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Some Mistakes Were Made

Als Buch hier erhältlich:

Wenn es keinen Weg zurück gibt

Ellis und Easton waren unzertrennlich. Aber eine folgenschwere Entscheidung stellte Ellis' Leben und ihre Beziehung zu Easton auf den Kopf. Ellis musste ans andere Ende des Landes ziehen, weit weg von allem, was ihr vertraut war.

Jetzt hat sie ein Jahr lang nicht mit Easton gesprochen, und vielleicht ist es besser so. Vielleicht wird die Wunde heilen, die er in ihrem Herzen hinterlassen hat. Aber seine Familie holt sie für eine Feier zurück, und bald ist alles wieder da, was Ellis hinter sich gelassen hatte: das gebrochene Herz, der Verrat, die Wut ... und Easton, den sie nie aufgehört hat zu lieben.


  • Erscheinungstag: 21.07.2022
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745703146
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für David, der immer an mich denkt.

Und nicht das kleinste bisschen für Adrienne Young,

die gesagt hat, wenn ich ihr dieses Buch widme,

kauft sie sechshundert Exemplare und verbrennt sie.

Ich widme dir dieses Buch absolut überhaupt nicht.

KAPITEL 1

Ich muss an ihn denken.

Mal wieder.

Ausgerechnet jetzt, in diesem Augenblick, in dem kein Platz für ihn ist. Ausgerechnet hier, an einem Ort, an dem er nicht willkommen ist. Ich muss vorsichtig sein, denn Erinnerungen sind wie Regen.

Ein harmloser Tropfen hier und da, der auf meine Seele fällt. Und dann, ganz plötzlich, stehe ich mitten im Platzregen.

Die Oberseite des Absolventenhuts in meiner Hand ist blank und ungeschmückt, eine mit dunkelgrünem Satin bezogene Platte ohne eine einzige Verzierung. Ganz anders als die Hüte aller anderen in der Abschlussklasse, die ihre mit bunten Bildern und Sprüchen dekoriert haben. Nur bei meinem weist nichts auf den Menschen hin, dem er gehört.

Ob er genauso aussehen würde, wenn er gekommen wäre?

Ich schiebe den Gedanken beiseite und atme tief durch. Eine Gruppe von Mitschülern drängt sich an mir vorbei in das riesige Stadion. Ich stehe am Rand des Durchgangs und schaffe es trotzdem, im Weg zu sein. Mein Blick wandert zum blauen Himmel über mir, der sich bereits rosa verfärbt.

Die Sonnenuntergänge hier sind anders als über den weiten Ebenen im Mittleren Westen. Heller, als sei das Licht hier wirklich golden, wie es immer heißt.

»Voll schööön«, sagt eins der Mädchen in dem gedehnten Singsang, dem man in Kalifornien überall begegnet. Nicht nur der Himmel ist anders hier, die Leute sind es auch. Ich wünschte, ich wäre zu Hause. Ich wünschte …

Auf der anderen Seite des Footballfelds entdecke ich Tucker Albrey.

Nicht der Er, auf den ich gehofft hatte.

Er schlängelt sich zwischen den Stuhlreihen durch auf mich zu. Er hat eine Sonnenbrille auf der Nase, und sein blondes Haar ist ganz durcheinander, weil er vorhin noch surfen war. Tucker sieht so aus, als würde er hierhergehören. Als sei Südkalifornien seine Heimat. Die Hände hat er in den Taschen seiner schmal geschnittenen Hose vergraben, und sein Hemd steht am Kragen weit genug offen, dass seine gebräunte Brust hervorblitzt. Er sieht gut aus, ohne etwas dafür tun zu müssen. Manchmal kann ich kaum glauben, dass er aus demselben platten Landstreifen irgendwo in Indiana stammt wie ich.

Jetzt grinst er und zwinkert einer Gruppe Mädels zu, die an ihm vorbeizieht. Eine von ihnen sieht sich noch mal nach ihm um. Die anderen kichern, und nicht zum ersten Mal bin ich froh, dass er nie mit mir flirtet. Tuckers Lächeln ist eine tödliche Waffe.

Ich bedenke ihn mit einem finsteren Stirnrunzeln, das nicht ganz ernst gemeint ist. So ist er schon, seit wir klein waren – irgendwas zwischen aufrichtig und arrogant.

So wie alle Albrey-Brüder.

»Was?« Unbekümmert zuckt er mit den Schultern.

»Untersteh dich, meine Abschlussfeier zum Flirten zu missbrauchen!«

»Ellis Truman.« Er legt sich eine Hand aufs Herz. »Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht ich, wer dann?«

Ich verdrehe die Augen. »Such dir dein nächstes Opfer woanders.«

»Deine Kritik trifft mich schwer.« Er legt mir einen Arm um die Schultern, und plötzlich bin ich unendlich dankbar, dass er da ist. Zumindest Tucker ist gekommen. Hundertmal habe ich mir diesen Tag ausgemalt, aber nie so, wie er tatsächlich ist. Ich bin froh, dass mit Tucker zumindest eine Konstante in meinem Leben das vergangene Jahr überstanden hat.

Er hält sein Smartphone vor uns. »Na los, zeig der Welt den schriftlichen Beweis, dass der Leidensweg Highschool für dich ein Ende hat.«

Ich tue, was er sagt, und halte mein Zeugnis in die Kamera.

»Aber doch nicht vor dein Gesicht, Dummerchen!«

Brav senke ich das Dokument ein bisschen, damit ich auf dem Bild ebenfalls zu sehen bin: dunkles Haar, nicht richtig lockig, nicht richtig glatt. Sommersprossen, die in den Endlossommern hier wohl ein unvermeidliches Übel sind. Blassblaue Augen.

Mir ist nicht nach Lächeln.

Ich sehe mich nach den strahlenden, braun gebrannten Blondinen um, die gerade an uns vorbeigelaufen sind. Eine makelloser als die andere.

»Komm schon«, sagt Tucker. »Kannst du nicht wenigstens versuchen, ein kleines bisschen glücklich zu wirken?«

Also bekommt er, was er will: ein breites, zahnreiches Grinsen, das aussieht, als würde ich gerade »Yay! Endlich Freiheit!« jubeln.

Tucker macht sein Foto, dann lässt er grummelig den Arm fallen. »Du bist echt so was von schwierig … Dir ist schon klar, dass Mädchen normalerweise drauf stehen, sich mit heißen Typen ablichten zu lassen, oder?«

Ich muss lachen. Tucker ist kein heißer Typ. Zumindest nicht für mich. Praktisch ist er eher so was wie mein Bruder. Mein bester und einziger Freund hier in San Diego.

Ehe ich etwas antworten kann, schlingt jemand die Arme um mich. »Du hast es geschafft!«

Unwillkürlich spanne ich die Schultern an, und alles in mir verkrampft sich, während mir meine Tante Courtney einen lauten Schmatzer auf die Wange drückt. Als sie bemerkt, dass sie einen Lippenstiftfleck auf meiner Haut hinterlassen hat, versucht sie ihn mit einem schuldbewussten Lächeln wegzuwischen und murmelt: »Tut mir leid.« In meiner Nähe ist sie meistens ein bisschen zu freundlich. Zu bemüht, es mir recht zu machen.

Ich will ihr ja dankbar sein für alles, was sie im vergangenen Jahr für mich getan hat. Aber ich habe nur die Dinge im Kopf, die ich verloren habe, seit ich nach Kalifornien gekommen bin.

Sie schiebt sich eine braune Haarsträhne hinters Ohr und räuspert sich. »Und?«, fragt sie schüchtern. »Wie fühlt es sich an, den Abschluss in der Tasche zu haben?«

Wie alles andere auch: falsch.

Aber das ist nicht die Antwort, die sie sich erhofft. Ich zwinge meine Mundwinkel nach oben. »Ganz gut, schätze ich.«

Ihr Grinsen verliert für einen Moment an Strahlkraft, als ihr Blick auf die Troddel in meiner Hand fällt. Geistesabwesend kämme ich mit den Fingern die orangefarbenen und weißen Polyesterfäden.

Ich hasse diese Farben, weil es die falschen sind.

Die Troddel sollte blau und silbern sein. Die Farben meiner alten Schule, der Sylvan Lake High.

»Die kannst du an den Rückspiegel hängen, wenn du erst mal ein Auto hast.« Meine Tante sieht wieder mich an und schiebt sich die Sonnenbrille den Nasenrücken hoch. »Oder macht man das heutzutage nicht mehr?«

Als ob ausgerechnet ich eine Ahnung hätte, was man heutzutage so macht und was nicht. Ob Courtney entgangen ist, dass ich hier keine Freunde habe?

Mit einem abfälligen Schnauben schlingt Tucker einen Arm um meine Schultern. »Wehe, du hängst diese Ekelfarben irgendwohin.« Er schnappt sich meinen Hut und hält ihn hoch. Das Dunkelgrün schimmert im Licht. »Aber dekoriert hätte ich den trotzdem. Als ich letztes Jahr meinen Abschluss gemacht hab, hat Dixon mir mit Filzstift einen Pimmel auf meinen gemalt.«

»Also, Tucker!«, sagt meine Tante im Tonfall gespielter Empörung.

