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Tage der Wildblumen

Hope Thompson lebt seit Jahren allein mit ihren Zwillingen in der Idylle von Tranquility Bay. Weil ihr Sohn an Leukämie erkrankt ist, nimmt sie jetzt Kontakt zu ihrer Jugendliebe Nick Fortune auf - nur er kann seinen Sohn retten. Aber Nick wusste bislang nicht einmal, dass er Vater ist. Und dennoch steht er Hope zur Seite und kämpft mit ihr gemeinsam um das Leben ihres Sohnes. Wird das Schicksal sie dieses Mal verschonen? Darf sie ihrer großen Liebe eine zweite Chance geben? Ein Sommer der Entscheidungen liegt vor Hope.

»Fisk feiert alles, was wirklich zählt im Leben: Familie, Freundschaft und die heilende Kraft der Liebe - diese Geschichte ist eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle.«


New-York-Times-Bestsellerautorin Susan Wiggs

»Ein tolles Leseerlebnis, ein hochemotionaler Pageturner. Sie werden sich in diese Figuren verlieben, für die so viel auf dem Spiel steht. Empfehle ich sehr.«


New-York-Times-Bestsellerautorin Susan Elizabeth Phillips

  • Erscheinungstag: 04.06.2018
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955768270
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Rachel

Allein dir verdanke ich es, zu wissen, was Kraft und Mut wirklich bedeuten.

Mein tiefster Dank gilt Christina Hogrebe.

Sie war mir nicht nur in guten Zeiten, sondern vor allem auch in den dunkelsten Stunden eine wichtige Stütze.

Ebenso sehr danke ich Katharine Pelz von ganzem Herzen, weil sie mir dabei geholfen hat, ein weiteres Mal meine Stimme zu finden.

1. Kapitel

Das Telefon lag schwer in Hope Thomsons Hand. Sie strich über die Tasten und verharrte unbewusst bei den Ziffern. Gleich würden sie Hope mit einer Stimme verbinden, die sie seit fast sechzehn Jahren nicht mehr gehört hatte.

Hope dachte daran, sich in einem Schrank zu verstecken. Wenn sie nur von Dunkelheit umgeben wäre, würde ihr der Anruf vielleicht weniger schwerfallen. Ihr war jedoch klar, dass die Dunkelheit Erinnerungen nicht einfach aussperrte – im Gegenteil, vermutlich würde sie wie ein Verstärker wirken und selbst zu einer großen schwarzen Leinwand werden, auf der sich die Erinnerungen in Endlosschleife wiederholen konnten, bis an Schlaf nicht mehr zu denken war.

Sie nahm den Teebecher vom Beistelltisch neben dem Sofa und trank einen Schluck. Der Tee war kalt. Hope erhob sich, um ihn wieder aufzuwärmen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne. Das waren doch alles nur Versuche, das Unausweichliche hinauszuzögern. Also setzte sie sich wieder, griff zum Telefon und wählte schnell, ehe sie gänzlich den Mut verlor.

»Hallo?«

Hope umklammerte das Telefon. Sechzehn Jahre. Es war sechzehn Jahre her, seit sie die Stimme ihrer Mutter zuletzt gehört hatte, doch es fühlte sich an, als wäre es gestern gewesen. »Hallo, Mo… Claire.«

Eine lange Pause entstand, dann hörte sie: »Charlotte, bist du das?«

Hope spürte einen Stich im Herzen. Wieso hatte sie geglaubt, ihre Mutter würde sie erkennen? »Nein. Ich bin’s. Hope.«

Ein leises Rascheln drang durch die Leitung, und Hope wusste, dass ihre Mutter sich auf dem Plastikschonbezug des Sofas bewegt hatte. »Hope?«

»Ich weiß, Claire. Es ist lange her.«

Nach so vielen Jahren hätte es unendlich viele Dinge geben sollen, die sie einander hätten sagen können. Eine Million winziger Details, die das Leben ausgemacht hatten, ihr eigenes, das ihrer Mutter sowie das der beiden Enkelkinder, die Claire niemals hatte kennenlernen wollen. Stattdessen wusste Hope nicht, wo sie anfangen und was sie sagen sollte. Sie könnte so beginnen: Deine Enkelkinder heißen Joshua und Susan. Sie sind intelligent und hübsch und machen mich jeden Tag stolz. Oder so: In ein paar Monaten werden sie sechzehn und können es kaum erwarten, dann endlich ihren Führerschein zu machen. Joshua liebt Football, Musik und Autos. Er hat gerade seine erste feste Freundin, und ich weiß nicht, ob ich mich darüber freue oder ob es mir Angst macht. Und Susan. Sie ist so, wie ich auch gerne wäre: selbstbewusst, klug und witzig. Sie ist Klassensprecherin und zum zweiten Mal in Folge Mannschaftsführerin ihres Fußballteams geworden.

Doch Hope wusste, dass sie nicht um den heißen Brei herumreden, sondern ihrer Mutter die schonungslose Wahrheit sagen musste: Mein Leben gerät gerade zum zweiten Mal völlig aus den Fugen, und dieses Mal brauche ich dich. Wir brauchen dich. Bitte lass uns nicht wieder im Stich.

Sie war dreiunddreißig Jahre alt, und doch zögerte sie, denn sie fürchtete sich vor der Ablehnung, die sie in der Stimme ihrer Mutter hören würde. Stattdessen hörte sie sich fragen: »Wie ist es dir ergangen?«

»Ganz gut. Ziemlich gut sogar, abgesehen von meinem Garten. Wir hatten hier diese schreckliche Hitzeperiode. Ich hätte ihn mulchen müssen, das wäre gut gewesen. Sue Ellen von Piggly Wiggly hat mir noch erzählt, dass sie ihren Garten mulchen wollte, aber ich dachte, ich könnte mir das sparen. Übrigens habe ich letzte Woche eine Klimaanlage bekommen. Hast du eine?«

Eine Klimaanlage. Nach all den Jahren wollte ihre Mutter wissen, ob sie eine Klimaanlage besaß. »Nein, habe ich nicht.«

»Na ja, ich schätze, da oben im Pazifischen Nordwesten brauchst du die auch nicht. Bei dem vielen Regen. Hab noch nie verstanden, wie jemand freiwillig irgendwo leben will, wo es in neun von zwölf Monaten regnet.«

»Das habe ich mir nicht ausgesucht.«

Claire ignorierte Hopes Kommentar, so wie sie immer alles ignorierte, was ihr unangenehm war. »Nun ja.«

Warum hatte sie überhaupt gehofft, ihre Mutter hätte sich geändert? Dieser kleine Riss in ihrem Herzen – eine alte Wunde, die niemals vollständig ausheilen würde – weitete sich noch ein Stück. »Willst du gar nicht nach deinen Enkelkindern fragen?«

Eine lange Pause entstand. »Meine Sendung ist gerade vorbei, Hope. Ich muss los. Wenn ich nicht rechtzeitig aufbreche, komme ich zu spät zu unserer Ausschusssitzung. Ich habe meinen Ananas-Rum-Kuchen gebacken, allerdings habe ich den Rum weggelassen, weil Pastor Gilbert vorbeikommen könnte. Ich glaube, er fände es nicht so gut, uns Frauen etwas anderes als den Messwein trinken zu sehen.«

»Sie heißen Joshua und Susan.«

»Ich muss Schluss machen, Hope.«

»Warte.« Hope schloss die Augen und holte tief Luft. »Bitte, Mom, ich brauche deine Hilfe.«

Ein leises Zischen drang durch die Leitung. »Meine Hilfe?« Wieder entstand eine Pause. »Also wirklich, Hope Marie, du bist inzwischen ein großes Mädchen. Ich weiß wirklich nicht, wie ich dir behilflich sein könnte. Ich dachte, dir geht es hervorragend da oben in Washington.«

»Uns geht es nicht gut.« Hope hatte das Gefühl, als würde ihr Leben langsam wegbröseln wie eine vertrocknete Sandburg. »Mein Sohn hat Leukämie und braucht eine Knochenmarktransplantation. Die Ärzte haben uns gesagt, dass Familienmitglieder am ehesten als Spender infrage kommen.«

Am anderen Ende der Leitung herrschte wieder Schweigen. »Leukämie? Ich wusste schon immer, dass so etwas passieren würde. Habe ich es dir nicht gesagt?«

Wenn du dieses Baby behältst, Hope Marie, wird etwas Schlimmes passieren. Wart’s nur ab. Ich hätte dich Hopeless nennen sollen, denn genau das bist du – hoffnungslos.

Hope war nicht länger siebzehn; dieses Mal würde sie nicht zulassen, dass ihre Mutter sich weigerte, ihr zu helfen.

»Was ist mit deinem anderen Kind?«, fragte ihre Mutter. »Seiner Schwester. Es sind doch Zwillinge, kann sie es nicht machen?«

Hope schluckte und wünschte, der bittere Nachgeschmack in ihrem Mund würde verschwinden. »Susan und ich kommen als Spender leider nicht infrage.« Glaubte ihre Mutter wirklich, Hope hätte nicht jede andere Möglichkeit ausgeschöpft, ehe sie bei ihr anrief?

