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I Want It That Way

Als Buch hier erhältlich:

Die Liebe hat ihren eigenen Plan: Der mitreißende Auftakt einer packenden New Adult-Reihe der New York Times-Bestsellerautorin Ann Aguirre.
Liebe? Dafür hat Nadia gerade überhaupt keinen Kopf. Die ehrgeizige Studentin verfolgt so zielbewusst ihren Weg, dass zwischen College und Job jeder Flirt auf der Strecke bleibt. Doch dann zieht sie mit ihrer WG um - und trifft diesen wortkargen, aber unwiderstehlichen Typen aus dem Erdgeschoss. Ty, der seinen kleinen Sohn allein großzieht, macht keinen Hehl daraus, dass auch ihm komplizierte Gefühle derzeit nicht in den Kram passen. Dennoch verbindet die beiden etwas, das so viel tiefer als eine normale Freundschaft geht. Und Nadia wird klar: Das Leben hat seine eigenen Pläne …
  • Erscheinungstag: 01.09.2015
  • Aus der Serie: 2 B Trilogy
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 300
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956494659
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Ann Aguirre

I Want It That Way

Roman

Aus dem Amerikanischen von Alexandra Hinrichsen und Ivonne Senn

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright eBook © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

I Want It That Way

Copyright © 2014 by Ann Aguirre

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Autorenfoto: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN eBook 978-3-95649-465-9

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Als ich Ty zum ersten Mal begegnet bin, fiel ich gerade die Treppe hinunter und zerriss mir die Jeans.

Jemand, der zu Aberglauben neigt, hätte das vielleicht als Omen bezeichnet, aber Ty war natürlich nicht schuld; es war nur ein blöder Zufall.

Während Lauren und ich mit dem Sofa kämpften, betrat ein Typ das Gebäude, den ich für einen unserer Nachbarn hielt. Er hatte rötliches Haar, braune Augen und rotblonde Stoppeln am ausgeprägten Kinn. Ich hatte schon immer eine Schwäche für rothaarige Männer, wahrscheinlich, weil ich mit den Harry-Potter-Filmen aufgewachsen bin. Der Unbekannte war außerdem groß und hatte ein schön geschnittenes, kantiges Gesicht, wie ein harter Krieger, der auf dem Bug eines Schiffes zu Hause ist. Okay, zugegeben, ich hatte in dieser Woche möglicherweise zu viele Folgen von „Vikings“ gesehen.

Er musterte uns, während wir das schwere Möbelstück anhoben, seufzte und schritt zu seinem Briefkasten. Kein Gruß oder „Ah, die neuen Nachbarn, herzlich willkommen“. Nichts. Wir hatten unterdessen schon fast den ersten Treppenabsatz erreicht, da rutschten meine Hände ab, und die Couch polterte die Stufen hinunter. Ich wollte sie festhalten, beugte mich vor, griff daneben und stürzte hinterher. Lauren sprang zur Seite, als müsste sie einem Bob auf der Eisbahn ausweichen, und das braune Monster klapperte mir voran zurück ins Erdgeschoss.

Das Sofa schaffte es, nirgends gegenzuknallen, ich hatte weniger Glück. Zu Ehren unseres Umzugs hatte ich meine älteste und bequemste Hose an, die offenbar ein paarmal zu oft gewaschen worden war. Jedenfalls hörte man deutlich, wie sie aufriss, während ich von der Wand abprallte und unsanft vor Laurens Füßen landete.

Meine Freundin riss die Augen auf und zog mich hoch. „Alles in Ordnung?“

„Nur meine Hüfte und mein Stolz sind angeschlagen“, murmelte ich.

Sie schaute durch die offene Eingangstür nach draußen zu der ganzen Arbeit, die noch auf uns wartete. „Vielleicht sollten wir doch erst weitermachen, wenn die Jungs vom Bierholen wieder da sind.“

Ich betrachtete das Chaos, das wir vor der Haustür angerichtet hatten. Auf dem Weg hinein mussten unsere Nachbarn im Moment einen Hindernislauf absolvieren. „Wir können die Sachen da nicht so stehen lassen.“

„Ich helfe euch mit der Couch.“

Er klang nicht gerade begeistert, dennoch krempelte der mies gelaunte Rotschopf die Ärmel seines weißen Hemds hoch, und ich bemerkte gleich seine schönen Arme: leicht gebräunt, ein paar zarte rotblonde Haare darauf, schlank, doch kräftig mit starken Handgelenken. Seine Hände mochte ich ebenfalls. Er hatte lange elegante Finger wie ein Klavierspieler. Ich kann immer schlecht schätzen, wie alt jemand ist, aber er schien mit dem Studium fertig zu sein, denn er trug einen Anzug und kam offensichtlich gerade aus dem Büro.

Zu spät fiel mir auf, dass ich ihn eine halbe Minute intensiv anstarrte. „Das wäre echt nett, doch das musst du natürlich nicht.“

„Kein Problem. Ich nehme das eine Ende und gehe rückwärts nach oben.“

„Danke“, schaltete Lauren sich ein. „Wir würden allerdings ungern gleich am ersten Tag hier jemanden mit unserem Sofa ermorden.“

Da ich mit dem Rücken an der Wand stand, blieb mir zumindest die Peinlichkeit erspart, dem neuen Nachbarn meine Panda-Unterhose zu präsentieren. Er schob sich an mir vorbei und hievte die Couch allein ein paar Stufen nach oben. Lauren und ich griffen uns das andere Ende. Diesmal war es deutlich einfacher, weil der Wikinger ordentlich zupackte. Ohne weitere Zwischenfälle und Schwierigkeiten wuchteten wir das Möbelstück in den ersten Stock. Dort hielt er an.

„Apartment A oder B?“, fragte er.

„B.“ Ich gewinne zweifellos mal den Preis für Spritzigkeit und spontane Flirtversuche.

Nickend half er uns, die Couch den Flur hinunter und in die Wohnung zu tragen. Wir hatten die Tür offen gelassen, weil drinnen ja kaum etwas war. Max und Angus waren los, sobald wir alles ausgeladen hatten aus meinem Auto, aus dem von Angus und aus dem Umzugswagen. Das meiste stapelte sich in der Lobby und draußen. Die Jungs meinten, die Arbeit würde mit Pizza, kaltem Bier und einem leichten Schwips wesentlich mehr Spaß machen.

„Ihr wohnt direkt über mir“, stellte unser Nachbar fest und wirkte nicht gerade überglücklich darüber.

Ich warf Lauren einen Blick zu, der besagte: Was hat er nur? Sie zuckte mit den Schultern.

„Ich bin Nadia“, sagte ich.

Erst antwortete er nicht, also fügte Lauren hinzu: „Und ich Lauren.“

„Ty“, meinte er schließlich steif, als wären wir in einem Business-Meeting.

Lauren versuchte weiter, eine Unterhaltung mit ihm anzufangen: „Unsere beiden Mitbewohner sind gleich mit dem Bier zurück, falls du …“

„Nein, nein, schon okay. Ich muss nach Hause.“ Wieder knapp und unfreundlich.

„Tja, dann danke, dass du uns geholfen hast. Die Kartons schaffen wir auch alleine hoch.“

Ty nahm das als Stichwort, um abzuhauen, und wir folgten ihm die Treppe hinunter. Er sah vollkommen erschöpft aus, wie er nun zu Apartment 1B lief. Es lag nach hinten raus, und ein hübscher Garten im Innenhof gehörte dazu. Bei uns gab es immerhin einen Balkon, der allerdings nicht groß genug war für Grillpartys, sofern die Gäste sich nicht wie Sardinen in der Dose fühlen sollten.

