×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Montana Hope - Flüstern der Sehnsucht«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Montana Hope - Flüstern der Sehnsucht« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Montana Hope - Flüstern der Sehnsucht

Als Buch hier erhältlich:

hier erhältlich:

Drei beste Freunde, so stark, ehrenhaft und unabhängig wie Montana, das Land, das sie lieben


Seit ihrer Jugend wollte Shallie nur einen Mann: Cord Hollister. Aber dann musste sie eines Tages Hals über Kopf die kleine Stadt Painted Pony Creek in Montana verlassen. Niemandem hat sie damals erzählt, warum und wohin sie ging. Nur aus einem Grund kehrt sie jetzt in die Stadt zurück: Cord ist Pferdeflüsterer, und sie braucht seine Hilfe. Schnell muss sie sich allerdings eingestehen, dass schon sein Anblick ihr Herz höher schlagen lässt und dass ihre Gefühle stärker sind als je zuvor. Doch kann er das Gleiche für sie empfinden?

  • Erscheinungstag: 23.03.2021
  • Aus der Serie: Painted Pony Creek
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745701173

Leseprobe

Liebe Leserinnen,

willkommen in Painted Pony Creek im Big Sky State Montana. Montana Hope – Flüstern der Sehnsucht ist der erste von drei Romanen, die in dieser Kleinstadt spielen.

Die Helden der drei Bücher sind die langjährigen Freunde Cord Hollister, Eli Garrett und J.P. McCall. Im Mittelpunkt der ersten Geschichte steht Cord Hollister, Besitzer einer Pferderanch und Pferdetrainer. Außer ihm lernt ihr auch Shallie Fletcher kennen, eine Frau aus seiner Vergangenheit, die wieder Teil seines Lebens wird.

Und ihr begegnet Eli, dem Sheriff des Ortes, sowie dem Veteranen J.P.; über diese beiden werdet ihr mehr in den folgenden beiden Büchern erfahren, und ihr werdet erleben, wie auch sie die Liebe finden.

In dieser Serie steckt alles, was mir wichtig ist – und vielen von euch Leserinnen auch, wie ihr mir mitgeteilt habt: ein starkes Gemeinschaftsgefühl, die Liebe für das Leben auf dem Land und in der Kleinstadt, vor allem aber die Bedeutung von Beziehungen – in der Familie und zu Freunden. Die Möglichkeit der Vergebung. Sinn für Humor, der uns über schwierige Zeiten hinweghelfen und gute Zeiten noch besser machen kann. Das Gleiche gilt für die Musik und wie sie unser Leben bereichert.

Ich kann mir mein Leben nicht ohne Hunde, Katzen, Pferde, Vögel vorstellen … Ich bin ein Tier-Mensch durch und durch, und ich kann mich glücklich schätzen, dass das auch auf die meisten Menschen, die ich kenne, zutrifft. (Gern höre ich mir eure Tiergeschichten an, liebe Leserinnen. Schreibt mir über meine Website oder an die unten stehende Adresse. Schickt auch Fotos, wenn ihr mögt.)

Letztlich zählt doch nur die Liebe, oder?

Ich bin froh, dass ich diese Überzeugung mit meinen Lektorinnen Paula Eykelhof und Michele Bidelspach und meiner Agentin Irene Goodman teile. Mein Dank gilt auch einer ganzen Reihe von Leuten bei Harlequin Books, einer Sparte von HarperCollins: Dianne Moggy, Margaret Marbury, Loriana Sacilotto und Susan Swinwood.

Dank an meine Familie – meine Tochter Wendy und meine Nichte Jenny sowie ihren Partnern, die alle in meinem privaten und beruflichen Leben eine wichtige Rolle spielen. Das gilt natürlich auch für den Rest meiner Familie. Und für meine langjährige Freundin und Tierliebhaberin Debbie Macomber.

Meine Dankbarkeit gilt meinen vielen treuen Leserinnen!

Linda Lael Miller

Ihr könnt mich über meine Website erreichen: www.lindalaelmiller.com und unter meiner Postadresse: PO Box 19461, Spokane, Washington 99219.

Prolog

Achtzehn Jahre zuvor …

Funken flogen von dem knisternden Lagerfeuer auf, in trägen, sich drehenden Spiralen; winzig kleine Sterne eines Miniaturuniversums, hoch hinauf über die laute Party am Kiesufer des Painted Pony Creek. Orangefarbene Leuchtspuren am Nachthimmel, für kurze glorreiche Momente, ehe sie unweigerlich zu Asche wurden. Langsam erdwärts trudelten, sekundenlang hell und dann verschwunden.

Shallie Fletcher seufzte. Mit ihren siebzehn Jahren neigte sie dazu, in nahezu allem eine kosmische Bedeutung zu sehen. Funken stiegen weiterhin auf und verschwanden, nur um durch neue ersetzt zu werden.

Sie selbst würde niemals leuchten oder gar aufsteigen.

Das war anderen Mädchen vorbehalten; Mädchen wie ihrer besten Freundin Reba Shannon.

Es schnürte ihr die Kehle zu, Reba dabei zu beobachten, wie sie sich regelrecht um Eli Garrett schlängelte, dort drüben im schwach flackernden Rand des Feuerscheins. Aber dieses Gefühl entsprang nicht der Eifersucht.

Oh nein. Was Shallie in dieser heißen Sommernacht fühlte, war Reue.

Und Schuld. Wegen dem, was Reba tat. Auch wenn Eli ebenfalls seinen Teil beitrug …

Er ganz allein war dafür verantwortlich, dass er sich zum Narren machte. Genau wie viele andere Jungen und nicht wenige der Mädchen hatte er zu viel Bier getrunken. Die Highschoolzeit war vorbei. Der Abschlussball war schon eine Woche her, aber die Partys schienen den ganzen Sommer weiterzugehen. Oder bis die ganze Klasse im Gefängnis landen würde, weil Alkohol unter 21 verboten war. Je nachdem.

Shallie war als Pflegekind bei ihrer Tante und ihrem Onkel aufgewachsen, die beide stets vom Vormittag an billigen Wodka gesoffen hatten, bis sie irgendwann nach den Elf-Uhr-Nachrichten eingeschlafen waren. Sie mied Alkohol, ohne eine große Sache daraus zu machen. Heute Abend aber, mit dem, was sie wusste und was alle hier wussten – bis auf Eli und seine beiden engsten Freunde John Patrick McCall, genannt J.P. und Cord Hollister –, war der Gedanke verlockend, eine ganze Flasche zu leeren, bis sie sich wie der berühmte Wurm am Boden einer Tequilaflasche ringelte.

Denn wäre sie betrunken, könnte sie für eine Weile vergessen, dass sie einfach dabeigestanden und nichts gesagt hatte. Nicht nur für einen Tag oder eine Woche, sondern monatelang, während Reba, die wunderschöne narzisstische Reba, ihr Spiel trieb. Während sie jeden davon überzeugte, dass sie ihn liebte, ihn allein.

Shallie war nicht die Einzige, die etwas hätte sagen können, hätte sagen müssen. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr, oder?

Sie kannte Eli, J.P. und Cord seit dem Kindergarten. Vom ersten Tag an hatte sie, das wilde Mädchen, zu ihrer Clique gehört, nachdem die drei aus irgendeinem Grund beschlossen hatten, sich mit dem leicht verlotterten Pflegekind aus dem heruntergekommenen Motel am Rande der Stadt anzufreunden.

In den ersten Jahren war sie mit den dreien überall herumgezogen – zum Angeln und Schwimmen im Fluss, zum Reiten oder zu Nachmittagsvorstellungen im Silver Buckle Kino, bevor es dichtgemacht hatte.

Sie hatte bei ihnen zu Hause zu Abend gegessen, in ihren ordentlichen, anständigen Wohnungen. Als sie ein Teenager geworden war, hatte sie die abgetragene Kleidung von J.P.s älteren Schwestern Clare und Josie bekommen, die ihr die Haare gebürstet und geflochten, und ihr nach und nach eine Million Dinge beigebracht hatten, die sie sonst hätte mühsam selbst herausfinden müssen.

Zum Beispiel, wie man am meisten aus einem Minimum an Make-up herausholte und welche Farben ihr am besten standen. Die Schwestern beharrten darauf, dass es gut war, klug zu sein, und dass dies wichtiger sei, als hübsch oder beliebt zu sein – obwohl das beides natürlich nicht schlecht war. Aber ein Mädchen sollte nie vergessen, dass Schönheit keine Bedeutung hatte, wenn es sich ständig herumstritt oder eine Lügnerin war. Beliebt zu sein machte ganz klar Spaß, da waren sich die sehr beliebten McCall-Schwestern einig, aber auf lange Sicht hatte man nichts davon.

Auch wenn es großartig war, Klassensprecherin, Ballkönigin oder Cheerleader zu sein, entwickelten sich manche Leute nach der Schule einfach nicht mehr weiter, meinten Clare und Josie.

Und wer wollte schon, dass die Highschool der Höhepunkt der Karriere war?

