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Und werde immer Ihr Freund sein

Als Buch hier erhältlich:

Schweiz im Dezember 1920: Im Tessiner Dörfchen Cassarate lernen Emmy und Hugo Ball den Schriftsteller Hermann Hesse kennen. Jeder von ihnen hat eine schwierige Zeit hinter sich. Hesse befindet sich mitten in der Arbeit an "Siddhartha". Hugo Ball verlor auf tragische Weise seinen geliebten Freund Hans Leybold. Und Emmy Hennings, frisch mit Ball verheiratet, hat eine unruhige Zeit voller Liebhaber und Drogen durchlebt. Wie eine Fügung erscheint den dreien ihre Freundschaft, die immer enger wird - bis zu Balls Tod nach der Fertigstellung seiner Hesse-Biographie 1927. In ihrem mitreißenden Roman erzählt Eveline Hasler von der Begegnung dieser drei schöpferischen Menschen und von den Jahren davor, der wilden Zeit der Avantgarde in München und Zürich.
  • Erscheinungstag: 26.07.2010
  • Seitenanzahl: 224
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312004614

Leseprobe

 

 

Alle drei haben eine schwierige Zeit hinter sich, als sie in der Tessiner Abgeschiedenheit aufeinandertreffen. Hermann Hesse, mitten in der Arbeit an Siddharta, hat sich von seiner gemütskranken Frau und seinen drei Kindern getrennt. Hugo Ball verlor auf tragische Wiese seinen geliebten Freund Hans Leybold. Und Emmy Hennings frisch mit Ball verheiratet, hat eine unruhige Zeit voller Liebhaber und Drogen durchlebt. Dabei waren sie alle ungeheuer produktiv gewesen - in Zürich hatten die Balls mit Tristan Tzara, Marcel Janco, Richard Huelsenbeck und Hans Arp das Cabaret Voltaire gegründet, die Wiege des Dada. Hesse war ein Jahr zuvor mit Demian ein großer Erfolg geglückt. In der Tessiner Idylle weren sie von der eigenen Unruhe nicht verschont: Hesses Beziehung zu der Tochter des Messerfabrikanten Weniger wird zunehmend schwierig, Hugo Ball vertieft sich in Psychoanalyse und Mystik, Emmy Ball überlebt mit Bücherschreiben und einsamen Reisen.

Eine einfühlsame, faszinierende Annäherung an drei schöpferische Menschen in einer Zeit voll neuer Impulse - und die Geschichte einer großen gegenseitigen Zuneigung.

 

 

Dreigestirn. Lugano 1920

 

 

1

 

Seit September 1920 wohnten Emmy und Hugo Ball im Luganese, in dem kleinen Dorf Agnuzzo, doch dem Dichter Hermann Hesse, von dem es hieß, er wohne unweit von ihnen in Montagnola, waren sie noch nie begegnet. Mit Begeisterung hatten sie seinen ‹Demian› gelesen, auch den Vorabdruck eines ersten Teils von ‹Siddhartha› in der ‹Neuen Zürcher Zeitung›.

Am Abend des 2. Dezembers, als die Balls bei dem astrologische Studien treibenden Ingenieur Englert in Cassarate eingeladen waren, saß Hesse wie selbstverständlich unter den Gästen. Der Gastgeber wollte nicht aufhören, über die Bedeutung der Sterne zu sprechen, doch Emmy zogen die Menschen weit mehr in den Bann. Auch wir Menschen bilden unsere Konstellationen und Kreise, dachte sie, während ihr Blick immer wieder hinüberwanderte zu Hermann Hesse. Sie hatte sich den Dichter, weil er schon berühmt war, mit einem Bart vorgestellt, nun war er nach neuester Mode glattrasiert und wirkte auf die Balls, beide Mitdreißiger, mit seinen bald vierundvierzig Jahren erstaunlich jung. Er saß am Tisch aus Kastanienholz, den rechten Arm aufgestützt, halb hörend, halb nach innen horchend. Dann und wann, wenn Englert zu sehr in Eifer geriet, von Planeten erzählte, die bleichgesichtig Krieg ankündigten, da schien ihr, Hesses Lippen kräuselten sich wie von feinem Spott, und als er den schmal geschnittenen Kopf hob, kreuzten sich seine und Emmys Blicke. Ein Lächeln. Kurzes Einverständnis.

Später beim Wein wechselte man endlich ein paar Sätze. Die Balls erfuhren, dass der Dichter nach der Veranstaltung noch zu Fuß hinauf in sein Hügeldorf müsse.

«Wir haben ein Stück weit denselben Heimweg», stellte Hugo Ball erfreut fest.

 

Als sie aus Englerts Haus traten, war Mitternacht vorüber, der Nachtwind blies kühl.

Um sich Wärme zu bewahren, schritten die drei kräftig aus, die von Englert vielbemühten Sterne taten das Ihrige und erhellten den schwarzen Himmel. Es waren frostige, in das Nachttuch geschnittene grünliche Knospen. Sie schienen unendlich weit weg, und Englerts Erklärungen ihrer Bedeutung schienen ihnen gleichgültig zu sein.

