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Nächster Halt: Indien

Georgia Green gründet ihr eigenes Business, den "Lonely Hearts Travel Club". Die junge Frau ist fest entschlossen, ihre Freude am Reisen auch an andere Singles weiterzugeben. Aber ein Unternehmen aus dem Boden zu stampfen, ist kein Strandspaziergang. Beinahe droht Georgia in der Arbeit unterzugehen. Was könnte da besser helfen, als in eine vollkommen fremde Kultur einzutauchen? Also auf in das Land von Bollywood, Taj Mahal und Yoga. In Indien erfährt Georgia viel über sich selbst, und was noch alles in ihr steckt.
"Ein Handbuch für Abenteuer und Überlebenshilfe, das jede Frau gut gebrauchen kann." Sarah Morgan
  • Erscheinungstag: 07.08.2017
  • Aus der Serie: The Lonely Hearts Travel Club
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 464
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955766733
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Mein Schatz, ich lasse dich nicht fallen, wenn ich weiß, dass du fliegen kannst.

Isobel, das ist für dich.

Kapitel 1

Konfus (Adjektiv): verworren; durcheinander

Das Erste, was ich hörte, waren die Schlüssel an der Tür. Sie stießen klimpernd aneinander, während sich das Schloss drehte.

Mist! Ich hatte es doch tatsächlich schon wieder geschafft.

Ruckartig hob ich den Kopf von meinem Notebook. Auf meiner linken Wange hatte sich ein QWERTY-Abdruck verewigt, und ich rieb mir die müden Augen, wobei ich wahrscheinlich die verklumpten Reste der schwarzen Wimperntusche überallhin verteilte. Die Tür öffnete sich, und ich hörte das Klingeln der Türglocke. So schnell ich konnte, versteckte ich mich unter meinem Schreibtisch. Dabei stieß ich mir den Musikantenknochen am Metallbein meines Stuhls und verzog vor Schmerz das Gesicht. Ich zog die Knie ans Kinn, versuchte, in der Ecke zu verschwinden, und hoffte inständig, dass er meine Schuhe nicht bemerken würde, die verlassen neben meinem Schreibtisch standen.

Ich hörte, wie er mit schweren Schritten langsam über die Bodenfliesen stapfte. Die vorherige Inhaberin des Reisebüros hatte sie aus Marokko importieren lassen. Dort waren sie einst mit Wüstenstaub bedeckt gewesen, doch nun waren die feinen Risse für alle Ewigkeit mit dem Schlamm und Dreck von Manchester gefüllt. Die Fliesen waren wirklich wunderschön, aber ein echter Albtraum, wenn’s ums Sauberhalten ging. Er pfiff vor sich hin; ich glaubte, die Titelmelodie dieser einen Serie zu erkennen, von der gerade alle sprachen, für die ich bisher jedoch keine Zeit gefunden hatte. Mental verpasste ich mir eine Ohrfeige dafür, dass ich mich schon wieder in diese Lage manövriert hatte, aber um keinen Preis der Welt konnte ich zulassen, dass er mich hier unten fand. Nie im Leben!

Plötzlich blieb er stehen. Ich hielt unvermittelt die Luft an. Von hier aus konnte ich seine schicken kastanienbraunen Schuhe sehen. Es waren diejenigen, die ich beim Ausverkauf im Januar im Schaufenster des Ladens um die Ecke gesehen und dann erwähnt hatte, wie gut sie ihm stehen würden.

Die Schuhspitzen zeigten jetzt in meine Richtung. Ich gab mir Mühe, so leise wie möglich zu sein. Ein tiefes Seufzen ersetzte das Pfeifen. Warum geht er nicht weiter? Ich spürte, wie mir das Herz in der Brust hämmerte. Warum nur war mir das schon wieder passiert? Ich hatte mich in diese peinliche Situation manövriert und konnte niemandem außer mir selbst die Schuld dafür geben. Als er sich wieder in Bewegung setzte und auf meinen Schreibtisch zusteuerte, hörte ich, wie die Tür erneut aufschwang.

„Was geht?“ Kellis heisere Morgenstimme erfüllte den stillen Raum.

„Guten Morgen, Kel, hast du gestern Abend das Licht angelassen, als du gegangen bist?“, fragte er.

Ich hörte Kelli aufstöhnen und konnte mir sehr gut vorstellen, wie sie die stark mit Kajal geschminkten Augen verdrehte und ihm diesen unglaublich genervten Blick zuwarf – den hatte sie bis ins kleinste Detail perfektioniert.

„Was? Nee, das war ich nicht. Bin noch vor Georgia gegangen.“ Sie gähnte laut. Jetzt kamen ihre schmutzigen, abgestoßenen Converse-Treter in Sicht. Die ehemals weißen Schnürsenkel waren von etwas überzogen, das wie brauner Matsch aussah. Diesem Boden musste dringend eine ordentliche Grundreinigung verpasst werden. Noch ein Punkt für meine ständig länger werdende To-do-Liste. Vielleicht sollte ich mir einen dieser supertollen Teppich- oder Dampfreiniger ausleihen. Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Mutter vor einer Weile einen beim Bingo gewonnen hatte. Nicht abschweifen, Georgia. Konzentrier dich darauf, außer Sichtweite zu bleiben. Erneut spannte ich meinen ganzen Körper an. Meine Schultern taten weh, weil ich die ganze Nacht übers Notebook gebeugt gesessen hatte, und jetzt fingen auch noch meine Beine an, zu kribbeln.

„Oh, verstehe“, erwiderte Ben, und dann waren seine Füße nicht mehr in meinem Blickfeld. Ich hörte, wie das Holzschild sanft gegen die Glasscheibe der Tür schlug und somit anzeigte, dass wir jetzt geöffnet hatten. „Kannst du dann einfach Georgias Lampe ausschalten? Ich werde mit ihr reden, sobald sie hier ist. Vielleicht ist es ja eine neue Sicherheitsmaßnahme, die sie sich ausgedacht hat“, rief er Kelli zu.

Scheiße. Ich hatte vergessen, dass sie noch angeschaltet war.

„Ja, klar“, murmelte Kelli und schlurfte zu mir herüber. Ihre Füße blieben genau neben meinem Stuhl stehen. Durch die Risse ihrer ausgewaschenen Jeans konnte ich ihre blassen, weißen Beine sehen. „Kann sie ihre blöde Lampe nicht selbst ausmachen?“, hörte ich sie vor sich hin grummeln, während sie sich über meinen Tisch hinweg beugte. Ich kniff die Augen zu. Wie sollte ich hier unten nur wegkommen, ohne dass mich die beiden dabei erwischten?

„Mist. Die Milch ist alle. Kannst du uns Kaffee holen? Nimm dir etwas Kleingeld aus der Kaffeekasse“, rief Ben aus der kleinen Küche im hinteren Bereich des Ladens.

„Na gut“, schnaufte Kelli und fegte dabei einen meiner Stifte vom Tisch.

„Pass bloß auf“, warnte Ben. „Bring ihren Schreibtisch nicht durcheinander.“

„Ja, wir wissen ja, dass sie ’ne Zwangsneurose hat“, erwiderte Kelli kichernd.

„Organisiert, Kelli. Das hast du doch eigentlich gemeint, oder? Sie ist organisiert“, korrigierte Ben und ich konnte das Lächeln in seiner Stimme heraushören.

„Hm, eher ein Psycho-Kontrollfreak, wenn du mich fragst“, murmelte Kelli leise.

„Was war das?“

„Nichts. Ich hab nur gesagt, ich werd schon kein Chaos machen.“

Ich war weder ein Psycho-Kontrollfreak noch hatte ich eine Zwangsneurose! Ich mochte es einfach nur, den Überblick über alles zu behalten, einen Plan zu haben, und zu wissen, dass alles so lief wie vorgesehen – es war doch klar, dass ich dann einen gewissen Grad an Organisation brauchte; und Kelli würde es garantiert nicht schaden, sich das auch mal anzueignen, wütete ich innerlich.

Kellis dünner Arm streckte sich nach dem Stift am Boden aus. Ihre Finger tasteten nur wenige Zentimeter von meinen Füßen entfernt herum. Der Hand folgten die Haare mit den blauen Strähnen und ihr blutarm wirkendes, blasses Gesicht. Ihre blutunterlaufenen Augen trafen auf meine. „Oh!“ Ich zuckte zusammen und legte schnell den Zeigefinger über die Lippen.

„Was denn?“, rief Ben.

Ich schüttelte den Kopf und zeigte mit dem Finger hinauf zum Schreibtisch. Langsam verzog sich Kellis Mund zu einem Grinsen, und sie richtete sich wieder auf.

„Nichts. Ich habe nur eben, ähm, den Tacker gefunden, den ich gesucht hatte.“ Ihre Füße verschwanden wieder aus meinem Blickfeld. „Ähm, weißt du, ich glaube, es wäre besser, wenn du den Kaffee holst. Ich habe gerade meine Tage und sollte nicht zu lange in der Kälte draußen sein.“

Ich musste mir das Lachen verkneifen. Clever gemacht, Kelli; eines wusste jede Frau: Die Periode zu erwähnen war die beste Methode, um einen Mann abzuschrecken und sich aus etwas rauszureden, das man nicht machen wollte.

