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Streuner in Paris

Als Buch hier erhältlich:

Paras ist ein temperamentvolles junges Rennpferd, das in einem Stall auf dem französischen Land westlich von Paris lebt. Eines Nachmittags stößt sie das Tor ihres Stalls auf – sie ist ein neugieriges Fohlen – und kommt nach einer Reise durch die Nacht zufällig in Paris an. Die Sehenswürdigkeiten, Geräusche und Gerüche, die sie umgeben, sind neu für sie, aber sie hat keine Angst. Bald lernt sie einen eleganten Hund kennen, Frida, die weiß, wie man in der Stadt zurechtkommt, ohne die Aufmerksamkeit misstrauischer Pariser auf sich zu ziehen. Paras und Frida leben eine Zeit lang im sich an den Eiffelturm anschließenden Marsfeld, genährt von Fridas strategischen Ausflügen zur Metzgerei und zum Gemüsemarkt. Sie haben Gesellschaft von zwei Enten und einer eigensinnigen Krähe. Doch dann trifft Paras einen Menschenjungen, Etienne, und entdeckt einen neuen, andersweltlichen Teil von Paris: das abgelegene, von Efeu ummauerte Haus, in dem der Junge und seine fast einhundert Jahre alte Urgroßmutter ruhig und für sich leben. Eine Freundschaft entsteht zwischen Mensch und Tier. Doch wie lange kann ein entlaufenes Pferd unentdeckt in Paris leben? Und wie lange kann ein Junge es verstecken und ganz für sich behalten?

»Wenn man hört, dass ein Roman von einem sprechenden Pferd in Paris handeln soll, ist das lustig, denn es könnte wunderbar sein oder es könnte banal und kitschig sein«, so Smileys Lektorin Diana Miller (Knopf). »Ich war beeindruckt von der Art und Weise, wie Jane es elegant und anspruchsvoll gemacht hat. Es ist äußerst charmant und fröhlich. Vor allem in Anbetracht dessen, was in diesem Jahr passiert ist, ist die Arbeit an diesem Buch eine wirklich vergnügliche Flucht.«
  • Erscheinungstag: 20.12.2021
  • Seitenanzahl: 288
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312012534
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Eins

Paras hatte ihr Rennen gewonnen. Sie hatte Hindernis für Hindernis mit großer Freude und, wie sie fand, formvollendet genommen. Das zweitplatzierte Pferd, ein Fuchswallach irgendwo aus dem Süden, lag so weit hinter ihr, dass sie seinen Hufschlag auf dem Geläuf gar nicht mehr hörte. (Und natürlich schrien auch die Zuschauer.) War sie doch geradezu über die Ziellinie getanzt – so hatte sie es empfunden. Alle waren glücklich, der Jockey sprang mit einem Rückwärtssalto ab, die Pflegerin gab ihr einen Kuss, ihre Trainerin Delphine umarmte sie, sie bekam drei braune Zuckerwürfel, und als sie später wieder abgekühlt und ruhig war, wirklich ausgezeichnete Karotten.

Es war das letzte Rennen an diesem Novembertag und das letzte der Saison. Der Transporter war bereits vor ihrem Start mit vier Pferden abgefahren, er musste noch einmal wiederkommen, um sie abzuholen, doch er ließ auf sich warten. Der Stall war leer, ihre Pflegerin Rania war, wie sie sagte, ins Bad gegangen. Warum nicht in die Box, fragte sich Paras. Aber auf diese Frage sollte sie nie eine Antwort erhalten.

Die Dämmerung legte sich über den weitläufigen Rasen der Pferderennbahn von Auteuil. Die Hindernisse verwandelten sich in Schatten und hoben sich von dem immer noch leuchtendgrünen Gras ab. Paras tat, was sie schon so oft getan hatte, und drückte gegen die Boxentür. Doch diesmal passierte etwas Unerwartetes. Die Tür schwang auf. Paras zögerte einen Moment, dann trat sie vorsichtig auf den feinen, knirschenden Kies und schnaubte. Alles blieb ruhig. Von hier konnte sie sehen, dass sämtliche Boxen leer und dunkel waren. Die leuchtendste Farbe rundherum war wirklich das Grün der Rennstrecke, es leuchtete so strahlend, dass sie fast nicht gewagt hätte, dort hinzugehen. Doch sie war eine äußerst neugierige junge Stute.

Am Boden sah sie verschiedene Dinge, die Rania dortgelassen hatte: den Putzkasten mit den vielen Bürsten, ihre blaue Winterdecke und etwas, das, wie sie wusste, »Handtasche« hieß. Nur die fand Paras interessant. Sie hatte schon viele Handtaschen gesehen und noch mehr darüber gehört, genauso wie über das Preisgeld. Das Preisgeld war bestimmt in der Handtasche, und das Preisgeld hatte ja sie gerade gewonnen. Sie senkte den Kopf, schnupperte, entdeckte den Henkel der Handtasche und hob die Tasche hoch. Dann trabte sie aus dem Stall und auf die Rennbahn. Eigentlich, dachte sie, fühlte sie sich für so ein langes Rennen mit vierzehn Hindernissen noch immer ziemlich tatendurstig. Quietschend bockte sie los.

Zuerst kam Paras sicher gar nicht der Gedanke, dass sie gerade abhaute. Im Grunde mochte sie die Rennen und Delphine und Rania, ihre »Besitzerin« Madeleine, viele der anderen Pferde und auch ihre schöne, saubere Box in Maisons-Laffitte. Sonst kannte sie ja nicht viel. Genauso wie alle anderen Pferde im Stall war sie auf einem hübschen, ländlichen Hof zur Welt gekommen und lebte schon seit ihren Fohlentagen in Maisons-Laffitte. Schon eine ganze Weile galoppierte sie mit den anderen Pferden, fraß, fuhr im Transporter und lief Rennen, galoppierte, fraß, fuhr im Transporter und lief Rennen, eigentlich so lange Paras denken konnte. Es war ein aktives Leben, und in Maisons-Laffitte war immer viel los, vor allem wenn man Hindernisrennen lief. Aber die Pferde unterhielten sich auch darüber, was es da draußen wohl noch so gab. Ein paar Weltenbummler aus dem Süden oder von der anderen Seite des Ozeans kannten andere Rennbahnen und spielten sich ein bisschen damit auf. Manche sagten auch, sie hätten dieses Leben satt, allerdings sagten sie nicht, was sie lieber tun wollten. Im Grunde war kein anderes Pferd so neugierig wie sie, dachte Paras.

