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Men of Steele - Im Rausch der Begierde (3in1)

Drei erotische Geschichten über die Männer von Steele Security, die nicht nur zupacken sondern auch verführen können.

KARIBISCHES LIEBESABENTEUER
Eigentlich muss Lilah Cantrell dem kühnen Dominic Steele dankbar sein. Mutig hat er sie aus einem schrecklichen Gefängnis befreit. Doch die reiche Erbin ahnt, dass ihr Herz erneut in Gefahr geraten wird. Und tatsächlich erwachen auf ihrer gemeinsamen Flucht durch den heissen Dschungel der Insel leidenschaftliche Gefühle, die Lilah in einen heftigen Konflikt stürzen. Soll sie noch einmal an diese Liebe glauben? Dominic hat sie vor Jahren verlassen, weil er meinte, dass sie in zu unterschiedlichen Welten lebten

HEISSE LIEBE IN EISIGER NACHT
Um harte, unnahbare Männer wie Taggart Steele macht Genevieve sonst einen großen Bogen. Aber allein mit ihm in einer eingeschneiten Berghütte in Montana kann sie ihm gar nicht aus dem Weg gehen! Und muss sogar das einzige Bett mit ihm teilen. Eng aneinandergekuschelt, erwacht in ihnen die Leidenschaft. Doch nach einer aufregend sinnlichen Nacht müssen sie sich am Morgen der Realität stellen: Taggart hat den Auftrag, Genevieve zu verhaften! Was wird er tun?

WENN DIE LUST ENTFLAMMT
Was für ein Mann! Erst ruiniert Gabriel Steele ihre Familie. Und dann wagt er noch, ihr seine Hilfe anzubieten. Mallory ist empört. Doch je öfter sie Gabriel begegnet, desto mehr lässt sie sich gegen ihren Willen faszinieren von seiner männlichen Ausstrahlung, seiner Stärke und seiner Entschlossenheit. Was kann sie nur tun gegen dieses immer stärker werdende erotische Prickeln, das sie in seiner Gegenwart verspürt? Sie beschließt, eine heiße Liebesnacht mit ihm zu verbringen - um danach ein für alle Mal frei zu sein von ihrem drängenden Verlangen. Ein gewagtes Vorhaben ...


  • Erscheinungstag: 25.02.2019
  • Aus der Serie: E Bundle
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955769918
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Caroline Cross

Men of Steele - Im Rausch der Begierde (3in1)

Caroline Cross

1. KAPITEL

Das Kreischen des Riegels, der von der Eingangstür des Zellenblocks zurückgeschoben wurde, zerriss die nachmittägliche Stille.

Lilah hob abrupt den Kopf. Eine Sekunde blieb sie regungslos, dann rappelte sie sich auf, rutschte an das entfernteste Ende der Matratze, die ihr als Bett diente, und presste sich an die raue Zementwand. Sie wappnete sich für alles, was kommen mochte, als die Tür am anderen Ende des Gangs aufgerissen wurde.

Im schwachen Lichtstreifen der Lampe erschienen gleich darauf zwei schwankende Gestalten, die Gefängniswärter. Ein Mann hing wie leblos zwischen ihnen. Sein Kopf rollte schlaff von einer Seite zur anderen, und seine Füße schleiften im Staub. Als die Wärter ihn vorwärtszerrten, bemerkte Lilah die sonnengebräunten muskulösen Arme des Mannes, sein altes olivfarbenes T-Shirt, das tiefschwarze Haar, das selbst bei dieser Beleuchtung glänzte, und das getrocknete Blut im Mundwinkel seines entschlossen wirkenden Mundes.

Mit einem gereizten Grunzen hievten die Wärter ihre Last etwas höher. Der Kopf des Gefangenen fiel auf die Seite, und Lilah sah ein Gesicht, das ihr seltsam vertraut vorkam.

Ihr Herz machte einen Sprung. Nein, das konnte unmöglich sein! Was würde die große Liebe ihrer wilden Jugend, der Mann, an dem sie alle anderen Männer gemessen hatte und der sie immer noch ab und zu bis in ihre Träume verfolgte, ausgerechnet hier in der abgelegensten Ecke der Kabribik tun, im entfernten San Timoteo und in einem der privaten Gefängnisse von El Presidente?

Ihre Sinne mussten ihr einen Streich spielen. Das war die einzig mögliche Erklärung. Lilah hatte versucht, mutig und stark zu sein, aber jetzt hatte sie keine Kraft mehr. Und jetzt fing sie auch noch an zu halluzinieren.

Die Wärter warfen den Neuankömmling auf den Zementboden der Nachbarzelle, die von Lilahs Zelle durch Gitter getrennt war, und einer von ihnen blieb noch, um dem Gefangenen einen harten Tritt in die Rippen zu verpassen. Erst dann schlug er die Zellentür und kurz darauf die Tür am Ende des Gangs hinter sich zu.

Es drängt Lilah, sich zu bewegen, aber die bitteren Lektionen des vergangenen Monats hatten ihren Selbsterhaltungstrieb verstärkt, und so achtete sie nicht auf das Pochen ihres Herzens und zwang sich zu bleiben, wo sie war, bis die Schritte ihrer Wärter verklungen waren. Doch dann, nicht mehr fähig, noch eine Sekunde länger stillzuhalten, sprang sie auf und trat ans Gitter.

Den Blick unverwandt auf das Gesicht des Mannes gerichtet, ging sie in die Knie. Der Puls hämmerte ihr wild in den Ohren, während sie die dunklen Augenbrauen, das energische Kinn und die hohen Wangenknochen betrachtete.

Jetzt konnte es keinen Zweifel mehr geben. In den Jahren, die vergangen waren, waren seine Schultern zwar breiter geworden und sein Körper insgesamt muskulöser, aber er war es – Dominic Devlin Steele.

Fassungslos starrte sie ihn an. Was in aller Welt mochte er hier tun? War es reiner Zufall, eine unglaubliche Wendung des Schicksals?

Das kam ihr unmöglich vor, doch die einzige andere Erklärung wäre, dass er freiwillig hier war, und die einzige Person, die das hätte bewerkstelligen können, war ihre Großmutter. Sosehr Lilah es auch versuchte, sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie sich Abigail Anson Clarke Cantrell Trayburne Sommers’ Pfade mit denen von Dominic Steele kreuzen könnten. Und noch viel weniger konnte sie sich vorstellen, warum er sich ihretwegen in Gefahr bringen wollte.

Dann wurde ihr bewusst, dass nichts davon irgendeine Bedeutung hatte. Nach einem ganzen Monat voller Angst, Einsamkeit und zunehmender Verzweiflung war es einfach nur wundervoll für sie, ein vertrautes Gesicht zu sehen. Selbst dieses. Oder vielmehr, vor allem dieses.

Sie griff durch die Gitterstäbe und berührte mit zitternder Hand sacht seine Wange. „Dominic? Ich bin’s, Lilah Cantrell.“

Seine Haut fühlte sich beruhigend warm an. Lilah stellte fest, dass er immer noch dieselbe elektrisierende Wirkung auf sie hatte wie früher, obwohl ein ganzes Jahrzehnt vergangen war, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Aber vor allem wurde ihr bewusst, dass er bewegungslos dalag. „Ich kann es nicht glauben, dass du es wirklich bist. Dass du ausgerechnet hier aufgetaucht bist. Aber du musst jetzt aufwachen. Wach auf und rede mit mir, Dominic. Oder rühr dich wenigstens ein kleines bisschen. Bitte!“

Er bewegte sich nicht. Lilah biss sich auf die Unterlippe und überlegte, was sie tun sollte, und als ihr nichs einfiel, schnürte ihr Panik die Kehle zu, und sie unterdrückte nur mühsam ein Schluchzen.

Sie schämte sich für ihre Schwäche. Der Monat ihrer Gefangenschaft hatte ihre Kräfte unterminiert. Sie hatte allmählich jede Hoffnung verloren, je wieder nach Hause zurückzukommen. Und sie zweifelte fast schon daran, ob man sie überhaupt vermisste.

Aber sie war eine Cantrell. Seit sie sich erinnern konnte, war sie davor gewarnt worden, sich gehen zu lassen oder auf irgendeine Weise die Kontrolle über sich zu verlieren.

Im Moment war Selbstmitleid allerdings sowieso nicht angesagt, denn nicht sie lag verletzt und bewusstlos auf dem schmutzigen Boden. Lilah ermahnte sich, sich lieber darauf zu konzentrieren, Dominic zu helfen, und nicht wie eine hirnlose Romanheldin sinnlos die Hände zu ringen. Sie konnte sich vorstellen, was ihre Großmutter sagen würde. „Um Himmels willen, Kind!“ Fast glaubte Lilah die vertraute strenge Stimme zu hören. „Hör auf zu heulen und versuch, dich deiner Familie würdig zu erweisen!“

Dieser Gedanke wirkte auf Lilah, als hätte sie jemand mit kaltem Wasser überschüttet. Sie schluckte mühsam, holte tief Luft und unterdrückte die wehleidigen Gefühle, die sie zu überwältigen drohten. Zu ihrer Erleichterung verschwand der Kloß in ihrem Hals, und ihre Hände zitterten nicht mehr. Ermutigt, verschwendete sie keine Zeit mehr, sondern wandte all ihre Aufmerksamkeit Dominic zu.

Sie würde ihr Bestes tun, um zunächst herauszufinden, wo er verletzt war. Danach würde sie sich überlegen, was sie dagegen tun konnte.

Behutsam begann Lilah, ihn zu untersuchen. Sie betastete seinen Kopf und das Gesicht behutsam mit den Fingern, auf der Suche nach Beulen oder Blut oder einem anderen Zeichen, das ihr sagen würde, was nicht in Ordnung war. Danach befühlte sie seinen Hals und den Nacken und ganz langsam seine Rippen, den Rücken, die Schulter und den Arm auf der ihr zugekehrten Seite.

Sie konnte nichts entdecken. Bis auf die Tatsache, dass er immer noch Muskeln aus Stahl zu haben schien, genau wie Lilah sie in Erinnerung hatte.

Sie kämpfte gegen die aufsteigende Verzweiflung an. „Komm schon, Dominic“, flüsterte sie. „Hör auf, dich so anzustellen. Ich brauche dich. Wach bitte, bitte, bitte auf.“

„Himmel noch mal, Lilah. Reg dich ab.“

„Oh!“ Sie sah in Dominics Gesicht und merkte, dass er sie mit seinen ihr so vertrauten grünen Augen musterte. „Du bist wach!“

„Ja.“ Er rührte sich immer noch nicht, sondern sah sie nur sekundenlang an. Dann hob er den Kopf kaum merklich vom Boden, schüttelte ihn leicht und zuckte zusammen. „Zu meinem Pech.“ Er kniff die Augen zusammen, als wäre selbst das trübe Licht in der Zelle mehr, als er ertragen konnte.

