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P.I.D. 5 - Himmel in Gefahr

P.I.D.-Mitglied Karsten muss seinen schwierigsten Undercover-Einsatz bestehen. Er schleust sich in das Jugendzentrum Fort Heaven ein, um die junge Sozialarbeiterin Olivia zu beschützen. Denn was die faszinierende Schönheit nicht weiß: Jemand aus ihrer Vergangenheit sucht sie. Und sie schwebt in großer Gefahr! Das Verschwinden ihrer Kollegin und guten Freundin Camille ist nur eine von vielen mysteriösen Entführungen im Umfeld von Fort Heaven. Als sich zwischen dem charmanten Karsten und Olivia ein heftiges Knistern entwickelt, dem beide kaum widerstehen können, bedroht dies das ganze Team. Und als wäre das noch nicht genug, nimmt der Fall an Fahrt auf. Die P.I.D. kommen einem unvorstellbaren Verbrechen auf die Spur …

Der fünfte Teil der P.I.D.-Serie von Andrea Bugla.

P.I.D. 1 - Im Visier der Vergangenheit

P.I.D. 2 - Gefährliche Hingabe

P.I.D. 3 - Entfesselte Schuld

P.I.D. 4 - Fatale Träume

P.I.D. - Verborgene Erinnerung (Kurzroman)


  • Erscheinungstag: 14.02.2018
  • Aus der Serie: P.I.D.
  • Bandnummer: 5
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783733711696
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1

Die Finger fest um die Griffe des mit Gläsern und Eistee beladenen Tabletts geklammert, drückte sich Olivia rücklings gegen die Fliegengittertür. Eigentlich wartete die Buchhaltung auf sie, doch das hier hatte jetzt einfach Vorrang. Seit einer Dreiviertelstunde schon spielten Zak, Lenny, Colin, Tyler, Paul und Bobby ohne Unterlass Basketball. Wie oft sie ihren Kids schon gepredigt hatte, dass gerade bei diesem Wetter trinken ungemein wichtig war, wusste sie schon nicht mehr. Es herrschten immerhin über 30 Grad, und hier hinterm Gebäude gab es nicht das kleinste bisschen Schatten. Also hieß es auch heute mal wieder: Kommt der Prophet nicht zum Berg …

Olivia hatte es fast schon nach draußen geschafft, als unvermittelt die Tür aufgerissen wurde. Sie hatte nicht damit gerechnet, plötzlich keinen Widerstand mehr im Rücken zu spüren. Wären da nicht die Hände gewesen, die beherzt nach ihrem Arm und dem Tablett griffen, sie wäre zweifelsohne auf ihrem Hintern gelandet.

„Tschuldige. Dachte, du hättest mich bemerkt. Warum sagst du nichts?“ Lenny mit seinen stolzen eins neunundachtzig sah auf sie herab und nahm dann die Getränke an sich.

Nachdem sie wieder sicher stand, deutete Olivia ihm voranzugehen. „Warum habe ich was nicht gesagt? Dass ihr bei dem Wetter ab und an mal eine Pause machen und euch drinnen was zu trinken holen sollt?“ Sie schnaufte. „Hm, muss ich wohl ganz vergessen haben.“

Lenny beschleunigte seine Schritte. „Ja, musst du wohl“, erwiderte er mit einem scheinheiligen Lachen.

Die anderen liefen ihm bereits entgegen und bedienten sich, noch ehe er das Tablett abstellen konnte.

Olivia machte sich nicht die Mühe, sich auf die Bank neben dem Spielfeld zu setzen, während sie darauf wartete, alles wieder mit hineinzunehmen. In der Vergangenheit hatte sie zwei Dinge gelernt: Erstens war es keine gute Idee, Gläser, Teller, Krüge und ähnliches hier draußen zu lassen, wenn man sie anschließend nicht auffegen und entsorgen wollte, und zweitens brauchte eine Hand voll Kids nicht annähernd so lange, um Snacks oder Getränke erfolgreich zu vernichten, wie man selbst brauchte, um sich hinzusetzen. Wie um das zu bestätigen, leerte sich der Krug in rasender Geschwindigkeit. Es dauerte maximal zwei Minuten, dann standen die Gläser und der Krug wieder ordentlich auf dem Tablett, und Lenny stand für seinen Weg in die Küche in den Startlöchern.

Bobby schnappte sich indes den Ball und klemmte ihn sich unter den Arm. „Sobald er seinen lahmen Hintern wieder hierher bewegt hat, werden die Teams neu gebildet. Lenny würde nicht mal an Tempo zulegen, wenn sein Arsch in Flammen stünde, und Zak kann sich einfach nie merken, wer in seinem Team ist. Mit einem von beiden zusammen spielen, okay. Aber mit beiden? No way!“ Wie immer, wenn sie den Jungs etwas aus den Rippen leiern wollte, ratterte sie die Worte nur so runter. Bobby machte ihre geringe Körpergröße mit einem Selbstbewusstsein wett, das bei Mädchen ihres Alters seinesgleichen suchte. Dass sie obendrein auch noch genau wusste, wie sie ihre „Ich-bin-so-klein-und-süß“-Karte bei den Jungs hier am besten ausspielte, machte die ihr gegenüber absolut machtlos.

Olivia verkniff sich ihr Lächeln und ließ diesen Moment auf sich wirken. Gott, sie war so stolz auf ihre Kids. Nicht nur auf die sechs, die gerade vor ihr standen und darüber diskutierten, wer mit wem im Team spielen würde und ob die neckenden Vorwürfe stimmten oder nicht, sondern auf alle ihre Schützlinge. Das Leben hatte es bisher nicht allzu gut mit ihnen gemeint, was bei vielen von ihnen zu Fehlentscheidungen geführt hatte. Vom Schule schwänzen über kleinere Vergehen bis hin zu Drogen oder dem Eintritt in irgendwelche Gangs war so ziemlich alles dabei, was man sich nur denken konnte. Gerade bei letzterem war der Grund nicht selten die Sehnsucht danach, Aufmerksamkeit, Achtung und Zuwendung zu bekommen – Dinge, die vielen in der eigenen Familie nicht entgegengebracht worden waren. Auch der Wunsch, der Hölle zu entfliehen, die zu Hause in Form von Vernachlässigung oder sogar Gewalt wartete, spielte nicht selten eine Rolle. Die jungen Menschen, die ihren Weg ins Fort Heaven fanden, hatten sich davon auf Dauer zum Glück nicht unterkriegen lassen und inzwischen eine gute Richtung eingeschlagen. Natürlich war die Rückkehr in ein einigermaßen strukturiertes Leben mit Regeln und Pflichten nicht immer ganz einfach. Und der regelmäßige Besuch hier im Jugendzentrum änderte auch nichts an den teils katastrophalen Verhältnissen zu Hause. Durch das vielfältige Aktivitäten- und Beratungsangebot hatten die, die durchhielten, allerdings sowohl eine sichere Zuflucht als auch eine wesentlich bessere Zukunftsperspektive.

Tyler zum Beispiel hatte nicht nur die Bewährungsauflagen mit Bravour erfüllt, er hatte dadurch auch die Möglichkeit erhalten, zum Maler ausgebildet zu werden. Und Bobby und Colin standen unmittelbar vor ihrem Highschool-Abschluss. In wenigen Wochen begannen die ersten Prüfungen, und sie hatten sich richtig reingekniet.

Dieser letzte Gedanke brachte Olivia dazu, die kleine Diskussionsrunde zu sprengen. „Was haltet ihr beiden denn davon, euch mal an die Hausaufgaben zu setzen?“

Bobby und Colin tauschten einen schnellen Blick und nickten dann knapp. Es war allgemein bekannt, dass Olivia trotz ihrer lockeren Art im Umgang mit den Kids in Bezug auf die Pflichten – und das bezog eben auch Hausaufgaben und Lernen mit ein – wenige Zugeständnisse machte.

Lenny grinste breit und hielt Colin das Tablett hin. „Nehmt ihr das mit? Ich bin vermutlich so langsam, dass die Reste zu eingetrocknet sind, um die Gläser später noch sauber zu bekommen“, fügte er mit Blick auf Bobby hinzu.

Wieder hielt Olivia ihre Gesichtszüge fest unter Kontrolle. Lenny wusste schon, warum er das Tablett trotz seines freundschaftlichen Seitenhiebs nicht an sie weitergegeben hatte. Sie hätte es ihm umgehend um die Ohren gehauen.

Fünfzehn Minuten später saß Olivia dann über der Buchhaltung. So gerne sie auch weiter Zeit mit den Kids verbracht hätte, gehörte das hier nun mal zwischendurch auch zu ihrem Job. Normalerweise kümmerte sich Camille hauptsächlich darum, und Olivia kontrollierte es nur zwischendurch, doch die junge Frau war schon seit anderthalb Wochen nicht mehr zur Arbeit erschienen. Wieder einmal kam Olivia in den Sinn, wie untypisch das für sie war. Camille war ihre erste Erfolgsstory. Mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal von ihrem Vater auf den Strich geschickt, hatte sie nicht nur unter den seelischen Folgen gelitten. Als einer ihrer Jungs sie damals hierhergebracht hatte, war die inzwischen Achtzehnjährige mangelernährt und krank gewesen. Die Drogen, die sie regelmäßig nahm, um mit allem klarzukommen, hatten sie schwer gezeichnet. Heute, nur drei Jahre später, war sie eine gesunde junge Frau mit einem Abschluss in Buchhaltung und vielen Plänen für die Zukunft. Lebenslustig, sehr sozial und vor allen Dingen sehr zuverlässig. Auch ihr Bruder Emil, der sich seit seiner Rückkehr aus dem Irak um sie kümmerte, hatte seit vorletztem Sonntag nichts mehr gehört. Jeden Tag rief Olivia ihn an und fragte nach dem neusten Stand der Dinge. Anfangs hatte sie ihn noch persönlich fragen und ihm Trost zusprechen können. Da war er noch nach wie vor gekommen, hatte die Boxeinheiten beaufsichtigt oder den Selbstverteidigungskurs der Mädchen geleitet. Doch er war einfach zu abgelenkt gewesen, weshalb Olivia ihm irgendwann freigegeben hatte, um nach Camille zu suchen.

Olivia löste den Zopf und fuhr sich durch die Haare. Es war schwer, sich auf die Zahlen zu konzentrieren, wenn gerade sie es waren, die sie an die vermisste Camille erinnerten und damit die Sorge um sie immer wieder in den Vordergrund rückten. Dazu – und das war fast ebenso bedrückend – machte sie sich Gedanken darüber, dass ihr nun ein männlicher Betreuer fehlte. Simon, der einzige weitere Mann des Teams, wenn man mal von ihrem 72-jährigen Hausmeister Lester absah, war Streetworker und dementsprechend meist unterwegs. Sie hatte mit Moira vom Sozialdienst gesprochen und um einen Helfer gebeten, doch der würde erst am Samstag oder Sonntag beginnen können.

Olivia warf den Kugelschreiber auf den Tisch und ließ sich nach hinten gegen die Rückenlehne ihres Stuhls fallen. Verdammt, warum hatte sie die Suche nach weiteren festen Mitarbeitern nur immer wieder aufgeschoben? Die Aushänge waren bereits fertig und warteten nur noch aufs Drucken und Verteilen. Das Thema bei Moira anzusprechen, hatte ebenfalls schon länger auf dem Plan gestanden. Sie hatte ihr schließlich auch Simon und Jolene vermittelt. Aber hatte Olivia es getan? Nein.

Lautes Geschrei lenkte sie von dem Ärger über sich selbst ab.

