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Unabhängig. Vom Trinken und Loslassen

Als Buch hier erhältlich:

»Es ist eine gute Zeit für den Feminismus. Es ist auch eine gute Zeit fürs Nüchternsein.«

Warum wir trinken, und warum wir es lassen sollten – ein autobiografisches Plädoyer für die Klarheit

Seit Jahren geht der Alkoholkonsum hierzulande zurück, doch bei einer Gruppe steigt er: Bei jener der gebildeten, gut situierten Frauen ab 30. Seltsam, oder? Sind das nicht jene Frauen, die trotz Fünfzigstundenwoche noch Zeit für Sport finden, ihre Ernährung überwachen und Achtsamkeit zum Lebensmotto erkoren haben? Ja, genau die machen sich nach einem harten Arbeitstag als erstes eine Flasche Wein auf. Nicht wenige trinken sie leer.

Eva Biringer gehörte jahrelang dazu. Sie trank zur Entspannung und Belohnung, um abzuschalten, sich zu trösten, zu kompensieren und zu funktionieren – um Erwartungen gerecht zu werden und um vieles nicht spüren zu müssen. Mehr als einmal wachte sie morgens ohne Erinnerung auf.

Anhand ihrer eigenen Geschichte möchte sie sensibilisieren: Für die Gründe, die immer mehr Frauen viel zu oft zur Flasche greifen lassen und für eine Gesellschaft, die nicht sehen will, was sie dazu treibt. Mit messerscharfem Verstand seziert sie ihr eigenes Suchtverhalten – eines, das in uns allen steckt – beleuchtet Literatur, Studien und Statistiken rund um das Thema Alkohol und erzählt, warum es sich lohnt, sich für ein Leben in Klarheit zu entscheiden.

»Alkohol betäubt und beraubt uns unserer natürlichen Gefühle und verstärkt zugleich andere Emotionen, allen voran Angst und Depression. Wir trinken, um Unangenehmes zu vergessen, gleichzeitig aber auch, um überhaupt etwas zu spüren. Es gab Zeiten, in denen ich nur weinen konnte, wenn ich betrunken war. Verkatert schämte ich mich dafür umso mehr, das Klischee der leidenden Frau so musterschülerinnenmäßig erfüllt zu haben. Ich nahm es mit Humor und einem sarkastischen Facebook-Post.«


  • Erscheinungstag: 26.04.2022
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 9783365000175
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für meine Freundinnen und Freunde,
die nicht immer da sind,
aber immer bei mir

Falls sich jemand die Frage stellt, warum sich ein feministisches Buch dem Gendern verweigert: Es ist ja nicht so, dass ich mir keine Gedanken über dieses Thema mache, im Gegenteil. Sowohl beim Schreiben als auch beim Sprechen wähle ich die jeweilige Form mit Bedacht. Trotzdem habe ich mich bewusst gegen das Gendern mit Sonderzeichen entschieden, aus zwei Gründen. Erstens macht es Texte nicht schöner. Zweitens gibt es im Deutschen (noch) keine einheitliche Regelung. Mal ist es der Stern, dann ein Doppelpunkt oder Schrägstrich, dann wieder ein Binnen-I. Versprochen: Wenn sich der Duden mal für etwas entschieden hat, bin ich sofort an Bord. Bis dahin ist meine persönliche Strategie oft die Wahl der weiblichen Form, auch wenn damit beide Geschlechter gemeint sind (Superheldinnen), manchmal auch die doppelte Nennung (Superheldinnen und Superhelden), oder, falls möglich, die neutrale Form (Fliegende).

I feel my story’s still untold
But I’ll make my own happy ending

Róisín Murphy

Das Bild

Auf meiner schwarzen Kommode stand jahrelang eine Postkarte mit einem Gemälde des norwegischen Malers Edvard Munch. Es zeigt eine schlafende Frau in unbequemer Pose, ein Bein eingeknickt, das andere aufgestellt, ein Arm ragt schlaff über die Bettkante. Zum wadenlangen olivgrünen Rock trägt sie schwarze Strümpfe, die weiße Bluse ist leicht verrutscht und erlaubt einen Blick auf ihren Brustansatz, ihre dunklen Haare berühren den Boden. Vor ihr auf dem aus der linken unteren Ecke ins Bild hineinragenden Tisch stehen zwei Flaschen, eine durchsichtige und eine, die vermutlich mal Rotwein enthielt, von denen zumindest die erstere leer ist, außerdem ein zu einem Drittel gefülltes – oder zu zwei Dritteln geleertes – Glas. Anmutig wirkt die Frau mit ihrer elfenbeinfarbenen Haut und dem friedlichen Gesichtsausdruck. Wenn man Glas und Flaschen ausblendet, reiht sie sich perfekt ein in die Galerie schlafender Schönheiten als zentrales Motiv der westlichen Kunstgeschichte. Auch ohne zu wissen, dass der Schöpfer des Bildes ein bis an sein Lebensende unverheirateter Norweger war, ist der männliche Blick unverkennbar. Nicht nur stellt die bewegungslose Frau das perfekte Modell dar, sondern ist in ihrer Wehrlosigkeit zugleich Objekt für Fantasien und Handlungen jeder Art. Man muss gar nicht so weit gehen und die Möglichkeit einer Vergewaltigung hineinlesen. Es reicht die Erkenntnis, dass diese Frau sich bereitwillig dem Blick darbietet, ihr Körper eine Einladung darstellt, die Linie ihres Brustbeins ein Versprechen.

Beim Betrachten neigt man dazu, eine Zeitlichkeit in die Szene zu lesen. Was geschah in der Nacht zuvor? Wahrscheinlich hat die Frau die vor ihr auf dem Tisch stehende Weinflasche getrunken und ist dann in dieser unbequemen Position eingeschlafen. War sie vorher allein oder in Gesellschaft? Falls Letzteres zutrifft, wohin sind die Mittrinkenden verschwunden, und warum hatten sie sie nicht zugedeckt? Hatte sie beim Trinken geraucht? Ein Stück Baguette gegessen oder Schokolade? Hat sie Musik gehört, wenn ja, welche?

Für mich liegt in diesem 1894 entstandenen Gemälde eine ganze Welt. Man kann es auf ganz verschiedene Art lesen, als Dokument einer aufregenden Nacht, deren Protagonistin sich Freude gegönnt und sich durch deren Nachwirkungen für mindestens einen halben Tag der kapitalistischen Verwertungslogik entzogen hat, denn eines ist sicher: Produktiv arbeiten wird sie heute nicht. Man kann darin aber auch das Sinnbild von Einsamkeit sehen, ungestillte Sehnsüchte und eine innere Leere, die versuchsweise mit dem Flascheninhalt gestillt wurde. Oder aber man fokussiert sich auf den voyeuristischen Blick. Wer garantiert, dass keine Gewalt ausgeübt wurde? So ein weiter Rock ist schnell hochgeschoben, die gierigen Hände hätten nicht mal einen BH aufhaken müssen. In ihren Träumen ist diese Frau von allem Bösen beschützt. In Wahrheit ist sie es nicht. Das Gemälde trägt den Titel Der Tag danach.

Die Kunsthistorikerin Ingeborg W. Owesen sieht darin einen Beweis für das vielschichtige Frauenbild seines Urhebers. Zu Unrecht werde dieser als misogyn dargestellt, viel eher habe er regen Anteil genommen an den enormen gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit, die insbesondere den Kampf um Geschlechtergerechtigkeit betrafen. 1913 erhielten die Bewohnerinnen des skandinavischen Landes das Wahlrecht, sie gingen ins Kino und tauschten ihre Korsetts gegen bequeme Kleidung. 1929 notierte Munch in seinem Tagebuch: »Ich habe den Übergang zur Frauenemanzipation miterlebt.« Anders als viele von Munchs Zeitgenossen sieht Ingeborg W. Owesen in der Protagonistin in Der Tag danach keine Prostituierte, sondern eine selbstbestimmte Frau, die genauso Spaß haben kann wie die Männer – und hinterher auf die gleiche Weise dafür büßt. »Dieser Typus der befreiten Frau ist nicht auf eine vollendete und mütterliche Rolle festgelegt. Hier stellt Munch sie als dem Manne gleichgestellt dar, auch sie kann Euphorie erleben, sei es durch Rauschmittel oder Sex ausgelöst. In Munchs Bildwelt finden wir Frauen, die sich mit Männern vergnügen. In diesem Fall wird die verkatert auf dem Bett liegende Frau weder mit Verachtung noch mit Bewunderung dargestellt, sondern mit der stillschweigenden Feststellung, dass sie wie ihr männliches Gegenstück den unvermeidlichen Tag danach erleben muss.« 1 Und zwar zu Zeiten der Abstinenzlerbewegung, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch Norwegen erfasst hatte. Während männlicher Alkoholkonsum zunehmend als Problem gesehen wurde, sollten Frauen, bitte schön, ganz die Finger davonlassen. So gesehen ist Munchs schlafende Schöne eine Rebellin.

All das wusste ich früher nicht, aber hätte ich es gewusst, hätte mir das Bild noch viel besser gefallen. Dass mich diese Postkarte so lange begleitete, von einem stuckverzierten WG-Zimmer ins nächste, sagt viel aus. So wie diese Frau sah ich mich selbst. Wie oft erwachte ich in einer ähnlich unbequemen Position, mit mascaraverklebten Augen und trockenem Mund, geblendet vom Licht eines Tages, auf den ich gerne verzichtet hätte. Je länger ich das Bild betrachte, desto mehr scheint es zu pochen – der Schlag eines erhöhten Pulses, der Schmerz eines Kopfes, der mit dem Acetaldehydabbau beschäftigt ist. Eine Flasche Wein, das war auch meine ideale Menge, gewissenhaft, wie ich war, stand daneben stets eine Flasche Wasser – stay hydrated!

Die Frau auf dem Bild, das hätte ich sein können, so viele Jahre lang, mit einem Unterschied: Munch hätte vergessen, meine Kopfhörer ins Bild hineinzumalen, weil Trinken und Musik für mich untrennbar zusammengehörten. Von den vielen Anlässen, zu denen ich gerne trank, war mir dieser der liebste: allein im Bett, mit Zugriff auf meine mehrere Tausend Titel umfassende Musikbibliothek. Stundenlang konnte ich so daliegen und träumen und mir all die Gefühle erlauben, die ich tagsüber so erfolgreich verdrängte, das volle Glas immer in Reichweite. Meist endete die Sache damit, dass ich von einer Sekunde auf die andere in einen komatösen Schlaf fiel; im Englischen gibt es dafür den Begriff pass out. Egal wie ich den vorangegangenen Abend verbracht hatte, mit sittsamen ersten Gläsern Rotwein zum Radicchiorisotto oder mit Freundinnen in einer Bar oder mit Fremden im Club – oft freute ich mich die ganze Zeit über auf den Moment, in dem ich meine müden Glieder endlich in mein eigenes Bett fallen lassen konnte. Mit niemandem teilte ich diesen Moment lieber als mit meiner großen Liebe, von der ich sicher sein konnte, dass sie mich nicht einfach so verlassen würde: dem Alkohol.