Er gibt mir den Hut zurück. »Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich ihm bei seinem Abschluss Brüste hinten auf die Robe gemalt habe. Hat er erst nach der Zeremonie bemerkt.«

Ich erinnere mich daran, blitzartig tauchen die Bilder vor meinem inneren Auge auf. Später an dem Abend hat Dixon Tucker ein blaues Auge verpasst und ihn anschließend in den See geworfen. Fast kann ich das Sommergras riechen, so intensiv ist die Erinnerung. Und an noch etwas erinnere ich mich.

Easton unter einem dunklen Himmel. Easton, wie er in die Sterne hochblickt. Füße, die vom Rand des Stegs ins Wasser baumeln. Seine Haut so nah an meiner, dass ich seine Wärme spüre.

Wie Regen prasselt die Erinnerung auf mich ein, und ich schließe die Augen. Es ist zu sonnig heute für diese Gedanken.

»Gehst du auf eine von den Abschlusspartys?«, fragt mich Tante Courtney zum ungefähr zehnten Mal. Als würde sich meine Antwort irgendwann ändern. »Der Junge vorhin hat erzählt, dass irgendwas am Strand geplant ist …«

»Ein Junge?« Tucker drängt sich zwischen meine Tante und mich. »War er süß?«

Ich lege meine Hand auf sein Gesicht und schiebe ihn sanft wieder zurück. »Ich geh auf keine Party. Ich kenne die Leute hier doch gar nicht.«

Meine Tante verzieht ihre roten Lippen zu einem schmalen Strich.

»Hast du heute noch was vor, Tuck?«, frage ich. »Wir könnten runter zum Strand gehen.«

Als ich Tante Courtneys eifriges Gesicht sehe, füge ich hinzu: »Einen anderen Strand.«

Ich bemerke, wie er zögert, ehe er antwortet: »Gern.«

Dass er nichts vorhat, ist gelogen. Tucker hat immer was vor.

Mein Telefon summt. @duckertucker hat dich auf einem Foto markiert. Ich öffne das Bild und sehe uns beide vor einem blauen Himmel lächeln. Ich halte mein Abschlusszeugnis in die Kamera und trage eine Robe im vermutlich unvorteilhaftesten Dunkelgrün der Welt.

Aber ich sehe glücklich aus. Ein Beweis mehr, dass die sozialen Medien eine einzige große Lüge sind.

Vor drei Tagen war mein Feed voll mit solchen Fotos, alle von meiner alten Highschool in Indiana. Meine ehemaligen Klassenkameraden trugen blaue Roben und ein Lächeln im Gesicht. Dinge, die ich auch hätte tragen sollen. Bilder, die auch mich hätten zeigen sollen.

»Wollen wir essen gehen?«, fragt Tante Courtney.

Ich male mir aus, wie wir uns in einem Kettenrestaurant gegenübersitzen und sie mir all die Fragen stellt, die Erwachsene ihren Kindern Courtneys Vorstellung nach stellen sollten. Aber ich bin nicht ihr Kind. Und sie ist nicht meine Mutter. Nur die kleine Schwester meines Dads und unglücklicherweise die einzige Erwachsene weit und breit, die stabil genug war, um das Sorgerecht für mich zu übernehmen. Bis letztes Jahr habe ich sie immer nur an Weihnachten gesehen. Eine Tante, die man nur einmal im Jahr sieht, ist nicht der Mensch, mit dem man einen der wichtigsten Meilensteine in seinem Leben feiern will.

»Danke, aber ich hab keinen Hunger.«

»Oh.« Für einen Sekundenbruchteil ist ihr die Enttäuschung anzusehen, aber sie gewinnt sofort die Fassung zurück. Meine Schuldgefühle dagegen bleiben. »Brauchst du Geld für heute Abend?«

»Danke, ich hab genug.« Noch etwas, was ich nicht von ihr annehmen will.

»Okay, na dann … Komm nicht so spät nach Hause, ja?«, sagt sie, aber ihre Mahnung ist bedeutungsleer. Seit ich bei ihr wohne, war ich nie länger als bis zehn unterwegs.

Tucker hackt immer noch auf sein Display ein, und ich frage mich, mit wem er textet. Aber ich unterdrücke meine Neugierde noch im selben Moment, weil sie sich ein bisschen zu sehr nach Hoffnung anfühlt. »Hey.« Ich stupse ihn mit der Hüfte an, und er sieht verwirrt zu mir hoch.

»Sorry«, entschuldigt er sich und schiebt sein Telefon wieder in die Hosentasche. »Musste nur kurz eine Nachricht losschicken.«

Ich will nachhaken, die Worte liegen mir schon auf der Zunge. Es sind kleine, unbedeutende Wörter, ganz einfach auszusprechen. Aber meine Angst, dass es bei dieser einen Frage nicht bleibt, ist zu groß.

Wem schreibt er? Seiner Mutter? Seiner Familie? Easton?

Ein neuer Ausdruck tritt in Tuckers Blick. Mitleid spiegelt sich in seinen Augen, und es kostet mich einige Mühe, meinen aufkeimenden Ärger hinunterzuschlucken. Seit ich denken kann, errege ich das Mitleid anderer, aber wenn es von Tucker kommt, tut es besonders weh. Weil er ein anderes Bild von mir haben, mich verstehen sollte.

»Strand?«

Ich atme tief durch. »Jupp.«

Das Meer ist nur zwei Häuserblocks entfernt. So wie gefühlt alles in diesem kleinen Küstenort im Speckgürtel von San Diego. Tante Courtney winkt uns noch einmal zu, als sie bereits auf dem Rückweg zum Parkplatz ist, und ich ignoriere meine Erleichterung. Weil ich solche Gefühle gegenüber jemandem, der es ausnahmslos gut mit mir meint, eigentlich nicht haben sollte.

Ich gehe runter zu den Wellen, während Tucker sich an einem der allgegenwärtigen Burrito-Foodtrucks anstellt. Das Rauschen des Pazifiks ist so laut, dass es fast schon etwas von Stille hat. Einer Stille, in die man eintritt wie in einen Nebel. Einer Stille, die man irgendwann nicht mehr hört, sondern fühlt. Ich vergrabe meine Füße im Sand und sehe zu, wie die Sonne im schwarzen Wasser versinkt.

Tucker lässt eine braune Chipstüte zwischen uns in den Sand fallen, und wir hocken uns hin. Dann reicht er mir einen Burrito. »Al Pastor ohne Reis und Bohnen. Weil du echt nicht weißt, was gut ist.«

Ich beäuge den Burrito. »Wo ist die grüne Salsa?«

»Sie meinte, sie haben keine mehr.«

»Du weißt, dass deine Stimme immer hochgeht, wenn du lügst, oder?«

Mit verstellter Stimme äfft er mich nach: »Danke für den Burrito, Tucker! Du bist echt der Beste. Und danke, dass du alles hast stehen und liegen lassen, um mit mir abzuhängen. Ich geh mir meine grüne Salsa selbst holen, weil ich nämlich kein Schisser bin.«

Ich stöhne genervt auf. Als wäre Salsa gerade mein größtes Problem. Als würde ich sterben ohne diese Salsa. »Du weißt, wie sehr sie mich hasst. Und du bekommst von ihr sogar immer eine Extraportion.«

»Mach nicht so ein Theater«, brummt er, während er seinen Burrito aus der Alufolie pult. »Ich kann doch auch nichts dafür, dass Maria schönen Dingen nicht widerstehen kann.«

Wir halten unsere Burritos hoch, und Tucker schießt ein Foto mit den Wellen im Hintergrund. Als Bildunterschrift schreibt er Festtagsburritos mit meiner Süßen. Ich nehme einen Bissen, der größtenteils aus trockener Tortilla besteht, und blicke auf den Horizont hinaus. Das fröhliche Gekreische der Leute, die im Wasser herumalbern, schwebt um uns herum. Die See hat ihren Kampf um den Strand bereits begonnen und nimmt sich mit jeder Welle ein Stückchen mehr.

Als wir aufgegessen haben, stützt sich Tucker auf die Unterarme und betrachtet den Sonnenuntergang. »Und jetzt?«

Er meint nicht heute Abend. Oder morgen. Sondern was ich machen will, jetzt, wo ich mit der Schule fertig bin. Jetzt, wo ich achtzehn bin. Frei.

Das gesamte letzte Jahr habe ich mit Warten verbracht. Warten darauf, dass ich endlich wieder atmen kann, nachdem ich mein Leben seit dem vergangenen Sommer in dem Gefühl verbracht habe, andauernd die Luft anzuhalten. Warten darauf, all das zu vergessen, was ich nicht mehr habe. Warten darauf, ihn zu vergessen.

Easton und ich hatten nach der Highschool reisen wollen. Und dann, wenn wir die Welt tief in uns aufgesogen und kleine Stückchen von ihr zu einem Teil von uns gemacht hatten, wollten wir aufs College gehen.

Zusammen.

