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Ungehorsam – Wie ich der Sekte meiner Familie entkam

Als Buch hier erhältlich:

»Ihr Buch ist vom ersten Satz an schwer aus der Hand zu legen. Jones nimmt uns mit in eine Welt, die sich nur wenige von uns vorstellen können.«

Newsweek


Faith Jones wird in die Sekte Children of God, auch bekannt als die »Family«, hineingeboren, die ihr Großvater 1968 in Kalifornien gegründet hat. Sie wird zu einem Mitglied einer religiösen und streng patriarchalen Gemeinschaft erzogen, die sich auf den Weltuntergang vorbereitet. Beten, gehorchen, bekehren.

Im Laufe der Jahrzehnte wächst die Sekte zu einer international agierenden Organisation heran, die mit ihren alarmierenden Sexualpraktiken und Vorwürfen des Missbrauchs und der Ausbeutung für Schlagzeilen sorgt. Auch Faith wird missbraucht. Sie überlebt mit unbezwingbarem Willen, eignet sich selbstständig Schulwissen an und bricht mit dreiundzwanzig Jahren aus, um sich endlich ihren Traum zu erfüllen und zu studieren – und alles, was sie bisher in ihrem Leben kannte, hinter sich zu lassen.

Eine aufrüttelnde Coming-of-Age-Geschichte, die die Mechanismen von religiösem Fanatismus, Unterdrückung und Machtmissbrauch gnadenlos bloßlegt.


»Fesselnd und durchdacht, schockierend und manchmal anstößig, ist es auch ein sehr wichtiges Buch.«

Washington Post


  • Erscheinungstag: 24.01.2023
  • Seitenanzahl: 448
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749905621
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für alle, die dafür kämpfen, sich von Unterdrückung zu befreien, eigene Entscheidungen zu treffen, selbst über ihre Körper zu bestimmen und zu leben, nicht nur zu überleben.

ANMERKUNG DER AUTORIN

Freie Liebe und Sex, Leben in Kommunen, Rückzug aus der Gesellschaft, Spenden sammeln anstatt zu arbeiten, spirituell gegen das System, also die Welt außerhalb der Gemeinschaft, zu revoltieren, sich stets vor der Erhebung des Antichristen hüten und die Wiederauferstehung Jesu erwarten: Das sind nur einige der Überzeugungen, mit denen ich aufgewachsen bin.

Denn ich wurde in die »Family«, die »Familie«, hineingeboren, eine Glaubensbewegung, die 1968 in Huntington Beach, Kalifornien, von meinem Großvater David Brandt Berg mithilfe seiner vier Kinder – Deborah, Aaron, Faithy und meinem Vater Hosea – begründet wurde. Zu Beginn war sie als »Children of God«, »Kinder Gottes«, bekannt und wurde von Außenstehenden zumeist als Sekte bezeichnet.

Durch offensive Bekehrungsmethoden und die Pflicht, dass alle Mitglieder hauptamtlich als Missionare arbeiten, wuchs die Zahl der bekennenden Anhänger schnell auf über zehntausend Menschen in 170 Ländern weltweit an und hielt sich auch in den folgenden vier Jahrzehnten durchschnittlich auf diesem Niveau. Da immer wieder Mitglieder austraten und neue hinzukamen, schlossen sich der Gruppierung im Laufe ihres fünfzigjährigen Bestehens schätzungsweise mehr als sechzigtausend Anhänger an. Ihre Missionarstätigkeit erreichte jedoch noch Millionen weitere Menschen, und Hunderttausende von ihnen wurden zum Glauben bekehrt.

Die extremen Praktiken der Gruppe, aufgrund derer ihnen Entführung, Prostitution und Kindesmissbrauch vorgeworfen wurde, führten in vielen Ländern zu Polizeirazzien und negativer Presse; mein Großvater stand jahrzehntelang auf der Fahndungsliste von Interpol.

Im Jahr 2010 löste die Family ihre Kommunen auf und entließ dadurch Tausende von Menschen in die Mehrheitsgesellschaft, obwohl diese noch nie einer festen Arbeit nachgegangen waren oder überhaupt einen Schulabschluss gemacht hatten. Laut ihrer offiziellen Website besteht die Family derzeit fort als eine christliche Online-Gemeinschaft mit 1450 Mitgliedern, die sich für die Verbreitung der Botschaft von Gottes Liebe überall auf der Welt einsetzen. Ich selbst habe die Family im Jahr 2000 verlassen und kann daher nicht mehr aus erster Hand von ihren seit diesem Zeitpunkt praktizierten Methoden und Ansichten berichten.

Dieses Buch basiert auf meinen Erinnerungen, Interviews mit Mitgliedern der Family und schriftlichen Aufzeichnungen. Ich habe mein Bestes gegeben, Ereignisse und Emotionen so detailgetreu wie möglich nachzuerzählen. Um ihre Anonymität zu wahren, habe ich bei einigen Personen in diesem Buch die Namen und Identitätsmerkmale verändert. Da das Gedächtnis nicht immer untrüglich ist, sind die Dialoge an einigen Stellen nur ungefähr wiedergegeben, zusammengefasst oder in einen anderen Kontext gestellt. Bestimmte Menschen und Ereignisse bleiben unerwähnt, jedoch nur, wenn die Auslassungen keine Auswirkung auf den Wahrheitsgehalt dieses Berichts hatten. Die Family bestand aus Tausenden Mitgliedern und ich kann nicht im Namen aller sprechen. Je nachdem, wann und wo diese Menschen geboren wurden, haben wir unterschiedliche Dinge erlebt. Ich kann lediglich meine eigene Geschichte erzählen.

Trotz aller Ereignisse habe ich nie daran gezweifelt, dass meine Eltern mich immer geliebt haben. Sie haben schlichtweg nach ihren damaligen aufrichtigen Glaubensgrundsätzen gehandelt, welche sich seitdem erheblich verändert haben. Wir haben heute ein gutes Verhältnis, und sie verstehen meine Beweggründe, das alles niederzuschreiben.

Man kann dieses Buch auf zwei Arten lesen: als Bericht über eine Sekte oder als die persönliche Lebensgeschichte einer jungen Frau. Wenn Sie sich mehr für Letzteres interessieren, können Sie die Chronik zur Entstehung der Family überspringen und gleich zu meiner persönlichen Geschichte blättern, die in Kapitel 1 beginnt. Falls später Fragen über die Sekte an sich auftauchen, können Sie einfach zu diesem Teil zurückkehren.

Meine Erlebnisse beschreibe ich aus dem Blickwinkel des jeweiligen Alters, in dem sie stattfanden, so erhalten Sie einen entsprechenden Einblick in meine Gedanken, sehen die Welt mit meinen Augen und erleben meine Familie gefiltert durch die Überzeugungen der Sekte. Mein eigenes Verständnis dieser Erlebnisse verändert sich mit jeder Erkenntnis, die ich gewinne. Vielen Dank, dass Sie sich mit mir auf diese stürmische und wahnwitzige Reise bis zu ihrem Endziel begeben – der Freiheit. Wahre Befreiung findet im Kopf statt.

Faith Jones

EINE (NICHT GANZ SO) KURZE CHRONIK MEINER FAMILIE UND DER CHILDREN OF GOD

Vier Generationen von Evangelisten

Mein Vater ist Evangelist in der vierten Generation. Sein Urgroßvater, John Lincoln Brand aus Muskogee, Oklahoma, war ein Baptistenprediger, der in den Kirchen von Denver, Toledo, Valparaiso und St. Louis tätig war. Später wurde er zu einem Anführer im Campbellite Movement (der Stone-Campbell-Bewegung, heute als Disciples of Christ, die Kirche der Jünger Christi, bekannt) und errichtete und leitete Kirchen überall in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt. Seine Reisen führten ihn nach Kanada, Mexiko, Europa, Asien, Afrika, Australien und auf die Pazifischen Inseln. Außerdem arbeitete er als Dozent und verfasste mehr als zwanzig Bücher.

Seine Tochter Virginia war die Großmutter meines Vaters und ebenfalls eine bekannte Predigerin. Mit ihrem Programm Meditation Moments, Zeit der Meditation, das erstmals in den 1930er-Jahren in Miami, Florida, ausgestrahlt wurde, kann sie sich rühmen, als die erste weibliche evangelikale Radiopredigerin des Landes zu gelten. Sie war eine bedeutende Evangelistin und Anhängerin der Erweckungsbewegung, die mit ihren evangelikalen Mischkan-Veranstaltungen in ganz Amerika Tausende von Menschen anlockte.

Ihr starker Glaube an Jesus entwickelte sich jedoch erst später in ihrem Leben. Obwohl als Christin erzogen, wurde ihr Glaube vom frühen Verlust der Mutter im Alter von Anfang zwanzig erschüttert, und eine Zeit lang bezeichnete sie sich selbst als Agnostikerin. Nur ein Wunder konnte sie wieder zurück zum Glauben führen: Kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes, Hjalmar Jr., stürzte sie und erlitt einen zweifachen Wirbelbruch, der ihr schreckliche Schmerzen bereitete und sie häufig ans Bett fesselte. Auch mehrere Operationen halfen nicht weiter, sodass die Ärzte ihren Zustand schließlich als unheilbar diagnostizierten. Doch ihr Ehemann, Hjalmar Berg, ein evangelikaler Geistlicher, betete unermüdlich für sie.

Die Wunderheilung meiner Urgroßmutter

Eines Nachmittags flehte Virginia – schmerzzerfressen und am Ende ihrer Kräfte – Gott um Hilfe an. Eine Bibelstelle kam ihr in den Sinn: »Worum ihr im Gebet auch bittet, glaubt, dass ihr es empfangen habt, dann werdet ihr es auch erhalten.« (Markus 11,24). Daraufhin sagte sie: »Ich glaube.« In diesem Augenblick, so heißt es, wurde sie auf wundersame Weise geheilt und stand von ihrem Bett auf.

Hjalmar predigte zu der Zeit in einer kleinen Gemeinde in Nordkalifornien, und am nächsten Morgen legte meine Großmutter dort Zeugnis über das Wunder ab. Schon bald erhielt sie unzählige Einladungen für weitere Vorträge und Virginias Renommee und Anhängerschaft wuchsen. Über wundersame Heilungen zu predigen widersprach zwar der Doktrin ihrer Kirche, doch Virginia und Hjalmar weigerten sich, darüber stillzuschweigen, und wurden schließlich von den Disciples of Christ ausgeschlossen.

Kurz darauf traten sie der Christian and Missionary Alliance bei, einer evangelikal-protestantischen Religionsgemeinschaft mit starkem Fokus auf Missionsarbeit. Zu diesem Zeitpunkt hatten Virginia und Hjalmar ihre Familie um das zweite und dritte Kind erweitert: eine Tochter, die sie ebenfalls Virginia nannten, und meinen Großvater, David, der am 18. Februar 1919 in Oakland, Kalifornien, geboren wurde.

Die fünfköpfige Familie reiste mehrere Jahre in den Vereinigten Staaten umher, da sie ihre Erweckungsvorträge in Kirchen überall im Land hielten. Virginias Geschichte von der wundersamen Heilung zog stets große Menschenmengen an, meist erschienen zwischen vier- und zehntausend Zuhörern. Dank des großen Andrangs und ihrer bewegenden Worte wurde sie schließlich eingeladen, hauptamtlich als Predigerin in einer Kirche in Miami, Florida, tätig zu werden.

Nach fünfzehn Jahren in Miami vermisste Virginia die Zeit des Umherreisens so sehr, dass sie in den späten 1930er-Jahren zu ihrem Leben als fahrende Evangelistin zurückkehrte. Mein Großvater David war als einziges von ihren drei Kindern an einem Leben im Dienst Gottes interessiert, also nahm sie ihn als Chauffeur und Assistenten mit auf Tour, und gemeinsam veranstalteten sie riesige Events und Erweckungspredigten in Zelten überall in den USA.

Grandpas Rebellion und Neuorientierung

1941 wurde David mit zweiundzwanzig Jahren in die Armee eingezogen. Er hätte dies verweigern können, denn Geistliche und Theologiestudenten waren vom Militärdienst befreit. Aber inzwischen war er es leid, unter der Fuchtel seiner Mutter zu stehen, und wollte mehr Abenteuer erleben. Im Ausbildungslager erkrankte er jedoch an einer doppelseitigen Lungenentzündung, und laut eigener Aussage rechneten ihm die Ärzte keine großen Überlebenschancen aus, also versprach er Gott, dass er im Falle der Genesung sein Leben in Seinen Dienst stellen würde. Genau wie seine Mutter behauptet David, dass er auf wundersame Weise umgehend geheilt war – ganz zum Erstaunen aller Ärzte und Krankenschwestern.

