×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Sommerinselträume«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Sommerinselträume« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Sommerinselträume

Als Buch hier erhältlich:

Inselromantik, große Träume und ein Neuanfang

Meeresrauschen und Inselzauber. Die Einladung ihrer Mutter nach Malta, wo diese für ihr Kochbuch recherchiert, kommt für Rosa genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn ihr Freund hat sie hintergangen. Auf der Sonneninsel will sie ihr Leben neu ordnen und ihre Mutter tatkräftig bei ihrem Projekt unterstützen. Von der Liebe hat Rosa erst mal die Nase gestrichen voll. Doch kaum auf dem Mittelmeereiland angekommen, findet sie sich bei einem Blind Date wieder, das ihre Mutter eingefädelt hat. Je mehr Zeit Rosa mit dem attraktiven Zach verbringt, desto aufgeregter flattern die Schmetterlinge in ihrem Bauch. Aber wenn der Sommer endet, muss sie zurück nach England – und Zach verlassen …

»Ich liebe jeden von Sue Moorcrofts Romanen.« Katie Fforde


  • Erscheinungstag: 22.03.2022
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749950614
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Gewidmet der Romantic Novelists’ Association

zum Diamantjubiläum ihres Bestehens.

 

Seit zwanzig dieser sechzig Jahre bin ich Mitglied

dieser wunderbaren Organisation, und in dieser Zeit hat sie mir Folgendes vermittelt:

eine pragmatische Einstellung,

kolossale Unterstützung,

Kenntnisse über die Branche,

Karrierechancen und

ein Heer fantastischer Freunde.

1

Rosa drehte ihr Weinglas zwischen den Händen und versuchte, ihre Worte sorgfältig zu wählen, während in Ginos Straßencafé Stimmengewirr und Geklapper herrschten und auf der Küstenstraße der Verkehr vorbeidonnerte. Hier im geschäftigen Sliema standen mehr neue als alte Gebäude, und die Promenade war voller Verkäufer, die den Touristen Hafenrundfahrten andienten. Rosa zog Ta’ Xbiex vor, wo sie wohnte und das mit seinen traditionellen, aus Stein erbauten Villen ungefähr eine Meile entfernt an der Küste lag. In Sliema hallte das Hupen der Autos durch die Luft, doch in Ta’ Xbiex konnte man manchmal das sanfte Läuten von Kirchenglocken hören, das über den Booten, die auf dem glitzernden Meer wippten, in den blauen Himmel aufstieg.

Die maltesische Sonne versank in einem Lodern von Lila- und Pinktönen. Auf dem Meeresarm wiegten sich eine Reihe rot und blau gestrichener Fähren an ihren Anlegestellen. Durch den dichten Verkehr hindurch konnte Rosa erkennen, wie auf ihnen die Lichter angingen. Dahinter verwandelte sich die Skyline der Hauptstadt Valletta auf der anderen Seite des Marsamxett-Hafens in eine Silhouette aus Festungswällen, Kuppeln und Türmen.

Zach Bentley beobachtete sie über den Tisch hinweg. Sein kurzes dunkles Haar schimmerte, seine Augen waren braun, und seine Haut hatte einen sanften Goldton. Als er in der Nähe der Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilte, mit nacktem Oberkörper im Garten gearbeitet hatte, konnte Rosa ein Tattoo auf seinen Schultern erblicken, das ausgebreitete Schwingen darstellte. Jetzt stellte sie fest, dass er auch oberhalb des Handgelenks tätowiert war – ein Malteserkreuz, an dem ein Vogelkäfig mit weit geöffneter Tür baumelte.

Sie sprach hastig. »Ich fürchte, ich habe eigentlich gar nicht vor, Dates zu haben. Mum glaubt, ich bräuchte eine ›Sommerromanze‹, um über meine letzte Beziehung hinwegzukommen. Und da sie dabei war, als du gefragt hast, ob ich heute Abend etwas vorhätte … Schließlich ist sie hier auf Malta mit deinem Dad, Steve, zur Schule gegangen …« Sie zuckte mit den Schultern und verfluchte lautlos ihre herzliche und offene Mutter, Dory Hammond. »›Wie schön!‹, hat sie gleich gerufen. ›Dann braucht sich Rosa nicht zu langweilen, wenn ich mit Andy skype.‹ Als könnte ich mich nicht selbst beschäftigen, während sie mit ihrem Freund plaudert.« Rosa war nichts anderes übrig geblieben, als Zachs Einladung anzunehmen. Jetzt musste sie sich, statt über Marcus in England nachzugrübeln, mit diesem Mann hier auseinandersetzen.

Zach trank sein Bier, und sie meinte, ein belustigtes Funkeln in seinen Augen zu sehen. »Verstehe.« Die leise Andeutung eines Cornwall-Akzents in seiner Stimme stand im Gegensatz zu Rosas so markant ausgesprochenen Vokalen, wie es typisch für Yorkshire war. Dann grinste er und beugte sich verschwörerisch vor. »Um die Wahrheit zu sagen … meine Schwester Marci und ihre kleine Tochter Paige leben bei mir in der Familienwohnung. Da Marci noch recht neu hier ist und du auch gerade angekommen bist, wollte ich eigentlich vorschlagen, dass du mit Marci ausgehst und ich auf Paige aufpasse.«

»Oh!« Rosa verschluckte sich fast an ihrem nächsten Schluck Wein, und vor Verlegenheit stieg ihr das Blut ins Gesicht. »Und Mum hat dir stattdessen mich aufgedrängt.«

»Das macht mir natürlich gar nichts aus«, versicherte er ihr mit immer noch blitzenden Augen. »Aber wahrscheinlich ist es eine gute Idee, mich nicht zu daten.« Er schien kein Problem damit zu haben, sich gleichzeitig über seinen Witz zu amüsieren und sich ein wenig über sich selbst lustig zu machen.

Zögernd stieß sie ein leises Lachen aus. »Meine verflixte Mutter!«, sagte sie trotzdem verärgert.

Er wurde ernst. »Marci scheint zu denken, dass sie in der Wohnung hocken muss, wenn Paige im Bett ist. Tagsüber geht sie mit ihr schwimmen, oder die beiden erkunden die Insel, aber ich finde, es würde ihr wirklich guttun, wenn sie ab und zu am Abend ausgeht.« Er unterbrach sich kurz. »Ich schätze, Marci hätte nichts dagegen, wenn ich dir das verrate«, fuhr er dann fort. »Sie nimmt sich eine stressbedingte Auszeit. Für ihren neuen Chef scheint es selbstverständlich zu sein, dass seine Mitarbeiter jederzeit bereit sind, Überstunden zu machen, und das ist für eine alleinerziehende Mutter gar nicht zu leisten, weil sie eine Kinderbetreuung braucht.«

Die Autos um sie herum stauten sich jetzt, und Rosa sprach lauter, um das Hupkonzert zu übertönen. »Hoffentlich verstehen Marci und ich uns, wenn wir uns kennenlernen. Mum hat mir von ihr erzählt, als ich Paige bei dir im Garten gesehen und gefragt habe, wer sie ist. Mum weiß immer über alle Bescheid.« Dory, die sich schon seit Anfang Mai auf Malta aufhielt, hatte Rosa auch berichten können, dass Zach und Marci eine jüngere Schwester namens Electra hatten, die momentan herumreiste.

Zach schien klar zu werden, dass Rosa einen von ihm organisierten Frauenabend wohl genauso wenig zu würdigen wüsste wie ein von ihrer Mutter arrangiertes Date. Er begann wieder, über ihr Nicht-Date zu witzeln. »Ich könnte dich direkt nach Hause fahren, wenn du willst. Aber dann kommt deine Mum vielleicht auf die Idee, ich wäre zudringlich geworden oder unerträglich langweilig gewesen. Außerdem muss ich irgendwie ständig an Spaghetti Rizzi denken.«

Sie mochte seine lustige und unkomplizierte Art und griff nach der Speisekarte. »Lass uns etwas essen. Ich will Mum keine weiteren Vorwände dafür liefern, sich in mein Leben einzumischen.«

Eine schlanke, blonde Kellnerin blieb mit Notizblock und gezücktem Stift an ihrem Tisch stehen. »Wollen Sie bestellen?«

Die Speisekarte war sowohl auf Englisch als auch auf Maltesisch gedruckt. Rosa sah, dass »rizzi« Seeigel waren. Sie entschied, dass sie bei ihrer Mum noch ausreichend Gelegenheit haben würde, neue Gerichte zu probieren. »Penne mit Hühnchen und noch ein Glas Weißwein, bitte«, sagte sie daher.

Zach gab seine Bestellung auf und wandte sich dann wieder Rosa zu, während die Kellnerin davoneilte. »Arrangiert deine Mum oft Dates für dich?«

Rosa brachte ein Lächeln zustande. »Nur, wenn sie mich ermuntern will, meinen Ex zu vergessen.«

Hinter Zach erklang Jubelgeschrei. Eine Gruppe schaute auf einem Fernseher, der unter der Markise hing, ein Fußballspiel an. Die Fußballfans klebten praktisch am Bildschirm, während die anderen Gäste sich umso lauter unterhielten, um sie zu übertönen.

Zachs Blick wurde weicher, und sein Gesichtsausdruck wurde ernst. »Meiner Erfahrung nach verarbeitet jeder so etwas in seinem eigenen Tempo.«

Damit sammelte er Punkte, weil er anscheinend verstanden hatte, was sie unausgesprochen gelassen hatte, und weil er sich nicht auf seinem Stuhl umdrehte, um festzustellen, ob ein Tor gefallen war. Trotzdem wollte Rosa lieber das Thema wechseln. »Wenn dein Dad aus einer Militärfamilie stammt wie Mum, wie kommt es dann, dass das Terrassenhaus in Ta’ Xbiex deiner Familie gehört?« Ihr Wein wurde gebracht. Sie dankte der Kellnerin und trank den ersten Schluck, solange er noch kalt war. Sie war zwar erst vor zwei Tagen auf der Insel angekommen, doch sie hatte schon die Erfahrung gemacht, dass es nicht lange dauerte, bis gekühlte Getränke an einem heißen Junitag vor der Wärme kapitulierten und lauwarm nicht mehr zu genießen waren.

Er machte es sich auf seinem Stuhl bequem. Die Brise zerzauste ihm das Haar, das zu Beginn des Abends noch ordentlich zurückgekämmt gewesen war. »Mein Großvater war mit der Army hier stationiert, genau wie deiner. Grandad Harry hat meine Großmutter Rebekah, die Malteserin ist, kennengelernt und geheiratet. Nanna und meine Großtante Giusi haben das Haus von ihren Eltern geerbt. Als sie Kinder waren, nannte man die Straße eher ›Ta’ Xbiex-Terrasse‹ statt wie heute ›Ir-Rampa‹ – ›die Rampe‹.« Seine Aussprache von »Ta’ Xbiex« unterschied sich leicht von Rosas, bei der es eher nach »Tash Beesch« klang. Sein »sch« hatte noch den Anklang eines weichen »j«, was Rosa bewusst machte, wie sehr sie mit dem Maltesischen zu kämpfen hatte. Zu ihrem Glück war Englisch die andere offizielle Sprache der Insel.