Ich konnte förmlich spüren, wie Bens Gesicht einen wunderschönen tiefroten Ton annahm, während er stammelte: „Ah, oh, okay. Kein Problem. Mach du dich einfach, ähm, an die Arbeit, und ich hole uns Kaffee.“ Kelli sank theatralisch in den gegenüberstehenden Schreibtischstuhl. „Danke, Ben. Das weiß ich echt zu schätzen. Wenn meine Tage vorbei sind, dann gehe ich wieder, versprochen.“

Ich hörte Stoff rascheln und dann das Klingeln der Glocke, als die Tür zügig geöffnet und wieder geschlossen wurde. Vorsichtig lugte ich hinter meinem Rollschrank hervor, um zu prüfen, ob die Luft rein war.

„Keine Sorge. Er ist weg“, sagte Kelli und legte die Füße auf den Tisch. Ich krabbelte unter meinem Tisch hervor und zupfte große Staubflocken von meinem zerknitterten Rock. „Dann hast du also schon wieder hier übernachtet?“

„Ich weiß echt nicht, wie das passieren konnte. Eben habe ich noch an den europäischen Rundreisen gearbeitet, und dann kommt plötzlich Ben durch die Tür und weckt mich auf. Er darf mich auf keinen Fall so vorfinden, nicht nach dem, was letztes Mal passiert ist.“ Bei der Erinnerung daran zuckten wir beide zusammen.

Vor ein paar Wochen hatte ich Tag und Nacht an einer Präsentation für einen neuen Reiseveranstalter gesessen, mit dem wir gern zusammenarbeiten wollten, und war dabei am Schreibtisch eingeschlafen. Ben hatte mich schlafend auf eine der Folien sabbernd vorgefunden, und weil er mich so abrupt geweckt hatte, hatte ich aus Versehen eine volle Tasse kalten Tees umgestoßen und damit mein Notebook ertränkt. Auf dem Notebook befand sich unsere ganze harte Arbeit, und ich hatte keine Sicherheitskopie gemacht. Das bedeutete, dass all unsere Mühen umsonst gewesen waren. Die Tastatur hatte in der braunen Pfütze geschwommen, und die Computerfritzen hatten nichts mehr retten können. Ben hatte mit den Schultern gezuckt und gemeint, solche Dinge würden eben manchmal passieren, und dass es uns eine Lehre sein sollte, wie wichtig es sei, unsere Arbeit zu sichern. Aber ich hatte gewusst, dass er angepisst war.

Bei der Gründung unseres Geschäfts hatte ich die Vorstellung gehabt, dass wir beide unsere Tage mit viel Spaß an unserer harten Arbeit verbringen würden – und unsere Nächte eng umschlungen im Bett. Mir war nicht klar gewesen, wie weit wir uns durch unsere Zusammenarbeit voneinander entfernt hatten. Aus dem Schlafzimmerblick waren Blicke der Enttäuschung geworden.

Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz nach neun, und ich würde es nicht mehr nach Hause schaffen, um mich umzuziehen, ohne dass Ben sich wundern würde, warum ich so spät dran war. Ich würde also die Falten in meinem Rock mit der Hand glatt streichen und darauf hoffen müssen, ihm würde nicht auffallen, dass ich die gleiche Bluse wie am Tag zuvor trug. Ich schlüpfte in die abgetragenen schwarzen Absatzschuhe und eilte ins Bad, um mich um das Vogelnest auf meinem Kopf zu kümmern, das als mein Haar posierte.

„Wenn du willst, kann ich dir Make-up leihen“, rief Kelli mir hinterher. Als ich einen Blick auf die dunklen Ringe unter meinen übernächtigten Augen, auf meine teigige, fast gräuliche Haut warf und mit der Zunge den Pelz auf meinen Zähnen fühlte, nahm ich ihr Angebot an. Kurz darauf wirkte ich weniger wie eine wandelnde Leiche bei Nacht, sondern eher wie eine bei Tagesanbruch. Meine Wangen waren dick mit Puder bedeckt, ein Klecks rotbraunen Lippenstifts und ein fetter Kajalstrich vervollständigten den Look. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das besser aussah als vorher, doch zumindest war ich die verkrusteten Überreste vom Schlaf in meinen Augen losgeworden und hatte mir die Schlaffalten aus dem Gesicht gerubbelt. Der Zustand meiner Haare stand auf einem völlig anderen Blatt. Es hatte derart dringend ein wenig liebevolle Zuwendung nötig, dass ich mich schon gar nicht mehr daran erinnern konnte, wann ich das letzte Mal beim Friseur gewesen war, von der letzten Haarpackung ganz zu schweigen. Strohig, glanzlos und büschelweise abstehend – meine Haare waren die reinste Katastrophe.

„Hier, versuch einfach, es nach hinten festzustecken.“ Kelli reichte mir ein paar Haarklammern.

„Danke, Kel, das weiß ich echt zu schätzen.“ Ich lächelte sie an und nahm die Haarklammern. Eilig zog ich mir einzelne Strähnen aus dem Gesicht und steckte sie an den Seiten fest.

„Keine Ursache, Boss. Und ich, ähm, ich hab das vorhin auch nicht so gemeint – dass du ein Psycho-Kontrollfreak bist und so.“ Sie scharrte betreten mit den Schuhen über den Boden.

„Keine Ahnung, wovon du sprichst“, erwiderte ich mit einem angedeuteten Lächeln, und dann schreckten wir beide beim Klingeln der Türglocke auf.

„Kel?“, rief Ben. „Es gab keinen fettarmen extra großen Latte mit doppeltem Espresso, also habe ich dir einen einfachen Filterkaffee mitgebracht, der anscheinend für jemanden namens Heyli ist.“

Kelli ließ mir noch etwas Zeit, mich wiederherzurichten, und ging auf Ben zu. „Ah, okay, danke.“

„Ist Georgia da? Warum liegt ihre Jacke auf dem Boden?“ Ich hörte, wie seine Hose raschelte, als er sich runterbeugte und das Jackett aufhob, das ich in der Eile, mich schnell präsentabel zu machen, hatte fallen lassen.

„Ähm, also, äh …“, stammelte Kelli.

„Ich bin da!“ Ich ging lächelnd hinaus und versuchte, so frisch und ausgeruht zu wirken wie nur irgend möglich. „Tut mir leid, mein Jackett muss vom Stuhl gerutscht sein, als ich schnell mal aufs Klo bin.“

„Hey, guten Morgen“, grüßte Ben und schien angesichts des neuen Looks auf meinem Gesicht leicht amüsiert. „Du siehst heute … ähm … gut aus. Hier, deine Bestellung haben sie nicht vermasselt.“

„Danke.“ Ich wurde rot, setzte mich schnell an meinen Schreibtisch und tat so, als sei alles wie immer. Dankbar nahm ich den dampfenden Kaffee entgegen, den Ben mir reichte, und gab mir Mühe, seine gerunzelte Stirn zu ignorieren, die nahelegte, dass er versuchte herauszufinden, was heute anders an mir war. „Und, seid ihr so weit für das Teammeeting?“

„Jupp.“ Er riss sich zusammen und ging zu seinem Schreibtisch hinüber.

Teammeetings wurden in allen Managementbüchern erwähnt, die ich versuchte durchzuackern. Na ja, okay, ich hatte mir die Hörbücher auf mein iPhone runtergeladen, weil ich damit den Krach der halbstarken Schulkids ausblenden konnte, die jeden Morgen im selben Bus wie ich in die Stadt fuhren. Angeblich waren Teammeetings der Schlüssel für eine zielgerichtete und gleichmäßige Aufgabenverteilung mit messbaren Ergebnissen. Außerdem half es, mit den Kollegen in Kontakt zu kommen und die Beziehungen im Team zu stärken … oder so ähnlich. Es war fast unmöglich, sich auf die monotone Stimme von 1001 Wege, ein Unternehmen zu verbessern zu konzentrieren, wenn Justin Bieber aus den winzigen Handylautsprechern irgendeines pickligen Teenagers plärrte.

Als ich vorgeschlagen hatte, wöchentliche Teammeetings abzuhalten, hatten sich sowohl Kelli als auch Ben bemüht, mich nicht auszulachen. Da wir hier nur zu dritt arbeiteten und Trisha, Bens Patentante und ehemalige Eigentümerin des Geschäfts, nur gelegentlich vorbeikam, wandten sie ein, dass wir so was nicht bräuchten. Doch ich hatte darauf bestanden, vor allem, weil ich sichergehen musste, dass keine der Aufgaben, die zu erledigen waren, in Vergessenheit geriet.

„Kel? Bist du so weit?“, fragte ich.

„Klar.“ Sie schnappte sich einen Notizblock, der fast vollständig mit ihren leicht paranoiden Kritzeleien bedeckt war, und setzte sich in die Ecke des Sofas. Dabei ignorierte sie meinen empörten Blick, als sie ihre Füße auf eins der mit Chenille bezogenen Sitzkissen schwang.