Früher empfand ich Munchs schlafende Schöne kaum als wehrlos, erst als ich selbst die Erfahrung machen musste, dass der männliche Blick sich nicht immer mit Zusehen begnügt, änderte sich das. Die Postkarte auf meiner Kommode war identitätsstiftend, zugleich aber auch eine Mahnung an mich selbst, mein Trinken im Auge zu behalten. Solange ich ein Bewusstsein dafür hatte, so glaubte ich, wäre ich sicher. Mir musste niemand sagen, dass mein Trinken längst die Grenzen der Normalität überschritten hatte, diese Aufgabe erledigte meine innere Kritikerin tadellos. In der scheinbar bewussten Entscheidung zur Flasche Wein neben meinem Bett lag für mich eine große Freiheit. Die Freiheit, sich zu verschwenden, dem Moment hinzugeben, so endlos wie einem auf Repeat gestellten Lieblingssong. Die Freiheit, nicht an den Tag danach zu denken. Dass meine Welt nach und nach auf Postkartenformat zusammenschrumpfte, sah ich lange Zeit nicht.

***

Die Flasche

Immer wollte ich dreizehn sein. Mit neun, mit elf, mit zwölf träumte ich mich an diesen unendlich fernen Ort, verheißungsvoll und aufregend. Dreizehn als Sehnsuchtsalter ergab natürlich überhaupt keinen Sinn. Weder durfte man länger draußen sein noch Sex haben noch Matrix im Kino sehen. Trotzdem fieberte ich auf diesen Tag hin. Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit meinem Vater, ich war etwa elf, bei dem ich ihm mein Leid klagte: Wie unendlich lange es dauern würde, bis aus mir ein Teenager würde (denn immerhin das passiert nach der Zwölf), und wie viel länger noch, bis ich sechzehn und achtzehn wäre, um endlich, endlich dieses dämliche Dorf verlassen zu können.

Träumen half. Auf dem Moodboard in meinem rosarot gestrichenen Kellerzimmer – direkt neben der Haustür, was super war, um unbemerkt zu verschwinden – hing ein Bild vom Berliner Fernsehturm, ein aus der Glamour ausgeschnittener Artikel über das Café Bravo in Berlin-Mitte und einer über den Sage Club, weil sich darin ein echter Pool befand, als Upgrade des bei Dorfpartys aufgebauten Schaumbads. Die Hauptstadt war the place to be, weswegen ich, als ich wider Erwarten doch dreizehn geworden war, den nächsten Punkt auf der Zukunftsachse setzte: achtzehn werden, bereit für die große Stadt.

Rückblickend frage ich mich, ob es mit dem Film Dreizehn zu tun hatte, der erschien allerdings erst 2003, als ich bereits vierzehn war. Abgesehen davon passt er exakt zu meiner damaligen Gefühlslage. Tracy ist eine Einserschülerin, die ihrer Mutter Gedichte vorliest, bis sie Evie kennenlernt, das hotteste Mädchen der Schule. 1 Als Duo ziehen sie Speed im lilafarbenen Kinderzimmer, klauen Höschen mit »Ich will einen Knochen«-Aufdruck, lassen sich die Zunge piercen, und beim Bauchnabel legen sie selbst Hand an. Innerhalb weniger Monate verwandelt sich Tracy in eine, die der Welt bevorzugt ihren aus der Size-zero-Jeans hervorblitzenden Stringtanga entgegenstreckt. Ihr Vater ist weg und schickt nur manchmal einen Scheck. Ihre Mutter hat genug mit sich zu tun, mit notorischem Geldmangel, einem frisch aus dem Entzug entlassenen Partner und ihrer eigenen Vergangenheit, die durch den Besuch von AA-Meetings nur vage angedeutet wird. Moment mal, trinkt die Mutter etwa Wein zum Abendessen? Ja, und später Apfelmost, gemeinsam mit ihrem von-wegen-abstinenten Boyfriend. Interessanterweise ist mir dieser Punkt damals gar nicht aufgefallen. Ich sah vor allem zwei superschlanke L. A.-Girls – Evies Diätgeheimnis sind zehn Gläser Eiswasser pro Tag –, die es krachen lassen. Die schlechte Bildqualität schob ich auf die Tatsache, dass ich den Film in Form einer illegal gebrannten DVD erworben hatte, nur um fast zwanzig Jahre später festzustellen, dass Blaustich und Handkameraoptik von der Regisseurin Catherine Hardwicke durchaus gewollt sind. 2 In der Anfangsszene betäuben sich die Hauptdarstellerinnen mit dem Inhalt einer Blechdose und schlagen sich gegenseitig die Unterlippe blutig. »Schlag mich fester, ich spür nichts«, sagt Tracy, bevor sie mit dem Kopf gegen den Nachttisch knallt. Anders als an seinem Schauplatz Los Angeles scheint in Dreizehn nicht bloß die Sonne. Evie ist von einer kindlichen Vergewaltigung traumatisiert, ihre schauspielende Cousine ein Opfer des Jugendwahns, und Tracy ritzt sich, an die Badfliesen gelehnt, mit einer Nagelschere die Unterarme auf. Diese kritischen Momente blendete ich damals komplett aus und wünschte mir stattdessen, meine katholische Privatschule gegen eine kalifornische Highschool tauschen zu können. Das Angebot, mich ohne Erziehungsberechtigteneinverständniserklärung von einem dubiosen Typ in Venice Beach piercen zu lassen, hätte ich als Teenager nicht ausgeschlagen, genauso wenig wie einige Jahre später im Wohnzimmer eines Bekannten – und so kam ich zu meinem ersten Tattoo.

Noch heute ist das Gefühl von damals leicht abrufbar, eine Mischung aus Trotz und Selbstmitleid – warum war ich nicht wie Tracy in L. A. geboren worden oder wenigstens in Tübingen, warum vergingen meine Tage so viel langsamer als bei meinen Eltern, die ständig das Rasen der Zeit beklagten? –, aus fear of missing out, das als Begriff natürlich noch nicht existierte, und Sehnsucht. Dass in Sehnsucht das Wort Sucht steckt, war mir selbst als Erwachsene lange nicht klar.

An mein erstes Mal Trinken erinnere ich mich ganz genau. Es war ein Freitagabend, drei Freunde, ein sturmfreies Haus. Wobei das mit der Freundschaft kompliziert war. Ich hasste Andreas von dem Moment an, in dem er den Lenker meines brandneuen Barbiefahrrads abgebrochen hatte, einfach so. Damit nicht genug, hatte er mir meine beste Freundin ausgespannt. Sandra kenne ich, seit ich denken kann, wir waren Nachbarinnen, unsere Eltern eng befreundet. Es gibt Fotos von uns im Planschbecken und beim Radschlagen im Garten, wir waren unzertrennlich, und das war schön. Dann grätschte Andreas mit seinen Jungsspielen dazwischen. Wenn ich Sandra sehen wollte, gehörte er plötzlich mit zum Paket, »Freundschaft plus« sozusagen. So auch an besagtem Freitag. Draußen war es bereits dunkel geworden. Anders als in meinem Elternhaus wurde kein Rollladen heruntergelassen, blieben die Gardinen mit Rosenmuster offen. Wir spielten Wahrheit oder Pflicht. Was ich nicht wusste: Schon im Vorfeld hatten die beiden geplant, mich, die Spießer-Eva, aus der Reserve zu locken. Damals war ich nämlich der Inbegriff der im Grundschulzeugnis gern gebrauchten Wendung »zur vollsten Zufriedenheit«, strebsam, artig, Klassenbeste. Ich zog das an, was meine Mama mir am Abend vorher über die Badewanne gehängt hatte. Andreas und meine Freundin, die ein beziehungsweise zwei Jahre älter waren, wollten wohl sehen, ob da nicht doch irgendwelche Abgründe lauerten. Ein bisschen wie das Geschwisterpaar in Eiskalte Engel, nur halt ohne Sex. Zu Wahrheit oder Pflicht mussten sie mich nicht groß überreden. Als ich dran war, rief die Pflicht: Ich sollte einen Schluck Rum trinken. Dabei handelte es sich keinesfalls um ein jahrzehntelang im Eichenfass gereiftes Exemplar, wie es Andreas’ stilvolles Elternhaus hätte vermuten lassen, sondern um die Sorte, die im Supermarktregal ganz unten steht. Ich setzte die Flasche an den Mund. Ich trank. Sie erfüllte die an sie gestellten Anforderungen im besonderen Maße. Der erste Schluck war eine brennende Klinge und schmeckte wie Medizin oder so, wie es roch, wenn meine Mama Spiritus ins Fonduerechaud kippte. Andreas und Sandra lachten über meinen Anblick, was mich wütend machte und trotzig. Als Reaktion darauf nahm ich gleich den nächsten Schluck. Ihr Lerninteresse war auffallend stark ausgeprägt. Irgendwie ging es schon viel besser. Vielleicht konnte ich mit ein bisschen Limo nachspülen? Das Spiel ging weiter, an die anderen Aufgaben oder Fragen erinnere ich mich nicht mehr, sehr wohl aber daran, dass ich immer wieder die Flasche ansetzte. Der Brandherd hatte sich vom Mund in den Magen verlagert und glich jetzt dem Gefühl einer Eins mit Sternchen. Plötzlich spielte es keine Rolle mehr, dass mir meine beste Freundin entglitten war, die Tickets fürs Backstreet-Boys-Konzert ausverkauft waren und die Zeit in den dörflichen Höllenkreisen sich ins Unendliche dehnte. Endlich einmal konnte ich den Moment genießen. Und ja, ich genoss ihn sehr, weswegen ich, story of my life, den Moment verpasste, an dem ich hätte aufhören müssen zu trinken. Am Ende war es Andreas, der mir die Flasche aus der Hand riss, weniger aus Fürsorge als aus Angst vor dem Zorn meiner Mutter, wogegen ich mich heftig wehrte. Da war ich bereits so betrunken, dass die beiden beschlossen gegenzusteuern. Zunächst indem Andreas mir über der Kloschüssel den Finger in den Hals steckte, eine Geste, deren Intimität nicht zu unserer Feindschaft passte. Anschließend hievten mich die beiden auf einen Esszimmerstuhl und flößten mir abwechselnd Kaffee und Spaghetti bolognese ein. Wichtiger Punkt: Damals war ich Vegetarierin, und Kaffee fand ich eklig. Ich wollte Rum. An den Rest erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass ich irgendwie zur vereinbarten Zeit nach Hause kam. Ob ich wohl im Wohnzimmer meiner Mutter begegnete? Oder profitierte ich wie so oft in der Zeit danach von der Kellerzimmerlage? So oder so erwachte ich am nächsten Tag wie eine Soldatin nach der Schlacht. Es fühlte sich scheiße an und gerade deshalb so gut, so intensiv, der Geschmack der Freiheit. 40 Prozent derjenigen, die vor ihrem dreizehnten Lebensjahr zu trinken beginnen, werden abhängig. 3 Ich war elf.

