dem Feuer in seinem Inneren Glauben schenken konnte, noch immer tat.

Doch die Vergangenheit lag hinter ihnen, und sich und sein Herz für Lacey zu öffnen, konnte nur zu Liebeskummer führen. Sie führte hier ein Leben, zu dem er nicht gehörte. Und egal wer damals ewiges Schweigen gefordert hatte – Tatsache war, dass sie hätte zurückkehren können und sich dagegen entschieden hatte. Sie hatten beide ihren eigenen Weg eingeschlagen.

Ty konnte keinen Liebeskummer brauchen, wo er doch gerade einen angenehmen Lebensstil gefunden hatte. Ihm genügte es, Sex mit Frauen zu haben, die eine unkomplizierte Beziehung wollten und sich nicht beklagen konnten, wenn er ihrer überdrüssig wurde, was irgendwann der Fall war. In letzter Zeit traf er sich mit Gloria Rubin, einer Kellnerin aus der Bar, in die er immer ging, wenn er nicht ins „Night Owl’s“ wollte. Sie war geschieden, dabei aber keineswegs unglücklich. Sie wollte keinen Mann mit nach Hause nehmen, solange ihr Sohn noch bei ihr wohnte. Er dagegen besaß ein eigenes Apartment. Ihre Verbindung hatte nichts mit Liebe zu tun, doch sie war bequem. Und sie funktionierte.

Ty schob die Hände in die Taschen seiner Jeans und blickte sich in Laceys Apartment um, um einen Eindruck zu bekommen, was für ein Mensch sie geworden war. Er war drei dunkle Stockwerke hochgelaufen bis zu ihrer Tür, doch immerhin schien die Nachbarschaft einigermaßen sicher zu sein, und außerdem hatte sie ja diesen hässlichen Köter zum Schutz. Das Apartment war nicht nur klein, sondern winzig. Doch trotz der Beengtheit hatte sie dem Raum so viel Wärme gegeben, dass man sich nicht wie in einer Zelle fühlte. Gerahmte Poster mit Blumenmotiven hingen an der Wand, und diverse Pflanzen waren im Raum verteilt. Farbige Kissen machten das Sofa freundlicher, ein farblich passender Teppich unter dem Tisch rundete das Ganze ab.

Fotos von Familienmitgliedern oder Freunden fehlten gänzlich, und zum ersten Mal begriff er, dass sie mehr als nur Ty und Hunter verlassen hatte. Sie hatte ihr altes Leben ganz und gar hinter sich gelassen und dem Geld und materiellen Dingen den Rücken zugewandt. Ihr Neuanfang konnte nicht leicht gewesen sein. Ein Grund mehr für sie, zurückzukehren und ihren Onkel davon abzuhalten, sich ihren Besitz unter den Nagel zu reißen.

„Entschuldige, ich habe dich warten lassen.“ Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

Sie trug jetzt Jeans und ein pinkfarbenes T-Shirt. Beides lag eng an und betonte Kurven, die er einfach bewundern musste. Ihr noch feuchtes braunes Haar umrahmte ihr Gesicht und fiel ihr in Wellen auf die Schultern. Ihre schokoladenbraunen Augen blickten noch immer so tief und aufmerksam, wie er sie in Erinnerung hatte.

„Kein Problem“, versicherte er. „Du konntest ja nicht wissen, dass ich komme.“

Sie deutete auf die Couch. „Warum setzen wir uns nicht, und du erzählst mir, was los ist. Denn ich bin sicher, dass du nicht nur zufällig in der Gegend warst.“

Er setzte sich neben sie und beugte sich vor. Obwohl er auf der dreistündigen Fahrt hierher genug Zeit gehabt hatte, seine Rede einzustudieren, fielen ihm die Worte nicht leicht. „Ich wünschte, ich wäre einfach nur in der Gegend gewesen, denn es gefällt mir nicht, dir das jetzt sagen zu müssen.“

„Was sagen zu müssen?“, fragte sie ruhig und gefasst.

„Dein Onkel wird heiraten“, sagte Ty.

Sie schauderte bei seinen Worten. Ihr Widerwillen gegen den Mann stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.

Ohne darüber nachzudenken, legte ihr Ty die Hand aufs Knie. Er wollte sie mit dieser Geste trösten, doch die Berührung fühlte sich an wie ein elektrischer Schlag. Ihr Bein zuckte. Es schien ihr nicht anders zu gehen.

Ty überlief ein Prickeln, und er spürte, wie Verlangen in ihm hochstieg. Verdammt, dachte er. Die alten Gefühle übermannten ihn – so stark wie früher, sogar noch stärker, denn er war älter und erfahrener und wusste, dass seine körperliche Reaktion auf Lacey nur die Spitze des Eisbergs war. Unter dieser Oberfläche reichten seine Gefühle für sie noch sehr tief, und er musste sich ins Gedächtnis rufen, dass sie nur eine Episode in seinem Leben sein würde. Das war sie schon einmal gewesen, genau wie andere Menschen, die er geliebt und verloren hatte.

Nachdem sein Vater abgehauen war, hatte Ty sich innerlich zurückgezogen, bis Hunter und Lilly aufgetaucht waren. Er hatte sich geöffnet, nur um sie am Ende doch zu verlieren. Auch wenn Lilly damals keine andere Wahl gehabt hatte, als zu gehen, hätte sie doch zurückkehren können, als sie einundzwanzig wurde. Selbst wenn sie jetzt mit ihm nach Hawken’s Cove zurückfahren würde, wäre es nur wegen des Geldes und nicht wegen ihres alten Lebens.

Weil ihm das bewusst war, würde er nichts tun, was nur wieder zu Herzschmerz und Leid führte. Langsam zog er seine Hand zurück.

„Was hat die bevorstehende Heirat meines Onkels mit mir zu tun?“, fragte Lacey und sah ihn mit einem undurchdringlichen Blick an.

„Seine Heirat ist eigentlich eine Nebensache. Er hat sich zudem entschieden, dich offiziell für tot erklären zu lassen, damit er deinen Treuhandfonds beanspruchen kann.“

Ihre Augen wurden weit, und alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Stöhnend schloss sie die Augen und lehnte ihren Kopf gegen die Wand. „Der Mann ist so ein Scheißkerl“, sagte Lacey.

„Das trifft es ziemlich genau“, kicherte Ty über ihre treffende Wortwahl.

Angesichts ihrer Reaktion auf die Neuigkeiten wusste er nicht, wie er ihr den zweiten Grund seines Besuchs erklären sollte. Doch dann wurde ihm bewusst, dass sie trotz ihrer Zerbrechlichkeit und Schutzbedürftigkeit, die sie nach wie vor ausstrahlte, auch eine tiefe innere Kraft haben musste, mit deren Hilfe sie die letzten Jahre überstanden hatte.