„Was ist denn nun schon wieder los?“, stöhnte sie, erhob sich schwerfällig und trat auf den Flur hinaus, um den Stimmen zu folgen. Bald verstand sie die ersten Wortfetzen. Vorwürfe, irgendjemand habe irgendetwas mit Absicht gemacht, wurden umgehend wutentbrannt abgestritten. Begleitet wurde das von deftigen Flüchen und der Drohung, dem Gegenüber die Scheiße aus dem Leib zu prügeln. Genau dieser Ausspruch gab Olivia die Bestätigung für ihren Verdacht. Einer der beiden Kontrahenten war Spider. Der 18jährige war erst vor kurzem zu ihnen gestoßen und drohte wenigstens einmal am Tag genau damit. Sie würde ein weiteres Gespräch mit ihm führen müssen. Leise seufzte sie. Wie hoch waren wohl die Chancen, dass er ausnahmsweise mal nicht mit Rocky aneinandergeraten war?

Olivia bog um die letzte Ecke und kam abrupt zum Stehen. Wie erwartet fand sie sich Spider und Rocky gegenüber. Die beiden standen unweit der Küche und zerrten an einem Beutel und an der Kleidung des jeweils anderen.

„Du blöder Pisser, lass mich los!“

„Das kannst du vergessen, du Dieb!“ Rocky schien ihn nun noch fester zu packen. Es sah für einen Moment so aus, als wolle er Spider mit sich ziehen.

„Ich bin kein Dieb! Sag das noch mal und es knallt!“

„Was ist hier los?!“, fuhr Olivia dazwischen, ehe die beiden zu schlimmeren Handgreiflichkeiten übergehen konnten. Würden die Jungs eine Prügelei lostreten, stünde sie auf ziemlich verlorenem Posten. Hier vorne befand sich außer ihnen niemand, und auch wenn die zwei Krach für zehn machten, schien es bisher nicht bis in den hinteren Teil der ehemaligen LKW-Werkstatt gedrungen zu sein. Das gleiche würde also wahrscheinlich auch für den Ruf nach Unterstützung gelten, käme es zu einem Kampf. Bisher hatte es kaum mehr als Rangeleien gegeben, doch man musste dennoch immer damit rechnen. Einige dieser Kids hatten sich als Mitglieder rivalisierender Gangs mitunter jahrelang als Feinde gegenüber gestanden. Es gab Regeln, an die sie sich auch weitgehend hielten, doch ab und an meldete sich kurzzeitig diese alte Rivalität zurück, und dann konnte es schon mal etwas chaotischer werden.

„Er hat schon wieder versucht zu klauen!“, polterte Rocky sofort los. „Ich habe ihn selbst in der Vorratskammer erwischt!“

„Das ist überhaupt nicht wahr. Ich habe nicht …“

„Ach nein? Du hast den Beweis doch sogar noch in der Hand. Die Tüte ist halb voll!“ Er zerrte an dem Beutel und schaute zu Olivia. „Sieh es dir an, Olivia, sieh es dir an.“

Olivia brauchte nicht erst eine Bestandsaufnahme des Inhalts zu machen. Die Wölbungen von Dosen und der Abdruck von eingeschweißten Würstchen drückten sich deutlich erkennbar gegen den hellblauen Stoff. Seufzend blickte sie zu Spider, der vehement den Kopf schüttelte. „Das hatten wir doch schon die letzten beiden Male. Spider, so geht das nicht. Ich weiß, dass ihr es nicht leicht habt, weil dein Vater nicht arbeiten kann, aber …“

„Ich habe diesmal nichts mitgenommen. Im …“

„Spider, Rocky will dich gesehen haben, und die Tasche spricht auch für sich, oder meinst du nicht?“

Ein Ausdruck, den Olivia nicht genau deuten konnte, huschte über das Gesicht des Teenagers.

„Fickt euch doch! Ihr könnt mich alle mal kreuzweise. Ihr glaubt mir ja eh nicht. Dann kann ich auch verschwinden“, schnauzte er. Ruckartig riss er die Tasche hoch und schmetterte sie so überraschend zu Boden, dass auch Rocky den Griff verlor. Durch die pendelnde Bewegung wurde sie vorgeschwungen und traf Olivia genau mit der Kante einer Dose seitlich am Knöchel. Es schmerzte etwas, doch das war nicht der einzige Grund für den kurzen Aufschrei. Der rührte hauptsächlich von dem Frust her, der sich für einen Moment in ihr breitmachte.

Spider interessierte das in seiner Wut nicht. Er rannte an ihr vorbei. Dicht gefolgt von Rocky.

Gerade als Olivia den beiden folgen wollte, erhaschte sie einen Blick auf eine Packung, die aus dem Beutel gerutscht war. Zeit, die Erleichterung zu genießen, die sie unvermittelt verspürte, nahm sie sich nicht. Sie ahnte, dass Rocky Spider nicht einfach zum Abschied winken wollte. Der Junge hatte, ebenso wie viele andere hier auch, einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, was sie betraf. Wenn dann auch noch vermeintliche alte Rechnungen dazu kamen, konnte das unter Umständen extrem aus dem Ruder laufen.

Kopfschüttelnd verriegelte Karsten seinen Wagen. Auch drei Stunden, nachdem Kid die Bombe hatte platzen lassen, wollte das alles immer noch nicht so richtig in seinen Kopf. Wenn die Informationen stimmten, und Karsten zweifelte nicht daran, denn dafür recherchierte Kid viel zu gewissenhaft, lebte Sunnys lange verschollene Schwester schon seit Jahren keine Autostunde von Miami entfernt.

Es war für Karsten selbstverständlich gewesen, sich sofort auf den Weg zu machen. Er hatte seine Reisetasche gepackt – obwohl Fort Lauderdale nur gute dreißig Meilen entfernt war, zog er es doch vor, sich hier eine Unterkunft zu suchen – und war in seinen Wagen gesprungen. Hier angekommen hatte er sich bei einem Happy Meal und einem McSundae die Unterlagen angesehen, die Kid ihm ausgedruckt und mitgegeben hatte. Während die vermeintlichen Geschwister optisch nicht unterschiedlicher sein könnten, teilten sie allerdings auch etliche Gemeinsamkeiten. Unter anderem diverse Pflegefamilien und eine ausgeprägte soziale Ader. Olivia hatte sich in den letzten Jahren voll und ganz auf ihre Arbeit in dem Jugendzentrum konzentriert, auf das er jetzt zulief. Anscheinend mit großem Erfolg, wenn er nach dem gehen konnte, was in der Akte stand.

Die Zeit unmittelbar davor war hingegen nicht ganz so lustig gewesen. Und genau deshalb war er nun auch hier. Ihr Exmann hatte die Trennung nicht akzeptieren können und Olivia monatelang gestalkt. Das war so weit gegangen, dass er 2008 nur vier Monate nach der Scheidung wegen Sachbeschädigung, Einbruch und Körperverletzung zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war. Als man ihn nach der Urteilsverkündung abgeführt hatte, hatte er Olivia für ihre Aussage gegen ihn Rache geschworen. Sie solle dafür büßen, dass sie sich von ihm getrennt und sich so gegen ihn gestellt habe. Dass er nur ihretwegen ins Gefängnis müsse. Nun war Patrick Jonas vorzeitig entlassen worden. Obwohl sein Verhalten laut des zuständigen Gefängnispsychologen nicht mehr von dieser regelrechten Obsession für seine Exfrau geprägt war, war Vorsicht bekanntlich besser als Nachsicht. Nicht zuletzt, da er zurzeit in Coral Springs gemeldet war und das nur einen Katzensprung von hier entfernt lag.

Karsten hatte fast den Eingang erreicht, als zwei Jugendliche herausstürmten.

„Ey, du blödes Arschloch! Bleib gefälligst stehen!“, rief der hintere dem vorderen zu und riss an seinem Arm. Der fuhr herum, und im nächsten Moment wälzten sie sich auch schon auf dem Boden.

Karsten wusste nicht, worum es ging oder wer von beiden der ursprüngliche Verursacher war, das interessierte ihn aber auch nicht groß. Er handelte einfach. Er packte den obersten, riss ihn hoch und fing auch gleich den anderen ein, als der sich aufrappelte und auf seinen Gegenüber loszugehen versuchte.

„Schluss jetzt!“

Augenblicklich war der Streit zwischen den beiden Heißspornen vergessen, dafür nahmen sie jetzt ihn ins Visier.

„Nimm deine Griffel von uns, ehe wir dir die Scheiße aus dem Leib prügeln!“

„Wer bist du denn überhaupt, Alter?“

„Das würde mich auch interessieren. Lassen Sie die beiden los! Sofort!“

Karsten drehte seinen Kopf der neuen Stimme entgegen und ließ die beiden Streithähne los, als hätten ihm die Berührungen einen elektrischen Schlag verpasst. Er zog sein Shirt gerade, straffte die Schultern und wandte sich der jungen Frau zu, die eindeutig seine Zielperson war. „Hi, ich bin Karsten Fischer, aber nennen Sie mich ruhig Frog. Ich bin hier, weil ich hörte, Sie könnten eventuell Hilfe brauchen.“ Er blickte kurz zu den beiden Teenagern, die ihn ihrerseits skeptisch beäugten. „Ich wollte nicht, dass die beiden sich am Ende noch was tun, deshalb habe ich sie auseinandergebracht. Verzeihung, wenn ich mich da eingemischt habe.“

„Nein, das war schon in Ordnung.“ Olivia wirkte nun fast schon erleichtert. Was sie als Nächstes sagte, überraschte ihn allerdings gewaltig. „Super, dass Sie schon hier sind. Ich habe Sie erst am Wochenende erwartet. Rocky, führst du Mr. Fischer schon mal rein? Spider und ich kommen gleich nach.“

„Ich warte solange“, sagten Karsten und Rocky gleichzeitig. Ob der Teenager wie er selbst aus Sorge um die Frau nicht gehen wollte oder einfach auf eine weitere Möglichkeit hoffte, sich zu prügeln, wusste Karsten nicht.

Olivia wollte etwas sagen, doch Spider kam ihr zuvor.

„Ich habe keinen Bock auf Reden. Mir glaubt doch eh keiner“, maulte er und machte Anstalten, davonzugehen.

„Ich glaube dir.“

„Was? Aber ich habe ihn doch gesehen!“, protestierte Rocky.

„Ich habe nicht geklaut, du Penner!“

„Ich weiß, und ich möchte mich entschuldigen. Auch in Rockys Namen.“ Der schnaubte empört, kam allerdings nicht zu Wort. „Nein. Wir haben uns geirrt. Du hattest nicht vor, etwas aus dem Vorratsraum mitzunehmen, oder? Du warst dabei, etwas hineinzuräumen.“

Langsam zeichnete sich für Karsten ein Bild der vorangegangenen Geschehnisse ab. Neugierig betrachtete er das Verhalten des Angesprochenen. Der Junge schien zwischen Aufmüpfigkeit und Erleichterung hin- und hergerissen zu sein. Als wisse er nicht, ob er sich nun wegen der ungerechtfertigten Vorwürfe weiterhin stur stellen oder für die Richtigstellung dankbar sein solle. Karstens und auch Rockys Anwesenheit schien ihm die Entscheidung nicht leichter zu machen. Kurzentschlossen trat er deshalb auf den Teenager zu. „Was hältst du davon, wenn wir die beiden doch ein wenig alleine lassen und du mir schon mal alles Nötige zeigst?“

Aus dem Augenwinkel heraus konnte Karsten Olivia nicken sehen. Rocky nickte ebenfalls, murrte ein wenig vor sich hin, bat Karsten dann aber ihm zu folgen.

