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Lichter, die vom Himmel fallen

Als Buch hier erhältlich:

Wo die Nacht am dunkelsten ist, leuchten die Sterne am hellsten

Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit ihrer Managerin ist die junge Musikerin Orla gezwungen, der Bühnenwelt den Rücken zu kehren. Sie macht sich auf den Weg zu ihrer Großmutter nach Irland, bei der auch ihr zehnjähriger Sohn Shay lebt. Wie es von dort aus weitergehen soll, steht in den Sternen, denn für eine alleinerziehende Sängerin mit gescheiterter Musikkarriere gibt es nicht viel zu tun im ländlichen Kerry. Da bringt ein mit 100.000 € dotierter Preis für die innovativste Ferienunterkunft sie auf eine Idee: Aus dem in die Jahre gekommenen Campingplatz ihrer Nan soll ein Glamping-Platz werden, auf dem Gäste im Einklang mit dem Kosmos Erholung finden und Kraft schöpfen können. Doch nicht nur die Renovierung stellt Orla vor immer neue Hindernisse. Sich am Ort ihrer Kindheit mit ihrer Vergangenheit auszusöhnen, verlangt all ihre Aufmerksamkeit – und dann tritt auch noch Aidan in ihr Leben, der den Nachthimmel mit ganz anderen Augen sieht. Werden die Sternenwünsche der beiden endlich Wirklichkeit werden?


  • Erscheinungstag: 22.08.2023
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749906246
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Prolog

Zehn Jahre zuvor

Nans Tipp von den Sternen:
Die Sonne steht im Widder besonders hoch – Zeit für einen Neuanfang und schicksalhafte Begegnungen.

Orlas Hände zitterten, als sie das Handy wieder wegsteckte. Es war wirklich lieb von ihrer Nan, dass sie glaubte, Orla mit ihren täglichen Horoskopen aufmuntern zu können. So, wie die Dinge momentan lagen, hätte nicht einmal ein spontaner Lottogewinn Orla davon überzeugt, dass es das Universum gut mit ihr meinte.

»Noch zehn Minuten. Bist du so weit?« Emanuelles Stimme erhob sich über dem Hintergrundrauschen des Pubs.

Wäre sie jemals bereit? Um Emanuelle nicht misstrauisch zu stimmen, verbarg sie die bebenden Hände in den Hosentaschen und bemühte sich um ein Lächeln. Die Laune ihrer neuen Managerin schwankte stets zwischen professionell neutral und einschüchternd. Mit den übergroßen Sonnenbrillen, die sie auch in geschlossenen Räumen trug, dem rasiermesserscharf geschnittenen französischen Bob und dem Kleidungsstil, den sie sich wahrscheinlich direkt von Anna Wintour abgeguckt hatte, hätte sie auf der Stelle eine Rolle in »Der Teufel trägt Prada« übernehmen können. Und genau wie Anne Hathaway in dem Film wusste auch Orla, dass das hier ihre große Chance war und sie sie auf keinen Fall vermasseln durfte.

Sie atmete tief durch. »So gut wie.« Wenn man mal von der Übelkeit absah, die ihr mit jeder Sekunde mehr die Kehle heraufkroch. Ob es Emanuelle und die Leute vom Plattenlabel, die angeblich ins Pink Monk Emporium gekommen waren, um Orlas ersten Auftritt vor Publikum beizuwohnen, Orla übel nehmen würden, wenn sie mitten im Set vor Aufregung auf die Bühne kotzte? Instinktiv sah sie sich suchend um. Aber nein, kein Eimer weit und breit. Irgendwie musste sie es ohne überstehen.

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Emanuelle schon wieder einen Blick auf die Uhr warf. Wenn sich die Zeit doch anhalten ließe! Wenn das Universum Orla nur noch ein paar zusätzliche Minuten schenken würde, in denen sie sich sammeln, an ihren Text erinnern und, verdammt noch mal, wieder lernen könnte, zu atmen! Seit einem geschlagenen Monat schien alles wie im Schnelldurchlauf zu passieren. Selbst die Stimmen in ihrem Kopf klangen, als hätte man die Abspielgeschwindigkeit verdoppelt. Eben hatte sie noch mit Shay auf dem Arm im Jolly Sailor gesessen und dem Baby »Danny Boy« vorgesungen, damit es endlich aufhörte zu schreien, und schwups, vier Wochen später, hatte sie eine Managerin, war in London und stand kurz vor ihrem ersten Live-Auftritt. Manchmal glaubte sie, das alles sei zu gut, um wahr zu sein. Nan teilte diese Meinung übrigens. Als Orla ihrer Großmutter mitgeteilt hatte, dass sie nach London gehen würde, um eine Musikkarriere zu starten, hatte die nur die Augen verdreht und etwas auf Shelta gemurmelt, das Orla nicht verstand. Aber Nan war eben alt und begriff nicht, wie wichtig es für Orla war, jemand zu sein, zu dem Shay aufblicken konnte. Was hatte sie ihrem Sohn denn zu bieten, wenn sie zu Hause blieb, wo sie nie mehr sein würde als die, die mit siebzehn schwanger geworden war, weil ein hübscher Junge einmal mit den Wimpern geklimpert hatte?

Dad war so wütend gewesen, als er von der Schwangerschaft erfahren hatte. Normalerweise schlug er nur die Brüder, aber an dem Tag hatte auch Orla eine Abreibung bekommen. Mam hatte weggeschaut. Die kannte Dads Wut zur Genüge. Aber dass sie selbst dann geschwiegen hatte, als Dad Orla unmissverständlich klargemacht hatte, dass eine »Hure« in seiner Familie nichts zu suchen hatte, hatte Orla wirklich getroffen.

Zur Übelkeit in ihrem Magen gesellte sich nun auch noch ein Brennen hinter den Augen. Verflixt und zugenäht, warum konnte sie sich nicht einfach auf das Gute konzentrieren? Immerhin hatte Nan sie aufgenommen! Auch wenn ihre Großmutter nichts gegen das Gerede hatte machen können, das Orla zu Hause überallhin folgte, hatte sie bei ihr ein Zuhause für sich und ihren Sohn gefunden. Und jetzt hatte Emanuelle sie entdeckt und mit nach London genommen, und Orla bekam eine echte Chance. Eine Möglichkeit, Shay irgendwann einmal mehr zu bieten als einen Trailer, der mal hier stand und mal da. Eigentlich glaubte sie ja nicht an Nans Horoskope, aber hatten nicht selbst die Sterne Orla eine blendende Zukunft prophezeit? Dann musste dieser Auftritt doch richtig sein, selbst wenn ihre Hände vor Angst zitterten.

Okay, langsam. Eins nach dem anderen. So schlimm konnte das alles nicht sein! Immerhin hatte sie zu Hause in Kerry auch schon vor Publikum gesungen. Gut, das Jolly Sailor war nicht wirklich mit dem Pink Monk vergleichbar – die Leute dort kannten Orla entweder seit ihrer Geburt oder Orla kannte sie seit deren. Im Pink Monk Emporium hingegen waren Musikgrößen wie Ed Sheeran oder Amy Winehouse aufgetreten, ehe sie zu Stars wurden.

