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The Narrows

Als Buch hier erhältlich:

Link Williams ist ein gutaussehender und brillanter Dartmouth-Absolvent, der mangels besserer Möglichkeiten für einen afroamerikanischen Mann in den USA der 1950er-Jahre eine Bar betreibt. Durch den Zufall zusammengebracht, entsteht zwischen Link und »Camilo«, einer wohlhabenden, weißen, verheirateten Frau, eine Beziehung, die gegen die starren und kompromisslosen sozialen Codes ihrer Stadt und ihrer Zeit verstößt.
Petry wirft ein hartes, wahrheitsgetreues Licht auf den Schaden, den »Rasse« und Klasse im menschlichen Leben anrichten. Sie zeigt, wie prägend die Zuordnungen hinsichtlich Geschlechterrollen und »Rasse« sind, sie zeigt die zerstörerische Natur des Boulevardjournalismus und sozialer Stereotype, die bis zum heutigen Tag bestehen.
»The Narrows« ist außerdem ein prägnantes Porträt einer Gegend, der Menschen in diesem Viertel: Ann Petry zeichnet unvergessliche, äußerst wichtige Nebenfiguren.


  • Erscheinungstag: 14.03.2022
  • Seitenanzahl: 544
  • ISBN/Artikelnummer: 9783755600176
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1

Abbie Crunchs Schritte wurden langsamer, als sie in die Dumble Street bog, am Arm den Henkelkorb, im Kopf den festen Vorsatz, nicht zum Fluss zu schauen; sie wusste, sobald sie ihn in der Sonne glitzern sähe, würde sie an Link denken, sich Sorgen um Link machen, sich an Link als kleiner Junge erinnern. Als kleiner Junge? Ja, als kleiner Junge. Acht Jahre. Springt vom Kai. Schwimmt im Fluss herum.

Sie hörte das Wasser an die nahe Spundwand schlagen und schwach, sehr fern, vom Wind an Land getragen, das Schreien der Möwen, das Tuten eines Schleppers, sie roch den vertrauten alten Dunst vom Fluss. Und wie immer an einem sonnigen Morgen sah sie sich und Frances Jackson wieder auf der Dock Street stehen, halb verborgen hinter einem Handwagen am Bordstein, und über aufgeschichtete Kartoffeln und Grünkohl und Möhrenbündel und viele runde Salatköpfe hinwegspähen. Sie war klein und fett, nein füllig. Frances war lang und dünn und knochig.

Frances sagte: »Kuck! Kuck mal da drüben!«, zeigte hin, zwang sie zum Hinsehen.

Sie erinnerte sich, wie zuwider es ihr immer war, wie dieser biegsame, scheinbar gelenklose, lange dunkelbraune Zeigefinger ihren Blick lenkte, ihr hinzusehen gebot, und dass ihre Augen dem gebieterischen Zeigefinger am ausgestreckten Arm folgten, obwohl sie nicht hinsehen wollte.

Sie sah Bill Hod auf dem Kai stehen, in einer kurzen dunklen Hose, einer dunklen Badehose, sonst nichts. Brustkorb, Schultern, Arme weiß verglichen mit der Badehose und schockierend nackt wegen der Badehose. Seine glatten schwarzen Haare waren nass, er fuhr mit den Händen durch und drückte sie flach, bis sie seidig-geschmeidig glänzten. Sie hatte, auch daran erinnerte sie sich, gedacht: Ich habe den Verstand verloren, völlig verloren, nicht mehr unter Kontrolle. Einfach weil sie so ehrlich erstaunt war, dass seine Haare so eben auf dem Kopf lagen … sie hatte sich irgendwie eingeredet, dass auf seinem Kopf Hörner sein müssten … jedenfalls irgendein Zeichen, ein Beweis für … Sie schloss die Augen. Die Sonne war unerträglich hell. Sie war Dunkelheit gewohnt, die Rollos immer unten, die Vorhänge zu, kein Licht an abends, Dunkelheit im Haus war ihr lieber.

An jenem Morgen bestand Frances Jackson nur aus Ellbogen, ein langer Körper mit Ellbogen überall. Sie stupste sie an: »Mach die Augen auf. Abbie, Abbie, Abbie …«

Sonnenschein auf dem Fluss, Sonnenschein über Bill Hod, Sonnenschein in ihrem Gesicht, das dachte sie zumindest, es tat weh in den Augen, weh im Gesicht, deshalb behielt sie die Augen zu. Sie hörte Links Stimme, eine Kinderstimme, hell, hoch, eine Stimme voller Begeisterung und noch etwas – Zärtlichkeit.

Sie schlug die Augen auf und sah Link vom Kai springen und in den Fluss eintauchen. Sie wollte ihn aufhalten. Es war doch gefährlich. Er konnte doch nicht schwimmen. Noch mehr plötzliche Schläge würde sie nicht aushalten. Er war so klein. Und der Fluss war so breit und so tief, so trügerisch. Aber dann schwamm er, weiter und immer weiter weg, sein Kopf klein wie der eines Hündchens, gerade noch über Wasser gehalten, rückte weiter und immer weiter weg. Sie sagte: »Nein!«

Bill Hod schrie: »Heh – du – komm zurück.« Bassstimme, arrogant, dominant, der Ton, allein der Ton war eine Beleidigung, die Stimme hatte sie nie vergessen, hörte sie immer noch, sogar im Schlaf –

Der Kopf, der kleine Kopf rückte ferner, immer ferner, weiter und weiter hinaus auf die Flussmitte zu, wurde immer kleiner, war jetzt nur noch der Kopf eines frisch geworfenen Welpen. Dann außer Sicht. Nein, noch da, aber immer ferner rückend.

Bill Hod brüllte, der Wind trug seine Stimme landeinwärts bis zum Handwagen, zu Frances Jackson und Abigail Crunch, eine wütende Stimme: »Wehe ich – muss dich – da rausholen – komm zurück …«

War das Köpfchen noch da? Ja, und jetzt kam es zurück, ganz ganz langsam. Sie dachte: Er hätte nie – wieso hat der Mann da …

Dann, endlich, griff Bill Hod nach unten und zog Link hoch auf den Kai. Und Bill Hod schlug ihm ins Gesicht. Sie konnte den Schlag hören, er schlug nochmal zu und nochmal, sagte: »Wenn du noch ein Mal« – klatsch – »sowas machst« – klatsch – »mach ich dich alle« – klatsch – »endgültig« – klatsch.

Niemand hatte Link je geschlagen. Weder sie noch der Major. Sie wollte über die Straße laufen, dachte: Woher nimmt der das Recht, dieser Mann mit dem Henkergesicht. Frances Jacksons Hand hielt sie zurück, diese Kraft in der schmalen knochigen Hand, diese Entschlossenheit in der Hand, die sie festhielt hinter dem Handwagen, hinter Kartoffeln und Salatköpfen und Grünkohl.

Frances sagte: »Abbie – nicht. Du hast nicht mehr das Recht, dich einzumischen. Link lebt seit drei Monaten da in der Kneipe – seit drei Monaten. Abbie, hör auf mich …«

Einmal waren sie nachmittags in die Last Chance gegangen, um Link zu holen, aber er war weggelaufen, hatte sich unter der Theke verkrochen und gebrüllt: »Ich will da nicht wieder hin. Ich will da nicht wieder hin.«

Sie sah sich und Frances noch, wie sie Link auf Händen und Knien anflehten, versuchten ihn unter der Theke der Last Chance hervorzuziehen. Und wie Bill Hod dabeistand und zusah, ohne ein Wort zu sagen, nur die Hände in die Hüften stemmte und zusah. Sein Gesicht? Sie hatte ihm nicht ins Gesicht sehen können. Woher wusste sie dann, dass er innerlich lachte, warum war sie so sicher, dass er dachte: Die alte Jungfer Totengräber und die Witwe sind hier in meiner Kneipe. Vermutlich wegen der Art, wie er an der Theke lehnte und ihnen zusah. Er machte ihr bewusst, was für ein lächerliches Bild sie abgaben: Eine kleine füllige und eine lange dürre Frau versuchen, einen achtjährigen Jungen unter einer Theke hervorzuziehen, und kriegen ihn nirgends zu fassen, rudern auf Händen und Knien mit den Armen, rudern, wollen irgendetwas greifen – Hose, Beine, Turnschuhe, Hemd; aber er krabbelt immer wieder weg.

