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Mauerträume

Als Buch hier erhältlich:

Ihre Träume lassen sich nicht einmal von einer Mauer stoppen

Sommer 1975 in Ost-Berlin. Anni und ihre Familie leben in der DDR. Als Anni ihre Tante Gundula wie so oft zum Grenzübergang Tränenpalast begleitet, verliert sie ihr geliebtes Notizbuch. Der Finder des Büchleins ist Emil, ein junger Mann aus dem Westen, der ab und an beruflich nach Ost-Berlin reist. Um ihr Notizbuch wiederzubekommen, lässt Anni sich auf eine Verabredung mit ihm ein. Dabei hat sie sich geschworen, nie so eine zu werden, die sich einem Westdeutschen an den Hals wirft.

Annis Schwester Paula, deren größter Wunsch das Abitur ist, beginnt derweil für ihren Lehrer zu schwärmen. Als sie von der Stasi ein unmoralisches Angebot bekommt, gerät sie in eine Zwickmühle. Nachdem Tante Gundula schwer erkrankt und die Gefühle für Emil trotz ihres Vorsatzes immer stärker werden, wächst in Anni der Wunsch auf ein Leben im Westen. Doch wie kann sie die Mauer überwinden? Und ist sie überhaupt bereit dazu, ihre Familie und vor allem ihre Schwester zurückzulassen?


Ein packendes Buch über ein Leben im Osten und dem Wunsch nach einem im Westen


  • Erscheinungstag: 27.12.2023
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749906376
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

In Gedenken an meine »Oma Köpenick«.
Das Füttern der Schwäne am Müggelsee gehört zu meinen liebsten Kindheitserinnerungen.

Anni – Juni 1975

Ein Blick auf die Uhr verriet Anni, dass ihre Tante Gundula sich verspätete. Mal wieder. Sie liebte es, andere auf sich warten zu lassen. Das wusste Anni. Was sie jedoch nicht wusste, war, warum sie das tat. War es der von ihrem ehemaligen Staatskundelehrer viel beschrieenen westdeutschen Arroganz zuzuschreiben? Oder lag es einfach nur daran, dass sie bereits steinalt war, wie Annis sechs Jahre jüngere Schwester Paula es einmal ausgedrückt hatte, und sich deshalb um Pünktlichkeit nicht mehr scherte?

Jedenfalls war es bereits kurz vor halb fünf, und von ihrer Tante war weit und breit immer noch nichts zu sehen, obwohl sie sich für vier Uhr angekündigt hatte.

Ungeduldig wippte Anni von einem Fuß auf den anderen, während sie den Ausgang des Bahnhofs Friedrichstraße nicht aus den Augen ließ. Hin und wieder öffnete sich die schwere Schwingtür, sodass sie die kleinen Kabinen erspähen konnte, in denen die Pässe der Ankommenden kontrolliert wurden. Dahinter ging es zu den Gleisen, die sich aus Westen kommend durch die Stadt bis hierher schlängelten.

Es war nicht so, dass Anni irgendetwas vorhatte. Ihre Schicht im Rübezahl war längst zu Ende. Nur selten ging sie danach noch aus. Ihre alten Schulfreundinnen waren verheiratet und beschäftigt damit, Arbeit, Haushalt und Kinder unter einen Hut zu bringen. Für einen Schwedeneisbecher, eine Berliner Weiße oder gar einen Ausflug in ein Berliner Tanzlokal hatten sie da nur wenig Zeit. Außerdem hatte Gundulas Verspätung auch etwas für sich. Je später ihre Tante kam, desto kürzer würde ihr Besuch ausfallen.

Jeden Dienstag beantragte ihre Tante ein Tagesvisum, fuhr mit der S-Bahn von Charlottenburg zum Grenzübergang Friedrichstraße, bezahlte den Eintritt – so wurde der Zwangsumtausch von zehn DM inoffiziell genannt – und ließ sich einen weiteren Stempel in ihren bundesdeutschen Ausweis geben, um ihre Verwandtschaft im Osten der Stadt zu besuchen. Niemand schien diese Besuche recht zu mögen, nicht einmal Tante Gundula. Und doch gehörten sie zum Alltag der Familie Behrendt wie das rote Halstuch zum Thälmannpionier.

Da endlich trat sie aus dem Gebäude heraus. Tante Gundula war eher von kleiner Statur, und doch sah Anni sie sofort. Mit festen Schritten kam sie auf ihre Nichte zugelaufen. Die Pfennigabsätze klackerten auf dem Bürgersteig. Sie trug einen mintgrünen Trenchcoat, den Gürtel fest um ihre schmale Taille geknotet. Darunter lugte ein halblanger Tellerrock hervor, dessen sonnengelber Stoff seidig glänzte. Stets war ihre Tante für diesen Teil der Stadt viel zu auffällig gekleidet. Offensichtlich genoss sie es, der Pfau unter den Graugänsen zu sein.

Ganz unwillkürlich zuppelte Anni an ihrem dunkelgrünen Parka herum. Den hatte sie schon damals getragen, als sie ihren ersten Kuss bekommen hatte. Martin hieß der Junge. Er hatte ihr im letzten Schuljahr auf der Maiparade hinter einer Tribüne einen ziemlich feuchten Schmatzer aufgedrückt. Die Jacke wurde ihr ständiger Begleiter, Martin hatte sie danach nie wieder gesehen.

Aber auch sonst machte Anni sich nicht sonderlich viel aus ihrem Äußeren. Die braunen, schulterlangen Haare trug sie meist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre Röcke, Blusen und Bundhosen wählte sie eher nach Bequemlichkeit aus als nach Optik. Doch ohnehin war es in der DDR ein schwieriges Unterfangen, aus der Masse herauszustechen, wenn man seine Kleidung nicht selbst nähte.

In der Hand trug Gundula einen schlichten braunen Koffer, dessen Leder etwas verschlissen war. Das Gepäckstück passte so gar nicht zu ihrem sonstigen Kleidungsstil. Bei ihren Besuchen hatte sie ihn aber immer bei sich. Anni wusste genau, was darin war.

Als Gundula ihr zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange drückte, konnte Anni den Zigarettenrauch riechen, der ihre Tante umgab. Es war kein unangenehmer Geruch, eher kräftig, würzig und irgendwie mondän. So musste es im Westen überall riechen, jedenfalls nach Annis Vorstellung. Bevor sich ihre Tante wieder entfernte, atmete sie den Duft noch einmal kurz ein.

»Wie war die Fahrt?«, fragte Anni dann, ohne darauf hinzuweisen, dass sie bereits eine halbe Stunde auf sie gewartet hatte.

»Lang!«, antwortete Gundula und ging nicht weiter darauf ein. Anni kannte Westberlin nur aus dem Erdkundeatlas. Dort war der für sie unbekannte Teil der Stadt nur als grauer Fleck abgebildet. Dieser erschien auf der Karte jedoch nicht sonderlich groß. So lange konnte sie also gar nicht unterwegs gewesen sein. Doch Anni schwieg lieber und setzte sich in Bewegung. Ihre Tante folgte ihr.