Wieder zog sich ihr Magen zusammen. An diese beiden Superstars hätte sie besser nicht gedacht. Atmen, Orla!, beschwor sie sich. Ganz ruhig atmen. Ein und aus. Kein Hexenwerk. Immer nur ein und aus.

Um sich nicht in der Vergangenheit zu verlieren, sah Orla sich um. Das hier war jetzt ihre Realität. Sie stand am Bühnenrand des Pink Monk Emporium und wartete auf ihren Auftritt. Der Hauptakt des heutigen Abends würde erst in ein paar Stunden die Bühne betreten. Sie war sozusagen die Vorgruppe der Vorgruppe der Vorgruppe, doch das machte nichts. Trotz des relativ frühen Abends hatte sich schon eine ordentliche Menge in dem Musik-Pub versammelt. Die meisten der Gäste standen in mehreren Reihen vor der Theke, von oben beleuchtet durch dicke gelbe Kugellampen. Mindestens zwanzig verschiedene Sorten Whiskey waren in den Glasregalen hinter dem Tresen ausgestellt, dazu Spirituosen aus der ganzen Welt. Soweit sie es beurteilen konnte, hielten sich die meisten Besucher dennoch an gutes altes Bier oder Cider. Wenigstens eines, das Orla hier bekannt vorkam. Zwar war das Pink Monk Emporium bei Weitem nicht die größte Musik-Bar in London, doch für ein Mädchen, das zwischen grünen Wiesen, alten Steinmauern und Schafen aufgewachsen war, wirkte es geradezu gigantisch. Obwohl es schon seit Jahren verboten war, in geschlossenen Räumen zu rauchen, trug die Luft im Inneren immer noch eine Erinnerung an durchzechte Nächte im Rauch Tausender Zigaretten. Die Wände waren über und über mit Plakaten von Künstlern beklebt, die schon einmal hier aufgetreten waren, viele von ihnen signiert. Würde sie jemals dazugehören? Würde all das, was Emanuelle ihr versprochen hatte, tatsächlich Wirklichkeit werden – könnte sie mit ihrer Lust am Singen und Spielen ihren Lebensunterhalt verdienen? Und nicht nur ihren, sondern auch den von Shay und Nan? Ihr wurde ganz schwindelig, so unfassbar war der Gedanke. Zu groß und wild, um ihn überhaupt zu denken.

Ein tiefes Lachen in der Nähe zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Seitlich der Bühne, im Grunde genau gegenüber von dort, wo sie stand und auf ihren Auftritt wartete, hatte sich eine Gruppe junger Männer um einen Stehtisch versammelt. Der, der lachte, hatte ihr den Rücken zugewandt. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt, und seine ganze Körperhaltung verriet sein Selbstbewusstsein. Dennoch war nicht er es, an dem Orlas Blick hängenblieb, sondern einer seiner Begleiter. Ein Junge, etwa in ihrem Alter. Er stand zwar bei den anderen, doch hielt sich ein wenig abseits. Die Intensität, mit der seine Augen den Raum scannten, erinnerte sie an die Aufmerksamkeit eines Wolfes. Klug und achtsam. Als hätte er gespürt, dass sie ihn beobachtete, fokussierte sich sein Blick auf sie. Er lächelte. Ehrlich und breit und ganz und gar hinreißend. Zu dem Nervositätsgrummeln in ihrem Magen kam eine Art seltsames Hüpfen. Als hätte ihr Bauch plötzlich Schluckauf.

Schnell wandte sie den Blick ab. Auf halbem Weg zum Mund stockte ihre Hand. Als Kind hatte ihre Mam ihr das Nägelkauen abgewöhnt, indem sie ihr Senf auf die Fingerkuppen schmierte. Es hatte gewirkt. Wenigstens für ein Jahrzehnt, doch seit sie im letzten Sommer James kennengelernt und dann auf den positiven Schwangerschaftstest auf dem Waschbeckenrand gestarrt hatte, kämpfte sie wieder mit dieser schrecklichen Angewohnheit.

Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie aufblicken. Emanuelle.

»Jetzt bloß keine Schüchternheit vortäuschen, Mädchen. Wenn es losgeht, musst du sie weghauen. Du hast die Stimme und das Talent, aber das haben viele. Was zählt, ist die Ausstrahlung! Denk dran: Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Nirgends gilt das mehr als im Showbiz.«

»Also absolut kein Druck.« Orla hatte so leise gemurmelt, dass sie hoffte, Emanuelle würde sie nicht hören, doch dieses Glück blieb ihr missgönnt.

»Ohne Druck entstehen keine Diamanten.« Emanuelles Stimme klang so fröhlich, als würde ihr das alles hier einen Riesenspaß machen. »Du schaffst das schon, Kleine.« Sie tätschelte Orlas Schulter. »Nutz die letzten Minuten, um dich zu sammeln, und dann geht’s los. Ich bin dann mal weg. Kontakte pflegen und den Leuten einheizen, damit sie richtig scharf auf dich sind.«

»In Ordnung.« Orlas Lippen formten die Wörter, doch kein Laut kam aus ihrer Kehle. Das alles hier war einfach … zu viel. Emanuelle mit ihren Erwartungen. Das Publikum. Die Menschen, die da irgendwo saßen und nur darauf warteten, sie zu beurteilen. Sie war doch nur ein Mädchen aus Kerry. Wusste Emanuelle nicht, dass sie nie irgendetwas anderes als eine Enttäuschung gewesen war? Warum sollte das ausgerechnet heute anders sein?

Du kannst einfach gehen, flüsterte eine kleine, aber ach so verführerische Stimme in ihrem Hinterkopf. Du kannst deine Gitarre nehmen und abhauen. Niemand würde dich vermissen. Erspar dir die Blamage. Erspar dir eine weitere Situation, in der du dich angreifbar und verletzlich machst.

Ihre Finger tasteten nach dem Gitarrenkoffer, ihre Muskeln vibrierten, so nachdrücklich forderte ihr Instinkt sie zur Flucht. Raus hier. Raus, raus, raus. Kein Auf-die-Bühne-Kotzen, keine sinnlose Hoffnung, keine Enttäuschung und Häme. Emanuelle würde es verkraften. Die hatte jede Menge Künstlerinnen und Künstler unter Vertrag. Niemand brauchte …

»Hey, du bist Orla Reilly, oder?«

»Was?« Sie fuhr herum. Wann hatte sie sich auf den Weg gemacht? Sie erinnerte sich, an Flucht gedacht zu haben, jetzt stand sie schon vor der Hintertür, die Klinke in der Hand, und jemand hatte sie ertappt.