»Na ja, ich weiß wirklich nicht, wie ich dir da helfen kann. Ich habe es nicht so mit Ärzten. Ich konnte nicht einmal Pastor Gilberts Frau besuchen, bevor sie verstarb, Gott hab’ sie selig! All diese Gerüche und diese kranken Menschen. Ehrlich, Hope, du weißt, wie sehr mich das mitnimmt. Außerdem, gibt es dafür nicht Bestrahlungen oder so was? Als Hester Pritchetts Cousine zweiten Grades aus Alabama Krebs hatte, haben sie ihr etwas gegeben, was sie ziemlich schnell wieder fit gemacht hat. Ich glaube, Hester erwähnte, dass sie ihre Haare verloren hat. Aber ehrlich, Hope, sie ist nicht losgezogen und hat ihre Verwandten um Hilfe gebeten. Nein, ich denke nicht, dass ich etwas tun kann.«

Hope war erstaunt, dass der Hörer nicht zersprang, so fest hielt sie das Telefon umklammert. Doch sie sprach sehr ruhig weiter, denn es war die einzige Möglichkeit, Claire Montgomery beizukommen. »Joshua hat bereits eine Chemotherapie hinter sich, Mutter. Sie hat nicht angeschlagen.«

»Vielleicht bist du mit dem Jungen nicht zu den richtigen Ärzten gegangen.«

»Mein Sohn heißt Joshua, und ich habe die besten Ärzte konsultiert.«

»Es gibt keinen Grund, in diesem Ton mit mir zu reden. Ich habe nur gesagt, dass du ihn vielleicht zu einem dieser Spezialisten bringen solltest.«

»Wir haben Spezialisten aufgesucht. Und sie alle stimmen darin überein, dass mein Sohn eine Knochenmarkspende braucht.«

Claire konnte Hope ignorieren, so sehr sie wollte. Vor ihren Freundinnen aus der Kirche konnte sie auch weiterhin so tun, als wäre ihr einziges Kind nicht mit siebzehn schwanger geworden, sondern hätte stattdessen sehr früh ihren Abschluss gemacht und ein Stipendium für ein sehr weit entlegenes College bekommen. Sie konnte gerne weiter mit dieser Lüge leben. Wenn sie aber nur eine Sekunde lang glaubte, Hope würde zulassen, dass ihre Mutter sich weigerte, ihrem Enkel zu helfen, dann täuschte sie sich gewaltig.

»Ich verstehe immer noch nicht, warum du mich anrufst, wenn du eigentlich diesen Mann kontaktieren solltest.«

»Welchen Mann, Mom?«

Ein ungeduldiges Schnauben drang durch die Leitung. »Ihren Vater natürlich. Ruf doch den an.«

Ihren Vater.

Erneut spürte Hope einen Stich im Herzen. »Alle Verwandten von Joshua müssen getestet werden. Der erste Test, um zu überprüfen, ob du als Spenderin überhaupt infrage kommst, ist ganz einfach. Du musst nur zu deinem Arzt gehen und erklären, was du gemacht haben möchtest. Ich kann ihn anrufen, oder ich kann Joshuas Arzt bitten anzurufen, um die Sache zu erklären, wenn das einfacher wäre.«

»Dieses Problem geht Dr. Brown nichts an.«

Hope seufzte resigniert. »Das dachte ich mir. Joshuas Arzt hat mir den Namen und die Telefonnummer eines Kollegen in St. Paul gegeben. Bitte, ruf ihn an und vereinbare so schnell wie möglich einen Termin. Ich sorge dafür, dass dich ein Taxi hinbringt.« Hope gab ihrer Mutter den Namen und die Telefonnummer des Arztes durch.

»Was wird das kosten?«

»Mach dir wegen des Geldes keine Sorgen. Wenn deine Versicherung das nicht abdeckt oder du es nicht einreichen möchtest, komme ich dafür auf. Es wird dich keinen Cent kosten herauszufinden, ob du deinem Enkel das Leben retten kannst.«

Hope hatte keine Ahnung, woher sie das Geld nehmen sollte, aber sie würde einen Weg finden.

»Du weißt, ich habe nur ein begrenztes Einkommen. Meine Frage ist daher in keiner Weise unangemessen.«

»Ich weiß, Mom, ich weiß.«

Wieder herrschte Schweigen zwischen ihnen. Und dauerte an. Sie hätten genug Zeit gehabt, um Ich habe dich vermisst oder Ich hab dich lieb zu sagen.

Als jedoch klar war, dass ihre Mutter sich nicht weiter äußern würde, fuhr Hope fort: »Ruf den Arzt an …«

Noch ehe sie den Satz beenden konnte, war die Leitung tot.

Resigniert legte sie ebenfalls auf und lehnte sich zurück. Ein vertrautes ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus. Müde griff sie nach der Decke, die hinter ihr auf der Lehne lag, und wickelte sich darin ein, während um sie herum wieder Ruhe einkehrte.

Sie hasste diese neue Wirklichkeit, dieses viel zu stille Haus. Früher war es ein Haus voller Teenager gewesen – voller Lachen, Musik und Lärm. Ein Zuhause, in dem der Kühlschrank und die Regale regelmäßig geplündert wurden und in dem Susan oder Joshua oder einer ihrer vielen Freunde fragte, ob Hope zum Abendessen nicht wieder einmal ihre berühmten Enchiladas machen könnte und ob sie noch ein paar dieser selbst gemachen Eis-Sandwiches im Tiefkühlschrank hätte.

Jetzt war es ruhig im Haus. Und es wirkte so unglaublich kalt, was nichts mit der Außentemperatur zu tun hatte. Viel zu viele Tage waren von nichts anderem erfüllt als von Hopes eigenen Gedanken.

Ruf ihren Vater an.

Hope zog die Decke noch enger um sich und starrte auf das Telefon in ihrem Schoß. Noch bevor sie sich bei Claire gemeldet hatte, war ihr klar gewesen, dass sie noch eine weitere Person anrufen musste. Sie wusste aber auch, dass ihr dieses Gespräch noch schwerer fallen würde als das erste.

Doch für ihre Kinder war sie bereit, alles zu tun. Sie nahm die abgegriffene Zeitschrift vom Tisch und legte sie sich auf den Schoß. Wie aus Gewohnheit fiel die Zeitschrift genau an der Stelle auseinander, die Hope gesucht hatte.

Ein glänzender Rennwagen füllte die Doppelseite. Seine schwarze Karosserie war fast vollständig von bunten Aufklebern bedeckt. Sie überflog den Text, ohne wirklich ein Wort lesen zu müssen, weil sie bereits wusste, was darin stand. Ihr Blick wanderte ans untere Ende der Seite, über die lange Liste von Preisen, die der Fahrer gewonnen, und die Rekorde, die er gebrochen hatte. Erst als sie beim Bild des Fahrers ankam, hielt sie inne.

Nick Fortune.

Manchmal vergingen Wochen … Monate … ohne dass sie an ihn dachte. Doch dann sah sie ihn im Fernsehen oder auf dem Titelblatt einer Zeitschrift, und ihr Herz erinnerte sich an Dinge, die ihr Verstand sie nicht vergessen ließ.

Sie konnte sich nicht zurückhalten, als ihr Blick zum Beistelltisch wanderte. Auf dem Cover einer weiteren Zeitschrift stand: Fortunes Trophäen. In der Mitte des Covers war ein Foto von Nick abgebildet. Um ihn herum standen nicht weniger als zehn wunderschöne, äußerst bekannte Frauen. Der Untertitel lautete: Fortune erobert sie alle.

Die Zeitschrift und der Artikel verrieten nichts Neues. Hope hatte seit Jahren derartige Geschichten über Nick gesehen. Keine ein, zwei Monate konnten vergehen, ohne dass die nächste Story über ihn im Internet oder auf den Titelseiten der Klatschpresse verbreitet wurde. Sie erinnerte sich an den ersten Artikel, den sie über ihn gelesen hatte, kurz nach dem vierten Geburtstag der Zwillinge. NASCARs neues Enfant terrible. Hope hatte nicht besonders viel lesen müssen, um das Wesentliche zu erfassen: Nick Fortune ließ es krachen. Und zwar nicht nur auf der Rennstrecke.

Jetzt richtete sie den Blick wieder auf den Artikel auf ihrem Schoß. Am Seitenrand stand in schwarzer Tinte die Nummer, die sie online gesucht und gefunden hatte. Sie holte tief Luft und wählte schnell.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erklang die sanfte, elegante Stimme einer Frau. »Fortune Enterprises.«

Hope war überrascht, tatsächlich eine menschliche Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören. »Hallo. Ich würde gerne mit Nick Fortune sprechen.«

»Es tut mir leid, Mr. Fortune ist zurzeit nicht erreichbar. Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen?«

Bevor sie Lehrerin geworden war, hatte Hope als Sekretärin gearbeitet, um sich ihr Studium zu finanzieren. Daher erkannte sie ein automatisches »Der Chef ist nicht zu sprechen« auf Anhieb. »Mir ist klar, dass Sie pro Tag vermutlich ein Dutzend Anrufe von Leuten erhalten, die direkt mit Nick sprechen wollen.«

Die Sekretärin lachte leise. »Sagen wir eher fünfzig.«

Das hätte Hope nicht überraschen sollen, dennoch tat es das. »Ich bin eine alte … Freundin.« Sie stotterte und überlegte, mit welchem Wort sich ihre gemeinsame Vergangenheit wohl am ehesten beschreiben ließe. »Ich muss dringend mit ihm sprechen. Könnten Sie mich bitte warten lassen, während Sie ihn fragen, ob er meinen Anruf entgegennimmt?«

»Es tut mir leid.« Die Sekretärin klang ehrlich. »Aber Mr. Fortune kommt erst nächste Woche wieder zurück ins Büro. Wenn Sie eine Nachricht hinterlassen möchten, sorge ich dafür, dass er sie erhält.«

Hope seufzte. »Könnten Sie ihm bitte ausrichten, dass Hope Thompson …« Sie hielt inne, weil ihr bewusst wurde, dass Nick ihren Nachnamen nicht erkennen würde. »Könnten Sie ihm bitte sagen, dass Hope Montgomery angerufen hat und dringend um einen Rückruf bittet?« Sie gab der Sekretärin ihre Festnetz- und Handynummer.

»Ich kümmere mich darum, dass Mr. Fortune Ihre Nachricht bekommt, sobald er zurück ist.«

»Vielen Dank. Und bitte, ich kann nicht oft genug betonen, wie wichtig es ist, dass er mich zurückruft.«

Noch lange nachdem sie aufgelegt hatte, dachte Hope nach. Wie kam sie darauf, dass es dieses Mal anders wäre? Wieso glaubte sie, dass Nick jetzt, nach sechzehn Jahren, zurückrufen würde, wenn er es in all den Jahren nicht getan hatte?

Rockingham war nicht gerade seine Lieblingsrennstrecke, doch immerhin bot sie ihm einen höllischen Kick.