Schnell gewannen die Wanderer an Höhe. Als die letzten Häuser unter ihnen lagen, hielten sie inne und blickten zurück auf die Lichter der Stadt Lugano.

Einzelne weitausragende Bäume standen am Abhang, zwischen den Ästen schimmerten fahl die Mauern einer Siedlung.

Hesse schlug vor, mit einer Abkürzung das Dorf zu umgehen, es war ein schmaler Hohlweg an dunklen Gärten vorbei. Über die gusseisernen Zäune hingen die wirren, kahlen Zweige der Feigenbäume, dann folgten Sträucher und Bäume mit immerwährendem Grün.

Hesse zeigte auf die Magnolien und Kamelien. Lobte die Robustheit ihrer Blätter: «Sie glänzen im Mondlicht metallisch, nicht wahr?»

Nun verengte sich der Hohlweg, er wurde dunkler und uneben. Emmy, die in der Mitte ging, fasste Hugo und Hesse an den Händen, zu dritt füllten sie die ganze Breite des Pfades aus.

Emmy spürte zu ihrer Linken den feinen, zuckenden Druck von Hesses Hand, es kam ihr vor, er übertrage ihr weniger seine Gedanken als seine Stimmungen, drückende dunkle Wolken, hatte er nicht zu Beginn der Wanderung über Kopfweh geklagt?

Um den Druck auszuhalten, begann Emmy ein Lied zu singen, die Melodie stieg dünn und klar an, getragen von ihrer spröden, knabenhaften Stimme. Hesse erinnerte sich, dass Emmy früher im ‹Simplicissimus› und in anderen Münchner Kabaretts gesungen hatte, und stimmte in den Gesang ein, später, etwas zögerlich, folgte auch Hugo.

Alles schwingt verschwörerisch um uns, dachte Emmy, das Tuch des Sternenzelts, die Baumwipfel am Hohlweg, die im Mondschein schimmernden Blätter. Die Luft ist geschmeidiger als sonst. Noch nie waren wir drei zusammen unterwegs, und schon fügt sich uns alles.

Da hielt Hesse plötzlich inne, löste seine Hand aus der ihren und zeigte hinauf: «Ein fallender Stern!»

«Ich habe ihn auch gesehen», rief Hugo begeistert und stieß seine Frau an. «Wünsch dir etwas, Emmy! … Haben Sie auch einen Wunsch getan, Herr Hesse?»

Emmy biss sich auf die frostigen Lippen. Verriet nicht, was sie sich wünschte: dass ihre Dreiheit andaure. Dass sie Freunde würden. Dass im winterlichen Tessin die Einsamkeit, unter der sie litt, ein wenig gedämpft werde.

 

 

2

 

Hatten sie wohl mit vereinter Kraft alle dasselbe gewünscht?

Jedenfalls zog am frühen Nachmittag Hesse in Agnuzzo am Draht der altmodischen Türklingel. Er komme nicht zu stören, sei da, um rasch guten Tag zu sagen und um zu malen. Die Staffelei? Er wolle sie drüben an den Waldrand stellen, um die Häusergruppe zu skizzieren, ja, ein selten in sich geschlossenes Dorf!

«Wir wollen doch zusammen erst Kaffee trinken», schlug Emmy vor. Sie ging in die Küche, doch der Kaffee war alle, es fehlten auch Brot und ein Stück Käse. Da außerdem das Geld fehlte, ging Emmy hinüber zum Dorfladen und ließ anschreiben. Hesse verschwand unterdessen mit seiner Staffelei. Der Dezembertag war heiter, man sah den Maler etwas später trotz winterlich gedämpftem Sonnenlicht mit einem Strohhut zwischen den abgeernteten Maisstauden.

Gegen fünf Uhr nachmittags erschien er wieder, auf seinen zwei Bildern, welche die Balls mit Entzücken betrachteten, leuchteten über dem Maisfeld sienarote Dächer.

Da es schon dämmerte, bat Hugo den Maler zu einer kleinen Mahlzeit, Hesse brauche Stärkung für den steilen Heimweg, es werde nun, gegen den kürzesten Tag hin, früh kalt!

Während Emmy nochmals zum Dorfladen ging, um getrocknete Tomaten und Salamiwurst zu kaufen, führte Hugo den Besucher durch die Tür des schmalen, in die Hausreihe eingezwängten kleinen Palazzos, die vergoldeten Zaunspitzen und das verblichene Wappen über dem Einlass ließen auf die Vornehmheit der Erbauer schließen. Der Flur und die Zimmer schienen eng, doch der Salon mit der bemalten Decke und dem Kamin aus rotem Porphyr strahlte ganz das Herrschaftliche aus. Als Hugo unter der bemalten Decke die Flügeltür öffnete, entrang sich Hesse ein Ausdruck des Erstaunens. Hier war plötzlich Weite, Blick und Herz gingen auf. War der See im Dorf nur zu ahnen gewesen, blitzte er nun ganz nah hinter perlgrauen Uferstämmen. Und drüben, hinter dem Berg von Caslano, ahnte man norditalienische Weite!

Doch nun nahm die lange Steintreppe, die über viele Stufen in die Tiefe des Gartens führte, Hesses Aufmerksamkeit gefangen.

