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Schlafzimmerblick

Als Buch hier erhältlich:

Beziehungen sind kompliziert …  

 

… vor allem, wenn es um Probleme im Bett geht. Plötzlich tauchen Fragen auf, die wir uns noch nicht mal trauen, mit der besten Freundin oder dem besten Freund zu besprechen: Muss ich jede Vorliebe meiner Partnerin erfüllen? Habe ich keinen Orgasmus, weil ich verliebt bin? Wieso bin ich beim Sex eigentlich überall, nur nicht bei meinem Freund? Ich finde meine Frau nicht mehr erotisch, was soll ich machen? Zerstört meine Eifersucht unsere Liebe? Kann man Polyamorie eigentlich üben?

Offen und gnadenlos ehrlich antwortet die Paar- und Sexualtherapeutin Angelika Eck auf Fragen, die uns insgeheim manchmal alle beschäftigen. Mit Humor und Feingefühl schärft sie dabei unser Gefühl für die Komplexität von Erotik und Sexualität. Aber auch dafür, wie es uns gelingen kann, unsere Bedürfnisse besser zu verstehen und ernst zu nehmen. Denn nur wer sich öffnet, wird auch gehört.

 

»Es ist ein tiefes, ewiges Thema: unser Bedürfnis nach erotischer Bestätigung durch unseren Partner. Wäre Sex einfach nur Sex, hätten wir diesen Schmerz nicht, wenn der oder die andere keine Lust darauf hat. Aber es geht um viel mehr für die meisten von uns: Bin ich angenommen? Kannst du mich riechen, aushalten, findest du mich attraktiv? Bin ich die Person, die du wirklich und ganz und gar und am meisten von allen willst? Bin ich in deinen Augen sexuell kompetent? Kann ich dir geben, was du brauchst? Mache ich dich glücklich? Das sind eine ganze Menge Fragen, auf die wir Antworten suchen.«


  • Erscheinungstag: 22.06.2021
  • Seitenanzahl: 240
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749950430
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Vorspiel

Selten sagte ich so zweifelsfrei und prompt Ja wie zu der Anfrage, ob ich Lust hätte, in Dr. Sommers Fußstapfen zu treten und als Expertin die Fragen von Leserinnen und Lesern zum Thema Sexualität und Paarbeziehungen im ZEIT-ONLINE-Magazin zu beantworten. Die Aussicht darauf reizte mich so sehr und machte mich in einem Ausmaß froh, dass es mich selbst überraschte. Leise Gegenstimmen in mir gab es zwar. Ist nicht alles zu diesen Themen medial verwertet, ist nicht schon alles millionenfach von allen gesagt? Ist das überhaupt seriös, auf echte Probleme ohne Kontextwissen locker-flockige Antworten zu geben? Was machte für mich den unwiderstehlichen Reiz aus? Zuallererst die ästhetische Herausforderung. Eine Zuschrift bringt eine gigantische Lücke mit sich: So vieles bleibt ungesagt. Wie funktioniert es, die Antwort auf eine Frage oder Situationsschilderung kreativ so anzureichern, dass hilfreiche Anregungen in einer ansprechenden Textgestalt entstehen? Wie würde ich durch geschriebene Sprache allein aus der Distanz heraus den Fragenden und Lesenden nahekommen können?

Der von der Redaktion vorgeschlagene Titel Schlafzimmerblick bringt die Genialität des Formats auf den Punkt: Das Schlafzimmer ist sinnbildlicher Ort unserer privatesten Angelegenheiten. Über sie zu sprechen, ist intim. Als Frage-Antwort-Kolumne wird das Intime auf geschützte Weise öffentlich. Gleichsam durchs Schlüsselloch können andere mitlesen, mitleiden, mitlachen, mitprofitieren. Sogar ein bisschen prickelnder Voyeurismus für die Leserschaft und eine Prise Exhibitionismus für die Fragestellerinnen und – steller sind mit dabei.

