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Soul Screamers 3: Halte meine Seele

hier erhältlich:

Sie sieht, wenn jemand sterben wird. Nur ihr Schrei kann den Tod besiegen. Kaylee ist eine Banshee. Kaylee liebt Nash über alles. Und nach allem, was passiert ist, hätte sie nie geglaubt, dass irgendetwas sie trennen könnte - bis genau das passiert! An der Schule kursiert eine Droge, aber es ist keine gewöhnliche: Demon's-H! Eine Substanz aus der anderen Welt, deren Wirkung verheerend ist. Ein Junge aus Kaylees Schule stirbt, ein anderer verliert sich im Nebel des Vergessens. Kaylee und Nash müssen dem Handel mit Demon's-H ein Ende setzen. Aber wie ist die Droge in ihre Welt geraten? Je näher sie der Antwort kommen, desto kälter wird es ... Denn die Sucht breitet sich wie ein eisiger Sturm aus. Und selbst Nash scheint vom tödlichen Nebel umhüllt!


  • Erscheinungstag: 15.06.2015
  • Aus der Serie: Soul Screamers
  • Bandnummer: 4
  • Seitenanzahl: 316
  • ISBN/Artikelnummer: 9783733781569
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

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IMPRESSUM

books2read ist ein Imprint der HarperCollins Germany GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg, info@books2read.de

 

 

Copyright © 2010 by Rachel Vincent
Originaltitel: „My Soul To Keep“
Erschienen bei: Harlequin Teen, Toronto
Published in Arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.ár.l

Deutsche Erstausgabe Copyright © 2012 by MIRA Taschenbuch
Übersetzung: Alessa Krempel

Copyright © Layout- und Covergestaltung 2015 by books2read in der
HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Umschlagmotiv: Harlequin Books S.A.
Umschlaggestaltung: Deborah Kuschel

Veröffentlicht im ePub Format im 06/2015

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733781569

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
books2read Publikationen dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

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Für Amy, Michelle und Josh.
Meine Erinnerungen an die Highschoolzeit mit
Euch macht den nichtübersinnlichen Anteil von
Kaylees Leben so lebendig für mich …

1. KAPITEL

Alles fing mit einem betrunkenen Footballspieler und einem geschrotteten Auto an. Das dachte ich zumindest. Doch wie gewöhnlich war es in Wahrheit ein bisschen komplizierter …

„Und, wie fühlt sich deine neu gewonnene Freiheit an?“ Nash lehnte sich an die Beifahrertür meines Autos und lächelte dieses Lächeln, dem ich noch nie widerstehen konnte. Das Lächeln, das seine kleinen Grübchen zum Vorschein und seine Augen zum Strahlen brachte, sodass ich trotz der kühlen Dezemberluft wie Schokolade in der Sonne dahinschmolz.

Ich sog die kalte Luft tief in die Lungen. „Als hätte ich seit einem Monat die Sonne nicht gesehen.“ Widerstrebend verriegelte ich die Fahrertür. Das Auto war mein größter Besitz, und ich parkte es nicht gerne so ungeschützt direkt an der Straße. Besonders viel wert war es nicht, und Eindruck ließ sich mit der über zehn Jahre alten Rostlaube auch nicht gerade schinden. Aber immerhin gehörte das Auto mir und war abbezahlt, und im Gegensatz zu meinen finanziell besser gestellten Klassenkameraden konnte ich mir nicht einfach ein neues kaufen, wenn es von irgendeinem Idioten, der sein Auto nicht unter Kontrolle hatte, angefahren wurde.

Aber die Auffahrt vor Scott Carters Haus war schon zugeparkt gewesen, als wir dort angekommen waren, und außer meinem stand noch ein Haufen anderer, deutlich teurerer Autos davor rum. Auch wenn die bestimmt vollkaskoversichert waren …

Zum Glück fand die Party in einer gehobeneren Gegend statt, einem Vorort von Dallas, in dem man dem Gärtner fürs Rasenmähen wahrscheinlich mehr zahlte, als mein Vater in einem halben Jahr verdiente.

„Entspann dich, Kaylee.“ Nash zog mich an sich. „Du machst ein Gesicht, als würden wir auf eine Beerdigung gehen und nicht unsere Freunde treffen.“

„Es sind deine Freunde, nicht meine“, erwiderte ich. Auf dem Weg von meinem Auto zu Doug Fullers Haus am Ende der Sackgasse, aus dem man schon von Weitem laute Musik dröhnen hörte, waren wir bereits an drei Cabrios vorbeigekommen.

„Warte, bis du sie kennengelernt hast, dann wirst du sie auch mögen.“

Ich verdrehte die Augen. „Ja, genau, diese superreichen und beliebten Typen, mit denen jeder befreundet sein möchte, warten nur darauf, dass ich ihnen meine Aufmerksamkeit schenke.“

Nash zuckte die Schultern. „Sie wissen alles, was man über dich wissen muss: Du bist klug, hübsch und unsterblich in mich verliebt“, witzelte er und drückte mich an sich.

„Wer hat denn dieses fiese Gerücht in die Welt gesetzt?“, fragte ich lachend. Zugegeben, ich konnte von Nash nicht genug kriegen – er gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Aber das hatte ich ihm bisher noch nie gesagt, weil ich auf keinen Fall mit Worten wie Liebe oder für immer um mich schmeißen wollte, bevor ich mir wirklich sicher war. Und bevor ich wusste, dass er genauso dachte. Für Banshees wie uns konnte ein gemeinsames Leben – für immer – verdammt lang werden, und Nash hatte in seinen bisherigen Beziehungen wenig Durchhaltevermögen bewiesen. Ich war nicht besonders scharf darauf, mir an einem wie ihm die Finger zu verbrennen.

Nash musterte mich, und im fahlen Licht der Straßenlaternen erkannte ich, wie sich in seinen braunen Augen grüne und braune Wirbel drehten. Echt schade, dass Menschen so etwas nie erleben durften – Gefühle einfach an den Augen ablesen zu können.

Diese spezielle Banshees-Fähigkeit gehörte zu den Dingen, die mir an meiner erst kürzlich offenbarten Herkunft am besten gefielen.

„Ich will damit ja nur sagen, dass es schön wäre, wenn ich mit meiner Freundin und meinen Freunden zusammen abhängen könnte.“

Wieder verdrehte ich die Augen. „Schon gut. Dann tu ich eben so, als würde ich mich amüsieren.“ Wenigstens war Emma auch da und konnte mir Gesellschaft leisten – sie hatte sich einen von Nashs Teamkollegen geangelt, während ich mit Hausarrest zu Hause saß. Und in Wahrheit waren Nashs Freunde eigentlich ganz in Ordnung. Was man von deren Freundinnen nicht gerade behaupten konnte.

Apropos blutrünstige Hyänen …

In der Auffahrt stieg meine Cousine Sophie gerade aus Scott Carters glänzend blauem Cabrio und riss, als sie uns sah, ihre großen grünen Augen auf. „Nash!“, rief sie strahlend und ignorierte mich dabei bewusst, obwohl sie dreizehn Jahre lang mit mir zusammengewohnt hatte, bevor Dad letzten September aus Irland zurück nach Dallas gezogen war.