Allen Carr schreibt, der erste Schluck Alkohol schmecke niemandem. Sein Buch Endlich ohne Alkohol! ist ein millionenfach verkaufter Bestseller und, in seinen eigenen Worten, »der Schlüssel zur Freiheit«. Inhaltlich baut es auf den noch erfolgreicheren Vorgänger Endlich Nichtraucher! auf. Dass dessen Autor an Lungenkrebs gestorben ist, klingt wie das Ende eines schlechten Films, ist aber wahr. 4 Um die Gefahr von Alkohol deutlich zu machen, wählt Carr das Modell einer fleischfressenden Pflanze. In dem Moment, in dem eine durch den verheißungsvollen Nektarduft angelockte Fliege zum ersten Mal andockt, bleibt sie kleben. Von da an geht es nur noch bergab, genau genommen den Hals der Venusfliegenfalle hinunter, und je mehr die Fliege dagegen anstrampelt, umso mehr verkleben ihre Beinchen. Dieser Logik zufolge ist jeder, der jemals einen Schluck Alkohol getrunken hat, schon abhängig, die Frage ist nur, in welchem Ausmaß. »Selbst wenn Sie meinen, den Vergleich zwischen der fleischfressenden Pflanze und der Alkoholfalle nicht ohne Weiteres akzeptieren zu können, geht es in erster Linie darum, einmal die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass wir vielleicht überhaupt nie die Kontrolle besessen haben. Oder anders ausgedrückt: Es gibt keinen angeborenen Unterschied zwischen Gelegenheitstrinkern, normalen Trinkern, starken Trinkern und Alkoholikern. Vielleicht sind wir alle Fliegen, die nur unterschiedlich tief in der Fleisch fressenden Pflanze abgesunken sind.« 5 Eine ziemlich gewagte Theorie, die alle sogenannten Genusstrinkenden heftig mit den Beinchen strampeln lässt. Mir ist sie zu radikal. Einerseits weil sie die Tatsache ausblendet, dass manche Menschen sehr wohl ab und an ein paar wenige Gläser trinken können, andererseits weil sie viele vor den Kopf stößt, noch bevor sie ins Nachdenken kommen.

Etwas gemäßigter ist das fließende Krankheitsmodell des Sozialpsychiaters Georg Schomerus. Statt jemanden als hundert Prozent gesund oder hundert Prozent krank zu sehen, empfiehlt er eine differenzierte Sichtweise: »Inzwischen wissen wir, dass Leute, die viel trinken, deutlich offener sind, ihren eigenen Alkoholkonsum zu hinterfragen, wenn wir ihnen das Kontinuumsmodell zeigen. Und ihnen eben nicht sagen, entweder man ist abhängig oder nicht. Denn die Idee von krank oder gesund, süchtig oder nicht, führt dazu, dass Menschen viel länger brauchen, sich ihren Problemen zu stellen. Meist erst dann, wenn das Problem richtig groß ist.« 6 Kontinuumsmodell meint die ständige Beweglichkeit auf einer Skala zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit. Anstatt sich in Sicherheit zu wiegen – ich bin ja nicht abhängig! –, sollte man ein Gespür für den eigenen Standpunkt entwickeln. Der Weg in eine Sucht kann ein langer sein, und nicht alle gehen ihn bis ans Ende. Und doch haben sich viele zumindest die Schuhe geschnürt. Wie Nektar schmeckte mein allererster Schluck Billigrum nun wirklich nicht, und doch blieb ich wie Allen Carrs Fliege daran kleben. Ich wollte mehr, am selben Abend genauso wie in den folgenden Jahren. Ich trank nicht wegen, sondern trotz des abstoßenden Geschmacks. Ich trank, weil ich betrunken sein wollte.

Was genau passiert eigentlich, wenn wir Alkohol trinken? Schauen wir uns zunächst die unmittelbaren Auswirkungen an. 7 Man wird lockerer, kontaktfreudiger, Stimmung und Risikobereitschaft steigen. Selbsteinschätzung, Urteils- und Kritikfähigkeit hingegen sinken, ebenso das Seh- und Hörvermögen. Herzschlag und Atmung beschleunigen, das Wärmegefühl nimmt zu. 8 Oft wird »mehr Mut« als positiver Effekt genannt. In Wahrheit unterdrückt Alkohol lediglich Angst. Es folgt eine enthemmende Wirkung bis hin zur Selbstüberschätzung. Gefühle wie Freude, aber auch Trauer und Wut werden verstärkt, es kommt zu Gleichgewichtsstörungen. Ab etwa 0,8 Promille verengt sich das Blickfeld, und die Reaktionszeit ist um etwa ein Drittel verlangsamt. Wer weitertrinkt, erfährt Orientierungs-, Gleichgewichts- und Sprachstörungen sowie Verwirrtheit. Als Nächstes versucht der Körper möglicherweise, sich durch Erbrechen des Alkohols zu entledigen. Was soll ich sagen: Es gab Anlässe, bei denen ich hinterher einfach weitergetrunken habe. Einer Alkoholvergiftung bin ich überraschenderweise immer entgangen. Damit einhergehen Bewusstlosigkeit, Atemstörungen, eine Lähmung des Nervensystems bis hin zum Tod. Wichtiger Fakt: Alkohol hat einen sogenannten biphasischen Effekt, was bedeutet, dass er in geringen Dosen ganz anders wirkt als in hohen. Abgesehen davon sind die Effekte höchst individuell. Während der eine nach der dritten Runde Korn auf der Tischplatte schläft, wirft die andere mit Maßkrügen um sich. Der eine wird melancholisch, die andere redselig, einer schweigt, eine tanzt.

Irgendwann ist jede Party zu Ende. Nicht auf der Gästeliste der nun folgenden Nacht steht die REM-Schlafphase 9 , während der das Gehirn den vergangenen Tag verarbeitet und Zellverbindungen regeneriert. Die Folge ist nicht nur das Ausbleiben von Träumen, sondern vor allem Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten. Bei Ratten, die dauerhaft um die REM-Phase gebracht werden, verkürzt sich die Lebenszeit von zwei bis drei Jahren auf fünf Wochen. 10 Wer regelmäßig zu viel trinkt, kennt vermutlich das Vier-Uhr-früh-Phänomen: Die Zeit, in der Alkohol seine sedierende Wirkung verliert. Nachdem man einige Stunden zuvor in einen komatösen Schlaf fiel, ist man dann schlagartig wieder wach, auf eine geräderte Art, perfekt für Grübeleien über das eigene Trinken. Und noch eine schlechte Nachricht: Frauen sind von alkoholbedingten Schlafstörungen schwerer betroffen als Männer. 11 Für beide Geschlechter gilt, dass auf den Rausch in den meisten Fällen der Kater folgt. Im Prinzip handelt es sich dabei um einen Minientzug, mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen. Verantwortlich dafür ist insbesondere das Abbauprodukt Acetaldehyd, aber auch der Verlust von Flüssigkeit und Elektrolyten. Man weiß, was gemeint ist: Mehrmals pro Nacht drückt die Blase, gleichzeitig führt der Nachdurst, umgangssprachlich Brand, dazu, dass selbst große Mengen Wasser den Durst nicht stillen. Neunundfünfzig verschiedene Katersymptome gibt es, von Migräne, Schwitzen, Mundgeruch über Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit und depressiver Verstimmung bis hin zu Krampfanfällen. 12 Ich hatte sie alle, Baby. Glücklicherweise verschwindet so ein Kater nach einem Tag wieder, wobei der Körper bis zu zweiundsiebzig Stunden mit den Nachwirkungen beschäftigt sein kann. Auch wenn das sogenannte Konterbier eine Illusion ist, weil es den Alkoholabbau lediglich verzögert, ist seine lindernde Wirkung real. Ich selbst ließ Katertage am liebsten mit einer Flasche Rotwein ausklingen, weil der sich so einstellende Rausch ein besonders dumpfer war. Die gesunde Körperreaktion, die einem wenigstens an einem Katertag jegliche Lust aufs Trinken vermiest, erinnere ich höchstens aus meiner Jugend.

Viel problematischer als so ein Katertag sind die Langzeitfolgen. Alkohol sorgt dafür, dass ein Übermaß an Dopamin ausgeschüttet wird, ein Botenstoff, der für Freude und Belohnung zuständig ist. Geschieht dies regelmäßig, blockiert der Körper als Ausgleich die entsprechenden Rezeptoren. Die Folge: Für das durch Dopamin erzeugte Belohnungsgefühl braucht es irgendwann Alkohol. Außerdem wirkt er sich auf das Angstempfinden aus: Der Alkohol erhöht den GABA-Spiegel, was eine beruhigende Wirkung hat, und senkt jenen von Glutamat, was sich angsthemmend auswirkt. Es ist, als würde man Kopfhörer tragen und gleichzeitig die Musik leiser stellen. Das Gehirn versucht dieses Missverhältnis auszugleichen, indem es den Glutamatspiegel erhöht, also gewissermaßen die Musik lauter dreht – das wiederum versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Nimmt man dann die Kopfhörer ab – das passiert, wenn die Wirkung des Alkohols nachlässt –, ist die Musik natürlich viel zu laut. So entsteht ein Gefühl von Panik einerseits und dem Wunsch nach Ausgleich andererseits. Ausgleich heißt: wieder Alkohol trinken. Dieses ansehnliche Bild findet der Global Drug Survey, eine weltweit anonyme Umfrage zu Drogenkonsum. 13 Blöd, dass dieser in direktem Zusammenhang mit siebenundzwanzig Krankheiten steht 14 und mit über zweihundert in indirektem Zusammenhang. 15 Eine kleine Auswahl: Herz-Kreislauf-Störung, Magenschleimhautentzündung, Fettleber und Leberzirrhose, Übergewicht, Hormonstörungen mit verminderter Libido und Impotenz als Folge, chronische Entzündungen, Tötung gesunder Darmbakterien und Krebs im ganzen Körper, insbesondere jedoch in den direkt mit Alkohol in Berührung kommenden Regionen wie Rachen, Kehlkopf, Bauchspeicheldrüse. Ein Viertelliter Wein am Tag erhöht das Brustkrebsrisiko um 25 Prozent. 16 In Deutschland führen Brust- und Darmkarzinome die Liste der häufigsten Krebsarten an, wobei beide in engem Zusammenhang mit Alkohol stehen. Eine Tatsache, die den Mediziner und Alkoholforscher Helmut Seitz in der sehenswerten Dokumentation Alkohol, der globale Rausch 17 zu der Frage verleitet, wie hoch die Zahlen ohne Alkohol wären. Dann wären da die Schäden am Gehirn, die Persönlichkeitsveränderungen und Gedächtnisstörungen nach sich ziehen. Der Verband der Ernährungswissenschaftler Österreichs fasst es so zusammen: »Es gibt keine gesunde Menge Alkohol.« 18 Und zwar weil wirklich jeder Teil des Körpers von einem dauerhaft erhöhten Alkoholkonsum betroffen ist. Dauerhaft erhöht heißt im Verständnis der WHO: mehr als ein halber Liter Bier oder ein Viertelliter Wein pro Tag für Männer, bei Frauen die Hälfte, bei mindestens zwei alkoholfreien Tagen die Woche. Schluck.