Shallie beobachtete ihre Freunde und dachte über ihre Zukunft und die ihrer Freunde nach. Rebas, Elis, J.P.s und Cords. Vor allem Cords …

Sollte sie jetzt etwas sagen?

Oder lieber nichts unternehmen?

1. Kapitel

Donnerstagabend, 6. Juni

In der Nacht, als Reba Shannons Geist sich in dem beengten Lagerraum hinter Sully’s Bar and Grill materialisierte, wo Cord Hollister und seine besten Freunde J.P. McCall und Eli Garrett wie jeden zweiten Donnerstag Studpoker spielten, stand der berühmte weite Himmel kurz davor, sich zu öffnen und es ordentlich regnen zu lassen.

Cord war wirklich kein ängstlicher Typ, aber er hatte schon den ganzen Tag ein merkwürdiges Gefühl gehabt. Als er am Morgen aufgewacht war, hatten sich ihm die Nacken- und Armhaare aufgestellt, und er hatte ein komisches Grummeln im Bauch gespürt.

Schon da hatte sich das Unwetter zusammengebraut, aber es war nicht das bevorstehende, die Gullys durchspülende Gewitter, das ihn beunruhigte. Heftige Gewitter war er gewohnt, schließlich lebte er seit dem dritten Lebensjahr in diesem Bundesstaat; er mochte solche Unwetter sogar. Stundenlang konnte er am Fenster stehen und die vom Himmel zum Boden zuckenden Blitze beobachten, die entlang der Blitzableiter auf dem Stalldach tanzten, sich in einen glühenden Ball verwandelten und von einem Ende des Horizonts zum anderen rotierten – und wieder zurück.

Je wilder die Show, desto besser gefiel es Cord.

Was verdammt gut war, denn in den Prärien Montanas war extremes Wetter keine Seltenheit – glühend heiße Sommer, apokalyptische Blizzards im Winter, Überschwemmungen und tiefer Schlamm, den die Einheimischen Gumbo nannten, im Frühling, wenn der Regen kam und hoch oben in den Rockies der Schnee schmolz.

Mancher Frühling war sanft, da blieben die Bäche und Flüsse, frisch aufgetaut, brav in ihren Betten und traten nicht über die Ufer. Auf den Weiden blühten Blumen, und das Gras war grün und saftig und üppig in der Prärie.

Aber wenn der Winter hart gewesen war, kam die Schneeschmelze aus dem Hochland in dunklen Sturzbächen herunter, unterspülte Straßen und setzte Felder und Weiden unter Wasser.

Das Leben konnte überall hart sein, das wusste Cord, aber man musste schon ziemlich zäh sein, um eine Farm oder Ranch in Montana zu führen, selbst mit vernünftigem Gerät und genügend Kapital, um es von einer Saison in die nächste zu schaffen. Immer wieder gingen kleine Gehöfte unter, und mit ihnen all die harte Arbeit, die Hoffnung und die Opfer mehrerer Generationen. Doch eine erstaunliche Zahl hielt irgendwie durch.

Die Leute hier draußen hatten reichlich Rückgrat, und sie klagten nicht.

Besonders die Alten waren unerschütterlich: Selbst wenn die vier apokalyptischen Reiter angeritten kämen und ihr prophezeites Unheil anrichteten, würden diese Veteranen des Krieges und des Friedens, des Elends und des Wohlstandes allesamt schwören, dass dies nichts sei, ja gar nichts im Vergleich zu jener Dürre, diesem Buschbrand oder der Rezession von damals.

Was diese Nachfahren der Pioniere betraf, war der Westen im Allgemeinen – und Montana im Besonderen – kein Ort für die Furchtsamen und Verzagten.

Und da Cord weder das eine noch das andere war, konnte er dieser Meinung nur zustimmen.

Also nein, es war nicht das Wetter gewesen, das diese Unruhe in ihm ausgelöst hatte.

Während sich die Wolken im Lauf des Tages zusammenzogen und sich von einem hellen Grau zu einem verdächtigen ebenholzdunklen Ton verfinsterten, fühlte sich die Luft bereits elektrisch aufgeladen an.

Und plötzlich, innerhalb eines Augenblicks, war sie da.

Das Gespenst wehte durch die Hintertür von Sally’s herein; das Knarren der Türangel ging unter im Donnergrollen. Und um das Ganze noch ein bisschen dramatischer wirken zu lassen, schlug ein Blitz auf der anderen Seite des unbebauten Grundstücks hinter der Bar ein, sodass die Gestalt kurz von hinten angeleuchtet wurde.

Obwohl ihr Auftauchen relativ banal war – kein schimmerndes Ektoplasma, keine rasselnden Ketten oder gequältes Stöhnen –, wirkte es dennoch unheimlich, wie aus einem Gruselfilm.

Cord, der das erste anständige Blatt an diesem Abend auf der Hand hatte – ihm fehlte ein Bube zum Royal Flush –, ließ sofort die Karten sinken.

J.P. drehte sich im Sitzen um und erstarrte.

Eli, der sich gerade auf seine Karten konzentrierte, brauchte einen Moment, bis er schaltete und mitbekam, dass Cord und J.P. etwas anstarrten, das sich offensichtlich hinter ihm befand.

Mit skeptischer Miene drehte er sich um und sah die schlanke Gestalt, zu deren Füßen sich bereits eine Pfütze durch den hereinwehenden Regen gebildet hatte.

»Heilige Scheiße«, flüsterte er.

»Reba?«, murmelte J.P. sehr leise, wie ein Mann, der im Schlaf redet.

Trooper, sein pensionierter Diensthund, verharrte reglos und gab auch keinen Laut von sich.

Die schemenhafte Frau schloss mit einiger Mühe die Tür und kam dann auf die drei zu. Unterwegs ließ sie ihren schäbigen Rucksack auf den Boden fallen. Sie stand knapp innerhalb des schwankenden Lichtkegels über dem runden Tisch, an dem die drei gebannt und schweigend saßen. Der Gedanke, in Gegenwart einer Dame aufzustehen, kam ihnen nicht, auch wenn dies für sie sonst ein so normaler Reflex war wie atmen.

Nicht, dass einer von ihnen noch geatmet hätte.

Schließlich rührte Trooper sich doch noch, erhob sich in Habachtstellung und gab einen tiefen Laut von sich, der eher einem Winseln als einem Knurren glich.

»Ruhig«, ermahnte J.P. das Tier, ohne den Blick von der dünnen verwahrlosten Frau am Rand des Lichtscheins abzuwenden.

Cord überwand seinen anfänglichen Schock, fuhr sich ziemlich verlegen durch die Haare und riss sich zusammen.

So weit es ihm gelang.

Diese Frau war nicht Reba, sie konnte es nicht sein, doch die Ähnlichkeit war geradezu unheimlich. Sie hatte Rebas karamellfarbene Haare und diese erstaunlichen bernsteinfarbenen Augen, auch ihre hohen eleganten Wangenknochen. Nur war sie sehr jung und ein paar Zentimeter kleiner als ihre Doppelgängerin.

Dass sie mit Reba verwandt war, und zwar nah, konnte als sicher gelten, und ganz bestimmt war sie kein aus dem Grab auferstandener Geist.

Natürlich war sie das nicht.

Trotzdem hatte sie Cord höllisch erschreckt, und J.P. und Eli auch.

Hatte Reba eine Schwester gehabt? Soweit Cord sich erinnerte, hatte sie nie viel über ihre Familie erzählt; tatsächlich hatte sie eher den Eindruck erweckt, dass es gar keine Verwandten gab.

Genau wie dieses Mädchen war Reba eines Tages einfach aufgetaucht, scheinbar aus dem Nichts. Sie hatte behauptet, achtzehn zu sein, hatte einen Job als Reinigungskraft im Painted Pony Motel ergattert und sich ein Privatleben aufgebaut, das darin bestand, mit den älteren Schülern der Highschool abzuhängen und sich beim Tanzen zu amüsieren, bei Footballspielen und bei Bierpartys, wenn sie nicht arbeitete.

Mit Sicherheit war sie näher an zwanzig gewesen; Cord hegte keinen Zweifel, dass sie bei ihrem Alter gelogen hatte. Soweit er wusste, fand es aber niemand seltsam, dass sie sich mit jüngeren Kids umgab. Fragen wich sie aus, ob sie nun heikel waren oder nicht, und tat sie meistens lachend ab.

Jetzt stand dieses Mädchen hier, das der Reba, die sie alle vor achtzehn Jahren gekannt hatten, zum Verwechseln ähnlich sah.

Sagte man nicht, dass jeder Mensch einen Doppelgänger hatte?

Cord hatte an so etwas nie geglaubt – bis jetzt.

Die Ähnlichkeit kann Zufall sein, überlegte er, nur erschien ihm das noch unwahrscheinlicher als eine biologische Verbindung. Sie musste Rebas Schwester sein oder ihre Nichte, Cousine …

Oder Tochter.

War dieses Mädchen, diese Jugendliche, etwa Rebas Kind?

