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Mach das gleich noch mal

Lauren genießt Marks Nähe. Er ist der Stiefbruder ihres verstorbenen Mannes - und sie hat ihn schon immer geliebt. Im Rausch der Leidenschaft gibt Lauren sich ihm hin. Doch am nächsten Morgen ist Mark verschwunden …
  • Erscheinungstag: 12.06.2017
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955766511
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. Kapitel

Er war für mich ein Bruder, auch wenn wir nicht dieselben Eltern hatten. Jetzt ist er gestorben, und mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu vermissen.

Eintrag aus Mark Remingtons Tagebuch

Das Haus seines Bruders stand oben auf dem Hügel, und dort war auch die Witwe seines Bruders. Mark saß in der Dunkelheit in seinem Wagen und wünschte, er wäre nicht hier.

Er stand in der Auffahrt, der Motor seines Sportwagens lief noch. In Gedanken hörte er wie in einem Albtraum die besorgte Stimme von Grace McKenzie, die ihn wegen ihrer Tochter anflehte. „Ihr beide habt euch doch immer so nahe gestanden, Mark. Mir ist klar, dass sie noch trauert, aber irgendetwas stimmt nicht mit ihr, und sie will sich uns nicht anvertrauen. Bitte fahr zu ihr, vielleicht redet sie ja mit dir.“

Mark wollte trotzdem nicht hier sein, aber es ging jetzt nicht darum, was er wollte. Mit Ausnahme der Beerdigung vor drei Monaten hatte er Lauren seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. Leider konnte er diesmal nicht so einfach verschwinden. Erst musste er sich davon überzeugen, dass sie wieder auf die Beine kam. Doch danach würde er sich sofort davonmachen. Wieder einmal.

Entschlossen umfasste er das Lenkrad, als er die Umrisse einer Frau hinter einem der hell erleuchteten Fenster sah. Mühsam wandte er den Blick ab und ließ sich tiefer in den Autositz sinken. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen.

Es war bereits nach Mitternacht gewesen, als er sich die Autoschlüssel geschnappt hatte und von der Sunrise-Ranch die Küste von San Francisco hinauf hierhergefahren war. Jetzt war es kurz vor drei Uhr nachts. Das ist doch verrückt, dachte er und rieb sich das Gesicht. Wieso musste ich mitten in der Nacht fahren? Aber wie üblich hatte er nicht auf den Verstand gehört, sondern war einfach dem Gefühl gefolgt. Er wollte das alles hinter sich bringen, auch wenn er den Anruf von Laurens Mutter am liebsten gar nicht weiter beachtet hätte.

Nach der ersten Begrüßung war Grace McKenzie gleich zum Thema gekommen und hatte ihn bedrängt, nach Lauren zu sehen.

Mark blickte in die Dunkelheit hinaus. In einem Punkt irrte Grace sich leider. Er war der letzte Mensch auf der Welt, mit dem Lauren sich unterhalten würde. Und dies hier war der letzte Ort auf Erden, wo er jetzt sein wollte.

Wieder musste er gegen den Drang ankämpfen, den Wagen einfach zu wenden und wieder zurückzufahren. Schließlich war er im Fliehen der Experte. Alles abbrechen und sich aus dem Staub machen. Das war die Art, wie er immer seinen Stolz bewahrte.

Abgesehen vom Stolz riet ihm jetzt auch der Verstand, von hier zu verschwinden. Doch der Verstand hatte ihn auch nicht dazu gebracht, hierherzukommen.

Er fühlte einen dumpfen Schmerz in der Brust. Vor drei Monaten, im April, hatten sie seinen Bruder beerdigt. Nate war tot, und Mark war nur hier, weil Lauren in Schwierigkeiten steckte. Und weil Grace ihn daran erinnert hatte, dass er zur Familie gehörte. Als Familienmitglied hatte er auch Pflichten.

Er stieß die Luft aus. Pflichtgefühl hatte ihn sicher nicht hergeführt, eher der Whisky, mit dem er sich Mut angetrunken hatte. Stocknüchtern wäre er niemals zu diesem Treffen bereit gewesen. Ohne Alkohol konnte er nicht über Nate und Lauren nachdenken und sich an all die Male in seinem Leben erinnern, als er weggelaufen war, statt sich den Problemen zu stellen.