«Was für eine ungewöhnliche Treppe!», rief er.

«Unser Lieblingsort», lächelte Ball. «Emmy und ich vertiefen uns auf den vielen Stufen in Bücher und Manuskripte. Auch unsere Tochter Annemarie liebt die Treppe, Sie werden ja das Mädchen bald kennenlernen, sie ist in den Ferien bei Verwandten in Deutschland.»

Hesse mochte sich kaum vom Anblick der Treppe trennen. «Sobald es wärmer wird, sitzen wir zusammen auf den Stufen, nicht wahr?»

Hugo lachte. «Heute setzen wir uns wohl besser ans Feuer!» Und er legte rasch eine Armladung Holz in die Öffnung des Kamins.

Emmy hatte sich unterdessen in der Küche zu schaffen gemacht und eine Schüssel voll Teigwaren an einem Sugo aus getrockneten Steinpilzen und Tomaten zubereitet. Man aß das einfache Gericht mit Behagen, zum Nachtisch reichte Ball zu dem roten Landwein bröckligen Parmesankäse.

«Ein liebenswerter alter Palazzo», sagte Hesse mit Blick zu der gemalten Decke. «Sie konnten diese Unterkunft mieten?»

Emmy nickte. «Ja, wir haben Glück gehabt. Der Besitzer lebt in der Deutschschweiz, und der Postbote von Agnuzzo, der den Schlüssel hütet, hat für uns die Fensterläden aufgestoßen. Jahrzehnte war das Haus unbewohnt, Staub und Motten sind aufgewirbelt und haben auf den ungewohnten Bahnen aus Tageslicht das Weite gesucht! Auch die gemalten Schwalben an der Decke sind in Bewegung gekommen, hinaus wollten sie fliegen, über die lange Gartentreppe mit den blühenden Glyzinien hinunter zum nahen See …»

«Und wir haben uns unterdessen umgeblickt, begeistert vom offenen Kamin im Wohnzimmer, von der langen Granittreppe, dem verwilderten Garten! Ja, die Entscheidung ist leichtgefallen …», ergänzte Hugo und fügte trockener hinzu: «Wir leben hier auch billiger als in Zürich, nicht unwichtig für uns, warten wir doch immer noch auf Honorare!»

Als Hesse verständnisvoll nickte, beugte sich Hugo zum offenen Kamin und schürte mit einem eisernen Haken die Flamme.

Nach dem Essen rückte man die Stühle dicht zu der Feuerstelle, der Besucher lobte die herrschaftliche Umrandung des Kamins aus rotem Marmor. Dann hörte sich Hesse aufmerksam, mit leisem Schmunzeln, Emmys Schilderungen des Dorflebens an. «Sie erzählen so farbig, Frau Emmy. Am liebsten nähme ich den Pinsel und malte die Dorfgasse, den Pfarrer, die Hühnerfrau, das Mädchen aus der Cooperativa …»

Dann wandte er sich an Hugo, und rasch entspann sich zwischen den beiden Männern ein intensives Gespräch. Man war sich über die Nachkriegszeit in Deutschland einig, teilte dieselbe Enttäuschung: «Nach der Niederlage bleiben die Denkmuster unverändert, der alte Hurra-Patriotismus lebt wieder auf, man sinnt auf Rache, zieht keine Lehre aus dem Desaster», stellte Hugo fest.

Und Hesse meinte: «Wir beide erlebten im Krieg den sichtbaren Zusammenbruch des europäischen Geistes- und Seelenzustands. Nicht bloß als Erschüttertsein von all dem Mord und all der Not, sondern als Aufruf an das eigene Gewissen.»

«Leute, die ein bisschen Durchsicht haben, müssen jetzt warnen», sagte Ball. Und er zitierte Sätze aus seinem unlängst erschienenen Buch ‹Kritik der deutschen Intelligenz›.

Hesse im Gegenzug erwähnte seine öffentlichen Briefe aus Bern gegen das kriegerische Kesseltreiben. «Bei vielen Deutschen gelte ich seither als Verräter, das zwingt mich, unter dem Pseudonym Emil Sinclair zu veröffentlichen …»

Unmerklich nahmen die Gespräche eine persönlichere Wendung. Hugo klagte, dass sich viele seiner Pläne, auch die, eine kritische Zeitschrift mitzugestalten, zerschlagen hätten.

Hesse gestand, an einem schwierigen Punkt seines Lebens angelangt zu sein. Erwähnte eine Schreibblockade nach dem ersten Teil seiner Dichtung ‹Siddhartha›. Sprach von gesundheitlichen Störungen: Stirnhöhlenkatarrh, Kopfweh, ständige Augenprobleme. Dazu die Gliederschmerzen. «Passen Sie auf, Ball, der Winter ist im Südtessin schlechter als sein Ruf. Wenn Sie in klammen, beinah ungeheizten Räumen unbeweglich am Schreibtisch sitzen, dann werden Sie über kurz oder lang von rheumatischen Schmerzen heimgesucht!»