»Terrasse trifft es schon ganz gut«, meinte sie. »Ich finde es großartig, wie das Haus so eine Art Oberdeck über der Straße darunter bildet.«

Zach nickte. »Das Haus war so groß, dass es nicht leicht zu vermieten war, daher haben Nanna und Tante Giusi beschlossen, es zu vier Apartments umzubauen, von denen jeder zwei gehören sollten. Nachdem der Rohbau fertig war, haben sie mir angeboten, den Innenausbau zu übernehmen.«

Ein Bild des Badezimmers, in dem sie noch vor ein paar Stunden nackt gestanden hatte, schoss Rosa durch den Kopf. Ein eigenartiger Gedanke, dass Zach derjenige gewesen war, der die weißen und türkisfarbenen Kacheln an den Wänden angebracht hatte. »Mum war sehr froh, dass sie über die Armykinder-Gruppe im Internet und deinen Dad die Wohnung gefunden hat. Sie ist wunderschön. Da hast du großartige Arbeit geleistet.«

Er wirkte beinahe überrascht über das Kompliment. »Ich hoffe, ihr genießt euren Sommer dort.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Momentan ist alles noch sehr neu für mich, weil ich in meinem ganzen Leben erst in drei verschiedenen Häusern gewohnt habe – zweimal bei Mum und einmal zusammen mit meinem Ex, Marcus, und alles in unserer Heimatstadt Liggers Moor. Lebst du schon lange hier?« Die Kellnerin steuerte auf sie zu, schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch und stellte schließlich ihre Gerichte vor sie hin. Rosa schüttelte ihre Serviette aus.

Zach griff nach seiner Gabel und belud sie mit Spaghetti. »Ich bin auch in Großbritannien aufgewachsen, aber ich liebe Malta. Wahrscheinlich werde ich irgendwann zurückmüssen, aber ich bin noch nicht mit Tante Giusis unterem Apartment fertig. Sie hat sich bislang weder für eine Küche noch für ein Bad entscheiden können, weil sie am liebsten ihr Haus in Lija verkaufen und selbst hier einziehen würde. Außerdem arbeite ich selbstständig und helfe bei einem Cousin aus.«

»Kommt dein Dad nächste Woche auch zum Ehemaligentreffen der Armykinder nach Malta?« Rosa fühlte sich inzwischen richtig wohl. Ihre Penne mit Hühnchen schmeckten köstlich, und Zach erwies sich als angenehmer Begleiter.

Er schüttelte den Kopf. »Er hat gerade eine neue Stelle angetreten, und Mum hat schweres Gelenkrheuma, wodurch ihr das Reisen schwerfällt. Er hat Marci gebeten, ihn bei dem Treffen zu vertreten.« Er verstummte kurz und zog die Augenbrauen hoch. »Was würdest du davon halten, wenn Marci mit dir und Dory geht?«

Rosa nickte. Sie fand, dass es in einer Gruppe einfacher wäre, Marci kennenzulernen und festzustellen, ob sie einander mochten. »Natürlich, wenn sie möchte. Nimmst du denn nicht daran teil?«

»Ich glaube, Dad und Marci haben das schon unter sich ausgemacht.« Zach legte Löffel und Gabel ab. »Dory hat mir erzählt, dass sie seit ihrer Kindheit nicht mehr auf Malta war.«

Der Nachbartisch saß voller lärmender Touristen. Rosa beugte sich vor, damit er ihre Antwort verstehen konnte. »Bis diesen Sommer«, sagte sie und nickte. »Nach meiner Geburt hat mein Dad sich ziemlich schnell verdrückt, daher war Geld immer ein Problem. Sie ist entzückt darüber, bis Oktober hierzubleiben. Ich konnte in meinem Job unbezahlten Urlaub nehmen, um über den Sommer als ihre Assistentin zu arbeiten, und Mum hat sich um die Aufenthaltsgenehmigungen gekümmert.«

Zachs Augen wirkten jetzt dunkler, als die Lichter aufflammten und der letzte Rest der kurzen Abenddämmerung finsterer Nacht wich. »Sie scheint sich als Kochbuchautorin gut zu schlagen. Was machst du denn normalerweise beruflich?«

»Eventmanagement und Sponsoring«, entgegnete Rosa knapp, denn sie hatte gerade keine besondere Lust, an die ganze traurige Geschichte zu denken. »Warst du in England auf dem Bau tätig?«

Er unterbrach sich, während sie bei der blonden Kellnerin Eiskaffee für Rosa und einen Espresso für Zach bestellten, und antwortete erst dann. »Zuletzt habe ich für einen Verbund privater Schulen Daten erfasst und Berichte geschrieben.« Er grinste über ihre, wie sie selbst wusste, verständnislose Miene. »Du brauchst nicht zu tun, als wüsstest du, was das ist. Ich habe Daten der verschiedenen Schulen, die dem Verbund angehören, erhoben und den Treuhändern, Geschäftsführern, dem Personal, den Schülern, den Eltern und der Schulaufsichtsbehörde vorgelegt.«

»Hat wenig mit dem Ausbau von Wohnungen zu tun«, bemerkte sie.

Er wandte den Blick von den sich unterhaltenden Gästen des Straßencafés ab und sah über die Küstenstraße hinweg zu einem großen Touristenschiff, das rückwärts am Kai angelegt hatte. Die Passagiere drängten von Bord. »Nachdem ich damals von zu Hause ausgezogen war, habe ich an den Wochenenden bei einem kleinen Bauunternehmen gejobbt, dabei habe ich mir einiges abgeschaut. Außerdem schreibe ich noch freiberuflich diese Berichte, um mich finanziell über Wasser zu halten.« Der Eiskaffee und der Espresso wurden gebracht, und Zach gab Zucker in seine Tasse.

Rosa nippte an ihrem kalten, cremigen Getränk und sah sich unter den Menschen um, die von einem Café zum anderen schlenderten. Maltesisch und Englisch mischten sich mit anderen Sprachen, und Palmen erhoben sich über den Autos in der Nähe. »Es muss cool für unsere Eltern gewesen sein, hier aufzuwachsen.«

Zach veränderte seine Haltung, und kurz streifte sein Knie unter dem Tisch das von Rosa. »Ich hätte es toll gefunden. Es ist, als wäre mir gerade erst bewusst geworden, dass ich auf zweifache Weise mit Malta verbunden bin – durch meine maltesische Großmutter und meinen Großvater, der mit der britischen Army hier stationiert war. Früher habe ich immer gestöhnt, wenn wir Familienurlaub hier gemacht haben. Dann haben wir Verwandte besucht oder alte Kasernen besichtigt, während ich am liebsten schnorcheln gegangen wäre.« Er lächelte strahlend. Es hatte so geklungen, als wären seine Worte von Herzen gekommen.

»Wird dein Großvater dich hier besuchen?«, fragte Rosa. »Mein Grandpa wollte nicht. Grandma ist vor drei Jahren gestorben, und ohne sie mag er nicht.« Es versetzte ihr einen Stich, sich ihre geliebten Großeltern vorzustellen, Lance und Bette McCoy. Heutzutage nahm sie in Lance’ abwesendem Blick oft seine Trauer um Bette wahr.

»Leider nicht.« Zach seufzte kaum merklich. Um sie herum lachten und plauderten Menschen, telefonierten oder riefen nach Kellnern, doch Zach starrte nachdenklich aufs Meer hinaus, als hätten ihre Fragen bei ihm einen Stimmungsumschwung ausgelöst.

Dann riss er sich aus seinen Gedanken und wechselte das Thema. »Wenn du Party machen willst, ist Paceville genau das Richtige. Genau wie die Shopping Mall The Point in Tigné, und auch in und um Sliema gibt es gute Einkaufsmöglichkeiten. Die Fähre nach Valletta legt dort drüben an, wo der Sliema Creek – der Meeresarm – in den Marsamxett-Hafen übergeht.« Mit einer Kopfbewegung wies er zu den Schiffen. »Die Architektur in Valletta ist großartig, und auch der Blick vom Grand Harbour auf die andere Seite der Stadt. Und lass dir Mdina nicht entgehen …«

Blinzelnd hörte Rosa zu, wie Zach über Maltas Sehenswürdigkeiten dozierte. Es war, als wäre bei ihm ein Schalter umgelegt worden, der ihn in einen Fremdenführer verwandelt hatte. »Danke«, meinte sie schließlich. »Ich unterstütze Mum bei ihrer Arbeit und fange morgen an. Sie ist hier, um ein neues Buch zu schreiben, daher vermute ich, wir werden uns die Sehenswürdigkeiten zwischendurch ansehen, wenn es gerade passt.«

Er reagierte so, als hätte sie ein Stichwort ausgesprochen. »Ich lasse uns die Rechnung bringen.«

Als sie kam, legte Rosa ihren Anteil in Euro auf den Tisch.

Zach verzog einen Mundwinkel. »Aha. Etikette eines Dates, das keines ist.« Aber sein Lächeln wirkte nicht mehr ungezwungen. Er kramte seine Autoschlüssel hervor, woraus Rosa schloss, dass er sie nach Hause fahren wollte.

Im Wagen setzte er mit der Miene eines Mannes, der wusste, dass die anderen Fahrzeuge anhalten würden, rückwärts in den Strom von Scheinwerfern hinaus. Rosa fragte sich, wie der Abend wohl geendet hätte, wenn dies ein echtes Date gewesen wäre.

Dann wäre sein plötzlicher Stimmungswechsel ein ziemlicher Absturz gewesen.

2

Zach fuhr Rosa auf der Uferstraße zurück nach Ta’ Xbiex. In jede Richtung erstreckten sich zwei Fahrspuren, auf denen sich dicht an dicht Autos drängten. Rechts von ihnen blitzten grelle Lichter, und in Bars plärrte Musik. Zu ihrer Linken spiegelten sich Laternen, die zwischen den Palmen standen, zuckend auf der schwarzen Oberfläche des Sliema Creek. In den Häfen und auf den Meeresarmen von Malta wimmelte es vor Booten: Motorjachten, Segeljachten und Katamarane; Ruderboote, Schlauchboote, Fähren, Kreuzfahrtschiffe, Partyboote, Hafenrundfahrt-Boote und Wassertaxis. Sie gehörten zusammen mit dem Meer zu allen seinen Jahreszeiten genauso zur Landschaft wie der goldfarbene Stein, aus dem die Häuser der Insel erbaut waren.

