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»Und der Wind weht durch unsere Seelen«

Als Buch hier erhältlich:

Die Geschichte einer großen Liebe zwischen zwei außergewöhnlichen jungen Menschen im Paris des späten 19. Jahrhunderts.

»Der Wind weht durch unsere Seelen«: das notierte der junge und bereits bekannte Musiker Reynaldo Hahn am Rande der Partitur einer von ihm komponierten Oper, »L'Île du rêve«. Es war im Sommer 1894, als er sich in Marcel Proust verliebte, und ebenso Proust in ihn.
Lorenza Foschini hat die Geschichte dieser Beziehung anhand der Briefe rekonstruiert, die vor der Vernichtung durch ihre jeweiligen Familien gerettet werden konnten, die jede Spur von Homosexualität aus dem Leben von Reynaldo und Marcel auslöschen wollten.
Reynaldo Hahn und Marcel Proust verband eine große Liebe, die in den folgenden Jahren zu einer ebenso leidenschaftlichen und intensiven Freundschaft wurde und bis zu Prousts Tod 1922 andauerte.
Wir entdecken hier den Mann, der die Liebe lebt, die schließlich im Mittelpunkt seiner »Recherche du temps perdu«, die Liebe zwischen Swann und Odette, stehen wird. Proust erlebt Momente großen Glücks, doch dann entwickelt sich die Eifersucht, der verzweifelte Wunsch danach, den anderen zu besitzen, was das Ende der Beziehung herbeiführen wird.
  • Erscheinungstag: 19.04.2021
  • Seitenanzahl: 256
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312012220
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Vorgeschichte

Neapel, Monte di Dio

Sommer 1970

 

»For what fault have you most toleration?
Pour la vie privée des génies.«

Marcel Proust, Confessions, 1887 1

 

Als Marcel Proust in mein Leben trat, war ich zwanzig Jahre alt. Ich war zu Besuch in Neapel in einem großen Haus in Monte di Dio, das später einmal mein Zuhause werden sollte und das von liebenswürdigen, der Literatur jedoch nicht sonderlich zugetanen Menschen bewohnt wurde. Mein Zimmer besaß eine Terrasse, die aufs Meer hinausging.

Eines Sommerabends, als es mir partout nicht gelingen wollte, einzuschlafen, entdeckte ich auf einem Regal neben dem Bett unter anderen Dingen ein kleines Büchlein, das ein früherer Gast hier vergessen haben musste.

Der Titel war einladend: Eine Liebe Swanns.

Ich machte es mir in einem Sessel neben dem offenen Fenster bequem und begann zu lesen. Als ich fertig war, dämmerte der Morgen.

Das erste, was ich bei aller Müdigkeit und Erschöpfung empfand, war die Begeisterung, eine große Entdeckung gemacht zu haben. Gleich darauf überkam mich das unbändige Bedürfnis, loszulaufen und mir, sobald die Buchhandlungen öffneten, Unterwegs zu Swann zu kaufen und die Geschichte noch einmal von vorn zu lesen, vom Anfang.

Diese Art von Erfahrung, diese »Offenbarung«, hat Jean Genet treffend beschrieben. Ihm ist Proust nicht zufällig in einem wunderbaren Haus am Meer in die Hände gefallen wie mir, sondern 1940 im Gefängnis, während einer seiner zahlreichen Aufenthalte in La Santé: »Wir waren im Gefängnishof und tauschten heimlich Bücher. Das war während des Krieges, und da mich Bücher nicht allzu sehr beschäftigten, war ich einer der letzten und man sagt mir: ›hier, du nimmst das‹. Und ich sehe Marcel Proust. Und ich sage mir: ›das muss aber stinklangweilig sein.‹ Und dann … […] Ich habe den ersten Satz von Im Schatten junger Mädchenblüte gelesen […] Und der Satz ist sehr lang. Und als ich den Satz zu Ende gelesen hatte, habe ich das Buch geschlossen und mir gesagt: ›Jetzt bin ich beruhigt, ich weiß, dass ich von einem Wunder zum nächsten kommen werde.‹«2

Auch ich bin seit jenem Tag von einem Wunder zum nächsten gekommen.

Es gibt eine Freundschaft, eine Übereinstimmung »zwischen den Wesen und den Dingen, zwischen dem Vergangenen und dem Leben«, schreibt Proust in Gegen Sainte-Beuve 3. Und irgendwann habe ich mir die gleiche Frage gestellt wie André Maurois: »Womit verbrachte er seine Tage?« Vor allem so: »mit dem Schreiben von Briefen, von unsinnigen und zauberhaften, herrschsüchtigen, schmeichlerischen, fragenden, seufzenden, erfindungsreichen, geistvollen Briefen, die der Eitelkeit des Empfängers schmeichelten, ihn mit ironischen Übertreibungen beunruhigten, ihm mit ihrem Misstrauen Qualen bereiteten und ihn mit ihrem Ton entzückten. Es muss wohl
so gewesen sein, dass der Charme dieser Briefe alles Beunruhigende zudeckte, denn die Empfänger bewahrten sie alle auf, schon zwanzig Jahre, bevor er berühmt wurde, sodass nach seinem Tode aus allen Pariser Schubladen diese sorgsam gehüteten Schätze ans Tageslicht kamen.«
4

Auch ich begann davon zu träumen, einen solchen Schatz zu besitzen, und entwickelte das unstillbare Verlangen, das viele von uns kennen, etwas von einem Menschen, den man sehr geliebt hat, bei sich zu behalten. Doch erwies sich dieser Traum als schwer zu verwirklichen.