Diesmal nicht, beschloss er und stellte den Motor ab. Er fuhr sich über die Bartstoppeln, atmete noch einmal tief durch und öffnete die Autotür. In der Vergangenheit hatte Lauren sich oft genug an seiner Schulter ausgeweint. Ich bin ein Mann, sagte er sich, und ich werde es ertragen, wenn sie es noch einmal tut.

„Du bist wirklich ein richtiger Held“, sagte er sich spöttisch. Selbstlos und ohne jede Furcht, im richtigen Leben ebenso wie am Steuer eines Wagens. So ähnlich hatte es einmal ein Sportreporter ausgedrückt, der über eines von Marks Autorennen berichtete.

Das war alles lange her.

Und es war schon lange her, seit Mark zum letzten Mal die schwarz-weiß karierte Flagge und das Siegerpodest gesehen hatte. Viel Zeit und viele Nächte waren seitdem vergangen.

Wieder sah er zum Haus und ging widerstrebend weiter. „Es ist egal, was du jetzt möchtest und was nicht“, sagte er leise zu sich selbst.

Wichtig war jetzt nur, wie es Lauren ging.

Mark schob die Hände in die hinteren Hosentaschen und ging zur Haustür.

2. Kapitel

Ich weiß nicht, womit ich gerechnet hatte, aber ich hatte nicht erwartet, sie so am Boden zerstört zu sehen. Und ich hätte nicht gedacht, dass mein Verlangen immer noch so stark ist.

Eintrag aus Mark Remingtons Tagebuch

Die Türklingel schellte zum zweiten Mal. Lauren blickte zur Uhr. Es war erst drei Uhr morgens. Sofort bekam sie wieder Gewissensbisse. Natürlich machten ihre Eltern sich Sorgen, aber wieso konnten sie sie nicht einfach in Ruhe lassen?

Lauren hatte damit gerechnet, dass sie irgendwann auftauchten, aber nicht mitten in der Nacht. Und nicht so schnell, obwohl ihre Mutter bei dem Telefonat gestern noch besorgter als sonst geklungen hatte. Es war immer dasselbe: Sie solle sich nicht von ihrer Familie und ihren Freunden abschotten. Alle wollten ihr schließlich nur durch diese schwere Zeit helfen. Es half auch nichts, wenn Lauren ihrer Mutter versicherte, dass alles in Ordnung sei und sie einfach nur Zeit brauche. Ihre Mutter wiederholte immer wieder, sie hätten sich seit der Beerdigung vor drei Monaten ja kaum gesehen, und es würde ihnen wehtun, wenn Lauren sich in ihrem Schmerz so verschloss.

Lauren wusste, dass sie ihre Eltern nicht davon abbringen konnte, sie weiter zu bedrängen. Und es tat ihr auch leid, ihre Eltern, die es doch nur gut mit ihr meinten, ständig abweisen zu müssen. Aber sie fühlte sich, als wäre sie nach Nates Tod in ein tiefes Loch gefallen, und bislang hatte sie noch keinen Weg gefunden, sich aus diesem Tief wieder zu befreien.

Noch einmal klingelte es. Lauren fuhr sich durch das dichte blonde Haar und strich es sich aus dem Gesicht, als könne sie sich dadurch für das wappnen, was ihr jetzt bevorstand. In diesem Zustand wollte Lauren nicht von ihren Eltern gesehen werden. Sie hatte abgenommen, und ihr langes Haar war so glanzlos wie ihre braunen Augen.

Sie war zu Tode erschöpft. Das lag nicht nur an dem unglaublichen Schmerz über den Verlust ihres Mannes. Dazu kam noch die panische Angst vor der Zukunft, die sie förmlich lähmte. Lauren stand ganz neuen Problemen gegenüber und wusste nicht, wie sie diese meistern sollte. Und dazu kam noch das schlechte Gewissen ihren Eltern gegenüber.

Und auch das war noch nicht alles.

Tränen traten ihr in die Augen, und Lauren kämpfte sie nieder. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt. Sie hatte es ihren Eltern anders verkünden wollen.

Wortlos blickte sie zur Tür und stand dann vom Sofa auf. Sofort wurde ihr schwindlig vor Müdigkeit. Sie wartete, bis das Schwindelgefühl abebbte, dann zog sie sich den Gürtel ihres weichen Morgenmantels enger, ging in den Flur, straffte die Schultern und öffnete die Tür.