«Ich glaube, mein rechter Arm singt mir schon ein Lied davon», gab Hugo mit gequältem Lächeln zurück. «Doch was soll’s, das Schreiben gehört nun mal zu meinem Leben …»

Emmy war schon gestern bei Englert aufgefallen, wie einfühlsam Hesse auf Gesprächspartner einging, sie hatte sich vorgenommen, den empathischen Dichter um Rat zu fragen. Vom Dämon in ihrem Innern wollte sie sprechen. Den Dichter zur Lektüre ihres Buches bewegen, ‹Das Brandmal›, Einblick sollte er bekommen in ihr Leben.

«Ich habe auch ein Buch geschrieben …», warf Emmy in einer Pause ein.

Doch die beiden Männer vor dem Kaminfeuer waren zu sehr in ihre Gedanken versunken, um auf ihre scheue Stimme zu hören.

«Ich habe auch, Herr Hesse …»

Hugo war aufgestanden und legte in den Kamin ein paar Scheite nach, der Besucher schwieg nachdenklich. Der Widerschein des Feuers rötete ihm Wangen und Stirn.

Die Gastgeberin gab es auf, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Mit Verwunderung betrachtete sie die Gesichter der beiden Männer im fleckigen alten Spiegelglas. Verwandtes erschien: asketische Züge mit scharfen, knochigen Nasen, verschlossene Lippen. Auch war da ein bitterer Zug nicht zu übersehen, der in den Mundfalten nistete.

Sie fand es an der Zeit, den Gast von seinen schweren Gedanken zu erlösen. «Noch ein Gläschen Merlot, Herr Hesse? Er stammt aus der Kellerei hier in der Nähe …»

Und Hesse: «Ein Merlot, ein ehrlicher Landwein. Wenn man tagsüber einsam am Schreibtisch sitzt, wird abends ein solcher Wein zur Wohltat.»

«Ja, das einsame Sitzen am Schreibtisch. Ich kenne es, ich habe auch ein Buch …»

Doch Hesse hatte sich wieder zu Ball geneigt: «Ihre Studien in der Biblioteca cantonale in Lugano – kommen Sie damit gut voran?»

Hugo nickte. «Ich suche ja nach seltenen, man muss schon sagen verschollenen Büchern …»

Hugo war jetzt bei seinem Lieblingsthema angelangt. Spürte er nicht, dass er seiner Gefährtin an diesem Abend keinen Raum ließ? Wie seltsam, beide warben um einen Freund, dabei war ihnen ihre Tessiner Einsamkeit kostbar. Wir wohnen jetzt im kleinsten, friedlichsten Tessiner Dörfchen, das man sich denken kann, schrieb Hugo an seine Bekannten. In Agnuzzo waren sie sich selbst genug, hatten, wie sie es nannten, das gemeinsame Büchermachen-Spiel. Ihre Gespräche auf der rückwärts gelegenen Treppe, nur die Bäume als stumme Zeugen.

 

Es wurde spät.

Die Männer spannen sich immer dichter in ihren Kokon ein.

Wie er so dasitzt auf seinem Besucherstuhl, der Herr Hesse …, dachte Emmy. Von Feuerzungen angehaucht, der hagere Hals gerötet, die Wangen von purpurnen Äderchen durchzogen.

In der behaglichen Wärme des Feuers wurde eine verschlossene Tür aufgestoßen, private Dinge drangen über diese sonst wie vertäuten, schmallippigen Münder.

Hesse, der Verschlossene, gewährte ungewöhnliche Einblicke. «Die omnipräsenten trüben Gedanken in diesem feuchten Tessinwinter, Ball. Gründe? Unlängst habe ich mich von meiner psychisch kranken Frau und den drei Kindern getrennt.»

«Ihrer Frau … wie geht es ihr?»

«Man hat sie hier im Tessin in eine Heilanstalt eingewiesen.»

«Ach, das tut mir leid.»

Eine Weile blieb es still am Feuer.

Dann bekannte sich auch Hugo zu einer Art Flucht: weg von Dada. Weg auch von der Zeitkritik. «Ja, Hesse, Sie dürfen mich ruhig auslachen: Ich lese im Moment verschollen geglaubte Bücher über die byzantinischen Heiligen der Ostkirche.»

Hesse lächelte versonnen. «Ich, im Gegenzug, beschäftige mich mit fernöstlicher Weisheit.»

Wieder war die Zeit vorangerückt, der Besucher, der nur rasch hatte vorbeischauen wollen, um guten Tag zu sagen, war nun seit gut zehn Stunden da.

Emmy, Hugo. Und dieser Herr Hesse.

Drei Menschen, drei Einsamkeiten.

Hugo, die Leybold-Geschichte hinter sich.

Emmy, im Rückblick ein Leben voller Unruhe mit Liebhabern und Drogen.

Und Hesse? Hatte sich von seiner Familie getrennt.

Ablösungen, die Phantomschmerzen verursachen.

Das brennende Holz knistert, Flammen züngeln. Die Männer schweigen.

An der Decke des Wohnzimmers fliegen die Schwalben auf und bleiben doch bewegungslos an Ort und Stelle.