Nach einer kurzen Fahrt mit der Straßenbahn betraten Anni und Gundula wenig später die Wohnung. Paula fläzte in der Wohnstube in dem alten Ohrensessel, der am Fenster stand. Die Beine über die Armlehne baumelnd, vergrub sie ihr Gesicht hinter einem Buch. Als Tante Gundula hereintrat, sah sie kaum auf.

»Hat sich ja nichts verändert!«, murrte Gundula, während sie sich umsah.

»Du warst ja auch erst letzte Woche da«, antwortete Paula, ohne von ihrem Buch aufzublicken.

Da trat Annis Mutter Marlies mit einer Schale aufgeschlagener Sahne herein. »Was soll sich denn auch ändern?«, fragte sie, während sie ihre Schwägerin im Vorbeigehen kurz zur Begrüßung an sich drückte.

Tatsächlich sah die Stube noch genauso aus wie damals, als sie nach Paulas Geburt die Altbauwohnung mit drei Zimmern im Bezirk Friedrichshain zugeteilt bekommen hatten. An den raufasertapezierten Wänden hingen kleine Landschaftsaquarelle, die ihre Mutter aus ihrer alten Heimat Vorpommern mitgebracht hatte. Das Sofa mit dem groben, geblümten Stoff und den hölzernen Armlehnen stand unter dem großen Sprossenfenster, mit Aussicht auf den Volkspark. Ein bunter Flicken auf dem mittleren Sitzpolster erinnerte an einen der wenigen Momente der geschwisterlichen Einigkeit. Denn nur in zwei Dingen waren sich Anni und Paula ähnlich: in ihrer Vorliebe für alles, was aus Schokolade war, und ihrer grenzenlosen Neugier. Das Sitzpolster hatten sie versehentlich angezündet, als sie in die alte Pfeife ihres Vaters ein paar zuvor gepflückte Gänseblümchen gestopft hatten, um zu sehen, ob auch diese brannten.

Auf der anderen Seite der Stube stand die große Vitrine, die das gute Kaffeeservice beherbergte. Annis Eltern hatten es zur Hochzeit geschenkt bekommen. Doch nicht einmal zu Weihnachten oder zur Jugendweihe der Töchter wurde es herausgeholt, damit auch ja nichts davon zerbrach.

»Außerdem mag ich unser kleines Zuhause«, fuhr ihre Mutter fort. »So viele Erinnerungen hängen an den Möbeln. Die Mädchen sind hier groß geworden …«

»… und werden euch hier noch auf der Pelle hängen, wenn sie so alt und grau sind wie ich«, unterbrach Gundula.

Ihre Mutter stellte die Sahne auf dem Tisch in der Nische ab, die an die Stube grenzte. »Spätestens wenn sie heiratet, wird Anni wohl eine Wohnung bekommen.«

»Dann muss ich mir ja noch ewig und drei Tage ein Zimmer mit ihr teilen«, meinte Paula und seufzte. »Sie hat ja noch nicht mal einen Freund!«

»Du kannst doch nach der Schule heiraten und ausziehen«, schlug Anni vor, die ihrer Tante den Koffer abgenommen hatte und ihn neben der Vitrine abstellte.

»Ich heirate nicht!«

Anni grinste. »Dann ist unser Schicksal wohl besiegelt.«

Paula streckte ihr die Zunge heraus.

»Bisher fühlen wir uns hier wohl. Wir alle. Nicht wahr, Anni?«, beschwichtigte Marlies und warf ihrer ältesten Tochter einen auffordernden Blick zu.

»Äh … ja, klar!« Was sollte sie auch anderes antworten, mit der mütterlichen Pistole auf der Brust. Tatsächlich hätte Anni nichts dagegen, endlich auf eigenen Beinen zu stehen. Sie war auch schon bei der Wohnungsgenossenschaft gewesen, dort hatte man sie jedoch nur vertröstet. Noch immer war Wohnraum Mangelware. Genauso wie Orangen, Bananen und Elektronikgeräte.

Geschickt wechselte ihre Mutter das Thema. »Darf ich dir den Mantel abnehmen?«, fragte sie ihre Schwägerin. Gundula nickte und zog den Mantel aus. Marlies ging zu ihr hinüber und nahm ihr das Kleidungsstück ab. Fast unbemerkt strich sie kurz über den feinen Stoff, bevor sie im Flur verschwand, um den Mantel in die Garderobe zu hängen.

Ihre Tante setzte sich an den Tisch, der an die Stube grenzte und in dessen Mitte ein üppiger Blumenstrauß stand. Ihre Mutter liebte frische Blumen. Wann immer ihr danach war, ließ sie sich einen Strauß beim Floristen binden.

Der Tisch war bereits eingedeckt, für vier Personen. Gundula blickte auf. »Und Georg?«, fragte sie mit hochgezogener Augenbraue.

Marlies, die die Stube wieder betreten hatte, unterdrückte einen leisen Seufzer. Sie setzte sich zu Gundula an den Tisch, rückte die Servietten auf den Tellern noch einmal zurecht. »Hat noch etwas länger in der Werkstatt zu tun. Aber ich soll dich schön gr…«

»Ja, ja!«, unterbrach Gundula. »Du brauchst nicht für ihn zu lügen. Das hat er nicht verdient, der feige Hund!«

Ihre Mutter verstummte sofort, während sich Anni und Paula, die sich mittlerweile ebenso zum Esstisch bequemt hatten, einen Blick zuwarfen.

Schon solange Anni zurückdenken konnte, drückte sich ihr Vater um die Besuche seiner Schwester. Wenn sie sich ankündigte, blieb er oft länger in der kleinen Schusterei, die seit zwei Generationen in Familienbesitz war, oder er machte einen Abstecher in seine Lieblingskneipe.

Warum er seiner eigenen Schwester so vehement aus dem Weg ging, wusste Anni nicht. Doch Gundula ließ es sich nicht nehmen, sich jedes Mal aufs Neue nach seinem Verbleib zu erkundigen, wohl wissend, dass sie ihre Schwägerin damit in Erklärungsnot brachte.

Ihre Tante zog eine Zigarette aus ihrem silbernen Etui und zündete sie sich an. Es war kein Geheimnis, dass ihre Mutter es nicht mochte, wenn in der Wohnung geraucht wurde. Doch diese blieb stumm, und das nicht nur, weil sie augenscheinlich immer noch das schlechte Gewissen über das Fernbleiben ihres Mannes plagte. Sie hatte schon vor längerer Zeit aufgehört, dagegen anzureden. Ihre Tante tat ja doch, was sie wollte.

»Bereit für die Bescherung?«, fragte Gundula schließlich, nachdem sie den ersten Zug ihrer Zigarette genommen und den Qualm genüsslich über ihre Köpfe hinweg ausgeblasen hatte.