Das Faszinierendste ist für mich als Paar- und Sexualtherapeutin, in meiner täglichen Praxis zu sehen, dass so viele Arten, Sexualität und Beziehung zu leben, koexistieren. Mir begegnen alte und junge Menschen, die sich mit zwanzig verlobt haben, und solche, für die feste Partnerschaften oder monogame Beziehungen keine Option sind. Menschen, die sich zum anderen, zum gleichen oder zu verschiedenen Geschlechtern hingezogen fühlen. Menschen, für die Sexualität vollkommen unwichtig ist, und Menschen, für die sie alles bedeutet. Menschen, die auf eine reiche sexuelle Geschichte zurückblicken, und solche, die noch nie im Leben ihre Genitalien berührt haben. Mir ist wichtig – in meiner Praxis wie in der Kolumne –, selbst keine Agenda zu verfolgen, sondern der Vielfalt neugierig zu begegnen. Sagen wir lieber, fast keine Agenda: Intime und sexuelle Bedürfnisse zur Sprache zu bringen und die Fragenden darin zu bestärken, sich selbst dabei anzunehmen, ist meine Leidenschaft.

Ja, es wurde schon von fast allen zu allem fast alles gesagt. Aber die Fragen bleiben und kehren wieder. Das ist so erstaunlich und zugleich nicht, sind wir als Gesellschaft doch ständig in Bewegung. Die Geschichte unserer Geschlechter- und Paarbeziehungen ist noch lange nicht zu Ende geschrieben. Kontexte und Einflussfaktoren auf unser Intimleben sind permanent in Veränderung begriffen, genau wie wir selbst im Lauf unseres Lebens ja auch. Große Trends der Zeit liegen sicher weiterhin in der postmodernen Herausforderung, die eigene Art frei zu wählen und zu leben. Sie hat vielleicht einen verschärfenden (globalisiert-marktökonomisch geprägten) Imperativ hinzubekommen: das eigene Leben – damit auch die eigene Sexualität – nicht nur zu leben, sondern zu optimieren. Das macht Druck. Und so ist neben der sich allmählich durchsetzenden Liebesfreiheit doch auch die Unfreiheit heimlich wieder im Rennen. Unter den Bettdecken und Outfits finden sich auch in den 2020er-Jahren neben Spaß und Erfüllung wie eh und je jede Menge Scham, Verzweiflung und Konflikte. Grund genug, aktuelle Fragen als ewige Fragen anzusehen, sie zu stellen oder sich ihnen immer wieder zu stellen.

Alle Texte sind anonymisiert, erlauben also keinerlei Rückschlüsse auf die Fragenden.

Als systemisch orientierte Therapeutin achte ich auf Kontexte, Wechselbeziehungen und auf die Ressourcen der Ratsuchenden. Ich gehe nicht davon aus, dass es irgendeine Art von Wahrheit oder die eine Lösung geben könnte. Stattdessen versuche ich, an die Wirklichkeit der Fragenden anzuschließen und von dort aus hilfreiche Veränderungen anzuregen. Besonders spannend ist für mich die Übersetzung von Bedürfnissen in körperliche und sexuelle Gesten und umgekehrt. Sex kann existenzielle Tiefe haben. Der ganze Mensch kommt darin höchst persönlich vor mit seinen grundlegenden Bedürfnissen. Wie drückt sich das aus, damit Sex jenseits von Performance zu einer stimmigen und damit lohnenswerten Veranstaltung wird? Die Kolumnen nutze ich außerdem zur Wissensvermittlung über Sex und um zu normalisieren, was die Ratsuchenden erleben.

Bei der Beantwortung der Schlafzimmerblick-Fragen kommt mir mein Vorgehen über die Zeit immer mehr so vor, als hörte ich aus einer Zuschrift den Anfang einer Melodie. Ich summe die Töne nach und höre hin, wie die Melodie weitergehen könnte. Das schreibe ich auf. Manche Melodien sind kurz und prägnant, andere entwickeln sich in Ornamenten oder öffnen sich zu Variationen ohne eigentlichen Schluss. Manche sind heiter, manche getragen. Manche schwer-, manche leichtgängig. Dieses Vorgehen und die Endprodukte sind für mich damit auch Metapher für die Prozesshaftigkeit der sexuellen wie der Beziehungskommunikation. Meine Refrains sind vermutlich Anstiftungen zu Spiel und Ernst, Fantasie, Erlaubnis, Mut, Humor.

