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Träume aus Eis

Als Buch hier erhältlich:

München, 1929: zwischen Unternehmertum, Wirtschaftskrise und den Fäden des Lebens

Erna und Josef Pankofer sind überglücklich, als sie die kleine Eisdiele in der Kaufinger Straße in München eröffnen. Endlich hat das Tingeln mit dem Eiswagen durch die Straßen ein Ende und sie haben ein besseres Zuhause für sich und ihre beiden Töchter. Doch dann bricht die Weltwirtschaftskrise über sie herein, und die älteste Tochter Frieda verliebt sich ausgerechnet in den Sohn eines Konkurrenten. Das Glück der Familie hängt bald am seidenen Faden - kann die Idee, als erster Laden in ganz Bayern Eis am Stiel zu verkaufen, sie retten, oder sind die Träume aus Eis am Ende nur Luftschlösser ...?

Inspiriert von einer wahren Begebenheit: hochemotional und atmosphärisch erzählt Franziska Winkler von der Kraft, die wir brauchen, um an uns selbst zu glauben


  • Erscheinungstag: 25.04.2023
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749905362
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

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erscheint am 25. April 2023

Taschenbuch

13,00 [D] / € 13,40 [A]

ISBN 978-3-365-00277-3

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1. Kapitel

München, 15. April 1929

Erna trocknete sich ihre Hände an einem rot-weiß karierten Geschirrtuch ab und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatte.

»Das war das letzte Eis für heute, oder?«, fragte sie ihre Küchenmamsell Fanny, die gerade die Sorte Schokolade in den Eisschrank in der Speisekammer verfrachtete.

»Ja, damit haben wir alle Sorten beinand«, antwortete die mollige Mitfünfzigerin, die ihr bereits vollständig ergrautes Haar stets zu einem Dutt gebunden trug. »Jetzt kann der Spaß bald losgehen.«

Dem »Spaß«, der für den heutigen Tag geplante Eröffnung ihres ersten eigenen Eissalons, hatten sie wochenlang entgegengefiebert. Erna konnte noch gar nicht so recht glauben, dass sie und ihr Josef ihren bereits seit vielen Jahren gehegten Traum vom eigenen Geschäft nun endlich wahrmachen konnten.

»Ja, das kann er allerdings«, antwortete Erna. »Hoffentlich geht auch alles gut. Ich bin schon so aufgeregt, die halbe Nacht hab ich kein Auge zugetan!«

»Ach, das wird schon werden«, antwortete Fanny. »Das Wetter spielt auch mit. Als hätt’ der Petrus gewusst, dass er heute brav sein muss, der alte Schlawiner.« Sie deutete aus dem Fenster: Draußen schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel.

Erna schmunzelte – sie kannte sonst niemanden, der so über den heiligen Petrus sprechen würde. Was war sie froh darüber, dass Fanny den Weg zu ihnen gefunden hatte! Die durchsetzungsstarke ältere Dame hatte jahrelang im Café Ludwig am Sendlinger Tor gearbeitet und Hunderte Eis-Portionen hergestellt. Über vierzig Jahre hatte sie für die Inhaber, die Familie Stiegelmeyer, gearbeitet, und über Nacht war deren Existenz dahin gewesen – ein Brand hatte das Café zerstört. Das stark beschädigte Gebäude war inzwischen sogar abgerissen worden. Nach dem Feuer hatte Fanny eine Weile gebraucht, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie einen anderen Wirkungsort haben würde. »So eine Gewohnheit, die gibt man ja nicht so leicht auf«, hatte sie bei ihrem Vorstellungsgespräch zu Erna gesagt, während ihr Tränen in den Augen glitzerten. »Ich mein, die Küche da, die war ja mein Daheim.« Da hatte Erna gewusst, dass sie in ganz München keine treuere Seele finden würde.

Nun befanden die beiden sich in ihrer kleinen Eiswerkstatt, wie sie die sich hinter der Gaststube befindliche Küche liebevoll bezeichneten. Die Mitte des Raumes füllte ein großer Holztisch aus, auf dem allerlei Eismachzubehör, Schüsseln, Schneebesen und Messbecher wild durcheinanderlagen. Regale voller Geschirr säumten die Wände, und auf dem Ofen standen Unmengen an Töpfen und Tiegeln. Nach Fannys Meinung musste es in einer anständigen Küche immer ein bisschen unordentlich sein: »So ein Durcheinander ghört schon dazu«, hatte sie erst neulich gesagt. »Sonst sieht ja keiner, dass hier gearbeitet wird.« Was sie jedoch gar nicht leiden konnte, war Unsauberkeit. Sobald die Arbeit beendet war, musste die Arbeitsplatte gereinigt, Geschirr gespült und der Fußboden geschrubbt werden. »Gibt ja nix Schlimmeres, als mit de Füß pappen zu bleiben.«

Frieda, Ernas Erstgeborene, trat ein.

»Hier steckst du, Mama!«, sagte die Achtzehnjährige und musterte ihre Mutter mit hochgezogener Augenbraue von oben bis unten. »Du bist ja noch gar nicht fertig angezogen! Wir öffnen den Laden doch schon in einer Stunde. Stell dir vor: Der Korbinian will kommen und einen Artikel über unseren Eissalon für den Schwabinger Anzeiger schreiben. Ist das nicht großartig? Er will sogar einen Fotografen mitbringen! Ich wollte die tollen Neuigkeiten Papa erzählen, aber auch der ist irgendwie verschwunden. Dieses Haus ist heute schlimmer als jeder Heuhaufen.« Sie rang die Hände.

Erna lächelte. Solch vernünftige Worte erinnerten sie daran, dass ihre Tochter dem Kindesalter entwachsen war. Frieda hatte das kastanienbraune Haar, das energische Kinn und die rehbraunen Augen ihres Vaters geerbt, jedoch Ernas lange Wimpern, und auf ihre Nase hatten sich einige Sommersprossen gestohlen, die Erna liebte, Frieda selbst aber eher verabscheute.

»Ich kann mir denken, wo dein Papa abgeblieben ist«, antwortete Erna und sah kurz zu Fanny, die sogleich verstand.

»Geht ruhig«, sagte Fanny und wedelte mit den Armen. »Wir waren ja eh fertig. Aufräumen kann ich auch allein, und dann schau ich gleich, ob im Gastraum alles passt. A frische Schürzn muss ich auch noch anziehen. So gschlampert kann ich ja nicht unter die Leut gehen. Ach, so eine Neueröffnung erleb’ ich auch nicht alle Tag!« Sie wandte sich den Töpfen und Schüsseln in der Spüle zu.

Erna verließ mit Frieda den Raum. Im Hausflur des in der Kaufingerstraße gelegenen Anwesens trafen sie auf die Witwe Moosgruber, die sich gerade damit beschäftigte, die Treppe zu wischen. Erna hatte die Nachbarin aus dem dritten Stock vom ersten Augenblick an nicht leiden können. Ihre Blicke hatten etwas Herablassendes an sich, und ihr Tonfall klang ständig überheblich. Außerdem schien sie wie ein Wachhund zu sein. Nichts entging ihr, sie mäkelte an allem herum und bezog sich dabei immer wieder auf die Hausregeln, die offiziell jedoch nirgendwo einsehbar waren. Fanny, die der »alten Moosgruberin«, wie sie sie abfällig nannte, auch nicht besonders zugetan war, hatte neulich gemeint, dass sie diese Regeln bestimmt selbst erfunden hatte.

»Ach, da sind Sie ja, Frau Pankofer. Sie haben wieder mal das Fenster auf ihrem Treppenabsatz offen stehen lassen. In den Hausregeln steht klar geschrieben, dass die Fenster über Nacht geschlossen sein müssen. Könnt ja einer einbrechen!«

Am liebsten hätte Erna ihr eine patzige Antwort gegeben, doch sie wollte keinen Streit mit dieser Person haben. Wer wusste schon, was sie sonst noch alles aushecken würde … Immerhin hatten sie störungsfrei einen Betrieb zu führen.