Nick Fortune hielt mit seinen behandschuhten Fingern das Lenkrad umklammert, während ein frischer Schwall Adrenalin durch seinen Körper rauschte. Seine Arme brannten, als er – den Fuß fest auf das Gaspedal gedrückt – den Wagen in die Kurve lenkte und nah am Rand der Absperrung entlangschoss. Er brauchte nicht nach hinten zu schauen, um zu wissen, dass mehr als ein Dutzend Wagen an seinem Spoiler klebten, deren Fahrer ihm die Führung streitig machen wollten.

Rechts. Links. Rechts. Links. Das Lenkrad schlingerte hin und her. Noch immer drückte er das Gaspedal voll durch und hob den Fuß erst in letzter Sekunde – eine Entscheidung, die rein instinktiv erfolgte. Er nahm die Kurve so eng wie möglich … Es wurde knapp … noch knapper … bis er … haarscharf an ihr vorbeigeschrammt war. Wow! Er trat wieder aufs Gas und schoss die Gerade hinunter.

»Fünf Runden«, rief ihm sein Teamchef Dale Penshaw über das Headset zu.

Nick nickte automatisch. Er steuerte Kurve zwei an. Die Schwerkraft und ein ziemlich abgenutztes Reifenset zogen ihn nach außen. Mit aller Kraft kämpfte er darum, auf der Innenspur zu bleiben.

Aus dem Augenwinkel erhaschte er etwas Blau-Orange-Farbenes. Nummer vierundzwanzig, Rick Jarrett, löste sich von der Verfolgergruppe und griff ihn an.

Nick lächelte. Der Junge war gut – aber nicht gut genug. Nick trat wieder aufs Gaspedal und bemühte sich, den Abstand aufrechtzuerhalten. Jarrett blieb ihm auf den Fersen.

Sie nahmen Kurve vier. Nick ließ sich kurz nach außen fallen, zog dann aber wieder nach innen, um Jarrett nicht vorbeiziehen zu lassen.

Ein heißer Wind drang durch das mit einem Netz bespannte Seitenfenster. Er schmeckte den Dreck der Strecke. Schweiß sammelte sich unter seinem Helm, seine Kehle war staubtrocken.

»Vier Runden.« Wieder ertönte Penshaws Stimme über das Headset.

Nick kniff die Augen zusammen und schaute durch sein schmutziges Visier in die grelle Sonne. Er kam aus der Kurve und sah die Zielgerade vor sich. Er wusste, die Fans würden aus dem Häuschen sein. Ihr ohrenbetäubender Applaus vermischte sich mit dem Dröhnen der achthundert PS starken Motoren.

Mit einem Auge behielt er den Kurs im Blick, mit dem anderen den Rückspiegel. Die Fahrzeuge röhrten über den heißen Asphalt.

Jarrett begann, hinter Nick hin und her zu schlängeln. Nick grinste. Der Junge wartete auf eine Gelegenheit. Nick wusste, dass Jarrett versuchen würde, aus dem Windschatten nach vorne zu schießen.

Kurz darauf rasten sie an der weißen Flagge vorbei. Noch eine Runde.

Mit Fahrtbewegungen, so perfekt ausgeführt, dass sie einstudiert wirkten, sausten Nick und Jarrett über die Strecke. Sie steuerten Kurve drei an. Die Schwerkraft riss Nick einmal mehr nach außen. Er kämpfte darum, den Wagen in der Spur zu halten, und betete, dass die Reifen hielten. Wenn Jarrett sein Überholmanöver starten wollte, würde er außen angreifen müssen. Die innere Spur war ein wenig schneller. Diesen Vorteil würde Nick auf keinen Fall aufgeben.

Schon waren sie in der letzten Kurve. Jarrett tat so, als würde er nach rechts ausscheren, und Nick fragte sich, ob der junge Hitzkopf tatsächlich glaubte, er würde auf diesen alten Trick reinfallen. Eine Sekunde lang ließ er Jarrett in dem Glauben, dass der ihn hereingelegt hatte, doch im letzten Moment zog er wieder nach innen und blieb vorn.

Vor sich sah er bereits die schwarz-weiß karierte Flagge.

»Nick! Nick!«, brüllte Penshaw ins Headset. »Die Vierundzwanzig! Die Vierundzwanzig greift an!«

Sekunden. Jetzt ging es nur noch um Sekunden.

Die Zielgerade lag vor ihnen. Er kam aus der Kurve geschossen und gab Gas. Der Wagen flog davon.

»Du schaffst es!«, schrie Penshaw. »DU SCHAFFST ES!« Schon raste Nick an der karierten Flagge vorbei.

Besser konnte es im Leben doch gar nicht laufen.

Aufgeregt brüllten ihm Penshaw und sein Team Glückwünsche über das Headset zu.

Wenige Minuten später lenkte er seinen Wagen mit qualmenden Reifen in die Siegerspur. Eine Menschenmenge kam auf ihn zugerannt, Leute streckten ihre Hände durchs Seitenfenster und klopften ihm begeistert auf den Rücken. Ein schwarzes Basecap mit dem Logo seines Sponsors landete auf seinem Schoß. Er nahm seinen heißen Helm ab und setzte die Kappe auf.

Begleitet von tosendem Applaus wand er sich aus dem Wagenfenster und wurde von allen Seiten jubelnd gefeiert. Kaum hatten seine Füße den Boden berührt, regnete es Champagner.

Ein lauter Siegesschrei übertönte den restlichen Applaus, als Dale Penshaw sich mit einer weiteren Flasche Champagner in der Hand den Weg durch die Menge bahnte. »Du hast es geschafft!«, brüllte er in seinem unverkennbaren Südstaatenakzent.

Nick grinste, packte seinen Teamchef und schlug ihm auf den Rücken. »Ihr alle habt es geschafft. Der Wagen lief wie geschmiert.«

»Ich dachte schon, Jarrett würde in der letzten Runde doch noch an dir vorbeiziehen.«

»Der hatte nicht den Hauch einer Chance.«

Sie lachten, während die Menge immer näher rückte.

»Nummer acht, wir kommen!«

»Beschrei es nicht«, meinte Nick lachend und wischte sich den Champagner aus den Augen.

»Beschreien? Junge, hast du es noch nicht gehört? Du hast die Gabe des Midas. Nichts und niemand hält dich auf. In ein paar Monaten schreibst du Rennfahrergeschichte. Der einzige Mann, der je acht NASCAR-Championships gewonnen hat. Du wirst zu einer Legende! Der Beste der Besten.«

Während Nick sich auf den Weg zum Siegerpodest machte, hallten die Worte seines Teamchefs in seinem Kopf wider.

Der Beste der Besten.

Eine Legende.

Als er dort oben stand, umgeben von seinen Freunden und Fans, wartete er darauf, dass ihn das vertraute Gefühl von Überschwang überkam.

Doch es kam nicht. Nicht einmal, als sie ihm den Siegerpokal in die Hand drückten und der Applaus der Menge noch ohrenbetäubender wurde. Es würde schon noch eintreten. Dessen war sich Nick sicher. Er wusste, sobald er die achte Meisterschaft für sich entschieden hatte, würde ihn das Gefühl nie mehr verlassen.

Nick blickte von dem Bericht auf, den er eben gelesen hatte, und sah seine Sekretärin Evelyn Summerfelt in seiner Bürotür stehen. Ihr kurzes graues Haar und das konservativ anmutende Kostüm standen in starkem Kontrast zu der knalligen Einrichtung von Fortune Enterprises.

»Glückwunsch«, sagte sie. »Großartiges Rennen gestern.«

»Danke.«

Evelyn zog ihren Mantel aus und legte ihn sich über den Arm. »Ich habe gar nicht damit gerechnet, Sie heute hier zu sehen. Montags haben die Fahrer doch immer frei.«

Nick grinste und warf seinen Stift auf den Schreibtisch. »Wann habe ich jemals getan, was von mir erwartet wurde?«

»Noch nie.« Ihr Lächeln schwand. Stattdessen lag ein Ausdruck aufrichtiger Besorgnis in ihrem Blick. »Sie sollten sich wirklich mal eine Auszeit gönnen. Dieses Tempo können Sie nicht ewig beibehalten.«

»Im Dezember werde ich reichlich Freizeit haben.«

Sie schnaubte leise. »Ich arbeite jetzt seit acht Jahren für Sie und habe es nicht einmal erlebt, dass Sie es außerhalb der Saison ruhiger angehen ließen.«

»Wer sich gehen lässt, verliert.« Er beugte sich vor und ergriff den Stapel mit Papieren, die auf dem Schreibtisch lagen. Auf diese Weise beendete er eine Diskussion, die er nicht führen wollte. Rennen zu fahren war sein Leben. Wozu sollte er sich eine Auszeit nehmen?

»Ich erwarte ein Fax zu den neuen Drosselblenden«, sagte Nick nach einer kurzen Pause. »Sagen Sie mir bitte Bescheid, sobald es eingetroffen ist, okay?«

»Drosselblenden? Ist das Griechisch?«

Nick lächelte. »Jetzt arbeiten Sie schon so lange für mich, da sollten Sie das eine oder andere über Autos gelernt haben.«

»Ich habe zwei Sachen gelernt: Springt ein Auto nicht an, nachdem ich den Schlüssel gedreht habe, ist es an der Zeit, es zu verkaufen. Und Sie mögen Ihren Kaffee schwarz. Ich setze sofort welchen auf.«

Sie war schon wieder halb aus der Tür, als Nicks Stimme sie innehalten ließ. »Ich habe schon eine Kanne gekocht.«

»Wissen Sie, irgendwann müssen Sie aufhören, so eigenständig zu sein, und mich das tun lassen, wofür Sie mich bezahlen.«

»Sie tun schon reichlich«, widersprach Nick und meinte es so. »Außerdem, wenn ich Sie nicht hätte, wer würde dann dieses verdammte Telefon bedienen, das immerzu bimmelt?«

Wie aufs Stichwort klingelte das Telefon. Evelyn lachte, als sie ins Vorzimmer ging, um abzuheben. Einen Moment später war sie wieder zurück. »Das war Dale. Als er Sie zu Hause nicht erreichte, wusste er, dass Sie hier sind. Er lässt ausrichten, da Sie heute arbeiten, kommt er hierher, so schnell er kann.«

»Rufen Sie ihn zurück und sagen Sie ihm, er soll den Tag freinehmen. Er arbeitet weiß Gott hart genug und sieht seine Familie viel zu selten.«

Evelyn warf ihm einen Blick zu, der nicht schwer zu deuten war.

