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Louis und die Stadt der Vampire

Als Buch hier erhältlich:

Zwei getrennte Welten. Ein Pakt zwischen Menschen und Vampiren, der seit Jahrhunderten vergessen ist. Bis jemand diesen Pakt zu untergraben versucht. Louis gerät zwischen die Fronten und soll das Gleichgewicht der Welten wieder herstellen.
In der Stadt der Vampire ist es noch viel unheimlicher als befürchtet. Hier flattern Fledermäuse statt Vögeln herum, Gaslaternen flackern und es werden Särge feilgeboten. Und vor allem leben hier sehr viele Vampire mit sehr scharfen Zähnen. Louis trifft dort zum Glück auf den Vampirjungen Ben, der ihm bei seiner Aufgabe helfen will. Er stammt aus einer vegetarischen Vampirfamilie und auch seine Eltern haben Menschen in Not geholfen - bis Bens Vater vor zwei Wochen spurlos verschwunden ist. Wer steckt hinter den seit einiger Zeit ausbleibenden Blutlieferungen der Menschen? Hat diese Person am Ende auch etwas mit dem Verschwinden von Bens Vater zu tun, immerhin dem bekanntesten Vampir, der sich für den Frieden einsetzt?
  • Erscheinungstag: 14.02.2022
  • Seitenanzahl: 176
  • ISBN/Artikelnummer: 9783755600039
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Die stinkende Einbrecher-Falle

Als würde er sich gerade mitten durch den Geburtstagskuchen fressen und alles verderben, genau so sah ihn Jörg an. Jörg, das war Mamas neuer Freund. Jörg liebte sein Rennrad, Gemüse, vor allem Wirsing, und Jakob, seinen Sohn. Und leider auch Mama. Er war Vegetarier, deshalb hasste er Fleisch. Was er sonst nicht mochte, waren Regen (weil er dann nicht mit dem Rennrad trainieren konnte) und Louis. Und seit heute mochte Jörg ihn wahrscheinlich sogar noch weniger als Fleisch und Regen zusammen. Und dafür konnte Louis nicht mal was. War schließlich nicht seine Schuld, dass Oma sich das Bein gebrochen hatte und nicht auf ihn aufpassen konnte. Das erklärte Mama Jörg jetzt schon zum dritten Mal. Dabei hielt sie immer noch das Telefon in der Hand, obwohl Oma schon längst nicht mehr dran war.

»Versteh doch. Meine Mutter ist im Krankenhaus, sie hat sich das Bein gebrochen.«

»Das habe ich schon verstanden, meine Liebe.« Jörg kniff die dünnen Lippen fest aufeinander und guckte Mama über seine runde Goldbrille hinweg an. Es war kein freundlicher Blick.

»Liebling, bitte, ich möchte doch auch mit dir zu deinem Geburtstag essen gehen, aber ich kann Louis nicht einfach allein lassen. Das ist alles noch fremd für ihn und außerdem war er noch nie einen ganzen Abend allein zu Hause.«

»Dann wäre jetzt wohl die perfekte Gelegenheit damit anzufangen. Mit zehn Jahren ist er ja wohl alt genug.«

Mama schüttelte den Kopf.

»So wichtig bin ich dir also. Verstehe.«

»Nein! Du bist mir wichtig und ich möchte deinen Geburtstag mit dir feiern, aber …«

»Was aber?«

Jörg zog eine Augenbraue nach oben. Mama schlang die Arme um den dicken Bauch mit Louis’ Babyschwester drin und sah unglücklich aus. Klar, sie wünschte sich natürlich, dass er und Jörg sich gut verstanden. Darüber hatte sie schon ein paar Mal mit ihm geredet. Louis seufzte leise. Mama sollte nicht wegen ihm traurig sein! Und außerdem wollte er nicht, dass Jörg ihn für ein Baby hielt.

»Ich kann alleine bleiben. Kein Problem. Echt nicht.«

Jetzt sahen Mama und Jörg ihn an und einen Moment lang sagte keiner was.