»Orla Reilly. Dein Name steht auf dem Flyer.«

Orla ließ die Türklinke los. Es war der Junge von vorhin. Der mit dem umwerfenden Lächeln und den schlauen Augen. Von Nahem wirkten sie noch klüger als über die halbe Bar hinweg. Sein rechter Mundwinkel zuckte. Als würde er lächeln wollen, wäre sich aber nicht sicher, ob das der Situation angemessen sei.

»Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen seltsam, aber kannst du mir ein Autogramm geben?«

»Ein Autogramm?«

Er nickte verlegen. »Auf dem Flyer oder hier.« Aus der hinteren Tasche seiner Hose fischte er ein zerknittertes Heft.

»Und jetzt soll ich … da etwas reinschreiben?«

Nein, auch mit ein paar Sekunden zeitlichem Abstand ergab seine Bitte keinen Sinn.

»Ja, deinen Namen vielleicht. Oder wie wär’s mit ›An meinen zukünftigen Superfan Aiden‹.«

»Du hast sie nicht mehr alle!«

»Ich kann nicht behaupten, das zum ersten Mal zu hören. Würdest du trotzdem?« Er hielt ihr das Notizbuch unter die Nase. Sogar einen Stift hatte er aus dem Nirgendwo hervorgezaubert. Weil es einfacher war, das zu machen, worum er sie bat, statt zu protestieren, nahm sie Stift und Heft an sich.

»Du hast mich noch nicht einmal singen gehört. Warum willst du ein Autogramm von mir? Das ergibt überhaupt keinen Sinn.«

»Das sagst du jetzt.« Er zwinkerte ihr zu. »Aber warte mal zehn Jahre. Wenn du der hellste Star am Musikhimmel bist und dein erstes Autogramm mindestens eine Million wert ist.«

Die Vorstellung war so absurd, dass sie nicht anders konnte, als zu lachen. Sie setzte den Stift an, überlegte, was sie schreiben sollte.

»Wie kommst du darauf, dass ich einmal ein Star werde? Wer sagt denn, dass ich nicht ganz schrecklich singe?«

»Niemand.« Wieder zuckte er mit den Schultern. Sein Shirt saß eng genug, dass sie genau beobachten konnte, wie seine Brustmuskeln dabei arbeiteten. »Aber wer sagt, dass es nicht so ist?« Wieder so ein Killergrinsen, das den Balanceakt schaffte, kein bisschen arrogant zu wirken, sondern eher selbstironisch.

Dann wurde er wieder ernst. »Du sahst außerdem so aus, als ob du eine kleine Aufmunterung gebrauchen könntest.«

Das hatte er vom anderen Ende des Pubs aus gesehen?

Er musste ihr Zögern bemerkt haben, denn er setzte noch einmal nach: »Was, wenn du wirklich das Zeug dazu hast, deine Träume zu verwirklichen? Wäre es dann nicht echt doof, es nicht einmal zu probieren?«

Er hatte recht. Was, wenn sie einmal im Leben die richtige Entscheidung getroffen hatte, indem sie Emanuelle nach London gefolgt war?

Ehe sie es sich anders überlegen konnte, schrieb sie das Erste, was ihr in den Sinn kam:

An meinen zukünftigen Superfan Aiden. In einem Moment der Dunkelheit warst du mein Licht.

Danke,

Orla R.

Ihr blieb gerade noch genug Zeit, um Notizheft und Stift zurückzugeben, da trat bereits der Typ auf die Bühne, der ihren Gig ansagte. Emanuelle hatte ihn ihr vorgestellt, aber in ihrer Aufregung hatte Orla den Namen vergessen.

Das war jetzt egal. Alles war egal. Denn jetzt wusste sie, dass wenigstens eine Person im Publikum an sie glaubte – und daran, dass sie es schaffen konnte. Das machte den entscheidenden Unterschied.

1

Jetzt – zehn Jahre später

Nans Tipp von den Sternen:
Ein rückläufiger Jungfrau-Merkur macht uns das Leben schwer. Nicht alles läuft nach Plan, doch jede Krise ist eine Chance.

Als Kind hatte Orla von Menschen gehört, die Ballinskelligs besuchten und sich derart in dem Flickenteppich aus grünen Wiesen, eng gewundenen Wegen, ausgefranster Küstenlinie und verstreut liegenden Häusern, Ruinen und Cottages verloren, dass sie nie mehr nach Hause fanden. Sie konnte das sehr gut verstehen, denn der Ort hatte eine geradezu magische Anziehungskraft. Kaum sah sie den ersten Hinweisstein auf dem Boden, wusste sie, dass sie zu Hause war. Dungegan stand in perfekter Koboldhöhe auf dem Stein, der Name eins der Townlands von Ballinskelligs. Niemand, der nicht hier aufgewachsen war, konnte ihn aussprechen.

Sie ließ sich tiefer in den Fahrersitz ihres Honda Civic sinken und atmete durch. Von hier aus waren es höchstens noch zehn Minuten, bis sie ihr Ziel erreichte. Es regnete, seit sie in Limerick auf die M20 abgebogen war, und seit sie sich auf dem Ring of Kerry befand, schlugen die Tropfen mit einer solchen Heftigkeit gegen die Windschutzscheibe, dass die Scheibenwischer Mühe hatten, der Wassermassen Herr zu werden. Auf der anderen Seite des Glases verwischten die Orte ihrer Kindheit im Regengrau. Da war die Autowerkstatt des alten Michael, hier das Jolly Sailor mit dem romantischen schmiedeeisernen Hängeschild über der Eingangstür. Vor den Ruinen der alten Abtei grasten ein paar Schafe, weit unter ihr schlug der Regen kreisrunde Krater in den Sand von St. Finian’s Bay. Mit einem Summton verkündete ihr Handy den Eingang einer neuen E-Mail. Sicher war die von Emanuelle. Seit ihrem Streit vor zwei Tagen hatte ihre Managerin Orla mit Anrufen, Textnachrichten und E-Mails bombardiert. Orla verstärkte den Griff ums Lenkrad, zwang sich dann bewusst dazu, ihn wieder zu lockern. Emanuelle würde sich schon wieder einkriegen – oder eben nicht. Orla konnte nicht einmal sagen, warum es ihr auf einmal so wenig bedeutete, was ihre Managerin von ihr hielt. Zehn Jahre lang hatte sie immer genau das gemacht, was Emanuelle ihr geraten hatte. Wenn ihre Managerin gesagt hatte: »Spring!«, dann hatte Orla nur gefragt: »Wie hoch?«

Dabei war die Sache vorgestern bei Weitem nicht die erste Gelegenheit gewesen, bei der Orla an Emanuelles Entscheidungen gezweifelt hatte. Bis heute verstand sie zum Beispiel nicht, inwiefern die Aufnahme eines lächerlichen Lieds über lachende Kühe für den Werbespot einer Buttermarke ihre Karriere als Sängerin und Songwriterin vorantreiben sollte. Welche Karriere denn? Seit beinah zehn Jahren spielte sie das Tanzäffchen für Emanuelle, und noch immer war sie beinah genauso unbekannt wie am Tag ihres ersten Auftritts. Aber jedes Mal, wenn Orla gezweifelt hatte, hatte sie sich gesagt, dass Emanuelle die Expertin war. Sie hatte die Branchenkontakte, die Ausbildung, die Erfahrung. Wenn Emanuelle die Brauen hochzog und in dieser ganz bestimmten Tonlage mit ihr redete, kam Orla sich dagegen immer noch wie der verlorene Teenager vor, der vor zehn Jahren seinen Träumen nachgehechtet war.