An der »Rampe« angekommen, parkte er vor dem Ta’-Xbiex-Terrassenhaus. Dessen drei Stockwerke bestanden vollständig aus Stein: Mauern, Balkone und exquisite, kunstvoll verzierte Balustraden. Auf Straßenebene befanden sich die Garagen und das Kellergeschoss. Die untere Wohnung mit ihrer dazugehörigen Terrasse – die momentan an Dory und Rosa vermietet war – lag im Stockwerk darüber und war über eine elegante Steintreppe zu erreichen. Der Garten neben der Terrasse, in dem hinter einem verschnörkelten schwarzen Zaun stachlige Agaven und Schatten spendende Palmen wuchsen, die obere Wohnung sowie die Dachterrasse wurden von der Familie Bentley genutzt.

Rosa kletterte aus dem Auto, und Zach brachte sie noch zu ihrer Wohnungstür – nicht, weil er glaubte, sie brauchte Schutz, sondern weil er das Gefühl hatte, ziemlich unhöflich gewesen zu sein, als seine Gedanken am Ende der Mahlzeit in die grauen Sphären des Unglücks abgeglitten waren, die er so gut kannte. Sie hatte irritiert dreingeblickt und auf dem Heimweg nur wenig gesagt.

Er hatte nicht erklären wollen, dass weder sein Dad noch sein Großvater ihn auf Malta besuchen würden. Zach und sein Dad hatten während der letzten paar Jahre kaum miteinander gesprochen, und Grandad Harrys Demenz würde ihm statt der sonnendurchfluteten Insel, die er einst geliebt hatte, einen furchterregenden, unbekannten Ort vorgaukeln. Nanna pflegte Grandad, daher würde sie ebenfalls nicht kommen.

Jetzt drehte sich Rosa höflich lächelnd um. »Danke fürs Fahren.« Sie legte die Hand an die Tür.

»Gern geschehen«, gab er ebenso zuvorkommend zurück. »Man sieht sich.« Ich hoffe, es war okay für ein Date, das keines war, hätte er am liebsten hinzugefügt, beschloss jedoch, dass die Zeit für Scherze vorbei war.

Als sie in ihrer Wohnung verschwunden war, stieg er nicht die Treppe hinauf, die zur Familienwohnung führte, sondern eilte die hinab, über die man wieder zur Straße gelangte. Sobald er auf dem Gehweg stand, öffnete er auf seinem Handy eine Taxi-App und bestellte sich einen Wagen, der ihn zu den Bars von Paceville bringen würde.

Er hörte ein leises Geräusch hinter sich und wandte sich um.

Und da stand Rosa auf der Treppe.

Die beiden sahen einander an. »Oh«, sagte sie zögerlich. »Ich dachte, du wärest schon weg.«

»Ich dachte, du wärest in deiner Wohnung.« Er beobachtete, wie sie von einem Fuß auf den anderen trat.

Sie machte noch ein paar Schritte. »Es ist noch früh. Ich dachte, ich gehe aus und beschnuppere das Nachtleben, von dem du mir erzählt hast.«

»In Paceville?« Er zögerte. »Ich wollte auch dorthin. Ich warte gerade auf ein Taxi.«

»Oh.« Sie stieß ein unsicheres Lachen aus. »Könnten wir uns eins teilen? Ich erwarte auch nicht, dass du bei mir bleibst oder so. Aber ich möchte mich gern ein wenig umsehen.«

»Okay. Natürlich … Hör mal, du fährst aber auch mit dem Taxi wieder nach Hause, ja? Malta ist ziemlich sicher, aber …«

Entschlossener sprang sie jetzt die letzten beiden Stufen hinunter. »Danke. Wird gemacht.« Schweigend warteten sie, und das einzige Geräusch war das Rauschen des Verkehrs unterhalb der Rampe.

Zach dachte über die Frau nach, die neben ihm stand: Sie war zierlich, hatte Sommersprossen auf den hohen Wangenknochen und hellbraune Augen, die im Sonnenschein funkelten. Er hatte sie gestern Nachmittag von der Dachterrasse aus gesehen und war stehen geblieben, um zuzusehen, wie ihr das dichte, zu einem toffeebraunen Bob geschnittene Haar bei jeder ihrer schnellen Bewegungen um den Kopf wippte, während sie mit Dory plauderte. Wenn sie lachte, kräuselten sich kleine Lachfältchen um ihre Augenwinkel.

Er hatte ihre fein geschwungenen Lippen betrachtet und eine starke sexuelle Anziehungskraft verspürt.

Sich von jemandem körperlich angezogen zu fühlen, war großartig. Fantastisch sogar, wenn die Person, zu der man sich hingezogen fühlte, einen ebenfalls attraktiv fand. Wenn man allerdings danach urteilte, wie sehr sie sich bemüht hatte, ihm klarzumachen, dass ihr gemeinsam verbrachter Abend kein Date war, traf Letzteres dieses Mal nicht zu.

Das war schon in Ordnung. Eines wusste er über sexuelle Anziehungskraft: Auch wenn sie einem die Sinne schärfte und prickelnd über die Haut lief, brauchte man ihr nicht nachzugeben. Das war wie der Blick auf ein teures Gemälde, das in der Kunstgalerie von Sliema hing und ihm gefiel: Boote vor Anker in der Spinola-Bucht, früher Morgen. Es würde ihm nie gehören, aber das hielt ihn nicht davon ab, den Anblick des Bildes zu genießen. Schöne Dinge waren schön anzusehen – obwohl ein Gemälde bei ihm vielleicht nicht denselben kribbelnden Strudel der Erregung auslöste wie Rosa.

Seine Gedanken schlugen eine andere Richtung ein, als Scheinwerfer die Nacht durchdrangen und eine schwarze Limousine am Straßenrand hielt. Er hielt Rosa die Tür auf, die ihnen am nächsten war, ging dann auf die andere Seite und stieg neben ihr ein. »Paceville?«, fragte der Fahrer und grinste. Durch die Clubs ziehen, was? Mit ihr? Wow, schien er sagen zu wollen. Zach lehnte sich zurück, als der Wagen um die Biegung fuhr, den Hang hinunterglitt und das exklusive Rampenviertel hinter sich ließ, um die Küstenstraße zu nehmen. Dann hielt er sich landeinwärts und passierte Sliema und den größten Teil der St.-Julian-Bucht. Sie bewegten sich im Stop-and-go-Tempo über die Straße, die vor Front- und Rückscheinwerfern wimmelte. Rosa sah mit gelassener, interessierter Miene aus dem Fenster.

Die Ironie besteht darin, dachte Zack und schwankte mit der Bewegung des Autos, als der Fahrer eine rote Ampel überfuhr, dass ich gern ein Date mit Rosa gehabt hätte. Aber sie lebten zu dicht beieinander, um sich auf eine zwanglose Begegnung einzulassen, und für mehr war er nicht zu haben. Er stand Beziehungen misstrauisch gegenüber. Zweimal war er schon sitzen gelassen worden, und einmal hatte man ihm vorgeworfen, jemandem gefühlskalt das Herz gebrochen zu haben. Es waren keine ermutigenden Erfahrungen gewesen.

Besser wäre, wenn Rosa und Marci sich anfreundeten. Die Angststörung seiner Schwester hielt sie in ihren schleimigen grauen Klauen, und er konnte es nicht ausstehen, sie so antriebslos zu sehen, dass es ihr sogar Mühe machte, sich um Paige zu kümmern.

Es schien, als hätte Rosa seine Gedanken gelesen. »Und es macht dir wirklich nichts aus, den Babysitter für deine Nichte zu spielen?«

»Das mache ich gern, jederzeit«, gab Zach zurück. »Paige hat bei mir einen dicken Stein im Brett. Vielleicht ist es nicht cool, mit einer Vierjährigen rumzuhängen, aber ich habe sie lieb.«

Ihm ging auf, dass Rosa und er schon zum zweiten Mal an einem Abend ein Nicht-Date miteinander hatten. Am liebsten hätte er laut gelacht, was wenigstens seine Stimmung gehoben hätte.

Da er nicht überzeugt davon war, dass Rosa das ebenfalls witzig finden würde, wenn er seine Feststellung erwähnte, wandte er seine Gedanken den Clubs mit der wummernden Musik und den Bars mit ihren Neonreklamen zu, die sich in der Triq Santa Rita – der Santa-Rita-Straße – dicht an dicht aneinanderreihten. Die Triq Santa Rita, die aus einer riesigen Treppe bestand und in der vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche alles geöffnet hatte, erwachte bei Nacht erst richtig zum Leben.

Für viele Touristinnen war dies der Ort, an dem sie nach einer Urlaubsaffäre suchten, und Zach stellte sich dafür gern zur Verfügung. Beim Sex brauchte er nicht über alles nachzudenken, was in den letzten paar Jahren schiefgelaufen war. Alles, was er falsch gemacht hatte.

Doch jetzt hatte er Rosa dabei. Er zögerte. »In Paceville kann es ein wenig wild zugehen«, erklärte er dann. »Vielleicht darf ich dir wenigstens meine Nummer geben?«

Er hatte den Eindruck, dass sie ein Aufseufzen unterdrückte, aber sie tauschten ihre Handynummern aus. Als der Fahrer an der Pjazza von Paceville hielt, sprang sie aus dem Wagen und zählte akribisch genau ihre Hälfte des Fahrpreises ab. Mit einem schnellen »Danke!« verschwand sie in den Urlaubermassen, als wollte sie betonen, dass sie nicht vorhatte, sich an ihn zu hängen.

Nachdem er ihr nachgesehen hatte, wie sie in Richtung Triq San Ġorġ davoneilte, wo es wenigstens nicht ganz so verrückt zuging wie in der Triq Santa Rita, schlängelte sich Zach durch die Mengen und vorbei an dem aus unerfindlichen Gründen hier ansässigen Supermarkt Arkadia. Sekunden später stürzte er sich in die heiße Luft unter dem Gewirr der Neonreklamen, die für Bars und Clubs warben. Die ungleichmäßigen Stufen fühlten sich unter seinen Füßen vertraut an. Auf halbem Weg nach unten befand sich eine Bar namens Spirit, deren Name in blauen Neonbuchstaben über hohen, in eine mattschwarze Fassade eingelassenen Glastüren prangte. Rechts und links befanden sich Shisha-Bars und darüber ein »Herrenclub«. Zach mochte das Spirit, weil das Publikum aus Menschen in den Dreißigern bestand und die Preise nicht so überzogen waren wie in einigen anderen der Bars in Paceville. Nachdem er hineingegangen war, um sich zwei Gläser Cisk zu holen – ein Glas Bier für jede Hand –, besetzte er draußen einen Stehtisch, um sich daraufzustützen.

Auf den Stufen über und unter ihm drängten sich die Freunde des Nachtlebens unter der Unzahl bunter Lichter und pendelten zwischen Bars und Clubs. Promotion-Leute verteilten Flyer, die Rabatte auf Eintrittspreise, Drinks oder Shows verhießen. Dröhnende Lautsprecheranlagen in den Eingängen konkurrierten miteinander.