Aufgrund eines Herzleidens wurde David schließlich trotzdem aus medizinischen Gründen aus dem Militärdienst entlassen und kehrte zu Virginia zurück. Er mochte das Nomadenleben, aber die bescheidene Rolle als Assistent seiner Mutter stellte ihn nicht zufrieden. Er wollte selbst Predigten halten. Zunächst teilte Gott ihm jedoch mit, dass er geduldig sein müsse und seine Zeit irgendwann kommen werde.

Die beiden hielten sich gerade in Kalifornien auf, als Grandpa meine Großmutter, Jane Miller, in der Little Church in Sherman Oaks traf, wo sie als Sekretärin arbeitete. Jane, zierlich und brünett, war in Kentucky in einer Familie von Baptisten aufgewachsen und eine fromme Christin. Im Juli 1944 heirateten die beiden heimlich, und zwei Jahre später wurde ihre erste Tochter Deborah geboren, gefolgt von Sohn Aaron im Jahr 1948. Kurz darauf wurde David von der Christian and Missionary Alliance zum Prediger ernannt und nach Valley Farms, Arizona, entsendet, einer staubigen Wüstenstadt knapp hundert Kilometer südlich von Phoenix.

Die Gemeinde bestand aus einer Mischung von weißen Südstaatlern, Ureinwohnern Amerikas und Mexikanern, die allesamt Schwierigkeiten hatten, friedlich miteinander zu leben. Durch seine Predigten verschärfte David die Spannungen allerdings nur, da er auf Integration drängte und vorschlug, dass die vermögenderen Gemeindemitglieder mehr von ihrem Geld mit den Bedürftigeren teilen sollten. Davids Gesinnung würde sich erst später konkreter zeigen, doch schon jetzt begann er, seine Vorstellungen eines christlichen Kommunismus, begründet auf der Apostelgeschichte 2,44, zu formulieren. Seine Forderung verärgerte die der Gemeindeleitung näherstehenden weißen Kirchgänger, und so wurde er schließlich entlassen. Die Erfahrung verleidete ihm die Kirche als Institution nachhaltig. Enttäuscht, aber unbeirrt, kehrte David mit seiner sechsköpfigen Familie zum Nomadenleben zurück – mit dabei auch mein Vater, Jonathan »Hosea« Emmanuel, der 1949 geboren worden war, und seine kleine Schwester Faithy, nach der ich später benannt wurde. Sie landeten schließlich in Huntington Beach, Kalifornien, wo Davids Eltern sich für ihren Ruhestand niedergelassen hatten. David brachte die Familie mit Gelegenheitsjobs durch, darunter auch eine kurzzeitige Anstellung als Lehrer und Busfahrer an einer christlichen Schule. Doch er war zutiefst unglücklich, wandte sich daher 1951 in der Hoffnung auf einen Rat an Gott und erhielt eine Offenbarung, die ihn auf einen völlig anderen und neuen Weg führte: Er war überzeugt, dass Gott von ihm verlangte, vollkommen aus dem »System« – sozusagen der Kirche als Institution – auszubrechen und erneut auf Tour zu gehen, um für Jesus Seelen zu retten. Also kündigte er von einem Tag auf den nächsten seinen Job und schrieb sich in einen dreimonatigen Kurs an der Soul Clinic in Los Angeles ein, einer Missionarsschule, die von Reverend Fred Jordan gegründet worden war.

Grandpa geht an die Jordan Missionary School

Reverend Fred Jordan war einer der ersten Fernsehprediger in den USA und gründete im Jahr 1949 die Fred Jordan Mission, die sich um Arme und Obdachlose kümmerte und eine Schule für angehende Missionare betrieb. Meinem Vater gefielen seine Ansichten sehr, insbesondere der Glaube, dass Gott in allem war und Gläubige sich nicht in einem Gotteshaus versammeln mussten, um mit dem Herrn zu kommunizieren.

Reverend Jordan hatte großen Einfluss auf David, und die beiden arbeiteten die nächsten fünfzehn Jahre lang auf verschiedenste Art und Weise zusammen, wodurch gleichzeitig vorgegeben war, wo und wie David mit seiner Familie lebte. Teil seiner missionarischen Ausbildung war ein Aufenthalt in Jordans Texas Soul Clinic in Thurber, Texas – auch »Die Ranch« genannt –, wo sich die Bekehrten einer Art militärischem Training unterziehen mussten, welches sie auf die Entbehrungen des Lebens als Missionare vorbereiten sollte.

Mein Vater war drei Jahre alt, als mein Großvater zum ersten Mal mit der Familie auf die Ranch zog. Sie blieben zwei Jahre lang dort, bevor David und Jane nach Florida übersiedelten und in Miami eine Zweigstelle von Fred Jordans Missionarsschule eröffneten.

In Miami lebten sie in einer Kommune zusammen und teilten sich ein großes Haus mit Gleichgesinnten, die ebenfalls die Missionarsausbildung durchliefen, und verbrachten die Sommer als Familie auf missionarischen Reisen durch die USA.

Das sogenannte Witnessing – die Missionarsarbeit – auf Reisen war die gesamte Kindheit meines Vaters über Familiensache. Während meine Großmutter Jane sich anfangs sorgte, dass durch die Erziehung von vier kleinen Kindern ihre Tage im Dienst der Kirche gezählt wären, fand sie bald auch als Mutter eine Möglichkeit zu helfen: Die Menschen schienen empfänglicher für die Botschaft ihres Mannes zu sein, wenn er von seinen niedlichen Kindern begleitet wurde, also bildete sie ihren Nachwuchs zu einer Gesangsgruppe aus, die seine Predigten musikalisch untermalte. Sie traten in Kirchen, auf der Straße und in Fred Jordans Radio- und Fernsehsendungen auf.

Eine Zeit lang lief alles gut, doch Davids hitzige Predigten, in denen er seine Jünger aufforderte, »alles aufzugeben«, um christliche Missionare zu werden, und seine aggressiven »Werbemaßnahmen« verbreiteten einigen Unmut bei den Gemeindeoberhäuptern in der Gegend. Jeden Sonntag schickte er seine Kinder und einige der Missionarsschüler zu den örtlichen Kirchen, um religiöse Texte zu verteilen, und wies sie an, alle Gebäude und Autos auf den Parkplätzen damit zuzukleistern. Diese Mätzchen versetzten die Kirchenoberhäupter noch mehr in Rage, sodass sie ihm die Polizei auf den Hals hetzten. David musste die Stadt verlassen und verkündete, dass sie Miami den Rücken kehren und wieder auf Reisen gehen würden. Für meinen Vater, der gerade die achte Klasse beendet hatte, bedeutete dies das Ende seiner Schulbildung.

Warnung vor der Endzeit

Die Familie belud also ihren achteinhalb Meter langen Dodge-Wohnwagen, den David liebevoll die »Arche« nannte, und kehrte zur Ranch zurück. Auch Virginia besuchte die Ranch zweimal, um ihrem jüngsten Kind dringliche Botschaften zu überbringen. »Die Warnung« kündigte zunächst die Ankunft des Antichristen und die bevorstehende Endzeit an. Die anschließende »Endzeitprophezeiung« besagte, dass David das »Verständnis Daniels« sowie die Fähigkeit besitzen würde, die Wiederkunft Christi vorauszusagen.

Bis zum Herbst 1967 blieb die Familie auf der Ranch, doch dann bat Virginia David, seine Kinder nach Kalifornien zu bringen, um bei den Hippies zu missionieren. Nur seine älteste Tochter Deborah blieb zurück. Ihr Jugendfreund Jethro und sie hatten mit dem Einverständnis ihres Vaters geheiratet, als sie sechzehn war, und die beiden gründeten in Texas ihre eigene Familie.

Obwohl Virginia schon über achtzig war, verbrachte sie ihre Tage damit, am Huntington Beach Pier – der Hippie-Hochburg Südkaliforniens zu dieser Zeit – Erdnussbuttersandwiches an Hippies, Surfer und Obdachlosen zu verteilen und mit ihnen über Jesus zu sprechen. Da sie fest daran glaubte, dass diese jungen Menschen gerettet werden mussten, drängte sie meinen Vater und seine Geschwister Aaron und Faithy, die zu dem Zeitpunkt selbst noch Teenager waren, dazu, die Leute zu bekehren.

Hippies und Jesus-Freaks

Im Light Club, einem Café in der Nähe des Piers, scharten mein Vater und seine Geschwister immer wieder große Gruppen junger Hippies um sich, indem sie Musik spielten und kostenlose Sandwiches verteilten. An diesem Ort fühlte sich David endlich unter Gleichgesinnten. Die idealistischen jungen Menschen hatten dem System bereits den Rücken gekehrt. Er musste sie nicht erst überzeugen, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Aber sie brauchten eine Mission, eine Führung und einen Ort, an dem sie dazugehörten. Also ging David auch abends in den Light Club, um dort seine immer radikaleren Ansichten zu predigen. Er ließ sich die Haare und den Bart wachsen, trug eine Baskenmütze und nahm ganz das Aussehen eines überzeugten Hippie-Predigers an; alle nannten ihn »Dad«.

Seine Worte fanden großen Anklang bei den jungen Leuten, und sie folgten bereitwillig seiner unorthodoxen Aufforderung, »aus einem schlechten System auszubrechen«, indem sie alles aufgaben – Geld, Ausbildung, Arbeitsstellen und Familien – und all ihre Zeit der Aufgabe widmeten, Gott als Missionare zu dienen, Seiner höchsten Berufung. David befürwortete auch ein Leben in Kommunen, ganz ähnlich den frühkirchlichen Jüngern (den Christen des ersten Jahrhunderts) – sowie den christlichen Kommunismus und verwies auf die Endzeit und die mahnenden Prophezeiungen über die bevorstehende Bestrafung Amerikas, die während der Zeit des Vietnamkriegs populär waren. Sie nahmen ihn beim Wort, packten ihre Rucksäcke und schlossen sich ihm an, bereit, Gott ihr Leben als Jünger zu widmen. Sie leerten ihre Taschen, lösten ihre Bankkonten und Aktiendepots auf, schworen Drogen und Alkohol ab und berauschten sich stattdessen an Jesus, ihrem Erlöser.

Grandpa findet sein Volk

Virginia Bergs Tod im späten Frühling des Jahres 1968, nur vier Jahre nach dem Dahinscheiden ihres Mannes Hjalmar, stellte sich als Wendepunkt in Davids Leben heraus. Es machte den Anschein, als wäre er dadurch von jeglicher Notwendigkeit befreit, sich an traditionelle Normen und Glaubenssätze zu halten. Er begann, auf das Kirchenwesen, die organisierte Religion, die institutionalisierte Bildung, die Föderalregierung, den Kapitalismus und sogar elterliche Autorität zu schimpfen – was bei seinen jungen Zuhörern auf große Resonanz stieß. Er beabsichtigte, eine religiöse Revolution zu starten, und seine neuen Jünger folgten ihm bereitwillig überallhin. Die Endzeit stand unmittelbar bevor, und David musste so viele Seelen wie möglich vor dem Beginn der Großen Trübsal, der Wiederkunft Jesu und dem Zorn Gottes retten.

Da regelmäßig Hunderte von Hippies im Light Club auftauchten, zog die Gruppe bald die Aufmerksamkeit der lokalen Medien auf sich, was zunächst positiv erschien. Hier war eine Gruppe von Christen, die Hippies dazu ermutigte, ihr Leben in Ordnung zu bringen und von den Drogen loszukommen! Schon bald erhielt die Familie Einladungen von Priestern, welche die Jugend für Religion begeistern wollten, darunter auch die eines alten Missionarsfreundes in Tucson, Arizona. Freudig schickte David meinen Vater und Esther zu ihm, eine der frühen Anhängerinnen der Gruppe. Sie war neunzehn Jahre alt, hatte gerade ihr erstes Studienjahr an der Kansas Wesleyan University beendet und war auf der Suche nach einer Gruppierung gewesen, die es ihr ermöglichen würde, Missionarsarbeit für Gott zu leisten.