„Sind Sie der Typ, der für Emil einspringt? Er kommt im Moment nicht, weil seine Schwester Camille plötzlich verschwunden ist und er sie sucht. Man hat voll gemerkt, dass er nicht ganz bei der Sache war, als er uns die letzten beiden Male trainiert hat. Kann ich verstehen. Sie war … ist echt ne Liebe und hat voll viel Scheiße mitgemacht. Sie war wie wir und hat es dann aber geschafft. Camille ist echt ein Vorbild. Ich hoffe, Emil kann sie finden.“ Rocky sah sich über die Schulter. „Olivia steht seitdem allerdings mit so ziemlich allem alleine da. Simon und Jolene sind ja die meiste Zeit in der Stadt unterwegs.“

Karsten war überrascht darüber, wie offen der Teenager plötzlich mit ihm sprach und wie viel Mitgefühl das Gesagte begleitete. Nach dem, was er über die Besucher des Jugendzentrums wusste, waren sie meist Streetkids, die niemandem weiter trauten, als sie gegen den Wind spucken konnten. Er war jedoch durchaus dankbar dafür, dass Rocky damit offensichtlich keine Probleme hatte. Denn so ergab Olivias Kommentar zu seinem Auftauchen mit einem Mal auch einen Sinn. Ihr war es nicht darum gegangen, dass ihr Ex aus dem Gefängnis heraus und sie damit möglicherweise in Gefahr war. Es ging um die Unterstützung bei der Arbeit mit den Kids, auf die sie offenbar so ungeduldig wartete.

Olivia schämte sich dafür, dass sie das Gesagte einfach so hingenommen hatte, ohne sich alles zu diesem Vorfall von Anfang an erzählen zu lassen.

Ja, Spider hatte sich bereits zwei Mal an ihren ohnehin schon recht überschaubaren Vorräten vergriffen, um seine Familie auf diese Weise etwas zu unterstützen. Dazu Rockys Äußerung darüber, was er gesehen hatte … das sprach eine ganz eindeutige Sprache. Dass letzterer log, bezweifelte sie. Hier im Heaven gab es eine ganz klare Regelung, was falsche Anschuldigungen oder Lügen anging. Sie wurden nicht geduldet. Ehemalige gegnerische Gangmitglieder, Abhängige, die einen Entzug machten oder bereits durchgestanden hatten, Kids mit Vorstrafen oder Erkrankungen – diese Mischung glich eh an manchen Tagen schon einem Pulverfass, da war kein Platz für Lügen. Rocky hatte ihn laut eigener Aussage im Vorratsraum gesehen, mit einem Beutel voller Lebensmittel. Nicht mehr und nicht weniger.

„Woher hast du die Sachen?“, fragte Olivia, wobei sie tunlichst darauf achtete, sanft zu klingen. „Ist schon okay, du bekommst keinen Ärger“, versprach sie. Was immer er ihr erzählen würde, würde unter ihnen bleiben.

„Warum auch? Ich habe nichts getan.“ Er schob mit der Fußspitze einen Kiesel über den Asphalt. „Ich habe sie von meinem neuen Job mitgebracht. Es ist nichts Großes. Ich arbeite dreimal die Woche in dem kleinen Lebensmittelladen in der NE First. Wenn ich es nicht verbocke, dann bekomme ich in drei Monaten eine Festanstellung.“

Überrascht und begeistert fiel Olivia ihm um den Hals. „Das ist ja super. Ich freue mich so für dich und bin mir sicher, dass du es nicht verbockst.“ Schnell ging sie wieder auf Abstand. „Entschuldige.“ Mal abgesehen davon, dass es genaugenommen gegen die strikte Richtlinien im Umgang mit ihren Schutzbefohlenen verstieß, auf diese Weise Körperkontakt aufzubauen, wusste sie auch, dass Spider auf Lob und ähnliches üblicherweise mit Abweisung und Rückzug reagierte. Nun aber lächelte er. Olivia ging bei diesem seltenen Anblick das Herz auf. „Um auf die Sachen zurückzukommen, die du mitgebracht hast …“

„Mr. Weller gab sie mir mit, weil sie sich wohl nicht mehr verkaufen lassen. Weil zum Beispiel die Dosen verbeult oder die Etiketten abgegangen sind. Er weiß, dass ich oft hier bin und hat mir deshalb die Sachen eingepackt. Das Obst habe ich zum halben Preis bekommen.“

„Dann hast du das selbst gekauft? Von deinem ersten eigenen Geld?“

Er zuckte mit den Schultern. „Nachdem ich einfach was von hier mitgenommen habe, habe ich das Geld gerne dafür ausgegeben. Ihr habt so viel für mich getan, und was ich getan habe, war nicht richtig. Fand, das sei nur fair.“

„Das ist wirklich sehr lieb von dir gewesen.“ Sie verkniff sich, ihm zu sagen, dass er das aber nicht noch einmal machen, sondern sein Geld lieber zusammenhalten solle. „Und sag auch deinem Boss Danke.“ Olivia legte ihm die Hand auf den Arm und deutete mit dem Kopf Richtung Tür. „Komm, wir gehen die Sachen einräumen, und dann schauen wir uns mal den Neuen an.“

„Ist Frog als Ersatz für Emil hier?“ Skepsis war aus seiner Stimme herauszuhören. Nicht verwunderlich. Nicht nur er hatte Probleme damit, Fremde an sich heranzulassen. Es ging den meisten Kids so, nachdem sie jahrelang von so vielen Menschen betrogen, verletzt und ausgenutzt worden waren.

„Ja. Emil soll sich ganz auf seine Suche nach Camille konzentrieren können.“ Olivia seufzte, als sie in die kühle Halle des Zentrums trat. „Mal schauen, wie er sich anstellt. Und vermutlich wird er eh nicht lange hier bleiben. Was nicht bedeutet, dass ihr ihm keine Chance gebt. Sag das auch den anderen.“

Wenige Minuten später waren die Lebensmittel eingeräumt, und Spider hatte sich auf den Weg nach Hause gemacht. Olivia begab sich auf die Suche nach diesem Karsten, der mir nichts dir nichts aufgetaucht war und gleich mal eingegriffen hatte. Sie wusste noch nicht so genau, was sie davon halten sollte. Initiative zu zeigen, gefiel ihr an ihren Mitarbeitern, bei ihren Kids kam es jedoch mitunter als Übergriffigkeit an. Die Balance zu halten, war nicht leicht. Vor allem nicht, wenn eine der beiden Parteien neu war. Olivia nahm sich vor, das bei dem anstehenden Einführungsgespräch anzusprechen. Jetzt allerdings musste sie Karsten aber erst mal finden. In der Halle war er nicht, und bisher hatte sie ihn auch hier oben in den Räumen nicht gefunden. Bobby und Colin, die gerade ihre Hausaufgaben beendet hatten und alles zusammenpackten, hatten ihn ebenfalls nicht gesehen.

Geräusche lenkten ihre Aufmerksamkeit auf das Fenster. Neugierig blickte sie raus und erstarrte erstaunt. Bis auf Bobby, Colin und Spider befand sich jeder einzelne Teenager unten im Hinterhof, der sich heute Nachmittag hier aufhielt. Auf dem Basketballfeld kämpften zwei Vierer-Teams um den Ball, während die anderen um sie herum standen und sie anfeuerten. Mittendrin war Karsten. Er wurde angespielt, ausgespielt und gefoult wie jeder andere von ihnen auch.

Wow. Wie lange war er jetzt hier? Eine halbe Stunde? Olivia sah auf die Uhr. Ja, ungefähr. Verblüfft schüttelte sie den Kopf, stieß sich von der Fensterbank ab und machte sich auf den Weg nach unten. Sie musste sich das einfach genauer ansehen.

Draußen trat sie neben Rocky, der gerade seinen Platz mit einem der Zuschauer getauscht hatte und nun neben dem Spielfeld zu Luft zu kommen versuchte.

„Frog ist echt cool“, sagte er, noch ehe sie auch nur wusste, was sie sagen sollte. „Ich habe ihm unten alles gezeigt und bin dann mit ihm raus. Ich wollte mit der oberen Etage warten, bis Bobby und Colin mit ihren Aufgaben fertig sind. Als wir durch die Tür kamen, flog uns der Ball entgegen. Frog hat ihn gefangen und geworfen. Genau in den Korb. Er hat mehr gestaunt als wir. Dann gingen die Wetten los, dass er das kein weiteres Mal schaffen könnte. Er hat gleich mal gegen sich gewettet. Na ja, und nur fünf Minuten später ging es hier richtig ab.“

Olivia hob die Augenbrauen. „Ihr habt gewettet?!“ Das war gegen die Hausregeln.

„Ja. Natürlich nicht um Geld. Als wir ihm gesagt haben, dass das hier verboten ist, hat Frog vorgeschlagen, dass der Verlierer die Halle fegen muss.“

„Ganz schön unfair. Er wettet gegen sich und wirft einfach daneben.“

„Also, wenn er daneben werfen wollte, hat er es ganz schön verkackt … ähm, Entschuldigung, vermasselt. Der Ball ist zwar kurz über den Rand gerollt, dann aber reingegangen.“ Er lachte auf. „Wenn das Spiel vorbei ist, dürfte das Zentrum nur so glänzen.“ Auf ihren fragenden Blick hin erklärte er: „Mit mindestens fünf Mann – von denen aber immer nur vier auf dem Feld sind, deswegen habe ich auch getauscht – wäre die Halle fegen kein wirklicher Anreiz, also sind dann auch gleich mal das Außengelände, die Geräte und die Fenster fällig.“

Olivia lachte laut auf. Der Mann schien die Kids ja bereits richtig gut im Griff zu haben.

Helles Lachen übertönte die Rufe und lockte Karstens Aufmerksamkeit auf sich. Er konnte nicht anders, als den Kopf zu drehen. Es sollte sich jedoch als Fehler erweisen, dem Spielgeschehen den Rücken zu kehren. Einige schrien noch „Frog! Achtung!“, und im nächsten Moment lag er auch schon auf dem Boden, begraben unter einem Berg von Kerl. Glücklicherweise sprang der gleich wieder auf. Verlegen lachend streckte er ihm die Hand hin und zog ihn auf die Beine.

„Sorry, Mann.“

„Schon okay. Nicht deine Schuld. Ich wollte damit nur etwas demonstrieren.“

„Was? Dass dieser Sport nichts für alte Männer ist?“, feixte der Rammbock breit grinsend.

„Nein, du Schlauberger. Sondern, wie wichtig es ist, fokussiert zu bleiben. Und von wegen alter Mann. Du wirst schon sehen.“ Frog hustete und reckte sich auf der Suche nach irgendwelchen Schäden. „Warte ab, wenn ich mich erst wieder bewegen kann.“

Ausgelassenes Gelächter und das Versprechen, ihn beim Wort zu nehmen, begleiteten ihn, als er sich vom Spielfeld schleppte. Er würde es nie im Leben zugeben, doch nur zum Teil mimte er den angeschlagenen Greis. Der Zusammenstoß mit dem gut zehn Zentimeter größeren und mindestens zwanzig Pfund schwereren Schrank hatte sich angefühlt, als hätte ihn ein Zug gerammt.

„Wohl etwas übernommen, was?“, fragte Olivia grinsend, als er sie erreichte und sie gemeinsam ins Gebäude gingen. Vergeblich suchte Karsten nach Spuren von Mitgefühl in ihren funkelnd grünen Augen. Entdecken konnte er nur Schalk. Sie führte ihn in ihr Büro und räumte die Ordner vom Stuhl neben ihrem Schreibtisch.

In den nächsten Minuten erzählte sie vom Jugendzentrum; ein wenig von der Geschichte und ein wenig von dem Konzept, vor allem aber von einigen Erfolgsgeschichten. Es war beeindruckend, wie viel die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen in den letzten Jahren geleistet hatten, wie sie es immer wieder schafften, sich aus finanziellen Engpässen heraus- und gegen die Proteste der Anwohner anzukämpfen. Während sie erzählte, sank ihre gute Laune, und Sorgen klangen immer weiter durch. Karsten war nicht entgangen, dass vor allem eine bestimmte Erfolgsgeschichte ihre Stimmung drückte.