„Hallo, Lauren.“

Als Mark vor ihr stand und nicht ihre Eltern, bekam sie weiche Knie. Sie hielt sich schnell an der Tür fest, doch gegen die Gefühle, die in ihr aufstiegen, half auch kein Festhalten.

Sie war so erschrocken, dass sie kaum atmen konnte. Und zum ersten Mal seit Monaten empfand sie etwas anderes als Trauer oder Verzweiflung. Erinnerungen überkamen sie, und es war verwirrend, genauso wie vor langer Zeit zu empfinden, als sei die Vergangenheit wieder frisch und neu.

Doch vor ihr stand keine Erinnerung. Es war Mark, und diesen Mark kannte sie nicht mehr.

Sie nahm alles an ihm gleichzeitig wahr. Die dunkelblauen Augen, denen man die Erschöpfung ansah, das kantige unrasierte Kinn, das dunkelblonde Haar, das so ausschaute, als habe Mark es gerade eben mit den Fingern durchgekämmt. Seine Hände steckten betont lässig in den Gesäßtaschen der verwaschenen schwarzen Jeans.

Lauren kannte den Duft seines schweren, leicht rauchigen Rasierwasser noch von früher, und immer wenn sie diesen Duft roch, musste sie an Mark denken. Außerdem roch er jetzt nach Whisky, den er anscheinend ausgiebig getrunken hatte. Das war eine Seite, die sie an Mark noch nicht erlebt hatte.

Es tat Lauren leid, was aus ihm geworden war. Allerdings konnte sie sich nicht dagegen wehren, dass sie auf sein gutes Aussehen immer noch reagierte. Ihr Ehemann war tot, aber sie selbst war noch sehr lebendig, das erkannte sie jetzt. Und diese Erkenntnis machte sie gereizt.

Sie kam sich dermaßen überrumpelt vor, dass sie sofort zum Angriff überging. „Was tust du denn hier?“

Ihren misstrauischen Blick erwiderte er ganz gelassen. Lange sah er sie nur wortlos und prüfend an, bevor er mitfühlend feststellte: „Du siehst grauenhaft aus, Lauren.“

Seine Stimme klang wie ein tiefes, leicht heiseres Grollen, und sofort musste Lauren an all die Ausschweifungen in seinem Leben denken, über die sie in den Klatschblättern gelesen hatte. Sie hatte es nicht wahrhaben wollen. Dennoch kamen ihr beim Klang seiner Stimme weitere Erinnerungen, und sie konnte sich nur auf eine Art gegen die Gefühle wehren, die diese Erinnerungen in ihr auslösten – mit heißer Wut. „Dann erspar dir meinen Anblick – und verschwinde.“

Einerseits tat ihr dieser Ausbruch leid, aber andererseits hatte sie vor den Gefühlen Angst, die auf sie einstürmten. Sie knallte ihm die Tür vor der Nase zu.

Doch Mark war schneller. Er hielt die Tür mit der flachen Hand auf, und es kostete ihn kaum Anstrengung, sich durch den Spalt in den Flur zu quetschen.

Seine ausdruckslose Miene verriet nicht, was in ihm vorging. „Zum Verschwinden bleibt mir noch Zeit genug. Aber ganz so schnell wirst du mich nicht los.“

Ohne ein weiteres Wort zog er sich die Lederjacke aus, und diese Jacke kannte Lauren auch. Es war ein teures Leder, das alt und sehr weich aussah. Es irritierte sie, diese Kleidung vor sich zu sehen, die sie nur aus dem Fernsehen und von Fotos kannte. Wenn Mark auf den Tausenden von Fotos, die während seiner Rennfahrerkarriere von ihm gemacht worden waren, nicht im Rennanzug zu sehen war, dann hatte er diese Jacke getragen. Selbst die Produzenten von grellbunten Werbespots und Plakaten hatten erkannt, welche Wirkung von Mark Remington ausging, wenn er seine schwarze Lederjacke trug und vielsagend lächelte. Diese Jacke war extra für ihn angefertigt worden, um sein Image als Rebell zu unterstreichen. Selbst heute, zwei Jahre nachdem er seine Karriere so abrupt beendet hatte, obwohl alle ihm noch weiterhin eine großartige Zukunft vorhersagten, wurde er von seinen Fans bewundert.