Der Gedanke erschütterte ihn, und er ging die anderen Erklärungen durch, die ihm gerade durch den Kopf gingen.

Schließlich fand er, dass er etwas sagen sollte, und machte den Mund auf, doch sein Verstand spielte nicht mit. Zu sehr war er noch immer damit beschäftigt, zu rechnen. Er brachte kein einziges vernünftiges Wort heraus.

Immerhin entsann er sich seiner Manieren und erhob sich. J.P. und Eli standen ebenfalls auf.

Eli war der Erste, der seine Fähigkeit zu sprechen wiederfand.

»Wer bist du?«, fragte er die Besucherin in seiner typischen direkten und unverblümten Art. In seinem Job als Sheriff war diese Art von Vorteil, während sie bei gewöhnlichen Unterhaltungen schon mal zum Stolperstein werden konnte.

»Heute Abend«, antwortete sie mit einem leichten Erschauern, das sie zu verbergen suchte, »ist mein Name Zelda.«

Cord war noch immer verwirrt von dieser Kindfrau, fasste sich aber. »Und wie lautet dein Name sonst?«

Sie verzog das Gesicht und reckte das Kinn vor, zugleich trotzig und defensiv, während sie die mageren Arme um sich schlang, als befürchte sie auseinanderzufallen, wenn sie sich nicht fest zusammenhielt.

»Kommt drauf an, für welchen ich mich entscheide«, erwiderte sie vorlaut, aber ihre Selbstsicherheit bröckelte jetzt sichtlich.

Cord nahm seine Jeansjacke von der Stuhllehne und legte sie ihr kommentarlos um die Schultern, während J.P. ihr stumm anbot, sich zu setzen, indem er ihr einen Stuhl heranzog und mit einer Geste darauf deutete.

Dankbar sank sie auf den Holzstuhl und betrachtete die zerschrammte Tischplatte, auf der Pokerchips und Karten verstreut lagen, die seit ihrem großen Auftritt in Vergessenheit geraten waren.

»Wie alt bist du?«, wollte Eli wissen.

»Zweiundzwanzig«, antwortete das Mädchen nach kurzem Zögern.

»Bullshit«, murmelte J.P. und musterte sie eingehend, genau wie die beiden anderen.

Der Hund hatte mittlerweile das Interesse verloren; schien beschlossen zu haben, dass der Neuankömmling keine Bedrohung für sein Herrchen darstellte und daher getrost ignoriert werden durfte. Er lag wieder zusammengerollt neben J.P.s Stuhl, wie schon den ganzen Abend.

»Okay«, gab sie mit einem übertrieben geduldigen Seufzer zu. »Ich bin siebzehn. Deshalb musste ich auch durch die Hintertür reinkommen, da dies hier offenbar ein Saloon oder so was ist.«

»Na schön – Zelda.« Eli ließ nicht locker. »Zurück zum eigentlichen Thema dieser Unterhaltung. Wer bist du und was tust du hier?«

Sie betrachtete eingehend ihre überlangen Fingernägel, die in einem beunruhigenden grünlich violetten Farbton mit Glitzer lackiert waren und bereits deutlich abblätterten. Dann hob sie ihre Reba-Augen, groß und braungolden, sah hochmütig von Eli zu J.P. und Cord und richtete den Blick wieder auf Eli.

»Das waren zwei Fragen«, machte sie ihn nachsichtig aufmerksam. »Aber als County-Sheriff ist es für dich vermutlich normal, Fremde zu verhören.«

Sie hatte sich also informiert. Im Zweifelsfall gegoogelt.

»Das war keine Antwort«, sagte Eli.

›Zelda‹ hob kurz die Schultern und senkte sie wieder. Gab ein weiteres leises Seufzen von sich, als fühle sie sich gegängelt. Teenager konnten wirklich die reinste Plage sein.

»Du wirst später noch genügend Zeit haben, mich auszufragen«, erklärte sie, reckte sich und warf sich die langen nassen Haare über die linke Schulter. »Vorerst bestimme ich das Tempo.«

Die Geste kam den dreien vertraut vor; eine weitere Erinnerung an Reba, genau wie die große Klappe.

»Es sei denn«, fuhr sie mit gespielt nachdenklicher Miene fort, »du hast vor, mich festzunehmen, wegen Herumlungerei oder so.«

»Das könnte ich tun«, warnte Eli sie, aber er wurde langsam mürbe, das sah Cord. Genau wie sie alle.

Die Situation war unwirklich, als seien sie aus ihrer bekannten Welt in ein Paralleluniversum gerutscht, in dem ganz andere Regeln herrschten. Hier, an diesem neuen Ort, war es, als wäre Reba nicht tot, wäre nicht viel zu früh gestorben. Ihre Anwesenheit war greifbar.

Und sie schien etwas zu wollen.

Cord war nicht bei Rebas Beerdigung gewesen; niemand von ihnen war hingegangen. Wahrscheinlich hätten sie von ihrem Tod gar nichts erfahren, wenn nicht Brynne Bailey nach Painted Pony Creek zurückgekommen wäre, um das marode Restaurant ihrer Eltern zu übernehmen. Sie erzählte ihnen davon, als die drei eines Morgens dort frühstückten.

Brustkrebs, hatte Brynne gesagt. Vor ungefähr zwei Jahren. Es war erschreckend schnell gegangen und hatte sie alle sehr traurig gemacht. Auch Brynne war nicht auf der Beerdigung gewesen, da sie sich zu der Zeit auf einer Recherchereise für die Kunstgalerie befunden hatte, für die sie arbeitete. Aber sie hatte es in den sozialen Medien gelesen und Blumen geschickt.

Davon, dass Reba Kinder gehabt hatte, hatte sie nichts gesagt.

Erneut erschüttert richtete Cord seine Aufmerksamkeit wieder auf Zelda.

Sie trug ein dünnes Top und modisch zerrissene Jeans, registrierte er. Und auf der vom Regen feuchten Haut war am Halsansatz eine Tätowierung zu sehen. Eine Musiknote. Eine Sechzehntelnote mit zwei Fähnchen.

J.P. zückte sein Handy und schaute aufs Display. Eigentlich brauchte er eine Brille, war jedoch zu eitel, um sie in der Öffentlichkeit zu tragen, weshalb er häufig die Augen zusammenkniff.

»Rufst du die Cops?«, fragte das Mädchen und klang dabei noch genauso frech wie vorher. Sie warf einen Blick in Elis Richtung. »Das ist wohl überflüssig, da der Chef ja bereits hier ist.«

»Hör mal«, mischte J.P. sich ein, ihre Bemerkung ignorierend. »Können wir mal wieder zum Wesentlichen kommen?« Er schob das Smartphone zurück in die Hemdtasche und sah das Mädchen streng an. Dabei hob er zur folgenden Aufzählung jeweils einen Finger. »Du bist siebzehn Jahre alt. Du tauchst hier im Hinterzimmer einer zwielichtigen Bierbar in einer Kleinstadt in Montana auf, mitten im Unwetter des Jahrhunderts. Niemand von uns hat dich je zuvor gesehen, und da in diesem kleinen Ort jeder jeden kennt, kommst du also nicht von hier. Daraus folgt, dass du wohl eine Ausreißerin bist und bestimmt in Schwierigkeiten steckst. Und irgendwer macht sich irgendwo schreckliche Sorgen um dich.«

Zelda sank ein bisschen in sich zusammen. »Niemand macht sich Sorgen um mich«, erwiderte sie mit einem traurigen Unterton, der keinem der drei entging. Erneut sah sie jedem Einzelnen genau ins Gesicht. »Cord Hollister, J.P. McCall und Eli Garrett. Das seid ihr, oder?«

»Stimmt«, gab Cord grimmig belustigt zu. Google wusste wirklich alle Antworten, warf seiner Ansicht nach aber auch reichlich Fragen auf. »Wie wäre es, wenn du uns den Gefallen tust und endlich verrätst, wer du bist und was du hier willst?«

»Ich bin hungrig«, sagte sie, als hätte sie ihn gar nicht gehört. »Und ich könnte wirklich einen Becher heißen Kaffee vertragen, stark, mit drei Stück Zucker und echter Milch. Nicht diesen Pulvermist.«

J.P. seufzte. »Ich werde dir einen Hamburger und Kaffee besorgen«, sagte er. »Unter einer Bedingung natürlich – dass du aufhörst, uns zum Narren zu halten, und uns sagst, was hier eigentlich los ist.«

Rebas Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, und Cord fühlte sich, als hätte er einen Schlag in die Magengrube bekommen. »Ein Hamburger wäre toll«, wandte sie sich lächelnd an J.P. »Aber bitte deluxe mit einer doppelten Portion Pommes, extra Käse und kross gebratenem Speck.«

»Erst gibst du uns ein paar Antworten«, entgegnete J.P.