Die andere Frau

Unter den neuen Mitgliedern der Kirche in Tucson befand sich auch Karen Zerby: Anfang zwanzig, schüchtern, mit vorstehenden Zähnen, Tochter eines Nazarenen-Predigers, die gerade ihren College-Abschluss gemacht hatte und ausgebildete Stenografin war. Zerby war mit solcher Begeisterung dabei, dass mein Vater ihr empfahl, nach Huntington Beach zu reisen und dort die Ausbildung im Light Club zu durchlaufen. Sie tat wie geheißen und wurde kurz darauf Davids Sekretärin. In den folgenden Monaten begannen die beiden eine heimliche Affäre, und sie zog schließlich zu ihm in die Arche, wo er inzwischen mit seiner Frau lebte. Obwohl Jane die neue Lebenspartnerin ihres Mannes zu akzeptieren schien, erinnert sich meine Tante Deborah, dass sie häufig weinte und es tunlichst vermied, mit Karen zusammen im Wohnwagen zu sein.

Währenddessen verstärkte David seine Mitgliederanwerbung in Kalifornien, indem er einige seiner Jünger zu den Universitäten in der Gegend schickte, um bei den Studierenden zu missionieren und Broschüren zu verteilen. Die Universitätsverwaltungen waren jedoch nicht erfreut über deren Anwesenheit auf ihrem Campus und riefen die Polizei, um sie vom Gelände entfernen zu lassen. Durch das Einbeziehen der Polizei beleuchteten die Medien verstärkt die Auseinandersetzungen und die radikaleren Lehren der Gruppe. Um weitere negative Presse zu vermeiden, flohen David, Jane und einige ihrer Jünger nach Tucson, wo sie wieder zu meinem Vater und Esther stießen. Auch Deborah reiste ihrem Vater zusammen mit ihrem Ehemann und den drei Kindern hinterher.

Die Jesus-Bewegung wächst

Als er in Arizona ankam, beschloss David, Teams seiner Jünger loszuschicken, um auf der Straße zu missionieren. Die Leiter dieser Teams sollten jeweils aus einem verheirateten Ehepaar bestehen, also fragte er meinen Vater und einen anderen männlichen Jünger, ob einer von ihnen Esther heiraten würde. Während ihrer Zusammenarbeit im vergangenen Jahr war mein Vater von ihrer Hingabe zu Gott beeindruckt gewesen, und er spürte, dass eine Heirat mit Esther Gottes Wille war. Da beide Männer zur Heirat bereit waren, lag die Entscheidung bei Esther, und sie wählte meinen Vater.

Also reisten mein zwanzig Jahre alter Vater und die neunzehnjährige Esther als Leiter eines Teams von Jüngern nach New Mexico, um dort an einer Universität Missionsarbeit zu betreiben, und dann weiter nach El Paso, wo sie am 16. Mai 1969 von meinem Großvater, einem geweihten Priester, getraut wurden.

Moses David und die Children of God

Von El Paso aus schwärmten die Teams über die gesamten Vereinigten Staaten und Kanada aus. Zeitweise waren 120 Menschen in über zehn Fahrzeugen unterwegs. Ein Journalist, der in St. Louis über sie berichtete, gab ihnen den Spitznamen »The Children of God«, und sie behielten den Namen. Außerdem verglich dieser Reporter David – der seine bunt zusammengewürfelte Truppe durch die Wildnis geleitete – mit Moses, was David dazu veranlasste, den Namen des Propheten und Anführers seinem eigenen hinzuzufügen und sich »Moses David« zu nennen (später abgekürzt zu Mo), da er, genau wie der biblische Moses, der die Israeliten aus Ägypten geführt hatte, nun seine Jünger aus dem »System« herausführte.

Moses David hielt seine Anhänger dazu an, sich ebenfalls neue biblische Namen zu geben, um zu verdeutlichen, dass sie als Children of God neugeboren waren und ihr altes Leben hinter sich ließen. Jane nannte sich von nun an Eve und wurde später als Mother Eve bekannt, während Karen Zerby fortan Maria hieß. Von da an mussten sich alle neuen Jünger oder »Babes«, wie sie in Anlehnung an die biblische Bezeichnung »babes in Christ« (»Unmündige in Christus«), auch genannt wurden, einen neuen Namen geben, wenn sie der Gruppe beitraten.

Während eines Aufenthalts in Louisiana durchsuchte die Polizei das Lager der Gruppe. Dabei spürten sie ein paar Leute auf, die an unterschiedlichen Orten per Haftbefehl gesucht wurden, meist wegen Drogenmissbrauchs aus der Zeit, bevor sie sich den Children of God angeschlossen hatten. Einige der Anhänger wurden festgenommen, und die restliche Gruppe wurde dazu aufgefordert, die Stadt zu verlassen, also brachen sie auf und schlugen neue Lager in verschiedenen Parks rund um Houston auf.

Da Moses David einen sicheren Ort für seine ständig wachsende Karawane benötigte, bat er Fred Jordan um die Erlaubnis, seine Jünger zur Ranch nach Thurber zu bringen. Jordan stimmte unter der Bedingung zu, dass die Jünger sich um das Anwesen kümmern und Reparaturen an den dortigen Gebäuden vornehmen würden, die langsam vor sich hin rotteten. So versammelten sich alle Teams im Januar 1970 auf der Ranch, darunter auch mein Vater und Esther, im achten Monat schwanger mit meinem Halbbruder Nehi.

Die Ranch

Die Gruppe ließ sich also auf der Ranch nieder und begann mit großer Begeisterung, die heruntergekommenen Gebäude wieder wohnlich zu machen. Hippies, Blumenkinder, Schulabbrecher, Jesus-People, einstige Drogenabhängige und Obdachlose sahen die Ranch als Chance, in einer Gemeinschaft zu leben und ihre eigene Familie zu gründen, um Gott zu dienen und die Welt zu retten. Moses David leitete die Stätte in demselben militaristischen Stil, den auch Fred Jordan in seiner Missionarsschule eingeführt hatte. Es war keine leichte Aufgabe, junge Leute mit solch unterschiedlicher Herkunft und Vergangenheit so auszubilden, dass sie in Harmonie zusammenlebten und -arbeiteten. Daher folgten alle einem strengen Tagesablauf, gingen früh zu Bett und standen früh wieder auf. Die Tage waren gefüllt mit Bauarbeiten, Kochen, Saubermachen und Beten sowie die Bibel lesen und auswendig lernen – von den Jüngern wurde erwartet, dass sie sich binnen der ersten drei Monate bis zu dreihundert Verse einprägten.

Kurz nachdem sie sich auf der Ranch niedergelassen hatten, sendete Moses David erneut Teams in ganz Amerika aus, um neue Anhänger zu gewinnen, sodass die Zahl der Bewohner auf der Ranch innerhalb eines Jahres von 160 auf 250 stieg. Aus psychologischen Gründen sollten die neuen Jünger alle familiären und sozialen Bindungen kappen, um sich voll und ganz auf ihre neue Glaubensfamilie einzulassen, gemäß Lukas 14,26: »Wenn jemand zu mir kommen will, muss ich ihm wichtiger sein als sein eigener Vater, seine Mutter, seine Frau, seine Kinder, seine Geschwister und selbst sein eigenes Leben; sonst kann er nicht mein Jünger sein.« Dennoch bestärkte David seine Anhänger darin, mit ihren Familien im Briefkontakt zu bleiben, und gestattete es freundlich gesinnten Eltern, sie auf der Ranch zu besuchen, damit sie sich nicht zu Feinden entwickelten.

Meine Mutter – Hippie und Ausbrecherin aus dem System

Mein Vater und Esther waren seit zwei Jahren verheiratet, als sie meine Mutter Ruthie kennenlernten, die sich den Children of God im Sommer 1971 anschloss. Im Gegensatz zu Esther, die als stille Kirchenmaus aufgewachsen war, entpuppte sich meine Mutter als eine forsche, unkonventionelle und ungehemmte Ex-Hippie. Sie war auf Long Island, New York, als mittlere Tochter von Evelyn und Gene Jones geboren worden. Da Gene ein erstklassiger Pilot bei der Luftwaffe war, musste seine Familie immer wieder mit ihm zu einer anderen Militärbasis umziehen. Von all den Orten, an denen Ruthie schon gelebt hatte, mochte sie Hawaii am liebsten. Mit ihren krausen dunklen Haaren und der sonnengebräunten Haut einer Surferin wurde sie in den drei Jahren ihres Lebens dort meist selbst für eine Hawaiianerin gehalten.

Von Hawaii zog die Familie 1964 mitten in der Zeit der Bürgerrechtsbewegung nach Atlanta, Georgia. Dort beteiligte sich meine Mutter als Teenagerin an den Protesten, indem sie sich in den hinteren Teil des Busses setzte, wohin eigentlich nur Schwarze Menschen verbannt waren, und wurde deshalb häufig aus dem Bus geworfen. Obwohl sie wegen ihres Idealismus und ihrer rebellischen Art oft in Schwierigkeiten geriet, konzentrierte sie ihre ganze Energie auf ihre wahre Leidenschaft: das Tanzen. Mit siebzehn wurde sie in die Atlanta Ballet Company aufgenommen, träumte aber von Abenteuern und dem Broadway, sodass sie wenige Monate später von zu Hause fortlief.

Ihr Vater engagierte einen Privatdetektiv, der sie in New York City aufspürte. Dort schlief sie auf dem Sofa eines Schauspielers, der zumindest den Umstand respektierte, dass sie minderjährig war. Ihr Vater erlaubte ihr, in der Stadt zu bleiben, jedoch nur unter der Bedingung, dass sie in ein Frauenhotel umzog. Sie mietete sich schließlich eine eigene Wohnung, suchte sich einen Job als Kellnerin und wurde für eine Off-Broadway-Show namens Kismet sowie später in der Musical-Sommersaison in den Pocono Mountains als Tänzerin angeheuert.

Etwa zu der Zeit, als sie endlich von ihren Engagements leben konnte, begann sie, Marihuana zu rauchen und psychedelische Drogen zu nehmen. Daraufhin kündigte sie bei den Shows und quartierte sich mit anderen Hippies in einer Hütte im ländlichen Teil des Staates New York ein, auf der Suche nach ihrem spirituellen Weg. Eine Zeit lang zog sie rastlos umher, nahm am Woodstock-Festival teil, fuhr per Anhalter durchs Land und landete schließlich in San Francisco, wo sie nach einer Dosis mit Strychnin vergiftetem LSD einen schrecklichen Drogenrausch erlebte. Sie rief daraufhin ihren Vater Gene an, der ihr ein Flugticket zu sich und seiner neuen Frau nach Atlanta bezahlte. Es war das letzte Mal, dass Ruthie psychedelische Drogen konsumierte. Schon bald nach ihrer Ankunft in Atlanta kontaktierte sie ihre beste Freundin, um ihr von dem Plan zu erzählen, einem Aschram in Indien beizutreten, doch ihre Freundin lud sie stattdessen zur Jesus-People-Gruppe in Atlanta ein, auch House of Judah genannt, der sie sich angeschlossen hatte. Ruthie sagte zu und stellte während ihres Besuchs fest, dass sie einen Weg gefunden hatte, um sich ihren Kindheitstraum zu erfüllen: Gott zu dienen.

Meine Mutter tritt der Jesus-Bewegung bei

Nachdem meine Mutter sechs Monate im House of Judah verbracht hatte, besuchten meine Tante Faithy sowie mein Vater und Esther die Gruppe in Atlanta. Sogleich war meine Mutter von ihrer Leidenschaft und Freude fasziniert. Also fuhr sie mit dreißig weiteren neuen Anhängern im sogenannten Propheten-Bus mit zur Ranch, um den Children of God beizutreten. Schon lange hatte meine Mutter nach etwas gesucht, das ihrem Leben Sinn geben würde. Außerdem sehnte sie sich nach einem engen Familienverband sowie Liebe und Anerkennung, welche sie als Kind von zwar gutmütigen, jedoch emotional unterkühlten Eltern nie bekommen hatte – ein häufiges Phänomen bei Menschen, die die Schrecken des zweiten Weltkriegs durchgemacht hatten. All das und noch viel mehr fand sie als Jüngerin Christi bei den radikalen Children of God.

