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Träume von dir

Ohne Begleitung auf einem Klassentreffen - das wäre die Hölle für Twyla. Aber was, wenn sie einfach Rob Carter, den ihre Freunde ihr auf der Junggesellenauktion ersteigert haben, mitnehmen würde?


  • Erscheinungstag: 11.04.2016
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499203
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Wiggs

Träume von dir

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Inken Kahlstorff

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgaben:
Husband for Hire
Copyright © 1999 by Harlequin Books, S. A.
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: Büropecher, Köln

Redaktion: Christiane Branscheid

Titelabbildung: HarperCollins France / Getty Images, München / Masterfile

ISBN eBook 978-3-95649-920-3

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Liebes, du brauchst einen Mann“, sagte Mrs. Duckworth.

„Ich brauche was?“

„Einen Mann, du weißt schon. Ein großes männliches Wesen mit breiten Schultern und vielen Muskeln.“

Twyla McCabe nahm den Stielkamm und trennte geschickt eine von Theda Duckworths silbernen Strähnen ab. „So einen hatte ich mal, er hat mir überhaupt nicht gutgetan. Jetzt habe ich einen Hund.“

Mrs. Duckworth gestikulierte in Richtung der anderen Kundinnen im Salon. „Wir Frauen hier haben das besprochen, Herzchen. Es ist Zeit, dass du dir einen Mann suchst“, sagte sie betont geduldig.

Twyla beugte sich über den Frisierstuhl und begutachtete Mrs. Duckworths Haaransatz. „Süße, ich glaube, wir haben die Lavendeltönung zu lange einwirken lassen. Warum sollte ich mir den Ärger antun?“

Mrs. Duckworth fing Twylas Blick in dem großen runden Frisierspiegel auf. Ihr erstauntes Blinzeln beirrte die pensionierte Lehrerin nicht im Geringsten.

„Damit er dich auf das zehnjährige Klassentreffen begleitet“, sagte Mrs. Duckworth mit ernster Stimme.

Twyla tauchte den Kamm in die Edelstahlschüssel mit dem Lösungsmittel. „Diep“, wandte sie sich an die Nagelpflegerin, „du solltest das Klassentreffen doch nicht erwähnen! Mein Entschluss steht fest.“

Diep Tran lackierte Mrs. Spinellis Fingernägel. „Ich habe kein Wort darüber verloren“, sagte sie, ohne aufzublicken.

„Aber du hast allen die Einladung gezeigt, nicht wahr?“, fragte Twyla und spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg.

„Ein Bild von dir mit Krone, das musste ich allen zeigen“, sagte Diep ungerührt und beugte den Kopf tiefer über die Hand ihrer Kundin. Mit einem extrafeinen Pinsel lackierte sie eine winzige Melonenscheibe auf jeden Nagel. Was Nail Art betraf, machte ihr keiner etwas vor. Diep Tran war die Georgia O’Keeffe der Nagellackkünste. Sie erfüllte ihren Kundinnen sämtliche Wünsche von anatomisch korrekten griechischen Göttern bis zu dem Schriftzug „Es ist aus!“ in Druckbuchstaben. Seit sie im Salon arbeitete, lief das Geschäft noch besser, und inzwischen gab es viele Stammkundinnen, die regelmäßig zur Maniküre kamen. Nur leider musste sie ihre Nase andauernd in die Angelegenheiten anderer stecken.

Twyla wunderte sich immer noch, dass ihre ehemaligen Klassenkameraden der Hell Creek Highschool sie aufgespürt hatten. Nach allem, was passiert war, hatte sie niemandem in ihrem Heimatort erzählt, wo sie hingezogen war. Aber irgendwie hatte die Einladung zum Klassentreffen ihren Weg durch Wyoming zu ihr gefunden.

„Wie oft kriegen wir dich schon mit Krone auf dem Kopf zu sehen, Herzchen?“, fragte Mrs. Duckworth schmunzelnd. Unter ihrem roséfarbenen Umhang mit dem paillettenbesetzten Salonlogo – einem Paar roter Schuhe – zog sie den Newsletter des Organisationskomitees hervor. Den Titel zierten ein Bild der Hell Creek Highschool und eine Fotomontage der Schüler des Jahrgangs von vor zehn Jahren.

Mein Gott, was waren wir jung! dachte Twyla mit Blick auf die Titelseite. Die Schulabgänger lachten voller Selbstvertrauen und Zuversicht, sie sahen jung und stark aus. Ihre jugendlichen Gesichter strahlten vor Freude auf die unbegrenzten Möglichkeiten, die vor ihnen lagen.

Diese Jugendlichen hatten ihr Leben noch vor sich. Jeder Einzelne von ihnen war überzeugt, ihm gehöre die Zukunft.

Das größte Foto in der Mitte zeigte eine sehr viel jüngere Twyla mit einer funkelnden Tiara im Haar und Arm in Arm mit einem jungen Mann, der sie voller Bewunderung ansah. Sein Gesichtsausdruck verriet nicht, was die Jahre, die auf diesen Tag folgen sollten, bringen würden.

Twyla schämte sich beinahe dafür, wie lebhaft ihre Erinnerungen an den Abend waren. Jenen Abend, als sie genau zu wissen schien, wie ihr Leben verlaufen würde, als ihre Träume sie weit über die Kleinstadt in Wyoming, in der sie geboren und aufgewachsen war, hinaustrugen.

So viel zu dem Mädchen mit den vielversprechendsten Aussichten.

Diep und Sugar Spinelli steckten flüsternd ihre Köpfe über dem Maniküretisch zusammen. Mrs. Spinellis Ohrringe glitzerten, allerdings längst nicht so hell wie ihre Augen.

