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Schwere Kerle rollen besser

Als Buch hier erhältlich:

Hunderttausende besuchen heute in der Schweiz Schwingfeste, Hunderttausende schauen sich die Kämpfe auf Bildschirmen an. Schwingen gilt als Schweizer Nationalsport, eine Tradition, die alle drei Jahre im Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest einen Höhepunkt erfährt. Schwingen gilt aber auch als „Anti-Tennis“, eine Sportart von ausgeprägter Uneleganz. Historiker und Kulturjournalist Linus Schöpfer erzählt die Geschichte dieses Sports als Geschichte zwischenmenschlicher Interaktion, in der der Wettkampf als Ventil menschlicher Impulse dient. Spannend und voller Begeisterung berichtet er von großen Kämpfen, von abgründigen Sagen, vom Woodstock des Frauenschwingens und von unserer Gegenwart, in der das Schwingen zum Massenphänomen wird.
  • Erscheinungstag: 22.07.2019
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312011452
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Schwere Kerle rollen besser

Warum die Schweiz
das Schwingen erfand

Eine Kulturgeschichte

Inhalt


Ein Brauch im 21. Jahrhundert

Erfinder und Erfinderinnen

Besuch beim Zauberlehrling

Frauen. Oder: Die weggesperrte Hose

Die ganze Geschichte

Vorzeit: Zwingli, der Teufel & Co.

Weg in die Moderne: Am Anfang war das Picknick

Links abgedreht: Die Arbeiterschwinger von Oerlikon

Beschwörer des Sägemehls: Von Etter bis Blocher

Duelle

Alles so einfach: Estavayer

Bester Sport: Aarau

Auf Tutti: Stans

Zweimal durch die Arena getragen: Zug

Warten auf Vogt: Grenchen

Im Ring reich werden

The Swiss Hercules

Herr Hunsperger möchte sich etwas dazuverdienen

Stucki und die Marktwirtschaft

Schlussgang

Wie weiter? Zukunftsskizze

Dank

Quellen- und Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Der Autor

Ein Brauch im 21. Jahrhundert

Ein früher Morgen in der Schweiz, an einem Schwingfest. Einer kippt, das Sägemehl stäubt. Wer die Augenlider senkt und nur noch die Umrisse der Schwinger sieht, könnte meinen, es sei das Jahr 1950. Oder 1805.

Wir öffnen die Augen wieder und sehen: Phoenix, Arizona. Es ist Nachmittag, die Luft flirrt vor Hitze, wir sind im Valley of the Sun. Von Zeit zu Zeit zieht ein Wüstensturm vorbei und bedeckt den Asphalt mit Staub. Banken haben ihre Wolkenkratzer hochgezogen, es gibt hier auch eine Basis der Air Force und eine Firma namens »Alcor». Irgendwo in den Räumen von Alcor liegt, eingeschlossen in einem Container, ein Hirn. Es ist Patient A-1194. Gelagert bei minus 196 Grad Celsius, eingehüllt in flüssigen Stickstoff. Wenn die Welt soweit ist, wird es – respektive er, Patient A-1194 –, aufgetaut. Fortan lebt er vielleicht mit einem Roboterkopf oder mit einem Roboterkörper. Oder er hirnt gleich in virtuellen Realitäten weiter, entschwebt jeder Körperlichkeit.

Alcor ist der berühmteste Kryonik-Anbieter der Welt. Er tiefgefriert ganze Körper, einzelne Köpfe, bloße Hirne. Der Tod, das wird in den Räumen der Firma Alcor niemand bezweifeln, ist im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert kein unausweichliches Schicksal mehr, sondern ein medizinisches Problem, das gelöst werden wird. Hunderte haben sich schon tiefgefrieren lassen.

Was ist erstaunlicher? Dass es dieses schon gibt? Oder dass jenes immer noch gibt? Das Schwingen, dieser archaisch wirkende Brauch, ist im Zeitalter der Digitalisierung und Kryonik mächtig wie nie. An den Eidgenössischen in Burgdorf 2013 und Estavayer 2016 waren je über 200.000 Festbesucher vor Ort, und bis zu einer Million schaute auf den Bildschirmen zu. Das ist mehr als merkwürdig: Irgendetwas muss das Schwingen im Empfinden der Schweizerinnen und Schweizer antippen. Bei der Friseurin auf dem Land, dem Handyverkäufer in der Agglomeration, dem Banker in der Stadt. Ansonsten könnten sie sich ja genauso gut mit Wasserballett beschäftigen, was sie aber weit weniger tun.