»Rufen Sie ihn einfach an«, sagte Nick.

»Na schön. Ach, übrigens, hier sind Ihre Nachrichten.« Sie reichte ihm einen dicken Stapel mit pinkfarbenen Zetteln.

Nick nahm ihr den Stapel ab und blätterte ihn kurz durch. »Die sind alle für mich? Man könnte meinen, ich wäre ein ganzes Jahr und nicht ein paar Tage weg gewesen.«

Evelyn drehte sich um, blieb dann aber noch einmal stehen. »Oh, die Notiz ganz oben ist von einer Frau. Sie rief Freitagnachmittag an und meinte, es wäre dringend, dass Sie sie zurückrufen.«

Nick warf den Stapel zur Seite. Sowohl er als auch Evelyn wussten, was dringend bedeutete. Dringend war irgendein Reporter, der ein Interview für die nächste Ausgabe einer Zeitschrift oder eine Sendung führen wollte. Es hatte Hunderte von dringenden Nachrichten vor dieser gegeben, und es würden noch viele weitere folgen. Also ignorierte Nick die Zettel, griff nach dem Bericht, den er gerade gelesen hatte, und machte sich wieder an die Arbeit.

Eine halbe Stunde später kam Evelyn ins Zimmer. »Hier ist das Fax, auf das Sie gewartet haben.« Sie legte es auf den Schreibtisch.

»Danke.« Nick machte sich nicht die Mühe aufzuschauen.

Erst später, als er nach dem Fax langte, bemerkte er die Telefonnachricht und den Namen auf dem Zettel.

Hope Montgomery.

Seine Hand blieb regungslos in der Luft hängen.

Er las den Namen noch einmal.

Ungläubig starrte er darauf. Wie lange war das jetzt her? Vierzehn Jahre? Fünfzehn?

Nein. Sechzehn.

Es war sechzehn Jahre her, seit er sie zuletzt gesehen hatte.

Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, lehnte sich zurück und legte die Füße auf die Fensterbank. Hope. Das letzte Mal hatte er sie am Busbahnhof gesehen. Sie hatte sich von ihm verabschiedet und ihm hinterhergewinkt, als der Bus losgefahren war. Ihr Gesicht war verquollen und tränenüberströmt gewesen.

Damals bedeutete sie ihm alles. Er glaubte, sie wäre dieser eine Mensch, der niemals das Vertrauen in ihn verlieren würde. Doch genau das geschah. So wie alle anderen glaubte auch sie, er würde niemals etwas anderes sein als der Sohn von Jake Fortune, dem Trunkenbold der Stadt. Heute, mit einem gewissen Abstand und einer gewissen Reife, verstand er, was ihm damals nicht möglich war. Hope war so jung gewesen. Und ihre Mutter stark genug, um sie davon zu überzeugen, dass die Beziehung zu Nick ungut enden würde. Sie würde in irgendeiner heruntergekommenen Kleinstadt leben und wäre verheiratet mit einem verbitterten Trunkenbold, der nichts weiter als Flausen im Kopf hatte – so wie Nicks Vater auch.

Er blickte noch einmal auf den Zettel. Auf das Wort dringend. Einen Moment lang überlegte er, ob er sie überhaupt zurückrufen sollte. Was sollte es bringen, in die Vergangenheit zu reisen, die nie mehr als eben das sein würde?

Doch noch während er das dachte, griff er nach seinem Handy und gab die erste Ziffer ein. Er wartete darauf, dass die Verbindung hergestellt wurde, und war versucht aufzulegen, doch im nächsten Moment begann es schon zu klingeln.

Es klingelte. Und klingelte. Und klingelte.

Beim fünften Klingeln sprang der Anrufbeantworter an, und eine Frauenstimme ertönte.

Hallo. Sie sind auf dem AB gelandet. Sie wissen ja, was zu tun ist.

Hopes Stimme? Sie klang wie ihre, dann aber auch wieder nicht. Sie klang jünger, unbeschwerter, als er sie in Erinnerung hatte. Doch was wusste er schon? Zu viele Jahre waren vergangen, als dass er seiner Erinnerung noch trauen durfte. Oder?

Pieeeep.

Er beendete das Telefonat, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, warf den Zettel beiseite und machte sich wieder an die Arbeit. Doch sosehr er auch versuchte, sich zu konzentrieren, sein Blick und seine Gedanken wanderten immer wieder zu seinem Telefon.

Kurz vor Mittag kam Evelyn herein. »Falls Sie schon weg sein sollten, wenn ich vom Mittagessen zurückkomme, hier ist Ihr Terminplan für die Woche. Auf dem anderen Blatt stehen die Details für das Shooting bei Ihrem Sponsor morgen.« Sie legte die Mappe auf den Schreibtisch. »Brauchen Sie noch etwas, ehe ich verschwinde?«

Nick fuhr sich durchs Haar. »Ja, da ist noch was. Diese Nachricht.« Er hielt den Zettel hoch. »Von der Frau, die meinte, es wäre dringend. Hat sie sonst noch irgendetwas gesagt?«

»Nein. Nur dass sie eine alte Freundin von Ihnen sei und dass es sehr wichtig wäre, sie zurückzurufen. Warum? Gibt es Probleme?«

»Nein.«

Er starrte auf die Notiz in seiner Hand.

Hope blieb in der Hocke sitzen und strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Der Schmutz an ihren Gartenhandschuhen fühlte sich rau auf ihrer Haut an. Früher war ihr Garten ihr Zufluchtsort gewesen, er hatte ihr Trost gespendet. Doch diese Zeiten waren vorbei.

Jetzt fand sie hier keinen Trost mehr. Nicht solange ihr Sohn krank war. Nicht solange sie sich ständig zerrissen fühlte und das Gefühl hatte, an mehreren Orten gleichzeitig sein zu müssen. Bei der Arbeit, zu Hause bei Susan und vor allem im Krankenhaus bei Joshua. Aber heute Morgen, während die helle Juli-Sonne den Garten in goldenes Licht tauchte, hatte Joshua Hope gebeten, mal zu chillen und nicht als Erstes ins Krankenhaus zu eilen, wie sie es normalerweise tat. Ein paar seiner Freunde wollten ihn besuchen kommen, und er brauchte etwas Raum für sich. Und da Susan die Nacht bei ihrer besten Freundin verbracht hatte und erst am Nachmittag zurückkommen würde, bevor sie und Hope zusammen ins Krankenhaus fahren wollten, hatte Hope auf einmal Zeit für sich.

Den gesamten Morgen über war sie nervös gewesen. Sie starrte auf ihr Telefon, bis ihre Augen anfingen zu tränen, immer darauf hoffend, dass es endlich klingelte. Genau, wie sie das ganze Wochenende auf das Klingeln gewartet hatte. Als es das endlich tat, war es leider keiner der beiden Anrufer, deren Rückruf sie so verzweifelt erwartete. Sie versuchte es mit Putzen, um sich abzulenken, aber ihr Haus war nach zu vielen rastlosen Stunden bereits blitzeblank. Außerdem war die Stille im Haus unerträglich. Selbst das Aufdrehen des Radios half nicht. Also flüchtete sie in den Garten. Doch wie bei allem, was sie im Moment anfing, war auch das ein eher sinnloses Unterfangen.

Letzte Nacht hatte sie einmal mehr wach gelegen und sich an die Vergangenheit erinnert, die sie so verzweifelt zu vergessen versuchte. Selbst jetzt, Stunden später, konnte sie ihren Erinnerungen noch immer nicht entkommen.

Sie starrte auf den Rosenbusch vor sich. Eine leichte Brise strich über die Blüten, die wegen des Wassermangels schon braun wurden.

Als sie das letzte Mal zu Hause gewesen war – damals, mit siebzehn, schwanger und verängstigt –, hatten die Rosen im Garten ihrer Mutter in voller Blüte gestanden.

Du kannst nicht hierblieben, Hope Marie … Was würden denn die Leute sagen … Du musst gehen … Du musst gehen …

Hope spürte den vertrauten Stich im Herzen und fragte sich, wie es sein konnte, dass die Zurückweisung ihrer Mutter selbst nach so vielen Jahren noch dermaßen wehtat. Doch dieser Kummer verblasste im Vergleich zu dem von Nick verursachten Schmerz, als er sie verlassen hatte.

Hope zitterte. Auf einmal war ihr kalt. Fast war es so, als wäre sie wieder siebzehn und zurück im Wohnzimmer ihrer Mutter, wo sie bei jedem Klingeln zum Telefon gerannt war, in der Hoffnung, es wäre Nick.

In drei Monaten, Hopeful, bin ich wieder da. Versprochen. Drei Monate von heute an. Warte vor dem Gerichtsgebäude auf mich. Ich bin der Typ mit dem Strahlen im Gesicht und den Ringen in der Hand.

Noch ein Jahr nach Joshuas und Susans Geburt hatte Hope nicht an Nick denken können, ohne fast zusammenzubrechen. Doch im Laufe der Jahre begriff sie, dass es einfacher war, ein Mädchen aus der Kleinstadt zu verlassen, wenn man jemand wie Nick war – ein Mann mit großen Ambitionen.

Männer ließen einen sitzen. Ihre Mutter hatte ihr das jahrelang eingetrichtert, nur hatte Hope das nicht glauben wollen. Aber als Nick nicht mehr auf ihre Anrufe reagierte, musste sie sich zwei Dinge eingestehen: Ihre Mutter hatte recht, und sie, Hope, war schwanger und auf sich allein gestellt.