Die Kolumnen sind wie einzelne Songs, die in loser zeitlicher Folge im Radio gespielt werden. Im Buch schließt sich die Reihe nun zum Album. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich die Freiheit nähmen, dieses Buch nicht von A bis Z durchzulesen, sondern nach Lust und Laune immer wieder zur Hand zu nehmen, darin zu blättern und dort ein Stück zu lesen, wo es Sie gerade hinzieht. Derweil halte ich meine Ohren offen und lausche nach den nächsten Fragen. IMAGE

Wir haben keinen Sex mehr. Was können wir tun?

Es ist nicht trivial zu begehren, was sicher ist.

Marie S., 29 Jahre Mein Freund und ich sind seit fünf Jahren ein Paar und haben mittlerweile fast gar keinen Sex mehr. Wir wünschen es uns beide, aber es kommt nicht mehr dazu. Was können wir tun, um das zu überwinden?

Sie befinden sich in guter Gesellschaft: Bei sehr vielen Paaren nimmt die sexuelle Aktivität im Lauf der ersten Beziehungsjahre stark und dauerhaft ab. Für manche ist das überhaupt kein Problem, andere vermissen etwas und geraten darüber in Konflikt.

Was spielt in diese Entwicklung neben den hormonellen Veränderungen im Übergang von der Verliebtheitsphase zur festen Beziehung hinein? Der Partner soll unser Freund, Vertrauter, Gehilfe bei der Aufzucht des Nachwuchses, ökonomischer Kompagnon, romantischer Geliebter und erotischer Liebhaber sein. Das sind viele Bedürfnisse auf einmal, und zwar möglichst noch auf lange Zeit.

Der Psychoanalytiker Stephen A. Mitchell wagte sinngemäß die folgende These: Wir hören nicht etwa auf, einander zu begehren oder romantisch zu lieben, weil wir uns langweilig vertraut sind oder gleichgültig werden. Sondern gerade, weil der Partner so enorm wichtig für uns wird. Es wird existenziell bedeutsam, dass diese Person dableibt. Damit wir nicht permanent der Tatsache ins Auge sehen müssen, dass der andere jederzeit gehen könnte und nicht derselbe bleibt, sondern sich verändert, rechnen wir ihn (und uns selbst) auf eine verlässliche Größe herunter.

Es ist nicht trivial zu begehren, was wir schon haben. Wie also können wir vor diesem Hintergrund die erotische Spannung gegenüber der Bindungssicherheit balancieren?

Erotisieren Sie einander bewusst: Ihr Partner ist so, wie Sie ihn sehen. Betrachten Sie ihn immer wieder als einen Menschen, den Sie nie ergründen werden und den Sie keineswegs sicher haben. Nähern Sie sich ihm sinnlich an mit einer Haltung der Neugier. Sie werden erstaunt sein. Wann finden Sie ihn am attraktivsten?

Kultivieren Sie Erotik: Trauern Sie nicht zu lange der früheren Spontaneität nach, sondern kommen Sie zur Sache. Prüfen Sie genau, welche Gelegenheiten besonders für erotische Begegnungen geeignet sind, und nutzen Sie sie. Kleine Anspielungen und Berührungen im Alltag können einen Spannungsbogen erzeugen. Und denken Sie zwischendurch mal an Sex! Fantasien sind wunderbare Vehikel für mehr.

Erlauben Sie sich Entwicklung, fragen Sie sich: Welcher Sex passt hier und heute zu mir? Trauen Sie sich zuzugeben, worauf Sie wirklich überhaupt keine Lust mehr haben. Vielleicht merken Sie, dass der Sex, den Sie zuletzt hatten, nicht so war, dass Sie mehr davon wollten. Fragen Sie sich aber auch, was Sie gerne wiederbeleben würden, weil es richtig gut war oder ist. Und fragen Sie sich, was Sie vielleicht gerne anders oder neu erfahren möchten. Das kann eine aufregende neue Art von Sex sein, es kann aber auch sein, dass Sie gern intimer im Kontakt wären oder es ruhiger als früher angehen möchten.