Paula straffte ihren Rücken und legte nun endlich ihr Buch beiseite. Auch wenn die Besuche der Tante nicht unbedingt zu den größten Annehmlichkeiten gehörten, wogen die Westprodukte und Geschenke, die sie mitbrachte, ihre schroffe Art auf. Ein wenig zumindest, und so holte Anni zügig den Koffer und stellte ihn auf dem Tisch ab. Natürlich war sie neugierig, was dieses Mal drin war.

Schon beim Öffnen des Gepäckstücks zog ein feiner Duft von Kaffee, Kakao und Seife durch die Stube. Anni schloss kurz ihre Augen und konnte sich gar nicht daran sattriechen.

Gundula legte ein kleines Päckchen Kaffee sowie drei Tafeln Schokolade neben den Koffer auf den Tisch. Mehr waren nicht erlaubt. Anni und Paula griffen sofort nach der Schokolade, jede schnappte sich eine Tafel. Um die dritte zankten sie sich, bis ihre Mutter beiden einen mahnenden Blick zuwarf. Anni gab schließlich nach, und das nicht nur, weil sie die Ältere war und ihrem Empfinden nach durchaus auch die Vernünftigere. Sie mochte vor ihrer Tante auch nicht allzu gierig wirken. Paula hingegen öffnete sofort das feine Silberpapier und schob sich die ersten drei Schokoladenstücke in den Mund. »Es gibt doch gleich Kuchen!«, mahnte ihre Mutter. Doch Paula zuckte nur mit den Schultern und ließ auch das vierte Stück in ihren Mund wandern.

Dann holte Gundula aus dem Koffer ein Stück Seife, zwei Packungen Earl Grey, ein Buch sowie fünf Packen Feinstrumpfhosen heraus, die ihre Mutter an sich nahm.

»Größe 42, das war doch richtig, oder?«, versicherte sie sich noch einmal.

Marlies nickte.

Gundula musterte ihre Schwägerin kurz und hob dann eine Augenbraue. »Hat die DDR die Lebensmittelversorgung etwa endlich in den Griff bekommen?«

»Bei uns gibt es alles, was nötig ist. Außerdem mag ich es nicht, wenn die Strumpfhosen zu eng sitzen.«

»Wie du meinst«, entgegnete ihre Tante nur. Sie ließ es sich jedoch nicht nehmen, einen kleinen abschätzigen Blick in Marlies’ Richtung zu schicken.

Paula schnappte sich das Buch. Doch als sie sah, dass es ein Liebesroman war, warf sie die gebundene Ausgabe sogleich zurück auf den Tisch. »Wieder ’ne Schmonzette. Tante Gundula, so was lese ich nicht. Das weißt du doch. Die Dinger sind so seicht und unpolitisch. Für ein paar Groschen gibt’s die hier in jedem Konsum.«

»Gib her, ich lese alles!«, sagte Anni und nahm das Buch.

»Ach, ja? Deine Nase steckt doch sonst immer nur in deinem Notizbuch. Ständig krakelst du darin herum.«

Anni trat unter dem Tisch mit ihrem Fuß einmal kurz gegen Paulas Schienbein. Die jaulte vor Schmerz auf. Geschah ihr recht, wie Anni fand.

»Du schreibst?«, horchte ihre Tante auf.

Doch Anni schüttelte schnell den Kopf. »Nur die Bestellungen der Gäste im Rübezahl«, wiegelte sie Gundulas Interesse so überzeugend wie möglich ab. Hin und wieder schrieb sie tatsächlich etwas in ihr Notizbuch, das sie immer bei sich trug. Gedanken, Ideen, manchmal auch Gedichte. Aber viel lieber zeichnete sie, hielt so Erinnerungen fest, kleine Beobachtungen oder Porträts von Menschen, denen sie flüchtig begegnet war. Doch all das musste ihre Tante ja nicht wissen. Und erst recht nicht ihre naseweise Schwester.

Bevor Gundula weiter nachhaken konnte, stutzte Paula, als sie noch einmal in den Koffer sah. »Was ist das?« In die hinterste Ecke war ein kleines Fläschchen gerutscht. Sie holte es heraus und musterte das Etikett. »47-11. Echt Kölnisch Wasser«, las sie vor. »Was ist das denn? Wasser haben wir hier auch. Sogar aus dem Hahn.«

»Das hab ich im KaDeWe gekauft.«

Paula rutschte auf ihrem Stuhl ein wenig vor und sah ihre Tante neugierig an. »Im Kaufhaus des Westens?«

Gundula nickte. »In der Parfumabteilung. Es ist ein Rasierwasser für Georg«, erklärte sie.

Marlies’ Miene fror kurz ein, wie der Fluss Wuhle im Februar. Dann setzte sie ein Lächeln auf, das verlegener wirkte, als sie vermutlich wollte. Sie nahm den Flakon und öffnete ihn vorsichtig. Anni stieg der Geruch von Bergamotte und Lavendel sofort in die Nase. Ihre Mutter atmete den Duft ebenso ein. »Danke! Georg wird sich bestimmt freuen.«

»Na, wer weiß«, gab Gundula knapp zurück.

Die Stimmung, die eben noch ganz heiter schien, war nun wieder gedrückt.

Tante Gundula wollte wohl auch dieses Mal keine Gelegenheit auslassen, um ihre Schwägerin in Verlegenheit zu bringen. Kurz überlegte Anni, wie sie ihrer Mutter helfen konnte. Vielleicht war es Zeit, endlich zum unverfänglichen Teil des Nachmittags überzugehen. Entschlossen sah Anni ihre Tante an und lächelte. »Kirschkuchen?«

Paula

Paula kämpfte dagegen an. Doch sie konnte sich ein Gähnen einfach nicht verkneifen. Sogleich warf ihre Mutter ihr einen strafenden Blick zu. Paula rutschte auf ihrem Stuhl ein Stück tiefer und schob das Kartenblatt, das sie in der Hand hielt, vors Gesicht.

Nachdem sie den guten Westkaffee getrunken sowie Muttis selbst gebackenen Kuchen gegessen, anschließend den Tisch abgeräumt und den Abwasch gemacht hatten, hatte Anni die Spielkarten aus der kleinen Kommode geholt. Wie immer, wenn Tante Gundula zu Besuch war, klopften die Frauen bei einem Gläschen Eierlikör und Traubensaftschorle Geberskat, eine Skatvariante für vier Personen, bei der ein Spieler pro Runde aussetzte. Beim Kartenspielen musste man nicht allzu viel reden, was wohl allen Beteiligten ganz recht war.

Während ihre Mutter diese Runde pausierte, war Anni an der Reihe anzusagen. Und wie bei allem ließ sich ihre Schwester auch beim Kartenspielen verdammt viel Zeit. So viel Zeit, dass Paula vor Langeweile ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle hatte.

»Achtzehn!«, sagte Anni irgendwann endlich.

Gundula nickte.

