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Showdown im Zombieland

hier erhältlich:

Alice im Wunderland trifft "The Walking Dead" - Der große Showdown von Gena Showalters Zombie-Serie!!

"Ich dachte Zombies wären die schlimmsten Feinde, denen ich je begegnen würde. Ich habe mich geirrt."

Während Ali endlich ihre Beziehung mit Cole genießen kann, braut sich neues Unheil zusammen: Anima Industries überfällt die jungen Zombiejäger, vier der Freunde sterben. Eine klare Kriegserklärung - bis Ali bei der nächsten Attacke entdeckt, dass sie Untote kontrollieren und Schwerverletzte heilen kann. Eine sehr nützliche Gabe im alles entscheidenden Showdown, und doch ein zweischneidiges Schwert: Die überaus seltene Fähigkeit kann nämlich nur vererbt werden - und beweist, dass Ali mit der verräterischen Jägerin verwandt sein muss, die Coles Mutter zum Zombie machte. Wie soll ihre Liebe diesen Schlag verkraften?


  • Erscheinungstag: 01.08.2015
  • Aus der Serie: The White Rabbit Chronicles
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 300
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956494550
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Gena Showalter

Showdown im Zombieland

Roman

Aus dem Amerikanischen von Constanze Suhr

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darkiss ®

darkiss ® Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg;

im Vertrieb von MIRA ® Taschenbuch

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015

für die deutsche Erstausgabe by darkiss ®

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Queen of Zombie Hearts

Copyright © 2014 by Gena Showalter

erschienen bei: Harlequin TEEN, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Daniela Peter

Autorenfoto: © Kim Haynes Photos

Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN eBook 978-3-95649-455-0

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

ANMERKUNGEN VON ALI

Seid ihr bereit für das Folgende?

Für eine Liebesgeschichte, das Knistern … den Verrat … Verlust … Schmerz …

Für das Ende?

Ich dachte, ich wäre es. Ich hatte begonnen, mich mit einer Münze zu vergleichen – Leben auf der einen Seite und Tod auf der anderen. Ich fühlte mich, als wäre ich in die Luft geworfen worden, nur um zu fallen, schnell und hart. Auf welcher Seite ich landete, wäre einzig und allein dem Schicksal überlassen. Aber ich musste feststellen, dass nicht alles, was passiert, vorausbestimmt ist.

Denkt mal darüber nach. Die Tatsache, dass ich einen Bagel mit Frischkäse zum Frühstück aß – kein Schicksal, einfach nur Hunger.

Die Tatsache, dass ich meine Mutter, meinen Vater und meine geliebte kleine Schwester bei einem Autounfall verloren habe – kein Schicksal, sondern Horror.

Die Tatsache, dass vier meiner Freunde in einer Nacht erschossen wurden und kurz darauf zwei weitere – kein Schicksal! Böse Mächte!

Schicksal und Vorausbestimmung bedeuten nur eins. Sie sind die Hilfsmittel, die uns gegeben wurden, um unser Schicksal zu formen. Eine Wahl. Meine … eure … deren. Gut, schlecht. Bedrohlich.

Hier ist meine: Vor Monaten beschloss ich, mich einer Gruppe von Zombiejägern anzuschließen und meine Nächte mit der Jagd nach Zombies zu verbringen.

Ja, genau. Zombies.

Diese abscheulichen Kreaturen leben unter uns, unsichtbar für jene, die nicht über den besonderen Blick verfügen. Sie tauchen bei Anbruch der Dunkelheit auf, hungrig nach Menschenseelen, der Essenz des Lebens. Sie laben sich daran, vergiften dich, und wenn du gebissen wurdest, steigt deine Seele auf, ausgehungert und bereit, andere zu verschlingen.

Für mich stand fest, dass die Zombies unsere schlimmsten Feinde hier auf Erden sind.

Ich täuschte mich.

Menschen können noch viel gefährlicher sein als Monster.

Da gibt es eine Firma. Anima Industries. Diese Leute kontrollieren Zombies, und sie haben entschieden, dass Zombiejäger ein Problem sind, für das es nur eine Lösung gibt: Vernichtung.

Nun, Zombiejäger haben die Wahl. Untertauchen … oder den Kampf aufnehmen. Bildlich ausgedrückt: Die Münze verstecken oder sie selbst hochwerfen.

Wir haben schon so viel verloren, und so wenige sind nur noch von uns übrig. Am vernünftigsten wäre es, die Sachen zu packen und zu verschwinden. Überleben und den Kampf später weiterführen.

Zum Teufel mit der Vernunft.

Wir werfen die Münze. So oder so werden wir Anima endgültig zerstören – oder sie uns. Diesmal wird nur eine Partei am Ende übrig bleiben.

Wir haben unsere Entscheidung getroffen.

Bereit oder nicht, wir kommen.

Wir sehen uns auf der anderen Seite,

Ali Bell.

1. KAPITEL

Oben ist unten und unten ist oben

Wow. Wie wär’s mit dem da?“

Meine beste Freundin Kat Parker zeigte in eine der hinteren Ecken zu einem Tisch, an dem drei Typen in unserem Alter saßen. Einer von ihnen war heiß genug, um das Polareis zu schmelzen. Den zweiten hätte ich nicht als gut aussehend im klassischen Sinne bezeichnet, aber wegen seiner ungewöhnlichen hellgrünen Augen trat alles andere in den Hintergrund. Ich taufte ihn Chartreuse. Der dritte war ein beeindruckend rauer Typ mit einer frischen Kratzwunde auf der Wange und vernarbten Fingerknöcheln.

So, so. Da hatten wir doch endlich ein nettes Büfett mit drei Sorten Machofleisch gefunden.

„Perfekt“, sagte ich nickend.

„Ich weiß nicht.“ Reeve Ankh, meine andere Freundin, ließ den Blick über die drei Typen schweifen und kaute auf ihrer Unterlippe. „Ich finde, der rechts sieht mir nach richtig Ärger aus.“

Der rechts – Narbenknöchel. Wunderbar. Ihr G-Sens – Gefahrensensor – arbeitete mal wieder auf vollen Touren.

In unserem kleinen Trio war sie schon immer die Stimme der Vernunft gewesen. Oder, wie Kat sagen würde: „Halt die Klappe und amüsiere dich.“

Natürlich meinte mein Schätzchen Kat das ganz lieb und freundschaftlich. Ihr fehlte einfach ein Filter. Was ihr gerade durch den Kopf ging, ließ sie raus. Sie trat grundsätzlich spontan für ihre Überzeugung ein – zum Beispiel, dass ihre Meinung die richtige war – und lebte nach dem Motto: Ich befinde mich auf einem Wahnsinnszug, und du kannst aufspringen oder dich überrollen lassen.

Wen wunderte es da, dass ich sie so sehr liebte?

„Hey, Leute, das ist nicht schlau.“

Die Warnung kam von Mackenzie Love. Früher meine Erzfeindin, inzwischen eins meiner beliebtesten Kuscheltierprojekte. Die meisten waren über unsere plötzlich geschlossene Freundschaft überrascht, aber für mich war es nichts Neues, dass sich das Leben innerhalb eines Augenaufschlags ändern konnte.

Alles konnte sich innerhalb eines Augenaufschlags ändern.

Ich akzeptierte das und machte weiter.

„Sei nicht so negativ.“ Tina Brighton, die Vierte in unserer Gruppe, versetzte Mackenzie unter dem Tisch einen Tritt. „Das war deine Idee.“

„Stimmt. Du hast uns um Hilfe gebeten, und wir haben unter einer Bedingung zugestimmt. Du machst alles, was wir sagen und wann wir es wollen.“ Ihr Happy-Kätzchen-Grinsen im Gesicht, rieb Kat sich die Hände. „Das wird ein Riesenspaß. Für mich!“

Ich hatte zwar Zuneigung zu Mackenzie entwickelt, Kat aber nicht. Doch sie war nicht mehr ganz so anti … na ja. Ich gab’s nicht gern zu, aber … ja, für mich sah das auch nach einer Menge Spaß aus. Wir befanden uns im Choco Loco, einer Schokobar, in der Mädchen Süßes abschleppten und Jungs Mädchen. Nicht dass ich abgeschleppt werden wollte.

Seit etwas mehr als einem Monat ging ich – wieder mal – offiziell mit dem umwerfenden Cole Holland. Und, na ja, okay, es gab ein kleines Problem in unserer Beziehung. Im Laufe dieses Monats hatten wir – Moment, eine Sekunde, ich muss mal nachzählen – null Dates. Und wir waren im Ganzen – mal sehen, mal sehen – null Minuten allein gewesen. Geküsst haben wir uns – ach, ich weiß gar nicht – null Mal.

Hier kommt eine Liste von Dingen, die noch ätzender sind: ……

Okay, na gut. Es gibt doch was, das schlimmer ist. Zum Beispiel, als ich für die Zombies als All-you-can-eat-Büfett herhalten musste. Die Phase, als ich gegen die gröbste Zombievergiftung überhaupt hatte ankämpfen müssen. Mein ganz persönlicher Favorit war die Zeit, als Anima Industries mich gefangen gehalten, mich ausgehungert, mich mit Elektroschocks behandelt und mich auseinandergenommen hatte wie ein Labortier.

Wenn man bedachte, was ich so alles durchgemacht hatte, dann sollte mein Liebesleben ein glitzernder Diamant inmitten einer schwarzen Kohlegrube sein. Oder besser Cole-Grube. Haha. Wir haben versucht, ES zu tun, haben diesen Vorgang nach minutiösen Plänen bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Aber alles, was in Richtung Privatsphäre ging, scheiterte an einem klitzekleinen Hindernis.

Und das hieß Nana.

Wirklich, meine Großmutter hatte sich zu einer Sex-Polizistin gemausert. Okay, okay, ich musste mein Hirn im Grunde nicht lange martern, um zu verstehen, wieso. Eines Nachts hatte Cole mich vor einem qualvollen Tod gerettet und wir wollten das feiern. Nur zu zweit. Er hatte sich in mein Schlafzimmer geschlichen, worauf wir das getan hatten, was wir ständig taten. (Ich weigere mich, in die unanständigen Details zu gehen. Aber so war’s. Schön unanständig. Wie auch immer.) Sie hatte uns gehört – der Horror! – und war ins Zimmer gestürmt.

Wir waren zwar noch bekleidet gewesen (jedenfalls mehr oder weniger), die Position jedoch, in der sie uns erwischt hatte … peinlich, peinlich. Seitdem klebte Nana an meinen Fersen. Tatsächlich ließ sie nur von mir ab, wenn ich mit meinen Mädels herumhing oder die Straßen durchstreifte, um Zombies zu jagen.

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe Nana über alles. Und Cole geht es genauso. Wenn wir drei zusammen sind, haben wir wirklich Spaß. Aber ich brauche mehr. Ich bin süchtig nach Coles Berührungen … nach seinen Lippen … und ach, Ali will sein Nippelpiercing. Entzug ist das Letzte!