Zeigen Sie einander, was Sie wollen, in Wort und Tat. Auch wenn dies einfacher gesagt als getan ist. Weil wir uns mit unserem Begehren ausgerechnet der Person gegenüber, die uns am wichtigsten ist und deren Zurückweisung uns am meisten treffen könnte, nackt aussetzen. IMAGE

Muss ich meine Freundin oral befriedigen?

Augen zu und durch? Man muss gar nichts im Bett. Wie man ein Nein trotzdem überwindet.

Andreas W., 41 Jahre Meine Freundin wünscht sich von mir Oralverkehr, aber mir ist das irgendwie unangenehm. Muss ich mich überwinden? Wie kann auch ich Spaß dabei haben?

Hinter Ihrer ersten Frage könnten zwei weitere Fragen stehen, die Menschen in meiner Praxis scharenweise umtreiben: Darf ich Nein sagen? Und: Bin ich normal, wenn ich nicht will? Antwort: ja und ja. Sie müssen gar nichts. Sie könnten Ihrer Freundin sagen: »Ich mag das einfach nicht, dich aber sehr. Bist du sexuell und auch sonst glücklich genug mit mir, wenn wir das Eine nicht tun?« Damit würden Sie beide Farbe bekennen und prüfen, wie Sie eine erotische Differenz aushalten können – eine Situation, die auf längere Sicht mit einem Partner sowieso unvermeidlich ist.

Mit Ihrer Frage, wie auch Sie Spaß an oraler Betätigung haben könnten, bleiben Sie allerdings nicht beim Nein stehen, sondern signalisieren die Bereitschaft, sich über die Schwelle Ihrer Komfortzone zu wagen. Zunächst könnte es interessant sein zu verstehen, was genau Ihnen eigentlich unangenehm ist. War das immer so oder nur bei dieser Partnerin? Welche Gefühle und Gedanken entstehen, wenn Sie sich oral annähern? Fühlt es sich bedrohlich an, so nah an ihrem Genitale zu sein, stößt Sie etwas ab? Oder machen Sie sich eher Sorgen über Ihre oralen Fertigkeiten?

Kulturell sind wir nicht gerade auf Schmusekurs mit der Vulva getrimmt: Nicht nur für Jungs und Männer, sondern auch für Mädchen und Frauen ist das weibliche Geschlecht oft mit gemischten Gefühlen verbunden, löst Ekel aus und wird lieber nicht so ganz genau erkundet. Beide Geschlechter brauchen daher oft einen Aneignungsprozess, einen allmählichen Übergang von Abstoßung über wertfreie Akzeptanz bis hin zu hoffentlich lustvoller Besetzung.

Gönnen Sie sich in jedem Fall eine behutsame Annäherung. Machen Sie kurze orale Ausflüge in die erweiterte Genitalregion und schnuppern Sie, schauen Sie, tasten Sie, küssen Sie. Ab welchem Punkt wird es unangenehm? Wie riecht und schmeckt die Scheidenflüssigkeit? Falls Sie unsicher im Vorgehen sind, fragen Sie Ihre Freundin, ob Sie Ihnen beibringen kann, was sie mag. Vielleicht kommen Sie auch zu dem Schluss, dass es Ihnen nie Spaß machen wird, Sie ihr aber irgendwann entspannter geben können, was sie begehrt.

Ein Kollege, ein verschmitzter älterer Herr, mit dem ich in einem Restaurant zu Mittag aß, schilderte mir einen Fall, in dem ein Mann sich von den intimen Gerüchen seiner Partnerin abgestoßen fühlte. Ich fragte ihn, wie er dem Mann geholfen habe, sich sinnlich der Sache anzunähern. Während ich gerade genüsslich einen Löffel Pasta mit Trüffeln in meinen Mund führte, lachte er auf und sagte: »Genau so!« IMAGE

Warum fantasiere ich über Sex mit anderen Frauen?

Man darf in Gedanken fast alles. Darum sind abwegige Fantasien nichts Schlimmes. Meistens jedenfalls.

Marcus S., 36 Jahre Ich bin seit fünf Jahren mit meiner Freundin zusammen. Wir sind im Grunde glücklich, auch sexuell. Dennoch habe ich immer wieder die Fantasie, mit anderen Frauen zu schlafen. Ist das nicht komisch? Warum reicht mir meine Beziehung nicht?