»Zwanzig!«

»Jawohl!«, schob ihre Tante hinterher.

»Zwo!«

Gundula lächelte süffisant.

»Drei?«, fragte Anni nun immer unsicherer werdend.

Gundula schaute ihre Nichte herausfordernd an, während sie den Filter ihrer aufgerauchten Zigarette im Kristallaschenbecher wie eine lästige Fliege unter ihrem Daumen zerquetschte. Dann nickte sie, ihr siegessicheres Lächeln immer noch auf den Lippen tragend.

Anni legte nun den Kopf schief, blickte in ihre Karten und überlegte erneut.

Paula konnte sich ein Augenrollen nicht verkneifen. Zum Glück schob sie dieses Mal rechtzeitig ihre Karten vors Gesicht, sodass ihre Mutter es nicht sah.

Paula hasste die Besuche ihrer Tante. Sie konnte sich weiß Gott etwas Besseres vorstellen, als in der Stube zu hocken, um im Dunst des Zigarettenqualms ihrer Tante auf einen Kreuzbuben zu hoffen. Viel lieber wäre sie jetzt im Park, auf einer Decke liegend, die Füße im Gras, und die Nase tief in Christa Wolfs Der geteilte Himmel vergraben. Oder am Kleinen Müggelsee – nicht am Großen, der ist bereits zu dieser Jahreszeit viel zu überfüllt – barfuß am Ufer stehend, den großen Zeh schon mal probehalber ins Wasser steckend. Oder sie würde sich mit ihrer Freundin Moni treffen. Vielleicht am Alexanderplatz, um sich unter dem Fernsehturm von ihrem durchs Altpapiersammeln gesparten Geld ein Softeis zu kaufen. Selbst für die Biologiearbeit, die morgen anstand, würde sie jetzt lieber lernen.

Anni seufzte und gab sich geschlagen. »Bitte, dann spiel, Tante Gundula!«

Gundula lächelte wieder. Dann schaute sie kurz zu Paula. Doch die schüttelte sogleich abwehrend den Kopf. Zwar kannte sie ihre Tante gut genug. Nur weil sie hoch pokerte, musste das nicht unbedingt heißen, dass sie auch ein gutes Blatt besaß. Im Schwindeln konnte ihrer Tante niemand das Wasser reichen. Doch Paula war von dem Spiel viel zu gelangweilt, als dass sie selbst aktiv werden wollte.

Sogleich warf ihre Tante die erste Karte auf den Tisch. Herzass! Anni und Paula mussten bedienen. Paula legte eine Neun, ihre Schwester einen König. So würden sie auf keinen Fall gewinnen.

»Wie läuft es in der Schule, Paula?«, fragte Gundula, als sie das nächste Ass auf den Tisch legte.

»Gut«, erwiderte sie knapp.

»Sie ist Klassenbeste!«, schwärmte ihre Mutter, die das Spiel aufmerksam verfolgte, während sie an ihrem Eierlikör nippte. »Ihr neuer Klassenlehrer Herr Wagner spricht in den höchsten Tönen von ihr.«

»Mutti!« Paula stöhnte und wurde auch ein bisschen rot. Sie strafte ihre Mutter mit einem Seitenblick.

Anni konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Offensichtlich war sie froh, dass ihre Mutter es aufgegeben hatte, mit ihr anzugeben. Anni arbeitete als Kellnerin in einem Biergarten am Müggelsee. Eine Anstellung, die in Paulas Augen nicht langweiliger hätte sein können. Doch Anni schien zufrieden, zumindest beschwerte sie sich nie. Allerdings hätte das auch nichts gebracht, denn in der DDR war es schwerer, die Arbeitsstelle zu wechseln, als eine Ferienunterkunft an der Ostsee zu ergattern.

»Ist doch so!«, fuhr Marlies unbeirrt fort. »Die Sabine, die Tochter unseres Nachbarn«, fügte sie erklärend hinzu, »die ist nicht annähernd so klug wie unsere Paula.«

»Muss sie ja auch nicht. Ihr Vater ist ja klug, zumindest was die Wahl seiner Freunde angeht … bei der Stasi«, entgegnete Anni so trocken, dass selbst ihrer Mutter eine beschwichtigende Antwort im Hals stecken blieb.

Paula hingegen prustete lautstark los, sodass ihre dunkelbraunen Locken, die sie wie so oft offen trug, wackelten. Auch über Tante Gundulas Gesicht huschte ein Schmunzeln. Ihre Schwester zeichnete sich sonst nicht unbedingt durch Witz und Redegewandtheit aus. Aber wenn sie mal verbal ausholte, dann saß es.

Auf der Stirn ihrer Mutter zeichnete sich deutlich eine kleine Zornesfalte ab, sodass Anni und Paula schließlich verstummten. Paula konzentrierte sich wieder auf die Karten in ihrer Hand. Gundula legte das dritte Ass in Folge aus. Diese Runde war jetzt schon verloren.

»Wirst du denn aufs Gymnasium gehen?«, fragte Gundula, in ihre Richtung blickend, nach einer kurzen Pause.

Ihre Tante konnte es einfach nicht lassen. Doch so war sie. Wenn sie sich an einem Thema festgebissen hatte, ließ sie wie ein Schäferhund einfach nicht locker. Zum Glück übernahm ihre Mutter das Antworten.

»Erweiterte Oberschule heißt das bei uns. Das wissen wir noch nicht. Nach der achten Klasse erfolgt der Wechsel. Wir haben aber noch keine Zusage.«

»Wie viele werden zugelassen?«, erkundigte sich ihre Tante weiter.

»Knapp zehn Prozent«, klärte Anni sie auf. »Vor sechs Jahren bei mir in der Klasse durften nur zwei Mitschüler auf die EOS wechseln.«

Ihre Mutter legte die Hand auf den Arm ihrer älteren Tochter. »Du hättest es damals auch verdient gehabt.«

»Schon gut. Ich bin zufrieden«, entgegnete sie, und Paula war sich dabei nicht so sicher, ob sie es wirklich ernst meinte. Eigentlich hatte ihre Schwester gerne Kunstgeschichte studieren wollen, wie sie einmal erzählt hatte. Doch Anni verzog keine Miene.

