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Minecraft - Der Monstertrupp

hier erhältlich:

Der Monstertrupp kommt!

Die furchtlose Mal und ihre Freunde leben in einem scheinbar perfekten Dorf mit riesiger Stadtmauer, in dem Sicherheit mehr wertgeschätzt wird als Mut und Individualität. Als eines Tages eine mysteriöse Kreatur um die Mauern schleicht, wittert Mal die Gelegenheit, ihre Abenteuerlust zu stillen! Auf ihrer Reise durch die Oberwelt treffen sie und ihre Freunde auf Wunder und Gefahren, die sie sich nie hätten ausmalen können. Werden sie beweisen können, dass sie mehr sind als Außenseiter – nämlich ein echter Monstertrupp?

Der 9. Band in der Erfolgsserie rund um die Minecraft-Welt

Von New York-Times Bestseller-AutorinDelilah Dawson


  • Erscheinungstag: 25.10.2022
  • Aus der Serie: Minecraft Roman
  • Bandnummer: 9
  • Seitenanzahl: 320
  • Altersempfehlung: 12
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505150609

Leseprobe

Für Rhys und Rex, auf ewig. Jetzt seid ihr Teil von Star Wars und Minecraft.

Außerdem für die MCYT-Community und insbesondere die Besatzung des Dream-SMP.
Für euch ist eine Disk enthalten.

1.

MAL

Okay, Folgendes solltest du über mich wissen: Ich heiße Mal, wohne in einer Stadt namens Cornucopia und würde alles für meine Freunde tun. Buchstäblich. Weshalb sie auch immer zu mir kommen, wenn sie Hilfe brauchen.

Meine Familie besitzt die größte Vieh-Ranch hier, die ich scherzhaft Cornu-Kuh-pia getauft habe. Meistens stehe ich morgens mit dem ersten Hahnenschrei auf und treibe die Kühe auf die Weide. Es ist kein besonders langer Weg, weil unsere Stadt von unfassbar hohen Mauern umgeben ist. Umso mehr Grund, darauf zu achten, wo die Kühe grasen, sonst fressen sie sich noch bis zur Erde durch, und wer weiß, wie weit noch. Kühe sind nämlich nicht besonders helle. Aber total süß. Ich sehe ihnen gern beim Grasen zu, während ich frühstücke. Die Kaugeräusche sind irgendwie angenehm.

»Mal!«, ruft jemand, als ich gerade in einen Apfel beiße.

Ich sehe mich um. Das war definitiv keine Kuh. Ich kenne diese Stimme.

»Guten Morgen, Lenna!«

Meine Freundin Lenna kommt auf mich zugerannt, völlig außer Atem und offenbar der Panik nahe. Ihr bauschiges braunes Haar ist voller Blätter und wippt mit jedem Schritt. »Mal, du musst kommen. Jarro hat Tok und Chug in einer Gasse in die Enge getrieben!«

Bei Lenna muss man immer erst nachhaken, um nichts in den falschen Hals zu kriegen.

»Okay, jetzt komm erst mal zu Atem. Ich weiß ja, Tok kommt nicht einmal gegen eine kranke Möhre an, aber wenn Chug bei ihm ist, wo liegt das Problem?«

Sie legt den Kopf schief. »Chug hat eine Hacke.«

Aha.

Du musst wissen, Chug und Tok sind die andere Hälfte unserer Gruppe. Sie sind Brüder, aber so verschieden wie zwei Menschen nur sein können, und sie stecken andauernd in irgendwelchen Schwierigkeiten. Eine Keilerei mit Jarro ist eine Sache, aber wenn Chug eine Hacke hat und Jarro ihn genug anstachelt – obendrein in einer verborgenen Gasse in der Innenstadt –, dann haben wir ein mächtiges Problem. Und wenn Chug die Hacke bei all der Aufregung auch noch kaputt macht, wenn er sie Jarro über die Rübe zieht, kriegt er noch größeren Ärger.

Schließlich wachsen Hacken nicht auf Bäumen.

Die kriegt man nur beim Alten Stu zu kaufen, und sie sind ziemlich teuer.

Und Tok … hat einen enormen Verschleiß, was Werkzeug angeht. Das liegt daran, dass er ständig an neuen Apparaten tüftelt, die die Arbeit auf dem elterlichen Hof erleichtern sollen – nur leider funktionieren sie nie. Tok ist durchaus klug und superkreativ, aber auch ein wenig überenthusiastisch, sodass er im Eifer des Gefechts oft alle Regeln und Sicherheitsmaßnahmen vergisst.

Chug hingegen …? Nun, sagen wir, für ihn dreht sich alles um seine Fäuste und weniger um irgendwelche komplexen Berechnungen. Wir müssen uns beeilen. Nicht, um die Jungs vor Jarro zu beschützen, sondern Chug vor Chug. Er ist mein bester Freund, und genau deshalb weiß ich genau, dass er nie seine große Klappe halten kann. Er ist der König der Sprücheklopfer und immer bereit, jedem Fiesling die Stirn zu bieten. Das Blöde ist nur, wenn er Jarro verletzt, bringt er damit uns alle in Schwierigkeiten.

»Jetzt komm schon, Mal. Als ich loslief, war Chug schon ganz rot angelaufen. Wir müssen uns beeilen!«

Lenna rennt los und wirft einen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass ich ihr folge. Sie ist bekannt für Übertreibungen und erzählt gern Märchen, weshalb ich mir ziemlich sicher bin, dass Chug nicht wirklich kurz davorsteht, irgendwem mit der Hacke eins überzuziehen. Trotzdem bin ich immer diejenige, die dafür sorgt, dass alle gesund und munter sind, also werfe ich seufzend der nächstbesten Kuh meinen halb gegessenen Apfel hin und folge Lenna.

Am Ende habe ich sie sogar eingeholt, als wir durchs Stadtzentrum rennen. Sie führt mich in eine Gasse inmitten eines Netzes aus alten Läden und Häusern, und tatsächlich – da sind sie. Tok sitzt außer Reichweite, hoch oben auf dem Überrest einer uralten Treppe, die zu einer vergessenen Tür im zweiten Stock führt. Seine Katze Candor ist bei ihm. Die Fellhaare bedrohlich aufgestellt, faucht sie die Szenerie unter sich an. Eigentlich weiß niemand, ob Candor weiblich oder männlich ist, aber Tok hat beschlossen, sie ist eine Sie, und bisher hat sie sich nicht beschwert. Für mich reicht das aus. Die meiste Zeit verbringt sie auf seiner Schulter. Irgendwie kann ich mir Tok gar nicht anders vorstellen als mit dem orangefarbenen Fellball, der wie ein zweiter Kopf aussieht.

Doch im Moment geht es nicht um Candor, sondern um das echte Problem, das sich momentan am Boden abspielt. Jetzt bin ich doch froh, dass wir uns beeilt haben.

Chug hält tatsächlich mit beiden Händen eine Hacke umklammert, und er und Jarro stehen sich in der engen Gasse beinahe Brust an Brust gegenüber. Jarros Kumpanen Remy und Edd warten direkt hinter ihrem Boss, und ich kann ihnen förmlich ansehen, wie sehr sie sich nach einer Prügelei sehnen. Gut, dass Lenna und ich hier sind – so sind die Brüder wenigstens nicht in der Unterzahl.

»Leg die Hacke weg und benutz deine Fäuste«, knurrt Jarro. Er ist gut dreißig Zentimeter größer als Chug und hat längere Arme, aber dafür ist mein Freund schwerer – und hat einen besseren Grund, Streit zu suchen. Denn er tut alles, um seinen Bruder zu beschützen.

