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Und wieder brennt die Leidenschaft

Nur aus einem Grund kehrt Anastasia diesen Sommer mit ihrem Exmann Rico zurück nach Sizilien: Seine kleine Schwester braucht sie nach einem Unfall dringend. Sobald es ihr besser geht, wird Anastasia wieder verschwinden. Doch Rico will Anastasia kein zweites Mal verlieren!
  • Erscheinungstag: 09.01.2017
  • Seitenanzahl: 145
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499333
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sarah Morgan

Und wieder brennt die Leidenschaft

Roman

Aus dem Amerikanischen von Elke Schuller

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MIRA® TASCHENBUCH

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Copyright © 2017 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Public Wife, Private Mistress

Copyright © 2005 by Sarah Morgan

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises, Toronto

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Redaktion: Laura Oehlke

Titelabbildung: Harlequin Books S.A.

ISBN eBook 978-3-95649-933-3

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. Kapitel

Sie würde nicht sterben!

Rico Crisanti, Milliardär und Eigner des Crisanti-Konzerns, blickte angespannt durch die Glasscheibe zwischen Besucherzimmer und Intensivstation. Dass die Krankenschwestern dort drinnen ihn träumerisch ansahen, merkte er nicht. Er war daran gewöhnt, von Frauen hingerissen betrachtet zu werden. Manchmal fiel es ihm auf, manchmal nicht.

Diesmal beachtete er es nicht, denn er wandte den Blick nicht vom Bett, in dem ein junges Mädchen völlig bewegungslos lag, angeschlossen an modernste medizinische Apparate.

Das Jackett seines Designeranzugs hatte Rico schon längst ausgezogen und über eine Stuhllehne geworfen, die Ärmel des Seidenhemds über den sonnengebräunten Armen aufgerollt. Auf dem markanten Kinn zeigten sich dunkle Bartstoppeln, und er sah im Moment eher wie ein Gauner denn wie ein Geschäftsmann aus.

Für einen Mann wie ihn, der befahl und kontrollierte, der rasches, überlegtes Handeln gewohnt war, bedeutete es eine Höllenqual, untätig warten zu müssen.

Probleme wollte er immer sofort lösen, Schwierigkeiten innerhalb kürzester Zeit beseitigen.

Nun erkannte er – zum ersten Mal –, dass er eine Situation nicht beherrschte. Dass es etwas gab, was er für Geld nicht kaufen konnte: das Leben seiner Schwester.

Nein, sie durfte nicht sterben! Sie war doch erst sechzehn.

Rico fluchte leise und musste sich zwingen, nicht mit den Fäusten gegen die Glasscheibe zu trommeln. Die vergangenen zwei Wochen hatte er beinah ausschließlich im Krankenhaus verbracht und war sich völlig hilflos vorgekommen.

Er achtete nicht auf das leise Schluchzen der Frauen, die mit ihm im Zimmer waren: seine Mutter, seine Großmutter, eine Tante und zwei Cousinen. Schweigend blickte er unablässig auf Chiara, als könnte er sie gleichsam durch Gedankenübertragung dazu bewegen, endlich aus dem Koma aufzuwachen.

Was konnte er noch für sie tun?

Rico atmete tief durch, um seine Gedanken zu klären. Schlafmangel und Sorgen beeinträchtigten seine Konzentrationsfähigkeit, die Angst um Chiara lähmte ihn von Stunde zu Stunde mehr.

Er hatte bisher nichts weiter für sie tun können, als einen erstklassigen Neurochirurgen einfliegen zu lassen, der sie nach ihrem schweren Sturz operiert hatte. Fürs Erste erfolgreich: Die Hirnblutung war gestoppt, der Druck auf die Nerven beseitigt.

Chiara atmete eigenständig, doch sie hatte das Bewusstsein noch immer nicht wiedererlangt. Ihr Leben stand auf Messers Schneide. Keiner wusste, wie das Schicksal entscheiden würde: Tod oder Leben? Und niemand konnte sagen, ob es dann ein Leben ohne Behinderung sein würde …

Wieder schluchzte seine Mutter leise, und es schnitt ihm ins Herz. Auch für sie konnte er nichts tun. Zum ersten Mal war er völlig machtlos.