»Das muss mein Sepp gewesen sein«, antwortete sie und bemühte sich um ein Lächeln. »Er hat gern frische Luft. Wir werden in Zukunft darauf achten, die Fenster rechtzeitig zu schließen. Aber jetzt müssen Sie uns entschuldigen, Sie wissen doch, dass heute der Eissalon eröffnet wird, und es gibt noch einiges zu tun. Vielleicht möchten Sie nachher zur Einweihung kommen? Sie sind herzlich eingeladen. Jeder Gast erhält eine Kugel Eis gratis.«

Ohne eine Antwort der Moosgruberin abzuwarten, gingen die beiden weiter. Frieda zog es in ihre im zweiten Stock gelegene Wohnung, denn sie wollte nach Lotte, ihrer kleinen Schwester, sehen, die heute mal wieder bummelte. Erna hingegen betrat durch eine Tür den Hinterhof des Anwesens. Dieser war relativ groß, und es gab eine Reihe Hinterhäuser mit vier Stockwerken. Dahinter erhob sich die Frauenkirche. Erna liebte den Anblick der Kirchtürme. Die Tatsache, dass die Kirche so nah an der Häuserfront stand, empfand sie als gutes Omen: Ein solch besonderes Gotteshaus wie die Frauenkirche in der Nähe zu haben, konnte nur Glück bringen. Ihr Blick blieb an der Fensterfront mit den Butzenscheiben hängen, die zu dem im Erdgeschoss des Hinterhauses liegenden Ladengeschäft gehörte. Bis vor Kurzem hatte Gustl Brunner hier noch seine Schreinerei geführt, doch vor einer Weile hatte er sie aus Altersgründen schließen müssen. In der Nachbarschaft wurde gemunkelt, dass in den Laden bald ein Schuster einziehen würde – das hatte die Anni Lindinger aus dem zweiten Stock des Hinterhauses aufgeschnappt, als der Besitzer, irgendeiner von den Wichtigen aus dem Rathaus, da gewesen war. Aber die Anni Lindinger, ein begeistertes Tratschweib, hörte immer irgendwo irgendetwas, und meist entsprach ihr Gerede nicht der Wahrheit.

Rechter Hand der Schreinerei gab es einen Lagerraum, der zum Ladengeschäft der Pankofers gehörte. Die blau gestrichene Holztür war nur angelehnt. Erna schob sie auf und stellte fest, dass sie mit ihrer Vermutung, wo sie ihren Mann finden würde, richtig gelegen hatte.

Josef Pankofer, der, wie im Bayerischen üblich, mit dem Spitznamen Sepp angesprochen wurde, stand vor einem alten Eiswagen mit der Aufschrift Gefrorenes darauf, den sie hier untergestellt hatten, und sah diesen wehmütig an.

»Habe ich mir doch gedacht, dass du hier bist«, sagte Erna. Sie trat neben ihren Gatten und wischte ihm einen Fussel von seinem dunkelblauen Jackett. Für den großen Tag hatte er sich bereits zurechtgemacht: Zu dem Jackett trug er ein frisches Hemd und Krawatte sowie helle Hosen, und seine Schuhe waren auf Hochglanz poliert. Sein lichter werdendes, leicht welliges kastanienbraunes Haar hatte er mit Pomade geglättet, aber es war nicht zu leugnen, dass der Zahn der Zeit an ihnen nagte. Auch in Ernas Gesicht zeigten sich bereits die ersten Linien um die Augen und die Mundwinkel, doch in ihrem mittelblonden Haar, das sie der Mode entsprechend halblang und in Wellen gelegt trug, fanden sich noch keine grauen Strähnen. Sie erkannte die Wehmut im Blick ihres Mannes. Auch sie stimmte der Anblick des Eiswagens traurig. Noch im letzten Jahr waren Josef und sein Freund und Geschäftspartner Mario während der Sommermonate mit diesem Gefährt durch die Straßen Münchens gezogen. Kurz nach Weihnachten war der stets fröhliche Italiener allerdings an einer Lungenentzündung gestorben.

»Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich Mario zum ersten Mal gesehen habe«, sagte Josef, ohne den Blick von dem Eiswagen abzuwenden. »Er hat verletzt in dieser alten Scheune gelegen, irgendwo im Nirgendwo. Ich hab nicht anders gekonnt, ich musste ihm helfen. Das waren die längsten zwei Tage meines Lebens. Ich dachte, wir würden niemals in dem Lazarett ankommen. Er hat so viel geredet. Davon, dass er Eisverkäufer ist, dass er Deutschland vermisst. Weißt du noch: Er hat gesagt, er habe ein Mädchen in München, deshalb wollte er immer hierher. Sein Mariechen, das er niemals wiedergesehen hat. Ich hab geglaubt, ich sehe nicht richtig, als ich ihn dann später am Marienplatz mit seinem Eiswagen hab stehen sehen. Mario war das einzig Gute, das der Krieg gebracht hat.« Er stieß einen Seufzer aus. »Und jetzt kann er diesen Tag nicht miterleben, der große Maestro del Gelato. Ohne ihn würde ich immer noch tagtäglich für einen Hungerlohn in der Großmarkthalle schuften. Ich wünschte, er wäre jetzt hier. Sein Eis hätte um Welten besser geschmeckt als das unsrige.« Josef hob die Hand und strich über den Griff des Eiswagens. Staub wirbelte auf und sank funkelnd im Licht der vereinzelt durch ein Dachfenster fallenden Sonnenstrahlen zu Boden.

»Vermutlich«, antwortete Erna. »Aber wir sind nah dran, unser Eis ist köstlich geworden. Ich bin mir sicher, er sitzt dort oben neben seinem geliebten Papa auf einer Wolke und wünscht uns eine Menge Fortuna, wie er so schön sagte.«

»Eine schöne Vorstellung«, antwortete Josef und legte den Arm um Erna. Einen Moment schwiegen beide, nahmen Abschied von der Vergangenheit und starteten in eine neue, noch unsicher erscheinende Zukunft. Mit Mario an ihrer Seite wäre es leichter gewesen, das wussten sie beide. Nicht nur dank seines Fachwissens die Eisherstellung betreffend, sondern auch dank seiner Fröhlichkeit, die ihm all die Düsternis seines Lebens, Krieg und Armut, niemals hatten nehmen können.

»Weißt du, was ich mir wünsche?«, sagte Josef. »Dass meine Eltern heute kommen würden und stolz auf das wären, was wir miteinander aufgebaut haben.«

Ernas Miene trübte sich, und das bittere Gefühl von Schuld breitete sich in ihrem Inneren aus. Sie war der Grund dafür, dass er mit seinem Vater gebrochen hatte. Die Wäscherin, in die Josef sich unsterblich verliebt hatte, die ungewollt schwanger geworden war. Das Mädchen aus dem Waisenhaus, das den Pankofers nicht gut genug für ihren Sohn gewesen war. Das Verhältnis zwischen Josef und seinem Vater war schon immer schwierig gewesen – auch ohne ihre Heirat hätte es vermutlich ähnlich geendet. Doch der Gedanke, Vater und Sohn entzweit zu haben, blieb in Erna. »Wir wissen beide, dass das nicht geschehen wird«, antwortete sie. »Selbst deine Mutter hat sich seit Wochen nicht mehr gemeldet.«

»Ich weiß«, entgegnete Josef, in seinem Blick lag Traurigkeit.

Sein Vater, Alois Pankofer, hatte aus einer kleinen Wäscherei über die Jahre eine der wichtigsten Großwäschereien Münchens erschaffen. Er und seine Frau Anneliese hatten zwei Söhne großgezogen, davon lebte heute nur noch Josef – und der war eine Enttäuschung für sie, denn er hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als sich in eine einfache Wäscherin aus der Fabrik zu verlieben und sie zu schwängern. Und anstatt dafür zu sorgen, dass sie das Kind weggab, redete er von Liebe und heiratete diese liederliche Person auch noch. Alois Pankofer hatte es nie laut ausgesprochen, aber Josef wusste, dass er sich wünschte, sein Bruder Fritz, der Liebling seines Vaters, wäre anstatt seiner aus dem Krieg heimgekehrt.

Seine Mutter war milder gestimmt gewesen. Sie war sogar zur Hochzeit mit Erna gekommen und hatte sie kurz nach Friedas Geburt in ihrer einfachen Unterkunft besucht. Außerdem hatte sie ihnen immer wieder Geld zugesteckt, obwohl sie den Umgang mit Mario, diesem »dahergelaufenen Italiener«, wie sie ihn oft herablassend bezeichnet hatte, stets missbilligte. Durch ihre finanzielle Unterstützung war es ihnen gelungen, den Traum vom eigenen Eissalon zu verwirklichen. Jeden Pfennig hatten sie in den letzten Jahren dafür gespart. Er war noch immer nicht perfekt, Josef hätte gerne eine der modernen, elektrischen Eismaschinen und Erna ein größeres Ladengeschäft gehabt. Aber vielleicht würden auch diese Träume irgendwann in Erfüllung gehen. Die Zeit würde es zeigen.

Die Schuppentür knarrte, und beide blickten auf. Es war Frieda, die den Kopf durch die Tür streckte.

»Ihr müsst schnell kommen!«, sagte sie aufgeregt. »Lotte ist da ein Malheur passiert. Sie hat sich leider im Treppenhaus übergeben, und die Moosgruberin ist mächtig sauer.«

»Du liebe Zeit!«, rief Erna. Sie und Josef folgten Frieda sogleich zurück ins Haus, um die Gemüter zu beruhigen.

»Ist dir jetzt noch schlecht?«, fragte Fanny eine Weile darauf und sah Lotte forschend ins Gesicht. Das Mädchen schüttelte den Kopf. Die beiden saßen auf einer Bank vor dem Eissalon im hellen Sonnenlicht.