Schließlich war ich nicht die Einzige, die sich nach einem Brief von Proust sehnte, und niemals hätte ich mir die Summen leisten können, die heutzutage bei Auktionen aufgerufen werden, wenn es um seinen Nachlass geht. Aber ich habe gute Freunde: Einer von ihnen, Antoine Cahen, machte mich darauf aufmerksam, dass bei der letzten Proustiana-Versteigerung in Paris einige Briefe keinen Käufer gefunden hatten, und riet mir, mein Glück zu versuchen. Allerdings wusste ich nicht, welche der Briefe und Dokumente, die ich im Katalog mit so großem Interesse bewundert hatte, noch zu haben waren. Also wandte ich mich an meinen Freund Benoît Puttemans, der für Sotheby’s als Experte tätig ist, und ihm gelang es, meinen Traum wahrwerden zu lassen.

Eines Abends besuchten mich Cahen und Gabriel Terrades in der Toskana und brachten einen kostbaren Umschlag mit, den sie direkt aus den Händen von Benoît empfangen hatten: Er enthielt einen Brief, den Marcel Proust im September 1907 an Reynaldo Hahn geschrieben hatte. 5

Ich betrachtete die beiden Blätter, die ich in meinen Händen hielt. Der Briefkopf lautete:

Grand Hotel

Cabourg

Unten auf dem zweiten Blatt fand sich eine Federzeichnung Prousts: ein Musketier im Profil.

Mein armer, kleiner Birnechnibus

so begann der Brief. Sofort machte ich mich daran, die eilig dahingeworfene Handschrift zu entziffern:

Ich habe immer noch das Zittern, das mich am Schreiben hindert. Doch wie viele Male am Tag, wie viele Male bei Nacht verschmilzt mein Herz mit dem Gedanken an Buninuls, wie viele Male kuschele ich mich an ihn und übrigens immer an etwas anderes, sodass ich denke, seine liebe kleine Muninulserie und sein Gesicht sind an meinem Horizont und machen ihn aus. 6

In einer Mischung aus unvergleichlicher Leichtigkeit und abgründigem Tiefgang folgt ein geistreicher und witziger Bericht der season in Cabourg.

Welch eine außergewöhnliche Liebe, sagte ich mir nach der Lektüre. Welch eine erstaunliche Freundschaft.

Und da überkam mich der unbändige Wunsch, alles über diese Geschichte zu erfahren.


1 Vgl. Marcel Prousts Fragebogen. questionnairesdeproust, Ausstellungspublikation, hg. v. Reiner Speck, Köln (Marcel Proust Gesellschaft) 2019.

2 Jean Genet, Gespräch mit Hubert Fichte, in: Werke in Einzelbänden, Band IX: Essays. Interviews, Gifkendorf (Merlin) 2020, S. 258f.

3 Marcel Proust, Gegen Sainte-Beuve, in: Marcel Proust. Frankfurter Ausgabe,
hg. v. Luzius Keller, Werke III, 3, Ü: Helmut Scheffel, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1997.

4 André Maurois, Auf den Spuren von Marcel Proust, Ü: Uecker-Lutz u. Bremer-Wolf unter Mitw. v. Hans Georg Brenner, Frankfurt (Suhrkamp) 1989,
S. 92.

5 Versteigerung bei Sotheby’s, Paris, 24. Mai 2018, Los 159: »Marcel Proust, Collection Marie-Paul Mante«.

6 Marcel Proust, Der Briefwechsel mit Reynaldo Hahn, hg. und übersetzt
von Bernd-Jürgen Fischer, Ditzingen (Reclam), S. 236.
Muninulserie ist ein kaum übersetzbarer Begriff aus dem lansgage, einer Art Geheimsprache,
in der Proust und Hahn korrespondierten.

I

Paris, 44 Rue Hamelin

Vor dem Haustor, 22. Oktober 1922, 7 Uhr abends

 

Am Abend des 22. Oktober 1922 um sieben Uhr tritt ein Mann aus dem Tor des Hauses Rue Hamelin 44, einer grauen Straße, die vom imposanten Bau des Eiffelturms überragt wird.

Der Mann ist etwa fünfzig Jahre alt. Das zum Teil von der Krempe eines breiten Hutes verdeckte Gesicht ist rund, der Schnurrbart grau und ausladend. Den leichten Mantel trägt er aufgeknöpft, man erkennt die kräftige Gestalt. Vornehm ist er, aber nachlässig gekleidet. Er wirkt bedrückt, als wäre er in traurige Gedanken versunken. Er verharrt einen Moment auf dem Bürgersteig, und da nähert sich von der anderen Straßenseite schnellen Schrittes ein mittelgroßer Mann mehr oder weniger im gleichen Alter, der sehr sorgfältig gekleidet ist, mit untadelig gebundener Krawatte, Einstecktuch in der Brusttasche, Lederhandschuhen und Spazierstock. Unter der geschwungenen Krempe des Filzhuts erkennt man das schwarze Haar, Schnurr- und Kinnbart.

Nach einem Augenblick der Unsicherheit, die dem Zwielicht des hereinbrechenden Abends geschuldet ist, erkennen die beiden einander, deuten ein Lächeln an und beginnen, ohne sich lange mit Höflichkeiten aufzuhalten, ein Gespräch. Ihre Stimmen sind leise, als fürchteten sie, der Klang ihrer Worte könne hinauf bis an die Fenster im fünften Stock dringen, aus dem ein schwacher Lichtschein dringt.

In diesem Haus wohnt Marcel Proust.