„Die junge Frau, von der du sprichst, ist Camille, nicht wahr?“

Olivia riss die Augen auf. „Woher …“

„Rocky hat sie vorhin erwähnt. Er fragte, ob ich die vorübergehende Vertretung für … Emil sei? Damit er seine Schwester suchen könne, hättest du ihm freigegeben.“ Karsten hatte die Antwort mit Gegenfragen umschiffen können, was ihn davor bewahrt hatte, lügen zu müssen. Ihm war schnell klar gewesen, dass Olivias Erleichterung über sein Auftauchen in einem Missverständnis begründet war. Verdenken konnte er es ihr nicht. Sie hatte irgendwo um Hilfe fürs Jugendzentrum gebeten, und er hatte lediglich gesagt, dass man ihn geschickt habe, um ihr zu helfen. Ohne Namen oder weitere Details zu nennen. Nun aber wollte er diesen Irrtum aufklären. Auch wenn er keinen Schimmer hatte, welche Erklärung er dafür angeben sollte, dass er wegen ihres Ex hergeschickt worden war. Mein Freund ist darauf aufmerksam geworden, als er herausfinden wollte, ob du die Schwester eines anderen Freundes bist, wäre wohl kaum der richtige Gesprächseinstieg.

„Karsten?!“

„Ja, hier. Äh, sorry, ich habe nicht zugehört. Mir ging gerade etwas durch den Kopf. Ein Problem, das … ich lösen muss.“

„Du hattest mich gefragt, ob sie die Einzige ist, die verschwunden ist.“

Echt? Er hatte sie das gefragt? Daran erinnerte er sich gar nicht. Auch nicht dran, warum er das gefragt hatte. „Und? Gab es noch andere?“

„Wie ich schon sagte“, begann sie und blitzte ihn dabei eine Sekunde lang amüsiert an, ehe sie wieder ernst wurde. „Hundertprozentig lässt sich das schwer sagen. Wir haben hier keine Stechuhren und keine Anwesenheitspflicht. Einige Kids kommen eine Zeit lang und lassen sich dann nicht mehr hier blicken. Manchmal einfach nur für ein paar Tage oder Wochen nicht, manchmal gar nicht mehr.“ Sie strich eine ihrer langen roten Strähnen hinters Ohr. „Ich hoffe wirklich, dass … ach, ich weiß auch nicht. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass Camille der Typ Mensch ist, der auch mal spontan für ein paar Tage Urlaub verschwindet. Aber ich weiß einfach, dass es nicht so ist. Das sagt mir mein Bauchgefühl. Sie würde uns nicht einfach so hängen lassen, und vor allem würde sie ihren Bruder nicht mit der Sorge um sie belasten.“

Karsten verspürte den starken Drang, sie in den Arm zu nehmen und ihr zu versichern, dass alles gut werden würde. Doch das konnte er ebenso wenig, wie sich gleich auf die Suche nach dem Mädchen zu machen. Er war hier, um Olivia zu schützen – und vielleicht auch, um sie schon mal vorsichtig darauf vorzubereiten, dass sie möglicherweise einen Bruder hatte. Und dann war da ja auch noch die DNA-Probe, die er ihr abluchsen wollte, um die letzten Zweifel auszuräumen. Jetzt gab es zudem noch mindestens eine Vermisste, und er wurde mit einem Sozialarbeiter verwechselt. Okay, letzteres war eigentlich gar nicht so übel. Wenn es nicht jeden Moment auffliegen könnte. Nein, er musste Olivia zumindest einen Teil der Wahrheit sagen und zwar am besten sofort! Seine Karten offenzulegen hätte nämlich noch einen ganz anderen Vorteil. Er würde nicht nur einer Menge Ärger aus dem Weg gehen – und es würde erheblich größeren geben, wenn die Wahrheit auf eine andere Weise herauskam –, er könnte Olivia und Emil möglicherweise auch in Bezug auf Camille helfen. Wenn auch nicht sofort, bestünde immerhin die Chance, sein Team dazuzurufen, sobald die Sache mit Normack über die Bühne gebracht war.

„Bevor wir weiter über Camille und meine Aufgaben hier reden, gibt es da etwas, das du wissen musst.“

Noch bevor er fortfahren konnte, hinderte ihn ein lautes Schrillen daran. Er brauchte einen Moment, bis ihm klar wurde, wieso ihm das Geräusch so vertraut war.

„Verdammt! Mein Auto!“

Olivia sah zu, wie Karsten wie ein geölter Blitz aus dem Büro rauschte, und schüttelte irritiert den Kopf. Sein plötzliches Aufspringen hatte sie weit mehr erschreckt als das Aufheulen der Alarmanlage. Als sie aufstand, um ihm zu folgen, befasste sie sich nicht mehr nur mit der Frage, was er ihr unbedingt sagen wollte, oder damit, dass sie gerade ein starkes Déjà-vu hatte. Sie fragte sich am meisten, mit was für einem Auto Karsten gekommen war, dass er so auf den ausgelösten Alarm reagierte. Sie wusste, es war eigentlich eine total bescheuerte Frage. Dennoch war sie plötzlich unheimlich erpicht darauf, genau das zu erfahren. Während sie dem Geräusch entgegenlief, überlegte sie, welches Modell am besten zu ihm passen würde. Vielleicht ein Jeep Wrangler? Oder ein älterer Ford Mustang? Olivia stieß ein leises Lachen aus, als vor ihrem geistigen Auge mit einem Mal ein ganz bestimmtes Modell auftauchte. Sie konnte nichts dagegen tun. So sehr es sie auch schmunzeln ließ, würde es hervorragend zu seinem lässigen Auftreten, den abgeschnittenen Jeans und der ungezähmten Frisur passen. Wieso es ausgerechnet dieses Auto war, wusste Olivia nicht, doch sie sah Karsten einfach in einem dunkelgrünen Käfer Cabrio durch die Gegend fahren. Vielleicht sogar mit einem Surfbrett, das hinten herausragte.

Was sie in der dem Jugendzentrum gegenüberliegenden Nebenstraße aber stattdessen erwartete, ließ ihr die Kinnlade herunterklappen. Karsten stellte mit dem Druck auf eine kleine Fernbedienung nicht etwa die Alarmanlage eines Käfer Cabrios ab. Nein, es war die eines schwarz glänzenden BMW Z4. Woher sie das so genau wusste? Ganz einfach. Der Roadster gehörte zu den Top 3 ihrer Traumautos. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass auch das Käfer Cabrio mit dazu gehörte. Wieso hatte sie sich bitte schön vorgestellt, dass er ausgerechnet dieses Auto fuhr? Absurderweise ging Olivia auch gleich als Nächstes durch den Kopf, dass sie zumindest mit dem Cabrio richtig gelegen hatte.

Sie beiden waren nicht die Einzigen, deren Aufmerksamkeit erregt worden war. Ob nun durch die Alarmanlage oder nur neugierig auf den Wagen selbst, tummelte sich gut ein Dutzend überwiegend männliche Zaungäste um das Gefährt. Einige gehörten zum Jugendzentrum, andere lebten hier in der Nachbarschaft.

Olivia trat neben ihren potenziellen neuen Mitarbeiter und raunte ihm leise zu: „Ein noch auffälligeres Auto hättest du nicht mieten können, oder?“ Dass es ein Miet- oder Leihwagen war, war in Olivias Augen die einzige Erklärung dafür, dass ein einfacher Sozialarbeiter in einem solchen Geschoss durch die Gegend fahren konnte. Der Wagen kostete gut und gerne um die vierzig Mille.

Karsten reagiert nicht, und im ersten Moment glaubte sie schon, er würde sie einfach nur ignorieren, während er sein Auto begutachtete. Erst als ein ihr unbekannter junger Mann, der ihr am nächsten stand, meinte, der Wagen würde hier wie ein bunter Hund auffallen, und sich Karsten daraufhin fast schon überrascht zu ihnen umdrehte, kam ihr der Gedanke, dass er sie möglicherweise nicht gehört hatte. Prompt bestätigte er ihre Vermutung.

„Mir auf dieser Seite Zärtlichkeiten ins Ohr zu flüstern, bringt nichts. Links höre ich nämlich nicht so gut.“ Er zwinkerte grinsend und Olivia beschlich das sichere Gefühl, dass das nicht dem Mann galt. Dann wandte er sich an die Umherstehenden. „Hat einer gesehen, wer den Alarm ausgelöst hat?“ Sofort griff allgemeines Desinteresse um sich. Olivia fiel ein Junge von vielleicht acht oder neun Jahren auf, der besonders unschuldig auszusehen versuchte. Wenn sie sich nicht völlig täuschte, war er auch Karsten nicht entgangen. „Ich will demjenigen keinen Ärger machen. An dem Wagen ist ja nichts dran“, fügte er scheinbar allgemein hinzu.

Es dauerte nur Sekunden, bis sich der Junge einen Weg durch die Umherstehenden bahnte. Schuldbewusst hatte er die Hände tief in die Bauchtasche seines kurzärmligen Hoodies vergraben und die Schultern fast bis zu den Ohren hochgezogen. Verlegen begann er zu erklären, wie es zu dem kleinen Zwischenfall gekommen war, und schloss schließlich: „Ich habe mich beim Reinsehen wirklich nur gegen das Fenster gelehnt. Das schwöre ich.“

Olivia konnte beobachten, wie eine kleine Wandlung durch ihn hindurchging. Als sei er durch sein Geständnis gegen all das gewappnet, was nun auf ihn wartete.

Sie betrachtete aber nicht nur den Jungen, ihr Blick ging auch immer wieder zu Karsten. Es war weitläufig bekannt, wie empfindlich Männer allgemein reagierten, wenn man auch nur zu nah an ihrem Baby vorbeilief. Anfassen und damit womöglich weit mehr als Fingerabdrücke auf dem Lack oder den Scheiben hinterlassen, grenzte da schon fast an ein Kapitalverbrechen.

Nach dem ersten Schrecken, als die Alarmanlage losgejault hatte – der durchaus nachzuvollziehen war, wenn man bedachte, was für einen Wagen er fuhr –, wirkte Karsten jedoch keineswegs übermäßig besorgt oder verärgert. Im Gegenteil. Er entriegelte den Wagen und öffnete dann kurzerhand das Dach. „Dann schau dich um, wenn du magst. Aber nur gucken und nicht mit den Schuhen auf die Polster.“ Er hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da stürmte der Junge schon auf den Wagen zu. Auch die anderen näherten sich ihm wieder, um ihre Neugierde zu befriedigen. Olivia hätte sich ihnen gerne angeschlossen. Nicht nur für die Kids hier würde ein solches Auto immer ein Traum bleiben. In der Realität konnte sie froh sein, dass ihr alter Kombi günstig im Unterhalt war und sie bisher nie im Stich gelassen hatte.

„Gibt es eine Möglichkeit, das Auto irgendwo auf dem Grundstück zu parken? Zumindest für den Rest des Tages. Ich würde mir zukünftig etwas anderes einfallen lassen, um hierher zu gelangen. Sofern ich nach heute noch mal wiederkommen darf.“

„Er könnte doch erst mal Emils Platz hinten auf dem Hof benutzen, oder?“, schlug Bobby vor.

Olivia hing gedanklich noch bei Karstens Äußerung und überlegte, ob es was mit dem zu tun hatte, was er im Büro gesagt hatte. Es gibt da etwas, das du vorher wissen musst.

Da sickerte Bobbys Vorschlag nur langsam in ihr Bewusstsein. Eilig nickte sie. „Ja, klar. Zeigst du ihm, wo er lang muss?“ Noch während sie das aussprach, schlug der Autofan in ihr ihr eins über den Schädel. Verdammt, damit hatte sie gerade die wahrscheinlich einzige Gelegenheit, eine kleine Runde mit diesem Auto zu drehen, in den Wind geschlagen. Bobby war natürlich sofort nur zu gern bereit, ihrer Bitte nachzukommen. Auch wenn Olivia das leise Gefühl beschlich, dass das nichts mit dem Auto zu tun hatte. Die auffällig unauffälligen Blicke, die das Mädchen dem Fahrer zuwarf, während sie auf die Beifahrerseite lief, sprachen in ihren Augen eine deutliche Sprache.