»Wenn ich sie weglege, wird sie mir nur von einem deiner Hilfsäffchen geklaut«, erwidert Chug. »Deshalb hast du meinen Bruder doch bis hier verfolgt, oder? Weil du ein Dieb bist. Du hast doch schon alles Mögliche mitgehen lassen, um es für dich zu behalten.«

Jarro weiß nicht, was er darauf antworten soll. Er ist nicht besonders klug. »Komm doch«, ruft er stattdessen. »Hör auf zu jammern und kämpf gegen mich!«

Chug bemerkt Lenna und mich und grinst. »Okay, meinetwegen. Ich lege die Hacke weg. Das Blatt hat sich nämlich gerade gewendet. Hallo, ihr zwei!«

Als Chug winkt, drehen sich Jarro und seine Freunde um. Chug nutzt die günstige Gelegenheit, wirft Tok die Hacke zu und boxt Jarro in den Bauch. Der größere Junge taumelt erschrocken rückwärts.

»So ein Ärger, jetzt habe ich die Fäuste benutzt, und du hast es verpasst«, spöttelt Chug.

Remy und Edd sind sichtlich nervös. Ihre Bande drängt gern Schwächere in die Enge. Gegen vier Freunde anzutreten, ist ihnen nicht geheuer.

Jarros Lakaien starren immer noch Chug an, aber ihr Anführer hat sich inzwischen mir zugewandt.

»Oh, sieh an. Wenn das nicht eure furchtlose Anführerin ist.« Sein Gesicht verzieht sich zu einer angewiderten Fratze, während er mich von oben bis unten mustert. »Mädchen zu schlagen, macht mir überhaupt nichts aus.«

Er macht einen Schritt auf mich und Lenna zu. Ich zucke nicht einmal mit der Wimper, aber meine Freundin zieht sich zurück.

»Wie überaus weltoffen«, stelle ich fest. Über seine Schulter hinweg erblicke ich Chug, der beide Fäuste hebt, aber ich schüttele den Kopf. Ich will diese Prügelei verhindern, nicht anheizen. Chugs Groll gegenüber Jarro sitzt auch so schon tief genug. »Und mir macht’s nichts aus, Jungs zu schlagen.«

Jarro grinst überheblich und kommt mir noch näher. So nahe, dass ich entweder einen Schritt zurückweichen oder ihn – igitt! – berühren muss. »Du hast noch nie irgendwen geschlagen. Du windest dich aus solchen Sachen immer nur raus, indem du …«

»Deine Mutter mag es gar nicht, wenn du dich prügelst, oder, Jarro?«, frage ich mit hervorgerecktem Kinn, damit er meine zitternden Knie nicht bemerkt. »Lenna, lauf ins Zentrum und sieh nach, ob du sie findest.« Jarros Mutter liebt es zu tratschen und steht um diese Zeit üblicherweise in der Nähe von Stus Laden, um die Stadtbewohner zu beobachten. Lenna nickt und verschwindet um die Ecke. Jarro hat zur Abwechslung recht – als die inoffizielle Anführerin unserer Gruppe bevorzuge ich immer den Weg der Diplomatie. Oder Drohungen, wie in diesem Fall.

Jarros Lakaien lenken ihre Aufmerksamkeit auf Lenna und mich, und Chug nutzt die entstandene Lücke, um Jarro einen Tritt ins Hinterteil zu verpassen. Ich zucke zusammen. Wenn Chug die Sache nur mir überlassen würde, könnten alle ohne blaue Flecken und lange Belehrungen hier rauskommen. Jarro wirbelt herum, die Hände zu Fäusten geballt.

»Ich glaube, ich kann deine Mutter schon hören, Jarro«, warne ich eindringlich.

Selbst Jarro ist in der Lage, sich auszurechnen, was vier gegen drei bedeutet. Hinzu kommt der Zorn seiner Mutter. »Ihr Babys könnt eure Hacke behalten. Aber irgendwann erwische ich Tok allein, und dann …«

»Nein, wirst du nicht.« Chug schüttelt langsam den Kopf. »Aber falls du es doch tust, wirst du überrascht sein, was er alles beherrscht. Zum Beispiel einfache Mathematik. All die Dinge, von denen du nichts verstehst. Er ist stärker, als er aussieht.«

»Warum rennt er dann immer weg?«, kontert Jarro und versucht, möglichst überlegen auszusehen.

»Weil er Angst hat, dass, was immer dir diese Visage verpasst hat, ansteckend sein könnte.«

Jarro hat offenbar eingesehen, dass er sowohl das verbale als auch das körperliche Duell verloren hat, und schüttelt den Kopf. »Du bist es nicht wert.« Er ruckt das Kinn in Richtung seiner Lakaien und rempelt mich absichtlich an, ehe er aus der Gasse verschwindet. Kaum sind sie weg, kriecht Lenna aus ihrem Versteck hinter einer alten kaputten Truhe hervor. Verlegen umklammert sie einen interessant aussehenden Stein und meidet meinen Blick, was vermutlich bedeutet, dass sie sich von ihrer Aufgabe hat ablenken lassen und gar nicht bis zu Jarros Mutter gekommen ist.

»Das lief doch ganz gut«, meint Tok.

Er wirft mir die Hacke zu und rutscht an den Treppenrand. Chug hilft ihm hinunter, und Candor springt hinterher, als würde ihr die Höhe rein gar nichts ausmachen. Dann machen wir uns gemeinsam auf den Weg zurück ins Stadtzentrum.

»Das lief sogar super!« Chug stößt die Faust in die Luft. »Jeder Tag, an dem ich Jarro eine verpassen kann, ist ein guter Tag.«

»Es lief nicht so gut, wie ihr denkt«, erinnere ich die beiden. »Jarro wird seiner Mutter sagen, dass du ihn geschlagen hast, und alle werden uns böse Blicke zuwerfen.«

»Wenn sie sich mal die Mühe machen würden zu fragen, was passiert ist, würden sie uns als Helden betrachten!«, jammert Chug.

»Ja, aber Erwachsene wollen nie wissen, was passiert ist. Sie wollen immer nur, dass das Problem möglichst schnell verschwindet.« Candor springt auf Toks Schulter, der ihr das orangefarbene Fell streichelt.

Wir beobachten Jarro, der seiner Mutter Dawna tatsächlich irgendetwas zuflüstert, also nehme ich lieber die Beine in die Hand. Die anderen folgen mir. Wir müssen nicht absprechen, wohin wir gehen – der Kürbishof der Brüder ist unsere inoffizielle Basis. Meine Eltern würden uns nur zur Arbeit verdonnern, und Lennas sehen es überhaupt nicht gern, wenn sich Kinder in der Nähe der Mine aufhalten. Auf dem Kürbisfeld ist es im Vergleich meistens ruhiger, aber dann …

»Ich verstehe nicht, wie das immer wieder passieren kann. Hacken wachsen nicht auf Bäumen, Tok«, schimpft der dauergenervte Vater der Brüder, als Chug ihm die neue Hacke überreicht. »Man kann sich nicht einfach jeden Tag eine neue machen. Werkzeug ist nicht leicht zu bekommen und deshalb teuer. Nur wegen des Unfalls heute früh schulden wir Stu schon zehn Kürbiskuchen. Ich weiß, du hast es nur gut gemeint, aber du musst damit aufhören, mit deinen Erfindungen ständig Gegenstände kaputt zu machen.«

»Manchmal muss man eben Sachen zerbrechen, um etwas Besseres zu entwickeln«, kontert Tok.