Von ihren Eltern hatte sie gelernt, dass man niemanden dazu zwingen konnte, einen zu lieben. So war es bei ihr selbst, aber auch bei Nick. Nicht nur ihre Eltern hatten sie im Stich gelassen, sondern auch seine Eltern ihn. Also weigerte Hope sich, den gleichen Fehler zu begehen wie ihre Mutter, die einen Mann gegen seinen Willen dazu gebracht hatte, sie zu heiraten.

Als ihre Mutter sie also hinauswarf, stieg Hope in einen Bus und verließ Minnesota, um nach Tranquility im Staat Washington zu fahren, ein winziger Punkt auf der Landkarte, der im Pazifischen Nordwesten lag. Dort wohnte eine Tante, die sie vorher nie getroffen hatte. In ihrer Angst malte Hope sich ein schreckliches Szenario nach dem anderen aus. Sie war überzeugt davon, dass die Halbschwester ihrer Mutter niemals einen schwangeren Teenager willkommen heißen würde, schon gar nicht einen, den sie nicht kannte.

Doch genau das hatte Margaret Watkins getan. Sie hatte nicht nur die Arme geöffnet, sondern auch ihr Heim und ihr Herz.

Nicht zum ersten Mal wünschte Hope sich, dass ihre Tante noch am Leben wäre. Selbst damals, als sie jung und schwanger gewesen war, hatte sie ihre Tante Margaret nicht so dringend gebraucht wie jetzt.

Ein leichter Windhauch wehte durch den Garten. Hope schloss die Augen und holte tief Luft. Der Duft von frisch gemähtem Gras und Sommerblumen erfüllte ihre Sinne. Sie hatte gelernt, den Verrat ihrer Mutter und von Nick zu akzeptieren, aber sie würde nicht zulassen, dass sie Joshua ignorierten. Wenn sie sie telefonisch nicht erreichen konnte, würde sie irgendwie das Geld zusammenkratzen und hinfliegen, um sie zu treffen. Ihre Mutter ausfindig zu machen war ein Klacks. Nick aufzuspüren wäre auch kein Problem. Ihn wirklich zu Gesicht zu bekommen könnte allerdings schwierig werden.

Mit neuer Entschlossenheit griff sie nach ihrer Schaufel, als sie auf das Geräusch von Reifen, die auf ihre mit Kies bedeckte Einfahrt fuhren, aufmerksam wurde. Sie hielt sich die Hand über die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen, und schaute zur Vorderseite des Hauses. Die lange Hecke verdeckte ihr die Sicht. Wahrscheinlich war es ihre beste Freundin Dana, die fast so viel Zeit in Hopes Haus verbrachte wie in ihrem eigenen.

Hope raffte ihre Gartengeräte zusammen. Die Aussicht auf Besuch und ein Glas Eistee klang geradezu himmlisch.

Ein Schatten fiel auf sie, erlöste sie ein wenig von der sengenden Sonne und brachte den schwachen Geruch von Leder mit sich.

»Hallo Hopeful.«

2. Kapitel

Hopeful.

Der vertraute Spitzname umfing sie wie eine sanfte, längst vergessene Umarmung. Hope schloss kurz die Augen und holte ein-, zweimal tief Luft. Das konnte nicht sein.

Betont langsam zog sie die schmutzigen Gartenhandschuhe aus und stand auf. »Nick.« Sie brachte seinen Namen nur flüsternd über die Lippen. Hatte sie ihn wirklich gehört, oder war ihr sein Name – wie schon so oft – einfach durch den Kopf geschossen?

Er machte einen Schritt auf sie zu und blieb stehen; seine Bomberjacke mit dem weichen, abgenutzten Leder öffnete sich und gab den Blick auf ein weißes T-Shirt darunter frei. Nick nahm die dunkle Sonnenbrille ab, die seine Augen verdeckt hatte. Blaue, tiefblaue, unergründliche Augen – genau so, wie sie sie in Erinnerung hatte. Und doch … anders.

Verschwunden war der Junge, der unter dem Sternenhimmel ihre Hand gehalten und geschworen hatte: »Ich werde es schaffen, Hopeful. Eines Tages werde ich so berühmt sein, dass jeder meinen Namen kennt.« Und heute stand genau der Mann vor ihr, den sie damals vor Augen hatte, wenn sie ihn sich in der Zukunft vorstellte.

Nick fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes schwarzes Haar. Die Geste war ihr so vertraut wie ihr eigenes Spiegelbild.

»O Gott! Du bist es … du bist es wirklich«, sagte sie, ehe sie an sich halten konnte.

Ihr Nick. Der Junge, der ihre Teenagerjahre erträglich gemacht hatte. Der ihr das Angeln und Autofahren beigebracht hatte, das Schwimmen und Nacktbaden. Der wieder und wieder ihre Tränen getrocknet hatte, wenn das Zusammenleben mit Claire einmal mehr unerträglich geworden war.

Jetzt schloss er die kleine Lücke zwischen ihnen und zog Hope in die Arme. Dagegen war sie genauso machtlos wie damals mit sechzehn.

Es kam ihr vor, als hätte es die vielen Jahre der Trennung nicht gegeben. Die Wut, die sie eigentlich verspüren sollte, blieb aus, und es war die natürlichste Sache der Welt, die Wange an sein weiches Shirt zu legen. Langsam schloss sie die Augen und merkte, wie sie sich an Nick schmiegte. Seit Wochen, Monaten … Jahren hatte sie auf diesen Moment gewartet.

Sein gleichmäßiger Herzschlag war das einzige Geräusch, das sie noch wahrnahm. Für einen kurzen Augenblick gestattete sie sich, die Realität zu ignorieren – zu ignorieren, dass Nick der Mann war, der sie geschwängert und sitzen gelassen hatte.

Hope versteifte sich und löste sich aus seiner Umarmung.

Er war nicht länger ihr Nick, und das wollte sie auch gar nicht mehr. Es gab nur eines, was sie jetzt von ihm wollte.

Sie schlang die Arme um ihre Mitte, wütend auf sich, dass sie ihm um den Hals gefallen war, kaum dass sie ihn gesehen hatte.

»Wie hast du mich gefunden?« Die Frage klang schärfer als beabsichtigt.

Nick schob die Hand in die Vordertasche seiner Levi’s und warf ihr einen fragenden Blick zu. »Bei einem Festnetzanschluss ist es nicht weiter schwierig, auch die Adresse herauszubekommen.«

»Es überrascht mich, dass du nicht einfach angerufen hast.«

Er musterte sie einen Moment lang. Mit seinen breiten Schultern schirmte er sie gegen die Sonnenstrahlen ab. »Du hattest gesagt, es wäre dringend.« Er zuckte kurz mit den Achseln. »Es ist eine Weile her.«

So wenige Worte, die so viel beinhalteten. Bilder von Susan und Joshua schossen Hope durch den Kopf, und sie wusste, was sie zu sagen hatte. Aber hier draußen, mitten in ihrem Garten, wo jeder vorbeigehen konnte, schien ihr nicht der richtige Ort für eine derartige Unterhaltung zu sein. Sie ließ die Arme sinken. »Ja, es ist lange her. Und ich bin froh, dass du dich entschieden hast … vorbeizukommen.« Vorbeikommen, das klang so lässig, als würde er in der Nachbarschaft wohnen. Als wären sie Freunde. Menschen, die all die Jahre stets in Kontakt geblieben waren.

»Ich habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen, aber lass uns doch nach hinten auf die Terrasse gehen und uns dort hinsetzen«, schlug sie vor. »Ich könnte einen Eistee vertragen. Was ist mit dir?«

Nick betrachtete sie noch immer. Unter seiner eingehenden Musterung wurde sie immer verlegener.

»Sicher«, antwortete er schließlich.

Hope führte ihn auf die Terrasse und bedeutete ihm, sich an den Tisch zu setzen. »Bin gleich wieder da.« Sie huschte schnell in die Küche, schloss die Glastür hinter sich und holte zum ersten Mal, seit Nick gekommen war, wieder richtig Luft. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Aber alles reduzierte sich letztlich auf eine Tatsache: Nick war hier.

Sie legte die Handschuhe und Gartengeräte auf die Arbeitsplatte und ging zum Kühlschrank, nur um abrupt stehen zu bleiben, als sie sich selbst in dem Spiegel sah, den Susan an der Hintertür angebracht hatte – für einen letzten Blick auf ihr Erscheinungsbild, bevor sie das Haus verließ. Hope schnitt ihrem Spiegelbild eine Grimasse.

Das T-Shirt, das einst blau gewesen war, hatte inzwischen einen ausgeblichenen grauen Farbton angenommen. Außerdem war es voller gelber Farbkleckse von der Maleraktion vor zwei Jahren, als sie gemeinsam mit den Zwillingen das Haus gestrichen hatte. Ihre Shorts sahen nicht viel besser aus. Und aus ihrem inzwischen völlig verrutschten Pferdeschwanz hatten sich einige blonde Locken gelöst. Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und ging zur Spüle, um sich die Hände zu waschen. Es war vollkommen egal, wie sie aussah. Heute war nur eines wichtig.

Sie nahm die Seife, reinigte die Hände und wollte sie gerade abspülen, als sie aus dem Fenster schaute und Nick entdeckte.

Er war bis zur Grundstücksgrenze gegangen und blickte sich um, als wollte er jedes Detail ihres Hauses und des Gartens in sich aufnehmen. Was er wohl dachte? Hatte er schon den Gemüsegarten entdeckt, der niemals fertig geworden war, weil Joshua, noch während sie den Boden vorbereitet hatten, auf einmal krank und alles andere bedeutungslos geworden war? Oder sah er das kleine Blumenbeet, das die Kinder einmal für sie zum Muttertag angelegt hatten, in dem die Blüten das Wort MOM bildeten?

Während sie dastand und ihn beobachtete, drehte er sich um, ging noch ein Stück weiter und ließ dabei die Hand über den weißen Zaun gleiten, der ihren Garten umgab.

Sie war davon ausgegangen, dass sie nach all den Jahren zunächst mit ihm telefonieren würde. Die Distanz hätte ihr einen gewissen Schutz gewährt.