Lilah hielt besorgt den Atem an. Wenn er nun eine Gehirnerschütterung hatte oder gar einen Schädelbruch? Oder – sie dachte mit Schaudern an den Tritt, den er in die Rippen bekommen hatte – gebrochene Rippen oder einen Milzriss? Der Himmel möge ihnen helfen, womöglich hatte er innere Blutungen und wusste es nicht einmal. Sie schluckte mühsam. „Wo tut es weh?“

„Wo tut es nicht weh?“, erwiderte er. „Aber …“, er hob einen Zeigefinger, „… ich habe schon Schlimmeres überlebt, also krieg dich wieder ein, okay?“ Mit einem resignierten Seufzer öffnete er wieder die Augen, stützte sich auf einen Ellbogen und legte die Hand auf Lilahs Finger, die sie um die Gitterstäbe geschlungen hatte. „Vertrau mir. Es geht mir gut. Ich brauche nur einen Moment, um mich zu orientieren.“

Vertrau mir. Die Worte waren wie ein Echo aus der Vergangenheit. Wie oft hatte er genau das zu ihr gesagt, nachdem er sie herausgefordert hatte, Dinge zu tun, die entweder gefährlich oder verboten, aber in jeder Hinsicht unwiderstehlich reizvoll waren? Wie oft hatte sie in seine faszinierenden Augen gesehen und den Kampf gegen die Versuchung verloren? Wie oft hatte seine Berührung sie alle Vernunft vergessen lassen, während ihr Körper vor Verlangen nach ihm brannte?

So oft, dass sie ihn nie vergessen hatte.

Unvermittelt gab er ihre Hand frei und rollte sich auf die Seite. Mit einer Grimasse betastete er die blutende Lippe. Dann wischte er das Blut mit dem Handrücken fort und kam mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung auf die Beine.

Lilah beobachtete ihn stumm, während er zu erkunden versuchte, was mit ihm los war. Er drehte den Kopf von einer Seite auf die andere, rollte die Schultern und hüpfte, um seine Beine und Füße zu testen. Nachdem er kurz eine Stelle auf der linken Seite seiner Brust gerieben hatte, warf er Lilah einen zufriedenen Blick zu. „Gute Neuigkeiten, Prinzessin. Ich denke, ich werde es überleben.“

Prinzessin. Der Kosename, den er auf so gelassene, amüsierte Weise ausgesprochen hatte, war für sie wie ein Schlag ins Gesicht. Plötzlich wurde sie sich bewusst, dass sie immer noch vor ihm kniete wie eine gehorsame Haremsdame, und stand hastig auf.

Inzwischen sah sich Dominic in dem kleinen Raum um, ohne auf sie zu achten. Er registrierte das einzige Fenster, das hoch oben in die Wand eingelassen war, die dünnen Matratzen auf der Zementbank, auf denen sie schlafen sollten, und die mit einem Gitter zugedeckten Löcher, die zur Verrichtung der Notdurft gedacht waren.

Er stieß einen leisen Pfiff aus. „Mann, du musst wirklich die falsche Person auf die Palme gebracht haben. Ich war schon an angenehmeren Orten.“ Er sah sie mit einem schiefen Lächeln an, sodass seine Zähne weiß aufblitzten. „Oh, entschuldige. Kein Wunder, wir sind ja in einem Gefängnis.“

Er machte Witze! Lilah war nahe daran gewesen, den Verstand zu verlieren vor Angst, weil sie geglaubt hatte, dass er tödlich verletzt war, und sein Anblick hatte sie auch völlig aus dem Gleichgewicht gebracht – und er riss Witze.

Sie schwankte zwischen Demütigung und Empörung, und die Empörung gewann die Oberhand. Aber sie würde es sich nicht anmerken lassen. Das bisschen Würde, das ihr noch geblieben war, wollte sie nicht verlieren.

„Du bist nicht zufällig hier, nicht wahr?“, fragte sie streng und erinnerte sich an seine ersten Worte und die Tatsache, dass er über ihre Anwesenheit in einer Gefängniszelle auf einer unbekannten Insel etwa eine Million Meilen von Zuhause entfernt überhaupt nicht überrascht gewesen war. „Vielmehr glaube ich“, fuhr sie fort und achtete nicht auf seinen durchdringenden Blick, sondern betrachtete lieber einen blauen Fleck, der sich auf einem seiner hohen Wangenknochen zu bilden begann, „dass du absichtlich irgendetwas getan hast, damit sie dich hier hineinwerfen. Denn du wusstest, dass sie mich hier gefangen halten.“

Stille. Dann verzog er einen Mundwinkel zu einem Lächeln. „Eins zu null für das reiche Mädchen.“

Einen Moment lang hatte sie den unbändigen Wunsch, ihn zu schlagen. Sie hatte zwar gar nicht die Möglichkeit, ihn zu erreichen, aber wie gern …

Entsetzt umklammerte sie die Gitter, die sie trennten, und erinnerte sich daran, dass sie schließlich eine Cantrell war und so natürlich in jedem Fall und unter allen Umständen Haltung bewahren musste und würde. Ganz besonders jetzt, da es so viel gab, was sie erfahren musste. „Wie hast du mich gefunden? Woher wusstest du überhaupt, dass ich hier bin? Hat meine Großmutter dich geschickt? Warum bist du gekommen? Wieso solltest du dich für mich in Gefahr begeben?“

Es schien unmöglich zu sein, dass er und ihre Großmutter sich in letzter Zeit begegnet waren. Es war immerhin zehn Jahre her, seit Lilah und er sich das letzte Mal gesehen hatten – zehn Jahre, seit sie ihm gesagt hatte, er solle besser fortgehen und er sie nur mit demselben lässigen Ausdruck angesehen hatte wie jetzt. Damals hatte er ihr das Herz gebrochen mit seinem ungerührten Schulterzucken und der Bemerkung, dass sie es sei, die das noch bereuen würde. Dann war er aus ihrem Leben verschwunden, und sie hatte ihn nie wiedergesehen.

Selbst jetzt tat die Erinnerung daran weh. „Erklär mir, was du hier tust.“

„Was soll ich dir denn erklären, Lilah?“ Er ging lässig auf sie zu, legte die Hände auf ihre und beugte sich vor. „Tu uns beiden einen Gefallen, Süße, ja? Hol tief Luft und halt deinen hübschen Mund, und dann werde ich dir alles sagen, was ich weiß.“

2. KAPITEL

Denver, Colorado

Fünf Tage vor Dominics Einlieferung ins Gefängnis

„He.“ Dominic steckte den Kopf in das geräumige Büro seines Bruders im Hauptsitz von Steele Security. „Hast du eine Minute Zeit?“

Gabriel, der älteste der Steele-Brüder, saß an seinem Schreibtisch, dessen Platte aus Granit bestand. Er sah auf und senkte den Blick dann wieder auf den Papierberg, den er gerade bearbeitete. „Klar. Komm rein.“

Dominic ging auf ihn zu. Wie alle Büros im ultramodernen flachen Gebäude im Speicherhausbereich der City verfügte auch dieses über eine Glaswand, durch die man auf einen Innenhof sah. Heute war die Außenwelt, wie es sich für Januar in den Rocky Mountains gehörte, ein schimmerndes Meer von Weiß, da über Nacht dreißig Zentimeter Schnee gefallen waren.

„Taggart sagt, wir lehnen einen Auftrag ab“, sagte Dominic. Taggart war der zweitälteste der Brüder.

„Das stimmt“, antwortete Gabriel schlicht. „Die Klientin kommt um zwei, und ich werde ihr vorschlagen, sich an Allied zu wenden.“

„Warum?“

„Weil wir nicht genügend Männer haben.“

„Du machst Witze.“

„Nein.“ Gabriel machte sich eine knappe Notiz auf einer Seite. „Taggart meint, er ist unserer Mordzeugin Miss Bowen auf der Spur. Josh wird mit dem Romero-Prozess in Seattle noch mindestens zwei Wochen zu tun haben, und alle anderen stecken bis zum Hals in der Industriespionagesache in Dallas oder sind auf dem Wirtschaftsgipfel in London. Also bleibe nur noch ich, und sosehr ich auch einen Außeneinsatz begrüßen würde, ich bin hier im Augenblick unabkömmlich.“

Dominic betrachtete seinen Bruder. Auf jeden Außenstehenden würde Gabriel kühl und unbeteiligt wirken, ein Eindruck, den sein weißes Hemd und der strenge graue Anzug noch betonten. Nur jemand, der ihn sehr gut kannte – wie zum Beispiel ein Bruder –, würde die plötzliche Anspannung bemerken, die seinem Mund einen harten Zug verlieh und seinem Blick etwas Abweisendes gab.

Andererseits waren Gabriel und auch Taggart beide viel zu steif. Dominic hatte schon oft gedacht, dass seine beiden älteren Brüder zu viel Zeit auf ihre Pflichten verwendeten, wie es ihr alter Herr ohne Zweifel verlangt hatte, und sich viel zu wenig darauf konzentrierten, einfach locker zu sein und das Leben zu genießen.

Das könnte ihm nicht passieren. Dominic war schon früh zu dem Schluss gekommen, dass das Leben zu kurz war, um es sich mit Sorgen und Ängsten zu vermiesen. Außerdem musste jemand Steele eins und Steele zwei davon abhalten, sich ausschließlich ihrer Arbeit zu verschreiben. Für Taggart kam zwar wahrscheinlich schon jede Hilfe zu spät, aber Dominic hoffte, dass für Gabriel noch nicht alles verloren war.

Sein geschätzter Bruder musste nur ab und zu daran erinnert werden, dass die Welt nicht untergehen würde, wenn er sich gelegentlich ein wenig Spaß erlaubte. Oder, was noch wichtiger ist – dachte Dominic, als er sich in einen der bequemen Ledersessel vor Gabriels Schreibtisch setzte –, wenn er nicht ständig versucht, auch andere Leute davon abzuhalten, Spaß zu haben.

„Okay, alle sind also beschäftigt“, sagte Dominic und streckte die langen Beine aus. „Und was bedeutet das für mich? Bin ich seit neuestem der Unsichtbare?“

Gabriel sah stirnrunzelnd auf das Papier vor ihm. „Du erholst dich noch von deiner Schussverletzung. Es sind schließlich erst zwei Monate vergangen. Du brauchst mehr Zeit.“

„Nein. Ich fühle mich großartig. Ach was, viel besser als großartig. Nach all der Physiotherapie und der Erholung bei mir zu Haus fühle ich mich fitter denn je. Auf jeden Fall fitter als manche Schreibtischhengste, die ich kenne.“

Gabriel ignorierte den kleinen Seitenhieb. „Vergiss es.“

Dominic überlegte einen Moment, ob er auf den herablassenden Ton seines Bruders auf seine freche, draufgängerische Art reagieren sollte, so wie er es früher getan hatte. Gabriel war zwar der Gründer von Steele Security und die treibende Kraft, um ihren Ruf als erstklassige Sicherheitsfirmal zu festigen, die alles übernehmen konnte – von überragenden Überwachungsleistungen und Undercover-Missionen bis zum Aufspüren vermisster Personen. Aber Dominic hatte inzwischen, genauso wie Gabriel, Taggart und zwei weitere der neun Steele-Brüder, sehr viel zum wachsenden Prestige der Firma beigetragen und war ein gleichberechtigter Partner. Und so besaß auch er ein Mitspracherecht, ob es Gabriel nun recht war oder nicht. „Ich glaube aber, ich will es nicht vergessen“, sagte er ruhig.