Lauren und ich zogen mit zwei Freunden in die neue Wohnung, und weil wir beide beim Losen verloren hatten, mussten wir uns das geräumige Schlafzimmer teilen, während Angus und Max jeder einen Raum für sich hatten. Einen Vorteil hatte das, wir mussten uns kein Badezimmer mit den nicht gerade putzfreudigen Jungs teilen, sondern hatten unser eigenes, das direkt vom Zimmer abging. Zu viert war die Miete erschwinglich, und da ich mich Ende des Monats meistens von Asia-Nudelsuppen ernährte, konnte ich mich nicht beklagen. Ich schnappte mir eine meiner Kisten mit der Aufschrift KLAMOTTEN, rannte damit nach oben und stöhnte, da meine angeschlagene Hüfte wehtat.

„Süßer Panda“, sagte Lauren trocken hinter mir. „Klappe.“

Ich verschwand in unserem Bad und schlüpfte in eine Jogginghose, danach rannte ich wieder nach unten und schlängelte mich an Lauren auf der Treppe vorbei. Während ich einen der Kartons stemmte, kam eine grauhaarige Frau aus Apartment 1B. Sie hatte eine entschieden birnenförmige Figur, bewegte sich, als täten ihr die Füße weh, lächelte mir im Vorbeigehen zu und winkte freundlich.

„Normalerweise hätte ich jetzt ‚bis morgen‘ gesagt, aber das hier ist mein letzter Tag.“

Mit dieser kryptischen Bemerkung verschwand sie, und ich schleppte meine Kiste nach oben.Kaum dass Lauren und ich für die nächste Ladung unten ankamen, tauchten Max und Angus auf. Die Pizza duftete köstlich, und ich beschloss, dass die beiden doch keine so schlimmen Mistkerle waren, wie ich vorher gedacht hatte.

Sie gaben Lauren und mir Pizza und Bier und schnappten sich je zwei Kartons. Dann ging es wieder nach oben. Zu viert hatten wir bald unseren gesamten Kram in der Wohnung. Natürlich herrschte noch heilloses Chaos, aber immerhin konnten wir die Tür hinter uns zumachen.

„Tut mir leid, dass wir so lange weg waren.“ Angus wirkte aufrichtig zerknirscht. „Wie lief es denn mit der Couch?“

Ich warf Lauren einen warnenden Blick zu, damit sie ja nicht meinen Sturz und das Hosen-Desaster erwähnte. „Sie war widerspenstig, doch nachdem ich ihr ins Gewissen geredet habe, hat sie sich benommen.“

Max betrachtete das renitente Möbelstück und zog die Augenbrauen hoch. Offenbar gefiel ihm der Platz nicht, den wir dem guten Stück zugewiesen hatten.

„Die Couch muss an die andere Wand, da kann man besser fernsehen und Videospiele spielen.“

Typisch. Max war kein übler Kerl, aber …

Seit seinem ersten Semester gab er sich Mühe, sämtliche Frauen am Mount Albion College ins Bett zu kriegen. Da das College nicht unbedingt klein war, hatte er sich damit einiges vorgenommen, was ich gleichermaßen ehrgeizig und beunruhigend fand. Lauren und ich kannten ihn zu gut, um etwas mit ihm anzufangen, denn natürlich versuchte er es auch bei uns.

Mein Interesse an Bad Boys aus kaputten Familien war gleich null. Ich überließ es gern einer anderen, sich in Max zu verlieben und aus ihm einen normalen Menschen zu machen. Mir reichte es schon, wenn er in Zukunft den Abwasch erledigte, sobald er dran war. Allerdings hatte er eine feste Stelle und war damit in meinen Augen als Mitbewohner qualifiziert, weil er seinen Teil der Miete rechtzeitig zahlen würde. Angus hingegen kam aus einer „guten Familie“, wie meine Mutter das nannte, und sein Vater hatte seinen Kautionsanteil gleich an die Wohnungsgesellschaft überwiesen.

Lauren und ich erhielten keine solche Unterstützung von daheim, hatten jedoch beide Teilzeitjobs. Das klappt schon. Jedenfalls sagte ich mir das immer wieder, seit ich im Frühling den Mietvertrag unterschrieben und meinen Teil der Kaution gezahlt hatte. Dennoch war die erste eigene Bleibe ein wenig beängstigend, da ich vorher nur im Wohnheim gelebt hatte.

„Okay“, meinte Lauren und half Max, das Sofa umzustellen.

Daraufhin verpflichtete er sie, mit ihm zusammen Fernseher und Spielkonsole aufzubauen und anzuschließen. Unterdessen stellten Angus und ich den Retro-Esstisch inklusive chromgefasster Resopalplatte auf und die gelben Vinyl-Stühle. Den Tisch hatte ich auf dem Flohmarkt ergattert. Ein Stück mit Cha rakter, das wahrscheinlich tatsächlich aus den Fünfzigerjahren stammte. Ich legte Platzdecken auf die zerkratzten Stellen, während Angus die Küchenutensilien einräumte. Bisher hatte ich noch nie irgendwo gewohnt, wo es einen Geschirrspüler gab, was ich den Jungs allerdings nicht auf die Nase band. Lauren wusste es natürlich.

Meine Eltern bezahlten einen Teil meiner Studiengebühren, für den Rest hatte ich ein Stipendium. Bei uns zu Hause hatte es nie großen Luxus gegeben. Lauren und ich kannten uns seit der zweiten Klasse. Ihre Familie war mal ziemlich wohlhabend gewesen, aber dann zahlten sich die Investitionen ihres Vaters nicht mehr aus. In seinem Frust hat er die Familie verlassen, als Lauren gerade mal elf war. Zehn Jahre später saßen wir finanziell nun im gleichen Boot.

Nachdem Lauren und Max mit dem Fernseher und den anderen Geräten fertig waren, brachte Angus die Küche auf Vordermann. Ich spülte die vier Teller ab, stellte Bier und Pizza auf die Arbeitsplatte und brach dann stöhnend auf der Couch zusammen. Der Rest der Kartons musste warten. Angus saß neben mir, Lauren ließ sich auf der anderen Seite nieder, für Max blieb der Sessel. Er legte sofort einen lauten Actionfilm ein, und ich war zu erschöpft, um deshalb Streit anzufangen.

„Den hast du schon zwölfmal gesehen“, meinte Angus.

„Vierzehnmal! Na und?“ Max lächelte, was viele Leute unwiderstehlich fanden.

Ich aß weiter Pizza und schaute zu, wie auf dem Bildschirm ein Auto nach dem anderen explodierte.

Frisch gestärkt, war ich danach bereit, mir die Kisten mit den Deko-Sachen vorzunehmen. Ein paar Bilder, Duftkerzen und eine seltsame Statue, die Angus’ Mutter angefertigt hatte. Angeblich war sie als Bildhauerin in Europa sehr erfolgreich. Anfangs fragte ich die anderen noch nach ihrer Meinung, doch bis ich so weit war, die Bilder aufzuhängen, merkte ich schnell, dass es ihnen egal war. Also suchte ich nach einem Hammer und Nägeln und fing an.

Einige Minuten später klopfte es an die Tür. Meine drei Mitbewohner schauten mich auffordernd an.

„Worauf wartest du?“, wandte sich Lauren an mich. „Du stehst ja schon.“

„Okay.“

Ich öffnete die Tür und hatte Ty vor mir. Womöglich sah er jetzt noch fertiger aus als vorhin. Das Hemd hatte er gegen ein Converse-T-Shirt getauscht, das ziemlich nass war, wieso, konnte ich mir nicht erklären. Der Stoff klebte an seinem Oberkörper, und man erkannte hervorragend seine breiten Schultern und die muskulöse Brust. Bei diesem erfreulichen Anblick musste ich lächeln, jedenfalls bis unser Nachbar den Mund aufmachte.