An einem Tisch in der Nähe nippten vier Frauen an Cocktails. Sie sahen aus, als wären sie Zachs Typ. Munter, aufgekratzt, aber nicht betrunken. Hübsch, aber nicht aufgetakelt, mit bloßen Ringfingern. Als nach ein paar Minuten keine dazugehörigen Männer aufgetaucht waren, fing eine der vier – eine coole Blondine – Zachs Blick auf, und er ging zu ihnen. Sie behauptete, Elsa zu heißen und in Edinburgh zu leben. Sie fragte ihn nach Restaurants im Bay-Street-Einkaufszentrum am anderen Ende der Straße. »Ich bin nicht sonderlich begeistert von dieser Straße«, erklärte sie. »Sie ist ziemlich heruntergekommen.«

»Gerade das mag ich an ihr«, verkündete er ihr feierlich. Ihr Haar war so lang, dass eine leichte Brise es gegen ihn wehte, und er genoss das seidige Kitzeln auf seinen nackten Armen, als sie sich zu ihm herüberbeugte und lachte. Ihre Freundinnen warfen ihr einen Blick zu und lächelten, kehrten dann jedoch zu ihrem eigenen Gespräch zurück.

Elsa hatte gerade begonnen, ihm von ihrem Urlaub zu erzählen, als er die Treppe hinuntersah und einen Blick auf eine Gruppe Jugendlicher erhaschte. Ein aufblitzendes Licht erhellte ein Profil und lenkte ihn ab. Er veränderte seine Haltung ein wenig, um das Gesicht genauer zu betrachten.

Da war er.

Luccio.

Der zwanzigjähre Luccio, der aus Sizilien stammte, weckte Zachs Beschützerinstinkt. Er sah ihn nicht gern mit der Clique, mit der er sich oft herumtrieb; einer Gruppe, die von einem kleinen Mistkerl angeführt wurde, den Luccio anzuhimmeln schien – Beppe. Zach hatte auf Malta nicht viele Freundschaften geschlossen, aber Luccio fühlte er sich beinahe brüderlich verbunden. Der junge Mann absolvierte bei Zachs Cousin Joseph im Nicholas-Zentrum eine Ausbildung zum Jugendhelfer. Zach arbeitete ehrenamtlich in dem Zentrum, einem städtischen Jugendtreff, und Luccio war der Mitarbeiter, mit dem er meist zusammengesteckt wurde, um die Teenager zu beaufsichtigen, die ins Zentrum kamen, um dort abzuhängen. Luccio wirkte nicht viel älter als die größeren Kids und machte gern Überstunden, wenn ihm etwas Spaß machte. Viele der Jugendlichen stammten aus weniger begüterten Familien und konnten sich mit Luccio identifizieren, dessen Eltern gestorben waren, als er erst sechzehn gewesen war. Damals hatte er Sizilien verlassen und nach Malta ziehen müssen, als seine Tante Teresa, die mit einem Malteser verheiratet war, ihm anbot, bei ihr in Sliema zu leben.

Er war immer noch sehr jung und konnte vernünftige Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck um sich herum gut gebrauchen. Leider hatte sich im Lauf des letzten Jahres Luccios Freundeskreis außerhalb des Nicholas-Zentrums verändert, und Zach, der sie oft in Paceville herumlungern sah, waren Beppe und seine Kumpane nicht geheuer. Beppe war der älteste und hartgesottenste und Luccio der jüngste, der es immer allen recht machen wollte. Zach befürchtete, dass Luccio sich von dem tonangebenden Beppe negativ beeinflussen lassen könnte.

Joseph hatte Zach anvertraut, dass Luccios Tante Teresa sich Sorgen machte. Luccio war immer weniger bereit, mit ihr über das zu reden, was er in seiner Freizeit machte, oder sich Kritik an seinen Freunden anzuhören, und schien ihr Haus wie ein Hotel zu betrachten, das ihm nie eine Rechnung stellte. Je mehr sie versuchte, an ihn heranzukommen, desto verschlossener wurde er. Zach, der in den letzten achtzehn Monaten oft mit Luccio zusammengearbeitet hatte, nahm wahr, wie stark sich die Stimmung und die Einstellung des jungen Mannes verändert hatten.

Zach konzentrierte sich jetzt nur noch halb auf das Gespräch mit Elsa. Während er sein erstes Bier leerte und mit dem zweiten begann, beobachtete er die Gruppe, die sich ungefähr fünfzehn Stufen unterhalb von ihm bewegte. Alle waren bedeutend jünger als Zach mit seinen zweiunddreißig Jahren. Beppe mochte Mitte zwanzig sein, und die anderen waren alle jünger. Ihm fiel auf, wie sie »freundschaftlich« miteinander rauften, was gröber ausfiel, als das unter Freunden nötig gewesen wäre, obwohl alle lachten. Außerdem setzte Beppe ab und zu einen finsteren Blick auf, bei dem Luccios Miene beklommen wirkte.

Der Rädelsführer.

Der leicht verführbare Jugendliche.

Die Konstellation war ihm unangenehm vertraut. Damals war Laine Fitzmaurice oder »Fitzmo« der Anführer gewesen und Zach der leicht zu beeinflussende Jugendliche. Als er sah, wie Beppe Luccio zulächelte und dieser strahlend reagierte und wie Beppe dann Luccios Arm ergriff und ihm etwas ins Ohr flüsterte, hätte er fast das Drehbuch dazu schreiben können. Luccio riss zwar die Augen auf und machte einen unsicheren Eindruck, nickte jedoch schließlich.

Mist. Luccio war dabei, sich zu etwas verleiten zu lassen.

Zach setzte sich in Bewegung. Dann fiel ihm Elsa ein, und er drehte sich lange genug um, um ihr eine Erklärung zu geben. »Tut mir leid, aber ich habe jemanden gesehen, mit dem ich sprechen muss.« Sichtlich gekränkt, weiteten sich Elsas Augen, doch er wandte sich ab, ohne sich noch einmal zu entschuldigen.

Immer noch mit seinem Bier in der Hand schlenderte Zach beiläufig die Treppe hinunter und sah sich demonstrativ ziellos um. Dann ließ er den Blick auf seinem jungen Freund verweilen und wechselte die Richtung, um ihm auf die Schulter zu klopfen. »Hey, Luccio.«

Luccio zuckte zusammen. »Oh. Hey, Zach.«

Zach wandte sich an die Gruppe, als wären die Jungs und er alte Freunde. »Freut mich, euch zu sehen, Leute. Ich kam mir heute Abend schon wie der Mann ohne Freunde vor.« Er schüttelte Beppe die Hand, denn er wusste, wie wichtig es war, dem Anführer viel Aufmerksamkeit zu zollen. »Lust, einen zu trinken?«

Nach den verächtlichen Blicken zu schließen, die Beppe seinen Kumpanen zuwarf, deutete der das Angebot offensichtlich als Versuch, sich bei ihm einzuschmeicheln. Er sah Luccio an und wies dann auf Zach. »Vielleicht solltest du bei deinem Freund bleiben.« Er sagte »Freund«, als meinte er »Loser«. Beppe wandte sich ab und ging in das Lokal, und der Rest seiner Truppe trabte ihm nach.

»Aber …« Luccio sah seinen sich entfernenden Kumpeln nach.

Zach legte Luccio einen Arm um die Schultern. »Wir sollten etwas essen, um das Bier zu neutralisieren. Lass uns essen gehen.« Von Joseph hatte Zach gelernt, dass es überzeugend und offen wirkte, wir zu sagen.

Luccio runzelte unbehaglich die Stirn, aber er folgte Zach die Treppe hinauf, die zur Triq San Ġorġ und der Pjazza von Paceville führte. Zach, der brüllen musste, um den Radau zu übertönen, der aus den Bars drang, versuchte, Luccio abzulenken. »Glaubst du, die Mannschaften, die in die zweite Liga aufgestiegen sind, schaffen es nächstes Jahr in die erste?«

Doch Luccio, der normalerweise ein begeisterter Fan des britischen Fußballs war, zuckte nur mit den Schultern.

Dann, als sie fast das obere Ende der Treppe erreicht hatten, bekam Zach Rosa wieder zu Gesicht. Merkwürdig. Er war sich ziemlich sicher, dass ihr Bekanntenkreis auf Malta sich auf die Bewohner des Terrassenhauses in Ta’ Xbiex beschränkte, doch sie schien hüftschwenkend und klatschend fünf oder sechs lachende Frauen anzuführen, die auf den Stufen tanzten und dazu sangen. Dann fasste ein schwankender, einfältig grinsender Mann Rosa am Arm und sagte anzüglich grinsend etwas zu ihr, das Zach nicht verstehen konnte. »Hau ab!«, brachte sie knurrend hervor und sah ihm wütend in die Augen. »Frauen entscheiden selbst, mit wem sie schlafen.«

»Jawohl!«, riefen einige der tanzenden Frauen im Chor und befreiten Rosas Arm aus seinem Griff.

War es ihm heute Abend bestimmt, Leute zu retten? Zach hatte Rosa fast vergessen, während er sich in Beppes Pläne für Luccio eingemischt hatte, aber er konnte nicht tatenlos zuschauen, wenn irgendein Kerl sie belästigte. Er hoffte nur, dass es dabei keinen Krawall geben würde, der die Polizei anlockte. Zack änderte den Kurs, sodass er locker einen Arm um sie legen konnte. Er spürte, wie sie zusammenzuckte, sich dann aber entspannte, als sie ihn erkannte. Mit einer Stimme, die vor bierseliger Gutmütigkeit troff, erschuf er ein Szenario, auf das sie sich leicht einlassen konnte. »Sieh mal, ich habe meinen Freund Luccio gefunden. Wir gehen etwas essen. Warum kommst du nicht mit?«

Rosa warf dem schwankenden Mann einen letzten verkniffenen Blick zu. »Okay«, murmelte sie dann, rief den Frauen, mit denen sie getanzt hatte, einen flüchtigen Abschiedsgruß zu und ließ sich davonführen. Zach schaute über die Schulter und sah, wie der Mann Rosa eine obszöne Geste nachschickte. Zum Glück hatte Rosa nichts bemerkt, und Zach hielt es für das Klügste, so zu tun, als hätte er ebenfalls nichts gesehen. Er stellte Luccio und Rosa einander vor, was Luccio so weit aufmunterte, dass er Rosa angrinste. »Dem haben Sie’s aber gegeben.«

»Er hatte es verdient.« Rosa ging neben den beiden Männern her. Sie wirkte immer noch aufgebracht. »Ich weiß zu schätzen, dass du mir helfen wolltest, Zach, aber Frauen sollten keinen Schutz brauchen. Kinder müssen beschützt werden. Männer müssen begreifen, wann sie sich zurückzuhalten haben, und wenn nicht, haben die Frauen das Recht, sich zu wehren.«

»Ganz deiner Meinung«, entgegnete Zach friedfertig und ging mit ihnen über die Pjazza und hinunter zur Spinola-Bucht, wo die Restaurants ruhiger und gediegener waren. Er war froh, dass Rosa mitgekommen war. Wenn sie vorhatte, weiterhin spätabends herumzuspazieren, ging ihn das nichts an. Aber lieber wäre ihm gewesen, sie würde es nicht tun. Er war auch der Ansicht, dass Frauen keinen Schutz brauchen sollten, aber als älterer Bruder zweier Schwestern war er sich ebenfalls bewusst, dass Rosas Einstellung, manche Männer müssten einfach lernen, wann sie sich zurückzuhalten hatten, vielleicht ein wenig blauäugig war.