»Ach Louis, Schätzchen. Bist du sicher?«

Mamas Stimme klang bittend und entschuldigend zugleich und sie sah erleichtert aus. Louis nickte.

»Na also«, sagte Jörg und ging hinaus.

Mama strich Louis eine Locke aus der Stirn und sah ihn an. »Aber wenn du dich heute Abend nicht wohlfühlst, ganz egal, warum, dann rufst du mich an, ja? Dann komme ich gleich zurück.«

Louis nickte.

»Ach, Louis, mein großer Junge!«

Darüber, also über die Sache mit dem großen Jungen, hatte sich Louis gefreut. Er hatte auch wirklich gedacht, dass es okay wäre, allein zu Hause zu bleiben, aber jetzt war es stockdunkel und total still. Wenn doch nur Oma hier wäre, wie es geplant war! Dann würde er jetzt hören, wie sie in der Küche rumwerkelte oder Fernsehen guckte, und dann wäre ihm überhaupt nicht unheimlich zumute. Sogar mit dem kleinen Jakob wäre es weniger unheimlich, aber Jakob war bei seiner Mutter. Sie hatte ihn gestern mit ihrem riesigen Auto abgeholt. Louis hatte hinter dem Fenster gestanden und beobachtet, wie Jakobs Mama auf Jakob wartete. Sie erinnerte ihn an eine Stewardess, nur ohne Uniform und mit viel mehr Schmuck. Jörg hatte mal gesagt, sie sei reich, und dabei hatte er ganz stolz ausgesehen.

Als Louis gerade überlegt hatte, ob Jakob dann wohl auch reich war und ob er bei seiner Mama in einem Schloss wohnte, wurde die Haustür aufgerissen und Jakob war rausgerannt. Er hatte seine Mama umarmt und dann waren die beiden auch schon weg. Louis beneidete Jakob. Glühend! Und das nicht, weil Jakob vielleicht in einem Schloss wohnte, sondern weil er mit seiner Mama allein sein durfte. Das ganze Wochenende lang! Louis seufzte. Nach dem Seufzen schien es im Haus noch stiller zu sein als vorher. Louis hörte sogar seinen Atem. Er zog die Bettdecke höher, der Stoff raschelte. Und dann plötzlich war da noch etwas anderes. Ein Knarren. Draußen auf dem Flur. Louis bekam eine Gänsehaut. Er hielt den Atem an. Was, wenn da draußen jemand rumschlich? Ein Geist? Das Knarren verstummte.

»So ein Quatsch«, sagte Louis laut, »Geister gibt es gar nicht.«

Kaum hatte er das gedacht, kreischte etwas. Oder jemand?! »Hilfe! Ein Geist!«, schrie Louis.

Es kreischte wieder. Louis zögerte keine Sekunde mehr. Es galt, sein Leben zu retten! Er sprang auf, warf die Zimmertür zu, presste sich dagegen. Seine Knie zitterten, sein Herz raste. Und wieder kreischte es. Kreischte und kreischte. Louis hielt sich die Ohren zu, aber er konnte das Kreischen trotzdem hören. Immer das gleiche Kreischen, in genau demselben Abstand, weder lauter noch leiser, noch sonst irgendwie verändert. Und dann, mit einem Mal, erkannte er das Geräusch. Natürlich! Das Telefon! Das kreischte doch immer wie eine Kettensäge. So ein komischer Klingelton von Jörg. Eigentlich hatte Louis sich daran gewöhnt, aber gerade hatte er ihn vergessen. Jetzt riss er die Tür auf, doch genau in dem Moment verstummte das Klingeln.