„Worauf wartest du denn, Liebesknochen?“ Kat schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Habe ich nicht klargemacht, dass es in diesem Fall kein Veto gibt? Dass die Sippe gesprochen hat? Du weißt, was du zu tun hast, also tu es!“

Ein Kellner kam an unseren Tisch, bevor Mackenzie etwas erwidern konnte. Er stellte vor jede von uns einen Schoko-Smoothie ab.

„Ähm.“ Reeve runzelte die Stirn. „Das haben wir aber nicht bestellt.“

„Mit den besten Empfehlungen eurer Verehrer da in der Ecke.“ Ein Zwinkern und der Kellner war wieder weg.

Gleichzeitig warfen meine Freundinnen und ich einen Blick auf unsere Süchtigmacher. Heiß und Chartreuse hoben ihre Schokogläser zum Toast. Narbenknöchel starrte einfach nur herüber.

Erinnerte mich an Cole.

Kat stand auf und rief ihnen zu: „Meine Freundin MacLovin kommt gleich zu euch rüber und bedankt sich persönlich, sobald ihr Herzklopfen sich beruhigt hat. Ihr habt sie voll überwältigt …“

Mackenzie zog sie heftig auf den Stuhl zurück, um sie zum Schweigen zu bringen. „Musst du denn so peinlich sein?“

Kat klopfte Mackenzie auf die Schulter, während unsere Gönner sich auf ihren Erfolg hin gegenseitig ein High Five klatschten. „Worüber beschwerst du dich eigentlich? Wir sind hierhergekommen, um ein Date für dich zu suchen. Und jetzt ist die Mission dank mir praktisch schon erfüllt. Ich habe das Setting vorbereitet, du brauchst nur noch rüberzugehen und dir dein Lieblingsspielzeug auszusuchen. Bitte sehr.“

Mackenzie ließ verzweifelt die Stirn auf die Tischplatte sinken.

„Warum benimmst du dich bloß so kindisch?“ Kat klopfte ihr ein weiteres Mal auf den Rücken. „Du kommst mir vor wie eine super Ninjakämpferin, die ihre Nächte damit verbringt, Schmetterlinge zu jagen und …“

„Du meine Güte“, unterbrach ich sie. „Hör auf, das so zu nennen.“

„Jetzt mal ernsthaft.“ Mackenzie hob den Kopf und sah Kat an. „Wenn du so redest, hört sich das an, als wären wir eine Gruppe von …“ Sie schauderte. „… Mädchen.“

Obwohl Kat und Reeve nicht zu den Zombiejägern gehörten, kannten sie das Geheimnis der dunklen Welt um uns. Kat nannte das Zombiejagen gern Schmetterlinge fangen. So süß war sie.

„Ich finde Schmetterlinge fangen okay“, sagte Trina.

Kat grinste.

Mackenzie starrte Trina entgeistert an.

„Was denn?“ Trina zuckte die Achseln. „Ich bin mir meiner Männlichkeit sehr sicher.“

Ich schnaufte. Trina sah vielleicht aus, als könnte sie einen Bus stemmen, aber tief in ihrem Herzen war sie weich wie ein Marshmallow.

„Du solltest zu den Jungen rübergehen und mit ihnen reden, damit wir es endlich hinter uns haben, Mac.“ Reeve strich mit einem Finger über den Rand ihres Dessertglases und leckte die Schokolade ab. „Kat sieht aus, als würde sie dich sonst jeden Moment da hinschleifen.“

„Könnte stimmen“, sagte Kat nickend. „Bin kurz davor.“

„Wenn sie das durchzieht“, fuhr Reeve fort, „wirst du nie wieder so glücklich sein wie jetzt.“

„Na gut.“ Mackenzie stand auf, machte jedoch ein skeptisches Gesicht. „Aber ich werde nicht mit denen flirten.“

„Als wenn du so was könntest“, entgegnete Kat, und Mackenzie warf ihr einen bösen Blick zu.

„Du hast doch schon alles in trockenen Tüchern.“ Davon war ich überzeugt. Mac brauchte sich überhaupt nicht anzustrengen. Nicht mit ihrem Aussehen. Meine Freundinnen sahen so perfekt aus wie Models. Trotzdem waren sie sehr unterschiedliche Typen.

Kat mit ihrem glatten braunen Haar und den haselnussbraunen Augen war das süße Mädchen von nebenan. Reeve mit ihren dunkelbraunen Locken und den Rehaugen sah auffahrunfallmäßig unglaublich gut aus. Mackenzie mit ihrem schwarzen Wuschelhaar und den smaragdgrünen Augen war auf eine überirdische Art eine umwerfende Erscheinung. Und Trina mit ihrer kurzen Stoppelfrisur und den dunkel geschminkten Augen sah so cool aus wie eine Punkrockerin. Ich mit meinem weißblonden Haar und den fast beängstigend hellen blauen Augen bin die Exzentrikerin, freakig.

Nachdem Mackenzie sich auf den Weg zu den Jungen gemacht hatte, fiel ein Schatten über unseren Tisch.

Kat quietschte erfreut auf und warf sich in die Arme des Verursachers.

Nicht nötig, einen Blick nach oben zu werfen, um zu wissen, wer gerade angekommen war. Frosty, ihr Freund-Exfreund-Freund-Exfreund. Die beiden führten eine merkwürdige Beziehung. Selbst wenn sie sich mal wieder getrennt hatten, klebten sie aneinander. Ich hatte noch nie zwei Leute gesehen, die verrückter nacheinander waren.

Kat pflasterte sein Gesicht mit Küssen zu. „Du bist hier!“

„Und du siehst umwerfend aus.“

„Offensichtlich.“

Ha! So eine perfekte, selbstbewusste Antwort. So eine richtige Kat-Antwort. Ich musste das fürs nächste Mal im Kopf behalten, wenn Cole mir ein Kompliment machte.

„Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten.“ Frosty strich mit den Fingern durch Kats Haar. „Ich glaube, deine letzte SMS lautete, ich zitiere: ‚Falls du nicht innerhalb der nächsten zehn Minuten hier bist, werde ich dich wohl vergessen und mich in jemand anders verlieben.‘“

Meine Freundin war ja so poetisch veranlagt.

Lucas erschien hinter Frosty, attraktiv wie immer in einem Polohemd mit hochgerollten Ärmeln, die seine dunkelbraunen Muskelarme perfekt zur Geltung brachten. Er nickte Trina zu und starrte sie etwas länger an als notwendig. Eine merkwürdige Spannung war zwischen den beiden zu spüren. So, so. Ich hatte bereits den Verdacht gehabt, dass sie sich heimlich trafen, das bestätigte es mir. Gut. Sie hatten ein bisschen heiß dampfendes Glück verdient.

Kat umfasste Frostys Handgelenk und zog ihn an sich. „Ich glaube schon immer, dass die richtige Kommunikation der Schlüssel zu einer funktionierenden Beziehung ist. Und natürlich kleine Geschenke. Hast du mir was mitgebracht?“

„Ich will auch was!“ Reeve wedelte erwartungsvoll mit der offenen Hand. „Her damit.“

Frosty achtete gar nicht auf sie. Wie üblich hatte er nur Augen für seine Freundin. „Sollte meine hoch geschätzte Anwesenheit nicht Geschenk genug sein? Ich habe Cole und Bronx abgesetzt und alle Geschwindigkeitsrekorde gebrochen, um jedem das Rückgrat zu knacken, der sich an dich ranmacht. Und da es wohl jeder ist, der noch atmet, brauchst du mir nur zu sagen, wo ich anfangen soll.“

Als er Cole erwähnte, wurde ich hellhörig. „Wo hast du Cole abgesetzt?“

Natürlich ignorierte Frosty mich genauso.

„Tatty’s Ink“, sagte Lucas. „Bronx lässt sich Reeves Namen in den Arm tätowieren. Was eigentlich eine Überraschung werden sollte, wie mir gerade einfällt.“

Reeve gluckste erfreut über das unerwartete Geschenk ihres Freundes.

Ich hatte beschlossen, mir ebenfalls neue Tattoos stechen zu lassen, also … warum nicht jetzt dorthin fahren? Cole könnte mir während der Behandlung die Hand halten. Und danach würde ihm auffallen, dass wir die beste Gelegenheit für eine nanafreie Zeit hätten. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Dann könnten wir … Dinge tun. Ich erschauerte vor Vorfreude.

Da es ein Verbrechen gewesen wäre, auch nur einen einzigen Tropfen meines Schoko-Smoothies übrig zu lassen, stürzte ich den Rest runter und leckte den Glasrand ab. Um sicherzugehen, schleckte ich noch mal darüber. Es war wirklich keine Übertreibung, als ich bemerkte: „Das ist das Allerbeste auf der Welt.“

„Ganz deiner Meinung“, stimmte mir Reeve zu.

Schließlich fasste ich einen mutigen Entschluss und quetschte mich zwischen Kat und Frosty.

Ja, andere Leute hatten sich aufgrund einer solchen Aktion schon einen Tritt an die Kehle eingefangen, doch ich war bereit, das Risiko einzugehen. Ich brauchte die volle Aufmerksamkeit meiner besten Freundin.

„Ich gehe jetzt, und ich nehme Mackenzie mit.“ Liebesknochen war meine Mitfahrgelegenheit. „Du wirst wohl ohne mich keinen großen Spaß mehr haben, aber ich hoffe, du nimmst das Opfer auf dich.“

Kat zog einen Flunsch. „Was ist denn mit diesem ganz speziellen besonderen Anlass heute? Mädelstag?“

Im Ernst? „Der ist mit Karacho in sich zusammengefallen und verbrannt, als Frosty und Lucas auftauchten.“

„Hey!“, sagte Frosty hinter mir. „Ich crashe und verbrenne nur Leute, die sagen, dass ich Dinge crashe und verbrenne.“

„Recht hat er.“ Kat sah zu mir hoch. „Aber dieses Thema mal beiseite. Lass uns den Müll durchforsten und auf den Kern deiner Aussage kommen. Ich muss zwischen ihm und dir wählen.“

Wenn mich das davor bewahrte, stundenlang über meinen Abgang zu diskutieren? „Ja.“

„Oh, na gut. Ich wähle dich“, sagte sie mit strahlendem Lächeln. „Selbstverständlich.“

Das hätte ich wissen müssen. Sosehr sie Frosty auch liebte, sie liebte mich als beste Freundin. Diese Liebe war vielleicht sogar noch stärker. Wir waren Seelenverwandte, Schwestern im Herzen und gaben (meist) den Nöten der anderen den Vorzug vor allem anderen.

„Frosty, du musst gehen.“ Sie wedelte hinter meiner Schulter mit der Hand. „Du kannst mich später noch mal daran erinnern, wie sehr ich dich liebe.“

„Aber Kätzchen“, sagte er fast flehend.

Es war wirklich ulkig, den größten, wüstesten Z-Killer von Birmingham in Alabama so betteln zu hören, nur weil seine winzige, zarte Angebetete beschloss, jetzt nicht mit ihm zu spielen.