Da er ahnte, dass Luccio nichts von den Restaurants am Strand halten würde, die vor Touristen mittleren Alters aus den Nähten platzten, entschied er sich für eine kleine Bar in der Triq San Ġuzepp, einer weiteren Straße, die entlang einer Treppe verlief – wenn auch kleiner und ruhiger –, wo sich größtenteils maltesische Gäste der Abendluft erfreuten. Er sicherte sich den letzten freien Tisch. Dann fiel ihm wieder ein, dass er Luccio vorgeflunkert hatte, er müsste sein Bier neutralisieren, und befahl seinem Magen, zu vergessen, dass er heute Abend schon einmal gegessen hatte. Er bestellte eine Platte mit Fladenbrot und Dips. Rosa nahm ein Stück Schokoladenkuchen und ein Glas Wein. Luccio ließ sich einen Hamburger mit Pommes frites und ein Glas Cisk kommen. Auch Zach bestellte eins. Er hatte zwar bereits genug getrunken, aber jetzt auf Limonade umzusteigen, schien ihm nicht die beste Art zu sein, eine Verbindung zu Luccio aufzubauen.

Während sie aßen, hinterfragte Zach seine Beweggründe dafür, Luccio von seinen Kumpanen zu trennen. Er hatte sich dazu verpflichtet gefühlt, aber hatte das etwas geändert? Luccio war vollkommen einsilbig, und Zach hatte den Verdacht, dass er sich bei seinem jungen Freund nicht beliebt gemacht hatte.

Zach stieß einen Seufzer aus. Wen versuchte er hier zu retten? Luccio oder sich selbst?

Auf Luccios Handy ging piepend eine Nachricht nach der anderen ein, und er stopfte sich abwechselnd Pommes frites in den Mund und tippte Antworten. Seine herabgezogenen Mundwinkel verrieten, dass nichts von dem, was er las, seine Laune hob. Dann klingelte das Telefon, und er sprang auf und ging ein Stück beiseite, um den Anruf anzunehmen. Seine Seite des Gesprächs bestand aus »Ja, ja« und gelegentlich einem halben, abgebrochenen Satz.

Als er fertig war, steckte er mit finsterer Miene das Handy in die Tasche und kehrte an den Tisch zurück. »Ich muss gehen.«

»Du musst?«, fragte Zach sanft nach. Er wollte Luccio unbedingt klarmachen, dass es böse enden konnte, wenn man sich mit den falschen Freunden einließ. Er hatte schon vor einer Weile beschlossen, seinem jungen sizilianischen Freund seine Geschichte zu erzählen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass Rosa dabei im Publikum sitzen würde. »Luccio«, begann er, bevor er es sich noch anders überlegte. »Ich bin nach Malta gekommen, weil ich mich in Schwierigkeiten gebracht hatte.«

Luccios Blick huschte zu Zach. Zach sah Rosa nicht an, um herauszufinden, wie sie seine Worte aufnahm, sondern fuhr fort, denn er fühlte sich ermuntert, weil Luccio sich – mit weit aufgerissenen Augen – wieder gesetzt hatte. »Als ich achtzehn war, ist mein bester Freund weggezogen. Da habe ich angefangen, mit einem Kerl namens Laine Fitzmaurice – Fitzmo – abzuhängen, der in der Schule zwei Klassen über mir war. Er war kein guter Einfluss. Ich habe das natürlich nicht begriffen. Ich fand ihn und seine Freunde cool, und wir haben viel getrunken. Dad hat sich auf meine Mum konzentriert, weil sie damals Gelenkrheuma entwickelt hatte, und als ältestes Kind galt ich von jetzt auf gleich als erwachsen. Das ist mir zu Kopf gestiegen, und ich habe mich wie ein Idiot benommen.«

Luccio wirkte widerwillig interessiert. »Was hast du gemacht?«

Zach hoffte, dass er diese Sache richtig anging. »Selbst habe ich nicht viel angestellt, aber ich war dabei, wenn die anderen es getan haben. Vandalismus. Gelegenheitsdiebstähle. Einmal hat Fitzmo ein Auto gestohlen, und ich habe mich mit den anderen auf die Rückbank gequetscht. Ich habe mir vorgemacht, das wäre kein Verbrechen, weil ich das Auto nicht selbst gestohlen hatte, aber davon wurde es nicht wahr.« Er nahm sich einen Moment Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. »Wir hatten alle das Gefühl, dass es wichtig war, uns gut mit Fitzmo zu stellen. Als er einen Unterschlupf wollte, wo wir uns treffen und trinken konnten, war ich stolz, als ich etwas Geeignetes gefunden hatte. Ein leeres Gebäude hinter einem Einkaufszentrum. Wir haben es verwüstet, Lampen zerschlagen und so. Zeitweise kam es mir mehr wie ein überdrehtes Spiel vor als ein richtiges Verbrechen.«

Luccio runzelte die Stirn, aber Zach war ziemlich sicher, dass der Grund dafür die Mühe war, die es den Jungen kostete, ihm zu folgen, da er seine Geschichte auf Englisch erzählte, und nicht Missbilligung von Zachs jugendlichen Vergehen.

Zach schob sein Bier beiseite und bestellte beim Kellner Kaffee. Ihm war übel, ob vom Alkohol oder seiner Vergangenheit. »Der Jüngste in unserer Gruppe hieß Stuart«, fuhr er fort. »Die meisten von uns waren achtzehn, Fitzmo war zwanzig, aber Stuart war erst sechzehn und voller Heldenverehrung für Fitzmo. Eines Samstagnachmittags lungerten wir hinter dem Einkaufszentrum herum und haben getrunken. Stuart hatte viel zu viel intus, und Fitzmo hat ihn angestachelt, mit der bloßen Faust ein Fenster einzuschlagen. Stuart hat es versucht. Aber er war klein und musste hochspringen, um die Glasscheibe zu erreichen. Sie ist zersprungen, aber eine Scherbe davon …« – er zeichnete einen langen, spitzen Umriss in die Luft, für den Fall, dass Luccio das Wort Scherbe nicht kannte – »hat ihn erwischt. Hat ihm eine üble Wunde zugefügt. Überall war Blut, es sprudelte nur so aus Stuarts Handgelenk.«

Als er daran dachte, wie das Blut auf den Betonboden gespritzt war und wie Stuart seinen Arm umklammert und in fast komischer Verblüffung »Ich bin verletzt« gelallt hatte, schnürte ihm die Übelkeit fast den Hals zu.

Er musste schlucken, und als sein Kaffee gebracht wurde, stellte er fest, dass er ihn nicht mehr wollte. »Die anderen sind davongelaufen«, sprach er weiter. »Jeder Einzelne, auch Fitzmo. Noch vierzehn Jahre später kann ich kaum glauben, dass sie das getan haben. Das Blut spritzte nur so aus Stuart heraus, und sie ließen ihn im Stich. Also habe ich ihn am Arm gepackt …« – der vor Blut heiß und glitschig gewesen war – »und habe ihn aus dem Gebäude und die Straße entlang zum Einkaufszentrum gezerrt, in dem es eine Apotheke gab. Die Apothekerin hat Stuart eine Aderpresse angelegt, um die Blutung zu stoppen, und ihre Mitarbeiterin hat einen Krankenwagen gerufen.«

Luccios braune Augen waren aufgerissen. »Du hast deinem Freund das Leben gerettet.«

Zach lachte zornig auf. »Das hat niemanden beeindruckt. Zusammen mit dem Krankenwagen kam die Polizei, und sie ist der Blutspur zurück zu dem Gebäude gefolgt und hat es völlig verwüstet vorgefunden. Stuart und ich haben gestanden, dass wir an dem Schaden beteiligt waren. Ich war achtzehn, daher bekam ich eine Geldstrafe und Sozialstunden, und ich hatte furchtbaren Streit mit meinem Dad. Stuart musste sich regelmäßig beim Jugendamt melden. Fitzmo und unsere ›Freunde‹ rieben mir immer wieder unter die Nase, wie blöd ich gewesen sei. Sie meinten, ich hätte den Krankenwagen rufen und weglaufen sollen. Als ich sie gefragt habe, warum sie nur weggerannt sind, ohne einen Krankenwagen zu holen, haben sie versucht, es mit einem Scherz abzutun.«

Er nippte an seinem Kaffee, weil ihm vor lauter Emotionen die Kehle eng geworden war. »Da habe ich Fitzmo und die anderen so gesehen, wie sie waren. Ich habe den Kontakt zu ihnen abgebrochen.«

Luccio trank einen großen Schluck von seinem Bier. »Aber du warst achtzehn. Das ist lange her. Du bist doch erst Anfang letzten Jahres hergekommen, oder?«

»Ich bin wieder in Schwierigkeiten geraten.« Müde rieb sich Zach übers Gesicht und war sich bewusst, dass Rosa, nachdem sie ihren Kuchen gegessen hatte, jetzt reglos wie eine Statue dasaß. »Durch den Unfall blieb Stuart dauerhaft behindert. Er wurde mehrmals operiert, aber seine Hand war nie wieder richtig einsatzfähig und blieb verkümmert und nutzlos. Er hat keinen Job. Er trinkt und ist psychisch instabil. Er treibt sich in der Stadt herum und wirkt schrecklich niedergeschmettert. Ich habe versucht, ihm zu helfen, aber …« Er verstummte einen Moment. »Stuart hat das Geld oder die Kleidung genommen, die ich ihm geschenkt habe, und alles in Alkohol umgesetzt.«