Frances erklärte das Ganze schließlich für unmöglich. Sie stand auf, wischte sich die Hände ab und sagte: »Mr. Hod, ich will mit Ihnen reden.«

Frances erteilte gewohnheitsmäßig Befehle und hatte gewohnheitsmäßig Umgang mit Hinterbliebenen und Trauernden, mit Panischen und Verängstigten, deshalb wusste sie besser als Abbie, wann man sich lieber zurückzog und wann man vorpreschen konnte, und beides beherrschte sie mit Würde. Aber als sie jetzt wieder aufstand und an ihrem Rock hinuntersah, war sie verblüfft. Abbie wusste warum. Auf Frances’ dunklem Rock war kein Schmutz, kein Stäubchen. Der Boden hinter der Theke der Last Chance war staubfrei, schmutzfrei.

Damals war Link acht Jahre alt gewesen. Jetzt war er sechsundzwanzig und arbeitete in der Last Chance. Hinter der Theke. Bill Hod hatte gewonnen – mühelos, einfach so.

Jedes Mal, wenn sie in die Dumble Street einbog, stellte Abbie sich dieselbe Frage: Wäre Link nicht adoptiert, sondern ihr eigenes Kind gewesen, hätte sie ihn dann auch drei Monate lang vergessen, vergessen können, drei ganze Monate lang?

Manchmal schob sie alles auf die Straße, die jetzt gerade, an einem milden Oktobermorgen, nichts als Sonnenlicht und Schatten war – ein kompliziert gemusterter Schatten von den jungen Ulmen, ein dichterer Schatten mit schlichterem Muster beim alten Ahorn, kurz vorm Ende des Häuserblocks; der Schatten zeichnete die scharfen Umrisse der Backsteingebäude weich und kaschierte die Trostlosigkeit der einstöckigen Holzbohlenhäuser, das Sonnenlicht brachte das Gelbgrün der Ulmen, das Orangerot des Ahorns zum Leuchten und das Mattgrau des Kais zum Glänzen. Nein, dachte sie, an der Straße lag es nicht. Schuld war Abbie Crunch. Hätte sie nicht sich selbst beschimpft: Mörderin, Mörderin, hätte sie sich nicht als Kronzeugin gegen sich selbst aufgespielt, sich selbst zum Tode verurteilt, ihren eigenen Tod gewollt und Link darüber vergessen, so vergessen, als hätte es ihn nie gegeben, dann hätte sie ihn nicht verloren.

Sie hatte den Fluss nicht ansehen wollen, aber sie hatte kurz zum Kai geschaut, und von da war ihr Blick weitergewandert. Sie blieb stehen und betrachtete ihn jetzt doch. Der Wye war kornblumenblau, ritterspornblau im Sonnenlicht; an der blauen Oberfläche tauchten unentwegt kleine weißgeränderte Schaumwellen auf und verschwanden wieder – ein glitzernd blauer Fluss direkt am Ende der Straße, ein schöner Fluss. Auch die Straße war schön. Sie fiel sanft zum Fluss hin ab. Aber die Schilder an den Häusern zerstörten jede Anmutung von Schönheit. Das Neonschild an der Last Chance, das scheußlich rot in der Sonne leuchtete – also war Link schon bei der Arbeit. Auch die anderen Schilder: Zimmer zu vermieten, Untermieterin gesucht, Haarglättung nach v, Kool-Aid Brausepulver hier gratis, Heizung extra, Zimmer eineinhalb Dollar die Nacht. Zimmer. Zimmer.

Sie wusste noch, wie Mrs. Sweeney das Schild Zimmer zu vermieten in ihrem Fenster durch Zimmer für Weiße ersetzt und zu ihrer Rechtfertigung erklärt hatte, es seien zu viele Farbige auf Zimmersuche, sie werde mit ihrer Arbeit nicht fertig, weil andauernd die Türglocke gehe. »Das soll nur Zeit sparen«, hatte sie gesagt, »meine und die von denen.«

Mrs. Sweeneys Schild war längst durch ein ganz anderes, viel größeres ersetzt worden: »Masters University – Kirche der Metaphysischen und Spirituellen Wissenschaften – Offenbarung von sonderbaren Geheimnissen der unsichtbaren Lebens-, Zeit- und Naturkräfte. Göttlicher Segen – Heilung für Körper und Geist. Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich. Höret die Stimme des Herrn durch Dr. H. H. Franklin Longworth, F.M.B. Minister, Psychologe, Metaphysiker. Jedermann willkommen.«

Ja, dachte sie, die Dumble Street hat sich verändert. Und die Geschichte dieser Veränderung erzählen die Schilder. Trotz all ihrer trügerischen frühmorgendlichen Schönheit war die Straße inzwischen so berühmt oder eher berüchtigt, dass, wer in Monmouth wohnte, die Dumble Street oder die Nachbarstraßen nie beim Namen nannte; die ganze Gegend, das Viertel hatte jetzt verschiedene neue Namen: Die Narrows, Nadelöhr, Ganzunten, Little Harlem, Finstereck, Niggertown, weil Negroes den Platz der früheren Einwanderer – Iren, Italiener und Polen – eingenommen hatten.

Der Fluss hatte sich zum Glück nicht verändert. Auch der große Ahorn nicht. Aber sie, Abbie Crunch, hatte sich verändert, seit ein paar Jahren nannte auch sie den Ahorn Henker, wie alle, die in den Narrows wohnten. Es war wohl unvermeidlich. Die Leute redeten über den Baum, als wäre er ein Mensch: »Der Henker verliert die Blätter, wird ’n früher Winter«, oder: »Is Frühling, der Henker sitzt voll Knospen.« Bei Kälte, richtig beißender Kälte, wenn der Wind direkt vom Fluss hochblies und die Bürgersteige immer enger wurden, fast Trampelpfade, weil sich rechts und links die Schneeberge türmten, wenn die Eisdecke jeden Schritt zum Risiko machte, schwankten seine prächtigen Äste hin und her und knackten. Dann sagten Passanten: »Hörma, der Henker ächzt. Hörst’n?«, oder: »Der Henker redet. Der Henker stöhnt im Schlaf«, und gingen schaudernd weiter.

Sie hatte vor Jahren herauszufinden versucht, warum der Baum Henker genannt wurde, vergeblich. Und weil sie den leidigen, lehrerinnentypischen Hang zu Akkuratesse nie ganz losgeworden war, hatte sie in der Monmouther Stadtbibliothek sämtliche Botanik-Bücher durchforstet, aber nirgends etwas über einen Henkerahorn gefunden. Vielleicht, so ihr Fazit, hatte mal jemand erwähnt, dass ein großer Ahorn genau die Sorte Baum ist, an der gern Henker ihre Opfer zum Schlenkern aufknüpfen – von geradem, hohem Wuchs, mit mächtigen Ästen –, und wer immer das aufgeschnappt hatte, hatte es beim Weitererzählen etwas abgewandelt und den Baum zum Henkerahorn erklärt; und irgendwann hatte irgendein fantasiebegabter Negro, vermutlich aus South Carolina, den Ahorn Henker getauft. Heute nannte sie ihn selbst so, ebenso leicht und inakkurat wie alle anderen in den Narrows.

An diesem Morgen war der Henker ein Bild von einem Baum – ein Kalenderbild, mit Blättern in fast unfassbarem Orangerot. Manchmal bedauerte sie, dass sie das alte Backsteinhaus Dumble Street Nr. 6 damals unbedingt hatte kaufen wollen. Jetzt gerade nicht. Wer bereute denn, ein schönes altes Haus zu besitzen, wenn im Vorgarten ein Baum wuchs, der wie eine grandiose, von einem Chor aus lauter harmonierenden Stimmen gesungene Hymne war?