Nachdem seine Tante die Wohnung am Boulevard Haussmann 102 verkauft hatte und nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in der Rue Laurent-Pichat 8, die ihm sein Freund Jacques Porel, Sohn der großen Schauspielerin Réjane, vermietet hatte, war Marcel zum 1. Oktober 1919 in diese Behausung gezogen, die er in Briefen an seine Freunde und Bekannten als »Notunterkunft« bezeichnete, fünfte Etage mit Aufzug. Tatsächlich ist die Wohnung typisch für das XVI. Arrondissement, in dem vorwiegend Adelige und reiche Bourgeois leben, und sie ist eine Kleinausgabe der Wohnung am Boulevard Haussmann, auch wenn nun anstelle der Korkverkleidung schwere Teppiche an den Wänden hängen, um die Geräusche zu dämpfen.

Den Verkauf der Wohnzimmermöbel überlebt haben das Porträt von Professor und Madame Proust, ein Bild von Helleu sowie jenes von Jacques-Émile Blanche, das einmal berühmt werden soll und auf dem Marcels weißes, längliches Gesicht so abgebildet ist, dass Jean Cocteau fand, es sehe aus wie ein Ei. Im kleinen Salon steht das goldgesäumte Regal aus schwarzem Ebenholz mit den Herzensbüchern.

Rechts vom Eingang befinden sich die Zimmer der Dienerschaft: Jenes, in dem Céleste mit ihrem Ehemann schläft, dem Fahrer Odilon Albaret, und die anderen, in denen die Schwester der Haushälterin, Marie Gineste, sowie Yvonne Albaret untergebracht sind, eine Nichte, die vor Kurzem eingetroffen ist mit dem Auftrag, auf der Schreibmaschine eine Abschrift des Romans von Monsieur anzufertigen.

Das Zimmer neben dem des Hausherrn steht schon seit einem Jahr leer. Es hatte Henri Rochat gehört, einem ehemaligen Kellner im Ritz, Prousts »Sekretär« und »letzter Gefangener«. Proust hatte einfach nicht den Mut gefunden, ihn wegzuschicken, bis ihm schließlich der befreundete Bankier Horace Finaly zu Hilfe gekommen war und Henri eine Stelle in der argentinischen Filiale der Banque de Paris et des Pays-Bas besorgt hatte, woraufhin der junge Schweizer seine Zelte in Paris abgebrochen hatte und nach Buenos Aires abgereist war.

In den letzten Jahren hat Marcel sein Privatleben ganz der Dienerschaft anvertraut, für die er seit je besonderes Interesse und eine fast krankhafte Neugier hegt. Auch in der Wohnung in der Rue Hamelin tummelt sich ein kleiner Hofstaat aus Bediensteten, diskret, schweigsam, überwacht von Céleste, die mittlerweile in einer dermaßen perfekten Symbiose mit dem Hausherrn lebt, dass sie sogar seine Ausdrucksweise übernommen hat und nun selbst in Paraphrasen, Periphrasen, Arabesken, Sturzbächen aus Komplimenten und beinah orientalischen Nettigkeiten spricht.

Aus Marcels Zimmer, das er in einem Brief an Montesquiou als so winzig beschreibt, dass nur gerade sein »Lager« hineinpasse, ist zwar kein Platz mehr für den Flügel und den Spiegelschrank, doch immerhin stehen dort nun das Messingbett, in dem er schläft, seit er sechzehn ist, ein Fauteuil für Besucher, ein Paravent neben dem Kamin, das geliebte chinesische Möbelstück sowie drei kleine Tische: Auf dem größten, der »Schaluppe«, liegen in Griffweite bunt durcheinander zwischen Stapeln von Büchern und Zeitschriften Taschentücher, die Schachtel mit dem Legras-Pulver, Brille und Uhr, während auf den anderen beiden ein formidables pharmazeutisches Arsenal gehortet liegt: Arzneien, aber auch Drogen und Rauschgift, Fläschchen und Flacons, die Aspirin, Morphin, Adrenalin, Euvalpin und Spartein enthalten, zu denen sich mit der Zeit Koffein und Kokain gesellt haben, Amylperlen und Veronal, Ephedrin und Heroin … 7

Der strenge, pestilenzartige Geruch nach antiasthmatischen Räucherwaren in der Zimmerflucht ist der Gleiche wie am Boulevard Haussmann, wo Cocteau Prousts Körper als »in einem Sarkophag aus Seelenmüll liegend« beschrieben hat. Der Kamin ist erloschen, im Zimmer ist es in diesen ersten frischen Herbsttagen eiskalt. Seit September ist Proust felsenfest überzeugt, dass der Kamin Risse aufweist, durch welche sich Kohlenmonoxiddämpfe verbreiten und ihn vergiften.

Wenn er das Bett verlässt und die Füße auf den Boden setzt, erfasst ihn ein Schwindel, er verliert das Gleichgewicht und fällt.

Die seltenen Male, die er das Haus verlassen hat, ist ihm bewusst geworden, dass es ihm viel besser geht, wenn er die erstickende Wärme des Zimmers verlässt, und so hat er angeordnet, kein Feuer mehr im Kamin zu machen. Doch um auszugehen, schreibt er an Gaston Gallimard, »müsste man es bis zum Fahrstuhl schaffen. Leben ist nicht immer bequem.« 8