Am Ballinskelligs Pier führte die Straße von den Klippen weg ins Landesinnere – die ausgebaute Fahrbahn endete und ging in einen holprigen Pfad über. Früher hatte man von hier aus schon die Zelte und Wohnmobile auf dem Campingplatz ihrer Nan gesehen. Wenn sie als Kind die Sommer mit ihren Eltern und Geschwistern hier verbracht hatte, dann hatte immer Wäsche an den Leinen zwischen den Wohnwagen geflattert, wie Fahnen, die ihr, ihren Geschwistern und zahlreichen Cousins und Cousinen den Weg nach Hause leuchteten.

Heute war Nans Trailer der einzige Wohnwagen auf dem gesamten Platz. Nur ein schiefer Holzzaun grenzte den Campingplatz vom Rest der Landschaft ab. Vor dem Eingangstor hielt Orla an. Sie wollte gerade aussteigen, um die Eingangsschranke zu öffnen, als ihr Telefon erneut klingelte. Ein echtes Klingeln diesmal, nicht nur der Summton, der Textnachrichten oder E-Mails ankündigte. Gespräch annehmen oder nicht, das war die Frage. Das Handy lag in der Mittelkonsole. Vom Display aus leuchtete ihr Emanuelles Name entgegen. Nicht dass Orla das überraschte.

Orlas Blick versuchte im Regen Schemen hinter den Scheiben des Trailers auszumachen. Was natürlich unmöglich war – auf diese Entfernung würde sie selbst bei bestem Wetter nicht sehen, wie viele Leute sich in dem Wohnwagen befanden. Wenn sie Shay gleich in die Arme schloss, wollte sie jedoch sicher sein, dass ihr Wiedersehen nicht durch den Telefonterror ihrer Managerin unterbrochen wurde.

Seufzend nahm sie das Gespräch an. Sie kam nicht einmal dazu, ihre Begrüßung zu vollenden, da polterte Emanuelle bereits los.

»Hast du meine Mail bekommen?«

Das Wusch-wusch des Scheibenwischers verursachte Orla auf einmal Kopfschmerzen. Sie kniff sich mit Daumen und Mittelfinger an die Nasenwurzel und schloss kurz die Augen.

»Von welcher deiner zahlreichen Mails sprichst du, Emanuelle?«

»Ich mag diesen Tonfall nicht, Orla.«

Dann sagte sie wohl besser gar nichts mehr, denn so klang ihre Stimme nun mal. Dass ausgerechnet Emanuelle es einst gewesen war, die Orlas glockenhellen Sopran als den Erfolgsgaranten zum Einstieg in die Irish-Folk-Szene gesehen hatte, kam Orla plötzlich höchst ironisch vor.

»Hast du gar nichts zu sagen?«

»Ich weiß nicht, was. Schließlich hast du mich angerufen. Also schätze ich, dass du etwas von mir willst.«

Emanuelles Seufzen klang, als würde sie in diesem Moment all ihre Lebensentscheidungen hinterfragen. »Ich brauche eine Antwort von dir. So kann es nicht weitergehen.«

»Ich habe dir meine Antwort gegeben, und das schon vor Wochen. Ich habe sehr klar gemacht, dass ich diese zwei Wochen frei brauche und für keine Engagements zur Verfügung stehe.«

»Das stimmt nicht. Du hast gesagt, dass du dich über einen Auftritt im Music Cottage freuen würdest.«

»Falls mein Terminplan es zulässt!« Kaum etwas hasste Orla mehr, als wenn Emanuelle ihr das Wort im Mund umdrehte. Wenn sie sich nicht ausgerechnet dieses Mal absolut sicher gewesen wäre, dass sie von Anfang an festgelegt hatte, dass sie Anfang September zwei Wochen Urlaub brauchte, wäre sie spätestens jetzt ins Zweifeln geraten. Darin war Emanuelle nämlich gut: es immer so aussehen zu lassen, als hätte Orla etwas falsch verstanden. »Ich vergesse doch nicht, wann mein Sohn Geburtstag hat! Als ich das letzte Mal hier war, habe ich ihm versprochen, dieses Jahr mit ihm zu feiern.«

»Es ist ein Geburtstag von vielen, aber diese Chance kommt nur einmal.« Auch das behauptete Emanuelle andauernd. Bei jeder Tour, auf der sie nur als Gitarristin auftreten durfte, bei jedem Gig als Studiomusikerin oder Hintergrundsängerin beschwor Emanuelle die »einmalige Möglichkeit« des großen Durchbruchs herauf. Und das schon seit Jahren. Künstler brauchen eben einen langen Atem, sagte sie immer. Niemand wusste, wann die richtigen Leute zuhörten. Und die Sache war die: Orla wollte ja daran glauben. Sie wollte es so sehr, dass kein Engagement ihr zu lächerlich oder klein gewesen war, um eine Gelegenheit, mit ihrer eigenen Musik wahrgenommen zu werden, abzuschlagen. Dabei war sie so sehr in ein Hamsterrad geraten, dass sie seit Jahren nichts mehr selbst geschrieben hatte. Doch diesmal stand mehr auf dem Spiel. Schon bei ihren letzten Besuchen in Kerry hatte sie gemerkt, dass ihr Sohn sich von ihr abwendete. Weil sie ihre Besuche zu oft verschoben oder frühzeitig abgebrochen hatte, vertraute Shay ihr nicht mehr, und dieser Verlust wog schwerer als jede musikalische Enttäuschung. Shay verstand nicht, dass sie all das immer nur für ihn gemacht hatte. Nichts wünschte sie sich mehr, als eine Mutter zu sein, auf die ihr Sohn eines Tages stolz sein könnte.

»Sein zehnter Geburtstag kommt auch nur einmal. Am achtzehnten bin ich wieder in London, dann können wir …«

»Nein!«, unterbrach Emanuelle sie in scharfem Ton. »Wir können gar nicht. Ich habe es dir geschrieben. Wenn du deine Mails abrufen würdest, wüsstest du, wie ernst die Lage ist, aber ich sage es dir gerne noch einmal persönlich: Wenn du mich derart hängen lässt, kann ich deine Interessen nicht weiterhin vertreten und als deine Managerin tätig sein. Unser Verhältnis setzt gegenseitiges Vertrauen voraus. Wie soll ich dir weiterhin vertrauen, wenn ich deinetwegen das Gesicht vor den Veranstaltern verliere? Nachdem du gesagt hattest, du würdest dich über den Gig freuen, habe ich zugesagt, dass wir eine Lösung finden würden. Du lässt mich aussehen wie die Unzuverlässigkeit in Person. Mit jemandem, der mir bei so wichtigen Dingen in den Rücken fällt, kann ich nicht zusammenarbeiten.«

»Dann ist das jetzt final? Du kündigst mir, wenn ich nicht noch einen Geburtstag meines Sohnes verpasse?« Gerne hätte Orla behauptet, dass ihre Stimme fest und gefasst klang, doch das wäre eine glatte Lüge gewesen. Sie bekam die paar Worte kaum über die Lippen.