 

 

3

 

An diesem Abend war Emmy die ungewöhnliche Wachheit aufgefallen, mit der Hugo auf Hesses Gedanken einging. Etwas an Hugos Körperhaltung, in seinen Augen alarmierte sie. Lebte seine Neigung für Männer wieder auf wie damals in seiner Zeit mit Hans Leybold? Und ist wohl dieser Herr Hesse, der trotz der paar Gläser Merlot noch zurückhaltend und diszipliniert wirkt, solchen Gefühlen gewachsen?

 

Doch die beiden Männer, die sich an diesem Abend nahekommen, bleiben per Sie. Es wäre an Hesse, neun Jahre älter als Ball, dieses Du anzutragen, er wird es trotz der vielen Kontakte noch jahrelang bleiben lassen. Ist es die Furcht vor einer Grenzüberschreitung? Bald wird Emmy erkennen: In der Verbindung der neuen Freunde ist es Hesse, der Art und Maß der Zuwendung bestimmt.

Englert hat in seinem Vortrag behauptet, auch für Begegnungen lasse sich ein Horoskop erstellen. Ihre Freundschaft hat gestern in der frostigen Winternacht begonnen, die Konstellation, so tröstet Emmy sich, ist vielversprechend: Kaltes hält, Heißes verglüht.

 

 

4

 

Als sich der Dichter kurz nach Mitternacht erhob, redeten ihm die Balls zu, doch die Nacht in ihrem Haus zu verbringen.

«Sie können doch jetzt nicht in die Kälte und Schwärze hinaus und zu Fuß den weiten Weg machen!», gab Hugo zu bedenken.

Doch Hesse beharrte auf seinem Vorsatz.

So schlüpften die Gastgeber in ihre Mäntel, um ihn ein Stück weit zu begleiten. Sie nahmen oberhalb des Dorfes die steile Abkürzung durch den Kastanienwald. Der Nachthimmel erstreckte sich wie eine dunkle Blache mondlos über den Baumkronen. An eine Laterne hatte keiner von ihnen gedacht.

Der Weg verengte sich, er war jetzt so schwarz, als führe er ins Innere der Erde. Diesmal war es Hesse, der zu singen begann.

Ein Lied von einem Hirten, wohl aus seiner Wandervogelzeit, vermutete Emmy. Sie nahm die unbekannte Melodie mit sicherem Gespür auf, intonierte die zweite Stimme, eine Weile später stieg Hugo als dritte ein.

Die Stimmen trieben zwischen den Stämmen der Bäume ein neckisches Spiel, Hesse hat es später für seine Freunde in einem Gedicht festgehalten:

Eine Stimme singt in der Nacht,

Nacht, die ihr bange macht.

Singt ihre Furcht, ihren Mut;

Singen bezwingt die Nacht, singen ist gut.

Eine zweite hebt an und geht mit,

Hält mit der anderen Schritt,

Gibt ihr Antwort und lacht,

Weil zu zwei’n in der Nacht

Singen ihr Freude macht.

Dritte Stimme fällt ein …

 

 

5

 

Am nächsten Abend notierte Ball in sein Tagebuch:

Wir haben den Dichter des Demian nun auch privatim kennengelernt. Es klingelte um die Mittagsstunde und herein trat ein schmaler, jugendlich aussehender Mann von scharfem Gesichtsschnitt und leidendem Wesen. Er überfliegt mit einem Blick die Wände, dann schaut er uns lange in die Augen. Wir bieten einen Stuhl an, ich lege Feuer in den Kamin. So sitzen wir bald und plaudern, als seien wir gute Bekannte seit langer Zeit.

Ein paar Tage später rüstete man sich für einen Gegenbesuch in Hesses Casa Camuzzi in Montagnola.

In der Nacht hatte es geschneit, von den Waldbäumen troff es, der Hohlweg nach Viglio hinauf war an einigen Stellen von Wildschweinen aufgewühlt. Steine lagen als Hindernis auf dem unebenen Pfad, Hugo ging voraus, räumte Äste aus dem Weg und reichte Emmy bei schwierigen Passagen die Hand. Lachend übersprang sie eine Pfütze und landete prompt im Morast.

Bei den ersten Häusern von Montagnola reinigte Emmy ihre Schuhe mit Grasbüscheln und forderte Hugo auf, es auch so zu tun. «Das Dorf steht auf der Collina d’oro, dem Goldhügel, da ist man wohl feiner als unten in Agnuzzo!»

 

Hesse empfing die Freunde an der Pforte seiner vornehmen Ruine, so nannte er den verspielten Rokoko-Palazzo, in dem er eine Wohnung gemietet hatte. Während er das Feuer im Kamin schürte, stellte sich Emmy ans Fenster, hauchte gegen die beschlagene Scheibe. In der Ferne erschien der See eisgrau, ein von Berghängen eingeklemmter Fischleib.

Im abschüssigen Garten rutschten Schneeladungen von den Palmen. Die Blätter bewegten sich geräuschvoll im Wind. Sie klimpern erregte Pianostücke, dachte Emmy, Ungeduld macht sich breit bei Mensch und Natur, was ersehnt man sich?

Als Hesse Rotwein einschenkte, wurden die Gespräche der Männer sofort wieder intensiv, als sei da seit der letzten Unterhaltung kein Unterbruch entstanden.