„Großartig, also …“ Meine müden Augen überflogen die To-do-Liste, und in Gedanken ermahnte ich mich, noch die Dampfreinigung des Fußbodens hinzuzufügen sowie die Anschaffung einer Tasche mit Wechselklamotten, die unterm Schreibtisch stehen sollte, falls ich noch mal eine Nachtschicht einlegte. Nur, um sicherzugehen. „Wir haben das Bildmaterial für die Marketingkampagne im Sommer bekommen, und ich habe es an euch beide weitergeleitet. Weil aber nicht genug Zeit für euer Feedback war, habe ich mein Okay gegeben. Aber ihr könnt mir glauben, dass alles wirklich gut aussieht. Dann steht diese Woche der Start der Tour nach Island an; Kelli, kümmerst du dich bitte darum, dass der Reiseleiter eine E-Mail mit allen Reisepassdaten erhält?“ Sie nickte. „Aber eigentlich kann ich das auch gleich selbst erledigen; das dauert nur zwei Minuten. Die aktualisierte Reiseroute müssen wir ebenfalls rausschicken, und da ich die schon angefangen habe, kann ich auch gleich beides fertig machen“, fuhr ich fort und strich den Punkt durch.

Ich ignorierte Bens zweifelnden Blick und ging weiter die Liste durch.

„Okay, nächster Punkt ist die Tour nach Indien, die in zwei Wochen startet. Wie ihr wisst, hat sie sich als einer unserer Bestseller herausgestellt, weshalb wir all unsere Energie darauf konzentrieren sollten. Und deshalb glaube ich, dass wir trotz des steigenden Bedarfs über eine Alternative zu dem Visaunternehmen, mit dem wir arbeiten, nachdenken sollten.“

„Was stimmt denn damit nicht?“, fragte Ben.

„Na ja, gar nichts. Ich denke nur, dass wir es besser machen könnten, wenn wir alles unter einem Dach hätten. Angeblich führt die Straffung der Dienstleistungen eines Unternehmens zu einer höheren Wertigkeit des Angebots.“ Beide hoben die Augenbrauen, was ich geflissentlich ignorierte. „Darum werde ich mich mal kümmern …“

„Georgia“, unterbrach mich Ben.

„Ja?“ Ich schaute von meiner Liste auf.

„Gibt es etwas, worum sich Kelli oder ich kümmern sollen?“

„Oh, klar, tut mir leid“, antwortete ich verlegen. „Kel, wenn du einen Dampfreiniger besorgen könntest? Denn die Fliesen hier brauchen mal eine richtige Grundreinigung.“ Diese Aufgabe konnte sie unmöglich vermasseln. „Und Ben, du hast genug damit zu tun, dich auf den Reisebranchenkongress vorzubereiten und die Texte für die Website fertig zu machen. Du hast gesagt, die neue ‚Was geht?‘-Seite würde letzte Woche online sein … und na ja … sie ist immer noch nicht da.“

„Du hast mich erst gestern darum gebeten, das zu erledigen, nicht letzte Woche“, widersprach er mit leicht gerunzelter Stirn.

„Ach, echt?“ Oh Mann, war das erst gestern? „Na ja, wie auch immer, das müsste bitte erledigt werden.“

„Geht klar“, erwiderte er mit einem Zwinkern, bei dem es mir unten herum kurz seltsam warm wurde.

Ich räusperte mich und zwang mich, den Faden nicht zu verlieren. „Danke. Und als letzter Punkt: Ich habe überlegt, dass wir vielleicht jeder eine neue Sprache lernen sollten; in der Mittagspause einen Kurs belegen oder so ähnlich? Wenn wir mehr Sprachen sprechen, dann könnte uns das wirklich helfen, neue Kunden anzuziehen und mehr Beziehungen mit ausländischen Reiseleitern aufzubauen.“

Erwartungsvoll schaute ich in ihre Gesichter und konnte sehen, dass meine Idee auf taube Ohren stieß.

„Ich glaube, das ist vielleicht eher etwas für die Zukunft“, meinte Ben leise und musste sich bei Kellis theatralischem Gähnen das Lachen verkneifen.

„Ja, vielleicht können wir das demnächst wieder aufgreifen. Aber ich habe gehört, dass Chinesisch die am häufigsten gesprochene Sprache der Welt ist, also sollten wir diesen Markt anstreben. Oh, und auch nicht ganz unwichtig: Ich habe ein Treffen mit Hostel Planners Ende dieser Woche ergattert. Dann können wir vielleicht einige unserer Touren bei ihnen unterbringen.“

„Das hast du noch gar nicht erwähnt.“ Bens dunkelbraune Augen fingen meinen Blick auf. Ein verwirrter und getroffener Ausdruck huschte ihm kurz übers Gesicht.

„Ich habe erst heute Morgen davon erfahren, i-ich meine gestern Abend“, stammelte ich.

„Möchtest du, dass ich mitkomme? Deine Aufgabenliste klingt ziemlich heftig, weißt du? Georgia, vielleicht wäre es am besten, wenn du die Last ein wenig teilst?“ Er legte den Kopf leicht zur Seite.

„Ich hab alles im Griff, glaub mir.“ Ich lächelte matt und vermied es, Kelli anzusehen, denn ich spürte, dass sie mir einen wissenden Blick zuwarf, weil ich eben nicht alles im Griff hatte.

„Bist du dir sicher?“ Ben war nicht abzuwimmeln.

„Ben, völlig sicher!“, erwiderte ich etwas harscher als beabsichtigt, und fuhr dann sanfter fort: „Tut mir leid, ich glaube, du hast mit der Vorbereitung des Kongresses schon genug zu tun. Wie weit bist du denn mit deinem Vortrag? Möchtest du ihn mal mit uns üben? Vielleicht könntest du ihn mir schicken, bevor du hinfährst, dann kann ich mal drüberschauen?“ Ich gab mir Mühe, das so unbeschwert wie möglich zu sagen, und hoffte, wie eine gut meinende Kollegin zu klingen und nicht wie ein Kontrollfreak, der genau wissen musste, was er sagen würde.

„Ich hab alles im Griff.“ Er grinste und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe.

„Aber du hast etwas aufgeschrieben, ja?“

Ben lächelte und gestikulierte mit den Händen. „Klar, das geht schon in Ordnung.“

Also hatte er nichts aufgeschrieben. Immerzu sagte er, dass er es vorzöge, frei von der Leber weg zu sprechen. Doch allein der Gedanke daran brachte mich schon zum Schwitzen. Ich nickte und fügte Bens Vortrag schreiben zu meiner Liste hinzu. Ich würde einfach versuchen, ihm den Vortrag heimlich in die Tasche zu stecken, damit er ihn hatte, falls – nein: wenn er ihn brauchte. Wenn er wieder zurück war, würde er mir dafür danken, dass ich ihm ausgeholfen hatte.

„Okay, hat noch jemand etwas hinzuzufügen?“

Ben schüttelte den Kopf, doch Kelli hob ihren dünnen Arm. „Das hat jetzt nicht wirklich was mit der Arbeit zu tun, aber meine Band spielt morgen Abend in der Academy.“

„Wow, das ist ja super!“, erwiderte Ben.

Kelli wurde rot. „Nee, nee, das ist nicht die echte Academy, es ist die in Rusholme, über dem Inder, aber egal, es ist immerhin ein Gig.“ Sie hielt inne und sammelte sich. „Also, ich hab mich gefragt, ob ihr beiden vielleicht kommen wollt? Ich lasse euch auf die Gästeliste schreiben, wenn ihr Bock habt. Das heißt, wenn ihr nicht zu beschäftigt seid oder so?“ Sie kaute auf ihrer dünnen Unterlippe herum.

„Na klar kommen wir. Oder, Georgia?“, sagte Ben, und unterbrach mich beim Durchscrollen meines Kalenders auf dem Handy.

„Kann sein, dass es nicht ganz eure Szene ist, aber die Getränke sind billig, und wenn ihr kommt, gibt’s noch zehn Prozent Rabatt und gratis Papadams beim Inder.“

„Georgia? Bist du dabei?“, hakte Ben nach.

„Ja, klar, klingt gut“, antwortete ich abgelenkt und bedachte beide mit einem dünnen Lächeln. „Okay, machen wir uns an die Arbeit.“

Am Ende stellte sich der Tag sogar als ein recht guter heraus, wenn man vom theatralischen und unprofessionellen Start einmal absah. Wir hatten vier Laufkunden, die vom Fleck weg Reisen buchten, und weitere sechs, die Broschüren mitnahmen und ganz den Eindruck machten, sie würden wiederkommen und eine Anzahlung leisten. Ich war gerade dabei, meine E-Mails durchzuackern, als mein Handy klingelte: meine Mutter.

„Hi Mum, ich hab nicht viel Zeit, bin ziemlich eingespannt“, sagte ich direkt.

„Das sagst du immer“, beschwerte sie sich und ich verdrehte die Augen. „Also, ich will dich nicht aufhalten; ich wollte nur sichergehen, dass heute Abend alles klargeht.“

Heute Abend? Heute Abend? Mit rasender Geschwindigkeit ging ich gedanklich meine Liste durch. Was war heute Abend?

„Ähm … klar. Ich hab alles im Griff“, log ich.