Ihre Babes-Ausbildung auf der Ranch absolvierte meine Mutter im Sommer 1971. David hatte Gottes Botschaft zum »Ausbrechen« schon lange propagiert, doch seine Forderung nach vollständiger Loslösung sowie der militaristische Lebensstil brachten ihm immer mehr unerwünschte Aufmerksamkeit ein. Die Eltern einiger neuer Anhänger beschuldigten ihn, eine Sekte zu leiten und ihre Kinder einer Gehirnwäsche zu unterziehen. So besuchte auch der besorgte Vater meiner Mutter, Gene, die Ranch, um sie zur Abreise zu überreden, jedoch war sie mit ihren neunzehn Jahren rein rechtlich eine Erwachsene und überzeugte ihn, dass sie aus freien Stücken bei der Gruppe bleiben wollte. Einige besorgte Familien schalteten allerdings die Behörden ein oder engagierten professionelle Ausstiegsberater, um ihre Kinder nach Hause zu holen. Medienberichte kehrten sich ins Negative, denn sowohl Eltern als auch ehemalige Mitglieder warfen der Gruppierung Gehirnwäsche, Zensur von Briefen und Telefonanrufen, sektenartige Unterwürfigkeit zu Moses Davids Familie sowie (ungerechtfertigterweise) Drogenmissbrauch, Hypnose und Kidnapping vor.

In dieser Zeit erhielt Moses David von Gott die Aufforderung, Missionare ins Ausland zu schicken, um neue Felder zu erschließen. »Amerika hat seine Chance verspielt«, erklärte er seinen Anhängern. Während er Vorbereitungen traf, Teams aus je vier bis sechs Personen weit weg von der hiesigen Überwachung nach Übersee zu entsenden, musste er sich um das Thema Sex Gedanken machen, da dieser zu der Zeit lediglich unter Verheirateten gestattet war. Also berief er ein Treffen außerhalb der Ranch in einem Motel in Dallas ein, zu dem er seine vier Kinder, ihre Ehefrauen und -männer sowie ein paar weitere Ehepaare einlud, die zur höchsten Führungsriege der Gruppe gehörten.

Das »Law of Love« bedeutet sexuelle Freiheit

Dort, in der von Moses David angemieteten Suite mit zwei Zimmern, legte er ihnen die Doktrin des »Law of Love«, das »Gesetz der Liebe« dar. Er erklärte, dass die Regeln des Alten Testaments abgelöst und überlagert würden von nur zwei Geboten bei Matthäus 22,3640: »›Rabbi, was ist das wichtigste Gebot von allen?‹, fragte er ihn. Jesus antwortete: ›Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Verstand!‹ Das ist das erste und wichtigste Gebot. Das zweite ist ebenso wichtig: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‹ Mit diesen beiden Geboten ist alles gesagt, was das Gesetz und die Propheten wollen.«

Laut Moses David war mit Liebe im Herzen alles erlaubt, auch Sex außerhalb der Ehe. Er bezeichnete diesen Grundsatz als neue Erkenntnis aus der Bibel für eine neue Generation, die bereit war für mehr Freiheit. Wie immer stützte er die Aussage durch seine eigene Interpretation der Heiligen Schrift.

Dieser Glaubenssatz, den er in der Theorie schon länger entwickelt hatte, legitimierte und rechtfertigte auch seine Beziehung zu Maria, die »von Gott auserwählt« war, ihn in seinem neuen geistlichen Amt zu unterstützen, und erlaubte ihm, weiter damit zu spielen. Außerdem ermöglichte er Alleinstehenden und jungen Paaren, die durch ihre Arbeit länger getrennt lebten, Sex außerhalb der Ehe zu haben. Die sexuelle Freiheit der Hippie-Generation in seine Glaubenslehre zu integrieren bedeutete eine signifikante Abkehr von dem traditionellen Konzept der Enthaltsamkeit bis zur Ehe, mit der die Familie meines Vaters in der Kirche aufgewachsen war. Diese Offenbarung war jedoch zunächst den höchsten Führungskräften vorbehalten und sickerte erst ein paar Jahre später zu den einfachen Jüngern durch.

Im Spätsommer 1971 wurden meine Tante Faithy, mein Vater und Esther dazu auserwählt, den ersten Missionseinsatz in Europa zu leiten, und sie ließen dabei Nehi und auch ihren zweiten Sohn Hobo, der nur wenige Monate zuvor geboren worden war, in einer Kolonie in Washington zurück.

Meine Mutter bekommt einen Ehemann zugewiesen

Im Herbst desselben Jahres wurde auch Ruthie auserwählt, mit der nächsten Welle von Jüngern nach Europa zu reisen. Zunächst wurde sie von der Ranch in ein Family Home, also eine Wohngemeinschaft in Form einer Kommune, in New York geschickt, wo ein gutaussehender junger Mann, der etwas von einem Italiener hatte, an sie herantrat. Er stellte sich mit dem Namen Giddel vor und teilte ihr mit, es sei Gottes Wille, dass sie beide die Ehe eingingen. Meine Mutter war vollkommen verblüfft. Sie hatte noch nie auch nur ein Wort mit diesem Mann gewechselt und wusste nicht, wie sie reagieren sollte, als er ihr erzählte, der Leiter des Family Homes habe vorgeschlagen, dass sie umgehend heiraten sollten, damit sie ein Team in Europa leiten könnten – denn nur verheirateten Paaren war es gestattet, neue Homes zu gründen, sagte er.

Meine Mutter wollte dem Willen des Herrn gerne gehorchen, also bat sie Gott im Gebet um Rat und stimmte schließlich widerwillig zu. Zwei Wochen später wurden sie und Giddel sowie fünf weitere überraschte und aufgeregte Paare in einer gemeinschaftlichen Zeremonie vermählt. In der folgenden Woche machten sich Ruthie und ihr frischgebackener Ehemann auf den Weg nach England, um die Missionierungsbestrebungen im Ausland zu unterstützen. Doch schon nach drei gemeinsamen Monaten wurde deutlich, dass die Ehe nicht funktionierte, daher war Ruthie froh, als Giddel mit einem Team nach Italien weiterreiste. Nachdem Faithy zahlreiche Briefe von Ruthie erhalten hatte, engagierte sie meine Mutter als persönliche Sekretärin. Mit nur sechsundzwanzig Jahren war Faithy eine der höchsten Führungskräfte der »Revolution« und gleichzeitig eine wahre Unruhestifterin, die leidenschaftlich ihrer Missionierungsaufgabe nachging und für ihren Alkoholkonsum und ihr hitziges Temperament bekannt war.

Die Eroberung Europas und die Verteufelung Amerikas

Meine Mutter reiste mit Faithy nach London und Paris, von wo aus die beiden nun agieren sollten. Auch mein Vater, der ebenfalls mit der Überwachung der missionarischen Pionierarbeit in Frankreich betraut war, lebte abwechselnd in Paris und London. So begegneten er und meine Mutter sich in Paris wieder, obwohl ihre Beziehung zunächst streng platonisch blieb. Sechs Monate nach Esthers Ankunft wurden endlich auch Nehi und Hobo zu ihr nach London gebracht und in den folgenden drei Jahren gebar sie kurz hintereinander vier weitere Kinder: die Zwillinge Josh und Caleb und schließlich Aaron und Mary.

Im Frühling des Jahres 1972 schrieb Moses David, der inzwischen ebenfalls in London lebte, einen Brief an seine Jünger, den er mit I Gotta Split (Ich muss mich trennen) betitelte und in dem er davor warnte, dass alle Fluchtwege aus Amerika versperrt sein würden, »sobald der Sturm von Gottes Strafe über die Sündhaftigkeit der Niederungen Amerikas hereinbricht!«. Darin informierte Moses David seine Anhänger, dass er aufgrund der andauernden Strafverfolgung – genau wie Jesus – mit seinem Körper, also physisch, fortgehen müsse, um im Geiste bei ihnen zu sein. Anstatt seine Herde selbst anzuleiten, wie er es auf der Ranch getan hatte, würde er nun ausschließlich über das geschriebene Wort mit ihnen kommunizieren – diese Mitteilungen wurden später bekannt als Mo-Briefe. Keiner seiner Anhänger wusste, dass er das Land bereits verlassen hatte, aber da ihm die Gesetzeshüter in den Vereinigten Staaten bereits auf den Fersen waren, musste Grandpa in Bewegung bleiben und konnte seine Gemeinde viel besser durch schriftliche Kommunikation anführen. Denn das Amt zum Schutz vor Wirtschaftskriminalität in New York ermittelte bereits gegen die Gruppierung wegen Anschuldigungen zu Steuerhinterziehung, Behinderung der Justiz und mutmaßlicher physischer und psychischer Nötigung der Mitglieder.

Grandpa ließ der ersten schriftlichen Erklärung gleich eine zweite düstere Warnung folgen, die er in einem eindringlichen Mo-Brief mit dem Titel Flee as a Bird To Your Mountain (Fliehe wie ein Vogel auf deinen Berg) darlegte: Er rief seine Anhänger dazu auf, vor dem bevorstehenden Untergang Amerikas um ihr Leben zu rennen, da das Land für seine Sünden bestraft werden würde. Grandpas Warnung löste einen massenhaften Exodus aus, sodass bis 1973 mehr als 130 Kolonien mit etwa 2400 Jüngern in fünfzig Ländern entstanden, darunter Australien, Neuseeland sowie sowie Teile Europas, Asiens und Lateinamerikas. Nicht viele der ursprünglich dreihundert Anhänger blieben in Amerika, doch mit den Jahren kamen laufend neue hinzu, sodass die Homes auch dort weiter gediehen und in jedem der Vereinigten Staaten kleine Kommunen existierten.

Grandpa nimmt sich eine zweite Frau

Da Moses David und Maria nun »im Verborgenen« lebten, führten seine eigenen Familienmitglieder und deren Ehepartner, die Grandpa als »Royal Family« bezeichnete, seine Erlasse aus und druckten seine Schriften auf Hunderttausende Flugblätter, die auf der ganzen Welt von Hand gegen eine Spende verteilt wurden.

In einem seiner ersten Mo-Briefe, One Wife (Eine Frau), stellte Moses David seinen Jüngern das Konzept vor, die eigenen Partner mit anderen zu teilen, und verkündete, dass die Ehefrau eines Mannes gleichzeitig die Ehefrau Gottes und auch aller anderen Männer sei. Er rechtfertigte das mit dem Verweis auf biblische Beispiele für Polygamie und bezeichnete die traditionelle Ehe als »egoistisch« und im Widerspruch zum Willen Gottes. In seinem Mo-Brief Old Church, New Church (Alte Kirche, Neue Kirche) verglich er Mother Eve (Jane) mit der Alten Kirche, der traditionellen Kirche, die kritisch ist, widerspenstig, rückständig und nicht bereit, sich neuen Erkenntnissen zu öffnen. Moses David erzählte, wie Eve ihn eines Abends in der Arche dafür gerügt hatte, dass er immer Sex verlangte, und behauptete, er sei zu sehr der Fleischeslust ergeben, um ein wahrer Mann Gottes zu sein. Da sei der Geist des Herrn in ihm aufgestiegen und er habe Eve für ihre rebellische Art geohrfeigt. Anschließend habe er zu Gott gebetet, er möge ihm eine Frau senden, die an ihn glaube. Maria, so erklärte er, die »der attraktiven Neuen Kirche, also der Family, gleicht und begierig ist auf die Samen Jesu und König Davids und alles tut, was er verlangt«, sei die Antwort auf seine Gebete.

Auf diese Weise hatte er den Weg für mehrere Ehefrauen geebnet und nahm seine junge Anhängerin Maria (Karen Zerby) nun auch offiziell zu seiner zweiten Frau. Bald darauf wurde sie jedoch seine einzige Frau, denn Eve tat sich mit einem anderen, etwas jüngeren Anhänger zusammen. Da Maria nun an Davids Seite war und ihn immer weiter anspornte, beschritten die Children of God bald einen Weg fernab jeglicher Grenzen und gesellschaftlicher Normen und sogar der Gesetzgebung.

Währenddessen gründete Aunt Faithy, die sich das musikalische Talent der Anhänger zunutze machen wollte, die Musikgruppe »Les Enfants de Dieu«, inklusive einer Tanztruppe, bei der auch meine Mutter mitwirkte. Ruthie hatte ihren Traum vom Tanzen am Broadway nicht vollends verwirklicht, aber die Anerkennung, die sie als Mitglied dieser reisenden Truppe erhielt, erfüllte sie mit Stolz. Die Gruppe erlangte unmittelbar große Beliebtheit und erreichte 1974 mit ihrer Erfolgs-Single »My Love Is Love« den ersten Platz in den französischen Charts. Schon bald folgten Plattenverträge, regelmäßige Auftritte im Fernsehen, Buchungen für Live-Auftritte und eine einmonatige Tournee in Frankreich, organisiert vom Radiosender Europe 1.