Beinah hätte er spöttisch gelacht, wenn er nicht zu erschöpft gewesen wäre. Hatte er sich wirklich bisher eingebildet, das Schicksal lenken zu können?

Seinem Vater hatte er geschworen, sich immer um die Familie zu kümmern. Was war dieses Versprechen jetzt wert? Und was zählte es, dass er, Rico Crisanti, ein Wirtschaftsimperium aus dem Nichts aufgebaut hatte, anfangs mit keinem anderen Kapital als seiner unerschütterlichen Zielstrebigkeit? Was bedeutete sein atemberaubender Erfolg als Geschäftsmann?

Weniger als nichts.

Kein Geld der Welt konnte einen Menschen vor Schicksalsschlägen bewahren. Das wusste er nun.

Frustriert knöpfte Rico sein Hemd weiter auf und ging mit großen Schritten in dem ziemlich kleinen Raum hin und her. Es verschaffte ihm keine Erleichterung. Ungewohnte und unerwünschte Gefühle schnürten ihm die Kehle zu, und zum ersten Mal, seit er ein kleiner Junge gewesen war, brannten ihm heiße Tränen in den Augen.

Reiß dich zusammen, beschwor er sich.

Seine Angehörigen stützten sich auf ihn. Er war ihr Fels in der Brandung, und wenn er umfiel, wenn er jetzt dem Drang nachgab, wie ein kleines Kind zu heulen … dann würden sie alle die Hoffnung verlieren.

Das durfte nicht sein.

Also blickte Rico weiter schweigend durchs Fenster auf die reglose Gestalt seiner Schwester und flehte sie im Stillen an, endlich aufzuwachen.

Die Tür zum Besucherzimmer wurde geöffnet, und der Chefarzt kam herein, begleitet von einem Gefolge jüngerer Mediziner.

Rico wandte sich sofort dem Chefarzt zu, dessen Gehabe verriet, dass er Neuigkeiten mitzuteilen hatte.

„Irgendwelche Änderungen?“, fragte Rico heiser und hatte Angst, es könnte schlechte Nachrichten geben.

„Ja, durchaus.“ Der Doktor schien ein bisschen eingeschüchtert zu sein, weil er es mit einem Milliardär zu tun hatte, der von einem Team von Bodyguards begleitet wurde. Sogar hier im Krankenhaus. „Ihre vitalen Funktionen haben sich verbessert, und sie war kurz bei Bewusstsein. Sie hat sogar gesprochen.“

„Gesprochen?“, wiederholte Rico, und ihm wurde zum ersten Mal seit Langem leichter ums Herz. „Was hat Chiara gesagt?“

„Sie war leider schlecht zu verstehen“, antwortete der Arzt. „Eine der Krankenschwestern meint, es sei ein Name gewesen. Stacey … Stasia … oder so ähnlich. Sagt Ihnen das etwas?“

Nicht Stasia, sondern Anastasia.

Rico erstarrte. Seine Mutter atmete scharf ein, seine Großmutter stöhnte laut.

Kurz schloss er die Augen und strich sich über die Stirn. Während Chiara um ihr Leben kämpfte, hatte er nicht an Anastasia denken wollen. Anscheinend war das Schicksal jedoch darauf aus, ihm eine weitere Bürde auf die Schultern zu legen.

Der Arzt räusperte sich. „Nun … wer immer sie ist, könnte sie hierher ins Krankenhaus geholt werden?“

Rico sah, wie seine Mutter heftig den Kopf schüttelte, ignorierte es aber. Es zählte jetzt nur eins: dass seine Schwester wieder gesund wurde.

„Würde es die Genesung fördern?“, erkundigte er sich zögernd.

„Möglicherweise ja. Es lässt sich schwer sagen.“ Bedauernd zuckte der Arzt die Schultern. „Jedenfalls sollten wir es unbedingt versuchen. Kann man mit dieser Stasia Kontakt aufnehmen?“

Ja, aber nur unter großen persönlichen Opfern, antwortete Rico im Stillen.

Seine Mutter sprang auf, ihr Gesicht war vor Zorn verzerrt. „Nein! Ich will sie nicht hier haben. Sie ist nichts weiter als …“

„Genug!“ Mit einem einzigen Blick seiner dunklen, sonst meist so kühl wirkenden Augen brachte er seine Mutter zum Schweigen.