»Ich glaub nicht mehr.«

»Dann ist ja gut. Des is bestimmt die Aufregung. Manche Leut dreht es da schon mal den Magen um.«

»Jetzt hasst mich die Moosgruberin noch viel mehr«, sagte Lotte.

»Da würd ich nix drauf geben«, antwortete Fanny. »Die mag sich selber nicht.«

Josef, der sich noch ein extra für den Eröffnungstag erworbenes frisches Hemd angezogen hatte, trat nach draußen und erkundigte sich mit besorgter Miene nach dem Gesundheitszustand seiner Tochter. Nachdem ihm versichert wurde, dass es ihr besser ginge, atmete er erleichtert auf. Er ließ seinen Blick über den leeren Gehweg schweifen und seufzte.

»Hach, wie gern hätte ich Stühle und Tische für die Gäste aufgestellt. Diese elenden Behörden mit ihren Vorschriften sind manchmal schon ein Graus.«

»Des is der Flickinger«, sagte Fanny. »Der war schon immer einer von de ganz depperten Amtsschimmeln. Über den hat schon mein alter Chef ständig geschimpft. Des is ein rechter Gschaftler, so ein Wichtigtuer, hat er immer gsagt.«

»Trotzdem werde ich es noch einmal versuchen – und beim nächsten Mal lasse ich mich nicht so schnell abwimmeln. Andere Cafés und Gasthäuser dürfen auch draußen Stühle haben.« Er ging, etwas Unverständliches murmelnd, zurück in den Salon.

Rosi Taler trat näher. Sie betrieb in dem winzigen Ladengeschäft auf der anderen Seite des Hoftors einen kleinen Blumenladen und war eine Seele von Mensch. Rosi war über sechzig, hager und ging etwas schief. »Des depperte Kreuz war schon immer krumm«, hatte sie Erna kurz nach ihrem Einzug erklärt. »Deshalb hat mich auch keiner von den Burschen haben wollen. Meine Mutter hat immer gsagt, dass sie auf mir Krüppel sitzen bleiben wird. Wer mag schon a schiefes Dirndl. Aber ist wohl besser so gwesn. Ich hab so viele Weiber heulen sehen, weil die Männer ned heimkommen sind. Weil sie Krieg ham spielen müssen, die Deppen. Bracht hats uns allen nix.«

»Ich hab ghört, du hast gspuckt, Lotte«, sagte sie und musterte Lotte mit besorgter Miene. »Gehts denn jetzad wieder? Bist noch a bisserl kasig um die Nase.«

Lotte nickte und bemühte sich um ein Lächeln. Sie war fünfzehn und Erna wie aus dem Gesicht geschnitten: das gleiche blonde Haar, die gleichen blauen Augen und der gleiche Sturschädel. Im letzten Jahr war sie aus der Schule gekommen. Acht Jahre mit der besserwisserischen Lehrerschaft waren ihrer Meinung nach genug. Rechnen konnte sie ganz gut, Lesen auch. Bis vor Kurzem hatte sie als Aushilfe im Kaufhaus der Hirschvogels gearbeitet, doch so recht hatte ihr das nicht gefallen. Nun würde sie im elterlichen Betrieb mithelfen.

»Habt ihr denn schon Blumen für die Tische?«, fragte Rosi und schaute durch die Fenster ins Innere des Salons. »Also ich seh nix. Des ist aber fei schon traurig.«

Fanny wollte antworten, kam jedoch nicht dazu, denn Erna trat aus dem Laden. Sie hatte sich rasch umgezogen und trug nun eine weiße Bluse und einen schmal geschnittenen, bis zur Hälfte der Wade reichenden dunkelblauen Rock. Auch etwas Schminke hatte sie aufgelegt. Mit dem roten Lippenstift hatte sie es nach Fannys Meinung etwas übertrieben. Aber was die Schmierereien im Gesicht anging, war sie keine Fachfrau. Natürlichkeit war ihr immer noch am liebsten.

»Was für eine Aufregung«, sagte Erna. »Die Moosgruberin hat sich wieder so weit beruhigt, Frieda hat die Treppe gewischt. Wie sieht es mit der Übelkeit aus?« Sie sah ihre Tochter an.

»Besser«, antwortete Lotte.

»Hach, das ist gut«, erwiderte Erna erleichtert und tätschelte Lotte die Schulter. »Hoffentlich bleibt es so. Sollte es wieder schlimmer werden, legst du dich bitte oben in die Kammer. Ein Malheur am Tag reicht vollkommen. Nicht, dass du uns noch die neuen Gäste vergraulst.«

»Ihr habt noch gar keine Blumen auf den Tischen stehn«, merkte Rosi erneut an und deutete in den Laden. »Des schaut nicht sehr einladend aus, wenn ich des sagen darf.«

»Ach herrje, die Blumen! Die hab ich in der ganzen Aufregung ganz vergessen«, antwortete Erna und schlug sich vor die Stirn. »Und derweil hab ich extra kleine Glasvasen dafür angeschafft. Aber zum Glück hab ich ja die Fachfrau gleich nebenan. Was würdest du mir denn empfehlen, Rosi?«

Rosis Augen begannen zu strahlen. Dass sie als Fachfrau bezeichnet wurde, gefiel ihr.

»Also ich würd Tausendschön mit den kleinen Narzissen nehmen. Die hab ich heute früh ganz frisch beim Großmarkt abgeholt. Das Rot und Gelb passt gut zam und bringt Farbe in den Laden.«

»Das klingt perfekt«, antwortete Erna. »Kannst du mir rasch fünf Sträußchen für die Tische zusammenstellen? Ich bring dir eine der Vasen, dann weißt du die Größe.«

»Gern!«, antwortete Rosi und ging zurück zu ihrem Laden.

Keine zehn Minuten später standen die Blumen im Salon auf den wenigen Tischen, die in den kleinen Gastraum passten. An dem am Fenster stehenden konnten kuschlig zusammengerückt sechs Personen sitzen, ansonsten gab es Zweiertische. Der Salon könnte größer sein – aber ein Eis nahm man sich im Sommer ja eher auf die Hand. So hatte es Mario damals gesagt, als sie den Laden zum ersten Mal besichtigt hatten. Erna konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie auf die vergilbten Wände gesehen hatten, an denen die Abdrücke der Schränke zu sehen gewesen waren, die hier zuvor gestanden hatten. Sie hatten damals lange über den perfekten Namen für ihr Geschäft diskutiert. Mario wollte nicht so recht von dem Begriff »Gefrorenes« abrücken. Schließlich kannten diesen die Menschen, denn er stand seit Jahrzehnten auf den Eiswagen der über die Alpen ziehenden Italiener. Doch in Ernas Ohren hatte dieses Wort nie gut geklungen. Der Begriff »Eiscreme« war eingängiger und inzwischen nicht weniger bekannt. So waren sie irgendwann übereingekommen, ihren Laden »Eissalon« zu nennen, obwohl der kleine Raum eher etwas von einer Diele hatte. Früher hatte es hier ein Papeterie-Geschäft gegeben. Es hatte viel umgebaut werden müssen: Die Wände hatten einen freundlichen, hellgelben Anstrich erhalten, Bilder mit mediterranen Ansichten sollten die Sehnsucht nach sommerlicher Leichtigkeit erwecken. Es gab eine Vitrine für das Speiseeis, dahinter weiß gestrichene Regale an der Wand, auf denen sich Glasschalen und weiteres Geschirr befanden. Auch Kaffee wollten sie ausschenken. An heißen Tagen sollte es zusätzlich hausgemachte Limonade geben. Im Winter hatte Josef früher in der Großmarkthalle gearbeitet, denn mit dem Eiswagen rumziehen ging ja nicht. Gemocht hatte er diese Tätigkeit nie sonderlich. Aber nun hatten sie ja das Geschäft, und der Gedanke, es spätestens im Oktober schließen zu müssen, behagte Erna so gar nicht. Sie planten, heiße Getränke wie Kakao anzubieten, Kuchen oder etwas Gebäck zum Mitnehmen zu verkaufen. Irgendeine Lösung würde sich finden.

Josef stand nun mit stolzgeschwellter Brust gemeinsam mit Erna hinter der Theke. Vor Aufregung schob sie die Pappbecher für das Eis ein kleines Stück nach links, dann wieder nach rechts. Es schien, als müssten ihre Hände etwas zu tun haben. Die Ladentür war geöffnet, und Frieda hatte rasch die Angebotstafel auf den Gehweg gestellt, auf die sie in ihrer hübschen Handschrift geschrieben hatte:

»Heute Neueröffnung: Eine Kugel Eis bezahlen, eine geschenkt bekommen!« Mit Speck fing man schließlich Mäuse.