Der heimliche Beginn des Flirty Fishing

Wieder in London begannen Moses David und Maria im Geheimen damit, eine neue Art der Missionsarbeit in den örtlichen Nachtklubs auszuprobieren. Dabei verführte Maria auf seine Anweisung hin Männer auf der Tanzfläche, nahm sie zum Sex mit nach Hause und stellte ihnen anschließend Moses David vor, der sie von seinem Glauben zu überzeugen versuchte.

Zunächst erzählte er lediglich den höheren Führungskräften von dieser aufregenden neuen Art des Glaubensdienstes und nannte es »Flirty Fishing«: Die weiblichen Jüngerinnen fungierten als »Köder«, um mit bevorzugt vermögenden Männern, den sogenannten »Fischen«, zu flirten und oft auch Sex zu haben. Diese Methode des Witnessing diente dazu, um Anhänger, aber auch wohlhabende Spender zu gewinnen. Die Fische waren dem System nahestehende Männer, die sich nach Gottes Liebe und Erlösung sehnten. Moses David schrieb dazu: »Sex ist ein körperliches Bedürfnis, welches genauso groß ist wie Hunger oder der Wunsch nach Obdach. Jesus nährte die Scharen mit Brotlaiben und Fischen, damit sie nicht so hungrig waren und seinen Lehren lauschen konnten. Auf dieselbe Art und Weise müssen die Frauen zunächst das sexuelle Verlangen der Männer befriedigen, bevor sie bereit sind, mehr über Jesus zu erfahren.«

Moses David wollte noch mehr Frauen in seine Führungsriege integrieren, um das Experiment auszuweiten, aber er war auch besorgt, wie diese Methode von der britischen Gesellschaft aufgenommen werden würde, da diese dem Thema Sex eher konservativ gegenüberstand. Also zogen Moses David, Maria und eine Gruppe sorgfältig ausgewählter weiblicher Jüngerinnen im Jahr 1974 auf die kanarische Insel Teneriffa, ein Urlaubsziel mit einer sehr viel entspannteren Einstellung. Von den Frauen wurde erwartet, dass sie zwei bis fünf Nächte pro Woche »fischen« gingen. »So, wie Jesus sein Leben für Gott hingab, so müsst auch ihr euer Leben (und eure Frauen) für diese Männer hingeben«, predigte Moses David.

Der neue Prinz wird geboren

Zu Beginn des nächsten Jahres, am fünfundzwanzigsten Januar, gebar Maria einen Jungen, den sie Davidito nannte. Moses David war überglücklich und verkündete sogleich, dass »Little David« der junge Prinz sein solle, der Thronerbe. Dank Marias neuer Rolle als Mutter nannte Moses David sie fortan »Mama Maria« und später auch »Queen Maria« in Anlehnung an ihn als »King David«. Später verkündete er, dass Davidito und Mama Maria die Zwei Zeugen aus der Offenbarung 11 seien, die später die Kirche durch die Endzeit führen würden.

Freundschaft mit Gaddafi

Einige Monate nach Daviditos Geburt unterbrach Grandpa seine Aktivitäten auf den Kanaren, um Muammar al-Gaddafi aufzusuchen, das Staatsoberhaupt von Libyen. Mein Vater und Faithy hatten ihn bei einer Pressekonferenz in Paris kennengelernt, und Gaddafi schickte Moses David und den Children of God anschließend eine offizielle Einladung, ihn in Tripolis zu besuchen. Moses David hatte sich schon zuvor aus der Ferne um Kontakt zu dem jungen, geheimnisvollen, revolutionären Oberst bemüht und sah dies als Chance zum Missionieren durch Flirty Fishing. So machte er sich mit mehreren Mitgliedern der Royal Family, darunter auch meinen Eltern, auf den Weg und nahm zudem seine Mädchen aus Teneriffa mit, um die libyschen Führungskräfte auf seine Seite zu ziehen. Meine Mutter freute sich sehr, einbezogen zu sein, aber noch mehr begeisterte es sie, dass der Endzeitprophet sie höchstpersönlich zu sich eingeladen hatte und sie ihn nun endlich von Angesicht zu Angesicht treffen würde. Was für eine seltene und unglaubliche Ehre! Abgesehen von den wenigen Monaten ihrer Ehe hatte meine Mutter während ihrer Zeit als Missionarin in Europa seit fast fünf Jahren keinen Sex gehabt, da die sexuelle Freiheit der führenden Royal Family den Jüngern noch verboten war.

Meine Eltern werden polygam

Während des Aufenthalts in Libyen fand Moses David Gefallen an meiner Mutter. Er bewunderte ihre Hingabe und ihre Bereitschaft, alles für die Sache zu tun. Er riet meinem Vater, sie als Zweitfrau und Sekretärin zu nehmen, um ihm bei der geplanten Herausgabe der Mo-Briefe zu helfen. Meine Mutter fühlte sich zwar geschmeichelt, teilte Moses David aber mit, dass sie lieber weiter für Aunt Faithy als Sekretärin arbeiten wolle. Doch Moses David befahl ihr, sich meinem Vater anzuschließen und seinen Sohn zu lieben, wie sie ihn, Moses David, liebte. Ihr Glaube war so stark, dass sie sich seinem Willen ebenso beugte wie dem Gottes. Aunt Faithy war nicht gerade erfreut, ihre Sekretärin und treue Dienerin zu verlieren, aber niemand wagte es, sich den Anordnungen des Propheten zu widersetzen.

Nach zwei Monaten in Libyen wurde deutlich, dass Gaddafi nicht vom Islam konvertieren würde. Er war vielmehr daran interessiert, die vielen Tausend Anhänger der Children of God zu nutzen, um positive Werbung über ihn selbst auf der ganzen Welt zu verbreiten. Enttäuscht, aber durchaus in der Lage, eine aussichtslose Situation zu erkennen, kehrte Grandpa nach Teneriffa zurück und nahm das »FFing« mit seinem Frauenteam wieder auf.

Doch er hatte eine neue Mission. Bisher waren die Mo-Briefe als kurze Abhandlungen an die Jünger verteilt worden, und so existierten bereits mehrere Hundert Einzelbriefe. Moses David und mein Vater beschlossen, dass sie nun zusammengestellt und als Bücher veröffentlicht werden sollten, versehen mit einem Themenregister, damit die Mitglieder seine viele Tausend Seiten umfassenden Schriften studieren konnten. Grandpa beauftragte meinen Vater sowie Ruthie als seine Assistentin mit dieser Aufgabe, da sie schnell tippen konnte.

Nach ihrer Rückkehr aus Libyen verbrachten meine Eltern einige Wochen mit Esther, die inzwischen in Italien lebte, um sich in ihrer Dreier-Ehe zusammenzufinden. Anschließend nahmen meine Mutter und mein Vater Aufzeichnungen und Kopien von Moses Davids Schriften mit in ein Hotelzimmer auf Malta, wo sie einen Monat lang unermüdlich an der Zusammenstellung des ersten Bandes mit Mo-Briefen arbeiteten.

Meine Geburt in Hongkong

Einige Monate später wurden meine Eltern nach Hongkong geschickt, um dort Druck, Bindung und Versand zu organisieren. Laut meiner Mutter fand dort außerdem bei einem Ausflug zu einem einsamen Strand meine Empfängnis statt. Sie war überglücklich über die Schwangerschaft, jedoch auch völlig überrascht. Im Alter von siebenundzwanzig und nach Jahren ungeschütztem Hippie-Sex in ihrer Jugend hatte sie nicht geglaubt, überhaupt Kinder bekommen zu können.

Als die Bücher endlich fertig waren, ließ mein Vater meine im sechsten Monat schwangere Mutter in Hongkong zurück und reiste wieder nach Teneriffa, um seinem Vater die gedruckten Exemplare zu bringen.

Etwa zu dieser Zeit beschloss Moses David, das FFing auch unter den gewöhnlichen Jüngern einzuführen, da er die Methode inzwischen einige Jahre lang im Kleinformat getestet hatte. Um seine Anhänger auf diese neue Offenbarung vorzubereiten, hatte Grandpa in den vergangenen Jahren immer mehr explizit sexuelles Material in seine Mo-Briefe einfließen lassen. 1976 veröffentlichte er eine Serie mit dreiundzwanzig Briefen über Marias Abenteuer in London, die er King Arthur’s Knights (König Arthurs Ritter) nannte. Er verschickte die Mo-Briefe über FFing in schneller Folge, beschrieb und rechtfertigte diese neue Art der Missionsarbeit und pries ihren Erfolg an. Nicht jeder war sofort bereit mitzumachen. Einigen der Führungskräfte und Jünger, insbesondere den glücklich verheirateten, widerstrebte der Gedanke. Aber der Großteil seiner Anhänger war freudig bereit, den Erlass zu befolgen, überzeugt davon, dass Grandpa Gottes Botschaft für den Anbruch eines neuen Zeitalters verkündete.

Verhaftung wegen Prostitution

Kurz nachdem er seine Offenbarung der Family gegenüber kundgetan hatte, verkaufte ein verdeckt arbeitender Fotograf ein Foto des Endzeitpropheten mit einigen seiner Flirty Fishers an das westdeutsche Magazin Stern, und die Redaktion brachte es als Titelgeschichte heraus. Sogleich zog das Time-Magazin nach und veröffentlichte das Foto zusammen mit einem Sonderbeitrag mit dem Titel »Tracking the Children of God« (»Auf den Spuren der Children of God«) in der Ausgabe vom 22. August 1977.

Die Behörden auf Teneriffa reagierten schnell, verhafteten eine Handvoll Frauen aus Moses Davids Home und zeigten sie wegen Prostitution an. Alle, die während der Razzia nicht erwischt worden waren, darunter auch mein Vater und Esther, die gerade für einen Besuch angereist waren, verließen die Insel in Windeseile. Zwar war die Polizei auf der Suche nach Moses David, um ihn als Zuhälter in Gewahrsam zu nehmen, doch er und Maria schafften es gemeinsam mit Davidito rechtzeitig aufs Festland und gründeten schließlich ein neues Home in Barcelona.

Nach fast sechs Monaten in Europa kehrte mein Vater endlich nach Hongkong zurück, wo ich – inzwischen drei Monate alt – mit meiner Mutter und einer kleinen Gruppe von Jüngern in einem Hochhaus wohnte. Mein Vater bestand darauf, dass Esther und ihre Kinder sich ihm und meiner Mutter in Hongkong anschlossen. Da sie befürchtete, ihre Kinder und ihre Stellung zu verlieren, wenn sie ihm nicht gehorchte, stieß Esther ein paar Monate später zu uns, und kurz nach meinem ersten Geburtstag kamen auch meine sechs Geschwister mit ihrem Kindermädchen an. Zum ersten Mal lebte mein Vater mit seinen zwei Ehefrauen und all seinen Kindern zusammen unter einem Dach.

Die RNR-Bombe – Grandpa feuert all seine Führungskräfte

Um seiner zehnköpfigen Familie (plus Gehilfen) trotz geringen Einkommens ein Dach über dem Kopf zu bieten, zog mein Vater im Jahr 1978 mit uns in die nahegelegene portugiesische Kolonie Macau. Wir waren gerade dabei, uns einzuleben, da schickte Moses David einen erschreckenden Befehl zu »Re-Organisation, Nationalisation, Revolution« oder auch RNR. In dem Mo-Brief REBIRTHDAY! (WIEDERGEBURTSTAG!), den er an seinem Geburtstag, dem 18. Februar 1978, veröffentlichte, feuerte Moses David dreihundert seiner höchsten Führungskräfte, einschließlich der Royal Family, seiner Kinder und Mother Eve. Er erklärte, dass die Führung – oder auch »Regierung«, wie er sie nannte – der Children of God »durch ein verworrenes Netz an Beauftragten so kompliziert und durch den Bürokratismus so kopflastig geworden war, dass sie sich kaum rühren und ihre Arbeit verrichten konnte«.

Er hatte es satt, dass die Führungskräfte bei der Umsetzung seiner Verordnungen immer trödelten. »VIELE DEMOKRATIEN SIND GESCHEITERT und endeten in Streit und Verwirrung, in Korruption und wirtschaftlichem Kollaps, und es bedurfte eines militärischen oder politischen Putschs durch einen Mann, der von allem die Schnauze gestrichen voll hatte!«, schrieb er.