Natürlich war der Henker Quell diverser kleiner Ärgernisse und möglicherweise zumindest indirekt auch die Ursache einer größeren Katastrophe. Die Hunde des Viertels kamen ständig in den Vorgarten, schnüffelten um den Baum herum, hoben ein Bein und buddelten hinterher energisch im Rasen. Magere Katzen hielten tagsüber Nickerchen im Schatten unter dem dichten Geäst und gingen um Mitternacht auf jaulende Balz. An heißen Sommerabenden fläzten schlafende Säufer unter dem Baum, aber richtiger Schlaf war es nicht, eher Starre. Sie hatte immer einen Eimer voll Wasser auf der Treppe hinten stehen, mit dem ging sie frühmorgens, obwohl ihr vor Angst das Herz schneller schlug, obwohl die Angst sie ins Haus zurückzog, auf den schlafenden Mann zu, kippte ihm das Wasser über und prallte zurück wegen seines Gestanks, wegen der ganzen grässlichen wackeligen Gestalt, sagte dann aber: »Raus hier. Hau sofort ab, sonst hol ich die Polizei –« Es gab immer Gezitter, Getorkel und mit schwerer Zunge gemurmelte Flüche, lauter Beweise für Trunkenheit, und nur Trunkenheit, wenn sich der Mann dann auf die Füße rappelte. Solche Männer liefen immer direkt über die Straße in die Last Chance, wie instinktgetrieben.

Ja, dachte sie, alles ändert sich, nur nicht unbedingt zum Besseren, und lenkte ihre Gedanken vom Thema Alkoholvergiftung weg, das hatte sie sich antrainiert. Ihr Haus dagegen hatte sich verbessert. Dumble Street Nr. 6 hatte unverkennbar Flair – ein aristokratisches Flair. Der Türklopfer war aus gleißendem Messing, die Rahmen der Fenster mit den kleinen Scheiben und der Haustür leuchtend weiß gestrichen. Im frühen Morgenlicht schimmerten die Ziegelmauern nicht rot, sondern rosig – wie das zarte Rosenrot in alten Perserteppichen. Das schmiedeeiserne Geländer zu beiden Seiten der Eingangsstufen war so filigran und fein gearbeitet, dass es fast aussah wie Filethäkelei, unglaublich, dass man ein hartes Metall wie Eisen so verdrehen und winden und biegen kann, bis es wirkt wie Spitzenklöppelei.

Sie machte einen kleinen Satz vor Schreck, weil sie dicht hinter sich Schritte hörte. Sie drehte sich um, und ein Mann ging mit entschlossenen Schritten an ihr vorbei. Ein farbiger Mann. Seine Haut war nur einen Hauch dunkler als ihre. Aber gekleidet war er mit einer Sorgfalt, die man hier heutzutage nur selten sah – die Hose mit Bügelfalten, die Schuhe hochglanzpoliert, sie glänzten sogar hinten, auf dem Kopf ein Filzhut, dunkelgrau, makellose Kontur.

Was mochte er gedacht haben, als er sie mitten auf dem Bürgersteig stehen sah? Wie hatte sie von hinten, nur von hinten oder mit einem raschen Blick von der Seite gesehen, auf ihn gewirkt? Schäbig? Alt? Wie die zahnlosen alten Frauen, die vornübergebeugt vor sich hinbrabbelnd in der Haustür saßen, auf den Stufen der Häuser in den Narrows? Beim Anblick der krummen Buckel, der dunklen runzligen Haut, den funkelnd schwarzen Augen, den schludrigen langen Röcken musste sie immer an alte Weiber und Hexen und Nekromantie denken.

Sie genierte sich und ging weiter, mit schnellen Schritten und dem Drang, ihre äußere Erscheinung einer geistigen Inventur zu unterziehen. Der Marktkorb? Er war handgeflochten, von Willow Smith, dem alten Korbmacher. Ein untergegangenes Kunsthandwerk. Heutzutage hatten Frauen braune Papiereinkaufstüten, die nicht lange und auch nicht viel hielten und oft ersetzt wurden. Mit Trageschnüren, die in die Finger schnitten. Sie hatte ihren Korb seit fast vierzig Jahren. Er war robust und doch leicht, und er war Teil ihrer samstäglichen Einkaufsausrüstung wie die polierten Schnürschuhe an den Füßen und die Baumwollzwirnstrümpfe an den Beinen. Die Schuhe waren schon oft neu besohlt worden, aber das Obermaterial war noch wie neu. Sie musterte ihre Hände – die beigen Handschuhe waren makellos, na gut, sie waren geflickt, aber sie bezweifelte, dass das irgendjemand bemerkte, jedenfalls keiner, der zufällig vorbeiging.

Und einen Buckel hatte sie auch nicht, das wusste sie. Sie war immer stolz auf ihren geraden Rücken gewesen und hielt ihn beim Anblick des Mannes, der jetzt eilig vor ihr herlief, noch etwas aufrechter. Allzu merkwürdig konnte sie nicht auf ihn gewirkt haben. Der schlichte schwarze Wollmantel war immer abgebürstet, wenn sie das Haus verließ, ebenso der schlichte schwarze Filzhut – den hatte sie genommen, weil er nie wirklich aus der Mode kommen und gleichzeitig nie Aufmerksamkeit erregen würde. Sie trug ihn flach und fest auf den Kopf gezogen, aber nicht so tief, dass er ihre Haare verbarg – seidige weiße Haare. Immer stolz auf ihre Haare. Aber immer entwischten zwei, drei Ringel den Haarnadeln, deshalb hängte sie den Korb an den anderen Arm, langte an den Hinterkopf und betupfte ihn, nein, alles adrett, soweit sie es mit den Handschuhen feststellen konnte.

Wieso habe ich das gemacht? Ich weiß doch, wie ich aussehe. Aber ich frage mich schon mein Leben lang: Was werden die Leute denken? Und mit siebzig werde ich wohl auch nicht mehr schaffen, das zu lassen. Also, da geht ein kleiner Mann mit eiligen Schritten an mir vorbei, genau in dem Moment, in dem ich einfach auf der Straße stehe, und ich fange sofort an, mein Aussehen zu überprüfen. Vielleicht hat der sich überhaupt keine Gedanken über mich gemacht. Aber angesehen hat er mich, von der Seite, ganz kurz, und weg war er. Er ist nicht viel größer als ich, dachte sie, und sah ihm weiter nach. Aber er wiegt weniger. Nicht dass ich fett bin, aber ich habe Fleisch auf den Knochen – kleinen Knochen –, also wirke ich plump.

Zu ihrer großen Überraschung ging dieser Mann, dieser gut gekleidete kleine Mann direkt zur Nummer 6 und die Stufen hoch, hob den Messingklopfer und ließ ihn sachte gegen die Tür fallen, ein paarmal nacheinander, sie hörte ein leises, aber hartnäckiges Tock-tock-tock-tock. Auch das war überraschend, nur sehr wenige Menschen wussten, wie laut Türklopfer im Haus klingen, sie jedenfalls bekam immer einen Schreck, wenn Vertreter oder Hausierer an ihrer Tür ein Geballer veranstalten, mit dem man Tote hätte wiedererwecken können.

Sie war jetzt dicht bei ihm und stellte fest, dass ihm der schwarze Anzug passte, als wäre er für ihn gemacht. Seine Körperhaltung war tadellos, Kopf hoch, Schultern gerade. Er drehte sich zu ihr um, als sie gerade die Stufen hochsteigen wollte, und sie registrierte, dass er schwarze Schuhe trug – hochglanzpoliert. Link trug immer braune Schuhe, anscheinend taten das die meisten jungen Männer heutzutage, sie wusste nicht warum. Braune Schuhe wirken doch nie so angezogen wie schwarze.

Dann nahm der Fremde vor ihrer Tür den grauen Filzhut ab, machte einen Diener und sagte: »Guten Morgen.«

Und zwar mit einer Eleganz, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie dachte sofort an den Governor und den Major, sie hatten beide den Hut immer so gezogen und einen Diener gemacht, dass sie sich fühlte, als hätten sie sie mit Madam angeredet – oder Königin von England – Kaiserin von Indien.

»Mrs. Crunch?«

»Ja«, sagte sie.

»Mein Name ist Malcolm Powther. Darf ich wohl so frei sein und mich nach der Wohnung erkundigen, die Sie zu vermieten haben?«

»Oh«, sagte sie verblüfft. Die Allens waren noch gar nicht ausgezogen.