Aber anstatt die Geheimnisse des Full-Moon-Festivals in Thailand zu ergründen oder mich in den Straßen von Prag zu verirren, verbrachte ich mein letztes Highschooljahr damit, herauszufinden, wer ich bin, wenn all das wegfällt.

Wenn Easton nicht mehr da ist.

»UCSD«, antworte ich auf Tuckers Frage, aber es klingt nicht lässig, sondern nach Buchstabensalat. Ich sage absichtlich nicht »University of California San Diego«, weil ich optimistisch klingen will – schließlich kann ich auf dem College endlich selbst entscheiden, wer ich sein will. »Den Sommer über arbeite ich, und ab Herbst geh ich aufs College.«

»Und das ist alles?«, fragt Tucker.

Ich schaufle Sand in die hohle Hand und lasse ihn wieder zu Boden rieseln. »Denke schon.«

Tucker gibt ein gedehntes, nachdenkliches Seufzen von sich. »Sie ist stolz auf dich.« Ich muss nicht fragen, von wem er spricht. Weil es Zeitverschwendung wäre. Es geht um seine Mutter. »Sie wäre heute gern dabei gewesen.«

Natürlich wollte sie kommen. Aber sie darf nicht. Ich wühle meinen Fuß tiefer in den Sand. »Als wär der Abschluss so eine große Sache.«

Tucker lacht trocken auf. »Du bist so eine unfassbar schlechte Lügnerin.«

Ich verspüre das absolut nervtötende Bedürfnis, mich vor ihm zu rechtfertigen. »Ich habe alles getan, was sie von mir wollte. Ich bin nach Kalifornien gegangen, habe die Highschool beendet. Mich fürs College beworben. Sie wollte nur kommen, um sich selbst zu feiern. Weil alles genau so gelaufen ist, wie sie es wollte.«

Was keineswegs deckungsgleich war mit dem, was ich wollte.

»Ach, Ellis, das glaubst du doch selbst nicht. Was übrigens der einzige Grund dafür ist, dass ich nach deinen blasphemischen Äußerungen nicht deinen Leichnam im Sand verscharren muss. Meine Mom liebt dich. Das hat sie immer schon.«

Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht gab es einmal eine Zeit, in der mich Sandry Albrey geliebt hat, als wäre ich ihr eigenes Kind. Aber das war, bevor das alles passiert ist.

»Hast du ihr erzählt, dass mich die Uni in San Diego angenommen hat?«, frage ich.

Er macht den Mund auf, schließt ihn wieder. Öffnet ihn erneut. »Ich dachte, das solltest du besser selbst machen, okay?«

Er hat recht, und das stört mich am meisten. Ich will es Sandry erzählen, will zusehen, wie sie strahlt vor Stolz, auch wenn mir dieser Stolz meinen eigenen raubt. Denn tief in mir drinnen hatte ich gehofft, dass ich mir mit meinen Leistungen meinen Platz zu Hause in Indiana zurückverdiene. Ich dachte, wenn ich nur gut genug, still genug, gehorsam genug bin, dann bin ich es wert, dass man mir vergibt.

Und nachdem ich mich später von Tucker verabschiedet, mir das Gesicht gewaschen und mich früh bettfertig gemacht habe, liege ich wach im Bett und verschwende all meine schlaflosen Gedanken daran, mir auszumalen, wie ich Sandry von der UCSD erzähle. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es gar nicht sie, die mich so beschäftigt.

Er ist es.

Ich habe Angst, was passiert, wenn Easton es herausfindet. Wird es ihn verletzen? Interessiert er sich überhaupt dafür, wo ich aufs College gehe?

Und was spielt das noch für eine Rolle? Er ist nicht mehr Teil meines Plans.

Jetzt, ohne all die Ablenkungen, die der heutige Tag mit sich gebracht hat, spüre ich die Leere in meiner Brust. Sie wickelt sich um mich wie ein Seil, schneidet so tief ein, bis ich blute. Ich öffne Eastons Instagram-Account. Ein Laster, das ich einfach nicht abschütteln kann.

Easton. Seine Freunde. Lächelnde Gesichter. Sara.

Easton Albrey geht es fantastisch.

Er hat die Highschool im Kreis seiner Familie abgeschlossen. Hat zu Hause eine große Party gefeiert. Durfte all die Dinge machen, die man normalerweise so macht, wenn man sich von der Schule verabschiedet. Es fühlt sich an, als würde die Strömung das Wasser unter mir wegziehen und mich mit sich aufs offene Meer tragen. Und es bringt mich dazu, etwas zu tun, was ich besser bleiben lassen sollte.

Ich rufe ihn an.

Meine Finger wählen die Nummer, die ich auswendig kann, seit er sie hat, aber meine eigene unterdrücke ich. Die meisten Leute nehmen keine Anrufe mit unterdrückter Rufnummer entgegen. Easton schon, jedes Mal.

Mit angehaltenem Atem warte ich darauf, dass am anderen Ende der Leitung seine Stimme ertönt.

»Hallo?« Er klingt genau so, wie ich es in Erinnerung habe. Tief, ein bisschen kratzig, als wollte er verhindern, dass sich ein starkes Gefühl Bahn bricht.

Ich sage nichts.

Und dann … Dann höre ich zu, wie er atmet. Am anderen Ende der Leitung. Des Landes.

Es gibt so vieles, was ich ihm erzählen will. Über meinen Abschluss, meinen Dad, seine Mom, Tucker, die Strände hier in Kalifornien. Ich will die Geräusche hören, die er macht, wenn er so tut, als würde er zuhören.

Ich will wissen, ob es ihm tatsächlich so leichtgefallen ist, mich aus seinem Leben herauszuschneiden, wie es wirkte.

Aber vor allem will ich hören, wie er meinen Namen sagt. Nur ein einziges Mal.

Doch das tut er nicht. Weil es zwar das ist, was ich will, aber nicht das, was ich brauche. Stattdessen schweigt er. Ist nur da und atmet.

Ein und aus.

Langsam und gleichmäßig.

Wie er selbst es nie gewesen ist.

Easton ist eine Angewohnheit, die ich einfach nicht loswerde. Ein Gefühl, das ich nicht gehen lassen kann. Eine Wahrheit, die ich mir nur in meinen schwächsten Momenten eingestehe.

Am Ende bin ich es, die zuerst auflegt.

Aber erst nachdem ich die letzte stille Träne geweint habe.

KAPITEL 2

Elf Jahre

Jedes Mal, wenn ich in einem Streifenwagen saß, war Easton Albrey dabei.

Der Sommer war früh in die Stadt eingezogen und hatte der Nachtluft alle Sanftheit des Frühlings gestohlen. Es war die Art Hitze, die sich nur von innen heraus vertreiben lässt. Ich hatte zwischen den Sofakissen und in Dads Hosentaschen genug Kleingeld zusammengeklaubt, um mir beim Quickstop ein Icee zu holen.

Während ich meine nackten Beine von der Kante des Schuldachs baumeln ließ, schien sich die Welt unter meinen Füßen zu bewegen. Ich konnte praktisch spüren, wie der Slush meine Zunge und meine Zähne leuchtend blau färbte, und drückte mir den kalten Becher gegen den Hals.

Easton stand auf dem Gehweg und starrte mit nachdenklich schief gelegtem Kopf zu mir hoch. Sein braunes Haar war durcheinander, trotzdem konnte man den teuren Schnitt erkennen. Seine dunklen Augen wirkten in dem Licht fast schwarz. Ich wollte wegsehen, andererseits konnte ich ihn von hier aus gefahrlos anstarren.

Außerdem hatte er damit angefangen.

Easton anzusehen kam mir vor, als würde ich in einen Zerrspiegel schauen, der alles ins Gegenteil verkehrte. Er war hart, ich war weich. Er hatte ein breites Lächeln, das die Erwachsenen mochten. Mit mir wussten Erwachsene nie etwas anzufangen. Seine Kleidung war neu, meine fleckig und abgetragen …

»Wie bist du da hochgekommen?«, rief er.

Ich nahm einen Schluck aus dem Strohhalm und überlegte, was ich sagen sollte. »Geklettert.« Eine dumme Antwort, aber ich war nicht sicher, wie ich mit Easton reden sollte. Bisher hatten wir nur eine Handvoll Worte gewechselt, obwohl wir immer in dieselbe Klasse gegangen waren.

Seine Augen wurden ein winziges bisschen schmaler. »Kannst du gut klettern?«

Ich wusste zwar nicht genau, was er mit der Frage bezweckte. Aber ich hatte eine Ahnung.

Einen Monat zuvor hatte ich vor dem Süßwarenregal im Supermarkt gestanden und überlegt, etwas zu klauen.

Die Verpackungen kamen mir vor wie Geschenke unterm Weihnachtsbaum, eine schimmernder und leuchtender als die andere. Alle versprachen sie einen süßen Inhalt. Etwas, was ich nicht haben konnte.

Die anderen Kinder hatten alle ein besseres Pausenbrot als ich. Bekamen zu Hause besseres Essen. Konnten sich Süßigkeiten leisten, die wie Geschenke aussahen.

Aber ich hatte diese Süßigkeiten auch verdient!

