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Millenia Magika - Das Vermächtnis der Raben

hier erhältlich:

In den Schatten der Vergangenheit lauert ein alter Feind

Endlich ist Adrian dort angekommen, wo er hingehört und wo er sich zu Hause fühlt: in der magischen Stadt Arken. Doch plötzlich erreicht ihn ein dringender Hilferuf aus dem Arkener Forst und es verschwinden überall Kinder. Da man eine übernatürliche Ursache hierfür vermutet, ist Adrian in seiner Funktion als Schamane, der zwischen der Geister- und der Menschenwelt vermitteln kann, gefragt. Er ist sich sicher, dass er die Verbrechen aufklären kann. Doch diesmal ist er ganz auf sich allein gestellt, denn Juri und Jazz sind auf einer geheimnisvollen Mission in der unmagischsten Stadt Deutschlands unterwegs. Während immer mehr Kinder verschwinden, tauchen Hexenjäger in Arken auf und Adrian muss erkennen, dass er das Geheimnis seiner Familie kennen muss, um die Rätsel der Gegenwart zu lösen.

Fesselndes Fantasy-Abenteuer voller Spannung, Humor und Magie


  • Erscheinungstag: 27.12.2021
  • Aus der Serie: Millenia Magika
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 352
  • Altersempfehlung: 10
  • Altersempfehlung: 12
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505144721

Leseprobe

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Bisher bei Schneiderbuch erschienen:
Millenia Magika. Der Schleier von Arken (Band 1)
Millenia Magika. Das Vermächtnis der Raben (Band 2)




Originalausgabe
© 2021 Schneiderbuch in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
Alle Rechte vorbehalten

Falk Holzapfel wird vertreten durch die Agentur Brauer.
Illustrationen und Umschlagidee: Falk Holzapfel
Covergestaltung: Designomicon / Anke Koopmann, München
E-Book-Produktion: Fotosatz Amann, Memmingen

ISBN E-Book 9783505144721

www.schneiderbuch.de
Facebook: facebook.de/schneiderbuch
Instagram: @schneiderbuchverlag

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Das Einzige, was in Arken noch unzuverlässiger war als die Busse, war die Straßenbeleuchtung.

Adrian beugte sich über den Fahrplan an der Bushaltestelle, doch es war einfach zu finster. Frustriert warf er der Gaslaterne daneben einen vernichtenden Blick zu. Sie war ausgefallen, kurz nachdem er an der Haltestelle angekommen war. Normalerweise hätte er jetzt sein Handy aus der Tasche gezogen, aber »normalerweise« war ein Wort, das zu Arken passte wie Zwiebeln zu Pudding.

Na wunderbar, ein Puddingvergleich, jetzt färbte Barnaby schon auf ihn ab.

Adrian seufzte kurz, als er an sein Handy dachte, auf dem alles nur einen Tastendruck entfernt war. Seit sie nach Arken gezogen waren, war es nutzlos. Hier gab es weder Mobilfunknetz noch Internet und, wie ihm die dunkle Laterne bewies, oft nicht einmal Licht.

Adrian versuchte, sich tiefer in seiner Jacke zu verkriechen, und zum wiederholten Mal machte es keinen Unterschied. Er fror. Ihm war so kalt, dass er die Hände unter die Achseln schieben musste und sein Atem Wolken in der Luft bildete. Zumindest nahm Adrian das an. Sicher war er nicht. Sehen konnte er es ja nicht.

Adrian entschied sich, zu Fuß zu gehen, um beim Warten keine Körperteile an den Frost zu verlieren, die er womöglich noch brauchte. Björns Worte, die er sich beim Umzug viel zu oft hatte anhören müssen, schossen ihm bei den ersten Schritten durch den Kopf:

»Wenn dir kalt ist, bewegst du dich einfach zu langsam.«

Dass dem riesigen Nachbarn seiner Tante nie kalt wurde, wunderte Adrian nicht, immerhin wog er das Vierfache, fuhr ein heißes Motorrad und musste nicht vor Sonnenaufgang durch das gefrorene Arken stapfen.

Wenn es wenigstens geschneit hätte … Der Schnee hätte das sparsame Licht der Laternen reflektiert, und der Gehweg wäre erkennbar gewesen. Aber es war nicht eine Flocke gefallen. Dafür war der Boden von einer heimtückischen Eisschicht überzogen, die Adrians volle Aufmerksamkeit forderte. Immer vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, schob er sich über das glatte Kopfsteinpflaster.

Wenn Jazz ihn nicht ohne jede Vorwarnung aus dem Bett geworfen hätte, hätte er sicher daran gedacht, Handschuhe mitzunehmen. Aber er war viel zu sehr mit der Frage beschäftigt gewesen, was sie um diese Uhrzeit von ihm wollte.

»Triff mich am alten Bahnhof, in einer Stunde!«

Das war alles, was die junge Hexe ihm ins Ohr geflüstert hatte, als sie plötzlich nachts vor ihm gestanden war. Er hatte es dreimal wiederholen müssen, bis sie endlich zufrieden war. Natürlich war er viel zu müde gewesen, um nachzufragen, was er vor Sonnenaufgang und bei dieser Eiseskälte draußen an diesem Treffpunkt sollte.

Dafür stellte er sich diese Frage jetzt umso brennender. Das machte doch gar keinen Sinn! Warum der alte Bahnhof, von dem längst keine Züge mehr fuhren? Warum in der Nacht? Und vor allem: Was sollte ausgerechnet er dort?

Adrian rutschte aus, verlor den Halt und konnte sich gerade noch so an einem Baum festkrallen, der die Allee säumte.

Er atmete aus. Wenn das so weiterging, würde er nicht lebendig am Bahnhof ankommen. Doch es half nichts, er musste weiterschlittern. Gerade als er sich ausmalte, wie er zum Eiszapfen erstarrt auf dem Gehweg enden würde, fuhr auch noch der Bus der Linie 2 an ihm vorbei.

Endlich – da war das Tor zur Altstadt, wo es durch die vielen Laternen deutlich heller war. Adrian schleppte sich durch das Tor, folgte der Straße zum Markplatz und stellte fest, dass die ersten Arkener zu dieser frühen Stunde bereits ihre Stände aufbauten. Er war also nicht als Einziger verrückt genug, schon auf den Beinen zu sein.

Adrian lebte inzwischen schon seit einigen Wochen in Arken und kannte sich eigentlich ganz gut aus. Nachdem seine Mutter von Tante Lias »Schlaganfall« gehört hatte, war sie schnell bereit gewesen, mit Adrian und seiner kleinen Schwester zu ihr zu ziehen. Nun wohnten sie gemeinsam in der Villa Nummer 26 in der Eschenallee, die groß genug für die ganze Familie war. Wäre es nach Adrian gegangen, wäre allerdings für Eckart keinen Platz gewesen. Aber seine Mutter hatte ihren Lebensgefährten leider ebenfalls mit nach Arken gebracht. Zum Glück hatte er schnell eine Anstellung als Redakteur beim Arkenspiegel gefunden und war so beschäftigt, dass er Adrian nur noch gelegentlich auf den Wecker ging.

Und so hatten sie in diesem Jahr zum ersten Mal hier und mit Tante Lia gemeinsam Adrians Geburtstag gefeiert. Mit selbst gebackenem Kuchen, peinlichen Liedern und noch peinlicheren Geschenken, so wie es sich gehörte. Über Eckarts Geschenk, ein neues Handy, hatte er sich allerdings kaum freuen können. Das Ding funktionierte in Arken noch schlechter als sein altes und war ziemlich nutzlos. Daher hatte Adrian sich einen alten Stadtplan geschnappt, den er nun immer mit sich trug.

Um zum alten Bahnhof zu kommen, brauchte er ab dem Marktplatz nur der Stadtmauer zu folgen und nach dem großen Gebäude mit dem eingesunkenen Dachfirst Ausschau zu halten.