»Als Kellnerin? Wie kannst du zufrieden sein, anderen das Essen hinterherzutragen? Man sollte immer nach Höherem streben«, mischte sich Gundula sogleich ein. In ihrer Stimme lag eine Spur Abfälligkeit, die Anni zusammenzucken ließ. Doch sie schwieg, sodass Gundula nur seufzte. »Ein Jammer, dass Bildung in eurem Land so kleingeredet wird.«

Paula nickte nur knapp und dachte an die letzte Begegnung mit Schuldirektor Herold zurück. Er war in ihre Klasse gekommen, hatte den Blick schweifen lassen und dann drei Namen aufgerufen. Drei! Sabine, Michael und Gerd. Ihr Name war nicht dabei gewesen, was sie natürlich tief enttäuscht hatte. Die Mitschüler waren dem Rektor ins Sekretariat gefolgt und hatten in Einzelgesprächen erfahren, dass sie für die EOS in Erwägung gezogen wurden. Das hatte ihr Sabine später brühwarm erzählt. Geplatzt war sie dabei fast vor Stolz, was Paula innerlich zum Kochen gebracht hatte. Den Rest des Tages hatte Sabine ihre Nase dementsprechend ein Stück höher getragen als alle anderen. Paula würde es nicht verwundern, wenn sie sich da oben in luftiger Höhe nicht einen Schnupfen zugezogen hatte. Wünschen würde sie es ihr zumindest. Ihre Wut über die Ungerechtigkeit war auch jetzt noch nicht verflogen.

Tante Gundula legte eine Karodame auf den Tisch. Paula kam mit dem König drüber, weshalb der Stich an sie ging. Vielleicht war das Spiel doch noch nicht verloren. Paulas Ehrgeiz war zumindest geweckt.

Anni

Die schweren Räder der Straßenbahn ratterten auf den Schienen. Längst war es Abend geworden. Das Grau der mehrstöckigen Altbauten, die sich entlang der Straße aneinanderreihten, schimmerte matt im sparsamen Schein der Laternen. Die Gardinen hinter den Fenstern der Mietshäuser waren zugezogen. Auf dieser Seite der Stadt ließ sich niemand gerne in die heimische Stube schauen.

Anni sah aus dem Fenster der Straßenbahn. Selten erlebte sie die Stadt so ruhig. Dort, wo sonst die Absätze der Frauen auf den Bürgersteigen klackerten, die Autos aus den Werken Eisenachs und Zwickaus über die mit Schlaglöchern übersäten Straßen bretterten. Wo die Kinder Gummihopse spielten oder mit Kreide Sonnen auf den grauen Betonstein kratzten. Wo vor den Geschäften mit vorgehaltener Hand getuschelt wurde, weil es schon wieder keine Kubaorangen gab oder der Nachbar sich einen neuen Kühlschrank leisten konnte. Dort war nun nur noch diese Leere, die Anni eigentlich viel lieber mochte.

Anni schaute zu ihrer Tante hinüber, die neben ihr saß. Ihr Kinn ruhte auf der Brust, die Hände hatte sie auf ihrem Koffer abgelegt, den sie auf dem Schoß trug. Sie sah aus, als wäre sie weggenickt.

Vorsichtig holte Anni das Notizbuch aus ihrer Tasche und schlug es auf einer neuen Seite auf. Sie zog einen kleinen Bleistift aus der Gummihalterung, die am Buchschnitt angebracht war, und begann die vorbeiziehenden Häuserfassaden zu skizzieren. Geschickt fing sie mit wenigen Bleistiftstrichen die behagliche Stille der Stadt ein. Durch klare Konturen und weiche Schraffierungen erschuf sie Licht und Schatten, die auf dem Papier miteinander zu tanzen schienen.

Plötzlich wurde Anni durch ein lautes, kratziges Husten aus ihrer Konzentration gerissen. Hastig ließ sie das Notizbuch wieder in ihrer Tasche verschwinden, bevor sie sich zu ihrer Tante drehte. Gundula hielt sich eine Hand vor den Mund, während sie mit der anderen in ihrem Trenchcoat nach einem Taschentuch kramte. Doch auf die Schnelle fand sie keins. Dafür hatte Anni eines aus Stoff griffbereit. Mit roten Augen und gekräuselter Stirn nahm ihre Tante es und hustete in das geblümte Stofftaschentuch hinein.

Anni warf ihr einen sorgenvollen Blick zu. Erst allmählich beruhigte Gundula sich wieder, und der Husten ließ nach.

»Geht es wieder?«, fragte Anni mitfühlend.

Ihre Tante nickte und faltete das Taschentuch sorgsam zusammen. Anni wollte es ihr schon aus der Hand nehmen, da zog sie es weg.

»Das kriegst du erst wieder, wenn es sauber ist.«

»Du musst es nicht waschen. Das kann Mutti machen.«

»Ich denke, ihr habt bei euch in der DDR genug Bazillen. Da braucht ihr meine nicht auch noch«, antwortete Gundula mit einem Augenzwinkern und steckte das Taschentuch ein, bevor Anni weitere Widerworte geben konnte.

»Ich hoffe, der Straßenbahnfahrer schläft nicht ein, bevor er die Friedrichstraße erreicht hat. Sonst muss ich in diesem elenden Teil der Stadt womöglich noch die ganze Nacht verbringen.«

Doch schon wenig später hielt die Straßenbahn am gewünschten Ziel. Anni und Gundula stiegen aus, liefen seitlich am Bahnhof Friedrichstraße entlang, der bereits seit über einhundert Jahren einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt war, weshalb man ihn auch nach der Teilung offen hielt. Das Bahnhofsgebäude, eine imposante Stahlkonstruktion, bestand aus zwei lang gezogenen, nebeneinanderliegenden Hallen. In der vorderen, kleineren Halle wurde der Ostberliner Verkehr geregelt. Bis hierhin und nicht weiter fuhren die S-Bahnen, die aus Rummelsburg, Oranienburg oder Erkner kamen. In der zweiten Halle lief der Westverkehr durch. Ein Stück Westen mitten im Osten. Von außerhalb gelangte man nur durch die Grenzabfertigung zu den Gleisen. Hier fuhren Transitzüge durch sowie der S-Bahn-Verkehr Richtung Westberlin. Unter der Erde schlängelte sich das U-Bahn-Netz, ebenso streng getrennt nach Ost und West. Wer hier die U-Bahn Richtung Westen nahm, passierte erst einige Geisterbahnhöfe – Bahnhöfe, noch im Osten der Stadt liegend, die mit der Teilung der Stadt stillgelegt wurden, bevor die Bahn im Westen der Stadt aus der Erde kroch.

Neben dem Bahnhof lag der Tränenpalast, wie das muschelförmige Ausreisegebäude im Volksmund auch genannt wurde. Zu drei Seiten bestanden die Wände fast gänzlich aus Glas. Nur eine schmale, blau geflieste Bordüre verlief unterhalb der Fensterfronten. Die vordere Seite war leicht gebogen, wirkte von außen hell und einladend. Auf den ersten Blick zumindest, der jedoch bekanntlich trügen konnte. Die vierte Seite, die zum Bahnhof gerichtet war, war hingegen überhaupt nicht einsehbar. Sie wirkte zudem kleiner und gedrungener als die anderen Seiten. Dort hindurch ging es einem schmalen Gang folgend in die zweite Bahnhofshalle. Die Architekten dieses Gebäudes hatten sich alle Mühe gegeben, den Weg in den Westen wie einen Gang nach Sodom und Gomorrha wirken zu lassen.