Mit Ihren Fragen wagen Sie sich mit einem besonders privaten Thema heraus. Sexuelle Fantasien steigern die Erregung, oft sind sie aber mehr: wohlgehütete Schätze der Intimität mit uns selbst. Manchmal sind sie mit zwiespältigen Gefühlen belegt, denn was uns am stärksten erregt, passt nicht immer zu unseren Werten. Bei Ihnen kommt der Wert monogamer sexueller Erfüllung in Konflikt mit der erregenden Vorstellung, Sex mit anderen Frauen zu haben. »Ist das nicht komisch?«, fragen Sie. Komisch oder nicht, es ist jedenfalls häufig: In einer Studie mit dem Titel Was genau ist eine ungewöhnliche sexuelle Fantasie? gab die Mehrzahl der Befragten an, viele verschiedene Fantasien zu hegen, darunter auch eine ganze Reihe politisch inkorrekter Plots. Mehr als 60 Prozent der befragten Frauen und über 80 Prozent der Männer gaben an, dass sie Fantasien von Sex mit anderen Menschen als dem Partner haben.

Wieso kommen Sie angesichts Ihrer Fantasien so rasch zu dem Schluss, dass Ihnen Ihre Beziehung nicht reicht? Darin liegen für mich zwei Themen, die ich gerne hinterfragen möchte: erstens eine Gleichsetzung von Fantasie und Wunsch. Zweitens die Erwartung, dass das eigene erotische Spektrum mit der Paarsexualität deckungsgleich sein sollte, damit die Beziehung als zufriedenstellend gelten kann.

Zu Punkt 1: Fantasien sind nicht automatisch Wünsche. Gerade weil sie reine Vorstellung sind, können wir darin mühelos erzeugen und durch Stilmittel intensivieren, was wir in der Realität nicht können und vielleicht auch nicht wollen, zum Beispiel weil wir Risiken scheuen. Vielleicht möchten Sie hier mal genauer hinsehen und sich fragen: Was gibt mir die Fantasie mit einer anderen Frau genau? Was ist das speziell Anziehende daran für mich? Es könnte sein, dass Sie sich in der Fantasie ein Separee schaffen, das einfach ureigene Bedürfnisse stillt, zum Beispiel als Mann neu zu erobern, frei von Verantwortung zu sein, von der Vielfalt des Lebens zu kosten oder etwas ganz anderes. Ein Ort, an dem Sie erleben können, was Sie sich im echten Leben nicht gestatten möchten und vielleicht nicht einmal brauchen.

Natürlich können sich durchaus Wünsche in den Fantasien zeigen. Auch hier sind Sie eingeladen, genauer nachzusehen und zu fragen: Hand aufs Herz – vermisse ich etwas Wesentliches? Wonach sehne ich mich? Nach fünf Jahren Beziehung ist diese Frage vielleicht nicht angstfrei zu stellen, aber angebracht.

Zu Punkt 2: Nehmen wir an, Sie würden merken, dass Sie keinen realen Wunsch nach neuen Partnerinnen hätten, dass die Fantasie Ihnen aber viel bedeutet. Was spräche dagegen, sie voll zu genießen? Was genau ist bedroht dadurch, dass Sie einen erotischen Privatraum haben, den Ihre Freundin nicht kennt oder bevölkert? Die Erwartung, dass wir einander alles sein und geben sollten, halte ich für eine der destruktivsten der Langzeitbeziehung. Wir können nur hinter ihr zurückbleiben. Und wenn wir keinerlei Privaträume voreinander haben, wer sind wir dann füreinander? Erotische Wesen eher nicht.

In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich: Wenn Menschen sich entschließen, sich ihren zwiespältigen Fantasien interessiert zuzuwenden und dabei mehr über die eigene Erotik zu erfahren, entsteht ein großer Zugewinn an Selbstbejahung. Dieser wirkt sich fast immer günstig auf die Paarbeziehung aus. IMAGE

Guckt mein Mann Pornos, weil er sich nach Jüngeren sehnt?

In einer langen Ehe kann die Erotik leiden. Gegen die Flucht in die Pornografie helfen keine Vorwürfe, sondern ein Rollenwechsel, durch den die Frau zur Verführerin wird.