Ty räusperte sich und kam gleich zur Sache. „Dir ist klar, dass du nach Hause kommen musst.“

Sie riss die Augen auf, in denen purer Schrecken stand. „Nein. Auf gar keinen Fall.“

Er hatte diesen anfänglichen Widerstand erwartet. Sie brauchte Zeit, um über die Dinge nachzudenken. „Dann willst du ihm das Vermögen einfach kampflos überlassen?“

Sie zuckte die Achseln. „Ich bin auch ohne gut zurechtgekommen.“

Er erhob sich und ging in ihrem kleinen, aber netten Apartment auf und ab. „Ich werde darüber nicht mit dir streiten. Doch das Geld gehört ihm einfach nicht. Deine Eltern haben es dir hinterlassen, und du lebst und bist wohlauf. Es ist eine Sache, das Geld unberührt zu lassen. Doch zuzulassen, dass dieser Mistkerl es in die Finger bekommt, ist etwas ganz anderes.“

Sie atmete tief durch. Ihre Unentschlossenheit und Qual waren offensichtlich. „Wie geht es deiner Mom?“

Er musterte sie argwöhnisch. „Wir werden so oder so auf das Thema zurückkommen müssen.“

„Ich weiß. Doch gib mir die Gelegenheit, es ein bisschen zu überdenken. Also – wie geht es deiner Mutter?“

Er nickte. Er akzeptierte Laceys Bitte. „Mom geht es gut. Sie hat ein Herzleiden, doch mit den richtigen Medikamenten und einer Diät ist sie immer noch dieselbe.“

Ty versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch seine Gedanken waren schon längst zu dem Handel mit Marc Dumont abgeschweift, auf den sich Flo Benson eingelassen hatte. Als Kind hatte er die Wahrheit nicht gesehen, auch dann nicht, als seine Mutter plötzlich hübsche Dinge für sich gekauft hatte. Auch als sie ihn an seinem zwanzigsten Geburtstag mit einem Auto überraschte, für das sie angeblich gespart hatte, schöpfte er keinen Verdacht, das niedrige Studiendarlehen machte ihn ebenso wenig misstrauisch. Inzwischen hatte er verstanden, dass er an seinem einzigen Elternteil keinen Makel hatte sehen wollen und deshalb alle Zeichen ignoriert hatte.

„Wie hat Flo mein … äh … Verschwinden aufgenommen?“, fragte Lacey. „Es war hart, daran zu denken, wie sehr sie darunter gelitten haben muss, dass ich in ihrer Obhut ums Leben gekommen sein soll.“ Laceys Augen füllten sich mit Tränen bei dieser Erinnerung.

Ty verstand das. Er hatte ebenso empfunden. „Mom fühlte sich schuldig“, gab er zu. „Sie machte sich Vorwürfe. Dass sie besser auf dich hätte aufpassen müssen.“

„Das tut mir sehr leid. Ich liebte sie, weißt du.“ Ein Lächeln spielte um ihre Lippen. „Und Hunter? Wie geht es ihm?“

Ein deutlich einfacheres Thema, dachte Ty. „Dem geht’s gut. Ob du’s glaubst oder nicht, er ist zu einem Anzugträger geworden. Er ist ein piekfeiner Anwalt.“

„Also kann er streiten und nun auf legale Weise für sich einstehen. Gut für ihn.“ Sie strahlte vor Zufriedenheit und Stolz über diese Neuigkeiten. „Und du? Bist du aufs College gegangen, wie wir es besprochen hatten?“, fragte sie erwartungsvoll.

Ty und Hunter hatten damals ein gemeinsames Zimmer gehabt, während sich Lillys Bett in einer Nische der Küche befunden hatte, die von Flo in einen gemütlichen Rückzugswinkel umgewandelt worden war. Ty erinnerte sich daran, wie er eines Nachts in Lillys Bett geschlüpft war und sie bis zum Morgen geredet hatten – über die College-Pläne, die seine Mutter für Ty geschmiedet hatte, und darüber, dass er ihren Traum erfüllen wolle. Damals war es ihm so wichtig gewesen, seine Mutter stolz zu machen und ihr alles zurückzugeben, was sie für ihn getan hatte, dass er gar nicht nach seinen eigenen Träumen gefragt hatte.

Er war sich noch immer nicht sicher, wie diese Träume eigentlich aussahen, weil seine Pläne so sehr durch seine Mutter beeinflusst gewesen waren. Und Laceys Erwartungen an ihn basierten auf einer Vision, die sie sich als Teenager ausgemalt hatten. Tys jetziges Leben fand in der Realität statt.

„Ich bin aufs College gegangen“, sagte er. „Und dann habe ich es geschmissen.“

Überrascht öffnete sie den Mund.

„Jetzt bin ich Barkeeper.“

Ebenso ungläubig wie neugierig runzelte sie die Stirn. „Und was bist du noch?“, fragte sie.

„Barkeeper ist ein guter, sicherer Job. Warum glaubst du, dass ich noch etwas anderes tue?“

Sie beugte sich vor. „Weil du niemals stillsitzen konntest, und nur Barkeeper zu sein würde dich langweilen“, erwiderte sie mit der Gewissheit, ihn noch immer gut zu kennen.

Und das tat sie auch. „Ich bin außerdem Privatdetektiv. Kommst du jetzt nach Hause oder nicht?“

Sie stöhnte auf und verwandelte sich im Nu von einer unbeschwerten in eine erschöpfte Frau. „Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken. Und bevor du mich weiter drängst, solltest du wissen, dass ich dir derzeit keine andere Antwort geben kann als: vielleicht.“

„Ich akzeptiere das“, erwiderte er in verständnisvollem Ton. Er hatte sich bereits gedacht, dass sie Zeit brauchen würde. Da Hawken’s Cove drei Fahrstunden entfernt war, bedeutete ihre Unentschlossenheit für ihn ein oder zwei Nächte in New York.

Er erhob sich und ging zur Tür.

„Ty?“, fragte sie und eilte ihm mit dem Hund auf den Fersen hinterher.

„Ja?“ Er wandte sich abrupt um. Zu abrupt – sie stolperte, stieß gegen ihn und hielt sich an seinen Schultern fest, um nicht zu fallen.

All die Fragen, mit denen er zehn Jahre gelebt hatte, waren plötzlich beantwortet. Ihr Duft war nicht so süß, wie er ihn in Erinnerung hatte, doch dafür wärmer und sinnlicher, verlockender und einladender. Ihre Haut glühte, und ihre Wangen wurden feuerrot, als ihre Blicke sich trafen.

Sie fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen, die verführerisch feucht schimmerten.

Verständnis und Verlangen verbanden sich zu einem verwirrenden, doch erregenden Gefühl.

„Wo willst du hin?“, fragte sie.

Er hatte sich um ein Hotel bemüht, doch wegen irgendwelcher Messen oder wer weiß was waren alle erschwinglichen Etablissements ausgebucht. Dennoch hatte er seine Sachen gepackt und beschlossen, ein Hotelzimmer zu nehmen. Denn ob teuer oder nicht – Lacey zu fragen, ob er auf der Couch schlafen könne, schien eine verdammt dumme Idee zu sein.

„Zu meinem Wagen. Ich muss mir ein Hotel suchen.“

„Du kannst … äh … hierbleiben“, bot sie an und deutete auf die Couch.

Er wusste es besser. Doch er konnte dem Wunsch nicht widerstehen, das bisschen Zeit, das sie hatten, miteinander zu verbringen.

„Das wäre schön.“ Er blickte zur Couch und hoffte, dass das verdammte Ding einigermaßen gemütlich war. Ihm war noch mulmig mit der Entscheidung.

„Gut. Denn ich hätte gern noch mehr Zeit, um alles aufzuholen“, sagte sie mit einer Stimme, die ihm tiefer und rauer vorkam als zuvor.

Doch vielleicht hatte er sich das nur eingebildet. Es spielte keine Rolle. Ty steckte in Schwierigkeiten und vermutlich in noch viel Schlimmerem.

Lacey konnte nicht schlafen. Ty lag ausgestreckt auf ihrer Couch, und die treulose Digger, die normalerweise neben Lacey schlief, hatte es vorgezogen, gemeinsam mit dem Gast im anderen Zimmer zu kampieren. Am schlimmsten war, dass sie es der Hündin nicht verübeln konnte, sich an Tylers warmen, festen Körper herankuscheln zu wollen. Sie hatte das gleiche Verlangen.