Louis stand vor der offenen Zimmertür und sah hinaus in den dunklen Flur. An der Wand lehnte Jörgs Rennrad, sonst sah es aus, als würde hier gar keiner wohnen. Nichts lag rum, keine Bilder an den Wänden, nicht mal welche von Jakob. Als wäre hier gar kein Kind zu Hause. Jörg liebt auch Ordnung, ergänzte Louis seine Was-Jörg-mag-Liste. Dann zog er die Tür fest hinter sich zu, stieg über seine Klamotten und kuschelte sich in seine Bettdecke, sie roch noch nach zu Hause. Louis schluckte und nahm schnell das Buch, das vor ihm auf der Bettdecke lag. Aber Lesen klappte nicht. Die Wörter ergaben keinen Sinn, sie wurden nicht zu Sätzen, und dann raschelte es plötzlich. Louis sah auf und lauschte. Wind strich durch die Birke vor dem Fenster, das ein dunkles Viereck war. Vorhänge hatte er noch nicht. Mama hatte ihm neue versprochen, denn die alten waren zu schmal.

Louis’ neues Zimmer war nämlich viel größer als sein altes und aus dem Fenster sah er direkt in den Garten. Früher hatte er sich immer genau so einen Garten gewünscht, einen mit Swimming-Pool und Trampolin. Jetzt vermisste Louis die Stimmen der Nachbarn, ihre Schritte auf dem knarrenden Dielenboden. Er vermisste das Anlassen der Motoren an der Ampel vor seinem Haus. Und sogar das Licht der Straßenlaterne vermisste er, das sich Nacht für Nacht auf seiner Bettdecke ausgebreitet hatte. Jetzt fiel es vielleicht auf das Bett eines anderen Jungen, der in sein Zuhause eingezogen war. Bei dem Gedanken wurde etwas in Louis eng und verknotete sich. Er wollte nicht, dass jemand anderes in seinem Zuhause wohnte! Vor Jörgs Haus rumpelten keine Autos über Kopfsteinpflaster. Mama hatte gesagt, dass in dem großen Garten die Füchse den Hasen gute Nacht sagten, und sie hatte dabei gelächelt und ihm über den Kopf gestreichelt. Louis mochte es, wenn Mama ihm über den Kopf streichelte, aber er pfiff auf die Hasen und die Füchse. Er wünschte sich die Autos, die Ampel und das Straßenlaternenlicht zurück. Er wünschte sich nach Hause.

Wieder raschelte Wind durch die Zweige. Und was war das? Louis setzte sich im Bett auf. Da bellten Hunde! Was hatte das zu bedeuten? Und wenn jetzt Einbrecher kamen? Plötzlich erinnerte sich Louis! Hier kennt jeder jeden, hatte Jörg damals gesagt, als er Mama und ihm das Haus gezeigt hatte. Da wussten natürlich auch die Einbrecher, dass er allein zu Hause war! Und garantiert waren die total scharf auf Jörgs Rennrad. Das durften Jakob und er nicht mal berühren, so wertvoll war das. Was sollte er tun, wenn sie jetzt einbrachen? Louis sah sich um. Die letzte Kiste vom Umzug vor zwei Wochen hatte er an die Wand gleich neben der Tür geschoben. Darauf lag das Laserschwert, das ihm Oma neulich geschenkt hatte, einfach so, hatte sie gesagt und ihr faltiges Oma-Lächeln gelächelt. Aber das Schwert war natürlich aus Plastik und half ihm also nicht die Spur gegen Einbrecher. Die anderen Kisten hatten Mama und er schon ausgepackt. Das hatte echt lange gedauert, weil sich Mama mit ihrem dicken Bauch nicht mehr so gut bewegen konnte. Seine Babyschwester würde später, wenn sie auf der Welt war, in dem kleinen Raum neben Louis wohnen, Jörgs Ankleidezimmer. Louis hatte gar nicht gewusst, dass es so etwas wie ein Ankleidezimmer gab. Ein Zimmer nur zum An- und Ausziehen! Das war echt wie in einem Schloss. Ansonsten war an Jörgs Haus aber nichts, das an ein Schloss erinnerte. Es sah eher ein bisschen aus wie ein Riesenkarton, den jemand am Ende einer schmalen Straße vergessen hatte. In der Straße lebten außer Jörg und dem kleinen Jakob lauter alte Leute. Eine hatte Louis schon kennengelernt. Frau Kunz. Als sie Frau Kunz auf der Straße begegneten, hatte Jörg an der alten Frau vorbeigeguckt, doch die war einfach auf sie zugegangen, und da musste Jörg ihn und Mama dann vorstellen. Frau Kunz hatte geschrien: »WIEEE? Lucy heißt die Kleine?«

»Nein«, hatte Mama korrigiert, »das ist Louis.«

»Luise??«

Frau Kunz hatte ihn durch dicke Brillengläser hindurch angestrahlt. Die Gläser waren komisch geformt, zackig wie Flügel.