»Hauptsache, Dad bricht uns dafür nicht die Knochen«, ergänzt Chug.

Ihr Vater ist ein echt geduldiger Mann, und das muss er auch sein mit einem Sohn wie Chug. Und einem wie Tok.

»Ich würde doch niemals …!«, protestiert er entgeistert.

»Ich lach mich kaputt!«, unterbricht ihn Chug. »Mein Humor ist eben knochentrocken.«

Sein Vater schüttelt den Kopf. »Schluss mit den Wortspielen. Zur Strafe werdet ihr beide den Rest des Morgens damit verbringen, Unkraut zu jäten. Und zwar auf dem Südfeld.«

»Das ist unfair!«, beschwert sich Chug. »Wir haben unsere Aufgaben schon erledigt und …«

»Wir helfen euch«, schlage ich vor und setze mein bestes Braves-Mädchen-Lächeln auf. »Wenn wir zusammenarbeiten, schaffen wir es in der Hälfte der Zeit. Nicht wahr, Lenna?« Sie nickt. Der Vater der Jungen betrachtet die ordentlichen Reihen aus Kürbissen und seufzt.

»Das ist wirklich nett von euch. Achtet nur darauf, dass die Jungs ihren Anteil auch wirklich erledigen. Und Tok … Bitte versuch wenigstens, heute nichts mehr kaputt zu machen.«

Er stapft mit schweren Schritten davon. Kaum ist er fort, läuft Tok zu einer seiner vielen misslungenen Maschinen – nicht mehr als ein Haufen Bauteile, die irgendwie nicht zueinander zu passen scheinen. Er befingert den Kopf der lädierten Hacke, der sofort zu Boden fällt. »Diese Maschine sollte das Unkrautjäten revolutionieren. Ich war mir so sicher, dass es diesmal funktionieren würde. Es ist, als würde mir ein wichtiger Teil der Formel fehlen.«

Chug stupst seine Schulter an. »Ist schon okay, Bro. Du wirst das hinkriegen. Dad versteht es nicht, aber eines Tages wird er es tun. Das Einzige, woran er denken kann, sind Kürbisse. Es ist, als wäre sein Kopf voller rasselnder Kerne, sodass er nichts anderes mitbekommt.«

Wir gehen zum Südfeld, das sich so weit draußen befindet, dass an einer Ecke zwei Mauern von Cornucopia aufeinandertreffen. Ich habe meine morgendlichen Aufgaben schon erledigt, und Lennas Eltern vertrauen ihr keine Arbeit in der Nähe der Mine an, weil sie als tollpatschige Tagträumerin bekannt ist. Deshalb haben wir Zeit, den Jungs beim guten alten manuellen Jäten zu helfen.

Ehrlich gesagt, ist es gar nicht so schlimm, und wenigstens sind wir zusammen. Jeder übernimmt eine Reihe, und wir unterhalten uns, während wir alles Grüne aus dem Boden ziehen, was keine Kürbispflanze ist, die gejäteten Setzlinge wegwerfen und sämtliche Samen, die wir finden, in die Taschen stopfen. Der Vater der Jungs kümmert sich so gut um die Felder, dass es nicht einmal besonders viel für uns zu tun gibt. Lenna fällt dennoch zurück, wie immer. In einer Sekunde hockt sie noch überm Boden und zerrt an einem außergewöhnlich hartnäckigen Setzling, in der nächsten schlendert sie davon, um einer Biene zu folgen, oder starrt einfach nur ins Leere.

Tok erläutert uns gerade, wie man ein Schaf zum Geschirrspülen einsetzen könnte, als wir einen Schrei hören. Es klingt nach Lenna, also rennen wir alle in die Richtung, in der wir sie zuletzt gesehen haben.

Offenbar ist sie ein gutes Stück abgewandert, denn wir finden sie in einer Ecke auf der anderen Seite des Felds. Sie starrt die Mauer hinauf und schreit … was selbst für sie ziemlich schräg ist.

Ich bin die Schnellste und erreiche sie zuerst. »Lenna, was ist los?«

Sie dreht sich zu mir um. Ihre Augen sind geweitet, und ihre Hände zittern, als sie auf etwas zeigt, das ich mir nicht erklären kann. Die Kürbisse auf dieser Seite des Felds sind allesamt grau-grünlich verfärbt. Rauch steigt wie Nebel aus ihnen auf. Wir beobachten, wie sie in sich zusammenfallen und verfaulen, ehe ihre Stängel schwarz und hart werden.

»Da war ein Ding«, flüstert Lenna. »Ein graues Ding mit Flügeln. Es hat einen Trank über die Kürbisse vergossen und flog dann weg – durch die Mauer

»Ein graues Ding mit Flügeln?« Chug schnaubt und tritt nach einem der welken Kürbisse, der prompt umkippt und sein Innerstes auf den Boden ergießt. »Du meinst so was wie ein fieses Huhn?«

Lenna senkt den Blick. »Das war kein Huhn.«

»Vielleicht eine neue Vogelart. Und vielleicht sah dieser Trank nur wie einer aus, aber, ähm … war gar keiner?« Selbst dem kreativen Tok fällt kein Grund ein, warum ein Vogel einen Trank haben sollte. Die sind nämlich superselten. Also Tränke, nicht Vögel.

Ich stemme die Hände in die Hüfte und starre an der Mauer hoch, die so weit emporragt, dass ich noch nie hinter sie geblickt habe. Niemand hat das. Die Mauer hat nämlich keine Türen und wird Tag und Nacht von Tausenden Fackeln beleuchtet. Wir wissen nicht, was dahinterliegt, aber eines ist klar: Die Mauer ist da, um uns zu beschützen, und was immer dahinter ist, ist gefährlich und Furcht einflößend.

Nicht einmal unsere Großeltern waren je draußen, geschweige denn unsere Eltern oder wir selbst. Seit der Gründung Cornucopias durch unsere Urururgroßeltern hat niemand einen Fuß hinter die Mauer gesetzt.

Bis heute hat mir allein der Anblick der Mauer ein Gefühl von Sicherheit gegeben. In der Stadt gibt es alles, was wir brauchen, und es geschieht nie irgendetwas Schlimmes. Klar bin ich neugierig, was jenseits des Walls ist, aber ich weiß, dass die Gründer ihn aus gutem Grund errichtet haben.

Und doch … Jetzt, wo ich versuche, mir vorzustellen, was Lenna gerade beschrieben hat, läuft mir ein eisiger Schauer den Rücken hinab.

Hat sie wirklich etwas gesehen? Und wenn ja, was war es?

Und wieso vergiftet es unsere Ernte?

2.

LENNA

Folgendes solltest du über mich wissen: Ich heiße Lenna, bin das jüngste und am wenigsten zuverlässige von zehn Kindern, bin flatterhaft, und meine Freunde sind die Einzigen, die mich wirklich wahrnehmen. Deshalb tut es auch so weh, wenn sie mich so ansehen wie jetzt – so als würde ich Märchen erzählen. Denn das mache ich keineswegs.

Okay, manchmal schon, aber nie mit Absicht. Manchmal ist es eben schwer, Tagträume und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Ich meine, wer weiß schon mit Sicherheit, was von beidem was ist? Außerdem sind Tagträume so viel interessanter. Aber diesmal weiß ich, was ich gesehen habe, und auch, dass es echt war. Und ich werde es so lange wiederholen, bis sie mir glauben.

»Es ist also durch die Mauer geflogen?«, hakt Mal mit gefurchten Brauen nach.