Bevor sie in den Tränenpalast hineingingen, mussten sie in einem kleinen Vorbau ihre Pässe vorzeigen. Auch Annis Ausweis wurde kontrolliert, bevor sie die Halle betreten durfte.

An der Tür der Tränenhalle blieb sie kurz stehen und ließ ihren Blick schweifen. Durch die Fensterscheiben drangen die Lichter der Stadt. Die Lampen im Inneren waren kühl, sodass Anni sofort eine Gänsehaut bekam. Rote und schwarze Steinplatten pflasterten den Boden in einem Muster, das nicht einmal bei näherer Betrachtung irgendeinem Schema folgte. Drei breite Treppenstufen führten hinunter zur Zollabfertigung.

An der gegenüberliegenden Wand war eine große Uhr eingefasst, deren Zeiger unaufhörlich Mitternacht entgegenschritten. Um die Uhrzeit waren nicht mehr viele Menschen an diesem Ort anzutreffen. Bis zwölf Uhr musste man die Grenze überquert haben, wenn man nur ein Tagesvisum besaß. Wer es nicht pünktlich schaffte, musste die Nacht in einem separaten Raum im Bahnhof verbringen.

Sie stellten sich in der Schlange vor dem Abfertigungsschalter des Grenzübergangs an, nachdem Gundulas Koffer kontrolliert wurde. Vor ihnen stand ein Pärchen. Während der junge Mann eine Lederjacke, Jeans und weiße Turnschuhe trug, hatte sie ein eher unauffälliges Kleid an, das nicht unbedingt zu ihren braunen Stiefeln passte. Sie küssten sich, innig und ungeniert. Zwischen den Küssen trocknete die Frau mit einem Taschentuch, das schon ganz feucht war, immer wieder ihre Tränen. Sie machte dem Namen der Halle alle Ehre.

Anni wandte sich wieder ihrer Tante zu. »Danke für die Schokolade!«

Gundula winkte ab. »Eure Schlagertafel, oder wie das auch heißt, was sie euch hier als Schokolade verkaufen, ist doch nicht genießbar.«

»Schlagersüßtafel«, korrigierte Anni. »Und die ist eigentlich ganz in Ordnung.«

»Ich bitte dich, wenn man schon sündigt, sollte diese Sünde es wenigstens wert sein. Ich bin mir nur nicht sicher, ob er es wert ist.« Sie deutete auf das Pärchen vor ihnen in der Reihe. Der Mann hatte seine Hand bereits auf dem Gesäß der Frau liegen.

»Tante Gundula!«

»Was denn?« Gundula beugte sich zu ihrer Nichte und schob halblaut hinterher: »Die Lederjacke ist nur ein Imitat, auf seinem Hemdkragen sind Lippenstiftflecke, die nicht zu der Farbe passen, die sie auf ihren Lippen trägt, und sein Ringfinger weist einen schmalen, aber deutlichen Abdruck auf.«

»Du meinst …?«

»Ist doch clever, sich eine Geliebte im Osten zu suchen. Die sind willig, und die Gefahr, dass sie seiner Frau im Supermarkt über den Weg läuft, ist gleich minus eins.«

»Nicht alle Frauen hier im Osten werfen sich dem erstbesten Westdeutschen an den Hals.«

Gundula sah Anni an. »Ich weiß«, antwortete ihre Tante versöhnlich.

Tatsächlich kannte sie einige Mädchen, die gern im Café Moskau oder im Haus Budapest ein- und ausgingen, in der Hoffnung, dort einen Westdeutschen zu treffen, der sie auf einen Krimsekt einlud oder ihnen vielleicht sogar ein kostspieliges Menü spendierte. Anni waren solche Dinge nicht wichtig. Nie käme sie auf die Idee, sich einen Mann nach der Farbe seines Passes auszusuchen. Doch ohnehin war sie gerade nicht auf der Suche nach der Liebe. Sie mochte ihre Selbstständigkeit, das Zeichnen und hatte mit ihrer Arbeit genug zu tun.

Anni hatte keine Lust, weiter mit ihrer Tante über Seitensprünge zu diskutieren. Deshalb wechselte sie lieber das Thema. Eine Frage ging ihr nämlich seit dem Nachmittag nicht aus dem Kopf. »Warum bringst du Paula eigentlich immer diese Liebesromane mit, wenn du doch weißt, dass sie sie nicht liest?«

»Um sie zu ärgern«, erklärte Gundula verschmitzt. »Wenn sie weiß, wie sie sich einer älteren Frau gegenüber zu benehmen hat, bringe ich ihr gerne bessere Literatur mit.«

Anni musste schmunzeln. So eine List konnte sich auch nur ihre Tante ausdenken.

Da legte Gundula plötzlich den Kopf schief und sah ihre Nichte an. »Ich meinte das heute Nachmittag übrigens ernst.«

Anni erwiderte verdutzt ihren Blick. Sie wusste nicht, worauf ihre Tante anspielte.

»Was willst du hier?«

Noch immer verstand Anni nicht, worauf sie hinauswollte, weshalb sie etwas zögerlich antwortete. »Dich zum Bahnhof begleiten? Du fährst doch nicht gerne abends allein durch Ostberlin hast du gesagt.« Anni lugte für einen kurzen Moment zu der Kamera hoch. Sie wusste nicht, ob diese auch den Ton aufnahm, weshalb sie im Flüsterton weitersprach. »Weil du Angst hast, von der Stasi entführt zu werden.«

»Denen ist alles zuzutrauen«, sagte Gundula verächtlich. Ihre Stimme senkte sie dabei nicht.

Doch dann schüttelte sie den Gedanken ab und fuhr unbeirrt fort: »Aber das meine ich nicht. Ich frage dich, was willst du hier mit deinem Leben anfangen? Was willst du erreichen?«

Anni war perplex. Auch wenn sie die Frage nun verstand, wusste sie dennoch nicht, was sie darauf antworten sollte. »Ich will …«, stotterte sie und überlegte angestrengt. Doch ihr fiel partout nichts ein. »… glücklich sein?«, erwiderte sie schließlich. Unbeabsichtigt war ihr diese Antwort mehr als Frage herausgerutscht, über die sie weiter nachdachte. Tatsächlich hatte sie nichts gegen das Alleinsein, doch fühlte sie sich dadurch nicht unbedingt unabhängig und frei. Das Korsett der DDR war eng, manchmal zu eng. Doch das nur zu denken oder gar auszusprechen, war sehr heikel.

»Glück sollte im Leben niemals das Ziel sein, sondern stets der Zustand«, antwortete Gundula.

Anni blickte ihre Tante an. Die Worte brannten sich in ihrem Kopf ein, auch wenn sie deren Bedeutung nicht vollumfänglich begreifen konnte.

»Wenn dem nicht so ist …«, fuhr Gundula fort. »… läuft etwas gehörig schief, und man sollte so schnell wie möglich etwas ändern.«

»Bist du denn glücklich?«, fragte Anni zögerlich.