»Ein hübscher Name«, hatte sie gebrüllt.

Da hatte Louis geschrien, so laut er konnte: »Ich heiße Louis. Ohne E. Und ich bin ein Junge!«

»Ach so, Louis! Sag das doch gleich«, hatte Frau Kunz zurückgeschrien, »freut mich, dich kennenzulernen, Louis!«

Zitternd hatte sie ihm die Hand entgegengestreckt. Ihre Haut wirkte wie knitteriges Transparentpapier. An einem Finger steckte ein viereckiger schwarzer Siegelring. Zwei ineinander verschlungene Silberbuchstaben waren darauf zu sehen. Ein T und ein M. Sicher hätte Louis den Ring genauer betrachtet, wären da nicht Frau Kunz’ Adern gewesen, die dick und blau über die Hand liefen wie prallgefüllte Schläuche. Hoffentlich platzten die nicht!

Vorsichtig hatte Louis die Hand der Alten geschüttelt.

»So, so, Louis also«, brummte sie dabei.

Louis nickte.

»Kannst du Blut sehen, Louis?«

Entsetzt starrte Louis auf die Hand, aber die Adern waren alle noch ganz. Zum Glück!

»Mmmh, mmmh«, murmelte Frau Kunz und sah ihn an. Die Augen hinter den dicken Brillengläsern waren blau wie Hustenbonbons.

»Komm mich doch mal besuchen, Louis. Dann stelle ich dir meine Fledermaus vor.« Jetzt sprach Frau Kunz wieder sehr laut, wie sie es offenbar immer tat.

»Eine Fledermaus?«

»Ja. Sie heißt Manfred. Hast du Lust, sie kennenzulernen?«, schrie Frau Kunz.

Louis nickte wieder. Eine echte Fledermaus! Wie spannend war das denn! Er hatte in seinem Leben noch nie eine Fledermaus gesehen.

»Gut. Dann bis bald, Louis.«

Die Alte hatte Louis mit ihren Hustenbonbon-Augen hinter der merkwürdigen Brille zugezwinkert, Mama angelächelt, sich auf den Stock gestützt und ihren Weg fortgesetzt, ohne Jörg auch nur eines Blickes zu würdigen. Das war auch kein Wunder, fand Louis, denn Jörg hatte während der ganzen Unterhaltung mit dem Kopf geschüttelt, Luft durch die Vorderzähne eingesogen, die Augen verdreht und zu den Fenstern der anderen Häuser geschielt.

Louis zuckte zusammen. Wieder Hundegebell! Diesmal laut und nah! Sehr nah! Wahrscheinlich steuerten die Einbrecher direkt auf Jörgs Haus zu. Klar, war ja auch das größte in der Straße und noch dazu das einzige mit einem megawertvollen Rennrad drin. Und das einzige, in dem nur ein einziges Kind zu Hause war. Jeder halbwegs fähige Einbrecher würde da doch sofort losschleichen und einbrechen. So eine einmalige Gelegenheit gab es in einem Einbrecher-Leben bestimmt nicht zweimal. Was sollte er tun? Die alte Kunz nebenan würde seine Schreie bestimmt nicht hören. Wahrscheinlich sah sie gerade fern zusammen mit Manfred, der Fledermaus, und sicher musste sie die Lautstärke des Fernsehers ganz aufdrehen, um überhaupt etwas zu verstehen. Da konnte Louis lange schreien. Sicher würden ihn die Einbrecher blitzschnell knebeln und dann könnte er nicht mal mehr den leisesten Mucks von sich geben. Louis’ Herz wummerte wie wild. Da kam ihm plötzlich der rettende Einfall. Er würde Mama anrufen! Jetzt sofort.