Vielleicht ignorierte sie mich auch gerade deswegen.

„Kannst du mir mal helfen?“ In Designerjeans und einem hautengen rosafarbenen Top stakste sie auf uns zu, einen Sechserpack Bier unbeholfen an die Brust gedrückt. Hinter dem Cabrio standen zwei weitere Sixpacks. Hoffentlich bekamen die Nachbarn nicht mit, dass meine fünfzehnjährige Cousine gerade eine Riesenladung Alkohol ins Haus schleppte. Doch samstagabends waren die Nachbarn wahrscheinlich im Theater, im Ballett oder in einem Restaurant, in dem ich mir nicht einmal ein Glas Wasser leisten konnte.

Und die Kinder besagter Nachbarn waren auf der Party und warteten auf das Bier.

Nash ließ meine Hand los, um Sophie das Bier abzunehmen, und griff sich einen zweiten Sechserpack vom Boden. Zum Dank schenkte Sophie ihm ein strahlendes Lächeln, ehe sie auf dem Pfennigabsatz kehrtmachte und zur Haustür stöckelte, doch nicht, ohne mir wegen meines schlichten Outfits noch einen abschätzigen Blick zuzuwerfen.

Seufzend schnappte ich mir das restliche Bier und lief den beiden hinterher. Als Nash gerade die Hand nach der Klingel ausstreckte, schwang die Eingangstür auf, und ein groß gewachsener, stämmiger Typ aus der Oberstufe in der grünweißen Jacke des Footballteams nahm von Nash, nachdem er ihn begrüßt hatte, einen der Sechserpacks entgegen. Nash drehte sich um und wollte den Arm um mich legen, merkte aber im letzten Moment, dass stattdessen Sophie hinter ihm stand, und ging, unbeeindruckt von ihrem Schmollmund, an ihr vorbei, um mir das Bier abzunehmen und die Tür aufzuhalten.

„Hudson!“ Die Musik war so laut, dass Scott Carter zur Begrüßung schreien musste. Er schnappte sich das Bier und bugsierte uns in die Küche, in der sich lauter schwitzende, spärlich bekleidete Menschen drängten. Trotz der Kälte draußen war die Luft im Haus stickig und feucht, und der Hormonpegel schien mit jedem neuen Song anzusteigen.

Kaum hatte ich die Jacke ausgezogen und meine enge rote Bluse enthüllt, da bereute ich es auch schon wieder. Ich hatte nicht besonders viel Oberweite, mit der ich angeben konnte, aber plötzlich kam mir das Oberteil, das Emma am Nachmittag für mich ausgesucht hatte, viel freizügiger vor als in meinen eigenen vier Wänden.

„Kaylee Cavanaugh.“ Scott musterte mich zur Begrüßung von oben bis unten, als sähe er mich zum ersten Mal. Fast hätte ich vor Scham die Arme vor der Brust verschränkt. „Gut siehst du aus.“ Prüfend blickte er zwischen Sophie und mir hin und her. „Jetzt erkenne ich auch die Familienähnlichkeit.“

„Ich habe nur Augen für dich“, flüsterte Nash und zog mich an sich, weil er genau wusste, dass Sophie und ich über diesen Vergleich gar nicht glücklich waren.

Das lustvolle Wirbeln in seinen Augen zeigte mir, dass er es ernst meinte, und ich küsste ihn spontan auf den Mund.

Als ich mich mit leicht geröteten Wangen aus der Umarmung löste, warf Scott, der gerade die Getränke im Kühlschrank verstaut hatte, Nash eine Bierdose zu. „Ich sag’s doch. Familienähnlichkeit.“ Mit einem Bier in der einen und Sophie an der anderen Hand drängte er sich auf die Tanzfläche. Ich ließ den Blick über die Partygäste schweifen. Einige von den Leuten, die sich unterhielten, tanzten oder in diverse … andere Aktivitäten vertieft waren, kannte ich aus der Schule.

„Wow. Das kam ziemlich … überraschend“, sagte Nash. Es dauerte einen Augenblick, bis mir klar wurde, dass er von dem Kuss sprach.

„Überraschend gut oder überraschend schlecht?“

„Sehr, sehr gut.“ Er zog mich erneut an sich, um dort weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten. Bis mir jemand auf die Schulter tippte. Es war Emma Marshall, meine beste Freundin, die uns amüsiert musterte.

„Hey.“ Ihr Grinsen wurde breiter. „Ihr blockiert den Kühlschrank.“

„Da drüben steht noch einer.“ Nash deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Wohnzimmer.

Emma zuckte die Schultern. „Ja, aber da knutscht keiner.“ Mit einem Ruck öffnete sie den Kühlschrank, schnappte sich ein Bier und schlug die Tür mit einem gekonnten Hüftschwung zu. Es war einfach nicht fair. Emma und ihre Schwestern waren alle mit einer Traumfigur gesegnet – der genetische Jackpot sozusagen –, und mir hatten meine Eltern nichts als einen völlig verhunzten Stammbaum hinterlassen.

Es gab Tage, an denen ich meine „Banshee-Gaben“ allzu gerne gegen ein bisschen mehr „Emma“ eingetauscht hätte. Doch heute war keiner dieser Tage. Heute war ich sehr zufrieden mit mir, denn noch immer spürte ich Nashs Hände auf meinen Hüften und seine Lippen auf meinem Mund und beobachtete, wie sich die Wirbel in seinen braunen Augen lustvoll drehten. Und zwar meinetwegen.

Als Emma die Bierdose an den Mund setzte, nahm ich ihr die Autoschlüssel aus der Hand und steckte sie mir demonstrativ in die Hosentasche. Sie konnte heute Nacht bei mir schlafen und ihr Auto morgen früh abholen.

„He, Em!“ Doug Fuller hatte sich im Türrahmen aufgebaut und präsentierte stolz seine muskelbepackten Oberarme. „Komm, lass uns tanzen.“

Ohne zu zögern, stürzte Emma das restliche Bier hinunter und tanzte hinter Doug her ins Wohnzimmer. Nash und ich folgten den beiden, und nachdem Nash endlich all seine Freunde begrüßt hatte, gehörte er wieder ganz mir. Wir bewegten uns im Takt der Musik, sahen uns tief in die Augen und spürten diese magische Anziehungskraft zwischen uns, sodass wir alles andere um uns herum vergaßen.

Die besondere Verbindung, die zwischen uns herrschte, hatte dazu geführt, dass ich Nash seinen vielen Verehrerinnen vor der Nase weggeschnappt hatte. Eine Verbindung, gegen die keines der anderen Mädchen ankam.

Mithilfe unserer vereinten Banshee-Kräfte hatten wir meine beste Freundin vor dem Tod bewahrt und einem Hellion die verdammte Seele entrissen, die er sich gekauft hatte. Wir hatten im wahrsten Sinne des Wortes Leben gerettet, das Böse bekämpft und gemeinsam dem Tod ins Auge geblickt. Das konnte kein noch so hübsches Mädchen übertreffen, egal, wie viel Lipgloss und Wimperntusche sie sich ins Gesicht schmierte.