Emmy, die stumm ins Feuer starrte, versuchte sich auf dem unbequemen Kaminstuhl zu entspannen, wie von fern vernahm sie Hesses straffe und Hugos dunkle, oft zögerliche Stimme. Im Hintergrund das katzenhafte Schnurren und Sirren der glosenden Holzscheiter.

Erneut berührten Hesse und Ball Gemeinsames: ihre Kindheit in frommen Häusern. Hugo schilderte die religiösen Gepflogenheiten der gut katholischen Familie des Lederwarenhändlers aus Pirmasens. Die Mutter oft so streng in ihren Ansprüchen, dass den kleinen Hugo die Furcht überkam. Der Vater weigerte sich, den begabten Sohn ins Gymnasium zu schicken. Doch in der Lehre als Lederwarenhändler war Hugo unglücklich, ganze Nächte hindurch las er moderne Literatur. Ein Arzt redete den Eltern ins Gewissen, sie möchten den Jungen doch studieren lassen. Mit Leichtigkeit schaffte Hugo das Abitur, immatrikulierte sich an der Universität München und arbeitete an einer Doktorarbeit über Nietzsche in Basel. Nietzsches Schriften, die eine Absage an das akademische Wissen enthielten, beeindruckten den Studenten, zum Leidwesen der Eltern brach er das Studium ab und verschrieb sich ganz der Kunst. Die zeitgemäße Kunst schien ihm das Theater zu sein, so lernte er in Berlin an der Schule von Max Reinhard Regie. Schrieb eigene, vom Impressionismus geprägte Stücke, ‹Der Henker von Brescia›, ‹Die Nase des Michelangelo›. Später, in München, übernahm er mit dem Dichter Leybold zusammen die Regie in den Kammerspielen, bis der Krieg die Welt veränderte.

Auch Hesse erzählte von seiner Herkunft.

Sein Großvater war Missionar in Indien gewesen, seine Kindheit in Calw stand im Geist des Pietismus. In der Klosterschule begann ein erbitterter Kampf zwischen Vater und Sohn, der Sohn schwänzte die Schule, schließlich steckte ihn der Vater in eine Lehre als Uhrmacher.

Die Stimmen der beiden Männer im steten Wechsel.

Emmy, vorgesehen als dritte Stimme, nahm nochmals einen Anlauf. «Ich habe ein Buch über meine Vergangenheit geschrieben, Herr Hesse!»

Da zerbarst mit lautem Knall ein Scheit im Feuer.

Hesses Blick kam wie verwundert von weit her, tauchte dann wieder zurück in die Welt des Siddhartha.

«Bücherschreiben, eine Reise in Neuland», murmelte Hugo.

Emmy verpasste dauernd den Einsatz, es kam ihr vor, als trage sie eine Tarnkappe und verschwinde unsichtbar und unhörbar zwischen den beiden Männern.

 

 

6

 

Emmy hatte auf dem Postamt im nahen Muzzano eine Geldsendung abgeholt, eines dieser saumseligen Honorare aus München. Damit ließen sich im Cooperativa-Laden von Agnuzzo die Schulden bezahlen und neue Vorräte kaufen.

Im Gasthausgarten neben dem Postamt waren die rostigen Eisentische zum Teil noch umgekippt, die Blumenrabatten von den Winterregen faulig, der Wirt, erstaunt über die blonde Fremde wie über eine zu frühe Schwalbe, brachte, mit einer karierten Schürze vor dem Bauch, persönlich den Kaffee. Emmy dankte. Unruhig suchte sie in der Einkaufstasche nach Briefpapier und Feder, sie wollte ohne Hugos Wissen ein paar Zeilen an Hesse schreiben.

Schon einmal hatte sie heimlich an ihn geschrieben, die Botschaft aber nie abgeschickt. Nun, in diesem winterlich öden Wirtshausgarten, schrieb sie mit steilen, krakeligen Buchstaben, das erste, in einer Nacht verfasste Briefchen steckte sie dazu in den Umschlag.

Die Sätze beider Texte sind wirr, die Gedanken, als hätte sie nochmals Drogen genommen, fahrig:  und ein schwer sagbares, liebevoll Warnendes, Sie möchten sich nicht ungeregelt Verwirrendem hingeben, das ist zuviel gesagt, nicht Ihren Schwächen, um einer Stimme in Ihnen Gehör zu geben, die bisweilen restlose Durchführung einer Richtung verlangt, die Sie quälte und etwas Sterbensmattes machte …

 

Kürzlich habe ich Ball gefragt, wie ihm Hesse gefalle, da ist er errötet wie ein Mädchen, erzählte Englert seinen Bekannten in Montagnola.

Wie dem auch sei, die neue Freundschaft hatte eine Kraft der Verwandlung. Die Balls begannen ihre Umgebung neu zu sehen, gleichsam mit Hesses poetischem und malerischem Blick.

Der Freund erschien jetzt häufiger mit seiner Staffelei.

Ende Februar malte er blaue Himmelsfahnen, die über dem Weinberg den Frühling ankündigten.