»Ist ja gut, ich hatte ohnehin vor, euch alles zu erzählen.« Erneut sah sie trotzig zu Eli. »Ich bin jedenfalls nicht per Anhalter durchs halbe Land gefahren, um drei Landeiern in einem Kuhkaff zuzusehen, wie sie Poker spielen. Ich habe einen sehr guten Grund dafür, dass ich hier bin.« Es folgte eine besorgte Pause. »Heißt das, ich kriege meinen Hamburger nicht?«

J.P. schüttelte nur den Kopf, ging zur Innentür, die in die Bar führte, öffnete sie einen Spaltbreit und rief: »Hey Molly, hast du Zeit für eine Bestellung?«

Cord und J.P setzten sich. Endlich.

Cord hatte sich schon ziemlich schwach auf den Beinen gefühlt.

Molly, eine rundliche Frau mit freundlichem Gesicht, die sie alle seit der Kindheit kannten, tauchte mit einem Block in der Hand auf. Sie versuchte an J.P. vorbei einen Blick auf das Mädchen zu erhaschen.

Da Molly seit ihrer Jugend in Painted Pony Creek lebte, wusste sie so gut wie alles, was im Ort los war, und wenn es nach ihr ging, sollte das auch so bleiben.

Sie flüsterte mit J.P, ihr Ton klang dabei fordernd, seiner bittend und sanft.

Schließlich seufzte Molly hörbar. »Willie wird das ganz und gar nicht gefallen, dass dieses Mädchen hier ist. Wahrscheinlich ist sie höchstens sechzehn, was, wenn wir die Schanklizenz entzogen kriegen …«

»Das Mädchen trinkt nichts, und technisch gesehen hält sie sich gar nicht in der Bar auf«, erklärte J.P. »Wir übernehmen die volle Verantwortung für sie. Bring uns einfach den Burger und die Fritten, okay? Kaffee auch. Mit viel Zucker und Milch. Und zwar echte.«

»Und keine fettarme«, forderte das Mädchen entschieden und fügte ein verspätetes »Bitte« hinzu.

»Burger für alle«, sagte Molly. Die Falte zwischen ihren zu stark gezupften Brauen blieb, während sie Cord, Eli und J.P. musterte. »Ihr drei habt, seit ihr hier seid, nur Bier getrunken, und ich wette, die Erdnüsse, die ich euch mit der ersten Runde gebracht habe, waren alles, was ihr seit dem Mittagessen zu euch genommen habt.«

»Einverstanden.« J.P. nickte und sah seine Freunde an, die keine Reaktion zeigten. Trotzdem sagte er: »Also Burger für alle. Setz sie auf Elis Rechnung – oder auf Cords. Ich habe letzte Woche die Pizza bezahlt.«

Molly nutzte aus, dass J.P. abgelenkt war, und zockelte in ihrer Hüftjeans und dem Johnny-Cash-T-Shirt durch den Raum. Neben dem Mädchen blieb sie stehen.

»Bist du in Schwierigkeiten?«, fragte sie sie rundheraus. Molly trug zu viel Make-up, und ihre blond gefärbten, hoch gebundenen Haare waren mit Haarspray fest betoniert. Aber sie war eine herzensgute Frau.

»Mir geht’s gut«, erwiderte das Mädchen höflich.

Molly sah sie skeptisch an. »Du bist nicht von hier. Ich kenne jeden in dieser Stadt, und ich hätte dich schon mal gesehen.«

»Nein, ich bin nicht von hier.« Sie wirkte klein und zerbrechlich in diesem Moment, nass und mager und blass. Ihre Augen sahen waschbärenhaft aus mit dem verschmierten Mascara, und sie machte einen so verlorenen und traurigen Eindruck, dass es Cord wehtat, sie nur anzusehen.

Sie war noch ein Kind – siebzehn, wenn sie die Wahrheit sagte, wovon man nicht unbedingt ausgehen konnte – und weit weg von zu Hause. Bei der Vorstellung, wie sie oder irgendein anderes junges Mädchen allein auf einsamen Highways trampte, krampfte sich alles in ihm zusammen. Wer wusste schon, was sie unterwegs hatte durchmachen müssen und warum sie überhaupt von wer weiß wo getürmt war.

»Verrate mir deinen Namen, Schätzchen«, versuchte Molly es. »Ich rufe bei deiner Familie an. Was auch immer passiert ist, wir kriegen es wieder hin.«

»Molly«, mischte Cord sich ein, und seine Stimme zitterte ein wenig durch ein Gefühl, das er nicht genau identifizieren konnte. »Das Mädchen ist hier erst einmal sicher. Was sie jetzt am dringendsten braucht, sind ein Teller warmes Essen und ein starker Kaffee. Den Rest klären wir dann in Ruhe.«

Molly schenkte ihm keine Beachtung, außer dass sie mit einer Hand abwinkte. »Sprich, Mädchen. Deine Familie muss außer sich sein vor Sorge und sich fragen, wo du steckst. Die glauben womöglich, du liegst irgendwo tot im Straßengraben. Also gib mir einen Namen – oder noch besser eine Telefonnummer –, dann nehme ich Kontakt zu ihnen auf.«

Nichts. Die Besucherin schien in sich zusammenzuschrumpfen, als wollte sie auf diese Weise verschwinden. Außerdem vermied sie jeglichen Blickkontakt.

Da Cord bei Molly nichts hatte ausrichten können, unternahm J.P. einen Versuch. »Wir sind hier am Verhungern«, probierte er es mit einer Prise Cowboy-Charme. »Wie wär’s, wenn du uns das Essen bringst?«

Ein weiteres Grollen und Tosen des Unwetters ertönte und unterband für den Moment jedes weitere Gespräch.

Als das Krachen der Blitze nachließ, lange Sekunden später, hob Molly drohend den Finger in J.P.s Richtung. »Würde mich gar nicht wundern, wenn das eine Botschaft des Herrn war, J.P. McCall, damit du dein Mundwerk im Zaum hältst und älteren Leuten Respekt zollst«, verkündete sie.

J.P. legte sich seine Hand mit gespreizten Fingern auf die Brust. »Aber Miss Molly«, neckte er sie. »Ich habe den allergrößten Respekt für die älteren Menschen, und ganz besonders für dich.«

Molly kniff die Lippen zusammen und schüttelte gespielt angewidert den Kopf, während ein belustigtes Funkeln in ihre blassblauen Augen trat. Sie betrachtete das Mädchen noch einmal forschend und verließ dann widerstrebend den Raum.

Niemand sprach, obwohl das Unwetter gerade Ruhe gab und eine Unterhaltung möglich war.

Eli sammelte die Spielkarten ein und stieß den Stapel an der Tischplatte auf, von allen Seiten. Mehrmals.

Wenn er nachdachte, hampelte er immer herum.

J.P. zog erneut sein Handy aus der Hemdtasche, rief seine Lieblings-App auf und las stirnrunzelnd. Tippte ein paarmal – vermutlich überprüfte er sein beachtliches Aktien-Portfolio und erfuhr, dass er reicher war als noch vor fünf Minuten.

Cord lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme und beobachtete das Mädchen, während Trooper sich aufrappelte und seine Schnauze auf ihren Oberschenkel legte.

Tränen schimmerten in ihren Augen, als sie sanft die Hand auf den Kopf des Hundes legte. »Hey, Kumpel. Wie geht’s dir?«

»Hast du selbst einen Hund?«, erkundigte Cord sich beiläufig. »Zu Hause, meine ich?«

Sie biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf. »Nicht mehr«, sagte sie wehmütig.

»Du siehst aus wie jemand, den wir früher gekannt haben«, verriet J.P. ihr und stecke sein Handy wieder ein.

Eli hörte endlich auf, diesen nervigen Lärm mit den Spielkarten zu machen, und Cord war ihm dankbar dafür.

»Ach ja?« Auf einmal schien das Mädchen ihre Sicherheit wiedergefunden zu haben, einfach so. Verschwunden war das gebeugte, verwahrloste, vom Regen durchnässte Kind, das in einer stürmischen Nacht einsam durchs Land wanderte und im Hinterzimmer von Sully’s Schutz suchte. An seiner Stelle erschien wieder die entschlossene Kriegerin. »Tja, das wird es wohl leichter machen, euch zu überzeugen.«

Es folgte ein langer Moment reinster Anspannung, der sich unerträglich dehnte, bis Cord fragte: »Uns von was überzeugen?«

Sie ließ sich Zeit mit der Antwort. »Dazu komme ich noch«, sagte sie und saß jetzt sehr aufrecht, während sie weiterhin Trooper streichelte. »Wenn wir gegessen haben.«

Eli beugte sich mit ernster Miene vor. »Schluss mit dem Blödsinn«, erklärte er. »Du bist Reba Shannon wie aus dem Gesicht geschnitten. In welcher Verbindung stehst du zu ihr?«

Das Mädchen zögerte, machte dann den Mund auf, um zu antworten – oder noch mehr Quatsch von sich zu geben. Doch da schwang die Tür auf, krachte wirkungsvoll gegen die Wand, und Molly kam mit einem Tablett herein. Die Becher klirrten, als sie es hart in der Mitte des Tisches abstellte, und der Kaffee schwappte in der Kanne.

»Die Burger sind in fünf Minuten fertig«, verkündete sie missbilligend, dann rauschte sie wieder hinaus.