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Das Schwingen ist heute mächtig wie nie.

Am Anfang dieses Buchs stand eine Irritation. Als ich 2013 das Eidgenössische Schwingfest in Burgdorf besuchte, meinte ich, drei Parallelwelten vor mir zu haben, die sich zwar überlappten, aber irgendwie nicht recht zusammenzupassen schienen. Die erste Parallelwelt des Schwingens, auf die ich im Emmental traf, war die Welt des Kommerz. Der Rummel um das Stadion herum, die vielen Stände, die dröhnenden Lautsprecher. Das Fernsehen war selbstverständlich auch da. Schwingen ist groß, wichtig und lukrativ geworden. Die Frage ist nicht mehr, ob man sich mit ihm beschäftigen soll. Sondern wie.

Da war, zweitens, die Welt der Kämpfe. Schwingen mag auf den ersten Blick grobschlächtig wirken. Aber wer die Taktiken und die einzelnen Schwünge erkennen will, muss sein Auge schon ein paar Feste lang schulen. Die Schwingberichterstattung wattiert den Kampfsport in der Regel, inszeniert ihn als Idylle. Müsste man nicht anders übers Schwingen reden und schreiben – so, dass auch andere Seiten zur Geltung kommen? Facetten, die entscheidend zu seiner Faszination beitragen? Einige besonders großartige oder eigenartige Kämpfe versuche ich in diesem Buch auf eine neue Weise zu schildern, auch weil sich die heutige Beliebtheit des Schwingens nicht allein mit historischen Entwicklungen erklären lässt. Schwingen ist ein Sport der spektakulären Aktionen, Wendungen, Gefühle. Eben deshalb hat es sich im 21. Jahrhundert als TV-Spektakel bewährt – mit allen damit verbundenen Konsequenzen.

Schließlich war da in Burgdorf noch die Welt der Folklore, in der sich die Töne der Jodler dehnten wie geschmolzener Käse, die Tücher der Fahnenschwinger zeitlupenhaft in den Himmel stiegen. Diese konservative Folklore verweist auf die Sphäre der Politik: Das Schwingen war immer schon ein politischer Brauch, es wurde benutzt und gedeutet. Erst von Ratsherren und Aristokraten, später von Liberalen und Konservativen, aber auch von Sozialisten und Feministinnen.

Das Schwingen wird von seinen Freunden und Feinden gern als Hort des Simplen gesehen und dafür, je nachdem, entweder gefeiert oder verspottet. Dabei ist Schwingen komplex, als Sport und als historisches Phänomen. Wer glaubt, das Schwingen kenne keine Abgründe, irrt. Wer denkt, das Schwingen sei immer schon da gewesen, täuscht sich. Und wer meint, das Schwingen sei immer dasselbe geblieben, liegt falsch. Es ist alles viel, viel komplizierter – und somit spannender.

Linus Schöpfer, Januar 2019

Erfinder und Erfinderinnen

Besuch beim Zauberlehrling

Es ist Eleganz nahe der Perfektion. Wenn er in idealem Timing über den Court gleitet und im Lauf eine Rückhand schlägt, das Racket ausschwingt und den Ball knapp übers Netz jagt und auf diese Weise exakt die Grundlinie punktiert und sich das alles in einer einzigen tänzerischen Fließbewegung vollzieht, dann kippt einem auch nach Jahren des Roger-Federer-Tennis das Kinn nach unten.

Schwingen scheint das Gegenteil zu sein. Anti-Tennis, ein Sport von ausgeprägter Uneleganz, hemdsärmelig, unförmig. Seine Kämpfer sind oft 100 Kilo schwer oder mehr, manche richtig dick. Gewisse Paarungen erinnern von fern an die Duelle der Eringerkühe, die im Wallis aufeinanderprallen. Andere Sägemehl-Szenen lassen an schwere Bäume denken, die ins Unterholz wegkippen. Oder an Felsbrocken, die ins Tal stürzen und Häuser plätten.