Wie schon vom ersten Moment an machte sich Karsten auch hier wieder mehr und mehr Freunde. Kurzerhand fragte er nämlich den Jungen, ob er Lust habe, ihn und Bobby auf ihrer kleinen Spritztour zu begleiten. Mit einem strahlenden Lächeln und wild nickend kletterte er sofort auf Bobbys Schoß, kaum dass die sich auf den Beifahrersitz hatte sinken lassen. Olivia verkniff sich ein Grinsen, als sie sich wenig begeistert mit der Situation abfand und den Sicherheitsgurt um sie beide herum festzurrte. Nachdem Karsten es ihnen gleichgetan hatte, startete er den Motor und gab beim Anrollen ein paar Mal Gas. Bei dem tiefen Gebrüll des Motors überlief Olivias gesamten Körper eine prickelnde Gänsehaut. Unwillkürlich hoben sich ihre Mundwinkel. Karsten war das anscheinend nicht entgangen. Als er an ihr vorbeirollte, wiederholte er es noch einmal, den amüsierten Blick fest auf sie gerichtet. Spontan streckte sie ihm die Zunge heraus und wandte sich dann schnell ab. Karsten lachte auf und fuhr weiter in Richtung der kleinen Gasse, die ihn zum hinteren Teil des Grundstückes brachte.

Während sich Olivia noch fragte, was sie denn jetzt bitte zu diesem wenig erwachsenen Verhalten verleitet hatte, erhaschte sie aus dem Augenwinkel heraus einen Blick auf das Nummernschild des Wagens. Sie staunte nicht schlecht, als sie anhand der Zahlen- und Buchstabenkombination erkannte, dass es sich bei dem Z4 keineswegs um einen Leih- oder Mietwagen handelte.

Verdammt, wen hatte Moira ihr da geschickt?

Diese Frage sollte sich auch in den nächsten Stunden nicht klären lassen. Karsten wurde nach seiner Rückkehr vom Parkplatz völlig in Beschlag genommen. Nachdem Emil in den letzten Tagen gefehlt hatte und somit sowohl das Boxen als auch der Selbstverteidigungskurs ausgefallen waren, prügelten sich die Jugendlichen nun fast schon um ihn. Olivia war gerade mal dazu gekommen, ihn zu fragen, welche Qualifikation er in Sachen Kampfsport und Selbstverteidigung aufweisen konnte. Keinesfalls wollte sie einen völlig Unerfahrenen diese Aufgaben übernehmen lassen. Wieder hatte seine Antwort Fragen mit sich gebracht, doch wenn es stimmte, dass er zu einer deutschen Eliteeinheit gehört hatte – und daran zweifelte sie aus irgendeinem Grund kein bisschen –, konnte sie ihm ihre Kids zumindest bedenkenlos überlassen. Nicht, dass sie ihn deswegen völlig aus den Augen lassen wollte. Per Münzwurf hatten sich die Jungs den Vortritt gesichert, um dann anderthalb Stunden später schweißgebadet, erledigt und so ausgeglichen wie schon lange nicht mehr den Platz zu räumen. Die Mädchen nahm Karsten erst mal nicht so hart ran. Er versammelte sie im Studio – einem kleinen Raum im oberen Stockwerk, der dank der Spende einer Tanzschule mit Laminat, einer Spiegelwand und einer Ballettstange ausgestattet worden war – und redete einfach erst mal mit ihnen. Über die bisherigen und die von Emil geplanten Übungen, aber auch über ihre Ängste, Sorgen und Erfahrungen rund um das Thema Angriff und Verteidigung. Olivia hatte einen Moment gelauscht, um zu sehen, wie es lief und sich dann in ihr Büro zurückzuziehen. Karsten mochte Fragen aufwerfen und die Antworten, die sie hier und da erhielt, mochten sie irritieren, doch eines konnte man zweifellos über ihn sagen: Er besaß definitiv die nötige Empathie für die Arbeit mit diesen mitunter speziellen Kids.

Durch diese Feststellung vorerst etwas beruhigter war es Olivia endlich gelungen, die Buchhaltung hinter sich zu bringen, die To-do-Liste für die nächsten Tage zu aktualisieren und Mails an einige ihrer Förderer zu versenden. Letzteres kam Bambusspitzen unter den Zehennägeln gleich. Um Geld zu betteln gehörte jedoch leider zu ihren Aufgaben, denn weder ließen sich die Miete oder die Schulkosten noch etwaige Reparaturen und Instandhaltungen mit Luft und guten Vorsätzen bezahlen.

Mit nur einer Stunde Verspätung begleitete sie um kurz vor zehn Karsten und die letzten Kids nach draußen und verschloss die Tür.

Als sie alleine waren, bat Karsten sie noch, einen Moment zu warten. Er wollte noch kurz an das Gespräch des frühen Abends anknüpfen. Doch Olivia winkte ab. Sie wollte einfach nur noch nach Hause, dort ein Glas Wein und ein Bad genießen und dann ins Bett fallen. Was immer der Mann zu sagen hatte, konnte – nein, musste bis morgen warten. Karsten wirkte nicht besonders begeistert, was sie einen Moment wanken ließ, doch dann nickte er verständnisvoll, gab ihr noch seine Kontaktdaten und verabschiedete sich.

Sich nach wie vor darüber wundernd, dass Karsten ihr die Adresse eines Hotels gegeben hatte, konnten Olivia weder der Wein noch das Bad den Weg in einen entspannten Feierabend ebnen. Sie leerte das Glas, griff nach dem Telefon und glitt zurück in die Wanne. Seufzend wählte sie Moiras Nummer. Sie würde über den späten Anruf nicht begeistert sein, doch da musste sie eben durch.

„Hey Olivia? Was ist passiert?“, drang bereits nach dem zweiten Tuten Moiras besorgte Stimme an ihr Ohr.

„Entschuldige den späten Anruf, aber das hier konnte einfach nicht bis morgen warten. Wo zum Henker hast du bitte diesen Vogel aufgetrieben? Gut, er hatte vom ersten Moment an einen guten Draht zu den Kids und ist auch in Bezug auf Kampfsport und Selbstverteidigung nicht vollkommen talentfrei …“ Okay, das war die Untertreibung des Jahrhunderts. „… aber ich bitte dich. Er lebt in einem Hotel und fährt einen Vierzig-Tausend-Dollar-Wagen?“ Sie war längst noch nicht fertig, aber vorher musste sie Luft holen.

Diese Pause nutzte Moira, um ihrerseits das Wort zu ergreifen: „Hotel? Kampfsport? Vierzig-Tausend-Dollar-Wagen? Wovon redest du? Wen soll ich dir geschickt haben? Was?“

„Na, diesen Karsten Fischer! Den Ersatz für Emil.“ Es war spät, und vielleicht hatte Moira auch schon geschlafen, aber so schwer zu verstehen war das doch nicht. Oder?

„Karsten Fischer? Ich kenne niemanden mit diesem Namen. Ich habe Kyle Brown damit beauftragt, dir eine Weile auszuhelfen. Und der kommt, wie ich dir gesagt habe, frühestens Samstag.“

Olivia schob sich halb aus dem Wasser und umklammerte den Wannenrand. „Wie bitte?“

„Olivia, Süße, ich weiß ja nicht, wer da bei dir aufgetaucht ist, aber er kommt nicht von mir.“

Trotz des heißen Wassers und der warmen Luft im Badezimmer überlief sie eine Gänsehaut. „Ähm. Okay. Dann weiß ich Bescheid“, sagte sie schließlich gedankenverloren. „Entschuldige noch einmal die späte Störung. Telefonieren wir morgen noch einmal?“

„Schon gut, ich bin froh, dass du deswegen angerufen hast. Was hast du denn jetzt vor?“ Im Gegensatz zu Olivia hatte Moira offensichtlich noch nicht vor, das Gespräch schon zu beenden.

„Die Sache klären natürlich!“

„Olivia, du willst doch wohl jetzt nicht alleine zu ihm, oder? Wer weiß, wer dieser Kerl ist!“

„Doch, klar. Was denkst du denn? Der Typ taucht auf, weil er angeblich geschickt wurde, um mir zu helfen. Ich habe ihn auf die Kids losgelassen, weil ich dachte, er käme von dir.“ Wütend über ihre Gutgläubigkeit hatte sie ihre Stimme der falschen Person gegenüber erhoben.

„Hast du sie noch alle?“ Ein Seufzer. „Warte wenigstens, bis ich da bin. Dann komme ich mit. Oder ruf Simon an.“

„Nein, du hast die Kleine da, und dein Mann ist doch sicher auf Schicht. Ich rufe Simon an.“ Nein, würde sie nicht. Simons Beschützerinstinkt war noch ausgeprägter als der ihrer Kids. Darüber hinaus hatte sie schon länger das Gefühl, dass bei ihm selbiges ihr gegenüber wesentlich tiefer ging als einem normalen Kollegen gegenüber. Das ließ Olivia vermuten, dass sich Simon nicht erst lange mit einem Frage-und-Antwort-Spiel aufhalten würde. Und das würde ihr gerade noch fehlen.

„Okay, aber halte mich mal auf dem Laufenden.“

Olivia brummte das Versprechen in den Hörer, sich zu melden, verabschiedete sich dann und beendete das Gespräch. Danach gönnte sie sich noch fünf Minuten in dem Schaumbad, nach dem sie sich schon den ganzen Tag gesehnt hatte, ehe sie sich schließlich schweren Herzens aufraffte.

Die Fahrt zum Coral Tide Resort dauerte ungefähr zehn Minuten, und als Olivia schließlich auf den Parkplatz einbog, war sie entschlossener denn je, Karsten Fischer zur Rede zu stellen. Den ganzen Weg über war sie immer wieder durchgegangen, was sie sagen würde. Ganz oben auf der Liste der Informationen, die sie aus ihm herausbringen wollte, stand natürlich, wer ihn geschickt hatte und wie derjenige darauf käme, dass sie Hilfe brauche. Dass es nicht um die Situation im Jugendzentrum ging, davon war sie längst überzeugt.

Überraschenderweise wurde Olivia praktisch durchgewunken, als sie nach dem Zimmer fragte, dessen Nummer Karsten ihr gegeben hatte. Sie hätte erwartet, dass man den Gast anrufen oder sie wenigsten schräg ansehen würde, doch nichts dergleichen. Der Rezeptionist gab ihr freundlich und ohne zu zögern eine kurze Wegbeschreibung, um dann wieder an seine Arbeit zu gehen.

Die Anlage des Resorts sah durch die unaufdringliche Beleuchtung selbst bei Nacht sehr ansprechend aus. Die zum Ozean hin offene und komplett in Weiß gehaltene Anlage war gleichzeitig schlicht und nobel. Alles war in einem top Zustand und makellos sauber. Olivia entdeckte eine Tafel, auf der das umfangreiche Spa-Angebot angepriesen wurde. Der Zusatz Besucher finden an der Rezeption eine Preisliste bewog sie zu der Überlegung, die Anwendungen doch bei Gelegenheit mal auszuprobieren. Sich wieder auf ihr Vorhaben konzentrierend, erklomm sie die Stufen und marschierte den Laubengang entlang, der sie zu Karstens Zimmer führte. Als sie angekommen war, wischte sie sich die nassen Hände an der Jeans ab und klopfte.

2

Karsten sprang aus der Dusche, wickelte sich ein Handtuch um die Hüften, schnappte sich ein weiteres und bewegte sich auf die Tür zu. Jeder einzelne Schritt war von leisem Murren begleitet. Er hatte doch ausdrücklich gesagt, dass man ihm das bestellte Essen erst in circa einer Stunde bringen sollte! Das war noch keine fünfzehn Minuten her. So viel also zu der ausgiebigen Dusche. Dabei hatte er es sich so schön ausgerechnet.