Und da kam sie, die erste Kundschaft! Eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter an der Hand. Die Eissorten, die sie verkauften, waren Klassiker: Erdbeere, Schokolade und Vanille. Ernas Hände zitterten vor Aufregung, als sie die Bällchen in den Pappbecher beförderte und diesen über die Theke reichte. Die Dame wünschte ihnen viel Erfolg, und die beiden verließen das Geschäft.

»So kann es weitergehen«, sagte Josef freudig, legte den Arm um Erna und drückte ihr übermütig einen Kuss auf die Wange. »Du wirst schon sehen!«, sagte er. »Bald sind wir als bester Eissalon von ganz München bekannt.«

Erna lächelte versonnen. Der Anfang war geschafft, ab jetzt konnte es nur noch aufwärts gehen. Die nächste Kundschaft betrat in der Form von zwei jungen Frauen den Salon, und die Damen setzten sich doch tatsächlich an einen der Tische. Freudig eilte Erna mit Stift und Papierblock in Händen sogleich zu ihnen und nahm voller Stolz die Bestellung auf.

2. Kapitel

München, 29. April 1929

»Also ich finde, ich müsste mir mal wieder die Haare kürzen«, sagte Hilde Gasser und betrachtete ihr Spiegelbild im Schaufenster eines Schuhgeschäfts. »Sie reichen mir schon fast bis zur Schulter. Da lassen sich die Wellen nicht mehr so gut legen.«

»Aber du hast doch von Natur aus Wellen«, antwortete Frieda, die neben ihr stand und ein in der Auslage liegendes Paar Schuhe in Augenschein nahm: hübsche Riemchenpumps aus rotem Leder, deren Preis jedoch schwindelerregend hoch war.

»Ich habe Naturlocken«, korrigierte Hilde Frieda. »Das ist etwas anderes. Ich muss die jedes Mal erst glätten, bevor ich sie wieder in Wellen legen kann. Neulich ist mir das Eisen wieder zu heiß geworden, und eine ganze Strähne war futsch. Hach, was wäre es toll, wenn es so eine Art Wunderhut gäbe. Aufsetzen und die Frisur sieht genauso aus, wie man sie haben möchte.«

»Ja, das wäre schon was«, antwortete Frieda. »Oder eine Zauberkiste, in der jederzeit die passenden Schuhe wären. Findest du die roten hier vorne auch so hübsch? Wenn sie nur nicht so teuer wären …«

Frieda hatte heute ihren freien Nachmittag und war nun mit ihrer Freundin Hilde auf den Weg zu ihrem Lieblingskonzertcafé, dem Arkadia in der Prielmayerstraße. Dort fand, wie jeden Donnerstag, ein Tanztee statt, und dafür hatten sich die beiden herausgeputzt. Frieda hatte ihr bestes Frühlingskleid, ein hellblaues Modell mit tiefer gesetzter Taille und einem glockig fallenden Rock, angezogen. Dazu trug sie die einzigen halbwegs schicken Schuhe, die sie besaß: dunkelbraune Schnürer mit Absatz, die so gar nicht zu ihrem Kleid passen wollten. Aber was half es schon! Sie konnte ja schlecht mit den ausgetretenen Schlappen zum Tanz gehen, die sie während ihrer Arbeit im Eissalon trug. Es wurde höchste Zeit, dass das Geschäft mit dem Eis in die Gänge kam und sie sich dadurch etwas mehr leisten konnten. Hilde hatte es da besser: Ihr Vater arbeitete beim Gericht, und sie wohnten in einer großen Altbauwohnung in Schwabing. Sie trug ein hübsches dunkelblaues Blumenkleid mit einer Schleife am Dekolleté und roten Streublümchen darauf. Ihre dazu passenden Schuhe sahen äußerst elegant aus – nur konnte Hilde mit hohen Absätzen nicht besonders gut laufen.

»Ach«, antwortete Hilde und winkte ab. »Rot ist eine schwierige Farbe. Die passt meistens zu nix. Die würde ich mir gar nicht erst kaufen. Am Ende stehen sie sowieso nur im Schrank.« Das war es, was Frieda so sehr an Hilde liebte. Sie ließ es nicht raushängen, dass ihre Familie finanziell bessergestellt war und besonders ihr Vater sich alle Mühe gab, seine einzige Tochter, sein »Nesthäkchen«, wie er sie liebevoll nannte, zu verzärteln und zu verwöhnen. Aber vielleicht änderte sich durch den Eissalon Friedas finanzielle Situation wirklich zum Positiven. Die Tatsache, dass die Pankofers aus der schäbigen Behausung in Haidhausen ausgezogen waren, in der sie ihre gesamte Kindheit verbracht hatte, war bereits ein großer Fortschritt. In dem klapprigen alten Haus in einer schmalen Gasse neben dem Wiener Platz hatten sie zwei Zimmer bewohnt. Von fließend Wasser im Haus hatten sie damals nur träumen können, und für Wärme hatte nur der Holzofen in der Küche gesorgt. Da war es doch in der geräumigen Wohnung mit Zentralheizung oberhalb des Eissalons bedeutend komfortabler. Es gab nur einen Wermutstropfen, der jedoch hinnehmbar war: Sie musste sich ein Zimmer mit Lotte, dem kleinen Quälgeist, teilen.

Hilde hängte sich bei Frieda ein, die beiden schlenderten weiter und erreichten den weitläufigen Karlsplatz, auf dem der übliche Nachmittagstrubel herrschte. Unzählige Autos fuhren über den Platz, Trambahnen hielten an den Haltestellen. Frauen mit Einkaufsbeuteln in Händen liefen an ihnen vorüber. Ein kleines Mädchen weinte aus irgendeinem Grund bitterlich und wurde von einem jungen Burschen getröstet. Ein Zeitungsjunge plärrte ihnen lautstark die neuesten Nachrichten entgegen. Es war kein wolkenloser, aber immerhin ein trockener und milder Frühlingstag.

»Denkst du, er ist heute da?«, fragte Hilde. »Hach, es wäre so wunderbar, wenn er mich wieder zum Tanz auffordern würde.« Ihre Augen begannen zu strahlen.

Frieda wusste sofort, von wem die Rede war: Karl Gärtner, Hildes neuem Schwarm. Er studierte Medizin und wollte wie sein Vater Chirurg werden. Frieda wusste nicht so recht, was Hilde an dem jungen Mann so anziehend fand. Er war eher klein und schmächtig, und eine Narbe zierte seine Stirn, die von einem Unfall in der Kindheit stammte. Aber wo die Liebe hinfiel … Sie selbst hatte sich noch nie in einen Jungen verguckt, vielleicht lag das daran, dass ihre Ansprüche zu hoch waren. Sie ging gern ins Kino und sah Liebesfilme, und in denen waren die Männer immer so anders als die jungen Burschen im echten Leben. Sie waren höflicher, manchmal auch frecher oder gleich komplette Draufgänger. Und sie sahen männlicher aus. Anders eben als diejenigen, die ihr bisher den Hof gemacht hatten. Frieda konnte es nur schwer beschreiben. Aber vielleicht verirrte sich ja mal ein solcher Schauspieler in eine der Münchner Lokalitäten. Wissen konnte man es nie.

Die beiden jungen Frauen erreichten schließlich die Prielmayerstraße, in der das Café Arkadia lag, und betraten es in freudiger Erwartung. Das Café bestach durch seine Größe und das gläserne Dach, das den unteren Bereich überzog. Durch das einfallende Licht entstand eine ganz besondere Atmosphäre. Es gab eine ausladende Kuchentheke, die keine Wünsche offenließ. Auf der Galerie fanden die Tanznachmittage statt, und im unteren Bereich standen runde Caféhaustische, viele von ihnen waren besetzt. Über allem lag die gewohnte Geräuschkulisse von Stimmengewirr und Geschirrklappern, die Frieda so sehr liebte. In solchen Häusern fand das Leben statt, und es fühlte sich so wunderbar prickelnd an! Sogleich steuerten die beiden auf die auf die Galerie führende Treppe zu. Als sie oben ankamen, winkte ihnen ihre Freundin Luise zu, die mit zwei weiteren Bekannten einen direkt neben der Tanzfläche liegenden Tisch ergattert hatte. Sie gingen zu den drei Frauen und es folgten die üblichen Küsschen auf die Wangen zur Begrüßung.

»Da habt ihr aber einen strategisch gut gelegenen Platz erobert«, meinte Frieda anerkennend.

»Nicht wahr?«, antwortete Luise. »Gleich neben der Tanzfläche, und zur Toilette haben wir es auch nicht weit. Alles wichtige Dinge für junge Damen.« Sie grinste und zeigte ihre etwas krummen Schneidezähne. Frieda schmunzelte. Sie mochte die blondgelockte Luise, die sie, ebenso wie Hilde, bereits seit Grundschulzeiten kannte. Luise war eine loyale und ehrliche Person mit einem großen Herzen, auf die man sich stets verlassen konnte. Derjenige, der sie mal heiratete, konnte sich glücklich schätzen. Zu den schiefen Zähnen kamen allerdings rundliche Pausbacken, und ihre Figur war eher als gedrungen zu bezeichnen. Aber wie hatte Fanny neulich so schön in der Küche gesagt: »Für jeden Topf findet sich ein Deckel.« Und Luises Deckel würde es gut mit ihr haben.