»Was war das denn?«, fragte das Mädchen.

J.P. schenkte leicht grinsend Kaffee ein. »Molly hasst Geheimnisse«, erklärte er leichthin. »Es wird ihr keine Ruhe lassen, bis sie weiß, was los ist, und zwar bis ins kleinste Detail.«

Das Mädchen nahm sich einen der Becher, tat reichlich Zucker und viel Milch hinein und hob ihn an den Mund.

»Und, was ist los?«, versuchte Eli es erneut. Auch wenn er schon viele Teenager mit seiner Position, seinem dunklen struppigen Bart und seinem geübten strengen Blick eingeschüchtert hatte: Dieses Mädchen trank ungerührt Kaffee und lächelte mit den Augen.

Sie musste den Becher schon zur Hälfte geleert haben, als sie ihn absetzte und mit leiser Stimme sagte: »Reba Shannon war meine Mom.«

War.

Die Erinnerung verfehlte ihre Wirkung nicht. Reba, voller Lebensenergie, war tot.

»Keine Sorge, ich hab mir das nicht ausgedacht. Ich habe eine Geburtsurkunde.« Sie fügte hinzu: »Ich kann sie dir später zeigen, ja, Mr. Sheriff?«

Es schien unmöglich … und doch war es das wohl nicht. Rebas Tod war schwer genug zu begreifen und auch zu akzeptieren gewesen. Aber dass sie ein Kind hatte? Siebzehn oder achtzehn Jahre alt? Er wollte nicht darüber nachdenken, was das bedeuten konnte – nicht nur für ihn, sondern für sie alle drei. Diese Überlegungen mussten vorläufig warten …

»Das ist jetzt nicht so wichtig«, sagte Eli. »Aber zurück zu Reba …«

Das Mädchen musste etwas in ihren Mienen gelesen haben. »Dann wusstet ihr es? Dass sie gestorben ist?«, fragte sie.

»Ja«, antwortete Cord nach einigem Zögern mit rauer Stimme. »Wir wussten es.«

Jetzt flackerte ein vorwurfsvoller Ausdruck in den bernsteinfarbenen Augen auf. »Ich kann mich nicht daran erinnern, einen von euch bei der Beerdigung gesehen zu haben.«

Cord wagte es nicht, Blickkontakt zu Eli oder J.P. aufzunehmen. Seine Augen brannten.

»Als wir es erfuhren, war es zu spät«, sagte Eli.

»Wärt ihr denn aufgetaucht, wenn ihr es früher gewusst hättet?« Es war eine herausfordernde Frage, da sie die Antwort kannte.

Unglücklicherweise hatte sie recht.

Die folgende Stille dämpfte alles, sogar das tosende Unwetter.

»Vermutlich nicht«, gab Cord zu.

Das Mädchen nahm einen trotzigen, wütenden Gesichtsausdruck an und biss sich auf die Unterlippe.

Die Wahrheit war, dass Reba während ihrer Monate in Painted Pony Creek ziemlichen Schaden angerichtet hatte. Das würde er diesem verängstigten, gebrochenen, einsamen Kind nicht unter die Nase reiben, doch es war nun einmal Tatsache.

Der Regen ließ auf einmal nach und ging in ein rhythmisches Prasseln auf dem Dach über.

Das Mädchen saß ganz still da, in Cords Jacke gehüllt, und sah niemanden an. Obwohl sie schwieg, waren ihr Schmerz, Zorn und Verwirrtheit anzumerken.

J.P. und Eli hielten ihre Blicke auf die Tischplatte gerichtet.

Trooper, dessen Kopf nun auf dem Schoß des Mädchens ruhte, gab ein kummervolles leises Winseln von sich.

Molly beendete diesen Stillstand mit ihrem eigenwilligen Timing, indem sie die Tür mit der Hüfte aufstieß und ein mit Essen beladenes Tablett hereintrug.

Sie stellte es direkt auf den verstreut herumliegenden Pokerchips ab, wobei sie fast die Kaffeekanne umstieß. Dann verschwand sie wieder, noch immer leicht beleidigt.

Beim Anblick der Burger und Fritten kam sofort Leben in Zelda, auch wenn das Essen in abgenutzten Plastikkörben auf fettigem Papier lag. Sie streckte die Hand nach dem Essen aus, zog sie aber gleich wieder zurück.

»Nur zu«, ermutigte Eli sie. »Iss.«

Sie stürzte sich praktisch darauf.

Weder Cord noch Eli oder J.P. nahmen sich einen der Körbe, obwohl sie alle drei hungrig waren. Molly hatte in dem Punkt ganz richtig geraten, aber Cord zumindest hatte das Gefühl, als balanciere er auf einem Drahtseil. Eine einzige kleine Bewegung, und er würde abstürzen.

So fühlte es sich an.

Während er das Mädchen dabei beobachtete, wie sie die warme Mahlzeit vertilgte – offenbar die erste seit Langem –, dachte er wieder an Reba. Die lebenslustige, wunderschöne, gefährliche Reba.

Ein Hurrikan der Stärke 5, aus Wind und Eis und Feuer, und all das in einem gepflegten Äußeren verpackt, das nicht ahnen ließ, was sich dahinter verbarg. Das war die Reba, die er gekannt und, ja, geliebt hatte, mit der von Testosteron befeuerten Leidenschaft eines Siebzehnjährigen.

Es war die alte Geschichte an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Reba hatte mit ihm gespielt, und das nicht zu knapp; genau wie mit Eli und J.P. natürlich. Am Ende fragten sich alle drei, worüber Reba sonst noch gelogen hatte.

Denn sie war ihnen ein Rätsel gewesen, und das hatte wohl zum Teil ihre Anziehungskraft ausgemacht.

Wahrscheinlich hätte ihn die ganze Sache gar nicht so fertiggemacht, wenn er der einzige dumme Bauer auf ihrem Schachbrett gewesen wäre, doch waren Eli und J.P. auch Teil des Spiels gewesen.

Sie alle waren typische junge und dauergeile Deppen gewesen, die auf Rebas sorgfältig konstruierte Geschichten hereingefallen waren. Jeder hatte geglaubt, ihre einzige und wahre Liebe zu sein.

Inzwischen hatte Cord längst begriffen, dass er ihre Lügen geglaubt hatte, weil er sie hatte glauben wollen. Er hatte seinen gesunden Menschenverstand ausgeschaltet und alle Ausflüchte und Ungereimtheiten ignoriert. Und seinen Freunden war es ähnlich ergangen.

Es ist eine gefährliche Sache, wenn man so unbedingt will, dass etwas wahr ist, dass man die Beweise für das Gegenteil einfach abtut. Heute wusste er das.

Plötzlich erinnerte er sich an seine letzte Begegnung mit Reba, und die katapultierte ihn aus der Gegenwart in die Vergangenheit …

Es war ein Augustabend nach dem Highschool-Abschluss. J.P. und er waren früh von einem Rodeo außerhalb der Stadt heimgekommen und unerwartet bei der Party eines Freundes aufgekreuzt, extra schick gemacht und insgeheim begierig darauf, Reba wiederzusehen.

Nun, die Überraschung gelang ihnen.

Und sie selbst waren nicht minder überrascht.

Sie fanden sie im Schatten jenseits des Lagerfeuerscheins, an Eli Garrett klebend wie eine frisch gekleisterte Tapete; die zwei küssten sich, als wollten sie einander verschlingen. Sie bekamen nichts mit vom Lachen, dem Herumgealbere und dem Biertrinken um sie herum; sie hätten ebenso gut allein auf dem Planeten sein können.

Cord stand da wie vom Maultier getreten, und schlagartig wurde ihm klar, was er längst geahnt hatte.

Auch er nahm von der lärmenden Menge nichts mehr wahr.

Und da dämmerte ihm eine zweite Erkenntnis, die mindestens so demütigend war wie die erste.

Jeder in Painted Pony Creek hatte gewusst, was Reba in diesem Sommer trieb. Jeder bis auf J.P., Eli und Cord.

Ein Blick auf J.P. sagte ihm, dass er genauso aussah, wie Cord sich fühlte.

Als Reba und Eli endlich merkten, dass irgendetwas nicht stimmte, fuhren die beiden auseinander. Eli nahm sofort einen wachsamen Blick an, Reba dagegen wirkte verwirrt, dann erschrocken, dann panisch.

Eli befreite sich gänzlich aus ihrer nur noch lockeren Umarmung; sie klammerte sich noch ein wenig an ihn, ließ dann aber los.

Cord hätte diesen schicksalhaften Abend gern mit einem ruhigen, vernünftigen und klärenden Gespräch unter Freunden ausklingen lassen. Aber so lief es leider nicht.

Stattdessen stürzten sich die drei nach einigen hitzigen Worten an Ort und Stelle aufeinander.

Wäre nicht das halbe Footballteam der Schule dazwischengegangen, hätten sie sich gegenseitig wohl bleibende Schäden zugefügt.