Sadie Kittredge hob die Trockenhaube von ihren Lockenwicklern und nahm Mrs. Duckworth die Einladung aus der Hand. „Wer hätte das gedacht?“, fragte sie lächelnd und blickte von der Einladung zu Twyla auf. „Du warst Aschenputtel.“

Twyla griff hastig nach der Einladung. „Und seht, was aus ihr geworden ist.“

„Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Das kennt jedes Kind.“

Twyla ließ eine Schachtel Alustreifen in ihren Händen auf und ab wippen. „Und warum erfahren wir nie, was danach kommt?“

„Kinder, Bausparvertrag, Schwiegereltern … Wer will davon schon lesen?“ Sadie zwinkerte ihr zu und schnalzte mit ihrem Kaugummi. „Du gehst also hin?“

„Nein“, sagte Twyla, „weißt du, wo Hell Creek liegt?“ Fahrig nahm sie die Aluminiumfolie und wickelte Mrs. Duckworths Haar Strähne für Strähne darin ein.

„Selbstverständlich weiß ich das“, entrüstete sich Mrs. Duckworth, „ich habe fünfunddreißig Jahre lang dort unterrichtet.“

„In der Schule war ich immer schlecht“, räumte Sadie ein. „Gib mir einen Tipp.“

„Es ist meilenweit entfernt“, sagte Twyla. Sie war mit Mrs. Duckworth fertig und streifte sich die Einmalhandschuhe von den Fingern. „Es liegt bei Jackson. Jedenfalls nicht nah genug, um mal eben auf ein Bier vorbeizuschneien. Selbst wenn ich mir ein freies Wochenende leisten könnte, würde ich es nicht für ein Klassentreffen verschwenden.“

„Aber, Schätzchen, das wär doch keine Verschwendung.“ Sadie reichte ihr die aktuelle Woman’s Day. „Hier steht’s: Der Kontakt zu alten Freunden ist gut für die Psyche.“

„Da steht auch, dass Liebe durch den Magen geht“, sagte Twyla und legte die Zeitschrift beiseite. „Ich glaube, das ist zu hoch gezielt.“

„Du kannst Männer ganz eindeutig nicht leiden“, bemerkte Diep kopfschüttelnd. „Dabei sind nicht alle wie dein erster Ehemann.“

Twyla wollte nicht an Jake denken. Wenn sie es doch tat, erschien vor ihrem geistigen Auge das Bild, wie er stolz sein Juradiplom in der Hand hielt. In einem Anflug guten Glaubens und Hoffnung auf die Zukunft hatte sie ihn gleich nach der Highschool geheiratet. Er hatte bereits drei Jahre am College studiert, sah umwerfend aus und hatte hehre Ziele. Wer hätte ahnen können, dass sich ihre Pläne so schnell und gründlich zerschlagen würden und sie ihre Heimat hängenden Hauptes verlassen würde? Seitdem hatte sie jedoch herausgefunden, dass es Schlimmeres gab, als von einem Mann, den man zu kennen glaubte, verlassen zu werden.

„Du meinst meinen einzigen Ehemann“, stellte sie klar. „An einem zweiten bin ich nämlich nicht interessiert.“

„Du hast nur noch nicht den Richtigen gefunden“, sagte Sugar Spinelli. Da sie mit einem Mann verheiratet war, der sie maßlos verwöhnte, sprach sie mit einer weiblichen Gewissheit, die nur schwer zu widerlegen war. Ihr zierlicher Körper, ihre weißen Haare und ihr Lächeln verliehen ihr die gelassene Ausstrahlung einer Frau, die die Liebe eines aufrichtigen Mannes kennengelernt hatte.

„Ich bin gar nicht auf der Suche“, erwiderte Twyla und ließ Sadie auf dem Frisierstuhl Platz nehmen, um ihr die Haare zu bürsten. „Und in meiner Branche laufen mir auch kaum welche über den Weg.“ Sie deutete mit der Hand über die zuckerwattefarbige Einrichtung des Salons.

Seit drei Jahren war sie nun Inhaberin von Twyla’s Tease ’n’ Tweeze. In irgendeinem Buch hatte sie gelesen, dass jedes Geschäft eine Corporate Identity brauchte. Twyla hatte die roten Schuhe aus dem Zauberer von Oz als Logo gewählt. Die rot glitzernden Pumps zierten die Uhr im Salon, das Ladenschild, die Frisierumhänge, die gerahmten Bilder an den Wänden. Twyla selber trug jeden Tag rote Schuhe bei der Arbeit, und Diep hatte es ihr nachgemacht. Die roten Schuhe erinnerten Twyla daran, dass sie all den Zauber, den sie in ihrem Leben brauchte, in sich trug.

Nur war leider auf ihren Zauber absolut kein Verlass. Was man daran sah, wie schnell sich die Rechnungen im Salon und bei ihr zu Hause stapelten. Doch das war ihr gleichgültig. Twyla setzte auf harte Arbeit statt auf esoterische Weisheiten. „Außerdem kann man ja nicht einfach losziehen und sich einen aussuchen“, fügte sie hinzu.

„Doch“, sagte Mrs. Duckworth. Die Alustreifen auf ihrem Kopf flatterten, als sie eine Broschüre unter ihrem Umhang hervorholte. „Das kann man.“

„Was ist das?“

Die ältere Dame tauschte einen aufreizend koketten Blick mit Mrs. Spinelli. „Etwas ganz Besonderes. Seit Tagen sprechen Sugar und ich von nichts anderem.“ Selig drückte sie den Hochglanzkatalog an ihren üppigen Busen. „Ihr kennt doch sicher alle die Lost Springs Ranch.“

Twyla nickte interessiert. Alle hier kannten das Kinderheim nahe des Shoshone Highways. Die Ranch war seit Jahrzehnten dafür bekannt, dass sie Jungen aufnahm, die obdach- oder elternlos waren, in Schwierigkeiten steckten oder als hoffnungslose Fälle galten. Oft bot die Ranch ihnen den letzten Halt, bevor die Jugendstrafanstalt oder das Gefängnis drohten. Dank eines guten Lehr- und Therapiekonzepts konnte Lost Springs das Leben vieler Jungen zum Besseren wenden. Twyla vermutete, dass der Erfolg wenigstens zum Teil auch Lehrern wie Mrs. Duckworth zu verdanken war.