Isabella Z., 65 Jahre Wir sind über dreißig Jahre verheiratet. Mein Mann (68) schaut seit einigen Jahren immer häufiger Pornos im Internet. Er verbringt etliche Stunden pro Woche am Computer, und es wird immer mehr. Es kommt mir fast wie Suchtverhalten vor. Er sagt, dass es für ihn nichts mit unserer Beziehung zu tun habe und dass er mich immer noch attraktiv finde. Ich solle ihn nicht gängeln. Ich komme damit aber nicht zurecht! Erstens ist er mir darin so fremd. Zu wissen, was er macht, während ich im Haus bin oder auch nicht, ist fast unerträglich für mich. Zweitens habe ich die Sorge, dass er in Wahrheit nur jüngere Körper attraktiv findet und meinen nicht mehr, denn wir haben drittens auch seit längerer Zeit nur noch selten Sex, und wenn, gibt es Probleme mit der Erektion. Ich bin sehr unglücklich mit dieser Situation und fühle mich auch grässlich allein. Wie kann ich ihn erreichen?

Sie fürchten Ihren Mann zu verlieren, denn er entzieht sich in einen Bereich, der Ihnen etwas Wesentliches wegnimmt. Während Sie seinem Verhalten kritische Bedeutungen wie Sucht oder Betrug zuschreiben, versucht er, Bedeutung herauszunehmen und seinen Pornokonsum als etwas von der Beziehung Losgelöstes darzustellen. Sie werfen ihm vor zu bagatellisieren, er Ihnen vielleicht zu dramatisieren. Emotional fühlen Sie sich alleingelassen, er sich vermutlich kontrolliert und bedrängt. So weit der Konflikt.

Dahinter liegt möglicherweise eine noch nicht bewältigte Entwicklungsaufgabe für ihn und – bei Paaren ist das unausweichlich – auch für Sie. Vielleicht bleibt seine Erektion nicht aus mangelndem Begehren weg, sondern aus ganz einfachen Gründen: Er ist in einem Alter, in dem sehr viele Männer mit einer nachlassenden Erektionsfähigkeit zu tun haben. Wenn der Koitus bislang die zentrale Praktik in Ihrem erotischen Repertoire darstellte und nun nicht mehr so gut klappt, irritiert das und macht die Paarsexualität zum unsicheren Terrain. Anstatt miteinander Neues zu entwickeln, ziehen sich Partner in dieser Situation häufig voneinander zurück.

Warum eigentlich? In der Sexualität sind wir unglaublich verwundbar. Sie beschreiben ja selbst, wie Sie fürchten, der schlaffe Penis könnte beweisen, dass Sie nicht mehr begehrenswert seien. Ihren Mann beschämt die Situation vielleicht, auch wenn Sie ihm gesagt haben sollten, es sei »nicht so schlimm«. Und wenn es ihn stresst, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass vor lauter Anspannung erst recht keine Erektion oder auch nur ein Hauch von Genuss zu erwarten ist.

Mutmaßlich befindet sich Ihr Mann in der nachberuflichen Lebensphase, das ist keine einfache Zeit für die männliche Identität: Rollen, in denen er sich in einem weiteren Sinne als potent erlebt, wollen neu definiert werden. Für intensiveres Pornogucken (und Masturbieren) gibt es viele Beweggründe. Es ist unglaublich einfach, mithilfe von Pornos erregt zu werden und zum Orgasmus zu kommen. Außerdem sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Sehr starke Stimuli können gefahrlos aufgesucht werden, die Befriedigung des Gegenübers liegt nicht in der eigenen Verantwortung. Unangenehme Gefühle jeder Art können in dieser zugleich sicheren und unbegrenzten Welt in Geilheit, Wohlbefinden, Bestätigung und Befriedigung transformiert werden. Das kann über die Zeit eine enorme Anziehungskraft entwickeln. Die Kombination aus mehr Freizeit, grenzenlosem Internetangebot und erektiler Verunsicherung könnte Ihren Mann in diesen Status quo gebracht haben.