Die beiden anderen jungen Frauen, Anna und Margot, waren Zwillingsschwestern und glichen einander bis aufs Haar. Das hatte in der Schule oftmals zu lustigen Verwechslungen geführt, doch inzwischen kleideten und frisierten sich die beiden etwas unterschiedlich. Sie hatten rotes Haar und viele Sommersprossen im Gesicht, dazu grüne Augen, was Frieda sehr hübsch fand. Sie sahen aus wie zarte Waldfeen aus einem Märchen.

»Du hast es heute tatsächlich zum Tanz geschafft!«, sagte Margot zu Frieda, nachdem sich die beiden gesetzt hatten. »Ich dachte, du musst jetzt immer im Betrieb mitarbeiten. Wie läuft denn euer Eissalon so? Es tut mir schrecklich leid, dass ich es bisher nicht geschafft habe vorbeizuschauen. Aber zurzeit habe ich schrecklich viele Termine.«

Frieda bemühte sich um ein Lächeln. In Margots Stimme hörte sie wieder diesen arroganten Tonfall, den sie neuerdings an den Tag legte, und ihr Blick hatte etwas Herablassendes an sich. Frieda kannte den Grund dafür: Margot war seit einigen Wochen mit Johannes Ostermann liiert, und es wurde gemunkelt, dass er ihr bald einen Antrag machen würde. Sein Vater leitete einen gut gehenden Sanitärgroßhandel. Johannes war zwar nicht der Erstgeborene, aber am Hungertuch würde er gewiss sein Leben lang nicht nagen. Er studierte Jura und wollte später als Staatsanwalt arbeiten.

»Donnerstags hab ich meinen freien Nachmittag«, antwortete Frieda, bemüht darum, ihre Stimme freundlich klingen zu lassen. »Und danke der Nachfrage, unser Salon läuft hervorragend. Wir haben sogar schon Stammkundschaft und kommen mit der Produktion kaum hinterher. Papa denkt darüber nach, einen weiteren Mitarbeiter einzustellen.« Letzteres war zwar geschwindelt, aber was sollte es.

»Das klingt doch hervorragend«, sagte Anna. »Ich komme die Tage gern mal bei euch vorbei und gönne mir eine Kugel oder zwei. Schokoladeneis ist mein Favorit, aber auch Himbeere oder Stracciatella hab ich gern. Hach, die süßen Freuden! Wie schaffst du es nur, schlank zu bleiben, wenn du ständig davon umgeben bist? Also ich würde im Angesicht von so viel leckerer Eiscreme innerhalb weniger Tage nicht mehr in meine Kleidung passen!«

»Wir machen das Eis ja nicht für uns, sondern für den Verkauf«, antwortete Frieda. »Da wird nicht genascht! Und die Eisherstellung ist auch nichts für Schwächlinge. Man kurbelt schon eine ganze Weile, bis es gefroren ist. Wenn es so weitergeht, habe ich bald Oberarme wie ein Preisboxer.«

»Also das wäre nix für mich«, sagte Luise. »Das klingt zu anstrengend. Ich war im Schulsport schon eine Niete.« Sie winkte ab.

Die Tanzkapelle begann zu spielen und zog damit die Aufmerksamkeit auf sich. Die Musikanten waren vier junge Männer in weißen Anzügen, die sich seitlich der Tanzfläche auf einem kleinen Podest in Stellung gebracht hatten. Sie waren die Hauskapelle des Tanzcafés und machten ihre Sache ganz passabel. Den Anfang der Tanzrunde starteten sie mit Wenn der weiße Flieder wieder blüht, was hervorragend zur Jahreszeit passte. Die ersten Tanzpaare drehten sich dazu auf dem Parkett, bevorzugt war hier der Foxtrott. Hilde wurde von einem blonden Mann aufgefordert, auch Anna und Marion ließen sich nicht lange bitten. Frieda lehnte die Aufforderung eines schlaksigen blonden Mannes ab, denn er war ihr beim letzten Mal mehrfach auf die Füße getreten. Auf schmerzende Zehen konnte sie verzichten. Luise wurde von niemandem angesprochen. Sie wirkte etwas bedrückt und nippte an ihrem Weißwein. Beide beobachteten das Geschehen. Die Tanzfläche war, wie gewohnt, gut gefüllt. Viele der Gesichter kannten die beiden. Zu Friedas Leidwesen fand sich auch heute wieder kein Kandidat, der eines zweiten Blickes würdig wäre, und sie stützte das Kinn auf die Hand, während die Kapelle das nächste Lied zu spielen begann.

»München ist ja schon a bisserl provinziell, gell«, sagte Luise und rückte noch ein Stück näher an sie heran. »In Berlin müssten wir sein! Die sollen da Nachtclubs und Varietés haben, davon können wir hier nur träumen. Da tanzt dann auch diese Nackerte mit dem Bananenröckchen. Wie hieß die gleich nochmal?«

»Josephine Baker«, antwortete Frieda.

»Richtig! Von der hab ich neulich eine Fotografie in einer Illustrierten gesehen. Meine Güte, meine Mutter würd mich umbringen, tät ich so auf einer Bühne rumspringen. Anschauen würd ich mir das alles schon ganz gern mal. Doch bis Berlin werd ich in diesem Leben wohl nicht mehr kommen.« Sie seufzte.

»Wieso denn nicht?«, antwortete Frieda aufmunternd. »Sag niemals nie.« Sie erhob sich, denn sie musste zur Toilette. Während sie an der rechten Seite der Tanzfläche vorüberlief, entdeckte sie Hilde, die noch immer mit dem blonden Mann tanzte, der bedeutend attraktiver als ihr Schwarm war. Frieda glaubte, den Mann schon mal irgendwo gesehen zu haben. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Die beiden würden ein hübsches Paar abgeben, dachte sie bei sich.

Als Frieda wieder aus der Damentoilette kam, stieß sie prompt mit einem jungen, braunhaarigen Mann zusammen. Er hatte ein Weinglas in Händen gehalten, das zu Boden fiel und zerbrach.

»Hoppla!«, rief er aus. Frieda schlug erschrocken die Hand vor den Mund, denn ein Teil des Glasinhalts, es war Rotwein gewesen, war auf seinem weißen Hemd gelandet.

»Ach herrje«, sagte Frieda und blickte auf den Fleck auf seinem Hemd, dann auf die vielen auf dem Boden liegenden Scherben.

»Ich bin aber auch ein Schussel! Jetzt ist Ihr Hemd ruiniert, und dazu das kaputte Glas …«

»Ach, das ist doch nur halb so schlimm«, beschwichtigte er sogleich. »Ich hab doch auch nicht geguckt.«

Frieda bückte sich und begann, die Scherben aufzuheben. Dabei schnitt sie sich in den rechten Daumen und zuckte zurück.

»Au, verflixt …« Sie richtete sich wieder auf und steckte sich den Finger in den Mund.

»Haben Sie sich verletzt?«, fragte er, und sein Blick wurde sogleich besorgt. »Zeigen Sie mal her.«

Frieda nahm den Finger aus dem Mund. Die Schnittwunde war tiefer als gedacht, sogleich begann sie erneut heftig zu bluten. »Das muss verbunden werden«, stellte der Mann mit besorgtem Blick fest. »Kommen Sie, wir gehen nach unten an die Haupttheke. Dort findet sich bestimmt jemand, der uns behilflich sein kann.« Er legte fürsorglich den Arm um Frieda und führte sie zur Treppe.

Unten angekommen, erhielten sie sogleich Hilfe. Eine ältere Bedienung reagierte patent und schickte eine Aushilfskraft mit Kehrbesen und Schaufel auf die Galerie, um die Scherben zu entfernen. Frieda und der junge Mann wurden in einen ruhigen Nebenraum geführt, der anscheinend als Büro genutzt wurde, und die Bedienung holte einen Verbandskasten hervor.

»Das sieht aber nicht gut aus, Fräulein«, sagte sie und begutachtete die Verletzung näher. »Der Schnitt ist recht tief. Am Ende muss er vielleicht genäht werden. Aber jetzt desinfizieren wir erst einmal, und dann machen wir einen hübschen Verband drum. Das wird schon werden.« Sie tätschelte Frieda fürsorglich die Schulter. Der junge Mann stand neben Frieda, die sich auf einen Stuhl gesetzt hatte. Er machte keine Anstalten zu gehen, was sie tröstlich fand. Nachdem der Finger so weit versorgt war und er noch einige Tipps zur Entfernung von Rotweinflecken aus einem weißen Hemd erhalten hatte, wurden die beiden aus der Obhut ihrer patenten Krankenpflegerin entlassen. Als sie wieder zurück im Café waren, standen sie nebeneinander vor der Kuchentheke und wussten anscheinend beide nicht so recht, was sie jetzt tun sollten. Frieda wusste nur eines: Die Lust am Tanzen war ihr für heute vergangen. Ihr Daumen begann zu pochen.