„Bedauerlicherweise geht ihnen das Geld aus“, fuhr sie fort. „Aber sie haben sich eine geniale Idee für eine Spendensammlung ausgedacht.“

„Wartet, bis ihr davon hört“, sagte Mrs. Spinelli und hielt ihre Hände in die Höhe, um ihre Nägel zu inspizieren. Das Licht der Nachmittagssonne fiel durch die Fensterscheibe des Salons und brach sich funkelnd an ihren unzähligen Ringen und Armreifen. Sie und ihr Ehemann besaßen einige Morgen erdölreiches Land, und Sugar Spinelli hatte sich voll und ganz der Wohltätigkeit verschrieben. „Die Idee ist großartig. Erzähl es ihnen, Ducky!“

Mrs. Duckworth hielt den Katalog in die Höhe. „Eine Junggesellenversteigerung!“

Twyla verdrehte die Augen und machte sich daran, Sadies Lockenwickler zu lösen. „Davon habe ich schon gehört. Einsame und frustrierte Frauen ersteigern Männer, die sich für die Krönung der Schöpfung halten. Klingt albern.“

„Dann schau dir das hier an, Miss Ich-brauch-keinen-Mann. Es ist einfacher, als magenfreundliche Gurken in einem Saatgutkatalog zu bestellen.“

„Mein Gott, dann lass mal sehen!“ Sadie griff sich die Broschüre. Ihre frisch gezupften Augenbrauen schossen in die Höhe. Ihr Mund formte ein erstauntes „O“. „Mein Gott“, sagte sie noch einmal, nur war ihre Tonlage diesmal eine andere.

„Okay, lass uns gemeinsam gucken.“ Diep griff nach dem Katalog und breitete ihn auf der rosafarbenen Resopaltheke aus. Sie war so klein, dass Twyla hinter ihr stehen und ihr über den Kopf sehen konnte. Und das, was sie sah, ließ sie vor Lachen prusten.

„Was soll das sein? Eine Art Otto-Katalog?“, fragte sie. „Wer sind diese Typen?“

„Die Männer deiner Träume“, rief Mrs. Duckworth. „Sie alle haben früher auf der Ranch gelebt. Jetzt treiben sie die Spenden dafür ein.“

„Männliche Tussis. Toyboys.“ Twyla rümpfe die Nase. „Die sehen alle gleich aus.“

„O nein“, warf Sadie ein. „Sie haben alle unterschiedliche Gesichter, siehst du? Also kann man sie auseinanderhalten.“

„Also wirklich, das ist umgekehrter Sexismus der schlimmsten Art!“, schimpfte Mrs. Duckworth. „Ich verstehe euch jungen Leute von heute einfach nicht mehr.“

„Was verkaufen die denn?“, fragte Diep, während sie das Bild eines gefährlich aussehenden Mannes auf einer Harley anstarrte.

„Sich selber, Schätzchen.“ Mrs. Duckworth betrachtete Diep. „Ich schätze, du hast noch nie von einer Junggesellenversteigerung gehört?“

„Von Viehauktionen schon“, sagte Diep. „Mein Vater hat mal eine nubische Ziege auf einer Auktion ersteigert. Aber Junggesellen? Diese Männer?“

„Genau“, sagte Twyla. „Man bietet auf sie wie auf nubische Ziegen.“

Ein erstaunter Ausdruck flackerte über Dieps hübsches, puppengleiches Gesicht. „Und was macht man dann mit ihnen?“

„Alles, was du willst, nehme ich an.“ Sadie Kittredge blätterte in dem Heft und begutachtete den Polizisten, den Park Rancher, den Geschäftsmann, den Golfer, den Cowboy … und holte tief Luft. „Solange es legal ist.“

„Stimmt“, sagte Mrs. Duckworth. „Diejenige mit dem höchsten Gebot darf sich von dem Mann ihrer Wahl ausführen lassen. Das Geld geht an die Ranch. Einige der Junggesellen wollen den Einsatz sogar verdoppeln.“ Die Alufolie in ihrem Haar raschelte, als sie sich an Twyla wandte. „Also guck sie dir an und sag uns, welcher es sein soll.“

Twyla lachte, halb amüsiert, halb ungläubig. „Wie bitte?“

„Welcher Mann?“, fragte Sadie betont geduldig. „Du wählst einen aus, der dich auf das Klassentreffen begleitet.“

„Klar, und dann schlage ich die Hacken zusammen und lande wieder in Kansas, wie Dorothy im Zauberer von Oz.“

„Aber Twyla, das ist doch perfekt!“, sagte Mrs. Spinelli, die sich mit der Vorstellung immer mehr anfreundete. Der traubengroße violette Edelstein an ihrem Ohrring hüpfte im Takt ihrer wachsenden Begeisterung hin und her. „Wir sind uns doch einig, dass du einen Mann brauchst, um auf dem Klassentreffen Eindruck zu schinden. Was wäre besser, als dort mit dem perfekten Traummann aufzutauchen?“

„Einen Moment mal. Ich sagte doch gerade, dass ich keinen Mann brauche und nicht zum Klassentreffen gehe.“

„Doch, brauchst du, und doch, tust du“, sagte Mrs. Duckworth mit aller Autorität ihrer fünfunddreißigjährigen Erfahrung als Lehrerin.

Um des lieben Friedens willen riss Twyla das Ruder herum. „Selbst wenn ich wollte, hätte ich das Geld nicht. Ich bin alleinerziehende Mutter, ich komme gerade so über die Runden, und das Letzte, wofür ich mein hart verdientes Geld ausgeben würde, ist ein verwöhnter …“ Sie beging den Fehler, ihren Blick über den Rancher in der Lederweste und den Cowboyhosen schweifen zu lassen. „… überprivilegierter …“ Ihr Blick wanderte auf die nächste Seite, wo ein Mann in einem Armani-Anzug eine langstielige rote Rose hielt und sie anlächelte. „… selbstverliebter …“ Auf der folgenden Seite sah man einen Koch, der eine Schürze und eine Kochmütze trug und sonst nichts.