Gabriel legte langsam seinen Kugelschreiber hin, hob den Kopf und begegnete Dominics Blick. „Lass mich raten. Du hast nicht vor, Ruhe zu geben, nicht wahr?“

Dominic lachte. „Auf keinen Fall. Also kannst du mir genauso gut sagen, was los ist. Dann hast du es hinter dir.“

Gabriel stieß einen übertriebenen Seufzer aus. „Du warst schon immer ein Dickschädel.“ Er nahm einen Aktenordner von einem Stapel zu seiner Linken und sprach weiter, während er ihn öffnete. „Die Klientin heißt Abigail Sommers. Ich habe ganz am Anfang meiner Karriere einmal als Bodyguard für sie gearbeitet. Sie ist eine geborene Anson, du weißt ja, die berühmte Familie, der die Anson Mining Group gehört. Im Lauf ihrer etwa achtzig Jahre hat Abigail Sommers es ganz allein geschafft, das ohnehin schon große Familienvermögen zu verdoppeln. Dabei hat sie vier Ehemänner und ihre beiden Kinder überlebt. In ihrer Nachricht auf meinem Anrufbeantworter sagt sie, dass ihr einziges Enkelkind auf San Timoteo festgehalten wird, einem Inselstaat …“

„… in der südlichen Karibik, der seit einem Dutzend Jahren von der Diktatur des korrupten ehemaligen Generals Manolo Condesta, auch El Presidente genannt, beherrscht wird.“ Mit einem vorwurfsvollen Blick verschränkte Dominic die Hände hinter dem Kopf. „Ich habe in den vergangenen Jahren nur in London gelebt, Gabe, nicht auf dem Mond. Ich bin auf dem Laufenden, was alle Bananenrepubliken angeht, und brauche weder in Geografie noch in Sachen Weltpolitik Unterricht von dir.“

Gabriel verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln. „Alles klar. Entschuldige bitte.“

Dominic zuckte die Achseln. „Warum wird das Enkelkind also dort festgehalten?“

Sein Bruder sah in die Akte, obwohl Dominic wusste, dass Gabriel alle Einzelheiten in seinem phänomenalen Gedächtnis gespeichert hatte. „Wegen öffentlichen Aufruhrs, tätlichen Angriffs auf einen Polizisten und Widerstands gegen die Staatsgewalt.“ Er nickte wissend. Es war die alte Geschichte. Ein verzogenes Kind reicher Eltern machte eine Auslandsreise, betrank sich oder stopfte sich mit Drogen voll und beging dann eine Straftat, welche die lokalen Behörden auf den Plan rief.

„Ich bin überrascht, dass ich nichts davon in der Zeitung gelesen habe. Normalerweise stürzen sie sich doch auf solche Geschichten.“

Gabriel nickte. „Stimmt. Aber Condesta kontrolliert jede Information, die San Timoteo verlassen könnte. Und Abigail achtet sehr darauf, dass nichts an die Öffentlichkeit gerät, weil sie sich vor Jahrzehnten mal über die schlechte Presse geärgert hat. Alle, die für sie arbeiten, verpflichten sich vertraglich, nichts weiterzugeben von dem, was sie erfahren könnten.“

„Okay, aber nach dem, was ich über El Presidente weiß, lässt er Gefangene wieder gehen, wenn die Dollars stimmen. Mrs. Sommers ist so reich, dass sie doch sicherlich Kontakte zur Regierung hat, die ihr helfen könnten.“

„Offiziell pflegt die US-Regierung keine Kontakte mit San Timoteo, seit es auf die Liste der terrorismusverdächtigen Staaten gesetzt worden ist. Inoffiziell allerdings hat sie getan, was sie konnte. Das Problem ist nur, dass Condesta ständig mehr fordert. Abigail sagt, dass er schon zwei Mal Summen genannt hat, die sie beide bereit war zu zahlen, und beide Male hat er dann wenige Stunden vor der Übergabe seine Meinung geändert und mehr verlangt. Jetzt liegt die Lösegeldforderung bei einer Million, und noch ist kein Ende in Sicht. Und inzwischen befindet sich ihre Enkelin seit über vier Wochen in Gefangenschaft.“

„Klingt nicht gut“, bemerkte Dominic. Obwohl die junge Miss Sommers sicher an einem Ort untergebracht war, der wohl eher an einen Countryclub erinnerte als an ein Gefängnis, waren Frauen schließlich in vielerlei Hinsicht empfindlicher als Männer. „Was will Mrs. Sommers also von uns? Dass wir die Verhandlungen übernehmen. Oder dass wir ihre Enkelin befreien?“

„Ich weiß nicht. In ihrer Nachricht sagt sie nur, dass die Situation unerträglich sei und etwas unternommen werden müsse.“

„Da hat sie auch Recht. Und ich bin der Mann, der ihren Auftrag übernehmen wird.“

„Nein.“ Gabriel schloss die Akte mit einem Knall, als wäre die Angelegenheit damit erledigt.

„Doch.“ Dominics Stimme klang dieses Mal alles andere als amüsiert. Er richtete sich abrupt auf. „Ich brauche keinen Babysitter, Gabe. Ich brauche etwas Action. Wenn ich nur eine Woche länger nicht mehr tue, als Schneeflocken zu zählen, werde ich noch die Wände hochgehen.“

„Verdammt, Dominic …“

„Gib es endlich auf. Du hast ganze Arbeit geleistet, als du uns nach Moms Tod aufgezogen hast, aber jetzt sind wir alle große Jungs und können allein auf uns aufpassen. Außerdem bist du nicht mein Boss. Ich gehe nach San Timoteo, und damit hat sich’s.“ Dominic nahm die Akte und fuhr fort: „Und da dem so ist, muss ich wohl meine Hausaufgaben machen und dich deinem Papierkram überlassen. Aber ich treffe dich und Mrs. Sommers in …“, er sah auf die Uhr, „… einer Stunde im Konferenzraum. Seid pünktlich.“

Gabriel kniff die grünen Augen zusammen, doch dann entspannte er sich, lächelte schief und bedachte seinen Bruder mit einem Schimpfwort.

Dominic lachte und schlenderte zufrieden hinaus.

Abigail Anson Sommers sieht nicht gerade aus, wie man sich eine liebe alte Großmutter vorstellt, dachte Dominic, als Gabriel sie in den Konferenzraum führte. Mit ihren ebenmäßigen Zügen, dem dichten, hochgesteckten weißen Haar, der kerzengeraden Haltung und dem verschlossenem Gesichtsausdruck machte die große schlanke Frau den Eindruck einer Königin.

Dominic ging um den großen Glastisch herum, um einen Stuhl für sie herauszuziehen.

„Danke, junger Mann“, sagte sie gnädig – ganz die Monarchin einem Untertan gegenüber –, als sie sich setzte und auch Gabriel Platz nahm.

„Es ist mir ein Vergnügen“, erwiderte er, insgeheim amüsiert über ihren nicht besonders subtilen Versuch, ihn an seinen Platz zu verweisen.

Sie kam sofort zum Punkt. „Ihrem Bruder zufolge hatten Sie etwas mit dem Grobane-Zwischenfall zu tun“, bemerkte sie knapp, „über den alle Zeitungen berichteten.“

„Ja, etwas“, stimmte er zu und lehnte sich zurück. Er begegnete ihrem prüfenden Blick mit Gelassenheit. Sie konnte so viel bohren, wie sie wollte, aber er hatte nicht die Absicht, seinen letzten Auftrag als Leibwächter mit ihr zu diskutieren. Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung war er nämlich ganz und gar nicht der Ansicht, dass es heldenhaft war, für einen Auftraggeber sein Leben zu riskieren. Nein, Dominic hatte vielmehr einen Fehler begangen, weil er nicht seinem Instinkt gefolgt war, und dann hatte er nur unglaubliches Glück gehabt, dass der Killer ein so schlechter Schütze war. Dominic erwachte immer noch schweißgebadet mitten in der Nacht, wenn er daran dachte, wie knapp Carolina Grobane dem Tod entkommen war.

Er glaubte nicht, dass er damit hätte leben können, wenn sie gestorben wäre. Auf jeden Fall hatte er nicht die Absicht, alles wiederzukäuen oder für etwas Lob einzustreichen, was er nicht für eine seiner Glanzleistungen hielt, mochte die öffentliche Meinung das auch ganz anders sehen.

Mrs. Sommers schien seine Stille für Bescheidenheit zu halten, denn auf ihrem Gesicht zeichnete sich etwas ab, das man fast Anerkennung nennen konnte. „Gabriel erwähnte auch, dass Sie unserem Land als Navy SEAL gedient und dass Sie zahlreiche Medaillen erhalten haben.“

Dieses Mal schenkte er seinem Bruder einen vorwurfsvollen Blick, den dieser nur mit einem leichten Achselzucken beantwortete. An Mrs. Sommers gewandt, sagte er: „Ja, Ma’am, das ist wahr.“

Sie verzog den Mund. „Er versicherte mir außerdem, dass, falls irgendjemand in der Lage sein sollte, Delilah aus diesem Schlamassel zu befreien, dieser Mann Sie sind.“

„Kann sein.“

„Kann sein?“ Sie musterte ihn forschend. „Und was genau meinen Sie damit, wenn ich fragen darf?“

„Ich meine, dass ich eine ungefähre Vorstellung von der Situation Ihrer Enkelin habe, aber dass ich uns beiden keinen Gefallen damit täte, irgendwelche Versprechen zu geben, bevor ich mehr weiß“, antwortete er ungerührt.

Es folgte eine längere Pause, während der die alte Dame ihn wieder betrachtete, dann sagte sie abrupt: „Hm.“ Sie griff in ihre große Handtasche und holte einen dicken Umschlag heraus. „Das habe ich vorausgesehen. Hier ist alles enthalten, was Sie brauchen. Delilahs ursprünglicher Reiseplan, eine Liste der Leute, die ihr begegnet sind, und Abschriften meiner Gespräche mit den Repräsentanten dieses abscheulichen Condesta. Fotos und Informationen über das Gefängnis in Santa Marita, wo sie festgehalten wird. Oh, und natürlich auch ein Foto von ihr selbst.“

„Dieses Material wird uns sehr helfen.“ Dominic nahm den Umschlag und legte ihn vor sich auf den Tisch. „Zunächst jedoch sollten wir klarstellen, was genau Sie von mir erwarten. Soll ich die Verhandlungen wieder aufnehmen? Soll ich den Austausch in die Wege leiten?“

Zu seinem Vergnügen entgegnete sie scharf: „Ganz bestimmt nicht. Es gibt Anwälte, die das übernehmen können – Anwälte, Berater und Geschäftsmänner, denen ich gegen besseres Wissen erlaubte, mich davon zu überzeugen, dass es besser wäre, mit Delilahs Entführern zu verhandeln …“ Sie brach ab, straffte die Schultern und saß noch steifer da als vorher. „Ich mag alt sein, Mr. Steele, aber ich bin nicht dumm, jedenfalls nicht oft. Und ich halte nichts von Erpressern. Ich wünsche, dass Sie nach San Timoteo gehen und Delilah zu mir zurückbringen, wo sie hingehört.“

Dominic gab sich Mühe, seine innere Genugtuung zu unterdrücken. „Okay. Aber es gibt noch einige Dinge, die wir besprechen müssen.“

Sie verzog unwillig den Mund. „Wenn es um Ihre Bezah…“

„Nein, Ma’am“, unterbrach er sie. „Ich bin sicher, dass ich Ihnen vertrauen kann.“ Er erlaubte sich ein Lächeln über ihr empörtes Schnauben. „Was ich will, sind ein paar Informationen über Ihre Enkelin. Ist sie ein Mensch, der gern führt, oder jemand, der Anweisungen befolgt? Ist sie gelassen oder nervös? Handelt sie eher impulsiv oder überlegt?“

„Warum, in aller Welt, wollen Sie das alles wissen?“, fuhr Mrs. Sommers ihn an.