»Ich bin der Butler von Treadway Hall. Ich bin seit neun Jahren bei Mrs. Treadway«, sagte er. »Ich dachte, das sollte ich Ihnen sagen, damit Sie wissen, dass ich Referenzen beibringen kann. Und auch damit Sie verstehen, warum ich so früh am Morgen komme.«

Treadway Hall, überlegte sie. Das ist doch der Wohnsitz der Leute, denen die Fabrik gehört, Treadway Gun. Am Stadtrand von Monmouth. Die roten Dachziegel waren von weither zu sehen. Sie hatten sie aus Holland importiert und von ausländischen Handwerkern anbringen lassen, von denen manche noch in Monmouth lebten. Mrs. Treadway lud an jedem 4. Juli alle Arbeiter der Rüstungsfabrik zu einem Picknick ein. Der Chronicle berichtete darüber. Er brachte auch immer eine ganze Seite mit Fotos vom Haus, vom Park und den Rehen im Park, vom Teich und den Schwänen auf dem Teich. Die Auffahrt zum Haus war angeblich eine Meile lang.

Sie sah Mr. Powther mit leichter Ehrfurcht an. Kein Wunder, dass er so eine würdevolle Ausstrahlung hatte. Kein Wunder, dass er so aus gesucht gekleidet war. Alles an ihm ließ darauf schließen, dass er sein gesamtes Leben in enger Verbindung mit den sehr Reichen verbracht hatte. Seine Haut war mittelbraun, nicht dass sie gegen Leute mit sehr dunkler Hautfarbe irgendwie voreingenommen wäre, aber sie hatte nie Untermieter gehabt, die aussahen, als ob sie in direkter Linie von der alten Aunt Grinny Granny abstammten. Seine Nase war gerade wie ihre. Aber woher wusste er, dass die Wohnung oben bald frei wurde? Da lebten seit sechs Jahren die Allens, und sie zogen auch aus, aber erst nächste Woche. Wie war die Information über eine frei werdende Wohnung in der Dumble Street durch die steinernen Mauern des Herrenhauses gesickert, in dem er arbeitete?

»Woher wissen Sie, dass die Wohnung zu vermieten ist?«, fragte sie.

Seine Erscheinung veränderte sich auf höchst seltsame Art. Eben war er noch ein kleiner Mann von enormer Würde mit geradem Rücken, gereckten Schultern, eingezogenem Kinn, erhobenem Kopf. Einen Augenblick später wirkte er wie geduckt, zusammengesackt, schwankend, sogar der Gesichtsausdruck war anders. Er zuckte zusammen, als hätte er den Schlag erwartet.

Was wohl mit ihm los ist, überlegte sie. Vielleicht hat er Luft im Bauch oder will auf keinen Fall niesen oder unterdrückt einen Hustenanfall. Aber beinah sofort war alles wieder in Ordnung, er hatte, was immer ihm durch den Körper gebebt war, wieder unter Kontrolle.

»Der Cousin meiner Frau hat es mir erzählt«, sagte er, und nach einer kaum merklichen Pause: »Wir müssen schnell umziehen. Die Stadt reißt für eine der neuen Sozialbausiedlungen einen ganzen Straßenzug ab. Wir wohnen an der Ecke des ersten Häuserblocks, den es erwischen soll.«

»Die Allens sind noch nicht ausgezogen«, sagte Mrs. Crunch. »Aber ich nehme an, Mrs. Allen hätte nichts dagegen, dass Sie sich die Wohnung ansehen. Sie ist heute Morgen zu Hause. Kommen Sie doch herein, ich frage sie gleich.«

Sie geleitete Mr. Powther ins Wohnzimmer und bot ihm einen Sessel am Erkerfenster an. Wieder fiel ihr auf, wie gepflegt er aussah, Schuhe auf Hochglanz, die Bügelfalten mustergültig. Er setzte sich erst, als sie sich zum Gehen umdrehte, aber sie sah aus dem Augenwinkel, dass er vorher die Hosenbeine hochzog, mit einer kaum wahrnehmbaren Handbewegung.

Er sagte: »Ach, Mrs. Crunch«, und stand wieder auf. »Ich sollte Ihnen vorher noch sagen, dass wir drei Kinder haben. Es ist ohnehin nicht gerade leicht, etwas zu finden, und mit drei Kindern – naja, beinah aussichtslos. Sind Sie – womöglich haben Sie etwas gegen Kinder?«

»Nein, nein«, sagte sie. »Ich mag sie sehr gern.« Sie wartete kurz und sagte dann schnell: »Ich müsste natürlich zehn Dollar mehr Miete im Monat bekommen. Das ist ja eine recht große Familie – fünf Personen. Die verursachen mehr als die übliche Abnutzung. Da müsste ich siebzig Dollar pro Monat bekommen.«

Etwas leicht Amüsiertes flackerte kurz in seinen Augen auf. Sie hatte das Gefühl, sie müsste die zehn Dollars extra rechtfertigen. »Ich hatte bisher nur mittelalte kinderlose Paare oben wohnen. Bei fünf statt zwei Leuten müsste öfter frisch gestrichen und Wände und Böden repariert werden.«

»Sie haben völlig recht.«

»Dann gehe ich jetzt nach oben und frage Mrs. Allen, ob Sie mal einen Blick werfen dürfen.«

Sie ging die Treppe vorn im Flur hoch, nur langsam, weil ihr die »bösen« Knie, wie sie sie nannte, wehtaten und bei kühlem Wetter noch mehr, und kramte dabei im Kopf nach einem Reim auf Powther. Ohne es zu wollen und ohne es lassen zu können. So war nun mal ihr Gehirn, sie liebte Wortgeklimper und produzierte ständig Wortpaare, wie sie sie nannte, Sinn-Kinn, knapp-schlapp, Herd-Wert, Klang-bang, schlief-tief, Lug-Trug. Aber Powther? Powther? Sie fand kein Wort, sondern erfand einfach eins und dann eine Zeile: Malcolm Powther saß auf einem Sowfa.

Reime auf Powther waren genauso schwer wie auf Major. Nach ihrer Hochzeit mit dem Major hatte sie monatelang nach einem passenden Reim gesucht, aber nur einen Umweg gefunden:

Dann kam der Major und versprach,

er sei zu Diensten im Gemach.

Noch heute, achtzehn Jahre nach seinem Tod, gab es Momente, in denen die Erinnerung an ihn sie so packte, dass sie ihn fast sehen und hören konnte – den Riesenkerl mit dem dröhnenden Riesenlachen, das seine Echos selbst durch Zimmer voller Möbel und dichter Vorhänge schickte. Diesen Mann, der so vor Leben und Energie strotzte, dass man immer dachte, gleich kommt er in die Küche, summt vor sich hin und ruft: »Heh, Abbie, hast du ’n bisschen Futter für einen ausgehungerten Abessinier?«

Sie blieb auf halber Treppe stehen und überlegte, warum das lebhafte Bild des Majors sie plötzlich so überwältigte. Es lag an dem höflichen, maßgekleideten kleinen Mann, der unten im Wohnzimmer wartete. An dem extremen Kontrast. Der Major war der Typ großer Teddybär, er sah selbst in den letzten Jahren seines Lebens, als sie sich schon maßgeschneiderte Anzüge für ihn leisten konnten, immer aus, als hätte er in den Kleidern geschlafen. Er brauchte nur zwei Minuten zu sitzen, und seine Hose war in Schritt und Kniekehlen zerknautscht, die Jacke hatte Querfalten im Rücken, und in der Kragengegend quoll irgendwo ein Stoffwulst hervor, so dass er aussah, als hätte er einen Buckel. Der kleine Mr. Powther konnte bestimmt endlos lange sitzen, und sein Anzug sah beim Aufstehen immer noch aus wie frisch gebügelt.

Einmal hatte sie sich beim Schneider über die Anzüge des Majors beschwert. Der Schneider, ein Mr. Quagliamatti, hatte gekontert: »Mrs. Crunch, mein Anzug ist nicht schuld. Das liegt am Major. Ganz allein daran, wie der im Sessel sitzt. Ich kann keinen Anzug aus Elastik schneidern, aber sowas müsste er haben. Er sitzt immer da wie hingeschüttet. Sagen Sie ihm, er soll gerade sitzen und die Hosenbeine hochziehen. Er sitzt schief und krumm, aber der Stoff ist nun mal Stoff, Meterware, nicht Elastik …«

Sie war immer noch in Gedanken beim Major, als sie Mrs. Allen erklärte, dass jemand gern die Wohnung ansehen würde. Der Major hatte ja immer leicht zerknautscht ausgesehen, aber Männer sahen doch irgendwie nie so – naja, so unattraktiv aus wie Frauen, vor allem frühmorgens. Sie versuchte, nicht auf den weißen Lappen um Mrs. Allens Kopf zu starren, auch nicht auf den verblichenen Kittel, an dem ein paar zentrale Knöpfe fehlten, weshalb er über ihrem fetten Bäuchlein auseinanderklaffte. Aber natürlich musste sie unbedingt einen raschen Blick nach unten werfen und nachsehen, was Mrs. Allen an den Füßen hatte. Es waren Turnschuhe, die Schnürsenkel nicht zugebunden, und Strümpfe hatte sie auch nicht an. Die nackten Beine waren grau-braun.