Punkt 1: Eine ausgiebige Dusche, um den Schweiß des Tages abzuwaschen. Als wäre das Wetter an sich nicht schon genug gewesen, hatten ihn das Basketballspiel und das Training mit den Kids und die anschließende Laufrunde zu Olivias Wohnhaus, um dort nach dem Rechten zu sehen, zusätzlich gehörig ins Schwitzen gebracht.

Punkt 2: Noch einmal alle Unterlagen durchgehen, die er von Leo bekommen hatte, und sich einen genauen Plan zurechtlegen, wie er das so dringend fällige Gespräch beginnen und führen sollte. Dass er für einen Sozialarbeiter gehalten wurde, der Olivia im Fort Heaven helfen sollte, machte das Ganze um einiges komplizierter, als es das ohnehin schon gewesen war. Erst dann konnte er sich voll und ganz dem eigentlichen Problem widmen – Patrick Jonas.

Punkt 3: Mit Burgern und Bier den Feierabend einläuten. Okay, und sich dabei vielleicht noch die ersten Gedanken bezüglich der vermissten jungen Frau machen.

Na gut, also dann eben essen und arbeiten und anschließend vielleicht noch die Dusche fortsetzen, dachte Karsten.

Dass er auch diesen neuen Plan umgehend wieder verwerfen konnte, wurde ihm klar, kaum dass er die Tür aufgerissen hatte.

Vor ihm stand Olivia, die Faust bereits für die nächste Klopf-Salve erhoben.

„Na, mit dir habe ich jetzt nicht gerechnet.“

Sie musterte ihn von oben bis unten. „Ja, das sieht man.“

„Ich habe ein übereifriges Zimmermädchen erwartet.“ Aus unerklärlichem Grund sah er sich zur Rechtfertigung genötigt. Kaum hatten die Worte jedoch seinen Mund verlassen, bemerkte er auch schon seinen Fehler und fügte hastig hinzu: „Ich habe Essen bestellt! Aber erst für in einer guten Dreiviertelstunde.“

Olivias Mundwinkel zuckten kurz, ehe sie ihn wieder ernst ansah. Nein, nicht ernst, korrigierte sich Karsten, wütend. „Ich bin hier, weil ich Antworten will! Darüber, wer du bist und wer dich geschickt haben soll“, sagte sie und kam damit umgehend zum Grund ihres Auftauchens.

Etwas in der Art hatte er sich schon gedacht. Man fuhr nicht mitten in der Nacht durch die Gegend, um noch ein wenig Small Talk mit dem vermeintlichen neuen Mitarbeiter zu betreiben. Also nickte Karsten nur und trat einen Schritt beiseite. Olivia machte keine Anstalten einzutreten.

Er schalt sich sofort einen Idioten. Natürlich würde sie nicht einfach so in das Zimmer eines fremden Mannes gehen, von dem sie sich hintergangen fühlen musste. Er hatte sie im Grunde genommen nicht belogen, die volle Wahrheit hatte er ihr jedoch auch nicht gesagt. Damit herausreden, dass er es ja zwei Mal vorgehabt hatte, konnte er sich auch nicht. Dazu kam, dass er hier ja praktisch nackt vor ihr stand.

„Gib mir zwei Minuten. Ich ziehe mich an. Dann können wir uns unten an den Pool setzen, und ich beantworte dir deine Fragen.“

„Gut.“ Sie wandte sich ab und ging davon. Karsten streckte sich schnell etwas vor, um ihr nachzusehen. Er konnte kaum etwas dagegen tun, dass ihr Anblick ihn immer wieder anzog. Vorhin im Jugendzentrum hatte er das auch schon festgestellt, glücklicherweise aber immer eine Ablenkung gefunden – oder sie hatte ihn gefunden. Olivia hatte aber auch eine Hammerfigur. Und erst dieses unfassbar schöne, ausdrucksstarke Gesicht, das von Wellen in den Farben eines flammenden Sonnenunterganges umrahmt wurde. Einfach nur wow! Und wie sie ihn angesehen und jeden Zentimeter seines entblößten Oberkörpers betrachtet hatte. Es war nur ein Moment gewesen, doch er hatte ihren Blick geradezu auf seiner Haut spüren können. Als würde sie sie mit den Fingerspitzen berühren.

Als Karsten erkannte, was ihm da gerade durch den Kopf ging, zog er sich so abrupt in sein Zimmer zurück, dass er über seine eigenen Füße stolperte. Nein, das ging ja mal gar nicht. Hatte er jetzt völlig den Verstand verloren?

Notdürftig trocknete er sich ab und schmiss sich in die Jeans. Einem Impuls folgend wollte er schon auf das T-Shirt verzichten, besann sich dann aber eines Besseren. Mit einer Flasche Wasser und zwei Gläsern bewaffnet wagte er sich schließlich hinaus. Noch immer keine Ahnung, was er ihr sagen – wie viel er erzählen sollte.

Olivia stand an der Balustrade, die die Anlage vom Strand trennte, und sah auf den Ozean hinaus.

Beim Nähertreten räusperte er sich kurz, um sie nicht zu erschrecken. „Wenn du willst, können wir.“

„Das wurde aber auch Zeit!“ Sie blieb, wo sie war, drehte sich lediglich zu ihm um. Dank der Außenbeleuchtung konnte er deutlich das wütende Funkeln in ihren Augen sehen. „Dann lass mal hören! Und zwar diesmal die Wahrheit! Wer bist du? Wieso bist du an meinem Jugendzentrum aufgetaucht? Und wer hat dich geschickt, weil ich angeblich deine Hilfe brauche?“

Karsten stellte Flasche und Gläser auf den Tisch und ließ sich stumm seufzend auf einen der Stühle fallen. Natürlich wollte sie gleich alles wissen. Doch würde sie ihm glauben? Sofern er sich dazu überwinden konnte, ihr auch wirklich alles zu sagen.

Er fuhr sich durch die Haare, atmete tief durch und nahm den ersten Teil der Antworten in Angriff: „Meinen Namen kennst du schon. Ich arbeite in Miami als Privatermittler und Personenschützer.“

„Privatermittler? Personenschützer?“, echote sie. „Ich brauche weder das eine noch das andere. Ebenso wenig wüsste ich jemanden, der gegen mich ermitteln oder vor dem ich beschützt werden müsste. Vor allem aber kenne ich niemanden in Miami. Was soll das alles also?“

Sie taxierte ihn, wobei es ihr nicht gelang, den Blick allein auf seinem Gesicht gerichtet zu halten. Dass sich ihre Miene daraufhin noch weiter verfinsterte, ließ Karsten eine Sekunde lang stutzen. Der Erkenntnis, dass sich das hier der Situation von vorhin ähnelte – sie hatte ihn sich genauer angesehen und war anschließend wütend gewesen –, konnte er im Moment leider nicht nachgehen. Er musste sich darauf konzentrieren, Olivias Vertrauen zu erlangen.

„Der Grund dafür, dass ich hier bin … nun ja, das ist nicht ganz so leicht zu erklären.“

„Du wirkst mir wie ein ziemlich cleveres Kerlchen. Du kriegst das schon hin.“

Karsten ließ den Kopf in den Nacken fallen und seufzte ein weiteres Mal vor sich hin. Diesmal nicht ganz so lautlos wie zuvor. Es lag weiß Gott nicht an fehlender Cleverness, dass er nicht wusste, wie er das tun sollte. Verdammt, wieso hatte er nicht mit Kid darüber gesprochen, was in solch einem Fall zu tun war? Andererseits sollte er doch auch in der Lage sein, selbst darauf zu kommen.

„Ich bin zu deinem Schutz nach Fort Lauderdale gekommen. Wir … das heißt, mein Kollege Leo ist im Zusammenhang mit di… Er ist darauf gestoßen, dass dein Exmann Patrick aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Wegen seiner Gewaltbereitschaft und den Drohungen, die er im Gerichtssaal ausgestoßen hat, hielten wir es für angebracht, dich im Auge zu behalten und wenn nötig zu beschützen. Ich gebe zu, ich habe vorhin das Missverständnis nicht aufgeklärt, aber das ist auch das Einzige, bei dem ich nicht ganz aufrichtig war.“

Dass er nicht ganz aufrichtig gewesen war, war eine ziemliche Untertreibung, doch im Anbetracht des Ganzen war das gleichzeitig auch erst mal nebensächlich. Je mehr Karsten sagte, desto weniger verstand sie. Privatermittler aus Miami kamen bei irgendwelchen Ermittlungen darauf, dass sie möglicherweise Schutz brauchte, weil ihr Ex nicht mehr im Knast saß? Was sollte das alles? Und was für Ermittlungen waren das bitte schön, dass sie – und er hatte zuerst eindeutig dir sagen wollen – damit in Verbindung stand? Wenigstens konnte sie ihn dank dieser Erklärung schnell wieder loswerden.

„Gut, dann freut es dich sicher zu hören, dass dein Job an diesem Punkt erledigt sein dürfte.“ Sie ging auf den Tisch zu und stützte sich auf die Rückenlehne des Karsten gegenüberstehenden Stuhls. „Ich weiß ja nicht, wo dieser Leo seine Informationen her hat, aber eine Sache ist ihm dabei entgangen. Patrick ist nur wenige Tage nach seiner Entlassung aus Florida weggegangen.“

„Laut seines Bewährungshelfers ist er von der Bildfläche verschwunden. Das ist ein Unterschied.“

Okay, genau genommen hatte er recht, wenn man es aus dieser Sicht sah. Aber darüber mussten sie nun ja nicht unbedingt groß diskutieren. „Er ist weg, und das ist alles, was zählt.“

„Olivia, er hat gedroht, sich an dir zu rächen, weil du gegen ihn ausgesagt hast. Nun ist er frei und verschwunden. Auch wenn das psychologische Gutachten etwas anderes sagt; ein Mensch ändert sich nicht so grundlegend. Du nimmst unter Garantie immer noch eine Menge Raum in seinen Gedanken ein. Um nicht gleich von Besessenheit zu sprechen.“ Karsten betrachtete sie so eingehend, dass sie sich bald unwohl fühlte. „Weißt du, wo er sich aufhält?“

Olivia schlug mit den Handballen auf die Lehne. „Ja, verdammt. Oder zumindest weiß ich, dass er sich eben nicht mehr in Florida aufhält.“ Sie stieß sich vom Stuhl ab. „Simon und Emil haben ihm ziemlich gute Argumente geliefert, die Stadt zu verlassen und sich am besten etwas ganz weit weg zu suchen. Er war ihrer Meinung und ist dann verschwunden. Die beiden haben ihm großzügigerweise ein Ticket nach Washington spendiert und ihn auch gleich in den Zug gesetzt.“ Die Erinnerung daran, dass ihre Kollegen nicht unbedingt zaghaft mit ihm umgesprungen waren, ließ sie einen Moment mit den Zähnen knirschen. „Über die Art und Weise, wie sie das ausdiskutiert haben, mag man streiten können, aber am Ende zählt wohl nur das Ergebnis. Damit dürfte deine Aufgabe also beendet sein. Ebenso wie das Gespräch.“

Eigentlich hatte Olivia vor, ihren Worten umgehend Taten folgen zu lassen und zu verschwinden. Je schneller sie hier weg kam, umso besser. Noch jetzt brandete ihre Wut über sich selbst auf, wenn sie daran dachte, welche Auswirkung das Bild auf sie gehabt hatte, das sich ihr bei ihrer Ankunft geboten hatte. Verdammt, sie wollte sich nicht daran erinnern, wie heiß Karsten ausgesehen hatte. Nur mit einem Handtuch um den Hüften und die sonnengebräunte Haut nass glänzend. Wie sie bei dem Gedanken, dass er eine andere Frau erwarten könnte, spitze Eifersucht verspürt hatte, obwohl sie ihn gerade mal wenige Stunden kannte und er sich nach allem, was sie wusste, unter einem Vorwand Zugang zu ihrem Zentrum verschafft hatte. Eine Frage hielt sie dann aber doch davon ab, gleich zu verschwinden. „Womit stehe ich in Verbindung?“

Karsten sah sie fragend an.