Die jüngeren Ärzte musterten ihn neugierig.

Schlimm genug, dass Reporter aus aller Welt vor der Klinik kampierten und jede Wende in dieser privaten Tragödie auszuschlachten versuchten. Man durfte ihnen nicht auch noch Informationen für die Skandal- und Klatschspalten zukommen lassen!

Wieso muss es ausgerechnet Anastasia sein, die Chiara womöglich helfen kann? überlegte Rico. Es war ein grausamer Scherz des Schicksals!

Er hatte erwartet, sie nie mehr wiedersehen zu müssen. Seit Monaten arbeitete ein Stab von Rechtsanwälten an den Bedingungen für die Scheidung. Eine faire Scheidung. Er würde Anastasia großzügig abfinden und konnte sich dann mit ruhigem Gewissen einer anderen Frau zuwenden. Diesmal würde er eine nachgiebige, sanfte Italienerin heiraten – die wusste, worauf es einem traditionell erzogenen sizilianischen Ehemann ankam.

Keine temperamentvolle englische Rothaarige voll Feuer und Leidenschaft, für die der Begriff „Nachgiebigkeit“ ein Fremdwort war.

Scharf atmete er ein, als die Erinnerung an Anastasia – seine ungestüme, schöne Ehefrau – in ihm ungezügeltes Begehren weckte. Seit einem Jahr lebten sie nun getrennt, und es war alles andere als eine freundschaftliche Trennung gewesen. Trotzdem sehnte er sich noch immer leidenschaftlich nach seiner Frau. Er traute sich nicht zu, ein Wiedersehen mit ihr gänzlich ungerührt zu verkraften.

Anastasia beeinträchtigte seine Urteilskraft mehr, als ihm lieb war. Mehr, als er sich eingestehen wollte. Sie war wie eine Droge. Trotz allem, was sie ihm angetan hatte, war er noch immer süchtig nach ihr. Deshalb wäre es nicht ratsam, ihr wieder zu begegnen.

Obwohl er inzwischen gelernt hatte, sie zu hassen.

Obwohl er nun wusste, was für ein Fehler es gewesen war, sich mit ihr einzulassen.

Rico ging wieder zum Fenster und betrachtete seine Schwester schweigend, wobei er überlegte, welche Möglichkeiten ihm offen standen. Es waren deprimierend wenige. Wenn er davon ausging, dass seine Wünsche und Bedürfnisse im Moment zweitrangig waren verglichen mit Chiaras Genesung, blieb nur ein Schluss übrig: Er musste, so schwer es ihm fiel, ein Wiedersehen mit Anastasia in Kauf nehmen.

Es ändert natürlich nichts an der bevorstehenden Scheidung, sagte er sich schnell. Nein, es bedeutete nur eine kurze Einstellung der Kampfhandlungen in diesem „Rosenkrieg“. Er würde Anastasia nach Sizilien einfliegen lassen, sie würde tun, was immer nötig war, und dann schickte er sie wieder nach Hause.

Bestimmt würden sie nicht mehr als nur die nötigsten Worte wechseln … was ihm recht war. Er wollte sich nicht an Vergangenes erinnern und schon gar nicht Zeit mit der Frau verbringen, die bald seine Exfrau sein würde.

Die Brisanz der Situation wird Anastasia nicht entgehen, dachte Rico und lächelte grimmig. Seine blendend schöne, unkonventionelle Anastasia … Sie hatte nie dem Bild entsprochen, das seine Mutter sich von der idealen Frau für ihn gemacht hatte.

Oder er selbst.

Er hatte ihr alles gegeben. Hatte alles getan, was man von einem Ehemann erwartete. Doch das war, wie es schien, nicht genug gewesen.

Der Chefarzt räusperte sich diskret. Er hatte lang genug auf die Antwort warten müssen.

Rico traf die einzig mögliche Entscheidung. „Ich werde dafür sorgen, dass Anastasia herkommt“, versicherte er und wandte sich an Gio, seinen Sicherheitschef. „Ruf sie an, und sag ihr, sie soll sich bereithalten. Dann sorge dafür, dass das Flugzeug sofort startklar gemacht wird.“

Seine Mutter stöhnte schockiert auf. Gio, ein Freund aus den Kindertagen, sah ihn überrascht an.