„Ich leide unter einem Fieber, und die einzige Medizin ist … noch mehr Zicken-Kat.“

Kat kniff die Augen zusammen. „Zicken-Kat?“

„Hey, Alter“, zischte Lucas, „willst du deine Eier loswerden?“

„Okay, okay“, sagte Frosty. „Ich bin Manns genug, um einen Fehler einzugestehen. Das war vielleicht missverständlich ausgedrückt.“

Ich legte Kat die Hände auf die Schultern. „Du brauchst keine Angst zu haben, dass du meine Gefühle verletzt. Ich bin ziemlich dampfendheiß scharf darauf, Cole zu treffen.“

„Hast du vor, ES zu tun?“

„Ja“, gestand ich, gleichzeitig stieg mir die Röte ins Gesicht.

„Das ist ja so Torte. Und du wirst mir alles bis ins Detail berichten?“ Moment mal. „Torte?“

„Mein neues Lieblingswort, das bedeutet sooo viel fetter als voll fett.“

Na gut. Das würde wohl bald das Lieblingswort der restlichen Welt werden. „Wenn du darauf bestehst, bekommst du eine Livestream-Version.“ Mir war klar, dass sie das Angebot annehmen würde.

Sie dachte einen Augenblick nach und seufzte. „Okay. Geh schon. Wir machen ein neues Date.“

„Wirklich?“

„Was soll ich sagen? Ich bin nun mal so selbstlos.“

„Danke, danke. Tausend Mal danke.“ Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und raste zu Mackenzie hinüber.

„… muss einen eingebauten Blitzschalter haben, jedes Mal, wenn ich dich ansehe, durchzuckt’s mich“, behauptete Chartreuse gerade, als ich ankam.

Oje, nein. Aufreißersprüche, nicht gut. „Wir müssen gehen“, sagte ich zu ihr.

Chartreuse runzelte die Stirn. „Aber wir lernen uns doch eben erst kennen.“

Mackenzie sah erleichtert aus. „Tut mir leid, Jungs. Es war … tja.“

Sie zerrte mich regelrecht zur Tür.

„Hey!“, protestierte Reeve. „Niemand hat sich von mir verabschiedet!“

Ich winkte und rief ihr über die Schulter zu: „Tschüs! Wir lieben dich!“

Sie warf mir einen Luftkuss hinterher.

Trina lachte über irgendwas, das Lucas gerade gesagt hatte, und war wegen unseres plötzlichen Aufbruchs überhaupt nicht beunruhigt. Mackenzie und ich traten in die winterliche Nachmittagsluft hinaus. Die Sonne schien, aber es war kühl. Leute strömten in die nahe gelegenen Geschäfte oder kamen heraus, alle mit ihrer eigenen kleinen Welt beschäftigt.

„Danke!“ Mackenzie schüttelte sich. „Der einzige Typ, der mich interessiert hätte, hat nicht ein Wort mit mir gewechselt.“

„Lass mich mal raten. Mr Narbenknöchel.“

„Ja! Woher weißt du das?“

„Wir haben einen ähnlichen Geschmack.“ Beweis: Sie war vor mir mit Cole zusammen. „Den hätte ich mir auch ausgesucht.“ Und nicht nur, weil er so wild aussah.

Alle Zombiejäger hatten geliebte Personen im Kampf gegen die Zs durch Bisse und andere tödliche Wunden verloren. Die Trauer und der Schmerz schienen eine Mauer um unsere Herzen errichtet zu haben. Nach und nach sank in unser Bewusstsein, dass die Starken eine bessere Überlebenschance hatten. Narbenknöchel war definitiv der Stärkste in diesem Trio.

Erstaunlicherweise bildete Frosty – der mehr als wir alle verloren hatte – in meiner Theorie eine Ausnahme. Er hatte sich in die von einer Nierenkrankheit geschwächte Kat verliebt. Aber ich wollte jetzt lieber nicht an Kats Krankheit denken, an den Schmerz, den sie aushalten musste – und der noch auf sie zukam, dann würde ich zusammenbrechen. Ich musste diese Sorge in eine tiefe Kammer meines Hirns packen und mich später damit beschäftigen.

Diese Kammern waren schon so gut wie voll.

Ich hatte mir geschworen, es nicht mehr zu tun, emotionale Belastungen nicht mehr zu verdrängen und mich mutig mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen, aber ich bin trotzdem in diese Routine verfallen. Und ehrlich mal … ich hatte es nicht besonders eilig, das zu ändern.

„Wohin geht es?“ Mackenzie setzte sich hinters Steuer ihres Trucks. „Für die Patrouille ist es zu früh.“

Oh, richtig. An diesem Abend mussten wir wieder unsere Z-Runde drehen. Wir waren mit Gavin, unserem männlichen Flittchen – ein weiteres meiner Kuscheltierprojekte, trotz seines ätzenden Humors – und dem sehr schweigsamen Bronx zur nächtlichen Patrouille eingeteilt. Unsere Zeit war heute also begrenzt.

„Wir gehen zu Tatty’s“, sagte ich und erklärte auch, warum.

„Ich würde dir ja raten, mal die Ich-bin-nicht-leicht-zu-haben-Nummer zu versuchen, aber ich könnte schwören, dass es völlig egal ist, was du machst. Cole betet dich ja geradezu an. Bei dem Gedanken würde ich euch beiden am liebsten meinen Dolch in die Augen stoßen.“

Vor ein paar Wochen noch hätte sie diese Worte gegen mich ausgespien, als wären sie Waffen, denn seit dem Moment, in dem Cole sein Interesse an mir gezeigt hatte – was gleich im ersten Augenblick passiert war, vielen Dank auch –, war ich ihr Hassobjekt Nummer eins gewesen.

Mit meiner strahlenden Persönlichkeit hatte ich sie schließlich für mich gewonnen.

Na gut. Persönlichkeit hatte wohl weniger damit zu tun. Wir waren Soldatinnen im selben Krieg und kämpften auf derselben Seite. Da hatte sich zwischen uns eine Allianz gebildet.

„Wenn du uns in die Augen stichst, werden wir beide eine Augenklappe tragen und als Piraten weitermachen“, entgegnete ich. „Dann wirst du dir wünschen, dir zuerst selbst ein Auge ausgestochen zu haben.“

Sie erschauerte. „Du hast immer noch dein böses Alter Ego in dir, wie ich sehe.“

„Ja, und die böse Ali ist ganz wild auf deine Tränen.“

Beinahe hätte Mackenzie gelächelt.

Als wir unser Ziel erreichten, ließ ich meinen Blick über den Parkplatz schweifen und kämpfte gegen die Enttäuschung an, als ich Coles Jeep nicht sah.

Vielleicht war er zu Fuß gekommen? Sozusagen als Training. Als würde er nicht genug davon in seinem Sportstudio absolvieren, wo er täglich auf dem Laufband rannte, Gewichte stemmte und in den Boxring stieg! Er war nicht im Laden, und meine Enttäuschung wurde immer größer.

Ich könnte ihn wohl anrufen oder ihm eine SMS schicken, aber heute war nicht nur Mädelstag, sondern die Jungs hatten sich ebenfalls verabredet. Er war womöglich nach wie vor mit Gavin, Bronx und dem Neuen im Team – Justin – zusammen. Nun, dem wieder mal Neuen. Lange Geschichte.

„Hast du ein paar Stunden Zeit?“, fragte ich Mackenzie.

„Wäre die Alternative, zurück zum Choco Loco zu fahren?“ „Ja.“

„Dann habe ich Zeit.“

Mit dem Künstler, der schon meine anderen Tattoos geritzt hatte, ging ich in den hinteren Teil des Ladens. Ich hatte zwei, an jedem Handgelenk eins. Deshalb lag die „offizielle“ Erlaubnis bereits in seinen Unterlagen. Das erste Bild war ein weißes Kaninchen, das meine Schwester Emma repräsentierte. Sie war zwar tot, besuchte mich aber immer noch. Das zweite bestand aus zwei gekreuzten Schwertern im Andenken an meine Eltern.

„Sag mir, was du willst“, forderte er mich auf, während ich mich setzte.

Darüber hatte ich ziemlich lange nachgedacht. Unsere Gefühle zeigten sich in unserem Äußeren. Lächeln. Stirnrunzeln. Lachfältchen. Stirnlinien. Die Bilder waren meine Art, die Liebe zu meiner Familie und meinen Freunden, die ich verloren hatte, zu zeigen.

„Zuerst mal möchte ich einen Phönix im Nacken.“ Der würde Cole repräsentieren. Ich hatte ihn nicht verloren – und das würde ich auch nicht! –, trotzdem verdiente er einen Ehrenplatz. Mit seiner Hilfe war ich aus der Asche meiner Vergangenheit in eine neue Zukunft aufgestiegen. „Dann will ich ein Paar Boxhandschuhe über den Schwertern.“ Die wären für Pops, meinen Großvater, der von Zombiegift getötet worden war. Als Teenager hatte er im Ring trainiert, und sein ganzes Leben lang hatte er harte Schläge mit Würde und Mut eingesteckt.

Der Künstler machte sich an die Arbeit. Obwohl ich es schon einmal durchlitten hatte und wusste, was mich erwartete, tat es weh. Ziemlich. Als er fertig war, brannten mein Nacken und mein Arm fürchterlich.

„Und? Was hältst du davon?“, erkundigte er sich.

Ich betrachtete die Boxhandschuhe und grinste. Sie sahen aus, als wären sie aus altem braunem Leder gemacht, zusammengehalten von einem gebogenen Band. „Perfekt.“

„Als wenn du was anderes von mir erwarten könntest.“

Männer und ihr Ego.

Ich ging zum großen Spiegel an der Wand. Mit zitternden Fingern nahm ich mein Haar im Nacken hoch und blickte über meine Schulter auf das Tattoo. Mir stockte der Atem. Der Kopf des Vogels war in helles Grün gefärbt und reichte bis zum Haaransatz. Die Flügel hatten alle Farben des Regenbogens, um die goldene Flammen flackerten, die sich über meinen Nacken bis zu den Ohren hinaufzogen. Der Bauch des Vogels, eine Mischung aus Rot und Gold, befand sich im Zentrum meines Nackenknochens, während die Schwanzfedern, ausgebreitet wie die eines Pfaus, zwischen meinen Schulterblättern endeten.

„Das ist … das ist …“ Ich keuchte. „Mir fehlen wirklich die Worte.“

„Ich weiß“, erwiderte er. „Ich bin fantastisch. Das ist die beste Arbeit, die du jemals gesehen hast. Blabla.“

Cole würde ausflippen.

„Du weißt noch, wie du dich vor einer Infektion schützt?“, fragte er.

„Ja.“ Ich bezahlte und ging zu Mackenzie nach vorn in den Empfangsbereich. Ihre Reaktion auf die Zeichnungen war ähnlich wie meine. Total verblüfft und beeindruckt.

„So gern ich bleiben und dein Tattoo anstarren würde, lass uns lieber losgehen.“ Sie machte eine Handbewegung zum Fenster hin. „Es wird schon dunkel.“

Ich warf einen Blick auf die Welt draußen. Zweifellos ging die Sonne bereits unter. Na gut, so ein Mist. Die Nacht brach jetzt immer früher herein. Wir hatten kaum noch Zeit, um uns auszuruhen und zu chillen.

Wann war das jemals der Fall?