Aber er hat immer alles hingeworfen und ist weggelaufen, dachte Lauren. Er kämpft nicht, sondern flüchtet. Genau wie vor sieben Jahren.

Kühl erwiderte sie seinen Blick und war überrascht, als er den Blick abwandte. Gleichzeitig schob er das Kinn vor wie damals, als er noch ein Junge war. Sie wollte nicht an den Jungen denken, dessen Traurigkeit sie von dem Tag an fasziniert hatte, als er bei den Nachbarn einzog.

Diesen Jungen gab es nicht mehr. Stattdessen stand dieser Mann jetzt vor ihr, und gleichgültig, ob sie ihn mochte oder nicht, sie musste sich mit ihm auseinandersetzen.

Seine Abenteuer und Exzesse waren immer für eine Schlagzeile gut gewesen, und jeder andere wäre von so einem wüsten Leben gezeichnet, aber Mark war nicht wie jeder andere. Er war Mark Remington, Amerikas verwegener Held, dem die Öffentlichkeit jeden Skandal verzieh, weil er mit seinem jungenhaften Charme und seinem blendenden Aussehen die Herzen aller Frauen zwischen sechzehn und sechzig schneller schlagen ließ.

Mit seinem sexy Lächeln und seiner Zügellosigkeit hatte er eine Menge Geld verdient. Die Illustrierten hatten sich immer wieder in ihren Artikeln gegenseitig überboten, wenn es darum ging, Gerüchte über ihn zu verbreiten und seine Eskapaden in allen Details zu schildern. Die Menschen hatten ihn bewundert, sein Aussehen, seine Furchtlosigkeit und die Tatsache, dass er sich keiner Regel fügen wollte. Diese Beliebtheit, sein Erfolg bei Frauen und seine Pokale als Rennfahrer, das alles nahm er scheinbar als selbstverständlich hin. Und von einem Tag auf den anderen hatte er all das aufgegeben und war von der Bildfläche verschwunden.

Die Öffentlichkeit hatte ihn geliebt, aber Lauren hatte sich immer gewünscht, ihn zu hassen. Sie musste sich an jene Nacht vor sieben Jahren erinnern, die sie immer zu verdrängen versuchte. Obwohl das, was damals geschehen war, eher ihre Schuld als seine war, wollte sie ihn dafür hassen. Diese Nacht hatte ihre Ehe belastet, und ihr Ehemann hatte nie begriffen, was es eigentlich war, was zwischen ihnen beiden stand.

Lauren wollte Mark hassen, weil sie wusste, was sonst niemandem klar war. Er war damals weggelaufen, weil er von ihr wegwollte. Und damit hatte er ihr die Chance genommen, alles zu klären und ihm zu sagen, dass sie ihm alles verzieh. Sie hätte die Nacht von damals verarbeiten können.

Erschöpft schüttelte er den Kopf und zuckte mit den Schultern, und Lauren erkannte deutlich, dass er ihr genau ansah, was sie über ihn dachte. Innerlich stellte er sich bereits darauf ein, dass sie die Kritik aussprach, die ihre Blicke bereits deutlich machten. „Hast du etwas zu trinken für mich?“

Diese Frage war für ihn so typisch, dass Lauren fast gelacht hätte. „Ich bezweifle, dass es hier im Haus etwas gibt, was stark genug für dich ist.“

Er lächelte gezwungen und sah sich rasch um. Dann ging er zur Hausbar ganz hinten im Wohnzimmer. „Ich schätze, ich muss es auf einen Versuch ankommen lassen.“

Mark passte nicht in dieses alte viktorianische Haus, das Nate und sie so liebevoll mit Möbelstücken aus der damaligen Zeit ausgestattet hatten. Das ganze Haus besaß eine anheimelnde Eleganz, und Mark war davon das genaue Gegenteil. Er wirkte kühl, abgestumpft und im Moment etwas nervös, während er das begrenzte Angebot an alkoholischen Getränken im Barschrank durchsuchte.