Noch einfacher wäre es natürlich gewesen, wenn Katze ihm geholfen hätte. Katzenaugen blieb im Dunkeln wenig verborgen. Aber wie so oft in den letzten Wochen war sein »spiritueller Führer«, wie Barnaby ihn nannte, oder »unzuverlässiger Quälgeist«, wie Adrian es ausdrückte, nicht da. Wenn nur auch die Katzenträume mit ihm verschwunden wären …

Als Adrian kräftig gegen einen lockeren Pflasterstein stieß, meldeten sich schmerzhaft seine Zehen und überzeugten ihn, dass sie noch nicht abgefroren waren. Während er versuchte, auf einem Bein das Gleichgewicht zu halten und sich irgendwie den schmerzenden Fuß zu reiben, sah er endlich das baufällige Dach des Bahnhofs vor sich. Er bog in eine schiefe Gasse, wich mäßig geschickt der Weihnachtsdekoration aus und trottete zu dem großen Platz, der nicht so leer war, wie er zu dieser Zeit sein sollte.

Im Schein der Gaslaternen konnte Adrian zwei Silhouetten ausmachen. Die eine war Jazz, und auch die andere Person kam ihm bekannt vor.

Den ganzen Weg über hatte er sich überlegt, was er Jazz zuerst an den Kopf feuern sollte.

Hast du vergessen, dass jeder, der keine Hexe ist, sehr wohl an Erfrierungen sterben kann?

Vielleicht zu dramatisch.

Schön, dass dir die letzten Wochen ohne Entführungen, Verzehrer und Ghulkrieg zu langweilig waren. Ich habe aber überhaupt nichts gegen Langeweile, ein warmes Bett und Schlaf!

Hmm, zu zickig.

Doch er kam gar nicht dazu, nach einer passenden Reaktion auf ihren nächtlichen Überfall zu suchen.

»Adrian, das hat ja ewig gedauert. Wieso hast du denn nicht den roten Blitz genommen?«

Adrian war viel zu perplex, um zu reagieren. Motzte Jazz ihn jetzt wirklich an? Und musste sie dieses Geburtstagsgeschenk erwähnen?

Die Gestalt neben Jazz hob die Hand. Im Licht der Laterne erkannte Adrian jetzt, um wen es sich handelte. Arvid der Ghul, der König der Unterstadt, der sie vor dem Angriff der Siechen gewarnt hatte. Seine Verletzungen waren offensichtlich verheilt, doch an seinem Gesicht konnte man ablesen, dass die letzten Wochen nicht einfach für ihn gewesen waren. Seine Haut wirkte noch blasser, beinahe schneeweiß. Dafür fielen in dem fahlen Licht seine geflickten Klamotten weit weniger auf.

»Adrian hat von Björn ein ganz wunderbares Geburtstagsgeschenk bekommen«, erklärte Jazz bereitwillig.

»Wunderbar?« Adrian war sich nicht sicher, ob sie ihn verspottete. »Das einzige Wunder an dem Ding ist, dass Björn glaubt, ich würde mich da draufsetzen.«

»Ach komm schon, Adrian.« Jazz schüttelte den Kopf. »Weißt du, wie lange Björn an dem Rad gearbeitet hat? Er hat es sogar neu für dich lackiert. Und du kannst damit super Erledigungen für die Magista machen.«

»Was ist denn super daran, den Laufburschen zu spielen? Meine Freizeit muss ich doch eh schon mit Hausaufgaben verbringen. Und zwar mit denen, die mir Tante Lia zusätzlich aufbrummt! Jetzt soll ich in der restlichen Zeit auch noch Bücher ausliefern?!« Adrian stöhnte. »Außerdem sieht das Ding aus wie eine fehlgeschlagene Kreuzung aus Tiefkühltruhe und Dreirad. Wer braucht denn ein Rad mit drei Rädern und Transportkiste? Und dann ist es auch noch rot, als wenn es nicht so schon auffällig genug wäre.«

Arvid grinste. »Ich glaube, ich werde bald ein paar Bücher bei der Magista bestellen, damit ich das Rad zu Gesicht bekomme. Lieferst du auch in die Unterstadt?«

Die Vorstellung, noch mal in die von Ghulen bevölkerten Tunnel der Unterstadt hinabzusteigen, ließ Adrian frösteln.

»Ich schenke dir das Lastenrad gerne, bei euch dort unten fällt die rote Farbe bestimmt nicht so auf«, sagte er.

»Du solltest aufpassen, was du mir anbietest, Adrian«, erwiderte der Ghul lächelnd. »Wir Unterstädter nehmen, was wir kriegen können, und haben für alles Verwendung, was ihr hier oben nicht mehr braucht.«

Tatsächlich wusste Adrian, dass es die Ghule nicht leicht hatten. Er hatte gesehen, mit welchem Schrott dort unten gehandelt wurde. Sein Geburtstagsgeschenk wäre dort sicher ein Highlight. Um das Thema zu wechseln, fragte er:

»Also, Jazz, magst du mir jetzt mal erklären, warum du mich mitten in der Nacht dem Kältetod aussetzt und mich hierher bestellst?«

Jazz warf einen Blick über den Vorplatz und in die dunklen, gewundenen Gassen, als wenn sie nach jemandem Ausschau hielte. Aber zwischen den Fachwerkfassaden pendelten nur die Blechschilder der noch geschlossenen Geschäfte. Sie schnaubte.

»Eigentlich wollte ich damit warten, bis er hier ist. Aber offensichtlich schafft er es, sogar noch später zu kommen als du.« Dabei zeigte sie mit ihren selbst gestrickten Fausthandschuhen auf Adrian. »Die Magista, also deine Tante, ist seit dem …«, sie suchte nach einem passenden Wort, schüttelte dann aber nur den Kopf, »… seit dem Unfall nicht mehr dieselbe.«

Adrian hob eine Augenbraue. Jeder hatte bemerkt, dass seine Tante an jenem Abend um Jahrzehnte gealtert war. Es war auch nicht das erste Mal, dass Jazz mit ihm darüber sprach.

»Adrian, es ist nicht nur, dass sie vor ihrer Zeit gealtert ist. Sie wird schwächer. Noch ist sie die mächtige Hexe, die Arken beschützt. Aber jetzt braucht sie mehr von ihrer Kraft für sich selbst.«

Adrian nickte. Er dachte an die zitternden Teetassen in den Händen der Tante, an Bücher, die plötzlich zu Boden fielen, und den Mittagsschlaf, den sie neuerdings einlegte.

»Was schlägst du also vor?«

»Wir müssen ihr etwas von der Last abnehmen.«

»Aber das machen wir doch schon. Meine Mutter und ich sind schließlich extra hergezogen, sie hilft ihr in der Buchhandlung, und ich übernehme die Buchlieferungen.«

Die Hexe blies eine Wolke Atemluft in die Nacht. »Ja, Adrian. Aber das reicht nicht. Die Aufgabe deiner Tante ist es, Arken zu beschützen, nicht, Bücher zu verkaufen.«

Adrian rieb sich die Hände, um die tauben Finger aufzuwärmen. »Und wie, meinst du, sollten wir Arken an ihrer Stelle beschützen?«

Er sah Jazz an, doch die Antwort gab jemand anderes.

»Wir sorgen für Frieden.«

Ein kleiner Mann war zu ihnen gewatschelt, ohne dass sie es bemerkt hatten. Sein struppiger Bart füllte die untere Hälfte des Gesichts aus, während die obere unter einer fusseligen Strickmütze verschwand. Er schien alles, was er an Kleidung besaß, übereinandergezogen zu haben. Dass er zwei verschiedene Stiefel trug, schien ihn nicht im Geringsten zu stören.

»Barnaby, endlich. Wir waren schon vor einer halben Stunde verabredet«, schimpfte die Hexe, während der zerlumpte, kleine Mann gerade herzhaft in einen Apfel biss.