Im Verlauf dieser Krisen fällt ihm selbst das Sprechen schwer. Am 3. Oktober 1922, ebenfalls in einem Brief an Gallimard, lässt Marcel sich so heftig und berührend über seinen Gesundheitszustand aus, dass man unwillkürlich an Leopardis Vermächtnis An seine Freunde in Toskana denkt, in dem der Dichter offenbart: »Ich bin wie ein dürrer Stamm, der fühlt und leidet.« 9 Proust hingegen vergleicht sich mit einem Insekt: »Andere als ich, und ich freue mich darüber, genießen die Welt. Mir selbst ist Bewegung, Rede, Denken, sogar das schlichte Wohlbefinden der Schmerzlosigkeit versagt. So gleichsam aus mir selber verbannt, flüchte ich mich in die Bände, die ich betaste, da ich sie nicht mehr zu lesen vermag, und lasse ihnen die Vorsorge der Grabwespe angedeihen, über die Fabre die von Metschnikoff zitierten wundervollen Seiten geschrieben hat, die Sie sicherlich kennen. Verkrumpelt wie sie und von allem beraubt, beschäftige ich mich nur noch damit, ihnen durch die Welt der Geister die Entfaltung zu sichern, die mir versagt ist.«10

Und doch hat er in diesen ersten Oktobertagen zum letzten Mal die Kraft gefunden, sich zu einem Empfang bei den Beaumonts in die Rue Duroc 2 zu schleppen. Es ist ein kalter und nebliger Abend, und als er wieder zu Hause ist, fühlt er sich fiebrig und hat starke Halsschmerzen, zu denen sich am folgenden Tag ein unablässiger Husten gesellt. Zur Monatsmitte hat sich die Erkältung zu einer schlimmen Lungenentzündung ausgewachsen, und Proust ringt sich schließlich durch, nach Doktor Bize zu schicken.

Der gute Doktor, der seit vielen Jahren mit unendlicher Geduld den bezaubernden, aber schwierigen Kranken behandelt, kommt mehrmals und beruhigt ihn: Es handele sich um eine gewöhnliche Grippe, die geheilt werden könne, sofern der Patient im Warmen bleibe, Ruhe halte und sich einigen Anwendungen mit Kampferöl unterziehe. Mit diesen Maßnahmen werde der Blutandrang in Bronchien und Lunge in wenigen Tagen beseitigt sein. Doch Marcel befolgt die Ratschläge des Arztes nicht und korrigiert in dem eisigen Zimmer lieber weiter die Umbruchfahnen, die Gallimard dringend zurückerwartet. Während die Tage vergehen, verbessert sich der Zustand des Kranken nicht etwa, sondern er verschlechtert sich so sehr, dass der arme Bize, dessen Vorgaben so gar nicht befolgt werden, Robert benachrichtigt, der wie der Vater Adrien ein renommierter Arzt ist. Die Szene, die sich zwischen den beiden Brüdern abspielt, sagt viel über ihr Verhältnis aus, das auf echter Zuneigung beruht, zugleich jedoch so voller unausgesprochener Worte, voller Pausen ist, dass die Herzlichkeit in ihrer Unterhaltung jederzeit in Gereiztheit umschlagen kann.

Marcel liebt diesen Bruder sehr, der zwei Jahre jünger ist, ein etablierter Mediziner, Ehemann – wenn auch gewiss nicht vorbildlich, wie es eben damals in einer gutbürgerlichen Familie üblich war – sowie Vater eines anmutigen Mädchens. Er liebt ihn und wird von ihm wiedergeliebt, auch wenn er in der Vergangenheit bei Robert wie zuvor schon bei seinem Vater eine unterschwellige Sorge bemerkt hat, ein unbewusstes und zurückgehaltenes Gefühl der Enttäuschung ihm gegenüber.

Dabei hat das außergewöhnliche schriftstellerische Talent des Bruders, das inzwischen von der Kritik anerkannt und mit dem drei Jahre zuvor verliehenen Prix Goncourt offiziell geworden ist, der zunehmende Erfolg und die Bewunderung, die ihm allenthalben entgegengebracht wird, durchaus jenes Bild ins Wanken gebracht, das ihn seit seiner Jugend begleitete: Marcel ist nicht mehr der geniale, aber nichtsnutzige Homosexuelle, der seine Zeit in den Salons der Herzoginnen vergeudet.

Doch vielleicht ist da noch immer etwas im Hintergrund, und auch wenn Robert den Bruder schon seit Jahren mit anderen Augen sieht, erkennt der mittlerweile einundfünfzigjährige Marcel in seinem traurigen, sanftmütigen Blick vermutlich noch eine Unzahl unausgesprochener Worte und verborgener Regungen, die im Unterbewussten ihre tiefe Zuneigung überlagern.

Von Bize gerufen, eilt Doktor Proust sofort an Marcels Krankenlager. Er spricht zu ihm als Arzt und als Bruder und fordert ihn auf, sich auszukurieren und Bizes Anweisungen zu befolgen, doch Marcel widersetzt sich seinen Vorhaltungen, der Roman kann nicht warten.

Da spricht Robert Worte, die er besser nicht gesagt hätte und die bei dem Kranken einen Tobsuchtsanfall auslösen: »Dann musst du also gegen deinen Willen behandelt werden.« Durch Einweisung in die nahegelegene Klinik in der Rue Piccini, in einem geheizten Zimmer und bei täglicher Pflege durch gute Ärzte und Krankenschwestern werde er, so verspricht Robert, im Handumdrehen wieder gesund werden.

Der Gedanke, sein Zimmer zu verlassen, sich Behandlungen durch Leute zu unterziehen, die er nicht kennt, ohne Célestes Fürsorge zu sein, die jede seiner Regungen blitzschnell erfasst, seine Gewohnheiten zu unterbrechen – dieser Gedanke ist Marcel unerträglich.

Ihre Unterredung ist damit beendet, und der aufgebrachte Marcel verabschiedet den Bruder schroff: »Geh, ich will dich nicht mehr sehen. Ich verbiete dir, wieder herzukommen, wenn du mir bloß etwas aufzwingen willst.«

Erschüttert verlässt Robert das Zimmer.