„Nun, ganz einfach.“ Er trommelte leise mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. „Wahrscheinlich weil es schön wäre, zu wissen, was mich erwartet. Wird sie eher dazu neigen, loszuschreien oder in Ohnmacht zu fallen, wenn sie mich sieht? Wird sie mir ständig ihre Meinung sagen wollen, oder wird sie ohne Einwände tun, was ich ihr sage? Wird sie hysterisch werden, wenn wir fliehen müssen und sie sich einen Fingernagel dabei abbricht?“

Abigails kühle blaue Augen blitzten ihn an. „Sie können sich darauf verlassen, dass Delilah sich vernünftig verhalten wird, Mr. Steele. Ich habe sie nicht zu theatralischer Affektiertheit erzogen. Sie ist eine kluge, verantwortungsbewusste junge Frau, genau wie es sich für ihre Stellung gehört. Und ich kann Ihnen versichern, sie versteht sehr wohl, dass die Pflicht oder die Umstände es manchmal verlangen, dass man seine Gefühle unterdrückt und tut, was getan werden muss.“

„Okay“, erwiderte er freundlich. „Aber wenn sie ein so kluges Mädchen ist, wie ist sie dann überhaupt in die Lage gekommen, Condestas zweifelhafte Gastfreundschaft beanspruchen zu müssen?“

„Ich habe niemals behauptet, dass meine Enkelin vollkommen sei“, sagte Abigail Sommers steif und hob das ohnehin schon stolz gehobene Kinn um einen weiteren Zentimeter. „Trotz ihrer vielen ausgezeichneten Qualitäten kann Delilah manchmal – aber nur äußerst selten –ausgesprochen dickköpfig sein. Diese Reise ist ein gutes Beispiel dafür. Obwohl es sehr gut von einem Angestellten hätte erledigt werden können, die ja schließlich für diese Art von Angelegenheit bezahlt werden, und trotz der Tatsache, dass unzählige Verpflichtungen ihre Anwesenheit hier verlangten, bestand sie darauf, persönlich nach San Timoteo zu reisengehen, um die Schule zu inspizieren, die die Anson Foundation, eine Organisation, die mein verstorbener Vater ins Leben gerufen hat, unterstützen möchte. Soweit ich weiß, beschloss sie nach getaner Arbeit, eine Art lokaler Feier zu besuchen. Irgendetwas geschah, was die Polizei auf den Plan rief, und als der junge Mann, der Delilah begleitete, mit Arrest bedroht wurde …“, sie seufzte gereizt, „… war Delilah so dumm, sich zu widersetzen.“

Dominic nickte. Die Enkelin war vielleicht einige Jahre älter und weniger schwachöpfig, als er ursprünglich gedacht hatte, aber der Rest der Geschichte entsprach ungefähr dem, was er erwartet hatte – dem klassischen Fall der reichen Erbin, die sich danebenbenimmt. „Was glauben Sie also, wie sie sich unter diesen Umständen hält?“

„Ich bin sicher, dass sie zurechtkommt. Sie ist schließlich eine Anson“, sagte die alte Dame kühl, als wäre damit schon alles gesagt.

Und vielleicht war es das ja auch. Dominic hatte jedenfalls den Eindruck, dass die Enkelin nicht in Tränen ausbrechen oder hysterisch schreien würde, wenn sie ihn zum ersten Mal zu sehen bekam. Aber selbst wenn Mrs. Sommers enthüllt hätte, dass ihr Liebling Delilah den Charme eines Stinktiers mit Verhaltensproblemen hatte, war Dominic doch von Anfang an entschlossen gewesen, nach San Timoteo zu gehen und El Presidente von seinem unfreiwilligen Gast zu befreien.

Aber er war kein Dummkopf. In seinem Job war es lebenswichtig, gut vorbereitet zu sein, und das bedeutete, alle Informationen einzuholen, die man bekommen konnte. Allerdings wurde es allmählich Zeit, Königin Abigails Unruhe zu beenden und ihr zu sagen, dass er bereit war, ihre Enkelin zu retten. „In Ordnung. Ich werde es tun.“

„Wunderbar!“ Mrs. Sommers sah plötzlich zehn Jahre jünger aus, und man merkte ihr zum ersten Mal die tiefe Sorge an, die hinter ihrer unnahbaren Fassade verborgen war. „Wie bald können Sie abreisen?“

„Irgendwann in den nächsten achtundvierzig Stunden. Lassen Sie mich das hier durchgehen …“, er tippte auf den Umschlag, „… und einige Anrufe erledigen, und dann melde ich mich heute im Lauf des Tages bei Ihnen, falls ich noch Fragen haben sollte, und teile Ihnen dann den genauen Zeitplan mit.“

„Wunderbar“, wiederholte sie, griff nach ihrer Tasche und stand auf.

Dominic und seine neue Auftraggeberin gaben sich die Hände, und dann begleitete Gabriel Mrs. Sommers aus dem Zimmer. Die beiden waren fast schon an der Tür, als Dominic in den Umschlag griff und den Stapel Papiere herausholte. Ganz oben war ein etwa fünf mal sieben Zentimeter großes Foto angeheftet, und Dominic warf einen Blick darauf.

Der Schock, der ihn erfasste, ließ ihn heftig zusammenzucken. „Das ist Ihre Enkelin? Lilah Cantrell?“ Zu seinem Entsetzen klang seine Stimme plötzlich ganz heiser.

Mrs. Sommers drehte sich an der Tür um. „Delilah, ja. Ihr Vater war mein Sohn aus meiner zweiter Ehe.“

Dominic bemühte sich, sich die Gefühle nicht anmerken zu lassen, die in ihm tobten. Als er Lilah gekannt hatte, hieß ihre Großmutter weder Cantrell noch Sommers, und auch das Anwesen der Familie trug einen anderen Namen. Das Trayburn-Anwesen, so wurde es genannt.

Gabriel musterte ihn neugierig und schien die Situation zu erfassen. „Kommen Sie, Abigail“, sagte er leise. „Margaret hat die Papiere vorbereitet, die Sie unterzeichnen müssen.“

Sobald sie hinausgegangen waren, wandte Dominic seine Aufmerksamkeit wieder dem Foto zu, das eine Blondine mit großen blauen Augen und zartem Gesicht, einem aufregend sinnlichen Mund und einer Mischung aus Zurückhaltung und Herausforderung in ihrem Gesichtsausdruck zeigte.

Teufel noch mal. Delilah Sommers war also Lilah Cantrell, und trotz gegenteiliger Behauptungen ihrer Großmutter war sie sehr wohl ein egozentrisches High-Society-Püppchen. Das wusste er aus eigener Erfahrung. Denn Lilah Cantrell war die erste und einzige Frau gewesen, in die er sich jemals verliebt hatte, die einzige Frau, bei der er niemals wusste, wie sie im nächsten Moment reagieren würde. Und sie war die einzige Frau, die ihm die Tür gewiesen hatte, bevor er sicher gewesen war, ob er sie verlassen wollte.

Und vor allem war sie die letzte Frau auf Erden, der er freiwillig wieder begegnen wollte. Er stieß einen leisen Fluch aus.

„Stimmt etwas nicht?“

Dominic hob abrupt den Kopf. Sein älterer Bruder stand in der offenen Tür und beobachtete ihn.

Er sah Gabriel ausdruckslos an. „Nein.“

Und das stimmte auch. Entschlossen schob er das Foto in den Umschlag zurück. Er hatte also zugestimmt, Lilahs hübschen kleinen Hintern zu retten. Na und? Was machte es schon aus? Er war schließlich ein Profi, und er hatte die Absicht, sich auch wie einer zu benehmen.

Was vorbei war, war vorbei. Er und Lilah waren fast noch Kinder gewesen, als sie sich in jenem Sommer ineinander verknallt hatten, und er hatte von Anfang an gewusst, dass es keine Zukunft für sie gab. Wenn er in den folgenden Jahren ab und zu mit einem gewissen Bedauern an sie gedacht hatte, dann nur, weil der Sex mit ihr unglaublich gewesen war.

„Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“

Gabriels Frage riss ihn in die Gegenwart zurück. Er dachte kurz nach, und plötzlich breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Ja, natürlich. Warum denn nicht? Ich kann endlich aus diesem miesen Wetter weg und mich an einem Ort aufhalten, wo ich mich in der Sonne bräunen und noch dazu ein paar böse Buben hereinlegen kann. Und darüber hinaus werden wir auch noch dafür bezahlt. Glaub mir, Bruderherz. Ich werde schon damit fertig.“

3. KAPITEL

„Das ist dein Job?“ Lilah hob die Augenbrauen. „Du und deine Brüder seid Söldner?“

Offenbar hatte Dominic es doch nicht so gut erklärt, wie er gedacht hatte. So wie diese Befreiungsaktion auch weitaus schwieriger sein würde als erwartet. Aber das bedeutete nicht, dass er sich eine solche Fehleinschätzung gefallen lassen musste. „Nein. Das Söldnertum schließt ein völliges Fehlen von Maßstäben ein – keine Moral, keine Werte, keine Regeln. Und wir setzen uns gerade für all diese Dinge ein. Wir brechen nicht das Gesetz, wir arbeiten für niemanden, der sich nicht hundertprozentig im Rahmen der Legalität bewegt. Vertrau mir. Wir können es uns außerdem leisten, wählerisch zu sein.“

Er fügte nicht hinzu, dass seine Brüder und er an die Gerechtigkeit glaubten, und zwar so sehr, dass sie bereit waren, ihr Leben dafür zu riskieren. Im Gegensatz zur Mehrheit der Bevölkerung waren sie außerdem für ihr Land bei der Armee gewesen. Jeder Einzelne von ihnen war ein ehemaliges Mitglied der Elite-Einheiten des Militärs und hatte an den gefährlichsten Orten der Welt Dienst geleistet.