»Pah, Pünktlichkeit wird völlig überbewertet. Das ist nur was für Leute, die nichts zu tun haben.«

»Wer pünktlich ist, ist unhöflich«, ergänzte Adrian, »weil er denjenigen, der unpünktlich ist, in eine unangenehme Lage bringt. Wer höflich ist, kommt deshalb zu spät.« Das war die erste Lektion, die er von Barnaby gelernt hatte. Der Igelschamane grinste ihn mit einer Mischung aus Verblüffung und Stolz an. Dann zauberte er einen Apfel aus einer seiner Tasche und warf ihn Adrian zu.

»Und das ist der Grund«, er deutete mit seinen Stummelfingern auf Jazz, »warum Adrian einen Apfel bekommt und du nicht.«

Adrian grinste Jazz herausfordernd an und biss hinein.

Jazz schüttelte nur den Kopf und räusperte sich.

»Jetzt, wo wir alle hier sind, sollten wir unsere Taktik besprechen. Wichtig ist, vorsichtig und überlegt zu handeln.«

Bei diesen Worten sah Jazz zu Barnaby, der ihren Blick erwiderte, als hätte sie verkündet, dass Pudding lecker sei.

»Äh, Taktik?«, fragte Adrian, »was denn für eine Taktik? Warum sind wir denn überhaupt hier? Ich …«

»Ach, was«, schnitt ihm Barnaby das Wort ab. »Für derlei Kleinigkeiten ist keine Zeit. Bald geht die Sonne auf, dann wird der Bratapfelstand eröffnet, und das werde ich nicht verpassen.«

Und schon marschierte er mit seinen kurzen Beinen auf den Bahnhof zu, worauf Jazz ihm sofort hinterhersprang.

Arvid zog Adrian über den schummrigen Bahnhofsvorplatz mit sich. Dann schien er den fragenden Blick des Jungen zu bemerken und begann zu erzählen.

Umso mehr Arvid ihm erklärte, desto dringender wollte Adrian umdrehen. Als sie den Igelschamanen und die Hexe endlich eingeholt hatten, wünschte sich Adrian, sein Bett nie verlassen zu haben. Ihm klapperten die Zähne, und zwar nicht nur wegen der Kälte.

»Ist das euer Ernst?«, fragte er mit großen Augen. »Die Ghule, die mit Latit die Wehrwölfe angegriffen haben, haben die Unterstadt verlassen und sich hier im Bahnhof eingenistet?« Er starrte die anderen an. »Und wir sollen mit ihnen verhandeln und einen Pakt schließen, bevor die Sonne aufgeht und Arvid Sonnenbrand bekommt?«

Adrian schüttelte ungläubig den Kopf. Hatten die drei anderen denn vergessen, was damals im Wald passiert war? Er selbst hatte die Bilder der gewaltigen Siechen, die im Arkener Forst Autos umwarfen, noch immer vor Augen.

Arvid legte kurz den Kopf schief, dann nickte er langsam.

»Ja, so könnte man es zusammenfassen.«

Jazz hob beschwichtigend die Fausthandschuhe.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich übernehme das Reden. Ich habe alles vorbereitet und aufgeschrieben.« Sie klopfte dabei auf das Buch, das sie immer bei sich trug. »Du sollst einfach nur zuhören, damit du verstehst, um was sich deine Tante alles kümmern muss. Latit und die anderen Ghulen sind nicht nur im Bahnhof, sie bewegen sich in der Umgebung und sind sogar auf dem Jahrmarkt gesehen worden. Außerdem gibt es immer wieder Stress mit Arvids Unterstädtern, von den Wehrwölfen ganz zu schweigen. Das muss aufhören, sonst werden sogar die gutmütigen Arkener misstrauisch! Und die Magika dürfen kein weiteres Aufsehen bei den Löffeln erregen. Jetzt, wo deine Tante und der Schleier geschwächt sind, sind wir sonst alle in Gefahr!«

Adrian wünschte sich spontan an einen fernen Ort, während die anderen ernst nickten.

»Worauf warten wir also noch?«, fragte Barnaby, und ohne auf eine Antwort zu warten, hämmerte er an das Tor.

»Überlasst mir das Reden!«, schärfte Jazz allen ein.

Quietschend öffneten sich die beiden Torflügel. Innen roch es muffig nach morschem Gebälk, abgestandenem Wasser und Lagerfeuer. Nur vereinzelt glommen Öllampen und kleine Feuerstellen auf. Das Schnaufen und Scharren im Innern machte deutlich, wie viele aus der Unterstadt sich entschieden hatten, Latit zu folgen.

Zwei mit selbst gebauten Waffen gerüstete Ghule traten zur Seite und ließen die Besucher ein. Weitere Lampen wurden entzündet und offenbarten ein provisorisches Lager. Durch Löcher im Dach fiel Sternenlicht ins Innere. Fische hingen an Schnüren über Tonnen, aus denen Glut leuchtete. In einem aus Einkaufswagen erbauten Regal stapelten sich Konservendosen. Holzscheite waren rings um die Säulen gestapelt, die das Dach trugen. Und überall aus der Dunkelheit funkelten ihnen Augenpaare entgegen. Unverständliches Gemurmel drang tiefer aus dem Gebäude.

Wo war Katze, wenn man sie brauchte? Dies wäre wirklich der richtige Moment, um im Dunkeln sehen zu können, dachte Adrian. Wenn er wenigstens die gelangweilte, altkluge Stimme hören könnte, die ständig Fragen mit Fragen beantwortete. Er lauschte in sich hinein, hörte aber nichts außer seinem eigenen unruhigen Herzschlag.

Fackeln näherten sich, und weitere Ghule eskortieren sie tiefer in das Gebäude. Eine Frau kam mit einem Holzhammer in der Faust auf sie zu. Adrian zuckte zusammen. Doch sie lief an ihnen vorbei und begann, auf etwas einzuhämmern, das wie ein schmales Kanu aussah. Als sie unter Fischernetzen hindurchliefen, ahnte er, wie die Ghule ihren Hunger stillten.

Schließlich wurde die Gruppe über einen Bahnsteig in einen Raum geführt, der früher wohl einmal ein Schnellimbiss gewesen sein mochte. Mehrere Ghule hockten auf verankerten Tischen und aufgeplatzten Polstern. Sie wirkten kräftiger und besser genährt als jene in der Unterstadt. Adrian wurde sich schmerzhaft bewusst, wie tief im Innern des Gebäudes sie mittlerweile waren. Ob sie je wieder hinauskamen, hing jetzt vom Wohlwollen der Ghule ab.

Zumindest gewöhnten sich seine Augen langsam an das Halbdunkel. Adrian sah fleckige Plakate an den Wänden, die ausgeblichene Burger und farblose Pommes bewarben. Öllampen baumelten von der Zwischendecke, und auf einem der Tische lagen ausgenommene Fische.

Dann sah er sie.

Hinter der Verkaufstheke stand Latit, die Ghulfrau, die ihn damals im Wald angegriffen hatte. Sie hatte sich mit beiden Armen auf den Tisch gestützt und studierte einen Stadtplan, der ganz ähnlich aussah wie der, den Adrian besaß.

»Ihr seid also tatsächlich gekommen«, sagte sie statt einer Begrüßung und blickte jedem der Neuankömmlinge in die Augen. Als ihr Blick Arvid streifte, verzog sie den Mund.

»Wir kennen uns ja schon, Oberstädter.«

Sie fuhr sich mit einem Finger über die Brandnarbe im Gesicht.

Adrian erstarrte.