So aber endete die Sache mit blutigen Knöcheln, kräftigen Veilchen und dicken Lippen. Oberflächliche Verletzungen, gar nicht mal unüblich unter Jungen in dem Alter auf dem Land.

Traurigerweise gingen die wahren Verletzungen viel tiefer.

Das Vertrauen zwischen ihnen, das ihnen unbewusst immer heilig gewesen war, hatte ernsthaft Schaden genommen. Alle drei fühlten sich verraten und verkauft von den beiden Menschen, auf deren Rückendeckung sie sich stets blind verlassen hatten.

Reba war nach jenem Abend still und leise verschwunden; sie hatte sich zum Painted Pony Motel fahren lassen, ihre Sachen gepackt und war aus der Stadt getürmt.

Ohne Erklärung und natürlich ohne Entschuldigung.

Sie war einfach weg.

Für immer.

Dass sie fort war, hätte die Lage beruhigen können, aber das passierte nicht.

Durch die Freundschaft der drei, unzertrennlich seit der ersten Klasse, schien ein dauerhafter Riss zu gehen.

Wenn Cord jetzt seine Freunde ansah, konnte er das kaum glauben.

Doch damals im Herbst ging tatsächlich jeder seines Weges, ohne sich von den anderen zu verabschieden.

Cord begann ein Studium an der University of Montana, Eli schrieb sich für Strafrecht in Seattle ein, und J.P., der schon während der Highschool zum Ausbildungscorps der Army gehörte, wurde Soldat.

J.P.s erster Urlaub fiel in die Weihnachtszeit, und bevor er danach in ein höheres Level mit Geheimhaltungsstufe »Wenn-ich-es-dir-verrate-muss-ich-dich-töten« einsteigen sollte, verbrachte er die Zeit bei seiner Familie.

Eli und Cord hielten sich während der Winterferien ebenfalls in der Stadt auf.

Wahrscheinlich hätten sie sich gegenseitig die kalte Schulter gezeigt, wären sie nicht überlistet worden, sodass sie plötzlich alle am ersten Weihnachtstag am gleichen Esstisch saßen.

Cords inzwischen verstorbener Großvater hatte das eingefädelt, der schlaue alte Kerl, mithilfe von J.P.s und Elis Familien. Sie feierten auf neutralem Boden, bei Bailey’s, dem heruntergekommenen Restaurant in der Main Street. Alle waren da, der ganze Haufen – Eltern, Großeltern, Geschwister, Tanten und Onkel, Cousins und Freunde.

Mittlerweile war der Laden wieder gut in Schuss, seit Brynnes Eltern sich in Arizona zur Ruhe gesetzt und Brynne die Leitung des Restaurants übernommen hatte. In dem frisch renovierten Restaurant aß man jetzt in angenehmer, gemütlicher Atmosphäre. Es gab Kunst an den Wänden, und Brynne durfte sogar Alkohol ausschenken.

Damals hatte Bill Hollister das Restaurant offiziell für eine private Feier gebucht und die Gäste später zu sich nach Hause eingeladen, wo er (diskret) Wein, Bier und Bourbon ausschenkte.

Cord, Eli und J.P. kriegten einen ziemlichen Schreck, als sie bei Bailey’s ankamen und begriffen, was los war. Daraufhin trat Bill in Aktion und verkündete, dass niemand irgendwohin gehe, bis die drei aufgehört hätten, sich wie Idioten zu benehmen, und sich stattdessen von Mann zu Mann ausgesprochen hätten.

Nur ihr Respekt vor dem alten Herrn verhinderte, dass sie türmten.

So aßen sie in angespanntem Schweigen den Truthahn mit den üblichen Beilagen, und erst als der Pecannusskuchen verputzt war, schien sich die Stimmung aufzuhellen.

Die Jukebox spielte Weihnachtslieder und animierte die Tanten und Onkel aufzustehen und zu Songs wie »Rockin’ around the Christmas Tree« und »Jingle Bell Rock« zu tanzen. Bunte Lichter blinkten und leuchteten um die gefrorenen Fensterscheiben, warfen ihren Lichtschein hinaus auf den Schnee, und ein kitschiger Aluminium-Weihnachtsbaum, unter dem falsche Geschenke funkelten, stand in einer Ecke.

Cord rechnete schon fast damit, Jimmy Stewart die Main Street entlanglaufen zu sehen, wie in dem Filmklassiker »Ist das Leben nicht schön?«

Fröhliche Weihnachten, Mr. Potter!

Fröhliche Weihnachten, du wundervolles altes Haus und Hypothek!

Das Ganze hätte etwas Magisches haben können, wenn es nicht so wahnsinnig nervig gewesen wäre.

Später war die ganze Truppe ins Ranchhaus der Hollisters eingefallen, und Cord, Eli sowie J.P. fanden sich in einem kleinen Vorratsraum neben der Küche wieder, wo sie sich auf Kisten setzten, ohne einander in die Augen zu sehen.

»Ich werde euch da drin einsperren, wenn es sein muss«, verkündete Cords Großmutter süßlich auf der Türschwelle und klimperte dabei mit dem Schlüsselbund.

J.P. schüttelte mit einem resignierten leisen Lachen den Kopf, und Mimi Hollister schloss freundlich lächelnd die Tür.

Irgendwann brach das Eis schließlich – oder bekam zumindest Risse.

Zuerst verlief das Gespräch schleppend und bestand im Wesentlichen aus einem Wort hier und einem Brummen dort.

Cord konnte sich nicht mehr an die genauen Worte erinnern, aber es fielen anfangs ein paar bissige Bemerkungen ehe die üblichen Fragen folgten, wie zum Beispiel: »Wie ist die Uni?« Und: »Wie ist es, Soldat zu sein?«

Nachdem der Small Talk abgehandelt war, blieb ihnen nichts anderes übrig, als endlich zum eigentlichen Thema zu kommen. Die Dinge zwischen ihnen mussten geklärt werden, ob sie nun danach noch Freunde waren oder nicht.

Bisher war Rebas Name nicht gefallen, das war zu brisant und zu heikel. Wie eine Handgranate, die inmitten der kleinen Gruppe zu explodieren drohte.

Auf einmal erschien ein breites Grinsen auf Elis Gesicht, und soweit Cord sich entsann, sagte er Folgendes: »Ich habe eine Weile gebraucht, um das für mich auf die Reihe zu kriegen, aber wisst ihr, auf wen ich wirklich sauer bin? Auf mich selbst.«

Niemand brauchte eine Erklärung; allen war klar, dass es hier um jenen Abend ging, an dem alles aufgeflogen war, um diese Schulabschlussparty, die eine bittere, harte Wahrheit für sie bereitgehalten hatte.

Eli fuhr fort: »Wir haben es alle vermurkst. Und wie. Wir haben uns alle in dasselbe Mädchen verliebt. Kommt vor. Geprügelt haben wir uns auch, aber vermutlich, weil wir eigentlich uns selbst in den Hintern treten wollten. Habt ihr darüber mal nachgedacht? Uns ist eben nichts Besseres eingefallen, bei dem bisschen, was wir wussten.«

»Wahrscheinlich …«, überlegte J.P. laut, »hätten wir lieber Reba die Schuld geben sollen.« Er machte eine Pause und fügte schließlich hinzu: »Vor allem, da wir damals doch eigentlich über alles geredet haben. Es gab keine Geheimnisse zwischen uns. Warum also haben wir nie über sie gesprochen?«

»Das habe ich mich auch schon gefragt«, gab Cord zu. »Reba hat uns zum Narren gehalten, keine Frage, aber Tatsache ist, wir haben sie gelassen. In gewisser Hinsicht wussten wir doch genau, was Sache war.«

»Sind wir also blöd?«, fragte J.P.

»Na ja«, meinte Eli. »Ist wohl so.«

»Und ein bisschen notgeil«, ergänzte J.P.

Dann lachten sie, und damit begann alles wieder gut zu werden zwischen ihnen, wie bei einem gebrochenen Knochen, der nach dem Heilungsprozess stärker wurde als zuvor.

Nach und nach wuchsen die drei wieder zusammen. Nach der Weihnachtsfeier (und den anschließenden Drinks bei den Hollisters) blieben sie in Kontakt und trafen sich, wenn Zeit und Umstände es zuließen. Schließlich heilte die Wunde endgültig, und das war verdammt gut angesichts dessen, was sich vor ihnen noch auftun würde.

Es sollte der Tag kommen – sogar mehr als einer –, an dem sie einander dringender denn je brauchen würden.

Cord wollte jetzt nicht an diese Dinge denken, auch wenn das schwerfiel, solange Rebas Doppelgängerin hier mit ihnen am Tisch saß. Er wollte sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern. Selbst der härteste Cowboy hatte seine Grenzen, und diese aktuelle Geschichte genügte vorerst.

Also konzentrierte er sich wieder auf die Gegenwart.

Glücklicherweise war ihm nicht viel entgangen.

Das Mädchen hatte inzwischen aufgegessen, und zwar ziemlich viel für eine so zierliche Person.