Rico fand sich indessen damit ab, dass er etwas tun musste, was nicht zu tun er sich geschworen hatte: Anastasia wiederzusehen.

Eines Tages werde ich sie vergessen haben, sagte er sich. Zumindest würde er an sie denken können, ohne sofort heißes Verlangen zu spüren. Und je eher dieser Tag kam, desto besser.

Anastasia führte noch einige Pinselstriche aus, dann trat sie zurück und betrachtete das Bild mit zusammengekniffenen Augen kritisch. Schließlich nickte sie zufrieden.

Ihr neuestes Werk war fertig. Endlich.

Auch Mark wird sich freuen, dachte sie und reinigte die Pinsel. Danach verließ sie ihr Atelier und ging in die Küche, wo sie den Kessel aufsetzte. Während sie darauf wartete, dass das Wasser zu kochen begann, sortierte sie ihre Post, um die sie sich in den vergangenen vierzehn Tagen so gut wie nicht gekümmert hatte, weil sie ganz aufs Malen konzentriert gewesen war.

Außerdem schaltete sie ihr Handy wieder ein, das beinah augenblicklich zu klingeln begann. Es konnte nur ihre Mutter sein, die sie zu erreichen versuchte.

Anastasia lächelte und meldete sich. „Hallo, Mum! Wie laufen die Geschäfte?“

„Bestens!“ Ihre Mutter klang begeistert.

Und selbstsicher. Nicht mehr verschreckt und eingeschüchtert wie sechs Jahre zuvor, als ihr Mann sie unvermittelt verlassen hatte. Wegen einer Blondine, die nur halb so alt war wie er.

An diese schreckliche Zeit wollte Anastasia sich nicht länger erinnern. Sie hatte damals ihr erstes Jahr auf der Kunstakademie absolviert, und das Schicksal ihrer Mutter hatte ihr eins bewiesen – wenn es dieses Beweises überhaupt bedurft hätte: Es war nicht gut, von einem Mann abhängig zu sein. Ihre Mutter hatte sich in allem stets auf ihren Mann verlassen und war dann gleich im doppelten Sinn völlig verlassen gewesen, als er sie sitzen ließ. Daraufhin hatte sie jedes Selbstvertrauen verloren.

Schließlich hatte Anastasia ihre Mutter ermutigt, sie solle ihr fundiertes Wissen über Antiquitäten nutzen und einen kleinen Laden eröffnen. Nach und nach sprach sich herum, dass Mrs. Silver Antiquitäten nicht nur verkaufte, sondern ihre Kunden auch bezüglich der Einrichtung ihrer Häuser beriet. Ihr Geschäft ging von Jahr zu Jahr besser, und sechs Monate zuvor hatte sie es dank eines großzügigen Kredits der Bank wesentlich ausbauen können.

„Allerdings sollte ich so bald wie möglich mehr Personal einstellen“, berichtete Mrs. Silver weiter. „Ich muss zu der Kunst- und Antiquitätenmesse fahren, anschließend bin ich in ein Herrenhaus in Yorkshire eingeladen. Den Laden kann ich solange nicht einfach schließen. Mittlerweile kommen Leute aus ganz England zu mir. Es wäre ihnen gegenüber unfair, wenn sie plötzlich vor verschlossener Tür stehen müssten. Und du bist ja zu intensiv mit Malen beschäftigt, um aushelfen zu können.“

Wieder lächelte Anastasia, erfreut darüber, wie lebhaft ihre Mutter klang. „Du wirst den Laden schon schmeißen, Mum! Stell ruhig so viel Personal ein, wie du brauchst.“ Sie warf einen Stapel Reklame in den Papierkorb. „Das Bild ist übrigens fertig – seit wenigen Minuten. Mark kann es jederzeit abholen.“

„Wunderbar! Ich werde es ihm ausrichten, falls ich ihn eher sehe als du. Und wie geht es dir, Liebes? Isst du auch genug?“