Sie seufzte erleichtert auf. „Wunderbar. Dein Vater freut sich schon so sehr darauf, dich zu sehen. Wir werden den Berufsverkehr abwarten und dann losfahren. Du weißt ja, er fährt nicht gern, wenn die Straßen von all den Verrückten bevölkert werden“, schwatzte sie. „Um wie viel Uhr hattest du noch mal im Restaurant reserviert?“

Ich hielt inne. Und plötzlich fiel mir alles wieder ein. Schnell warf ich einen Blick aufs Datum, um zu sehen, ob ich recht hatte. Jupp. Scheiße. Heute war Dads Geburtstag, und ich hatte meiner Mutter bereits vor Wochen versprochen, dass ich uns einen Tisch im Chez Laurent’s reservieren würde, dem schicken französischen Bistro, das von der Schickeria Manchesters in den Himmel gelobte wurde; dem Lokal, bei dem man unglaublich lange im Voraus reservieren musste.

„Ähm, um neun“, log ich.

„Sehr gut. Okay, dann lass ich dich mal weiterarbeiten. Bis später, mein Schatz.“

Ich verabschiedete mich, legte mit einem mulmigen Gefühl im Magen auf und ließ die Arbeit Arbeit sein. Hektisch suchte ich mir die Telefonnummer des Restaurants heraus. Mit Stoßgebeten an alle mir bekannten göttlichen Adressaten rief ich dort an, vielleicht gab es ja für den Abend eine wundersame Stornierung in letzter Minute.

Leider kein Glück.

Die eingebildete Empfangsdame erklärte mir mit eindeutig gefaktem französischen Akzent: „Äs iiist einfach uunmöögliesch.“

Ich sagte ihr, sie sollte es einfach vergessen und konzentrierte mich darauf, online eine passende Ausweichmöglichkeit zu finden. Plötzlich schien mir mein Berg an zu erledigenden Aufgaben weniger wichtig. Ich hatte mir sowohl auf dem Handy als auch im Kalender eine Erinnerung gesetzt, meinem Vater ein Geschenk zu kaufen und in diesem Restaurant zu reservieren. Doch jedes Mal, wenn der Alarm losgegangen war, hatte ich ihn weggedrückt, weil ich in dem Augenblick mit etwas anderem beschäftigt gewesen war. Jetzt könnte ich mich dafür treten. Das letzte Jahr hatte derart belastend geendet, dass ich mir vorgenommen hatte, meinen Vater an seinem Geburtstag so richtig zu verwöhnen und stilvoll zu feiern, dass er noch unter uns weilte, nachdem wir ihn um Haaresbreite verloren hätten. Ich seufzte auf und verpasste mir in Gedanken eine Ohrfeige, weil ich so eine schlechte Tochter war.

Bei den besten Sterne-Restaurants ging entweder niemand ans Telefon oder sie waren ausgebucht und es gab nur freie Tische um fünf Uhr nachmittags in zwei Wochen. Inzwischen lag ich im Zeitplan so richtig weit zurück. Wenn das so weiterging, würde ich noch eine Nachtschicht einlegen müssen, nur um aufzuholen, was ich noch nicht hatte erledigen können.

Ich seufzte laut auf, was Bens Aufmerksamkeit erregte. „Alles okay bei dir, Georgia?“

„Du kennst nicht zufällig einen Michelin-Sterne-Koch, der heute Abend zum Kochen vorbeikommen kann, oder?“, fragte ich und legte den Kopf in die Hände.

„Wie bitte?“

„Mein Vater hat Geburtstag und ich habe ihm versprochen, dass wir schick essen gehen. Aber dann hab ich es völlig vergessen“, erklärte ich stöhnend.

Kelli schaute von ihrem mit Papier übersäten Tisch auf. „Mein Kumpel Shaun arbeitet bei TGI Fridays. Ich könnte mal probieren, euch dort einen Tisch klarzumachen. Oder nee, vergiss es – das ist dann wohl doch nicht das Richtige.“

Ben verzog das Gesicht und drehte sich zu mir. „Warum änderst du nicht einfach den Plan und bekochst sie bei dir zu Hause?“

Ich lachte auf. „Ich hatte vor, sie zu verwöhnen und nicht, sie umzubringen. Erinnerst du dich noch, wie unterirdisch meine Kochkünste in Thailand waren?“

Erinnerungen an die würzig duftende, dampferfüllte Küche in Koh Lanta kamen wieder hoch. Ich errötete, als ich daran dachte, wie nahe wir uns gewesen waren, wie sehr ich davon überzeugt gewesen war, dass zwischen uns mehr laufen würde, als uns nur beim Wichteln Geschenke zu überreichen und Geschäftsideen auf zwar freundliche, aber professionelle Art auszutauschen.

Ben lächelte, als er daran zurückdachte. „Ja, vielleicht bleibst du doch lieber bei der Idee mit dem Restaurant.“

Ich wandte mich wieder meinem Notebook zu, weil ich mich lieber auf meine Arbeit konzentrieren wollte, statt darüber nachzudenken, was zwischen uns hätte sein können. Da rief Ben aus: „Moment mal, warst du nicht bei einem Networking Event oder so im Verde, diesem neuen italienischen Restaurant? Du könntest die Person anrufen, die das organisiert hat, und fragen, ob die dich noch irgendwie reinschieben können.“

„Geniale Idee! Danke.“ Ich blätterte den Berg an Visitenkarten durch, der auf meinem Tisch lag, machte mir gedanklich eine Notiz – die mal in Ruhe einsortieren – und dachte an jenen unglaublich langweiligen Abend zurück. Um dem Tod durch PowerPoint zu entgehen, hatte sich mein ruheloser Verstand von den frischen Blumen und der aus Walnussholz gefertigten Einrichtung im Restaurant ablenken lassen. Den Rest des drögen Events hatte ich damit verbracht, mich zu fragen, ob wir unser Ladengeschäft in ähnlichen Tönen dekorieren sollten.

Ich fand die Visitenkarte von Luigi, dem Restaurantmanager. Der sachliche Italiener mit zurückgegeltem Haar und einem schweren moschusartigen Aftershave hatte mir sehr enthusiastisch Tipps zu den besten Sehenswürdigkeiten in Rom gegeben, nachdem ich ihm von unseren Reisen nach Italien erzählt hatte. Fünf Minuten später hatte ich einen Tisch für drei Personen um neun Uhr in der Tasche. Bingo.

Vielleicht konnte ich das doch noch alles hinbekommen.

Kapitel 2

Desillusion, die (Substantiv, feminin): Befreiung oder befreit werden von einer Illusion

„Hier ist es ganz schön schick, nicht wahr?“, bemerkte meine Mutter und hob die cremefarbenen Salz- und Pfefferstreuer aus Porzellan von der gestärkten Leinentischdecke. „Aber sollten wir nicht eigentlich in dem französischen Lokal sein? Viv spricht ununterbrochen davon, seit ihr Sohn Adam sie einmal dorthin ausgeführt hat, als er von London zu Besuch hier war. Sie hat mich mit der verdammten Crème Brûlée, die sie dort servieren, mehr genervt als mit ihrem Ischias, und das will was heißen, weil sie normalerweise kein anderes Thema kennt.“

„Das hörte sich aber auch ziemlich gut an. Das Dessert, nicht Vivs Rückenschmerzen“, fügte mein Vater hinzu und schaute mich dann an.

„Ich habe versucht, uns dort reinzubekommen, aber es war völlig ausgebucht“, sagte ich entschuldigend und ignorierte, wie meine Mutter die Lippen schürzte, weil Adam es geschafft hatte, seine Mutter dort hineinzubekommen. „Aber dieses Restaurant ist angeblich auch sehr gut. Es ist der beste Italiener in Manchester oder so ähnlich.“

„Hmmmm“, meinte meine Mutter. „Ein wenig eng ist es hier aber schon.“

„Oder man könnte auch sagen: gemütlich?“ Ich versuchte, die große Säule aus unechtem Marmor, hinter der wir eingeklemmt saßen, in einem positiven Licht darzustellen. Luigi hatte zu seinem Wort gestanden, uns einen Tisch bereitzustellen. Er hatte nur nicht erwähnt, dass wir wie die Sardinen hinter dem römischen Kolosseum neben den Toiletten sitzen würden. Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnete, mischte sich in den aus der geschäftigen Küche stammenden, angenehmen Duft nach Rosmarin und Knoblauch eine Brise starken Toilettenreinigers.

„Also ich finde, es ist mal eine schöne Abwechslung, nicht die Nachrichten zu sehen, während ich mich über das berühmte Corned-Beef-Haschee deiner Mutter hermache“, meinte mein Vater leise lachend. Nachdem wir bei der gestresst wirkenden Kellnerin bestellt hatten, die uns ihrem glänzend roten Gesicht nach zu urteilen eindeutig vergessen hatte, machten wir uns über die kostenlosen Grissini her.

„Und du bist direkt von der Arbeit hergekommen, Georgia?“ Meine Mutter machte eine nickende Kopfbewegung auf meine Kleidung: mein zerknitterter Bürorock, eine zwei Tage lang getragene Bluse, an deren Ärmelaufschlag sich jetzt sowohl ein Tintenfleck als auch ein Kaffeefleck befanden, sowie mein von Kelli inspiriertes Emo-Make-up.