Die Children of God hatten 1970 mit der sehr strengen, sogar demütigenden militaristischen »Ausbildungs«-Zeit auf der Ranch ihren Anfang genommen, welche darauf abzielte, alle außer den unermüdlichsten Jüngern vorzeitig zum Aufgeben zu bewegen. Genau dieselbe diktatorische Führung und Einstellung hatte sich während der Missionierung der Länder Europas und anderer Staaten fortgesetzt. Doch die Jünger standen kurz vor dem Zusammenbruch, was den Propheten dazu veranlasste, die Zügel der strikten Kontrolle und des bedingungslosen Gehorsams mit diesem Erlass der Reorganisation eine Zeit lang zu lockern. Er teilte seinen Homes mit, dass sie Wahlen für die Ernennung neuer lokaler Führungskräfte abhalten dürften.

Außerdem nutzte er die Gelegenheit, um die Children of God offiziell aufzulösen und Abstand zu den fortwährenden Anschuldigungen sexueller und finanzieller Gesetzesverstöße zu schaffen. Daher befahl er allen, sich von nun an »The Family of Love« (»Die Familie der Liebe«) zu nennen, was letztlich zu »The Family« abgekürzt wurde.

Obwohl mein Vater nicht mehr zu den höchsten Führungskräften gehörte, arbeitete er weiter an der Veröffentlichung der Mo-Briefe in Hongkong, ein wichtiger, wenngleich begrenzterer Einflussbereich. Allerdings verließen viele Mitglieder der alten Führungsriege die Family, weil sie ihre privilegierten Positionen verloren hatten, darunter auch Mother Eve. Seit Jahren schon hatte sie ihre Aufmerksamkeit auf eine eigene Gruppe von Jüngern im Süden Frankreichs gerichtet, und so gingen sie, ihr Assistent Steven und einige weitere Jünger nach Houston, Texas, um dort eine etwas traditionellere Kirchengemeinde zu gründen. Da sie aber noch mehrere Jahre lang Geld von Moses David erhielt, verurteilte sie ihn nie öffentlich.

In den folgenden Jahren gab es keine richtige Führung der Gruppe. Zwar lenkte Moses David seine Anhänger weiterhin durch die Family News, eine monatlich erscheinende Sammlung von Berichten und Ratschlägen der Mitglieder, sowie die Mo-Briefe, aber die Jünger konnten in beliebigen Ländern Missionarsarbeit leisten, tun, was sie wollten, und gehen, wohin sie wollten, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen. Manche nahmen sogar Jobs außerhalb der Family an, um Geld zu verdienen, was einfacher war als das ständige Spendensammeln auf der Straße und durch Klinkenputzen. Diese Freiheit war eine willkommene Erleichterung für die Jünger, die ohne Empfängnisverhütung große Familien gegründet hatten.

Obwohl mein Vater sich der Degradierung fügte und sich eifrig am FFing und Moses Davids neuen Offenbarungen beteiligte, war der Sturm noch nicht vorüber.

Entlassung und Demütigung meiner Eltern

An Weihnachten 1980 wurde Esther ohne Vorwarnung in einem öffentlichen Mo-Brief gerügt. Ihr war von Mitgliedern eines Homes auf den Philippinen, welches sie besucht hatte, vorgeworfen worden, dass sie gesagt habe, Grandpa und mein Vater würden pornografische Filme gutheißen. Bis heute versichert sie, dass sie nie einen Pornofilm gesehen und auch niemals etwas dergleichen geäußert hat. Doch unter der öffentlichen Drohung, exkommuniziert zu werden und ihre Kinder nicht mehr sehen zu dürfen, konnte sie sich nicht verteidigen. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, sich vollkommen zu unterwerfen.

Das war der Auslöser für ein Dutzend Mo-Briefe, die sich Prodigal Prodigies (Verlorene Wunderkinder) nannten und in denen mein Vater dafür getadelt wurde, dass er Esther nicht im Zaum gehalten hatte sowie für seine eigene Unabhängigkeit und seinen Ungehorsam. Zu der Zeit leitete mein Vater Hosea eine Druckerei außerhalb von Hongkong, wo er – entgegen den Anweisungen von Moses David – neben den »Family Mo Books« auch Bücher für Kunden des Systems druckte. Genau wie Esther musste mein Vater ein öffentliches Geständnis über seine Verfehlungen inklusive einer Entschuldigung verfassen, das zusammen mit Moses Davids und Marias Kommentaren abgedruckt wurde.

Diese öffentliche Demütigung meines Vaters schien Moses Davids Entscheidung zu rechtfertigen, ihn – trotz seiner fortwährenden Ergebenheit – durch die RNR aus der Führungsriege zu entfernen und mit Davidito und Maria eine neue Royal Family aufzubauen.

Innerhalb eines Monats nach der Prodigal Prodigies-Reihe wurden die Zeitungskioske in Hongkong von einer Welle negativer Nachrichten zur Family – und unserer eigenen Familie – überrollt. Ganz im Gegensatz zu den wohlwollenden Veröffentlichungen, die in letzter Zeit über uns erschienen waren, beschuldigten diese von Reportern aus England und den USA geschriebenen Artikel die Family, Prostitution zu unterstützen, und brachten die Regierung Hongkongs dazu, die Mitglieder der Family des Landes zu verweisen.

Da meine Eltern unsicher waren, wie die Konsequenzen genau aussehen würden, beschlossen sie, sich nach Hac Sa abzusetzen, einem abgeschiedenen Strand am entlegensten Ende von Macau. Sowohl von innerhalb der Family durch die Mo-Briefe wie von außen und die Medien gedemütigt, fühlte sich das einsame Dorf Hac Sa wie das Paradies an, um sich ein neues Leben mit dem kleinstmöglichen Einfluss von außen aufzubauen. Da ahnten sie noch nicht, dass unser Leben alles andere als ruhig verlaufen würde.

1

DIE GROSSE FLUCHT!

»Faithy«, knurrt mein Vater mir in seinem breiten texanischen Akzent ins Ohr. »Steh auf. Und sei still. Sag nicht ein Wort, verstanden?«

Vor dem Fenster ist es stockdunkel. Ich nicke, noch ganz schlaftrunken.

Mommy Ruthies langes, schwarzbraunes Haar steht wie eine wuschelige Wolke von ihrem Kopf ab, während sie in dem winzigen Zimmer umherhuscht und Sachen in so eine billige, bunt gestreifte Stofftasche stopft, in denen die chinesischen Straßenhändler immer ihre Ware herumtragen. Mein Vater hebt mich hoch und legt mich über seine Schulter, sodass meine Welt plötzlich kopfsteht. Mein nackter Fuß schrammt an der Schnalle seines Cowboy-Gürtels entlang. Durch halb geschlossene Lider erkenne ich den orangefarbenen Linoleumboden und den abgenutzten Wohnzimmerteppich. Als ich den Hals recke, sehe ich Mommy Esther, die andere Frau meines Vaters, mit ihren sechs leiblichen Kindern – meinen Halbgeschwistern – an der Tür stehen. Sie streicht sich das glatte, helle Haar aus dem hübschen Gesicht, das vor Sorge ganz verzerrt ist. Alle haben kleine Taschen in den Händen.

»Wir gehen jetzt zusammen die Treppe runter und steigen in den Van«, sagt mein Vater. »Ihr müsst ganz leise sein.«

Während ich meinen Kopf angestrengt gegen die Schwerkraft hochhalte, beobachte ich achtzehn Füße und vier Pfoten, die fünf Stockwerke mit dreckigen, weißgefliesten Stufen hinunterlaufen. Das Klatschen der Flipflops meines ältesten Bruders hallt laut durch den dunklen Flur. Wir warten, während mein Vater die schwere Stahltür am Eingang unseres Apartmenthauses entriegelt, bevor wir auf das rundgeschliffene Kopfsteinpflaster hinaustreten, das mehrere Hundert Jahre zuvor von portugiesischen Handelsschiffen als Ballast hierhergebracht wurde. Als wir in unseren alten Dodge Ram Van einsteigen, reicht mich Daddy nach hinten weiter. Meine Mutter zieht mich auf ihren Schoß, während er sich mit der Schiebetür abmüht, die einfach nicht zubleiben will. Trotz seiner drahtigen Gestalt ist er überraschend stark, und endlich schließt sich die Tür mit einem dumpfen Klacken. Wir fahren los. Fragen wollen mir über die Lippen sprudeln, aber sobald ich den Mund öffne, spüre ich den Druck des Fingers meiner Mutter darauf.

»Sei bitte still«, flüstert sie.

Die schmalen Straßen im Kolonialstil sind vollkommen verlassen, als meine drei Eltern, sechs Geschwister und unser geliebter Dobermann in die Dunkelheit entfliehen.

Es ist Juli 1981, zwei Monate nach meinem vierten Geburtstag, als meine Eltern beschließen, unser Zuhause in der Stadt Macau, einer Provinz in China, die bis 1999 unabhängig war und unter portugiesischer Kolonialherrschaft stand, fluchtartig zu verlassen.

Ich kuschele mich in den Schoß meiner Mutter und lasse mich von den schaukelnden Bewegungen des Autos sanft wiegen. Von meinem Platz aus kann ich wenig erkennen, sehe lediglich Schatten und erhasche kurze Blicke auf die leeren Kopfsteinpflasterstraßen. Alles sieht so anders aus als das Macau bei Tag, wenn die florierende Stadt in geschäftigem Treiben versinkt und Menschen sich beim Einkaufen aneinander vorbeidrängeln.

Diese Stadt, die meine Heimat war, seit ich denken kann, wurde auf einer Halbinsel errichtet, welche von der Küste Südchinas ins Meer hinausragt und über Brücken mit zwei dahinterliegenden Inseln verbunden ist. Im siebzehnten Jahrhundert war die Halbinsel nur zweieinhalb Quadratkilometer groß. Doch bis 1981 fügten die Einwohner weitere dreizehn Quadratkilometer hinzu, indem sie all ihren Müll im Meer abluden und so immer mehr Land aufschütteten. Trotz der zusätzlich gewonnenen Fläche ist Macau bis heute im Guinness-Buch der Rekorde als das am dichtesten besiedelte Gebiet der Erde gelistet. Seine damals 250.000 Einwohner (95tt Chinesen und 5 Prozent Macanesen, eine Mischung aus asiatisch- und portugiesischstämmigen Menschen, sowie eine sehr viel kleinere Zahl von portugiesischen Regierungsangestellten, die hergeschickt wurden, um diese vernachlässigte Kolonie zu leiten) nehmen einen beträchtlichen Teil des Raumes ein und treten sich in ihren fünfundfünfzig Quadratmeter kleinen Wohnungen beinahe auf die Füße. Solch eine Wohnung hat auch meine Familie auf der Rua Central angemietet, die direkt von der Haupteinkaufsstraße abzweigt, kaum groß genug für unsere zehnköpfige Familie und die verschiedenen Helfer, die mit uns dort wohnen.

Nach zehn Minuten fahren wir auf die anderthalb Kilometer lange Brücke, die die Halbinsel der Stadt Macau mit Taipa verbindet, der ersten Insel. Eine meterhohe weiße Statue der Jungfrau Maria steht an der Auffahrt zur Brücke – die katholische Beschützerin für schlechte Autofahrer. Wir umrunden Taipa und gelangen über den Damm zur nächsten Insel, Coloane, fahren dann über das pechschwarze Wasser, bis die Brücke uns in eine dunkle Landschaft entlässt. Die einzigen Geräusche sind das Brummen unseres alten V8-Motors und das Schaben der im Kofferraum umherrutschenden Reisetaschen.

Endlich bricht mein Vater das Schweigen. »Wir ziehen in ein neues Zuhause«, verkündet er.

»Ist das nicht aufregend?«, fügt Mommy Ruthie hinzu und drückt mich beruhigend an sich.

Sie erhält lediglich ein leises Schnarchen zur Antwort; meine Geschwister sind in einem Knäuel aus kleinen Armen und Beinen übereinanderliegend wieder eingeschlafen. Und ich weiß nicht, was ich sagen soll, also bleibe ich still.

Mit nun ebenfalls geschlossenen Augen höre ich das Knirschen von kleinen Steinen unter unseren Reifen, als wir von der asphaltierten Straße abfahren. Nachdem wir endlich angehalten haben, nimmt meine Mutter mich bei der Hand, und begleitet von einem zirpenden Grillenchor marschieren wir in die Dunkelheit. Ich taste mich durch einen Türrahmen, stolpere aber über die erhöhte steinerne Türschwelle und stürze kurzzeitig ins Nichts, bis jemand mich hochhebt und auf eine harte Matratze legt.