Und das also war das Gras. Man nannte es Geläuf, aber eigentlich war es eine fette, grüne Wiese, so verlockend wie Wiesen nur sein konnten, doch kein Rennpferd kostete je auch nur einen Halm davon, dachte nicht einmal daran. Rennpferde rannten. Paras nahm ein paar Happen.

Und zweifellos war das Gras wirklich köstlich, mild, wohlriechend, schmackhaft, es schmeckte ein wenig fruchtig. Und es kaute sich ganz wunderbar, war nicht zu laff und nicht zu hart, so wie das Heu. Es machte einfach Freude, die frischen Halme abzubeißen. Knabbernd ging Paras weiter, fiel ab und zu in Trab, bockte ab und an los und stieg sogar zwei Mal, nur weil es Spaß machte. Aber die Handtasche behielt sie trotzdem im Auge. Wenn sie sie zu weit zurückgelassen hatte, kehrte sie um und holte sie. Schon bald wurde es vollkommen finster, doch das war Paras egal. Auch im Dunkeln sah sie ziemlich gut.

Paras tollte herum, graste, passte auf ihre Handtasche auf, schnupperte hie und da an einem Hindernis und dachte an ihr Rennen. Interessante Kräuter und Büsche prüfend lief sie weiter, fand sich plötzlich zwischen Bäumen wieder und stand dann auf einmal neben etwas, das sie als Straße erkannte. Die Transporter fuhren auf der Straße, und sie war schon über viele Straßen gefahren.

Drüben auf der anderen Seite gab es offenbar einiges von Interesse: noch mehr Bäume, noch mehr Wege. Ein paar hohe Gebäude. Dazwischen eine andere Straße. Autos, die kannte sie gut. Die Autos parkten ziemlich dicht an Häusern, die hie und da erleuchtet waren. Dort drüben gab es Gras, und das lockte sie schließlich hinüber. Ihre Hufe hallten auf dem Asphalt angenehm wider, sie hob den Schweif, wölbte den Hals und prustete ein paar Mal. Schon bald lag der Park weit hinter ihr.

Keiner wusste, dass Frida am Place du Trocadéro lebte, aber so war es. Frida, eine elegante Deutsch-Kurzhaar-Hündin, war weißgefleckt, mit braunem Kopf und zwei großen braunen Flecken am Rücken. Stolz setzte sie sich mal hier, mal dort auf den Platz, so als würde sie zu jemandem gehören und nur darauf warten, nach einem schönen Spaziergang wieder heimgeführt zu werden. Weil rund um den Place du Trocadéro viele Leute unterwegs waren, fiel das niemandem auf, auch lag dort so viel Essbares herum, dass sie perfekt ihre Linie halten konnte. Und sie vergaß nie, sich tagtäglich sorgfältig von Kopf bis Fuß zu pflegen. Den Platz kannte sie bis in den letzten Winkel, da ihr ehemaliger Besitzer Jacques dort viel Zeit verbracht hatte. An dieser Stelle liefen sieben Straßen in einem schönen Kreisel zusammen, in der Mitte eine kleine, mit Bäumen und Büschen gesäumte Rasenfläche, die Autos mussten also langsamer fahren und die Chancen, dass man Jacques etwas gab, standen gut. Leicht bergan befand sich ein überfüllter Friedhof, auf dem Jacques bei warmem Wetter übernachtet hatte. Gegen Abend ging Frida dorthin. Dann gab es noch zwei große Gebäude und dazwischen eine rutschige Freifläche, die Frida nicht mochte. Jacques sprach vom Palais de Chaillot. Dahinter erstreckte sich jedoch ein weitläufiger Park mit Bäumen und verschlungenen Wegen, der bis zum Fluss hin abfiel. Das hieß viel Platz zum Herumrennen und viele herumschlendernde Leute, die Jacques auch etwas gaben. Frida badete regelmäßig in dem Becken unterhalb vom »Palais«. In Paris durfte man kein schmutziger oder übel riechender Hund sein, sonst sackte einen die Polizei mit Sicherheit ein.

Frida war noch nie von der Polizei eingesackt worden. Jacques hatte ihr eindringlich klar gemacht, wie furchtbar das wäre. Er musste bloß von Weitem ein Polizeiauto oder einen Polizisten sehen, da stand er schon vom Bürgersteig auf, packte Teller, Matte und Gitarre zusammen und führte Frida die nächste Straße hoch. Jacques kannte alle Straßen, Hinterhöfe und Friedhöfe, besonders, wie er es nannte, an der Rive Gauche. Frida und er hatten an vielen Stellen übernachtet. Und dann wachte Jacques eines Morgens in einem kleinen Hof, ein kleines Stück flussabwärts, nicht auf, schon kam die Polizei, und Frida schlich sich davon. Aus sicherer Entfernung beobachtete sie, wie sie ihn hochnahmen, in einen Van hoben und davonfuhren. Das hatte sie bis heute nicht verstanden. Die Gitarre ließen sie liegen. Frida war noch zweimal zurückgekehrt, hatte daran geschnüffelt, um herauszufinden, was passiert war, aber vergeblich.