Es wurde noch stiller als zuvor. Die Ghule griffen nach ihren Waffen. Barnaby gab ein gefährliches Brummen von sich. Adrian sah, wie sich silberner Nebel über das Gesicht des Zwergs legte und sich langsam zum Kopf eines Tieres verdichtete. Er wusste, dass nur er dies sehen konnte, doch die Gefahr, die plötzlich von dem struppigen Zwerg ausging, schien auch den Ghulen nicht zu entgehen. Auf einmal richtete sich Latit auf. »Keine Angst, Oberstädter. Dir geschieht nichts. Heute haben wir Wichtigeres zu besprechen als die Vergangenheit. Aber ich habe nicht vergessen, was in jener Nacht geschehen ist, Adrian Eisenhut.«

Bevor Adrian reagieren konnte, richtete sich auch Jazz auf. Ihr Buch lag aufgeschlagen in ihrer Hand, und sie begann zu lesen. »Latit, ich spreche im Namen von Magista Eisenhut, um einen Pakt mit dir zu schließen. Einen, der allen Bewohnern Arkens Frieden und Sicherheit bringt.«

Die Ghulfrau grunzte, und ihre Zähne blitzten im Dunkel.

»Mir egal, wer dich schickt. Mir egal, wer du bist, Hexe. Ich weiß genau, was ihr von uns wollt. Aber wir bleiben in der Oberstadt. Wir werden uns nicht länger wie Ratten in den Tunneln verstecken!«

Ihr Seitenblick auf Arvid verfehlte seine Wirkung. Der Ghulkönig blickte sie nur aus kühlen Augen an.

Jazz zögerte kurz, dann zog sie einige Papiere aus ihrem Buch. »Ich habe hier einige Listen mit wesentlichen Punkten, über die wir uns einigen sollten, wenn ihr in Arken bleiben wollt: Aufenthaltsbeschränkungen, eingeschränktes Bleiberecht, Maßnahmen zur Ernährung und Ausrüstung, Grundsätze der Stadtverordnung …«

Barnaby schob sich an ihr vorbei und warf sich den Rest des Apfels in den Mund, ehe er sich die klebrigen Finger an der Theke abwischte. »Ihr bleibt im Bahnhof, lasst aber den Jahrmarkt und alle Bewohner Arkens in Ruhe.«

Latit nickte. »Einverstanden. Dafür gehören uns der Bahnhof und alle angrenzenden Gassen. Und wir bekommen das Recht, im Grundsee zu fischen und unsere Beute auf dem Markt zu verkaufen.«

Barnaby hielt den Kopf schief. »Gut, aber ihr dürft nur an bedeckten Tagen oder nachts durch die Oberstadt laufen oder Handel betreiben. Und ihr dürft euch niemandem zu erkennen geben.«

»Wollen wir eh nicht«, stimmte Latit zu.

»Ihr lasst die Unterstädter in Frieden und dürft nur auf Einladung unser Gebiet betreten«, meldete sich Arvid zu Wort.

»Und jeder von euch, der beginnt, der Sieche anheimzufallen, wird in die versiegelten Tunnel verbannt. Wird auch nur ein Siecher in Arken gesehen, seid ihr alle aus Arken verbannt«, stellte Jazz klar.

Latit zögerte. Ihr Blick schweifte über die versammelten Ghule. Schließlich nickte sie.

»Abgemacht!« Sie ergriff den Unterarm der überraschten Hexe und schüttelte ihn. Adrian blickte von Latit zu Jazz. Das war deutlich schneller gegangen als erwartet, fand er. Zu schnell? Ihm entging auch nicht der Blick, den Latit ihm zuwarf, nachdem sie Jazz’ Unterarm losließ. Es war ein taxierender Blick … wie der, dem man einem nicht ganz frischen Fisch zuwarf.

Barnaby gähnte ausgiebig, offenbarte dabei einen Anblick, auf den alle Anwesenden gern verzichtet hätten, und ließ seine Finger knacken. Obwohl er ihnen kaum zur Brust ging, schob er einen der Ghule beiseite.

»Dann ist das ja geklärt. Bratapfel, ich komme!«

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Widerstrebend zogen sich die dunstigen Schwaden hinter die Stämme der Weißtannen und Winterlinden zurück. Tau sammelte sich auf Fichtennadeln. In einer Astgabel döste ein Waschbär – bis ihn etwas aufschreckte: Ein mechanisches Röhren hämmerte durch den frühen Morgen des Arkener Forsts. Zwei Lichter schimmerten im Dunst und kamen näher. Der Waschbär flüchtete höher in die Baumkrone, während der Schulbus unter ihm über den Weg tuckerte. Wie jeden Wochentag schaukelte er durch den allgegenwärtigen Arkener Nebel. Bei jedem Schlagloch spuckten die muffigen Polster kleine Schaumstoffwolken in die Luft. Die Geräusche, die der Schulbus dabei von sich gab, klangen wie eine Bitte um Erlösung. Merle war überzeugt, dass der Wagen lediglich von den Tausenden Kaugummis zusammengehalten wurde, die Generationen von Schülern hinterlassen hatten. Fröstelnd zog sie die Schulter höher und die Mütze tiefer in die Stirn. Wie kalt es hier war! Und das lag nicht daran, dass die Heizung defekt war – in das antike Gefährt war nie eine Heizung eingebaut worden.

Mit dem Ärmel rieb Merle ein kleines Guckloch in die beschlagene Seitenscheibe. Wie viel lieber wäre sie jetzt mit Bilbo durch den Forst getrabt, als Ewigkeiten in dem Schulbus durch Arken zu gondeln. Stets war sie morgens die Erste, die in den Bus stieg, und nachmittags die Letzte, die aussteigen durfte. Auf dem Rücken des Kaltbluts wäre sie nicht nur schneller, sondern vor allem allein gewesen. Sie warf einen Blick auf den verstrubbelten braunen Haarschopf schräg vor ihr. Titus Costa wohnte fast so abgelegen wie sie, sodass sie beide oft streckenweise allein im Schulbus hockten. Doch obwohl sie heute zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder zur Schule fuhr, hatte er kein Wort zu ihr gesagt, als er eingestiegen war, sondern hatte durch sie hindurchgesehen und sich auf die nächste Sitzbank fallen lassen. Seitdem hockte er völlig unbewegt da und starrte aus dem Fenster, als wenn sich draußen etwas Spektakuläres abspielen würde. Egal, wer zustieg, Titus drehte nie den Kopf und sprach kein Wort. Merle zog ihre Hände noch tiefer in die Ärmel und tat es dem Jungen gleich. Sie heftete ihren Blick an die ersten Ausläufer der Stadt. Frost und Raureif verwandelten Büsche und Bäume in Eisskulpturen. Wenn es so kalt war, verging die Zeit langsamer, Wintertage schienen eine Stunde oder zwei mehr zu haben als Sommertage. Dass dadurch auch die finsteren Nächte länger wurden, störte sie überhaupt nicht. Sie hauchte gegen die Scheibe, befreite ihre Finger aus dem Ärmel und zeichnete Formen auf die Scheibe. Trotz der Hornhaut auf ihren Fingerspitzen fühlte sie die Kälte. Während ihre Finger geschwungene Linien und Kreise zeichneten, dachte sie an Jazz und ihr Diarium, dessen Seiten mit filigranen, sich überschneidenden Mustern gefüllt waren. Merle wusste, dass es mehr als Dekorationen waren. Sie hatte die Kraft gespürt, die in den anmutigen Zeichen schlummerte. Wenn sie diese Kraft doch nur auch nutzen könnte! Wie sehr würde sich ihr Leben dadurch verbessern …

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und zog den Kopf ein. Vielleicht hatte sie Glück, und der Bus würde an der nächsten Haltestelle einfach vorbeifahren, oder Raffael und die anderen wären krank oder, noch besser, von Aliens entführt. Hoffnungsvoll spähte sie unter ihrer Wollmütze nach draußen, wobei die roten Spitzen ihrer blauen Haare im Takt des Motors wippten. Der Bus wurde langsamer. Dreistöckige Reihenhäuser, deren Fassaden Jahrhunderte zählten, erschienen im Nebel. Mit einem pfeifenden Geräusch kam der Bus zum Stehen. Merle musste sich an der Rücklehne abstützen, um nicht vom Sitz zu rutschen. Ein hohes Schnarren ertönte, gefolgt vom stumpfen Klatschen sich öffnender Falttüren.

Niemand stieg ein. War das wirklich ihr Glückstag? Gleich würden sich die Türen wieder schließen.