„Könntet ihr den Fernseher leiser stellen und nicht so spät noch hämmern?“

Überrascht zog ich mein Handy aus der Tasche. Zwanzig Uhr vierzig. Mann, wir hatten Wochenende, und es war nicht mal neun. Da war ich ja in der Grundschule länger wach gewesen. „Ich glaube, wir haben nicht ganz die gleiche Definition von spät. Doch ich sage Max wegen der Lautstärke Bescheid.“ Ich rief in das Apartment: „Hey, man kann euren Film noch ein Stockwerk weiter unten hören! Macht mal leiser!“

Max drückte fluchend auf der Fernbedienung herum. Oh Gott, es stimmte, es war wirklich höllisch laut. Kein Wunder, dass der Wikinger schlecht gelaunt war. Wahrscheinlich hatte er deshalb vorhin gestöhnt, nachdem er Lauren und mich mit der Couch erblickt hatte. Studenten waren ja berühmt für ihre wilden Partys, für Kotzlachen und für nackte Schnapsleichen im Hausflur.

„Danke“, meinte Ty, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand im Eilschritt die Treppe hinunter.

„Na, super, wir wohnen über einer Spaßbremse“, murmelte Max.

„Wir wussten doch, dass wir hier nicht nur mit Studenten zusammenleben.“ Dafür stimmte die Miete, auch wenn es etwas weiter weg zum Campus war. Das war allerdings kein großes Problem, wir hatten zu viert zwei Autos und einen Nutzungsplan für die Wagen.

„Ich will nicht, dass unsere neuen Nachbarn uns gleich hassen, besonders wenn sie so heiß sind“, erklärte Lauren. „Und uns noch dazu beim Schleppen der Couch geholfen haben.“

„Du hast echt einen furchtbaren Männergeschmack“, erwiderte Max.

Während die beiden sich stritten, schnappte sich Angus die Fernbedienung und regelte die Lautstärke des Fernsehers weiter runter. Ich legte den Hammer weg und beschäftigte mich mit der Deko, die keinen Krach verursachte. Die Bilder konnten auch bis morgen warten. Möglicherweise studierte Ty ja Medizin, hatte Bereitschaft im Krankenhaus und war seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Statt ihn also noch mehr aufzuregen, trug ich die Kiste mit meinen Klamotten in unser Zimmer und räumte sie in den Schrank. Danach bezog ich mein Bett und hängte Handtücher ins Bad. Um zehn hatte ich genug und duschte zum ersten Mal in der neuen Wohnung.

Um halb elf rief meine Mom an, gerade als ich einen Fuß auf den Badvorleger setzte. Erst war ich erstaunt, aber dann wurde mir klar, dass sie wohl die zwei Stunden Zeitverschiebung vergessen hatte. Mal wieder. Meine Eltern wohnten in den Rocky Mountains, ich an der Ostküste. Das entfiel ihr mindestens einmal pro Monat. Oder sie konnte es einfach nicht bis zum nächsten Tag aushalten.

Ich schnappte mein Handy. „Alles gut gelaufen, Mom.“

„Du teilst dir doch das Zimmer mit Lauren, ja? Nicht mit diesem gut aussehenden jungen Mann, der so düster guckt?“

Ich grinste. Ob die Beschreibung Max gepasst hätte? „Nein.“

„Gut, irgendwie habe ich ihn nicht gemocht. Doch der andere Junge macht einen netten Eindruck.“

„Angus ist schwul, Mom.“

„Bist du sicher? Manchmal stimmt das gar nicht, weil sie nur metrosexuell sind. Sieht man doch immer im Fernsehen, so was.“

„Ich kenne seinen Freund.“

„Tja, das dürfte wohl als Beweis reichen. Fall abgeschlossen.“ Sie klang enttäuscht. „Schön, ich wollte nur hören, ob es Probleme beim Umzug oder mit der Wohnung gab.“

„Nein, alles super.“

Falls sie mir ein Geschenk oder einen Zuschuss anbieten sollte, würde ich das keinesfalls annehmen. Meine Eltern kratzten auch so schon jeden Cent zusammen, um mir zu helfen. Sobald ich als Lehrerin richtig verdiente, hatte ich vor, ihnen alles zurückzuzahlen. Nicht dass sie mich darum gebeten hätten, allerdings wusste ich, wie schwer die beiden arbeiteten. Eine Zeit lang nahm meine Mutter neben ihrem regulären Job noch einen zweiten an, damit ich studieren konnte. Das ging so, bis sie im Supermarkt zur Geschäftsführerin befördert wurde. Wenn ich ihnen das Geld wiedergäbe, könnten sie mal etwas zurücklegen oder meinetwegen auch endlich mal verreisen. Bei dem Gedanken lächelte ich glücklich.

„Ich schicke dir ein Carepaket“, verkündete Mom stolz. „Ich kann es gar nicht erwarten, deine neue Adresse draufzuschreiben.“

„Ich dachte, Mütter wären immer traurig, wenn ihre Kinder erwachsen werden“, scherzte ich.

„Nein, nein, es ist schön zu beobachten, wie du flügge wirst, deine Flügel spreizt und in die weite Welt fliegst.“

Oh Schreck, es wurde dringend Zeit, dieses Telefonat zu beenden, sonst würde sie gleich noch mit dem Schmetterling anfangen. Ich war als Kind das hässliche Entlein gewesen, in der Highschool änderte sich das langsam, und im College hat sich mein Aussehen dann entschieden verbessert. Ich hatte dunkles lockiges Haar, eine lange Nase, ein energisches Kinn und ausgeprägte Wangenknochen. Ein Gesicht mit Charakter, wenn man so wollte. Mom behauptete außerdem, ich hätte einen guten Knochenbau und würde deshalb angeblich so wie Katherine Hepburn schön altern. Da ich die mit neun Jahren noch nicht kannte, war das damals ein schwacher Trost gewesen.

„Ich hab dich lieb, Mom. Gib Dad und Rob einen Kuss von mir.“ Rob war mein älterer Bruder, er arbeitete wie mein Dad für eine Baufirma.

„Mach ich, ich reiche dich eben an deinen Vater weiter.“

„Hallo, Böhnchen.“

Mein Bruder hat mich früher Bohnenstange genannt, und obwohl ich heutzutage wirklich nicht mehr dürr war, blieb mein Dad dabei.

„Wie läuft’s?“

Er zögerte. „Nicht schlecht. Keine Ahnung, ob deine Mutter dir das schon erzählt hat, aber Rob will sich wohl ein Haus kaufen.“

„Bist du dafür?“, fragte ich.

„Ja, wird langsam Zeit. Sag mal, brauchst du noch was für die Wohnung?“

Dad war kein Mann für lange Gespräche und zeigte seine Liebe anders als mit Worten.

„Nee, wollte Mom auch schon wissen. Wie ist es bei der Arbeit?“

„Ich baue gerade an einem Einkaufszentrum mit. Ziemlich hässlich, doch bringt Geld.“

Sein kühler Pragmatismus erinnerte mich daran, wie er in meiner Kindheit immer alle meine Probleme gelöst hatte. Zum Beispiel, wenn die Kette an meinem Fahrrad riss, hatte er das repariert. „Ich vermisse dich, Dad.“

„Ich dich auch, bis bald dann.“ Und damit unterbrach er die Verbindung.

Um mir ein Glas Wasser zu holen, ging ich nach dem Telefonat in die Küche. Lauren war an Angus’ Schulter eingenickt, Max war unterwegs. Ich winkte kurz und trat hinaus auf den Balkon zum Sternegucken. Seufzend legte ich den Kopf zurück und lauschte dem Zirpen der Grillen, in das sich leise die Stimme eines Mannes mischte. Das Fenster unter uns musste offen stehen. Es klang, als würde jemand – Ty? – „Hallo, lieber Mond“ vorlesen. Wahrscheinlich zum hundertsten Mal, wie man am Ton merkte. Die Antwort erfolgte in einer deutlich helleren Stimmlage, dann herrschte Schweigen. Hm, das war definitiv ein Kind.

Ich hatte gar nicht gemerkt, wie weit ich mich über die Brüstung lehnte, und erschrak, da ich unten ein Geräusch hörte. Ty stand plötzlich auf der Terrasse, die im Mondlicht wunderschön aussah: Lampen am Zaun, ein kleiner Kräutergarten in wuchtigen Töpfen, Blumenampeln und Rattanmöbel, auf denen gestreifte Kissen lagen. Bestimmt wohnte er mit einer Frau zusammen. Ein Mann würde niemals so viel Zeit für eine hübsche Terrasse verschwenden.