Lilah schien ihn verstanden zu haben. Sie kaute eine Weile nachdenklich auf der Unterlippe, straffte dann die Schultern und begegnete Dominics Blick. „Es tut mir leid. Ich wollte damit nichts Negatives andeuten. Oder gar sagen, dass ich nicht froh darüber bin, dich hier zu sehen. Denn ich bin sogar sehr froh. Aber es kommt so überraschend.“

Dagegen konnte er nichts einwenden. „Mach dir deswegen keine Gedanken.“

Er selbst wollte jedenfalls nicht länger darüber nachdenken. Obwohl der Auftrag ihn mehr gekostet hatte als erwartet. Zunächst war sein Flug nach San Timoteo umgeleitet worden. Als er endlich angekommen war, war sein hiesiger Kontakt verschwunden und Dominic hatte quälende dreißig Stunden gebraucht, um herauszufinden, dass Lilah nicht da war, wo man angenommen hatte. Als er sie dann endlich gefunden hatte – in einem Gebäude, das die Einheimischen Las Rocas nannten und das völlig abgelegen etwa fünfundsechzig Meilen von der Hauptstadt Santa Marita entfernt lag – musste er erkennen, dass er nur dort hineinkommen konnte, indem er sich selbst als Gefangenen hineinwerfen ließ, und dass er das am besten dadurch erreichte, dass er sich freiwillig zusammenschlagen ließ.

Noch komplizierter wurde die ganze Angelegenheit dadurch, dass sein Satellitentelefon vom Zoll konfisziert worden war und die letzte Mitteilung, die er noch bekommen hatte, ihn vor einem gewaltigen Sturm, den man Ende der Woche erwartete, warnte. Und als wäre das nicht genug, hatte seine Verspätung zur Folge, dass er und Lilah den bereits gebuchten Flug von der Insel verpasst hatten. Jetzt würde er also einen neuen Rettungsplan improvisieren müssen.

Andererseits improvisierte er gern, und er war auch gut darin. Es gab nur eine Sache, die ihm noch Sorgen bereiten könnte. Und die stand wenige Meter von ihm entfernt.

Er hatte völlig vergessen, wie hübsch Lilah war. Sie sah immer noch aus wie eine Fleisch gewordene Disneyversion von Aschenputtel mit ihrem goldfarbenen Haar, den großen blauen Augen und einer Haut, wie man sie meist nur in Werbespots für Bodylotions sah. Aber zu seinem Pech und im Gegensatz zu der braven Märchenfigur war Lilah außerdem ausgesprochen sexy. Schon mit achtzehn war sie aufregend gewesen, und an seiner prompten Reaktion auf sie erkannte er, dass sie auch heute noch die gleiche faszinierende Wirkung auf ihn hatte.

Dabei war nichts an ihr übertrieben oder herausfordernd. Sie hatte nur das gewisse Etwas, das Männer wahnsinnig machte; eine Anmut und einen Hauch von Zurückhaltung, der einen Mann an Gartenpartys und Symphonieorchester denken ließ, nicht an Frauenschlammschlachten und Strip-Lokale.

Und genau das war das große Problem. Gerade ihre Haltung, die einem zu sagen schien: „Du kannst ruhig hinsehen, aber berühren ist verboten“, war es, die ihn von Anfang an zu ihr hingezogen hatte. Er hatte nie einer Herausforderung widerstehen können, das ging ihm auch heute nicht anders, und der Gedanke, dass sie sich für unerreichbar hielt, hatte wie ein rotes Tuch auf Dominic gewirkt. Ein Blick hatte gereicht, und er war verloren gewesen. Danach hatte er nur noch daran denken können, ihr seidiges blondes Haar zu berühren, sie an sich zu ziehen und ihren süßen Mund zu küssen, bis die Sprödheit verschwand.

Aber das war damals, und jetzt war die Situation eine andere. Er war dreißig Jahre alt, ein Mann, kein Junge. Und er hatte sich vor all den Jahren nicht nur die Finger an ihr verbrannt, er war von ihr über offenem Feuer geröstet worden – eine Erfahrung, die er nicht zu wiederholen gedachte.

Wie sollte er sich also dieses überwältigende, aufwühlende, nicht zu unterdrückende Verlangen erklären, das ihn durchzuckte, als sie ihn vorhin berührt hatte?

„Ich will nur sicher sein, dass ich es verstehe“, sagte Lilah und unterbrach zu seiner Erleichterung seine Gedanken.

Das geht mir nicht anders, Süße, dachte er grimmig. Ich würde gern verstehen, wie es kommt, dass ich mir vorstelle, wie es wäre, wilden Sex mit dir zu haben, wenn ich dich doch seit zehn Jahren nicht gesehen habe.

„Ist meine Großmutter zu dir ins Büro gekommen und hat dich engagiert, mich zu befreien?“

„So war es.“

„Und dein Bruder hat in der Vergangenheit für sie gearbeitet, und deswegen ging sie zu ihm und du bist dann geschickt worden?“

„Mehr oder weniger.“

„Und nachdem wir uns … ich meine, später hast du Denver verlassen und bist zur Navy gegangen?“

„Ja. Und wenn du jetzt nichts dagegen hast, überlass bitte mir das Fragen. Wir haben nicht viel Zeit, bis die Wachen kommen, um uns das Abendessen zu bringen.“ Er würde später über seine verrückt spielende Libido nachdenken. Wenn er wieder in Denver war. Jetzt wurde es erst mal höchste Zeit, zur Sache zu kommen.

„Woher weißt du das?“, fragte sie.

„Woher weiß ich was?“

„Das mit dem Abendessen.“

Er ermahnte sich, geduldig zu sein, da es nur verständlich war, dass sie Fragen hatte. „Weil ich mir gestern einen Überblick über diesen Ort hier verschafft habe. Es gibt einen großen Baum etwa hundertfünfzig Meter vom Eingang entfernt. Er ist so hoch, dass ich sehen konnte, wie sie Essen von der Küche heranfuhren. Jetzt musst du mir nur sagen, ob sie nach dem Abendessen zurückkommen, um die Teller einzusammeln, oder ob sie bis zum Morgen warten.“

„Bis jetzt kamen sie immer erst am nächsten Morgen.“

„Gut. Siehst du dazwischen irgendjemanden? Kontrollieren sie, ob du im Bett liegst, oder kommen sie herein, wenn die Wachablösung stattfindet?“

„Nein. Warum?“

„Darum.“ Er betastete die Öffnung im Bund seiner Hose. „Wenn das der Fall ist, dann sind wir nach dem Abendessen im Grunde unsichtbar bis zum Morgengrauen. Und ich will dafür sorgen, dass wir lange davor von hier verschwunden sind.“

Ungläubig sah sie ihn an, aber sie war zu wohl erzogen, um sich ihre Gefühle länger als einen Augenblick anmerken zu lassen. „Nun, das wäre sicher schön. Aber wenn wir es nicht schaffen, uns zu dematerialisieren oder uns durch die Gitterstäbe zu zwängen, sehe ich eigentlich nicht, wie du das bewerkstelligen willst. Und selbst wenn du es schaffen solltest, müsstest du immer noch durch die verriegelte Korridortür und an der Wache vorbei, die du doch unbedingt vermeiden willst. Irgendwie glaube ich nicht, dass das klappen wird.“

Er zog eine etwa schenkellange rasiermesserdünne Klinge aus ihrem Versteck. heraus „Ich auch nicht, deswegen nehmen wir auch nicht den Weg.“

„Nein?“, sagte Lilah verblüfft und sah ihn mit leicht geöffnetem Mund an.

Plötzlich überkam ihn wieder jener unwiderstehliche Wunsch, sie zu berühren. Sie besaß wirklich den aufregendsten Mund … „Nein, tun wir nicht“, fuhr er abrupt fort und zwang sich, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren und dreifach zu kontrollieren, dass er auch nichts übersehen hatte, obwohl er sich den Grundriss von Las Rocas bereits fest eingeprägt hatte. Das Gebäude lag auf einer windumpeitschten Landspitze im Süden von San Timoteo und beherbergte nicht nur das Gefängnis, sondern auch eine Kaserne und die Residenz des Kommandanten.

Das Gefängnis selbst hatte ungefähr die Form eines Rechtecks. Auf der kürzeren Westmauer gab es eine einzelne Eisentür, die von einem Wachhäuschen in einen engen Korridor mit einem einzigen kleinen Fenster führte. Der Korridor wiederum führte zu vier winzigen Zellen, die identisch waren und eine gemeinsame Wand besaßen.

Dominic merkte, dass seine Umgebung deprimierend genug war, um selbst seine Gelüste mühelos zu ersticken, und wandte sich wieder zu Lilah. Sie hatte einen Schritt nach hinten gemacht und stand jetzt genau im einzigen schwachen Lichtstrahl, der Dominic erlaubte, etwas zu sehen, was ihm bisher wegen des Schattens entgangen war. An ihrem rechten Handgelenk war ein großer Bluterguss, eine dunkle Verfärbung verlief von der einen Schulter bis zum Ellbogen des anderen Arms, und ein verblassender, aber immer noch deutlicher gelbpurpurner Fleck verunstaltete eine Seite ihres Kinns.

Der Anblick ließ Dominic erstarren. Plötzlich wünschte er sich, er könnte die Zeit zurückdrehen und sich die verdammten Wächter noch einmal richtig vornehmen, statt sich von ihnen überwältigen zu lassen. Er bemühte sich, seiner Stimme nichts von seiner Wut anmerken zu lassen. „Lilah.“

Seine Stimme mochte normal geklungen haben, aber irgendetwas an seiner Haltung musste ihn verraten haben, denn Lilah erstarrte unwillkürlich. „Was ist?“

„Haben sie dir wehgetan?“, fragte er leise.

„Mir wehgetan?“ Trotz ihrer lässigen Antwort berührte sie unbewusst ihr verletztes Handgelenk, als Zeichen dafür, dass sie wusste, warum er ihr diese Frage stellte.

„Bist du vergewaltigt worden?“

Sie schüttelte sofort den Kopf. „Nein. Ich bin nicht sicher, aber ich glaube El Presidente hat befohlen, mich in dieser Hinsicht zufriedenzulassen.“

„Ach ja? Und warum sollte er das tun?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht weil er nur mein Geld will.“

„Und woher kommen dann die blauen Flecke?“, fuhr er hartnäckig fort.

„Bei dem hier“, sie wies auf ihr Handgelenk und zuckte die Achseln, „wurde einer der Wächter etwas rau. Der Rest …“ Sie errötete. „Der Rest kommt von meiner Festnahme in Santa Marita. Es gab einen Autounfall. Nun ja, ich nehme an, ‚Unfall‘ ist nicht unbedingt der richtige Begriff …“

„Aber niemand hat sich dir aufgezwungen?“, unterbrach Dominic sie.

„Nein.“

„Okay, das ist gut.“ Als wäre plötzlich ein Schwindelgefühl verschwunden, das ihn bisher davon abgehalten hatte, richtig zu sehen – offenbar hatte er einen härteren Schlag auf den Kopf bekommen, als er gedacht hatte –, bemerkte er jetzt, dass man mit Lilah nicht nur besonders rau umgesprungen war, sondern dass sie auch so aussah, als hätte sie viel zu lange nicht genug zu essen bekommen. Sie war nicht schlank, so wie früher, sondern wirkte regelrecht zerbrechlich.