Vor allem in der ersten Zeit nach ihrem Verschwinden hatte sie ihn furchtbar vermisst. Das Wiedersehen hatte die Schleusentore geöffnet, hinter denen sie ihre Gefühle abgeschirmt und unter Kontrolle hielt. Nun ging es in ihr drunter und drüber. Und das lag nicht nur an Ty.

Auch Erinnerungen an ihre Familie stürzten auf sie ein. Der Verlust ihrer Eltern hatte eine Leere in ihrem Herzen hinterlassen, die niemals hatte gefüllt werden können. Und ihr schrecklicher Onkel hatte mit Sicherheit nicht dazu beigetragen, den Schmerz zu lindern. Wie Cinderella, die ihren Vater verloren hatte und mit einer teuflischen Stiefmutter zurückgeblieben war, wurde Lacey verraten und im Stich gelassen, und das in einem Alter, in dem sie sich nicht hatte wehren können. Sie hatte nicht einmal Großeltern gehabt, an die sie sich hätte wenden können, dachte sie traurig.

Ihre Mutter hatte Lilly relativ spät bekommen. Ihre Großeltern hatte sie nie kennengelernt, sie waren zum Zeitpunkt ihrer Geburt schon lange tot. Und obwohl ihr Vater zwei Brüder hatte, Onkel Marc und Onkel Robert, hatten ihre Eltern dennoch nicht sehr viel Kontakt mit ihnen gehabt. Nur Marc, ihr unverheirateter Onkel, lebte in der Nähe. Robert hatte vor Jahren geheiratet und war nach Kalifornien gezogen. Insofern war es nur folgerichtig gewesen, dass sie nach dem Tod der Eltern zu Onkel Marc gekommen war. Immerhin hatte sie eine vage Erinnerung daran gehabt, Onkel Marc gelegentlich in den Ferien gesehen zu haben. Von der Seite ihrer Mutter gab es keine weitere Familie, da sie ein Einzelkind gewesen war.

Ironischerweise war das Geld, das Lacey nach Tys Willen beanspruchen sollte, schon seit Generationen in der Familie ihrer Mutter weitergegeben worden. Lacey war die Alleinerbin. Es mochte allerdings Bestimmungen geben, dass im Fall ihres Todes das Geld in die Familie ihres Vaters übergehen sollte. Sie wusste es nicht. Ihre Eltern hatten wenig über das Vermögen gesprochen. Stattdessen hatte sich ihr Vater auf seine Autowerkstatt konzentriert, die auf die Restaurierung von Oldtimern spezialisiert war.

Nach dem Autounfall ihrer Eltern in einem hurrikanartigen Unwetter war Onkel Marc in ihr Elternhaus eingezogen und hatte die Werkstatt ihres Vaters übernommen. Er mochte das Anwesen, das Grundstück und spielte gerne den Gutsherrn.

Von Anfang an hatte er versucht, sie auf jede mögliche Weise für sich einzunehmen. Er hatte zuerst den freundlichen Onkel gegeben, und sie war darauf hereingefallen. Wie konnte sie auch anders, wo sie doch mit sechzehn so dringend jemanden brauchte, auf den sie zählen konnte? Doch sie begriff rasch, dass er trank, und lernte, dass man sich umso mehr von ihm fernhalten sollte, je betrunkener er war. Eines Nachmittags kam sie früher von der Schule nach Hause und hörte ihn am Telefon darüber sprechen, dass sie ihm die Rechte an dem Treuhandfonds überschreiben müsse, solange sie noch jung sei, weil er sonst keine Möglichkeit mehr hätte, sie zu manipulieren. Wenn sie einundzwanzig würde, müsste sie ihm so sehr vertrauen, dass sie alles ohne Fragen unterschrieb. Eingeschlossen die Erlaubnis, der Verwalter ihres Treuhandfonds zu werden.

Selbst mit sechzehn wusste sie, was Verrat war – und dies war ein teuflischer Verrat. Wut und Hass stiegen in ihr auf, und sie entschied sich, ihm das Leben fortan so schwer wie möglich zu machen. Sie wurde ein rebellischer Teenager. Als Reaktion griff er hart durch und wurde immer brutaler – in der Hoffnung, dass sie aus Angst nachgeben würde. Als sich ihr Verhalten nicht änderte, kam er ihr mit einer Drohung, von der sie niemals geglaubt hatte, dass er sie in die Tat umsetzen würde.

Doch er gab sie tatsächlich in eine Pflegefamilie – vorübergehend, wie er sagte –, um sie gefügig zu machen. Er verlangte von ihr, dankbar dafür zu sein, wieder nach Hause zu dürfen, dass sie nicht nur klein beigab, sondern in Zukunft mitsamt ihrem Treuhandfonds auch leichter zu kontrollieren sein würde. Dank Ty und Hunter bekam er niemals die Gelegenheit dazu.

Damals hatte sich Lilly keine Gedanken über die rechtlichen Konsequenzen gemacht oder über das Geld, das ihr erst an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag gehören würde – woran ihr Onkel sie ständig erinnert hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte sie bereits ein neues Leben angefangen und eine so tief verwurzelte Furcht vor ihrem Onkel verspürt, dass sie nicht zurückkehren wollte. Sie war davon ausgegangen, dass das Geld unberührt blieb, und war zufrieden, wenn es blieb, wo es war.

Sie wischte die Tränen fort, die ihr die Wangen hinunterliefen. Die Erinnerung an ihre Eltern und das, was sie verloren hatte, schmerzten immer noch sehr, doch beim Gedanken an die Zeit danach drehte sich ihr Magen um, und der alte Zorn und die Abneigung flammten wieder auf. Von der kleinen Prinzessin ihrer Eltern war sie zum Eigentum ihres Onkels geworden, der sie je nach Laune aus ihrem eigenen Haus hinauswerfen konnte.

Der Gedanke daran festigte ihre Entscheidung. Lacey brauchte das Geld nicht, das die Eltern ihr hinterlassen hatten. Schließlich lebte sie schon so lange ohne das Vermögen, dass sie kaum je daran dachte. Doch sie wollte auf keinen Fall, dass ihr fieser Onkel vom Tod ihrer Eltern profitierte. Er hatte das Geschäft, das er von ihrem Vater übernommen hatte, wenig später in den Ruin getrieben und sich ihr Elternhaus unter den Nagel gerissen. Sie würde es nicht zulassen, dass er noch mehr bekäme.

Lacey war kein rachsüchtiger Mensch. Sie war stolz auf das Leben, das sie sich in New York aufgebaut hatte und für das sie hart arbeitete. Das war auch der Grund für ihr spontanes Widerstreben, mit Ty nach Hause zurückzukehren. Doch bei dem Gedanken an ihren Onkel, der sich auf ihre Kosten noch mehr einverleibte, drehte sich ihr der Magen mindestens ebenso sehr um wie beim Gedanken an das Gewesene.

Ty hatte recht. Sie musste nach Hause zurückkehren.

3. Kapitel

Lacey stieg aus dem Bett und schlüpfte in ihre flauschigen Lieblingsschlappen, die sich anfühlten wie ein alter Freund. Um Ty nicht zu wecken, schlich sie auf Zehenspitzen in Richtung Küche, wo sie sich einen kleinen Mitternachtsimbiss bereiten wollte. Sie vermied es, ihn im Schlaf zu betrachten, damit in ihr gar nicht erst warme Gefühle aufsteigen konnten für einen Mann, den sie nicht mehr kannte, aber gerne wieder kennenlernen würde.

Sie goss sich ein Glas Milch ein, holte die Oreo-Kekse aus dem Kühlschrank und machte es sich in der Ecke gemütlich, die sie scherzhaft ihre ‚Kitchenette‘ nannte. Tatsächlich war es nur ein kleiner Tisch am Ende des Flurs.