Entnervt von ihrer ausschweifenden Fantasie konzentrierte sie all ihre Aufmerksamkeit auf Sadies Haar. Sorgfältig drehte sie die honigfarbenen Wellen ihrer Freundin aus den Wicklern und bürstete sie. „Und überhaupt habe ich weder Geld noch Lust dazu. Also lasst uns das Thema wechseln, in Ordnung?“

Mrs. Duckworth strich mit der Hand sanft über das glänzende Papier und seufzte so vernehmlich, dass sich Twylas Gewissen augenblicklich meldete. Es diente doch schließlich einem guten Zweck! Und trotz ihrer Einwände reizte sie die Junggesellenversteigerung, gestand sie sich beschämt ein. Ein Mann, der wie aus dem Nichts auftauchte, wie der Geist aus der Flasche, ihr Date für eine Nacht? Dann hätte sie wenigstens jemanden, den sie auf dem Klassentreffen vorzeigen konnte, wo doch ihr Leben so ganz anders verlaufen war, als sie es sich vor zehn Jahren erträumt hatte.

„Aber“, sagte Twyla, „diese Typen sind nicht meine Liga. Schaut sie euch doch an, die Leute werden Tausende von Dollar bieten.“

„Vielleicht spielen sie nicht in deiner Liga“, erwiderte Mrs. Spinelli und trommelte mit ihren frisch lackierten Nägeln auf dem Frisiertisch.

„O nein!“ Twyla hob protestierend die Hand. „O nein, das wirst du nicht tun! Du wirst dein Geld nicht für mein Date ausgeben!“

Mrs. Spinelli lachte. „Letztes Jahr habe ich zweieinhalbtausend für das Siegerschwein einer Nutztierauktion hingeblättert, und die arme Kreatur endete im Schlachthaus.“

„Ein Junggeselle würde viel mehr Spaß bringen“, warf Sadie ein. „Und er würde dir am Ende auch nicht leidtun.“

„Kommt nicht infrage“, sagte Twyla mit Nachdruck.

Vier Augenpaare straften sie mit kalten, anklagenden Blicken.

Nervös versuchte Twyla einzulenken. „Vielleicht können wir ja hingehen und zuschauen. Wir bringen den Quilt mit, den meine Mutter für das Dorfkrankenhaus näht. Wir könnten ihn bei der Tombola auf der Lost Springs Ranch verlosen und den Erlös spenden.“

„Spielverderberin“, grummelte Diep. Sie zeigte auf die kurzen Texte zu den Fotos. „Hast du das hier gelesen?“

„Hier, der ist gut“, sagte Mrs. Duckworth und deutete auf den halb nackten Koch. „Alter: in den Dreißigern, Beruf: Investmentbanker und angehender Küchengott.“ Sie überflog die biografischen Angaben, die alle herrlich vorhersehbar waren. Sternzeichen, größte Errungenschaft im Leben, Lieblingslied, Automarke. Peinlichstes Erlebnis. „Ach, der Ärmste! Für seine Verabredung hatte er extra Hähnchen-Cordon-bleu gemacht, aber sie waren so sehr miteinander beschäftigt, dass er vergessen hatte, den Ofen auszuschalten, und das Essen verbrannte.“

Versonnen strich Sadie über das Prachtexemplar von Mann. „Wisst ihr, in einer Illustrierten habe ich gelesen, dass Hunger und Leidenschaft einem Mann denselben Ausdruck aufs Gesicht zaubern.“

Mrs. Spinelli schüttelte den Kopf. „Du willst sagen, ich hätte Roy all die Jahre nur zu bekochen brauchen?“

Kichernd las Twyla weiter. „Perfekt! Hier steht, seine Traumfrau hat langes blondes Haar und ist weltoffen. Übersetzt heißt das, er will die Malibu Barbie.“

„Was ist die Malibu Barbie?“, fragte Diep.

„Heißer Sex ohne Verpflichtungen.“

„Gut, der kommt also nicht für dich infrage“, sagte Mrs. Duckworth und las unbeirrt weiter die Steckbriefe vor. Sie alle machten den Leser glauben, dass den Männern das Aussehen der Frauen egal sei, dass sich unter ihrer harten Schale ein weicher Kern verbarg, dass sie natürlich nur aus rein praktischen Gründen einen Porsche fuhren, dass sie ehrliche Absichten hegten, ihre Karriere pfeilgerade und ihr Humor unendlich sei.

„Aber“, warf Twyla ein, „bevor wir zu sehr ins Sabbern geraten, sollten wir nicht vergessen, wo die Jungs herkommen.“

„Von der Lost Springs Ranch für Jungen“, sagte Mrs. Duckworth. „Deswegen nehmen sie ja an der Versteigerung teil.“

„Sie waren als Jugendliche straffällig. Einige wurden als Kinder von ihren Eltern verlassen oder waren verwaist.“ Twyla musste an ihren Sohn Brian denken, und Mitgefühl durchflutete sie. „So etwas hinterlässt Spuren.“ Sie zeigte auf den Cowboy, dessen eisblaue Augen ein Geheimnis zu verbergen schienen. „Man fragt sich unwillkürlich, was die alles mit sich rumschleppen.“

„Wenn du höflich fragst, wird er es dir bestimmt erzählen“, warf Sadie ein. „Mein Gott, dieser Mund! Ob der mit Val Kilmer verwandt ist?“

„Ich finde, es grenzt an ein Wunder, dass sie zu so erfolgreichen und anständigen Männern herangewachsen sind“, sagte Mrs. Spinelli.