Es gab immer schon Schwergewichte, die sich auf eine Minimal-Technik beschränkten und ihre Gegner mit einer schieren Fülle an Fett und Muskeln überwältigten. Das ist erfolgversprechend, weil das Schwingen keinen Artenschutz für Kleine und Dünne kennt, keine Größenkategorien oder Gewichtsklassen.

Gerade deswegen gibt es aber auch ein anderes Schwingen. Es ist das interessantere und schlauere, weil aus der körperlichen Unterlegenheit heraus ertüftelte Schwingen. Seine Faszination erschließt sich jedoch – anders als bei spektakulären Kollisionen – nicht sofort.

Drunegalm und Tschuggen

Wer dieses Schwingen verstehen will, muss in die Alpen reisen. Genauer: ins Berner Oberland. Dort lebt David Roschi, der Schwingerkönig von 1972. Die Reise geht erst nach Spiez, von dort hoch Richtung Grimmialp, vorbei an der Katzenlochbrücke und an gedrungenen, dunkelholzigen Bauernheimen. Die Berge Drunegalm und Tschuggen überragen das Dorf Diemtigen. Es ist ein Frühlingstag, etwas Schnee klebt an den Gipfeln. Im kleinen Dorf heißen erstaunlicherweise gleich zwei Restaurants »Hirschen«, in einem treffe ich David Roschi. Mittlerweile über 70, betreibt er hier noch immer ein Eisenwarengeschäft. An Roschis Gesicht ist alles markant: Adlernase, buschige Brauen, kantiges Kinn. Die Haare sind nach hinten gekämmt, am Handgelenk trägt er eine recht große, ziemlich teuer wirkende Uhr. Roschi redet im Simmentaler Singsang, der träumerisch und unbestimmt tönt und in dessen Melodie das Wallis anklingt, das nicht mehr weit ist.

Roschi erzählt aus seinem alten Leben, das aus Mut- und Kraftproben und wilden Kämpfen bestanden hatte und das längst vergangen ist. Er betrachtet es nun aus der leicht ironischen Perspektive des Veteranen. Roschi erzählt eine Anekdote, sagt »Item!« oder »So war das, ja!«, und kichert. Es ist ein schnaubendes, listiges Kichern, und je länger Roschi über seine besten Kämpfe spricht, die sich spielerisch anfühlten damals und die er spielerisch leicht gewonnen hatte, desto öfter ist es zu hören, das Kichern. Desto vergnügter wird Roschi.

In den späten 60ern war Roschi mit dem Velo nach Diemtigen geradelt, um im Schwingkeller trainieren zu können. Roschi begann in einer Zeit zu schwingen, als zwei legendäre Kolosse das Sägemehl dominierten, Karl Meli und Ruedi Hunsperger. Meli, der Turnerschwinger, war ein Asket und körperlich ein wandelnder Schrank. Hunsperger war ein Sanguiniker mit Neigung zur ungestümen Attacke und rätselhaften Selbstzweifeln, der sich in den Duellen mit Meli aber oft als der Frischere und Gewitztere erwies. Wenn Schwingfans darüber streiten, wer der größte von allen sei, läuft die Debatte oft noch immer auf die Frage »Meli oder Hunsperger?« heraus. Der Ostschweizer Meli gewann das Eidgenössische zweimal, der Berner Hunsperger dreimal, Meli wiederum das wichtige Gedenkschwingen in Murten und als einziger zweimal das Kilchberger. Wenn Roschi darüber spricht, wie er als Bub Meli an einem Fest getroffen habe, klingt er, als sei ihm da ein Gott erschienen. »Meli war eine unglaubliche Gestalt.«

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Wer gerade die Oberhand hat? Ansichtssache. Roschi in Aktion.

Roschi selber war zwar groß, aber eben auch zum Verzweifeln dünn. Mit Kraft kam einer wie er nicht weit. Gegen einen Meli oder Hunsperger schon gar nicht. Er musste sich also etwas einfallen lassen. Und dafür hatte David Roschi beste Voraussetzungen. Der Berner ist ein unruhiger Geist und ein Querdenker, der dem Althergebrachten prinzipiell und fast schon störrisch zu misstrauen scheint. Manchmal verliert er sich in hitzigen Streitereien zur Tagespolitik. Roschi liest viel, Otto von Bismarck sei seine historische Lieblingsfigur. Könnte er nochmals von vorne anfangen, würde er Geschichte studieren, sagt Roschi.

Eine Legende namens Beck

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