Ein wichtiger Schlüssel liegt in der gemeinsamen sexuellen Weiterentwicklung. Solange in Ihnen allein Angst und Kränkung regieren, werden Sie das Thema ohne Vorwurf kaum anschneiden können. Günstig wäre, wenn Sie das Pornothema in der Diskussion von der Ebene Ihrer gemeinsamen Sexualität und Zeit trennen könnten. Beginnen Sie nicht mit der Forderung, dass das aufhören soll. Beginnen Sie mit dem, was Sie vermissen. Seine Präsenz, Ihren gemeinsamen Sex, die wechselseitige Bestätigung. Und fragen Sie ihn, ob ihm auch etwas fehlt. Ob er in Ihre positiven Qualitäten investieren möchte, so wie Sie in seine. Vor was er sich fürchtet oder was ihm vielleicht zu anstrengend erscheint. Fragen Sie ihn, wie das alles so für ihn ist.

Was sucht er in der Pornowelt? Wie könnten Sie ihn danach fragen, ohne dass er sich bewertet fühlt? Eine gute alte Möglichkeit ist immer: Liebe. Versuchen Sie mit dem Mann, den Sie lieben und dem Sie Entwicklung zutrauen, in Kontakt zu treten und eine Verbindung herzustellen.

Genauso wichtig ist Klarheit in den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Versuchen Sie mit der selbstbewussten, begehrenden und begehrenswerten Frau in sich in Kontakt zu kommen. Sie sollten sich nicht selbst reduzieren auf einen nachteiligen Vergleich mit juvenilen Pornodarstellerinnen, sondern sich klarmachen, was Sie erotisch ausmacht, ob er nun darauf steht oder nicht. Denn für Veränderung könnten Ihre Qualitäten als Verführerin wichtig sein. Eine Einladung zum Spiel von einer neugierigen, liebevollen und großzügigen Partnerin zu empfangen, wäre für ihn sicherlich attraktiver als die befürchtete Aufforderung zum sexuellen Attraktivitätsbeweis.

Es ist keine leichte Übung, trotz Angst und Unbehagen so offen miteinander zu sprechen und umzugehen. Daher landen wir ja immer wieder in diesen Konflikten. Sie sind jetzt schon so lange ein Paar. Da wäre es doch wunderbar, wenn Sie einen Dialog von solcher Intimität beginnen würden. Und wenn Sie diesen von der verbalen auf die nonverbale Ebene übertragen, das eine oder andere Feuer angezündet haben, wie toll wäre das erst: einander erotisch der und die zu sein, die Sie heute sind. IMAGE

Warum möchte mein Freund so oft die Stellung wechseln?

Gar nicht gut, wenn man sich im Bett wie die Statistin im Theater fühlt und hin- und hergewendet wird wie ein Sofakissen. Dann ist es Zeit, die Regie zu übernehmen.

Nina F., 23 Jahre Mein Freund will jedes Mal, wenn wir miteinander schlafen, drei bis vier verschiedene Stellungen durchspielen. Ich glaube, weil er das so aus Pornos kennt, aber gefragt habe ich ihn noch nicht danach. Mir ist das alles sowieso zu viel, ich brauche das nicht, und was soll das überhaupt?

Aus Ihren Zeilen lese ich den Überdruss einer Frau, die in der gemeinsamen Sexualität mit ihrem Partner nicht vorkommt. Es wirkt, als würden Sie als Statistin in einem Theaterstück mitwirken. Da Sexualität ein Lustgeschehen ist und ich mir Sie unter diesen Bedingungen nicht als lustvolles Wesen vorstellen kann, ist es kein Wunder, dass Sie auf diese immer gleiche Inszenierung gerne verzichten würden.

Damit machen Sie etwas deutlich, das jedes Paar betreffen kann: Zwei Menschen können unterschiedlich sexuell sozialisiert sein. Wir lernen im Verlauf unserer sexuellen Entwicklung, bestimmte Reize, Sinneseindrücke und Handlungen sexuell aufzuladen. Wir bevorzugen und trainieren bestimmte Arten der Stimulation, die sich als besonders effektiv für die Erregungssteigerung erweisen und emotional befriedigend sind. Dafür bilden wir bestimmte Verhaltensmuster mit unseren Sexualpartnern heraus. Ihr Freund hat aus Pornos oder bisherigen sexuellen Erfahrungen die Fähigkeit entwickelt, bestimmte Stellungen für seinen Lustgewinn zu nutzen. Fragen Sie ihn, wie er Ihren gemeinsamen Sex erlebt und was ihn an den Stellungen reizt.