„Du sagtest, er hätte die Sache mit Patrick entdeckt, als er nach etwas gesucht habe, zu dem ich in Verbindung stehe“, griff sie seine Worte so auf, wie er sie ihrer Meinung nach ursprünglich hatte sagen wollen. Etwas flackerte in seinen Augen auf, und seine Kiefermuskeln spannten sich an. Nein, nicht nur sie, wie Olivia feststellte. Karsten war plötzlich die Anspannung in ihrer reinsten Form. „Und komm mir nicht wieder damit, dass es kompliziert sei. Du bist der Sprache mächtig und auch nicht dumm, wie wir bereits feststellen konnten. Ich besitze ebenfalls eine recht weitentwickelte Auffassungsgabe, würde ich mal behaupten.“

„Kompliziert ist es trotzdem.“ Karsten rieb sich grob über das Gesicht und stand dann auf. „Du stehst nicht mit dieser Sache in Verbindung. Die Sache steht mit dir in Verbindung. Oder besser mit dir und … unserem Teamkollegen und Freund.“

Langsam aber sicher ging ihr echt der Kamm hoch. Karsten druckste herum, als wolle er ihr mitteilen, dass sie die uneheliche Tochter der englischen Queen sei. „Nun spuck es schon aus! Verdammt, das hält ja kein Mensch aus!“

„Wir sind überzeugt davon – also zu 99 Prozent –, dass du seine Schwester bist. Ich wurde auch geschickt, um …“

„Moment, was?!“ Olivia schnappte entsetzt nach Luft. Sie wedelte mit den Händen, als könne sie das Gesagte so vertreiben. Denn sie wollte davon nichts hören. Es gab nur sie. Sie und ihre Eltern. Sophie und Alistair mochten auf dem Papier nur ihre Adoptiveltern sein, aber darauf hatte sie nie etwas gegeben. „Ich habe keinen Bruder! Was redest du für einen Scheiß? Nein, ich habe keinen Bruder!“ Die leise Stimme, die ihr in Erinnerung rufen wollte, dass das eine dicke fette Lüge war, würgte sie umgehend ab.

„Du wurdest 1985 in New York geboren und kamst 1988 in die Obhut des Jugendamtes. In den darauffolgenden Jahren wurdest du mehrmals adoptiert und bist schließlich …“

„Ich kenne meine Lebensgeschichte und brauche keine Zusammenfassung. Vielen Dank auch.“

Nun den Startknopf gefunden, wollte Karsten sich jedoch offensichtlich nicht vom Weiterreden abhalten lassen. „Dein Bruder hat dich damals …“

„Ich habe keinen Bruder! Kapiert?!“ Sie stieß frustriert Luft aus. „Wir sind hier fertig! Pack dein Zeug und verschwinde zurück nach Miami!“ Damit wandte sie sich von ihm ab und lief davon. Weit kam sie nicht. Nach nur wenigen Metern hatte Karsten sie eingeholt.

„Trevor konnte damals im letzten Moment verhindern, dass sich euer Vater an dir verging. Er hat dich geschnappt und ist mit dir zusammen zur Jugendfürsorge geflüchtet.“

Eindrücke streiften den Rand ihres Verstandes, und Gefühle – Angst, Hilflosigkeit, aber auch grenzenloses Vertrauen und bedingungslose Liebe – schlugen wie ein Meteoritenschauer in ihren Magen ein. Davon völlig überrumpelt wirbelte sie herum. Eigentlich wollte sie ihn nur erneut anfahren, doch als sie ihn nun so nah vor sich stehen sah, stieß sie ihm unvermittelt beide Hände vor die Brust. Er hatte damit nicht gerechnet, andernfalls hätte ihr Schubser wohl kaum zu dem geführt, was nun folgte. Karsten machte zwei Schritte zurück, ruderte mit den Armen und landete im nächsten Moment mit einem lauten Platsch im Pool.

Reflexartig sprang Olivia den Wasserspritzern aus dem Weg, ansonsten starrte sie jedoch lediglich perplex zum dem bereits wieder auftauchenden Mann hinab. Die leise Stimme, die sich gerade schon so vorlaut zu Wort hatte melden wollen, flüsterte ihr zu, dass eine Entschuldigung angebracht wäre. Doch das sah sie so gar nicht ein. „Ich habe keinen Bruder“, murmelte sie stattdessen ein weiteres Mal. Es schmerzte sie, dass sie nicht die Nachdrücklichkeit aufbringen konnte, die sie sich gewünscht hätte.

Karsten schob sich schweigend zum Beckenrand vor, stemmte seinen Körper aus dem Wasser und schüttelte sich. Dabei wirkte er keineswegs sauer über das unfreiwillige Bad. Vielmehr glaubte sie, Mitgefühl in seinem Blick zu erkennen, als er ihn auf sie richtete. „Du warst gerade einmal drei oder vier Jahre alt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn …“

Abwehrend hob Olivia die Hand. „Nein, bitte, lass es doch endlich gut sein.“ Sie stieß ein leises Stöhnen aus. Noch immer wurde ihr Magen von den unterschiedlichen Gefühlen wie Brotteig durchgeknetet. „Ihr irrt euch. Ich bin nicht die, die ihr sucht“, versicherte sie ihm noch weniger überzeugend als vorhin schon. Die Angst vor dem immer stärker werdenden Wunsch, mehr über den Jungen – über den Mann, der er inzwischen war – zu erfahren, nahm ihr die Kraft dazu.

Karsten wollte etwas sagen, wurde dann aber abgelenkt. Gerade, als sie seinem Blick folgte und den Hotelmitarbeiter mit dem silbernen Tablett entdeckte, rief er ihm mit leicht erhobener Stimme zu, er möge das Essen doch bitte zu ihnen an den Pool bringen. Diese kurze Unterbrechung bewirkte, dass die Starre von ihr abfiel. Olivia sah noch einmal zu Karsten. „Ich bin die Falsche.“ Dann eilte sie davon.

Olivia schlug die Autotür hinter sich zu und ließ den Kopf auf das Lenkrad fallen. Ihr Herz raste und ihre Finger zitterten. So wollte sie nicht gleich losfahren, sondern sich erst mal ein wenig beruhigen. Gott sei Dank hatte Karsten bisher offenbar noch keine Anstalten gemacht, ihr zu folgen. Das hätte sie jetzt nicht verkraftet.

Obwohl sie nun alleine war und es niemand mitbekommen würde, wenn sie den Gedanken zuließe, weigerte sie sich eisern dagegen. Natürlich war ihr das, was Karsten gesagt hatte, nicht fremd. Sie mochte noch sehr klein gewesen sein und die damaligen Geschehnisse kaum mehr als dunkle Erinnerungsfetzen, das änderte aber nichts daran.

Je länger Olivia so dasaß und je intensiver die Eindrücke in ihr Bewusstsein zurückkehrten, desto schwerer legte sich ein Band aus Übelkeit und Angst um sie. Aber nicht nur diese beiden Gefühle schnürten ihren Brustkorb wie ein zu enges Korsett ein. Es war auch noch etwas anderes. Traurigkeit. Ihr Bruder hatte sie von dem weggebracht, das ihnen ein Zuhause hätte sein sollen, und ihr versprochen, dass sie bald ein besseres finden würden. Mit liebevollen Eltern, vor denen sie keine Angst zu haben bräuchten. Und vielleicht mit einem Hund, mit dem sie spielen könnten. Doch selbst wenn es dort keinen Hund gäbe, würden sie doch sich haben. Und dann war sie zu diesen Leuten gekommen, und er hatte sie nicht begleitet. Sicher, irgendwann hatte sie verstanden, dass das nicht seine Schuld gewesen war. Doch später, als Sophie und Alistair ihr ihren sehnlichsten Wunsch hatten erfüllen wollen, hatte das Kinderheim ihnen mitgeteilt, dass Trevor inzwischen sein eigenes Leben führe und kein Interesse an einem Kontakt habe. Zutiefst enttäuscht hatte Olivia ihn daraufhin aus ihrem Leben gestrichen. Anfangs hatte es verdammt wehgetan, und sie hatte oft geweint. Doch irgendwann war es nur noch ein dumpfer Schmerz gewesen, aus dem sie schließlich … ja, entwachsen war.

Also, nein, sie hatte keinen Bruder. Punkt.

Weitere fünf Minuten vergingen, während Olivia einfach nur in ihrem Wagen vor dem Hotel hockte, in dem der Mann wohnte, der mit wenigen Sätzen all das heraufbeschworen hatte. Mehrfach hatte sie die Finger schon um den Schlüssel gelegt, der inzwischen im Zündschloss steckte. Allerdings hatte sie sie auch jedes Mal wieder zurückgezogen, nicht fähig, den Motor zu starten und loszufahren. Die Frage danach, warum Karsten dann jetzt hier auftauchte und ihr erzählte, dass er und sein Freund Leo nach ihr gesucht hatten, ließ sie einfach nicht los.

Seit sie so plötzlich davongelaufen war, schalt sich Karsten einen Idioten. Wieso war er nur so damit herausgeplatzt? Ja sicher, sie hatte die Wahrheit hören wollen. Das war allerdings noch lange keine Rechtfertigung für eine solche Dampfhammermethode.

Karsten biss ein Stück seiner Pommes ab und kaute lustlos. Fuck, das hatte er verbockt! Aber so was von!

Das war ihm nicht erst klar geworden, als sie, die Störung durch den Hotelmitarbeiter nutzend, verschwunden war.

Nachdem sie bei seinen Worten innegehalten hatte, hatte er eigentlich nicht mehr damit gerechnet. Karsten lachte humorlos auf. Okay, er hatte auch nicht mit dem unfreiwilligen Bad gerechnet. Was sagte das also schon aus? Er machte Olivia deswegen keinen Vorwurf. Wenn er nicht völlig danebenlag, war das ein simpler Reflex oder vielleicht besser eine Kurzschlusshandlung gewesen.

Kurz hatte Karsten darüber nachgedacht, ihr zu folgen, das dann aber umgehend wieder verworfen. Olivia hinterher zu fahren, würde sie nur noch mehr in die Enge treiben. Besser war es da, ihr ein wenig Raum zu geben, um das Gesagte zu verarbeiten, und dann am nächsten Morgen noch mal ein Gespräch zu suchen.

Indes würde auch er die letzten Minuten noch einmal in Ruhe Revue passieren lassen. Irgendetwas hatte an seinem Unterbewusstsein gekratzt. Er konnte es nicht genau benennen, dennoch war er sich sicher: Kid hatte die richtige Frau gefunden. Das schloss er nicht nur aus dem undefinierbaren Gefühl, sondern auch aus dem, was er beobachtet hatte. Der Ausdruck in ihren Augen, ihre Haltung und das leichte Neigen ihres Kopfes … es lag noch keine zwei Tage zurück, dass Sunny genau diese Gesten als Beweis dafür angeführt hatte, dass Trisha einfach seine Tochter sein musste.

Oh Mann, Sunny! Wenn er von dem hier erfuhr, würde er erst Kid für seine Geheimniskrämerei umbringen und dann ihn, weil er das hier so versiebt hatte.