„Ja, sicher.“ Das war eine Lüge. Im vergangenen Jahr hatte Anastasia überhaupt nicht viel gegessen. Seit sie aus Italien zurückgekommen war, lag ihr nichts mehr am Essen. Doch das brauchte ihre Mutter nicht zu wissen, weil sie sich sonst nur Sorgen machen würde. „Mir geht es glänzend, Mum. Ehrlich.“

Mrs. Silver ließ sich nicht täuschen. „Du weinst noch immer diesem Sizilianer nach, stimmt’s?“ Sie seufzte. „Glaub mir, mein Kind, Männer wie er ändern sich nicht. Ich weiß es. Immerhin habe ich jahrelang mit deinem Vater zusammengelebt, und er war derselbe Typ. Ich war für ihn nur ein Spielzeug, und als ich ihm langweilig wurde, hat er sich ein neues beschafft.“

Anastasia hörte, wie sich ein Auto über die Zufahrt voller Schlaglöcher zu ihrem kleinen Haus quälte. Es war ein guter Vorwand, das Gespräch zu beenden.

„Tut mir leid, Mom, ich muss jetzt Schluss machen, weil ich unerwarteten Besuch bekomme. Wahrscheinlich Mark, der sich erkundigen will, wie weit das Bild gediehen ist. Ich ruf dich später noch mal an, okay?“

Ohne ihrer Mutter Zeit zum Protestieren zu lassen, schaltete sie das Handy aus und seufzte tief. Sie liebte ihre Mutter, doch nicht einmal mit ihr würde sie über ihre Beziehung zu Rico sprechen.

Das Auto blieb vor der Tür stehen. Anastasia schnitt ein Gesicht. Sie hatte keine große Lust, sich mit Mark zu befassen. Er machte keinen Hehl daraus, dass er mehr von ihr wollte als ihre Bilder, aber sie war noch nicht bereit für eine neue Beziehung.

Vielleicht würde sie es nie mehr sein …

Reuevoll lächelnd blickte sie auf ihre mit Ölfarben bekleckste Jeans. Mit ihr war im Moment kein großer Staat zu machen, aber wenn Mark einfach vorbeikam, ohne sich vorher telefonisch anzumelden, durfte er nichts Besseres erwarten.

Bevor er klopfen konnte, öffnete sie die Tür. Und erstarrte vor Schreck.

Draußen stand Rico Crisanti.

Der Milliardär. Der Mistkerl.

Der letzte Mensch auf der ganzen weiten Welt, den zu sehen sie erwartet hätte.

Ihr Herz schien einen, nein, mehrere Schläge lang auszusetzen. Ihr wurde schwindlig. Einen winzigen, herrlichen Augenblick lang glaubte Anastasia, Rico wäre endlich gekommen, um sie zu sich zurückzuholen.

Dann kam sie schlagartig in die Wirklichkeit zurück und erinnerte sich, dass es ein Jahr her war, seit sie sich getrennt hatten. Dass sie in Scheidung lebten. Es musste demnach einen anderen Grund für seinen Besuch geben. Doch was immer ihn zu ihr führen mochte … sie wollte von ihm nichts mehr wissen.

„Nein!“, rief sie hitzig und hätte ihm am liebsten die Tür vor der Nase zugeworfen, aber er legte einfach die Hand dagegen. Wahrscheinlich hatte er sich denken können, wie sie ihn empfangen würde.

„Du antwortest nicht auf Briefe und stehst nicht im Telefonbuch“, begann Rico zornig und funkelte sie an. „Du vergräbst dich, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen und man dich beinah nicht finden kann.“

„Dass ich von dir nicht gefunden werden wollte, ist dir nicht in den Sinn gekommen? Wenn mir etwas am Kontakt mit dir liegen würde, hätte ich dir eine Nachsendeadresse übermittelt.“ Sie erwiderte seinen Blick, ebenso wütend wie er. „Und wenn ich vermutet hätte“, fügte sie heiser hinzu, „es könnte auch nur die allerkleinste Chance bestehen, dass du mich suchst, hätte ich mich noch besser versteckt.“

Ihr war nie in den Sinn gekommen, Rico könnte sie suchen.

Jedenfalls nicht mehr nach den ersten elenden Monaten, in denen sie ständig aus dem Fenster geblickt und gehofft hatte, sie würde seinen schnittigen Sportwagen vor dem Haus entdecken. Nur allmählich hatte sie sich damit abgefunden, dass er sich nicht mehr bei ihr melden würde.