 

 

Stufen. Agnuzzo 1921

 

 

1

 

Mit Hesse saßen sie an einem Märzsonntag in Agnuzzo oben auf der langen Treppe. Hesse blickte, die Kaffeetasse in der Hand, stumm nach unten und murmelte: «Jede Stufe ist wichtig, um den nächsten Schritt zu machen.»

Er schob die Tasse weg und zündete sich eine Zigarette an. Dann begann er die Treppe hinunterzuschreiten, langsam, als vollführe er ein Ritual, in der linken Hand hielt er ein Bündel Manuskriptblätter, in der rechten die brennende Zigarette.

Auf dem untersten Podest blieb er stehen, wippte auf den Zehenspitzen, bückte sich, pflückte eine Wiesenblume.

«Mit der ersten Stufe fängt alles an», stellte er fest. «Ohne sie kommt man nicht höher.»

Emmy nahm den Gedankenfaden auf: «Wenn man eines Tages weiter oben steht, darf man die unterste Stufe nicht verachten. Verachte die Träume deiner Jugend nicht, so heißt es doch?»

«Ja, möglich, dass die erste Stufe ihren Wert behält samt den Irrtümern und Wirren jener Lebensphase», gab Ball zu bedenken. «Hat sich nicht auch Siddhartha in den Sinnentaumel begeben, um später nach Höherem zu streben? Kann es nicht auch umgekehrt geschehen, zuerst bei den Eremiten, dann in das wilde Leben? Alles ist Suche.»

Als Hesse sich verabschiedete, begleitete ihn Emmy noch ein Stück weit durchs Dorf.

Hugo jedoch blieb bis zur Dämmerung auf der Treppe sitzen in Gedanken an seine Zeit mit Leybold.

 

 

2

 

Eine leidenschaftliche Männerliebe, erfinderisch, sinnlich.

Der junge Schriftsteller Hans Leybold drang eines Tages ins Foyer des Theaters in München und sprach Hugo an: «Sie sind doch Intendant, nicht wahr?»

Dann klemmte er sein Monokel vors Auge, öffnete seine Mappe und präsentierte Ball Pläne für eine Inszenierung von Hauptmanns ‹Helios›.

Hugo, erst vor kurzem vom Reinhard-Theater aus Berlin gekommen, zeigte sich angetan. Der Direktor, den Ball herbeirief, war ebenfalls fasziniert.

Und Leybold? Dieser kaum zwanzigjährige Schnösel fand es selbstverständlich, dass man ihn gleich einstellte. Strich sich das glatte, schwarze Haar aus der Stirn, wich Fragen persönlicher Art aus. Paffte bei einigen Tassen Kaffee eine Zigarette nach der andern.

Hugo und das junge Genie.

Sie arbeiteten dann gemeinsam nach dem Grundsatz: Das Theater muss eine eingeschlafene Gesellschaft brüskieren und wecken. Eine selten kreative Zeit begann.

Hugo befreundete sich mit Kandinsky, erfand den Namen Münchner Kammerspiele, die Einrichtung der sonntäglichen Matinee brachte die Kirchgänger und die Kirche in Harnisch. Als Enfants terribles brauten sie revolutionäre Artikel für ‹Aktion›, für ‹März› und ‹Vorwärts›, signierten ihre Elaborate mit dem Kürzel Baley.

Ja, sie waren geistig und körperlich ein Paar geworden.

Alles ging mit großer Geschwindigkeit und Leidenschaft vor sich, als hätte Leybold schon damals um die Kürze seines Lebens gewusst.

Dem Lebensgierigen konnte Ball es nicht verargen, dass auch Münchens kleine Mädchen seine Sinnlichkeit entflammten, und Leybold dichtete:

Unglaublich viele schöne Frauen gibt es in der Stadt,

Sie haben blassgepuderte Wangen und ziegelrote Münder,

Sie sind teils kränklich, teils gesünder,

Manche quellen über, manche werden niemals satt.

 

Der Ausbruch des Kriegs drang dann in das Leben der beiden Männer wie eine Fieberkrankheit. In der Meinung, der Krieg bringe endlich Bewegung in die scheinheilige Bürgerwelt, meldeten sie sich zu den Waffen. Leybold bekam das Aufgebot, Hugo wurde wegen körperlicher Mängel zurückgestellt. So reiste Ball als Zivilperson an die belgische Front und kehrte desillusioniert zurück, er hatte Verlogenheit und Brutalität gesehen, mit der ihm eigenen Radikalität verachtete er von nun an den Krieg. Als er viel später doch noch einberufen wurde, floh er in das neutrale Zürich.

Doch vorerst hatte sich Dramatisches ereignet. Leybold erfuhr bei einem Arztuntersuch, dass er mit Syphilis angesteckt sei. Ein vernichtendes Urteil.

Während seines Feldurlaubs im ersten Kriegswinter schoss sich der Verunsicherte eine Kugel durch den Kopf. An einer Kriegsverletzung gestorben, hieß es offiziell, doch unter den engsten Freunden wusste man um den wahren Hergang seines Todes.