»Ich geh dann besser mal nach Hause«, sagte sie und betrachtete ihn zum ersten Mal genauer. Er war wirklich gut aussehend – mit großen blauen Augen und einem markanten Kinn, an dem sich einige Bartstoppeln befanden. In ihrem Inneren entstand ein seltsam flirrendes Gefühl. Als er ihr in die Augen sah, senkte sie rasch die Lider.

»Ich würde Sie gerne begleiten«, sagte er. »Aber nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich möchte nicht aufdringlich erscheinen. Es geht mir einzig und allein um Ihre persönliche Sicherheit, mein Fräulein.«

Was er sagte, gefiel Frieda. Sie schien einem wahren Gentleman begegnet zu sein. Und er ähnelte tatsächlich ein wenig den von ihr so heißbegehrten Filmschauspielern … Aber er war ein Fremder, sie kannte nicht einmal seinen Namen. Schickte es sich dann, mit ihm gemeinsam durch die Straßen zu laufen? Er schien ihre Gedanken zu erraten.

»Entschuldigen Sie, ich glaube, ich hatte mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Erich Bachmann.« Er deutete einen kurzen Diener an und lächelte verschmitzt. Das flirrende Gefühl in Friedas Innerem verstärkte sich. Sie nannte ihren Namen und warf im selben Augenblick sämtliche ihrer eben gedachten Vorbehalte über Bord. Sollten die Leute doch reden!

»Ich würde mich über Ihre Begleitung sehr freuen«, antwortete sie, und ihr Herz begann, wie verrückt zu klopfen. »Es ist auch nicht weit von hier. Ich wohne in der Kaufingerstraße, wir müssen nicht einmal mit der Tram fahren.«

»Na dann«, antwortete er und hielt ihr den Arm hin. »Ein kleiner Spaziergang nach diesem Schreck wird uns gewiss guttun.«

Frieda hängte sich bei ihm ein und während sie den Laden verließen, fielen ihr plötzlich Hilde und die anderen ein. Sie hätte Bescheid sagen sollen. Andererseits kam es nicht zum ersten Mal vor, dass sich eine von ihnen in Luft auflöste. Sie würden sich bestimmt keine großen Gedanken machen.

Sie schlenderten die Prielmayerstraße hinunter und erreichten alsbald den Karlsplatz.

»Sind Sie eine echte Münchnerin?«, fragte Erich.

»Allerdings«, antwortete Frieda. »Geboren und aufgewachsen im Herzen der Stadt, genauer gesagt in Haidhausen. Und Sie?«

»Ebenfalls geborener Münchner«, antwortete Erich. »Der Stammbaum der Familie Bachmann ist in München bis auf das fünfzehnte Jahrhundert zurückführbar. Mein Vater hat kürzlich die Leitung des Kaffeehauses Großglockner seines verstorbenen Onkels am Marienplatz übernommen. Die Spezialität des Hauses ist seit einigen Jahren Eiscreme. Wir haben einen italienischen Koch, der sie hervorragend zubereiten kann. Die letzten Wochen haben wir mit einigen Umbauarbeiten des Hauses verbracht, doch nun ist es bald so weit, und wir können eröffnen. Das Café geht über zwei Stockwerke, und wir haben einen hübschen Sommergarten im Innenhof. Es wird großartig! Wenn Sie wollen, können Sie gerne bald probieren kommen. Paolo ist ein Meister seiner Kunst. Ein besseres Eis als seines haben Sie noch nicht probiert. Und wie ist es bei Ihnen?«, fragte er. »Sie wohnen in der Kaufingerstraße, sagten sie. Betreibt Ihre Familie auch ein Geschäft? Oder bin ich jetzt zu neugierig?«

»Nein, nein«, beeilte sich Frieda zu antworten. »Sie sind keinesfalls zu neugierig.« Sie fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Ein Café am Marienplatz, dazu die Hauptspezialität Eiscreme, von einem Fachmann aus Italien hergestellt. Eine größere Konkurrenz konnten sie gar nicht bekommen. Du liebe Güte! Und sie lief am Arm des Sohnes des Inhabers durch das Karlstor und tat vertraut mit ihm. Er durfte auf gar keinen Fall erfahren, wer sie war. Ach, was war das plötzlich verzwickt …

»Mein Vater ist beim Finanzamt tätig«, sagte sie rasch und entschuldigte sich beim Herrgott für ihren Schwindel. »Wir wohnen dort drüben, oberhalb des Blumenladens.« Sie blieb absichtlich ein Stück entfernt vom Eissalon stehen und hoffte inständig darauf, dass nicht ausgerechnet jetzt ihr Vater oder ihre Mutter nach draußen treten würden.

»Wie hübsch«, erwiderte er.

»Danke für die freundliche Begleitung«, sagte Frieda. »Ich wünsche viel Glück bei der Eröffnung.« Ihre Stimme klang unsicher, und sie trat von einem Bein auf das andere. Wie sehr sie sich doch wünschte, sie könnte mit ihm ausgehen, mit ihm tanzen – und noch länger in seine hübschen blauen Augen blicken. Aber dieser Wunsch musste unerfüllt bleiben. Bestimmt würde ihr Vater bald von der Konkurrenz am Marienplatz erfahren, und gewiss würde er sie verteufeln. Was Frieda gut verstehen konnte.

»Kann ich Sie wiedersehen?«, stellte er die Frage, mit der Frieda bereits gerechnet hatte. »Wir könnten ins Kino gehen. Was mögen Sie für Filme? Komödien oder Krimis?«

Es war Lotte, die dafür sorgte, dass Frieda ihm die Antwort schuldig blieb. Sie hatte sich ihnen mit einer Stofftasche in Händen genähert. Vermutlich hatte sie Einkäufe für das Abendbrot auf dem Viktualienmarkt erledigt, denn es guckte das obere Ende einer Lauchstange heraus.

»Frieda! Was machst du denn hier draußen?«, fragte sie und sah Erich neugierig an. »Ist das Tanzen für heute schon beendet? Dann kannst du mir auch mit dem Abendbrot helfen. Es soll Eintopf geben. Ich hab auch Rindswurst beim Metzger Häferle bekommen.« Sie sah von Frieda zu Erich, und ihr Blick wurde neugierig.

Nun kam auch noch Rosi aus ihrem Laden und trat sogleich zu ihnen.

»Mädchen, das ist gut, dass ich euch zwei hier draußen treffe«, sagte sie. »Könnt ihr bitte der Mama von mir ausrichten, dass ich erst morgen früh die frischen Moosrosen bringen kann? Die hab ich heut auf dem Großmarkt nicht mehr bekommen. Waren alle ausverkauft.« Auch sie sah Erich an und fragte: »Kann ich Ihnen helfen? Wolln’s vielleicht Blumen kaufen? Also ich hätt da noch Narzissen. Erste Wahl. Die halten über eine Woche in der Vase.«

»Wieso nicht?«, antwortete er, sah zu Frieda und nickte ihr lächelnd zu. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte, und das Kribbeln in ihrem Inneren schien sich nun beinahe zu überschlagen. Für den Moment ließ er seine Frage unbeantwortet. Aber er würde wiederkommen.

»Kommst du jetzt?«, fragte Lotte ungeduldig. »Und was hast du denn mit deinem Daumen angestellt?«

»Ich hab mich an einer Glasscherbe geschnitten. Es ist nichts Großes«, antwortete Frieda. »Haben Sie vielen Dank für die freundliche Begleitung«, sagte sie zu Erich. »Auf bald.« Was redete sie da nur? Nichts auf bald! Auf Nimmerwiedersehen musste es heißen. Sie stieß innerlich einen Seufzer aus und folgte Lotte durch das Hoftor in den Innenhof. An einem der Fenster im Treppenhaus blieb Frieda noch einmal stehen und blickte auf die Straße, doch Erich war verschwunden.

3. Kapitel

München, 15. Mai 1929

»Was haben wir denn heute für ein Datum?«, fragte Fanny, während sie ihren Putzlappen im Eimer auswusch. »Den vierzehnten, oder? Dann haben wir den heiligen Bonifatius.«

»Nein«, widersprach ihr Ludwig Hinterleitner. »Wir haben heute den fünfzehnten. Also haben wir schon die kalte Sophie. Morgen sind die Eisheiligen überstanden.«

»Wird dann auch das Wetter besser?«, fragte Erna, die hinter der Theke stand und sich damit beschäftigte, eine frische Kanne Kaffee aufzubrühen. Vor dem Fenster des Eissalons ging gerade ein heftiger Graupelschauer nieder, der dafür sorgte, dass die Kaufingerstraße von einer eisigen weißen Schicht überzogen wurde.