Als man Jacques weggefahren hatte, war es noch heiß und gleißend gewesen, die Bäume trugen Laub, doch jetzt wurde es langsam kälter, das Laub war von den Bäumen gefallen, und auch wenn die Passanten Frida manchmal tätschelten, musste sie sich eingestehen, dass sie eigentlich völlig allein war und nicht wirklich wusste, was sie jetzt machen sollte. Außer Jacques hatte sie keinen einzigen Freund besessen, und Jacques hatte keine Freunde. Wie man Freunde fand, ob Mensch oder Tier, war Frida ein Rätsel. Denn nicht nur Jacques war ein Einzelgänger, der andere von sich fernhielt, auch die Pariser Hunde, die hübsch gestriegelt an ihrer Leine liefen, blieben lieber für sich. Wenn Frida sich näherte, bellten sie auf der Stelle los.

Als Frida jetzt im Dämmerlicht Paras hinter dem Zaun des Place du Trocadéro grasen sah, wusste sie darum noch längst nicht, dass sie Freundinnen werden würden. Eigentlich wusste sie gar nichts, außer, dass sie so etwas noch nie gesehen hatte: ein graziles, anmutiges Pferd, das nicht vor eine Kutsche gespannt war und das gierig Gras verschlang. Frida ließ sich auf ihr Hinterteil nieder, als hätte Jacques ihr »Frida! Assieds!« befohlen, und starrte das Pferd an. Bellte zwei Mal. Die Pferdeohren zuckten, aber der Kopf hob sich nicht.

Als Hund musste man mit Pferden vorsichtig sein. Pferde hatten große Hufe und große Zähne und konnten flink oder zu ungeschickt sein. Jacques gab den weißen Kutschpferden, wenn die Kutscher nicht guckten, manchmal ein Stück Apfel, aber Frida durfte nie an den Pferden schnüffeln oder sie näher erkunden. Trotzdem stand sie jetzt auf, sprang über den niedrigen Zaun und näherte sich dem Pferd. Nicht so nah, dass sie es beschnuppern konnte, doch nah genug, um sich anzuschauen, was da neben ihm lag und sehr nach einer Lederhandtasche aussah. Für Frida gab es kaum Faszinierenderes als Lederhandtaschen. Die Menschen trugen, dicht an sich gepresst, immer eine bei sich, kleine oder große, duftende oder weniger duftende. Und daraus kam alles Mögliche zum Vorschein, vor allem Kleingeld. Wenn Frida und Jacques am Straßenrand standen, Jacques ein Lied auf der Gitarre anschlug und Frida freundlich und aufmerksam guckte, regnete es nur so Kleingeld auf ihren Teller. Mit der Zeit begriff Frida, dass das etwas Gutes sein musste, vor allem als sie beobachtete, wie Jacques das Geld abends lächelnd zählte.

So leise, wie sie sich an einen Vogel heranpirschte, rutschte Frida, den Kopf am Boden, mit vorgestreckter Schnauze und gespitzten Ohren, in Richtung Handtasche. Das Pferd mampfte weiter Gras.

Wenn das eine Handtasche mit Reißverschluss gewesen wäre, hätte Frida sie wohl niemals öffnen können und diese Geschichte wäre vermutlich ganz anders verlaufen. Delphine hätte Paras gefunden und heim nach Maisons-Laffitte gebracht, und Frida hätte auf andere Weise versucht, Freunde zu finden. Aber die Handtasche hatte einen Magnetverschluss und ließ sich ziemlich leicht öffnen. Als die Klappe einmal offen war und Frida mit der Schnauze leicht auf die Tasche drückte, quoll der Inhalt hervor, und was sie sah, war Geld. Ja, da waren auch ein Lippenstift und eine Haarbürste, aber vor allem Geldscheine in allen Farben (Hunde sehen Rot als Braun, Blau als Blau und Grün als Weiß). Frida wusste, welche Scheine Jacques besonders interessant fand. Mit den weißen Scheinen hatte sie nicht viel Erfahrung, aber als Jacques einmal vor der Station Saint-Michel-Nôtre Dame Gitarre spielte und dazu sang, kam ein großer Mann mit spitzen Stiefeln und ausladendem Hut, hörte einen ganzen Song lang zu und sagte: »Thanks, brother.« Dann ließ er einen weißen Schein in die Schale fallen, beinahe wäre er davongeweht, Jacques konnte ihn gerade noch packen. Frida stupste die Klappe wieder zu und schlich ein paar Schritte rückwärts.

Und stieß genau gegen die Vorderbeine des Pferds. Das Pferd stand über ihr und fixierte sie. Das Geld war so interessant gewesen, dass sie nicht gehört hatte, dass das Pferd sich näherte. Frida erstarrte. Das Pferd schnupperte an ihr, prustete ein wenig, was furchterregend klang, bleckte aber nicht die Zähne. Frida räusperte sich und setzte sich. Würdevoll, wie sie dachte. Das Pferd berührte mit seinen Nüstern Fridas Nase, dann legte es den Kopf auf die Handtasche. Frida verstand. Es hieß: »Die gehört mir.« Wie so oft, wenn Frida nervös war, musste sie niesen. Schließlich brachte sie ein »Hast du dich verlaufen?«, heraus.

»Ich weiß nicht«, sagte das Pferd.

»Kommst du hier aus der Gegend?«, fragte Frida.

»Ich weiß nicht«, sagte das Pferd.

Frida war nie auf der Pferderennbahn gewesen, die eigentlich nur einige Kilometer entfernt lag.

»Wie heißt du?«, fragte Frida.

»Man nennt mich Paras«, sagte das Pferd, »aber eigentlich heiße ich Perestroika, von Moscow Ballett aus Mapleton, von Big Spruce. Ich bin ein Nachkomme von Northern Dancer und Herbager und gehe mütterlicherseits bis auf Saint Simon zurück.«

»Was soll das heißen?«, sagte Frida.

»Das sind meine Vorfahren. Darunter waren berühmte Rennpferde.«

»Und eins kam aus Moskau?«

»Wo liegt Moskau?«

»In Russland. Sogar hier in Paris hört man Leute russisch sprechen.« Frida hatte gehört, wie ihr Mensch Jacques und ein anderer Straßenmusikant darüber gesprochen hatten. Anscheinend liebten die Russen Paris. »Aber du weißt schon, dass ›Perestroika‹ ein russisches Wort ist?«, fragte Frida.