Diese Entdeckung verbesserte seine Laune nicht gerade. Sein Drang, Lilah sofort hier herauszuholen, war größer als der Wunsch, die Wächter zu verprügeln, und das wollte schon etwas heißen. Die Heftigkeit seiner Gefühle überraschte ihn, aber darüber würde er später nachdenken, wenn ihn keine blauäugige Blondine mit seidenweicher Haut ablenkte und eine Sehnsucht in ihm weckte, die ihm jetzt ganz und gar ungelegen kam.

„Wenn wir nicht durch die Tür fliehen wollen, wie können wir es dann tun?“, fragte Lilah.

Man könnte sie zu Recht hartnäckig nennen, dachte Dominic. „Wenn ich es dir sage, wirst du dann aufhören, mich zu löchern?“

„Ja, natürlich, ich …“

„Abgemacht“, sagte er knapp. „Um deine Frage zu beantworten – wir fliehen durch das Loch, das ich in die Wand schneiden werde.“

Lilah sah Dominic fassungslos dabei zu, wie er ihr den Rücken zukehrte und an die raue graue Betonwand trat, die den hinteren Teil der Zelle formte. Dann tastete er sie ab, indem er mit den Händen daran entlangfuhr wie ein Blinder, der das Gesicht seiner Geliebten erkundete.

Eine Unzahl von Fragen ging ihr durch den Kopf, und ein Dutzend mögliche Antworten kamen ihr in den Sinn. Die zwei immer wiederkehrenden Gedanken waren „Wie, in aller Welt“ und „Du musst verrückt sein“.

Aber da Dominic stumm blieb und ihr die ganze Zeit über den Rücken zuwandte, war ihr klar, dass er nicht mit ihr reden wollte.

Nun, von mir aus. Ich auch nicht, dachte Lilah und zog sich auf ihr Bett zurück. Sie brauchte Zeit, um ein wenig nachzudenken und sich über die Gefühle klar zu werden, die in ihr wüteten.

Sie hatte sich jedoch kaum gesetzt, als das Geräusch eines Riegels, der zurückgeschoben wurde, die Stille zerriss. Lilah sah erschrocken zu Dominic hinüber. In Sekundenschnelle hatte ihr Mitgefangener sich umgedreht und auf den Boden sinken lassen, die Arme schlaff herabhängend, die Augen geschlossen, den Kopf auf der Seite.

Wenn Lilah es nicht besser gewusst hätte, hätte sie geglaubt, dass hier ein verletzter Mann darum kämpfte, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Der Wächter jedenfalls kaufte es ihm ab. Er warf dem großen Amerikaner nur einen flüchtigen Blick zu, sagte etwas eindeutig Abfälliges auf Spanisch und ging weiter zu Lilahs Zelle.

Zu ihrer Überraschung antwortete Dominic ihm mit überzeugend genuschelten Worten, die Lilah nicht verstand. Der Wächter lachte dreckig und warf Lilah einen lüsternen Blick zu. Nachdem er ihr ihren Teller unter den Gitterstäben durchgeschoben hatte, richtete er sich auf und sagte wieder etwas, spizte die Lippen zu einem widerwärtig klingenden Kuss und schlenderte zurück zur Tür.

Der Riegel wurde vorgeschoben, und kaum eine Sekunde später war Dominic wieder auf den Beinen. „Mistkerl“, stieß er wütend hervor.

Lilah konnte ihre Neugier nicht unterdrücken. „Was hat er gesagt?“

„Nichts, was du wissen musst.“

Sie schürzte die Lippen. Es war zwar nicht die Antwort, die sie hören wollte, aber wenigstens sprach er wieder mit ihr. „Ich wusste gar nicht, dass du Spanisch sprichst.“

„Habe ich während meiner SEAL-Ausbildung gelernt.“ Er zuckte auf seine charakteristische Art knapp mit den muskulösen Schultern. „Wie sich herausstellte, fällt mir das Sprachenlernen leicht.“

„Oh.“

Sein Blick fiel auf ihren Teller. „Du solltest etwas essen.“

Sie betrachtete die magere Portion Bohnen mit der dünnen Scheibe Brot darauf. Das Essen hatte eine unappetitliche graue Farbe, und Lilah wusste aus bitterer Erfahrung, dass es viel besser aussah, als es schmeckte. Und trotzdem lief ihr bei dem Anblick das Wasser im Mund zusammen und ihr knurrte der Magen. Aber wie konnte sie etwas essen, wenn er nichts hatte? „Wir teilen es uns.“

Dominics Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Nein, kommt nicht in Frage. werden wir nicht. Du hast es viel nötiger als ich.“

Er hatte offensichtlich nicht die Absicht, nachzugeben, und da es sicher sinnlos war, sich mit ihm zu streiten, stand Lilah pflichtbewusst auf und holte sich den Teller. Sie nahm den Holzlöffel in die Hand und aß ohne Eile genau die Hälfte von allem, was da war, dann ging sie zum Gitter und schob den Teller darunter hindurch.

Ohne ein Wort ging sie wieder zurück zu ihrem Bett, und als sie sich umdrehte, begegnete sie Dominics hartem Gesichtsausdruck, ohne den Blick abzuwenden.

Mit einem leisen Fluch, der sie dann doch zusammenzucken ließ, griff er nach dem Teller und aß.

„Glaubst du wirklich, dass du mit diesem dünnen Ding durch Beton kommst?“, fragte sie etwas später, als er den letzten Rest der Bohnen mit dem letzten Stück Brot aufgewischt hatte. „Und was ist mit der Wache? Wird nicht jemand von ihnen bemerken, was hier vor sich geht?“

„Die Wände sind nicht aus Beton, sondern aus Betonklötzen“, verbesserte er sie und erhob sich. „Und die sind zusammenzementiert mit einem hier angefertigten Mörtel, der aus Stroh und Schlamm besteht. Und genau das werde ich mit meiner Klinge hier bearbeiten, die im Gegensatz dazu aus Titan besteht und zehn Mal stärker ist als gehärteter Stahl. Und keiner wird etwas merken, weil die hintere Wand genau über dem Rand eines Gefälles gebaut ist. Um also deine Frage zu beantworten: Ja, ich glaube wirklich, dass mein Plan funktionieren wird.“

Er stand auf und warf den leeren Teller mit einer Heftigkeit gegen die Tür, die Lilah erschreckte. Doch als er sich ihr wieder zuwandte, war er ruhig und gelassen, und als er sprach, tat er das mit einer Selbstsicherheit, an die Lilah verzweifelt gern glauben wollte. „Schenk mir ein wenig Vertrauen, ja? Ich hätte mich nicht hier hereinwerfen lassen, wenn ich nur darauf gehofft hätte, dass mir irgendwann eine Idee kommt. Ich weiß, was ich tue.“

„Ja, natürlich“, sagte sie mit schwacher Stimme. Er hatte natürlich Recht. Er war ihre beste und einzige Chance, von diesem fürchterlichen Ort zu fliehen, und wenn sie seinen Plan bei jeder Gelegenheit anzweifelte, tat sie weder ihm noch sich einen Gefallen.

„Und da unsere Gastgeber sich trotz meiner schlechten Manieren nicht die Mühe machen wollen, nach uns zu sehen …“ Er steckte die Klinge in ihr Versteck und ging wieder an die hintere Wand seiner Zelle. „… kann ich genauso gut anfangen. Warum ruhst du dich inzwischen nicht ein bisschen aus? Du wirst all deine Kräfte für später brauchen.“

Wieder wurde sie einfach von ihm fortgeschickt, aber dieses Mal ärgerte sie sich nicht darüber, sondern legte sich wirklich hin, wie er vorgeschlagen hatte. Sie drehte sich auf die Seite, eine Hand unter der Wange, senkte die Lider und gab vor, Dominic nicht zu beobachten, während er seinen Angriff auf die Wand begann.

Der Himmel mochte ihr beistehen, aber sie konnte den Blick nicht von ihm wenden, und das nicht nur wegen des faszinierenden Spiels seiner Schultermuskeln. Nein, es war auch, weil ihr bewusst wurde, dass sie sich jahrelang etwas vorgemacht und geglaubt hatte, dass das Bild, das sie von ihm in Erinnerung gehabt hatte, der Wirklichkeit entsprach.

Das tat es ganz und gar nicht. Irgendwann im Lauf der Zeit hatte sie völlig vergessen, wie unglaublich lebendig dieser Mann war und wie viel schöner, wundervoller und interessanter ihr die Welt in seiner Gegenwart vorkam.

So war es von Anfang an gewesen, seit dem Augenblick, als sie ihm das erste Mal begegnet war …

Es war wieder ein heißer, träger Junitag. Lilah lag lustlos auf einer Sonnenliege neben dem Swimmingpool von Cedar Hill, dem palastartigen Herrenhaus in Denver, das dem neuesten Ehemann ihrer Großmutter gehörte.

In einiger Entfernung hörte sie das vertraute Surren eines näher kommenden Rasenmähers, und lächerlicherweise beschleunigte sich ihr Puls. Sie war froh, dass sie sich hinter ihrer Sonnenbrille verstecken konnte, als sie den Kopf drehte und über die riesige Rasenfläche nach links schaute. Sie wurde für ihre Mühe mit dem Anblick eines hochgewachsenen, sonnengebräunten jungen Mannes belohnt, der den Rasen mähte.

Das erste Mal war er ihr vorige Woche aufgefallen. Er war nicht der Mann, der sonst immer den Rasen mähte, und als sie sich bei Mr. Tomkin, dem Pool-Reiniger, nach ihm erkundigte, erzählte er ihr, dass der unbekannte junge Mann eine Urlaubsvertretung war.

Mit seinen breiten Schultern und dem selbstbewussten Auftreten war er kaum zu übersehen. Lilah wusste, dass auch er sie bemerkt hatte. Im Gegensatz zu den wohlerzogenen Jungen, an die sie gewöhnt war, hatte er es gewagt, sie frech anzustarren, und sein Blick hatte auf eine Weise auf ihr verweilt, die Lilah sehr befremdlich fand.

All das erklärte allerdings nicht, warum sie seit über einer Stunde hier saß und hoffte, noch einen Blick auf ihn werfen zu können. Und auch nicht, warum allein sein Anblick ihren Puls schneller schlagen ließ. Als hätte er ihren Blick gespürt, stellte er abrupt den Rasenmäher ab und kam auf Lilah zu.

Bevor sie ihrem ersten Impuls folgen und fliehen konnte, stand er am Eisenzaun, der den Pool umgab. „Hi.“

Einen Moment lang konnte sie sich nicht rühren. Dann setzte sie sich langsam auf. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Sie benutzte ihren vornehmsten Akzent, um Lässigkeit vorzutäuschen, obwohl sie Herzklopfen hatte.