Allein mit Céleste gebietet Proust ihr kategorisch, niemanden mehr hereinzulassen, weder den Bruder noch Doktor Bize. »Ich will nur Sie hier haben.« 11


7 Patrick Mimouni, Les mémoires maudites. Juifs et homosexuels dans l’oeuvre
et la vie de Marcel Proust,
Paris (Grasset) 2018, S. 37.

8 Marcel Proust an Gaston Gallimard, 7. September 1922, in: Correspondance: 1912-1922. Marcel Proust, Gaston Gallimard, hg. v. Pascal Fouché, Paris (Gallimard) 1989, S. 607.

9 Giacomo Leopardi, Opuscula moralia oder vom Lernen über unsere Leiden zu lachen, Ü: Burkhart Kroeber auf der Basis der Erstübersetzung von Paul Heyse, Berlin (Die Andere Bibliothek) 2017, S. 297.

10 Zit. nach Anita Albus, Im Licht der Finsternis. Über Proust, Frankfurt/M. (Fischer) 2011, S. 127.

11 Céleste Albaret, Monsieur Proust. Erinnerungen. Ü: Margret Carroux. Frankfurt/M., Leipzig (Insel) 2004, S. 334f.

II

Paris, 44 Rue Hamelin

Vor dem Haustor, 22. Oktober 1922, etwas später

 

Mittlerweile ist es Abend. Die Straße wird von den wenigen Laternen spärlich erleuchtet. Die Fenster der Häuser, die sich eins nach dem anderen erhellen, werfen ein schummriges Licht.

Die beiden Männer stehen noch immer vor Nummer 44. Robert Proust ist soeben aus dem Haus des Bruders getreten. Er ist besorgt und verbittert, auch weil Céleste ihn noch einmal daran erinnert hat, dass Monsieur ihn nicht zu sehen wünscht.

Hingegen wollte Reynaldo Hahn sich gerade anschicken, wie jeden Abend in den fünften Stock hinaufzugehen, um sich nach dem Zustand des Patienten zu erkundigen; wenn er nicht in dessen Zimmer gelassen wird, notiert er seine Fragen auf einen Zettel, und Céleste schreibt die Antworten des Kranken dazu.

Robert, der von alledem nichts weiß, bittet ihn, den engsten Freund des Bruders, um Hilfe.

»Marcel hat nichts Ernstes«, erklärt er. »Es handelt sich um Pneumokokken, also eine Sache, die sich leicht behandeln und heilen lässt. Aber man muss sie behandeln und Marcel lässt sich nicht behandeln. Neulich habe ich zu sehr als Arzt zu ihm gesprochen, und ich merke, dass das falsch war und ich ihn aufgeregt habe. Ich habe das Wort Klinik benutzt, weil ich nur an die Vorteile dachte, die eine Klinik für die Behandlung bedeutet, aber das war falsch, und es war auch falsch, von einer Pflegestation
zu sprechen; aber was wollen Sie machen, die tapfere Céleste ist vielleicht ein gutes Mädchen, aber sie kann nicht wirklich einen Kranken versorgen. Jedenfalls werde ich mit ihm nicht wieder über eine Klinik oder Pfleger sprechen, über gar nichts, das ihn aufregen könnte, und ich werde auch nicht zu ihm zurückkehren, bevor er mich rufen lässt; aber Sie werden verstehen, dass es für mich sehr schmerzlich ist mitanzusehen, wie er sich weigert, sich behandeln zu lassen, obwohl doch nichts einfacher wäre. Wenn er sich ein Bein bräche, so wäre es trotz all der Belastungen, die der Versuch, es auszuhalten, für sein Nervensystem bedeuten würde, unumgänglich, seine Zustimmung dafür einzuholen, dass man es ihm in Gips legt. Dieser Fall ist derselbe, mit dem Unterschied, dass es hier nicht um eine Operation oder eine schwer erträgliche oder schmerzhafte Behandlung geht.«
12

Verzagt berührt er den anderen beim Mantelärmel.

»Ich wäre glücklich, wenn Sie ihn dazu überreden könnten, darüber nachzudenken, und ihm klarmachen würden, dass das, was nicht gefährlich ist, es werden kann. Wenn ich beim Rundgang durch ein Hospital einen Kranken in dem Zustand sähe, in dem Marcel sich befindet, so würde ich sagen: Dies ist ein Kranker, der nicht versorgt wird. Das ist die exakt zutreffende Formulierung. Ich werde nicht mehr die Krankenhaus- oder Pflegestations-Frage aufbringen oder irgendetwas, was ihn aufregen könnte; ich würde gern selbst die Pflege übernehmen und mich dort aufhalten, wo das Marcel nicht peinlich wäre, oder wir versuchen gemeinsam irgendeine andere Vorgehensweise, aber letztlich ist es unnatürlich, wenn ich ihn krank bleiben lasse, ohne Pflege, die er dringend benötigt.«13

Seine traurigen und leuchtenden Augen verraten Schmerz, Bruderliebe und eine ferne, unendliche Wehmut, die dazu bestimmt sein könnte, zu bleiben, eine Last für den Rest seines Lebens. Dieser Wirrwarr der Gefühle drängt ihn an diesem Abend, mit dem Mann zu sprechen, der (das weiß er genau!) die erste große Liebe seines Bruders gewesen ist und nun sein bester Freund, der Einzige, der die Schwelle, die für alle anderen unüberwindlich ist, überschreiten und ihm nahekommen darf.