„Möchtest du auch etwas?“ Er nahm eine Flasche Brandy heraus und sah Lauren fragend an. Seine raue Stimme wirkte wie eine Liebkosung, doch Lauren ließ sich davon nicht einlullen und schüttelte den Kopf. „Komm schon, Lauren. Leb ein bisschen gefährlich. Außerdem siehst du aus, als könntest du einen Drink sehr gut gebrauchen.“

Sie zog den Morgenmantel enger um sich und setzte sich ganz vorn auf die Sofakante. „Sag doch einfach, was du auf dem Herzen hast. Aus irgendeinem Grund musst du ja hergekommen sein.“

Er ließ sich Zeit dabei, um den Tresen herumzugehen. Dann lehnte er sich mit dem Rücken dagegen und stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tresen ab. Nachdenklich sah er erst zu Lauren und dann auf den Brandy in seinem Schwenker. „Das Beste am Selbstmitleid ist ja, dass man sich nicht um die Trauer der anderen zu kümmern braucht. Man denkt einfach nur an sich.“

Sein Tonfall wirkte sanft, doch seine Worte trafen Lauren zutiefst. Die Anschuldigung kam so unerwartet, dass sie einen Moment die Luft anhielt und dann sofort gegen die Schuldgefühle ankämpfte, die in ihr aufstiegen.

Sie hatte sich noch nicht ganz wieder unter Kontrolle, als Mark den Blick von seinem Glas hob.

„Ist dir mal die Idee gekommen, dass du nicht der einzige Mensch auf der Welt bist, der Nate geliebt hat, Lauren?“

Auf Spott und Beleidigungen war sie eingestellt gewesen, aber nicht auf so offene Worte, aus denen ganz unverhohlen auch Marks Schmerz klang. Sie hätte nicht gedacht, dass unter seiner großspurigen Art eine derartige Verletzlichkeit lag. Sofort empfand sie Nachsicht mit ihm, erst dann fiel ihr wieder ein, wer er war. Vielleicht war er früher einmal verletzlich gewesen, aber das war lange her. Einerseits hasste sie ihn, weil er sich zu dem Menschen entwickelt hatte, der er jetzt war, aber viel mehr noch hasste sie sich selbst, weil sie in jener einen Nacht in seinen Armen schwach geworden war.

„Mir ist aufgefallen“, sagte sie und bemühte sich dabei um einen möglichst gelassenen Tonfall, „dass so viele falsche Dinge auf der Welt passieren und nur so wenig richtige.“

Einen Moment blickte Mark sie aus seinen dunkelblauen Augen eisig an, und sie stellte wieder einmal fest, wie sehr sich diese Augen von Nates sanften grünen unterschieden. Dann wandte er den Blick ab und sah wieder zu seinem Brandy. „Das soll wohl heißen, wie schade du es findest, dass nicht ich anstelle von Nate umgekommen bin.“

Es herrschte Stille, und Lauren wusste sehr genau, dass sie jetzt eigentlich widersprechen sollte.

So hatte sie es nicht gemeint, aber sie brachte es nicht fertig, ihm zu sagen, dass er sich irrte. Niemals würde sie ihm den Tod wünschen. Aber sie schaffte es nicht, ihren eigenen Kummer lange genug zu vergessen, um seinen zu lindern.

Sie fühlte sich kalt wie ein Stein, während sie Mark dabei beobachtete, wie er den letzten Schluck von seinem Drink trank. Ihr war klar, dass sie ihn durch ihr Schweigen ins Grübeln brachte, und sie konnte seine Gedanken lesen, als würde er sie laut aussprechen. Ich war immer derjenige, der das riskante Leben geführt hat. Immer wieder bin ich dem Tod von der Schippe gesprungen. Nate hat nicht einmal ein Strafmandat wegen überhöhter Geschwindigkeit bekommen. Trotzdem war er zur falschen Zeit am falschen Ort und ist wegen eines betrunkenen Autofahrers ums Leben gekommen.

Immer tiefer versank sie in ihren Schuldgefühlen und senkte den Kopf. Sie hatten Nate beide verloren, das stimmte. Ganz unvermittelt kamen die tiefen Gefühle zurück. Liebe, Sehnsucht und der schreckliche Verlust.

Doch Mark erschreckte sie mehr als all diese Empfindungen, von denen sie geglaubt hatte, sie habe sie zusammen mit Nate begraben. Mark weckte Erinnerungen an damals. Und gleichzeitig ließ er sie bestimmte Dinge vergessen.