Mrs. Allen sagte, fast schrill: »Jemand soll die Wohnung sehen? So früh am Morgen? Also wirklich, Mrs. Crunch …«

»Der Jemand, der sie sehen möchte, ist Mr. Malcolm Powther. Der Butler bei Treadway.«

»Ich werde nicht –«, Mrs. Allens Stimme ging noch weiter hoch, steil nach oben. »Der Treadway-Butler!« Sie bekam große Augen. Sie holte tief Luft. »Ich kann doch nicht – Augenblick – geben Sie mir zehn Minuten, Mrs. Crunch. Nur zehn Minuten, dann bin ich dafür bereit. Kommen Sie in zehn Minuten mit ihm wieder.«

Sie ging ins Wohnzimmer mit dem Gedanken, dass Mrs. Allen, sobald sie aufgeregt war, eine höchst unangenehme Art zu kreischen hatte. Sie war froh, dass sie bald auszog. Diesen stillen kleinen Mann und seine Familie im ersten Stock zu haben, wäre dagegen sehr angenehm.

Sie erzählte Mr. Powther, in ein paar Minuten könnten sie nach oben, und in der Zwischenzeit würde sie ihm gern zeigen, wie gut ihre weißen Geranien gediehen, sie blühten alle; erzählte, dass Pretty Boy, der im Schaukelsessel dösende Kater, eigentlich kampferprobt, jetzt alt geworden und nicht mehr so lebhaft wie früher; erwähnte kurz, dass sich die Dumble Street sehr verändert hatte, fügte aber fast sofort hinzu, wie günstig sie lag, weil die Franklin Avenue, wo die Straßenbahn fuhr, nur einen Block entfernt war.

»Ich glaube, jetzt können wir hochgehen«, sagte sie.

Diesmal öffnete Mrs. Allen die Tür fast mit einem Knicks. Sie hatte sich frisiert, ein paar Strähnen lagen jetzt wie ein lockiger Fries auf ihrer Stirn. Sie trug ein gemustertes Kleid und Lackschuhe mit hohen Absätzen. Auf ihren runden braunen Wangen war Rouge.

Eher zu viel Rouge, dachte Abbie, als sie Mr. Powther vorstellte und in Mrs. Allens Wohnzimmer stand und Mrs. Allens Geturtel zuhörte, sie klang jetzt, als ob sie ihr Leben lang Taubenimitieren übte. Sie lächelte und nickte und gurrte: »Finden Sie nicht auch, Mr. Powther? Wissen Sie, was ich meine, Mr. Powther?«

»Ich warte unten auf Sie, Mr. Powther«, sagte Abbie. Damit Mrs. Allen die Chance hatte, all die Koketterie ihrer mittleren Jahre aufzufahren, hinter vorgehaltener Hand zu giggeln und ihren dürren Busen vorzuwölben, ohne von der Anwesenheit einer Abigail Crunch eingeschüchtert zu werden.

Unten im Wohnzimmer suchte sie wieder nach einem Reim auf Powther und landete wieder nur da, wo sie angefangen hatte:

Der kleine Mr. Powther

saß auf einem Sowfa.

Immer wenn sie mit der Welt im Frieden lebte und manchmal auch, wenn nicht, dachte sie sich kleine Klimperreime aus, eigentlich ungewollt, aber anscheinend konnte sie nicht anders. Sie kritzelte sie auf die Rückseite von Umschlägen, auf die braunen Tüten aus dem Lebensmittelladen, auf die Dexter-Linen-Blöcke, die sie als Briefpapier nutzte. Wenn sie einmal etwas aufgeschrieben hatte, konnte sie es partout nicht wegwerfen, und so versteckte sie es in Kommodenschubladen oder unter den Laken im Wäscheschrank.

Sie hörte Mr. Powther mit leichten schnellen Schritten die Treppe herunterkommen. Der kleine Mr. Powther – saß auf einem Sowfa – dachte sie.

Mr. Powther sagte: »Das ist eine hübsche Wohnung, Mrs. Crunch. Ich zahle gern etwas an, vorausgesetzt natürlich, dass sie auch Mrs. Powther zusagt. Ich bin aber sicher, dass sie ihr gefällt.«

»Eine Anzahlung ist nicht nötig«, sagte Abbie.

»Recht herzlichen Dank«, sagte er. »Ob wir wohl einziehen könnten, sobald Mrs. Allen auszieht? Das heißt, wenn Mrs. Powther die Zimmer gefallen. Wir sind ziemlich in Eile, denn die sechsmonatige Kündigungszeit läuft nächste Woche ab.«

Viel dran getan werden muss ja nicht, dachte Abbie. Mrs. Allen war eine von den Putzteufel-Hausfrauen, die immer eine Scheuerbürste oder einen Staubsauger oder ein Staubtuch in der Hand hatten. Auch der arme Mr. Allen wurde auf Trab gehalten. Er strich immer irgendetwas oder bohnerte Böden oder putzte Fenster.

»Die Allens ziehen heute in einer Woche aus«, sagte sie. »Wir brauchen mindestens drei Tage, um Küche und Bad etwas herzurichten. Ist Ihnen der dreißigste recht?«

»Recht herzlichen Dank«, sagte Mr. Powther. An der Tür machte er wieder einen Diener.

Sie sah ihm nach. Unten an den Stufen blieb er einen Moment lang auf dem Bürgersteig stehen und schaute hoch zu den Ästen des Henkers. Dann war er weg.

So gute Manieren wie Mr. Powther konnten die jungen farbigen Männer aus Links Generation wohl gar nicht mehr haben, auch wenn sie nicht wusste, warum. Vielleicht hatte es etwas mit Kriegen und Atombomben zu tun, und mit der Tatsache, dass die Welt so voller Hass war. Sie hatte schon manchmal gedacht, dass Ungezogenheit eine Charaktereigenschaft von Link sei, dass andere junge Männer von Natur aus höflich seien, wie er nie werden würde. Aber dann hatte sie in den Narrows irgendetwas gesehen oder gehört, das ihr sagte, diese jungen Männer waren alle so – irgendetwas hatte sie verrohen lassen. Aber was?

Was Link anging – ja, wenn sie nicht in der Dumble Street gewohnt hätten, wenn der Major länger gelebt hätte, wenn Link kein Adoptivkind gewesen wäre, sondern ihr eigenes, wenn sie ihn nicht vergessen hätte, als er acht war, einfach vergessen, dass es ihn gab, wenn sie mit dem bisschen Geld, das sie hatte – die Miete von der Wohnung, eine Rente vom Governor (die Rente des Majors) –, nicht so hätte knapsen und es nicht mit den kleinen Einkünften vom Nähen, Sticken, Marmeladekochen hätte aufstocken müssen. Wenn. Sie hatte es doch geschafft, das Haus zu halten und sich und Link zu ernähren und zu kleiden. Es hieß eben, dass sie ihm nicht viel Zeit widmen konnte. Und gleich gegenüber auf der Straße war die Last Chance, war Bill Hod, dem sie gehörte. Und der hatte Geld zuhauf. Manchmal hatte sie gedacht, dass er Katz und Maus mit ihr spielte, absichtlich, grausam, nein – brutal. Und sie war machtlos, nicht imstande, mit ihm um Links Zuneigung zu konkurrieren.

Als sie Link beim Abendessen an jenem Tag von dem neuen Mieter erzählte, vermied sie sorgfältig jeden Hinweis auf Mr. Powthers hervorragende Manieren, aber sie konnte nicht verhehlen, wie angenehm es ihr wäre, ihn im Haus zu haben, und kam immer wieder auf seine adrette Erscheinung zu sprechen.