„Ja.“ Er schenkte ihr ein Lächeln, das sie innerlich erschauern ließ. „Hätten Sie was dagegen, mir ein Glas Wasser zu bringen?“

Ein Schweißtropfen lief an seinem Hals herunter und in den Ausschnitt seines schwarzen T-Shirts, das ihm am Körper klebte wie eine zweite Haut. Lilah spürte eine nie gekannte Hitze in sich aufsteigen. In ihrer Verlegenheit legte sie ihren Kopf schief und wandte den Blick ab. „Entschuldigung?“

„Ich habe Durst. Sie scheinen nicht viel zu tun zu haben, also würde ich es zu schätzen wissen, wenn Sie mir etwas Wasser bringen könnten.“

Lilah sah ihn verblüfft an. Sie wusste nicht, was sie an ihm mehr verwirrte, seine Frechheit oder die Tatsache, dass sie ihm tatsächlich den Gefallen tun wollte. „Ich denke nicht, dass das geht.“ Sie nahm ihr Buch wieder auf und setzte sich zurück, während sie darauf wartete, dass er beleidigt abzog.

Aber er tat nichts dergleichen. Er lehnte sich nur nach vorn und stützte die muskulösen Arme auf den Zaun. „Ach, kommen Sie schon. Sie sind sich doch nicht zu gut, um mit einem Angestellten zu sprechen, oder?“

Sie war entsetzt, dass er so etwas denken könnte, und hob unwillkürlich das Kinn. „Natürlich nicht.“

Er hob eine Augenbraue. „Wo liegt dann das Problem?“

Ihre Blicke trafen sich, und zu Lilahs Erstaunen stellte sie fest, dass seine Augen nicht dunkel waren, wie sie wegen seiner schwarzen Haare angenommen hatte, sondern von einem strahlenden Grün. Und sein Mund sah so hart und gleichzeitig so weich aus …

Lilah kam hastig auf die Beine, als ihr bewusst wurde, welche Richtung ihre Gedanken nahmen. Sie warf ihren langen Zopf mit Schwung nach hinten, ging zur Bar hinüber und schenkte ihm ein hohes Glas eiskaltes Wasser ein. Mit hoch erhobenem Kopf ging sie zum Zaun zurück und reichte ihm das Glas. „Hier.“

Er nahm es mit einem spöttischen Lächeln entgegen, wobei er absichtlich mit seinen rauen Fingern ihre Hand berührte. Dann hob er das Glas und trank es gierig aus. Lilah konnte nicht den Blick von ihm wenden, bis er sich den letzten Tropfen von den Lippen leckte. „Danke.“ Er reichte ihr das Glas.

Plötzlich fühlte sich ihre eigene Kehle ganz trocken an. „Gern geschehen. Und jetzt gehen Sie bitte.“

Er gab vor, sie nicht zu hören. „Ich heiße Dominic Steele. Und Sie?“

„Es gibt keinen Grund, warum Sie das wissen sollten“, erwiderte sie kühl.

„Oh, da irren Sie sich aber. Wie soll ich Sie schließlich bitten …“, er ließ den Blick kurz auf ihren Lippen verweilen, dann sah er schnell wieder auf. „… mit mir auszugehen, wenn ich Ihren Namen nicht kenne?“

Wenn sie auch nur einen Funken Vernunft besessen hätte, hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht. Doch unerklärlicherweise blieb sie einfach wie angewurzelt stehen. Es herrschte einige Sekunden Stille. Und dann hörte Lilah sich antworten, und noch dazu mit einer leisen Stimme, die völlig uncharakteristisch für sie war: „Ich heiße Lilah Cantrell.“

„Lilah“, wiederholte er. „Perfekt. Ein hübscher Name für ein hübsches Mädchen.“ Er lächelte, und Lilah hatte plötzlich weiche Knie. „Komm, Lilah, geh mit mir aus. Bitte.“

Sie wusste, dass es besser wäre, wenn sie ihn abwies. Sie konnte sich die Reaktion ihrer Großmutter lebhaft vorstellen, wenn sie erfuhr, dass ihre Enkelin mit einem ihrer Angestellten ausgehen wollte. Aber ihre Großmutter würde noch einige Tage auf Hochzeitsreise sein, und bis auf die Hausangestellten war Lilah allein zu Haus, wie üblich. Und bis zum zweiten Semester an der Stanford-Universität waren es noch so viele Wochen …

Aber obwohl Lilah nicht besonders viel Freude am Ausgehen hatte, war Dominic so ganz anders als die unsensiblen oder langweiligen jungen Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. In den letzten fünf Minuten hatte er es geschafft, ihre Welt auf den Kopf zu stellen, sie zu überraschen, zu ärgern und zu faszinieren. Das Klügste wäre, Nein zu sagen.

Ach, komm schon, sagte eine kleine Stimme in ihr. Hast du es nicht satt, ständig das Richtige zu tun, immer die gute Studentin und die pflichtbewusste Enkelin zu sein? Du bist schließlich kein Kind mehr. Und was Gran auch sagen mag, du gleichst deiner Mutter überhaupt nicht …

„Du hast doch keine Angst vor mir, oder?“, fragte Dominic.

Sie straffte unwillkürlich die Schultern. „Unsinn.“

„Dann beweise es mir.“ Er sah sie erwartungsvoll an.

„Na schön.“ Sie gab sich alle Mühe, gleichgültig zu klingen, was nicht sehr leicht war, wenn ihr das Herz so raste wie jetzt. „Ich nehme an, ich könnte mir etwas Zeit nehmen.“

Er lächelte zufrieden. „Prima. Ich hole dich um acht ab.“ Er wandte sich halb zum Gehen, drehte sich aber kurz wieder um. „Oh, und noch etwas, Lilah.“

„Was?“

„Zieh eine Hose an.“

„Warum?“

Er setzte eine geheimnisvolle Miene auf. „Das wirst du heute Abend herausfinden.“ Selbstsicher wie ein Prinz ging er davon, und Lilah sah ihm verblüfft nach und zweifelte jetzt schon an der Weisheit ihrer Entscheidung.

Sie bekam eine erste Ahnung davon, worauf sie sich eingelassen hatte, als er an jenem Abend auf einem glänzenden schwarzen Motorrad vorfuhr. Wieder war Lilah froh, dass Gran fort war. Widerwillig ließ sie sich von Dominic auf das Motorrad helfen. Dort blieb ihr allerdings nichts anderes übrig, als die Arme um seine schlanke Taille zu schlingen, die Wange an seinen Rücken zu schmiegen und darauf zu vertrauen, dass er auf sie aufpassen würde.

Wenn sie später an diesen ersten Abend zurückdachte, wurde ihr klar, dass diese Fahrt so war wie später ihre Beziehung – wild, beängstigend und herrlich aufregend. Schon nach einigen Stunden hatte sie sich in ihn verliebt, und nur wenige Tage später wurden sie ein Liebespaar. Und danach …

„Lilah? Bist du wach?“

Sie öffnete die Augen mit einem Ruck und blinzelte erstaunt, als sie sah, dass es während ihrer Reise zurück in die Vergangenheit Nacht geworden war. Der Zellenblock lag in tiefer Finsternis da, bis auf einen schwachen Lichtstreifen, der durch das kleine, vergitterte Fenster drang. Es war gerade hell genug, dass sie Dominic sehen konnte, der sich über sie beugte. Verblüfft sah sie zu ihm auf und wusste auf einmal nicht mehr, ob sie nicht doch noch träumte. „Aber … wie bist du hier hereingekommen?“

„Ich hatte einen Dietrich in meinem Stiefel.“ Er reichte ihr die Hand. „Komm. Es wird höchste Zeit, dass wir von hier verschwinden.“ Er schloss seine schwieligen Finger um ihre.

Lilah hielt bei der Berührung den Atem an. Sie kam unsicher auf die Beine und versuchte sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass nach wochenlangem Warten endlich etwas passieren sollte. Inzwischen führte Dominic sie von ihrer Zelle in seine.

Sie folgte ihm, den Blick auf seinen breiten Rücken gerichtet, als er plötzlich ohne Warnung zur Seite trat. Wind schlug ihr ins Gesicht, und dann sah Lilah die mannshohe Öffnung in der Wand, die den Blick auf einen riesigen, von unzähligen Sternen übersäten Himmel freigab.

„Du lieber Himmel.“ Sie machte vorsichtig einen Schritt vorwärts, reckte den Hals und sah nach unten. Unter ihr –wie ihr schien, Meilen von ihr entfernt – schlugen die Wellen gegen steile Klippen. „Das kann nicht dein Ernst sein. Das hier soll unser Fluchtweg sein?“

„Stimmt.“ Im Gegensatz zum Ozean war Dominic ihr plötzlich viel zu nah. Sein Atem strich über ihre Schläfe, und Lilah bekam überall eine Gänsehaut.

Sie versuchte, sich nichts von ihrer Nervosität anmerken zu lassen. „Das müssen mindestens dreißig Meter sein.“

„Eher fünfzehn.“

„Aber wie sollen wir da hinunterkommen?“

„Ganz Einfach.“ Seine Augen funkelten humorvoll. „Wir werden springen.“

Sekundenlang glaubte Lilah, dass sie nicht richtig gehört hatte, aber dann fürchtete sie genau das Gegenteil. „Du machst Witze, nicht wahr?“

„Nein.“

„Aber das ist Wahnsinn! Wenn uns der Fall nicht tötet, werden die Wellen uns gegen die Klippen schmettern und uns den Rest geben. Wenn wir nicht vorher schon auf einen Felsen unter dem Wasser aufprallen.“

„Es gibt keine Felsen unter der Wasseroberfläche“, sagte er ruhig. „Und im Augenblick herrscht Ebbe. Die Wellen sehen viel schlimmer aus, als sie es sind. Es ist ein sicherer Sprung, und das Wasser ist tief genug, um keine Gefahr für uns zu sein. Ich habe es überprüft.“

Der Gedanke beruhigte sie tatsächlich, was an sich schon verrückt war. Wenn es einen Mann gab, dem man nicht trauen durfte, dann Dominic. Andererseits blieb ihr keine andere Wahl. Sie wollte gar nicht daran denken, was geschehen würde, wenn sie am nächsten Morgen noch in ihren Zellen waren und die Wache Dominics Werk entdeckte.

„Sieh mal“, sagte er leise. Sein Gesicht lag im Schatten, und Lilah fand, dass seine Stimme nun noch bezwingender klang. „Ich weiß, dass du immer schon Probleme mit Höhen …“

„Nein, schon gut. Wenn du …“ Sie schluckte mühsam. „Wenn das hier unsere einzige Chance ist, dann werden wir es tun.“

Er trat vor, sodass er im Mondlicht stand und Lilah den seltsamen Ausdruck auf seinem Gesicht sehen konnte. „Du meinst, ich werde dich nicht fesseln und knebeln müssen, damit du springst?“

Sie erschrak. „Nein, natürlich nicht.“

„Wie schade.“ Er lächelte wieder auf seine unnachahmliche Weise, die Lilah jedes Mal erschauern ließ. „Dann lass es uns wagen.“

„Jetzt?“ Sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Ja, jetzt.“ Bevor sie sich bewegen konnte, kam er zu ihr und schlang die Arme um sie.