Dann hörte sie die Stimme, die sie in den letzten Wochen überhaupt nicht vermisst hatte.

»Miffus, wieso riecht es jedes Mal nach Kleiderspende, wenn die Schrottkarre die Tür aufmacht und ich deine Visage sehe?«

Ein Junge streckte seinen Kopf durch die Tür. Die kurzen schwarzen Haare waren an den Seiten abrasiert, die restliche Frisur mit viel Zeit und Gel in eine akkurate Form gepresst. Der Junge stieg in den Bus, als wäre er sein Eigentum. Zwei weitere Jungen folgten ihm dichtauf. Dann baute er sich vor Titus auf und trat gegen die Sitzbank.

»Hey, Miffus, ich rede mit dir! Weißt du, warum es hier drinnen so stinkt? Bist du vielleicht wieder wo reingetreten, oder hast du das monatliche Duschen komplett eingestellt?«

Seine Kumpels lachten hohl.

»Verpiss dich, Raffael«, erwiderte Titus lahm und starrte weiter aus dem Fenster.

Merle wusste, was jetzt kam. Seit sie im Sommer neu auf die Schule gekommen war, war es ein fast tägliches Spiel. Und genau das war einer der Gründe, warum sie es hasste, mit dem Bus zu fahren. Raffael würde auf Titus’ abgetragenen Klamotten, seinen ungekämmten Haaren und was immer ihm noch einfallen wollte, herumhacken, bis sie endlich bei der Schule ankämen.

»Hast ja recht, Miffus, Körperhygiene ist völlig überbewertet. Kann ich echt verstehen, dass du dir das Geld für Shampoo und Duschgel lieber sparst, um es für deinen geilen Haarschnitt auszugeben. Oder hast du dir einfach nur ein überfahrenes Murmeltier auf den Kopf getackert?«

Raffaels Freunde platzten vor Gelächter, und auch andere Schüler kicherten. Merle hasste sie dafür.

Titus sagte nichts. Er saß nur unbewegt da und schien alles an sich abprallen zu lassen. Aber Merle bemerkte, wie die Muskeln an seinem Kiefer hervortraten.

Der Blick des Busfahrers huschte über den Rückspiegel, aber er würde sich nicht einmischen. Das machte er nie. Raffael und seine Kumpels kommentierten weiter Titus’ abgetragenen Klamotten, bis es ihnen offensichtlich langweilig wurde und sie Ausschau nach einem anderen Opfer hielten. Und Merle wusste, wer das sein würde.

»Na, schaut mal, wer wiederaufgetaucht ist. Wo Herr Miffus ist, kann Frau Pferdeapfel ja nicht weit sein.« Raffael grinste seine beiden Freunde an, die beide exakt die gleiche Frisur wie er hatten, wenngleich ihre Haare heller waren. Merle beobachtete die beiden in der Spieglung der Fensterscheibe. Rattengesicht und Hamsterhirn waren nie allein anzutreffen. Als wären sie an Raffael festgenäht, tauchten sie überall im Dreierpack auf. Außer dem schablonenhaften Haarschnitt teilten sie auch sonst so ziemlich alles. Die gleichen roten Sportjacken der Arken Rotfüchse, die gleichen Wildlederstiefel, die gleichen schweren Goldketten, das gleiche dämliche Grinsen.

»Hey, Raf, ich glaube der Stinker und der Pferdeapfel sind ein Paar«, rief Rattengesicht.

Die drei Jungen grölten. Merle blickte stur aus dem Fenster.

»Da wird ihr Gaul aber verdammt eifersüchtig werden, wenn er das hört«, versuchte Hamsterhirn, einen draufzusetzen.

Jetzt waren die drei richtig warmgelaufen. Verschwörerisch, aber in einer Lautstärke, die niemandem entgehen konnte, beugte sich Raffael zu Titus hinab.

»Na, Miffus, erzähl doch mal … wie ist es, mit einem Zombie auszugehen?«

»Zombie?«, wunderte sich Rattengesicht.

»Hast du das noch nicht gehört, Vik?« Raffael sprach so laut, dass ihn jeder im Bus hören musste. »Frau Pferdeapfel hat ein neues Hobby. Miffus und Pferdemist reichen ihr nicht mehr. Sie treibt sich jetzt auf Friedhöfen rum und buddelt Leichen aus.«

Ein Raunen breitete sich im Bus aus.

Verdammt. Merle hatte befürchtet, dass sich irgendwann rumsprechen würde, dass sie auf dem Friedhof Gitarre übte. Sie hatte sich für den Ort einfach deshalb entschieden, weil sie dort ungestört und allein war. Aber so allein, wie sie gedacht hatte, war sie offenbar doch nicht. Und ganz egal, woher Raffael davon wusste, jetzt wussten es alle, und das würde Merles Zeit in der Schule noch ätzender machen. Sie hatte keine Wahl: Jetzt gab es nur eins, was sie tun konnte.

»Raffi, ist dir wieder mal Gel durch die Schädeldecke gesickert? Du gibst hier doch nur das Oberarschloch, weil du das Probetraining der Füchse vergeigt hast!« Sie grinste. »Hättest vielleicht ein bisschen mehr Zeit auf dem Eis und weniger vorm Spiegel verbringen sollen. Und wenn hier jemand stinkt, dann sind es die beiden Kackvögel, die dir dauernd in den Hintern kriechen.«

Für einen Moment konnte man nur den quietschenden Gummi und den tuckernden Motor hören. Raffaels Freunde rückten unwillkürlich ein Stück von ihm ab. Der Busfahrer warf einen längeren Blick in den Rückspiegel. Dann fingen einige Mädchen auf der letzten Bank an zu kichern. Jazz meinte, kurz Titus’ Lächeln in der Seitenscheibe zu erkennen.

»Was hast du gesagt, Zombie?« Raffael machte einen Schritt auf sie zu. Im selben Moment bremste der Bus, und Raffael stolperte nach vorne. Als sich die Türen diesmal klackend öffneten, war der Anblick für Merle deutlich erfreulicher: Adrian stieg ein und lächelte sie müde an. Ihm folgten weitere Schüler und trennten Merle so von Raffael und seinen Kumpels, die ihr aber mit Blicken zu verstehen gaben, dass das hier noch lange nicht vorbei war.

Adrian ließ sich schwer neben Merle auf die Sitzbank plumpsen. Sie gab sich Mühe zu verbergen, wie sehr sie sich freute, ihn zu sehen. Um ganz sicher zu sein, dass er nichts davon merkte, fragte sie betont beiläufig: »Warum fährst du denn nicht auf deinem roten Blitz?«

Adrian blickt sie überrascht an. Dann seufzte er und blies sich eine Strähne aus der Stirn.

»Oh, du nicht auch noch. Ich würde lieber mit dir auf deinem Pferd zur Schule reiten als auf diesem Riesendreirad.«

Merle war sich nicht sicher, ob das ein Kompliment war oder nicht. Sie hatte den roten Blitz zwar nicht gesehen, aber Jazz hatte das Lastenrad sehr ausführlich beschrieben.

Verstohlen betrachtete sie Adrian. Die dunkelbraunen Haare fielen ihm in die Stirn. Seine Hände hatte er in die Jacke gesteckt, und er bibberte heftig. Als sie sah, wie er in seine hohlen Hände blies, schob sie ihm wortlos ihre Handschuhe rüber. Dunkle, fingerlose Wollhandschuhe, die sie auf dem Markt getauscht hatte. Für einen Moment sah es so aus, als wenn er sie nicht annehmen würde, aber dann griff er danach und schob sie sich über die Finger. Wohlig rieb er die Hände aneinander. Merle wusste nicht, ob sie sich das geflüsterte Danke nur einbildete, aber sie lächelte, als sie aus dem Fenster blickte.

Kaum hatte der Bus brummend Fahrt aufgenommen, bremste er scharf. Zum ersten Mal war die fluchende Stimme des Fahrers zu vernehmen.