„Sie sind ledig. Da fragt man sich doch“, dachte Twyla laut, „warum sie, wenn sie so großartig sind, wie sie behaupten, nicht verheiratet sind.“

„Man findet ja nicht immer gleich beim ersten Mal das große Glück“, sagte Sadie und nickte weise mit dem Kopf.

Twyla spürte einen Stich. Sadie hatte das nicht so gemeint. Nur wenige Menschen in Lightning Creek wussten über ihre Vergangenheit Bescheid. Sadie allerdings, ihre beste Freundin, hatte eine ganz gute Vorstellung davon, was Twyla sich erträumt hatte und vor allem was sie verloren hatte, als ihre Ehe in die Brüche ging.

„Das stimmt“, sagte sie. „Aber jetzt habe ich etwas Besseres gefunden. Ich habe einen eigenen Salon und meinen Sohn. Als ich jung war, hatte ich keine Ahnung, wie wichtig mir das einmal sein würde.“ Und doch, manchmal lag sie nachts wach und wurde das Gefühl nicht los, sich mit weniger zufriedengegeben zu haben, als sie ursprünglich vom Leben erhofft hatte. „Klar, meine erste Ehe ist gescheitert, das gebe ich zu. Aber noch einen Versuch will ich gar nicht erst starten. Mein Leben gefällt mir so, wie es ist.“

„Aber wäre es nicht lustiger, wenn du dich hin und wieder mit einem Mann verabreden würdest?“ Sadie, die sich häufiger als nur hin und wieder mit einem Mann verabredete, versuchte Twyla immer wieder dazu zu bewegen, öfter auszugehen.

„Oh, seht mal!“, rief Mrs. Duckworth, während sie in dem Katalog las. „Das ist der kleine Robbie Carter.“ Sie zeigte auf den Armani-Mann mit der Rose.

„So klein ist der nicht mehr“, sagte Diep.

„Er war Schüler in meiner Klasse. Mannomann, der hat sich aber gut gemacht!“

„Er ist Arzt“, sagte Mrs. Spinelli.

„Und Löwe – ein gutes Sternzeichen“, fügte Sadie hinzu.

Twyla bürstete Sadies Haar und benutzte ein wenig Haarspray. Sie hörte nur mit halbem Ohr hin. Er sprach Spanisch, reiste gern und fuhr einen Ford SUV. Er war Mitinhaber eines medizinischen Labors in Denver. Irgendwie war Twyla enttäuscht, dass die Kurzbiografie in dem Katalog so wenig über ihn preisgab. Der Typ sah so unglaublich gut aus, er schien so vollkommen zu sein, dass sie beinahe hoffte, etwas in seiner Lebensgeschichte zu entdecken, das ihn abhob, etwas in seiner tragischen Vergangenheit vielleicht, das ihr seinen wahren Charakter unter der glatten Oberfläche offenbaren würde.

„Hier steht, er hat die Schule dank eines Sportstipendiums und harter körperlicher Arbeit geschafft. Was mag das für Arbeit gewesen sein, frage ich mich“, sagte Mrs. Spinelli.

Unwillkürlich horchte Twyla auf. Ein Mann, der seine Schulbildung selber in die Hand nahm, wenn er das denn wirklich getan hatte. Um gut dazustehen, würde so ein Typ wohl alles von sich behaupten, mutmaßte sie. Aber sie verlor das Interesse, als Mrs. Duckworth Carters Traumfrau beschrieb: eine gebildete Frau aus der Stadt mit einem anspruchsvollen, erfüllenden Beruf. Übersetzt hieß das: Malibu Barbie mit Diplom und gutem Elternhaus.

Dann soll er doch in seiner Stadt bleiben, dachte sie kopfschüttelnd.

Mal kichernd, mal aufseufzend blätterten sie sich Seite um Seite durch den Katalog mit den Junggesellen und diskutierten, was besser sei: ein einzelner Ohrring oder eine Reihe von Ohrsteckern? Wer bereitete einer Frau mehr Freude: ein Park Rancher oder ein Spielzeughersteller?

„Machst du Witze?“, fragte Sadie lachend. „Was für Spielzeug stellt der wohl her?“

Twyla zupfte die letzte Strähne zurecht. „So. Wie Jennifer Aniston.“

Sadie betrachtete sich kritisch im Spiegel. Dabei drehte sie ihren Kopf in die eine und in die andere Richtung. Schließlich nahm sie einen Handspiegel und besah ihren Hinterkopf. Ihr Haar, dessen Farbe an Karamellbonbons erinnerte, fiel ihr seidig über die Schultern. „O Liebes, du hast dich mal wieder selbst übertroffen!“ Sie stand auf und holte ihr Portemonnaie.

„Also wer soll es sein?“, fragte Mrs. Duckworth scherzhaft. „Nur so aus Spaß. Welchen dieser Männern würdest du wählen?“

Twyla ahnte, dass ihre Freundinnen sie nicht in Ruhe lassen würden. Also antwortete sie, nur so aus Spaß. „Gut“, sagte sie und überflog die Hochglanzseiten, während ihr Herz ein wenig zu schnell schlug. „Okay, lasst mich noch mal einen Blick auf den selbstverliebten Arzt werfen.“

2. KAPITEL

Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich mich von dir dazu habe überreden lassen.“ Rob Carter saß in dem schwarzen Explorer, den er am Flughafen von Casper gemietet hatte, und blickte finster über die salbeibewachsenen Hügel, die an ihm vorbeirasten. Obwohl neunzehn Jahre vergangen waren, seit er das letzte Mal über diese Straße gefahren war, erinnerte er sich an jede Kurve, jeden Hügel und jedes Tal auf dem Weg zur Lost Springs Ranch. Er erinnerte sich an die flirrende Hitze über dem Asphalt und die sprudelnden Ölquellen mit den pumpenden Bohrtürmen, die aussahen wie große metallene Krähen, die nach Samen pickten. Vor allem aber erinnerte er sich daran, wie erleichtert er gewesen war, das Leben in der Kleinstadt Lightning Creek hinter sich zu lassen.