»Ich? Natürlich! Was für eine Frage«, erwiderte Gundula schnell. Vielleicht ein wenig zu schnell. »Es war die beste Entscheidung meines Lebens, in den Westen zu gehen«, schob sie hinterher.

Ehe Anni nachhaken konnte, öffnete sich vor ihnen eine unscheinbare Holztür. Gundula war an der Reihe. Sie drückte ihre Nichte kurz, ehe sie sich nüchtern mit den Worten »Bis nächste Woche!« verabschiedete und in die kleine Kabine zur Ausweiskontrolle ging. Anni durfte ihr dahinein nicht folgen.

Kurze Zeit später stand Anni wieder vor dem Tränenpalast. Sie erblickte die Frau in dem schlichten Kleid. Mit einem Taschentuch trocknete sie ihre letzten Tränen. Plötzlich huschte ein kleines seliges Lächeln über ihr Gesicht, beinahe unbemerkt, auf jeden Fall ganz und gar unwillkürlich. Doch offenbar konnte der Gedanke an das nächste Wiedersehen mit ihrem Freund den Abschiedsschmerz ein wenig aufwiegen.

Von Weitem hörte Anni das Rattern der Straßenbahn, die gleich an der Haltestelle Friedrichstraße einfahren würde. Sie eilte los, um die Abfahrt nicht zu verpassen. Zu so später Stunde fuhr die Bahn nur noch unregelmäßig.

Da stieß sie plötzlich mit ihrer Schulter gegen etwas Hartes. Ihre Tasche fiel zu Boden. Schlüssel, Notizbuch, ihr zweites Stofftaschentuch, Geldbörse, das Ausweisbüchlein mit dem Hammer, Zirkel und Ährenkranz auf dem Deckel sowie ein paar lose Pfennige und Konsummarken fielen heraus und rutschten über den grobporigen Asphalt.

»Oh!«, sagte da plötzlich eine Stimme. Erst jetzt sah Anni, gegen was sie geprallt war. Oder besser gesagt gegen wen. Er war groß und schlank, das Gesicht markant und glatt rasiert. Seine Haare fielen ihm in blonden Wellen über die Ohren und ins Gesicht. An seiner Kleidung erkannte sie sofort, dass er nicht aus diesem Teil der Stadt stammte. Dafür sah seine Jeansjacke, deren Kragen er hochgeklappt trug, viel zu schick aus.

Über sein Gesicht huschte ein ziemlich verschmitztes Lächeln. »Verzeihen Sie mir meine Unaufmerksamkeit. Normalerweise übersehe ich keine schöne Frau.«

Anni warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Eine plumpere Entschuldigung hatte sie noch nie gehört. Dabei dachte sie, dass die Männer aus dem Westen mehr Einfallsreichtum besaßen. Deshalb schwieg sie und bückte sich stattdessen, um schnell ihre Tasche einzuräumen. Doch im gleichen Moment beugte sich auch der Mann herunter, und sie stießen mit den Köpfen zusammen.

Während Anni sich schon leicht genervt den Kopf rieb, lachte er nur. »Oh, entschuldigen Sie! Nach dem blöden Spruch eben habe ich das wohl verdient. Sie aber nicht!«

Nun konnte sich Anni ein kleines Lächeln nicht verkneifen. »Kleine Sünden werden stets gleich bestraft! Sagt meine Tante immer«, antwortete sie nur.

»Muss wohl eine kluge Frau sein«, erwiderte er.

»Klug und nicht zu unterschätzen.«

»Genau wie Sie!«

Wieder warf sie ihm einen Blick zu. Schnell hob er abwehrend seine Hände und grinste nur schief.

Da klingelte die Straßenbahn, zur Abfahrt bereit. Anni zögerte nicht lange und bückte sich erneut, schob ihren Kram zurück in die Tasche und rannte los, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Dem Fremden blieb nichts anderes übrig, als ihr überrumpelt hinterherzusehen.

Kurz bevor die Türen sich schlossen, sprang Anni in den Waggon. Noch ziemlich aus der Puste setzte sie sich und schaute aus dem Fenster. Sie konnte den Mann sehen. Er ging in die Knie und hob etwas auf. Als die Straßenbahn an ihm vorbeifuhr, trafen sich noch einmal ihre Blicke. Und erst jetzt sah Anni, was er vom Boden aufhob. Ein Buch, in schwarzes Leder gebunden. Erschrocken riss sie die Tasche auf und durchwühlte sie. Ihr Notizbuch!

Marlies

Marlies saß auf einem Stuhl neben ihrer Kommode im Schlafzimmer und kämmte sich das halblange braune Haar. Müde blickte sie dabei in den kleinen Spiegel, der an der Wand hing. Sie begutachtete ihr Gesicht, das auch einmal jünger ausgesehen hatte. Strahlender und straffer. Sie konnte nicht genau beziffern, wann sich die kleinen Fältchen auf ihrer Stirn eingeschlichen hatten. Nun waren sie da.

Normalerweise machte sie sich nichts aus ihrem Alter. Und sie wusste, dass Georg sie liebte, auch mit immer schlaffer werdender Haut. Dennoch fragte sie sich manchmal, wo die Zeit geblieben war. Die Mädchen waren groß, und bald würden sie eigene Wege gehen. Doch daran wollte Marlies am liebsten noch gar nicht denken.

Sie legte den Kamm auf die Kommode. Da fiel ihr Blick auf die Nylonstrumpfhosen, die Gundula ihr mitgebracht hatte. Marlies hielt kurz inne und horchte.

Es war ruhig in der Wohnung. Anni war von der Friedrichstraße bereits zurückgekehrt und hatte sich schlafen gelegt. Ihre Schicht im Rübezahl begann morgen in aller Frühe, wie Marlies wusste. Auch Paula hatte das Licht ihrer Leselampe hoffentlich schon gelöscht. Das Mädchen fand nie ein Ende, wenn seine Nase zwischen zwei Buchdeckeln steckte.

Georg war noch immer nicht zu Hause. Es war nicht unüblich, dass ihr Mann nach Dienstschluss noch seine Stammkneipe aufsuchte. Dort genehmigte er sich noch ein Herrengedeck. Oder zwei oder drei. Erst recht, wenn sich seine Schwester aus Westberlin angekündigt hatte. Marlies mochte es zwar nicht, wenn er zu viel Schnaps trank. Doch mit Vorhaltungen hielt sie sich zurück. Sie wusste ja, dass er es mit der Schusterei nicht leicht hatte.

Als sie sicher war, dass niemand sie stören würde, öffnete sie die unterste Schublade ihrer Kommode. Sie hob einen Stapel ordentlich gebügelter und zusammengefalteter Bettlaken hoch. Darunter kamen unzählige Packungen Strumpfhosen zum Vorschein. Originalverpackt in verschiedenen Mustern, Farben und DEN-Normen. Alle in Größe 42. Sie legte die fünf neuen Packungen dazu. Kurz zögerte sie, schließlich nahm sie auch das Rasierwasser von der Kommode, welches Gundula ihrem Bruder mitgebracht hatte, und schob es ebenso unter die Laken.