Möglicherweise haben Sie selbst gar nichts gegen die Stellungen an sich einzuwenden. Es ist das Wort »durchspielen« in Ihrer Beschreibung, das darauf hindeutet, dass Sie sich als Objekt zum Zweck seiner Erregung instrumentalisiert erleben – und etwas vermissen: eine Verbindung zwischen Ihnen zu fühlen, gemeinsam den Fluss der Begegnung zu lenken, flexibel aufeinander zu reagieren.

Vielleicht versteht er das, vielleicht ist es ihm einfach fremd, weil er diese Art Sex noch nicht kennt. Wenn Ihnen klar geworden ist, welche erotischen Qualitäten Sie gerne erzeugen würden, sollten Sie dafür sorgen, dass Sie als Regisseurin aktiv werden und dass Ihrem Partner dies nicht entgeht.

Der spirituell orientierte Autor David Deida hält in seinem Buch Finding God Through Sex erstaunlich pragmatische Ratschläge bereit. Unter anderem empfiehlt er, eine Frau solle nicht eingeschnappt sein, wenn ihr Partner beim Sex auf Teile ihres Körpers beziehungsweiseauf seine eigene Lust oder die Empfindungen in seinem Penis fixiert sei. Sondern sie solle ihn kraft ihrer Liebe und Schwingungsfähigkeit immer wieder neu dazu einladen, sie als Ganzes zu sehen und zu durchdringen. (Bitte verstehen Sie das nicht so geschlechterstereotyp, wie es daherkommt.) Angenommen, Sie würden ihn – »Hallo, hier bin ich!« – mit Blicken, Gesten und Worten immer wieder in die Präsenz einladen: Es könnte ihn irritieren, vielleicht die Erektion kosten. Es könnte Sie beide aus dem Takt bringen und verlegen machen. Das macht nichts. Es bedeutet lediglich, dass Sie miteinander im Kontakt über das Geschehen sind. Dass Sie persönlich sichtbar werden – als würde sich mitten im Stück das Skript verändern.

Wir könnten es auch erotische Paarentwicklung nennen. Oder Improvisationstheater, was Sex im besten Fall ist: ein Spiel, bei dem wir kein fertiges Drehbuch haben, sondern mal holprig, mal elegant im Hier und Jetzt dafür sorgen können, dass es irgendwie interessant weitergeht. IMAGE

Ich will es schnell, meine Frau slow. Wie kommen wir zusammen?

Tempo und Timing sind genauso wichtig wie sexuelle Anziehungskraft. Jeder soll auf seine Kosten kommen – das heißt auch, dass jeder mal die Dramaturgie bestimmen darf.

Andreas B., 37 Jahre Meine Frau will immer ein ganz langes Vorspiel, ich selbst mag unseren Sex lieber schnell und knackig. Manchmal versuche ich auf ihre Wünsche einzugehen, verliere dabei aber fast die Lust. Wie können wir beide auf unsere Kosten kommen?

In Ihrer Frage geht es um wichtige Parameter der Sexualität, Tempo und Timing – und damit um den erotischen Spannungsbogen.

Ihre Frau braucht möglicherweise erst einen Abbau hinderlicher (Stress-)Spannung und eine Verbindung zu sich selbst und zu Ihnen im Hier und Jetzt, ehe sie sexuell erregt wird. Sie selbst können Ihre eigene sexuelle Spannung offenbar rasch wecken, gut fokussieren, effizient steigern und entladen, und Sie lieben vermutlich die damit einhergehende Intensität.

Sie fragen, wie Sie beide »auf Ihre Kosten« kommen können. Darin liegt bereits ein wichtiger Schlüssel, die Bereitschaft, dass es jede und jeden auch etwas kosten darf. Denn wenn Sie flexibler werden wollen, heißt das zum einen, Ihre Verschiedenheit zu bejahen. Zum anderen heißt es, Fähigkeiten zu entwickeln, um sich in Tempo und Timing aufeinander zuzubewegen.

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