„Ja, tut mir leid. Eigentlich hatte ich vorgehabt, zuerst nach Hause zu gehen, aber ich …“

„Du warst schon spät dran“, hakte sie ein und seufzte dann. „Ach, es ist so schön, dass wir endlich mal wieder die Gelegenheit haben, uns richtig mit dir zu unterhalten. Aber ich muss trotzdem sagen, dass du ein wenig angeschlagen aussiehst, mein Schatz.“

„Ich, ähm, ich habe heute einen neuen Make-up-Look ausprobiert, aber ich glaube nicht, dass ich dabei bleiben werde“, sagte ich und wischte mir die Krümel vom Schoß. „Aber egal, alles Gute zum Geburtstag, Dad.“ Ich hob mein Glas mit Chianti und gab ihm ein Küsschen auf die Wange, wobei ich seinen vertrauten Duft nach frischer Wäsche und Tomatenpflanzen einatmete. „Dein Geschenk ist noch in der Post“, log ich. Na ja, es war nur halb gelogen. Sobald ich zu Hause war, würde ich online etwas Supertolles bestellen, das schnellstmöglich zugestellt werden sollte.

„Dich zu sehen ist das einzige Geschenk, das ich brauche.“ Er wuschelte mir durchs Haar. „Und jetzt wollen wir alles wissen. Es ist Ewigkeiten her, dass wir uns gesehen haben, mein Liebling. Wie läuft denn alles so? Du arbeitest doch hoffentlich nicht zu viel?“

„Na ja, wisst ihr, das erste Geschäftsjahr ist immer ein wenig schwierig, aber wir erkämpfen uns unser Stück vom Reisemarkt und machen sogar schon ein wenig Gewinn.“ Ich zwinkerte und spürte dieses warme Gefühl in mir. Das war der Grund, warum ich mich dermaßen abschuftete: um Ergebnisse vorzeigen zu können.

„Das sind ja tolle Neuigkeiten.“ Mein Vater grinste stolz und stieß mit seinem Glas an meinem an.

„Und wie läuft’s von der Arbeit mal abgesehen? Gibt’s da Männer, von denen wir wissen sollten? Ich dachte ja immer, dass du und Ben ein wirklich hübsches Pärchen abgeben würdet. Mit deiner Intelligenz und seinen dunkelbraunen Augen würden die Kinder quasi geniale Supermodels sein.“

„Mum!“ Ich wischte mir schnell den Tropfen blutroten Weins vom Kinn.

„Na was denn?“ Sie zuckte unschuldig mit den Schultern. „Georgia, stürze dich nicht so sehr in die Arbeit, dass du am Ende vergisst, auch mal Spaß zu haben.“

„Aber ich habe Spaß.“ Ich machte einen leichten Schmollmund und versuchte, meine Mutter und den Würgreflex zu ignorieren, der aufkam, als ein übergewichtiger Mann die Toilette verließ. Er zog eine unangenehme Mieffahne hinter sich her und zwängte sich an uns vorbei. „Ich habe Spaß hier und jetzt.“

„Zum Geburtstag deines Vaters auszugehen zählt nicht. Hier drinnen wirst du ja nicht gerade den Mann deiner Träume treffen“, spöttelte meine Mutter.

„Ich muss deiner Mutter recht geben, mein Liebling.“ Mein Vater nickte Richtung Männerklo und lachte dann.

„Dafür hab ich im Moment eh keine Zeit.“ Ich wedelte mit den Händen und wünschte mir, die Kellnerin würde sich mit unseren Gerichten beeilen, damit die Aufmerksamkeit nicht mehr darauf gerichtet war, wie sehr ich in allen Bereichen außer dem beruflichen versagte. Um keinen Preis wollte ich meine Gefühle für Ben hochkommen lassen, schon gar nicht, nachdem ich mir in den letzten paar Monaten so sehr Mühe gegeben hatte, sie fein säuberlich in einer Kiste mit der Aufschrift Nicht Öffnen! zu verstauen.

„Hm, wir machen uns Sorgen um dich, das ist alles“, sagte meine Mutter und legte sanft ihre Hand auf meine. „Als du von deiner Reise zurückgekommen bist, warst du so sehr von deiner Geschäftsidee begeistert, und es ist wunderbar, dass alles so gut läuft. Das denke ich wirklich.“ Sie seufzte. „Aber Georgia, du musst aufpassen, dass das nicht deine gesamte Zeit in Anspruch nimmt.“

Ich zog meine Hand fort, trank einen großen Schluck Wein und lächelte sie an. „Wie gesagt, mir geht’s gut.“

Meine Mutter schaute mich weiter an und zog eine Augenbraue hoch, bevor sie langsam nickte. „Und, wie geht’s Marie? Und dem kleinen Cole? Wir haben sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen; er ist bestimmt schon viel größer geworden.“

„Denen geht’s gut …“, sagte ich, und dachte an meine beste Freundin und ihren Sohn. „Ich hab sie schon eine Weile nicht gesehen, aber ihr wisst ja, wie das ist. Sie macht ihr Ding, ich mache meins. Ich rufe sie bald mal an.“

„Oh, dann grüße sie bitte von mir und deinem Vater.“

„Mach ich, versprochen. Und, wie hast du deinen Geburtstag verbracht? Hast du was Nettes geschenkt bekommen?“, fragte ich meinen Vater, weil ich unbedingt das Thema wechseln wollte. Immer wenn ich mit meinen Eltern zusammen war, passierte etwas, das mich wieder zu dem schmollenden Teenager werden ließ, der nicht über Jungs reden wollte – oder zumindest nicht über einen Jungen im Speziellen.

„Nun, ja. Deine Mutter hat sich dieses Jahr mit einem Digitalradio der Spitzenklasse selbst übertroffen.“ Die Lachfältchen um die Augen meines Vaters zeigten sich, während er erzählte. „Das solltest du mal sehen, Georgie. Ich kann mir Radiosendungen einstellen, von denen ich nicht einmal gewusst habe, dass es sie gibt. Also mal ehrlich, was wird man sich als Nächstes ausdenken?“

Er erzählte gerade von einer Garten-Talkshow eines Mannes namens Wayne aus Dorset, als mein Handy klingelte. „Tut mir leid, da muss ich rangehen. Vergiss nicht, was du sagen wolltest, es dauert nur eine Minute.“ Beim Aufstehen passte ich auf, dass ich mir nicht den Kopf an dem Gesims stieß, unter dem wir saßen.

„Oh, sicher. Okay.“ Mein Vater nickte betrübt.

Damit ich den Anrufer besser verstehen konnte, eilte ich schnell Richtung Tür, verließ das warme, gemütliche Lokal und trat in die kühle Frühlingsluft. Ich hatte vollkommen vergessen, dass ich ein spätes Telefonat mit Dan Milligan vereinbart hatte, dem Verkaufsleiter des führenden Reisemagazins Itchy Feet. Nachdem mir aufgefallen war, dass alle unsere Konkurrenten dort superschicke, ganzseitige Anzeigen schalteten, hatte ich daran gearbeitet, uns ebenfalls einen Werbeplatz darin zu sichern, denn was die konnten, das konnten wir schon lange.

„Guten Abend, Georgia Green hier“, sagte ich mit vornehm klingender Telefonstimme und hoffte, dass die verblassende Sirene nicht zu sehr hörbar war.

„Hey Georgia. Dan hier. Ich wollte kurz durchklingeln, weil heute, wie du weißt, der letzte Tag ist, um eine Werbung in der nächsten Ausgabe zu platzieren. Ich habe hier ein Hammer-Angebot, das vielleicht was für dich wäre.“

Dann schloss er eine routiniert klingende Verkaufsrede inklusive Leserzahlen und anderen Kennzahlen an, die ganz beeindruckend klangen, obwohl ich sie nicht ganz verstand, und machte dann eine effektvolle Pause.

„Also … da wir großen Wert darauf legen, auch neu aufstrebende Reiseanbieter im Magazin aufzunehmen, damit wir frisch und am Puls der Zeit bleiben, könnten wir dir eine halb- oder ganzseitige Anzeige zum Spezialpreis anbieten, nämlich …“, er machte erneut eine Pause, „… vierzig Prozent Nachlass vom üblichen Preis.“

„Wow, das ist um einiges günstiger als erwartet“, rief ich überrascht aus.

Er lachte übertrieben, wie der Moderator einer Spielshow. „Die Sache ist, ich kann dir das nur zu diesem Preis anbieten, weil es extrem kurzfristig ist. Das heißt, ich brauche eure Infos quasi gestern. Es muss so bald wie möglich in den Druck, wenn du verstehst, was ich meine?“

„Heute Abend? Das hat nicht Zeit bis morgen?“ Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Ich würde das Geburtstagsdinner meines Vaters verlassen und schnell ins Büro zurücksausen müssen, um etwas zusammenzuschustern. Außerdem bedeutete das, dass ich es nicht zuerst mit Ben absprechen konnte. Sie würden doch sicher bis morgen Vormittag warten können?

„Kann ich nicht machen. Ich halte hier bereits alles auf, weil ich dir diesen stark reduzierten Preis anbieten wollte. Wir verschenken das ja quasi!“

Ich schwieg und überlegte; auch mit dem reduzierten Preis würde immer noch ein riesiges Stück von unserem Werbebudget dafür draufgehen.