»Nein, das wusste ich nicht«, sagte Paras. Sie hatte es für ein genauso sinnloses Wort gehalten wie »Hü Hott« oder »Verflixtundzugenäht«.

Für ein Wort mit einem so klaren Rhythmus wie ein guter Trab.

Langsam fragte sich Frida, ob das Pferd überhaupt wusste, was in der Handtasche war.

»Ich bin erst drei Jahre alt«, sagte Paras, »noch gar keine richtige Stute.«

»Stute?«

»Ein weibliches Pferd.«

»Denkst du, ich habe das nicht längst am Geruch erkannt?«, dachte Frida, behielt es aber für sich.

Mittlerweile war die Sonne vollständig aufgegangen, aber der Place du Trocadéro lag immer noch einsam da. Vor der Mittagszeit erwachte er nie zum Leben. Frida packte den Henkel der Handtasche mit den Zähnen und ging ein Stückchen weiter, zu dem Teil der Wiese, den die Menschen weniger gut einsehen konnten. Dort ließ sie die Handtasche ins Gras fallen. Erst einmal. Dann setzte sie sich und beobachtete das Pferd. »Was frisst du denn?«, fragte sie.

Das Pferd blickte sich um und entgegnete: »Und was frisst du?«

»Och, je nachdem. Ein wenig Zwiebelsuppe. Wenn ich Glück habe, ein Stückchen Steak. Viel Brot. Käse. Alten croque-monsieur. Gelegentlich ein Hühnerbein, eine Lammhaxe. Knochen. Das Angebot hier ist vielfältig. Allerdings ein wenig käselastig.«

»Und Hafer? Mais? Heu? Äpfel? Karotten?«

»Tja, in der Pâtisserie Carette gibt es leckere Apfeltartes, und manche Salate werden mit geriebenen Karotten serviert. Aber das ist teuer.«

»Was heißt das?«

Frida betrachtete die Stute aufs Neue. Wie groß sie war und so dumm. Na ja, eigentlich wohl »naiv«. Offenbar war sie ihr Leben lang wohlbehütet gewesen und wusste nicht, wie es in der Welt zuging. »Eine schöne Handtasche«, lobte sie.

»Wirklich? Woher weißt du das?«

»Hast du mal reingeguckt?«

»Ist da was drinnen?«

Frida sagte nichts, und Paras wandte sich wieder dem Gras zu.

Nach kurzem Zögern lief Frida ein Stück weiter und legte sich neben den Erdhügel, wo im Sommer und Frühling die Blumen wuchsen. Sie rollte sich nicht wie zum Schlafen zusammen, sondern nahm ihre Denkhaltung ein, den Kopf aufrecht, die Vorderläufe vor sich gelegt, die Hinterläufe angezogen. So konnte sie alles im Blick behalten und gleichzeitig ein wenig entspannen. Eine Hündin, die ihr Leben auf den Straßen von Paris verbrachte, lernte zwangsläufig zu erkennen, wenn vor ihr ein Trottel stand. Offenbar mochte das Pferd die Handtasche, aber sie musste ja nicht die ganze Handtasche stehlen, wenn sie das Geld oder einen Teil davon stehlen wollte. Sie konnte das Geld einfach herausstupsen, in ihr Maul schaufeln, zu ihrem Platz auf dem Friedhof bringen und dort verstecken. Sie hatte ein großes Maul und war geschickt damit. Wenn man zum Frühstück beispielsweise eine Taube fing, musste man mit den Federn irgendwie klarkommen. Und das hatte sie schon oft genug hingekriegt. Das Geld zu nehmen, war also nicht das Problem.

Aber konnte eine Hündin Paris mit so vielen Scheinen verlassen und dahin zurückkehren, wo sie hergekommen war? Dorthin, wo, wie sie sich vage erinnerte, die vielen Bäume standen, wo sie querfeldein rennen konnte und wo es diese wunderschönen, aufregenden Fasane, Gänse, Rebhühner und Rehe gab, die man kaum erjagen konnte? Selbst hatte sie allerdings nie gejagt, weil sie damals noch ein Welpe gewesen war, ihre Mutter jedoch schon. Und die anderen Hunde hatten, als sie ein wenig älter war, über nichts anderes geredet als darüber, wie man sich unbemerkt anpirschte, vollkommen lautlos, ohne auf trockene Blätter oder abgebrochene Zweige zu treten. Aber dann hatte Jacques sie mitgenommen und nach Paris gebracht. Ob er sie gekauft oder gestohlen hatte, erfuhr sie nie.

Konnte sie mit den vielen Scheinen also eine Zugfahrt bezahlen, um an einen solchen Ort zurückzukehren? So wie Jacques einmal. Vor einem Jahr waren Jacques und sie mit dem Zug in eine Stadt gefahren, die Lyon hieß. Jacques hatte sie fast den ganzen Tag über allein in einem Zimmer gelassen und sogar die Gitarre weggepackt. Sie hatten in einem richtigen Bett geschlafen. Aber am Ende konnte selbst das die beklemmenden vier Wände nicht aufwiegen, die sie beide immer nervöser machten. Schließlich fuhren sie mit dem Zug zurück, und obwohl die Bäume schon kahl, die Pfützen hart und eiskalt waren, waren sie froh, wieder da zu sein. Außerdem konnten sie so viel Geld sammeln. Jacques ließ sie ohne ihren Wollmantel neben dem Teller sitzen, die Damen, die im Pelzmantel vorbeikamen, waren durch ihr Zittern bekümmert, und schon stapelte sich das Kleingeld nur so auf ihrem Teller. Bestimmt wäre es schön, irgendwo hinzufahren, wo sie nicht Tag und Nacht vorgeben musste, das Recht zu haben, da zu sein, wo sie war, und um sie herum die meisten Menschen das Gegenteil dachten. Doch wie sie sich eingestehen musste, hatte sie selbst mit all dem Geld keine Ahnung, wie sie das anstellen sollte.