Nachdem wir fast eine Stunde getanzt hatten, tippte mir Emma auf die Schulter und deutete mit dem Daumen in Richtung Küche. Ich lehnte mit einem Kopfschütteln ab  – nach einem Monat Nash-Entzug wollte ich am liebsten die ganze Nacht mit ihm tanzen –, doch jetzt schielte Nash ständig auf die Küchentür, als könne sie uns jeden Moment vor der Nase zuschlagen.

„Brauchst du eine Pause?“, fragte ich.

Er lächelte erleichtert. „Nur kurz.“ Also drängelten wir uns, verschwitzt und außer Atem, zwischen den anderen Tanzenden hindurch in die Küche.

Mit einem frischen Bier in der Hand verfolgte Emma gerade die Diskussion zwischen Doug und Brant Williams über eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung bei irgendeinem Basketballspiel, das ich nicht gesehen hatte.

„Hier.“ Nash drückte mir eine kalte Cola in die Hand. „Ich bin gleich wieder da.“ Ohne eine weitere Erklärung verschwand er in der Menge.

Fragend blickte ich zu Emma, aber sie zuckte nur die Schultern.

Doug und Brant schienen inzwischen das Thema gewechselt zu haben und redeten so leise, dass man kein Wort mehr verstehen konnte. Doch Emma schien das nicht zu bemerken, sie war zu sehr damit beschäftigt, sich darüber aufzuregen, dass ihre Schwester Cara ihr die Bluse nicht geliehen hatte, die ihr sowieso nicht stand.

Während ich noch nach der passenden Antwort suchte, hörte ich jemanden meinen Namen sagen. Ich hob den Kopf und blickte zu Brant, der mich fragend ansah. „Ja?“ Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er etwas gesagt hatte.

„Ich habe gefragt, wo sich dein Freund rumtreibt.“

„Äh … auf dem Klo“, antwortete ich, weil ich nicht zugeben wollte, dass ich es nicht wusste.

Brant schüttelte vielsagend den Kopf. „Wenn Hudson da mal keinen Fehler gemacht hat. Hast du Lust zu tanzen, bis er zurückkommt? Ich beiße auch nicht.“ Er streckte mir die Hand hin, und ich ergriff sie.

Brant Williams war groß, dunkelhäutig und immer gut gelaunt. Er war Kicker im Footballteam, ging in die Oberstufe und war, abgesehen von Nash, der netteste Typ, den ich kannte. Außer Emma war er hier der Einzige, der für mich zum Tanzen infrage kam.

Während wir tanzten, schaute ich mich unauffällig nach Nash um. Langsam machte ich mir Sorgen, ob ihm vielleicht schlecht geworden war. Doch dann entdeckte ich ihn: Er stand im Flur auf der gegenüberliegenden Seite und unterhielt sich mit Sophie. Weil man sich wegen der lauten Musik nur schwer unterhalten konnte, standen sie ganz dicht beieinander, und während ich die beiden noch beobachtete, strich Nash ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.

Mir blieb fast das Herz stehen.

In dem Moment bemerkte Nash mich und trat einen Schritt zurück. Seine Miene wurde schlagartig düster, als er meinen Tanzpartner sah, und er winkte mich zu sich. Ich bedankte mich bei Brant und bahnte mir einen Weg durch die Menge. Mir war ganz schlecht vor Angst: Nash hatte mich stehen lassen, nur um kurz darauf mit Sophie aufzutauchen. Tief im Inneren hatte ich mich immer vor diesem Tag gefürchtet. Davor, dass Nash sich das, was er in den zweieinhalb Monaten von mir nicht bekommen hatte, irgendwann woanders holen würde. Aber musste es gerade Sophie sein? Ich brodelte vor Wut. Demütigender konnte es nicht sein.

Lass es bitte, bitte nicht wahr sein …

Gut einen Meter entfernt blieb ich stehen. Mein Herz klopfte so stark, dass es wehtat. Klar, Sophie hatte einen Freund, aber das war keine Garantie dafür, dass sie mir meinen nicht ausspannte.

Nach einem einzigen Blick in meine Augen, in denen die Farben vor Wut und Enttäuschung durcheinanderwirbelten, wusste Nash Bescheid. Lächelnd griff er nach meiner Hand.

„Sophie hat bloß nach Scott gesucht. Stimmt’s?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er mich in den Flur und ließ sie einfach stehen. „Hier können wir reden“, flüsterte er und drückte mich gegen die Wand.

So vielversprechend seine körperliche Nähe auch war, mein Misstrauen ließ sich nicht so einfach zerstreuen. „Hast du dich die ganze Zeit mit ihr unterhalten?“ Ich bekam ganz weiche Knie, als unsere Wangen sich berührten.

„Ich bin raus, um frische Luft zu schnappen, und als ich reinkam, hat sie mich abgepasst. Das ist alles.“ Er öffnete die Tür neben uns und bugsierte mich ins Zimmer. Es war das Büro von Scotts Vater.

„Schwörst du es?“

„Muss ich das?“ Nash trat einen Schritt zurück, damit ich seine Augen sehen konnte. Sie sprachen eine deutliche Sprache: Definitiv hatte er kein Interesse an Sophie, auch wenn sie vielleicht Dinge tat, zu denen ich noch nicht bereit war.

Ich spürte, wie ich rot wurde. „Sorry. Ich dachte bloß …“

Nash verschloss die Tür hinter uns und schnitt mir mit einem Kuss das Wort ab. Seine Lippen schmeckten lecker nach Pfefferminz. Als wir auf Mr Carters dunkelrotem Ledersofa landeten, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass Psychiater viel zu viel Geld verdienten. Doch Nashs Kuss machte jeden weiteren klaren Gedanken zunichte.

„Ich interessiere mich nicht für Sophie, das weißt du doch“, flüsterte er. „Das würde ich dir oder Scott nie antun.“ Er küsste mich wieder. „Du bist die Einzige für mich, Kaylee.“

Ein wohliger Schauer rieselte durch meinen Körper. Sanft strich ich mit den Lippen über Nashs stoppeliges Kinn und genoss das kratzige Gefühl.

„Ja, ja, blabla.“ Eine spöttische Stimme unterbrach unsere Zweisamkeit. „Du liebst ihn, er liebt dich, und wir sind alle eine große, glückliche, schmierig-schleimige Familie.“

„Verflucht noch mal, Todd!“ Nash riss den Kopf hoch, und ich seufzte frustriert. Nashs untoter Bruder saß – für alle gut sichtbar – rittlings auf Mr Carters Schreibtischstuhl, die Arme über der Rückenlehne verschränkt, und musterte uns gelangweilt. Ein verhaltenes Lächeln umspielte seine Engelslippen. „Wenn du mit dem Spannen nicht bald aufhörst, stecke ich deinem Chef, dass du blaumachst, um andere Leute beim Knutschen zu beobachten.“

„Das weiß er doch“, antworteten Todd und ich gleichzeitig. Ich strich mir die Bluse glatt und warf Todd, auf den ich nie lange sauer sein konnte, einen finsteren Blick zu.