»Wenn du mir nicht versichern kannst, am achten in Bromsgrove zu sein und deinen Pflichten nachzukommen, dann ja. Du lässt mir keine andere Wahl. Ich wünschte, es wäre anders. Ich dachte, wir wären mehr als Managerin und Künstlerin. Ich dachte, wir wären Freundinnen.« Und auch das war Emanuelle. Die mütterliche Vertraute, die Orla immer bewundert hatte, weil sie auf eine Art erwachsen wirkte, die Orla niemals empfand. Die in Orla einen Rohdiamanten gesehen hatte, als alle sie wie einen Klumpen Dreck behandelt hatten.

Sie sog die Unterlippe in den Mund und biss so fest hinein, dass der Schmerz auf der Haut den Schmerz hinter der Brust übertönte. Ihr Blick fiel auf die Päckchen auf dem Beifahrersitz. Die Geburtstagsgeschenke, für die sie beinah ihre gesamte letzte Gage ausgegeben hatte. Bei einem ihrer Facetime-Anrufe hatte Shay ihr von den Videodrohnen erzählt, mit denen die Jungs in seiner Klasse spielten, und wie cool es wäre, selbst so eine zu haben. Sie wusste, wie es sich anfühlte, nie dazuzugehören, also hatte sie sich aufgemacht, um für Shay die beste Drohne zu kaufen, die ein Zehnjähriger bedienen konnte. Wie sollte sie ihrem Sohn jemals wieder einen Wunsch erfüllen, wenn Emanuelle sie jetzt abservierte? Wie sollte sie ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen, jemals auf eigenen Beinen stehen? Welche Achtundzwanzigjährige musste sich noch mit solchen Fragen herumschlagen? Sollte sie nicht langsam alt genug sein, um ihr Leben im Griff zu haben? Ohne Emanuelle würde es keine Gagen mehr geben. Keine Geschenke, niemanden, den sie anrufen konnte, wenn sie sich in Karrierefragen unsicher war.

»Wenn es nur um den sechsten …« Sie war drauf und dran, zurückzurudern, da öffnete sich die Tür von Nans Camper, und ihre Großmutter trat ins Freie. Sie musterte Orlas Wagen, dann leuchtete Erkennen auf ihrer Miene auf, begleitet von so unverstellter Freude, dass sich Orlas Herz zusammenzog. Als wäre das nicht schlimm genug, blitzte hinter Nans Schulter ein strubbeliger blonder Haarschopf auf. Das gleiche Blond, das auch ihre Haare hatten.

Sie räusperte sich. »Nein«, unterbrach sie sich diesmal selbst. »Ich bleibe bei meinem Entschluss. Auch wenn es nur um den sechsten geht, bin ich nicht verfügbar. Wenn du mir deshalb kündigst, dann ist es eben so.« Ehe Emanuelle etwas erwidern konnte, legte sie auf und schaltete das Handy aus.

Über zehn Jahre waren vergangen, und wieder stand sie mit nichts auf der Matte ihrer Großmutter. Sie schluckte den Kloß in der Kehle herunter, straffte die Schultern und öffnete die Autotür. Es würde weitergehen. Schließlich tat es das immer. Dort drüben warteten ihre Großmutter und ihr Sohn.

Aiden rückte seine Messengerbag auf der Schulter zurecht und machte sich mit beschwingtem Schritt auf den Weg von der Tube-Haltestelle zum Haus seiner Eltern. Auch wenn das Leben in der City einen gewissen Reiz hatte, liebte er es, nach Taddington zurückzukehren. Hier, in den Außenbezirken Londons, war er groß geworden. Geheimnisse gab es in dem Vorstadtidyll aus Reihenhäusern im Schuhkartonformat, Ligusterhecken und gepflegten Vorgärten nicht. Dafür kannten die Menschen einander. Man grüßte sich, Brot kaufte man beim Bäcker um die Ecke, und wenn wie heute auch noch die Sonne schien, wirkte die Stadt mit ihrer Hektik und all ihren oberflächlichen Begegnungen so weit weg, als läge sie in einem anderen Universum.

Tatsächlich dauerte es kaum zwei Straßenecken, bis er zum ersten Mal seinen Namen hörte.

»Hi, Aiden, besucht du deine Mam und deinen Dad?«

»Nein, Miss Margaret, die Glücklichen befinden sich gerade irgendwo auf dem Atlantik auf einer Kreuzfahrt. Aber irgendwer muss ja die Post durchsehen und die Blumen vor dem Vertrocknungstod bewahren!«

Miss Margaret lächelte von ihrem Aussichtsposten auf der Küchenfensterbank ein seliges Lächeln. »Du bist so ein guter Junge, Aiden.«

Lachend legte er sich den Zeigefinger auf die Lippen. »Psst! Verraten Sie das bloß niemandem. Sie zerstören sonst noch meinen Ruf.«

Die alte Dame schüttelte den Kopf und schickte ihn mit einem Winken auf den Weg.

Im Vorgarten von Mr. und Mrs. Patel spielte der Labradoodle-Welpe der Familie mit einem Ball. Mr. Patel kniete vor einem Seitenbeet und zupfte Unkraut.

»Hallo, Mr. Patel. Was macht das Sodbrennen?«

Der Mann sah von seiner Arbeit auf und legte sich zum Schutz vor dem Gegenlicht die Hand über die Augen. »Ahhh, Aiden, wie schön, dich zu sehen. Und danke der Nachfrage. Es geht, es geht. Mal ist es schlimmer und mal besser.«

»Hören Sie denn auf meinen Rat und halten sich mit dem Kaffee zurück?«

In einer theatralischen Geste legte sich Mr. Patel die freie Hand an die Brust. »Aiden, Aiden, wie kannst du nur so etwas Schreckliches fragen? Ich bin Banker, Koffein ist mein Lebenselixier.«

»Wenn Sie das nächste Mal leiden, sagen Sie aber nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.«

»Niemals, Ehrenwort.« Noch einmal winkte Mr. Patel ihm zu, dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

Den restlichen Weg zum Haus seiner Eltern legte Aiden ohne Unterbrechungen zurück. Seit seinem letzten Besuch hatte der Wind ein paar Efeublätter von den Ranken gerissen, die den Erker und die Eingangstür des Klinkerbaus bewuchsen. Er wischte sie mit dem Fuß beiseite und zückte den Haustürschlüssel. Beim Öffnen der Haustür verhakte sich das Türblatt an einem Widerstand am Boden. Aiden seufzte. Seit seinem letzten Besuch waren zwei Wochen vergangen. Eigentlich hatte er Mam und Dad versprochen, mindestens zweimal die Woche vorbeizuschauen, aber in der Arbeit war einfach die Hölle los gewesen, und als dann Rebecca zum dritten Mal in Folge ihr Date verschoben und Aiden sich endlich eingestanden hatte, dass sie niemals vorgehabt hatte, ihn noch einmal zu treffen, war ihm am vergangenen Wochenende nur danach gewesen, sich in seinem WG-Zimmer zu verkriechen und der Welt den Rücken zu kehren. Heute hatte er wieder einen freien Tag, und schließlich ging das Leben weiter.