Aber wir versuchten es. Alle Zombiejäger – inklusive unsere Anhängerinnen Reeve und Kat – hatten sich seit Neuestem in ein Heimlehrprogramm eingeschrieben, um nicht mehr zur Schule gehen zu müssen. Aufgrund unseres dichten Terminkalenders hatten wir entweder Unterricht versäumt oder waren, wenn wir dann doch erschienen, im Klassenraum eingeschlafen. Unsere Zensuren waren immer schlechter geworden. Jetzt hatten wir das etwas besser im Griff.

Aus Gewohnheit suchte ich den Himmel nach einer Wolke in der Form eines Kaninchens ab. Jedes Mal, wenn meine Schwester Zombies entdeckte, die sich in ihren Nestern regten und sich auf die Jagd nach frischen Seelen vorbereiteten, formte sie eine für mich. Im Moment war keine zu sehen. Gut so.

Heute Nacht würde ich von einem Quartier zum nächsten ziehen, nach Zombies Ausschau halten und die Bewohner in der Gegend schützen. Falls nichts passierte – und danach sah es aus –, würde ich um drei Uhr morgens fertig sein. Der Jungenabend wäre dann offiziell vorüber.

„Gehen wir“, sagte ich.

Wir kletterten in Mackenzies Truck und fuhren zur Trainingshalle, wo wir unsere Patrouillen starteten. Unterwegs schickte ich Cole eine SMS.

Bist du heute Nacht zu Hause?

Seine Antwort kam in Lichtgeschwindigkeit: Ja. Hast du Pläne?

Ich: Wenn keine Zs auftauchen, würde ich gern meine Hände bei dir auflegen.

Cole: Guter Plan! Ich bin bereit!

Ich: Übrigens habe ich eine Überraschung.

Cole: Nackte Haut?

Ich: Noch besser!

Cole: Nicht möglich.

Ich: Das wird dich wegblasen!

Ich: UMHAUEN! ICH MEINE UMHAUEN!

Cole: Hahaha. Lieber wegblasen, Baby!

Ich packte mein Handy ein.

„Du glühst ja geradezu vor Glück.“ Mackenzie gab Würgegeräusche von sich. „Hoffentlich bist du immer noch in der Lage, Zombies zu töten. Nicht dass du anfängst, die Monster mit Regenbogenstaub zu besprühen!“

Als würde ich Regenbogenstaub an Zombies verschwenden. „Mach dir keine Sorgen um mich, Liebesknochen. Willst du wissen, warum es auf dem Mars kein Anzeichen von Leben gibt? Weil ich da war!“

Sie versuchte, sich das Grinsen zu verkneifen. „Wenn du sagen willst, der Tod hatte ein Nah-Ali-Bell-Erlebnis, dann werde ich wohl das Risiko eines kleinen Piratenspiels riskieren und dir tatsächlich ein Auge ausstechen.“

„Warum willst du einem Mädchen ins Auge stechen, das bereits zweimal seine grenzenlose Größe gezeigt hat? Einem Mädchen, das ‚Vier gewinnt‘ in drei Zügen schafft? Das Feuer entzünden kann, indem es zwei Eiswürfel aneinanderreibt?“

„Da hilft nur noch der Dolch“, murmelte sie.

Ich lachte. „Das Einzige, was ich sagen will, ist: Ich bin bereit für heute Nacht … egal, was passiert.“

2. KAPITEL

Dicht dran an Haut und Zähnen

Es war drei Uhr nachts. Wie ich angenommen hatte, gab es keine Anzeichen von Zombies. Meine Aufgabe war erledigt, ich wurde jedoch nicht vor sieben Uhr morgens zu Hause erwartet.

Das Leben könnte nicht perfekter sein.

Oh, Moment. Doch, das konnte es. Mackenzie und Bronx wohnten bei Cole und seinem Vater, Mr Tyler Holland, die beiden hatten allerdings beschlossen, den Rest der Nacht in der Trainingshalle zu verbringen. Ich hatte kein Wort über meine Pläne mit Cole verlauten lassen, aber mein bis zu den Ohren reichendes breites Grinsen musste mich wohl verraten haben.

Gavin bot an, mich nach Hause zu fahren. Gentlemanlike wie immer öffnete er mir die Beifahrertür seines Wagens.

„Ich habe noch vor, Leute und Dinge zu treffen.“ Er gestikulierte wild, damit ich einsteige. „Hüpf rein, Cupcake.“

„Vielen Dank auch.“

„Nicht dass du dich daran gewöhnst.“

Das meinte er mit jeder Faser seines Seins. Ich sollte nicht lachen. Diesen Typen betete ich geradezu an, aber ich war nicht blind für seine Fehler.

Einer meiner Fehler war: Ich fand jede seiner Macken charmant.

Gavin setzte sich hinters Lenkrad und ließ den Motor an, das Eis am Fenster begann zu schmelzen. Er fuhr auf die Straße.

„Wann bekommst du denn deinen Führerschein?“

„Nächste Woche.“ Es hatte mal Zeiten gegeben, da hätte ich Blut spucken können bei dem Gedanken daran, so eine Todesfalle aus Metall, genannt Auto, zu steuern. Aber der Kampf gegen den bösen Zombiezwilling in meinem Inneren – stellt bloß keine Fragen! – hatte die Dinge irgendwie in die richtige Perspektive gerückt. „Warum? Hast du keine Lust mehr, mich zu chauffieren?“

„Nicht doch. Ich wollte nur vorher informiert sein, damit ich rechtzeitig den Bundesstaat wechseln kann. Du bist leider jemand, der Unfälle magisch anzieht.“ Er fluchte. „Pardon. Das war nicht so gemeint.“

„Keine Sorge. Wir wissen ja beide, dass jede Rentnerin am Steuer neben mir wie ein Formel-1-Champion aussieht.“ Ich hatte eine Hass-Liebe zur Geschwindigkeit. Ich liebte es langsam und hasste es schnell.

„Ganz meine Meinung“, erwiderte Gavin. „Es gibt so was wie eine Leidenschaft für die Autobahn, und die habe ich.“

„Und noch eine Menge anderer Dinge dazu“, murmelte ich.

„Das stimmt, und alle sind gleich Ehrfurcht gebietend.“

Ich verdrehte die Augen. „Übrigens, du fährst mich nicht nach Hause. Du fährst mich zu Cole.“ Zumindest wollte ich das. Ich hatte ihm eine SMS geschickt und hoffte, dass er nicht eingeschlafen war.

Keine Zs, tippte ich ein. Bist du bereit für mich?

Seine Antwort kam innerhalb von Sekunden: Bereit? Ali-Gator, was denkst du denn! Ich hoffe, du hast Lust „Hungriger Zombie und Unschuldslamm“ zu spielen. Ich will beißen! Wann bist du da?

Mein Herz flatterte vor Aufregung: In zehn Minuten.

Cole: Mach fünf draus.

Ich, während mein Herz noch tausend Mal schneller klopfte: Okay!

Cole: Sind Bro und Mac bei dir?

Ich: Nein. Sie gönnen uns eine Nacht allein.

Cole: Perfekt. Ich stelle den Alarm aus und lasse das Fenster angelehnt.

Gavin zwinkerte mir zu. „Also heute Nacht ist die Nacht, was? Endlich wird das Pfläumchen gepflückt.“

Unmöglich. Es war einfach unmöglich, dass er so was gesagt hatte. „Du bist so ein Schwein!“

„Schweinchen sind süß.“

„Und dreckig.“

„Die perfekte Kombination.“

Es war unmöglich, jemanden zu beleidigen, an dem alles abprallte. „Hör zu, ich werde auf keinen Fall mein Sexleben – beziehungsweise das nicht existierende – ausgerechnet mit dir besprechen.“

Völlig ungerührt erwiderte er: „Wenn du dir auf dem Weg ins Haus nicht gerade den Hals brichst, wirst du wahrscheinlich in das Bett dieses Typen hechten, sobald du den Raum betreten hast, das ist uns doch beiden klar.“

Himmel noch mal. Er und Nana waren das absolute Gespann, und ich war mir nicht sicher, wen davon ich schlimmer fand.

„Also … willst du ein paar Tipps, um aus nett unglaublich zu machen?“, wollte er wissen. „Ich bin so was wie ein Sex-perte.“

„Ich denke, du bist eher so was wie eine Schlamp-perte.“

„Sei nicht albern. Das ist ja nicht mal ein originelles Wort.“

Ich konnte ihm leider keinen Tritt gegen die Luftröhre verpassen. Er würde die Kontrolle über den Wagen verlieren und einen Unfall bauen. „Am besten wäre wohl, wenn ich mir die Ohren abschneide und sie dir überlasse“, murmelte ich mehr zu mir selbst. „Das würde weniger wehtun als dieses Gequatsche.“

„Na gut. Mach nur weiter so. Taste dich im Dunklen vor. Mal sehen, ob es mich trifft.“

„Dich sollte gar nichts treffen!“

„Tut es aber. Du bist mein Cupcake. Ich bin der Meinung, du hast es einfach verdient, mit Zuckerguss …“

„Wage es ja nicht, den Satz zu beenden!“

Er grinste.

„Warum erzählst du mir nicht lieber alles über dein erstes Mal, hm? War das was Besonderes? Hast du Rosenblätter aufs Bett gestreut?“

„Es war das Allerbesonderste“, erwiderte er mit ausdruckslosem Gesicht. „Und ja.“

Wieder verdrehte ich die Augen. Das passierte mir in seiner Gegenwart ständig, mindestens fünf Mal die Stunde. „Wie auch immer. Dieses Thema ist abgeschlossen, Barbie, du kannst also jetzt den Mund halten oder Angst um deine Zunge haben.“

Er war aber noch nicht fertig. Logisch.

Barbie? Ist das der Spitzname, den du dir für mich ausgesucht hast?“

„Gefällt er dir nicht?“, fragte ich und grinste süffisant. Ein Mädchen ließ sich nur bis zu einem bestimmten Punkt „Cupcake“ nennen, ohne zurückzuschlagen.

„Oh doch, ich bin begeistert! Ich hatte von Anfang an den Verdacht, dass du auf mich stehst und ein bisschen mit mir spielen möchtest.“

Einfach unmöglich!