Karsten griff sich eine weitere Pommes und steckte sie sich in den Mund. Wenigstens schien sich die Sache mit Olivias Ex erledigt zu haben. Natürlich würde er Kid noch mal darauf ansetzen. Sicher war sicher. Und der Kleine könnte dabei auch gleich mal die beiden Männer unter die Lupe nehmen, die ihn laut Olivia aus der Stadt gejagt hatten. Deren vollständige Namen würde er im Zusammenhang mit dem Jugendzentrum sicher mit Leichtigkeit finden. Karsten bezweifelte, dass Olivia ihm diese Informationen noch einfach so liefern würde. Aber damit würde er ebenfalls bis morgen früh warten. Wenn Kid Glück hatte, ließen die anderen ihn heute Nacht zur Abwechslung mal ein paar Stündchen schlafen. Da würde er sicher nicht hingehen und ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Außerdem konnte er so auch gleich Sunny gratulieren. Kid hatte ihm vorhin in einer kurzen Nachricht geschickt, dass ihr Freund nun ganz offiziell Vater war. Karsten freute sich wirklich unsagbar für Sunny. Zwar stand das Team einander beinahe näher als so manchem Mitglied der eigenen Familie, doch größtenteils war das eben eine mehr oder minder freiwillige Entscheidung. Sei es nun, weil man sich entfremdet hatte oder wie Karsten ausgewandert war. Als Sunny diese Entscheidung getroffen hatte, war es hingegen ums nackte Überleben gegangen. Geblieben war ihm von seiner leiblichen Familie nur Olivia, die er trotz aller Bemühungen allerdings zuletzt vor gut fünfundzwanzig Jahren gesehen hatte. Karsten konnte nur erahnen, wie einsam Sunny insgeheim gewesen sein musste. An die große Glocke hatte sein Freund das nie gehängt, und er ging auch keineswegs zum Lachen in den Keller, doch allein die Vermutung, er habe eine Tochter, hatte ihn mit einem Strahlen erfüllt … ein Unterschied, so deutlich wie Tag und Nacht. Und nicht nur im Fall von Olivia und Trisha schien Fortuna endlich auf Sunny aufmerksam geworden zu sein. Nein, auch in Sachen Liebe. Blieb nur zu hoffen, dass die Zukunft es gut mit ihm und Grace meinte. Wünschen würde Karsten es ihnen.

Bei dem ganzen Glück konnte man ja schon fast neidisch werden. Nicht unbedingt, was Geschwister anging, davon hatte er selbst mit zwei Brüdern und einer Schwester weit mehr als genug. Und auch an Kinder hatte er nie mehr als einen flüchtigen Gedanken verloren. Er war eher so der Typ verrückter Onkel. Was allerdings eine Partnerin und vielleicht sogar diese ganz spezielle – die einzig wahre – Liebe betraf …

„Was würde es kosten, dich zu engagieren?“

Karsten hätte fast den Teller vom Tisch gefegt, so sehr erschrak er, als Olivias Stimme plötzlich gleich neben ihm erklang. Diesmal war jedoch nicht die leichte Beeinträchtigung seines Ohres dafür verantwortlich, sondern schlicht seine intensive Grübelei.

„Wie bitte?“, fragte er, nicht sicher, ob er sie richtig verstanden hatte, und sammelte hastig die entflohenen Pommes ein.

Olivia setzte sich ihm gegenüber und beugte sich vor. „Wenn ich dich engagieren würde, um Camille zu finden, wie teuer würde das werden?“ Sie hob ihren Zeigefinger, um sein Schweigen aufrechtzuerhalten. „Ich will nichts über irgendwelche … angeblichen Brüder hören. Ich will einfach nur, dass du Camille findest!“

Karsten musterte sie einen Moment lang und überlegte angestrengt. Nachdem Olivia ihre Frage erneut gestellt hatte, war ihm sofort in den Sinn gekommen, dass er sie für ein kleines Geschäft nutzen könnte. Es war vielleicht nicht ganz fair, aber heiligte nicht bekanntlich manchmal der Zweck die Mittel? Dass er eh schon mit dem Gedanken gespielt hatte, Camilles Verschwinden zu untersuchen, musste er Olivia ja nicht unbedingt sagen.

Er beugte sich ebenfalls vor und ahmte ihre Haltung nach. „Ich bezweifle, dass du es dir leisten kannst“, log er. Wenigstens die Hälfte der Klienten, denen sie halfen, könnte sich das reguläre Honorar nicht leisten. „Aber ich mach dir einen Gegenvorschlag.“

„Lass raten. Ich lasse mich auf den Mist mit diesem ominösen Bruder ein, und dann hilfst du mir?“

Karsten hätte fast angefangen zu lachen. Eins musste man ihm wohl lassen. Eine Frau wütend zu machen, hatte er wirklich drauf. Gott sei Dank konnten Blicke nur sprichwörtlich töten. Statt jedoch durch Gelächter noch einen drauf zu setzen, nickte er nur. „Sunny … Trevor würde sich wirklich unendlich freuen, seine Schwester wiederzuhaben.“

Olivia schnaubte verächtlich. Sie stand auf und lief an ihm vorbei. Karsten glaubte schon, sie würde ein weiteres Mal gehen. Er zweifelte nicht daran, dass sie dann nicht noch einmal zurückkommen würde. Doch Olivia ging nicht weg. Nur Sekunden später kehrte sie zu ihrem Stuhl zurück und setzte sich. Missmutig klaute sie ihm eine Pommes vom Teller. Stück für Stück nahm sie sie auseinander. Als sie seinen Blick bemerkte, steckte sie sich den Rest in den Mund und kaute gemächlich.

„Bevor ich mich entscheide … Wie gut bist du?“ Sie nahm eine weitere Pommes. „Ich würde mich ziemlich verarscht fühlen, wenn du nur irgendein Möchtegern-Schnüffler bist und mit deinem Angebot hauptsächlich deine eigenen Interessen vorantreiben willst.“

Karsten ließ sich Zeit mit seiner Erwiderung. Er schob erst einmal den Teller mit den Fritten in die Mitte, goss auf Olivias zustimmenden Nicken hin die Hälfte seines Bieres in ein Glas und reichte ihr dies.

„Ich sollte vermutlich jetzt in meiner Ehre verletzt sein“, sinnierte er dann. „Mein Team zählt zu den Besten des Landes. Und nein, das ist keine Prahlerei, sondern eine simple Tatsache. Ich verspreche dir, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, um Camille zu finden. Du wirst am Ende Antworten erhalten. Ich kann dir nicht versprechen, dass es gute sein werden, aber du wirst erfahren, was ich herausgefunden habe.“ Er nahm einen der Burger vom Teller und sagte, ehe er abbiss: „Von dir verlange ich nur zwei Dinge. Erstens versorgst du mich mit allen Informationen, die du über Camille hast, und stellst den Kontakt zwischen ihrem Bruder und mir her. Zweitens bist du offen, was die Sache mit Trevor angeht.“

„Genau genommen sind das drei Dinge.“ Als Karsten die Augenbrauen hob, lenkte sie ein. „Schon gut. Schon gut. Muss ich mich sofort entscheiden?“

Karsten fuhr sich mit der Zunge an den Zähnen entlang, um den Käse loszuwerden, dann tat er, als würde er gründlich nachdenken. Insgeheim wartete er, bis das Bedürfnis, breit zu grinsen, verschwunden war. „Nun ja, je eher du dich entscheidest, desto früher beginnen die Ermittlungen.“ Er hatte fast ein wenig zu viel Spaß daran, diese Frau zu reizen und sie mit sich ringen zu sehen.

Als sie resigniert Luft ausstieß und die Arme vor der Brust verschränkte, wusste er, er hatte gewonnen. Dummerweise lenkte ihn Olivias momentane Haltung gleichzeitig davon ab, zu triumphieren – oder von dem, was sie als Nächstes sagte. Der Ausblick auf das sanft angehobene Dekolleté war einfach zu bezaubernd.

Reiß dich zusammen, verdammte Axt!

„Entschuldigung. Ich war … mit den Gedanken gerade wo anders.“

Olivia blickte an sich hinab, verzog das Gesicht und nahm die Arme runter. „Tss, ja, mir ist auch klar, wo. Bist du nun wieder aufnahmefähig oder brauchst du eine Abkühlung?!“

Ja, er musste sich wirklich dringen zusammenreißen.

Nie im Leben würde sie zugeben, dass sie es genoss, die Aufmerksamkeit dieses Mannes auf sich zu ziehen. Das Gleiche galt für die Aufmerksamkeit, die sie ihrerseits ihm zukommen ließ. Karsten hatte nach dem Sturz in den Pool sein Shirt ausgezogen. Wie auch schon zuvor konnte sie so einen ausgiebigen Blick auf seinen Oberkörper werfen. Der Mann konnte sich wirklich sehen lassen. Man sah, dass er Sport trieb und sich viel draußen aufhielt. Den einzigen Makel stellte eine knapp zehn Zentimeter lange Narbe an seinem Bauch dar. Nein, korrigierte sich Olivia, die Narbe war kein Makel. Ganz im Gegensatz zu ihrer eigenen, egal, was alle anderen meinten. Olivia verdrängte den Gedanken daran und befasste sich stattdessen mit dem, was im Augenblick wichtig war.

Als sie sich dazu entschlossen hatte, noch einmal zu ihm zurückzugehen, war das allein deshalb geschehen, um ihn um Hilfe zu bitten. Wenn man schon mal einen Privatermittler zur Hand hatte, warum ihn dann nicht auch nutzen? Wie vorgenommen hatte sie auch gleich klargestellt, dass sie nichts über ihren Bruder hören wolle. Natürlich war ihr klar gewesen, dass sie sich seine Dienste höchstwahrscheinlich nicht leisten könnte. Dass er das ausnutzen würde, um seine eigenen Interessen durchzusetzen, hatte sie nicht auf dem Schirm gehabt. Das Ergebnis war nun, dass Karsten sie zu erpressen versuchte. Das kleine Mädchen, das sich tief in ihr verborgen jeden Tag aufs Neue nach seinem mutigen und beschützenden Bruder sehnte, egal, wie sehr die erwachsene Frau auch dagegen ankämpfte, jubilierte bei Karstens Angebot ohrenbetäubend laut. Aber das war natürlich nicht der Grund dafür, dass Olivia klein beigab und in diesen Deal einwilligte.

„Ich gehe drauf ein, aber Camille hat absoluten Vorrang. Erst kommt sie und dann dieser Typ, den ihr für meinen Bruder haltet“, wiederholte sie, was Karsten verpasst hatte, als er gedanklich woanders war.

Karsten nickte sofort. Sein Gesicht spiegelte eine Mischung aus Zufriedenheit und Hoffnung wider. „Gut, dann würde ich sagen, du erzählst mir schon mal einiges zu Camille, während wir essen.“ Er deutete auf den Burger, der noch auf dem Teller lag, und erhob sich dann. „Fang doch schon mal an. Ich hole mir mal eben etwas zum Schreiben.“

Zwei Minuten später erzählte Olivia ihm alles, was sie über Camille wusste. Ihre Geschichte vor ihm auszubreiten, fiel ihr im ersten Moment etwas schwer, doch dann schob sie die beklemmenden Gefühle beiseite. Sie tratschte ja nicht spaßeshalber mit irgendjemandem, sondern gab einem Ermittler vielleicht dringend benötigte Informationen. Karsten notierte sich alles, erkundigte sich nach Freunden und Orten, an denen sie sich gerne aufhielt oder zu denen sie ging, wenn sie sich zurückziehen wollte, und stellte Fragen nach Merkmalen. Erst verstand Olivia nicht, warum er sich nach Tätowierungen, Narben und auffälligen Muttermalen erkundigte. Dann jedoch dämmerte es ihr. „Du willst das wissen, um gegebenenfalls ihre Leiche identifizieren zu können.“

„Ja, auch wenn ich vermute, dass Emil das auch schon gemacht hat. Ich hoffe natürlich, sie lebend zu finden. Aber ihr müsst euch einfach auch auf dieses Ergebnis gefasst machen.“

„Ja, das weiß ich.“ Olivia leerte ihr Glas. „Es ist nur viel … angenehmer, sich nicht mit diesem Gedanken zu befassen.“

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P.I.D.