Einen Moment lang rief seine Nähe so überwältigende Gefühle in ihr wach, dass Lilah vergaß, Angst zu haben. Und dann vergaß sie auch alles andere, denn Dominic hob sie hoch, ging mit zwei Schritten zu der Öffnung in der Wand und sprang mit ihr in die windgepeitschte Leere.

4. KAPITEL

Der Nachtwind zerzauste die Kronen der Palmen in der kleinen Bucht, und der Mond spielte mit einigen Wolken Verstecken. Aber er schenkte genug Licht, um Dominic und Lilah den Weg zu leuchten, während sie durch das Wasser auf den schmalen Strandstreifen zuwateten.

„Ganz ruhig“, sagte Dominic, als eine etwas größere Welle Lilah taumeln ließ, und streckte die Hand nach ihr aus, um sie zu stützen.

„Es geht schon“, erwiderte sie sofort. Es war eine Sache, von ihm berührt zu werden, wenn die Angst sie überwältigte und sie an nichts anderes denken konnte. Aber wenn sie nichts ablenkte, wurde sie sich auf einmal viel zu sehr der Tatsache bewusst, wie leicht es für sie wäre, ein wenig dichter an ihn heranzugehen, sich an ihn zu schmiegen und ihrer Sehnsucht nach seiner Umarmung nachzugeben.

Ihre Gedanken bestürzten sie, und sie schüttelte seine Hand abrupter ab als beabsichtigt. „Ich bin nur ein wenig müde.“

„Na ja, nach einem solchen Sprung ins Wasser und dem anstrengenden Schwimmen durch die Wellen ist das nur normal.“

Normal? Für sie vielleicht. Aber für ihn? Lilah warf ihm einen verstohlenen Seitenblick zu. Dominic bewegte sich mühelos durch das kniehohe Wasser. Das T-Shirt und die Hose klebten an seinem muskulösen Körper wie eine zweite Haut, und er kam ihr überlebensgroß vor wie ein Held aus der Sagenwelt, der plötzlich zum Leben erwacht war. Trotz der Strapazen der letzten halben Stunde war er voller Energie, als wäre er nur kurz eine Länge in einem vorgeheizten Swimmingpool geschwommen. Aber inzwischen wusste sie ja aus bester Erfahrung, dass er wirklich so gut war in seinem Job, wie er behauptet hatte.

Es war seine Gelassenheit gewesen und seine innere Stärke, die ihr geholfen hatten, den scheinbar unendlichen Sprung in die Tiefe durchzustehen. Seine beruhigende Stimme hatte sie gedrängt, ruhig weiterzuatmen, als sie endlich an die Wasseroberfläche gekommen waren und sie verzweifelt nach Luft geschnappt hatte. Und es war seine Gegenwart gewesen, die ihr die Kraft gegeben hatte, das Zittern ihrer Muskeln und das Brennen ihrer Lungen zu ignorieren, um den langen Weg bis zur Küste zu ertragen.

Umso demütigender war es da, dass sie jetzt, wo das Wasser ihr endlich nur bis zu den Knien ging und festes Land in unmittelbarer Nähe war, so heftig zitterte, dass sie kaum gehen konnte, und noch dazu nahe daran war, in Tränen auszubrechen.

„Lilah?“ Dominic war stehen geblieben. „Was ist los?“

Die unerwartete Sanftheit seiner Stimme war fast zu viel für sie. Lilah schluckte mühsam. „Nichts. Ich brauche nur einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen, mehr nicht.“ Zu ihrem Entsetzen entfuhr ihr ein Geräusch, das wie eine Mischung aus Schluchzen und Kichern klang, und ihre Worte Lügen strafte. „O Dominic, es tut mir leid“, sagte sie mit bebender Stimme. „Ich weiß nicht, was mit mir ist. Plötzlich fühlen sich meine Beine ganz schwach an, und ich will lachen und weinen und tanzen und schreien, alles auf einmal und … oh, und ich habe dir noch nicht einmal gedankt!“

„Dazu besteht auch kein Grund“, sagte er. „Ich erledige nur meinen Job. Und du erlebst nur eine ganz normale Reaktion nach einem so großen Adrenalinschub.“

Der Adrenalinschub mochte ja ihre verrückten Gefühle erklären, aber er erklärte nicht, warum seine Antwort sie so sehr störte. Sie wollte nicht nur ein Job für ihn sein. Andererseits wusste sie nicht, was sie wollte. Sie seufzte. Wahrscheinlich war das auch nicht wichtig. Wichtig war, dass sie Dominic ihre Freiheit verdankte und vielleicht auch ihr Leben.

Und hast du vor, ihm so zu danken? Indem du zusammenbrichst und dich wie die selbstsüchtige kleine Debütantin benimmst, für die er dich einmal gehalten hat?

Nein, nach allem, was er für sie getan hatte, verdiente er Besseres.

Sie straffte die Schultern und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. „Du willst es vielleicht nicht hören, aber ich muss es dir sagen“, begann sie mit aller Würde, die sie aufbringen konnte. „Ich danke dir von ganzem Herzen, dass du gekommen bist und mich aus jenem fürchterlichen Loch befreit hast.“

Zu ihrer Überraschung antwortete er nicht mit einem „Ach, war doch nichts“ oder ähnlichen Worten, wie sie eigentlich erwartet hatte, sondern bedachte sie mit einem ernsten Blick, zuckte dann mit den Schultern, und wandte sich abrupt ab, um die Bucht mit den Palmen zu begutachten. „Dank mir noch nicht. Es liegt noch ein ziemlicher Weg vor uns, bevor wir in Sicherheit sind.“

Seine Kälte traf sie bis ins Innerste. Ohne auf die Stimme der Vernunft zu hören, die sie ermahnte, es einfach dabei bewenden zu lassen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter.

Er zuckte fast zusammen unter der Berührung und drehte sich schnell zu ihr um. „Was ist?“

Ein Wassertropfen rollte an seiner Schläfe herunter, und Lilahs übermütige Seite, die sich nicht mehr in ihr gemeldet hatte, seit ihre Beziehung zu Dominic geendet hatte, drängte sie sekundenlang dazu, den Tropfen mit der Zunge abzulecken. Sie holte tief Luft und hob das Kinn. „Was du auch denkst, und was auch als Nächstes geschehen mag, ich werde dir trotzdem dankbar sein für alles, was du getan hast. Nichts kann das ändern.“

„Verdammt, Lilah …“

Eine weitere Welle rollte heran, und der Wind trieb sie mit großer Wucht in ihre Richtung, sodass Lilah ins Wanken geriet und Dominic unwillkürlich die Hände nach ihr ausstreckte, um sie zu halten. Er umfasste ihren Arm, aber Lilah verlor das Gleichgewicht und Dominics Handrücken berührte die sanfte Wölbung ihrer Brust.

Lilah hörte ihn abrupt nach Luft schnappen, und ihre Blicke trafen sich. Sie erkannte dieselbe Leidenschaft in seinen Augen, die auch sie spürte, wie immer, wenn er in ihrer Nähe war. Und wie immer vergaß sie auch jetzt alle Vernunft. Sie konnte nur daran denken, dass sie heute hätte sterben können. Sie beide hätten heute sterben können. Und wenn man das bedachte, dann waren plötzlich alle Sorgen und Hemmungen ohne Bedeutung.

Lilah folgte einfach ihrem Instinkt und lehnte sich an Dominic, und dann gab sie der Versuchung nach und umfasste sein Gesicht mit beiden Händen. Er sah sie verwirrt an. „Lilah …“, begann er mit warnendem Unterton.

Aber auch das ignorierte sie. Stattdessen legte sie ihm einen Finger auf die Lippen. „Pscht“, flüsterte sie atemlos, „küss mich einfach nur, Dominic.“

Einen unendlich langen Moment bewegte er sich nicht, sondern sah sie nur weiter ausdruckslos an. Dann legte er leise stöhnend einen Arm um ihre Schenkel und den anderen um ihre Taille, hob sie hoch und küsste sie auf den Mund.

Das Gefühl seiner Lippen auf ihren war der Himmel auf Erden. Er hatte schon immer wundervoll geküsst, und das hatte sich offensichtlich nicht geändert. Er schien genau zu wissen, wie stürmisch er vorgehen durfte, wie lange er warten musste und wann der richtige Augenblick war, um sie sanft in die Unterlippe zu beißen, und wann sie voller Ungeduld darauf wartete, dass er mit der Zunge in ihren Mund vordrang. Lilah seufzte erregt auf und klammerte sich voller Verlangen an ihn.

Und dann, genauso abrupt wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei, und Dominic stellte Lilah hastig auf die Füße, riss ihre Hände von seinen Schultern herunter und wich vor ihr zurück. „Genug!“ erklärte er mit rauer Stimme.

Verwirrt ging Lilah einen Schritt auf ihn zu. „Was ist?“, fragte sie unsicher. „Stimmt etwas nicht?“

„Bitte lass das!“, erwiderte er abweisend und wich weiter vor ihr zurück, als hätte sie eine ansteckende Krankheit.

Lilah blieb erschrocken stehen. Seine Reaktion hatte sie schockiert, als hätte er ihr ins Gesicht geschlagen. Plötzlich wurde sie sich wieder ihrer Umgebung bewusst – das Wasser, das gegen ihre Waden schwappte, die im Wind raschelnden Palmen, das silberne Licht des Monds.

Und Dominic, dessen kühle Miene auf sie wirkte wie eine kalte Dusche. Er sah sie an, als wäre sie eine Fremde, die er außerdem nicht besonders mochte. Du liebe Güte, was hatte sie nur getan?

„Komm jetzt“, sagte er ausdruckslos. „Wir müssen aus dem Wasser heraus und von diesem Strand fort. Und zwar jetzt.“ Und ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging mit langen Schritten davon.

Lilah schmerzte die Kehle, ihr ganzer Körper wurde auf einmal von großer Erschöpfung übermannt. Sie schluckte die vielen Fragen mühsam hinunter, die sie Dominic so gern an den Kopf geworfen hätte. Aber im Augenblick waren sie nicht wichtig. Lilah wusste im Grunde schon alles, was sie wissen musste. Obwohl Dominic sie offensichtlich körperlich nicht abstoßend fand – seine Erregung war nur allzu deutlich gewesen –, war sein Verlangen nach ihr nicht groß genug, als dass er vergeben und vergessen könnte, was in der Vergangenheit geschehen war.

Nun gut, dachte sie, das ist sein gutes Recht. So gedemütigt sie sich auch fühlte, so verzweifelt sie sich auch wünschte, die letzten zehn Minuten ungeschehen zu machen, ihr Gesicht zu verbergen und ihn nie wieder sehen zu müssen, musste sie doch seine Wünsche respektieren und durfte ihm nicht zu nahe kommen.

Es war das Mindeste, was sie tun konnte.

Sie blinzelte die Tränen fort, straffte die Schultern und folgte ihm.

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