Link grinste. »Also, du lässt den einfach einziehen? Ohne die Frau und die Kinder gesehen zu haben?«

»Er ist schließlich der Butler bei den Treadways«, sagte sie. »Wenn du gesehen hättest, was für ein geschliffen aussehender Mensch er ist, würdest du dir auch nicht erst seine Familie angucken müssen.«

»Miss Abbie, ein Mann ist kein Ausbund an Tugend, bloß weil seine Schuhe poliert sind. Guck dir lieber die Familie an, trotz der schmucken Bügelfalten in seiner Hose.«

»Du klingst wie Frances«, sagte sie verärgert, weil er sie Miss Abbie genannt hatte.

»Ja, natürlich, meine Liebe. Wen zwei Frauen praktisch von Geburt an am Schlafittchen haben, der kann als Mann nur klingen wie eine oder alle beide.«

»Frances hat nicht mit uns hier gewohnt«, sagte Abbie.

»Da hat nicht viel gefehlt. Da hat nicht viel gefehlt. Sie war so oft hier, dass ich immer dachte, sie ist mein Vater und du bist meine Mutter.«

»Sie war wahnsinnig gut zu mir.« Abbie dachte zurück.

»Klar. Das bezweifle ich ja nicht. Aber F. K. Jackson hat mindestens in neunundneunzig von hundert Fällen recht. Und uns Durchschnittsmenschen fällt es schwer, ein weibliches Wesen mit so einer Schlagzahl zu lieben. Wenn sie pokern würde, könnte sie ein Vermögen machen.«

»Pokern? Sie spielt keine Karten …«

»Nein«, sagte Link. Er kniff die Augen zusammen, als ob er ein Bild betrachtete, das ihn freute, kniff die Augen zusammen und warf den Kopf nach hinten. Abbie betrachtete seinen geschwungenen Hals, das leicht vorgeschobene Kinn, die geschmeidige Haut, die perfekte Form von Nase und Mund, die glatten Haare und dachte: Manchmal, nur manchmal wünsche ich mir, dass er nicht so wahnsinnig gut aussieht, oder besser, dass alles andere an ihm zu seinem guten Aussehen passt. Ihn interessiert einfach nicht, was richtig ist. Wie kann er weiter in dieser Kneipe arbeiten? Wozu soll es gut sein, dass er aufs College gegangen ist, wenn er am Ende in einer Kneipe arbeitet?

War es meine Schuld? Ja. Ich habe ihn vergessen, als er acht war. Als er sechzehn war, hatte ich die Chance, ihn zurückzugewinnen, und sie irgendwie verpatzt. Und jetzt ist es zu spät. Jetzt traue ich mich nicht mehr ihm zu sagen, was ich davon halte, dass er in diesem Schuppen arbeitet, aus Angst, dass er mich verlässt und nie wiederkommt.

»Nein«, Links Stimme klang jetzt verträumt, »aber das fände ich toll. Ich fänd’s toll, wenn sie pokern würde. Wenn ich dabei wäre, wenn sie eine Runde mit Bill Hod spielt. Ich würde ’ne Rolle Geldscheine springen lassen, um F. K. Jackson und Mr. B. Hod zu ’ner Pokerpartie zu kriegen.«

Abbie ließ seine Bemerkung unkommentiert. Als Link mit dem College fertig war, hatte er gesagt, er wolle Geschichtsbücher schreiben. Kurz darauf war er zur Marine gegangen und vier Jahre weg gewesen, und als er wieder nach Hause kam, ging er in einer Kneipe in der Dumble Street arbeiten. An den Samstagen pokerte er bis vier, fünf Uhr morgens mit seinen Freunden: einem Weißen, der Fotograf war, den unwahrscheinlichen Namen Jubine trug und aussah wie ein bolschewistischer Zausel, einem Farbigen namens Weak Knees, der einen Gang wie ein Betrunkener hatte und in der Last Chance kochte, sowie Bill Hod, dem die Last Chance gehörte, der alle illegalen, unmoralischen, verbotenen Geschäfte in den Narrows kontrollierte oder betrieb – obwohl das niemand beweisen konnte – und der ein Gesicht wie ein Henker hatte, ein Mördergesicht. Auch er farbig.

Link ahmte jetzt Frances nach, mit abgehackter Sprache und aufgeworfenen Lippen, er zog wie sie die Brauen hoch und setzte einen imaginären Kneifer ab.

Er sagte: »Kannst du dich erinnern, wie F. K. Jackson damals gewarnt hat: ›Abbie, vermiete nie und nimmer irgendetwas im Haus, bevor du dir nicht alle Familienmitglieder angeguckt hast. Männer hei raten bekanntermaßen oft Frauen, die starke Ähnlichkeit mit Fruchtfliegen haben, und Frauen heiraten bekanntermaßen oft Männer, die Cousins ersten Grades vom Tomatenschwärmer sind. Und selbst vollkommen respektable Paare produzieren ihrerseits bekanntermaßen oft Kinder mit sämtlichen unangenehmen Eigenschaften von Japankäfern!‹«

Abbie hörte zu und dachte: Auch seine Stimme passt nicht zum Rest. Eine tiefe, volltönende, musikalische Stimme. Eine perfekte Sprechstimme. Und – jemand muss da oben durch die Wohnung gehen und feststellen, was gemacht werden muss, bevor die Powthers einziehen. Wenn Link jetzt hochginge, wäre es Mrs. Allen egal, dass Abendbrotzeit ist. Sie würde seine breiten Schultern betrachten und der Musik in seiner Stimme nachlauschen und sofort anfangen zu gurren wie eine Taube und ihn sogar in die Schränke gucken lassen.

»Link«, sagte sie, »kannst du hochlaufen und Mrs. Allen bitten, dich durch die Wohnung gehen zu lassen, und nachsehen, ob noch etwas daran gemacht werden muss, bevor die Powthers einziehen?«

»Jetzt sofort?«

»Natürlich nicht. Wenn du zu Ende gegessen hast.«

»Klar, Miss Abbie, klar. Wusste ich ja nicht. Ich dachte, du meinst, mit Messer und Gabel in der Hand und Serviette unterm Kinn. Ich bin ja schließlich nur ein sterblicher Mann, und der sterbliche Mann ist so auf Attacken vom unsterblichen Weib konditioniert, dass er – naja, er weiß halt nie.«

Die Woche verstrich. Die Allens zogen aus. Abbie begann, sich Sorgen zu machen wegen Mrs. Powther. Warum war sie die Wohnung nicht ansehen gekommen?

Donnerstag um die Abenddämmerung erschien Mr. Powther an der Tür. Hereinkommen wollte er nicht. Er war in Eile. Er bezahlte die Miete für einen Monat im Voraus, siebzig Dollar in knisternden neuen Scheinen.

»Mrs. Powther ist mit dem Packen und den Kindern beschäftigt. Sie ist vollkommen einverstanden, die Wohnung zu nehmen, wenn ich das sage.«

Als er wieder weg war, befühlte Abbie die Scheine, überlegte zum ersten Mal, wieso er nicht mit Frau und Kindern in Treadway Hall wohnte, und dachte beinah gleichzeitig, dass niemand in den Narrows je so knisternd neues Geld gesehen hatte. Die Scheine sahen aus, als wären sie direkt aus der Münzanstalt nach Treadway Hall gekommen und Mr. Powther übergeben worden, der sie seinerseits Abbie Crunch übergab. Hoffentlich stimmte es, dass seine Frau einverstanden war, in der Dumble Street zu leben.

Sie war auch am nächsten Nachmittag noch mit ihren Gedanken bei Mrs. Powther, als es an der Tür klopfte. Laute Schläge, mehrmals, ein Gedonner an der Tür, das kreuz und quer durchs ganze Haus echote, vom Keller bis zum Dachboden, und sie so erschreckte, dass ihr der Griff des Teppichkehrers aus der Hand rutschte, mit dem sie gerade die Treppe putzte. Wer in aller Welt poltert denn dermaßen an eine Tür? Sie schubste den Kehrer beiseite, dachte aber: Eigentlich müsste ich den mit zur Tür nehmen und demjenigen über den Kopf ziehen. Das klingt doch für jeden, dass der, wer immer es ist, eine Putzfrau herbeizitiert, und zwar eine taube Putzfrau.