Er holte tief Luft. Luccio schien ihm zuzuhören, und vielleicht würde Zachs demütigendes Geständnis ja zu etwas Gutem führen, obwohl Rosas Schweigen sich wie eine Verurteilung anfühlte. Wenn die kleinste Chance bestand, zu verhindern, dass sein junger Freund Luccio wie Stuart endete – oder sogar wie Zach selbst –, dann war es das wert, seine schmutzige Vergangenheit zu enthüllen. »Vor ein paar Jahren war ich an einem Freitagabend mit ein paar Freunden in einem Pub im Zentrum von Redruth. Ungefähr zwei Meter entfernt sah ich Fitzmo, und ich hätte gehen sollen, aber ich wollte nicht, dass ein Loser wie er Macht über mich hat. Seit dem Ärger vor zwölf Jahren hatte ich mir nichts mehr zuschulden kommen lassen. Ich dachte, ich könnte ihn ignorieren. Aber ich hatte schon ein paar Bier getrunken.« Sein Blick fiel auf das kaum angerührte Glas vor ihm. »Stuart war ebenfalls dort. Es war laut, aber ich konnte hören, wie Fitzmo ihn verspottet hat. Stuart versuchte zu lächeln, als würde er ihn nur aufziehen. Da hat Fitzmo Stuarts verkrüppelte Hand gepackt und sie ihm verdreht. Er hat Stuart wehgetan … und ich sah rot. Ich bin zu Fitzmo marschiert und habe ihm direkt auf sein abscheuliches Lügenmaul gehauen. Ich habe vollkommen die Beherrschung verloren. Und ihm zwei Zähne ausgeschlagen.«

Zach stellte fest, dass er unwillkürlich die Finger spielen ließ, als empfände er den Schmerz erneut. Luccio starrte ihn mit offenem Mund an, als wären Zach Hörner gewachsen. »Zuerst dachte ich, Fitzmo würde mich umbringen«, fuhr Zach fort. »Er hatte eine ziemlich schwere Kindheit hinter sich. Außerdem hatte er ein paar Jahre im Gefängnis gesessen und war noch hartgesottener wieder herausgekommen. Dann veränderte sich seine Miene, und er begann sich zu ducken, flehte mich an, ihn nicht noch einmal zu schlagen, hielt sich das Gesicht und stöhnte. Warum? Weil er gesehen hatte, wie Polizisten den Pub betreten hatten und auf uns zukamen, um nachzusehen, was der Tumult zu bedeuten hatte. Sie haben mich festgenommen. Fitzmo wusste, wie man einen Entschädigungsanspruch konstruiert, und hat behauptet, der Angriff sei aus heiterem Himmel gekommen. ›Er hat mich völlig grundlos geschlagen, oder?‹, hat er Stuart gefragt.«

Luccio zog die schwarzen Augenbrauen so hoch, dass sie fast in seinem Haaransatz verschwanden. »Und …?«

Zach hielt seinem Blick stand. »Stuart hat Ja gesagt, und ich wurde verhaftet. Fitzmo hatte seine helle Freude an dem Ganzen; besonders, als ich vor Gericht gestellt wurde, Sozialstunden bekam und ihm eine kleine Entschädigung zahlen musste.«

Er unterbrach sich und sehnte sich plötzlich nach seinem Bett. So ein Seelenstriptease war anstrengend.

»Und warum bist du dann nach Malta gekommen?« Offensichtlich war Luccio von der Geschichte gefesselt. Die Neonschrift einer nahen Bar spiegelte sich in seinem Haar, sodass seine dunklen Locken rot überhaucht wirkten.

Zach stöhnte. »Ich hatte eigentlich nicht vor, bei meiner Familie Reklame für meine Probleme zu machen, aber Dad hat mich dabei gesehen, wie ich mit dem Schriftzug Gemeinnütziger Dienst auf der Rückseite meiner Jacke an einer Hauptstraße Müll gesammelt habe, und fast einen Schlag bekommen. Das hat unserer ohnehin schon schwierigen Beziehung den Rest gegeben. Meine Großmutter hat vorgeschlagen, ich solle herkommen, um aus der Schusslinie zu sein, weil Mum mit der Feindseligkeit nicht gut umgehen konnte. Sie leidet unter chronischen Schmerzen und hat es nicht verdient, in einem Kriegsgebiet zu leben.«

Zach dachte an die Telefongespräche mit seiner Mutter. Er hörte ihr gern zu, wenn sie über das wenige, das in ihrem Leben passierte, berichtete, oder lauschte ihrer zärtlichen, vertrauten Stimme, die ihm von dem letzten Anruf seiner Schwester Electra aus Thailand erzählte, die dort Englisch unterrichtete, oder von Marci und Paige sprach.

Sein Vater? Sie schrieben sich Textnachrichten. Hoffe, bei dir ist alles gut. Bei den Mietern, die du besorgt hast, läuft alles. Interessant zu hören, wie Dory von derselben Army-Grundschule erzählt, die du besucht hast. Zach machte sich nicht die Mühe, Steve anzurufen, und Steve meldete sich ebenso selten bei ihm.

Er zwang sich, seine Geschichte zu Ende zu bringen, obwohl es sich so anfühlte, als müsste er sich jedes Wort aus dem Fleisch schneiden. »Fitzmo hat mir eine Nachricht geschickt, ich würde nicht mal so fest schlagen wie seine Mum. Als ich nicht reagiert habe, hat er mir noch eine geschickt, in der es hieß, Stuart hätte sich so geschämt, dass er eine Überdosis Tabletten genommen hätte, und man hätte ihm den Magen auspumpen müssen. Ich habe in der Stadt nach Stuart gesucht, und es ging ihm gut. Fitzmo hat also offensichtlich versucht, mich zu ködern, mich zu manipulieren. Mir wurde klar, dass ich mich möglicherweise wieder in gefährliche Situationen hineinziehen lassen würde, und beschloss, das Angebot meiner Großmutter anzunehmen.«

Er konnte Rosa kaum ansehen. Sie musste ja denken, dass sie ein Nicht-Date mit einem Rowdy gehabt hatte. Dennoch wollte er unbedingt noch einmal herausstellen, worum es ihm ging. »Luccio, dieser Beppe ist genauso toxisch wie Fitzmo. Ich kenne diesen Typ. Er ist ein Feigling, der andere Menschen kontrolliert und missbraucht.«

Luccio fuhr zurück und blickte sich um, als hätte er Angst, jemand könnte das mitgehört haben.

Zach lehnte sich zu ihm hinüber. »Brich einfach den Kontakt zu ihm ab«, sagte er eindringlich. »Geh ihm aus dem Weg. Such dir neue Freunde. Glaub mir, wenn etwas schiefläuft und du dich nach ihm umdrehst, ist er verschwunden.«

Darauf schien Luccio nicht zu wissen, was er sagen sollte. Er starrte ins Leere und trank sein Bier. Nach einer Weile bestellte Zach über seine App ein Taxi. Luccio stieg hinten ein, obwohl Zach fast damit gerechnet hatte, dass er nach Paceville zurückkehren würde. Zach setzte sich zu ihm und überließ Rosa den Beifahrersitz. Als sie das Haus von Luccios Tante in Sliema erreicht hatten, stieg Luccio aus. »Falls du mich brauchst, weißt du, wo du mich findest«, sagte Zach.

Dann saß er die letzten paar Minuten bis zum Terrassenhaus in Ta’ Xbiex schweigend und völlig erschöpft im Auto.

Wieder einmal begleitete er Rosa bis zu ihrer Tür. In den gelblichen Lichtkreisen, die die Terrassenlampen umgaben, tanzten Insekten. »Tut mir leid«, sagte er. »Normalerweise hätte ich diesen ganzen Mist nicht vor dir abgespult, aber ich versuche, Luccio zu helfen. Er ist ein guter Junge und Jugendhelfer in dem Zentrum, in dem ich ehrenamtlich tätig bin, und ich kann einfach nicht mit ansehen, wie er vom richtigen Weg abkommt. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass in der Wohnung über dir ein Irrer lebt. Ich wollte nur …« Er unterbrach sich, überwältigt von der Aufgabe, sich zu rechtfertigen, zu erklären, dass er zuerst jung und dumm gewesen war und sich später, als er sich für älter und weiser hielt, zu einem Wutanfall hatte provozieren lassen.

Sie sah ihn mit ernstem Blick an. »Eine Weisheit, die ich von meinem Grandpa gelernt habe, lautet, dass jemand oft ›mehr Unrecht erlitten als begangen‹ hat. Ich glaube, das würde er auch von dir sagen. Du hast deinem Freund das Leben gerettet, als alle anderen ihn verlassen hatten, und du hast dich für einen Underdog eingesetzt, obwohl du nicht hättest eingreifen müssen. Ich finde, es war mutig, Luccio aus deinen schlechten Erfahrungen lernen zu lassen.« Ein kurzes Lächeln, und dann war sie fort, in ihrer Wohnung verschwunden.

Zach war schockiert darüber, wie erleichtert er sich fühlte, weil Rosa nicht enttäuscht von ihm war.

3

Am nächsten Morgen war Rosa angenehm überrascht, denn Dory fragte sie nicht über ihren Abend mit Zach aus. Vielleicht hatte sie ja erkannt, dass sie sich ein wenig zu sehr in Rosas Leben eingemischt hatte?

Oder sie war zu sehr damit beschäftigt, in ihr kleines weißes Auto zu springen und mit Rosa zu einem Fischrestaurant in Marsaxlokk im Süden der Insel zu fahren. Ihre Karriere als Kochbuchautorin war ihr nach einer Reality-TV-Show in der Schule, in der sie kochte, in den Schoß gefallen, und ihre Cafeteria-Lady-Bücher waren auf dem Fuß gefolgt. Dory war wild entschlossen, als Kochbuchautorin nur ihr Allerbestes zu geben. »Dass ich über den Sommer hier leben kann, ist eine ideale Gelegenheit, mir einen umfassenden Überblick über die hiesige Küche und deren typische Zutaten zu verschaffen«, erklärte sie begeistert, während sie sich vorsichtig in einen dicht befahrenen Kreisverkehr einfädelte. »Das Restaurant, das wir heute ausprobieren, wirkt authentisch maltesisch, aber andererseits zieht Marsaxlokk eine Menge Touristen an, da wird die Speisekarte zwangsläufig ihren Geschmack spiegeln. Vielleicht kannst du später online gehen und nach Lokalen abseits der Touristenpfade suchen?«

»Klar«, sagte Rosa und zuckte vor Schreck zusammen, als Dory heftig in die Eisen stieg, um einem Laster auszuweichen, der an einer Kreuzung auf sie zurumpelte. Sie war froh, als sie nach einem Ort namens Paola auf ruhigere Straßen gelangten und das bebaute Terrain terrassenförmig angelegten Feldern wich, die durch ungleichmäßige Bruchsteinmauern voneinander getrennt wurden. Sie wies auf Kakteen, die über die Mauern hingen. »Die sehen aus wie stachlige grüne Micky-Maus-Ohren.«

Dory lachte. »Kaktusfeigen. Ohhh – ich habe eine Idee! Kannst du meinen Laptop aus meiner Tasche holen und notieren, dass das neue Buch ein Kapitel über das Sammeln wild wachsender Pflanzen wie Kaktusfeigen, Kapern und wildem Spargel enthalten soll?«

Nachdem sie die Notiz erstellt hatte, lehnte sich Rosa zurück, um die Fahrt zu genießen, las Wegweiser zu Orten wie Zejtun und Ghaxaq und bemühte sich, die Namen laut auszusprechen.