Ich nicke. »Ja, als wäre sie gar nicht da.«

»Und wie ist es reingekommen?«

»Weiß ich nicht. Ich habe eine Biene beobachtet. Aber dann hörte ich so ein komisches Geräusch … wie ein Horn. Und dann war es einfach da. Kleiner als eine Person, ganz grau und mit Flügeln. Und es … schwebte.«

Mal und Chug haben die Angewohnheit, sich nur mit Gesichtsausdrücken zu unterhalten, und so etwas kann ich nicht immer deuten, aber selbst ich sehe, dass sie ihre Zweifel haben. Tok kniet bereits neben einem verrottenden Kürbis und stopft sich ein Stück des welken Gemüses in die Tasche – wahrscheinlich, um es zu Hause genauer zu untersuchen. Candor beäugt die Szenerie mit angeekelter Miene. Ihr Maul steht offen, und sie sieht aus, als müsste sie sich gleich übergeben.

Ich bin da ganz bei ihr.

»Okay, und was machen wir jetzt?«, fragt Chug schließlich.

Mal sieht sich um. Wir sind umgeben von Hunderten, völlig normal aussehenden Kürbissen – bis auf die kleine eklige Ecke, an der ich etwas Unmögliches bezeugt habe.

»Dein Dad war sowieso schon sauer, und Lenna hat einen Ruf als …« Sie runzelt die Stirn. »Ich fürchte, niemand wird uns diese Erklärung abnehmen. Ich würde sagen, wir warten bis morgen und sehen, ob alles in Ordnung ist. Vielleicht geht ja nur eine komische Kürbisseuche um. Hier wollte er heute nicht ernten, oder?«

Chug läuft ein paar Reihen weiter, wo nur perfekte orangefarbene Würfel liegen und keine schwarzen Matschdinger. »Nein. Es dauert noch ein paar Wochen, bis die Stängel voll ausgewachsen und bereit sind. Ähm, bereit waren. Bereit gewesen wären? Ich kenne mich nicht so gut mit Kürbisgrammatik aus.«

»Also, dann lasst uns abwarten. Ich meine, habt ihr je von so etwas gehört? Ist es vielleicht eine bekannte Kürbisseuche?«

»Verflüssigung? Auf keinen Fall«, erwidert Tok bestimmt und mustert seine Probe.

»Vor allem habe ich noch nie gehört, dass es so schnell geht. Vielleicht gab es ja auch gar kein …« Chug wirft mir einen schuldbewussten Blick zu.

Ich kenne diesen Blick nur allzu gut, aber wenigstens ziehen meine Freunde nur Grimassen. Meine Eltern und Geschwister sind da eine ganz andere Hausnummer. Sie haben sich allerhand unschöne Spitznamen für mich ausgedacht, wie zum Beispiel Klapsen-Lenna, Prinzessin der Übertreibungen und den allerschlimmsten: Lügnerin.

»Vielleicht kam die Veränderung gar nicht so plötzlich, und wir haben vorher nur nichts bemerkt«, beendet Tok den Gedanken seines Bruders. »Es gibt mehrere Seuchen, die von Krabbelviechern verursacht werden oder von Kreaturen, die unterirdisch leben.« Er sieht sich zum Haus und der Scheune um. »Aber ich will meinem Dad heute lieber keine schlechten Nachrichten mehr überbringen – vor allem nicht solche, für die ich keine angemessene Erklärung habe.«

»Lenna, was denkst du?«, fragt Mal, und alle Blicke richten sich auf mich – nicht gerade mein Lieblingsgefühl.

Ich sehe an der Mauer hoch, lasse den Blick über die ruinierten Kürbisse schweifen, aus denen immer noch ein eigenartiger lilafarbener Rauch aufsteigt, und dann zu dem Ort, wo ich stand, als das Ding auftauchte. Ich entdecke eine interessante Biene, aber meine Freunde warten auf Antwort.

Okay, also, was denke ich?

Ich fürchte mich.

Und ich habe keine Ahnung, warum.

Vielleicht, weil ich diesmal genau weiß, was ich gesehen habe, und mir trotzdem niemand glaubt.

»Bis morgen abwarten«, stimme ich zu. Dann gehe ich zu einer Reihe intakter Kürbisse und attackiere einen grünen Setzling, der hier nichts zu suchen hat. Meine Wangen glühen, aber wenn ich mich auf den Setzling konzentriere, merken die anderen vielleicht nicht, dass ich kurz davorstehe, in Tränen auszubrechen, obwohl ich es nicht will.

Mal tätschelt mir den Rücken, was nett von ihr ist. »Keine Sorge. Wir finden schon heraus, was da los ist. Das tun wir doch immer, oder?«

Ich nicke. Normale Leute finden ständig irgendetwas heraus, aber ich bin immer nur voller Fragen. Wieso fliegen manche Bienen kopfüber? Wieso haben manche Schafe Wolle, die die Farbe wechselt? Wieso höre ich nachts manchmal so ein komisches Stöhnen unter den Dielen meines Zimmers? Wer hat beschlossen, Kekse »Kekse« zu nennen?

Ich finde, »Kekse« ist ein komisches Wort. Besonders, wenn du es zehnmal hintereinander flüsterst.

Wir widmen uns wieder dem Unkraut, und ich versuche, mich nicht ablenken zu lassen. Ich bleibe in der Nähe meiner Freunde – wir alle bleiben zusammen, also glauben sie mir vielleicht ja doch ein kleines bisschen. Wir lachen und bewerfen uns mit Erde und Kürbissen und verputzen gemeinsam einen Kürbiskuchen, den Chug mitgebracht hat – seine Mutter backt wirklich die besten. Im Nachhinein betrachtet, hätten wir den Kuchen lieber essen sollen, bevor wir uns mit Dreck beworfen haben, aber ein bisschen Sand ist bestimmt gut für die Zähne.

Lange vor dem Abendbrot sind wir fertig und beschließen zu spielen. Wir werfen uns gegenseitig einen schief gewachsenen Kürbis zu und stöbern in der alten Scheune nach Dingen, die Tok reparieren könnte. Es könnte ein wunderbar unbeschwerter Nachmittag sein, wenn ich nicht als Einzige von uns immer noch Angst hätte und wir nicht so tun würden, als wäre alles in bester Ordnung.

Kurz vor Sonnenuntergang verabschieden wir uns von den Jungs und gehen nach Hause. Wir sind beide voller Dreck und Kürbiskerne, als wir an dem Bruchsteinweg ankommen, der zur Mine meiner Eltern führt.

»Bis morgen«, sagt Mal.

»Jepp.«

Sie tritt näher. »Alles okay? Was vorhin passiert ist, war ziemlich schräg, aber ich bin mir sicher, alles wird gut.«

»Woher willst du das wissen?«

»Weil bisher immer alles gut ausgegangen ist. Oder etwa nicht?«

Ihre Logik hat klaffende Lücken. Ich meine, es mag ja sein, dass für uns alles okay ist, aber die Bedeutung von »okay« ist für jeden anders. Und das zählt nicht einmal bei Leuten, für die keineswegs alles okay ist, wie zum Beispiel Benn, der sich letzte Woche in der Mine verletzt hat und auf einer Trage nach draußen transportiert werden musste, weil er Verbrennungen hatte und etwas, das wie Bisse aussah. Mein Dad sagt, er ist von der Leiter gefallen, aber ich bin mir ziemlich sicher, die hinterlassen keine Zahnabdrücke.

»Okay«, sage ich, weil ich Leuten manchmal einfach zustimme, nur, um mit ihnen klarzukommen.