Louis griff nach dem Handy, es lag direkt neben ihm auf dem kleinen Tischchen. Das Display leuchtete. »Mama« stand da, darunter der grüne Hörer. Er musste nur noch draufdrücken. Doch plötzlich zögerte er. Er sah Mamas Gesicht und Jörgs hochgezogene Augenbrauen. Und da fasste Louis einen Entschluss: Er würde mit den Einbrechern allein fertig werden! Jörg würde Mama nicht noch einmal vorwerfen, ihn, Louis, verzogen zu haben. Das hatte Jörg nämlich. Total verweichlicht, der Junge, hatte er hinter der verschlossenen Tür gezischt. Mama müsse endlich aufhören, ihn zu behandeln wie ein rohes Ei. Das hatte er schon ziemlich laut gesagt, fast geschrien. Louis hätte es auch gehört, wenn er nicht gelauscht hätte.

Er straffte die Schultern. Das hier würde er allein schaffen! Und er hatte auch schon eine Idee, wie! Mit einem Ruck schlug er die Bettdecke zur Seite, schaltete die Nachttischlampe aus und setzte die Füße auf den Boden. Es kam ihm vor, als müsste sein Herz die ganze Straße hinunter zu hören sein. Über den grauen Teppich schlich er vorbei an dem letzten Karton, auf dem in der schnörkeligen Schrift von Mama »Louis« stand. Die Zehen auf den kalten Fliesen huschte er über den weißen Flur, am wertvollen Rennrad vorbei in die Küche. Der Mond fiel auf die weißen, glänzenden Schränke und die blankgeputzte silberne Spüle, auf der nichts stand, nicht einmal eine Tasse.

Ganz anders als früher bei Mama und ihm zu Hause, wo immer ein paar Bücher auf dem Holztisch herumlagen, neben Tassen mit getrockneten Kakaorändern von Louis oder mit Lippenstift von Mama. Sogar Mamas Lieblingstassen mit den goldenen Blumenmustern, nach denen sie so gern die Flohmärkte durchstöberte, waren hinter den glänzenden Schranktüren verschwunden. Nur die drei Schönsten hatten es nach draußen geschafft. Sie standen auf einem schmalen hohen Regal zwischen zwei Küchenschränken und sahen verloren aus. So, als vermissten sie ihre in die Schränke verbannten Tassenfreunde. Die drei Tassen, der schwere Holztisch von zu Hause mit den Kratzern, über die Mama Geschichten von früher erzählen konnte, und die bunten Stühle wirkten in Jörgs weißer Küche wie die einzigen Lebewesen in einem Raumschiff. Louis zog die Schultern hoch. Er fröstelte.

Geduckt lief er zu dem Küchenschrank ganz links, stellte sich auf die Zehenspitzen, nahm so lautlos wie möglich zwei große Teller raus und stellte sie auf den Tisch. Als Nächstes öffnete er den Kühlschrank, griff nach dem weißen Paket und legte es neben die Teller. Dann zog er an der breiten Küchenschublade vor dem Fenster. Lautlos fuhr sie ihm entgegen. Darin lagen ordentlich nebeneinander Löffel, Messer und Gabeln. Louis nahm ein Messer und ließ die Raumschiff-Schublade wieder zurückgleiten. Dann atmete er einmal tief ein. Jetzt wurde es ekelhaft, aber da musste er durch, wenn er sich die Einbrecher vom Leib halten wollte.

Mit einem Ruck öffnete er das weiße Paket. Sofort stank es in der ganzen Küche nach Müllhalde. Louis hielt sich die Nase zu. Mit der freien Hand bestrich er beide Teller daumendick mit dem stinkendsten aller Stinkekäse. Mit diesen Stinktellern hinter seiner Zimmertür würden die Einbrecher denken, dass in dem Raum nur Müll drin ist. Sie würden sich umdrehen und so schnell wie möglich abhauen. Das wäre am besten. Wenn es aber besonders hartgesottene Einbrecher waren, die trotzdem reinkamen, dann würden sie direkt in einen Stinketeller treten, und das wäre so wie in Hundekacke zu laufen, nur tausendmal schlimmer. Jeder Erwachsene, den Louis kannte, wäre in so einem Fall einen Moment lang abgelenkt. Bestimmt galt das also auch für den stärksten und fiesesten Einbrecher. Und damit hätte er genug Zeit zu fliehen. Direkt aus dem Fenster raus.