An mein zweites Mal Trinken erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiß allerdings, dass ich sehr schnell Gefallen an jener funkelnden Wärme fand. Beweis dafür sind meine Hausaufgabenhäffte, jene Schülerkalender, die ich Jahr für Jahr aufwendig beklebte, mit dünnen Frauen, rauchenden Frauen, Houellebecq-Sätzen und I--Berlin-Schriftzug. Hauptsächlich nutzten meine Freundinnen und ich sie für Briefe. Daraus ergaben sich gleich zwei Vorteile: Im Gegensatz zu losen Zetteln fiel es weniger auf, wenn man sich sein Hausaufgabenheft hin- und herschob, außerdem hatte man alle gesammelt an einer Stelle. Angesichts der Hunderten mit Pastellgelstiften vollgeschriebenen Seiten grenzen meine hervorragenden mündlichen Noten an ein Wunder. Oft ging es darum, was wir Dreizehn-, Vierzehn-, Fünfzehnjährigen bei den Coverbandpartys in den Mehrzweckhallen unseres Dorfs anziehen würden, nach denen meine Ohren jedes Mal fiepten, wie ich es in zehn Jahren Partyberlin selten erlebt habe, aber auch, was wir dort trinken würden. Selbst zu Sleepovers mit DVD-Marathon – wir waren Fans von Horrorfilmen wie The Ring – organisierten wir eine Flasche Baileys. »Trinkfreudig sein«, nannten wir das damals.

Wenn ich heute darin blättere, würde ich die Eva von damals gerne in den Arm nehmen und sagen: Alles wird gut, auch wenn dein Handyguthaben 19 , schon nach der Hälfte des Monats leer ist. Du bist okay, so wie du bist, auch wenn du von Julian aus der 8b keine Rose bei knuddels.de bekommst und Marc aus der 8c behauptet, er könne seine Handynummer nicht auswendig. Vor allem würde ich sie fragen, warum sie so viel trinkt. Weil ihr der Alkohol eine Form von Aufmerksamkeit entgegenbringt, gepaart mit dem Gefühl, richtig, also begehrenswert zu sein, das Julian, Marc und all die anderen ihr versagen? Die Scheidung meiner Eltern lag da schon einige Jahre zurück. Hätte jemand nachgefragt, hätte ich gesagt: Alles gut, ich habe schon als Siebenjährige kapiert, dass eine Trennung besser ist als ständig zu streiten. Außerdem rief mein Papa doch jeden Tag an. Vielleicht aber war nicht alles gut. Und weil nicht alles gut war, trank ich.

Mehr als vier Getränke pro Abend bei Frauen, fünf bei Männern, so lautet die Definition von binge drinking, zu Deutsch: Rauschtrinken. Auch Wein fällt darunter. Wer im Restaurant zu einem Tasting-Menü eine Weinbegleitung bestellt, bekommt zu jedem Gang 0,1 Liter Wein. Bei mindestens sieben bis acht Gängen ergibt das eine ganze Flasche. Dabei sind Aperitif und Digestif noch nicht mal eingerechnet. So gesehen war bingen als Foodjournalistin meine Erwerbsquelle. Damit passe ich gut in die Statistik: Besonders gefährdet sind Frauen zwischen 18 und 34 Jahren und solche mit höherem Haushaltseinkommen. 20 Frauen, von denen 80 Prozent nicht abhängig sind. 21 Sie trinken sich also nicht aufgrund einer Erkrankung von Zeit zu Zeit in die Bewusstlosigkeit, sondern als Gegengewicht zu einem Alltag, der viel zu viel fordert. Weltmeisterinnen im binge drinking sind britische Mädchen, jede zweite Fünfzehnjährige gab an, mindestens zweimal im vergangenen Jahr betrunken gewesen zu sein, mehr als gleichaltrige Jungs. Sehr wahrscheinlich waren es mehr als zweimal – wer einmal freitagabends durch ein Londoner Ausgehviertel spaziert ist und die halb weggetretenen und in ihren ultrakurzen Kleidern frierenden Mädchen auf dem Bürgersteig kauern gesehen hat, weiß, was gemeint ist. In Deutschland ist die Zahl der alkoholbedingten Klinikaufenthalte Jugendlicher zwischen 2004 und 2019 um mehr als 80 Prozent gestiegen. Jeder fünfte zwölf- bis siebzehnjährige Jugendliche trinkt mindestens einmal im Monat fünf oder mehr alkoholische Getränke. 22 Ihnen gegenüber steht die bereits erwähnte Zahl von 40 Prozent, die noch nie Alkohol getrunken haben. Offenbar nehmen die Extreme zu. Diejenigen, die trinken, übertreiben es, viele andere hingegen entscheiden sich gleich für die Abstinenz.

Nicht wenige der Erstgenannten beginnen ihre Trinkerkarriere mit Alcopops. Für alle nach Mitte-der-Neunziger-Geborenen: Hierbei handelte es sich um zuckerhaltige Mischgetränke mit einem Promillegehalt zwischen 1,2 und 10 Prozent. 23 Manche sind milchig weiß, andere lavalampengrün. Auch ich war ein Fangirl. Im Schuljahr 2003/04, da war ich vierzehn, fragte meine Freundin per Hausaufgabenhäfft-Brief, ob sie sich um den Alkohol kümmern solle, damit wir uns »mal so richtig besaufen können, dann wanken wir heim«, woraufhin ich schrieb: »Ja einmal rotzevoll sein grins«. Wir kauften sie mit gefälschtem Schülerausweis im Sixpack an der Tankstelle oder im Kleinstadtsupermarkt oder bekamen sie auf Schaumpartys, deren entscheidendes Charakteristikum ein links hinten im Bierzelt durch Holzlatten abgegrenzter Bereich war, in den seltsam riechender Schaum gepustet wurde. Auf sehr vielen online veröffentlichten Partyfotos 24 meiner Jugend waren diese Flaschen zu sehen; was sie einte, war, dass sie immer so schnell leer waren. Die Getränke unserer Wahl hießen Smirnoff Ice, Bacardi Breezer und Rigo. Gefahr Nummer eins: Im Gegensatz zum immerhin ehrlichen Back-Rum schmeckte dieses Zeug überhaupt nicht nach Alkohol. Gefahr Nummer zwei: Durch den hohen Zuckergehalt schoss der Alkohol direkt ins Blut. Gefahr Nummer drei: Locker in der Hand gehalten, verliehen einem diese Flaschen street credibility. Da war jemand definitiv auf der Schnellstraße in Richtung Erwachsensein unterwegs. David Jernigan, Leiter des amerikanischen Center on Alcohol Marketing and Youth spricht von »Übergangsgetränken«, die vor allem junge Frauen weg vom Bier und hin zu Spirituosen führen. 25 Schon um die Jahrtausendwende herum stand dieses auch chick beer genannte Zeug in der Kritik, weil man ihm unterstellte, Jugendliche an Alkohol heranzuführen, was in meinem Fall ja auch stimmte. Trotzdem wäre es falsch, den fluoreszierenden 0,3-Liter-Fläschchen die Schuld zu geben, schließlich trank ich nicht nur das, sondern alles, was ich kriegen konnte. Grape zum Beispiel, die Innovation jener Brauerei, die sich ironischerweise im selben Ort befand wie mein katholisches Gymnasium, ein mit Grapefruitlimo aromatisiertes Biergemisch, super vor allem gegen Inlineskating-Durst. Wodka-Red-Bull, weil sich hier die Wirkung des Fusels mit jener des Energygetränks 26 potenzierte und das Gummibärchenaroma niemanden störte. Batida-Kirsch, ein dickflüssiges Gesöff auf Kokoslikörbasis, das nach jenem Karibikurlaub schmeckte, den sich meine Mutter nicht leisten konnte. Malibu-Orange, gleiches Prinzip, für die Orangenscheibendeko hatten wir keinen Sinn, wohl aber für den Strohhalm, weil es dann schneller ging. Jägermeister-Cola, der Dorffestklassiker, ein pur ungenießbarer Kräutergeist 27 , dessen Branding (stolzer Hirsch, deutscher Wald) vor allem jene aus heutiger Sicht abgehängten jungen weißen Männer ansprach, die sich das Böhse-Onkelz-Logo an die Heckscheibe ihres getunten Golfs klebten. Die Cola machte außerdem ganz gut wach. Als Alternative bot sich Jägermeister-Kaba an – ernsthaft. In der Eisdiele Venezia bestellten wir Kreationen mit Haselnusslikör oder chlorblaue Swimmingpoolcocktails. Mädchen, jedenfalls die, die keine Kalorien zählten, mochten Bananenweizen, Baileys auf Eis und Rotkäppchen-Orange. Die beiden Klassenpunks mochten ihre Rezeptur mit Wodka und aufgelösten Wick-Hustenbonbons, die ich aus Coolnessgründen auch einige Male mittrank, wobei das selbst mir zu krass war. (Wenn man es genau betrachtet, war das die Vorwegnahme jener Hustensaftcocktails, mit denen Millennials sich heute gerne das Licht im Oberstübchen auspusten.) Alle mochten Tequila aus der Flasche mit dem lustigen Plastikhut auf dem Deckel, vor allem das dazugehörige Ritual, Zimt oder Salz auf die Hand zu klopfen und in eine Zitrusfrucht zu beißen, wobei ich die Goldversion mit Orange klar bevorzugte. Die entsprechenden Partys hießen »Lichtschachtorgie« oder »Apollo 12 – Wir schießen uns ins All«. Oft tranken wir aber auch einfach die Erzeugnisse lokaler Brauereien. In der Dorfdisco kostete das Beck’s drei Mark, auf Dorffesten noch weniger. Mädchen wurden praktischerweise oft eingeladen. Als vom kümmerlichen Taschengeld abhängige Schwäbinnen wussten wir es natürlich zu verhindern, dass uns auf halbem Weg zum Rausch das Geld ausging. Vorglühen hieß die aus heutiger Sicht befremdliche Praxis, im Vorfeld einer Party bei jemandem zu Hause exakt so viel Alkohol zu konsumieren, dass man den eigentlichen Abend im perfekten Rauschzustand startete, wobei natürlich der Weg miteinbezogen werden musste – was hätten wir damals für die Berliner Kulturtechnik des Späti-Wegbiers gegeben – und die immer unvermeidbare Konfrontation mit jenen Erziehungsberechtigten, die an diesem Abend mit Fahren dran waren. Wie wir an die Getränke kamen, erinnere ich nicht. Wahrscheinlich war immer irgendjemand schon volljährig genug, damit wir voll werden konnten. Die Jungs tranken Bier aus Sixpacks, die bei Kaufland gerade im Angebot waren, wir Mädchen Sekt oder Batida-Kirsch, anfangs jedenfalls.