Mein Gott, war ich oberflächlich! Ich hasste es bei anderen Leuten, wenn sie mich nach meiner Größe oder dem Gewicht beurteilten. Du spielst doch sicher Basketball? Nein? Ach, was ist denn dann deine Lieblingssportart?

Während ich noch so meinen Gedanken nachhing, machte Ty etwas sehr Ungewöhnliches. Er schritt zum Zaun, ballte eine Hand zur Faust und presste sie an seinen Hinterkopf. Nicht unbedingt meine Methode gegen Kopfweh. Das schien eher Erschöpfung oder Verzweiflung zu sein. Es war mir unangenehm, dass ich ihn dabei beobachtete, als würde ich ihn bespitzeln, wenn das natürlich auch nicht meine Absicht gewesen war. Ich wollte verschwinden, doch in dem Moment drehte er sich um, als hätte er meinen Blick im Rücken gespürt. Im Dunkeln konnte ich seine Augen nicht erkennen, erinnerte mich aber, dass sie goldbraun waren.

Aus irgendeinem Grund war ich wie gelähmt und wagte es nicht mal, mich gerade hinzustellen. Er sollte nicht glauben, er würde mich vom Balkon vertreiben oder, schlimmer noch, dass ich heimlich spionierte. Und so standen wir beide da, starrten uns an und schwiegen. Ty lächelte nicht. Die Situation wurde immer angespannter, dann ging er wieder hinein, und der Moment zwischen uns war vorbei. Ich fühlte mich auf einmal unerklärlich allein.

2. KAPITEL

Am nächsten Tag musste ich arbeiten.

Der Kindergarten war besser als die meisten anderen Studentenjobs. In diesem Sommer hatte ich mehr Stunden bekommen und vertrat die Kollegen, die im Urlaub waren. Bald allerdings würde ich nur Teilzeit eingesetzt werden und konnte mir kulanterweise die Arbeitszeit so legen, dass sie nicht mit dem Studium kollidierte. Am Montag, Mittwoch und Freitag war ich nachmittags da. Dienstags und donnerstags am Vormittag. Manchmal hatte die Direktorin bestimmte Aufgaben für mich, ansonsten sprang ich immer da ein, wo gerade Hilfe gebraucht wurde.

Mir gehörte eins unserer beiden Autos, Angus das andere. Seins war aus offensichtlichen Gründen ein deutlich teurerer Wagen, doch mein Toyota hatte Herz. Er hatte schon eine Trillion Meilen auf dem Buckel gehabt, als ich ihn vor vier Jahren erstanden hatte, trotzdem schnurrte der Motor noch. Max besaß ein antikes Motorrad, an dem er herumschraubte, seit ich ihn kannte, aber neben dem Studium und dem Job blieb ihm eben nicht viel Zeit. Daher fuhr das Ding auch immer nur streckenweise. Es war ein Sensibelchen. Mein Auto hingegen sprang zuverlässig an und brachte mich stets sicher zur Arbeit.

Im Kindergarten angekommen, schickte man mich in die Gruppe der Zweijährigen  – ja, wahnsinnig aufregend! Die Gruppenleiterin hieß Charlotte Reynolds und hatte Pädagogik studiert. Charlotte war nett, Mitte dreißig und üblicherweise sehr geduldig, nur heute Morgen war sie ein Nervenbündel. Zusammen versuchten wir, die Kinder davon abzuhalten, sich gegenseitig umzubringen, wir verteilten Malbücher, überwachten das Mittagessen und den anschließenden Schlummer. Dann tobten die Kleinen draußen, malten wieder, spielten unter Anleitung, und um halb fünf neigte der Tag sich glücklicherweise langsam seinem Ende zu.

„Mann, waren die heute stur“, murmelte Charlotte.

„Das war meine letzte volle Schicht“, erklärte ich.

„Ja, leider. Hoffentlich hast du ein tolles Semester vor dir.“

Ich nickte, und wir räumten noch auf. Gegen sechs waren alle Kinder abgeholt. Müde trabte ich zu meinem Toyota und wollte heim, bog aber in Gedanken falsch ab und landete beim Wohnheim statt zu Hause. Leise fluchend wendete ich und hielt schließlich auf dem Parkplatz vor unserer Wohnung hinter einem silbergrauen Ford Focus. Ty stieg aus.

Nach dem Moment auf dem Balkon wollte ich nicht, dass er sich von der neuen aufdringlichen Nachbarin verfolgt fühlte. Ich nahm meine Tasche vom Rücksitz (mit dem Logo der Kindertagesstätte: ein paar Gebäude mit einem Regenbogen darüber) und schloss den Wagen ab. Danach wollte ich mich unauffällig an Ty vorbeischummeln. Der allerdings tat so, als wäre am Abend zuvor nichts gewesen, und sprach mich auf die ABC Rainbow Academy an.

„Hey, arbeitest du in dem Kindergarten?“

„Ja, warum?“

„Kannst du den empfehlen?“

Hallo, lieber Mond – ja, richtig. Gab es auch eine Mrs Ty?

Peinlich, jetzt dachte ich schon darüber nach, ob er wohl verheiratet war! Normalerweise war ich nicht so neugierig, nicht einmal bei so attraktiven Männern. Moment, was hat er mich eben doch gleich gefragt? Ich blieb auf der ersten Stufe vor der Eingangstür stehen und nickte. „Die Erzieher haben alle eine solide Ausbildung, die Vorschule ist kompetent, und die Kinder werden zuverlässig beaufsichtigt“, schnurrte ich meinen Text herunter. „Ich arbeite seit einem Jahr da, und es gab keine größeren Unfälle.“

„Klingt nach einer echten Empfehlung. Hast du vielleicht eine Karte mit der Nummer da?“

Hatte ich tatsächlich. Ich wühlte in meiner Tasche, in der alles durcheinanderflog, unter anderem die Bilder, die mir die Kinder im Sommer gemalt hatten. Die von meinen besonderen Lieblingen hatte ich mitgenommen, obwohl man natürlich keine Lieblinge haben durfte.

„Hier, bitte sehr. Steht zwar hinten was drauf, aber das kannst du einfach ignorieren.“

Er drehte die Karte um. Wenn man Ty sagte, dass etwas gerade frisch gestrichen war, überprüfte er das bestimmt auch erst mit einem Finger.

„Erin, Lubriderm“, las er vor. „Dreimal am Tag. Interessant …“

„Eins von den Kindern hatte eine winzige Stelle mit Ausschlag. Ihre Eltern sind keine Organisationskünstler.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Ah, das haben sie dir also als Anweisung aufgeschrieben?“

„Genau, und keine Sorge – der Kleinen geht es schon wieder besser.“ Ich lächelte ihn an, was er erwiderte, dabei war Ausschlag eigentlich kein Grund zur Freude. „Der Name und die Nummer der Direktorin stehen vorn drauf. Mach gern einen Termin aus, um dir alles anzusehen.“

„Danke.“

Ich fragte lieber nicht, ob die Frau von gestern seine Babysitterin war – wenn ich ihn noch länger aufhielt, würde er bestimmt nur versuchen, mich endlich loszuwerden. Also winkte ich und ließ ihn mit Erins Behandlungsanweisung allein.

Oben in der Wohnung sah Max sich gerade einen Film an.

„Produktiven Tag gehabt?“, fragte ich.

„Nicht so richtig. Ab morgen entwickle ich neuen Ehrgeiz.“

Das Wort Ehrgeiz fiel einem im Zusammenhang mit Max nun wirklich nicht ein. Aber dafür, dass er von einer Party zur nächsten zog, waren seine Noten noch ganz okay. Ich hingegen hatte die Bücher fürs Semester schon online gekauft und konnte nun nur mit meinem Tablet bewaffnet in die Vorlesung marschieren. Hoffentlich bringt der Umzug hierher nicht meine Routine durcheinander. In diesem Semester hatte ich vier Kurse belegt und machte ein Praktikum an der Highschool. Allerdings würde ich dort nur zusehen. Selbst unterrichten war erst im letzten Semester dran.