Das öffnete Louis jetzt, Wind wehte durch das dunkle Viereck hinein. Louis kauerte sich hinter die Kopfseite seines Betts. Von hier aus würden ihn die Einbrecher nicht sehen, wenn sie zur Tür reinkamen, und zum Fenster war es nicht weit, mit einem Satz wäre er draußen. Außerdem stank es hier nicht so eklig nach dem Käse wie an der Tür, wo er die Teller abgestellt hatte. Die Tür mit dem Stinketeller im Blick lauschte er und wartete.

Doch nichts passierte, nicht einmal der Hund bellte. Louis lauschte und wartete weiter, aber alles blieb still. Die Türklinke bewegte sich keinen Zentimeter und im Flur war nichts zu hören. Kein Tapsen, kein Schlurfen, kein Schleichen. Nichts. Draußen raschelten die Blätter.

Moment mal, dachte Louis da. Was, wenn die Einbrecher gar nicht durch die Tür kommen wollten? Was, wenn sie … durchs Fenster! Natürlich! Sie würden durchs Fenster steigen! Ein offenes Fenster, das war wie eine Einladung für jeden Einbrecher der Welt! Er fuhr herum. Und da sah er sie! Zwei grüne Schlitze! Augen! Sie starrten herein! Einbrecher!

Louis schrie. Die grünen Schlitze wurden aufgerissen. Dann waren sie weg. Vom Fensterbrett gesprungen. Moment mal, Einbrecher, die vom Fensterbrett sprangen? Einbrecher mit grünen Schlitzaugen? Einen Augenblick saß Louis auf dem Bett wie festgeklebt, dann begriff er. Na klar! Er rannte zum Fenster. Und da war sie. Die Katze. Louis sah noch, wie sie durch die Nacht davonjagte und das Fell eins wurde mit der Dunkelheit, dann war sie weg.

Wieder die Katze also. Seit ein paar Tagen sah Louis sie ständig. Bei gutem Wetter lag sie auf den sonnenwarmen Steinplatten der Verschläge, in denen die Mülltonnen der Mehrfamilienhäuser standen. Sobald sie Louis’ Schritte hörte, hob sie den Kopf. Klar, das war noch nichts Besonderes. Das machte sie auch, wenn ein Auto in die Straße einbog, die in die Siedlung führte. Oder wenn ein Vogel aufflatterte. Wenn eine Spinne es wagte, vor ihrer Schnauze entlangzukrabbeln. Bei allem halt.

Dann hatte sie aber begonnen, von dem Tonnenhäuschen zu springen, sobald er um die Ecke bog. Unten angekommen streckte sie sich und starrte ihn mit ihren grünen Augen an. Manchmal war Louis auf sie zugegangen, doch sobald er sich näherte, sprang sie auf und lief ein paar Schritte weiter. Den Schwanz steil nach oben gestreckt. So ging es seit Tagen. Nachmittag für Nachmittag. Und jetzt war eins sicher: Die Katze beobachtete ihn. Sie wusste sogar, wo er wohnte.

Spukgefahr

»Schätzchen, guten Morgen.«

Louis drehte sich auf die andere Seite.

»Aufstehen, Süßer.«

»Keine Lust«, murmelte Louis und zog sich die Decke über den Kopf.

»Komm schon, es wird Zeit, du musst los. Bist du wach? «

»Mmmh«, grunzte Louis.

»Dann komm zum Frühstück, ja?«

Mama wuschelte ihm durch die Haare, dann stützte sie sich am Bettrand ab und wuchtete sich hoch. Langsam wurde Louis wirklich wach. Er drehte sich um und sah Mama an. »Ich hab Bauchschmerzen.«

Mama seufzte. »Die neue Klasse, mmh?«

Louis nickte.