Schnell spülte sie die Seife ab und stellte das Wasser ab, weil sie vom Fenster abrücken, Nicks Anblick ausblenden wollte. Sie atmete noch ein paar Mal tief durch und sprach sich Mut zu. Sie würde es schaffen. Für ihre Kinder konnte sie alles tun. Doch trotz dieser aufmunternden Gedanken zitterten ihre Hände immer noch, als sie den Eistee in die großen Gläser füllte.

Nick drehte sich um, als sie nach draußen kam. Als ihre Blicke sich trafen, klirrten die Gläser auf dem Tablett. Er lächelte, als wollte er ihr die Befangenheit nehmen, doch wenn überhaupt, machte sie das noch nervöser.

Er kam auf sie zu und nahm das Glas, das sie ihm reichte. »Ich war mir nicht sicher, ob ich dich überhaupt zu Hause antreffen würde«, meinte er.

Hope setzte sich und wartete darauf, dass Nick ihr gegenüber Platz nahm. Ihr Mund war völlig ausgetrocknet. Sie hob das Glas und trank einen Schluck daraus, stellte es wieder auf den Tisch und verschränkte die Hände im Schoß. Das Zittern bekam sie einfach nicht unter Kontrolle. »Ich gehöre zu den wenigen Glücklichen, die den Sommer über freihaben. Ich arbeite hier an der Highschool.« Aus Gründen, die sie lieber nicht näher erforschen wollte, erwähnte sie nichts von dem Job, den sie abends im familienbetriebenen Lebensmittelladen im Ort ausübte. Ein Job, den sie angenommen hatte, um die erdrückenden Arztrechnungen zu begleichen, für die die Krankenversicherung nicht aufkam.

»Du hast es also geschafft. Du bist Lehrerin geworden.«

Hope meinte, einen gewissen Stolz aus seinen Worten herauszuhören, aber das konnte nicht sein. Warum sollte es Nick interessieren, ob sie ihre Träume verwirklicht hatte?

Hope hatte zusätzliche anderthalb Jahre gebraucht, um ihren Abschluss als Lehrerin zu machen. Mit zwei Babys war das Studium am College eine ziemliche Herausforderung gewesen. Immer hatte es an Zeit oder an Geld gefehlt, aber letztlich war es die vielen Opfer wert gewesen. »Ich unterrichte in der neunten Klasse Englisch. Die Kinder sind toll.«

»Hört sich an, als würde es dir Spaß machen.«

»Auf jeden Fall.« Sie versuchte zu lächeln, doch ihre Wangen fühlten sich an, als wären sie eingefroren. Ein leichter Wind wehte über sie hinweg. Die Locken, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten, fielen ihr ins Gesicht. Sie strich sie hinters Ohr und versuchte, sich wieder zu sammeln. »Abgesehen von der Tatsache, dass ich den ganzen Tag als Ms. Thompson angesprochen werde. Dabei fühle ich mich immer, als wäre ich hundert.«

Nick schwenkte den Eistee im Glas hin und her. Nach kurzem Schweigen sagte er: »Ja, ich habe den Namen am Briefkasten gesehen. Du bist also verheiratet.«

Seine Annahme überraschte sie, dabei war das keineswegs abwegig, sondern eine logische Schlussfolgerung. Nur war sie nie auch nur annähernd so weit gewesen zu heiraten. »Nein. Thompson war der Mädchenname meiner Mutter.«

Sie hatte nicht vor, das näher zu erklären; ihre Vergangenheit, ihr Nachname, all das war angesichts ihrer Probleme vollkommen belanglos. Aber Nick schwieg und sah sie erwartungsvoll an, sodass sie sich selbst sagen hörte: »Als Kind habe ich den Nachnamen meines Vaters benutzt, obwohl mein eingetragener Name Thompson lautet. Ich wurde geboren, ehe meine Eltern geheiratet haben. Also steht Thompson auf meiner Geburtsurkunde, es ist der Mädchenname meiner Mutter. Sie wollte aber nicht, dass jemand von meiner vorehelichen Geburt erfuhr, also hieß ich Montgomery.«

Nick lehnte sich zurück. »Die gute alte Claire.« Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln, mit dem er an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnerte. »Das hast du mir nie erzählt.«

»Das habe ich niemandem erzählt. Als ich nach Washington zog, fand ich es angemessen, meinen richtigen Nachnamen, Thompson, wieder anzunehmen.« Es war ein neuer Anfang, ein neues Leben. Ein neuer Name erschien ihr seinerzeit nur allzu passend.

Nick schwieg einen Moment, dann sagte er: »Ich dachte, wir hätten damals alles über den anderen gewusst.«

Damals

»Nicht alles«, erwiderte sie leise.

Bilder aus ihren Teenagerjahren schossen ihr durch den Kopf. Wie ihre Mutter jedes Mal hinter der Gardine am Wohnzimmerfenster gestanden hatte, wenn Nick sie nach Hause brachte. Wie die Außenbeleuchtung anging, als Zeichen für Hope, gefälligst ins Haus zu kommen. Das eine Mal, als ihre Mutter zu einer Highschool-Party kam, um zu überprüfen, ob Hope da war, und herausfand, dass Hope und Nick die Feier schon früh verlassen hatten. Sie waren zum See gefahren, wo die Leidenschaft jede Vernunft außer Kraft gesetzt hatte. Das Kleid, für das Hope den gesamten Sommer über gespart hatte, war irgendwann nur noch ein zerknüllter Haufen auf der Rückbank des Pick-ups.

Aber über Claire Montgomery zu reden und sich an eine Vergangenheit zu erinnern, die besser vergessen blieb, war das Letzte, was Hope im Sinn hatte. Sie musste Nick von den Zwillingen erzählen – von Joshuas Krankheit.

»Also hast du nie geheiratet?«, fragte Nick.

»Nein. Hör zu, Nick«, sie beugte sich vor und faltete die Hände auf dem Tisch, »es gibt etwas, das ich dir sagen muss.«

Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, da öffnete der Himmel seine Schleusen. Ohne an die Gläser zu denken, rannten sie zum Haus und stolperten hinein.

»Puh.« Nick wischte sich die Regentropfen von den Schultern und schloss die Glastür hinter sich. »Passiert das hier öfter?«

Hope wischte sich über das Gesicht. »Ach, nur in gut neun von zwölf Monaten.«

»Und es gibt tatsächlich Leute, die hier leben wollen?«

Sie ging um die Kücheninsel herum und holte zwei saubere Gästehandtücher aus einer Schublade. »Jedes Jahr sind es mehr. Hier.« Sie drehte sich um, um ihm ein Handtuch zu reichen, und stellte fest, dass er direkt hinter ihr stand.

Ihre Küche war so klein, und er war so nahe. Sie nahm den frischen, würzigen Duft seines Aftershaves wahr, seinen Atem, der nach Pfefferminz roch, und sie sah die Regentropfen auf seinem schwarzen Haar. Auch auf seiner Stirn und seinen hohen Wangenknochen glitzerten Wassertropfen. Das Handtuch hing vergessen in ihrer Hand, als sie ihm in die Augen schaute und den Blick nicht mehr abwenden konnte. Ihr stockte der Atem.

Natürlich kannte sie den Spruch, dass die Zeit stillstand. Doch jetzt kam es ihr vor, als würde die Zeit zurückgedreht werden.

Aus dem Radio, das sie vorhin eingeschaltet hatte, ertönte leise Musik. Regen prasselte gegen die Fensterscheibe und auf das Dach. Das rhythmische Plätschern der herabfallenden Tropfen vermischte sich mit dem Country-Song. Hope fühlte sich wie aus der Zeit gefallen, gefesselt von der Nähe des einzigen Mannes, dem sie je ihr Herz geschenkt hatte. Der intensive Blick aus seinen blauen Augen ließ eine Spirale von … Sie wollte es nicht aussprechen, wollte nicht zugeben, dass es Verlangen war. Ihre Wangen begannen zu glühen, und sie senkte den Kopf, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

Sie beobachtete, wie sich Nicks Brustkorb hob und senkte, wie sein Oberkörper sich auszudehnen und langsam wieder zu entspannen schien. Plötzlich spürte sie eine winzige Veränderung in seiner Haltung. Ein Anspannen der Schultern, ein kaum hörbares Luftschnappen.

Hope wich ein wenig zurück, schaute zu Nick hoch und sah, dass sein Blick auf ein Foto am Kühlschrank gerichtet war. Sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, um welches es sich handelte. Es war vor zwei Jahren im Sommer aufgenommen worden. Sie und die Zwillinge hatten gemeinsam mit Dana eine Woche am Lake Chelan verbracht. Tagelang hatten Josh und Susan sie unablässig bedrängt, bis es ihnen irgendwann doch gelungen war, Hope dazu zu bringen, auf einen Jetski zu steigen. Sie hatte fürchterliche Angst davor gehabt. Und während ihre Kinder neben ihr im flachen Wasser gestanden und sie gestützt hatten, war Dana diejenige gewesen, die »Lächeln« gerufen und auf den Auslöser gedrückt hatte.

Es war ein Bild aus der unbeschwerten Zeit, in der das Grauen der Krebserkrankung sie noch nicht heimgesucht hatte. In der das Besteigen eines Jetskis ihre größte Angst gewesen war.

»Du hast dich verändert«, stellte Nick fest. »Früher, in Minnesota, wärst du nie im Leben auf so ein Ding gestiegen.«

»Stimmt, ich habe mich verändert. Mehr, als dir klar ist.« Hope schaute auf das Bild, auf ihre beiden wunderbaren Kinder, dann zurück zu Nick. »Das sind meine Kinder. Joshua und Susan. Sie sind Zwillinge. Und du bist ihr Vater.«

3. Kapitel

Du bist ihr Vater.

Die Worte gingen Nick nicht mehr aus dem Kopf und ließen ihn erschauern. Fassungslos blickte er auf das Foto, auf die beiden Kinder, die ihn anstrahlten. Er streckte die Hand aus und nahm das Bild vom Kühlschrank. Gedankenverloren strich er mit dem Daumen über ihre Gesichter. Er sog ihre Erscheinung förmlich in sich auf: das Mädchen mit den langen blonden Haaren und den leuchtend grünen Augen. Ein Ebenbild ihrer Mutter. Und der Junge, der mit seinem breiten Lächeln und den hohen Wangenknochen seiner Mutter ebenfalls so sehr ähnelte. Doch die strahlend blauen Augen und das schwarze Haar hatte er eindeutig von Nick geerbt.