„Wo stecken die anderen beiden?“, erkundigte ich mich.

„Lauren bei der Arbeit und Angus ist einkaufen. Er holt sie nachher ab.“ Max grinste. „Es wäre so schön, wenn ihr mal miteinander reden würdet, damit ihr mich nicht immer zur Nachrichtenübermittlung missbrauchen müsstet.“

„Schon klar.“

Ich wusch mir die Hände, machte mir ein paar Cornflakes und ließ mich auf der Couch nieder. Der Film lief bereits zu lange, als dass ich noch reinkommen könnte, aber ich wartete eh nur darauf, dass meine Mitbewohner nach Hause kamen. Ich war sensationell gut darin, Max zu ignorieren, sonst wäre ich nie mit ihm in eine Wohnung gezogen. Irgendwann langweilte ich mich und begann, die restlichen Bilder aufzuhängen. Ich bemühte mich, das so leise wie möglich zu erledigen, um unseren Nachbarn von unten nicht zu stören.

Seltsamerweise war ich fast enttäuscht, weil Ty nicht hochkam, um sich zu beschweren, nicht mal, als Lauren und Angus nach zehn polternd eintrudelten. Die beiden waren zu müde, um sich noch zu unterhalten, und so landete ich alleine auf dem Balkon. Selbstverständlich nicht, um Ty hinterherzuspionieren, wie ich mir versicherte, sondern um einen letzten Tee zu trinken, bevor es ab ins Bett ging. Max hatte einen Stuhl hinausgestellt.

Diesmal war Ty nirgends zu sehen, wie ich erleichtert feststellte. Ich wollte ihn nicht schon wieder in so einem unbedachten Moment erwischen. Natürlich hatte ich jedes Recht, mit einer Tasse Tee auf meinem Balkon zu sitzen, dennoch könnte es den Eindruck erwecken, ich sei übermäßig neugierig.

Dann sah ich, dass er sehr wohl in seinem Garten war. Er saß auf der Rattanbank. Ganz allein. Ich musterte ihn und nippte am Tee. Er las etwas auf einem E-Reader, das Mondlicht ließ ein paar seiner Haarsträhnen kupfern glänzen.

„Du hast wirklich was übrig für Sterne, was?“, sagte er, ohne den Kopf zu heben.

Zwar hatte er leise gesprochen, aber er meinte eindeutig mich. Warum fand ich das eigentlich so toll? Ho Braune, kann durchaus sein, dass er verheiratet ist. Oder besetzt. Oder … sonst was. Er sucht auf jeden Fall einen Kindergarten und …

Vielleicht sollte ich mit der ständigen Grübelei aufhören.

„Mir gefällt es einfach hier draußen“, verkündete ich, ebenfalls leise.

Irgendwie war das Ganze wie unser Geheimnis. Unser Abend im Garten. Es schien Ty nichts auszumachen, beides mit mir zu teilen. Ich hatte nicht das mindeste Bedürfnis, einen der anderen dazuzuholen, insbesondere nicht Lauren, denn ich hatte keine Lust, mich anschließend von ihr durchanalysieren zu lassen.

„Ja, ist das Beste an den Wohnungen hier.“

„Was liest du da?“

Er zögerte, als wäre er nicht sicher, ob er das Gespräch fortsetzen wollte.

„Ein paar Kapitel für mein Seminar morgen.“

„Oh, dann bist du doch Student? Ich dachte, damit wärst du bestimmt durch.“

„Ich hab auch noch einen richtigen Job.“

„Ah, Teilzeitstudent?“, riet ich.

„Genau.“

„Und was studierst du?“ Oh Mann, das artete gerade in ein Verhör aus. Okay, keine weiteren Fragen mehr, lass ihn erzählen. Das Gespräch fühlte sich seltsam intim an, so im Dunkeln, ohne dass ich Tys Gesicht sehen konnte. Ich hörte nur seine sanft klingende Stimme, die Luft war lau, und es duftete nach den Blumen auf seiner Terrasse.

„Architektur.“

„Klingt interessant“, stellte ich fest und musste mich sehr zurückhalten, um nicht weiterzubohren. Wie viele Semester hast du noch vor dir? Was arbeitest du denn sonst? Und was würdest du gern mal bauen?

Ganz ehrlich, bis jetzt war ich noch nie so schrecklich neugierig gewesen, aber bei Ty war das anders. Ich hätte am liebsten sofort alles über ihn erfahren, etwaige dunkle Geheimnisse inklusive. Etwas erschrocken über mich selbst nippte ich zur Beruhigung am Tee. Das Gespräch schien damit leider beendet zu sein.

Doch dann fragte er: „Und du?“

Hurra! „Ich studiere Sonderpädagogik. Sechstes Semester.“ So präzise hatte er es wahrscheinlich gar nicht wissen wollen. Außerdem konnte er sich mein Alter nun ziemlich genau ausrechnen. Falls ihn das denn interessierte. Vermutlich nicht.

Normalerweise flog ein ganz bestimmter Typ Mann auf mich. Sportlich, auffallend groß mit einer Vorliebe für Outdoor-Kram und auf der Suche nach einer Frau, die ihn beim Klettern begleitete, beim Campen und bei anderen Extremsportarten. Und obwohl ich über eins achtzig maß, leicht Muskeln aufbaute und aus Gesundheitsgründen dreimal die Woche ins Fitnessstudio ging, hatte ich für all das nichts übrig.

„Ah, daher die Arbeit im Kindergarten“, sagte Ty und stand auf. „Ich geh jetzt rein. Gute Nacht, Nadia.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken, weil er sich an meinen Namen erinnerte. Wie blöd von mir. Etwas außer Atem flüsterte ich: „Nacht, Ty.“

Nadia, rief meine innere Stimme, komm zu dir, der Mann ist Vater, dreh bloß nicht durch! Aber mein Verstand kämpfte auf verlorenem Posten.

Am nächsten Tag fand ich problemlos alle Räume, in denen meine Seminare stattfanden, die auch noch alle tatsächlich gut waren, dann holte ich meine Skripte ab und hastete zur Arbeit. Ich war so beschäftigt, dass die Zeit nur so raste, bis es sieben Uhr abends war und ich verspätet gehen konnte. Der daran schuldige Vater murmelte etwas über einen Stau, was in dieser Kleinstadt allerdings nicht unbedingt glaubwürdig klang. Weil seine Tochter seit einer Stunde weinte und Angst hatte, dass er sie schon wieder vergessen haben könnte, war ich nicht gerade bester Laune, als ich schließlich ins Auto stieg. Doch dann sang ich die Songs im Radio mit, was meinen Ärger vertrieb. Zu Hause angekommen, war meine Wut verraucht.

Das dauerte aber nur bis zum Aussteigen an. In unserer Wohnung lief so laut Musik, dass ich jede einzelne Note bis unten auf den Parkplatz hörte. Innerlich bereitete ich mich auf die nächste Beschwerde vor. Als ich unsere Wohnungstür öffnete, spielte Max gerade den DJ, während Angus und Lauren tanzten wie die Derwische. War schwer, ihnen bei dem Anblick böse zu sein.

Ich grinste. „Wie traurig ist das denn bitte?“

Max grinste zurück. „Komm schon, bemüh mal deine Fantasie und mal dir die Party am Wochenende aus.“

„Nee, bin grad nicht in Stimmung.“

„Ach, Nadia.“

Lauren zog mich näher, und ich begann ebenfalls zu tanzen. Ich hatte ihr noch nie widerstehen können, wenn sie guter Laune war. „Ist irgendwas Tolles passiert?“, fragte ich und wackelte mit dem Hintern. Angus war nebenbei bemerkt der beste miserable Tänzer der Welt. Er kannte alle Tanzbewegungen längst untergegangener Epochen von Charleston bis Twist und Break-dance. Es war nicht leicht, ihm zuzusehen, ohne loszuprusten, aber genau darum ging es ihm ja. Er liebte es, seine Freunde zum Lachen zu bringen.