Im Lautsprecher der Freisprecheinrichtung des Wagens rauschte es. Dann war Lauren DeVanes seidiges Lachen über die Lautsprechanlage zu hören. „Schatz, und ich kann nicht fassen, dass du dich so zierst. Es ist doch nur zum Spaß. Und Lindsay Duncan ist eine meiner besten Freundinnen. Als sie mich um Hilfe für die Spendenaktion in Lost Springs bat, habe ich keine Nanosekunde gezögert.“

Aus dem Augenwinkel nahm Rob eine Bewegung wahr und stieg auf die Bremse. Ein Reh sprang über die Straße und verschwand in der salbei- und ockerfarbenen Wildnis. Sein weißer Stummelschwanz blitzte noch einmal auf, dann verschwand das Tier hinter dem Hügel aus seiner Sicht. „Ja“, sagte er zu Lauren, „aber du bist auch nicht diejenige, die sie wie Frischfleisch versteigern.“

„Dafür bin ich diejenige, die zuschauen muss, wie eine andere Frau dich für ein Date ersteigert“, sagte sie mit einem Lächeln in der Stimme. Lauren war viel zu intelligent und viel zu selbstsicher, als dass sie diese Vorstellung ernsthaft beunruhigen könnte.

„Dann ersteigere du mich doch einfach“, sagte Rob und suchte den Straßenrand mit seinen Blicken nach weiteren Rehen ab. „Das wäre die perfekte Lösung.“

„Ich kann unmöglich die Reise nach San Francisco verlegen. Außerdem würde das der Idee der ganzen Veranstaltung zuwiderlaufen. Zwei Fremde, die sich begegnen, das ist ein Bild, das auf viele Menschen einen großen Reiz ausübt.“

„Auf mich nicht“, sagte Rob. Seine Augen waren nun auf den weißen Mittelstreifen gerichtet, und seine Nerven spannten sich mit jeder Meile mehr an. „Vielleicht solltest du doch kommen und dir einen Cowboy suchen.“

Wieder lachte sie. Ihre distinguierte Stimme erfüllte den Wagen und ließ ihn ebenfalls lächeln. „Warum haben Leute diese romantische Vorstellung vom Rancher-Leben? Cowboys sind unausstehlich und sozial gestört. Ich brauche eine gewisse großstädtische Kultiviertheit, Robert. Und überhaupt, die Reise an die Westküste hatte ich schon lange geplant.“ Sie hielt kurz inne. „Ich werde dich vermissen. Ich werde jede Minute an dich denken.“

„Wird mir genauso gehen.“ Insgeheim war Rob erleichtert, dass sie nicht mit auf die Ranch kam. Lauren, die inmitten unermesslichen Reichtums und vieler Privilegien aufgewachsen war, hatte keine Ahnung davon, wie seine Kindheit ausgesehen hatte. Und das war ihm auch lieber so. Er wollte sie davor schützen, denn sie hatte ein weiches Herz und litt bei der leisesten Andeutung von Unglück.

Sie fragte ihn nie über seine Vergangenheit aus, darüber, wie er als kleiner Junge in dem Heim auf der Lost Springs Ranch aufgewachsen war. Nicht, weil es sie nicht berührte. Sondern, weil sie es nicht wissen wollte. Sie wollte schlicht nicht wahrhaben, dass er trotz seines auf Hochglanz polierten und hart erkämpften Erfolges auf ewig ein Mann ohne Familie, ohne Stammbaum bleiben würde. Ein Mann ohne Namen außer dem, den seine Mutter eilig in ein Formular eingetragen hatte, als sie ihn zurückließ.

Ein leises Gefühl von Selbstmitleid stieg in ihm auf, gereizt hämmerte er auf das Lenkrad. Laurens Herz war so groß wie der Westen Amerikas. Es lag nicht an ihr, dass sie niemals verstehen würde, wie er aufgewachsen war. Und es lag nicht an ihm, ihr das zu erklären.

„Ich lege jetzt besser auf, Liebling“, sagte sie. „Ich habe einen Termin beim Friseur. Zum Schneiden.“

„Kürzer?“, fragte er enttäuscht bei der Erinnerung, wie ihr Haar sich einem glitzernden Wasserfall gleich über sein Kissen ergoss – einer seiner liebsten Anblicke auf der Welt.

„Nein, Dummerchen, länger.“ Ihr leichtherziges Lachen erreichte ihn auch über die Meilen, die sie trennten. „Natürlich kürzer. Es wird dir gefallen.“

„Wenn du meinst.“ Menschen, die Frauen ihre wunderschönen Haare abschnitten, gehörten erschossen, fand er.

„Bis bald, Liebling. Ruf mich heute Abend an.“

Rob schaltete das Radio an, um nach dem Telefonat die Stille im Wagen zu übertönen. Eine schrille Stimme sang kläglich: „Don’t come knocking at my door unless you can deliver the goods.“ Auf dem Straßenschild stand, dass Lightning Creek nur noch eine Meile entfernt war, und trotz der Hitze fröstelte er. Seitdem er mit siebzehn weggegangen und per Anhalter nach Casper gefahren war, um in den Zug Richtung Osten zu steigen, war er nie wieder zurückgekehrt. An jenem Tag hatte er geschworen, niemals zurückzukommen. Hier gab es nichts für ihn, nichts als eine verschlafene Stadt im Westen und die urwüchsige Landschaft drum herum.

Aber als ihn der Bittbrief von Lindsay Duncan und Rex Trowbridge, dem Leiter der Ranch, erreichte, hatte ihm Lauren schlicht nicht erlaubt, ihn unbeantwortet zu lassen. Das Heim steckte in Schwierigkeiten, ihm drohte die Schließung. Alle ehemaligen Schüler waren aufgefordert, zu helfen. Rob hatte angeboten, ihnen einen großzügigen Check auszustellen, aber Rex und Lindsay wollten, dass er selbst kam, und schließlich hatte er einfach nicht Nein sagen können.