„Wie auch immer“, fuhr er fort, „wie willst du denn Cole den Glücklichen Holland verführen?“

Ich schnaufte. „Ist das dein Ernst? Als müsste ein Mädchen noch mehr tun, als nur Luft zu holen.“

Er schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge, als würde er mich bemitleiden. „Hör mal zu, Cupcake. Ich werde dich jetzt mit meiner Weisheit überschütten.“

„Obwohl ich weiß, wie selten die Gelegenheit ist, bitte tu’s nicht.“

„Wenn ich ein Mädchen ins Bett kriegen will, sage ich entweder: Ich habe einen Fehler gemacht. Oder: Lass uns doch mal darüber reden. Womm. Kleider fliegen durch die Gegend, Arme und Beine verhaken sich und die unglaublichsten Dinge passieren. Aber wenn du so was zu Cole, diesem Weichei, sagst, dann ist der drüber und fertig, bevor ihr die richtig guten Sachen überhaupt erst angefangen habt.“

„Lass mir eine Minute, um über den Schock hinwegzukommen, dass du noch Single bist.“

„Okay, ich weiß. Du wirst aber sicher länger als eine Minute brauchen. Das ist nämlich ein echtes Rätsel.“

„Hör zu, es gibt auch Beziehungen, in denen es um mehr als nur Sex geht.“ Ich musste daran denken, wie Cole mich manchmal ansah, so, als würde die Sonne nur für mich aufgehen. „Für manche ist es wichtiger, eine Verbindung herzustellen.“

„Du bestätigst ja nur meine Ansicht. Es geht darum, eine Verbindung herzustellen … körperlich.“

„Mental, emotional.“

„Honigpferdchen, lediglich die eine Hälfte eines Paares ist an mental und emotional interessiert. Und hier ein kleiner Hinweis: Es ist nicht der Typ. Aber ich schweife ab. Du wirst ihn einfach anspringen, was? Kein großes Getue, keine Aufregung, du reißt ihm die Klamotten vom Leib und zeigst ihm, wer der Boss ist.“ Er verzog die Augenbrauen. „Ali Bell, ich hätte nicht gedacht, dass du so eine bist.“

Frage: Wenn ich ihm den Bauch aufschlitzte wie einem Zombie, würde mir das als Verbrechen angelastet werden?

Antwort: Nein! Alle wären mir dankbar.

„Konzentrier dich … einfach auf die Straße“, sagte ich.

Er tat es. Woraufhin ich argwöhnisch auf seinen nächsten Zug wartete. Ich studierte ihn von der Seite. Gavin hätte direkt aus einem Magazin entsprungen sein können. Aus einer Werbung für Unterwäsche.

Daher mein Spitzname für ihn. Er war der hübsche Junge mit dem blonden Haar und den grüngolden schimmernden Augen.

„Du starrst mich an“, sagte er. „Denkst du gerade daran, wie du mich am besten vernaschst? Nun, ich muss dich leider, leider enttäuschen, Cupcake, dieser Zug ist abgefahren.“

Drittes Augenrollen. „Ich versuche, dich einzuschätzen.“

„Obwohl“, fuhr er fort, als hätte ich nichts gesagt, „ich könnte mich sicher dazu überreden lassen, dir zu zeigen, wie ein richtiger Mann eine Frau erfreut, nachdem Cole alles vermasselt hat. Du weißt schon, sozusagen als ein Akt des Erbarmens.“

„Lieber lasse ich mir das von einem Zombie zeigen. Du wirst nie ein Kandidat dafür.“ Das war mein Gratis-Service, damit er die Bodenhaftung nicht verlor – aber ich hatte so meine Bedenken, dass es half.

Er zuckte mit den Schultern. „Du versäumst was.“

„Du bist ja nur so freigiebig …“ Ich hätte mich fast an dem Wort verschluckt. „… weil du kein Nein vertragen kannst.“

„Oder weil die Mädchen wie Schokoriegel sind, und meine Aufgabe ist es, die verschiedenen Geschmacksrichtungen auszutesten.“

Viertes Augenrollen. „Vor grob vier Wochen hast du noch erzählt, du suchst die wahre Liebe und eine feste Beziehung.“

„Vor grob vier Wochen war ich ein Idiot“, erklärte er und schauderte.

Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. „Du entwickelst dich zu einem echten STS, das ist dir doch hoffentlich klar, oder?“

„Ein supertalentierter Schauspieler?“ Er hob die Schultern. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich ins Filmgeschäft einsteigen will, aber warum nicht.“

„Falsch. So total schlampenmäßig. Und das schon in ziemlich fortgeschrittenem Stadium.“

Er zeigte mir den Stinkefinger, und als ich lachte, drückte er mir den Finger auf die Nasenspitze.

„Ich nehme an, Coles Vater hat keine Ahnung, dass du über Nacht dort bist und seinen Sohn verdirbst.“

„Das stimmt.“ Nur um das letzte Wort zu haben, fügte ich hinzu: „Und wie ich ihn verderben werde!“

Gavin seufzte dramatisch. „Wenn ich Cole nicht so gern hätte, würde ich ihn hassen. Dieser Vollidiot bekommt immer die seltenen Extrageschmackssorten.“ Er lenkte den Wagen an den Fahrbahnrand und schaltete die Scheinwerfer aus.

Sofort war ich mit den Gedanken woanders, mein Herz hämmerte vor Aufregung. In weniger als einer Minute würde ich in Coles Armen liegen.

„Danke fürs Herbringen, Gavin.“

„Ist doch selbstverständlich, Cupcake.“

Ich zog einen meiner Handschuhe aus und bewarf ihn damit.

Er fing ihn auf und küsste ihn.

Und da war es! Das fünfte Augenverdrehen.

Gleich darauf als Reaktion sein Grinsen.

Ich verließ das warme Innere des Wagens und wagte mich in die eisige Nachtluft. Meine Stiefelsohlen knirschten auf Eis, während ich das große eingeschossige Backsteinhaus mit den weiß gestrichenen Holzfensterrahmen und Türen ansteuerte. In der ganzen Aufregung stolperte ich über einen Stein, der mir im Weg lag.

Großartige Leistung, Ali.

Coles Zimmer befand sich auf der Rückseite, das erste Fenster links. Es war wie versprochen nicht verschlossen. So leise wie möglich kletterte ich hindurch und zog es hinter mir wieder zu.

Bevor ich mich umdrehen konnte und sich meine Augen an die Dunkelheit im Raum gewöhnt hatten, wurde ich von zwei Händen gepackt. Kräftige Finger pressten sich auf meinen Mund und erstickten meinen erschrockenen Aufschrei. Meine Arme wurden fest umklammert, damit ich keinen Schaden mit meinen Ellbogen anrichtete.

„Du wolltest in fünf Minuten hier sein, Miss Bell“, flüsterte Cole mir mit heiserer Stimme ins Ohr, und sofort erstarb meine Kampfbereitschaft. „Jetzt sind acht Minuten vergangen. Weißt du, was das bedeutet?“

Ich unterdrückte ein Kichern. „Muss ich mir eine Uhr kaufen?“

„Du wirst endlich den Hintern versohlt bekommen, so wie ich’s dir versprochen habe.“

Er ließ mich los, und ich wirbelte herum, schaute aus Gewohnheit zunächst jedoch auf den Boden.

Normalerweise erlebten wir beide eine Zukunftsvision, sobald sich unsere Blicke das erste Mal am Tag trafen. Wir hatten uns aber heute Morgen schon getroffen, was uns diese Geschichte nun ersparte.

Darüber war ich froh.

Was wir zuletzt gesehen hatten … ich wollte jetzt gar nicht daran denken, sonst würde ich zusammenbrechen. Cole, der an einem Baum lehnt, rote, blutende Striemen im Gesicht und auf der Brust. Blut läuft an seinen Armen herunter, besudelt seine Hände, seine Züge verzerrt von Schmerz und unermesslicher Trauer, während ich mich von ihm entferne.

Mich. Von. Ihm. Entferne.

Ich konnte mir keinen Grund für so etwas ausmalen.

Wie stark war er verletzt? Wann würde sich diese Vision erfüllen? In wenigen Tagen? Wochen? Monaten? Nie gab es irgendeinen zeitlichen Hinweis. Nur dass es passierte, das war das Einzige, worauf wir uns einstellen konnten. Wir hatten es nie geschafft, zu verhindern, dass die Visionen Realität wurden.

Alarmstufe Rot! Alarmstufe Rot! Gefahr von emotionalem Zusammenbruch!

Ich schob diese Sorge in eine der besagten hinteren Kammern, nachdem ich alles andere darin noch dichter zusammengequetscht hatte, um Platz zu schaffen. Es war ein ziemlicher Kampf, aber es gelang mir, danach wieder abzuschließen.

Besser. Erst mal.

„Du kannst mich ruhig ansehen“, sagte er. „Ich werde nicht beißen … jedenfalls nicht zu sehr.“

Ich hob den Blick, sah ihm in die Augen, und plötzlich wurde ich von der gleichen verzehrenden Sehnsucht überrollt, die ich schon seit unserer ersten Begegnung empfand. Nach ihm … nach mehr.

Seine umwerfenden Lippen verzogen sich zu einem trägen Grinsen.

Himmel noch mal. Gavin war der hübsche Typ, aber Cole, das war reiner, rauer Sex-Appeal. Er sollte nur mit einem Warnschild rumlaufen. Vorsicht, Gefahr des Dahinschmelzens. Der Mond schien durchs Fenster und warf sein Licht auf ihn, sodass ich für einen Moment fast schon die Engel singen hörte. Sein schwarzes Haar stand zu allen Seiten ab, als wäre er ständig mit den Fingern hindurchgefahren. Vielleicht aus lauter Erwartungsfreude, mich zu sehen? Seine unglaublichen violetten Augen waren von so dunklen, dichten Wimpern umrahmt, dass es immer aussah, als hätte er Eyeliner benutzt.

Und was den Rest anging …

Heiß! Ich kannte das, was unter seiner Kleidung verborgen war. Makellos gebräunte Haut. Vorbildlich ausgeformte Muskeln. Ein perfekter Oberkörper mit den wundervollsten Tattoos. Eine seiner Brustwarzen war gepierct – miau! – und das war, wie ihr euch denken könnt, einfach göttlich.

Er streifte meine Wangen sanft mit den Fingerknöcheln, und diese leichte Berührung elektrifizierte mich.

„Ich habe dich vermisst.“

„Wie sehr?“, fragte ich erschauernd.

„Warum? Meinst du, du hast mich mehr vermisst?“

„Klar doch.“

„Ich werde dich gern vom Gegenteil überzeugen. Nachdem ich deine Überraschung gesehen habe.“

„Mach dich bereit für das Oberhammermäßige.“ Ich hob mein Haar im Nacken an und drehte mich um.

Stille breitete sich aus.

Ich runzelte die Stirn, wurde plötzlich nervös. Wenn es ihm nun nicht gefiel? Dieses Tattoo war für immer.

„Ali.“ Seine Stimme klang so tief und heiser und fühlte sich an wie die reine Verführung. „Habe ich dir jemals alle Gründe genannt, warum ich dich liebe?“

„Nein.“ Ich strich mir mit der Zunge über die Lippen und nahm allen Mut zusammen, um ihm ins Gesicht zu blicken. Seine Augen glühten geradezu vor Leidenschaft.

Das Tattoo gefiel ihm.

„Sag sie mir jetzt“, forderte ich leise.

„Ich zähle dir die Top Ten auf“, versprach er und gab mir einen Kuss auf die Stirn. „Du bist unerbittlich ehrlich. Das ist ein seltener und sehr kostbarer Charakterzug.“

Pluspunkte für meinen Mann: Er bezog sich auf meine Persönlichkeit statt auf mein Äußeres.

„Zweitens.“ Er küsste eins meiner Augenlider. „Du hast einen absolut perfekten Sinn für Humor … perfekt für mich. Ein bisschen verschroben und verdreht, aber du kannst mich zum Lachen bringen wie niemand sonst.“

Ich schmolz schon fast dahin. Fast. Erst wollte ich den Rest hören. „Mach weiter, oder ich muss dir wehtun.“ Hörte sich meine Stimme für ihn genauso atemlos an wie für mich?