Paras wusste genau, dass Frida ein Hund war. Hunde wurden manchmal gebraucht. In einem Hof des Stallgebäudes hielt Delphine eine kleine weiße Hündin mit Flecken, einen Jack Russell Terrier. Assassin, wie die Hündin hieß, jagte nachts und meist auch den ganzen Tag über Ratten. Nur mittags rannte sie auch mal einem Ball hinterher und ließ die Ratten in Ruhe. Assassin und sie hatten sich manchmal über die Ratten unterhalten. Wie die meisten Pferde hatte Paras nichts gegen Ratten. Wenn eine in der Nähe war, merkte man das gleich, weil sie so viel Lärm machten und nach Ratte rochen, und die paar Getreidekörner oder Heuhalme, die sie fraßen, waren nicht der Rede wert. Auch Assassin hatte persönlich nichts gegen Ratten. Doch, so erklärte sie Paras, wenn sie so flach und flink über den Boden liefen und ins Loch huschten, ziehe sie irgendetwas an ihnen geradezu magnetisch an. Die Hündin bewies Geschick im Rattentöten, und in letzter Zeit machte ihr das Spiel sogar noch mehr Spaß. Nachdem sie immer mehr Ratten umgebracht hatte, waren nur noch die besonders cleveren, schnellen Exemplare übrig geblieben. Früher hatte Assassin alle paar Tage eine Ratte geschnappt, doch nun schaffte sie nur noch eine pro Woche, und das machte sie umso gieriger. Ihr Stallleben war aufregender als das von Paras. Manchmal beneidete Paras sie, weil sie sich nie langweilte. Einen Moment lang blickte Paras Frida an, dann fragte sie: »Tötest du Ratten?«

»Ich hasse Ratten.«

»Wieso?« Das musste so ein Hundeding sein, dachte Paras.

»Die schmecken furchtbar bitter.« Eigentlich hatte sie nur eine einzige gefressen, die tot auf der Straße lag. Nur, um mal zu probieren.

»Warum willst du sie denn fressen?«

»Warum willst du sie sonst töten?«

»Unsere Hündin in Maisons-Laffitte tötet am laufenden Band welche. Sie packt sie am Genick, lässt sie dann fallen und geht weg.«

Frida rümpfte die Nase.

»Dann bekommt sie also Hundefutter?«, fragte sie.

Irgendwie war es Paras peinlich, dass sie recht hatte. »Aber es schmeckt ihr nicht besonders«, sagte sie.

»Manche Hunde fressen einfach alles«, sagte Frida.

Paras schwieg. Schließlich fragte sie: »Reden die Hunde die ganze Zeit nur darüber? Über das Fressen?«

Frida senkte den Kopf, roch verwelkte Pflanzen und feuchte Erde und sagte: »Genau. Und worüber reden Pferde so?«

»Darüber, wer das letzte Rennen gewonnen hat. Wer wohl das nächste Rennen gewinnt. Manche sind die ganze Zeit damit beschäftigt, Ausreden zu finden. Ich rede eigentlich nicht so gern über die Rennen. Wir unterhalten uns auch über die Verwandten. Manche lassen die Pferde links liegen, die nicht mit Northern Dancer verwandt sind. Aber andere Familien sind weniger snobistisch.« Nach kurzem Zögern sagte sie: »Ganz ehrlich, der letzte Tag war ziemlich schön, ohne das Blabla über die Familie von Papa und Mama, über Brüder und Schwestern.« Einen Moment überlegte sie. »Und wir reden auch über die Jockeys.«

»Wer ist das?«

»Wenn wir ein Rennen laufen, sind die Jockeys mit dabei. Mit manchen kommt man besser aus als mit anderen.«

»Die laufen auch?«

»Nein, die reiten auf uns.«

Die Hündin schaute verblüfft. »Damit seid ihr doch langsamer?«

»Schon, aber unter uns, nicht alle Pferde kennen den Weg, die Jockeys haben also schon ihren Sinn. Auch wenn das viele Pferde nicht zugeben würden. Es wird einfach zu viel gemeckert.«

»Was jagt ihr denn?«

Paras dachte nach, dann sagte sie: »Ich weiß nicht.«

Damit war das Gespräch offenbar beendet.

Paras fraß wieder Gras, aber der Morgen verging und bald, das wusste Frida, würden die Cafés wieder öffnen und die Menschen auftauchen, um Jagd aufs Mittagessen zu machen. Und auf keinen Fall würden eine Stute und eine Hündin, die auf dem Place du Trocadéro sich selbst überlassen waren, unbemerkt bleiben. Frida hatte keine Ahnung, wie sie das Problem für Paras lösen sollte. Ein Hund konnte sich hier und da mit aufmerksamem, freundlichem Blick vor die Cafés und Geschäfte setzen, aber ein Pferd war um etliches größer und normalerweise vor eine Kutsche gespannt. Allerdings bemerkten die Leute, die in Paris auf Mittagessenjagd waren, oft gar nicht, was um sie vorging. So gab es überall in der Stadt zahlreiche Statuen, gleich ein Stück weiter beispielsweise einen hohen Sockel mit einem Rappen, der sich nie bewegte, mit wogendem Schweif, obwohl gar kein Wind wehte. Frida hatte noch nie gesehen, dass jemand da hingeguckt hätte.

Doch die Handtasche würde manchen ins Auge fallen, und Frida wollte nicht, dass jemand dort hineinschaute. Darum ging sie hinüber zu Paras, setzte sich vor sie hin, wartete geduldig, bis sie noch ein wenig Gras geschnuppert und gefressen hatte, und sagte dann: »Wenn du leise bist, kannst du hierbleiben, aber die Handtasche solltest du« – und sie sagte nicht »wir« – »gut verstecken. Da ist nämlich Geld drin.« Dann fügte sie noch hinzu: »Die Menschen lieben einfach Geld, jemand könnte dein Geld wegnehmen.«

»Schmeckt es gut?«

»Nein.« Frida hatte tatsächlich schon mal an Geld geknabbert, aus reiner Neugier. »Doch wenn du in Paris leben willst, brauchst du viel Geld«, sagte sie.