Dory versuchte, sich nützlich zu machen. »Die ›Js‹ klingen wie britische ›Ys‹, ›gh‹ wird nicht ausgesprochen, und ein ›X‹ ergibt einen kurzen ›Sch‹- oder ›Ch‹-Laut. Bei den ›Qs‹ weiß ich es nie genau. Ein Malteser hat mir einmal erklärt, sie klängen ein bisschen wie ein K und ein bisschen so, als müsste jemand sich übergeben. Aber manchmal scheinen sie auch überhaupt nicht ausgesprochen zu werden.«

Im Restaurant aßen sie im Freien und sahen auf den hübschen Hafen von Marsaxlokk hinaus. Kompakte Fischerboote mit hohem Bug, die blauer als das Meer gestrichen und mit roten, grünen, braunen, weißen und gelben Streifen abgesetzt waren, dümpelten an einer Kaianlage, auf der Netze verstreut lagen. Bei den meisten der Boote waren am Bug Augen aufgemalt oder eingeschnitzt. »Traditionell beschützen sie die Fischer vor Unheil«, erklärte Dory und ging dann zu dem Thema über, das sie beschäftigte – der Arbeit an ihrem neuen Buch Die Cafeteria-Lady kocht mediterran.

»Die traditionelle mediterrane Küche basiert stark auf pflanzlichen Lebensmitteln. Danach kommt Fisch, dann Huhn und ganz am Schluss und nur in kleinen Mengen rotes Fleisch und Süßspeisen. Wenn man dementsprechend isst, bleibt man gesund und nimmt nicht zu. Du wirst allerdings feststellen, dass die meisten Lokale, die auf Touristen ausgerichtet sind, mehr Pommes und Pasta anbieten als maltesische Gerichte.«

Zwischen den Fischerbooten, die geschützt in der breiten Bucht lagen, glitzerte die Sonne auf den Wellen. Touristen schlenderten zwischen Cafés umher und betrachteten Schaufenster, und im warmen Sonnenschein entspannten sich Rosas Schultern. Sie ließ ihre Mutter gern über ihre zwei Lieblingsthemen plaudern: Essen und Malta.

Eine wunderschöne Malteserin im Teenageralter brachte die Speisekarten, und Dory brütete über ihrer und diskutierte mit der Kellnerin darüber, ob der Schwertfisch von einer Fischfarm stammte oder wild gefangen worden war. Da er wild gefangen worden war, bestellte sie ihn; gefolgt von gegrilltem, gefülltem Tintenfisch – klamari – mit grüner Kräutersauce.

Bevor Rosa den Mund öffnen konnte, sprach Dory schon weiter. »Wenn es dir nichts ausmacht, Rosa, bestelle ich für dich, da das Essen Recherchezwecken dient und über Spesen abgerechnet wird. Dann kann ich doppelt so viele Gerichte kosten, und ich habe auch nichts gewählt, was du nicht magst.« Sie wandte sich wieder an die Kellnerin. »Auberginen-Parmigiana mit Nusspesto und mit Shrimps gefüllte Ravioli. Wein, Rosa? Weiß? Und stilles Wasser, bitte.«

Rosa war sich nicht sicher, ob sie verärgert oder resigniert reagieren sollte. Ihre Mutter hatte ihr einen Job als Assistentin und Küchenhilfe für das Probekochen in der Wohnung angeboten, zahlte ihr ein kleines Taschengeld und übernahm ihre Kosten. Nicht ihre Mum war übergriffig gewesen und hatte für sie bestellt. Das hatte ihre Arbeitgeberin getan, und zwar aus gutem Grund.

Sie hatte sich ihr Essen zwar nicht selbst ausgesucht, aber es war köstlich. Und es machte Spaß, von der Mahlzeit der jeweils anderen zu probieren und über die Zutaten zu diskutieren. »Hmm, ist die Orange an dem Schwertfisch nicht ungewöhnlich?«, fragte Dory. »Wie das wohl mit Blutorange schmecken würde? Ich liebe maltesische Blutorangen.«

»Könnten die Leser die denn in England kaufen?« Rosa aß noch eine Gabel voll Fisch, dieses Mal ohne Soße, um den Eigengeschmack beurteilen zu können.

»Bin mir nicht sicher. Kannst du die Onlineangebote englischer Supermärkte überprüfen?«

Als sie zu Ende gegessen hatten, hatte Rosa den Laptop geöffnet, um Anmerkungen zum Essen zu notieren und was es noch zu recherchieren galt.

Rosa war beim zweiten Glas Wein, als ihre Mum ihr – raffiniert – die Frage stellte, mit der sie schon früher gerechnet hatte. »Wie war eigentlich das Date mit Zach?«

»Wir haben zusammen gegessen, und dann hat er mir das Nachtleben in Paceville gezeigt. Aber für mich war das kein Date, und das habe ich ihm auch gesagt.« Rosa beobachtete Touristen, die in Schlangenlinien am Meer entlangschlenderten, und wedelte sich Fliegen aus dem Gesicht. Sie erzählte ihrer Mutter nichts von Zachs Geschichte, weil es sein Recht war, zu entscheiden, mit wem er seine Geheimnisse teilte. Heute Nacht hatte Rosa wach gelegen und über das nachgedacht, was er Luccio erzählt hatte, um dem Jungen klarzumachen, was passieren konnte, wenn man sich mit den falschen Freunden einließ. Sie war zu dem Schluss gelangt, dass er zu hart mit sich selbst ins Gericht ging. Die meisten Menschen, die in Konflikt mit dem Gesetz geraten waren, würden versuchen, es zu vergessen und hoffen, dass alle anderen das auch tun würden. »Sieht aus, als stünden weiter oben an der Straße ein paar Marktstände. Sollen wir uns die ansehen?«

»Ich möchte lieber zurückfahren und in der Küche experimentieren«, gab Dory zurück und war offenbar auch nicht bereit, den Themenwechsel zu akzeptieren. »Zach scheint ein netter Mann zu sein«, meinte sie. »Und so gut aussehend!« Mit ernster Miene nahm sie Rosas Hand. »Findest du nicht, dass eine schöne Sommerromanze dich aufheitern würde?«

»Du meinst, eine Affäre?«, fragte Rosa grinsend.

»Ich sagte Romanze«, protestierte Rosa, obwohl ihre Augen vergnügt funkelten. »Ein attraktiver Mann kann einen wirklich von einer alten Flamme ablenken.«

Rosa wusste, dass Dory nicht absichtlich so wegwerfend daherredete, aber sie hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. »Wenn eine fünfjährige Beziehung endet, und das auch noch durch meine Schuld, dann finde ich es schon in Ordnung, wenn mich das mitnimmt«, erklärte sie. »Da kommt es mir optimistisch vor, zu behaupten, dass ich mit einer ›schönen Sommerromanze‹ mit einem ›attraktiven Mann‹ über meine ›alte Flamme‹ hinwegkommen würde.« Marcus’ Gesicht schob sich vor ihr inneres Auge. Seine Wut, als sie ihn fälschlich beschuldigt hatte. Und was er dann getan hatte …

Dory wirkte zerknirscht. »Du hast recht. Tut mir leid, wenn ich flapsig geklungen habe.«

Bald war jede Spannung zwischen den beiden vergessen, und sie fuhren nach Hause und plauderten dabei über die Flachdachhäuser, die sie umgaben, die dornigen Pflanzen am Straßenrand, einen Touristenbus mit offenem Oberdeck, die Kuppeln und Türme ferner Kirchen, die Eleganz der Palmen und ein kleines Pferd, das flott vor einem Karren hertrabte – eigentlich über alles bis auf Rosas Privatleben. Nicht lange, und Rosa überließ das Reden Dory. Sie hatte ihre Sonnenbrille vergessen, und ihr schmerzte der Kopf. Der Himmel war so blau, und die Sonne knallte derart auf die klobigen Sandsteingebäude herunter, dass sie wie geblendet war. Die Klimaanlage des Autos wurde mit der Hitze nicht fertig und schien Staub auszustoßen, den sie auf der Zunge schmeckte. Sie wollte schon vorschlagen, dass sie, wenn sie zu Hause waren, an den Felsen in dem wunderschönen türkisblauen Meer schwimmen gehen könnten, die von ihrer Wohnung aus gesehen auf der anderen Straßenseite lagen. Doch Dory kam ihr zuvor. »Wir probieren dieses Nusspesto aus, sobald wir zurück sind. Solange ich den Geschmack noch frisch im Gedächtnis habe.«

Stimmte ja, sie war immer noch bei der Arbeit. Rosa schloss die Augen und bereute ihr zweites Glas Wein.

Zu Hause angekommen, nahm sie zwei Kopfschmerztabletten, tauschte das Sommerkleid, das sie beim Mittagessen getragen hatte, gegen Shorts und wusch sich die Hände. Dann klappte sie ihren Laptop auf und erstellte eine Datei für das Proberezept, während Dory auf die Terrasse hinaustrat und händeweise Basilikum und Petersilie pflückte, die irgendwie nach Sonnenschein zu duften schienen.

»Wir machen vier Varianten«, erklärte Dory, als sie munter in die Küche kam. »Ein Pesto mit Walnüssen, eins mit Pinienkernen, eins mit einer Kombination aus beidem und zum Vergleich eins ganz ohne Nüsse.«

Rosa, die damit aufgewachsen war, mit Dory zu kochen, wusch die Kräuter und tupfte sie trocken, während Dory die Walnüsse röstete und den Knoblauch dünstete. Dann warf Rosa einen Blick durch das Fenster, das auf die Terrasse führte, und zu der hohen Mauer dahinter. Wenn sie den Kopf reckte, konnte sie das nächste große Gebäude erkennen. Maltesische Architekten verstanden sich eindeutig darauf, mit den Konturen der Insel zu arbeiten. Doch sogar der in große Blöcke geschnittene Stein fühlte sich verglichen mit den roten Backsteinen von Liggers Moor in Yorkshire für Rosa fremdartig an.

Dory mochte wieder in die Heimat ihrer Kindheit geschlüpft sein, wie man ein vertrautes Paar Hausschuhe überstreift, aber Rosa hatte noch nie außerhalb von England gelebt. Malta war so großartig; da hatte sie nicht damit gerechnet, Heimweh zu bekommen. Sie wischte sich über die – immer noch schmerzende – Stirn und schaltete die Klimaanlage ein. Auf Malta war es heiß. Es gab Massen von Insekten, zu viele Autos und Baustellen ohne Ende. Vielleicht war es übereilt gewesen, als sie versprochen hatte, bis Oktober zu bleiben.