Er lachte. „Drei.“ Sanft, ganz sanft küsste er mein anderes Lid. „Du bist sehr intelligent. Am liebsten würde ich dein Hirn nackt sehen.“

Ha!

„Vier. Du bist so umwerfend heiß.“

„Offensichtlich.“ Und okay, ja, dafür bekam er ebenfalls Pluspunkte. Vielleicht, weil ich mich so selten heiß fühlte. Oder weil ich so sehnsüchtig auf den nächsten Kuss wartete. Einen robusteren. Auf meine Lippen. Mit Zunge und Zähnen. Und Händen überall. Oder vielleicht weil ich mir wünschte, dass er mich ganz haben wollte.

„Fünf.“

Er küsste mich auf die Wange, und ich stöhnte auf. Mehr.

„Du bist unglaublich fair.“ Er küsste meine andere Wange. „Sechs. Du liebst mit deinem ganzen Herzen, hältst nichts zurück.“

„Komm schon, küss mich richtig.“ Wollte er, dass ich anfing zu betteln? Das würde ich glatt tun … nachdem ich ihn dazu gebracht hatte, selbst ein bisschen zu flehen.

„Sieben.“

Er presste die Lippen auf mein Kinn, ohne meinen Mund zu berühren, verflucht noch mal.

„Du bist eine Eins-a-Kämpferin. Ich könnte mich zurücklehnen und zusehen, wie du die ganze Arbeit machst, ohne mich dabei wie ein Weichei zu fühlen. Es wäre ein erhebendes Gefühl.“

„Das glaube ich nur, wenn ich es sehe.“

„Acht.“ Er arbeitete sich mit dem Mund zur anderen Seite meines Kinns vor. „Die Art, wie du mich manchmal ansiehst … So als wäre ich das süßeste Stückchen in der Bäckerei und als könntest du es nicht erwarten, davon abzubeißen.“

Ja, ja, ein großes, leckeres Stück. „Es gab mal Zeiten …“, begann ich, wieder einmal überrascht, wie heiser sich meine Stimme anhörte, und legte ihm die Arme um den Nacken, „… da hat dir dieser Blick Angst eingejagt.“ Mit gutem Grund. Ich war voller Zombiegift gewesen und hatte ihn im wahrsten Sinne des Wortes fressen wollen. Nun, nicht ich selbst, sondern mein Zombiezwilling. Z. A.

„Neun“, fuhr er fort und knabberte dabei an einem meiner Ohrläppchen. „Du bist wie eine gefährliche Droge. Einhundertprozentig rein, aber garantiert schon nach der ersten Einnahme süchtig machend. Ich kann mir mein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen – will es auch gar nicht.“

Meine Nerven vibrierten, das Blut rauschte durch meine Adern. „Cole“, sagte ich aufstöhnend. Schob die Finger in sein Haar und versuchte, seinen Kopf zu mir herunterzuziehen. „Hör auf zu reden, Action bitte!“

„Zehn“, sagte er.

Glücklicherweise presste er endlich die Lippen auf meinen Mund.

Aber der Kuss war zurückhaltend, viel zu zurückhaltend und schnell wieder vorbei.

„Du würdest dein Leben für mich geben, genauso wie ich für dich sterben würde.“

„Ja, das würde ich, ja, ja.“ Ich wartete auf den Ansturm.

Es passierte nicht. Cole kam mit dem Mund näher, ohne mich zu berühren – dachte er über den nächsten Zug nach?

Dabei würde ich ihm gern helfen. „Weg mit dem Pulli“, befahl ich und zerrte bereits am Stoff. „Jetzt.“

Er grinste. „Ungeduldig?“

„Rasend. Und wage es nicht, dich zu beschweren. Es ist deine Schuld.“

„Beschweren? Ich möchte das lieber feiern.“ Er löste meine Finger von seinem Shirt. „Zieh den Mantel aus.“

Ich wunderte mich, dass der nicht schon längst in Flammen aufgegangen war. Ich war sooo heiß auf Cole.

Während er sich das Sweatshirt über den Kopf zog, riss ich mir Mantel und Pullover vom Körper, sodass ich nur noch in Tanktop, Jeans und Stiefeln vor ihm stand … erst mal. Ich betrachtete ihn von oben bis unten und beherrschte mich eisern – ein goldener Stern für mein Kontrollsystem –, um nicht gleich auf das Tattoo zwischen seinen beiden Brustwarzen zu starren. Dort prangte mein Name in großen schwarzen Lettern auf seiner Haut.

Ich atmete seinen Duft ein – hmmm, Seife und Erdbeeren – und strich mit zitternden Fingern darüber.

Er stöhnte leise auf. „Bevor wir anfangen, Ali-Gator, muss ich dich warnen.“

Bevor wir anfangen?“

Er griff in mein Haar, vorsichtig, um nicht das frische Tattoo im Nacken zu berühren, und zog mich an sich. Ein unglaubliches Gefühl, sein harter Oberkörper an meinen weichen Brüsten. Sein Blick war entschlossen, fast trotzig.

„Wir gehen nicht bis zum Schluss.“

Mein Blut kühlte augenblicklich ab. „Warum das?“ Kurz nachdem ich dem Tod gerade so entkommen war, hatte er mir signalisiert, dass er dafür bereit wäre. Mehr als bereit.

Und ich war es auch. War es noch immer. Mir war klar, dass wir diese sexuelle Erfahrung miteinander nicht ungeschehen machen könnten, dass sie unsere Beziehung verändern würde … und mich auch. Obwohl ich kein großer Fan von Veränderungen war, hier ging es um Cole. Meinen Cole. Damit wurde ich fertig.

„Nachdem uns deine Großmutter neulich erwischt hat“, sagte er, „habe ich noch mal darüber nachgedacht.“

Ein Schatten fiel über sein Gesicht, und seine unbewegte Miene weckte in mir den Verdacht, dass er nicht nur nachgedacht hatte. Wahrscheinlich hatte er einen Vortrag seines Vaters über sich ergehen lassen müssen.

„Ich bin achtzehn. Du bist sechzehn.“

„Fast siebzehn.“

„Ich bin volljährig. Du nicht.“

„Cole …“

„Lass mich ausreden.“ Sein Tonfall war jetzt unnachgiebig wie sein Gesichtsausdruck. „Ich finde, wir sollten noch warten.“

Ich starrte ihn an. Mit eins achtundsiebzig war ich nicht gerade klein. Mit eins zweiundneunzig war er aber größer. Er war breiter als ich, schwerer, in seiner Nähe fühlte ich mich immer total von ihm vereinnahmt. Normalerweise gefiel mir das. Heute war es anders. „Zwei Jahre sind …“

„Ein Jahr, drei Monate.“

„… eine lange Zeit“, beendete ich den Satz.

„Nicht wenn wir ein Leben lang Zeit zusammen haben.“

Ich öffnete den Mund, um zu protestieren. Endlich presste er seine Lippen darauf.

Sofortiges Inferno. Ich küsste ihn mit allem, was ich hatte. Die Diskussion über dieses eine Jahr und die drei Monate konnte bis später warten – vielleicht, nachdem ich mehr Vorarbeit geleistet hatte. Jetzt im Moment würde ich ihn einfach genießen … und das, was er mir geben wollte.

Tausend kleine Feuer entzündeten sich in meinem Bauch und breiteten sich im Körper aus, als er meinen Po umfasste und mich noch dichter an sich zog. Erregt fuhr ich mit den Fingernägeln über seinen Rücken. Das, was ich vorher als Inferno bezeichnet hatte? Kein Vergleich.

Die Flammen mussten auch ihn erreichen, denn er hob mich hoch und presste sich an mich. Ich schlang ihm die Beine um die Taille und wir verschmolzen praktisch miteinander. Er trug mich zum Bett hinüber und legte mich auf die Matratze. Die ganze Zeit löste er die Lippen nicht von meinem Mund. Es wurde noch heißer. Gieriger.

„Wir können dafür was anderes machen“, flüsterte er atemlos. „So wie vorher.“

„Ja. Wie vorher.“ Was ich da gefühlt hatte …

Er umfasste mein Gesicht und sah mich an. „Aber vielleicht gehen wir diesmal ein bisschen weiter“, sagte er heiser.

Ich strich mir mit der Zunge über meine vom Küssen geschwollenen Lippen und unterdrückte ein Zittern. „Warum redest du denn noch?“

Er grinste süffisant, während er am Verschluss meines BHs spielte.

Draußen vor der Tür klirrte Glas.

Cole erstarrte und runzelte die Stirn. „Was …“

Schritte schallten auf dem Holzboden.

Plopp.

Plopp.

Schockiert fuhren wir beide hoch. Ich kannte dieses Geräusch.

Schüsse aus Pistolen mit Schalldämpfern. Aber … aber …

„Runter auf den Boden!“, befahl Cole und stürzte zum Nachttisch, um sich eine seiner Waffen von der Ablage zu schnappen. Wer sollte die Hollands angreifen? Und warum?

Das ergibt keinen Sinn … keinen Sinn …

Cole warf mir einen warnenden Blick zu.

Okay. Auf den Boden. Ich versuchte, den Nebel aus meinem Kopf zu vertreiben, während ich zwei Dolche aus meinen Stiefeln zog. Ohne meine Waffen ging ich nirgendwohin. Messer taugten jedoch nur im Nahkampf etwas, wenn ich mir die Zombies vornahm und sie aufschlitzte. Wir hatten Schüsse gehört. Das waren keine Zombies.

Richtig. Ich ließ die Dolche fallen und griff nach der Pistole, die in meiner Manteltasche steckte.

„Cole! Du musst fliehen!“, schrie sein Vater von draußen durch die Schlafzimmertür – in dem Moment zerbarst die Fensterscheibe. Cole hatte keine Gelegenheit mehr, auszuweichen.

Scherben regneten ins Zimmer. Cole wurde plötzlich hochgerissen. Er flog wie eine Granate durch die Luft, wurde gegen die Wand geschleudert und fiel zu Boden, einen breiten roten Blutstriemen hinter sich herziehend.

3. KAPITEL

Keine verspritzten Gedärme, kein Triumph

Was zum Teufel war hier los?

Keuchend fiel ich auf die Knie. „Cole?“, flüsterte ich und kroch auf ihn zu. Die Pistole klackte dabei rhythmisch auf den Holzboden, erinnerte mich an eine tickende Uhr.

Ich hasste tickende Uhren. Ein ganzes Leben konnte sich innerhalb eines Gongschlags verändern.

Ich ließ die Waffe los und presste Cole zwei Finger an die Halsschlagader, um seinen Puls zu fühlen. Bitte sei nicht tot, sei nicht tot, bitte, bitte, sei nicht tot. Okay, ich wusste, dass Sterben für uns nicht das Ende war, wie man an meiner Schwester sah. Aber ich war nicht bereit, auch nur den kleinsten Teil von Cole zu verlieren.

Poch … poch … poch

Gott sei Dank! Langsam, doch stark genug. Er lebte.