In seiner berühmt gewordenen Totenrede vom Februar 1915 in Berlin schockierte Ball mit Sätzen, die offen von der homoerotischen Beziehung zu dem Verstorbenen zeugten: Er negierte mein Gesäß. Er reizte mich maßlos … Er warb um mich, vorsichtig und höflich wie um eine obszöne Frau. Wir erkannten einander und setzten ein Psychofakt in die Welt, das wir Baley nannten … Die Provokation der Totenrede war, so Ball in einem Brief an seine Schwester Maria Hildebrand im März 1915, im Sinne des Toten: Er hätte mir sehr applaudiert. Und er fährt fort: Ich kann Dir nicht sagen, wie ich ihn vermisse! Er ist mir viel mehr gewesen als ein Freund … Ich darf nicht denken, dass er einmal täglich in meiner Nähe, in meinen Gedanken war, und darin dachte.

 

 

3

 

Im März belebte sich die Luft in Agnuzzo.

Vom See her strich ein lauer Wind, erfüllt von Mimosengeruch und schwirrenden Insekten. Im Garten gingen langsam die Blüten der Kamelien auf.

Annemarie, Emmys Tochter aus einer früheren Beziehung, war von einem Aufenthalt bei Verwandten zurück. Sie war größer und fülliger geworden, «unser Füllen», nannte Hugo sie scherzend.

Sie freute sich, wieder zurück im Tessin zu sein. «Es riecht hier nach Frühling», sagte sie schnuppernd und setzte sich dicht neben Hugo auf die Treppenstufe. Hugo rückte ein bisschen zur Seite, damit sie die Bilder der ‹Acta Sanctorum› sehen konnte, das großformatige Buch hatte er in der Bibliothek in Lugano geholt. Annemarie liebte Bilder, schon als Neunjährige hatte sie mit Leidenschaft gemalt, und einige ihrer expressiven Kinderbilder waren damals in der Dada-Galerie in Zürich ausgestellt und sogar verkauft worden.

Der Ziehvater blätterte behutsam in den Seiten aus Pergament. Sie knisterten in der Frühlingsluft wie kleine Segel, Hugo hoffte, von ihnen davongetragen zu werden nach Byzanz.

«Erzähl mir», bettelte das Mädchen. «Die erste Heiligengeschichte ist doch die von Cyprian? War er nicht ein Zauberer?»

Hugo nickte. «Es heißt, Cyprian habe sich als junger Mann in der Zauberkunst geübt. Er war ein Gaukler, ein Illusionist.»

«Ein Illusionist?»

«Nun, er konnte für sein Publikum mit seinen Augen die Welt einfärben.»

«Blau, rot, grün?», fragte das Mädchen.

«Ja, die Leute mochten das, denn die meisten von ihnen sahen alles auf der Welt nur eintönig grau.»

«Nicht wahr, du bist doch in Zürich bei den Dada-Leuten auch ein Gaukler gewesen? Mit einem Papierkorb auf dem Kopf hast du auf der Bühne jongliert?»

«Jongliert? Nun ja», Hugo lachte. «Doch nicht mit Bällen. Ich habe mit Wörtern jongliert.»

«Erzähl weiter von Cyprian», drängte die Kleine.

«Also, Cyprian hat eines Abends mit seinen Magieraugen, die wie Scheinwerfer in alle Winkel leuchten konnten, eine schöne Frau entdeckt.»

«So schön wie Emmy?»

Hugo schaute die Pflegetochter mit einem Schmunzeln an. «Ja, wie Emmy.»

«Und?»

«Cyprian verliebte sich in sie und ging ihr nach. Da wandte sich die Frau um, und er sah …»

«Was denn? Sag!»

«Dass sie sein Ebenbild war. Sein Double. Nur eben in weiblicher Form und viel, viel schöner. Da wusste Cyprian: Es war seine Seele. Sie war von jener Schönheit, wie Gott sie zu Beginn gedacht hatte. Nun wollte er alles tun, um seine Seele strahlen zu lassen.»

«Was musste er dafür tun?»

«Lieben.»

Das Mädchen schwieg und dachte nach. Dann, nach einer Pause: «Emmy und du, ihr könnt aber nicht dauernd strahlen?»

«Gut beobachtet, mein Füllen. Zugegeben, das fällt manchmal schwer.»

«Wann denn ist es schwer?»

«Wenn zum Beispiel kein Geld mehr da ist, um Essen zu kaufen. Wenn der Verlag die Honorare nicht zahlt. Oder wenn der Verleger beschlossen hat, mein Buch nicht zu drucken. Du weißt, da ist doch ein Absagebrief gekommen für mein Bakunin-Buch.»

Annemarie wusste Bescheid, in Zürich hatte sie genügend lang unter Künstlern gelebt. Einen Moment lang blickte sie auf und ließ sich von einem Vogelzug am Abendhimmel ablenken. Dann fragte sie: «Wo hast du eigentlich die Emmy kennengelernt?»

«In München.»

«Auf der Straße?»

«Nein, sie stand auf einer Bühne und sang.»

Hugo, von der Erinnerung abgelenkt, ließ zu, dass Annemarie das Heiligenbuch zu sich herüberzog, sachte wandte sie die Seite um und vertiefte sich in die Illustration.

Hugo blickte zum See, die Szenerie füllte sich mit den Bildern von damals.

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