Als ich das nächste Mal die Augen öffne, sickert das Licht der Morgensonne durch ein schmutziges Dachfenster. Ich befinde mich in einem großen Raum mit frisch verputzten weißen Wänden und einem kalten Betonboden, der notdürftig mit beigefarbenen Linoleumfliesen ausgelegt wurde.

Ich rolle von meiner Matratze herunter und finde mich eingepfercht zwischen zwei sehr hohen Stockbetten aus unbehandeltem Kiefernholz wieder, eines mit drei, das andere mit vier Etagen, in denen meine Geschwister noch schlafen. Mary, drei Jahre älter als ich und mir altersmäßig am nächsten, liegt in der anderen Schlafkoje ganz unten. Unsere älteren Brüder sind wie die Stufen einer Treppe, alle jeweils ein Jahr auseinander. Aaron (auch Bones genannt, weil er so dünn ist) schläft über mir, sodass der sonst immer alberne Clown ausnahmsweise mal still ist. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen in dem Versuch, auch Josh und Caleb auszumachen, die eineiigen Zwillingsbrüder, die zusammengerollt in den zwei Betten über dem von Mary liegen. Alle finden es schwierig, die beiden auseinanderzuhalten, aber Caleb schielt ein bisschen, trägt deshalb eine Brille und kämmt sich fast nie die Haare, wodurch man ihn ziemlich gut von Josh unterscheiden kann, denn der hat immer einen Kamm in der Tasche. Mary, Caleb und Josh haben alle drei weißblondes Engelshaar, das über ihre Ungezogenheit hinwegtäuscht. Bei uns anderen hat sich die Haarfarbe von einem rötlich goldenen Ton im Kleinkindalter zu einem unscheinbaren Braun gewandelt. Hobo kann ich nicht sehen, bis er seinen wuscheligen Kopf über die Seitenwand des Bettes vorreckt. Mit meinen vier Jahren bin ich das jüngste Geschwisterkind und zu klein, um die Dinge von oben betrachten zu können.

Nehi schläft noch tief und fest. Er liegt im obersten Stockbett, weil er mit elf Jahren der Älteste von uns ist. Ich mag ihn eigentlich gern, aber er poliert lieber seine Nikon-Kamera oder spielt Gitarre, als uns anderen seine Aufmerksamkeit zu schenken. »Immer mit dem Kopf in den Wolken«, sagen meine Eltern. »Immer hochnäsig«, entgegnet Josh.

Hobo ist der Zweitälteste und mein Lieblingsbruder, weil er auf mich aufpasst und die Zwillinge davon abhält, mich zu piesacken. Er hält sich für cool, und Josh, der nie eine spöttische Bemerkung auslässt, nennt ihn einen Streber. Josh ist der Anstifter und Caleb sein getreuer Schatten. Die Zwillinge zanken sich mit uns allen, so als hätte sich die ganze Welt gegen sie verschworen.

Mary ist das einzige andere Mädchen und meine Erzfeindin, sodass wir fast so oft streiten wie atmen. Aber sie ist eigentlich nur eifersüchtig, weil sie nicht mehr die Jüngste und nicht mehr das einzige Mädchen ist. Mommy Esther hat uns erzählt, dass sie ihr den Namen Mary Blessing, Mary, die Gesegnete, gegeben hat, weil es für sie nach fünf Jungs so ein Segen war, ein Mädchen zu bekommen. Wir kaufen ihr das nicht ab. Mary ist eine Petze und eine Nervensäge, deshalb nennen wir sie Mary Burden, Mary, die Lästige. Sie rennt deswegen natürlich immer wieder zu den Erwachsenen und beschwert sich, was uns häufig rotgeprügelte Hintern beschert, also sagen wir inzwischen nur noch »Mary B« und schauen sie bedeutungsvoll an. Sie verpetzt uns immer noch bei den Erwachsenen, aber jetzt können wir uns ehrlich und aufrichtig selbst verteidigen: es ist schließlich nichts dabei, sie mit dem Anfangsbuchstaben ihres Beinamens anzusprechen. Die Erwachsenen sind sich der Absicht dahinter natürlich bewusst, aber sie haben noch keinen Weg gefunden, uns zu bestrafen, also sagen sie Mary einfach, dass sie still sein soll.

Meine Geschwister stammen alle von Mommy Esther und ich von Mommy Ruthie, aber sie sagen uns immer, dass das keine Rolle spiele, denn sie seien beide unsere Mütter.

Seit ich denken kann, habe ich zwei Mommies gehabt. Vom Aussehen her sind sie quasi Gegensätze – Mommy Esthers Gesicht ist kantig, mit einer geraden Adlernase, blauen Augen und glatten Haaren, während Mommy Ruthie ein rundliches Gesicht hat, beinahe olivfarbene Haut, dunkelbraune Augen und krauses Haar. Mein Hautton ähnelt eher Mommy Esthers als dem meiner leiblichen Mutter, weil ich in der Hinsicht nach meinem Vater und seinem nordischen Typ mit fast weißer Haut und hellbraunem Haar komme, von dem tagtäglich immer weniger zu sehen ist. Er behauptet, seine sich schnell ausbreitende Halbglatze stamme von einem Überschuss an männlicher Energie.

Wenn meine Geschwister und ich miteinander reden, müssen wir uns oft gegenseitig unterbrechen, um zu fragen: »Welche Mommy, Ruthie oder Esther?« Diese Verwirrung ist für uns normal. Aber wenn andere Kinder spotten: »Sie ist ja nur deine Halbschwester«, stehen wir immer energisch füreinander ein. »Nein, sie ist meine Schwester!«, rufen meine Brüder dann.

Ein paar meiner Freunde in Macau haben auch zwei Mommies, aber die meisten haben nur eine. Ich bin froh, dass meine Mommies nicht ständig streiten wie die in den anderen Familien. Mommy Esther sagt, dass sie und Ruthie Freundinnen seien und dass sie dankbar sei, jemanden zu haben, der ihr mit all den Kindern hilft.

Ich weiß, dass System-Männer nicht mehr als eine Ehefrau haben dürfen, aber wir leben nach Gottes Regeln und nicht nach den weltlichen. Viele der Patriarchen in der Bibel hatten mehr als eine Frau – Abraham, Isaak, König David und König Salomon –, obwohl ich eigentlich denke, dass König Salomon viel zu viele hatte: dreihundert Ehefrauen und siebenhundert Konkubinen. Er könnte ja in einem Jahr nicht mal mit jeder von denen schlafen! Mein Vater hat nur zwei, und so kann er immer abwechselnd mit einer von ihnen das Bett teilen, damit es gerecht ist. Mir tun Salomons Frauen leid.

Ich gehe meine Mutter suchen, um ihr zu sagen, dass ich mal auf die Toilette muss. Sie führt mich nach draußen, wo die Sonne grell vom Himmel scheint. Wir laufen einen unbefestigten Weg entlang zu einem kleinen Holzverschlag etwa drei Meter vom Haus entfernt. Unser Dobermannweibchen Sheba ist auch da und macht sich mit seinem neuen Zuhause vertraut, indem es in der Nähe des Hauses an irgendwelchem Müll schnüffelt. Die Tür quietscht in den Angeln, als meine Mutter sie öffnet, und das dumpfe Brummen von Fliegen wird lauter, bevor mich der Gestank wie ein Schlag ins Gesicht trifft. Das Innere ist gerade mal groß genug für ein Loch im Boden und einen Betonklotz an jeder Seite, auf dem man die Füße platzieren kann – eine traditionelle chinesische Hocktoilette. Kein Toilettensitz, keine Spülung. Nur ein tiefes schwarzes Loch. »Guck immer erst nach Spinnen und Schlangen«, mahnt mich meine Mutter. »Und sieh auch unbedingt nach oben. Die lassen sich manchmal von der Decke runterfallen.« Mir graut es bei dem Gedanken, dass Schlangen oder Spinnen sich von oben auf mich werfen könnten.

Mein Magen krampft sich zusammen, als ich auf Zehenspitzen in das Schummerlicht hinübertapse, während mein Blick zur Wand, in die Ecken, zu meinen Füßen huscht. Ängstlich schaue ich zu den Spinnennetzen hinauf, die das Wellblechdach über und über bedecken, während ich gleichzeitig versuche, nicht mit meinen Flipflops von den Betonklötzen abzurutschen. Hier gibt es keine Glühbirne. Als die Tür zufällt, finde ich mich in fast vollkommener Dunkelheit wieder. Der stechende Geruch nach der jahrealten Kacke von anderen Leuten beißt mir in der Nase, während ich dort hocke. Ich erledige mein Geschäft so schnell wie möglich und flitze zurück ins helle Sonnenlicht. Während ich die frische Luft einsauge, laufen mir Tränen aus den brennenden Augen. Muss ich jetzt jedes Mal mein Leben riskieren, wenn ich aufs Klo gehe? Ich will wieder nach Hause zurück, zu einer richtigen Toilette, in unsere Wohnung mit dem Balkon und dem gefliesten Boden und dem Straßenlärm.

Der rote Dreck gerät zwischen meine Zehen, und ich versuche, die kleinen Steinchen aus meinen Flipflops zu schütteln, bevor ich meiner Mutter zurück nach drinnen folge. Sie schwatzt fröhlich.

Obwohl die Insel Coloane zu dem winzigen Gebiet von Macau dazugehört und nur zwanzig Minuten von der Stadt entfernt liegt, fühlt es sich wie eine vollkommen andere Welt an. Unser neues Zuhause ist ein traditionelles chinesisches Bauernhaus, ein hundert Jahre altes Gebäude aus Granit und Lehm mit Kiefernstämmen als Dachbalken und einem schwarz-weißen Tonziegeldach. Die Haustür besteht aus zwei grob verarbeiteten Holzplanken an Scharnieren, die sich nach innen öffnen und mit einem handgefertigten Metallschieberiegel verschlossen werden. Das Haus hat die Form eines Cs und setzt sich aus zwei rechteckigen, etwa zwölf mal drei Meter langen Zimmern zusammen, verbunden durch einen neun Meter großen Eingangsbereich, der mit seinem ausklappbaren Esstisch aus Metall samt Hockern als Wohnbereich dient. Nur eines der beiden langgezogenen Zimmer ist bewohnbar, nämlich unser Schlafzimmer mit einem kleinen Holzdachboden am hinteren Ende.

Ein kleiner Anbau von etwa einem mal anderthalb Meter außen am Haus dient als »Küche«, immerhin mit einer Arbeitsplatte aus Beton und einem tragbaren Campingkocher, der an einen großen Gasbehälter angeschlossen ist. Im Haus gibt es weder Elektrizität noch fließend Wasser, also muss die rote Plastikschüssel für jeden Waschvorgang draußen mit Wasser aus dem Schlauch gefüllt werden. Der Rest des Hauses ist ziemlich baufällig: Lehmböden, zerbröckelnde Lehmziegelwände und unzählige Löcher im Dach, wie wir beim ersten Regenguss feststellen. Mein Vater erzählt, dass das Gebäude sieben Jahre lang leer gestanden hat, da der Besitzer in das zweistöckige Haus gezogen ist, das er direkt hinter diesem gebaut hatte. Es ist also nicht verwunderlich, dass er es uns sehr günstig vermietet – für 500 Macau-Patacas im Monat, umgerechnet etwa 80 Dollar.

Als Mommy Ruthie mich wieder nach drinnen führt, zeigt sie auf den Dachboden im hinteren Teil des Schlafzimmers. »Ich schlafe da oben, aber ich möchte nicht, dass du die Leiter hochkletterst. Das ist gefährlich«, sagt sie. Eine hohe Bambusleiter lehnt wackelig am Rand des offenen Dachbodens. Er hat keine Brüstung.

»Mommy Esthers Bett ist hinter dem Vorhang da«, erklärt sie und deutet auf einen improvisierten Sichtschutz aus einem übergroßen geblümten Laken, das mein Vater an der Kante der Dachboden-Empore meiner Mutter befestigt hat, sodass es lang herunterhängt und den Bereich dahinter abschirmt.

»Frühstück ist fertig!«, höre ich Mommy Esther aus dem anderen Zimmer rufen, und ich laufe hinüber. Sie trägt gerade einen großen dampfenden Topf mit Haferschleim von der Außenküche herein, während wir uns alle um die Hocker am Klapptisch streiten. Josh knufft Nehi mit dem Ellbogen in die Seite, und ich will gerade »aus Versehen« auf Calebs Fuß treten, als mein Vater von draußen hereinkommt.