»Sie wissen, Robert«, antwortet Hahn, »dass Marcel nur schwer zu überzeugen ist, insbesondere, wenn es um seine Gesundheit geht, und dass ich für meinen Teil niemals das Risiko eingehe, mit ihm darüber zu sprechen, da ich medizinisch unwissend bin und vor allem keinen Zweifel an der Vergeblichkeit meiner Vorhaltungen habe. Ich bin mir sicher, dass er mich heute Abend nicht empfangen wird, aber ich werde ihm schreiben, was Sie zu mir gesagt haben«, log er. »Ich glaube, dass man ihn tatsächlich nicht verstimmen sollte, ihn entnerven oder aufregen, und ich erwarte, dass er mich heute Abend nicht mehr empfangen wird, aber ich bin von mir aus hingegangen, um mich zu erkundigen, damit ich Genaueres als am Telefon erfahre.«14 In Wirklichkeit war er bereits am Nachmittag bei Marcel gewesen und hatte sich dessen Ausbruch gegen den Bruder angehört, gegen dessen unzulässige, nicht hinnehmbare, angemaßte Autorität zu entscheiden, was für ihn das Beste sei, ja darauf zu bestehen, ihn von zu Hause fortbringen zu lassen und in eine Klinik zu sperren, fern von seinen Papieren, ihn fremden Händen anzuvertrauen, ihn von Céleste zu trennen …

»Céleste [habe] ihn nicht eintreten lassen wollen«, referiert Hahn die Unterhaltung mit Robert weiter, »womöglich aus Furcht, Sie zu verstimmen, aber da er Sie schon seit längerem nicht mehr gesehen hatte, fand er es dringend notwendig, sich von Ihrem Zustand zu überzeugen. Er fand Sie unverändert an und beklagte das.«15 Ein langer, warmer Händedruck, ein Blick voller Zuneigung, und die beiden trennen sich.

An diesem Abend geht Hahn nicht wieder zu seinem Freund hinauf. Er ist sehr besorgt, spürt, dass er etwas unternehmen muss, nicht nur, weil er es Robert versprochen hat, sondern weil es wirklich drängt. Doch er weiß auch, dass alles sinnlos ist, alles vergeblich, weil Marcel für jeden Rat taub ist.

Er wirft einen Blick auf seine Taschenuhr. Es ist spät geworden, und von der Rue Hamelin bis zu seinem Haus in der Rue Saint-Roch ist es ein gutes Stück. Trotzdem beschließt er, zu Fuß zu gehen. Er muss nachdenken.


12 Marcel Proust, Briefwechsel mit Reynaldo Hahn, S. 532f.

13 Ebd., S. 533.

14 Ebd.

15 Ebd.

III

Paris, 41 Rue Saint-Roch

Atelier von Reynaldo, 23. Oktober 1922, am Morgen

 

Am folgenden Morgen sitzt Reynaldo in seinem Atelier am Schreibtisch, wo zwischen Papieren und Notenblättern eine gigantische Schreibmaschine thront, vielleicht eine M.A.P., gekauft im Jahr zuvor, majestätisch in ihrem glänzenden Schwarz mit Golddekor und Pariser Wappen.

Das Arbeitszimmer ist im Geschmack des beginnenden Jahrhunderts eingerichtet. Von den Wänden und auf einem Möbel an der Wand hängen Stoffe aus der venezianischen Werkstatt des genialen Künstlers Mariano Fortuny. Proust liebt dessen Kreationen und erwähnt ihn mehrmals in der Recherche, so wenn er die Hauskleider von Oriane de Guermantes und Albertines als hauchdünn, leuchtend, dunkel und flaumig beschreibt, »mit goldenen Tupfen und Streifen wie der Flügel eines Schmetterlings«.16 Reynaldo, dessen Schwester Maria eine angeheiratete Tante Marianos war, hatte Marcel in dessen originelle Renaissancekreationen eingeführt.

Überall Fotografien, Bilder und Bücher, Notenblätter zuhauf. Auf einer commode zwischen zwei Kerzenleuchtern aus Bronze und himmelblauem Porzellan steht ein Kasten mit sieben Schmetterlingen mit irisierenden, metallisch blauen Flügeln unter Glas, die aus den Tropenwäldern seines Heimatlands Venezuela stammen.

Die letzte Nacht hat Reynaldo kaum geschlafen und lange nachgedacht. Nun seufzt er tief und beginnt, die Tasten zu bearbeiten.

Mein lieber Kleiner,

Ich schreibe Ihnen auf der Maschine, weil ich zu müde bin, die Feder zu halten, und meine Schrift kaum lesbar ist.

Ich habe gestern Abend Robert getroffen, der von Ihnen kam und mich bat, mit ihm über Sie zu sprechen. Wohlgemerkt, ich habe ihm nicht gesagt, dass ich Sie besucht hatte, und er ahnt nicht,
dass Sie mit mir von ihm geredet haben.
17

Es folgt der zitierte ausführliche Bericht der Begegnung, und der Brief endet so:

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie sehr ich es bedauere, dass ich auch nicht den geringsten Einfluss auf Sie habe; es schmerzt mich daran zu denken, dass Sie nicht einmal versucht haben, ein wenig Brei zu essen, wie Sie es mir versprochen hatten, und dass Sie hartnäckig eine Fastendiät befolgen, die derzeit nicht gut für Sie sein kann. Ich weiß, dass niemand irgendwelches Gewicht bei Ihren Entschlüssen hat und
dass ich nichts ausrichten kann in Hinblick auf das, was ich für vernünftig und begrüßenswert für meinen teuersten Freund halte, für eine der Personen, die
ich am meisten geliebt habe in meinem Leben.
Aber ich möchte vor allem, dass Sie mir nicht vorwerfen können, mit meiner Beharrlichkeit und meinen unerwünschten Ratschlägen noch zu Ihrer Krankheit beigetragen zu haben. Ich tue, was Sie möchten, und finde mich nolens volens damit ab, nichts auszurichten.