Zum ersten Mal seit drei Monaten dachte sie nicht ausschließlich an Nate, dabei fühlte sie sich noch nicht imstande, sich innerlich von ihm zu lösen. Und sie wollte auch nicht nett und höflich sein, wenn dieser Schmerz sie innerlich zerfraß.

Sie atmete tief durch, bewahrte mühsam die Fassung und sträubte sich gegen die Erkenntnis, wie unhöflich sie sich benahm. Auf Marks durchdringenden Blick achtete sie gar nicht. Er durfte nicht erkennen, was er in ihr auslöste, nur weil er hier auftauchte und sie ihn wieder sah. Erst recht durfte er nicht erfahren, was für ein riesiges Problem Nate ihr hinterlassen hatte. Für dieses Problem wusste Lauren beim besten Willen keine Lösung.

Sie sah, wie Mark zum Fenster ging und nach draußen in die Dunkelheit blickte. In der angespannten Stimmung war nur das Ticken der Wanduhr zu hören. Endlich sagte er wieder etwas.

„Deine Mutter hat mich angerufen.“

Lauren straffte die Schultern und sah auf ihre krampfhaft gefalteten Hände. Allmählich begriff sie, wieso er hier war. „Es tut mir leid, wenn sie dich genervt hat.“

„Sie macht sich eben Sorgen um dich.“

„Und da schickt sie ausgerechnet dich?“ Ohne es zu wollen, musste sie lachen. Langsam blickte sie zu ihm. Ihr Lachen klang schrill, und es erstarb ganz plötzlich. „Ist das nicht so, als würde man den Bock zum Gärtner machen?“

Er lächelte, aber seine Augen blickten ernst. „Deine Mutter ist eine sehr bemerkenswerte und liebenswert naive Frau, die anscheinend niemals die Klatschpresse liest und nichts auf Gerüchte gibt. Irgendwie hat sie es geschafft, mich so in Erinnerung zu behalten, wie ich mit zwölf war.“

Die schöne Erinnerung an diese Zeit ließ Lauren flüchtig lächeln. Es war seit Langem der erste schöne Gedanke, und sie genoss den Augenblick. „In dem Jahr hast du ihre Katze von dem Baum im Vorgarten geholt.“

„Damals war ich ein richtiger Pfadfinder.“ Spöttisch hob er das Glas und trank noch einen Schluck.

Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen, dann blickte er Lauren prüfend an. „Was ist denn nun los, Lauren? Sie sagt, dass du nicht isst, und das glaube ich sofort. Anscheinend schläfst du auch kaum. Du siehst wie ein Gespenst aus.“

Sofort keimte Wut in ihr auf. „Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wo die ganzen Frauen, die du in dein Bett lockst, bei dir den Charme entdeckt haben wollen.“ Genauso unbegreiflich war ihr, wie er es schaffte, sie von einem Moment zum anderen in Rührung und dann wieder in Zorn zu versetzen. In den vergangenen Monaten hatte sie entweder Schmerz, Panik oder schlichtweg gar nichts empfunden.

Durchdringend hielt er ihrem Blick stand. „Hier geht es nicht um mich und meine Liebschaften. Wir sprechen von dir, Lauren.“ Er kam durch das Zimmer und setzte sich zu ihr auf das Sofa. „Was, um Himmels willen, tust du dir an?“

Nur undeutlich nahm sie wahr, dass die Knöchel ihrer Hände weiß hervortraten, so krampfhaft hielt sie die Finger verschränkt. Ja, was tat sie sich an? Sie wollte überleben, indem sie alles von sich fernhielt, was Gefühle in ihr weckte, denn sobald sie sich Empfindungen gestattete, wurde der Schmerz unerträglich. Also tat sie das Einzige, was in ihrer Macht stand. Sie kapselte sich innerlich ab.

„Was ich mit meinem Leben anstelle, geht dich nichts an.“

Auch ohne ihn anzusehen, wusste sie, dass er sie mit seinem Blick bedrängte, ihm weitere Erklärungen zu liefern und bei ihm Halt zu suchen, obwohl dies das Letzte war, was sie tun durfte. Niemandem konnte sie erzählen, in was für Schwierigkeiten Nate sie gebracht hatte. Besonders Mark durfte sie nichts davon sagen.