»Was ist denn los?«, wollte Adrian wissen und beugte sich zu Merle herüber, um besser aus dem Fenster sehen zu können. Er roch nach Frost und Äpfeln.

In gewagten Manövern schossen Jugendliche auf Fahrrädern an dem Bus vorbei. Die Reifen waren kaum einen Finger breit. Alles war von den Rädern abmontiert worden, bis auf das absolut Nötigste. Sie hatten nicht einmal eine Schaltung und konnten nur mithilfe des Rücktritts bremsen. Es war Selbstmord, mit solchen Rädern über die gefrorenen Straßen Arkens zu brettern. Auf dem Rücken trugen die Jugendlichen Rucksäcke, auf denen Aufnäher der Wehrwölfe prangten. An einigen der Fahrradrahmen waren Hockeyschläger befestigt. Die Wehrwölfe waren nicht nur eine Umweltschutzgruppe, die sich gegen Jagd im Arkener Forst wehrte, sondern auch eins von zwei Eishockeyteams in Arken und der erbitterte Rivale der Rotfüchse. Und allein wegen Riesenarsch Raffael mochte Merle sie.

Einige von ihnen jaulten wie Wölfe, als sie sich vom Bus abstießen, um noch schneller voranzukommen.

»Diese Räder sind …«, begann Adrian und stockte gleich wieder. Etwas hatte seine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag genommen. Merle folgte seinem Blick. Ein Mädchen mit scharlachroten Haaren schlängelte sich auf ihrem Fixie an zwei Autos vorbei, wich knapp dem Bus aus und raste den anderen hinterher.

Erst nach einer ganzen Weile bemerkte Adrian, dass er geradezu auf Merle lag. Er presste ein leises »Tschuldigung« heraus und zog sich auf seine Seite der Sitzbank zurück.

Um die sich anbahnende Stille zu durchbrechen, fragte Merle:

»Wie geht es deiner Tante?«

Adrian zögerte kurz.

»Sie ist okay. Meine Mutter hilft in der Buchhandlung aus, damit sie sich erholen kann von …« Er blickte zu Boden.

»Na ja, du weißt schon. Von dem, was in Kratzbach passiert ist.«

Wie hätte Merle das vergessen können? Sie nickte stumm.

»Und, ähm, wie geht es dir? Du warst ja ziemlich lange weg«, fragte Adrian sie nach einer Pause.

»Gut«, behauptete sie, wie immer, wenn ihr die Frage gestellt wurde. »Ich war mit meinem Vater unterwegs.« Das war gelogen, aber sie hatte keine Lust, über ihre Probleme und das Chaos ihres Lebens zu reden. Nicht mal mit ihm. Schnell lenkte sie zu einem anderen Thema über.

»Hast du gesehen, was die Arkenlaterne über das geschrieben hat, was am Friedhof passiert ist?«

Das war etwas, über das sie ohnehin schon lange mit ihm sprechen wollte.

»Sag nicht, du liest die Arkenlaterne? Das ist doch nur Quatsch von Verschwörungstheoretikern«, wunderte sich Adrian,

Sie nickte, und ihre Augen funkelten. »Absolut! Deswegen ist es ja so viel spannender als alles, was im Arkenspiegel steht. Die Laterne meint, radioaktiv verseuchtes Grundwasser hätte die Bäume auf dem Friedhof so wachsen lassen und ein dämonischer Kult hätte die Grabsteine umgeworfen.«

Adrian rieb sich den Hinterkopf. »Du hast recht, das ist um einiges besser als das, was der Spiegel schreibt.«

Sie tauschten ein verschwörerisches Grinsen.

Wenn die Nachrichten so weit von der Wahrheit entfernt waren, brauchten sie sich keine Sorgen zu machen.

»Eckart sagt, der Arkenspiegel hätte sich darauf geeinigt, dass es eine Mischung aus Klimawandel und jugendlichem Vandalismus war.«

Diese Darstellung kam der Wahrheit tatsächlich etwas näher.

»Eckart ist dein Stiefvater, oder?«, fragte Merle nach.

Adrian stockte. »Nein, er ist nur der Freund meiner Mutter«, erwiderte er dann.

Merle verstand, wusste aber nicht, was sie darauf sagen sollte.

»Aber es ist alles besser geworden, seit wir in Arken wohnen«, brachte Adrian schließlich heraus. Merle grinste.

»Warum bist du eigentlich nicht mit Bilbo zur Schule gekommen?«, fragte Adrian.

Doch der Bus hielt knirschend, und alle strömten aus dem Wagen, bevor Merle auf die Frage antworten konnte.

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Der Weg durch die Schulgänge war schwierig. Ständig musste Merle aufpassen, Raffael und seinen Begleitern nicht zu nahe zu kommen. Zum Glück waren die Gänge des ehemaligen Klosters von zahlreichen Säulen durchzogen, hinter denen sie sich verbergen konnte. Adrian merkte von ihrem Versteckspiel anscheinend nichts, jedenfalls sagte er nichts dazu. Er zeigte nur auf die Plakate für das kommende Winterfest und wollte von ihr wissen, was da ablief. Als wenn sie irgendwas über Feste wüsste, nur weil sie schon ein paar Wochen länger an der Schule war als er! Also zuckte sie nur mit den Schultern.

Als Adrian in seinem Klassenzimmer verschwunden war, wanderten ihre Gedanken zu dem Brief, den sie zu Hause abgefangen hatte und der seit gestern in ihrer Schultasche lag. Es war ein Schreiben der Rektorin, die darauf aufmerksam machte, dass ihre Beurlaubung ausgelaufen war und sie umgehend in der Schule erwartet wurde, da sie sonst mit Konsequenzen zu rechnen hätte. Merle hatte den Brief zerknüllt und in die Tasche gesteckt – zu den Nachrichten des Hausmeisters, der ihr verboten hatte, ihr Pferd auf dem Fußballplatz grasen zu lassen. Dabei war das Fußball-Schulteam so schlecht, dass der Platz als Weide weit mehr Sinn machte!

Langsam trottete sie zu ihrer Klasse. Es klingelte schon, als sie den Raum betrat. Die Lehrerin betrachtete sie verwundert und vorwurfsvoll zugleich, was Merle geübt abprallen ließ. Sie sagte noch etwas darüber, wie sehr sie Merles Anwesenheit in der Klasse begrüße und dass Pünktlichkeit eine Tugend sei. Aber Merle hörte gar nicht hin. Lieber zog sie sich an ihren Tisch in der letzten Reihe zurück, während ihr das Getuschel ihrer Mitschüler folgte. Die Worte Friedhof und Zombie waren nicht zu überhören.

Es folgte eine Doppelstunde Geschichte zum Thema Hexenverfolgung im Spätmittelalter. Zugegeben, es gab langweiligere Themen, aber kaum langweiligere Lehrerinnen als Frau Schrapp-Senkenberg. Nachdem sie sie die ersten fünf Minuten beinahe in Tiefschlaf versetzt hatte, kramte Merle ihr Notizheft aus dem Rucksack und begann, Songtexte aufzuschreiben. Sie beugte sich so dicht über die Tischplatte, dass ihre Haarspitzen den Tisch berührten und eine Kuppel aus blauroten Haaren sie vor den Blicken ihrer Mitschüler abschirmte. Am liebsten hätte sie sich Kopfhörer reingesteckt und Musik gehört. Aber das ging nicht. Nicht, weil die Schrapp-Senkenberg das mitbekommen hätte, aber ihr Walkman versagte immer häufiger den Dienst. Das Handy und den Mp3-Player hatte sie schon seit Monaten aufgegeben. »Aber Musiker langweilen sich nie!«, erinnerte sie sich an die Worte ihres Vaters.

Am Ende der Doppelstunde hatte sie immerhin die Bridge und ein paar Verse fertig. Unterricht war eben doch nicht nur verschwendete Lebenszeit.