Dan musste mein Zögern gespürt haben. „Weißt du, die Leute von Super-Hammer-Reisen warten auch noch auf meinen Anruf. Ich wollte dir nur das Vorkaufsrecht anbieten, aber ich bin mir sicher, dass die sich das Angebot schnappen werden, sobald ich hier auflege.“

Normalerweise war Ben für das Werbebudget verantwortlich, aber das Angebot war einfach unwiderstehlich gut. Ich würde mich bei meinem Vater entschuldigen müssen, aber ich war mir sicher, er würde das verstehen. Ich atmete tief durch. „Ja, super, lass uns das so machen. Wir sind dabei.“

„Ausgezeichnet. Ich mache ein paar Anrufe und meld mich dann zurück, um alles zu bestätigen. Sobald das erledigt ist, hast du noch eine Stunde, um mir die Texte zu schicken.“

„Ich geb dir mein Wort“, sagte ich vor mich hin lächelnd und legte auf.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Meine Arme waren mit Gänsehaut überzogen und mir klapperten die Zähne, doch ich hatte es geschafft, uns eine ganzseitige, mehrfarbige Anzeige in der nächsten Ausgabe zu sichern. Ich konnte es kaum erwarten, Ben davon zu erzählen. Okay, vielleicht würde er ein wenig ausrasten, wenn er erfuhr, wie viel von unserem Werbebudget ich soeben innerhalb von nur fünf Minuten verpulvert hatte, aber ich war überzeugt davon, dass es die richtige Entscheidung war.

Es ging wirklich aufwärts mit dem Lonely Hearts Travel Club, unseren maßgeschneiderten Rundreisen für Singles mit gebrochenem Herzen. Seitdem wir das Unternehmen letztes Jahr im November gegründet hatten, hatte ich für nichts anderes gelebt und alles gegeben, damit es ein Erfolg wurde. Und erstaunlicherweise schien es zu funktionieren. Ich rubbelte mir über die Arme und ging zurück ins Restaurant.

„Tut mir wirklich leid. Das hat länger gedauert als gedacht …“, ich verstummte, als ich das verschlossene Gesicht meiner Mutter und die Enttäuschung auf der gerunzelten Stirn meines Vaters registrierte. Sie waren stinksauer. Ihre Teller waren leer, während meine Spaghetti Carbonara zu einem eklig klebrigen, butterblumengelben Berg geronnen waren.

„Wir konnten nicht länger warten.“ Meine Mutter schürzte die Lippen.

„Oh, verstehe – natürlich. Tut mir leid“, murmelte ich und versuchte, die Gabel in die eingetrocknete Soße zu stecken, nachdem ich eine Schicht Haut von oben abgekratzt hatte. Es war einfach zu eklig, und ich schob den Teller fort. „Also, erzähl mir, was du sonst noch zum Geburtstag geschenkt bekommen hast“, sagte ich zu meinem Vater gewandt. Dem fiel es schwer, mir in die Augen zu sehen.

„Na ja, die Jungs vom Pub haben zusammengelegt und mir eine neue …“

Das Klingeln meines Handys unterbrach ihn. „Tut mir leid.“ Ich zuckte zusammen. „Dauert nicht lange.“ Ich schnappte mir das Handy und ging erneut hinaus.

„Georgia!“, sagte Dan fröhlich am anderen Ende. „Du hast das Angebot ergattert!“

„Wow, ähm, super.“ War es seltsam, dass ein leicht flaues Gefühl der Sorge in meinem Bauch aufflackerte? Nein, das Angebot war zu gut, um es sich entgehen zu lassen, besonders, wenn die Idioten von Super-Hammer-Reisen es hätten bekommen können.

„Da ist nur die Sache, dass ich deine Texte in, na ja, so einer Stunde brauche. Ist das ein Problem?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nee. Ich kümmere mich sofort darum.“

Ich legte auf, wollte eben ins Restaurant zurückgehen und überlegte schon, wie schnell ich mich loseisen und ins Büro zurückgehen konnte, als sich die Tür zum Lokal öffnete und meine Eltern in ihren Wintermänteln herauskamen.

„Mum, Dad? Wo wollt ihr denn hin?“, rief ich aus und lief zu ihnen hinüber. „Wir haben noch keinen Nachtisch gegessen“, sagte ich und rubbelte mir wärmend über die Arme.

„Georgia. Wir gehen nach Hause. Wir sind hergekommen, um Zeit mit dir zu verbringen und nicht, um herumzusitzen und einen leeren Platz anzustarren und dabei das Gefurze fremder Männer ertragen zu müssen“, blaffte meine Mutter. „Hast du vergessen, dass heute der Geburtstag deines Vaters ist? Dass er einfach nur dich sehen und ein wenig Zeit gemeinsam als Familie verbringen wollte?“

Obwohl ich selbst dringend los musste, wollte ich nicht, dass der Abend auf diese Weise endete. Mir wurde plötzlich ganz heiß. „Ich habe doch gesagt, dass es mir leidtut. Ich war nur abgelenkt von einer Sache, die ich noch klären musste. Aber das ist jetzt erledigt. Ich hab es geschafft, uns bei Itchy Feet zu platzieren. Wisst ihr noch, das Magazin, das ich vor ein paar Wochen erwähnt habe?“

Mein Vater räusperte sich und lächelte mich dann schwach an. „Das ist schön, Liebes. Tut mir leid, der Spielverderber zu sein, aber ich bin einfach ein wenig müde – du weißt ja, man wird nicht jünger und all das. Ein anderes Mal?“

Ich nickte und kaute auf der Unterlippe. „Bist du sicher, dass du okay bist?“

„Georgia, es ist schon spät. Lass uns für heute einfach Schluss machen. Du kannst dich wieder an die Arbeit setzen, und wir sehen uns dann bald“, sagte meine Mutter, während sie ihren Mantel schloss. Dann gab sie mir einen Kuss auf die Wange.

„Na dann, ruf mich bald an! Oh, und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Dad“, rief ich ihnen hinterher.

Gerade wollte ich wieder zurück ins Restaurant gehen, um meine Jacke zu holen und die Rechnung zu bezahlen, da hörte ich, wie meine Mutter in kaum geflüstertem Ton mit meinem Vater sprach: „Und, hast du auch gesehen, wie müde sie aussah? Ich sage dir, die Leitung dieses Geschäfts wird ihr einfach zu viel.“

„Ich glaube, sie braucht nur eine gute Mütze voll Schlaf und ein wenig liebevolle Zuwendung, Sheila“, erwiderte mein Vater.

„Hm, ich hoffe, du hast recht. Das ist nicht mehr normal, wie sehr sie sich selbst antreibt, und das nur, um etwas zu beweisen, das gar nicht bewiesen werden muss. Ich mache mir Sorgen um sie, Len, das ist alles.“

„Ich weiß, wir machen uns beide Sorgen, aber sie wird schon wieder werden. Sie findet einen Weg. Immerhin ist sie eine Green.“

Ich trottete ins Restaurant zurück. Dachten etwa alle, dass ich eine totale Versagerin war? Mir ging es gut. Mehr als nur gut!

Kapitel 3

Workaholic, der (Substantiv, maskulin): Person, die auf Kosten anderer Vorhaben zwanghaft arbeitet

„Ich habe gehört, dass Sie Menschen wie mir helfen können? Eigentlich bin ich auch nur aus einer Laune heraus hergekommen. Ich weiß nicht, ob mir überhaupt irgendjemand helfen kann.“ Die Frau saß mir gegenüber und hauchte die Worte kaum hörbar mit der Atemluft aus, die stoßweise aus ihrem bebenden Brustkorb zu kommen schien. Mit ihren langen, schlanken Fingern zerfledderte sie dabei langsam und gedankenverloren ein Kleenex. Die kleinen, abgerissenen Stückchen verteilten sich über den Boden, ihren knielangen pflaumenfarbenen Cordrock, einfach überall. Mir fielen ihre makellos lackierten Fingernägel auf. Das tiefe Rot hob sich glänzend von der blassen Haut ihrer zittrigen Hände ab. Das hatte ich ebenfalls gemacht, als ich in ihrer Situation gewesen war, erinnerte ich mich. Ich hatte geglaubt, ich bräuchte mir nur die Nägel perfekt zu maniküren und dann würde sich alles andere in meinem auf den Kopf gestellten Leben ebenfalls einrenken, dass ein Klecks Nagellack irgendwie alles wiedergutmachen könnte. Erst, wenn er anfing, in winzigen Stückchen abzublättern, kehrte man in die Realität zurück.

Sie trank einen Schluck Tee und ich schaute hinab auf meine eigenen Hände. Unlackierte Fingernägel, die Nagelhäutchen wucherten, und die hauchdünne Linie weißen Nagels versuchte sich erfolglos zu etablieren. Ich kaute sie immer wieder ab, diesmal nicht aus Trauer, sondern vor Stress. Zur Maniküre zu gehen stand zwar auf meiner Liste, war jedoch nur ein Vorhaben unter vielen, die ich am Laufen hatte. Mich im Fitnessstudio anmelden, ins Fitnessstudio gehen, lernen, wie der Smoothie-Mixer funktioniert, den meine Mutter mir zu Weihnachten geschenkt hatte, oft genug zu Hause sein, um den Smoothie-Mixer benutzen zu können, mich mit meiner besten Freundin verabreden, meine Eltern öfter anrufen – all diese Dinge, inklusive zur Maniküre zu gehen, waren schon lange wieder vergessen. Morgen, schien ich mir immer zu sagen. Morgen.