Als ich die Hand ausstreckte, um mir einen Riegel zu nehmen, erregte etwas meine Aufmerksamkeit. Easton stand am Ende des Gangs. Er trug eine dicke Jacke und einen seltsamen Ausdruck im Gesicht. Seine dunklen Augen wirkten, als könnte er meine Gedanken lesen. Als wüsste er, dass ich nicht das Geld hatte, um den Riegel zu bezahlen.

Ganz kurz überlegte ich, den Riegel zu nehmen. Eastons Reaktion zu beobachten und zu sehen, wie sehr es ihn schockieren würde, dass ich etwas Verbotenes tat. Aber dann dachte ich daran, was das aus mir machen würde.

Eine Diebin.

Seit jenem Tag war ich Easton aus dem Weg gegangen. Ich schämte mich und hatte Angst, dass er in mir von jetzt an nur noch das Mädchen aus dem Laden sehen würde, das darüber nachgedacht hatte, etwas einzustecken, was es nicht bezahlen konnte.

Als Easton Albrey mich fragte, ob ich gut klettern könne, hätte ich Nein sagen sollen. Ich hätte ihn ignorieren und auf dem Dach sitzen bleiben sollen, bis das Icee aufgegessen und die Nacht ein wenig abgekühlt war.

Doch stattdessen antwortete ich mit Ja.

Easton sah mich auf eine Weise an, die es mir nahezu unmöglich machte, Nein zu sagen. So selbstbewusst, obwohl er erst elf war. Und als er daraufhin erklärte, dass er meine Hilfe bräuchte, war ich machtlos gegen das Gefühl, dass sich seine Worte in meinem gesamten Herzen ausbreiteten.

Ich kletterte vom Dach herunter und traf mich vor der Schule mit ihm. Das unverschlossene Fenster im ersten Stock führte in ein Büro, in dem der Direktor ein Comicheft in Geiselhaft hielt.

Easton erklärte mir, er sei bestohlen worden. Es sei ihm zu Unrecht weggenommen worden. Man könne doch nicht in Schwierigkeiten geraten, weil man sich etwas zurückholte, was einem gehörte.

Ich glaubte ihm.

Und deswegen hätte ich sicherlich schneller rennen können, als ich hörte, wie uns jemand anbrüllte, und Easton rief, ich solle laufen.

Aber Easton ließ mich nicht im Stich, als ich hinter dem Zaun, über den wir gesprungen waren, ins Stolpern geriet. Und als Officer Thomas uns außer Atem und entnervt, weil er uns hatte verfolgen müssen, gleich darauf schnappte, versuchte Easton, die ganze Schuld auf sich zu nehmen.

»Ich hab ihr gesagt, dass sie das machen soll. Sie kann nichts dafür.« Er stand vor mir, schirmte mich vor dem Blick des Polizisten ab. Seine Kleidung roch nach Waschmittel. Ich wollte mich für immer hinter ihm verstecken.

»East, du weißt, dass ich euch zwei nicht gehen lassen kann.«

East, nicht Easton. Sie kannten sich also.

Ich sah, wie Easton die Schultern unter seinem T-Shirt anspannte, dann beugte er sich vor. »Das ist mein Comic.«

Noch nie zuvor hatte ich jemanden in meinem Alter so mit einem Erwachsenen reden hören. Ein Punkt mehr, in dem er das genaue Gegenteil von mir war.

Trotzdem landeten wir an jenem Abend hinten im Streifenwagen. Wurden auf den harten, unnachgiebigen Plastiksitzen nach Hause gefahren.

Und ich wusste, ich war zu dem geworden, was ich nie hatte sein wollen.

Einer Diebin.

Easton musterte mich im Halbdunkel des Wagens mit gerunzelter Stirn. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er. »Er ruft nur unsere Eltern an, und dann fährt er uns nach Hause.«

Aber das war es doch, was mir Sorgen machte: dass Easton mein Zuhause sehen würde. Die auf Betonblöcke aufgebockten Autos. Den verwahrlosten Garten. Die abblätternde Farbe.

Ich drehte den Kopf, sah aus dem Fenster. Beobachtete, wie die Lichter des Streifenwagens unsere Schule in ein Kaleidoskop aus Blau und Rot tauchten.

Eastons Blick lastete schwer auf mir. »Du kannst das echt gut.«

»Was denn?«, fragte ich, obwohl ich genau wusste, was er meinte. Klauen.

»Klettern.« Er knabberte auf seiner Unterlippe herum. Seine Sommersprossen wirkten im Dämmerlicht dunkler.

Ein Lächeln zupfte an meinen Mundwinkeln. Ich deutete auf eine lange Narbe an meinem Knie. »Von dem Zaun an der Weide der Wilsons.« Dann die nächste Narbe, diesmal an meinem rechten Schienbein. »Da bin ich über das Tor an der Rennstrecke gesprungen.«

»Und die hier?«, fragte er und deutete auf die lange, dünne Linie an meinem Arm.

Ich schwieg kurz. »Da bin ich aufs Dach vom Walmart geklettert.«

Er musterte mich scharf, vermutlich ahnte er, dass ich log. Aber er sprach mich nicht darauf an. Zu lügen war besser, als ihm erzählen zu müssen, wie ich in mein eigenes Zuhause eingebrochen war, weil meine Mom mich vergessen hatte.

Die Fahrertür öffnete sich, und Officer Thomas glitt schnaubend hinters Steuer. »Deine Eltern kann ich nicht erreichen, Ellis. Aber mit deiner Mutter habe ich geredet, Easton. Und du steckst in Schwierigkeiten. Mal wieder.«

Mal wieder?

Der Polizist ließ den Motor an und seufzte so lang und tief, als wäre er schwer erschöpft. Die Schule lag nur wenige Blocks vom Haus der Albreys entfernt, und wir legten die kurze Strecke in bedrücktem Schweigen zurück.

Eastons Zuhause wirkte selbst im Dunkeln hell. Eine weiße Veranda ruhte unter großen Fenstern mit geöffneten Vorhängen. Drinnen waren Menschen zu sehen, die ein Leben lebten, von dem ich nur Momentaufnahmen erhaschen konnte. Der gelbe Anstrich der Fassade wirkte fröhlich, und vor der Veranda blühten riesige Gardenien. Ich lauschte, wie die Reifen knirschend über den Kies rollten und dann langsam zum Halten kamen.

Ein blonder Lockenkopf spähte durch das lange Fenster neben der Haustür. Tucker Albrey. Er war nur eine Klasse über Easton und mir, aber er wirkte so viel älter. Ich hatte gehört, wie die Erwachsenen ihn als frühreif bezeichneten, besaß aber nur eine unklare Vorstellung davon, was das Wort bedeutete. Tucker verschwand wieder, und ich beobachtete durchs Fenster, wie sich Eastons Mutter mit in die Hüften gestemmten Händen und Wut im Blick vom Küchentresen abstieß.

Als sich die Haustür öffnete und die gesamte Familie in die Auffahrt strömte, stöhnte Easton auf. Instinktiv zuckte ich zurück, als seine zwei Brüder ans Fenster kamen. Sie starrten zu uns auf die Rückbank, als wären wir Zootiere.

»Sandry. Ben«, begrüßte Officer Thomas Mr. und Mrs. Albrey. »Ich bin hier, um euch euren minderjährigen Delinquenten auszuliefern.« Er sagte das in einem Tonfall, als wäre die ganze Angelegenheit ein Witz. »Jetzt muss ich nur noch die kleine Truman nach Hause bringen.«

Mrs. Albreys Blick zuckte zum Auto. »Ellis? Trus Tochter?«

Sie sagte meinen Namen, als wüsste sie genau, wer ich war. »Ich wusste gar nicht, dass Easton mit ihr gemeinsam unterwegs ist.«

Officer Thomas nickte, dann seufzte er laut. »Sie kann klettern wie eine Spinne.«

»Hast du Tru schon angerufen?« Trotz der Hitze rieb sie sich die Oberarme, als wäre es plötzlich kühl geworden.

»Kann ihn nicht erreichen.«

Sie kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als sie erst ihren Sohn, dann mich musterte. Selbst im Mondlicht war zu erkennen, dass sie auf eine ganz andere Weise hübsch war als meine Mutter.

»Ich sorge schon dafür, dass sie nach Hause kommt, Tommy«, sagte sie und legte dem Polizisten eine Hand auf den Arm.

»Aber das sollte unbedingt ich …« Officer Thomas verlagerte verunsichert das Gewicht von einem Bein aufs andere. Der Kies knirschte unter seinen Schuhen.

»Du willst dich ernsthaft mit Tru herumärgern? Spar dir den Ärger doch einfach.«

Er schien seine Optionen abzuwägen. »Wenn ich mitbekomme, dass du sie irgendwo anders als zu Hause …«

»Pfadfinderehrenwort.« Sie hielt drei lange, manikürte Finger in die Höhe.