Im Gegensatz zu Nash störte mich Todds plötzliches Auftauchen in letzter Zeit gar nicht mehr, weil ich es für ein gutes Zeichen hielt. Nachdem seine Exfreundin im Oktober gestorben war, und zwar ohne ihre Seele, hatten wir ihn gut einen Monat lang nicht mehr gesehen. Und wenn ich sage: nicht gesehen, dann meine ich das genau so. Denn als Reaper konnte Todd selbst bestimmen, ob und wann man ihn sehen konnte.

Aber jetzt war er wieder da und spielte uns seine üblichen Streiche. Die hauptsächlich darauf hinausliefen, Nash und mich immer dann zu stören, wenn wir einmal ungestört waren. Das hatte er fast so gut drauf wie Dad.

„Müsstest du nicht in der Arbeit sein?“ Ich strich mir das lange braune Haar aus dem Gesicht.

„Ich hab Mittagspause“, antwortete Todd schulterzuckend.

„Du isst doch gar nicht“, entgegnete ich vorwurfsvoll.

Nur ein Lächeln und ein neuerliches Schulterzucken.

„Raus mit dir!“, raunzte Nash und deutete aufgebracht in Richtung Tür, als würde Todd für gewöhnlich eine Tür benutzen. Das war noch so ein Vorteil, den der Tod – theoretisch jedenfalls  – mit sich brachte: Man konnte überall hindurchlaufen. Oder sich einfach in Luft auflösen und woanders wieder auftauchen. So war das nun mal. In meinen Augen drehten sich die Wirbel, und ich hatte einen Schrei, der Fensterscheiben zum Zerbersten brachte. Todd konnte sich unsichtbar machen und sich an jeden beliebigen Ort beamen.

Die übernatürliche Welt war verdammt unfair.

Todd fuhr sich durchs Haar. Nicht einmal der Tod hatte seine wilden blonden Locken bändigen können. „Ich bin sowieso nicht hier, um euch zu beobachten.“

Na toll. Misstrauisch kniff ich die Augen zusammen. „Du sollst dich doch von ihr fernhalten!“ Es ging um Emma. Sie hatte Todd einmal kurz gesehen, und wir hatten ihr dummerweise verraten, wer oder was er wirklich war. Denn Todd hatte sie früher schon heimlich beobachtet, aber ich war davon ausgegangen, dass er das nach Addisons Tod, der ihm schwer zugesetzt hatte, abgestellt hatte.

Todd ahmte die Haltung seines Bruders nach und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du willst also, dass ich mich von ihr fernhalte, lässt sie aber mit irgendeinem besoffenen Idioten ins Auto steigen? Das ist ja wohl mehr als unlogisch.“

„Verdammt!“ Wie von der Tarantel gestochen sprang Nash auf und rannte hinaus, ich hinterher. Im Vorbeilaufen flüsterte ich Todd ein „Danke“ zu, doch da hatte er sich schon in Luft aufgelöst.

Ich rannte Nash hinterher, durchs Wohnzimmer Richtung Haustür, wobei ich im Gedränge aus Versehen einem Cheerleader das Bier aus der Hand stieß. Draußen angekommen, bereute ich sofort, keine Jacke angezogen zu haben. Es war verdammt kalt, und ich bekam eine Gänsehaut.

Am Ende der Auffahrt blieben wir stehen und blickten uns suchend um, als ich Emmas wilde blonde Locken am Ende der Sackgasse erkannte. „Da hinten!“ Wir rannten los und stießen zu den beiden, als Doug gerade mit einer Hand die Beifahrertür seines Autos öffnete, während die andere Hand unter Emmas T-Shirt steckte und seine Zunge in ihrem Mund.

Emma schien das durchaus zu gefallen. Und auch wenn ich mir ziemlich sicher war, dass sie nüchtern hier in aller Öffentlichkeit nicht so weit gegangen wäre, war das ihre Entscheidung. Aber zu einem Betrunkenen ins Auto zu steigen, war nicht nur dumm, sondern gefährlich.

„Em“, sagte ich warnend, und Nash zerrte Doug von ihr weg.

„He, Mann, was zum Teufel …“, lallte Doug. Emmas BH-Träger schnalzte lautstark, als er seine Hand unter ihrem T-Shirt hervorzog.

„Kaylee!“ Lächelnd schwankte Emma auf mich zu, und ich konnte nicht umhin, Doug einen wütenden Blick zuzuwerfen. Sie war so betrunken, dass sie gar nicht mehr mitbekam, was los war, und er nutzte das schamlos aus.

„Em, du weißt doch, wie es läuft.“ Als sie strauchelte, legte ich ihr einen Arm um die Taille, um sie zu stützen. „Wir kommen zusammen, bleiben zusammen und …“

„… gehen zusammen wieder“, beendete Em den Satz und blickte mich aus großen Augen unschuldig an. „Aber wir sind doch gar nicht zusammen gekommen, Kay.“

„Ich weiß, aber der letzte Teil der Regel gilt trotzdem.“

„Fuller, Mann, sie ist total betrunken.“ Nash schubste Doug auf den Beifahrersitz. „Genauso wie du.“

„Nee …“, erwiderte Emma kichernd, und der Geruch von Bier schlug mir ins Gesicht. „Er hat nichts getrunken, deswegen kann er ja noch fahren.“

„Em, er ist total dicht.“ Nash deutete aufs Haus. „Bring sie wieder rein.“

Ich bemühte mich, Emma so unauffällig wie möglich zurück ins Haus zu bugsieren, während sie unentwegt von Doug schwärmte. Sie war nicht nur betrunken, sie war hackedicht. Ich hätte sie besser im Auge behalten sollen.

Als ich Emma gerade vor dem Haus auf der Veranda absetzte, stieß Nash zu uns. „Hast du ihm die Schlüssel abgenommen?“, fragte ich. Im selben Moment hörten wir schon den Motor aufheulen, und mir wurde ganz schlecht vor Angst. Nash spurtete sofort los, und ich lehnte Emma gegen die Treppenstufen und rief nach Todd. Gott sei Dank war hier draußen niemand, der mich für verrückt halten könnte, weil ich mit mir selbst redete.

„Was gibt’s?“ Ich wirbelte herum. Warum musste Todd immer hinter mir auftauchen?

„Kannst du kurz auf Emma aufpassen?“

Missmutig blickte Todd zu Emma hinüber, die aus großen, glasigen Augen unschuldig zurückblinzelte. „Du hast doch gesagt, ich soll mich von ihr fernhalten.“

„He, dich kenne ich doch“, lallte Emma so laut, dass ich zusammenzuckte. „Du bist tot.“

Wir ignorierten sie einfach. „Ich weiß. Pass einfach kurz auf sie auf, sie darf auf keinen Fall in ein Auto steigen. Bitte!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte ich los. Todd würde auf Emma aufpassen, das wusste ich. Wahrscheinlich hatte er das sowieso schon die ganze Nacht getan, trotz des Ärgers, den er sich in der Arbeit dafür einfing.

Während ich noch rannte, sah ich Dougs Auto auf uns zukommen. Im nächsten Moment kippte Doug zur Seite, und das Auto schlingerte nach rechts.