Schon bald entdeckte ich die segensvolle Wirkung von Schnaps. Eine Zeitlang war Chantré 28 das Getränk meiner Wahl, dann die in der familienfreundlichen Vorratspackung erhältlichen Minischnäpse. Einmal füllte ich zur Faschingszeit meine H&M-Fake-Ledertasche mit einer ganzen Palette Kleiner Feigling, das werden so dreißig Stück gewesen sein, und ging damit auf den Nachtumzug. Viele andere Male wickelte ich Asbach-Uralt- oder Wodka-O-Flaschen – seltsamerweise nie Wein – in Übergangsjacken und schmuggelte sie so erfolgreich in Discos und Festzelte jeder Art. Hätte es damals in meinem Dorf Flatratepartys gegeben, ich wäre die allererste Gästin gewesen. In den frühen Zweitausendern ging ihretwegen ein Aufschrei durch die Medien, weil sie Schuld seien an Alkoholvergiftungen und Türöffner für eine mögliche Sucht. Das Prinzip ist schnell erklärt: Einmal Eintritt zahlen – Mädchen in der Regel weniger als Jungs –, dann saufen, bis der Arzt kommt. Manchmal im wörtlichen Sinn, wie im Fall jenes Sechzehnjährigen, der nach dem Konsum von über fünfzig Tequilas mit knapp fünf Promille im Krankenhaus verstarb, eine Geschichte, die es damals, im Jahr 2007, bis an unseren Abendbrottisch schaffte 29 . Für mich wäre ein solcher Deal besonders gefährlich gewesen, schließlich will die Schwäbin etwas haben für ihr Geld – man muss nur mal schauen, wie sich meine Landsleute beim All-you-can-eat-China-Büfett den Bauch vollschlagen, als gäbe es kein Morgen. Wie es auf so einer Flatratesaufparty zugeht, beschreibt Lara Fritzsche sehr ansehnlich in der Zeit:

»Man merkt dem beinahe ausschließlich deutschen Publikum an, dass es nüchtern ist und gut erzogen. Hier stehen keine Problemkinder, keine Jugendlichen, zerrissen zwischen zwei Kulturen, keine Schwererziehbaren ohne Perspektive. Hier wartet der Gymnasiast von nebenan auf seinen wohlverdienten Vollrausch nach einer harten Woche Werther-Analyse im Deutsch-Grundkurs. (…) Und auf der Toilette, dem Ort der Wahrheit? Finden sich hier Koma-Säuferinnen kurz vorm Kollaps? Es ist übervoll und brechend heiß. Eine junge Frau hängt über dem Waschbecken, sie spritzt sich Wasser ins Gesicht. Ihr Mascara ist verschmiert, und ihre Augen sind gerötet. (…) Warum sie manchmal übertreibt? ›Ein bisschen Spaß antrinken. Das Wochenende ist doch die einzige Gelegenheit, wo man mal auf die Kacke hauen kann‹, sagt sie. Mit dem Kopf über der Schüssel zu hängen mache ihr nichts aus. Am Montag müsse sie doch schon wieder funktionieren, im Job, zu Hause mit den Eltern und bald auch noch an der Uni. Wenn sie weggeht, will sie endlich die Kontrolle abgeben und die gute Erziehung zu Hause lassen. In der Schicht, aus der sie kommt, lernt man nur, sich zu benehmen. Den Mut, sich auch mal danebenzubenehmen, muss man sich erst antrinken.« 30

Wir wissen inzwischen, dass Alkohol nicht mutig macht, sondern die Hemmschwelle senkt, ein ziemlicher Unterschied. Mindestens so sehr geht es um jene pubertäre Energie, wie auch ich sie im Übermaß verspürte. Hätte sie nicht ein anderes Ventil finden können? Sport zum Beispiel? Nicht dass ich es nicht probiert hätte, von Leichtathletik und Volleyball über Basketball, Boxen und Bogenschießen bis hin zu Ballett (nur der Rock-’n’-Roll-Tanzkurs blieb mir verwehrt, weil ich keinen männlichen Partner hatte). Leider alles nichts. Vielleicht was Kreatives? Eine Zeitlang malte ich Roy-Lichtenstein-Comics auf Leinwände oder bastelte im Kunstunterricht aus Holzscheiten Männerskulpturen mit Kondom in der aufgeklebten Hosentasche, deren künstlerische Aussage meinen Lehrer nicht überzeugen konnte. Jenen Lehrer übrigens, von dem es hieß, sein Auto quelle über vor leeren Bierflaschen.

I felt him: Saufen erwies sich nun mal als eine sehr befriedigende Freizeitbeschäftigung. Es stimulierte meinen Geist, riss die Grenzen meines Dorfs nieder und verlieh mir ein süchtig machendes Gefühl von Rebellion. Was ich damals nicht wusste und meine Eltern wahrscheinlich auch nicht: dass in der Jugend der Grundstein für den späteren Umgang mit Alkohol gelegt wird. Je früher jemand anfängt, desto höher ist das Risiko einer Abhängigkeit. Dasselbe gilt für die Regelmäßigkeit. Einer Studie aus den USA zufolge sind bestimmte Gehirnbereiche regelmäßig betrunkener Jugendlicher auffallend beeinträchtigt. 31

Was meine Eltern allerdings sehr wohl mitbekamen, war das Katerelend eines Teenagers, der den Sonntagsspaziergang mehr durchleidet als durchlebt. Meine Mutter jedenfalls, denn mein Vater lebte da schon längst in einer Hunderte Kilometer entfernten Stadt. Natürlich gab es Diskussionen über die Wochenendbesäufnisse und mit zunehmendem Alter bitterböse Streitereien – von meiner Seite aus fehlte nicht viel, und ich hätte mit Flaschen geworfen –, aber keine Drohung meiner Mutter zeigte je eine Wirkung, ich tat einfach immer, was ich wollte. Regelmäßig fiel der Satz, es fehle der männliche Erziehungspart, was auch damit zu tun hatte, dass die Kommunikation zwischen meinen Eltern nicht die beste war. Genau genommen bekam mein Vater von meiner Rebellion kaum etwas mit, weil ich mich bei seinen Besuchen stets in die kleine Prinzessin zurückverwandelte, die ich früher gewesen war, und weil es dort, bei ihm, keine Ausgehoptionen gab. Selbst als ich später, mit siebzehn, achtzehn, mit ihm und meiner Stiefmutter Wein zum Essen trank, übertrieb ich es erst, nachdem die beiden schlafen gegangen waren. Bei meinem Vater war ich eine heimliche Trinkerin, bei meiner Mutter das Gegenteil.

Es dürfte inzwischen klar geworden sein, wie leicht es für uns alle damals war, an Alkohol zu kommen. Meine subversive Energie führte dazu, dass ich mit vierzehn mithilfe einer Schreibmaschine meinen Schülerausweis auf sechzehn fälschte und damit durchkam. Wichtig vor allem, wenn es um den Einlass jener quartalsweise in Mehrzweckhallen stattfindenden Coverrockbandkonzerte ging, auf die meine Clique und ich so sehnsüchtig hinfieberten. War man erst mal drin in der Mehrzweckhalle, lief der Rest im wahrsten Sinn des Wortes wie von selbst. Oft standen Mitglieder des Narrenvereins oder der freiwilligen Feuerwehr hinterm improvisierten Bartresen. Natürlich kannten sie unser Alter, es wurde ein Auge zugedrückt und mit dem anderen verschwörerisch zugezwinkert: halt nicht übertreiben, gell. Sollte sich doch jemand weigern, uns Vierzehn-, Fünfzehnjährige zu bedienen, schickten wir einfach einen der Älteren vor. Das funktionierte natürlich auch hervorragend bei Einkäufen für Hauspartys oder Carportgeburtstagsfesten. Daran, dass der Alkohol mal ausgegangen wäre, kann ich mich nicht erinnern. Umso besser an meinen eigenen unbedingten Willen zum Rausch. Als einer meiner Freunde am Waldrand seinen sechzehnten Geburtstag feierte, mit röhrenden Mofas und schwäbischem Kartoffelsalat von Plastiktellern, schüttete ich kurz nach Ankunft eine Dreiviertelflasche Sekt auf ex in mich hinein. Kurze Zeit später, es war noch nicht mal dunkel, kotzte ich ins Lagerfeuer, »meterweit«, wie sich einige der Anwesenden rückblickend erinnern. Dann wankte ich nach Hause in mein Kellerkinderzimmer.

Nichts lag uns ferner als Genusstrinken, immer war alles auf den möglichst sofort einsetzenden Rausch ausgelegt. Hilfreich dabei waren Trinkspiele. Das ging natürlich nur, wenn jemand sturmfrei hatte, aber bei zehn Leuten war das eigentlich immer der Fall. Wir tranken aber auch in der Öffentlichkeit, neben jenem Bauwagen, den die Mutter eines Freundes so waldorfschulenmäßig mit Blumen angemalt hatte, unter der Quarterpipe neben dem Fußballplatz (für eine Halfpipe hatte der Dorfetat wohl nicht gereicht), sogar in der Schule, zum Beispiel am letzten Tag vor den Weihnachtsferien, als mein bester Freund Glühwein statt Punsch in seiner Thermoskanne mitbrachte. Sobald es legal war, also mit sechzehn, trank ich sonntagabends beim Nachbardorfgriechen zum Dorfsalat zwei Viertele, also einen halben Liter Wein. Ich erinnere mich gut, wie meine Mutter jedes Mal bei der zweiten Bestellung seufzte: »Muss das sein?«, schon auch des Geldes wegen. Meine Oma schaufelte derweil die übrig gebliebenen Pommes in den eigens dafür mitgebrachten Gefrierbeutel.

Alle zehn Sekunden stirbt weltweit ein Mensch durch Alkohol, 2016 waren es drei Millionen, mehr als durch Verbrechen, Verkehrsunfälle und illegale Drogen zusammen. Alkohol ist die einzige psychoaktive, süchtig machende Substanz, die keinen einheitlichen Regeln unterliegt. Etwa 5 Prozent der weltweiten Bevölkerung über fünfzehn Jahre hat deren Konsum nicht unter Kontrolle. 13,5 Prozent der Todesfälle von Menschen zwischen 20 und 39 waren darauf zurückzuführen. 32 Aber, hey, Alkohol ist doch ein Kulturgut! Und das seit 10 000 Jahren. Der Ursprung des Weins liegt in Persien, die dazugehörige Sage geht so: Nach einer üppigen Ernte lagerte König Dschamschid die Trauben im Keller. Als sie zu gären begannen, glaubte er an das Werk böser Geister und verhängte ein allgemeines Kellerverbot. Seiner von chronischer Migräne geplagten Frau kam das ganz recht, sie plante mit dem Teufelszeug Selbstmord zu begehen. Anstatt zu sterben, verschwanden Arnewas’ Kopfschmerzen jedoch an Ort und Stelle. Glückliches Königspaar, Beginn der Weinkultur. 33 Auch die alten Ägypter ergötzten sich an Honigwein und legten toten Pharaonen Hunderte entsprechender Gläser mit ins Grab. Im Mittelalter war Wein verschmutztem Grundwasser definitiv vorzuziehen, auf dem Speiseplan stand zudem Biersuppe, auch für Kinder, und manchen Mönchen standen täglich fünf Liter Bier zu. Stichwort Kirche: Eine stattliche Menge floss auch die Kehlen der Gläubigen hinunter, schließlich steht vergorener Traubensaft für das Blut Christi, und bekanntlich war es Jesus selbst, der Wasser in Wein verwandelte. 34 Dann kam der Schnaps. 1750 wurde in Rheinhessen die erste Kartoffelbrennerei gegründet. Von 1800 bis 1840 stieg in Preußen der jährliche Konsum reinen Alkohols von zwei auf acht Liter, in Brandenburg auf dreizehn. Das Ideal des Nationalsozialismus hingegen war der abstinente Arier, der seine Manneskraft nicht durch Rausch zerstört. Hitler beispielsweise trank gar nicht. Dennoch soffen die Leute, besonders die Höhergestellten: Die Nürnberger Parteitage beispielsweise arteten regelmäßig in »Trunkenheitsexzesse« aus, wie die Historikerin Dorothea Schmidt trocken bemerkt. 35 Nach Kriegsende standen die Zeichen auf Wirtschaftsaufschwung, die Fünfzigerjahre waren nicht nur die Zeit der Mettigel, sondern auch von Cognac und Co. Erst seit 1968 gilt Alkoholismus in Deutschland offiziell als Krankheit. 36