Tausend zärtliche Grüße
von Ihrem

Reynaldo 18


16 Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 5: Die Gefangene, Ü: Eva Rechel-Mertens, revidiert von Luzius Keller u. Sybilla Laemmel, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 2000, S. 56; vgl. Guillermo de Osma,
Fortuny et Proust, Paris (L’Échoppe) 2014.

17 Marcel Proust, Briefwechsel mit Reynaldo Hahn, S. 532.

18 Ebd., S. 533f.

IV

Paris, 31 Rue de Monceau

22. Mai 1894, Dienstag, achtundzwanzig Jahre zuvor

 

Der Salon von Madame Lemaire gehört zu den prominentesten von ganz Paris. Es gibt andere Salons im Faubourg Saint-Germain, die weit exklusiver sind, was die Buntheit der Persönlichkeiten angeht, die sich zu Beginn des Frühjahrs dort versammeln. Der von Madame Lemaire jedoch gilt als der begehrteste der bürgerlichen Salons, weil er zahlreiche Besucher aus adligen Kreisen hat, die erpicht darauf sind, die dort verkehrenden Maler, Komponisten und Schriftsteller kennenzulernen. Jeden Dienstag von April bis Juni gibt es im Viertel kein Durchkommen mehr wegen der vielen Kutschen, die nicht nur die Rue de Monceau verstopfen, sondern auch die Rue de Courcelles, die Rue Rembrandt und alle Seitenstraßen, und denen in einer Woge aus Schleiern, Hüten mit Federn und glitzernden Juwelen Herzoginnen und Gräfinnen am Arm der befrackten Gatten entsteigen.

Madeleine Lemaire und ihre Tochter Suzette bewohnen ein typisches kleines hôtel particulier, ein kleines Stadthaus.Ein flaches Gebäude mit Glasdach, das im duftenden Liliengarten steht, dient als Ort für die Empfänge. Die abgelegten Pinsel neben einer Staffelei, auf der ein Bild darauf wartet, vollendet zu werden, sowie die Vasen voller Rosen belegen, dass es sich um das Atelier der Hausherrin handelt, die für ihre Blumenstillleben berühmt ist. Alexandre Dumas der Jüngere, über den geraunt wird, er sei ihr Liebhaber gewesen, soll gesagt haben, sie habe außer dem lieben Gott am meisten Rosen erschaffen. 19

Wie Madame Verdurin in der Recherche umgibt auch Madame Lemaire sich mit einem Kreis Getreuer, die sie als »Patronne« ansprechen. Ihre unbedingte Ergebenheit bekunden sie, indem sie jene, die ihrem Haus die kalte Schulter zeigen, verächtlich nur die »Langweiler« nennen.

Ein Gemälde von Pierre-Georges Jeanniot, Une chanson de Gibert dans le salon de Madame Madeleine Lemaire von 1891 vermittelt die Belle-Époque-Atmosphäre ihres Salons: Im Kreis eleganter Damen in zarten Tüllkleidern, dem Sänger lauschend, der sich selbst mit der Gitarre begleitet, erkennt man den Komponisten Gabriel Fauré, die Maler Jean-Louis Forain, Ernest Duez und Jacques-Émile Blanche, den Schriftsteller Paul Hervieu sowie die schöne Henriette Roger-Jourdain, Ehefrau und Modell von John Singer Sargent, Giovanni Boldini und Albert Besnard. In der Mitte des Bildes sitzt Madame Lemaire, als einzige der Damen in schwarz.

Madame Lemaire ist keine Schönheit. Von der einstigen Anmut, die man ihr nachsagt, ist nichts mehr zu erkennen, doch sie weiß, was sie will, ist energisch und bei Bedarf autoritär. Gemeinsam mit ihrer Tochter Suzette empfängt sie mit einem frenetischen und fast schon enervierenden Aktionismus Politiker, berühmte Schriftsteller, Maler, Komponisten, hochgestellte Damen. Immer dienstags laden sie wechselweise zu déjeuner, thé oder diner, zu récital sowie von Zeit zu Zeit zum großen Kostümball. Doch der Clou auf ihren Empfängen sind die Konzerte.

Seine erste Einladung in die Rue de Monceau erhält Proust 1893 anlässlich einer Soirée, auf der Robert de Montesquiou aus seinen Gedichten liest. Von da an beginnt er den Grafen derart mit Lob und Komplimenten zu überschütten, dass es fast schon peinlich ist; er hofft auf diese Weise Zugang zu dem exklusiven aristokratischen Milieu zu finden, dem der dichtende Graf angehört. Reich, aufbrausend, angeberisch, homosexuell – diese Eigenschaften verleiht Proust in der Recherche der herausragenden Figur des Baron Charlus, mit der er Montesquiou unsterblich macht.

Und hier, im Gedränge des mit schweren Möbeln vollgestopften Lemaire’schen Ateliers mit den mit Damast bezogenen Wänden, den chinesischen Vasen, den mit alten Perserteppichen bedeckten Tischen, auf denen allerlei Porzellan- und Silbernippes steht, sowie den Dekorpflanzen, die bis an das Glasdach reichen, begegnen sich auch Marcel Proust und Reynaldo Hahn am 22. Mai 1894 zum ersten Mal.