Lost Springs hatte ihm buchstäblich das Leben gerettet. Hätte seine Mutter ihn nicht als Sechsjährigen dorthin gebracht, hätte sie ihn womöglich in einem heruntergekommenen Motelzimmer zurückgelassen. Vergessen wie ein altes Hemd, das man hinter der Tür hängen lässt. Er konnte sich nicht gut an seine Mutter erinnern, außer daran, wie sie oft Sachen vergaß.

Etwa die Tatsache, dass sie einen Sohn hatte, der in Wyoming auf sie wartete.

Er nahm die Ausfahrt nach Lightning Creek, drosselte das Tempo, als er das Ortsschild erreichte, und bog schließlich auf die Hauptstraße, um sich ein wenig umzugucken. Als sei der Ort aus der Zeit gefallen, hatte sich Lightning Creek kaum verändert. Die Läden an der Hauptstraße strahlten mit ihrem verwitterten Holz und den handbemalten Schildern immer noch den Charme einer Westernstadt aus. Vereinzelt standen Holzgeländer am Gehweg, und ein Geweih hing über einer Tür.

Bilder aus der Vergangenheit schoben sich in Robs Gedächtnis. Er erinnerte sich daran, wie er gespart hatte, um sich in dem Imbiss, den die Einheimischen „Roadkill Grill“ nannten, einen Cheeseburger und einen Schoko-Malz-Milchshake zu kaufen. Weniger erfreulich, dafür umso lebendiger war die Erinnerung daran, wie er beim Klauen in dem kleinen Kaufhaus erwischt worden war. An der Straße gegenüber lag ein Laden, den er nicht kannte, ein Schönheitssalon mit dem Namen Twylas Tease ’n’ Tweeze. Die Fassade war kaugummipink, das Ladenschild zierten roten Schuhe.

Was für eine Platzverschwendung, dachte er. Wer brauchte schon einen Laden, wo Frauen gutes Geld dafür bezahlten, sich die Haare abschneiden zu lassen? Er schüttelte sich bei dem Gedanken an die Landpomeranzen, die dort hingingen.

Den Blick wieder auf die Straße gerichtet, umrundete er den Verkehrskreisel mit der Statue eines Cowboy auf einem bockenden Wildpferd. Mit dem bis in alle Ewigkeit in die Höhe gerissenen Arm war die Statue ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt. Viele der Jungen von der Lost Springs Ranch hatten davon geträumt, Cowboy zu werden und Rodeos zu gewinnen und vielleicht sogar eines Tages selber ein Stück Land zu besitzen.

Nicht so Rob Carter. Ihn erinnerte die wilde Landschaft an einen Fleck in seinem Innersten, der ihm nicht behagte, und die Kleinstadtgemeinschaft war ihm zu eingeschworen und beengend. Mit derselben zähen Beharrlichkeit, mit der die anderen Jungs bei den Tieren auf der Ranch gearbeitet hatten, hatte Rob für die Schule gelernt. Mathe, Naturwissenschaften, Physik. Das hatte ihm ein Gefühl von Ordnung und Stabilität vermittelt und ihm eine Karriere ermöglicht, die auf Genauigkeit und Urteilsvermögen gründete. Seine Zielstrebigkeit hatte sich aus seinem Ehrgeiz und zu einem verschwindend geringen Teil auch aus Angst gespeist.

Er hatte sich die besten Klausurergebnisse abgerungen, die besten Noten und Zeugnisse, den gnadenlosesten Stundenplan, weil das sein Weg nach draußen war. Die zermürbenden Aufgaben, die er sich setzte, meisterte er eine nach der anderen, wie ein Bergsteiger einen Felsvorsprung nach dem anderen erklomm. Das College bestritt er dank eines Stipendiums und endloser Schichten als Krankenpfleger. Dann das Medizinstudium samt praktischem Jahr und Probation. Jetzt war er Mitinhaber eines gut laufenden Labors in Denver und verdiente sich eine goldene Nase.

Und das fühlte sich verdammt gut an.

Er überquerte die Poplar Road, fuhr gen Norden und bog auf den Parkplatz des Starlite Motels ein. Wie der Rest der Stadt hatte sich auch das Motel kaum verändert. Der Stern auf dem Neonschild schien schon seit Ewigkeiten zu blinken und das „Zimmer frei“-Schild nie ausgeschaltet gewesen zu sein – nur das zweite M leuchtete wie immer nicht. Erneut überkam ihn eine Welle der Erleichterung, dass Lauren nicht mitgekommen war, und er checkte in sein Zimmer ein.

In dem Zimmer stand ein altes Bett, der Bezug war jedoch frisch und sauber. Das einzige Fenster gab den Blick auf einen Swimmingpool frei, ein blaues Eckchen mitten auf dem riesigen Parkplatz. Rob setzte seinen Koffer ab und wünschte, der Getränkeautomat auf dem Gang würde auch Bier verkaufen. Ein kühles Blondes wäre jetzt genau das Richtige.

Vielleicht später. Heute Abend gab es ein Treffen der Jungs, die an der Versteigerung teilnahmen. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Einige von ihnen kannte er von früher. Aber sie waren Teil seiner Vergangenheit, und er hatte an diesem Tag schon mehr über seine Vergangenheit nachgedacht als in all den Jahren zuvor.

Er ließ sich einige Minuten Zeit, um auszupacken. Lauren war seine Beraterin gewesen. Sie hatte ihm gesagt, was er tragen sollte, um den höchsten Preis zu erzielen. Markenklamotten, Sachen, die man auf exklusiven Golfplätzen sah. Sie hatte ihm den maßgeschneiderten Smoking herausgesucht, den er auf dem Foto für die Broschüre trug. Er hasste ihn, aber Lauren machte er heiß. Und er kannte Lauren gut genug, um zu wissen, dass sie wahrscheinlich recht hatte. Kleider machten nun mal Leute.