»Du wirst dich an alles gewöhnen, Louis, glaub mir! Bald wirst du dich in deiner Klasse wohlfühlen. Bestimmt. Und jetzt frühstücken wir erst mal alle zusammen.«

Mama versuchte, fröhlich zu klingen. In der Tür drehte sie sich noch mal um. »Vielleicht lädst du einfach mal jemanden aus deiner neuen Klasse hierher ein«, schlug sie vor.

Dann war Mama draußen.

Louis zog sich die Decke über die Nase und starrte auf die letzte Kiste. Früher, als er noch klein war, hatte er Torben, seinem besten Freund, manchmal erzählt, dass sie bald umziehen würden. Nach Frankreich zu seinem Papa. Der wäre da nämlich Löwenbändiger in einem berühmten Zirkus. Wenn Papa ihn und Mama mit den Koffern sähe (an Umzugskisten hatte Louis damals nicht gedacht), würde er schrecklich bereuen, sie verlassen zu haben, und Tränen vergießen, bis die ganze Manege nass geweint war. Er, Louis, würde dann Papas Löwen über die Mähne streichen und Papa verzeihen. Und dann würden Mama und er und Papa mit den Löwen zusammen in dem berühmten französischen Zirkus wohnen. So hatte Louis sich das ausgedacht.

Tatsächlich aber wusste er fast nichts von seinem Papa, außer dass er Franzose war und Louis deshalb auch ein bisschen ein Franzose war (Französisch sprechen konnte er aber nicht). Und er wusste, wie Papa aussah. Von einem Foto, das er mal zwischen zwei Buchseiten entdeckt hatte. Auf dem Bild standen Mama und ein Mann, der Papa sein musste. Hinter ihnen waren noch andere Menschen, die Gläser oder Kuchen in den Händen hielten, und Luftballons. Und auch Louis war ein bisschen mit auf dem Bild, allerdings noch in Mamas Bauch so wie jetzt seine Babyschwester. Papa hatte die Arme um Mamas riesigen Bauch gelegt und lachte an ihrer Schulter vorbei in die Kamera. Papa war genauso groß wie Mama, hatte braune Locken so wie er und schwarze lustige Augen, die über einem dünnen Schnurrbart funkelten.

»Aufstehen, Louis! Sofort!«, hörte er Mama aus der Küche rufen. Louis seufzte, stieg aus dem Bett, schnappte sich seine Sachen und trottete ins Bad.

»Guten Morgen, Louis. Schön, dass du auch da bist. Wir haben schon angefangen zu frühstücken. Ich hoffe, das stört dich nicht.«

»Jörg, bitte«, sagte Mama.

»Was? Darf ich deinem Sohn keinen guten Morgen wünschen?« Jörgs Stimme war schneidend.

Mama schwieg.

Louis ließ sich auf den grünen Küchenstuhl fallen und zog das Nutella-Glas zu sich.

Von links trafen ihn missbilligende Blicke, und als Mama ihm einen Toast auf den Teller legte, räusperte sich Jörg. Louis beschmierte den Toast mit Butter und sah zu, wie sie zerlief. Dann schaufelte er sich Nutella auf den Toast und vermischte sie mit der warmen Butter. Alle schwiegen, und weil es so still war am Tisch, hörte man Jakob in seinem Müsli rühren. Plötzlich ließ der Kleine den Löffel ins Müsli platschen. Milch kleckerte auf den Tisch. »Ich will auch Nutella-Brot.«

»Siehst du, Terese, was habe ich gesagt!«

Jörg blitzte Mama über den Goldbrillenrand an, dann wendete er sich zu Jakob. »Du weißt, wie ungesund dieser Zucker ist. Die Nüsse und die Äpfel helfen dir, gesund zu bleiben.«

»Ich will Nutella!«

Louis biss in seinen Nutella-Toast, denn warm schmeckte es am besten. Jörg ließ seine Finger knacken. Dann schaute er zu Jakob und plötzlich flog ein Grinsen über sein Gesicht. »Wenn du so viel Nutella isst wie Louis, bleibst du auch so klein wie er. Ein Zwerg.«

Louis verschluckte sich, hustete und Nutella-Toaststückchen flogen quer über den Tisch.