Unbewusste Zeugen der Liebe, die daraus entstehen wird, sind wie aus einem magischen Zufall heraus viele jener, die zwanzig Jahre später als Vorbilder des kleinen Verdurin-Clans in Unterwegs zu Swann dienen werden: Montesquiou, dem der Abend gewidmet ist, die Schauspielerin Julia Bartet, die einige der Gedichte vorträgt und die der Erzähler im Roman, was Talent und Können angeht, an dritter Stelle nach der Bernhardt und der Berma nennt, der bildschöne Pianist Léon Delafosse, Vorbild für den Charles Morel in der Recherche, der einige Gedichte vertont hat und sie nun gemeinsam mit Edmond Clément, dem Tenor an der Opéra Comique, vorträgt, während zu einem von ihm komponierten prélude Fledermaus-Zeichnungen von Albert Aublet gezeigt werden, der Proust wiederum zu der Figur des Malers Biche inspirierte. Treibende Kraft hinter der Begegnung der beiden jungen Männer ist Madeleine Lemaire. Unter den schützenden Fittichen der ebenso rastlosen wie despotischen Gastgeberin lernen Proust und Hahn einander kennen und lieben, so wie es im Roman zwischen Swann und Odette im Salon der Madame Verdurin geschieht.

Diese Abende, an denen er, fast betäubt von den Empfindungen, die er heimlich nährte, gemeinsam mit Reynaldo Stammgast in der Rue de Monceau war, wird Marcel nie vergessen. »Wie eben das Leben seine Reize mischte, kamen wir oft in Eile zu den Soireen im Atelier, vielleicht nicht nur um der Bilder, die wir dort sehen, und der Musik, die wir dort hören sollten, willen. Wir beeilten uns in der erstickenden Ruhe jener hellen Abende und manchmal unter den leichten und lauen Sommerschauern, die, unter die Wassertropfen gemischt, Blütenblätter regnen lassen.« 20


19 Annick Bouillaguet, Brian Rogers (Hg.), Marcel Proust. Enzyklopädie. Handbuch zu Leben, Werk, Wirkung und Deutung, hg. und überarbeitet
v. Luzius Keller, Ü: Luzius Keller und Melanie Walz, Hamburg (Hoffmann und Campe) 2009, S. 509.

20 Marcel Proust, Fliederhof und Rosenatelier. Der Salon der Madame Madelaine Lemaire, in: Marcel Proust, Essays, Chroniken und andere Schriften (Frankfurter Ausgabe, Werke I, 3), Ü. Henriette Beese, Luzius Keller und
Hans Scheffel, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1992, S. 216.

V

Paris, Faubourg Saint-Germain

Salons, 1894

 

Für den jungen Proust sind die salons der Damen Lemaire, d’Aubernon, Straus und Arman de Caillavet oder auch der Prinzessin Mathilde, die er Abend für Abend besucht, wahre Fundgruben, aus denen er zahllose Anregungen und Begebenheiten mitnimmt, die den Rohstoff für sein Werk bilden werden. Dort begegnet er den Protagonisten des damaligen Paris – Anna de Noailles, Anatole France, Émile Zola, Robert de Montesquiou –, derer er bedarf, um in immer höhere Kreise des exklusiven aristokratischen Zirkels im Faubourg Saint-Germain oder desjenigen der prominentesten Intellektuellen eingeführt zu werden. Doch es ist kein banaler Snobismus, der ihn zu diesem rastlosen sozialen Aufstieg drängt, es wurzelt tiefer.

»Bevor er sich ganz zurückzog, um die Recherche niederzuschreiben, pflegte er ein Gesellschaftsleben, das
ihm einiges abverlangte«, beschreibt Roland Barthes den Proust dieser Zeit. »Er war ein Professioneller, ein Virtuose des mondänen Lebens: ein Militant.«
21

Marcel ist dreiundzwanzig Jahre alt, von blassem Teint, mit tiefliegenden Augen und strahlendweißen Zähnen. In einer Unterhaltung mit dem Maler Blanche, dem Proust Modell saß, spottet Maurice Barrès, Prousts Gesicht mit Türkischem Honig vergleichend, einer gelatineartigen Süßigkeit aus Stärke und Zucker: »Verraten Sie mir, Jacques-Émile, wie ertragen Sie nur den Anblick des kleinen Proust mit seinem Lokum-Köpfchen?« 22

Tatsächlich zeigt das Porträt, mit dem der befreundete Maler ihn zwei Jahre später unsterblich machte, Marcel viel wirkungsvoller als die zahlreichen Fotografien, die ihn in gekünstelten Posen darstellen. Auf dem unbehaarten Gesicht, das mit seinem kompakten, leuchtenden Weiß und den zart geröteten Wangen aussieht wie mit Glasur überzogen, treten die schwarzen Bögen der Brauen, die sich am Ansatz der geraden, feinen Nase treffen, hervor und umrahmen die leicht nach unten geneigten, tiefen und forschenden Augen mit den etwas geweiteten Pupillen. Von dem Blick, von den leicht geöffneten, ein Lächeln andeutenden Lippen, die von einem schmalen, sorgfältig barbierten Schnurrbart betont werden, ja selbst von den Ohren, die aus dem rabenschwarzen Haar hervorschauen, geht eine Anspannung aus, ein Zustand höchster Aufmerksamkeit.

Noch ist Marcel ein Unbekannter, ein junger Mann aus gutbürgerlichem Hause, von seltener Intelligenz, erlesener Bildung und schwacher Gesundheit. (»Es heißt, ich sei dazu bestimmt, leidend zu sein«, schreibt er an seine Mutter.) Er hat den Militärdienst hinter sich gebracht und steht kurz davor, sein Universitätsstudium abzuschließen. Geschrieben hat er noch nichts.

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