Ich hörte einen lauten Knall, gefolgt von metallenem Knirschen. Dann ein zweiter, noch heftigerer Aufprall.

„Scheiße!“ Nash rannte los, ich hinterher, mit dem Schlimmsten rechnend. „Oh nein, Kaylee …“

Ich ahnte es, bevor ich es sah. Die komplette Straße war mit teuren, hoch versicherten Autos zugeparkt, deren Besitzer sich problemlos ein neues leisten konnten. Aber dieser besoffene Idiot hatte sich ausgerechnet meins ausgesucht. Und er hatte es nicht dabei belassen, mein Auto einfach nur zu streifen, sondern es den Gehsteig hinauf in die Mauer des Nachbarn gerammt.

Mein Auto war Schrott. Die Fahrertür war völlig eingedrückt. Überall lagen Steine und Mörtelreste herum.

Die Haustür schwang auf, und aufgeregtes Stimmengewirr drang herüber. Ich sah, wie Todd – jetzt voll sichtbar – Emma von der Menschenmenge wegzog, die aus dem Haus strömte. Mit ihr schien alles okay zu sein, aber mein armes Auto war völlig hinüber.

Und Doug war immer noch nicht ausgestiegen.

Scheiße!

„Hilf mir!“ Nash riss die völlig unversehrte Fahrertür von Dougs Mustang auf. Dougs Kopf rollte ein wenig zur Seite, und er stammelte wirres Zeug. „… neben mir. Da war jemand im Auto, Alter …“

Nash beugte sich in den Wagen, um den Gurt zu öffnen – seit wann schnallten sich Betrunkene vor dem Losfahren an? –, aber er kam nicht zwischen Doug und dem Lenkrad vorbei, das beim Aufprall in den Innenraum gedrückt worden war. „Kay, kommst du an den Gurt ran?“

Seufzend kletterte ich auf Dougs Schoß und quetschte mich so gut es ging zwischen ihn und das Lenkrad, während ich mit der Hand nach dem Gurtschloss tastete. „Hat mich zu Tode erschreckt …“, murmelte Doug. „Tauchte einfach auf, aus dem Nichts!“

„Halt die Klappe, Doug“, erwiderte ich gereizt. Zu gern hätte ich ihn einfach im Auto gelassen, bis die Polizei kam, doch dann schaffte ich es, den Gurt zu öffnen. „Du bist besoffen.“ Als ich mich gerade aufrichtete, um auszusteigen, streifte mich Dougs Atem im Gesicht.

Ich erstarrte, die eine Hand noch auf seinem Oberschenkel, und das flaue Gefühl im Magen verwandelte sich in handfesten Brechreiz. Mir blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Emma hatte recht gehabt. Doug war nicht betrunken.

Irgendwie hatte dieser dämliche, durch und durch menschliche Linebacker der East Lake Highschool es geschafft, an die gefährlichste Droge der Unterwelt ranzukommen.

Doug Fuller stank aus allen Poren nach Dämonenatem!

2. KAPITEL

„Bist du sicher?“, flüsterte Nash zum mittlerweile vierten Mal, während der Typ vom Abschleppdienst in seiner ölverschmierten Jacke mein völlig ramponiertes Auto an den Haken nahm.

„Ja, ganz sicher!“ Vor einem Monat war mir zweimal der Geruch von Dämonenatem in die Nase gestiegen. Zwar nur ein Hauch, aber dieser bitterscharfe Geruch hatte sich, zusammen mit ein paar anderen hübschen Erinnerungen wie dem Gefühl, an Händen und Füßen gefesselt in einem Krankenhausbett zu liegen, für immer in mein Gehirn eingebrannt.

„Wie ist er da rangekommen?“, murmelte ich und zog den Reißverschluss meiner Jacke hoch, die Nash mir gebracht hatte. Mit einem Klirren spannte sich die Kette, die mein Auto auf den Abschleppwagen hievte.

„Keine Ahnung.“ Nash legte die Arme um mich, und schon spürte ich, wie sich ein wohliges Gefühl von Wärme in mir ausbreitete.

„Menschen können nicht in die Unterwelt und Hellions nicht in die Menschenwelt.“ Da niemand in der Nähe war, erlaubte ich mir, laut zu denken. „Es muss also eine Möglichkeit geben, Dämonenatem in die Menschenwelt zu schmuggeln, und zwar ohne den Hellion, von dem er stammt.“ Der Begriff „Dämonenatem“ war tatsächlich wörtlich zu nehmen: Er bezeichnete die giftige Atemluft eines Hellion, eines Dämonen also, und galt in der Unterwelt als äußerst starke Droge. Scheinbar hatte Demon’s H, wie sie unter Insidern bezeichnet wurde, auch hier bei uns eine ähnlich berauschende Wirkung.

Behielt ein Reaper die Substanz aber zu lange in den Lungen, konnte seine Seele Schaden nehmen. War es bei Menschen genauso? Hatte Doug so viel davon eingeatmet, dass seine Seele beeinträchtigt war? Und wie war er überhaupt an das Zeug rangekommen?

„Ich sehe mich mal ein bisschen um“, flüsterte ich, doch Nash schüttelte den Kopf.

„Nein!“ Er zog mich noch fester an sich und tat so, als wolle er mich über den Verlust meines Autos hinwegtrösten. „Du darfst da nicht rübergehen. Hellions verlieren nicht gerne, Kaylee, und Avari wird für den Rest deines Lebens hinter deiner Seele her sein.“

Weil ich, nachdem wir die Seelen der Page-Schwestern zurückgeholt hatten, entkommen war – und zwar mitsamt meiner Seele.

„Ich schaue nur ganz kurz rein.“ Es war mir möglich, wie durch ein Fenster in die Unterwelt zu sehen, ohne sie tatsächlich zu betreten. „Und außerdem wird Avari sowieso nicht da sein.“ Ich runzelte die Stirn. „Hier, meine ich.“ Oder wo auch immer. „Auf Scott Carters Party eben.“

Die Unterwelt glich einem verzerrten Spiegelbild unserer Welt. An bestimmten Punkten waren beide miteinander verankert, nämlich dort, wo viel menschliche Energie in die Unterwelt sickerte. Dabei fungierte sie ähnlich wie ein Zahnstocher, der die Lagen eines Sandwiches zusammenhält.

„Kaylee, ich halte das für keine …“

Ich brachte Nash mit einem scharfen Blick zum Schweigen. Jetzt war nicht der richtige Moment zum Streiten. „Stell dich einfach vor mich hin, damit mich keiner sieht. Es dauert ja nur eine Minute.“

Als er nicht reagierte, stellte ich mich kurz entschlossen hinter ihn und schloss die Augen. Und dachte an den Tod.

In Gedanken durchlebte ich den allerersten Vorfall – zumindest den ersten, an den ich mich erinnerte – und zwang mich, an das Grauen zurückzudenken. Die dunkle Gewissheit, dass dieser arme Junge im Rollstuhl sterben würde. Die Schatten, die um ihn herumwirbelten. Und durch ihn hindurch.