Als er die Hand nach ihr ausstreckte und sie berührte, zuckte sie zurück. Mark unterdrückte einen Fluch, presste die Lippen aufeinander und drehte Lauren dann sanft, aber unnachgiebig an der Schulter zu sich, damit sie ihn ansah.

„Nate ist tot, Lauren.“

Wie konnte seine Stimme bloß so zärtlich klingen, wenn seine Worte so gnadenlos waren? Lauren wollte sich seinem Griff entziehen, doch er hielt sie fest und zwang sie, ihm zuzuhören.

„Wenn ich ihn zurückbringen könnte, würde ich es tun. Wenn es etwas nützen würde, diesen versoffenen Dreckskerl zu verfolgen, der ihn von der Straße gedrängt hat, dann wäre ich sofort unterwegs. Aber dadurch kommt Nate nicht zurück. Und du kannst genauso wenig wie ich etwas daran ändern.“

Ihr wurde die Kehle eng, ähnlich wie in den Albträumen, die sie so oft aus dem Schlaf schreckten. Polizisten hatten spätabends an ihrer Tür geklingelt, um ihr die traurige Nachricht zu überbringen, und im ersten Moment hatte sie es nicht glauben wollen.

Dann war der Kummer wie eine Sturzwelle über ihr zusammengeschlagen.

Verzweifelt wollte sie diese Gedanken verdrängen. Sie wand sich aus Marks Händen und rückte von ihm ab, obwohl seine Berührung seltsamerweise keinen Hass in ihr weckte. Vielmehr sehnte sie sich nach dieser Berührung wie nach dem nächsten Atemzug.

Zitternd stand sie auf und ging unsicher zur Bar. Plötzlich wurde ihr übel und schwindelig. Seit der Beerdigung ging das jetzt so.

Sie schwankte leicht, und wie aus weiter Ferne hörte sie, dass Mark ihren Namen rief. Durch den Nebel ihrer Benommenheit sah sie, wie er vom Sofa aufstand. Deutlich sah sie, dass er die Lippen zu einem Fluch formte, doch sie hörte keinen Ton von ihm. Obwohl sie alles wie in Zeitlupe erlebte, erkannte sie, dass er durch das Zimmer hastete. Und dann spürte sie seine starken Arme um sich. Lauren schloss die Augen und verlor das Bewusstsein.

Eine Ohnmacht war ein leichter Ausweg, und Lauren sehnte sich danach. Fast absichtlich ließ sie sich in die Besinnungslosigkeit fallen. Von ihrer Umwelt nahm sie nichts mehr wahr, abgesehen von Marks Rasierwasser und der Wärme seines Körpers. Die entsetzlichen Erinnerungen ließen sich leider nicht so leicht abstreifen.

„Immer mit der Ruhe, Lauren, ich halte dich.“

Sie holte tief Luft und verfluchte die Übelkeit, die sie wieder ins Bewusstsein zurückriss. Mit beiden Händen wollte sie sich von Mark abstoßen, doch dafür war sie im Moment viel zu schwach. „Lass mich los.“

„Erst wenn du nicht mehr schwankst.“

„Bitte lass mich los. Mir ist schrecklich übel.“

Nur eine Sekunde lang zögerte er, dann hob er sie auf die Arme. Prüfend sah er sich nach einem Bad um und trug sie zur Toilette.

Sie schafften es gerade rechtzeitig. Lauren sank auf die Knie und übergab sich. Im Moment hatte sie keine Zeit, verlegen zu werden, und dankbar ließ sie sich von Mark den Kopf stützen und sich das Haar aus der Stirn schieben. Sanft rieb er ihr den Nacken und tröstete sie mit leisen Worten. Währenddessen gab Lauren das Wenige, was sie gegessen hatte, wieder von sich.

Als alles vorüber war, brachte sie nicht die Kraft oder den Stolz auf, Mark zum Gehen zu bitten. Sie sank auf dem Boden zusammen und lehnte sich erschöpft an den Wannenrand, während Mark in ihren Schubladen suchte, bis er einen Waschlappen fand, den er unter das kalte Wasser halten konnte.

„Das macht auf mich aber gar keinen guten Eindruck, mein Mädchen.“ Er hockte sich neben sie und presste ihr den nassen kalten Waschlappen an die Stirn. Sorgenvoll blickte er sie an. „Was geschieht mit dir?“

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