Der Officer warf ihr einen tadelnden Blick zu. »Du warst nie bei den Pfadfindern, Sandry.«

Dixon, der älteste der Albrey-Brüder, kam zu Easton ans Fenster, fuhr sich mit dem Daumen über die Kehle und streckte die Zunge heraus, als wäre er tot, ehe Tucker ihn beiseiteschubste. Dixon war zwar größer als Tucker, geriet aber trotzdem ins Stolpern. Tucker lehnte sich gegen das Fenster und stützte das Gesicht in die Hände. Als sich unsere Blicke trafen, verzog sich sein Mund langsam zu einem Lächeln.

Eastons Faust traf die Scheibe genau dort, wo sich Tuckers Gesicht befand. Statt des Lächelns trat nun Wut in Tuckers Blick, und er schlug mit der flachen Hand gegen das Fenster. Dixon zerrte ihn lachend nach hinten, und die beiden fingen an, sich gegenseitig herumzuschubsen.

Meine Tür ging auf, und Officer Thomas scheuchte mich nach draußen zu den Erwachsenen.

»Hallo, Mrs. Albrey«, sagte ich mit gesenktem Kopf.

Sie schenkte mir ein warmes Lächeln. »Du kannst gern Sandry zu mir sagen.«

Nervös zupfte ich an meinem alten T-Shirt herum. Das hier war der Moment, in dem Sandry Albrey ihr Urteil über mich fällte. Ob sie mich auf der Veranda auf meine Eltern warten ließ, die niemals kommen würden, oder ob sie mich heim zu unserem dunklen Haus fuhr. Beide Möglichkeiten würden das freundliche Lächeln auf ihren Lippen in ein mitleidiges verwandeln.

»Sie heißt Ellis.« Hinter mir war Easton über die Sitze und zur Fahrertür hinausgeklettert.

»Elvis?«, fragte Dixon. Sein Gesicht ähnelte dem seines Bruders, nur dass ein verwirrter Ausdruck darauf lag.

»Ruhe jetzt«, sagte Mrs. Albrey.

»Ellis«, wiederholte ich und bemühte mich um einen selbstbewussten Ton.

Dixon warf Tucker einen enttäuschten Blick zu. »Mir gefällt Elvis besser.«

»War ja klar, Dixy.« Tucker lachte und wich aus, als Dixon nach ihm ausholte.

»Hast du Hunger, Schatz?«, fragte mich Sandry.

Hatte ich, aber ich schämte mich, das zuzugeben.

Sie schien es trotzdem zu merken. »Magst du Kuchen? Wir haben noch welchen da.«

»Jeder mag Kuchen, Mom«, sagte Dixon.

Ich folgte den Albreys die Verandatreppe hoch in ihr Haus, in dem es nach Zitrone und Zucker roch. Als meine Füße den flauschigen blauen Wurfteppich hinter der Tür berührten, kam es mir so vor, als würde ich eine andere Welt betreten. Riesige Schuhe stapelten sich neben der Tür in dem hellen Foyer, und auf einem Tischchen lagen unzählige Briefe. Es war wie im Film. Ein hellgraues Sofa mit einer weichen, weißen Wolldecke über der Rücklehne. Bücher und Unterlagen kreuz und quer auf dem Esstisch. An der Kücheninsel verputzten die Jungs bereits den Kuchen, Gabeln quietschten über die Keramikform. Ich strich mit der flachen Hand über die kühle Arbeitsfläche aus Marmor und dachte an das abgestoßene Laminat bei mir zu Hause.

Mrs. Albrey pfiff die Jungs vom Kuchen zurück und seufzte. »Wie die Tiere«, murmelte sie. »Ellis, möchtest du auch ein Stück?«

Tucker hielt mir eine Gabel hin – ein Test. Was ich jetzt tat, würde darüber entscheiden, wer ich in diesem Haus von nun an sein würde. In diesem Haus mit den Riesenschuhen und den weichen Decken.

Meine Finger schlossen sich um die Gabel, und ich nahm einen Bissen von dem Kuchen. Der Bann war gebrochen, und die Jungs aßen weiter. Metall klirrte gegen Metall, als sie sich um die besten Happen stritten. Bei meinem vierten Bissen sah ich hoch. Easton starrte mich mit zusammengepressten Lippen an.

Ich senkte die Gabel.

»Du bist anders, als ich dachte, Ellis Truman.«

Ich zuckte mit den Achseln. Aber tief in mir hallte die Erkenntnis wider, dass Easton Albrey über mich nachgedacht hatte.

KAPITEL 3

Eigentlich gibt es keinen nennenswerten Unterschied zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Dieselben Farben tränken den Himmel. Dasselbe Licht kämpft gegen dunkles, ausgefranstes Blau. Das Problem mit dem Himmel ist, dass sich manchmal nicht genau sagen lässt, wo er anfängt und wo er endet.

Meine Schürze liegt vor mir auf dem Tisch, es sind Kaffee- und Milchflecken von der letzten Schicht darauf. Ich starre auf die E-Mail von der UCSD, in der man mir mitteilt, in welchem Studentenwohnheim ich unterkommen werde. Ist das nun ein Sonnenaufgang oder ein Sonnenuntergang? Ich weiß es nicht.

»Ist deine Schicht zu Ende?«

Obwohl ich die Stimme gut kenne, fahre ich zusammen. Will ist hinter mir aufgetaucht. Er trägt noch sein Namensschild auf der Brust und hält einen Lappen in der Hand.

»Jupp«, antworte ich und blicke hinaus auf den Ozean.

Er zieht sich einen Stuhl neben meinen und setzt sich. »Du hast dein Trinkgeld vergessen, und ich dachte, du könntest vielleicht einen Kaffee vertragen.« Er schiebt mir einen Stapel Eindollarscheine und einen Pappbecher hin, auf dem mit schwarzem Filzstift mein Name steht. Er bringt mir immer einen Kaffee mit. »Es kommt mir vor, als hätte ich dich ewig nicht mehr gesehen. Wie war dein Abschluss? Ist alles so gelaufen, wie du es dir erhofft hast?«

Seine Frage erscheint mir derart lächerlich, dass ich ihn fragend mustere, weil ich glaube, dass er einen Witz macht. Aber er meint es ernst, so wie fast alles, was er sagt.

Easton würde ihn extrem nervtötend finden.

Ich reibe mir den Nacken und nehme mir fest vor aufzuhören, an Easton zu denken. »Es war ganz schön.«

»Ich habe ein Foto gesehen. Du hast sehr hübsch ausgesehen.« Er wird nicht rot, als er das sagt, und ich frage mich, wie es sich wohl anfühlen mag, solche Dinge einfach so auszusprechen, ohne Angst zu haben. »Meine Familie hat bei meinem Abschluss eine Riesenparty geschmissen. Meine Grandma hat sich betrunken, und meine Mom hat geheult. In meinem Fall ist es also nicht wirklich so gelaufen, wie ich es mir erhofft hatte.«

»Echt?«, hake ich nach, in erster Linie, weil ich glaube, dass es das ist, was Will von mir hören will.

Tatsächlich legt er umgehend mit einer seiner Geschichten los, und anstatt richtig zuzuhören, beobachte ich, wie sich sein Mund bewegt, sich aufgeregt um die Worte schließt. Ohne es zu merken, rückt Will meinen Becher zurecht, das ist so ein Tick von ihm, und ich stelle mir vor, wie er mich mit diesen Fingern berührt. Mit diesen Lippen. Wie er meinen Namen flüstert.

Ich frage mich, ob sich eine andere Ellis, eine Ellis, die Easton nie begegnet ist, vielleicht in jemanden wie Will verlieben könnte. Will ist hartnäckig geblieben, als alle anderen, die versucht haben, sich mit mir anzufreunden, längst aufgegeben hatten. Er ist ein guter Mensch. Verlässlich. Liebenswürdig.

Er hat was Besseres verdient als mich.

Ich erkenne an Wills Lächeln, dass er mich dabei erwischt hat, nicht zugehört zu haben.

»Tut mir leid«, murmle ich, auch wenn das nur zur Hälfte stimmt.

Er atmet stockend ein. »In einer Stunde bin ich fertig hier. Wollen wir vielleicht was essen gehen? Tacos oder so?«

»Sie hat heute Mittag schon was vor. Und sie mag lieber Burritos.«

Ich drehe mich auf meinem Stuhl um und sehe Tucker lächelnd hinter mir stehen. Er trägt Shorts, Flipflops und ein T-Shirt, das die Tattoos auf seinen schlanken Armen entblößt.

»Tucker.« Will begrüßt ihn mit einem gezwungenen Lächeln.

Tucker hebt zum Gruß seinen Kaffeebecher und zieht sich ebenfalls einen schweren Metallstuhl heran, der laut über den Betonboden schabt. Aber er scheint es nicht mal zu bemerken.

Will beobachtet stirnrunzelnd, wie Tucker es sich neben mir bequem macht. Offenbar begreift er, dass unser Gespräch beendet ist. »Sehen wir uns morgen?«, fragt er.

Ich nicke, während er schon aufsteht und wieder nach drinnen geht.