Seine Lider flatterten. „Ali?“

„Alles in Ordnung“, sagte ich schnell. „Du lebst. Es wird alles gut.“ „Was ist passiert?“

Ich sah mir die Wunde an. Das Blut hatte sein Unterhemd bereits zur Hälfte durchtränkt. Der Schuss war in die Schulter gegangen.

„Jemand hat auf dich geschossen. Direkt vor meinen Augen. Dieser Jemand könnte noch da draußen sein. Wir sind vielleicht immer noch Zielscheiben.“ Ich hatte mit zwei Gefühlen zu kämpfen – Hoffnung gegen Furcht – und konnte nicht mehr richtig denken. „Was soll ich machen?“

„Verbinden“, flüsterte er mit schwacher Stimme. „Die Schulter.“

Natürlich. Ja. Das war mir klar. Aber … die Schulter verbinden würde nicht viel helfen. Er blutete zu stark. Die Wunde musste ausgebrannt werden, damit der Blutfluss gestoppt wurde.

Zombiejäger konnten ein Feuer produzieren. Das brauchten wir, um die Zombies zu vernichten. Ich war dazu in der Lage. Wenn es sich in mir bildete, schossen Flammen aus meinen Fingerspitzen. Wir mussten die Finger auf die Zs pressen, sodass die Hitze sie erfasste, entgiftete und reinigte, das Böse und die Dunkelheit verbrannten. Irgendwann fielen die Monster dann zusammen und wurden zu Asche. Aus unerklärlichen Gründen schaffte ich es, diese Flammen am ganzen Körper zu entwickeln. Um die Zombies auszulöschen, brauchte ich sie nur einen kurzen Moment zu berühren.

Mit diesem Feuer ließen sich Menschen heilen … manchmal. Es konnte aber auch den endgültigen Tod bedeuten, so wie bei den Zombies.

Es hatte mich geheilt, und es würde Cole heilen. Wir waren beide Zombiejäger, das war der entscheidende Faktor, der über Heilung oder Vernichtung entschied.

Oder etwa nicht?

Ich musste es riskieren. Cole würde es sonst nicht schaffen. Er verblutete, sein Kopf fiel zur Seite. Langsam färbten sich seine Lippen bläulich, die Haut war kalkweiß.

Panisch schloss ich die Augen. Menschen existierten auf drei Ebenen. Eine war die des Geistes, der Quelle des Lebens, die mit der Seele verbunden war. Sie beinhaltete den Verstand, den Willen und unsere Gefühle und ruhte in unserem Körper, der äußeren Hülle. Mit einem tiefen Atemzug – ein … aus – zwang ich meinen Geist hinaus. Es war fast so, wie einen Handschuh von den Fingern zu streifen. Die Zombies waren Geister, und nur Geister waren in der Lage, gegen sie zu kämpfen. Ich hatte gelernt, jederzeit in diese Geistform überzutreten.

Kühle Luft umfing mich. Ohne den Schutz der Körperhülle spürte ich die Kälte noch intensiver, als wäre die Temperatur um mehrere Grade gefallen.

„Was … tust du?“ Als Zombiejäger konnte Cole die Geistformen sehen, konnte mich in meiner Geistform sehen.

Keine Zeit für lange Erklärungen. Außerdem war ich nicht so erfahren und musste mich völlig auf diese eine Aufgabe konzentrieren.

Entzünde dich, dachte ich, und meine Fingerspitzen erhitzten sich. Ich warf einen Blick darauf … Flammen züngelten bis zu meinen Handgelenken. Gut, gut. Ich drückte meine Finger in Coles Schulter.

Sein Atem stockte. Keine weitere Reaktion. Auch wenn er keinen Ton von sich gab, wusste ich, dass er unglaublichen Schmerz verspüren musste. Ich kannte das, hatte es selbst erlebt. Seine Geistform würde Verbrennungen erleiden. Aber er zerfiel nicht zu Asche, es hatte also funktioniert.

Ich ließ die Flammen verlöschen und vereinigte meinen Geist mit meinem Körper durch eine einzige Berührung, dann untersuchte ich Cole. Seine Hautfarbe hatte sich wieder normalisiert. So schnell. Ich griff nach dem Shirt, das er ausgezogen hatte, und wickelte den Stoff um die nicht mehr so stark blutende Wunde.

Was jetzt? Ich hatte keine Ahnung, ob die Angreifer da draußen warteten und ihre Waffen auf die Fensteröffnung gerichtet hielten, durch die inzwischen der Wind ins Zimmer pfiff. Ich wusste auch nicht, wie viele der miesen Typen sich womöglich im Haus befanden, um Mr Holland zu erschießen – oder ob Mr Holland überhaupt noch am Leben war.

Mir verkrampfte sich schmerzhaft der Magen.

Gleichgültig, was war, wir konnten – und würden – auf keinen Fall ohne ihn das Haus verlassen.

„Kannst du aufstehen und laufen?“, erkundigte ich mich.

Cole biss die Zähne zusammen. „Egal … ob ich kann … ich werde … schon … klarkommen.“

Obwohl ihn das Sprechen offensichtlich viel Kraft kostete, hörte er sich kräftiger an. Das lag sicher nicht nur an meiner Notfall-Ausbrennung der Wunde, sondern auch an seiner eisenharten Entschlossenheit und seinem Mut, die ihm Power gaben.

„Ich suche deinen Vater und wir treffen uns …“

„Nein“, sagte er unnachgiebig, um jede Diskussion von vornherein im Keim zu ersticken. „Wir bleiben zusammen.“

„Wir haben nicht viel Zeit.“

„Mein Vater. Meine Entscheidung.“

Na gut. „Wir brauchen mehr Waffen.“ Ich hob die Pistole auf, die er fallen gelassen hatte, und gab sie ihm. Dann kroch ich zum Nachttisch und schnappte mir die kleine Armbrust von der Ablage, auf der er sie aufbewahrte.

Cole rappelte sich mühsam auf die Knie. „Ich gehe … zuerst durch die … Tür. Du bleibst … hinter mir. Verstanden?“

Er angelte nach seinem Rucksack auf der Kommode und verzog das Gesicht.

Nein, ich hatte es nicht verstanden, und ich würde nicht tun, was er verlangte. Der Stärkere führte den Schwächeren, nicht andersherum.

„Ich gehe zuerst.“

„Du sollst …“

Er runzelte die Stirn, horchte und hob einen Finger, um mich zum Schweigen zu bringen.

Ich blieb stehen und lauschte nach irgendwelchen verdächtigen Geräuschen. Der Wind pfiff unheimlich und … Eis knirschte. Alle Instinkte, über die ich verfügte, schrien: Alarmstufe Rot, Alarmstufe Rot!

Jemand näherte sich in großem Tempo.

Ich wirbelte herum und zielte, gerade als ein maskierter Typ die Beine durchs Fenster schwang. Kaum hatte er sich aufgerichtet, drückte ich den Abzug. Ein Pfeil traf ihn in die Kehle, durchfetzte seine Luftröhre und ließ den Schmerzensschrei verstummen, bevor er hatte aufsteigen können.

Ein Todesschuss.

Ich hatte getan, was notwendig war. Bedauern durfte ich es nicht.

Weiterhin die Waffe auf den Eindringling gerichtet, ging ich auf ihn zu. Sein Kopf war zur Seite gerutscht, die Augen aufgerissen, aber blicklos. Kein Puls. Er hatte einen Kopfhörer im Ohr. Ich nahm ihn ab und horchte, hörte verschiedene Stimmen durcheinanderreden.

„… getroffen, ich bin getroffen …“

„… soll ich weitermachen?“

„Er ist tot …“

Es waren noch viel mehr.

Die Tür wurde aufgerissen, und ich wirbelte herum. In dem Moment, als ich zum zweiten Mal den Abzug drückte, erkannte ich Mr Holland und konnte das Geschoss gerade noch mit einer Drehung des Handgelenks umleiten, sodass es in den Türrahmen neben ihm krachte.

„Runter!“, befahl Cole sofort besorgt und gleichzeitig erleichtert.

Mr Holland blieb stehen. Eines seiner Augen war zugeschwollen. Er blickte sich im Zimmer um und holte scharf Luft, als er Coles Verletzung sah. Er warf mir einen Blick zu und atmete langsam aus. Rote Striemen überzogen sein Gesicht.

„Es waren vier. Drei im Haus, einer draußen. Sieht so aus, als hättest du den erwischt.“ Mr Holland kniete sich vor Cole und zog den Stoff von dessen Schulter, um die Wunde zu inspizieren.

Cole zuckte zusammen.

„Glatter Durchschuss. Die Wundränder ausgebrannt. Blutung verlangsamt.“ Mr Holland warf das Shirt beiseite, zog sein eigenes Hemd aus und verband die Wunde seines Sohnes neu. „Wir haben nicht viel Zeit. Einer ist entkommen. Er wird Verstärkung holen.“

„Sie scheinen schon alarmiert zu sein“, sagte ich. „Ich habe sie über den Kopfhörer des Typen gehört.“

„Die anderen sind bei Ankh.“

Mr Ankh, Reeves Vater. Er war kein Zombiejäger, aber er unterstützte unseren Kampf und hatte Nana und mir einen Platz in seinem Haus zur Verfügung gestellt.

„Nana“, keuchte ich. „Kat.“ Sie hatte vorgehabt, die Nacht bei Reeve zu verbringen. Ob sie verletzt waren?

Ich hätte bei ihnen sein sollen, hätte sie beschützen müssen.

„Tut mir leid“, sagte Mr Holland. „Aber ich weiß nicht, wie es ausgegangen ist. Das war ein geplanter Angriff, der uns alle auf einmal vernichten sollte.“

Alle? „Sie meinen …?“ Nein, nein, nein, nein. Die Richtung, in die meine Gedanken gingen, gefiel mir gar nicht.

„Ankh hat mich angerufen. Jemand hat sein Sicherheitssystem geknackt. Ich war gerade dabei mich anzuziehen, um rüberzufahren und zu helfen, als Frosty anrief. Kurz danach kam ein Anruf von Bronx. Aber ich hatte keine Gelegenheit mehr, mit den Jungen zu reden. Zwei Männer kamen durch die Hintertür hereingestürzt. Also, ja. Ich nehme an, alle Zombiejäger aus unserem Team waren heute Ziel des Anschlags.“

Frosty. Bronx. Trina. Lucas. Cruz. Collins. Gavin. Veronica. Mackenzie. Justin. Jaclyn. Wenn irgendjemandem von ihnen etwas passiert war … Die verschiedensten Gefühle peitschten auf mich ein. Schmerz. Reue. Besorgnis und vor allem heiße, brennende Wut.

In meinem Kopf formte sich eine Aufgabenliste. Eins nach dem anderen. Bring Cole ins Krankenhaus. Geh auf die Suche nach den anderen. Setze die Verantwortlichen außer Gefecht.

Über die Frage, wer das war, musste ich nicht lange nachdenken. Anima Industries. Das war klar.

„Bei den Ankhs gibt es viele Geheimgänge für Notfälle“, sagte Cole, der inzwischen wütende Entschlossenheit zeigte. „Ankh hat sicher dafür gesorgt, dass alle rechtzeitig rauskamen, Ali-Gator. Das garantiere ich dir.“

Wie ich verabscheute auch Cole Lügen. Ich glaubte ihm.