»Machst mir aber schon einen ordentlichen Schuss Sahne in mein Kaffee, gell, Erna?«, meinte Ludwig. »Weißt doch, wie gern ich des hab. Gibt’s noch Kekse? Mit dem Eis könnts mir ja gehen, da frierts mich immer in den Zähnen. Aber die Kekse, die sind a feine Sach.« Erna brachten seine Ausführungen zum Schmunzeln.

Der ältere Herr wohnte im Nachbarhaus im dritten Stock links. Er war früher Beamter bei irgendeinem Amt in München gewesen, Erna wusste nicht mehr, wo genau. Seit vier Jahren war er nun im Ruhestand und seine Lieblingsbeschäftigung hatte bis vor Kurzem darin bestanden, ins Café Simmerl am Sendlinger Tor zu gehen, bei Kaffee und Keksen am Fenster mit seiner Zeitung zu sitzen und auf die Straße zu gucken. »Denn zum Schaun gibts immer was«, hatte er Erna erklärt. Neuerdings hatte er diese Gewohnheit jedoch geändert und war bei ihnen im Eissalon zu einer Art Stammgast geworden. Er belagerte den am Fenster stehenden Sechsertisch jeden Morgen von halb elf bis zwölf, denn dann war Mittagszeit und er ging zum Essen ins Hofbräuhaus. Da gab es noch viel mehr zum Schaun.

Erna hatte den dicklichen alten Herrn mit dem gezwirbelten Schnauzbart, den buschigen Augenbrauen und der Halbglatze sogleich ins Herz geschlossen. Er strahlte eine ganz besondere Art von Herzlichkeit aus. Sie fühlte sich geschmeichelt, dass er nun seine Vormittage bei ihnen verbrachte. Nur die Tatsache, dass er ihren größten Tisch belagerte, gefiel ihr nicht sonderlich. Aber was sollte man machen? Der Gast war nun einmal König, und Ludwig ließ es sich nicht nehmen, jeden Tag ein gutes Trinkgeld zu geben.

Erna stellte einen Teller mit drei Keksen neben die Portion Kaffee mit extra Sahne auf ein Tablett und brachte es zu ihm. Der Wind vor dem Fenster frischte auf und trieb den Graupel nun in Böen über die Straße. Menschen waren kaum unterwegs. Ein Zeitungsjunge auf seinem Fahrrad suchte Schutz unter dem Vordach eines gegenüberliegenden Wäschegeschäfts, bimmelnd fuhr die Straßenbahn vorüber.

»Wollen wir hoffen, dass mit dem Ende der Eisheiligen tatsächlich eine Wetterbesserung kommt«, sagte Erna. »Obwohl das Wetter ja nicht nur zu den Eisheiligen schlecht gewesen ist. Gott sei Dank war es an unserem Eröffnungstag schön warm, aber seitdem scheint es, als hätte sich Petrus höchstpersönlich gegen uns verschworen. Bei so einer lausigen Frühlingskälte kauft doch kein Mensch Eis.«

»Des werd scho werden«, sagte Fanny. »Bis Mitte Mai spinnts halt gern mal rum. Aber ich hab des im Gefühl. Bald gehts steil bergauf. Man muss immer positiv denken, des hat mein Großvater selig scho immer gsagt. Des Glasl is immer halb voll, niemals halb leer. Verstehst?«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, antwortete Erna.

»Der hört des bestimmt«, sagte Ludwig. »Noch näher an der Kirch kannst es ja fast gar nicht sagen. Also der Kirchturm, der steht quasi scho fast hier in der Stube. Hat scho was, wenn der Herrgott persönlich hinterm Haus wohnt. Wenn die Glocken nur ned wären. Des is manchmal scho belastend.«

»Belastend« war charmant ausgedrückt, dachte Erna. Wenn die Glocken der Frauenkirche zu schlagen begannen, bebten bei ihnen die Wände und der Fußboden.

»Wo steckt eigentlich der Sepp?«, fragte Fanny. Sie trat hinter die Theke, schenkte sich ein Tässchen Kaffee ein und schob sich einen Keks in den Mund.

»Er ist noch einmal zum Amt gegangen wegen der Bestuhlung vor dem Salon. Immerhin darf Rosi ihre Blumen auch auf den Bürgersteig stellen, und so schmal ist er jetzt auch wieder nicht. Wir würden gern vor die Bank einen Tisch und zwei Stühle stellen und auf der anderen Seite neben dem Hoftor eine Sitzgruppe mit drei oder vier Stühlen. Das würde doch gleich viel einladender aussehen, und im Sommer sitzt man mit einem Eis gern in der Sonne.«

»Oder mit einem Kaffee und Keks«, fügte Ludwig hinzu. »Obwohl ich immer schnell a rote Nase krieg, wenn ich zu lang draußen bin.«

Ein aus der Küche kommender Aufschrei ließ sämtliche Anwesende erschrocken zusammenzucken. Es folgte ein lautstarkes Fluchen.

»Herrgottsakrament! Pass doch auf, du dumme Kuh!« Das war Friedas Stimme gewesen.

Sogleich eilten Erna und Fanny in die Küche. Dort stand Lotte mit hochrotem Kopf vor der am Boden liegenden Eismaschine. Die Schokoladeneismasse breitete sich auf dem hellgrauen Fliesenboden aus. Frieda, sie hielt einen Schneebesen in Händen, blickte finster drein.

»Es tut mir so leid …«, stotterte Lotte. In ihren Augen schwammen Tränen. »Ich hab beim Eisauffüllen nicht aufgepasst, und dann ist die Maschine runtergefallen. Es war keine Absicht!«

»Du bist so tollpatschig. Nix kannst du richtig machen«, blaffte Frieda ihre Schwester an. »Wie soll aus dir nur mal was werden? Wenn du dich so dämlich anstellst, wird dich keiner heiraten wollen.«

»Du bist so gemein!«, rief Lotte und rannte an Erna und Fanny vorbei aus dem Raum. Laut schlug sie die ins Treppenhaus führende Tür hinter sich zu. Erna sah ihre Älteste vorwurfsvoll an.

»Wie redest du denn mit deiner Schwester?«

»Wenn es doch wahr ist«, antwortete Frieda und verschränkte die Arme vor der Brust. »Zurzeit macht sie ständig Ärger, und sie ist faul. Seit sie aus der Schule raus ist, denkt sie, sie muss gar nichts mehr machen. Deshalb hat das beim Hirschvogel bestimmt auch nicht geklappt. Das Arbeiten hat Lotte wahrlich nicht erfunden. Dazu ihre Ungeschicklichkeit! Ständig fällt ihr irgendwas runter oder sie kotzt in Treppenhäuser. Die Moosgruberin redet noch immer kein Wort mit uns.«

»Die hat vorher auch nicht viel mit uns geredet«, entgegnete Erna. »Und wenn doch, war es nur Gemecker.«

»Am besten wird es sein, wenn mir uns jetzad alle mal wieder beruhigen«, sagte Fanny und hob beschwichtigend die Hände. »Es is ja nur a bisserl Eismasse, die auf dem Boden gelandet ist. Also kein Weltuntergang. Und die Lotte wird des auch noch lernen. Geh schau! Sie ist doch noch so viel jünger. Ich werd mich in der nächsten Zeit a bisserl um sie kümmern. Des wird scho werden. Und jetzt mach ma schnell alles sauber, und dann rühr ich a neue Eismasse an.«

»Die Eismaschine ist auf jeden Fall heile geblieben«, sagte Erna. Sie hatte die Maschine der Firma Hünersdorff, die sie extra neu für den Laden angeschafft hatten, vom Boden aufgehoben und von allen Seiten begutachtet. Die aus verzinntem Blech hergestellte Maschine hatte nicht eine Delle oder Schramme. Nur der innere Topf mitsamt der Kurbel war rausgerutscht.

»Na, das ist doch fein. Und schauts mal«, Fanny deutete zum Fenster. »Der greislige Graupel hat aufgehört, es scheint sogar die Sonne. Wenn das nicht ein gutes Omen ist!«

»Wer sagt hier was von guten Omen?«, sagte plötzlich Josef. Er stand in der Tür und sah verwundert auf die Schokoladensoße auf dem Fußboden.

»Nur a kleines Missgeschick. Nix Schlimmes«, erklärte Fanny rasch, bückte sich und begann, die Schokoladensoße aufzuwischen.

»Du bist schneller zurück als gedacht«, sagte Erna. »Wie war es denn auf dem Amt? Konntest du etwas erreichen?«

»Das konnte ich tatsächlich«, erwiderte Josef und lächelte verschmitzt. »Wir haben die Genehmigung für die Bestuhlung vor dem Laden erhalten!«

»Oh, was für ein Glück!«, rief Erna und fiel ihm freudig um den Hals.