Dank seiner überbordenden Energie und der dröhnenden Predigerstimme ist er ein sehr viel imposanterer Mann, als sein drahtiger, vierundfünfzig Kilo leichter Körper vermuten ließe. Und mit seiner Größe von einem Meter sechzig fügt er sich wunderbar in die eher kleiner gebaute chinesische Bevölkerung ein. Seine blauen Augen liegen tief in den Höhlen, und wenn er lächelt, ziehen sich seine Lippen so weit zurück, dass jeder Zahn im Mund sichtbar wird, sowohl oben als auch unten. Da er kein Gramm Fett im Gesicht hat, ähnelt er beim Lächeln einem grinsenden Skelett – was die meisten Leute nervös macht.

Doch jetzt runzelt er streng die Stirn.

»Jungs«, sagt er, »wir müssen mal ein ernstes Wörtchen reden.« Seine strenge Stimme gleicht einem düsteren Knurren, drei Oktaven tiefer als die schwungvolle »Lobet den Herrn«-Stimme.

Mary und ich sind in dem Wort »Jungs« meist mitgemeint, außer wenn es um irgendwas geht, das Spaß macht. Ständig verwechselt er unsere Namen, nennt mich Mary und meine Schwester Faithy, aber er mag es auch nicht, wenn wir ihn berichtigen, daher haben wir gelernt, einfach damit zu leben.

Schnell legen wir unsere Ellbogen an und sitzen dann still wie der Haferbrei auf unseren Hockern.

»Wir verstecken uns vor bösen Leuten«, beginnt er. »Sie wollen uns davon abhalten, das Werk Gottes zu vollbringen. Sie dürfen uns nicht finden, deshalb ist es sehr wichtig, dass niemand – auch nicht unsere Freunde in der Stadt – weiß, wo wir uns aufhalten. Das ist absolut Selah

In der Stille juckt mir die Nase, und als ich mich bewege, um sie zu kratzen, knurrt mein Vater: »Faithy?«

Ich erstarre.

»Weißt du, was ›Selah‹ bedeutet?«

Mein Blick huscht Rettung suchend zu Hobo, doch er starrt auf seinen Teller. Ich schüttele schwach den Kopf. Ist das die falsche Antwort?

»Es bedeutet, dass es absolut geheim ist. Deine Lippen müssen versiegelt sein. Du darfst niemandem verraten, wo wir wohnen. Verstehst du?«

Ah. Ich nicke, so feierlich wie ein Soldat. Am liebsten würde ich fragen: Wer sind diese bösen Leute? Was machen sie mit uns, wenn sie uns finden? Aber ich presse meine Lippen zusammen. Ich weiß, was mit gefangen genommenen Christen passiert. In den Bibelgeschichten, die wir jeden Abend vor dem Zubettgehen vorgelesen bekommen, schließt das meistens Folter, Tod oder Löwen mit ein.

Nachdem mein Vater seinen Vortrag beendet hat, sprechen wir das Tischgebet und essen dann schweigend, während wir uns über den Haferbrei hinweg gegenseitig Blicke zuwerfen. Sobald er mit am Tisch sitzt, haben wir zu viel Angst, um laut durcheinanderzureden wie sonst immer, wenn wir nur mit Mommy Ruthie oder Mommy Esther oder unseren Betreuern zusammen essen. Wo ist Uncle Michael?, frage ich mich. Normalerweise passt er nach dem Frühstück auf uns auf.

Es ist seltsam, dass nur unsere eigene Familie um den Frühstückstisch sitzt. Meistens kümmern sich andere Mitglieder der Family um meine Geschwister und mich, so wie Uncle Michael, da unsere Eltern den Großteil des Tages mit Führungsaufgaben beschäftigt sind. Mein Vater und meine Mutter sind nämlich mit der äußerst wichtigen Aufgabe betraut, am Wort Gottes mitzuarbeiten, indem sie Grandpa bei der Herausgabe und dem Druck der Mo-Briefe unterstützen, die er an all seine Jünger in der ganzen Welt verschickt. Diese Papierheftchen, aufgemacht wie ein Rundschreiben, kommen alle zwei Wochen per Post. In ihnen sind Grandpas neuste Prophezeiungen, Berichte und Träume enthalten. Alles, was Grandpa sagt, wird von einer Person auf Band aufgenommen, die ihm auf Schritt und Tritt mit einem Aufnahmegerät folgt, um seine Gedanken für die Mo-Briefe und andere Publikationen der Family festzuhalten, sodass nicht eine Perle, die auf seinen Lippen erwächst, verloren geht.

Ich fühle mich Grandpa sehr verbunden, obwohl ich ihn noch nie persönlich getroffen habe. Er ist schon seit der Zeit vor meiner Geburt untergetaucht, und alle Fotografien von ihm wurden verbrannt, um seine Identität zu schützen. Die Schwarz-Weiß-Bilder von ihm in den Mo-Briefen sind entweder gezeichnet oder, falls doch mal ein Foto abgedruckt wird, ist sein eigentliches Gesicht von einem gemalten Löwenkopf (er nennt sich selbst manchmal Papa Löwe, seit er einmal davon geträumt hat, ein mächtiger Löwe zu sein) oder von einem weißbärtigen Mann verdeckt, der aussieht wie Moses aus dem Film Die zehn Gebote.

Nachdem wir unsere orangefarbenen Plastikschüsseln für den Abwasch gestapelt haben, hält Mommy Esther etwas hoch, das aussieht wie ein großer Deckel aus Bambus, der in der Mitte spitz zuläuft. Es ist ein chinesischer Bauernhut. »Immer wenn ihr das Haus verlasst, müsst ihr so einen aufsetzen«, erklärt sie. »Hier in diesem Dorf haben noch nie Weiße gelebt. Wenn irgendjemand eure blonden Haare sieht, wird das Verdacht erregen. Wir wollen ja nicht, dass die bösen Leute uns finden, die hinter uns her sind, deshalb müsst ihr mir versprechen, dass ihr niemals ohne euren Hut aus dem Haus geht.« Sieben kleine Köpfe wippen auf und ab.

Wie soll das denn helfen?, frage ich mich. Jeder wird ganz leicht erkennen, dass wir keine Chinesen sind, mit oder ohne Hut.

Meine Mutter reicht die Hüte herum, und wir setzen sie auf. Ich schaue zu Caleb und muss kichern beim Anblick des wuchtigen, seltsamen Gebildes auf seinem Kopf, das ihm fast bis zur Nasenspitze reicht. Er schubst mich, und als mein Hut herunterrutscht, schlägt die breite Krempe gegen Bones, der sich theatralisch zu Boden fallen lässt.

»Kinder!« Die Stimme meines Vaters knallt wie eine Peitsche, und wir setzen uns so aufrecht hin, als hätten wir einen Besenstiel verschluckt. »Das ist eine sehr ernste Angelegenheit. Die Mächte Satans sind los und wollen der Family und Grandpa Schaden zuzufügen«, blafft er uns an und kneift Bones dann strafend in den Nacken, während er ihn auf die Füße zerrt.

Ich zucke mitfühlend zusammen. Wir alle haben schon mal diesen schmerzhaften Griff zu spüren bekommen.

»Wieso müssen wir uns denn plötzlich verstecken?«, will Hobo mutig von meinem Vater wissen.

Jahrelang sind wir als christliche Gesangsstars in den lokalen Radiosendern und im Fernsehen von Hongkong und Macau aufgetreten, obwohl wir Grandpas Enkelkinder sind. Wir starren meinen Vater verwirrt an.

Die Stimme meines Vaters senkt sich zu einem tiefen Knurren. »Wir wurden verraten. Von Lynne.«

Ein Keuchen ertönt am gesamten Tisch.

Das Gesicht von Lynne Watson erscheint vor meinem inneren Auge. Sie ist Britin, hat welliges blondes Haar und müsste etwa im Alter meiner Mutter sein; nichts an ihr kam mir bösartig vor. Ich hatte sie ein paarmal in unserer Wohnung gesehen, wenn meine Eltern sie mitbrachten, um gemeinsam Mo-Briefe zu lesen.

Meine Eltern freuen sich immer so sehr, wenn andere Menschen etwas über Jesus erfahren wollen. Es ist schwer vorstellbar, dass jemand wie Lynne Watson uns verraten könnte, wo wir doch lediglich mehr Menschen dabei helfen wollen, sich Gott anzunähern.

»Sie hat nur so getan, als wäre sie unsere Freundin, um an uns heranzukommen und meine wahre Identität herauszukriegen«, fährt mein Vater fort. »Sie hat ganz schreckliche Dinge über uns geschrieben und unsere echten Namen in der Zeitung veröffentlicht.«

»Ho?«, flüstere ich. Alle nennen meinen Vater Ho, eine Abkürzung für Hosea und gleichzeitig ein verbreiteter chinesischer Nachname. Die Systemer nennen ihn Mr. Ho und die Mitglieder der Family Uncle Ho.

»Nein«, erklärt Mommy Ruthie. »Ho ist in Ordnung. Wir dürfen nur seinen anderen Namen, den offiziellen Namen, niemals aussprechen.«

»Wie heißt er denn offiziell?«, frage ich. Ich hatte keine Ahnung, dass er noch einen anderen Namen besitzt.

»Wir sprechen unseren Nachnamen niemals aus«, betont mein Vater und starrt dabei die älteren Jungs an, weil sie ihren Nachnamen schon mal auf den Reisepässen gesehen haben, die er normalerweise in seinem Safe aufbewahrt. »Ihr dürft ihn noch nicht mal anderen Mitgliedern der Family verraten. Wenn er jemandem rausrutscht, können die Feinde Gottes auch Grandpa finden.«

Grandpa muss unter allen Umständen geschützt werden.

»Ich kann einfach nicht glauben, dass sie uns so getäuscht hat!« Mommy Esthers helle Augen lodern richtig. Sonst ist sie meist sanftmütig und still, hält sich im Hintergrund, selbst wenn sie uns auf der Bühne mit ihrer Gitarre begleitet, doch an diesem Morgen schäumt sie vor Wut. »Sie hat uns angelogen, als sie sagte, dass sie mehr über Jesus wissen und Sein Wort studieren wolle, nur um sich an uns ranzuschleichen und unsere Geheimnisse auszukundschaften!«

Das Gefühl des Verrats und Misstrauens macht sich nun auch in mir breit.

»Wir dachten, sie wäre eines unserer Schafe«, fährt Mommy Esther fort. »Aber sie war noch nicht einmal eine Ziege! Sie war ein Wolf im Schafspelz, eine Schlange im Gras.«

Menschen, die für unsere Botschaft empfänglich sind, nennen wir Schafe, nach Matthäus 25,3132: »Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit mit allen Engeln gekommen ist, dann wird er sich auf seinen Thron der Herrlichkeit setzen. Alle Völker der Erde werden vor ihm zusammengebracht, und er wird sie in zwei Gruppen teilen, so wie ein Hirte die Schafe von den Ziegen trennt.« Menschen, die uns ablehnen, nennen wir Ziegen.

»Wir werden dafür beten, dass sie ihre Strafe bekommt!«, verkündet Mommy Esther, während sie uns Kinder mit ungewohnter Grimmigkeit anschaut. Wie kann es jemand wagen, ihre Kinder zu bedrohen!

Mein Vater beruhigt sie: »Der Teufel übt immer Vergeltung. Dadurch wissen wir, dass wir Gottes Werk vollbringen. Wir sind die Family Gottes. Seine Endzeitkrieger, die einzig wahren Jünger, die aus dem bösen System ausgebrochen sind. Gelobt sei Gott!«, schließt er mit seiner Singsang-Stimme.

Die Angst vor »Verfolgung« ist unser ständiger Begleiter.

Schon in der Zeit, bevor meine Erinnerung einsetzt, haben meine Eltern und Betreuer mir Geschichten über die Verfolgung von Kindern Gottes vorgelesen. Von Daniel in der Löwengrube, von den Christen der ersten Generation, die vom römischen Kaiser Nero in den Gladiatorenarenen getötet wurden, von Missionaren, die von Kannibalen auf Fidji aufgegessen wurden, vom Massaker an Christen während des Boxeraufstands in China oder von Christen, die ihrem Glauben nicht abschwören wollten und dafür von Stalins Soldaten in Eiswasser ertränkt wurden. Manchmal erlöst dich Gott durch ein Wunder, und manchmal stirbst du und kommst in den Himmel. Da der Antichrist und die Große Trübsal, von der in der Offenbarung gesprochen wird, jeden Tag erscheinen und beginnen kann, ist alles möglich.

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