Er quetschte sich durch den schmalen Spalt zwischen Tür und Zarge und bückte sich nach den Briefen am Boden. Es hatte sich einiges angesammelt. Er ließ die Messengerbag von der Schulter gleiten und blätterte durch die Schreiben.

Werbung, Werbung, Werbung. Ein Reisekatalog des Studienreiseveranstalters, den seine Eltern häufig nutzten. Werbung. Eine Traueranzeige. Kontoauszüge, Werbung, ein Brief, der an ihn adressiert war. Wer …?

Mittlerweile hatte er die Küche erreicht. Er blätterte zurück, legte die restlichen Briefe auf den Tisch und zog sich einen Stuhl heran. Seit Jahren bekam er keine Post mehr an die Adresse seiner Eltern. Warum schrieb ihm jetzt ein Anwalt? Aiden hatte mit niemandem Streit, er widmete sich seinem Job, hing ab und zu mit Freunden ab und versank zum Abschalten am liebsten in einem Buch über Astronomie. Alles in allem führte er, wie Rebecca es halb ironisch genannt hatte, ein »durch und durch langweiliges Leben«. Ein Anwaltsschreiben ergab absolut keinen Sinn!

Aus der Schublade unter der Tischplatte holte er ein Buttermesser und öffnete den Umschlag. Das Schreiben, das daraus hervorkam, sah nicht nach einem anonymen Rundschreiben aus. Es war ein fein säuberlich getippter Brief auf einem Bogen mit schlichtem Briefkopf von einem Herrn Thomas Doyle, Anwalt für Erbrecht und Testamentsvollstrecker aus Dublin.

Ein Teil von Aiden wollte lachen. Wurde ja Zeit, dass irgendwer ihn als den verschollenen Erben eines über sechzehn Ecken verwandten Edelsteinmoguls aus Südafrika identifizierte und unschätzbare Reichtümer versprach, wenn er nur eine kleine Vorabüberweisung auf ein dubioses Nummernkonto auf den Bahamas tätigte. Er hatte sich schon ein bisschen ausgeschlossen gefühlt, nachdem sich all seine Kumpels über diese Art von Phishing-Mails beklagt hatten. Nur er hatte mal wieder nicht dazugehört. Was – zugegeben – wahrscheinlich daran lag, dass er nicht besonders aktiv in den sozialen Medien war. Außer einem uralten Facebook-Account und einem Instagram-Profil, das er sehr, sehr sporadisch mit Aufnahmen seiner astronomischen Beobachtungen füllte, hatte er nicht viel zu bieten.

So richtig einstellen wollte sich das Lachen dennoch nicht. Dieses Anwaltsschreiben wirkte nicht wie eine Finte, sondern wirklich echt.

Er rückte das Blatt in seinen Händen zurecht und begann zu lesen.

Sehr geehrter Herr Taylor,

hiermit informieren wir Sie über den Nachlass von Francis und Nora Lynch. Bereits vor ihrem Ableben hat das Ehepaar Lynch testamentarisch veranlasst, dass im Fall ihres frühzeitigen Todes ihr gesamtes Vermögen an den ungeborenen Sohn gehen soll. Die offizielle Übertragung für das von der Property Registration Authority of Ireland geführte Grundstück in der Gemeinde Ballinskelligs samt auf dem Grundstück befindlichen Einfamilienhaus sowie die in der Filiale in Cahersiveen der Bank of Ireland geführten monetären Mittel sollen dem Erben mit Vollendung des dreißigsten Lebensjahres zugehen.

Obwohl die aktuelle Rechtslage besagt, dass adoptierte Kinder kein Recht auf das Erbe ihrer leiblichen Eltern haben, ist die Sachlage aufgrund der testamentarischen Eindeutigkeit in Ihrem Fall anders.

Ich bitte Sie deshalb dringend, alsbald mit mir Kontakt aufzunehmen, um die Angelegenheit zu klären.

Erlauben Sie mir abschließend noch einige persönliche Worte. Ich kannte ihren Vater, Francis Lynch, seit unserem gemeinsamen Studium auf der NUI Galway. Francis und Nora werden mir für immer als herzensgute, freundliche Menschen in Erinnerung bleiben. Dass sie viel zu früh aus dem Leben scheiden mussten und Sie auf tragische Weise darum betrogen wurden, die beiden kennenzulernen, ist eine der großen Ungerechtigkeiten des Lebens. Umso wichtiger ist es mir, den letzten Wunsch Ihrer Eltern zu erfüllen und das Haus, in dem Sie hätten aufwachsen sollen, in Ihre Hände zu überführen. Ich bin mir sicher, Ihre Adoptiveltern waren Ihnen liebende, fürsorgliche Eltern, doch Aiden, Sie nehmen Ihnen nichts an Liebe weg, wenn Sie durch die Vollstreckung des Erbes auch mit Francis und Nora in Kontakt bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Doyle

Er las den Brief einmal, zweimal, dreimal. Jedes Mal entzog sich ihm der Sinn weiter. Das konnte nicht sein. Nein, das durfte nicht sein! Er ließ den Briefbogen sinken. Seine Finger fühlten sich taub an, in seinem Kopf herrschte Leere. Er zitterte. Einzelne Wörter und Phrasen aus dem Schreiben sprangen ihn an, als wären sie das Einzige, was seine Augen zu sehen vermochten. Adoptiveltern. Vorzeitiges Ableben. Francis und Nora Lynch.

Er wusste noch nicht einmal, wo Ballinskelligs sein sollte. Der Name klang so fremd, dass er ebenso zu einer fremden Galaxie wie zu einer abgefahrenen Indie-Punk-Band gehören konnte. Seine Finger griffen nach dem Handy in der Jeanstasche, ohne dass sich Aiden erinnern konnte, ihnen den Befehl dazu gegeben zu haben. Er öffnete den Internetbrowser und tippte die Namen »Francis und Nora Lynch« ein.

Ein paar Klicks, und die Suchmaschine führte ihn zu alten Zeitungsartikeln über das Ehepaar. Nora und Francis waren vor etwas über dreißig Jahren bei einem tragischen Autounfall in der Nähe von Killarney im irischen County Kerry im Südwesten der Insel ums Leben gekommen.