Wenigstens schien das Nachtleben einiges zu bieten zu haben. Ja, es war schon peinlich gewesen, Zach auf der Straße wiederzutreffen, nachdem er sie schon zu ihrer Wohnung eskortiert hatte, aber das war es wert gewesen, schließlich hatte ihr der Abend über einen winzigen Anflug von Heimweh hinweggeholfen. Ihre Freundinnen aus dem Tanzkurs im Fitnessstudio vermisste sie schon jetzt genauso wie die Pubs und Clubs ihrer Heimatstadt … allerdings nicht ihre einstige Freundin Chellice.

»Kannst du den Parmesan reiben?«, rief Dory und riss Rosa aus ihren Gedanken.

»Kommt sofort.« Rosa suchte sich die Reibe. Während sie automatisch den Arm bewegte, schalt sie sich für ihre schlechte Laune. Da bist du kaum auf Malta angekommen und hast schon Heimweh? Nach England oder nach … Marcus? Er fehlte ihr schon, obwohl er sich verändert hatte. Aus dem gleichmütigen, gut gelaunten Mann, den sie einst gekannt hatte, war ein desillusionierter, unzufriedener Dreißiger mit einem Problem geworden.

Sie wollte ihn nicht vermissen, denn es war zu viel Vertrauen verloren gegangen, als dass ihre Beziehung sich je wieder erholen könnte – selbst wenn man die Frage beiseiteließ, ob Chellice nur mit Rosa befreundet gewesen war, um Marcus in ihr Netz locken zu können wie eine sinnliche, kurvenreiche Spinne eine Fliege. Marcus stritt das natürlich ab. Rosa hatte Chellice schließlich zuerst kennengelernt, bei einem Junggesellinnenabschied, wie er stets argumentierte. Sie und Chellice hatten sich angefreundet. Dann fand Marcus bei einem gemeinsamen Abendessen, zu dem auch Chellice von Rosa eingeladen worden war, zufällig heraus, dass sie beide ein Kunsthandwerk ausübten. Marcus drechselte und schnitzte Holz, während Chellice Kintsugi praktizierte, die japanische Kunst, zerbrochene Gefäße mit Lack zu reparieren, der mit Gold- oder Silberpulver vermischt war, sodass schimmernde Adern entstanden.

Später taten die beiden sich zusammen und gründeten eine Firma, Spun Gold, die sie nebenbei betrieben und die inzwischen eine eigene Website und Shops bei Etsy und Notonthehighstreet hatte. Rosa war inzwischen überzeugt davon, dass Marcus den aufrichtigen Ehrgeiz gehabt hatte, mit Spun Gold richtig erfolgreich zu sein, aber Chellice hatte die Firma als Vorwand genutzt, um Zeit mit Marcus zu verbringen.

Auch ihr Job im Jugendzentrum Blackthorn’s fehlte Rosa. Sie hatte erst seit weniger als zwei Wochen Urlaub, aber sie vermisste ihre Arbeit, ihre Kollegen – besonders ihre Chefin Georgine – und die Kids. Die Floßrennen oder Campingausflüge an den Wochenenden fehlten ihr, und es hatte ihr immer viel Spaß gemacht, Sponsoren zu gewinnen, die Ausrüstung wie Mountainbikes spendeten, um damit ein Radfahr-Event bei Blackthorn’s zu gestalten.

Als Rosa die Aufgabe übernommen hatte, den Auftritt von Blackthorn’s in den sozialen Netzwerken zu betreuen, hatte Chellice, die sich damit gut auskannte, Rosa gern beraten. So hatte es jedenfalls den Anschein gehabt. Hatte sie Rosa damit nur ablenken wollen, während Marcus Spun Gold seine Zeit widmete? Bei dem Gedanken wurde ihr übel. Sie hatte geglaubt, ihre Freundschaft wäre echt.

Obwohl sie wusste, dass es ihr nicht guttat, warf Rosa immer wieder, wenn sie nicht gerade Notizen für ihre Mutter machte, die Spülmaschine einräumte oder die Küchenmaschine laufen ließ, kurze Blicke auf Chellices Blog und ihre Instagram-Seite. Beide waren voll mit Kintsugi-Stücken und Holzgegenständen, die zum Kauf angeboten wurden.

Der Blog, Chellice Reviews Life, lebte von Chellices sarkastischem Humor, den ihr Publikum begierig aufsog. Sie bewertete ihre Fahrt zur Arbeit, ihren Auftritt in einem YouTube-Video oder das Wetter in ihrem ganz eigenen Stil. Instagram bekam nur einen Stern, weil es keine Links in Postings erlaubte, und der Brexit minus einen Stern. Marcus bewertete sie mit fünf Sternen, weil er der »beste Business-Kumpel des Universums ist und die ganze Fahrerei zu Messen und Märkten übernimmt. Lest hier meine Besprechung von Marcus’ Interview im Radio.«

Vor Wut trat Rosa der Schweiß auf die Stirn. Ihre Erinnerung an Marcus’ Auftritt im Lokalradio war noch frisch und schmerzhaft. Bei einem Handwerkermarkt hatte er eine Radiomoderatorin kennengelernt und begierig eine Einladung in ihre Talkshow angenommen. Möglich, dass er die Gelegenheit ergreifen wollte, Werbung für Spun Gold zu machen, doch stattdessen hatte er einen unsagbaren Mist verzapft, der verheerende Auswirkungen auf Rosa gehabt hatte.

Hinter ihr ertönte Dorys Stimme. Sie klang mitfühlend, aber trotzdem zuckte Rosa zusammen. »Ach, Rosa, versuchst du, etwas über Marcus herauszubekommen? Ich habe deine Gefühle für ihn nicht ernst genommen, nicht wahr?« Scheppernd stellte sie zwei kleine Schüsseln mit Pesto auf die Arbeitsplatte und zog Rosa fest in ihre Arme.

Rosa versuchte zu lachen. »Ich weiß, dass du froh bist, ihn los zu sein.« Sie erwiderte die Umarmung, als wäre sie wieder ein kleines Mädchen.

»Tut mir leid. Du weißt ja, dass ich dazu neige, bei Männern immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.« Dory schaute schuldbewusst drein.

Jetzt bekam Rosa ihrerseits ein schlechtes Gewissen. Dory war die beste Mutter der Welt. Rosa hatte eine behütete Kindheit gehabt, weil Dory unabhängig und in der Lage gewesen war, Rosa eine doppelte Dosis Liebe zu schenken, um die Unzulänglichkeiten ihres Dads Glenn auszugleichen. Er hatte wenig beigetragen, weder finanziell noch emotional. Als Rosa irgendwann alt genug gewesen war, um das zu verstehen, hatte Dory ihr erklärt, wie sehr sie darunter gelitten hatte, dass Glenn sich so gut wie gar nicht um sein Kind gekümmert hatte. »Heutzutage würde man eine Bindungsstörung diagnostizieren, aber damals haben wir so jemanden einfach einen miesen Dad genannt.«

Und Rosa hatte einmal zufällig mitbekommen, wie Dory einer Freundin erzählt hatte, Glenn hätte sich von ihrem schwangeren Körper abgestoßen gefühlt, wäre angeekelt vom Vorgang der Geburt gewesen und eingeschüchtert angesichts von Dorys Körperfunktionen nach der Schwangerschaft und dem, was er als vollgeschissenes Baby bezeichnet hatte.

Heute sah sie ihren Dad kaum noch, aber Rosa erinnerte sich nur zu gut daran, wie er ihre Schulaufführungen immer als Nicht mein Ding abgetan und nie etwas mit ihr unternommen hatte. Wenn er sie ein paarmal im Jahr zu Hause besucht hatte, hatte sie ihn behandelt wie eine der Freundinnen ihrer Mutter: Er war ein Gast, der vage, aber höfliche Fragen stellte, die sie vage, aber höflich beantwortete. Mit sieben Jahren war Rosa klar, dass ihr Dad nicht so war wie die meisten anderen Väter, und als sie ins Teenageralter kam, hatten seine Besuche irgendwann aufgehört, genau wie seine wenn auch seltenen Versuche, Unterhalt zu zahlen.

Auch Glenns Eltern hatten, abgesehen von kleinen Schecks zum Geburtstag und zu Weihnachten, kaum Notiz von ihr genommen – vermutlich hatte er sich sein Verhalten bei seinen Eltern abgeschaut.

Glücklicherweise hatte Rosa Dorys Eltern gehabt, die in Liggers Moor lebten und sie mit Liebe überschütteten. Und nur eine Autostunde entfernt im Süden von Lincolnshire hatte Dorys Schwester Lizzy mit ihrem Mann Onkel Eddie und ihren drei lauten, ungestümen Söhnen gewohnt.

Alle anderen Rollen hatte die geradlinige, tüchtige, fröhliche und fleißige Dory übernommen.

Durch Glenn hatten Rosa und Dory gelernt, sich nicht auf Männer zu verlassen. Wahrscheinlich hatte Marcus’ zunehmende Selbstbezogenheit Rosa deswegen so zugesetzt. Alles hatte mit Online-Glücksspielen begonnen, und seine Verluste hatten ihr gemeinsames Einkommen geschmälert. Er hatte sich verändert. Rosa hatte ihn deswegen kritisiert, das gab sie zu. Die Erfahrung mit ihrem unzuverlässigen Vater hatte eben Spuren hinterlassen. Also hatte Marcus versprochen, nie wieder zu spielen …

»Hast du Heimweh?«, fragte Dory unvermittelt und holte Rosa damit wieder in die Gegenwart.

»Ein wenig«, antwortete sie, ohne nachzudenken.

»Wenn du zurückwillst, zahle ich dir die Rückreise nach England.« Dorys Stimme zitterte. »Ich dachte, das Ganze wäre eine fantastische Idee, um dich von deinen Problemen abzulenken, und ich habe gar nicht bedacht, dass es mein Traum ist, längere Zeit hier zu verbringen, nicht deiner.«

Sie klang so betrübt, dass Rosa tief gerührt war. Dory war großzügig gewesen, und Rosa hatte Malta keine Chance gegeben. »Ich weiß, für dich ist Malta das Paradies, aber mir kommt es im Moment nur fremd vor. Vielleicht, wenn ich es erst besser kenne …«

»Ich habe dir ja auch kaum Zeit gelassen, es zu genießen«, unterbrach Dory sie und wirkte noch schuldbewusster. »Lass uns hier aufräumen, und dann nehmen wir uns ein paar Tage frei, damit ich dir mehr von dieser herrlichen Insel zeigen kann. Wir werden am Meer spazieren gehen, in Cafés essen, mit einem Boot über den Grand Harbour fahren, Valletta besichtigen – alles, was Touristen so machen.«

»Das klingt großartig. Und ich würde schrecklich gern schwimmen gehen. Das Meer sieht wunderbar aus.« Rosa strahlte und fühlte sich sofort besser. »Aber wir haben das Pesto noch nicht probiert.«

In dieser Sekunde klopfte es an der Wohnungstür. »Hallo?«, rief eine Frauenstimme.

Autor