„Ist es dir recht, wenn ich dir Gesellschaft leiste?“, fragte Ty, als sie gerade ihren ersten Keks in die kalte Milch tunkte.

Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er sich auf den einzigen anderen Stuhl am Tisch. Digger rollte sich zu seinen Füßen zusammen. Ty trug kein Hemd, sondern nur seine Jeans, deren oberster Knopf offen stand. Aus der Küche drang nur gedämpftes Licht, doch selbst in der Dunkelheit konnte sie genug von ihm erkennen, um seine breite Brust zu bewundern und erneut zu bemerken, wie unglaublich sexy er war.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die plötzlich trockenen Lippen. „Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich konnte nicht schlafen.“

„Ich auch nicht. Wie du siehst.“ Sie deutete auf ihren Mitternachtssnack.

„Und deshalb hast du auf deine alte Gewohnheit zurückgegriffen?“

Sie ließ verblüfft den Keks sinken. „Du erinnerst dich daran?“ Er hatte sie oft erwischt, wie sie spätabends noch in der Küche seiner Mutter etwas naschte. So gemütlich war es bei ihm zu Hause gewesen, dachte sie.

„Ich erinnere mich an viele Dinge“, erwiderte er heiser.

„Zum Beispiel?“, fragte sie, wobei seine Bemerkung nicht nur ihre Neugier erregte.

„Zum Beispiel daran, dass Oreo-Kekse deine Trost-Nascherei sind. Du magst sie am liebsten, wenn sie kalt und hart aus dem Kühlschrank kommen, obwohl du sie dann in die Milch tunkst, bis sie sich vollgesogen haben. Und du hältst den Keks etwa fünf Sekunden in die Milch, damit er nicht zu weich wird. So.“ Während er sprach, hatte er einen frischen Keks genommen und in die Milch getunkt und hielt ihn ihr jetzt zum Probieren hin.

Sie öffnete den Mund und biss ein Stück ab, wobei ihre Lippen seine Fingerspitze streiften. Die zufällige Berührung entfachte ein unerwartetes Prickeln, das ihren ganzen Körper überlief.

Sie lachte, um sich nichts anmerken zu lassen, und wischte sich den Mund mit der Serviette ab, doch was sie fühlte, war alles andere als zum Lachen. Ihre Brüste wurden schwer, das Blut pochte ihr in den Adern, und zwischen ihren Schenkeln breitete sich die Hitze aus. Sie unterdrückte ein Aufstöhnen, das ihr beinahe entfahren wäre. Irgendwie hatte ihre Trost-Nascherei eine erotische Komponente bekommen, und die gemeinsamen Erinnerungen mit einem alten Freund waren zu etwas Sinnlichem geworden.

Seinem umwölkten Blick nach zu schließen bezweifelte sie, dass dies seine Absicht gewesen war. Er hatte sich jetzt zurückgelehnt, und sie vermisste die Nähe, die sie als Kinder geteilt hatten.

Da war etwas Besonderes zwischen ihnen gewesen, etwas, das sie niemals ausgelebt hatten, entweder aus Angst um ihre Freundschaft, die die einzige Sicherheit in ihrem jungen Leben gewesen war, oder weil keiner von beiden damals gewusst hatte, was er mit seinen tiefen Gefühlen hätte anfangen sollen. Vielleicht hatten sie schon damals unbewusst erkannt, dass Sex allein nicht genug für sie gewesen wäre.

Obwohl Lacey zugeben musste, dass dieser Gedanke im Moment höchst verlockend war. Schließlich hatten sie niemals die Gelegenheit gehabt, ihre jugendliche Verliebtheit und Schwärmerei auszuleben, sodass sie sich beide nach mehr sehnten – sie war es auf jeden Fall, die sich nach mehr sehnte. Sie hatte nie genau gewusst, was Ty empfunden hatte – ob er sie aufrichtig geliebt oder ob er es nur genossen hatte, ihr Held zu sein.

Immerhin waren sie jetzt erwachsen und in der Lage, durchdachte Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen umzugehen. Konsequenzen, die Tys unvermutetes Auftauchen und einen noch unbeantworteten Heiratsantrag von einem anderen Mann einschlossen.

„Erzähl mir von der Zeit, nachdem du verschwunden bist.“ Tys Aufforderung lenkte sie glücklicherweise sowohl von ihren Gedanken als auch von ihren Emotionen ab.

Offensichtlich wollte er die Situation nicht weiter anheizen, was sie ebenso sehr erleichterte wie enttäuschte. „Sieh dich um. Mir geht es gut.“ Mehr als gut, wie ihre Firma bewies.

Doch noch während sie sprach, wurde ihr bewusst, dass sie nun schon zum zweiten Mal an diesem Abend ihr kleines Apartment und ihr kleines Leben verteidigte. Ohne Grund. Ty hatte sie nicht angegriffen. Sie war es nicht gewohnt, sich in der Defensive zu fühlen. Ihre Erfolge erfüllten sie normalerweise mit Stolz.

Tys Anwesenheit erinnerte sie an die guten und die schlechten Dinge in ihrer Vergangenheit und zwangen sie, sich einzugestehen, dass ihr Leben ganz anders verlaufen war, als sie es sich als Kind ausgemalt hatte. Es war nicht das Leben, das sich ihre Eltern für sie gewünscht hatten, doch in Anbetracht dessen, was sie hatte durchmachen müssen, wären sie sicher stolz auf sie gewesen. Ein weiterer Grund dafür, dass ihr „Odd Jobs“ so viel bedeutete. Die Firma war etwas Greifbares. Sie bewies, dass Lilly Dumont überlebt hatte.

Ty nickte. „Dir geht es mehr als gut, doch was ich hier sehe, erklärt mir nicht, wie du hierhergekommen bist.“

Sie atmete tief durch. Sie ließ die Vergangenheit lieber Vergangenheit sein, doch als ihr ehemaliger Vertrauter hatte Ty ein Recht auf Antworten. Und vielleicht würde allein die Tatsache, darüber zu sprechen, ein wenig den Schmerz lindern, den sie in sich trug.

Sie blickte auf ihre ineinander verschränkten Hände; die Erinnerung an jene dunkle Nacht stieg in ihr hoch. „Ich lief etwa eine halbe Stunde lang stadtauswärts, und dort traf ich deinen Freund. Der, der Onkel Marcs Wagen gestohlen hatte. Wir fuhren an einen Ort, der weit genug weg war, sodass mich niemand erkennen würde. Und dann nahm ich den Bus nach New York.“

„Wie wir es geplant hatten.“

„Richtig.“ Nur hatte niemand weitergedacht als bis dort. „Im Bus bin ich zusammengeklappt und erst bei der Ankunft am nächsten Tag wieder aufgewacht. Ich hatte das bisschen Geld, das du und Hunter mir gegeben habt. Mal schlief ich bei der Heilsarmee, mal in einem Busterminal.“

Er stöhnte auf.

Sie ignorierte seine Reaktion und sprach weiter. „Ich schlug mich als Tellerwäscherin durch. Irgendwann traf ich ein Mädchen, das Apartments sauber machte. Sie arbeitete für eine Spanierin, die Immigrantinnen beschäftigte. Damals waren meine Hände vom Geschirrspülmittel und dem vielen Wasser rau genug, um sie irgendwie davon zu überzeugen, dass ich mit dem Job zurechtkäme. Das rettete mir das Leben, weil ich kaum noch Plätze fand, wo ich kostenlos oder günstig übernachten konnte, und weil es immer schwieriger wurde, sich vor den Freiern und Zuhältern an den Bus- und Bahnstationen zu verstecken.“

„Herrgott, Lacey, ich hatte ja keine Ahnung.“

Die aufrichtige Bestürzung in seiner Stimme berührte sie sehr. Sie wollte nicht, dass er sich verantwortlich fühlte für etwas, dass er nicht verursacht hatte. Er hatte ihr das Leben gerettet, und das würde sie nie vergessen.