»Okay.« Mal zupft mir ein Stück Kürbis aus den Haaren und grinst, ehe sie sich mit einem Winken abwendet und in Richtung des Hofs ihrer Eltern davonschlendert.

Mein Herz wird schwer, als ich auf unser Haus zugehe. Es ist ein großes, schönes Haus aus seltenen Steinsorten, die zwischen den großen Glasfenstern hübsche Muster ergeben. Überall flackern Fackeln, so wie in ganz Cornucopia. Der Hof ist eigenartig still, woran ich erkenne, dass ich spät dran bin. Meine Eltern und alle neun Geschwister sitzen am langen Esstisch, und alle drehen sich zu mir um, als ich versuche, mich hineinzuschleichen.

»Was ist denn mit dir passiert?«, fragt meine Mutter.

»Na ja, ich habe dieses komische Ding gesehen …«

»Sie meint, warum bist du voller Erde und Kürbisstückchen?«, unterbricht mich Dad.

Ich sehe an mir herab.

Ups.

»Ich gehe mich waschen«, sage ich, denn ich weiß, eigentlich wollen sie, dass ich etwas tue, und keine Erklärung. Sie hassen Erklärungen. Sie nennen sie »Ausreden«. Zwischen den Worten besteht ein großer Unterschied, aber wenn ich ihnen das erkläre, bekomme ich nur noch mehr Ärger.

Ich eile ins Bad, wasche mir den Dreck ab und entferne Blätter, Zweige und Gemüsestücke aus meinen dichten, bauschigen Haaren. Danach sehe ich präsentabler aus und setze mich an den Tisch, wo wir nach Alter platziert sind, denn meine Eltern gehen am liebsten präzise und logisch vor. Genau genommen, bin ich die Einzige in der Familie, die nicht so ist. Aber da ich ohnehin immer die Letzte bin, weiß ich, welcher Stuhl meiner ist – nämlich der einzige leere.

Meine älteste Schwester Letti ist eine tolle Köchin, aber es fällt mir schwer, das Essen zu genießen. Meine Eltern wollen immer, dass wir nacheinander von unserem Tag erzählen – was wir gelernt haben und wofür wir dankbar sind. Den meisten meiner Geschwister fällt diese Zeremonie leicht – »Ich habe Erz und Steine sortiert«, »Ich habe ein neues Erz (oder Gestein) kennengelernt«, »Ich bin dankbar für Erz und Steine« – weil sie alle in der Mine arbeiten, entweder körperlich oder im Büro. Aber immer, wenn ich an der Reihe bin, fühle ich mich ertappt.

Sage ich die Wahrheit, denken sie, dass ich lüge.

Aber lüge ich … Na ja, dann lüge ich eben, und das mag ich überhaupt nicht.

»Und du, Lenna?«, fragt Mom, nachdem alle anderen wieder einmal versichert haben, wie sehr sie Erze und Gestein lieben.

Alle elf sehen mich an, und es ist, als würde mein Hirn wegfließen. »Ähm.«

»Erzähle uns etwas, das du heute gemacht hast.«

Nun, wenigstens das kann ich beantworten. »Ich habe Chug und Tok beim Unkrautjäten geholfen, nachdem Tok eine Hacke zerbrochen hat und sein Dad gescherzt hat, er würde ihm seine Knochen brechen.«

Elf Gesichter sehen mich finster an, und ich erkenne, dass ich den Teil mit den Knochen hätte weglassen sollen.

»Das klingt nach einer Übertreibung«, meint Dad.

»War es wohl auch. Er hat ihnen gesagt, sie sollen nichts kaputt machen … und dann hat Chug den Scherz mit den Knochen gemacht«, stimme ich eilig zu. Ich komme immer durcheinander, wenn mich alle so zweifelnd anstarren. Deshalb – und damit ich mir nicht noch eine sanfte Zurechtweisung über das Erfinden von Geschichten anhören muss – fahre ich eilig fort, damit sie weiter über Erze schwärmen können. »Ich bin dankbar für Bienen. Und gelernt habe ich, dass wenn fliegende graue Dinger lilafarbene Tränke über Kürbissen auskippen, die Kürbisse sofort verrotten und nach alten Fischen riechen.«

Einen Moment herrscht stille Ungläubigkeit am Tisch, dann fangen alle an zu lachen.

»Oh, Lenna. Das ist zum Schieflachen«, meint Letti.

»Es ist wirklich witzig, wie dein Verstand tickt«, fügt Dad hinzu.

»Aber ich wollte, dass du uns etwas sagst, das du wirklich gelernt hast.« Das kam wieder von Mom, die sanft, aber mit bestimmtem Ton klarstellt, dass sie keine Widerrede duldet.

Mein Kopf fällt nach vorn, plötzlich schwer wie ein Kürbis. »Ich schätze, ich habe gelernt, dass … Na ja, Tok hat diese alte Kiste in der Scheune gefunden, und wenn man sie auf einen Kürbis stellt, spielt sie ein komisches musikalisches Pupsgeräusch ab. Also haben wir alle möglichen Dinge auf und unter der Kiste platziert, um lustige Geräusche zu erzeugen, zum Beispiel Stroh und Ton und …«

Meine Eltern wechseln einen finsteren Blick, und all meine Geschwister sehen entweder peinlich berührt oder verdattert aus.

»Ihr Kinder solltet nicht mit irgendwelchen Gerätschaften herumspielen, die ihr nicht kennt. Überall lauern Gefahren, von denen ihr nichts ahnt«, tadelt meine Mutter.

»Es war doch nur eine alte komische Kiste, die Geräusche macht …«, versuche ich, mich zu rechtfertigen.

»Lenna, genug jetzt. Spiel nicht mit Dingen, die du nicht identifizieren kannst. Am besten wäre es, du gehst gar nicht mehr in diese Scheune«, sagt Dad, ehe er meiner Mutter mit einer Geste zu verstehen gibt, sie solle ihm in die Küche folgen. Als sie weg sind, starren mich meine Geschwister an.

»Immer ruinierst du das Abendessen«, stöhnt mein Bruder Lugh.

»Wieso kannst du nicht einfach normal sein?«, fügt seine Zwillingsschwester Lia im selben Tonfall hinzu.

Obwohl sie nur ein Jahr älter sind als ich und ihre Zeit damit verbringen, Gesteinsstaub aufzufegen, halten sie sich für total überlegen.

Einen Moment lang flammt Zorn in meiner Brust auf, meine Fäuste ballen sich wie von selbst, und ich bin kurz davor, ihnen zu sagen, wo sie sich ihr »normal« hinstecken können. Aber dann höre ich meine anderen Geschwister kichern, und Letti murmelt Lars zu: »Irgendjemand muss eben immer das Baby in der Familie sein, richtig?« Meine Wut verraucht, und ich sacke zusammen wie einer der verrottenden Kürbisse.

Nichts, was ich jetzt noch sage, wird sie davon überzeugen, dass ich wirklich gesehen habe, was ich behaupte, gesehen zu haben. Dass ich das nicht tue, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich bin eben einfach so. Wenn sie Granit sind, bin ich dieser komische lilafarbene Kristall, den sie unter einem Stück Stoff ganz hinten im Lagerhaus aufbewahren, weil niemand weiß, was er ist, und sie sein Pulsieren unheimlich finden.

Ich sage nichts mehr. Meine Eltern kommen mit dem Nachtisch zurück, und wir essen in unangenehmem Schweigen zu Ende. Als ich an dem Abend im Bett liege, höre ich Letti und Luci über mich flüstern. Sie sagen, unsere Eltern sollten mir endlich eine Aufgabe auftragen, damit ich zu Hause bleibe, anstatt mit meinen Freunden um die Häuser zu ziehen.