„Oh ja!“

Lauren drehte sich wild, und Angus tanzte weiter.

„Bitte mach jetzt nicht noch den Roboter, das kann ich nicht mehr ab. Ich bin zu müde und sterbe vor Hunger. Erzähl mir einfach, was los ist, Lauren!“

„Okay!“

Angus tänzelte im Kreis um uns herum und sang: „Do you really want to hurt me.“ Max bekam einen Lachanfall, rutschte vom Stuhl und riss die Teller mit, die er als Pseudo-Plattenteller benutzt hatte. Ich wagte es nicht, mir auszumalen, wie laut das wohl unten gewesen sein musste, wollte aber nichts sagen, um Lauren nicht die Laune zu verderben.

„Spuck’s schon aus“, verlangte ich und ließ mich auf die Couch fallen.

„Ich hab eben zum letzten Mal bei Teriyaki King gearbeitet. Heute habe ich einen Studentenjob in der Kunstakademie ergattert.“

„Und was genau sollst du da machen?“ Alles war besser als ein Job bei TK.

„Anrufe annehmen, Mails verschicken, Sachen ablegen und so weiter. Da muss ich nur tagsüber aufschlagen und habe am Wochenende frei.“

Max stand vom Boden auf. „Na bitte, das schreit nach einer Party, oder? Ich schau mal, dass ich was organisiere.“

„Herzlichen Glückwunsch, Lauren, lass mich nach dem Kindergarten eben duschen, und dann koche ich was.“

„Ich habe Hühnchen mitgebracht“, erklärte Lauren. „Und nicht vom Teriyaki King.“

Über die Schulter hinweg warf ich ihr eine Kusshand zu. „Ich weiß doch, warum du meine Lieblingslauren bist.“

Beim Essen stellte Angus die Musik ab, damit wir tatsächlich hören konnten, was der andere sagte. Jedenfalls behauptete er, das sei der Grund. Ich wusste jedoch, dass er Rücksicht auf die Nachbarn nahm, und bedachte ihn mit einem dankbaren Blick. Er lächelte nur, obwohl Max rummoserte und meinte, unser Kumpel habe sich in einen alten Spießer verwandelt.

Angus sei Dank bekamen wir also nicht schon wieder Besuch von einem aufgebrachten Nachbarn, und als ich meinen Tee auf dem Balkon trank, war der Garten unten leer. Ich war auf einmal froh, dass ich Lauren nichts von Ty erzählt hatte. Der hat kein Interesse. Du bildest dir manchmal echt komische Sachen ein. Um mir zu beweisen, dass mir das völlig egal war, genoss ich in aller Ruhe meinen Tee, bevor ich reinging. Doch ich lag lange wach und spürte einen merkwürdigen Stich in der Herzgegend, den ich mir nicht erklären konnte.

Am Morgen verschlief ich, rannte dann eilig aus dem Haus und strich auf dem Weg meine Kleidung glatt. Für ein Frühstück war es zu spät gewesen, was meine Laune nicht gerade verbesserte. Vielleicht habe ich Glück, und Louisa macht mir nebenbei einen Snack. Die rundliche Köchin in der Rainbow Academy war über sechzig und versuchte ständig, mich zu füttern. Normalerweise verweigerte ich mich da aber.

Am Auto angekommen, blieb ich verwirrt stehen und starrte auf das zusammengefaltete Stück Papier unter dem Scheibenwischer. Bestimmt irgendeine Werbung, dachte ich und schmiss den Zettel beim Einsteigen auf den Beifahrersitz. Dafür hatte ich jetzt wirklich keine Zeit. Während der Fahrt bewegte jedoch ein Luftzug vom Fenster das Blatt, sodass ich lesen konnte, was darauf stand.

Tut mir leid, dass ich dich gestern Abend verpasst habe, ich war spät dran.

Mein Herz machte einen merkwürdigen kleinen Hüpfer. Ich war inzwischen ganz sicher gewesen, dass nur ich ihn wiedersehen wollte und dass ich für Ty bloß die nervige Nachbarin war.

Aber dann hinterlässt er mir diesen Zettel. Vielleicht unterhält er sich doch gern mit mir?

Eigentlich war es ja keine große Sache, trotzdem kribbelte es in meinem Bauch, und die Zeit im Kindergarten und während der Nachmittagskurse an der Uni flog nur so dahin. Nach dieser ersten Woche würde es im Studium ernst werden und Hausaufgaben hageln. Und ich war gespannt auf die Schüler, mit denen ich an der Calvin Coolidge Junior High arbeiten würde, besser bekannt als C-Cool. Der Spitzname sollte der Schule ein Badass-Image geben, doch da überwiegend weiße Kids dort hingingen, war das nur Show.

Ich kam etwas früher als sonst nach Hause, um kurz nach vier schon, und hatte die Wohnung für mich allein. Auf dem Parkplatz hielt ich Ausschau nach einem silbergrauen Ford, aber von Tys Wagen war weit und breit nichts zu sehen. Er hatte ja erzählt, dass er abends studierte, und ich hatte keine Ahnung, wie oft er zu Seminaren ging. Je mehr ich über ihn herausfand, desto mehr wollte ich wissen.

Trotzdem verdrängte ich ihn aus meinen Gedanken, um den Lesestoff für meinen Kurs über kindliche Sprachentwicklung zu bewältigen und anschließend das erste Kapitel über Schreibunterricht für Kinder mit Lernbehinderung folgen zu lassen. Als ich damit fertig wurde – ich lese eher langsam –, war es draußen dunkel, und von meinen drei Mitbewohnern war nach wie vor niemand zu Hause. Weil ich Hunger bekam, machte ich mich über den Kühlschrank her. Dann fiel mir ein, dass ich gar nicht nach der Post gesehen und meine Mom etwas von einem Carepaket gesagt hatte. Wahrscheinlich war es noch nicht da, aber sie legte immer Reese’s Peanutbuttercups rein.

Ich schnappte mir den Schlüssel vom Haken neben der Tür, lief die Treppe hinunter und machte den Briefkasten auf. In dem Moment kam Ty von draußen herein. Er hatte einen Jungen dabei, den ich ungefähr auf vier Jahre schätzte, sein Haar glänzte wie Kupfer, und sein Lächeln war unglaublich süß. Ich musste bei seinem Anblick ebenfalls lächeln, woraufhin der Kleine mir zuwinkte. Mit der anderen Hand hielt er einen fleckigen und offenbar heiß geliebten Teddy fest.

Ty hingegen würdigte mich kaum eines Blickes. Er nickte mir nur zu, dann verschwanden die beiden schon in ihrem Apartment, als wäre das Gespräch auf dem Balkon nie gewesen und als hätte er mir nie diesen Zettel geschrieben.

Mein Herz klopfte heftig, während ich verwirrt die Augenbrauen hochzog.

3. KAPITEL

Bitte sehr, mir doch egal! Solchen Spielchen verweigerte ich mich.

Ich nahm die Post raus, ging wieder nach oben und machte mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Meine Freunde kamen erst gegen neun heim, und Lauren hatte eine Menge von ihrem neuen Job zu erzählen. Sie saß jetzt direkt an der Quelle für sämtliche Klatsch- und Tratschgeschichten über die Profs. Ich lauschte brav, während sie ihr Insiderwissen zum Besten gab. Max schüttelte nur gelangweilt den Kopf, aber Angus war begeistert bei der Sache.

„Ha! Ich dachte, der wäre verheiratet!“, rief er.

Ist er“, erklärte Lauren vielsagend. „Und das ist nicht mal das Härteste dabei.“

Max machte sich lustig über sie: „Oh Gott! Spann uns nicht so auf die Folter. Ich ertrag es ja kaum noch.“

Sie warf ihm einen bösen Blick zu, dann sah sie wieder Angus und mich an. „Die Sekretärin meinte, er hat eine Affäre mit einem Mann!“

„Das ist wirklich der Knaller“, sagte Angus. „Bisher hatte ich nicht mal gerüchteweise gehört, dass er für mein Team spielt.“

Max sprang abrupt auf. „Ich geh in mein Zimmer.“

Lauren warf mir einen fragenden Blick zu. Ich zuckte mit den Schultern.