Er griff nach ihrer Hand. Zehn Jahre zu spät, und doch war es genau das, was sie jetzt brauchte.

„Keiner von uns hatte eine Ahnung.“ Sie schlang ihre Finger um seine. Die Wärme und Stärke seiner Hand gab ihr die Kraft, fortzufahren. „Aber danach wurde es besser. Die Frau, die mir den Job gab, sie hieß Marina, ließ mich in ihrem Apartment auf dem Boden schlafen, bis ich eine schmutzige, aber billige Wohnung fand.“

„Wie schlimm war es?“

Sie wollte ihn nicht aufregen, doch er hatte gefragt. „Die Wohnung war mit Gesellschaft. Es gab Kakerlaken überall.“ Sie unterdrückte ein Schütteln angesichts der lebhaften Erinnerung. „Und ein Säufer wohnte nebenan. Er lief nachts gerne im Hausflur herum. Das Schloss an der Wohnungstür funktionierte nicht, und der Hausmeister scherte sich einen Dreck um meine Bitten, es zu reparieren. Ich konnte mir kein extra Schloss leisten, also schob ich nachts immer eine Kommode vor die Tür.“

„Gut“, sagte er und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und blieb daher stumm.

Schließlich räusperte er sich. „Und wie lebst du jetzt?“

Schon ein viel einfacheres Thema, dachte sie und lächelte. „Ich habe eine Firma mit dem Namen ‚Odd Jobs‘, die berufstätigen Menschen Arbeit abnimmt“, erklärte sie mit Stolz in der Stimme. „Ich habe ungefähr fünfzehn Angestellte, das hängt vom Tag und ihren Stimmungen ab. Wir führen Hunde aus, machen die Wohnung sauber, besorgen Lebensmittel, was auch immer der jeweilige Auftraggeber wünscht. Mit der Zeit habe ich eine Stammkundschaft aufgebaut und konnte sogar die Preise erhöhen. Es geht mir ziemlich gut im Moment.“

Er grinste. „Du hast einen tollen Aufstieg hingelegt.“

So wie sie es sah, hatte sie keine andere Chance gehabt, als eben weiterzumachen.

„Ich bewundere dich, weißt du.“

Seine Worte überraschten sie und schmeichelten ihr zugleich. Dennoch – sie suchte weder sein Mitleid noch seine Bewunderung.

„Ich tat nur, was ich tun musste, um zu überleben. Was ist mit dir?“, fragte sie.

Sie wollte wissen, warum er ohne Abschluss vom College abgegangen war, obwohl dies doch so lange sein Ziel gewesen war. Und womit war die Veränderung in seiner Stimme zu erklären, wenn er von seiner Mutter sprach? Der Tonfall hatte sich nur minimal verändert, dennoch war es ihr nicht entgangen. Sie fragte sich, was der Grund dafür war.

„Ty, was passierte mit dir und Hunter, nachdem ich fort war?“, fragte sie voller Neugier.

„Das erzähle ich dir ein anderes Mal.“ Seine Augen weiteten sich, als er bemerkte, dass er noch immer ihre Hand in der seinen hielt.

Sie wünschte, er würde sie für einen sanften, zärtlichen Kuss an sich ziehen, so wie sie es sich früher immer erträumt hatte, als sie bei ihm im Haus geschlafen hatte und sein Zimmer nur ein paar Meter entfernt gewesen war. Später, als sie vor Angst und Einsamkeit beinahe verrückt zu werden schien, rief sie sich diese Vorstellung nachts oftmals ins Gedächtnis zurück, um sich daran zu wärmen.

Nicht zum ersten Mal an diesem Abend erkannte sie Sehnsucht und Verlangen in seinen Augen, und nicht zum ersten Mal ließ sie es zu, dass sie alles um sich herum vergaß. Wie zuvor, als sie in seine Arme gestolpert war, zählte nichts anderes als er und sie.

„Es ist spät, und wir sollten ein wenig schlafen.“ Er erhob sich und gab ihre Hand frei.

Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu, auch wenn sie seinen gesunden Menschenverstand bewunderte. Der fehlte ihr offensichtlich. „Du gibst immer noch gerne den Ton an, wie ich sehe.“

Er zuckte die Achseln, ohne sich zu entschuldigen. „Du musst einige weitreichende Entscheidungen treffen, und ich bin sicher, dass ein wenig Schlaf dabei helfen wird“, sagte er weich.

„Ich habe mich schon entschieden.“ Sie nickte zur Bekräftigung, denn sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte.

Er hob die Augenbrauen. „Du kommst nach Hause?“

Sie schluckte schwer und nickte. „Aber ich kann hier nicht einfach wegfahren, ohne einige Dinge zu regeln.“

„Die Firma?“

„In erster Linie. Ich brauche jemanden, der sich um alles kümmert, bis ich wieder zurück bin.“ Im Geist machte sie schon eine Liste mit Leuten, die sie anrufen musste, und Dingen, die zu erledigen waren. „Außerdem habe ich Nachbarn, die sich Sorgen machen werden. Freunde und …“ Alex, dachte sie und wusste, dass er in Panik geraten würde, wenn sie plötzlich verschwand.

Ihr selbst würde es auch nicht gefallen, wenn er sie einfach verließ. Sie hatten nicht nur eine Affäre. Darüber waren sie längst hinaus. Er war nicht der erste Mann, mit dem sie Sex hatte, doch er war der Erste, an dem ihr wirklich etwas lag. Obwohl sie fühlte, dass etwas fehlte, und mit Ty neben sich erkannte sie, dass die sexuelle Anziehung nur ein Teil des Problems war. Besser gesagt ihres Problems, dachte Lacey, denn Alex schien keines zu haben.

Alex hatte auch keine Ahnung, dass Laceys Vergangenheit sie eines Tages einholen, ihr Leben zerstören und in ihr leidenschaftliche Gefühle auslösen könnte. Gefühle, die sie ihm gegenüber nicht empfand, dachte sie, und blickte schuldbewusst zu Ty.

„Und was?“, fragte Ty, als sie ihren Satz nicht beendete.

Sie schüttelte den Kopf. „Nichts. Da gibt es nur Menschen, die mich vermissen und sich sorgen würden.“

Er atmete langsam aus. „Ich zerre dich hier nicht gewaltsam raus, während du schreist und nach mir trittst. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, um die Dinge zu regeln. Und falls du jemanden vergessen hast, kannst du immer noch jederzeit von unterwegs anrufen.“ Seine Augen verengten sich. „Außer, da ist jemand Wichtiges, den du noch nicht erwähnt hast?“

„Und wer sollte das sein?“ Sie wand sich, denn sie wusste, dass das bevorstehende Gespräch schwierig sein würde.

Er rieb sich die Stirn. „Ein Freund oder jemand, den du erst noch sehen musst?“ Seine Stimme klang brüchig.

Sie atmete tief durch. „Tatsächlich gibt es da jemanden.“ Sofort überkamen sie Schuldgefühle.

„Ich verstehe“, erwiderte er steif.

Sie lebte seit zehn Jahren allein, und es gab keinen Grund für das Gefühl, Ty verraten zu haben, indem sie mit jemand anderem zusammen war. Und doch fühlte sie sich beim Blick in seine Augen schuldig. Entsetzlich schuldig.