Er fuhr zu Hope herum und spürte, wie ihn die Wut packte. »Wie konntest du nur?«

»Wie konnte ich was?«

»Wie konntest du sie mir verheimlichen?«

Hope trat einen winzigen Schritt zurück und schlang die Arme um sich. »Ich habe nichts verheimlicht.«

»Spiel hier keine Spielchen mit mir, Hope. Du magst vieles sein …«

Unehrlich.

Unaufrichtig.

Eine Verräterin.

»… aber dumm bist du nicht. Warum hast du mir nichts von den beiden erzählt? Von Joshua und Susan?« Ihre Namen fühlten sich fremd an, was ihn noch wütender machte.

»Ich habe versucht, es dir zu erzählen.«

»Lüg mich nicht an! Du hättest es mir sagen müssen!«

»Und du hättest mich zurückrufen sollen!« Jetzt schrie Hope fast. »Was sollte ich denn tun? Eine Nachricht hinterlassen? ›Sag Nick, dass ich schwanger bin‹?« Sie lachte bitter. »Das ist nicht die Art von Nachricht, die ich einem Fremden mitteilen würde.«

»Schieb jetzt nicht mir die Schuld in die Schuhe.« Die Wut verschlang ihn fast, und er wusste nicht, ob er überhaupt noch würde sprechen können. Sie hatte ihn hintergangen. Ihn angelogen. Ihm seine Kinder vorenthalten. Doch damit war jetzt Schluss.

»Ich will sie sehen.« Kennenlernen wäre das treffendere Wort gewesen. Verdammt! Seinen halbwüchsigen Sohn und seine Tochter kennenlernen.

»Hör zu.« Hope machte einen Schritt auf ihn zu und legte ihr Handtuch auf die Arbeitsplatte. »Lass uns doch ins Wohnzimmer gehen und uns hinsetzen. Es gibt etwas, das ich dir erzählen muss.«

»Wissen sie von mir?«

Immerhin hatte sie den Anstand, zusammenzuzucken. »Nein.«

Sein Zorn schwoll noch stärker an, falls das überhaupt möglich war. Sie hatte sie alle belogen. »Ich will sie sehen«, wiederholte er.

»Nein.«

»Was soll das heißen, nein

»S…sie sind nicht zu Hause.« Hope löste ihre Arme und holte tief Luft, als wollte sie sich für einen Kampf wappnen. »Nick, bitte, es bringt nichts, wenn wir uns anschreien. Wir müssen reden. Es gibt einiges, das du nicht weißt.«

»Ich muss nur wissen, wann Joshua und Susan wieder zu Hause sind.« Ihm war klar, dass er sich beruhigen, seine Emotionen wieder unter Kontrolle bringen sollte, doch er schaffte es nicht.

»Susan kommt nachher zurück, aber …«

Nick hielt es keine Sekunde länger aus. Er musste weg von hier. Musste nachdenken.

»Ich bleibe in der Stadt.« Er traf die Entscheidung spontan. Und noch während er herumfuhr, um hinauszueilen, überlegte er, ob es hier in dieser Kleinstadt eigentlich ein Motel gab.

»Ich will sie morgen sehen.« Er stürmte aus der Küche. Aus dem Haus.

Sie lief hinter ihm her. »Nick, warte. Bitte. Hör mir doch zu. Ich muss dir noch etwas Wichtiges sagen.«

Er wollte ihr nicht mehr zuhören. »Ich will meine Kinder morgen sehen.«

Seine Reifen quietschten, als er ihre Auffahrt hinunterfuhr.

Später am Nachmittag saß Hope bei Joshua am Krankenhausbett und beobachtete, wie sich sein Oberkörper ungleichmäßig hob und senkte. Sie war vor etwas mehr als einer Stunde gekommen. Seitdem schlief er. Und der Stationsschwester zufolge tat er fast nichts anderes, seit seine Freunde gegangen waren. Doch sie konnte erkennen, dass Josh selbst im Schlaf nicht wirklich Ruhe fand. Wie auch? Wie sollte überhaupt einer von ihnen je wieder froh werden, solange er nicht gesund war?

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, streichelte sie seine linke Hand, jene ohne intravenösen Zugang. Es tat ihr so weh, das ansehen zu müssen, und sie biss sich auf die Unterlippe, aus Angst aufzuschluchzen. Doch sie musste stark bleiben, stark genug für sie alle.

Hope war nicht überrascht gewesen, als Susan sich schon wieder um den Krankenhausbesuch gedrückt und sie angefleht hatte, noch eine Nacht bei ihrer Freundin Chelsey verbringen zu dürfen. Hope hatte Verständnis dafür. Die harsche Realität dieser sterilen Umgebung war kaum zu ertragen – erst recht nicht für eine Fünfzehnjährige.

Nicht zum ersten Mal hatte Hope Angst um ihre Tochter. Der Krebs war ein gieriges Biest, das erst zufrieden war, wenn es die gesamte Familie erwischt hatte. Selbst dann verlangte das Ungeheuer nach mehr.

Hope gab sich größte Mühe, für ihre beiden Kinder da zu sein, doch ihr war bewusst, dass ihr das trotz aller Anstrengungen nicht immer gelang. Große Sorgen bereiteten ihr die erkennbaren Schmerzen und der Kummer der beiden. Doch sie verbrachte auch unzählige Stunden damit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, welche inneren Kämpfe ihre Kinder vor ihr zu verbergen versuchten. Die Krebserkrankung hatte Joshua so vieler Dinge beraubt, beeinträchtigte aber auch Susans Leben immens. Hope konnte nichts weiter tun, als für ihre Kinder da zu sein und als Mutter ihr Bestes zu geben.

Ich will meine Kinder morgen sehen.

Selbst jetzt, Stunden später, spukten ihr Nicks Worte im Kopf herum. Worte, die wie eine Drohung geklungen hatten. Es war die reinste Ironie. Seine Worte würden bleiben, doch er würde sie wieder verlassen, das wusste sie. So, wie er es damals getan hatte. Aber diesen Kampf würde sie für ihre Kinder ausfechten. Diesen Schmerz konnte sie ihnen ersparen.

Sie versuchte, nicht an den Herzschmerz von damals zu denken. Daran, wie lang ihr die Zeit zwischen Nicks Anrufen erschienen war. Anfangs rief er noch so häufig an, wie er es versprochen hatte. Und sobald sie die Stimme des anderen hörten, nahmen sie ihre Unterhaltungen wieder auf, als hätten sie nie geendet.

Das Leben war perfekt. Genau so, wie sie es geplant hatten. Sie sprachen stundenlang miteinander, über Gott und die Welt, aber hauptsächlich über seine Pläne, NASCAR-Rennfahrer zu werden und groß rauszukommen. Als aus den Tagen aber Wochen wurden und schließlich Monat um Monat verstrich, meldete er sich immer seltener. Hope versuchte, ihn unter seiner Handynummer zu erreichen, doch er nahm nicht ab und rief nicht zurück. Die wenigen Male, die sie dann doch telefonierten, klangen ihre Gespräche gestelzt, ganz anders als früher. Es kam ihr vor, als wollte Nick nicht mehr mit ihr reden. Als hätte er das Interesse an ihr verloren – und an den Plänen, die sie geschmiedet hatten.

Konnte man es ihm verdenken? Sie war nur ein Mädchen aus einer Kleinstadt, das einem Mann mit so hochfliegenden Träumen nichts zu bieten hatte. Also bestand ihr Leben nur noch daraus, zu warten und sich Sorgen zu machen. Sie wartete darauf, dass das Telefon klingelte. Befürchtete, dass das nie wieder geschehen würde. Sie sehnte sich danach, seine Stimme zu hören. Und hatte Angst, dass er nie wieder zu ihr zurückkehren würde.

Dann wartete sie auf ihre Periode.

Schließlich musste sie der Wahrheit ins Gesicht sehen. Sie war schwanger.

Nachdem sie das herausgefunden hatte, rief sie Nick auf dem Handy an, nur um dahinterzukommen, dass es gar nicht mehr in Betrieb war. Verzweifelt versuchte sie es mit der einzigen anderen Nummer, die sie von ihm hatte, und hinterließ einem Fremden die Nachricht, Nick möge sie bitte dringend zurückrufen.

Doch er rief nie zurück.

Nicht einmal, als sie eine zweite und dritte Nachricht hinterließ.

Selbst als sie erkannte, dass er sie nie zurückrufen würde und zweifellos sein Telefon abgemeldet hatte, um jede Verbindung zu ihr zu kappen, konnte sie ihn nicht loslassen. Sie konnte noch immer nicht aufhören, ihn zu lieben, auf ihn zu warten. Ihre Tasche hatte sie gepackt, bereit zu flüchten und ihn zu finden. Allerdings wusste sie nicht, wo er steckte. Und sollte sie ihn tatsächlich wie durch ein Wunder finden, was wäre dann? Sollte sie ihm von dem Baby erzählen und ihn zwingen, bei ihr zu bleiben? Wie so etwas ausgeht, hatte sie bei ihren eigenen Eltern mit angesehen. Sie hatte nicht vor, ihr eigenes Kind einem derartigen Schmerz auszusetzen.

Aber sie war eine schwangere Siebzehnjährige, die noch zur Highschool ging. Was sollte sie tun?

Ihre Mutter war weniger entscheidungsschwach. Als sie von der Schwangerschaft erfuhr, ließ Claire ihrer Tochter zwei Möglichkeiten: Entweder sie wurde das Kind wieder los, oder sie musste gehen.

Hope spielte nicht eine Sekunde lang mit dem Gedanken, das Baby abzutreiben. Also floh sie zu ihrer einzigen anderen Verwandten, ihrer Tante Margaret.