»Es geschehen noch Zeiten und Wunder«, sagte Fanny. »Da hat da Flickinger doch tatsächlich auch mal an guten Tag ghabt.«

»Der Herr Flickinger war heute nicht anwesend«, antwortete Josef mit einem breiten Grinsen. »Es war ein Herr Gasser, mit dem ich alles so weit klären konnte. Ein äußerst umgänglicher Herr. Wir können nur hoffen, dass er uns noch längere Zeit erhalten bleibt.«

»Darauf sollten wir anstoßen«, sagte Erna. »Oder wir gönnen uns alle selber eine Portion Eis. Man soll die Feste ja feiern, wie sie fallen, gell.«

Fröhlich wurde zugestimmt, und alsbald saßen sie in gemütlicher Runde bei Ludwig am Fenstertisch und aßen Vanille- und Schokoladeneis, während draußen der nächste Graupelschauer vom Himmel fiel. Auch Lotte hatte wieder zu ihnen gefunden. Frieda hatte sie geholt und sich für ihre groben Worte entschuldigt. Die erneute Verschlechterung des Wetters machte Erna aufgrund der guten Neuigkeiten jetzt nichts mehr aus. Sollte die Kalte Sophie sich nur recht ordentlich austoben. Schon morgen würden sie die Tische vor dem Salon aufstellen! Sie standen bereits fertig abgeschliffen und frisch gestrichen im Lager neben dem alten Eiswagen und warteten auf ihren Einsatz.

In diesem Moment klopfte es an die Tür – eine ältere Frau in einem dunklen Mantel mit Regenschirm stand im Eingang, die Erna nur zu gut kannte. Es war Josefs Mutter, Anneliese Pankofer, die vor der Tür ihren Schirm schloss und eintrat.

»Grüß Gott beieinander«, grüßte sie. Sogleich verkrampften sich Ernas Hände vor Nervosität. Das Verhältnis zwischen ihnen beiden ließ sich als äußerst schwierig bezeichnen. Sie würde niemals den Moment vergessen, als Anneliese damals, nachdem bekannt geworden war, dass sie von Josef ein Kind erwartete, in die Wäscherei gekommen war und Erna zur Seite genommen hatte. Als Dirne hatte sie sie beschimpft und sie mit sofortiger Wirkung entlassen. Sogar Geld hatte sie ihr geboten, damit sie das »Malheur« beseitigen lassen konnte. Sie war eiskalt zu Erna gewesen und hatte ihr unterstellt, sich durch die Schwangerschaft in die wohlhabende Familie einschleichen zu wollen. Doch Erna hatte sich nicht einschüchtern lassen. Mutter und Sohn hatten auf ihre Weise wieder zueinander gefunden. Erna und leider auch Frieda und Lotte blieben jedoch Beiwerk, ein notwendiges Übel, das ertragen werden musste.

»Das ist also der Eissalon der Familie Pankofer«, sagte sie und musterte die Theke eingängig. »Ich wollte mal schauen, in was ich mein Geld investiert hab. Immerhin ist ja vieles durch meine Großzügigkeit erst umsetzbar gewesen. Das Bild in der Zeitung von neulich war ganz nett. Nur wirkt das alles doch etwas zurückhaltend. Findet ihr nicht? Hier passen ja keine zehn Leute rein, und es riecht muffig.« Sie sah zu Josef, dessen Miene sich verfinsterte. Dahin war die gute Stimmung von eben. »Mit den großen Kaffeehäusern könnt ihr nicht mithalten.«

Erna sah, wie Josef mit sich rang. Sie ahnte, dass ihm eine bissige Antwort auf der Zunge lag, doch er sprach sie nicht aus, sondern bemühte sich um ein Lächeln und stand auf. Wie gewohnt begrüßte er seine Mutter mit einer kurzen Umarmung und einem Küsschen auf die Wange.

»Wie nett, dass du die Zeit gefunden hast, um uns in unserem kleinen, aber feinen Eissalon zu besuchen. Können wir dir etwas anbieten? Ich hätte ein hervorragendes Vanilleeis im Angebot, dazu vielleicht noch eine Kugel Schokolade?«

»Eiscreme?«, entgegnete Anneliese mit despektierlichem Blick. »Bei dieser Kälte? Weiß Gott nicht.«

»Dann vielleicht ein Tässchen Kaffee und Kekse?«, bot Erna an und stand ebenfalls auf.

»Also die Kekse kann ich empfehlen«, meldete sich Ludwig zu Wort. »Die backt immer das Fräulein Frieda. Sie macht das ganz hervorragend.« Demonstrativ schob er sich einen der mit Hagelzucker verzierten Kekse in den Mund.

Anneliese Pankofers Blick blieb an ihrer Enkeltochter hängen, und Erna ahnte, was ihr beim Anblick des Mädchens durch den Kopf ging. Frieda ähnelte in ihrer mehrfach geflickten Bluse und dem braunen Rock mit der Küchenschürze voller Flecken einer einfachen Dienstmagd. Die Enkeltochter des Großwäschereibesitzers Alois Pankofer backte Kekse für einen in ihren Augen zu kleinen Eissalon und trieb sich nicht hübsch zurechtgemacht auf den üblichen Veranstaltungen wie Damenkränzchen und Tanzabende für Mitglieder der besseren Gesellschaft herum, wie es andere junge Mädchen aus anständigen Häusern taten. In den gehobenen Kreisen galt es, eine möglichst gute Partie zu machen, versorgt zu sein und möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. Wie sehr Erna diese in ihren Augen veralteten Ansichten ihrer Schwiegermutter doch verabscheute! Frauen konnten mehr sein als das Heimchen am Herd. Ihre geliebte Großmutter hatte das schon zu ihr gesagt, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. »Wenn du willst, mei Schatzerl, kannst alles sein, was du willst. A Schauspielerin auf der Bühne, a Ärztin oder Tänzerin, vielleicht wirst eine von de Schreiberlinge für die Zeitung. Hauptsache, du bleibst dir selber treu. Des is as Wichtigste.« Ihre Oma war schon immer ein besonderer Mensch mit ihrer eigenen Sicht auf die Dinge gewesen. Sie hätte diesen Eissalon geliebt, dessen war sich Erna sicher. Wie sehr sie sie doch vermisste …

Anneliese schien nicht so recht zu wissen, wie sie auf Ludwigs Einmischung in das Gespräch reagieren sollte. Einen Moment lang wirkte sie unsicher, doch dann antwortete sie: »Vielleicht ein andermal«, und sie schenkte Ludwig ein unterkühltes Lächeln. »Leider treibt mich nicht nur die Besichtigung des Eissalons hierher, sondern ich möchte eine private Angelegenheit mit meinem Sohn besprechen.« Sie sah zu Josef. »Wo können wir uns denn hier ungestört unterhalten?«, fragte sie.

Josef schlug die Küche vor und die beiden verließen den Gastraum. Keine Sekunde, nachdem sie fort waren, gab Fanny ein brummiges Geräusch von sich und sagte: »Also wenn ihr mich fragts, stimmt hier was ganz gewaltig nicht. Des riecht nach Ärger.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

Erna befürchtete ebenfalls, dass die »private Angelegenheit« keine guten Neuigkeiten mit sich brachte. Sie überlegte, an der Tür zu lauschen, verwarf den Gedanken jedoch wieder – es war schließlich keine besonders rühmliche Art, mit der Situation umzugehen. Sie würde sich also in Geduld üben müssen und schob sich einen Keks in den Mund, den sie mit einem kalten Schluck Kaffee hinunterspülte.

Die nächsten Minuten herrschte eine angespannte Stimmung im Raum. Draußen kam die Sonne erneut hervor und fiel nun direkt in den Laden. Erna blinzelte und sah zu Frieda, die sich damit beschäftigte, eine Papierserviette zu zerpflücken.

Die Küchentür öffnete sich wieder, und Josefs Stimme war zu hören. Das, was er sagte, und sein Tonfall verhießen nichts Gutes. Anneliese lief voraus, Josef folgte ihr und rang die Hände.

»Rede noch mal mit ihm«, sagte er in einem fast schon flehend klingenden Tonfall. »Du weißt, dass wir das Geld nicht haben. Ich habe jeden Pfennig in den Laden gesteckt. Wenn ich die komplette Summe zurückbezahlen muss, kann ich gleich wieder zusperren.«

»Ich weiß«, antwortete Anneliese. »Aber du weißt, wie er ist. Und mir sind die Hände gebunden. Bis zum nächsten Ersten muss das Geld wieder bei uns sein. Sonst jagt er dir den Gerichtsvollzieher auf den Hals. Es tut mir leid.« Sie sah kurz zu Erna und hielt ihren Blick fest. Dann verließ sie, ohne noch etwas zu sagen, den Laden. Nachdem sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, ließ Josef die Schultern sinken, und einen Moment herrschte betretenes Schweigen.

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