„Er heißt Alex“, sagte sie. Sie zwang sich, die Wahrheit zu sagen, und hoffte insgeheim, damit den anderen Mann auch für sich selbst wieder real werden zu lassen. „Ich kann nicht einfach meine Sachen packen und abhauen, ohne ihn zu benachrichtigen.“

Ty nickte kurz. „Nun, niemand hält dich davon ab, dich mit den wichtigen Menschen in deinem Leben in Verbindung zu setzen.“

Sie schluckte schwer. Das Gefühl, ihn irgendwie verletzt zu haben, erfüllte sie mit tiefem Schmerz. „Gut. Wir sprechen morgen weiter, okay?“

Ohne Antwort bewegte er sich in Richtung Couch. Er legte sich nieder, und Digger sprang auf seine Beine, wo sie sich einrollte.

„Flittchen“, murmelte Lacey, als sie zurück ins Schlafzimmer ging und die Tür hinter sich schloss.

Sie fühlte sich nicht wohl mit der Art, wie sie und Ty auseinandergegangen waren, aber sie fühlte sich derzeit mit ihrem ganzen Leben nicht wohl. Es war schwer, sich das einzugestehen, denn schließlich war sie stolz auf alles, was sie geschafft hatte. Doch sie hasste dieses Gefühl der Verwirrung und Unsicherheit, und ihre Unfähigkeit, sich an Alex zu binden, war ein Symptom dafür.

Schon nach einigen wenigen Stunden mit Ty spürte sie den Unterschied in ihren Reaktionen und ihren Gefühlen für die beiden Männer. Sie schauderte, denn in ihrem Inneren wusste sie, dass dieser Unterschied etwas bedeutete. Und sie wusste auch, dass ihr Aufenthalt in Hawken’s Cove Aufschluss darüber geben würde, was genau das war.

Vor zehn Jahren hatte Lacey ihr Leben zurückgelassen und war in den Bus nach New York gestiegen, ohne zu wissen, was sie dort erwartete. Morgen würde sie in die umkehrte Richtung reisen, nur wusste sie diesmal ziemlich genau, was sie dort erwartete. Für den Rest der Nacht warf sie sich in ihrem Bett ruhelos hin und her.

Das Einzige, was sie davon abhielt, ihre Meinung zu ändern, waren ihre Eltern. Wenn sie nicht zurückging, würde nichts von ihrer Familie und ihrem Erbe bleiben. Jedenfalls nichts Gutes. Sie schuldete es ihnen, die Kontrolle über ihr rechtmäßiges Erbe zu übernehmen, ja sie schuldete es sich selbst, endlich die Vergangenheit hinter sich zu lassen, indem sie ihr ins Auge blickte und nicht vor ihr davonlief.

Auch wenn diese Vergangenheit Ty mit einschloss.

Als Ty erwachte, lag Laceys hässlicher Köter auf seinem Bauch. Sonnenstrahlen fielen durch die offenen Jalousien in ihr Apartment. Er hatte nicht gut geschlafen, doch wer konnte das schon erwartet haben? Da war zum einem sein etwas unangenehm riechender Schlafgenosse und zum anderen Laceys Geständnis, dass es jemand Besonderes gab in ihrem Leben. Kein Wunder, dass er keinen Schlaf gefunden hatte.

Natürlich hatte er nicht erwartet, dass sie Nonne geworden war, schließlich hatte er ebenfalls nicht im Zölibat gelebt. Und er war auch nicht bei Lacey aufgetaucht, weil er irgendeine Art von Beziehung suchte. Doch wenn er sie sich mit einem anderen Mann vorstellte, schlug sein Beschützerinstinkt sofort Alarm. Bei anderen Frauen meldete sich dieser Instinkt nie, nicht einmal bei Gloria, mit der er seit einigen Monaten schlief. Doch bei Lacey war dieser Instinkt sofort da und trieb ihn fast zum Wahnsinn. Trotz des Umstands, dass er keinerlei Recht hatte, etwas in der Art zu fühlen.

Er hatte ihr geholfen, ein neues Leben zu beginnen, und sie hatte sich entschieden, in diesem Leben zu bleiben. Sie war in den letzten zehn Jahren nicht nach Hause gekommen. Sie hatte es vorgezogen, keinen Kontakt aufzunehmen und allein zu bleiben. Das Beste für alle Beteiligten würde sein, sie nach Hause zu bringen, wo sie ihre persönlichen Angelegenheiten regeln und dann wieder nach New York zurückkehren könnte. Zu ihrem Freund, zu ihrer Firma und zu ihrem Leben. Wenn Lacey sich der Vergangenheit stellte, fände vielleicht auch er einen Weg, sie hinter sich zu lassen und weiterzuleben. Denn das Wiedersehen zeigte ihm nur allzu deutlich, dass er über seine Gefühle für Lacey hinwegkommen musste – und diesmal für immer.

Er blickte in Richtung der noch immer geschlossenen Schlafzimmertür. Da er offenbar als Erster wach war, duschte er und zog sich an, bevor er sich erlaubte, an seinen knurrenden Magen zu denken.

Er blickte hinunter zu dem kleinen Hund, der ihm nicht von der Seite gewichen war und sich sogar mit in das Badezimmer gedrängt und ihm die feuchten Füße geleckt hatte, als er aus der Dusche gekommen war. „Ich würde dich ja gerne füttern, aber ich weiß nicht, wo dein Futter ist oder was du überhaupt frisst.“

„Sie muss zuerst nach draußen“, sagte Lacey, die vollständig angezogen aus dem Schlafzimmer trat.

Ty neigte den Kopf zur Seite. „Ich dachte, du schläfst noch.“

„Ich bin bereits seit fünf auf. Ich habe mich schon geduscht und angezogen, bevor du deine müden Knochen um halb sieben aus dem Bett erhoben hast.“

Also hatte sie ihn hier herumwerkeln gehört. „Hast du schon gefrühstückt?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. „Du?“

„Noch nicht.“

„Wie wär’s, wenn du mit mir zusammen Digger ausführst und wir unterwegs was zu essen besorgen?“, schlug sie vor.

„Klingt gut.“

Sie nahm Digger an die Leine und holte eine Plastiktüte aus einer Küchenschublade. Gemeinsam gingen sie die Stufen im Hausflur hinunter und nach draußen. Die Sonne tauchte gerade erst hinter den hohen Gebäuden auf, und die Luft war kalt.

Digger schien das nichts auszumachen. Sie tollte herum, wobei sie nur durch Laceys Leine gebremst wurde, und hielt erst bei einem kleinen Fleckchen Erde mit einem einzelnen Baum an.

Ty schüttelte lachend den Kopf.

„Was soll ich sagen? Sie ist eben ein Gewohnheitstier“, sagte Lacey. „Und das hier ist ihr Lieblingsplatz.“

Nachdem der Hund sein Geschäft erledigt und Ty seine Hinterlassenschaften beseitigt hatte, schlenderten sie in etwas gemächlicherem Tempo durch die Stadt. Für Lacey war alles vertraut, so wie sie den meisten Menschen vertraut war, denen sie begegneten. Das Mädchen bei „Starbucks“ kannte ihren Namen ebenso wie der Besitzer des Zeitungsstands an der Ecke. Auf dem Weg zeigte sie ihm immer wieder Häuser, in denen sie arbeitete, und tätschelte diverse Hunde, die sie kannte, weil sie sie während der Woche ausführte.

Ty hatte das deutliche Gefühl, dass sie ihm aus erster Hand zeigen wollte, wo und wie sie lebte. Damit er sich davon überzeugen konnte, wie gut sie für sich gesorgt hatte und wie zufrieden sie mit ihrem Leben hier war.