Normalerweise stand sie etwas weg von dem kleinen Fenster neben der Haustür, um beim Hinausgucken nicht gesehen zu werden. Diesmal wollte sie gesehen werden, sie starrte durch die kleinen Scheiben, erst zornig, dann finster. Auf den Stufen stand eine Frau. Eine Fremde. Zumindest kein vertrautes Gesicht. Den Typ Frau allerdings kannte sie sehr wohl: jung, aber zu viel Fett um die Taille, ein weicher fleischiger und ziemlich ausladender Busen, zu viel Lippenstift, ein rosa Blumenhut über glattgezogenen Haaren; die Haare als Pagenkopf frisiert, wie das neuerdings hieß, offen bis fast auf die Schultern hängend. Sie trug einen beigebraunen Mantel, sehr prall, sehr lang. Unter einem Arm klemmte ein lose eingewickeltes Paket, nachlässig mit roten und grünen Strippen verschnürt. Das Paket sah aus, als würde es beim ersten kräftigen Rütteln komplett aufgehen.

Die Frau hob die Hand und knallte den Türklopfer noch einmal an die Tür, eine herrische Befehlsgeste. Abbie hätte nicht aufgemacht, wenn die Frau nicht einen kleinen Jungen an der Hand gehabt hätte – einen patronenköpfigen, sturköpfigen kleinen Jungen. Patronenköpfig. Sturköpfig. Ausdrücke des Majors. Sie kamen immer wieder hoch in ihren Gedanken. Er bezeichnete Kinder liebend gern so, und mit besonderem Vergnügen deutete er dabei auf kleine dunkle Exemplare, bei denen sie schließlich widerwillig zugab, dass die Ausdrücke wirklich passten. Dieses Kind da auf ihren Türstufen war beides, patronenköpfig und sturköpfig.

Wegen des Kindes kam sie zu dem Schluss, die Frau wollte bestimmt die Allens besuchen und wusste nicht, dass sie weggezogen waren. Sie war sicher, den kleinen Jungen schon irgendwo gesehen zu haben. Sie zog die Tür auf, nicht viel, nur so weit, dass sie sie notfalls schnell wieder zudrücken konnte. Sie war schließlich allein im Haus.

»Guten Tag?«, sagte sie, im Frageton.

»Tach. Sind Sie Missus Crunch?«

Abbie nickte, jetzt mit starrem Blick.

Die Frau lächelte, ihre Zähne wirkten dank der dicken roten Lippenstiftschicht sehr weiß. Es waren gute Zähne, ebenmäßig, kräftig.

»Ich bin Mamie«, sagte sie.

»Äh - ja?«, sagte Abbie. Die Frau hatte Musik in der Stimme, eine unbekümmerte, leichte Art von Musik.

»Ich bin Mamie Powther.«

»Mamie Powther? Mamie Powther? Ach – ich – ach so, natürlich. Kommen Sie herein, Mrs. Powther.«

Einen Augenblick lang standen sie betreten im Flur und sahen sich gegenseitig an, Mrs. Powther lächelte und zeigte ihre kräftigen weißen Zähne, Abbie versuchte, weiter den Eindruck zu vermitteln, sie sei herzlich willkommen. Sie wusste nicht, wann sie sich je so unterlegen gefühlt hatte. Was hatte sie erwartet, wie Mrs. Powther aussehen würde? Sie wusste es nicht genau. Aber bestimmt nicht so wie diese Frau. Wahrscheinlich hatte sie eine Art weibliche Ausgabe von Mr. Powther erwartet, klein, adrett, mit präziser Sprechweise und geschäftsmäßigem Auftreten. Sie dachte an Mr. Powthers hochglanzpolierte Schuhe und warf eher beiläufig einen Blick auf Mrs. Powthers Füße. Sie trug schwarze Wildlederschuhe mit verschrammten Spitzen, eine Art Ballerinas, die auf das Unglücklichste an Hausschlappen erinnerten, und jeder Schuh hatte seitlich eine Ausbuchtung, kleine Buckel, die nur von entzündeten Ballen kommen.

»Das ist J. C. hier.« Mrs. Powther lächelte noch immer.

Bei der Erwähnung seines Namens verschwand der patronenköpfige kleine Junge hinter Mrs. Powthers beigebraunen Mantel und klammerte sich an die Falten.

»Du lässt das, du, J. C.«, sagte Mrs. Powther barsch. »Komm hierher, wo Missus Crunch dich sehen kann.«

Als Antwort auf das Kommando wickelte sich J. C. noch enger in die Mantelfalten und verschwand komplett aus dem Blick, bis auf einen verschrammten braunen Schuh und einen schmutzigen blauen Socken.

»Er’s schüchtern«, sagte Mrs. Powther wohlwollend.

»Wie heißt er denn?«, fragte Abbie.

»J. C.«

»Ja, aber«, versuchte Abbie noch einmal, »wofür stehen die Initialen?«

»Och, die stehn für gar nichts. Sind bloß Initialen. Ich fand, damit tu ich ihm irgendwie was Nettes. Wenn er alt genug ist, kann er selber einen Namen aussuchen, der passt zu den Initialen. Dann braucht er sich nich sein Leben lang rumärgern mit keim Namen, den er nicht mag.«

»Ach, sowas habe ich noch nie gehört.«

»Nö-hh. Haben die meisten nicht.«

»Oah, Mamie«, kam plötzlich die gedämpfte Stimme von J. C., »komm, guck dir das Haus hier ma an.«

»Er will hier eigentlich nicht her«, sagte Mamie Powther. Sie machte keine Anstalten, J. C. aus ihrem Mantel zu entwirren. »Er hat ’n Haufen Freunde da, wo wir wohnen. Alle so sein Alter. Und er’s da der Häuptling, was, Liebes?«

Abbie wollte das Gespräch beenden. Sie musste nachdenken, allein irgendwo sitzen und nachdenken, sie hatte ja schon alle möglichen Namen für Kinder gehört, aber Initialen – und die anderen Kinder?

»Mr. Powther sagte etwas von drei Kindern. Sind die – haben die anderen auch Initialen statt Namen?«

»Nein, Ma’am. Das is mir erst eingefallen, wie J. C. unterwegs war.« Sie hielt kurz inne, wie in Erinnerungen vertieft, und lächelte. »Gibt nur noch die Zwillinge. Die sind sieben. Heißen Kelly und Shapiro. Dauert ’ne Weile, bis man die auseinanderhalten kann, aber Kelly ist ruhig und Shapiro hat die große Klappe.«

»Ah so«, sagte Mrs. Crunch. Dann fuhr sie eilig fort, weil Mamie Powther den Mund aufmachte, als ob sie weiterreden wollte, und aussah wie die Sorte Frau, die mit Freuden alle Einzelheiten ihrer letzten Entbindung ausbreitet: »Gehen Sie einfach nach oben und sehen Sie sich die Zimmer an. Meine Knie sind nicht mehr das, was sie mal waren, wenn es Ihnen nichts ausmacht, bleibe ich unten.«

Sie hatte die Absicht gehabt, Mrs. Powther durch die Zimmer zu führen, ihr zu erklären, wo nachmittags die Sonne stand, und ihr den Blick auf den Fluss zu zeigen, den man von den Wohnzimmerfenstern aus hatte. Aber das hier war nicht die Mrs. Powther, die sie erwartet hatte. Sie wollte nicht mitansehen, wie der Busen dieser Mrs. Powther beim Gehen durch das Schlafzimmer wogte, in dem einst der Major und sie geschlafen hatten.

»Sie können einfach hochgehen. Die Türen sind alle offen. Sie brauchen keine Schlüssel.«

»Wie schön«, sagte Mrs. Powther herzlich. »Na, komm, J. C.«

Abbie ließ sich in den Schaukelsessel im Esszimmer sacken – sie nannte es noch immer so, wenn sie durcheinander war, obwohl es schon seit langem zum Wohnzimmer geworden war. Zwillinge, dachte sie. Kelly und Shapiro. Na, das war ja fantastisch. Unglaublich. Aber sie konnte die Wohnung nicht gut nicht an die Powthers vermieten. Sie hatte das Geld von Mr. Powther angenommen und ihm zugesagt, und sie hielt immer Wort. Vielleicht gefiel Mrs. Powther die Wohnung ja nicht. Unsinn. Mamie Powther würde die Dumble Street toll finden. Abgesehen davon gab es in Monmouth nichts zu mieten. Aber vielleicht der grässliche kleine Junge, J. C., wer hatte je so einen Unsinn gehört, Initialen als Name, vielleicht gefiel es dem ja hier nicht, weil er nicht genug Gelegenheit bekam, der Häuptling zu sein. Doch, sie würden die Wohnung nehmen. J. C. und Mamie. Er sagte nicht mal Mutter zu ihr. Wie um alles in der Welt hatte es der gepflegte kleine Mr. Powther geschafft, sich so eine großbusige Kreatur zuzulegen, mit lackierten Fingernägeln, der Lack an manchen Stellen abgeblättert, mit klimpernden Ohrringen, die nach Bergamotte roch oder nach irgendetwas genauso eklig Süßem, und diesen kleinen Jungen, der eindeutig nach Urin roch.