»Jeder in der Stadt nennt sie schwarze Schafe«, zischt Luci. »So peinlich.«

Ich will ihnen sagen, dass meine Freunde keineswegs schwarze Schafe sind, sondern freundlicher, mutiger und großzügiger als mein eigen Fleisch und Blut. Und ich bin auch nicht übel. Aber sie würden wie üblich nur Nörgelei hören. Ich drehe ihnen den Rücken zu und ziehe mir die Decke über den Kopf.

Gleich auf der anderen Seite der Schlafzimmerwand steht die hohe Stadtmauer zwischen mir und … was immer da draußen ist. Neben dem grauen Dingsbums, das ich heute gesehen habe und das offenbar geradewegs durch Mauern fliegen kann. Ich rücke ein wenig vom kalten Stein ab. Was, wenn es auch durch diese Wand kommt? Was, wenn es einen lilafarbenen Trank über mir ausgießt und ich wie ein verrottender Kürbis zusammenschrumpfe und meine Eingeweide grün und schwarz und flüssig werden und anfangen, nach altem Fisch zu riechen?

Lange nachdem Letti und Luci eingeschlafen sind, liege ich immer noch wach, starre die Wand an und stelle mir all die schrecklichen Dinge da draußen vor, die jeden Moment hereinkommen könnten. Ich steige aus dem Bett und zwänge mich samt Kissen und Decke darunter. Es ist kalt und finster, aber hier unten fühlt es sich trotzdem gemütlicher an. Ich mag ja nicht viel mit meiner Familie gemeinsam haben, aber auch mir gefällt das Gefühl, in einer Höhle zu sein.

Am nächsten Morgen erwache ich vor allen anderen und mache mein Bett, so als hätte ich wie eine normale Person auf der Matratze geschlafen und nicht darunter. Ich laufe gerade zu Mals Hof und verspeise mein Brot unterwegs, damit ich mir beim Frühstück nicht noch mehr Spötteleien meiner Geschwister anhören muss, als mir etwas Ungewöhnliches auffällt.

Draußen sind Leute, die sich unterhalten – und zwar viel mehr als sonst. Stu steht vor seinem Geschäft, Jami hat mitsamt seiner kläglich blökenden Herde haltgemacht, und Inka hält einen schwarzen Ball in der Hand, der beunruhigend vertraut riecht.

»Ich kann es mir nicht erklären«, jammert sie, den Tränen nahe. »Das ganze Ostfeld voller Melonen … vernichtet.«

Das höre ich noch mindestens ein Dutzend Mal, und ich lege einen Zahn zu, um meine Freunde zu treffen.

Alle Felder sind verrottet, genau wie die Kürbisse.

3.

CHUG

Okay, Folgendes solltest du über mich wissen: Leg dich nicht mit mir an, leg dich nicht mit meinem Bruder Tok an, und leg dich nicht mit meinen Freunden an, sonst kriegst du es mit mir zu tun. Ich schlage nicht sofort um mich, aber wenn Worte nichts bringen, lasse ich auch mal die Fäuste sprechen.

Leider liegt das, was die Felder meiner Familie zerstört hat, jenseits von Worten und Fäusten. Ob es nun wirklich Lennas komisches Flugdings war oder irgendeine Furcht einflößende neue Pflanzenseuche, ändert nichts daran, dass ein Viertel unserer Felder völlig verwüstet wurde. Die Kürbisse sind grünlich schwarz, rauchen still vor sich hin, und ihre Stängel sind grau und vertrocknet. Ich hatte nie besonders viel für Kürbisse übrig – sie sind einfach nicht so liebenswert wie Mals Kühe –, aber es tut weh, so viel Zerstörung zu sehen. Und auf die welken Kürbisse einzutreten, um meine Wut an ihnen auszulassen, hilft auch nicht. Das führt nur dazu, dass meine Stiefel nach verrottetem Fisch stinken.

Als ich heute früh aufwachte, hatte ich einen gemütlichen Moment im Bett, in dem sich alles normal anfühlte. Ich dachte mir, Tok und ich würden unsere Aufgaben erledigen, uns mit Mal und Lenna treffen und vielleicht versuchen, auf Kühen zu reiten oder Toks neueste Erfindung ausprobieren. Die soll Kürbisse eigentlich nach oben schleudern, aber feuert sie immer nur mit vollem Karacho Richtung Boden. Ich schwöre, er hat so tolle Ideen, aber irgendwie hapert’s immer an der Umsetzung.

Also sind wir nach draußen, um unsere Hacken zu holen, und keiner von uns erwähnte, dass irgendetwas schiefgehen könnte, denn wieso auch? Entweder läuft es gut oder schlecht – es ändert nichts, wenn ich mir den Kopf zerbreche, was sein könnte.

Zuerst dachte ich, alles wäre in Ordnung, aber dann hörten wir ein Weinen und folgten dem Geräusch, bis wir bei Mom und Dad auf dem Feld ankamen. Von hier aus kann man das ganze Gehöft überblicken. Alles ist schön grün und orange … bis auf das Südfeld. Das ist einfach nur eklig. In sich zusammengefallene Kürbisse, zischende Stängel, eigenartiger, lilafarbener Rauch und dieser widerliche Gestank, der mich an den Dünger erinnert, den wir immer aus der Lachszucht bekommen.

»Was habt ihr zwei angestellt?«, fragt Dad, das Gesicht rot vor Zorn, während er unsere schluchzende Mutter im Arm hält.

»Wir haben Unkraut gejätet, wie du befohlen hast«, beeile ich mich zu sagen. »Dir wird auffallen, dass kein Unkraut mehr zu sehen ist.«

»Das Feld ist völlig hinüber!«, schimpft er laut. Vorher wollte ich immer wegrennen, wenn er seine Stimme erhoben hat, aber heute macht es mich nur wütend.

»Das waren wir nicht! Wie auch? Ich habe doch über Nacht keine magischen Kräfte entwickelt!«

Dad mustert Tok, der uns beide ignoriert und stattdessen neben Candor kniet, um ein halb welkes Stück Kürbis zu inspizieren. »Tok, hast du versucht, Tränke zu brauen? Hast du mit Dingen herumgespielt, die du besser hättest in Ruhe lassen sollen?«

»Ähm, ich …«, stottert Tok.

Er ist kein guter Lügner, aber manchmal ist er nicht einmal gut darin, die Wahrheit zu sagen. Es ist, als wäre sein Verstand auf einer anderen Ebene und als würde es ihn jedes Mal eine Menge Energie kosten, zu uns anderen auf die Erde zurückzukehren.

Lennas Kopf mag ja oft in den Wolken stecken, aber Toks steuert schon auf den Mond zu, noch ehe er die ganze Reise geplant hat.

Also antworte ich an seiner Stelle.