Während ihr Bauch immer runder wurde und sie ihr Baby (besser gesagt: ihre Babys, denn sie hatte inzwischen erfahren, dass sie Zwillinge erwartete) in sich spüren konnte, traten die verwirrenden Emotionen für Nick in den Hintergrund. Ein vollkommen neues Gefühl breitete sich in ihr aus. Es war viel stärker als alles, was sie je empfunden hatte, und weckte in ihr einen starken Beschützerinstinkt. Sie war nicht länger das junge Mädchen, das bis über beide Ohren verliebt war; sie war Susans und Joshuas Mutter. Sie würde alles für ihre Kinder tun. Selbst wenn es bedeutete, sie vor einem Vater zu bewahren, der ihnen das Herz brechen würde, wenn er sie verließ, genau wie er Hope das Herz gebrochen hatte.

Aber nun war Nick wieder aufgetaucht und bestand darauf, ihre Kinder zu sehen. Hope wusste noch nicht genau, wie sie es anstellen sollte, sie weiterhin zu schützen, aber es würde ihr schon noch gelingen. Sie würde einen Weg finden, so wie immer, seit die beiden auf der Welt waren.

Joshua schnarchte leise vor sich hin. Als er sich umdrehte, rutschte ihm die Bettdecke weg. Hope beugte sich vor und deckte ihn wieder zu.

Eine Windbö stieß gegen das Krankenhausfenster, und Regen prasselte gegen das Glas. In der Dunkelheit waren kleine rechteckige Lichtpunkte zu erkennen, die von den Fenstern der Wolkenkratzer stammten und Seattles Innenstadt erhellten. Es war fast fünf Uhr. Tausende von Menschen würden demnächst Feierabend machen und aus diesen Gebäuden strömen, nach Hause, um das Abendessen zuzubereiten, Wäsche in die Waschmaschine zu werfen und Zeit mit ihren gesunden Kindern zu verbringen.

Wie sehr sie diese Menschen um diese Normalität beneidete, um einen Alltag, in dem sich nicht alles um Krankenhausaufenthalte und medizinische Versorgung drehte, sondern um Schulprojekte und sportliche Aktivitäten. Wie sehr wünschte sie sich das für ihr eigenes Kind.

Sie drehte sich wieder herum zu ihrem Sohn. Selbst im Schlaf sah er erschöpft und blass aus. Tiefe Schatten lagen unter seinen Augen. Zärtlich strich sie ihm das Haar aus der Stirn und spürte einen fast unerträglichen Schmerz, als auf einmal ein Büschel Haare in ihren Fingern hängen blieb. Nur mühsam gelang es ihr, ein Schluchzen zu unterdrücken. Warum geschah das ihrem Sohn? Weder er noch sonst ein Kind sollte das erleiden müssen.

Tränen schossen ihr in die Augen, und sie vertrieb sie mit reiner Willenskraft. Sie wandte sich ab, um einmal tief durchzuatmen, und sah Dana den Gang entlangkommen. Als Dana sie entdeckte, lächelte und winkte sie ihr zu. Zum ersten Mal heute hob sich Hopes Stimmung. Was würde sie nur ohne ihre beste Freundin tun?

Sie hatten sich an Joshuas und Susans erstem Kindergartentag kennengelernt; Dana war ihre Erzieherin gewesen. Es war lange her, aber Hope erinnerte sich an den Septembermorgen, als die Zwillinge Hopes Hand losgelassen hatten. Sie umklammerten ihre brandneuen Rucksäcke, fassten sich an die Hände und brachen tapfer in diese neue Welt auf. Es war ein bittersüßer Moment, sie gehen zu lassen. Sie wirkten noch so klein, viel zu klein, um schon in den Kindergarten zu gehen. Dana hatte Hopes verlorenen Gesichtsausdruck offenbar gesehen, denn sie kam auf sie zu und meinte: »Einen zusätzlichen Helfer kann ich hier immer gebrauchen.«

Hope wurde zu einem vertrauten Gesicht in der Gruppe und kam, wann immer ihr Studium und die Arbeit es zuließen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen Hope und Dana eine wunderbare Freundschaft.

Als Hope die Beerdigung für ihre Tante organisieren musste, stand Dana ihr bei. Als Dana wiederum ihren Master in Erziehungswissenschaften erlangte und ihre Urkunde überreicht bekam, nahmen Hope und die Zwillinge an der Zeremonie teil, jubelten ihr zu und applaudierten ihr. Als Hope ihre Stelle an der Tranquility Highschool erhielt, bestand Dana darauf, mit ihr und den Kindern zur Feier des Tages essen zu gehen.

Und seit sie von Joshuas Leukämie wusste, hatte Hope nur Dana ihre tiefe Verzweiflung anvertraut.

»Wie geht’s unserem Jungen heute?«, fragte Dana, als sie durch die Tür hereinschlüpfte und zu Hope herüberkam. Sie umarmte sie und hielt sie einen Augenblick länger fest als nötig.

Hope erwiderte die Umarmung. Sie war unendlich dankbar für Danas stete Unterstützung. »Er hat den Großteil des Tages geschlafen.«

»Armer Junge. Aber Schlaf ist nicht das Schlechteste«, flüsterte Dana und sah Hope vielsagend an. »Seine Mutter sollte sich daran mal ein Beispiel nehmen.«

»Ich schlafe.«

»Ja, klar. Und ich trage Kleidergröße sechsunddreißig.« Dana tätschelte ihre kräftigen Oberschenkel, für die sie eher Größe vierzig brauchte.

Hope versuchte zu lächeln.

»Du siehst nicht nur völlig erschöpft aus, sondern auch so, als hättest du schon wieder zwei Kilo abgenommen.« Leise zog Dana sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Hope. »Hast du heute überhaupt schon etwas gegessen?«

»Ja.«

»Du flunkerst«, stellte Dana fest und lächelte mitfühlend. »Ich arbeite mit Fünfjährigen, schon vergessen? Ich erkenne eine Lüge auf zwanzig Meter Entfernung.« Sie wühlte in ihrem abgetragenen Lederrucksack herum, den sie als Handtasche benutzte, zog einen Müsliriegel hervor und reichte ihn Hope. »Ich hätte dir ja etwas Nahrhafteres mitgebracht, aber ich bin davon ausgegangen, dass du mit Ben essen gehst. Deshalb bin ich auch hier, um bei Josh zu bleiben, während du unterwegs bist. Wir haben das alles doch besprochen.«

Hope nahm den Riegel, machte ihn aber nicht auf. »Ich habe abgesagt. Und wie schaffst du das bloß? An alles zu denken, sogar an meine Termine?«

Dana stellte ihren Rucksack auf den Boden. »Das ist einfach, wenn man nicht zehn Sachen gleichzeitig machen muss.«

»Es tut mir leid, dass du umsonst hergekommen bist. Ich habe versucht, dich anzurufen, aber bei deinem Handy ist sofort die Mailbox angesprungen.«

»Du hast angerufen?«

»Zweimal. Du schaffst es, an meine Termine zu denken, vergisst aber, dein Telefon aufzuladen?«

»Ach komm, ich hab mich gebessert, ehrlich.« Dana wühlte erneut in ihrem Rucksack und hielt kurz darauf ihr Handy hoch. »Siehst du …« Sie brach mitten im Satz ab, als sie beide sahen, dass der Akku wieder einmal leer war. »Mist. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich es diesmal aufgeladen hatte.«

Hope musste lächeln. Dana war berühmt dafür, ihr Handy zu vergessen, zu verlieren oder einfach nicht aufzuladen.

»War Ben sauer, dass du schon wieder abgesagt hast?« Dana ließ ihr Telefon zurück in den Rucksack fallen und stellte ihn ab.

»Er war wie immer sehr verständnisvoll. Du solltest ihn besser kennenlernen, er ist ein wunderbarer Mann. Freundlich und loyal und ein perfekter Zuhörer.«

»Du hast gerade den Pudel meiner Mutter beschrieben.«

»Sehr witzig.«

»Okay, zugegeben, ich bin nicht gerade Bens größter Fan, aber du hättest dich trotzdem mit ihm treffen sollen. Mal einen Abend rauszukommen könnte dir wirklich guttun.«

»Das sind ja ganz neue Töne. Bisher hast du noch nie viel davon gehalten, dass ich mit Ben ausgehe. Außerdem habe ich euch beiden oft genug gesagt, dass Josh im Augenblick meine oberste Priorität hat. Solange er nicht wieder gesund ist, sind mir Verabredungen einfach nicht so wichtig. Ben versteht das und weiß, dass er mich nicht drängen darf.«

Hope wusste, was ihre Freundin dachte. Dana fand, Ben fehle es an Begeisterung, Spontanität und dem gewissen Etwas, das eine Frau umhaute. Aber genau aus diesen Gründen fand sie Ben Allen so attraktiv. Sie wollte nicht umgehauen werden. Das war ihr schon einmal passiert – mit Nick. Und obwohl sich seitdem nichts mehr so wunderbar angefühlt hatte, lautete die traurige Wahrheit, dass man irgendwann wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen landen musste. Und es war ein langer, harter Fall – einer, den Hope nicht noch einmal durchmachen wollte.

»Wieso hast du denn nun abgesagt?«, fragte Dana.

»Habe ich dir doch gerade erklärt.«

»Sag mir den wahren Grund.«

Mist, ihrer Freundin entging aber auch gar nichts.

Dana richtete sich auf. »Warte. Hast du von deiner Mutter gehört?«

»Nein.« Hope legte den ungeöffneten Müsliriegel auf Joshuas kleinen Nachtschrank neben dem Bett.

»Sie wird sich testen lassen. Ich bin mir sicher.«

Hope war längst nicht so optimistisch wie Dana, doch letztlich war es unerheblich. Denn auch wenn Claire Montgomery es noch nicht wusste, sie würde sich testen lassen. Dafür würde Hope schon sorgen.

»Es tut mir so leid«, meinte Dana.

Hope sah sie an. »Was?«

Kummer breitete sich auf Danas Gesicht aus. »Dass ich keine geeignete Spenderin bin.«

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