»Du brichst dem armen Jungen das Herz.« Tucker sieht ihm nachdenklich nach. »Eigentlich ist er ganz süß. Und er hat immer Kaffee für dich. Du könntest es schlechter treffen.«

»Wie großzügig von dir. Kann ich irgendwas für dich tun?«

Er mustert mich irritiert, was mich überraschend nervös macht. »Ich hab dir getextet.«

Und ich habe seit gestern nicht mehr in meine Nachrichten geschaut, die sich inzwischen zu einem ganzen Berg an besorgten Fragen nach meinem Wohlergehen angehäuft haben müssen. »Ich hatte zu tun.«

Er verdreht die Augen, dann wird sein Blick ernst. Tucker der Ernste macht mich noch nervöser als Tucker der Irritierte. Bisher habe ich ihn nur ein paarmal zu Gesicht bekommen. Wie damals, als wir von Indiana nach Kalifornien gezogen sind. »Der 4. Juli rückt näher.«

Der bloße Gedanke, er könnte glauben, das sei mir nicht bewusst, ist absurd. Denn der 4. Juli ist mehr als nur der Unabhängigkeitstag. Er ist gleichzeitig auch Sandry Albreys Geburtstag. Und jedes Jahr veranstalten die Albreys eine Art Superparty.

»Mom wird fünfzig.« Tucker streicht mit den Handflächen über die Tischplatte.

Ich sage nichts. Behalte all meine Gefühle für mich.

Er holt einen weißen Briefumschlag aus seiner Hosentasche und schiebt ihn über den Tisch. Die Geste ist so dramatisch, dass ich ihn damit aufziehen würde, wenn ich nicht solche Angst vor dem Inhalt des Kuverts hätte. »Ein Geschenk zum Abschluss. Von Dad.«

Meine Hände liegen fest verknotet in meinem Schoß. »Was ist das?«

»Du weißt ganz genau, dass da drin ein Flugticket nach Hause steckt.«

»Ich habe einen Job. Ich kann nicht einfach so mir nichts, dir nichts hier weg.«

»Ach, stimmt ja! Was soll nur werden aus der Welt, wenn du nicht da bist, um die Tische abzuwischen?« Der Sarkasmus in seiner Stimme ist genauso übertrieben wie alles an dieser Situation.

»Ach, leck mich doch, Tucker«, schieße ich zurück, aber nicht, weil ich mich gekränkt fühle. Sondern weil ich weiß, was er von mir will. »So einfach ist das nicht.«

Tucker reibt sich das Gesicht. »Doch, ist es.« Er lehnt sich vor und fährt sich mit der Zunge über die Unterlippe, ehe er darauf beißt. »Ich bitte dich selten um etwas, Ellis. Aber das hier musst du einfach machen. Danach kannst du meinetwegen abhauen, in den Tiefen der UCSD verschwinden und uns auf immer und ewig vergessen.«

Als ob ich die Albreys je vergessen könnte. Als ob Easton je aus meinem Kopf verschwinden würde. Aber wie eine Süchtige versuche ich, so zu tun, als wäre nichts. Als würden Tuckers Worte nichts in mir auslösen.

»Ellis, hast du mich gehört?« Tucker wiederholt sich. »Mom schmeißt eine riesige Party. Eine von denen, für die sich alle aufdonnern, um lange Reden zu halten. Die halbe Stadt ist eingeladen.«

Er weiß genau, dass ich ihn schon beim ersten Mal gehört habe. Aber er will unbedingt, dass ich darauf reagiere.

»Ich weiß nicht mal, ob sie mich wirklich dabeihaben wollen.«

Tucker deutet auf den Umschlag, der zwischen uns auf dem Tisch liegt. »Stimmt, sieht ganz danach aus, als ob sie sich da auch nicht ganz sicher sind. Vielleicht solltest du noch abwarten, bis sie dir ein Erste-Klasse-Ticket schicken.«

Tucker nutzt mein Schweigen, um ein Foto von unseren Kaffeebechern und dem Ticket zu machen und es hochzuladen. Eine Sekunde später bekomme ich die Benachrichtigung, dass ich in einem Post mit der Bildunterschrift Pläne schmieden markiert wurde. Ich starre Tucker finster an. »Was hab ich dir eigentlich getan, dass du mich dermaßen hasst?«

»Ich brauche Beweise dafür, dass dieses Gespräch wirklich stattgefunden hat. Ich versuche nur, meinen eigenen Arsch zu retten.« Er wirft mir ein fieses Grinsen zu. »Außerdem hast du doch eigentlich schon zugesagt.«

Ich knirsche mit den Zähnen. »Ich geh aber nicht hin.« Die Vorstellung, sie alle wiederzusehen. Ihn wiederzusehen. Bei dem Gedanken flattert mir das Herz gegen die Rippen. Was hasse ich es dafür, dass es mich so hinterrücks verrät.

»Ellis. Es ist schon ein ganzes Jahr her. Willst du wirklich nie wieder zurück? Nie wieder jemandem von zu Hause begegnen?«

»Dir begegne ich so ziemlich täglich. Ab Herbst gehen wir sogar aufs selbe College.«

»Das ist was anderes.« Tucker lehnt sich zurück und mustert mich. Mit seinen langen Fingern streicht er über die Tätowierung auf seinem linken Arm, eine nervöse Angewohnheit, die er mit seinen Brüdern teilt. »Hast du Angst?«

Ich lache, aber ich höre selbst, wie hohl meine Stimme dabei klingt. Tucker war immer schon gut darin, die Teile von mir ans Tageslicht zu zerren, die ich lieber verstecken würde. Meine nächsten Worte klingen so armselig und unterwürfig, dass ich mich ohrfeigen könnte. »Haben sie denn gesagt, dass ich kommen soll?«

»Sie?«, hakt er nach, weil er glaubt, wenn ich Eastons Namen laut ausspreche, sei das eine Art Durchbruch. »Ellis Truman. Dein Name steht auf diesem Flugticket.«

»Das dein Dad gekauft hat«, merke ich an.

»Das hab ich dir doch letztes Mal schon erklärt, als wir darüber gesprochen haben. Mom hat dich das vergangene Jahr über zu jedem kleineren und größeren Feiertag eingeladen, den man hierzulande in irgendeiner Form begeht. Sie wollte zu deiner Abschlussfeier kommen. Und du bildest dir ernsthaft ein, ich komme damit davon, an ihrem Geburtstag ohne dich aufzukreuzen?«

Ich knibble an meiner Nagelhaut herum. Das Thema Abschlussfeier trifft einen empfindlichen Nerv. Selbstsüchtig und bockig. So hat Tucker mich bezeichnet, als ich ihm mitteilte, dass ich seine Mom nicht dabeihaben will. Es dauerte Wochen, bis unser jeweiliger Ärger verraucht war. Dass er das Thema jetzt anspricht, bedeutet, Sandrys Geburtstag ist ihm jeden Kampf wert.

»Ich weiß, dass es so aussieht, als würde sie mich dabeihaben wollen, aber …«

Tucker scheint es einen Augenblick lang die Sprache verschlagen zu haben. Dann sagt er: »Ich ziehe gerade ernsthaft in Erwägung, körperlich handgreiflich gegen dich zu werden. Du machst mich zum Unmenschen.«

Tucker würde mir nie ein Haar krümmen.

»Ich weiß sowieso nicht, ob es mit der Arbeit hinhauen würde.«

Er wirft mir einen mittelbösen Blick zu und streicht mit dem Finger über seinen Kaffeebecher. »Easton kommt nicht.«

Ich kann nicht verhindern, dass ich sofort aufschaue. Aber ich versuche es auch gar nicht. Ein ganzes Jahr habe ich mit dem Versuch verschwendet, das Sturzfluggefühl in meinem Bauch und die ruckartigen Kopfbewegungen zu unterdrücken, wenn ich geglaubt habe, seinen Namen zu hören. Aber manche Dinge kann man genauso wenig steuern wie die Atmung. »Was interessiert es mich, ob er kommt oder nicht?«

»Das hier.« Tucker zeigt mit dem Finger auf mich. »Das ist deine unerträglichste Macke.«

»Was denn?«

»Von all den Gründen, aus denen ich dich manchmal am liebsten im Meer ertränken würde, ist der hier der schlimmste. Schlimmer als dein Schnarchen und dein Geschmatze beim Kaugummikauen oder dass du jedes Mal, wenn du diesen bescheuerten Drogeriemarkt betrittst, ein Parfüm nach dem anderen ausprobieren musst. Ich ertrage es einfach nicht, wenn du so tust, als wüsste ich nichts von Easton und dir.«

Aber er weiß ja eigentlich auch nichts. Genauso wenig wie alle anderen. Selbst ich bin nicht sicher, ob ich all die Mechanismen und Ebenen verstehe, die Easton und mich zu Easton und mir machen.

Tucker trinkt einen Schluck Kaffee und hat danach Milchschaum an der Oberlippe. Er leckt ihn sich ab wie ein Hundewelpe. »Hat Easton dir getextet? Dich angerufen?«

»Nein.«

Tucker entspannt sich, als wären das wunderbare Neuigkeiten.

Ich schlucke. Vor allem meinen Stolz. »Kommt er wirklich nicht?« Ich hoffe, dass Tucker mir nicht anhört, wie enttäuscht ich bin. Weil ich diese Enttäuschung eigentlich gar nicht empfinden dürfte.