»Was macht man damit?«

»Du gibst den Menschen ein bisschen, und sie geben dir dafür etwas zurück.«

»Was zum Beispiel?«

»Karotten, Äpfel.«

Paras schaute die Hündin an und spitzte die Ohren. »Was ist ›Paris‹?«, fragte sie dann.

»Da sind wir gerade. Die Stadt hier. Weißt du denn gar nichts?«

»Ich hab’s dir doch gesagt. Ich bin noch eine sehr junge Stute. Erst am ersten Januar bin ich älter als drei. Dann weiß ich viel mehr. Wie alt bist du denn?«

Frida antwortete nicht. Sie wusste es nicht.

Eigentlich, dachte sie einen Moment, ging sie das Pferd trotz Geld und Handtasche doch gar nichts an. Warum verzog sie sich nicht einfach in ihre Hütte auf dem Friedhof, tat so, als habe sie Paras nie gesehen und lebte einfach weiter wie bisher? Doch dann fiel ihr ein, dass sie gar nicht wusste, wie sie einfach so weiterleben sollte. Schon mit Paras zu reden, war endlich einmal etwas ganz anderes. Selbst die Hunde, die sie nicht gleich anbellten und sogar anschauten, wandten sich ab, wenn sie nach ihrem Halsband und ihrer Leine Ausschau hielten und nichts fanden. Frida seufzte. Manchmal muss man bei dem Gedanken an das, was man tun möchte, seufzen, einfach weil es so schwer ist.

Es war kein schöner Tag mehr. Er hatte sonnig begonnen, jetzt eilten erste Wolken über den Himmel und Wind kam auf. Frida roch, dass er keinen Regen mitbrachte, doch das noch nicht weggefegte Laub wirbelte um sie herum. Auch Paras merkte es. »Bist du müde?«, fragte Frida.

»Ja«, sagte Paras. »Das Rennen gestern war hart, und ich habe fast die ganze Nacht die Gegend erkundet.«

»Legst du dich hin, wenn du müde bist?«

»Natürlich«, sagte Paras.

»Also, vielleicht solltest du ein bisschen dösen. Ich zeig dir, wo.« Frida führte Paras über die kleine Wiese zu der Stelle, wo Hecken und Büsche standen. »Wenn du dich dicht an die Hecke legst und möglichst klein machst, sieht dich vielleicht keiner«, sagte sie.

»Und was ist, wenn mich jemand sieht?«

»Dann kommst du ins Gefängnis.« Jacques hatte sie immer wieder gewarnt, sich nicht zu weit von ihm zu entfernen, wer nach dreckigem Streuner aussehe, komme ins Hundegefängnis, wo es noch enger sei als in dem Zimmer
in Lyon.

Als Frida zitternd und mit düsterem Blick vom Gefängnis erzählte, begriff Paras, dass das kein guter Ort war. Darum folgte sie ihr zu den komisch geschnittenen Hecken und schmiegte sich an einer einigermaßen versteckten Stelle so dicht wie möglich daran. Sie zog die Hinterbeine unter sich, winkelte die Vorderbeine an, nahm den Kopf zur Seite und legte ihn zwischen den Hufen ab. Da Paras geschmeidig, schlank und behände war, liebte sie es, so zu schlafen. Frida nahm die Handtasche, schob sie mit der Schnauze unter die Hecke und vergewisserte sich noch einmal, dass der Magnetverschluss zu und die Tasche nicht zu sehen war. »Nach dem Mittag habe ich einen Plan«, sagte sie.

»Mittag?«

»Dann kommen die Menschen zum Essen hierher. Aber heute sind alle Cafés geschlossen, und sie essen drinnen.
Das ist gut für uns.«

Paras war wirklich schläfrig. Sie blies die Luft aus den Nüstern und ließ die Augenlider zufallen. Schon bald machten ihre Lippen ein säuselndes Geräusch. Frida saß daneben und beobachtete sie, so wie sie Jacques früher beobachtet hatte, ehe er verschwand.

Zwei

Die Menschen auf dem Place du Trocadéro waren vielleicht zu geschäftig oder zu verfroren, sie schauten auf ihrem Weg von Gebäude zu Gebäude einfach nur zu Boden und bemerkten Paras darum nicht. Vielleicht flogen zu viele Blätter durch die Luft oder die Wolken kamen und gingen zu schnell, und die Menschen waren durch das blinkende Wechselspiel von Sonne und Schatten geblendet und bemerkten die schlafende, schön gewachsene, kastanienbraune Zuchtstute neben der Hecke darum nicht, gleich unterhalb von der Pferdestatue vor dem riesigen Gebäude. Doch einer sah alles ganz genau, von Anfang an, einer, der wusste, dass Frida auf dem Platz lebte und eine Streunerin war. Dieser eine war Raoul. Raoul war ein Rabe, und sein Nest befand sich auf einem Baum gleich in der Rue Benjamin-Franklin. Meistens lebte er dort allein. Er mochte Paris. Anders als die übrigen Raben, die er kannte. Besonders die Weibchen und Jungvögel bevorzugten den Wald im Westen, den die Menschen »Bois de Boulogne« nannten, oder flogen noch weiter aufs Land. Raoul kannte diese ganzen Gegenden ziemlich gut, aber für einen Vogel in seinem Alter, also alt, alt und nochmals alt, bot die Stadt einfach mehr Vorzüge, es gab mehr zu tun, zu sehen und weniger Streit. Die Raben waren ein streitlustiges Völkchen, und davon hatte Raoul genug. Wahrscheinlich wussten die anderen Raben gar nicht, dass er eine Partnerin hatte, Imelda, fast so alt wie er. Sie beide hatten viele gemeinsame Nachkommen, so viele, dass sie sich in aller Freundschaft getrennt hatten, als Imelda ihm zu verstehen gab, dass sie es leid war, sich zu vermehren und sich seine, wie sie es nannte, endlosen Ausführungen anzuhören.