In der kurzen Pause versammelten sich einige der dummen Puten aus ihrer Klasse am Fenster, um sich über Nagellack und die heißesten Hintern der Parallelklasse auszutauschen. Jedenfalls nahm Merle das an, aber so, wie sie mit den Fingern auf sie zeigten und hinter vorgehaltener Hand kicherten, ging es wohl doch um etwas anderes. Als die Mädchen bemerkten, dass sie von Merle beobachtet wurden, legten sie zwei Finger zu einem Kreuz übereinander, wie um einen Vampir zu bannen. Merle verdrehte die Augen und wandte den Blick ab. Raffaels Geschichte hatte also schon die Runde gemacht. Sie beugte sich wieder dicht über ihr Heft und kritzelte einige passende Akkorde zu den Versen.

Während der Biostunde dachte sie darüber nach, wo sie jetzt üben sollte. Sie wollte nicht, dass ihr Opa sie beim Spielen sah. Das machte ihn immer traurig, weil er dann an ihren Vater denken musste, der schon so lange fort war. Hier in der verdammten Schule würde sie ganz bestimmt nicht spielen, eher würde sie ihre Gitarre verbrennen. Und wenn sie sich wieder auf den Friedhof wagte, würden die Gerüchte nie abreißen.

Doch als sie zu den dummen Puten blickte, wurde ihr klar, dass das ohnehin nie passieren würde. Und warum sollte sie sich von den furchtbarsten Menschen, die sie kannte, von dem Ort vertreiben lassen, an dem sie sich am wohlsten fühlte? Jetzt, wo sich alle das Maul zerrissen, machte es keinen Unterschied mehr, entschied sie. Sollten die Puten und Riesenärsche der Schule doch glauben, was sie wollten. Und vielleicht würden am Friedhof auch die Geister wiederauftauchen …

Als Nächstes stand Englisch auf dem Plan. Endlich mal ein Fach, das sie mochte. Dass ein Überraschungstest auf sie wartete, stellte ihre Zuneigung allerdings auf die Probe. Sie musste mitschreiben, obwohl sie gefehlt hatte.

Samira, die Oberpute am Tisch vor ihr, schien nicht entgangen zu sein, dass Merle die Sprache leichtfiel. Sie lehnte sich weit zurück, strich sich die blonden Haare hinter das Ohr und begann zu flüstern. Es war schnell klar, was das Mädchen wollte.

»Brauch die Antworten vier bis zwölf!«

Offenbar war Samira in Englisch noch weit schlechter, als Merle dachte. Die Fragen eins bis drei waren die nach Datum, Klasse und Namen. Merle seufzte. Das hier wäre ihre Chance, sich bei den Puten beliebt zu machen. Vielleicht würden sie dann aufhören, über sie abzulästern? Merle blickte auf, und die Pute drehte sich kurz zu ihr um. Zum ersten Mal seit Merle in die Schule ging, lächelte das Mädchen sie an. Rosa Glosslippen glänzten, die falschen Wimpern blinzelten, das blonde Haare roch nach Pfirsich. In den Augen lag das Versprechen auf eine bessere Zeit, vielleicht sogar auf Freundschaft. Merle blickte wieder auf den Test. Sie bräuchte ihn nur herumzudrehen.

Sie entschied, dass der ausgestreckte Mittelfinger die passende Antwort auf alle neun Fragen war.

Samira sog scharf die Luft ein. Gerade als sie Merle eine passende Antwort an den Kopf werfen wollte, meldete sich der Lehrer.

»Samira, diese Tests sind dazu da, alleine ausgefüllt zu werden. Da du damit Probleme hast, gebe ich dir die Möglichkeit, dies nach dem Unterricht während des Nachsitzens zu üben.«

Der letzte Blick aus Samiras Augen verhieß ewige Feindschaft und Höllenqualen. Merle lächelte ihren Test an.

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Endlich Mittagspause! Merle wartete, bis alle ihre bösen Blicke eingepackt und sich verzogen hatten, bevor sie den Klassenraum verließ. Der Gang war leer. Das Kreuzgewölbe spannte sich weit über ihr und ließ ihre Schritte hallen. Sie blickte in den Raum schräg gegenüber. Aber auch in der Parallelklasse war niemand mehr. Warum hätte Adrian auch auf sie warten sollen? Sie ging unter fuchsroten Wimpeln und an Pinnwänden voller Fotos und Schülerarbeiten vorbei. Selbst wenn es ihr erster Tag gewesen wäre, bräuchte sie nur den lauten Stimmen der anderen Schüler zu folgen, um den Speisesaal zu finden. Den verfluchten Speisesaal. Neben der Turnhalle einer der furchtbarsten Orte der Schule.

Sie ließ sich Zeit. Umso später sie dort ankam, desto kürzer wäre die Schlange und umso weniger Zeit müsste sie dort verbringen. Der Saal war das Zentrum der Schule. Hier trafen sich die Schüler aller Klassen. Dort wurden Feste gefeiert, Präsentationen gehalten und Neuigkeiten verkündet. Doch am wichtigsten war: Hier zeigte sich, wer wohin gehörte und wer an der Schule das Sagen hatte. Das Eishockeyteam saß natürlich am dichtesten an der Essensausgabe. Damit der Weg nicht so weit war. Alle Fans der Rotfüchse und jene, die selbst ins Team aufgenommen werden wollten, also die ganzen Mitläufer, hockten rings um sie herum. Die Rotfüchse waren der Stolz der Bettina-von-Arnim-Schule, der einzigen weiterführenden Schule in Arken. Deswegen waren hier auch überall Eishockey-Pokale in funkelnden Vitrinen ausgestellt. Am Tisch neben den Füchsen aßen die Kinder jener Familien, die schon seit Generationen in der Stadt lebten und besonders viel Einfluss hatten. Die meisten von ihnen waren Klassensprecher oder hielten sich einfach nur für unentbehrlich. Die Puten aus Merles Klasse würden auch an diesen Tischen sitzen. Danach kamen die Normalos. Kinder, die einfach nur essen wollten, ohne aufzufallen oder Ärger zu bekommen.

Die Theatergruppe hatte ihren Platz am langen Tisch, zusammen mit den Jungen und Mädchen, die die Schülerzeitung herausgaben. Von ihren Plätzen aus hatte man den besten Überblick über den Raum.

Ganz hinten an einem kleinen Gruppentisch war der Platz für die Nerds. Und an den Plätzen mit dem größten Abstand zu den Rotfüchsen saßen die Wehrwölfe. Das hatte den Vorteil, dass die beiden Gruppen nicht viel miteinander in Berührung kamen, und den Nachteil, dass bei einer Essensschlacht die Kinder in der Mitte alles abbekamen. Weshalb das auch jedes Mal ein Thema für die Schülerzeitung war.

Wer wo saß, entschied darüber, wer man war, mit wem man ging und welche Freunde man hatte. Merle schnappte sich meist ihr Tablett und verzog sich damit in den Keller. Dort gab es einen Raum, in dem alte Sportmatten lagerten und in dem sie ihre Ruhe hatte. Die Schwierigkeit bestand darin, an den Füchsen vorbeizukommen, ohne den Nachtisch einzubüßen.

Als sie durch den Flur und über den von unzähligen Schülern glatt polierten Steinboden schlurfte, bemerkte sie, dass sie nicht allein war. Merle stoppte und lauschte. Die verwinkelten Kreuzgewölbe der Schule riefen tückische Echos hervor. Sie blickte sich um, konnte jedoch niemanden entdecken. Nur die Steinskulpturen leidender Männer blickten auf sie herab. Sie stammten noch aus der Zeit, in der dieser Ort ein Kloster war, und nicht zum ersten Mal fiel ihr auf, dass es sich bei den Skulpturen ausschließlich um Männer handelte. Alte bärtige Männer mit müden Augen. Gab es denn keine heiligen Frauen?