»Louis. Musste das jetzt sein?!«, rief Mama.

Das war alles! Kein Wort zu Jörg! Louis starrte auf seinen Teller mit dem angebissenen Toast und sah zu, wie sich auf der Tischdecke um die mit Kakao vermischten Toaststückchen Flecken ausbreiteten. Jakob löffelte wieder sein Müsli. Keiner sagte mehr was. Louis sah Mama an, aber Mama guckte weg. Dann rief sie mit gespielter Fröhlichkeit: »So Jungs, es wird Zeit, ihr müsst los.«

Louis schob den Stuhl weg, stand auf, griff seine Tasche und ging raus, ohne jemanden anzusehen oder auf Jakob zu warten. Draußen rannte er los.

Hinter ihm wurde die Tür aufgerissen. »Louis!«, rief Mama, aber er drehte sich nicht um.

Die Jungs aus Louis’ neuer Klasse spielten Fußball. Sie hatten gefragt, ob er mitspielen wollte. Wollte er aber nicht. Louis kickte gegen einen Kiesel. Das Steinchen schlitterte über den Asphalt auf das Gebüsch zu, das den Schulhof umgab. Aus den Augenwinkeln bemerkte Louis eine Bewegung im Schulgebüsch. Was war das? Er schaute genauer hin. Und sah sie sofort. Hoch aufgerichtet zwischen den kleinen dunkelgrünen Blättern starrte sie ihn an, die Ohren wie spitze Satelliten zu ihm gedreht.

»Was willst du?«, flüsterte Louis und verschränkte die Arme.

Da drehte die Katze ihren Kopf, duckte sich, und verschwand.

Hinter ihm hörte Louis ein Kichern. Er fuhr herum. Emma und Hanna! Die beiden Freundinnen standen genau vor ihm. Verdammt, warum hatte er sie gar nicht kommen gehört? Jetzt hielten sie ihn wahrscheinlich für total bekloppt. Für jemanden, der mit sich selbst sprach.

»Mit wem redest du?«, fragte Emma.

»Mit niemandem.«

Louis starrte auf seine Schuhspitzen.

»Aber du hast doch gerade was gesagt«, beharrte Emma.

»Hab ich nicht«, behauptete Louis und begutachtete weiter seine Schuhe. Die drei schwiegen. Als Louis nichts weiter sagte, zuckte Emma mit den Schultern. »Hörte sich halt so an.«

Jetzt war es Louis, der mit den Schultern zuckte. Einen Moment standen sie weiter schweigend voreinander, dann zog Hanna Emma am Arm.

»Komm, wir gehen schon mal rein.«

»Okay.«

Emma nickte. »Bis später dann«, sagte sie, nickte Louis zu und ließ sich von ihrer Freundin mitziehen.

»Bis später«, murmelte Louis, aber das hörten die beiden vermutlich gar nicht mehr.

Die letzten beiden Schulstunden verbrachte Louis damit, aus dem Fenster zu gucken und sich nach Hause zu träumen. In ihre alte Küche, auf den roten Küchenstuhl. An einem Sommermittag wie heute hatte die Sonne immer genau auf den alten zerkratzten Holztisch gestrahlt. Wenn Louis an so einem Tag mit hüpfender Tasche und heißem Gesicht von der Schule gekommen war, hatte Mama ihm meist ein Glas Apfelschorle auf den Tisch gestellt. Dann hatte sie sich wieder zum Herd gedreht, um einen neuen Pfannkuchen in die Luft zu werfen. Mama liebte Pfannkuchen und im Pfannkuchenwerfen war sie eine Meisterin. Auch Louis konnte Pfannkuchen mit der Pfanne in die Luft werfen und wieder auffangen.

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