Er mustert mich, als wäre ich nicht ganz bei Trost. »Aber natürlich kommt er. Es ist der fünfzigste Geburtstag seiner Mutter. Und du kommst auch. Hör auf jetzt mit dem Blödsinn.«

»Tucker.«

Er ignoriert mich und legt den Kopf schief. »Hast du echt nicht mit ihm geredet?«

Ich lehne mich im Stuhl zurück. »Seit ich weg bin nicht mehr.«

Sein Kiefermuskel zuckt. »Du musst ihn anrufen, El.«

Er scheint mir die Panik anzusehen, denn keine Sekunde später hält er sein Telefon in der Hand.

»Was machst du da?« Meine Stimme klingt hart und schrill vor Angst.

»Diesem Schwachsinn ein Ende bereiten.« Er drückt auf drei Buttons.

Beasty Easty. Der Name flammt auf dem Display auf, als er das Telefon zwischen uns auf den Tisch legt.

»Tucker.« Es klingelt einmal. Zweimal. In meinem Bauch brennt die Magensäure. »Nein«, sage ich. »Tucker, du legst jetzt sofort auf.«

Er ignoriert mich. Ich befehle mir aufzustehen. Wegzugehen.

»Bitte.«

Drittes Klingeln.

Ich darf hier nicht sitzen bleiben.

Viertes Klingeln.

Ich muss …

»Was denn?«, dringt Eastons Stimme tief und rau aus dem Lautsprecher.

Tuckers Blick wandert zu seinem Telefon, als er antwortet: »Na, gestern lang unterwegs gewesen?«

Ich höre, wie Easton sich den Schlaf aus den Muskeln streckt, und erinnere mich genau, wie er dabei aussieht. Wie sich sein langer Körper zusammenzieht, sich seine Brust ausdehnt. »Was willst du?«

»Wie läuft dein Trip?« Tucker sieht mich an. Wartet ab, ob ich überrascht wirke.

»Was willst du, Fucker-Tucker?«, wiederholt Easton.

Es versetzt mir einen Stich ins Herz, die beiden so miteinander reden zu hören. Ich hab das mehr vermisst, als ich wahrhaben will.

»Glückwunsch zu dem Preis von der Lyrikzeitschrift.« Es folgt eine lange Pause, in der sich die Zeit wie zäher Klebstoff zu dehnen scheint. Dann endlich spricht Tucker weiter. »Hat Dixon dich schon angerufen?«

»Weswegen?«

»Mom natürlich.«

»Klar. Wenn ich nicht spätestens am dritten Juli zu Hause aufschlage, will er dafür sorgen, dass mein Schwanz fortan zu nichts mehr zu gebrauchen ist.«

Ich kann nicht anders, als mich zu fragen, wer wohl gerade bei ihm ist. Ein Mädchen vielleicht? Interessiert ihn Dixons Drohung deshalb?

Ich bin so bescheuert.

»Dann kommst du also«, stellt Tucker fest.

»Wieso stellst du mir so bekloppte Fragen? Und warum textest du mir nicht einfach?«

Ich höre Tucker an, dass er etwas zurückhält, und weiß: Dieses Etwas bin ich. »Dann kommen wir also alle

»Klar. Kannst du mir jetzt endlich mal sagen, wieso du dich so schräg benimmst?«

Es tut weh, dass er nicht kapiert, was Tucker sagen will. Easton hat mich vergessen.

»Wir kommen alle«, wiederholt Tucker. »Auch Ellis.«

Mein Name fühlt sich an wie ein Stein, der in die Luft geworfen wurde und während der langen Sekunden, die Easton am anderen Ende der Leitung schweigt, auf mich herabstürzt.

»Cool.« Nur ein Wort. Es trägt nichts von der Hoffnung und den verletzten Gefühlen in sich, die ich mir gewünscht hätte. Es klingt einfach … normal.

Tuckers Blick ruht auf mir, er beobachtet meine Reaktion. Dann gibt er ein freudloses Lachen von sich. »Cool? Klar, das wird kein bisschen unangenehm. Total entspannt!«

Easton gibt ein spöttisches Geräusch von sich, das grell durch den Lautsprecher kratzt. »Was soll daran unangenehm sein? Ich glaube kaum, dass es sie interessiert, ob ich da bin oder nicht, und mir ist es auch egal, ob sie kommt.«

»Easton.« Tucker verliert langsam die Geduld.

»Was? Keine Sorge, ich werd Mom ihren Geburtstag schon nicht versauen. Das mit Ellis und mir ist kein Problem.«

Es ist das erste Mal seit fast einem Jahr, dass ich ihn meinen Namen sagen höre.

Jetzt reicht es Tucker. »Weißt du was? Ich spiel dein Spielchen nicht mehr mit, Brüderchen. Es ist mir egal, ob du dich mit Ellis gestritten hast …«

»Ich würde mich nie mit deinem Mädchen streiten, Tuck.«

Schweigen. Tucker sieht mich wieder an. Er wirkt traurig, aber nicht wegen mir, sondern wegen seines Bruders. »Sie ist nicht mein Mädchen. Hör auf, so eine Scheiße zu reden.«

»Schon gut.« Eastons Antwort klingt gedämpft, und sofort keimt in mir die Hoffnung auf, dass ihn Tuckers Worte verletzt haben. »Jedenfalls braucht sie mich nicht. Sie hat ja dich. Nenn es, wie du willst, aber Ellis ist jetzt dein Problem.«

»Ihr zwei seid echt so was von arrogant«, zischt Tucker wutentbrannt. »Dad hat mich gebeten, dafür zu sorgen, dass Ellis kommt. Und ich will nicht, dass sie Angst hat, du … du könntest dich Easton-mäßig verhalten. Könntest du dich also freundlicherweise einfach kurz bei ihr melden?«

Jetzt wird auch Easton langsam sauer, das höre ich an dem knurrigen Unterton in seiner Stimme. »Sie ist kein zartes Pflänzchen.«

»Woher willst du bitte wissen, was sie ist und was nicht? Du hast seit einem Jahr kein Wort mehr mit ihr gewechselt!« Die Worte sickern durch meine Haut, und ihre Wahrheit sinkt tief in meine Knochen ein. »Mach einfach, was ich sage, ja? Sorg dafür, dass du nicht der Grund bist, weshalb sie nicht kommt, verstanden?«

Tucker legt auf, und als ich ihn ansehe, empfinde ich Wut und Dankbarkeit gleichermaßen. »Ich hatte dich nicht darum gebeten, dich einzumischen.«

»Ich weiß.« Er trinkt seinen Kaffee aus. »Trotzdem gern geschehen.«

Ich wünschte, es hätte danach nicht noch sechs Tage gedauert, bis ich etwas von Easton hörte.

Ich wünschte, es würde mir nicht so viel bedeuten, als zwei kümmerliche Worte auf meinem Display erscheinen.

Ich wünschte, sie würden sich nicht anfühlen wie ein Lasso, das mich unerbittlich nach Hause zieht.

Komm einfach.

KAPITEL 4

Elf Jahre

»Du machst nichts als Schwierigkeiten.«

Meine Mutter schnalzte abfällig mit der Zunge, dann zündete sie sich die Zigarette an, die zwischen ihren geschürzten Lippen klemmte. Ihr dicker, grüner Nagellack blätterte ab, darunter kamen die gelben Fingernägel einer Kettenraucherin zum Vorschein.

Schwierigkeiten. Ich fügte das Wort zu der Liste der Dinge hinzu, die mich mit meinen elf Jahren definierten.

Rauch kringelte sich aus ihrem Mund und legte einen staubigen grauen Schleier über das Sonnenlicht, das durch die zugezogenen Vorhänge in den Raum sickerte. Und der Rauch, das begriff ich in diesem Augenblick, war genauso wie die Worte meiner Mutter. Giftig.

Ich war schon im Begriff, ein Buch aufzuschlagen, um ihrem Vortrag zu entgehen, als mein Vater ins Wohnzimmer kam. »Komm schon, Anna. Sei nicht so streng mit ihr. Du tust ja, als hätte sie eine Bank überfallen.«

Mein Dad zwinkerte mir zu und hob das Buch in meinen Händen an, um den Titel lesen zu können. Japan. Er nickte beifällig. Einen Monat zuvor hatte er mir einen ganzen Stapel alter Reiseführer geschenkt, blaue Buchrücken mit Blockbuchstaben, jeder mit dem Namen eines anderen Landes versehen.

»Diesmal vielleicht nicht. Aber jeder fängt mal klein an. Mit Lügen und Stehlen.« Zusammen mit der nächsten Rauchwolke stieß sie einen enttäuschten Seufzer aus.

Ich hatte nicht gestohlen. Das Comic hatte Easton gehört. Ich blätterte eine Seite in dem Buch um. Ein Foto von Kirschblüten, daneben eine Seite mit Reisetipps für eine Bergregion.

»Es passt mir nicht, dass sie sich bei diesen Leuten rumtreibt«, fügte Mom hinzu.

Mein Dad straffte die Schultern, und seine Augen weiteten sich minimal.