Sie richtete sich auf, wischte sich Mund und Hände mit einer Papierserviette ab, knüllte diese zusammen und fragte gut gelaunt: »Wo waren wir stehen geblieben?«

Tja, wo eigentlich?, dachte Cord.

»Du hast uns erzählt, dass Reba deine Mutter war«, half Eli ihr.

»Stimmt«, erwiderte sie. »Und dass sie starb und keiner von euch zur Beerdigung erschienen ist, weil ihr von ihrem Tod gar nichts wusstet und so.«

Der spöttische Unterton war nicht zu überhören.

»Also gibt es jetzt nur noch dich und deinen Vater«, meinte J.P. »Hast du Geschwister?«

»Ich bin ein Einzelkind«, lautete die Antwort. »Weder Stief- noch Halbgeschwister. Und einen Dad habe ich auch nicht. Bloß einen Stiefvater, der sechs Monate nach der Beerdigung meiner Mutter wieder geheiratet hat und mich so schnell wie möglich loswerden wollte.«

»Großeltern?«, hakte Eli hoffnungsvoll nach. »Tanten und Onkel? Cousins?«

Sie schüttelte den Kopf, und kurz flackerte ein bernsteinfarbenes Feuer in ihren Augen auf. »Nein, niemanden.«

»Wer hat sich um dich gekümmert?«, wollte J.P. wissen. »Nachdem Reba … gestorben war?«

»Hauptsächlich ich mich selbst«, antwortete das Mädchen. Sie schaute auf Trooper hinunter, und es erschien ein so trauriger Ausdruck auf ihrem Gesicht, dass es Cord zutiefst berührte. Als sie wieder aufsah, schimmerten Tränen in ihren Wimpern. »Sie haben meinen Hund weggegeben.«

Cord schluckte und war plötzlich selbst den Tränen nahe. »Wer hat das getan?« Er wollte Namen und Adressen, um diese herzlosen Menschen aufzuspüren und sich jeden einzelnen vorzuknöpfen.

Genau deshalb erkundigte er sich nicht nach den Einzelheiten.

Die Antwort fiel fast flapsig aus. »Na wer schon? Der Stiefvater und seine Tussi. Ich bin total ausgeflippt. Und ratet mal, was dann passiert ist: Die haben mich einfach auch weggegeben. Ehe ich mich versah, saß ich im Kinderheim. Dem ersten.«

J.P. fluchte vor sich hin, fuhr sich durch die dunkelblonden Haare und sah zu Cord, genau wie Eli. Bis er drei Jahre alt gewesen war und Bill und Mimi Hollister unverhofft aufgetaucht waren, hatte auch er im Heim gelebt. Cords Vater, Bills und Mimis Sohn, war schon vor seiner Geburt gestorben. Seine Mutter, Julie, hatte er nie kennengelernt, weil man ihn ihr als Zweijähriger abgenommen hatte. Cord besaß keinerlei Erinnerung an sie.

Momentan gab es weder in seinem Kopf noch in seinem Herzen Platz für Gedanken an diese lang zurückliegende Zeit. Was er über seine ersten Lebensjahre wusste, hatte er überwiegend von Bill und Mimi erfahren. In diesem Augenblick aber empfand er Wut und tiefes Mitgefühl für das Mädchen, das sich in seine Jacke kuschelte.

Ehe seine Freunde Worte finden konnten, erzählte Rebas Tochter weiter.

»Bedauert mich nicht«, warnte sie die drei. »Solche üblen Dinge können jedem passieren.«

Eli atmete hörbar ein und wieder aus. Er befand sich jetzt wieder im Cop-Modus, sprach jedoch mit sanfter Stimme. »Du bist also aus dem Heim weggelaufen?«, fragte er.

»Nein«, antwortete sie mit offenkundigem Stolz. »Ich habe meine Entlassung beantragt, und sie wurde bewilligt.«

Obwohl er davon ausging, dass das Mädchen gut lügen konnte – genau wie ihre Mutter –, glaubte Cord ihr. Sie wäre nicht die erste Minderjährige, die vor Gericht ihre Unabhängigkeit forderte und als Erwachsene herauskam, zumindest vor dem Gesetz.

J.P. ließ die Sache mit dem Hund nicht los. »Wer macht so etwas?«, murmelte er. »Wer gibt den Hund von jemandem weg?«

»Dooley geht es gut«, sagte das Mädchen. »Es war nicht leicht, aber ich habe ihn gefunden. Er kam ins Tierheim und wurde sofort vermittelt. Er hat jetzt eine nette Familie.«

Cord stand auf und wandte der kleinen Gruppe den Rücken zu. Wenn er schon die Fassung verlor, sollte es wenigstens niemand sehen.

Er hörte J.P. und Eli ebenfalls aufstehen und zu ihm gehen. J.P. legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Alles okay mit dir, Cowboy?«, erkundigte Eli sich.

Cord nickte, sah seine Freunde an und sagte leise: »Nach all den Jahren des guten Lebens habe ich wohl vergessen, was für ein beschissener Ort diese Welt sein kann, besonders für Kinder.«

»Ich bin kein Kind«, rief das Mädchen von ihrem Platz am Pokertisch.

Ihre Worte lockerten die Atmosphäre gleich wieder auf. Cord räusperte sich und schüttelte erneut den Kopf.

»So viel zu unserer privaten Unterhaltung«, bemerkte Eli mit schiefem Grinsen.

»Wollt ihr jetzt wissen, warum ich hier bin, oder nicht?« Das Mädchen klang ungeduldig, was auch kein Wunder war. Sie war durchgefroren, müde und nass.

Cord, Eli und J.P. kehrten zu ihren Stühlen zurück, sahen das Mädchen an und warteten.

»Einer von euch«, verkündete das Mädchen, »ist mein Vater.« Es folgte eine Pause. »Na ja, eher der Samenspender. Ein Vater wäre für mich da gewesen, als ich ihn brauchte, oder hätte sich wenigstens hin und wieder nach mir erkundigt.«

2. Kapitel

Am Donnerstagabend fuhr Shallie Fletcher auf den von Unkraut überwucherten gekiesten Parkplatz des Painted Pony Motel und blieb fünf Minuten im Wagen sitzen, bei laufendem Motor, während der Regen auf die Frontscheibe prasselte und die Scheibenwischer sich hektisch hin und her bewegten. Sie spähte durch das verschwommene Glas und wappnete sich gegen eine andere Flut – die der Erinnerungen, hier aufgewachsen zu sein und nach der Schule sowie an den Wochenenden die Zimmer geputzt zu haben, während sie eigentlich nur hatten verschwinden wollen.

Aber die Vergangenheit ließ sich ebenso wenig ignorieren wie das Unwetter.

An einem Juniabend kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag hatte Shallie gedemütigt und beschämt ein paar Sachen gepackt, die es wert gewesen waren, hatte gewartet, bis ihre Tante und ihr Onkel von billigem Wodka berauscht eingeschlafen waren, und sich davongeschlichen. In den ersten Augenblicken in Freiheit hatte sie kein bestimmtes Ziel gehabt. Jede einigermaßen große Stadt hätte es getan, Hauptsache weit weg und voller fremder Menschen.

Wie viele jugendliche Ausreißer hatte Shallie sich keine großen Gedanken über die Gefahren gemacht, die dort draußen in der großen weiten Welt auf sie warteten. Rückblickend ließen sie die Risiken, die sie eingegangen war – per Anhalter bei Fremden mitfahren, in Raststätten-Toiletten schlafen, Essen stehlen, wenn sie kein Geld hatte –, erschauern.

Trotz ihrer sehr fragwürdigen Erziehung war sie doch einigermaßen behütet aufgewachsen und entsprechend naiv gewesen.

Der Regen trommelte auf das Autodach, während sie erneut in Versuchung geriet, den Gang einzulegen und mit durchdrehenden Reifen von hier zu verschwinden. Aber Shallie wollte nicht mehr weglaufen und war sich auch gar nicht sicher, ob das noch möglich war. Schließlich parkte sie auf dem alten Parkplatz vor dem verwitterten Bretterstapel, den kaputten Rinnsteinen und dreckigen Fenstern.

Es war, als müsste es so sein, als wäre die Rückkehr unausweichlich.

Die vergangenen Jahre hatte sie damit verbracht, sich sorgsam neu zu erfinden. Sie war nicht mehr das unerwünschte Kind, sondern der Mensch, der zu sein sie beschlossen hatte: stark, gebildet, verantwortungsbewusst und selbstsicher. Und dieser Mensch hatte in Painted Pony Creek, Montana, etwas zu erledigen. Verschiedenes … Sie holte tief Luft und lockerte ihren Griff, mit dem sie das Lenkrad umklammert hielt. Sie saß ganz still und beobachtete ihre Umgebung.

Trotz des heftigen Regenschauers konnte sie erkennen, dass der Zahn der Zeit an dem kleinen Motel neben der Straße genagt hatte. In seinen besseren Tagen, lange vor ihrer Geburt, war das Motel gut gelaufen. Der Highway, an dem es lag, war viel befahren, und neben Durchreisenden kamen auch Wanderer, Jäger, Angler und Familien mit kleinem Geldbeutel, um hier Urlaub zu machen.