»Tränke? Ist das dein Ernst? Wie würden wir das denn anstellen? Was kommt überhaupt in einen Trank? Das weiß niemand! Es ist verboten.«

Tok steht auf, sein Gesichtsausdruck verletzt und ernst. »Wenn ich wüsste, wie man Tränke braut, könnte ich das vielleicht wieder in Ordnung bringen. Vielleicht handelt es sich um ein Problem mit den Wurzeln. Wir könnten die Mauern bis tief in den Boden erweitern, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern und die restlichen Pflanzen zu r…«

»Das reicht!«, bellt Dad. »Ich gehe in die Stadt und finde heraus, was wir tun können. Wir bauen hier schon Kürbisse an, seit eure Urururgroßeltern dieses Land in Besitz nahmen und die ersten Kerne auf genau diesem Feld aussäten. Ich werde es nicht zulassen, dass mein ganzes Lebenswerk irgendeiner … einem …« Wütend starrt er Tok an. »Einem Jungen zum Opfer fällt, der mit gefährlichen Substanzen experimentiert!«

»Tok war das nicht!«, brülle ich zurück. »Er war den ganzen Tag bei mir. Lenna hat etwas gesehen, das einen Trank über die Kürbisse ausgekippt hat. Wir dachten erst, dass sie sich das eingebildet hat, aber jetzt wissen wir, dass sie recht hatte! Sie hat gesagt, es war grau und hatte Flügel …«

Dad hält eine Hand hoch. »Irre Geschichten ändern nichts an den Tatsachen. Was du gerade beschrieben hast, ist unmöglich, weil es nicht existiert. Aber das hier ist die Realität. Es geht um unseren Hof und die Stadt. Wenn wir die Leute nicht mit Kürbissen versorgen … wenn wir nicht unseren Teil beitragen, wird es nicht genug Nahrung geben, um die anderen Familien und ihr Vieh satt zu kriegen. Sie verlassen sich auf uns. Wir müssen das in Ordnung bringen, sonst …« Er blickt in die Ferne zur Mauer.

»Sonst?«, hakt Tok nach.

Mom hat aufgehört zu weinen und legt Tok sanft die Hand auf die Schulter. »Überlass das den Erwachsenen. Lauf zum Nordfeld und …«

»Nein! Haltet euch heute von den Feldern fern«, unterbricht sie Dad. »Geht spielen. Aber macht keinen Ärger.«

Er wirft mir diesen gewissen Blick zu, den ich hasse. Den Blick, der mich daran erinnern soll, dass »keinen Ärger machen« bedeutet, ich soll Jarro keinen Dreck fressen lassen, wenn er mal wieder Tok ärgert. Meine Eltern verstehen einfach nicht, dass es manchmal besser ist, solchen Fieslingen ihre eigenen Methoden aufzuzwingen, als sie gewinnen zu lassen. Sie sind ja nie dabei, wenn Jarro und seine Kumpane mit Tok fertig sind, aber ich schon und … Na ja, wie gesagt, leg dich nicht mit meinem Bruder an.

»Komm, Tok, gehen wir.« Ich zupfe an seinem Oberteil, um ihn von der Untersuchung des ehemaligen Kürbisses fortzuziehen, und er folgt mir widerwillig, mit Candor auf der Schulter.

Wir gehen Richtung Stadtzentrum, weil man von dort aus am schnellsten zu allen Häusern gelangt. Als unsere Urururgroßeltern Cornucopia gemeinsam mit sechs Freunden gründeten, hatten sie einen genauen Plan, damit genug Platz für Höfe ist, die jeden Bedarf decken würden – Kürbisse, Melonen, Weizen, Kühe, Schafe, Hühner, Lachse, rote Bete – die ich übrigens hasse. Die Felder dehnen sich um uns herum aus wie die Speichen an einem Rad. Das ist ziemlich praktisch, wenn ich mit meinen Freunden abhängen will, weil wir uns einfach alle im Zentrum treffen können.

Kaum sind wir angekommen, bemerken wir, dass irgendetwas nicht stimmt. Unser Nachbar Fredd befördert eine Schubkarre mit einem undefinierbaren schwarzen Zeug, das früher möglicherweise einmal Weizen war, von seinem Feld. Neben ihm läuft Krog, zum Glück ohne Schubkarre mit roter Bete, die übrigens in jedem Fall eklig ist, ob nun im normalen Zustand oder als schwarze Pampe.

»Ich war gerade dabei, eine Abhandlung über die Suche des Menschen nach Sinn zu verfassen, als ich einen fürchterlichen Gestank vernahm!«, jammert Krog und wedelt dramatisch mit den Armen. Er liebt es, im Mittelpunkt zu stehen, nur hört ihm meistens niemand zu. Der arme Fredd hat allerdings momentan keine andere Wahl, denn Krog versperrt ihm den Weg.

Letzteren kümmert das anscheinend wenig, denn er ist noch nicht fertig. »Ich riss die Tür auf und wurde eines gar schrecklichen Anblicks gewahr: Meine schöne rote Bete, reduziert auf einen Haufen ekelhafter Fäulnis!«

»Ich weiß«, meint Fredd trocken und zeigt auf seine Schubkarre. »Offensichtlich.«

Für einen kurzen Moment ist Krog sprachlos, und wir nutzen die Gunst der Stunde, um die beiden zu überholen. Fredd nickt uns zu, während Krog es vorzieht, uns vernichtende Blicke zuzuwerfen. Er kann uns nicht mehr besonders leiden, seit wir beim Versuch, eine Megafackel zu bauen, versehentlich eines seiner Felder in Brand gesetzt haben. (Ich gebe zu, wir haben es getan, um so viele rote Beten wie möglich zu vernichten, aber unsere menschenfreundliche Mission hat ihn nicht beeindruckt.) Ehe Krog noch irgendetwas Vielsilbiges und Gemeines von sich geben kann, wechseln Tok und ich einen Blick und legen einen Zahn zu. Candor springt von seiner Schulter und rennt neben uns her.

»Schwarze Schafe«, brummelt Krog vor sich hin. »Taugenichtse! Halunken!«

»Es sind doch nur Kinder«, beschwichtigt Fredd und klingt dabei unsäglich gelangweilt.

Wir laufen weiter und hören klägliches Muhen von Mals Hof. Ich kann Tok förmlich denken hören.

»Ihr Futter«, murmelt er. »Wenn die Fäule die Pflanzen zerstört, haben die Kühe nichts mehr zu fressen. Genau wie die Schafe und Hühner …«

Darüber habe ich noch nie nachgedacht … Was, wenn man hinter einer hohen Steinmauer ohne Türen wohnt und plötzlich das Essen ausgeht?

Ich lege einen Zahn zu. Tok holt mich ein, und dann rennen wir. Nicht die Art von Rennen, die man unbedingt gewinnen will, um dem Verlierer seine Niederlage danach tagelang aufs Brot zu schmieren. Nein, bei diesem Rennen grinsen wir beide, genießen das Gefühl des Winds und der Sonne auf der Haut und wie schön es ist, jemanden zu haben, mit dem man rennen kann. Für einen kurzen Moment vergesse ich die Fäule und ihre vielleicht verheerenden Folgen.

Wir sind gleichauf, als wir im Zentrum ankommen und Passanten ausweichen. Fast renne ich ein verängstigtes Schaf über den Haufen, was Tok die Gelegenheit gibt, in Führung zu gehen. Und dann liegt er plötzlich flach auf dem blanken Bruchstein. Jarro steht über ihm, den fleischigen Arm, mit dem er ihn umgeworfen hat, immer noch ausgestreckt.

Sofort knie ich neben meinem Bruder. »Tok, ist alles okay?«

Der kann nur keuchen – kein Wunder, Jarros Hieb hat ihm bestimmt auf einen Schlag die ganze Luft aus der Lunge gedrückt. Aber er setzt sich trotzdem auf und nickt tapfer. Candor miaut besorgt und reibt sich an ihm. Ich springe auf die Füße.

»Na so was, du bist es, Jarro. Und ich dachte, er wäre mit einem Kuhhintern zusammengestoßen.«

Der Junge ist gut dreißig Zentimeter größer als ich und wird von Remy und Edd flankiert. Alle drei grinsen auf eine Art, wie es nur Fieslinge tun. Sie glauben, sie hätten gewonnen, und halten sich für die wahren Helden der Geschichte.