Wie schon zuvor den Brief ließ Aiden nun das Handy auf die Tischplatte fallen. Er schlang sich die Arme um den Oberkörper, kämpfte mit aller Macht gegen das Zittern an, das ihn beutelte. Er konnte es einfach nicht glauben. Ihm war so kalt, dass er glaubte, nie wieder aufhören zu können zu frieren.

Seit siebenundachtzig Tagen war Orla nicht mehr hier gewesen, dennoch sprang ihr jede noch so kleine Veränderung geradezu ins Auge, als sie aus dem Wagen stieg. An den Fensterrahmen des Trailers war deutlich mehr Farbe abgeblättert als bei ihrem letzten Besuch. Die Klapptreppe hing schiefer – wahrscheinlich weil der Untergrund vom vielen Regen aufgeweicht war und keinen festen Halt mehr bot. Vom Dach des Campers stürzte ein löchriger Wasserteppich. Die Regenrinne konnte die Wassermassen nicht in geregelte Bahnen lenken – sie war übervoll mit alten Blättern. Der Weg zum Waschhäuschen versank unter einer dicken Schicht Matsch, in den niedrigen Mulden der einzelnen Stellplätze sammelte sich Regenwasser.

Alles in allem war es ein trauriger Anblick: Der Campingplatz ihrer Kindheit war zu einem Ort geworden, der die Abfahrt zu »idyllisch« verpasst hatte und geradewegs weiter zu »vernachlässigt« gerast war. Ziemlich ironisch, dass ausgerechnet diese Einöde in Orla mehr Wärme zu wecken vermochte als jeder andere Ort.

Sie zwang sich, die Mundwinkel zu einem Lächeln zu verziehen und die Arme auszubreiten. Nan und Shay sollten nicht merken, wie sehr ihr das Gespräch mit Emanuelle in den Gliedern saß.

Sie trat auf Shay zu. »Ja, wen haben wir denn hier? Das ist doch nicht etwa der Junge, der sehr, sehr bald schon zehn wird?!«

Shay machte es ihr nicht einfach. Statt ihr entgegenzukommen, drückte er sich enger an Nans Seite.

»Was?« Sie ließ die Arme sinken. »Sag bloß, du bist noch nicht aufgeregt? Warum schaust du nicht in den Wagen? Die Geschenke liegen auf dem Beifahrersitz, die sollten schleunigst nach drinnen.« Mit der Hand wischte sie sich Regen aus dem Gesicht. Die kalte Nässe des Bodens kroch ihr die Beine hoch. In Ballinskelligs waren Sneaker nicht das richtige Schuhwerk, ohne Gummistiefel ging hier gar nichts. Zumindest nicht an Tagen wie diesem.

Sie umrundete das Auto und nahm ihre Tasche aus dem Kofferraum. Dabei achtete sie darauf, Shay nicht zu offensichtlich zu mustern. Er hatte sich von Nan gelöst, um zu tun, was Orla ihm aufgetragen hatte. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, dass er im letzten Vierteljahr einen ordentlichen Wachstumsschub hingelegt hatte. Die Beine seiner Hosen reichten nur noch bis knapp über die Knöchel, die Bündchen des Wollpullis saßen viel zu hoch. Mit dem bisschen Unterhalt, das Orla von Shays Vater bekam und jeden Monat direkt an Nan weiterüberwies, ließ sich nun mal nicht viel erreichen.

Orla sog die Innenseite ihrer Wange zwischen die Zähne und biss zu, bis es weh genug tat, um die brennende Schuld zu übertönen, die sie jedes Mal überkam, wenn sie daran dachte, dass es eigentlich sie sein müsste, die sich um ihren Sohn kümmerte. Egal was ihr Unterbewusstsein ihr vorgaukeln wollte, sie hatte die Verantwortung für Shay nicht abgeschoben, als sie beschlossen hatte, Emanuelle nach London zu folgen. Sie lief auch nicht vor ihren Verpflichtungen davon oder belastete die viel zu gutmütige Nan mit ihren Problemen, um selbst ein unbeschwertes Leben zu führen. Bei allem, was sie tat, hatte sie immer in erster Linie Shay im Kopf. Wenn es nur nach ihr gegangen wäre, hätte sie dem Lampenfieber nachgegeben und wäre noch vor ihrem ersten Auftritt mit eingezogenem Schwanz nach Hause zurückgekommen. Zwar war die Nervosität mittlerweile nicht mehr so schlimm wie damals, aber dass Orla nicht auf eine große Bühne gehörte, ließ sich nicht verleugnen. In den vergangenen zehn Jahren hatte sie genug Musikerinnen und Musiker kennengelernt, um zu wissen, dass es nicht normal war, sich vor jedem Gig die Seele aus dem Leib zu kotzen. Dass Shay ihr jetzt die kalte Schulter zeigte, schmerzte vor allem deshalb so sehr, weil ein Teil von ihr immer noch glaubte, dass sie genau das verdiente.

Unter dem Schutz des Vordachs angekommen, ließ sie ihre Tasche fallen. Im nächsten Moment fand sie sich in Nans Umarmung. Wenigstens ihre Großmutter teilte Shays Vorbehalte nicht.

»Mein Mädchen! Ich freu mich so, dass du endlich hier bist. Bleibst du diesmal länger? Du hast versprochen, dass dir nicht wieder irgendwas dazwischenkommen wird.«

Sanft befreite sie sich aus Nans Umarmung und holte tief Luft. »Diesmal bleibe ich für immer, Nan. Wenn ich darf?«

»Sicher?« Die Skepsis stand Nan ins Gesicht geschrieben. »Was ist, wenn Emanuelle anruft und dich für irgendein …«

»Emanuelle hat mich abgeschossen.« Orla tat, als würde sie auf eine nicht vorhandene Armbanduhr gucken. »Seit ziemlich exakt fünf Minuten habe ich keine Managerin mehr.«

»Oh, Liebes …«

»Nein.« Mit einem Kopfnicken unterbrach Orla ihre Großmutter. »Lass uns das wann anders besprechen.« An ihnen vorbei quetschte sich Shay mit dem Arm voller Geschenke. »Im Moment bin ich einfach nur so froh, wieder bei euch zu sein. Bekommt eine durchgefrorene Reisende nach fast dreizehn Stunden Fahrt eine Tasse Tee? Ich sterbe vor Hunger und Durst.«

Lachend schob Nan Orla in den Camper. »Keine Sorge, Mädchen, hungern musste bei der alten Nan Reilly noch niemand.«

Natürlich behielt Nan recht. Eine Viertelstunde später waren Orlas mitgebrachte Geschenke unter der Essbank verstaut, ihre Tasche in dem Zimmerchen verschwunden, das ihr bei Aufenthalten als Schlafzimmer diente, und Nan, Shay und sie hielten jeder eine dampfende Tasse Tee in der Hand.