Zum Glück reichte die Erinnerung an den Tod, um den Schrei in meiner Kehle aufsteigen zu lassen. Der Klageschrei einer Banshee kündigt den bevorstehenden Tod eines Menschen an und kann die Seele des Verstorbenen solange in einem Schwebezustand halten, bis ein Banshee-Mann sie wieder zurückführt. Ich konnte meinen Schrei aber auch dazu nutzen, in die Unterwelt hineinzuschauen – zusammen mit allen anderen Banshees, die in der Nähe waren. Und sie zu betreten, wenn ich mich dazu entschloss.

Aber ich wollte nicht in die Unterwelt hinabsteigen. Nie mehr.

Ich kontrollierte den Schrei, hielt ihn in meiner Kehle und meinem Herzen fest, sodass niemand außer Nash etwas hörte und selbst er nur einen ganz leisen Ton vernahm.

Nash griff nach meiner Hand, aber seine Haut fühlte sich gar nicht warm an. Sofort schlug ich die Augen auf und schnappte erschrocken nach Luft. Ein durchsichtiger grauer Schleier bedeckte die Straße, so als wäre eine dunkle Wolke zu Boden gesunken. Meine Welt gab es noch – Polizei, Abschleppwagen, Krankenwagen und ein paar Gaffer.

Aber darunter – eine Ebene tiefer – lag die Unterwelt.

Spröde, olivfarbene Klingenweizenhalme wehten sachte im Wind – ich wusste aus Erfahrung, dass er kalt war, auch wenn ich nichts fühlte – und klimperten beim Aneinanderreiben wie kleine Glöckchen. Der dunkelrote Himmel war mit grünen und blauen Schlieren übersät, wie Hämatome auf dem Antlitz der Erde.

Es war ein schöner und zugleich erschreckender Anblick. Und zum Glück war niemand hier. Keine Hellions. Keine Monster. Keine Kreaturen, die nur darauf lauerten, uns zu fressen oder Doug Fuller ihren giftigen Atem ins Gesicht zu blasen.

„Okay, die Luft ist rein. Du kannst aufhören“, flüsterte Nash, woraufhin ich den Schrei restlos hinunterschluckte.

Nach und nach löste sich der graue Schleier auf, und hinter den falschen, langsam verblassenden Farben kam wieder der Nobelvorort zum Vorschein, der mich jetzt, nachdem ich wusste, was darunterlag, viel weniger einschüchterte. In der Unterwelt sah Scotts Viertel nämlich genauso aus wie meins.

Verstört von dieser fremden Welt, die uns schon einmal hatte verschlingen wollen, legte ich die Arme um Nash und schmiegte mich an ihn. „Egal, wie er an das Zeug gekommen ist, die direkte Quelle hat er bestimmt nicht angezapft“, sagte ich und ließ ihn los, um mich der realen Welt zu stellen.

Nachdem sich herumgesprochen hatte, dass die Polizei im Anmarsch war, hatten sich die meisten Gäste aus dem Staub gemacht, und der mutige – und nüchterne – Rest saß zusammen mit Scott auf der Wiese vor dem Haus und beobachtete die Aufräumaktion aus sicherer Entfernung. Die Polizisten wussten, dass es eine Party gegeben, und scheinbar auch, dass Scott getrunken hatte. Dank seiner Nobeladresse und dem Einfluss seines Vaters waren sie aber allem Anschein nach gewillt, beide Augen zuzudrücken, solange er sich ruhig verhielt und nicht auf die Idee kam, sich hinters Steuer zu setzen.

Auf diesen Bonus konnte Emma nicht vertrauen. Deshalb versteckte sie sich mit Sophie vier Häuser weiter bei Laura Bell, Sophies bester Freundin aus dem Tanzteam, die Emma nur reingelassen hatte, weil Nash sie mit seiner Banshee-Stimme überredet hatte.

Zur Sicherheit hatten wir Todd beauftragt, ein Auge auf Emma zu werfen. Unsichtbar, natürlich.

Einer der Polizisten kam zu uns herüber. „Miss …“ Er warf einen kurzen Blick auf seinen Notizblock. „Cavanaugh. Soll Sie wirklich niemand nach Hause bringen?“

„Ich hab eine Mitfahrgelegenheit, danke.“ Er sollte denken, dass ich bei Nash mitfuhr, damit ich Emma und ihr Auto nicht erwähnen musste.

Prüfend musterte der Polizist Nash, und mir rutschte das Herz in die Hose. Nash hatte nur ein Bier getrunken, und das vor Stunden, aber was, wenn man ihn einer näheren Kontrolle unterzog? Als er den Blick des Polizisten jedoch ganz ruhig erwiderte, wandte sich dieser wieder mir zu.

„Soll ich Ihre Eltern anrufen?“

Ich tat so, als müsste ich kurz darüber nachdenken, bevor ich entschieden den Kopf schüttelte. „Nein, danke.“ Ich zeigte ihm mein Handy. „Ich rufe gleich meinen Vater an.“

Er zuckte die Schultern. „Wir schleppen Ihren Wagen in die Werkstatt an der Third Street. Der Kostenvoranschlag müsste übermorgen vorliegen. Wenn Sie mich fragen, kriegen Sie die Eltern von diesem Fuller mit einem bösen Brief Ihres Anwalts sicher dazu, Ihnen ein neues Auto zu kaufen. Er sieht zumindest so aus, als könnte er es sich leisten …“, erklärte er mit einem abschätzigen Blick auf Dougs Auto. „Und ich verwette mein Jahresgehalt darauf, dass der Kerl sternhagelvoll ist. Meine Kollegen bringen ihn jetzt ins Arlington Memorial, also sagen Sie Ihrem Anwalt, er soll die Ergebnisse des Bluttests anfordern.“

Ich nickte stumm.

„Und Sie kümmern sich darum, dass sie sicher nach Hause kommt“, sagte der Polizist im Gehen an Nash gewandt, was er ebenfalls mit einem Nicken beantwortete.

Als der Mann gegangen war, sah ich Nash in die Augen; er schien kein bisschen Angst zu haben.

„Meinst du, beim Bluttest kommt was raus?“

„Keine Chance.“ Nash schüttelte den Kopf. „Kein Labor der Welt kann eine Droge aus der Unterwelt nachweisen, und der Polizist da schon gar nicht.“ Er tippte mir lächelnd mit dem Finger auf die Nasenspitze. „Können wir gehen?“

„Ich denke schon.“ Gerade fuhr der Abschlepper mit meinem Auto am Haken an uns vorbei, und ein Zweiter näherte sich Dougs Mustang.

Doug saß im Krankenwagen auf dem Boden und ließ die Füße zur Tür raushängen, während ihm ein Polizist ein kleines Gerät mit einem Mundstück hinhielt. Nachdem Doug in das Röhrchen gepustet hatte und die Anzeige aufleuchtete, klopfte der Polizist das Gerät ungläubig in seine Handfläche. So als wäre es kaputt.

Das Gerät zeigte wahrscheinlich gerade mal ein Bier an, also nichts, was Dougs Zustand auch nur annähernd rechtfertigte. Nash hatte recht gehabt: Menschen und die menschliche Technik konnten Dämonenatem nicht nachweisen. Nur … war das jetzt ein Grund zur Freude oder eher eine Horrorvorstellung?