Heute ist Alkohol in erster Linie ein Wirtschaftsfaktor. Der Dokumentation Alkohol, der globale Rausch zufolge sind drei Millionen europäische Arbeitsplätze an die Weinproduktion geknüpft, dem wichtigsten Exportmarkt im Lebensmittelbereich. 37 11 Milliarden Euro bringt die Ausfuhr von Spirituosen pro Jahr, es fällt der Begriff »Kronjuwelen im Exportsektor«. Zwei Drittel der Gewinne gehen dabei auf jene Menge zurück, die von der WHO als gesundheitsschädigend eingestuft wird. In Deutschland sind die durch Alkoholschäden verursachten Kosten zehnmal höher als die Steuereinnahmen. Eine Milchmädchenrechnung? Nein, vielmehr fließen die Einnahmen direkt in die Staatskasse, während die Ausgaben nur die Renten- und Krankenkassen treffen – und das Individuum. Oder wie es der Drogenexperte David Nutt formuliert: Steuereinnahmen sind unmittelbar, während die gesundheitlichen Schäden erst mit jahrelanger Verzögerung zutage treten und die meisten Politikerinnen und Politiker bekanntlich nicht über die nächste Legislaturperiode hinausdenken. Nutt ist es auch, der von einer vom Spirituosengiganten Diageo gesponserten Party im Londoner Parlament berichtet. Angesichts ihrer Hemmungslosigkeit hatte dessen Kollege sie für die Weihnachtsfeier gehalten, aber nein: Es handelt sich um einen lockeren After-Work-Umtrunk, der jeden zweiten Donnerstag stattfindet. 38

In Deutschland sieht die Situation kaum besser aus. Fast elf Liter reinen Alkohol trank jeder und jede im Jahr 2018. 39 Im selben Jahr galten dem Bundesgesundheitsministerium zufolge 1,6 Millionen Menschen als abhängig, und 6,7 Millionen konsumierten Alkohol in gesundheitlich riskanter Form 40 , darunter fast 1,5 Millionen Mütter. 41 Verglichen mit den Zahlen der letzten Jahrzehnte ist ein Rückgang zu beobachten, allerdings kann von Entwarnung keine Rede sein, sie sind nämlich immer noch höher als der europäische Durchschnitt.

Die Bundeszentrale für Gesundheit geht von über einem Viertel der erwachsenen Bevölkerung aus, das mindestens an der Schwelle zum Alkoholismus steht. 42 Lassen wir das kurz sacken: Von zwanzig Partygästen haben fünf ein massives Problem, es bei zwei Gin Tonics zu belassen. Vierzig Deutsche sterben jeden Tag durch Alkohol 43 , mehr als im Verkehr. Wir leben in einem Hochkonsumland. Klingt unsexy? Wie wäre es mit »Hopfen und Malz, Gott erhalt’s«? In Bayern zählt Bier faktisch als Grundnahrungsmittel, Daytime-Drinking heißt dort Frühschoppen. Auch außerhalb des Freistaats bieten manche Kantinen zur Currywurst ein Helles an. Sogar die sonst immer grundvernünftige Angela Merkel findet, dass ein Glas Wein doch zum Abendessen dazugehöre. 44 Das Bundesgesundheitsministerium formuliert es so: »In der Gesellschaft herrscht eine weit verbreitete unkritisch positive Einstellung zum Alkohol vor.« 45 Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen Alkohol rund um die Uhr verfügbar ist. Wer mal in Skandinavien war, kennt die staatlich reglementierten Spirituosengeschäfte, mit festen Öffnungszeiten und fetter Besteuerung. Nun könnte man einwenden, es sei ja wohl egal, wann Leute ihren Alkohol kaufen, wer auf Nummer sicher gehen will, legt eben Preppervorräte an. Tatsächlich zeigen Modellstudien, dass der Absatz bei festen Geschäftszeiten sehr wohl zurückgeht, genau wie die Zahl von Gewalttaten. 46

Auch Werbung hat einen enormen Einfluss. Die Hälfte aller Zwölfjährigen kann Alkoholmarken anhand ihrer Slogans sicher zuordnen. Je mehr Werbung Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind, desto mehr konsumieren sie. 47 Hierzulande beläuft sich das Alkoholwerbebudget auf über 600 Millionen Euro. 48 Zum Vergleich: Bei Aufklärungskampagnen über die Folgen von Abhängigkeit sind es 10 Millionen Euro. 49 Anders als in vielen anderen Ländern gibt es kaum Regeln, in welcher Form Alkohol beworben werden darf. Vor allem die das Internet betreffenden sind ein Witz, ausgerechnet da, wo junge Menschen quasi vogelfrei unterwegs sind. Man nehme nur den Sport: Von der Wodka-Gorbatschow-Bandenwerbung im Fußballstadion bis hin zum vor der Champions League geschalteten Krombacher-Spot: Unbewusst setzt sich so die Erkenntnis fest, die Kombination von Alkohol und körperlicher Ertüchtigung sei eine gute Sache. 50

Durch die Coronapandemie hat sich unser Alkoholproblem noch mal zugespitzt, den Empfehlungen der WHO 51 zum Trotz. Bis zu einem Drittel gab an, mehr als sonst getrunken zu haben. 52 Alkohol tröstet und scheint zunächst gegen Ängste zu helfen, auch wenn er diese langfristig verstärkt. Zwar konsumierten die sozial Trinkenden während des Lockdowns tendenziell weniger, schließlich waren Bars, Kneipen und Restaurants geschlossen. Diejenigen hingegen, die sich schon früher öfter mal ein Bier allein zu Hause aufgemacht haben, liefen Gefahr, diese Gewohnheit zu intensivieren.

Die spannende Frage ist, ob all diese Menschen früher oder später sowieso ein Alkoholproblem entwickelt hätten. Anlass zur Sorge besteht so oder so. Alkohol verstärkt Depressionen und Angstzustände, Selbstzweifel und Einsamkeit. Alles Dinge also, mit denen die meisten Menschen spätestens im Jahr 2021 Bekanntschaft machten. Manch eine stellte in dieser seltsamen Zeit vielleicht fest, dass sie entspannt auf ihren Whiskey on the Rocks verzichten kann, manch anderer, wie wichtig das abendliche Bier ist. So oder so verstärkte die Coronapandemie ein Problem wie unterm Brennglas: wie fest Alkohol in der deutschen Gesellschaft verankert ist und wie viele Menschen damit leider nicht so gut klarkommen.

Kein Wunder, dass parallel zur Auslastung der Intensivstationen auch die Zahl derjenigen stieg, die wegen ihres Alkoholkonsums professionelle Hilfe suchten. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten konnten sich vor Anfragen nicht retten, Suchtkliniken sprachen von regelrechten Anstürmen. In meinem persönlichen Umfeld hörte ich oft den Satz: »Ich trinke mehr als früher«, in Sichtweite der wachsenden Altglasberge. Neben den offensichtlichen Gründen – Trost, Durchhaltemotivation, Langeweile – ist einer davon auch: weil man’s kann. Im Homeoffice bleibt ein Kater unentdeckt, ebenso wie die Tatsache, dass man seine Mittagspause mit einem Glas des sowieso offen im Kühlschrank stehenden Sancerre begeht. Das offizielle Pendant ist das digitale Zoom-Feierabendbier.

2020 war der Umsatz alkoholischer Getränke in Deutschland mit knapp 38 Millionen Euro auf einem historischen Tiefstand, weil selbst der gestiegene Konsum zu Hause den Wegfall der Gastronomie nicht ausgleichen konnte. In den kommenden Jahren soll er wieder stark steigen, auf fast 55 Millionen Euro im Jahr 2025, mehr als in den zehn Jahren zuvor. 53

Je länger ich recherchierte, desto mehr gelangte ich zur Überzeugung: Man könnte sehr wohl etwas am Umgang mit Alkohol ändern. Man will bloß nicht. Erwiesenermaßen reduzieren höhere Preise, weniger Werbung und ein zeitlich eingeschränkter Alkoholverkauf nachweislich den Konsum. 54 Oder das Beispiel Alkopops: Durch massive Besteuerung haben sie für die meisten Jugendlichen jeglichen Reiz verloren. 2017 beliefen sich die daraus resultierenden Steuereinnahmen auf weniger als ein Viertel im Vergleich zu 2005. 55 Ohne mir den Aluhut aufsetzen zu wollen (ruiniert die Frisur), glaube mittlerweile auch ich, dass die Politik sich ganz bewusst dagegen entscheidet, einen entscheidenden Beitrag zur Gesundheit ihrer Wählerinnen und Wähler zu leisten.

Abgesehen von Steuereinnahmen – im Jahr 2020 waren es 2,2 Milliarden Euro 56  – regiert eine starke Lobby mit, die ihre Arbeit gerne wissenschaftlich untermauert. Da ist beispielsweise die von Anheuser-Busch und diversen Brauereien geförderte ERAB-Stiftung (European Foundation for Alcohol Research) 57 , deren Studienergebnisse zur Auswirkung von Budweiser und Co man sich lebhaft vorstellen kann. Unter anderem kommen die Forschenden zum Schluss, Bier enthalte Vitamine und stärke die Knochen. Großer Unsinn, findet Helmut Seitz, Direktor des Alkoholforschungszentrums Heidelberg: »Die ERAB blendet Gesundheitsrisiken wie Krebs und Leberzirrhose bewusst aus (…). Da stecken natürlich Interessen dahinter.« 58 Gleiches gilt für die vom Bund finanzierte Arbeitsgruppe zur Alkoholprävention, der Briefe vom Brauereiverband und dem Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie ins Haus flatterten mit der Bitte, Alkoholwerbung nicht noch weiter zu reglementieren, und dem Vorschlag, doch lieber auf Prävention zu setzen statt auf erhöhte Alkoholsteuern: »Wir würden uns freuen, wenn es möglich wäre, unsere Argumente in der weiteren Diskussion zu berücksichtigen.« 59 Die Politik gibt sich gerne volksnah, und das heißt in diesem Land nun mal trinkfreudig. Der ehemalige Bundesernährungsminister Christian Schmidt hält Grußworte in Weindörfern und bei Jungweinproben. 60 Seine Nachfolgerin Julia Klöckner lehnte das schottische Modell eines Mindestpreises ab mit der Begründung: »Wein schadet der Gesundheit nicht, wenn man ihn maßvoll genießt.« 61 Die letzte Politikerin, die ernsthaft an der deutschen Alkoholpolitik rüttelte, wurde regelrecht aus dem Amt gejagt, außerdem erhielt Sabine Bätzing-Lichtenthäler Morddrohungen wegen ihrer Ideen, die Promillegrenze für Autofahrer auf 0,3 zu senken oder die Biersteuer zu erhöhen. 62