„Während ich auf einem Wochenende zur Teamentwicklung war, hat er dann alles zusammengepackt und ist einfach gegangen. Als ich zurückgekommen bin, habe ich unsere Wohnung halb ausgeräumt vorgefunden und einen Zettel, auf dem stand, was er getan hatte“, hauchte die Lady mit den hübschen Nägeln.

Ich zuckte zusammen. „Oh Gott, das tut mir leid.“ Ich neigte den Kopf leicht seitlich und reichte ihr ein neues Taschentuch, während ich gleichzeitig versuchte, Kelli im Auge zu behalten, die sich in der Ecke des Reisebüros mit einem gleichermaßen verunsichert aussehenden Mann unterhielt.

Mir war nicht klar gewesen, wie viel Zeit ich damit verbringen würde, den Kunden mentalen Beistand zu leisten. Auf der Suche nach einem tröstenden Ort, an dem sie mit Menschen sprechen konnten, die verstanden, dass die Liebe nicht immer nach Plan verläuft, kamen sie frisch aus hässlich zu Ende gegangenen Beziehungen hier hereingewankt. Meine Erfahrung als sitzen gelassene Braut war die zündende Idee für dieses Unternehmen gewesen. Ich hatte mich in genau der gleichen Lage befunden, in der sie nun waren. Ich hatte mich verunsichert gefühlt, war verängstigt gewesen und wollte dennoch unbedingt mein Leben verändern, als ich zum ersten Mal einen Rucksack geschultert habe und auf Reisen ging. Diese Kunden hatten immer noch Probleme, damit klarzukommen, was geschehen war. Doch ich wusste, dass die Buchung einer unserer Reisetouren sie bald von der Sehnsucht nach ihren Expartnern heilen würde.

„Er hatte eine Affäre mit unserer Nachbarin.“ Lady Hübschnagel schniefte laut und griff nach einem weiteren Taschentuch, um sich die bereits wund geriebene Nase zu putzen. Sie tat mir von ganzem Herzen leid. Ich kannte diesen Schmerz. Und ohne gefühlskalt erscheinen zu wollen: Ich wusste ebenso, dass es wieder besser werden würde. Ich wollte sie bei den schmalen Schultern greifen und schütteln, bis die Plastikperlen um ihren Hals klapperten, und ihr dabei laut versichern, dass es leichter werden würde und er ihr wahrscheinlich einen Gefallen getan hatte, dass sie in ein paar Jahren zurückblicken und den Kopf darüber schütteln würde, weil sie dermaßen niedergeschlagen gewesen war über etwas, das nun derart unbedeutend schien. Für mich hatte das Reisen – Zeit fern von allem zu verbringen, was einem zu Hause vertraut war – so viele Probleme gelöst. Es hatte mir das Vertrauen gegeben, wieder an mich selbst zu glauben und mich dazu inspiriert, dieses Unternehmen zu gründen. Davon abgesehen hatte ich Ben getroffen, was meine Hoffnung und meinen Wunsch, wieder zu lieben, neu entfacht hatte. Wenn ich es nur hinbekommen könnte, uns aus dieser Flirtphase herauszuholen, in der wir stecken geblieben waren! Einerseits waren wir ganz eindeutig nicht einfach „nur Freunde“, aber andererseits auch nicht mal annähernd in Richtung einer richtigen Beziehung unterwegs.

„Das ist jetzt sechs Monate her. Seitdem ist einfach alles nur wie in einem schlimmen Albtraum, und ich hoffe nur, dass ich mich irgendwann wieder wie ich selbst fühlen und glücklich sein kann. Als ich noch jünger war, bin ich mal durch ein Austauschprogramm in Spanien gewesen und kann mich erinnern, wie unbeschwert und glücklich ich dort gewesen bin. Diese junge Frau, diese Version meines Selbst, scheint verloren zu sein, aber ich will sie unbedingt zurückhaben, und deshalb bin ich heute hergekommen.“ Sie schnaubte ins Taschentuch und lächelte mich traurig an. Dann erzählte sie mir von den traumhaften Tagen, die sie als Studentin in einem kleinen spanischen Dorf damit verbracht hatte, süßen Kindern Englisch beizubringen, in lauen Nächten kalten Sangria unter freiem Himmel zu trinken und sehnsüchtig zu hoffen, der Nachbar der Gastfamilie, bei der sie wohnte, würde sie endlich bemerken.

„Juan.“ Sie lächelte. „Schon seltsam, welchen Einfluss Nachbarn auf mein Leben zu haben scheinen.“ In den zwanzig Minuten, die sie vor mir gesessen hatte, war das ihr erstes echtes Lächeln. Nun, zumindest konnte sie die Ironie in der ganzen Sache sehen. Die Sorgenfalten in ihrem schmalen, blassen Gesicht hatten sich gemildert, als sie sich kurzzeitig in ihre Jugend zurückversetzt hatte. „Ich habe eine Anzeige für die Reisen gesehen, die Sie organisieren – ich nehme an, mit Leuten wie mir –, und hatte gehofft, dass Sie eventuell auch etwas für mich haben?“ Sie wirkte derart verloren, dass ich sie einfach in den Arm nehmen wollte, doch ich bemerkte, wie uns der Typ, mit dem Kelli sprach, unablässig anstarrte und den intimen Moment mit seinem seltsamen, kalten Blick ruinierte.

Ich nickte und tätschelte ihre Hand. „Wir werden unser Bestes geben, Sie wieder in diese glückliche junge Frau zu verwandeln. Ich bin überzeugt, dass das klappt.“

Auf der Suche nach passenden Reisen fing ich an, auf meiner Tastatur herumzutippen. Wir waren unglaublich erfolgreich damit, Menschen mit Ländern und Herausforderungen zusammenzubringen, die sie aus ihrer Komfortzone herausholten und wieder in Ordnung brachten. Die Wand hinter mir war bedeckt mit Dankeskarten und Postkarten jener Kunden, die früher einmal im selben Stuhl gesessen hatten wie sie jetzt. Deshalb liebte ich meine Arbeit. Die Befriedigung, anderen Menschen dabei zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen, war unermesslich groß. Dann bedeutete das eben, dass andere Dinge in meinem Leben womöglich zu kurz kamen, na und?

Es dauerte nicht lange und Lady Hübschnagel war auf eine Reise nach Barcelona gebucht, um ihre Jugend in Spanien neu aufleben zu lassen. In einer kleinen Gruppe konnte sie ihre Sprachkenntnisse auffrischen, abends ausgehen und sich amüsieren sowie die Architektur um sich herum aufnehmen. Die Reiseinformationen an die knochige Brust gepresst, verließ sie strahlend das Reisebüro. Ich konnte nicht anders und musste auch lächeln.

Mir fiel auf, dass der seltsame Mann, mit dem Kelli gesprochen hatte, ebenfalls gegangen war. „Was wollte er denn?“, fragte ich sie und sammelte die Taschentuchfetzen vom Boden auf.

Kelli zuckte mit den Schultern. „Das war ’n echter Spinner. Ich hab ihn gefragt, wonach er sucht, aber alles, wofür er sich interessiert hat, waren langweilige Fakten übers Geschäft.“ Sie warf sich einen Kaugummi ein und kaute lautstark darauf herum.

„Hast du so mit ihm gesprochen, wie wir es dir gesagt haben?“ Wenn ich an die Zeit dachte, als wir sie als Gefallen für Trisha, die mit Kellis Tante befreundet war, eingestellt hatten, dann schüttelte es mich. Ein paar Wochen, nachdem sie angefangen hatte, war eine Neukundin hereingekommen, jemand in einer ähnlichen Verfassung wie die Lady, der ich soeben geholfen hatte: gerötete Augen und eine wunde Nase vom ständigen Putzen und Wegwischen von Tränen. Sowohl Ben als auch ich waren damals gerade am Telefon, also war Kelli zu ihr hinübergegangen und hatte der armen Frau unsere Broschüren vor das traurige Gesicht gehalten. Beim Anblick des ausgewaschenen Band-T-Shirts, das Kelli trug, hatte sie beinahe augenblicklich angefangen zu weinen. Zwischen den Schluchzern hatte sie erklärt, dass ihr Ex diese Band liebte. Anstatt sie zu trösten, ihr eine Tasse Tee und einen Platz im gemütlichen Sessel anzubieten, war Kelli in schallendes Gelächter ausgebrochen und hatte klargestellt, dass sie das T-Shirt nur ironisch trug, weil die Musik der Band totaler Scheiß war. Eine echte Anhängerin von „rau, aber herzlich“, ja, das war sie, unsere Kelli. Die Kundin machte sich auf jeden Fall schnell aus dem Staub und kam nie wieder.