Raoul schaute Paras eine Weile beim Schlafen zu, dann beobachtete er, wie Frida aufstand, zum einzigen Café hinüberging, das Tische draußen stehen hatte, und unter einem Tisch ein Stückchen Brot entdeckte, das die Reinigungskräfte übersehen hatten. Dann pflanzte sie sich vor einem mittelgroßen Kind auf, blickte ihm ins Gesicht, und natürlich reichte ihr das Kind etwas, wohl einen Käsewürfel. Die Mutter machte jedoch ein böses Gesicht und drohte mit dem Zeigefinger, da trollte sich Frida. Auch Raoul hatte ein paar Mal versucht, Menschen zu bewegen, ihm etwas zu geben, aber sie hatten nur gelacht. Doch eigentlich war das egal. Er fraß alles und besonders gern die winzigen, knusprigen, salzigen Ameisen. Und im Übrigen war er, wie er ohne Umschweife zugeben würde, sowieso ein bisschen zu dick.

Raoul flog zu seinem Nest zurück und kauerte sich hinein. Das Nest lag sehr günstig, zu einer Seite gut geschützt, dennoch mit Blick auf die Nachbarschaft. Die Nachbarschaft bestand, wie Raoul fand, vor allem aus vielen albernen Vögeln, Spatzen, Ammern, Waldsängern, Schwalben, Meisen. Ganz zu schweigen von den Spechten an den Stämmen, den Drosseln am Boden und den Tauben überall. Paris war die Stadt der Vögel, und wenn die Stare die Könige waren, dann waren die Raben die Ritter. In der Stadt der Vögel herrschte reichlich Lärm. Meistens konnte Raoul nicht einmal hören, was die restliche Stadtbevölkerung sagte. So laut waren die Aves.

Wenn Raoul später am Tag noch einmal an Paras dachte, fand er sie höchstens seltsam, und wie alle Seltsamkeiten, die seit jeher zu Paris gehörten, würde auch diese bald vorübergehen. Draußen auf dem Land verliefen die Tage gleichförmig: Die Sonne ging auf, der Regen fiel oder nicht, der Wind blies aus der einen oder aus der anderen Richtung, das Gras wurde länger, und die Weibchen und Jungvögel zankten sich ewig um Kleinigkeiten.


Paras schlief lange und wachte schließlich nervös auf. Sie war nicht in ihrer Box in Maisons-Laffitte und auch nicht in der an der Rennbahn, und die seltsame eckige Pflanze, die an ihrem Rücken pikste, kannte sie auch nicht. Stattdessen lag sie im Dreck. Sie prustete und wäre beinah aufgesprungen, doch dann sah sie Frida, die mit hübsch geschlossenen Vorderläufen und kantigem Hinterteil vor ihr saß. »Du hast lange geschlafen«, sagte Frida. »Es wird schon dunkel.«

Ja, das stimmte, der Himmel verdunkelte sich noch rascher als die Erde, nur die Gebäude ringsumher behielten einen fahlen Glanz. Da erkannte Paras, dass es ein schrecklicher Fehler gewesen war, die Boxentür an der Rennbahn aufzudrücken und hinaus in die Welt zu springen.

»Aber die Tage sind ja jetzt auch ziemlich kurz«, sagte Frida zitternd. Auch Paras zitterte. Sie stellte die Vorderbeine auf und hievte sich hoch. Als sie sich schüttelte, rieselten Blätter von ihrem Rücken. Sie ächzte. Frida schob die Schnauze unter die eckige, ungenießbare Pflanze (Paras kostete davon) und zog die Handtasche hervor. Paras hatte sie schon vergessen. Genau in dem Moment flog ein Rabe an Paras’ Kopf vorbei und landete zwischen ihr und Frida auf der Wiese. Paras fragte sich gerade, wie sie bloß zur Rennbahn zurückfinden sollte, sie war wirklich sehr durcheinander und das schien ihr das Beste, und Frida fragte sich, ob ihre neue Freundin, okay, auch ihre neue Geldquelle, etwa vorhatte, zu verschwinden. Und weil Frida sich das fragte und abgelenkt war, ging sie nicht sofort auf den Raben los. Zwar hatte sie noch nie einen Raben getötet, aber ein Vogel war ein Vogel, ein Vogel, ein Vogel und sie war ein Vogelhund. Doch als der Rabe den Kopf schieflegte und sie geradewegs anblickte, gab sie ihr Vorhaben auf. Paras beugte, neugierig wie sie war, den Kopf, schob das Maul vor und schnupperte an dem Vogel. Er ließ sich das gefallen.

»Ich spreche sieben Sprachen«, sagte er.

Als keiner reagierte, plusterte sich Raoul ein wenig auf und sagte: »Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Romani, Baskisch und Chinesisch. Vielleicht wissen Sie das nicht, aber alle Vögel sprechen Chinesisch. Allerdings gibt es so viele Dialekte, dass wir uns manchmal kaum verständigen können.« Dann räusperte er sich, beschritt einen kleinen Kreis, hob bedächtig die Flügel, senkte sie wieder und spreizte die Schwanzfedern. »Wenn Sie so freundlich wären, mir Ihre Namen zu nennen.«

»Perestroika, von Moscow Ballet, aus M …«

»Danke, das genügt. Und Sie?« Er zeigte mit einem Flügel auf Frida.

»Frida«, sagte diese.

»Das ist alles?«

Frida nickte.

»Ich heiße Sir Raoul Corvus Corax, der Dreiundzwanzigste. Mein Sitz ist gleich dort drüben, in der Rue Benjamin-Franklin, aber der Familienbesitz befindet sich draußen in Châteaufort, immer Richtung Versailles, dann rechts.« Das Pferd und die Hündin blickten Raoul ausdruckslos an, so wie Pferde und Hunde es oft tun. Raoul räusperte sich noch mal. »Wie ich von meinem Nest im Baum«, diesmal hob er den rechten Flügel, »bemerkt habe, sind die beiden Damen offenbar in Not.«

»Ich habe Hunger«, sagte Paras.