Dass es mit ihrer Ehe aus und vorbei war.

Anastasia hatte Rico verlassen, er war ihr nicht gefolgt. Das sagte alles, was es zu sagen gab: Ihm hatte nichts daran gelegen, die Ehe zu retten. Eine Ehe, die ohnehin ein einziges Fiasko gewesen war.

Mittlerweile hatte Anastasia sich geschworen, sich beim nächsten Mal – falls überhaupt – nur in einen soliden, wohl erzogenen, modern denkenden Briten zu verlieben. Nicht in einen skrupellosen Sizilianer, der glaubte, dass ihm die ganze Welt gehöre und sich mit Geld alles regeln lasse – und dessen Einstellung zu Frauen nicht besser als die eines Neandertalers war!

Aufgebracht betrachtete sie ihn und gestand sich ein, dass er unverschämt sexy war, trotz seines arroganten Auftretens und des kalten, harten Blicks in den dunklen Augen. Ihr Herz pochte plötzlich rascher, was ihr nicht behagte.

Dass sie so heftig auf Rico Crisanti reagierte, hatte sie anfangs überhaupt erst dazu gebracht, sich mit ihm zu befassen. Wider besseres Wissen.

Er sah so gut aus und besaß eine so starke Ausstrahlung, dass er Frauen magisch anzog.

Und obwohl er ein typisch sizilianischer Macho war, hatte auch sie, Anastasia Silver, seinem Sexappeal nicht widerstehen können …

Nun fiel ihr plötzlich auf, dass Rico nicht sie ansah, sondern überrascht seine Umgebung musterte. Beinah hätte sie laut gelacht, weil er so verblüfft wirkte. Er besaß mindestens sechs riesige, luxuriöse Anwesen weltweit und war vermutlich noch nie in einem so kleinen Haus wie ihrem gewesen. Zu Anfang ihrer Beziehung hatte sie ihn deswegen aufgezogen, später war alles, was sie sich sagten, bitter und ernst gewesen.

Ja, die Unterschiede ihrer Weltanschauungen und ihrer jeweiligen Einstellung zum Leben waren so groß, dass sie unüberbrückbar erschienen. Er meinte, der angestammte Platz einer Frau sei ihr Heim, in dem sie geduldig auf die Rückkehr ihres Gatten wartete. Sie hingegen wollte sozusagen im Strom des Lebens schwimmen, an allem teilhaben und es bis zur Neige auskosten.

„Was soll das hier sein?“, fragte Rico schließlich ungläubig.

„Mein Zuhause“, antwortete Anastasia kühl und hatte keine Lust mehr zu lachen. „In dem du nicht willkommen bist.“

Er hätte sie nicht daran zu erinnern brauchen, dass er ihr Heim, das sie so liebte, noch nie gesehen hatte. Dass er so wenig über sie wusste, obwohl sie verheiratet waren. Dass er keine Ahnung hatte, was ihr wirklich etwas bedeutete.

Wieder versuchte sie, die Tür zu schließen, obwohl es reine Zeitverschwendung war. Rico war einen Meter siebenundachtzig groß und muskulös. Außerdem wurde er bestimmt von seinen Bodyguards begleitet. Dessen war sie sich sicher, auch wenn sie die Männer nicht sehen konnte. Früher hatte es sie amüsiert, dass diese Männer immer bei ihm waren, denn wenn jemand sich notfalls selbst verteidigen konnte, dann Rico. Er war Experte in verschiedenen Kampfsportarten, dazu äußerst fit, und er besaß die Ausdauer eines echten Athleten.

Trotzdem hielt er an den Sicherheitsmaßnahmen fest, denn als Eigner eines der erfolgreichsten und lukrativsten Wirtschaftsimperien der westlichen Welt lief er natürlich ständig Gefahr, entführt zu werden. Er wollte es potenziellen Kidnappern so schwer wie möglich machen, ihn zu erwischen.

Und wenn es doch jemandem gelingen sollte, wäre es für Rico die schlimmste Folter, zwei, drei Tage nicht arbeiten zu können, dachte Anastasia und hätte beinah hysterisch gelacht.