Als wir bei Laura Bell klingelten, fuhren gerade der Krankenwagen und der zweite Abschleppwagen an uns vorbei. Laura führte uns durch den riesigen, gefliesten Eingangsbereich ins Wohnzimmer, in dem dunkle Farben und edle Hölzer dominierten.

Emma saß, halb versunken, in einem tiefen Ohrensessel und sah ziemlich weggetreten aus. Als ich ihr gerade aufhelfen wollte, tauchte Todd direkt neben mir auf und erschreckte mich halb zu Tode. Wann gewöhnte ich mich endlich daran?

„Es geht ihr gut“, sagte er, als ich mich besorgt neben Emma kniete, deren Augenlider halb geschlossen waren. Keiner der anderen im Raum zeigte irgendeine Reaktion – Nash eingeschlossen –, also konnte ihn wohl niemand außer mir sehen. „Sie muss nur ihren Rausch ausschlafen. Und diesen blutrünstigen Hyänen entkommen, die du als Freunde bezeichnest.“

Genau genommen, bezeichnete ich Sophie und Laura nicht als Freunde, aber das konnte ich dem Reaper nicht erklären, ohne von den anderen – für die er unsichtbar war – für verrückt gehalten zu werden. Also begnügte ich mich mit einem drohenden Blick und wuchtete Emma mit Nashs Hilfe aus dem Sessel hoch.

„Sollen wir dich mitnehmen, Sophie?“, fragte ich beim Rausgehen.

Meine Cousine stemmte die Hände in die Hüften und verzog spöttisch ihre rosa glänzenden Lippen. „Hat Doug deine rollende Dreckschleuder nicht gerade gegen eine Wand gedonnert?“

„In Emmas Auto“, stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Als Antwort darauf ließ sich Sophie demonstrativ aufs Sofa fallen und kreuzte die Beine. „Ich bleibe bei Laura.“

„Auch gut.“ Die beiden passten prima zusammen. „Danke, dass du auf sie aufgepasst hast“, sagte ich zu Todd.

„Jemand musste es ja tun“, antwortete er knapp und verschwand in der nächsten Sekunde, wahrscheinlich zurück ins Krankenhaus, wo er längst überfällig war.

„Schafft sie einfach hier raus, bevor meine Eltern kommen“, erwiderte Laura in dem Glauben, ich hätte mit ihr gesprochen. „Sie sehen es nicht gerne, wenn ich mich mit betrunkenen Flittchen abgebe.“

Ich verkniff mir die Frage, warum sie dann mit Sophie befreundet war, und knallte stattdessen beim Rausgehen die Tür hinter mir zu.

Auf dem Weg nach Hause rief ich bei Dad an, erwischte aber nur die Mailbox. Anscheinend machte er wieder mal Überstunden. Ich legte auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, weil ich ihm „mein Auto wurde von einem Footballspieler auf Demon’s H geschrottet“ doch lieber persönlich beibringen wollte.

Es war fast Mitternacht – meine offizielle Ausgangssperre –, als wir bei mir ankamen. Emma war auf dem Rücksitz eingeschlafen, und Nash trug sie ins Haus und legte sie in mein Bett. Dann kuschelten wir uns mit einer Schüssel Popcorn aufs Sofa und sahen uns „Nacht der lebenden Toten“ an  – ein echter Klassiker.

Gerade in dem Moment, als im Film der erste Zombie ins Haus eindrang, schwang unsere Haustür auf, und ich verteilte vor Schreck das Popcorn übers halbe Sofa.

Es war mein Vater, der in ausgeblichenen Jeans und Flanellhemd durch die Tür schlurfte, einem Zombie gar nicht so unähnlich, aber das lag an dem Fließbandjob, mit dem er unsere Rechnungen bezahlte. Als er mich sah, blieb er stehen, drehte sich abrupt um und ging wieder hinaus. Ich wusste sofort, wonach er suchte.

„Wo ist dein Auto?“, fragte er, als er wiederkam, mit einer Mischung aus Erschöpfung und Angst.

Ich stand auf, und Nash beschäftigte sich damit, das lose Popcorn vom Sofa aufzusammeln und es zurück in die Schüssel zu werfen. „Äh, also, es gab da einen kleinen Unfall, und …“

„Geht es dir gut?“ Dad musterte mich besorgt.

„Ja, ich war auch gar nicht im Auto.“ Unsicher steckte ich die Hände in die Hosentaschen.

„Wie bitte? Wo warst du dann?“

„Auf einer Party. Als Doug Fuller wegfahren wollte, hat er mein Auto aus Versehen … gerammt.“

Dads Miene verdüsterte sich schlagartig. „Hast du getrunken?“

„Nein.“ Zum Glück. Es wäre Dad durchaus zuzutrauen, eine Urinprobe von mir zu verlangen. Er hätte wirklich einen klasse Bewährungshelfer abgegeben.

Es dauerte einen Moment, aber dann beschloss er, mir zu glauben. Kaum war das geklärt, nahm er Nash ins Visier, der mit der Popcornschüssel in der Hand hinter mir stand. „Nash, geh bitte nach Hause.“ Einer seiner Lieblingssätze.

Nash drückte mir die Schüssel in die Hand. „Soll ich Emma heimbringen?“

„Emma?“ Dad fuhr sich seufzend übers Gesicht. „Wo ist sie?“

„In meinem Bett.“

„Betrunken?“

Sollte ich ihn anlügen? Seine Reaktion war schwer abzuschätzen, selbst wenn ich nicht diejenige war, die getrunken hatte. Aber Emma roch meilenweit nach Bier – keine Chance, mit der Lüge durchzukommen.

„Ja. Was hätte ich denn tun sollen, ihr die Autoschlüssel in die Hand drücken und alles Gute wünschen?“

Dad seufzte, schüttelte aber zu meiner Überraschung den Kopf. „Nein. Du hast genau richtig gehandelt.“

„Sie kann also bleiben?“ Das war ja wohl kaum zu glauben. Er schien nicht einmal sauer zu sein.

„Dieses Mal schon. Aber nächstes Mal rufe ich ihre Mutter an. Nash, wir sehen uns ja sicher morgen wieder.“

„Ja, Sir.“ Eine kurze Berührung meiner Hand, und weg war er. Nash wohnte nur zwei Straßen weiter und ging immer zu Fuß nach Hause, wenn er bei mir war. Auch dann, wenn Dad gar nicht wusste, dass er mich besucht hatte.

„Also, was war da los?“ Erschöpft ließ sich Dad in seinen Lieblingssessel fallen und sah mich erwartungsvoll an. Ich überlegte fieberhaft, ob ich alles erzählen sollte. Einschließlich des Dämonenatems. Bisher hatte er erstaunlich ruhig reagiert, aber die bloße Erwähnung der Unterwelt könnte das schlagartig ändern.