»Ach«, sagte Raoul. »Bitte korrigieren Sie mich, falls ich mich irre, aber als Equus caballus ernähren Sie sich von rohem Gras, Kleinpflanzen, Körnern, Samen, Wurzelgemüse und, wenn Sie sie bekommen, Äpfeln.«

Paras nickte.

»Zweifellos eine nahrhafte und ballaststoffreiche Ernährung, aber wenn ich das als Avis sagen darf, wenig abwechslungsreich und schmackhaft. Wenn auf Ihrem Heu eine Fliege oder Grille sitzen, speien Sie sie sicher aus, oder?

»Genau.«

»Dabei ist das gesamte Insektenreich äußerst aromatisch und nährstoffreich«, führte Raoul aus, »und ein natürliches Heilmittel gegen sämtliche Leiden. Hä.« Er schaute zu Frida, die sagte: »Das habe ich alles probiert.«

»Ich bin sehr hungrig«, sagte Paras.

»Ich glaube, ich kann Ihnen behilflich sein und Ihnen aufzeigen, was die Vorsehung in dieser wunderbaren Stadt Paris mit Ihnen vorhat. Das hier ist der schönste Flecken Erde, wie mir meine weit gereisten Berichterstatter, vor allem Albatrosse, bestätigen, und ich kenne mich hier gut aus. Sie dürfen sich also, wenn ich das so sagen darf, in mehrfacher Hinsicht glücklich schätzen, nicht nur, weil Sie zum Glück mir begegnet sind. Es mag zwar momentan so aussehen, als ob es in der Nähe keine saftigen, wasserreichen Wiesen gäbe. Doch wenn Sie die Vogelperspektive einnehmen könnten, wüssten Sie, dass das nicht stimmt.« Mittlerweile war es noch dunkler geworden. Und als nirgendwo mehr ein Auto zu sehen war, sagte Raoul: »Folgen Sie mir.«

Und das taten die beiden, Frida misstrauisch, Paras hungrig. Raoul flog voraus, sacht im Wind schwankend, ungefähr einen Meter über Fridas Kopf und zwei Meter vorneweg. Frida trug die Handtasche. Offenbar hatte Paras akzeptiert, dass sie dafür verantwortlich war. Raoul führte die beiden zur Straße, dann zu einem niedrigen Zaun, knapp einen Meter hoch. Ein furchtbarer Anreiteweg, dachte Paras. Gerade als sie versuchte, die Distanz abzuschätzen, drückte Frida den Zaun mit der Schnauze auf und ging hindurch. Paras folgte.

Der Weg führte leicht bergab an einer hohen, geschwungenen Mauer entlang, und war an einer Stelle recht schmal. Aber Paras schnappte nach ein paar Grashalmen und trank auch aus einem kleinen Teich. Das Gras war kurz und eher fad, hier und da probierte sie es mit einem Blatt. Aber als der Weg breiter wurde, standen sie plötzlich an einer grünen, sanft gewellten Anhöhe. Paras schnaubte. Raoul hob die Flügel, streckte die Zehen und landete auf einem Ast. »Ich darf wohl sagen«, sagte er, »dass dies hier der ganze Stolz meiner domaine ist. Die Menschen nennen es ›Palais de Chaillot‹«.

»Wem gehört das?« Frida setzte die Handtasche ab.

»Was sind heutzutage schon Besitztümer?«, sagte Raoul. »Ich wache darüber. Das allein ist mein Anspruch.« Dann sagte er: »Sie haben Hunger, sagten Sie?« Er beschrieb mit beiden Flügeln einen großen Halbkreis, der den gesamten Park einschloss. »Das Insektenreich steht zu Ihrer allfälligen Verfügung, und natürlich lassen kleine Kinder und ältere erwachsene Menschen bei ihrem ziellosen Umherstreifen über Wiesen und Wege ständig etwas fallen.«

Paras fing an zu grasen, achtete aber sorgfältig darauf, um die Bänke und Büsche zu gehen. Frida versuchte, nicht ganz so hungrig auszusehen, wie sie war. Ohne die Handtasche aus dem Blick zu verlieren, schaute sie unter dieselben Bänke und Büsche und stellte sich einmal sogar auf die Hinterbeine, um in einen Mülleimer zu spähen. Zur Belohnung fand sie ein halbaufgegessenes, in Fladenbrot gewickeltes Schisch Kebab. Es lag gleich obenauf, ein Mensch hatte ein oder zweimal davon abgebissen und den Rest, mit dem Papier, in den vollen Mülleimer gestopft. Eine schöne Abwechslung zum Käse, fand Frida. Raoul hüpfte über die Wege, pickte nach diesem und jenem. Wenn er in Nähe der Handtasche kam, betastete er sie mit dem Schnabel. Obwohl Frida sich sicher war, dass er sie nicht anheben konnte, sagte sie: »Die Handtasche gehört dem Pferd.«

Raoul hackte danach.

Da nahm Frida die Handtasche hoch, trug sie ein paar Schritte weiter, legte sie ab und setzte sich darauf.

»Ist das etwas Wertvolles?«, fragte Raoul.

»Gewissermaßen.«

Sie starrten sich an. Schließlich sagte Raoul: »Denken Sie doch einmal nach. Leben die Aves nicht frei und unbeschwert, ohne solche Dinge wie Besitztümer? Selbst ein Nest ist doch nichts als eine vorübergehende Anhäufung von Krempel, Müll, wenn man so will, der gesammelt und in ein komfortables, aber doch flüchtiges Zuhause verwandelt wird. Die meisten Vögel wollen die Welt entdecken und nicht besitzen. Selbst Reviervögel wie ich erheben eher der Form halber Besitzansprüche. Wir suchen vor allem mit anderen Reviervögeln Streit. Wir wollen fliegen. Wir wollen uns streiten. Was ist in der Handtasche?«

»Geld«, sagte Frida. »Viel Geld.«

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