Sie hörte Mrs. Powthers schwere, weiche Schritte auf der vorderen Treppe, gedämpft vom Teppich, stand auf und ging in den Flur.

»Und?«, fragte sie.

Mamie Powther zog langsam ein paar schmuddelige weiße Handschuhe über die Hände mit den scharlachroten Nägeln. »Eine hübsche Wohnung«, strahlte sie. »Eine hübsche Wohnung. Eigentlich wollt ich sie mir gar nicht ansehen, ich wär einfach eingezogen, weil, einfach wenn Powther das sagt. Er kennt sich sagenhaft mit Häusern aus. Aber J. C., der hat mich nicht in Ruhe gelassen, bis ich mit ihm hergekommen bin. Hat immer gesagt, Mamie, ich geh hier nich weg, solange ich nicht weiß, wo ich hingeh.«

»Und gefällt dir die Wohnung, J. C.?«, fragte Abbie absichtlich sarkastisch.

J. C. verschwand wieder in Mrs. Powthers Mantelfalten.

»Hat ihm prima gefallen. Ganz prima, er is gleich eingezogen, Missus Crunch. Seine Sachen sind schon oben.«

Was in aller Welt redet sie? überlegte Abbie.

»Er hat seine Comichefte oben gelassen. Das war das dicke Bündel. Er hat gesagt: ›Mamie, wenn ich das gut find da, dann zieh ich als Erster ein.‹ Passt zu uns, als hätten wir’s uns selbst ausgedacht, was, J. C.?« Sie ließ eine Pause, aber J.C. antwortete nicht. »Und so schön, dass es auch ’ne Hintertreppe gibt, wo nach draußen geht.«

Abbie Crunch meinte eine Art vorfreudiges Strahlen in Mamie Powthers Augen zu sehen, das kaum von der Existenz einer Treppe nach hinten raus stammen konnte. Da war mit Sicherheit etwas Extra-Fröhliches an ihrem Benehmen.

»Hintertreppen sparen einem ja viel Abnutzung auf der Teppichtreppe nach vorne«, erläuterte Mamie Powther. »Kinder rennen doch andauernd rauf und runter und raus und rein.«

Abbie sah den beiden nach, als sie über die Straße gingen. Mamie Powther bewegte sich zügig, J. C. versuchte, im Trab hinter ihr herzukommen. Der Wind vom Fluss brachte die Seiten im Comicheft, das er in der Hand hatte, zum Flattern und trieb Spielchen mit Mrs. Powthers dickem Mantelunterteil.

Bill Hod stand vor der Last Chance. Er zog den Hut, als sie vorbeigingen. Mrs. Powther nickte und hob eine behandschuhte Hand in einer Mischung aus Grüßen und Winken. Abbie überlegte, ob er sie kannte oder bloß ihrem wogenden Busen Tribut zollte. In den Balle rinas wirkte sie, als hätte sie Plattfüße. Als sie außer Sicht waren, beschloss Abbie, dass sie aussahen wie zwei Figuren aus den alten Mother-Goose-Büchern, völlig falsche und total übertriebene Proportionen. Und beinah sofort fielen ihr wieder Reime ein:

Der kleine Mr. Powther

saß auf einem Sowfa.

Und mümmelt’ seinen Quark.

Da kam eine Mamie

Die verlangt ihre Prämie

Jetzt zahlt er bis ins Mark.

Wie alt Mamie Powther wohl war? Anfang dreißig? Mr. Powther war viel älter, knapp fünfzig, mindestens. Link würde lachen. Fruchtfliegenweibchen? Japankäfer? Tomatenspinner? Nicht Mamie Powther. Mamie Powther war Dumble Street.

Der Major war total gegen diese Straße gewesen. »Ein schönes altes Backsteinhaus, ja. Aber die Dumble Street – die Dumble Street – kein guter Ort zum Leben.« Und mit dem nächsten Satz hatte er sie verblüfft: »Die sollte Fumble Street heißen. Das ist sie nämlich.«

Sie hatte ihn scharf angesehen und überlegt, ob er auch reimsüchtig war und sie das nur nie gemerkt hatte. Nein. Denn er hatte bloß seinen Abscheu gegen die Straße verächtlich herausgeschnaubt, aber keine Ahnung von den endlosen Reimmöglichkeiten: dumble, fumble, stumble, tumble, mumble. Ja, hier wurde gefummelt, gestrauchelt, getaumelt, gemurmelt. Das taten die Leute, die nahe am Hafenviertel lebten, und ich erfinde einfach dazu: gedumblet.

2

Got no roof over my head

Slats keep fallin’ out of my bed

And I’m lonesome – lonesome.

Rent money’s too long overdue

Landlord says he’s goin’ to sue

And I’m lonesome – lonesome.

Die Worte waren klar, aber die Stimme klang fern. Sie kam näher, langsam, langsam, wurde lauter, schien schließlich direkt hier in der Küche zu sein. And I’m lonesome. Eine volle warme Stimme mit einem leichten Singsang, und noch etwas, einer undefinierbaren Extraqualität, weshalb Abbie lauschte, weshalb sie mehr hören wollte und noch mehr, so als ob die Sängerin nahe herankäme, ganz dicht, und sagte: Ich rede mit dir, hör mir zu, ich hab dies Lied für dich gemacht, und ich muss dir wunderbare Dinge sagen und zeigen, hör mir zu.

Abbie sah über den Frühstückstisch zu Link. Bei den Leuten nebenan liefen morgens, mittags, abends Schallplatten. Vielleicht hielt er das hier auch für eine Platte. Er strich gerade Butter auf eine Scheibe Toast und hörte anscheinend nichts von der aufsehenerregenden vollen klaren Stimme, die die ganze Küche mit Musik erfüllte. Das ist keine Sopranstimme, dachte sie, für einen Sopran reicht sie zu weit nach unten, zu mühelos, lonesome kam von tief unten, fast wie aus einer mittleren Tenorlage, head und bed, sue und due dagegen waren ganz hoch.

Link sah zur Fliegengittertür. »Ist das eine Platte?«

Abbie zögerte, sie hätte nur zu gern geantwortet: Ja, das ist eine Platte, eine Platte mit Blues oder Boogie-Woogie oder Jazz oder wie immer das Zeug hieß, das heutzutage aus jedem Plattenspieler, jedem Radio jaulte und sich immer gleich anhörte, zu laut, zu grob, keine Anmut, keine Melodie, nur ein ewiges Gejaule über Mieten und Männer, die mit anderen Frauen abgehauen waren, und Zahlen, die nicht gezogen wurden. Es war zwar völlig albern, das wusste sie, gab sie zu, aber sie wollte nicht, dass Link Mamie Powther sah. Das würde er noch früh genug. Die Powthers wohnten jetzt seit zwei Tagen oben, aber Mamies Stimme kam erst mittags aus einem Fenster oben heruntergeschwebt.

»Nein«, sagte sie widerstrebend. »Das ist keine Platte. Das ist Mrs. Powther, die neue Untermieterin.«

Link ging zur Hintertür, stand reglos da und beobachtete irgend etwas so lange, dass Abbie vom Tisch aufstand und auch hinaussah.

Mamie Powther hängte hinten im Garten Wäsche auf. Abbie runzelte die Stirn. Sie soll sich selbst eine Leine organisieren, sonst habe ich keinen Platz zum Aufhängen für meine Sachen. Die muss ja sehr früh aufgestanden sein für den Riesenberg Wäsche. Und lauter sehr saubere Kleider. Ein großer Wäschekorb stand randvoll auf dem Rasen unter der Leine. Mamie Powther bewegte sich in einem fast hypnotischen Rhythmus, und Abbie konnte selbst nicht wegsehen. Bücken und Hemd hochnehmen, aufrichten und ausschlagen, nach Wäscheklammer langen, aufrichten, Hemd auf Leine hängen, bücken.

Big John’s got a brandnew gal

High yaller wench name of Sal

And I’m lonesome – lonesome.

Sie...

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