Endlich hatte Orla Gelegenheit, Shay unumwunden zu betrachten. Sein Gesicht hatte die kindlichen Rundungen verloren, ohne bereits die scharfen Kanten und Ecken eines Erwachsenen zu haben. Wenn er den Mund öffnete, um sich ein Stück Shortbread zwischen die Lippen zu schieben, wurden seine oberen Schneidezähne sichtbar. Sie waren zu groß für den schmalen Kindermund und standen ein wenig schief. Orla sollte dringend einen Termin beim Kieferorthopäden für ihn ausmachen. Daran, was eine Spange kostete, wollte sie lieber nicht denken. Nicht solange ein Teil von ihr immer noch nicht ganz begriffen hatte, dass sie wirklich keine Managerin mehr hatte.

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der zu großen Schneidezähne war Shay ein wirklich hübscher Junge. Hinter ihrer Brust flammte jedes Mal Wärme auf, wenn er sich mit einer fahrigen Geste die blonden Ponysträhnen aus der Stirn wischte. Am kostbarsten waren die Sekundenbruchteile, in denen er sein Misstrauen Orla gegenüber vergaß und sie auf diese spitzbübische Art angrinste, die seine Sommersprossen zum Leuchten brachten und seine Augen zum Glänzen.

Schade nur, dass diese Augenblicke meist viel zu schnell vergingen. Auf ihre Fragen antwortete er einsilbig. Kaum hatten sie den letzten Keks von dem Teller verspeist, sprang er von der Bank auf.

»Kann ich jetzt gehen?« Bei der Frage sah er weder Nan noch Orla an, seine Fußspitzen wiesen exakt unter den Tisch, die Schultern hielt er so gerade, als hätte er sich mit einem Lineal an der Kante der Fensterscheibe ausgerichtet. Seine ganze Körperhaltung war angespannt und misstrauisch.

»Wohin?«, wollte Orla fragen, doch Nan hielt sie zurück, indem sie ihr unter dem Tisch die Hand auf den Oberschenkel legte.

»Wenn es dunkel wird, bist du zurück, verstanden?« Der Blick, den Nan Shay zuwarf, hatte bereits Generationen von Reilly-Kindern deutlich gemacht, dass sie es ernst meinte.

Auch bei Shay zeigte er Wirkung. »Bin ich doch immer«, nuschelte er, warf sich eine Öljacke über, schlüpfte in ein paar Gummistiefel, und schon war er weg.

Orla sank auf der Essbank in sich zusammen.

»Er meint es nicht so«, versuchte Nan zu trösten. »Er kommt jetzt in dieses Alter, weißt du? Zu mir ist er die meiste Zeit genauso, das hat gar nichts mit dir zu tun.«

Warum hörte sich Nans Versicherung nach leerem Trost an? Missmutig sah Orla den Regentropfen auf der Fensterscheibe nach. Weiter nördlich, über der St. Finian’s Bay, klarte der Himmel langsam auf, doch hier bei ihnen wirkte es immer noch, als wollte die Welt jeden Augenblick untergehen.

Nan folgte ihrem Blick. Mit dem Zeigefinger deutete sie auf den Streifen Helligkeit am Horizont.

»Da kommt die Sonne schon wieder raus. Kein Grund, einen Flunsch zu ziehen. Shay ist ein hervorragender Forscher. Du kannst ruhig stolz auf deinen Jungen sein! An manchen Tagen sehe ich ihn so gut wie gar nicht. Er streift durch die Hügel und über die Wiesen. Jeder Käfer ist sein Freund. Der ist zäh wie die Schuhsohle vom alten Paddy Doherty, sag ich dir, dem passiert so schnell nichts.«

Paddy Doherty war ein entfernter Cousin von Nan. Er hatte sich nicht weit von hier niedergelassen, als Orla noch ein kleines Mädchen gewesen war, und züchtete seither Tinker-Ponys. Seine Tiere hatten den Ruf, zu den besten in ganz Irland zu gehören. Was würde sie dafür geben, mal wieder auf dem Bock eines Sulkys zu sitzen! Die Zügel in der Hand und den Wind in den Haaren … Doch selbst wenn sie einen Ausflug zu Paddy machen würde, stand es in den Sternen, ob sie dort willkommen wäre.

»Sollte er nicht lieber etwas mit seinen Freunden unternehmen?«

»Ach, nun.« Seufzend nahm Nan eine Ecke ihrer Schürze zwischen die Finger. »Er hat’s nicht so mit den anderen Jungs aus der Schule. Du weißt doch, wie das ist. Einer wie Shay, der hat’s nie leicht.«

»Was meinst du damit? Einer, dessen Mutter bei seiner Geburt selbst noch ein halbes Kind war?«

Freudlos zuckte Nan mit den Schultern. »Einer, der auf einem Campingplatz lebt. Einer, der immer ein bisschen anders angezogen ist als die anderen. Einer, dessen Mutter selten da ist. Einer, der ein ganz und gar einzigartiges Lächeln hat, so ein Lächeln, das niemand hier je bei irgendwem anders gesehen hat, das also nur von seinem Vater kommen kann, den niemand kennt, was schon ein Skandal für sich ist.«

»Und was ist, wenn es einfach nur sein Lächeln ist? Warum muss es überhaupt von irgendwem sein?« Orlas Wut war schneller als ihre Vernunft. Ein kleiner Pieks, und die Frustration von Jahren platzte aus ihr heraus. »Warum denken die Leute überhaupt, sie hätten ein Recht auf irgendeine Meinung? Shay gehört ihnen nicht!«

»Ich sag nur, wie es ist, Liebes.« Beschwichtigend legte Nan eine Hand auf die von Orla. Die Haut ihrer Finger fühlte sich dünn und ledrig an, wie Pergament, aber ihr Griff war fest. »Die Leute kannst du nicht ändern. Alles, was du ändern kannst, ist, wie du mit dem Geschwätz umgehst. Dein kleiner Mann macht das schon. Er hat einen Dickkopf und tut, was ihm gefällt. Das ist nicht die schlechteste Eigenschaft, um in der Welt zurechtzukommen.«

Orla war nicht überzeugt. Nur gut, dass sie wieder zu Hause war. Jetzt konnte sie ihrer Nan zur Seite stehen. Das würde ihnen beiden guttun.

Auf der Tischplatte verschränkte sie die Finger ineinander. »Weißt du was? Warum sagst du mir nicht, was für uns in den kommenden Tagen in den Sternen steht? Ich könnte ein bisschen Unterstützung aus dem Kosmos gut gebrauchen.«

Das ließ Nan sich nicht zweimal sagen. Aus einem Blätterstapel am Tischende holte sie einen Taschenplaner. Ein gelber Klebezettel markierte den heutigen Tag. Nan drehte die Seite so, dass auch Orla einen Blick darauf werfen konnte, doch für sie hätten die Zahlen, Kürzel und Symbole am unteren Bildrand genauso gut Hieroglyphen sein können.

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