Da hörte sie plötzlich ein Knarren, die Wohnungstür wurde leise aufgeschoben. Anschließend waren im Flur Schritte zu hören. Schnell schloss Marlies die Schublade, löschte das Nachtlicht, eilte zum Bett und kroch unter ihre Bettdecke, ehe die Tür zum Schlafzimmer geöffnet wurde.

Georg trat herein. Mit ihm hielt der Geruch von abgestandenem Zigarettenrauch und Alkohol Einzug ins eheliche Schlafzimmer. Marlies zog die Decke ein wenig höher, knapp über ihre Nase. Doch sie sagte nichts.

Im Dunkeln schritt Georg langsam durch den Raum. Sie hörte, wie er sich seiner Sachen entledigte. Als er sich aufs Bett legte, hob sich die Seite ihrer Matratze ein wenig. Auf dem Rücken liegend verschränkte er die Hände vor der Brust und schloss gerade seine Augen, als Marlies sich zu ihm herüberlehnte.

»Es ist spät«, flüsterte sie.

Doch statt einer Antwort zuckte Georg kurz zusammen. »Mein Gott, Marlies! Musst du dich so anpirschen?«

»Ich lag zuerst im Bett!«

»Ja, aber … ich dachte, du schläfst schon.«

»Während du noch unterwegs bist?«

Trotz der Dunkelheit konnte sie erkennen, wie er sie etwas reumütig ansah. Sie wechselte das Thema.

»Wie war es in der Werkstatt?«

»Wie immer!«, antwortete Georg in seiner eher verschlossenen Art.

»Mit deiner Schwester war es auch wie immer«, gab sie zurück, auch wenn er nicht gefragt hatte. Sie hatten mit Gundula noch eine ganze Weile Skat gespielt. Paula war schon ganz unruhig gewesen. Marlies hatte ihr ansehen können, dass sie dem Abschied ihrer Tante entgegengefiebert hatte. Doch wie immer hatte Gundula keine Anstalten gemacht, aufzubrechen. Wie immer war sie bis spät in den Abend auf ihrem Stuhl sitzen geblieben, hatte Eierlikör getrunken und eine Zigarette nach der anderen geraucht. Es würde bis zu ihrem nächsten Besuch brauchen, um den Gestank aus der Wohnung zu kriegen. Nur damit es Stunden später wieder nach Rauch riechen würde.

Nachdem Gundula im Skat haushoch gewonnen hatte, war sie ins Plaudern gekommen. Sie hatte sich wieder über die Zustände im Osten beschwert, die sie doch eigentlich gar nicht kannte. Doch Marlies hatte geschwiegen. Schon vor Jahren hatte sie es aufgegeben, mit ihrer Schwägerin zu diskutieren. Erst recht über Politik, aus der sich Marlies eh am liebsten raushielt.

»Sie hat wieder Kaffee mitgebracht«, fügte Marlies hinzu. »Und Tee und Schokolade. Aber die ist glaube ich schon alle. Die Mädchen sind schneller als jedes Raubtier, wenn es um Schokolade geht.«

»Ich will nichts von ihr. Ihren Kaffee kann sie auch wieder mitnehmen«, antwortete Georg tonlos.

»Sag so etwas nicht. Sie gehört zur Familie.«

»Ihr seid meine Familie. Anni, Paula und du! Ihr seid mir wichtig.« Er drehte sich zu ihr um und gab ihr einen sanften Kuss auf die Nase.

Sie lächelte, während sie ihn ansah. Sie erinnerte sich daran, dass auch Gundula einmal zu seinen engsten Vertrauten gezählt hatte.

Als junges Mädchen war Marlies wenige Jahre nach Kriegsende aus ihrem kleinen Dorf in Vorpommern für ihre Ausbildung in einer Bäckerei nach Berlin gezogen. Sie hatte niemanden gekannt und sich in der großen Stadt anfangs etwas einsam gefühlt. Bis sie Georg kennengelernt hatte. Er war regelmäßig zu ihr in die Bäckerei gekommen und hatte Spritzkuchen gekauft. Immer zwei Stück, die sie stets halbieren sollte, damit er sie gleich essen konnte. Doch mehr hatte er nie gesagt. Trotzdem hatte sie bald angefangen, seinen Besuchen entgegenzufiebern.

Irgendwann war er jedoch ganz plötzlich nicht mehr gekommen. Marlies hatte sich schon gewundert und war auch ein bisschen traurig gewesen.

Dann war eines Tages eine Frau in die Bäckerei hereingekommen. Sie war für die damalige Zeit ausgesprochen gut gekleidet, hatte einen fast einschüchternd aufrechten Gang. Als sie zwei Spritzkuchen bestellt hatte, die sogleich halbiert werden sollten, erkannte sie auch die Ähnlichkeit. Marlies hatte all ihren Mut zusammengenommen und zu den Spritzkuchen einen kleinen Zettel gesteckt, adressiert an den netten Stammkuchen, der Spritzgebäck so gern mochte.

Keine vier Wochen später waren sie verlobt gewesen. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass sich auch Georg stets auf die kurzen Begegnungen mit Marlies in der Bäckerei gefreut hatte. Nur war er Wochen zuvor von einer Grippe heimgesucht worden, von der er sich nur langsam erholt hatte, und war deshalb nicht fähig gewesen, den Kuchen selbst zu kaufen, weshalb er Gundula geschickt hatte.

Da Georgs und auch ihre Eltern schon verstorben waren, hatte seine Schwester die beiden zum Standesamt begleitet. Gundula und Georg waren ein Herz und eine Seele gewesen. Gemeinsam hatten sie die väterliche Schusterei geführt, recht erfolgreich sogar dank Gundulas gutem Geschäftssinn und der zahlreichen Zwangsverstaatlichungen anderer Betriebe. Glücklicherweise war ihre Werkstatt verschont geblieben.

Doch vor etwa vierzehn Jahren, als Gundula die beinahe letzte Gelegenheit genutzt hatte, um in den Westen zu gehen, hatte sich ihre Beziehung schlagartig verändert. Bald hatte meterhoher Beton nicht nur die Stadt getrennt, sondern auch die geschwisterliche Beziehung entzweit. Was genau vor Gundulas Abreise vorgefallen war und warum Georg seiner Schwester ihre Entscheidung nicht verzeihen konnte, wusste Marlies nicht. Er wollte partout nicht darüber reden.

»Willst du nicht doch mal …«, fragte Marlies vorsichtig.

»Nein!«, unterbrach Georg sie entschieden und drehte sich wieder um, die Arme nun noch fester vor der Brust verschränkt.

Durch den Schleier der Dunkelheit sah Marlies ihren Mann an. Sie wusste, dass jedes weitere Wort zwecklos war. Deshalb seufzte sie nur und drehte sich von ihm weg.

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