Dabei geht es auch anders. Teil der schottischen Drink smarter-Kampagne ist die App Drinking Mirror, die zeigt, welche sichtbaren Spuren ein hoher Alkoholkonsum hinterlässt. Man lädt ein Foto von sich hoch, gibt seine Trinkgewohnheiten an und bekommt eine gealterte Version von sich zu sehen, Trinkernase inklusive. 63 Oder Australien: Nachdem dieses lange Zeit zu den absoluten Hochkonsumländern gehörte, sehen heute vier von fünf Bürgerinnen und Bürgern Alkohol als Problem. 64 Das könnte auch der Verdienst von Chris Raine sein und seiner 2009 ins Leben gerufenen Initiative Hello Sunday Morning, die Menschen dabei helfen will, ihren Umgang mit Alkohol zu überdenken beziehungsweise zu ändern. Die gleichnamige App ist für australische Staatsbürger kostenlos. 65 Scheint zu wirken: Der Absatz alkoholfreier Biere hat sich 2021 verdoppelt, ebenso die Zahl der abstinent lebenden 18- bis 24-Jährigen. 66

Noch bemerkenswerter ist das Beispiel Island. Als Reaktion auf das massive nationale Alkoholproblem verschrieben sich alle Parteien Ende der Neunziger dessen Bekämpfung. Werbung wurde komplett verboten, der Verkauf auf spezielle Geschäfte beschränkt. Im Fokus der Präventionsmaßnahmen lag die Jugend, der seither zehn Prozent des Haushaltsbudgets zugutekommt. Musik- und Kunstvereine, Tanzgruppen, Mannschaftssport und alle möglichen natural highs sollen dafür sorgen, den Zeitpunkt des ersten Rauschs so lange wie möglich hinauszuzögern. Mit Erfolg: 1998 waren 42 Prozent aller isländischen 15-Jährigen mindestens einmal im Monat betrunken, 2019 nur noch fünf Prozent. 67 Nirgendwo in Europa konsumieren junge Menschen so wenig Alkohol, Zigaretten und illegale Drogen. Und nirgendwo trinken sie mehr als in Dänemark. Am offensichtlichsten in Form jener Festwagen, auf denen volltrunkene Schulabgänger durch den öffentlichen Raum marodieren. Ab der neunten Klasse ist Alkoholtrinken offiziell erlaubt, viele Gymnasien haben eigene Bars. Bei dieser Sozialisierung wundert es nicht, dass 37 Prozent der Erwachsenen einen »regelmäßig hohen Konsum« angeben 68  – und ihre Lebenserwartung eine der niedrigsten Westeuropas ist. 69 Gleichzeitig gelten die Dänen als das glücklichste Volk. Genau diesen Widerspruch greift der Film Der Rausch auf, den ich mir an einem feuchtfröhlich-nüchternen Sommerabend im Kino ansah. Ich mochte seine Ambivalenz, dass er trotz scharfer Kritik auf die Moralkeule verzichtet. 70 Was nicht heißt, dass es keine drastischen Szenen gibt, allen voran jene, in der Hauptdarsteller Mads Mikkelsen verwundet und volltrunken morgens vorm Haus seiner Nachbarn zum Liegen kommt, weil er es für sein eigenes hält. Sein Sohn bringt ihn dann ins Bett.

Werfen wir einen Blick nach England. 2010 sorgte eine britische Studie für Aufsehen, die zwanzig Drogen auf ihren Schaden für die Konsumierenden und die Gesellschaft untersuchte. Gefragt waren die Abhängigkeits- und Sterblichkeitsrate ebenso wie die Kosten für das Gesundheitssystem und der Einfluss auf die Kriminalstatistik. Zwar machen Tabak und Crack schneller abhängig, aber wenn man alle Kategorien zusammenrechnet, ist das Ergebnis eindeutig. Sieger mit 72 von 100 Punkten ist König Alkohol. Es folgen Heroin (55 Punkte) und Crack (54), dann Crystal Meth (33) und Kokain (27). Am wenigsten schädlich sind demnach Ecstasy, LSD und Magic Mushrooms. 71 Um sicherzugehen, dass England mit seiner Pubkultur kein Extrembeispiel darstellte, wurde die Studie auf zwanzig weitere europäische Länder ausgeweitet: gleiches Ergebnis. Leiter der Studie war Professor David Nutt, der bis 2009 die britische Regierung in Sachen Drogenpolitik beriet und weiter oben schon mal von den After-Work-Partys im Londoner Parlament zu berichten wusste. Einen Tag nach Veröffentlichung der Studie wurde er entlassen. 72

In Deutschland plant die Ampelkoalition die Legalisierung von Cannabis, das in Lancets Studie auf 20 Punkte kommt. Ich persönlich stehe dem zwiespältig gegenüber: Einerseits weil ich weiß, dass Illegalität den Konsum nicht verhindert, sondern Konsumentinnen genauso wie Vertreiber in Nöte bringt; dass es in bestimmten Fällen einen medizinischen Nutzen hat und die Langzeitfolgen selbst bei exzessivem Konsum milder sind als die von Alkohol. Andererseits ist erwiesen, dass vor allem Jugendliche ein erhöhtes Abhängigkeitspotenzial haben 73 und Cannabis oft als Einstiegsdroge funktioniert. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: Keine Kombination ist mir in den Gruppenstunden der Suchttherapie öfter begegnet als die von Saufen und Kiffen.

An meinen ersten Joint kann ich mich sehr gut erinnern. Ich war fünfzehn oder sechzehn und zu Besuch in der Gartenhütte eines Bekannten. Es war die Britpopphase, wir hörten Oasis, probierten es mit Guinness und landeten doch wieder bei Beck’s. Illegale Drogen waren bis dahin in meinem Umfeld kein Thema gewesen, im Gegenteil: Mit einer scheinheiligen Verachtung blickte das Dorf auf alle herab, die etwas anderes konsumierten als Ethanol. Mit elf machte ich mir in meinem Tagebuch Sorgen um meinen kiffenden Schwarm: »Er nimmt eine der stärksten Drogen, die es gibt! Er denkt, dass er so seine Probleme lösen kann! Wahrscheinlich wird er nicht mal zwanzig!« Und dann, einige Jahre später in der Gartenhütte, war da plötzlich dieser Joint, aus Mangel an Papers aus einer ausgerissenen Bibelseite gedreht. Jesus, was für eine Pointe! Wie so viele spürte ich erst mal kaum was und hakte die Sache damit als erledigt ab. Erst einige Jahre später in Berlin war Kiffen en vogue, eine Zeitlang fast jeden Abend in unserer purple haze-farbenen WG-Küche. Inzwischen merkte ich sehr wohl was, sogar so viel, dass ich beim Ziehen penibel mitzählen musste. Einmal: leichte Beruhigung. Zweimal: beginnendes Benommensein. Dreimal: Lachanfall und/oder Wortfindungsstörungen. Viermal: Bett. Ich habe diese Abende als sehr lustig in Erinnerung, toll auch, dass darauf kein Kater folgte, höchstens ein matschiger Kopf. Wir lachten zum hundertsten Mal über Napoleon Dynamite oder The Big Lebowski, stopften uns fressflashbedingt mit Keksteigeis voll, und manchmal gingen wir sogar noch tanzen. Einige Jahre lang ging das gut. An meinen letzten Joint erinnere ich mich fast so gut wie an den ersten. Ich besuchte meine Freundin in Wien, wir hatten mehr gekifft als sonst, und am nächsten Tag fühlte ich mich, als würde mir die Macht über meine Gedanken entgleiten. Es waren nicht direkt Stimmen in meinem Kopf, aber etwas außerhalb meiner selbst, ein Klopfen an einer Tür, die ich auf keinen Fall öffnen wollte. Seither habe ich nie wieder gekifft.

»Abhängigkeit«, so der Neurowissenschaftler Marc Lewis, »ist ein Haus mit vielen Türen.« 74 Gibt es so etwas wie eine Suchtpersönlichkeit? Darüber streitet die Wissenschaft. Die einen glauben, eine Art Trinkergen entdeckt zu haben, also die genetische Disposition für eine Abhängigkeit. Die anderen sehen die Gründe für eine Abhängigkeit in den äußeren Umständen, insbesondere jenen der ersten Lebensjahre. Demgegenüber steht die These, dass Alkohol mit seinem hohen Suchtpotenzial von niemandem wirklich sicher konsumiert werden kann. Stellen wir uns ein ethisch natürlich völlig unkorrektes Experiment vor. Wer von einem möglichst jungen Alter an täglich eine Menge x Alkohol konsumiert, mindestens mehr als die von der WHO empfohlene 75 , der wird irgendwann zwangsläufig abhängig werden. Als Beleg dieser These zitiert Daniel Schreiber in seinem wegweisenden Buch Nüchtern. Über das Trinken und das Glück die sogenannte Grant-Studie, die 268 US-Bürger jahrzehntelang begleitete. 76

Die Erkenntnisse über Alkohol ergaben sich eher zufällig im Hinblick auf Ess- und Trinkgewohnheiten, sind dafür aber umso bezeichnender:

»Während Sie noch studierten, unterschieden sich die zukünftigen Alkoholiker überhaupt nicht von den zukünftig normal trinkenden Männern. Die Alkohol missbrauchenden Teilnehmer der Studie – 58 Prozent unter ihnen verloren erst nach dem 45. Lebensjahr die Kontrolle über das Trinken – wiesen anfänglich nicht mehr Persönlichkeitsstörungen auf als diejenigen, die später sozial tranken. Es gab zwar einige Studienteilnehmer, die schon früh Probleme mit Bindungsfähigkeit, Angstzuständen, Aggressionen und dem Aufschub der Bedürfnisbefriedigung hatten. Diese Persönlichkeitsmerkmale waren jedoch kein signifikanter Indikator dafür, dass die betroffenen Jugendlichen später alkoholkrank wurden. Allerdings wurden sie bei fast allen Teilnehmern zur Regel, sobald sie anfingen, Alkohol zu missbrauchen.« 77

Zwei Faktoren schienen Alkoholmissbrauch zu begünstigen: eine genetisch bedingte Desensibilität, also die körpereigene Fähigkeit, Alkohol besser zu vertragen, und ein dem Alkohol gegenüber positiv eingestelltes soziales Umfeld. Es gibt auch niedrigere Schätzungen zum genetischen Einfluss, Daniel Schreiber zitiert hingegen eine Studie, die auf 40 bis 60 Prozent kommt. 78 Und der Rest? Viele Suchtexpertinnen und – experten meinen, es sei nicht der Alkohol selbst, von dem wir nicht lassen können, sondern das davon erzeugte Gefühl des Ganzseins. Dafür spricht, dass Menschen nach praktisch allem süchtig werden können, Essen, Sex, Computerspiele – oder Klassik-CDs. In der Hochphase seiner Sucht gab Gabor Maté dafür achttausend Dollar pro Woche aus. Es sei vorgekommen, dass er als Geburtshelfer Frauen in den Wehen liegen gelassen habe, um zum Musikgeschäft zu eilen, wie er in seinem TED-Talk erzählt. 78 Heute ist er einer der weltweit angesehensten Experten ausgerechnet auf jenem Gebiet, das ihm selbst so zu schaffen machte. Ihm zufolge muss die Frage nicht lauten, was Sucht einem nimmt, sondern, was sie einem gibt: Erlösung vom Selbst und Seelenfrieden, wenn auch nur für kurze Zeit. Ihr Ursprung liege stets in einem Mangel beziehungsweise einem kindlichen Trauma, wobei sein eigenes daher rühre, dass er als 1944 in Budapest geborener Jude den Einmarsch der Wehrmacht miterlebte. Viele seiner Patientinnen und Patienten hätten Missbrauchserfahrungen gemacht oder andere schwere psychische und physische Verletzungen erfahren.