Danach hockten Angus und ich eine Stunde lang vor einem Videospiel, während Lauren eine Zeitschrift durchblätterte. Irgendwann gingen die beiden ins Bett, ich stellte den Wasserkocher an und überlegte, ob ich meinen Tee auf dem Balkon trinken sollte oder nicht. Sich darüber Gedanken zu machen, war eigentlich schon vollkommen überflüssig. Ungeduldig zog ich den Teebeutel durchs heiße Wasser, süßte und trat hinaus.

Es war eine wunderschöne klare Nacht, und am Himmel funkelten Tausende Sterne. Die Luft war kühl und frisch. Spätestens in zwei Monaten würde es so kalt sein, dass man nicht mehr draußen sitzen konnte. Ich nahm Platz, schloss entspannt die Augen und lauschte dem Konzert der zirpenden Grillen und den Eichhörnchen, die in den Bäumen spielten.

Nach ein paar Minuten öffnete sich knarrend die Terrassentür unten, woraufhin ich schnell hineinverschwand. Selbst wenn er mit mir reden wollte, war ich nicht in Stimmung dafür, nachdem er mir vorhin die kalte Schulter gezeigt hatte. Ich lief auf Zehenspitzen in unser Zimmer, um Lauren nicht zu wecken, und duschte.

Die Woche flog nur so vorbei, während ich zwischen Arbeit, Studium und meinem neuen Praktikum hin und her hetzte. Ich würde zum ersten Mal wirklich vor einer Klasse stehen. Zur Feier des Ereignisses zog ich einen eleganten marineblauen Rock, eine weiße Bluse und flache Schuhe an. Sehe ich so präsentabel aus? Nervös verließ ich die Wohnung.

C-Cool gefiel mir schon, als ich auf den Parkplatz der Schule fuhr. Sie stammte aus den Sechzigern, war einstöckig und in einem Rechteck um einen großen Innenhof gebaut. Vom Hauptflur gingen zwar weitere Korridore ab, doch wenn man ihm bis zum Ende folgte, kam man wieder da an, wo man gestartet war.

Ein Blick in die Klassenräume verriet mir, dass ich ein wenig zu förmlich angezogen war. Eine schickere Hose und eine Bluse hätten auch gereicht.

Schließlich fand ich den Raum, in dem ich mich melden sollte, und die Lehrerin, die ich an diesem Tag begleiten würde. Meine Hände waren feucht vor Nervosität, als ich hineinging. Die blonde Frau drehte sich zu mir um. Sie war dieser zierliche Typ, in dessen Gegenwart ich mir immer wie der Elefant im Porzellanladen vorkam. Ihr herzliches Lächeln allerdings ließ meine Verunsicherung verschwinden.

„Sie müssen Nadia sein. Ich bin Madeline Parker.“

Sie trug Jeans und Pullover, und ich kam mir noch idiotischer vor.

Was hast du dir eigentlich bei deinem Aufzug gedacht? Das hier ist ja kein Bewerbungsgespräch.

So unauffällig wie möglich wischte ich die Hand an meinem Rock trocken, bevor ich ihre schüttelte. Ein amüsiertes Aufblitzen in ihren braunen Augen verriet, dass sie genau wusste, wie ich mich fühlte, und es verstehen konnte.

„Schön, Sie kennenzulernen“, murmelte ich.

„Oh, ganz meinerseits, da können Sie sicher sein.“

Ich schätzte sie auf Mitte dreißig, also nicht so alt, um schon frustriert von ihrem Job zu sein.

„Manche meiner Kollegen empfinden es als Zumutung, auch noch für einen Studenten zuständig zu sein, aber ich kann Ihre Hilfe gut gebrauchen. Ich habe gerade Pause, daher lassen Sie uns schnell ein paar Dinge besprechen, bevor es richtig losgeht. Wollen wir uns kurz setzen?“

„Gern.“ Ich nahm neben ihrem Schreibtisch Platz.

Was dann kam, war ziemlich überraschend.

„Ich arbeite als Lehrerin für Sozialkunde, Englisch, Chemie und Mathe. Und zwar als Co-Lehrerin für die Kinder mit besonderen Bedürfnissen oder mit Lernschwierigkeiten. Ansonsten helfe ich nach dem regulären Unterricht bei den Hausaufgaben. Außerdem gebe ich Förderunterricht in Englisch und Lerntechniken und kümmere mich um verhaltensauffällige Schüler und um Jungen und Mädchen mit unterschiedlichen Formen von Autismus.“

„Wow“, entfuhr es mir.

„Viele Sonderschullehrer leiden an Burn-out. Nicht falsch verstehen, ich liebe meine Arbeit, aber es ist wichtig, dass man sich nicht überfordert, okay?“

Ich dachte an meinen abendlichen Entspannungstee und nickte. „Ich werde das im Hinterkopf behalten.“

Als ich ein paar Stunden später meinen ersten Praktikumstag hinter mir hatte, wusste ich genau, was sie meinte. Ich war restlos erschöpft. Obwohl ich immer noch unterrichten wollte, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich die innere Kraft besaß, die man für die Sonderpädagogik brauchte. Man wurde dabei geradezu mit Aufgaben überrollt, wie ich bei meiner Mentorin beobachten konnte. Alle zwei Minuten wollte jemand etwas von ihr. Madeline Parkers Geduld war erstaunlich.

Am Abend aß ich eine Nudelsuppe und ging früh ins Bett. Weder unterhielt ich mich mit meinen Mitbewohnern noch setzte ich mich auf den Balkon. Der Donnerstag verlief ereignislos, und abends schaffte ich es, meine schlechte Laune abzuschütteln, um mit Angus und Lauren einen Film zu schauen. Max hatte natürlich ein Date, von dem er erst um zwei Uhr morgens nach Hause kam. Ich war unfreiwilligerweise noch wach. Offenbar wirkte mein Schlaftee am Küchentisch nicht so gut wie draußen auf dem Balkon im Mondschein. Max war überrascht, mich im Wohnzimmer anzutreffen.

„Wilde Nacht?“

„Klar, nichts ist so wild wie Kräutertee.“

„Mann, Conrad, ich mache mir Sorgen um dich, du verlierst ja völlig die Kontrolle.“

Ich zeigte ihm den Stinkefinger.

„Hättste wohl gern.“ Er ging an mir vorbei und schnappte sich eine Flasche Wasser. „Bleib nicht zu lange auf.“

Weil ich nun ohnehin wach war, las ich ein paar Kapitel für die Uni und arbeitete an einem Referat, das ich in zwei Wochen halten musste. Als ich zu meinem ersten Seminar losmusste, hatte ich gerade mal vier Stunden geschlafen.

Freitagnachmittag holte mich die Leiterin des Kindergartens aus der Küche, wo ich Louisa beim Brotschmieren half. Ich wusch mir schnell die Hände und folgte ihr hinaus in den Flur.

„Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte“, sagte Mrs Keller, „aber ich habe einen Doppeltermin vereinbart. Einerseits mit einem Vertreter, von dem ich ein paar Dinge für die Gruppenräume kaufen will, und mit einem Vater, der sein Kind vielleicht hier anmelden möchte. Können Sie den übernehmen?“

„Natürlich.“

Doch dann sah ich diesen Vater. Neben der Eingangstür stand Ty mit dem Kleinen an der Hand. Zwei hübsche rothaarige Jungs auf einmal, bei deren Anblick ich in ein völlig unprofessionell breites Grinsen ausbrach, statt als freundlich-kompetente Mitarbeiterin der Einrichtung aufzutreten. Mrs  Keller stellte uns einander vor. Ich hätte ihr sagen können, dass das nicht nötig war, behielt es aber für mich.