Da! Da war schon wieder dieses Wispern. Merle konnte noch keine Worte verstehen, war sich aber sicher, in der richtigen Richtung unterwegs zu sein. Sie näherte sich der Skulptur eines Mannes, der in einer langen Kutte die Last der Decke auf seinen Schultern trug. Er sah dabei nicht glücklich aus, und Merle fühlte mit ihm. Den Schnurrbart und die Brille, die ihm jemand ins Gesicht gemalt hatte, halfen auch nicht, ihn glücklicher zu machen.

Die Stimmen waren jetzt ganz dicht. Merle lehnte sich gegen die Skulptur.

»… ist mir völlig egal! Ich will wissen, wo er ist!«

Die Stimme klang ihr irgendwie bekannt.

Eine zweite Person antwortete, leiser und weicher. Es war die Stimme eines Mädchens, da war sich Merle sicher.

»Ich habe dir alles gesagt, was ich konnte. Er ist fortgegangen, und wir wissen nicht, wann …«

Aber der erste Sprecher ließ sie nicht ausreden.

»Du hast mir vielleicht gesagt, was du kannst, aber nicht, was du weißt. Ihr verheimlicht etwas! Ich habe ein Recht darauf zu erfahren, was …«

Die Stimme des Mädchens klang jetzt deutlich kühler, schneidender.

»Ein Recht? Welches Recht denn? Das des Bruders? Wie viel Zeit habt ihr im letzten Jahr gemeinsam verbracht? Wann hast du ihn das letzte Mal unterstützt? Wann bist du überhaupt das letzte Mal bei uns gewesen? Stattdessen schließt du dich diesen Irren an?«

Das Gespräch war zu einem Streit geworden, auch wenn sich beide noch so bemühten, leise zu sein.

»Das zwischen meinem Bruder und mir ist eine Familienangelegenheit und geht dich nichts an!«, erklang die tiefere Stimme grollend.

»Oh doch! Wir sind deine Familie«, hielt das Mädchen dagegen.

»Nein, das seid ihr nicht! Ihr seid nur ein Haufen Kinder und glaubt, dass irgendwas, was ihr tut, einen Unterschied macht. Ihr versteht nicht die Hälfte von dem, was da draußen abgeht.«

»Aber du weißt Bescheid? Du meinst, eine Flinte und ein Jagdausweis geben dir das Recht zu entscheiden, wer lebt und wer stirbt?«

»Darum geht es überhaupt nicht. Ich weiß, du hältst mich für einen Versager, und da bist du nicht die Einzige. Aber dort draußen in den Wäldern treibt sich etwas herum.«

Das Mädchen stöhnte genervt.

»Bitte sag mir, du glaubst nicht, was in der Laterne steht? Dein Bruder war sich sicher: Euer Vater hat sich das alles nur ausgedacht, damit sich das Blatt verkauft.«

Die Stimme wurde nur mehr ein heiseres Flüstern, und Merle musste sich anstrengen, um noch etwas zu verstehen.

»… ich weiß es einfach. Hier in Arken geht etwas vor sich und das schon seit Jahren. Mein Vater weiß nicht, worüber er schreibt, aber auch er spürt es. Ich bin mir sicher, etwas verbirgt sich in den Wäldern. Und was immer es ist: Es hat meinen Bruder erwischt. Also sag mir verdammt noch mal, was du weißt!«

Es gab eine kurze Pause. Die Stimme des Mädchens klang jetzt wärmer.

»Deinem Bruder geht es gut. Er ist einem Ruf gefolgt. Das ist alles, was ich dir sagen kann.«

»Was soll das heißen? Was für ein Ruf? Was meinst du …«

Er brach plötzlich ab.

»Still!«, zischte das Mädchen.

Merle presste sich die Hand auf den Mund und hielt den Atem an.

Die Stimme des Mädchens war nun kaum mehr ein Hauchen.

»Wir sind nicht länger allein!«

Merle spürte, wie es ihr kalt den Rücken hinablief. So schnell sie konnte, rutschte sie in den Spalt zwischen Statue und Wand. Sie spürte die Kälte in ihrem Rücken. Die steinerne Kutte des Mönchs füllte ihr gesamtes Blickfeld aus.

Schlurfende Schritte entfernten sich. Dann konnte Merle endlich ausatmen.

Als sie den Speisesaal betrat, schwappten die Stimmen Dutzender Schüler über sie hinweg. Es wurde gelacht, geflucht und geschrien. Ein Schüler in einer Rotfuchsjacke rempelte sie aus dem Weg und eilte den Flur hinunter. Sie war sich sicher: Die beiden, die sie belauscht hatte, waren in diesem Raum. Was nicht wirklich weiterhalf, denn die gesamte Schule saß hier.

Merle holte sich eilig etwas an der Essensausgabe, wobei ihr nicht entging, dass einige der Rotfüchse auf sie zeigten. Ein halb aufgegessenes Brötchen verfehlte sie nur knapp. Samira suchte schon nach dem nächsten Wurfgeschoss. Daraufhin schnappte sich Merle ihr Tablett, um sich schnellstmöglich in den Keller zu verdrücken. Als auch noch Raffael aufstand und auf sie zukam, griff sie ihr Tablett fester und ging schneller. Sie musste den Ausgang erreichen, bevor er sie abfangen konnte. Hastig drückte sie sich an einem Schüler vorbei dem Ausgang zu. Dort warteten aber schon seine Kumpel Rattengesicht und Hamsterhirn. Merle saß in der Falle. Raffael und seine Kumpels kamen langsam auf sie zu. Wozu sollten sie sich auch beeilen? Sie konnte nirgendwohin. Merles Blick jagte durch den Raum. In diesem Moment schallte eine Stimme durch den Saal, so laut, dass sie alle anderen überlagerte.

»Meine Lieblingsbardin! Da bist du ja wieder! Was stehst du da rum? Du sitzt natürlich bei uns.«

Ein geradezu lächerlich kräftiger Junge winkte ihr zu, als würde er einen Verwandten vom Bahnhof abholen. Er war so groß und breit, dass er selbst ältere Schüler überragte. Ihn zu übersehen war unmöglich – dafür sorgten nicht zuletzt die beiden gewundenen Hörner, die sich aus seinem Kopf schoben.

Doch die Hörner blieben, dank des Schleiers, vor Raffael und den anderen Löffeln verborgen. Aber Juris breite Schultern sorgten dafür, dass sich die drei wieder zu den anderen Rotfüchsen gesellten und Merle in Ruhe ließen. Sie atmete erleichtert auf und konnte nicht verhindern, dass sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete. Juri winkte weiter und organisierte mit der anderen Hand einen freien Stuhl für sie. Er saß an dem kleinen Tisch in der Nähe der Wehrwölfe. Die anderen Schüler, die dort saßen, hatten sich zu ihr umgedreht.

»Merle!« Ein etwas älteres Mädchen mit dunklen Locken sprang so hastig auf, dass ihr Stuhl beinahe umfiel. Sie stürmte auf Merle zu und schloss sie in eine innige Umarmung. Als sie sie losließ, strahlte Jazz sie herzlich an, legte einen Arm um Merle und zog sie zum Tisch. Dort saß auch Adrian, der sie freundlich anlächelte.

Die anderen Schüler am Tisch blickten neugierig zu ihr herüber. Auch Magika waren darunter, wie Merle bemerkte. Ein Junge, dessen schuppige rote Haut sehr an eine Echse erinnerte, zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Die Hornbrille auf seiner Nase schaukelte dabei bedenklich. Einige der Schüler kannte Merle vom Sehen, andere waren älter und ihr völlig fremd. Ein rundliches Mädchen mit violetten und grünen Haaren beugte sich interessiert zu ihr herüber und wollte wissen, womit Merle sich die Haare färbte. Aber Merle kam nicht dazu zu antworten.

»Kassandra, jetzt belagere meine Bardin doch nicht gleich mit solchen Nichtigkeiten. Erst mal müssen wir essenzielle Fragen klären.« Der Troll räusperte sich und schwang dabei gewichtig seine Gabel. »Wo bist du denn so lange gewesen? Und wie geht es meinem Lieblings-Shirehorse?«

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