Er war der typische Workaholic, immer wie besessen von seiner Arbeit. Ohne die funktionierte er nicht richtig, was Anastasia ihm früher oft scherzhaft vorgehalten hatte. Einmal hatte sie sein Handy versteckt, woraufhin er beinah ausgerastet wäre … bis er entdeckte, wo sie es verborgen hatte!

Nun straffte sie sich und versuchte, nicht länger an diese herrlichen Tage zu denken, als sie frisch verheiratet gewesen waren … Bevor die Wirklichkeit sie eingeholt hatte. Bevor sie entdeckt hatten, dass – außer Leidenschaft – absolut nichts sie beide verband.

„Wie hast du mich denn überhaupt gefunden?“, erkundigte sich Anastasia.

„Mit viel Mühe und unter großen Strapazen“, erwiderte Rico schroff. „Und ich habe schon zu viel Zeit vergeudet. Mein Pilot tankt im Moment das Flugzeug auf. In einer Stunde befinden wir uns auf dem Rückflug.“

Nun sah sie ihn so überrascht an wie er vorhin ihr Haus. „Wir?“, hakte sie nach. „Wen genau meinst du damit? Dich und mich ja ganz bestimmt nicht.“

Nein, er konnte sie nicht mitnehmen wollen! Seit einem Jahr hatten sie kein einziges Wort mehr gewechselt. Seit jener Nacht …

Er hatte sie beschuldigt, ihm untreu zu sein. Und da sie genauso wütend gewesen war wie er, war sie aus dem Schlafzimmer – und aus Ricos Leben – gestürmt. Sie beide waren ohnehin zu unterschiedlich für eine glückliche Beziehung.

Trotzdem hatte sie insgeheim gehofft, er würde um die Ehe kämpfen. Und war schon bald enttäuscht worden.

„In meinem Wortschatz bedeutet ‚wir‘ immer noch so viel wie ‚du und ich‘“, erwiderte Rico ungeduldig.

Weshalb will er, dass ich ihn begleite, wohin auch immer? fragte Anastasia sich bestürzt.

„Ich kann mir nicht vorstellen, was dich hergeführt hat.“ Sie klang abweisend. „Du müsstest doch wissen, dass ich mit dir nirgends hingehe. Nie mehr! Schon seit einem Jahr bin ich nicht mehr dein Anhängsel und deine Gespielin.“

Und nicht länger Sklavin der Leidenschaft, fügte sie im Stillen hinzu. Sex war das Einzige gewesen, was sie und Rico verbunden hatte. Heißblütiger, hemmungsloser, wunderbarer Sex …

Da sie eine scharfe Erwiderung erwartete, war sie überrascht, als Rico schwieg. Nun erst merkte sie, wie angespannt er wirkte. Gestresst. Unendlich müde.

Früher war er nie müde gewesen! Er besaß mehr Ausdauer als jeder andere Mensch, den sie kannte. Oft hatte er sie die ganze Nacht lang wach gehalten und war morgens energiegeladen aufgestanden, um an einer Besprechung teilzunehmen, während sie nach einer Nacht der Leidenschaft so erschöpft gewesen war, dass sie nur noch hatte schlafen wollen.

Wenn Rico jetzt müde aussah, stimmte etwas ganz und gar nicht.

Sie blickte an ihm vorbei und entdeckte nun einige Meter hinter ihm seinen Chauffeur und zwei Leibwächter, die sie noch nicht kannte.

„Wo ist denn Gio?“, fragte Anastasia und runzelte die Stirn.

Während ihrer kurzen Ehe hatte sie sich an den Chef der Sicherheitstruppe nicht nur gewöhnt, sondern ihn schätzen gelernt. Ja, sie mochte ihn, und sie wusste, dass er nicht nur Ricos Angestellter, sondern auch sein Freund war. Die beiden kannten sich seit der Kinderzeit. Gio betrachtete es als seine Lebensaufgabe, für Ricos Sicherheit zu sorgen und seine Privatsphäre abzuschirmen.

„Gio macht Dienst im Krankenhaus“, erklärte Rico. „Er ist der Einzige, dem ich zutraue, die Horden in Schach zu halten.“

„Im Krankenhaus?“, wiederholte sie verwirrt. „Warum denn das? Was ist passiert?“

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