Er hielt auf dem Gehweg an. „Warum hast du dich also entschieden zurückzugehen? Was hat den Ausschlag für deinen Sinneswandel gegeben?“

Sie blieb ebenfalls stehen. „Das ist nicht so einfach zu erklären.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „So viele Gründe ich auch habe, nicht mit dir zu kommen, so viele Gründe habe ich auch, es doch zu tun.“

„Würdest du mir einige davon nennen?“

Er neigte den Kopf zur Seite und schirmte seine Augen mit der Hand vor der Sonne ab. Er wollte wissen, was in ihr vorging und was sie beschäftigte.

„Die meisten Argumente hast du selbst geliefert. Ich schulde es meinen Eltern, nicht zuzulassen, dass mein Onkel sich ihr Geld unter den Nagel reißt. Ich schulde es mir selbst, für das einzustehen, was mir gehört. Und vor allem glaube ich, dass ich mit der Vergangenheit abschließen kann, wenn ich ihr gegenübertrete.“

Er nickte. „Du hast mit diesem Teil deines Lebens niemals Frieden machen können, oder?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht vergessen, dass ich das Leben vieler Menschen durcheinandergebracht habe.“

Einige dieser Menschen, darunter seine Mutter, hatten dabei geholfen, die Ereignisse überhaupt in Gang zu bringen, dachte Ty. Es war eine komplizierte Sache. Seine Mutter hatte Lacey aufgenommen und ihr mit Sicherheit das Leben gerettet. Zugleich hatte sie dadurch aber Blutgeld angenommen.

Er blickte in Laceys Gesicht. Ihre gerunzelte Stirn zeigte deutlich ihre Betroffenheit über den Wirbel, den sie verursacht hatte. Er musste ihr versichern, dass sie das Richtige getan hatte.

„Hey, diese Menschen haben sich um dich gesorgt. Sie haben getan, was sie tun wollten. Niemand hat sie gezwungen, und du musst zugeben, dass es ziemlich klasse war, was wir abgezogen haben.“ Er grinste, als er an jene Zeit dachte.

Sie lachte. „Wenn es nach dir geht, war alles nur ein aufregendes Abenteuer.“

Er lächelte grimmig, denn bis zu dem Moment, als sie aus seinem Leben verschwunden war, war es genau das gewesen.

Lacey nestelte nervös an dem Anhänger unter ihrem T-Shirt. Sie nahm das Schmuckstück nur ab, wenn sie duschen ging, weil sie Angst hatte, dass es im Abfluss landen könnte und dann für immer verloren wäre. Letzte Nacht hatte sie es nicht umgehabt, da sie vorher ein langes Bad genommen hatte, doch am nächsten Morgen legte sie die Kette wieder an. Sie konnte es nicht erklären, doch Lacey fühlte sich immer besser, wenn sie den Anhänger trug.

Vor allem heute. Als sie ersten Vorkehrungen traf, um die Stadt zu verlassen, gab ihr vor allem das kleine Schmuckstück den Mut, Lilly wiederauferstehen zu lassen.

Sie brauchte diese Ermutigung nötiger, als sie dachte. Lacey hatte die Stadt noch nie verlassen. Sie hatte „Odd Jobs“ noch niemals in andere Hände gegeben, außer wenn sie zu krank war, was aber selten vorkam. Ihr Leben war geprägt von ihrem Geschäft, von den Wünschen und Tagesabläufen ihrer Kunden. Nun war sie dabei, sich in das nächste große Abenteuer ihres Lebens zu stürzen.

Ein Abenteuer, das sie nicht wagen würde, wenn sie nicht vorher sicherstellte, dass ihre Firma bis zu ihrer Rückkehr in guten Händen war. Als Vertretung wählte sie Laura, eine ihrer langjährigen Angestellten. Sie gab ihr eine aktualisierte Liste der Klienten, den Einsatzplan sowie einige Tipps, wie sie mit den Angestellten und ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten umgehen sollte. Außerdem erstellte sie eine ausführliche Liste über die Eigenheiten eines jeden Klienten.

Dann organisierte sie die Dinge, wie sie ein kleiner Urlaub erforderlich machte. Sie bat die Nachbarn, nach der Post zu sehen. Sie hinterließ ihren Freunden die Nachricht, dass sie einige Tage fort sein würde und sie sich keine Sorgen machen sollten.

Sie hatte ihre Sachen gepackt, während Ty einen Karton Hundefutter für Digger in seinen Wagen lud. Alles ganz normale Dinge, die Leute eben taten, wenn sie ein paar Tage wegfuhren. Nur dass Laceys Situation nicht im Entferntesten als normal zu bezeichnen war.

Ihr graute vor dem Telefongespräch mit Alex, das sie bis zur letzten Minute aufschob. Während Ty nebenan fernsah, wählte Lacey seine Nummer. Sie kannte sie auswendig.

„Duncan“, meldete er sich schon nach dem ersten Klingeln.

„Ich bin’s.“ Sie packte den Hörer fester.

„Hey, Kleines. Wie geht es dir? Ich hatte nicht erwartet, vor heute Abend von dir zu hören“, sagte er mit warmer, freudiger Stimme.

Normalerweise rief sie ihn tagsüber nie an, da er beschäftigt war und sie sich selten allzu lang an einem Ort aufhielt.

„Mir geht’s gut.“ Lacey atmete tief durch, was ihre Nerven jedoch nicht beruhigen konnte. „Genau genommen ist das nicht wahr. Ich bekam gestern Abend Besuch. Jemand aus meiner Heimatstadt. Ich muss für eine Weile fort, um einige Dinge zu erledigen. Ich weiß, es kommt unerwartet … Ich hoffe, du hast Verständnis dafür.“

„Das kann ich nicht gerade behaupten! Ich weiß kein verdammtes bisschen von deiner Vergangenheit! Aber vielleicht klärst du mich auf, wenn du zurück bist? Es ist nicht gut, Geheimnisse voreinander zu haben, und es gibt einfach zu viel, wovon ich nichts weiß.“ Er räusperte sich. „Und ich kann dir nicht über das hinweghelfen, was dich von einem Ja abhält, wenn du dich mir nicht anvertraust.“

Sie schluckte schwer. „Ich weiß. Und ich werde dir alles erzählen“, versprach sie. Welch besseren Zeitpunkt konnte es geben, von ihrer Vergangenheit zu erzählen, als wenn sie sie endgültig besiegt haben würde.

„Gut.“ Er klang erleichtert. „Dieser Besuch, den du erwähnt hast – ist das jemand, von dem ich schon gehört habe?“, fragte er. Offensichtlich wollte er vor ihrer Abreise wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt.

Sie wussten beide, dass sie niemals irgendjemanden namentlich erwähnt hatte. „Nein. Ich habe dir nie von … ihm erzählt.“ Sie schloss die Augen und hoffte, dass er um keine weitere Erklärung bitten würde.

Sie hatte Alex niemals von Ty erzählt, weil ihre Gefühle für Ty zu tief waren und zu persönlich, um mit jemand anderem darüber zu sprechen, erst recht nicht mit einem anderen Mann.

„Ein Er, den du niemals erwähnt hast.“ Alex’ Stimme wurde tief und bekam einen gereizten Tonfall, den sie noch nie zuvor an ihm vernommen hatte. „Ist er jemand, wegen dem ich mir Sorgen machen muss?“, fragte er bissig.

„Nein.“ Lacey schüttelte ihren plötzlich schmerzenden Kopf. „Niemand, mit dem du dich beschäftigen müsstest. Er ist nur ein alter Freund.“ Im Innersten wusste sie, dass das eine glatte Lüge war.