Aus dem Fenster sah er eine junge Mutter den Parkplatz überqueren. Sie schob einen Kinderwagen, von dessen Sonnenverdeck Fransen baumelten. Zwei ältere Kinder rannten voraus, schnurstracks auf den Pool zu. Ein bunter aufblasbarer Ball flog durch die Luft. Kreischend liefen die Kinder hinterher, während die Mutter den Säugling auf ihren Schoß hob und seine pummeligen Ärmchen und Beinchen eincremte.

Unwillkürlich spürte Rob ein … ein Ziehen. Einen Augenblick lang dachte er, es sei Sehnsucht, verwarf den Gedanken aber schnell. Er hatte wohl etwas Falsches gegessen, das ihm nun schwer im Magen lag.

3. KAPITEL

Okay, Kumpel, bist du fertig?“, rief Twyla mit einem Blick auf die Uhr über dem Herd.

„Ich komme!“ Mit einem Poltern, das wie ein Trommelwirbel klang, kam Brian die Treppen heruntergerannt. Gehen war nicht sein Ding. Er war der Meinung, wenn er irgendwo hinwollte, konnte er ebenso gut rennen.

Twyla sah gerade noch, wie er das Geländer griff und seine Füße vom Boden abhoben, als er um den Treppenpfosten schwang. „Brian, du sollst doch nicht …“

„Huch“, sagte er und hielt den losen Knauf in der Hand. Kleinlaut reichte er ihn seiner Mutter. „’tschuldigung, Mum.“

„Du gehst heute eine Viertelstunde früher ins Bett“, sagte sie. Für einen Sechsjährigen war das eine Ewigkeit.

„Ach, Mum!“

„Du musst lernen, in diesem alten Haus vorsichtig zu sein.“

„Ja, Mum.“

Während sie resigniert den Knauf zurück in das Bohrloch drückte, überkam sie wieder dieses ungute Gefühl, das an jeder Ecke ihres Lebens zu lauern schien. Das Haus, das in den Zwanzigern erbaut worden war, lag auf einem kleinen Hügel nördlich der Stadt. Es hatte einen großen Garten und einen Baum mit einer Schaukel daran und besaß den unverwechselbaren Charme eines alten Gebäudes, in dem seit Generationen Menschen gelebt hatten. Aber das brachte auch Nachteile mit sich: nachträglich verlegte elektrische Leitungen, leckende Wasserrohre, morsche und wurmstichige Holzwände.

Nur deshalb hatte sich Twyla das Haus leisten können, als sie nach Lightning Creek gezogen war, schwanger und erschüttert von den Vorfällen zu Hause. Das Haus war erstaunlich preiswert gewesen. Es instandzuhalten, erwies sich als sehr viel herausfordernder.

Bedrückt schwieg Brian etwa zehn Sekunden lang. Mit dem gesenktem Kopf, seinem mit Sommersprossen übersäten Gesicht und dem ernsten Blick sah er – wenigstens in diesem Augenblick – wie ein Kind auf einer dieser kitschigen Grußkarten aus. Doch Twyla fiel nicht darauf rein. Sie wusste, dass ein Streich auf den nächsten folgte. Sie fuhr ihm über das rotblonde Haar und lächelte über die Wirbel, die einen eigenen Willen zu haben schienen. „Was macht dein lockerer Zahn?“

Er legte den Kopf in den Nacken und stieß beim Sprechen mit der Zunge gegen den Zahn. „Der Ssahn iss ganss locker.“

„Der ist bald fällig“, sagte sie. „Soll ich ihn ziehen?“

„Nein!“, schrie er und schlug sich die Hand vor den Mund.

Sie lächelte. Die Zähne waren das Einzige, wobei er sich anstellte. „Okay, nimmst du die Dose mit den Losen, Kumpel?“

„Klar, Mum.“ Er schnappte sich die Dose, rannte zum Pickup und sprang auf den Beifahrersitz. Sie beobachtete, wie er voller Überschwang in dem Sitz auf und ab hüpfte, und lächelte. Die Schule dauerte nur noch zwei Wochen, und er konnte es kaum erwarten, dass die Sommerferien begannen.

„Willst du wirklich nicht mitkommen, Ma?“, rief Twyla. Ihre Mutter bewohnte die Zimmer, die von der Küche abgingen, ein Anbau aus den Vierzigern. Die Frage war rein rhetorisch, da Twyla nur zu genau wusste, wie die Antwort lauten würde.

„Nein, danke“, sagte Gwen und trat in den Flur. Wie stets sah sie wie aus dem Ei gepellt aus. Ihre Bermudashorts und ihr Baumwolltop waren blütenrein und ihre schneeweißen, kurzen Haare saßen perfekt.

Die Tatsache, dass ihre Mutter so attraktiv war, machte alles nur noch frustrierender und verwirrender. Gwen war seit sieben Jahren Witwe und lebte nun mit ihrer Tochter und ihrem Enkel zusammen. Sie passte auf Brian auf, wenn Twyla bei der Arbeit war. Zu Anfang hatte es wie das ideale Arrangement gewirkt, der Traum jeder alleinerziehenden Mutter. Es war purer Luxus, eine liebevolle Großmutter im Haus zu haben, die buk, sang und Geschichten vorlas. Nun allerdings blickte Twyla auf die Zeit des Neubeginns zurück und fragte sich, ob sie nicht etwas hätte tun können, um Gwen vor dem Leid zu bewahren, das sie seit so vielen Jahren überschattete.

Falls Gwen ahnte, was ihre Tochter dachte, so zeigte sie es nicht. „Ich habe in dem Heft mit den Junggesellen geblättert, das du aus dem Salon mitgebracht hast.“

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