Anfang der 1960er wurde nach langer Bauzeit eine breite Autobahn freigegeben. Plötzlich spielte das Painted Pony Motel keine Rolle mehr; es lag zu weit abseits der neuen Interstate, um mehr als ein paar zufällige Durchreisende anzulocken.

Als Shallie das Motel heute mit den Augen einer Erwachsenen sah, wunderte sie sich, dass es nicht schon vor Jahren abgerissen und das Grundstück zu einer Weide, einem Campingplatz oder einer Weihnachtsbaumplantage umgewandelt worden war.

Stattdessen stand es noch da wie ein trauriges Mahnmal, geduckt wie ein geschundenes Tier, das den nächsten Schlag erwartete.

Die Farbe blätterte von der Schindelfassade, und das Dach war zusammengesackt. An der Straße stand zwar noch das alte Neon-Willkommensschild an seinem Metallpfahl, aber es leuchtete nicht mehr; jede einzelne Leuchtröhre war durchgebrannt und dreckverkrustet.

Das Fenster des Büros durchzog ein spinnenförmiger Riss, als hätte jemand einen Stein gegen die Scheibe geworfen oder darauf geschossen. Die Worte »Zimmer frei« glommen schwach hoffnungsvoll in der unteren rechten Ecke, wie in alten Zeiten, aber nur einzelne Buchstaben hatten noch Strom.

Alles in allem wirkte das Gebäude düster und unheimlich. Man konnte sich gut vorstellen, dass Norman Bates aus dem Film »Psycho« irgendwo dort drinnen in seinem Schaukelstuhl lauerte, in der Kleidung seiner Mutter, eine Axt im Arm haltend.

Bei dieser Vorstellung musste Shallie lächeln, wenn auch nur kurz. Das Motel war ein deprimierender Ort, wahrscheinlich schon immer gewesen. Aber ein Haus des Horrors war es nicht, zumindest nicht für sie.

Della und Norm Schafer, die Shallies Erziehungsberechtigte waren, seit sie im Alter von zwei Jahren allein zurückgeblieben war, hatten sie körperlich nie misshandelt. Sie hatten damals die Pflegschaft für sie beantragt und bekommen, dazu auch finanzielle Unterstützung. Es war kein Problem gewesen, da sie verwandt waren: Della war die Halbschwester von Shallies Mutter. Trotzdem war das Leben nicht einfach gewesen.

Viel Geld hatten sie nie gehabt und in immer wiederkehrenden harten Zeiten manches Mal den Mut verloren. Trotzdem hatten die Schafers Shallie versorgt und gekleidet, wenn auch mit gebrauchten Sachen aus Secondhandläden, und zweimal im Jahr gab es neue Schuhe. Sie sorgten dafür, dass Shallie zur Schule ging und einmal in der Woche in die Kirche (gemeinsam mit ihren eigenen Kindern).

Della und Norm hätten nicht im Traum daran gedacht, je selbst einen Fuß in das Gotteshaus zu setzen, und sie scheuten sich auch nicht, das zu verkünden. Die Kirche war etwas für Heuchler und Feiglinge, fanden sie. Trotzdem schickten sie jeden Sonntagmorgen ihre Brut los, um sich das Evangelium predigen zu lassen und eine Münze auf den Kollektenteller zu legen.

Shallies Kindheit hindurch behandelten die Schafers sie mit gleichem Desinteresse und gelegentlicher Verachtung wie ihre Zwillinge Bethanne und Russ, die fünf Jahre älter waren als Shallie und nicht allzu begeistert davon, dass auch noch ein Kleinkind in dem engen Zimmer untergebracht wurde, das sie sich im »Familienquartier« hinter dem Büro des Motels teilen mussten.

Zuerst hatten die Zwillinge den Neuankömmling überwiegend ignoriert.

Später hatten sie Shallie aus Langeweile geärgert und tyrannisiert. Ganze Tage hatten sie damit verbracht, so zu tun, als sei sie unsichtbar, und zwar derartig überzeugend, dass Shallie, die noch zu jung für den Kindergarten gewesen war, ihnen zu glauben begonnen hatte. Sie erinnerte sich, dass sie damals gedacht hatte, sie sei vielleicht gar nicht wirklich da, sondern nur ihre eigene Fantasie.

Für eine Vierjährige ergab das durchaus Sinn.

In der Zeit bei den Schafers hatte sie gewusst, dass niemand sie beschützen würde. Auf Norm und Della konnte sie sich nicht verlassen – sie waren keine schlechten Menschen, kümmerten sich aber wenig bis gar nicht um die Kinder, außer wenn es unbedingt sein musste. Ihr Interesse reichte für gewöhnlich nicht über ihren täglichen billigen Schnaps und die Reality-TV-Shows hinaus, die sie endlos schauten. Auch auf Russ konnte Shallie sich nicht verlassen; er hatte ihr klar zu verstehen gegeben, dass er von ihr nichts wissen wollte. Besonders nachdem sie ihm eine blutige Nase verpasst hatte, als er sie hatte zwingen wollen, ein Insekt zu essen …

Bethanne schien Shallie genauso abgelehnt zu haben wie ihr Bruder.

Shallie hatte nur sich selbst, und das war alles.

Aber möglicherweise war das damals wie heute genug.

Als sie an diesem Abend, Jahre später, in ihrem Wagen saß, während der Regen aufs Autodach trommelte wie kleine Kugeln, seufzte Shallie. Sie hatte sich damals gegen Russ verteidigen müssen, und sie bereute es nicht. Aber das Kind, das er gewesen war, tat ihr leid, dieser übergewichtige, wenig hübsche und nicht allzu intelligente Junge, dessen Vater sich über ihn lustig machte und ihn verachtete.

Della war nicht viel besser gewesen.

Kein Wunder, dass Russ sich auch nach so vielen Jahren noch im Painted Pony Motel vergrub, auch wenn das Dach längst einzustürzen drohte.

Bethanne – wenn man ihren Posts in Social Media glauben konnte – war es deutlich besser ergangen als ihrem Bruder. Anfangs zumindest …

Nach der Highschool war sie gleich in die Großstadt Helena gezogen, wo sie sich ein Zimmer mietete, einen Job in einem Kaufhaus annahm und die Kosmetikschule besuchte. Irgendwann heiratete sie und zog mit ihrem Mann in eine Kleinstadt in Texas. Jetzt hieß sie Bethanne Robertson. Sie hatte ihren eigenen Schönheitssalon eröffnet und war nie mehr nach Painted Pony Creek zurückgekehrt, außer zur Beerdigung ihrer Mutter, soweit Shallie wusste.

Eine Weile waren sie und Bethanne via Internet noch in Kontakt geblieben, aber dann waren die Mails nach und nach ausgeblieben. Da Shallie auf Facebook offiziell mit ihr »befreundet« war, hatte sie trotzdem hin und wieder Bethannes Seite besucht, auch wenn sie ihre eigenen Daten nie aktualisiert hatte. Seit über zwei Jahren hatte sie dort nichts mehr von Bethanne vernommen. Wo steckte sie jetzt? Shallie hatte keine Ahnung, ob sie noch verheiratet war, ihr Unternehmen noch hatte oder nach wie vor in Texas wohnte.

Aus dem wenigen, was Shallie durch Social-Media-Seiten ehemaliger Mitschüler herausgefunden hatte, hatte Bethanne einen guten Start ins Berufsleben gehabt, aber das wusste sie ja schon. In letzter Zeit aber war sie wohl zwischen dem Gefängnis und der Entzugsklinik gependelt, sagten die Gerüchte.

Überhaupt gab es Gerüchte zuhauf – Bethanne war einer Sekte beigetreten, hatte einen Serienkiller kennengelernt, war nach Boise gezogen, religiös geworden, hatte wieder geheiratet, war Zeugin eines Verbrechens geworden, befand sich im Zeugenschutzprogramm. Lauter interessante Theorien, fand Shallie, aber eben nur Theorien, Klatsch vor allem und Spekulationen, für die es keinerlei Beweise zu geben schien.

Shallies Einschätzung nach konnte Bethanne ebenso gut tot sein. Trotz des anfänglichen Erfolgs hatte sie sich zurückgezogen, auch aus den sozialen Medien, und war praktisch von der Bildfläche verschwunden. Nach allem, was die Leute schrieben, war Bethanne auf dem bestem Weg, sich selbst zu zerstören. Vermutlich war ihr das bereits geglückt, mit oder ohne die Hilfe einer anderen Person. Ob es eine Möglichkeit gab, das herauszufinden?

Shallie hatte ihren Aufenthaltsort geheim gehalten, für den Fall, dass Norm und Della auftauchen und finanzielle – oder sonstige – Unterstützung erwarten würden. Als eine Art Wiedergutmachung … Inzwischen war Della tot, ironischerweise von einem betrunkenen Autofahrer überfahren, drei Jahre nachdem Shallie fortgegangen war.

Autor