Sie war beunruhigt wegen Ty, wegen ihrer neu aufflammenden Gefühle. Doch wie konnte sie Alex davon am Telefon erzählen und ihn dann sitzen lassen?

Lacey blickte auf und sah Ty, der im Türrahmen stand. Sie verspürte eine plötzliche Übelkeit, als ihr klar wurde, was er mit angehört hatte. Innerhalb eines Tages war ihr Leben auf überwältigende Weise kompliziert geworden.

Er hob die Hand, und sie bedeckte die Sprechmuschel.

„Der Wagen steht im Parkverbot“, erinnerte er sie.

Sie nickte. „Ich bin gleich fertig.“

Ty wandte sich um und ging hinaus, doch sein düsterer, verletzter Gesichtsausdruck stand ihr noch immer vor Augen.

„Lacey?“ Alex’ Ärger war nicht zu überhören.

„Ja, ich bin wieder dran.“

„Wenn du zurückkommst, gehen wir zu Nick“, sagte er, womit er seinen Lieblingsitaliener meinte. „Und danach vielleicht ins ‚Peaches‘.“ Das „Peaches“ war ein Dessert-Restaurant, das seine Schwester im Village betrieb.

„Das klingt … nett.“ Ein fades Wort, dachte sie, doch es beschrieb die Gefühle, die sie bei dieser Einladung empfand. Sie standen in direktem Kontrast zu der Aufregung, die sie bei dem Gedanken verspürte, in Tys Wagen zu steigen und mit ihm an ihrer Seite in ein Abenteuer aufzubrechen.

Oh Gott.

„Alex?“

„Was, Kleines?“

Sie wollte ihn nicht mit einem falschen Eindruck zurücklassen, doch sie wusste nicht, was der richtige Eindruck sein würde. „Wenn ich zurückkomme, sprechen wir miteinander. Über viele Dinge.“

Das war das Beste, was sie im Moment anbieten konnte.

4. Kapitel

Während Ty ihre letzten Sachen im Kofferraum verstaute, setzte Lacey Digger auf dem Rücksitz ab. Sie kannte ihre Hündin und wusste, dass sie die Sitzbank auf- und abtrippeln würde, bis sie zur Ruhe kam und sich für den Rest der Fahrt einrollte. Nachdem sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen und sich angeschnallt hatte, wappnete Lacey sich, da sie wusste, in welcher Stimmung Ty jetzt war.

Auf dem Weg nach unten hatten sie kein einziges Wort miteinander gesprochen. Ihr Magen krampfte sich nervös zusammen. Digger trippelte wie erwartet die Rückbank auf und ab.

Ty startete den Motor und schnallte sich an. „Bist du sicher, dass du alles hast?“, fragte er.

Sie nickte.

„Dann bist du bereit?“

„So bereit ich nur sein kann“, erwiderte sie mit zittriger Stimme.

Er legte ihr beruhigend die Hand auf den Oberschenkel. Die Berührung überraschte sie. Sie hatte erwartet, dass er Distanz halten würde.

„Du schaffst das“, sagte er in dem offensichtlichen Bemühen, sie aufzumuntern.

Seine Hand war groß und warm, und die Wärme drang durch die Jeans bis an ihre Haut, wo seine Berührung einen Abdruck zu hinterlassen schien. Die elektrisierende Wirkung stellte sich sofort ein. Sie schluckte schwer und konnte nicht verleugnen, dass Wärme zwischen ihren Schenkeln aufstieg. Sie schlug ein Bein über das andere, was das Gefühl jedoch nur noch verstärkte.

Um der Situation zu entkommen, schloss sie die Augen. Er verstand den Hinweis richtig, zog die Hand zurück und fuhr los.

Als Lacey aufwachte, blickte sie auf die Uhr. Es waren zwei Stunden vergangen, seit sie die Stadt verlassen hatten. Sie hatte ihre Augen geschlossen, um ihren Gefühlen zu entkommen, und war tatsächlich eingeschlafen.

Sie betrachte die sattgrüne Landschaft, die hinter den Fenstern vorbeizog. Keine großen Gebäude mehr, keine Hektik oder Eile.

Sie setzte sich aufrecht hin. „Ich könnte bei der nächsten Gelegenheit einen Boxenstopp vertragen“, sagte sie zu Ty.

Ty stellte das Radio leiser, in dem gerade die Top 40 liefen, und warf ihr einen Seitenblick zu. „Sie spricht.“

Röte stieg ihr in die Wangen. „Ich kann kaum glauben, dass ich geschlafen habe.“

„Mach dir keine Gedanken. Ich ließ Digger nach vorne kommen, und sie leistete mir Gesellschaft.“ Er zwinkerte ihr zu und blickte dann wieder nach vorn auf die Straße.

Offenbar wollte er das Telefonat mit Alex auf sich beruhen lassen, wofür sie ihm dankbar war.

Es dauerte noch eine Weile bis zum nächsten Rastplatz. Sie zog die Beine an und wandte sich zu Ty. „Erzähl mir ein bisschen von deinem Leben, nachdem ich weggegangen war“, forderte sie ihn auf.

Mit einer Hand am Steuer blickte er sie kurz an. Er schwieg so lange, dass sie schon fürchtete, er würde nicht antworten.

Schließlich sagte er: „Dein Onkel rastete aus.“

Sie zuckte zusammen und zog die Knie enger an sich.

„Er konnte dich nicht finden, was bedeutete, dass er nicht an dein Geld herankam. Nicht, dass er das gesagt hätte. Er schimpfte und wütete Mom gegenüber nur darüber, dass sie ihre Aufsichtspflicht offensichtlich vernachlässigt hatte; sonst wäre seine Nichte nicht fortgelaufen und hätte sich das Leben genommen.“

Lacey seufzte. „Und dann?“ Sie wagte kaum zu fragen.

Tys Handknöchel wurden weiß, als er das Lenkrad fester umklammerte. „Er zog an irgendwelchen Fäden und sorgte dafür, dass Hunter uns verlassen musste.“ Ty betätigte den Blinker. „Noch eine halbe Meile, dann kommt eine Raststätte. Ich halte dort, damit du auf die Toilette kannst.“

„Danke. Digger wird auch rausmüssen.“

Schweigen breitete sich aus und sie ahnte, dass Ty dem Ende der Geschichte aus dem Weg gehen wollte. „Was geschah dann?“ Sie musste es wissen.

Ty beugte den Kopf. „Hunter kam in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und Schuld schnürte ihr den Hals zu. Sie war so sehr mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt gewesen, dass sie die Reaktion ihres Onkels auf ihr Verschwinden nicht bedacht hatte. Selbst als sie später daran dachte, war sie doch niemals davon ausgegangen, dass er den Menschen, die sie liebte und zurückgelassen hatte, etwas angetan haben könnte.

Und sie hatte Hunter geliebt – als ihren besten Freund und als ihren Bruder. Er war damals so verletzbar gewesen, auch wenn er es zu verbergen versucht hatte. Und er hatte Ty nachgeeifert, der ihm als Vorbild gezeigt hatte, dass man nicht aus seinen Emotionen heraus handelte, sondern nach gesundem Menschenverstand.

„Wie schlimm war es?“, flüsterte sie.

Ty zuckte die Achseln. „Du weißt, wie Hunter war. Wir waren beide nicht da, um ihn zu beruhigen, also verwickelte er sich in eine Schlägerei nach der anderen. Erst ein Mentorenprogramm mit Mitinsassen brachte ihn wieder auf den richtigen Weg zurück.“

Lacey schauderte. Die Wirklichkeit war viel schlimmer als alles, was sie sich vorgestellt hatte. „Ich könnte meinen Onkel umbringen“, zischte sie.

„Lebend dort aufzutauchen könnte dafür reichen.“

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