Tja, ich werde sie jetzt eines Besseren belehren.

»Selber Kuh…«, setzt Jarro an zu erwidern, als ich ihm einen Hieb in die Magengrube versetze, der ihn umwirft.

»Tut mir leid, ich habe dich nicht gehört«, sage ich. »Wie war das?«

Seine Kumpane kesseln mich ein, und ich stehe kurz davor, ordentlich Prügel auszuteilen, als ein Schatten über uns fällt. Er gehört dem Ältesten Stu, dem Besitzer des Gemischtwarenladens und dem ältesten Mitglied unseres Ältestenrats. Mit einem Mal sind wir wie gelähmt. Stu ist ein steinharter alter Kerl, und für Albernheiten hat er rein gar nichts übrig.

»Weswegen um alles in der Welt prügelt ihr jungen Tunichtgute euch? Schluss damit, auf der Stelle.«

»Er hat mich geschlagen, Sir«, jammert Jarro laut.

»Ja, nachdem er meinen Bruder umgehauen hat, Sir«, stelle ich noch lauter klar.

Stu hält Tok die Hand hin und hilft ihm beim Aufstehen. Jeder in der Stadt mit Augen im Kopf – und zwar wirklich jeder, denn alle Einwohner von Cornucopia sind furchtbar neugierig – weiß, dass es Jarro schon seit dem Kleinkindalter auf Tok abgesehen hat. Aber niemand unternimmt je etwas dagegen – wahrscheinlich, weil Jarros Mutter die einzigen Süßbeerensträucher der Stadt besitzt und niemand sie verärgern will.

»Alles okay, Junge?«

»Ja, Sir«, flüstert Tok, weil er immer noch versucht, normal zu atmen.

»Dann lauf, und nimm dein Kätzchen mit. Die ganze Stadt ist in Aufruhr, die Pflanzen sterben, und ihr habt nichts Besseres zu tun, als euch zu schlagen. Um zwölf Uhr findet ein Treffen statt, und wir können nicht noch mehr Probleme gebrauchen. Macht schon, lauft.« Er wedelt mit den Händen, um uns zu verscheuchen.

»Chug! Tok!«

Ich drehe mich um und erblicke Mal und Lenna, die auf uns zueilen.

»Oh, sieh nur, deine kleine Freund-«, will Jarro sagen, doch ich unterbreche ihn erneut, indem ich ihm wie beiläufig den Ellbogen in die Seite ramme. Mal ist meine beste Freundin, nicht meine feste Freundin, und es ist mir egal, was der Alte Stu sagt – Jarro ist hier das Problem, nicht wir.

Tok und ich gesellen uns auf der anderen Seite des Springbrunnens zu Mal und Lenna, während Jarro noch damit beschäftigt ist, zu Atem zu kommen.

»Sieht aus, als hätten wir jetzt ein echtes Problem«, sagt Mal anstatt unserer üblichen Begrüßung.

»Unser ganzes Südfeld ist hinüber«, erkläre ich. »Genauso wie Fredds Weizen.«

»Und Inkas Melonen, Sayas Karotten und Rhys’ Kartoffeln. Die gesamte Ernte. Wir haben eine ganze Koppel verloren«, ergänzt Mal.

»Die Kühe sind schrecklich traurig«, meint Lenna.

»Habt ihr euren Eltern gesagt, was Lenna gesehen hat?«, will Mal wissen.

Lenna senkt den Blick. »Meine Eltern glauben mir nicht. Sie haben mich alle ausgelacht.«

»Dad hat Tok die Schuld gegeben«, sage ich. »Er denkt doch tatsächlich, er mischt heimlich Tränke zusammen. Ich meine, wie soll das überhaupt gehen? Niemand außer dem Ältesten Gabe weiß, wie man Tränke macht!« Ich bin immer noch wütend wegen Jarro und fühle mich, als würden mir die Ohren rauchen. »Und du, Mal?«

»Ich habe meine Mom gefragt, ob sie schon mal von einer Kreatur mit grauen Schwingen gehört hat, und da hat sie sich an ein Wiegenlied erinnert, das ihr ihre Großmutter immer vorgesungen hat, als sie klein war. Sicher war sie sich aber nicht. Sie hat mir ein Stück daraus vorgesungen. Der Plagegeist, ganz grau mit Schwingen, kommt nachts daher, um Bös’ zu bringen. An mehr konnte sie sich nicht erinnern. Und sie hatte keine Ahnung, was die Pflanzenseuche sein könnte.« Mal stemmt die Hände in die Hüften, wie sie es immer tut, wenn sie scharf nachdenkt. Dann dreht sie sich um und mustert unseren Wald. Die Bäume stehen in ordentlichen Reihen nebeneinander, und ich weiß jetzt schon, was sie sagen wird.

»Meint ihr, sie weiß irgendetwas?«, frage ich.

»Möglich wäre es. Was haben wir schon zu verlieren?«

Tok sieht uns überfragt an. »Von wem redet ihr?«

»Mals Ururgroßmutter. Sie wohnt am anderen Ende des Walds.«

Sowohl Tok als auch Lenna sind überrascht.

»Moment mal«, beschwert sich Tok. Er kann es gar nicht leiden, irgendetwas als Letzter zu erfahren. »Mals Ururgroßmutter lebt noch?«

Mals Blick wird abwesend. »Oma ist die älteste Einwohnerin von Cornucopia. Sie hat sich von Dad und meinem Onkel ein kleines Haus am Ende des Waldes bauen lassen, damit sie ihre letzten Tage allein in der Wildnis verbringen kann. So wie sie angefangen hat. Die Innenstadt war ihr zu voll.«

»Und dein Vater hat ihren Wunsch respektiert?« Ich verstehe, warum Lennas Stimme neidisch klingt. So ein Leben ganz allein und ungestört in völliger Ruhe wäre genau ihr Ding.

Mal nickt. »Er hatte keine große Wahl. Sie ist eine wahre Naturgewalt.«

»Okay, wollen wir …?«, will ich sagen, aber halte inne, als ich Schreie höre.

Wir tauschen besorgte Blicke und folgen Mal zum Marktplatz, wo sich die Erwachsenen versammelt haben. Ich sage »Erwachsene«, aber eigentlich sind alle hier, die über achtzehn sind. Überall stehen Schubkarren mit schwarzem Brei herum, und der Gestank ist mörderisch. Wir verbergen uns hinter der Statue der acht Gründer und lauschen.

»Wir dürfen nicht bis Mittag mit dem Treffen warten«, lamentiert Rhys. »Wir sollten es jetzt gleich abhalten.«

»Die Schafe werden verhungern!«, fügt Jami hinzu.

»Wir haben keine Wahl! Wir müssen hier weg!«, ergänzt Krog.

Der Älteste Stu klettert auf die steinerne Bühne, die sonst für Reden, Erntefeste und Tauschbörsen verwendet wird, und der Geräuschpegel senkt sich ein wenig. »Also gut«, knurrt er. »Ich wollte das Frühstück sowieso ausfallen lassen. Gibt es irgendeinen Hof, der nicht betroffen ist – jemand, der Nahrung oder Tierfutter anbaut?«

Die Menge antwortet mit einem lauten »NEIN«.

»Hat irgendjemand etwas Verdächtiges gesehen?«

Verschiedene Stimmen rufen alle möglichen Namen durcheinander – darunter anstrengende Nachbarn und zu meiner Überraschung auch unsere.

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