Ständig war Kelli zu spät aufgetaucht – mit einem Kissenabdruck auf der Wange und ohne Entschuldigung. Nie trug sie passende Kleidung und kämmte sich ihre Haare so gut wie gar nicht. Doch Ben hatte darauf bestanden, dass wir sie behielten, um ihrer Tante eine Freude zu machen. Außerdem hatte er noch orakelt, dass sie mit ein wenig Unterstützung aufblühen würde – und damit recht behalten. Ben hatte viel Zeit damit verbracht, Kelli geduldig zu erklären, dass sie den Kunden erst zuhören musste, bevor sie sie aufgrund des Musikgeschmacks ihres Ex verurteilte oder ihnen unsere Touren aufdrängte. Einige Kunden waren einfach noch nicht dazu bereit, loszuziehen und die Welt zu erkunden, sie trauerten noch immer um ihre Beziehungen und waren nicht ganz so weit, eine neue Seite aufzuschlagen und ein neues Leben zu beginnen.

Nach und nach hatten sich Kellis hochgezogenen Schultern entspannt, ihre Pünktlichkeit hatte sich verbessert, und ihre schmollende Teenagereinstellung, mit der sie bei diesem Job angetreten war, hatte sich zu einer Art verletzlicher Selbstsicherheit gewandelt. Zwar war sie nicht die perfekte Angestellte, aber sie hatte ein Herz aus Gold und begriff, was wir hier erreichen wollten, auch wenn sie nach wie vor manchmal so taktvoll war wie ein plumper Fleischer.

„Äh, jahaaa.“ Kelli verdrehte die mit Kohlkajal geschminkten Augen. „Und obwohl er sich verdächtig benommen hat, hab ich ihm ’nen Tee angeboten. Aber er hat Nein gesagt.“

Ich warf die Taschentuchreste in den Müll und schaute sie an. „Was meinst du mit verdächtig?“

„Weiß nicht. Der hat nur gefragt, wie der Laden läuft … irgendwas mit Umschlag?“

„Umsatz? Geld?“

Gelangweilt vom Thema zuckte sie mit den Schultern. „Kann sein. Ich hab gesagt, es läuft ganz okay, obwohl ihr mir ein bisschen mehr zahlen könntet.“ Sie sagte das derart sachlich, dass ich am liebsten loslachen wollte.

„Wenn wir könnten, würden wir das auch, das weißt du.“ Ich lächelte sie an, und sie verdrehte erneut die Augen. „Hattest du den Eindruck, dass er eine Tour buchen wird?“

„Ähm, er hat sich über die nach Indien erkundigt, du weißt schon, die, die voll gegen die Wand fährt.“ Sie gähnte.

„Sie fährt nicht gegen die Wand.“ Ich schürzte die Lippen. „Es hat nur ein paar weniger gute Rezensionen gegeben, das ist alles.“ Den Grund dafür herauszufinden stand weit oben auf meiner To-do-Liste. Wir hatten das Glück gehabt, bei allen anderen Reisen, die wir anboten, fast nur fünf Sterne zu bekommen, und anfangs bekam die Indienreise ähnliche Bewertungen. Doch momentan kam sie uns echt wie das schwarze Schaf in der Familie vor.

Kelli nickte langsam. „Na ja, wie auch immer. Ich hab ihm die Broschüre mitgegeben.“

„Okay, gut“, murmelte ich abgelenkt. In ein paar Wochen würde eine weitere Reise nach Indien starten, und ich war entschlossen, sie zu einer der besten aller Zeiten zu machen.

„Hey, wieso machst du so ein Gesicht?“, fragte Ben, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte und aufgestanden war, um den Wasserkocher anzuschalten.

„Ach, nichts. Ich denke nur wieder an die Bewertungen für Indien.“ Ich seufzte. „Kelli hatte gerade einen Kunden, der nach unserer Reise nach Indien gefragt hat. Ich will mich nicht schon wieder auf Ein-Stern-Bewertungen einstellen müssen.“

Ben nahm die Milch aus dem Kühlschrank. „Keine Sorge, Georgia. Unsere Erfolgssträhne musste eines Tages mal zu Ende gehen. Ich bin erstaunt, dass wir überhaupt schon so oft fünf Sterne bekommen haben. Dass wir es nicht allen recht machen können, ist ja ganz normal.“

„Aber das sollten wir! Wir arbeiten hart daran, die besten Reiseleiter auszusuchen, die schönsten Hotels und die witzigsten Aktivitäten zu bieten.“ Ich wurde ungewollt laut. „Jede Tour sollte ohne Zwischenfall ablaufen.“

„Klar, und My Chemical Romance sollte wieder als Band zusammenkommen und auf Tour gehen, aber nicht alles, was wir wollen, funktioniert am Ende auch so“, warf Kelli ein.

„Vielen Dank dafür, Kel, echt hilfreich“, erwiderte ich sarkastisch.

„Aber sie hat recht, weißt du“, sagte Ben, und reichte mir eine bis zum Rand gefüllte Teetasse. Ich nahm sie an und lächelte dankbar. Vorn war ein Foto von uns beiden abgedruckt, das erst letztes Jahr in der Lokalzeitung zur Eröffnung unseres Geschäfts erschienen war. Wir sahen so glücklich aus – nicht ahnend, worauf wir uns einließen und welche Abenteuer noch vor uns lagen. Ich hielt die Tasse immer noch in Ehren, auch wenn der Geschirrspüler den Großteil der Farbe abgelöst hatte und mein Lächeln halb verblasst war.

„Prost“, sagte ich und zwinkerte zurück. „Was meinst du mit ‚sie hat recht‘?“

„Na ja, ich weiß, dass wir unseren Kunden die besten Reisen anbieten wollen und jeden, der dieses Reisebüro betritt, glücklicher machen wollen, als er es war, bevor er uns kannte, aber das funktioniert eben nicht immer so, Georgia. Wir können nicht die Probleme aller Menschen lösen. Ein paar miese Beurteilungen zu bekommen, gehört bei diesem Business einfach dazu, vor allem, weil wir mit ein paar sehr verletzten Menschen zu tun haben. So ist das nun mal.“ Er zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.

Ich seufzte. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht musste sich die Perfektionistin in mir einfach mal entspannen. „Aber kommt es dir nicht seltsam vor, dass die meisten dieser Beurteilungen von Leuten von der Tour nach Indien sind?“

„Ich war schon ein paar Mal in Indien. Da geht’s echt krass zu.“ Ben schüttelte gedankenverloren den Kopf. „Ich wette, die Leute hatten eher Schwierigkeiten mit dem Land als mit unserer Tour. Das ist eine ganz andere Welt da drüben, meilenweit entfernt von dem Leben, das wir hier führen, und für einige ist dieser Kulturschock einfach zu viel. Komm schon, stress dich bitte nicht deswegen. Es ist so, wie du gesagt hast, wir haben die besten Reiseführer, die besten Touren geplant, und wir geben hundert Prozent, aber wir können nicht alles kontrollieren.“

Ich nickte bedächtig. „Stimmt schon.“

„Und, wie war das Geburtstagsessen mit deinem Dad? Hat deinen Eltern das Restaurant gefallen?“, fragte Ben und wechselte das Thema.

Ich fasste mir an die Stirn. „Oh Gott, ich hab total vergessen, dir das zu erzählen.“

„Mir was zu erzählen?“

„Okay, du kennst ja den Verkaufsfritzen bei Itchy Feet?“ Ben nickte langsam. „Also, ich hab’s geschafft, uns einen sehr guten Preis für eine Anzeige bei denen zu sichern. Vierzig Prozent Nachlass!“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Wow, wie hast du denn das geschafft?“

„Weiblicher Charme.“ Ich grinste. „Ich hab ihm die Texte letzte Nacht rübergeschickt und wir sollten in der nächsten Ausgabe sein, die dann in ein paar Wochen rauskommt.“

Bens Lächeln verschwand augenblicklich. „Was?“

„Bei dem Angebot musste ich schnell zuschlagen, weil Dan noch andere Interessenten hatte, und ich konnte unmöglich zulassen, dass die von Super-Hammer-Reisen es bekommen.“

„Moment mal – du hast das also beschlossen und die Texte rübergeschickt, ohne zuerst mit mir zu sprechen?“

Meine diebische Freude zerplatzte wie eine Seifenblase, und ich nickte. „Ja, denn wenn ich das nicht gemacht hätte, dann hätten wir die Chance verpasst“, sagte ich leise und merkte, wie die Atmosphäre immer unangenehmer wurde. Kelli spürte die Stimmung und verzog sich aufs Klo. Auf dem Weg an mir vorbei murmelte sie etwas vor sich hin.

„Georgia“, blaffte Ben. „Du hast mir versprochen, dass wir große Entscheidungen wie die hier, Entscheidungen, die Geld kosten, immer gemeinsam treffen würden. Sogar mit dem Rabatt hat das unser Werbebudget wahrscheinlich plattgemacht.“

„Es tut mir leid, ich wollte nur nicht, dass wir diese Chance verpassen.“

„Das ist der älteste Trick der Welt, zu sagen, dass noch jemand anderes Interesse hat, damit der erste Trottel dem Handel zustimmt, ohne erst darüber nachzudenken.“

„Oh.“

„Genau, oh.“ Er rieb sich mit der Hand übers Gesicht. In letzter Zeit sah er sehr viel müder aus als sonst. „Ich dachte, wir hätten abgemacht, dass wir keine großen Entscheidungen treffen, ohne erst mit dem anderen darüber zu sprechen.“

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