„Wie gesagt: Doug Fuller ist in mein Auto reingefahren.“

„Wie schlimm ist es?“

Spätestens jetzt rechnete ich mit einem Wutausbruch. „Er hat es in eine Mauer gerammt.“

Dad riss die Augen auf. „Er war betrunken, oder?“

Ich musste fast lächeln, so erleichtert war ich. Insgeheim hatte ich befürchtet, dass mir die Sache mit dem Dämonenatem sofort anzusehen war oder Dad irgendwelche seltsamen telepathischen Banshee-Fähigkeiten einsetzen würde, von denen ich nichts ahnte. Aber er ging anscheinend davon aus, dass es sich nur um ganz normale Teenagerprobleme handelte, und sah direkt ein bisschen erleichtert aus.

Diese Illusion wollte ich auf keinen Fall zerstören. „Keine Ahnung. Vielleicht. Aber er ist sowieso nicht der Schlauste.“

„Wo haben sie dein Auto hingebracht?“

„In die Werkstatt an der Third Street.“

Dad stand auf und lächelte mich tatsächlich an. Endlich sah er sich mit einem normalen Problem konfrontiert, das alle Eltern hatten. „Ich werde es mir morgen früh mal anschauen. Dieser Fuller ist doch bestimmt versichert, oder?“

„Ja. Das haben mir die Polizisten gegeben.“ Ich hielt ihm den Zettel mit Dougs Kontaktdaten und der Versicherungsnummer hin. „Und er hat mir versprochen, dass sein Dad dafür aufkommt.“

„Und ob er das wird.“ Dad nahm den Zettel an sich. „Geh jetzt schlafen. Em und du, ihr arbeitet doch morgen früh?“

„Ja.“ Em und ich verkauften von zwölf Uhr mittags bis vier Uhr nachmittags im Kino Tickets und Popcorn, um uns ein bisschen Benzingeld dazuzuverdienen. Welches wir wiederum für die Fahrt zur Arbeit und zurück ausgaben. Ein Teufelskreis.

Froh darüber, so glimpflich aus der ganzen Sache herausgekommen zu sein, wünschte ich Dad eine gute Nacht und ging Zähne putzen, dann legte ich mich zu Em ins Bett. Es kam mir vor, als wäre ich gerade der Todesstrafe entkommen. Während ich Emmas Atem lauschte, grübelte ich darüber nach, was passiert wäre, hätte sie sich zu Doug ins Auto gesetzt.

Ich hatte Emma schon einmal verloren, und das wollte ich nicht noch ein zweites Mal erleben, zumindest nicht so bald. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als herauszufinden, wie ihr Freund an Demon’s H gekommen war – und dafür zu sorgen, dass es nie wieder vorkam.

3. KAPITEL

„Hallo Kaylee, komm doch rein!“ Harmony Hudson hielt mir die Tür auf, und ich betrat, die kalten Hände in den Jackentaschen vergraben, das kleine, aber ordentliche Wohnzimmer. „Haben wir heute Unterricht?“

„Nein, ich wollte Nash sehen.“

„Ach so!“ Sie schloss lächelnd die Tür. „Dann hast du deine Strafe wohl abgesessen.“

„Ja, seit gestern.“

Nash hatte auch Hausarrest gehabt, aber nicht vier Wochen lang, so wie ich, sondern nur zwei. Wahrscheinlich wäre die Strafe höher ausgefallen, wenn er minderjährig gewesen wäre, aber einen Achtzehnjährigen konnte man nur schwer zu Hause einsperren. Bei Todd war es nahezu unmöglich, er war schließlich erwachsen und tot und hatte uneingeschränkten Zugang zur Unterwelt. Harmony schaffte es ja kaum, ihn solange an einem Ort festzuhalten – ob sichtbar oder unsichtbar –, wie die Standpauke dauerte.

„Er schläft noch. Was war da gestern Abend überhaupt los?“

Ich warf meinen Mantel aufs Sofa und tat ganz cool, obwohl ich Nashs Mutter noch schwerer anlügen konnte als meinen Vater. „Party bei Scott. Doug Fuller ist mit seinem Mustang in mein geparktes Auto gerast.“

„Oh nein!“ Harmony blieb in der Küchentür stehen. „Du bist aber versichert, oder?“

„Nur Haftpflicht.“ Mehr konnte ich mir nicht leisten mit meinem Zwölfstundenjob im Cinemark Kino. „Aber Dougs Eltern sind stinkreich, und mich können sie auf keinen Fall dafür verantwortlich machen. Ich saß ja nicht mal im Auto.“

„Da hattest du aber Glück im Unglück, stimmt’s?“ Sie deutete auf Nashs Zimmertür. „Weck die Schlafmütze ruhig auf. Vielleicht möchte er ja was essen. Ich backe gerade Apfel-Zimt-Muffins.“

Harmony war immer am Backen, und dabei gebrauchte sie nie eine Fertigmischung. In dieser Beziehung ähnelte sie eher einer Oma als einer Mutter, obwohl sie vom Aussehen her genauso gut Nashs Schwester hätte sein können. Trotz ihrer zweiundachtzig Jahre hatte sie das Gesicht und den Körper einer Dreißigjährigen.

Das langsame Altern war so ziemlich der einzige Vorteil, der mir zum Banshee-Dasein einfiel. Mein Vater war einhundertzweiunddreißig und sah aus wie vierzig.

Als Nash nicht auf mein Klopfen reagierte, schlüpfte ich ins Zimmer und betrachtete ihn beim Schlafen. Er trug nichts weiter als Boxershorts und sah irgendwie verletzlich aus, wie er da so lag, das Gesicht halb im Kissen vergraben und ein Bein in die Decke gewickelt.

Ich kniete mich neben das Bett und strich ihm sanft eine Haarsträhne aus der Stirn. Obwohl es im Zimmer warm war, fühlte sich seine Haut ganz kühl an. Als ich ihn gerade zudecken wollte, verzog er das Gesicht zur Grimasse, ohne die Augen zu öffnen.

Sein Atem ging viel zu schnell. Fast keuchend. Dann knirschte er laut mit den Zähnen und stieß ein hilfloses Wimmern aus. Die Muskeln an seinen Armen begannen hervorzutreten, und er krallte die Hände ins Laken.

Es musste ein Albtraum sein. Sollte ich ihn wecken oder zu Ende träumen lassen? Noch bevor ich mich entschieden hatte, riss er keuchend die Augen auf, schien mich aber gar nicht zu erkennen. Stattdessen krabbelte er aus dem Bett, stellte sich mit dem Rücken gegen die Wand und starrte mich an. Sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch, und er blickte mich panisch an, bevor er mich endlich erkannte; mittlerweile raste mein Puls auch wie verrückt.

„Kaylee?“, flüsterte er, als traue er seinen Augen nicht.

„Ja, ich bin’s.“ Als sich sein Atem langsam beruhigte, stand ich auf. „Hattest du einen Albtraum?“

Er fuhr sich mit den Händen übers Gesicht, wie um sämtliche Erinnerungen daran wegzuwischen. Danach hatte er sich scheinbar unter Kontrolle und seine Augen auch. „Sieht so aus.“

„Worum ging es?“

„Daran kann ich mich nicht erinnern.“ Stirnrunzelnd sank er aufs Bett. „Ich weiß nur noch, dass es schlimm war. Aber das Aufwachen ist dafür umso besser …“

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