Als ich ihm den Rucksack abnahm, zuckte er zusammen. „Tut mir leid“, murmelte ich und legte mir die Tasche über die Schulter. Was immer er eingepackt hatte, es wog mindestens hundert Kilo, wenn nicht mehr. „Lass uns zusehen, dass wir hier rauskommen.“

Wir schafften es ohne Zwischenfälle in die Garage. Ich stieß ein Dankesgebet aus. Cole kletterte auf den Beifahrersitz seines Jeeps, ich stellte den Rucksack zu seinen Füßen ab.

Mr Holland warf mir einen Schlüsselbund zu. „Du fährst.“

„Okay.“ Ein Führerschein war im Moment Nebensache.

„Bring ihn zur Holy Trinity Church. Büro des Pfarrers. Bücherregal.“ Mr Holland sah Cole an. „Ein Schutzraum, wie wir ihn für deine Mutter gebaut hatten.“

Cole versteifte sich. So war das immer, wenn seine Mutter erwähnt wurde. Sie war eine Zombiejägerin gewesen und hatte vielleicht eine Zuflucht gehabt, war aber trotzdem bei einem Zombieangriff ums Leben gekommen.

Mr Holland begegnete meinem Blick. „Dort werden Ankh und deine Großmutter sein, wenn …“

Wenn sie überlebt haben, beendete ich den Satz in Gedanken. Ich wäre sofort wieder in Panik ausgebrochen, wenn ich nicht im Stillen Coles Versicherung wiederholt hätte. Ankh hat dafür gesorgt, dass alle rechtzeitig rauskamen, Ali-Gator. Das garantiere ich dir .

„Sieh zu, dass du meinen Jungen dort ablieferst“, sagte Mr Holland.

Nichts würde mich aufhalten. „Was ist mit Ihnen?“

„Ich werde kurz nach euch eintreffen.“

Was hatte er noch zu erledigen? Die Toten vergraben?

Oh, Himmel. Wahrscheinlich.

Leicht zittrig setzte ich mich hinters Lenkrad. Meine Handflächen waren feucht. Mir rauschte das Blut heiß durch die Adern, aber meine Haut war kalt. Ich hatte einen bitteren Geschmack im Mund. Als sich das Garagentor öffnete, legte Cole eine Hand auf meine und drückte sie, um mir Mut zu machen, so gut er konnte. Seine Finger fühlten sich noch kälter an als meine, richtig klamm.

„Ich lasse nicht zu, dass dir was passiert“, schwor ich, trat aufs Gaspedal und wir schossen auf die Straße. Ständig war ich darauf gefasst, dass wir in einen Kugelhagel gerieten. Als aus Sekunden Minuten wurden, entspannte ich mich ein bisschen.

Diese Atempause hielt jedoch nicht lange an. Ich bog um die Ecke und entdeckte Gavins Wagen, der sich um einen Pfosten gewickelt hatte. Rauch stieg aus der zerknautschten Kühlerhaube auf. Die Fahrertür stand offen, aber hinter dem Lenkrad war niemand zu sehen.

„Nein!“ Ich keuchte.

„Er ist zäh“, sagte Cole. „Und schlau. Gavin war schon mehrmals in der Hölle und hat’s immer wieder geschafft.“

Tränen traten mir in die Augen, als ich vor dem Wrack parkte. Wenn Gavin überlebt hatte, dann war er auf jeden Fall verwundet. Er würde vielleicht in der Nähe sein, versteckt hinter den Bäumen und warten … Es sei denn, jemand hätte ihn irgendwohin verschleppt.

Es dauerte kostbare Minuten, nach ihm zu suchen. Zeit, die Cole nicht hatte.

Ich musste eine Entscheidung treffen.

„Ich bin verletzt, nicht halb tot“, sagte Cole, der genau wusste, was in mir vorging. „Mach dir keine Sorgen um mich … und erledige, was du tun musst … für Gavin.“

Je mehr er redete, desto schwächer wurde seine Stimme.

„Ich will dich nicht alleine lassen“, gestand ich ihm. „Du brauchst so schnell wie möglich medizinische Hilfe und …“

„Grund Nummer elf“, sagte Cole, und ich brauchte einen Moment, um zu kapieren, wovon er sprach. Die Gründe, weshalb er mich liebte. „Du bist bereit … alles für … deine Freunde zu riskieren. Übrigens wirst du nicht … alleine sein. Ich gehe dahin, wo … du hingehst.“

Wie bitte? „Nein. Du bleibst im Auto.“

„Ali.“

„Cole. Du bist zu schwach. Deine Wunde blutet nach wie vor. Durch die Bewegung ist es wieder schlimmer geworden. Und du hast nur Shorts an.“

Er musterte mich. „Ali-Gator. Du trägst ein Tank.“

Noch mal mit eiserner Entschlossenheit. „Du würdest mich nur aufhalten. Und jetzt keine Diskussion mehr. Wir müssen uns so schnell wie möglich in Sicherheit bringen.“

Er sah mich finster an. „Okay. Sei vorsichtig … sonst werde ich sauer.“

Ich küsste ihn hart und kurz. Kalte Luft schnitt in meine nackten Arme, als ich aus dem Wagen stieg. Meine Füße hatten sich inzwischen in schwere Felsbrocken verwandelt, aber ich schaffte es, mich einigermaßen flüssig zu bewegen, verfolgte die Blutspuren, die vom Wrack zu einem Baum führten, dessen Rinde zerkratzt war. Dort entdeckte ich ein paar Fußabdrücke, deren Größe zu Gavin passte. Die Tiefe der Abdrücke schien ebenfalls im Hinblick auf das Gewicht seines muskelbepackten Körpers zu stimmen.

Plötzlich endeten die Spuren.

„Gavin!“, rief ich trotz der Gefahr, dass Leute von Anima in der Nähe sein könnten. Das Risiko ging ich ein, um einem Freund zu helfen. „Ich bin’s, Ali.“

Keine Antwort. Nicht mal irgendwelche Insekten waren zu hören.

Diese Stille … brachte mich um.

„Gavin. Bitte.“

Weiterhin Stille.

Tränen brannten mir in den Augen. Jetzt konnte ich nichts weiter tun. Ich rannte zum Wagen. Cole war noch blasser geworden. Das bisschen Kraft, das er gehabt hatte, schien ihn zu verlassen.

„Irgendein … Anzeichen?“, erkundigte er sich.

„Er war auf jeden Fall hier, aber ob er irgendwo anders ist, vielleicht ohne Bewusstsein, keine Ahnung. Ich bringe dich zu Mr Ankh und komme hierher zurück.“ Bevor er eine Bemerkung zu der Gefahr machen konnte, in die ich mich begeben würde, sagte ich: „Hältst du noch durch?“

„Baby, wir sind gerade erst wieder zusammengekommen.“ Seine Zähne begannen zu klappern. „Da werde ich auf keinen Fall … jetzt sterben.“

Ich hätte gern die Heizung angestellt, tat es aber nicht. Die Kälte war für Cole im Moment besser, sie sorgte dafür, dass die Blutung nicht stärker wurde. Vielen Dank auch für die früheren Erste-Hilfe-Kurse.

„Versprichst du mir das?“, fragte ich.

„Versprochen.“

Ich fuhr langsam an der Kirche vorbei. Ein schönes dreigeschossiges Sandsteingebäude in Form eines Ms. Im Zentrum führten steile Betonstufen zum Haupteingang. Die Flügeltüren reichten bis zur zweiten Etage und liefen nach oben spitz zu, wo sich ein kunstvoll verziertes schmiedeeisernes Kreuz befand. Ich zählte zehn Buntglasfenster, keines war zerstört. Die Parkbuchten waren leer und wurden von einer einzigen Straßenlaterne beleuchtet.

Ich suchte die Umgebung nach Anzeichen von Mr Ankh – oder Anima – ab. Um diese Uhrzeit waren die Läden und Cafés geschlossen. Niemand schien sich in irgendwelchen dunklen Ecken herumzudrücken. Gegenüber auf dem Parkplatz standen zwei Wagen, in keinem lungerte jemand herum. Keines der beiden Fahrzeuge gehörte jemandem, den ich kannte.

Ich parkte zwei Blocks weiter. Die Leute von Anima wussten natürlich, wo wir wohnten. Sie kannten ganz sicher auch unsere Autos. Wenn sie auf der Suche nach uns waren, wollte ich nicht, dass sie unseren Wagen vor der Kirche fanden.

„Wir halten uns im Schatten und sehen zu, dass wir schnell wegkommen.“

Cole verzog das Gesicht, als er sich den Rucksack überwarf. „Du … hattest recht. Ich bin langsamer. Wenn es Ärger gibt … warte nicht auf mich … um mir zu helfen. Sieh zu … dass du selbst in die Kirche kommst.“

Auf keinen Fall. „Wir bleiben zusammen, schon vergessen?“

„Nur wenn es … für dich okay ist.“

„Genau.“ Ich stieg aus, bevor er noch was erwidern konnte, die Kälte nahm mir fast die Luft.

Als Cole neben mir stand, eine Atemwolke vor seinem Gesicht, wollte ich ihm den Rucksack abnehmen, aber er sah mich nur böse an.

„Grund Nummer zwölf. Störrisch. Solange ich … atme … werde ich dich beschützen … und das tragen, was ich tragen kann.“

Genau das. Das war einer der vielen Gründe, warum ich mich in ihn verliebt hatte. „Cole …“

„Ich Mann. Du Frau.“ Alles an seiner Haltung war stahlharte Entschlossenheit. Er deutete mit dem Kinn voraus. „Los jetzt.“

„Angeschossen werden macht uns verschroben, denke ich.“ Aufmerksam um mich blickend setzte ich mich in Bewegung. Überall in den geheimnisvollen Schatten der Nacht lauerten Gefahren, und wenn ich nicht vorsichtig war, könnte ich es bereuen.

Cole stolperte ein paar Mal, hielt aber mit mir mit.

An einer niedrigen Steinmauer angelangt, die mehr der Dekoration als der Sicherheit diente, bückte ich mich. Niemand schien in der Nähe zu sein. Wir folgten Mr Hollands Anweisungen und arbeiteten uns ohne große Probleme zum hinteren Teil der Kirche vor. Ich wandte den Trick an, den Frosty mir beigebracht hatte, um das Schloss an der Tür zu knacken, während Cole sich an die Wand lehnte. Sein Atem ging inzwischen schwerer. Musste ich das Feuer noch einmal einsetzen?

Keine Zeit. Die Tür quietschte in den Angeln, als ich sie aufstieß und eintrat. Kein Licht brannte, undurchdringliche Dunkelheit empfing uns. Ich nutzte die Lampe in meinem Smartphone – in dem ich für fast alle Fälle eine Funktion gespeichert hatte – und verdrängte die Schatten. Wir befanden uns in einer Küche. Sie war klein, aber alles schien an seinem Platz zu sein. Niemand war zu sehen. Ein Flur vor uns verzweigte sich in drei Gänge.

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