Ich bin überzeugt, dass Süchte auch einen weniger dramatischen Ursprung haben können, insbesondere in unserer gegenwärtigen hochtechnologischen Welt, die Glück so oft über Konsum definiert. Nicht jeder Mensch, der eine Abhängigkeit entwickelt, hatte eine schlimme Kindheit. Schön waren an meiner eigenen die behütete Umgebung, die Nachbarn, bei denen man immer klingeln konnte, die ungeteilte elterliche Liebe zum Einzelkind, die Fürsorge einer Großmutter, die mich als das Beste in ihrem Leben bezeichnete. Nicht so schön war die Trennung meiner Eltern, auch wenn mein Vater schon vorher aufgrund eines weit entfernten Arbeitsplatzes die meiste Zeit nur am Wochenende zu Hause war. Den Tag, an dem er auszog, habe ich als einen der schlimmsten überhaupt in Erinnerung. Bis weit in meine Zwanziger hinein ließ ich die These des psychisch angeknacksten Scheidungskindes allerdings überhaupt nicht gelten. Inzwischen glaube ich, dass es sehr wohl etwas mit mir und meiner eigenen Bindungsfähigkeit gemacht hat. Und doch: Trotz seiner physischen Abwesenheit war mein Vater immer für mich da und ist es bis heute. Es ist dieses so ist es, dieses und doch und jenes aber dennoch, das möglicherweise meinen eigenen, von Gabor Maté beschriebenen Mangel begründet. In der Pubertät äußerte er sich in Form von Selbstzweifeln, Perfektionsstreben, dem Wunsch, dünn zu sein, und einer extremen Fixierung auf das andere Geschlecht. Ich war wütend, ich war bedürftig, ich wollte gesehen werden. Trinken schien die Lösung für vieles zu sein, nicht zuletzt eine Art Strafe für meine alleinerziehende Mutter, der ich – wer weiß das schon? – vielleicht unbewusst die Schuld an der Trennung gab.

Und doch: Alle Eltern machen Fehler und viele trotzdem vieles richtig. Und selbst Kinder aus völlig intaktem Elternhaus sind nicht vor Süchten geschützt, weil ein Mangel so verschiedenen Ursprungs sein kann. Suchtexperte Maté findet das Bild eines buddhistischen Geistes mit riesigem Bauch und schmaler Kehle, der immerzu isst und doch niemals die innere Leere füllen kann. So, sagt der Ungar, geht es den Menschen in unserer Gesellschaft. Wir sind hungrig, ohne zu wissen, wonach, wir werden nicht satt, obwohl wir es beständig versuchen. Auch das Gefühl des Sich-nach-etwas-Sehnens – oft ohne zu wissen, wonach genau – kann süchtig machen.

Komischerweise wurden andere Drogen für mich nie zum Problem, obwohl ich das Versprechen Berlins beim Wort genommen habe. Da waren LSD-Trips mit Bob-Ross-Videos, Pilztees, nach deren Genuss meine Freundinnen und ich den versifften Park vor unserer Tür plötzlich als den Garten Eden entdeckten, MDMA-Nächte in leer stehenden Hochhäusern, Ecstasy-Raves im Görlitzer Park, Candyflips auf dem Technofestival Fusion, Koks von Plattentellern. Manchmal zitierten wir Bismarck im Garten des Technoclubs Sisyphos: »Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt«, ohne so recht zu wissen, ob wir jetzt zur dritten oder vierten gehörten, denn tatsächlich hatte ich ja Kunstgeschichte studiert. Manchmal ging es mir schon währenddessen furchtbar schlecht – ich erinnere mich beispielsweise an eine Nahtoderfahrung auf dem Berghain-Klo, jenes Berliner Technoclubs, der bekannt ist für seine exzessive Türpolitik und den exzessiven Drogenkonsum gleichermaßen –, spätestens jedoch am nächsten Tag. Immer war mir bei diesen Aktionen klar, dass es sich um etwas Besonderes handelte, dass total wichtig war, aus welcher Motivation heraus ich das tat (Bewusstseinserweiterung, ja, auch Spaß, aber nicht, um schlechte Gefühle wegzudrücken) und dass es nicht zur Gewohnheit werden durfte. Hat immer gut geklappt. Einer meiner Ex-Freunde lachte mich mal aus, als ich von einer Pille fantasierte, deren Einnahme schlagartig nüchtern mache, weil ich manchmal einfach nur saufen wollte, ohne betrunken zu sein. »Die gibt es doch schon: Koks.« Dem konnte ich aber überhaupt nichts abgewinnen, zum Glück, schließlich ist dessen Suchtpotenzial noch höher als das von Alkohol, und ich kenne niemanden, der sich beim Konsum nicht in ein Arschloch verwandelt. Kiffen, Koks, Ketamin: Mit zunehmendem Alter landeten mehr und mehr Substanzen auf der schwarzen Liste, weil ich merkte, dass sie mehr Schaden als Nutzen brachten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es liegt mir fern, illegale Drogen zu verharmlosen. Ich finde es nur bezeichnend, wie ich allmählich von allen abließ, während Alkohol immer interessanter wurde.

Auch die Droge mit dem höchsten Suchtpotenzial ließ ich von einem Tag auf den anderen sein. Mit elf rauchte ich hin und wieder im Wald, weil alle es taten. Mit sechzehn dann Selbstgedrehte, mal zwei am Tag, mal zwanzig in einer Nacht. Bis Mitte zwanzig hatte ich mich immer als glückliche Raucherin gesehen, dann überwogen für mich die Nachteile, die verfärbten Zähne und Finger (ich hätte natürlich auf Filterzigaretten umsteigen können, war aber zu geizig dafür), der Geruch in Kleidung und Haaren, die eingeschränkte Kondition, der verminderte Geschmackssinn, die Kosten. Ich erinnere mich gut an die Situation, die dazu führte, dass ich es sein ließ. Mein damaliger Freund hatte sich von mir getrennt, worunter ich unverhältnismäßig stark litt, was dazu führte, dass ich a) eine willkommene Entschuldigung hatte, noch mehr zu trinken als sowieso schon, b) seltsamerweise aber mit dem Joggen anfing, merkte, dass es mir guttat und dabeiblieb, und c) zum wunderbar logischen Schluss kam, dass Laufen mit voller Lungenkapazität mehr Spaß machte, weswegen ich »mal ausprobierte, wie es ist, nicht zu rauchen«. Natürlich fiel es mir in den ersten Wochen schwer, sitzen zu bleiben, wenn alle anderen sich unter den Heizpilz vor der Tür drängten (es muss die Zeit des beginnenden Rauchverbots gewesen sein), geschweige denn in meiner Raucherstammbar meinen geliebten Negroni ohne Kippe zu genießen, aber ich blieb dabei. Heute erscheint es mir fast surreal, jemals geraucht zu haben. Es kam mir irgendwann absurd vor, sich eine brennende Tabakrolle in den Mund zu stecken, die ausschließlich Nachteile mit sich bringt – und schließlich verbrennt man das Geld quasi in Echtzeit, für eine Schwäbin ein immer triftiges Gegenargument. Beneidete ich Raucherinnen? Kein bisschen. War ich trotzdem mit ihnen befreundet? Natürlich. Hatten wir andere Themen als das Rauchen? Selbstverständlich. Dass es mir mit dem Trinken genauso gehen könnte, dass ich mit derselben Leichtigkeit davon Abschied nehmen könnte, schien mir absolut unvorstellbar.

Nicht nur ich finde es seltsam, dass jemandem, der aufhört zu rauchen, ausnahmslos gratuliert wird. Auch wird denjenigen, die es nicht schaffen, selten mangelnde Willenskraft unterstellt, und niemand käme auf die Idee, sie nach ihrer kaputten Kindheit zu fragen. Natürlich ist ein Nikotinrausch nicht mit einem alkoholischen vergleichbar, aber Sucht ist Sucht – ich erinnere noch mal daran, dass man auch von Klassik-CDs abhängig werden kann. Unser gesellschaftlicher Umgang mit Nikotinabhängigkeit ist jedenfalls weitaus weniger scheinheilig als jener mit Alkohol. Beim Thema Zigaretten ist allen klar, dass es sich um ein Suchtmittel handelt, das nur in den seltensten Fällen aus reinem Genuss konsumiert wird, sondern bei einer Anzahl x über einen Zeitraum y zu Abhängigkeit führt. Das ist nicht zuletzt der Verdienst einer gezielten Politik. Da wären zum einen die Fotos von Raucherbeinen und teerschwarzen Lungen auf den Schachteln, 80 zum anderen das 2007 beschlossene Nichtraucherschutzgesetz, die sukzessiv steigende Besteuerung 81 sowie die strenge Werberegulierung – und überhaupt: schon mal bemerkt, dass in Filmen und Serien kaum noch jemand zur Kippe greift? Das Beispiel Rauchen zeigt ziemlich eindrucksvoll, dass Veränderung sehr wohl möglich ist, wenn die Politik entsprechende Rauchzeichen gibt.

Wenn es um Abhängigkeit geht, schlägt Tabak sogar Alkohol. Eine 1994 durchgeführte US-amerikanische Studie stellte das Suchtpotenzial diverser legaler und illegaler Drogen gegenüber. Knapp 32 Prozent wurden bei regelmäßigem Konsum im Verlauf ihres Lebens von Nikotin abhängig, bei Heroin 23, bei Alkohol 15 Prozent. 82 Kein Wunder, dass jeder vierte Deutsche raucht. 83 Interessant auch, dass die Studie nach Gründen sucht, warum aus einem Gewohnheitskonsum eine Sucht entsteht. So gaben beispielsweise viele Vietnamveteranen ihren Heroinkonsum bei ihrer Rückkehr nach Hause von selbst auf. Je fester eine Droge in der Gesellschaft verankert ist, desto gefährlicher. Wer trinkt und raucht, wird nicht schief angesehen. Wer sich eine Spritze setzt, schon.

Was aber bedeutet Abhängigkeit konkret? Wenn ich mich schon bei der Arbeit auf den After-Work-Drink freue? Wenn ich nicht locker zwei Wochen darauf verzichten kann? Wenn ich im Schlafanzug Bier kaufen gehe? Die WHO definiert eine Abhängigkeit laut ICD 84 10 wie folgt: »Typischerweise bestehen ein Verlangen, die Substanz einzunehmen, Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren, und anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen. Dem Substanzgebrauch wird im weiteren Verlauf oft Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt sich eine Toleranzerhöhung und manchmal ein körperliches Entzugssyndrom.« 85 Hinzu kommt der vage durch eine Schädigung der körperlichen und seelischen Gesundheit definierte Gebrauch. 86

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