„Sie besprechen dann alles mit Nadia, ja? Sollten Sie danach noch Fragen haben, bin ich in einer halben Stunde gern für Sie da.“

„Vielen Dank.“

Ah, er klang also immer so ernst und nicht nur, wenn er mit seinen neuen Nachbarn redete.

Ich hatte von Mrs Keller gelernt, dass man sich bei solchen Terminen besser auf die Kinder und nicht auf die Eltern konzentrierte. Daher hockte ich mich auf Augenhöhe mit Klein-Ty und lächelte ihn an. „Wir kennen uns noch nicht. Ich bin Nadia. Ich führe dich gleich hier herum und zeig dir alles, okay?“

Erst überlegte er einen Moment und nickte dann, ohne seinen Vater anzusehen. Aha, ein selbstbewusster Junge. Der Teddy war zu Hause geblieben, also hatte er heute einen besonders mutigen Tag.

„Ich heiße Sam.“

Er hielt mir seine kleine Hand hin, was ich so süß fand, dass ich ihn am liebsten an mich gedrückt hätte.

„Ich muss jetzt in den Kindergarten, weil meine Tante nicht mehr auf mich aufpassen kann.“

Vermutlich meint er die grauhaarige Frau, die bei unserem Einzug ihren letzten Tag hatte.

„Das tut mir leid.“ Ich hoffte, das war die richtige Antwort.

„Aber jetzt kann ich mehr mit anderen Kindern spielen.“

Offensichtlich machte Ty ihm die Umstellung damit schmackhaft.

„Das stimmt genau. Wenn du dir gleich alles angeschaut hast, frage ich Mrs Trent, ob du eine Weile zu ihr in die Gruppe darfst.“

Diesmal sah Sam seinen Vater fragend an.

Ty nickte. „Klingt gut.“

Während ich meinen Vortrag abspulte, war mir die ganze Zeit bewusst, dass zwischen Ty und mir etwas im Raum stand, etwas Unausgesprochenes. Wir schauten durch die Scheibe in der Tür in die Gruppenräume, und ich erzählte, wer die einzelnen Betreuer waren. Sam machte nicht den Eindruck, als würde es ihm große Angst bereiten, von nun an nicht mehr mit einem Babysitter zu Hause zu bleiben, sondern in die Kita zu gehen.

Als wir mit der Besichtigungstour fertig waren, streckte ich dem Jungen die Hand hin. Er nahm sie ohne Zögern, während ich zu seinem Vater hinüberschaute, der deutlich nervöser wirkte als sein Sohn. Aber weil er nichts sagte, klopfte ich an Mrs Trents Gruppenraumtür. Bei ihr war noch ein Platz frei.

„Sam überlegt, ob er in Zukunft zu uns kommt. Ist es in Ordnung, wenn er bei Ihnen ein bisschen mitmacht?“

„Absolut. Wir spielen gerade Kreisspiele. Sam, du kannst dich auf einen von den rechteckigen blauen Teppichen dort setzen.“

Ich gab Ty einen Wink. „Man geht am besten, während sie beschäftigt sind. Ist auch nicht für lange.“

Ich nahm ihn mit in unseren Pausenraum fürs Personal, der neben der Küche lag. Es waren erst fünfzehn Minuten vergangen, also war Mrs Keller mit ihrem Termin wahrscheinlich noch nicht fertig. „Hättest du gern einen Kaffee oder Tee?“

„Kaffee wäre toll.“

Wie immer sah er auch heute erschöpft aus. Das schien sein Normalzustand zu sein.

„Hast du weitere Fragen?“ Während wir uns alles angesehen hatten, war ich mit ihm bereits die Öffnungszeiten, die Sicherheitsbestimmungen und unseren pädagogischen Ansatz durchgegangen, nur die Preise hatte ich nicht erwähnt. Ich hasste es, mit Eltern über Geld zu sprechen. Manchmal wurde ich richtig wütend, wenn die Leute offensichtlich der Meinung waren, ihre Kinder hätten keine anständige Kita verdient.

Während Ty nachdachte, schenkte ich einen Kaffee ein und bot ihm Milch und Zucker dazu an.

„Nein danke, ich nehme ihn schwarz.“

Er sah mich aus goldbraunen Augen an.

„Die einzige Frage, die ich im Moment habe – wo warst du die ganze Woche?“

Ich hätte mir eine Ausrede einfallen lassen und ihm etwas vorlügen können, stattdessen entschied ich mich für die Wahrheit. „Ich bin dir aus dem Weg gegangen.“

„Warum?“

„Ich bin vielleicht nicht die perfekte Nachbarin, aber dass man mir im Hausflur die kalte Schulter zeigt, habe ich auch nicht verdient. Ich brauche keine Freunde, die mich einfach ignorieren, wenn es gerade passt.“

„Freunde.“

Er wiederholte das Wort in einem merkwürdigen Ton, als wäre es ein Begriff, den er schon mal gehört hatte, an dessen Bedeutung er sich aber nicht mehr erinnerte.

„Was dachtest du denn, was wir sind?“

Er lachte verwirrt. „Keine Ahnung, entschuldige.“

Ich musterte seinen Gesichtsausdruck. Er schien es ehrlich zu meinen. Ich wusste nicht, was er denn nun von mir wollte und wieso er mal interessiert und dann wieder kühl tat. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass er sich absichtlich schwierig gab. „Erklär mir einfach, was los ist, und ich werde es schon verstehen, okay?“

„Das war Unsicherheit. Sam hatte dich ja noch nie gesehen, und er musste während der Fahrt nach Hause bereits seit mindestens zehn Minuten aufs Klo. Ich wollte nicht, dass er dir bei der ersten Begegnung vor die Füße pinkelt.“

Ich war mir nicht sicher, ob das wirklich der einzige Grund war, fragte aber nicht weiter nach. Durch meine Arbeit in der Kita wusste ich, dass ein kleines Pinkel-Malheur bei einem Jungen in Sams Alter noch ein vergleichsweise harmloses Problem war. Insofern hatte Ty die Wahrheit gesagt, nur wohl nicht darüber, wieso er mich wie Luft behandelt hatte.

„Niedlicher Junge“, sagte ich und lenkte damit ein.

„Finde ich auch.“

Sein Lächeln entkrampfte sich deutlich, dann stürzte er die halbe Tasse Kaffee auf einmal hinunter, als wäre Koffein seine Lieblingsdroge.

„Du musst ja jung Vater geworden sein.“ Okay, zugegeben, das war ein Schuss ins Blaue. Sam hätte auch sein kleiner Bruder sein können, aber davon ging ich nicht aus.

„Zwanzig, als er geboren wurde.“

Oh Mann, jünger als ich jetzt! Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, in meinem Alter schon Mutter zu sein. Jedes Mal, wenn ich hier in der Rainbow Academy fertig war, beobachtete ich dankbar, wie die Eltern ihre Sprösslinge wieder abholten. Zu Hause empfing mich dann niemand, der von mir Sicherheit, Verantwortung, Essen, Trost und ein Dach über dem Kopf erwartete. Genau das alles war Ty nun bereits seit vier Jahren für Sam. Das hieß … er musste vierundzwanzig sein. Ungefähr jedenfalls.

Der spielt in einer ganz anderen Liga als du. Innerlich seufzend fügte ich ihn der langen Liste attraktiver Männer hinzu, an die ich nie rankommen würde. Ansonsten befanden sich vor allem Schauspieler darauf. Verdammt. Bisher hatte mich in der Kita noch kein Vater gereizt. Normalerweise schreckte es mich schon ab, dass sie überhaupt Kinder hatten, aber bei Ty war das anders … Ich musterte seine Klavierspielerhände, mit denen er den Kaffeebecher hielt. Ein paar Sekunden schaute ich fasziniert zu, wie er mit den Fingern am Henkel drehte.

Hör auf damit!

„Sam ist jedenfalls sehr gut erzogen“, sagte ich schnell.

„Danke.“

Autor

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