Dabei hatte sie noch gar nicht richtig losgelegt. »Du dagegen warst bestimmt begeistert, dass sie sich mit dem kleinen Albrey abgibt.«

Dads Gesicht verriet, dass er einen Streit um jeden Preis verhindern wollte. Deswegen überraschte es mich nicht, dass er antwortete: »Ich hab ihr gesagt, dass sie da nie wieder hingehen soll, Anna.«

Ich presste die Lippen zusammen, damit kein Wort hinausdrang. Denn als er den Kuchen von Sandry angenommen und sich nach ihrer Mutter erkundigt und gemeint hatte, dass wir unbedingt wiederkommen und eine Runde im See schwimmen müssten, war davon keine Rede gewesen.

»Und vorher habe ich es Ellis auch immer wieder gesagt. Aber du weißt ja, wie sie ist. Sie hört einfach nicht auf mich«, fuhr er fort.

Er hatte das Thema nie auch nur mit einem Wort erwähnt.

Als meine Mom ihm ein Lächeln zuwarf, wusste ich, weshalb er etwas anderes behauptet hatte. Dass sie zufrieden war, war wichtiger als die Wahrheit. Und er benutzte mich wie billigen Lack, um die Flecken seiner Lüge zu übertünchen.

Ich las den Text auf der Seite, die ich gerade aufgeschlagen hatte.

Es gibt zwei Dinge, die ein Reisender wissen sollte, wenn er in ein unbekanntes Land reist: wie man in der Landessprache »Hallo« und »Danke« sagt.

Ich fragte mich, wie wohl das japanische Wort für »Schwierigkeiten« lautete. Und ob man es dort benutzte, um seine Kinder zu beschimpfen. Opferte man dort auch seine Kinder auf dem Altar der Lüge?

Ich beschloss, den restlichen Tag damit zu verbringen, in meinem Stapel alter Reiseführer zu lesen. Und so traf mich Easton an jenem Sonntagnachmittag an. Auf einem Klappstuhl auf der Veranda mit der Costa-Rica-Ausgabe. Ich bewegte mich nur manchmal, wenn die Plastikschnüre der Sitzfläche zu tief in meine Beine einschnitten. Gerade las ich über die längste Zipline der Welt, die an einem Wasserfall vorbeiführte.

Meine Mutter war gegangen, ohne mir mitzuteilen, wann sie zurückkehren würde, und mein Vater war unterwegs, um irgendetwas zu erledigen. Gerade als ich in einen Abschnitt über ein Hostel vertieft war, in dem man in Hängematten am Strand schlafen konnte, hörte ich eine Stimme.

»Ernsthaft?«

Easton Albrey stand in seiner besten Sonntagskleidung auf dem staubigen Streifen Erde, der eigentlich eine Rasenfläche hätte sein sollen. Er hatte sich die Krawatte gelockert, und seine Schuhe waren auf dem Weg durch unsere Einfahrt schmutzig geworden.

»Was?«, fragte ich und ließ meine Füße auf den Boden sinken. Ich legte das Buch neben mein Einweckglas mit lila Kool-Aid.

»Du darfst sonntags auf der Veranda sitzen und nichts tun?« Unter seine Überraschung mischte sich ein leiser Vorwurf, den ich nicht verstand.

Ich warf einen Blick zur Straße, weil ich Angst hatte, meine Mutter könnte zurückkommen. Hatte ich was verpasst? »Ich … schätze schon?«

Easton machte ein Gesicht, als hätte ich etwas Unhöfliches gesagt, dann gab er einen harten Lacher von sich. »Tja, damit ist es für heute leider vorbei. Meine Mom schickt mich. Ich soll dich abholen.«

In meinem Bauch zog sich alles zusammen. »Abholen? Wozu?«

»Büfett der Kirchengemeinde bei uns. Mom wusste nicht mehr genau, ob du zur First Covenant gehst, aber der Pastor war sicher, dass du das Sakrament nicht mehr empfangen hast, seit … du weißt schon.«

Klar wusste ich das. Jeder wusste es. Weil meine Mom manchmal einfach … meine Mom war.

Am peinlichsten daran, dass wir nicht mehr zur Kirche gingen, war für mich, dass niemand je nach dem Grund gefragt hatte. Weil insgeheim alle froh waren, wenn die Trumans nicht kamen.

»Vielleicht sind wir ja Atheisten«, sagte ich.

Er stöhnte auf. In unserer Stadt gingen selbst die Atheisten in die Kirche. »Heute gehst du jedenfalls zum Gemeindebüfett.«

»Okay.« Ich nahm mein Glas und trank einen großen Schluck Limo.

Easton beobachtete mich naserümpfend. »Lila ist keine Geschmacksrichtung.«

»Das ist Traube.«

»Ich hab noch nie eine Traube in dieser Farbe gesehen.« Er scharrte mit dem Fuß im Dreck herum. »Also, kommst du?«

»Eigentlich will ich lieber nicht zu dir nach Hause.«

»Du glaubst doch nicht, dass ich dich zum Gemeindebüfett einlade, oder?«

Unter meinen Rippen breitete sich ein Übelkeit erregendes Gefühl aus. Scham. Was, wenn er gar nicht wollte, dass ich mitkam?

»Ohne dich brauche ich zu Hause gar nicht erst aufzukreuzen.«

»Aber ich will nicht mit.« Ich war sicher, dass er mich nicht zwingen konnte. Ziemlich sicher zumindest.

Er atmete tief durch. »Und ich wollte nicht den ganzen Weg hierherlaufen, bevor das Kuchenbüfett eröffnet wurde. Trotzdem bin ich hier. Jetzt essen meine Brüder die ganzen leckeren Sachen, und für mich bleiben nur diese ekligen Vanilledinger von Mrs. Wallmont übrig.«

Ich zwang mich, nicht mit ihm zu streiten. Dadurch würde er nur länger bleiben, und je länger er blieb, desto größer war die Gefahr, dass Dad nach Hause kam und ihn hier erwischte.

Easton kam die letzten paar Schritte auf mich zu und wischte den Staub vom Verandaboden, ehe er sich setzte. »Du hast die Wahl: Entweder du kommst mit, oder ich bleibe den ganzen Tag lang hier sitzen.«

Bei der grauenvollen Vorstellung, wie Easton bis zum Abend auf unserer Veranda herumlungerte, wurde ich leichenblass. Die Fragen, die mein Dad ihm stellen würde, wenn er heimkam. Die Dinge, die meine Mom womöglich zu ihm sagen würde.

»Hast du noch eins von den Büchern da?« Easton lehnte sich gegen die altersschwache Verschalung.

Ich stand auf. »Schon gut!«

»Du solltest dir was anderes anziehen.« Easton wirkte nicht wie jemand, der mich beleidigen wollte. Aber ich konnte ihm ansehen, dass ihm bewusst war, dass er es trotzdem getan hatte.

Was es für mich noch schlimmer machte.

Ich stapfte ins Haus. Mein Zimmer war unordentlich. Kleidung, Papier, Spielzeug, für das ich zu alt war. Benutzte Becher und Teller, die ich nicht in die Küche zurückgebracht hatte. Ein ungemachtes Bett und ein Pferdebild in einem billigen Rahmen. Ich suchte nach dem einzigen Rock, den ich besaß, und einem Oberteil, das nicht schmutzig war. Ich fand beides auf dem Boden neben meinem Schrank, zusammen mit einem alten Paar Schuhe von Mom, das drückte. Ich zog mich um und schrieb eine kurze Nachricht für Dad hinten auf einen gebrauchten Briefumschlag. Dann ging ich wieder raus und breitete die Arme aus.

»Gut so«, beantwortete Easton meine wortlose Frage.

Ich folgte ihm nach draußen auf die Straße.

»Musst du gar nicht warten und jemanden fragen, ob du gehen darfst?« Unsicher blickte er sich nach unserem Haus um.

»Nein.«

Dann sagte er nichts mehr, den ganzen Weg die schmale Straße entlang, die zu seinem Haus führte. Wir hielten uns am Straßenrand, wo der Asphalt bröckelte und unter unseren Sohlen knirschte.

Sonntags blieb die Zeit stehen.

Nicht ein Auto kam uns entgegen, und niemand war draußen unterwegs, weil alle irgendwelche Kirchenveranstaltungen wie die bei den Albreys besuchten.

Easton bog auf ein brachliegendes Feld ab. Vor uns lag ein kleines braunes Haus, das mir noch nie aufgefallen war.

»Wo wollen wir hin?«, fragte ich, während ich ihm die Einfahrt zu dem Haus entlang folgte.

Er drehte sich nicht um. »Ich muss nur eben was holen.«

Hinter den Fenstern war es dunkel. Wir liefen ums Haus herum zur hinteren Veranda. Niemand war daheim, und dem gesamten Grundstück haftete eine seltsame Stille an. Ein verzinktes Metalldach erstreckte sich über der durchhängenden Holzveranda, auf der eine weiße Tiefkühltruhe unter einem schmierigen Fenster stand. Easton öffnete den Deckel und kramte in der Truhe herum.

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