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Unter Heiligen

Deborah lebt in der kleinen Siedlung Junction, einer fruchtbaren Oase inmitten der endlosen Wüstenlandschaft Utahs, durch schroffe rote Felswände vom Rest der Welt getrennt. Während sie auf die Rückkehr ihres Mannes Samuel wartet, der als Wagenmacher durchs Land reist, kommt ein Fremder ins Dorf ...
Es ist tiefer Winter. Deborah ist allein in ihrer Hütte am Rande der Mormonensiedlung Junction. Ein Fremder klopft an ihre Tür. Er ist auf der Flucht vor dem Marshal und erbittet Hilfe. Ist er einer der Ihren, ein «Heiliger der Letzten Tage»? Wird er wegen Polygamie verfolgt? Dann wäre Deborah zur Hilfe verpflichtet. Auch wenn Deborah und Samuel die Vielehe ablehnen, sie misstrauen den Behörden, die ihre Glaubensbrüderseit Langem hetzen. Aber sie weiß: Wenn sie dem Flüchtigen hilft, bringt sie sich und die ganze Gemeinde in Gefahr. Je weniger Siedler Bescheid wissen, desto besser. Ins Vertrauen zieht sie nur Nels, Samuels Stiefbruder und besten Freund. Doch Nels verbirgt mehr als nur seine Gefühle für sie ...Vor der mächtigen Kulisse winterlicher Wüstenland-schaft entfaltet sich Deborahs Geschichte. Ann Weisgarber erzählt schnörkellos und klar. Mit einer Unmittelbarkeit, die anrührt und gefangen nimmt.


  • Erscheinungstag: 18.02.2019
  • Seitenanzahl: 340
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312011261
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Nagel & Kimche E-Book

Ann Weisgarber

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Unter Heiligen

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum

Für Cynthia Rogers 1849 – 1927

Es ist Glaube, wenn man etwas erhofft und es nicht sieht.

Buch Mormon, Ether 12,6

Was mich beseelt, ist Liebe zur Freiheit, zur bürgerlichen Freiheit und Religionsfreiheit für die gesamte Menschheit; meine Vorväter haben mir die Freiheitsliebe in die Seele gepflanzt.

Joseph Smith – Prophet, Gründer und erster Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Der Senat und das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten von Amerika, im Kongress zusammengetreten, beschließen folgendes Gesetz: «Wer in einem Territorium oder an jeglichem anderen Ort, welcher der ausschließlichen Gerichtsbarkeit der Vereinigten Staaten untersteht, mit einer lebenden Person, ob Mann oder Frau, verehelicht ist und eine weitere Person, ob ledig oder verheiratet, ehelicht, und ebenso wer in einem Territorium gleichzeitig oder hintereinander an ein und demselben Tag mehr als eine Frau ehelicht … macht sich fortan der Polygamie schuldig.»

Edmunds Act 1882

… beschließen ferner, dass der Marshal besagten Utah-Territoriums und seine Deputys, ebenfalls aus Utah, die gleiche Amtsgewalt zur Durchsetzung der Gesetze der Vereinigten Staaten besitzen und ausüben dürfen, wie sie Sheriffs, Polizisten und beider Deputys in ihrer Funktion als Gesetzeshüter besitzen und ausüben dürfen; sie alle sollen jeden, der in ihren Augen gegen das Gesetz verstößt, veranlassen, ein Sicherheitsversprechen abzugeben und zur nächsten Sitzung des zuständigen Gerichts zu erscheinen, oder ihn, im Falle der Verweigerung eines solchen Sicherheitsversprechens, inhaftieren. Des Weiteren obliegt es ihnen, Überfälle und Tätlichkeiten, Zusammenrottungen, Ausschreitungen, Raufhändel und Aufstände zu unterbinden beziehungsweise niederzuschlagen.

Edmunds-Tucker Act 1887

Prolog

Nels

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Die Schlucht

15. Dezember 1887

Samuel Tyler war seit vierzehn Tagen überfällig.

Er kam sonst immer zur angekündigten Zeit nach Hause. ­Irgendwelche Widrigkeiten, dachte ich mir, mussten ihn auf­gehalten haben. Vielleicht war er mit dem Wagen liegengeblieben. Oder eins der Maultiere war krank geworden. Womöglich lahmte eines.

Ich kannte Samuel seit meinem elften und seinem zwölften Lebensjahr. Jetzt war ich vierzig. Wir waren Stiefbrüder, er und ich. Wenn er in Schwierigkeiten steckte, würde er erwarten, dass ich nach ihm suchte. So wie ich es auch von ihm erwarten würde.

Ich und ein Nachbar, Carson Miller, packten unsere Satteltaschen und unser zusammengerolltes Bettzeug und machten uns auf die Suche nach Samuel. Carson und ich waren die einzigen Männer in Junction im Utah-Territorium, die ohne Frau und Kind waren. Es würde nicht viel ausmachen, wenn wir an Weihnachten nicht daheim wären.

Wir ritten durch die Wastelands und lenkten unsere Pferde nach Süden, in die Richtung, aus der Samuel kommen würde. In unsere Mäntel vergraben, ritten wir durch die Kälte. Auf dem Weg den Berg hinauf hielten wir nach Spuren von Samuels Wagen und Maultieren Ausschau.

Nichts. Am zweiten Tag wurde die Luft dünner. Carson und ich waren jetzt hoch oben in den Bergen, ein gutes Stück von unserem Zuhause im Canyonland von Utah entfernt. Eine vier oder fünf Zoll hohe Schneeschicht bedeckte den Weg. Ich war froh um Carsons Gesellschaft. Er war ein dunkelhaariger Mann, noch keine zwanzig. Er hatte scharfe Augen, und trotz seiner Jugend behielt er seine Gedanken zumeist für sich. Dann und wann stiegen wir ab, wischten mit den Händen den Schnee zur Seite und suchten nach Spuren.

Weiterhin nichts.

Drei Tage nachdem wir Junction verlassen hatten, kamen wir um eine Biegung und hielten sofort die Pferde an. Vor uns hatte ein Felsrutsch den Weg verschüttet.

Der Rutsch war an einer engen Stelle neben einem Steilhang niedergegangen. Carson und ich saßen auf unseren Pferden und betrachteten den Geröllberg vor uns. Ein Felsbrocken von der Größe einer Scheune hing über dem Abgrund. Eine Masse aus Steinen, Erde und dürren Bäumen hatte sich in die Schlucht ergossen. Über uns glitten drei Raben mit den Luftströmungen auf und nieder, die schwarzen Schwingen weit ausgebreitet.

Der Felsrutsch beunruhigte mich. Das ging mir immer so. Für mich waren solche Geröllabgänge eine Mahnung Gottes, dass alles, selbst Felsbrocken, sich an einem unerwarteten Ort wiederfinden konnte.

Den Blick auf das Geröll gerichtet, sagte Carson: «Das war bestimmt ein Mordsradau, als das alles runtergekommen ist.»

«Wahrscheinlich», sagte ich. «Den hätte man schon von ferne gehört.»

«Zwischen manchen Steinen liegt Schnee. Aber die ganze letzte Woche war der Himmel klar.»

«Schwer zu sagen, wann genau das passiert ist. Oder wann es hier das letzte Mal geschneit hat.»

«So ist es.»

Ich saß von Bob, meinem Pferd, ab und trat näher an den Felsrutsch heran. Selbst wenn jemand hörte, wie diese gewaltige Geröllmasse herunterkam, konnte es zu spät sein. Be­sonders wenn er mit einem Planwagen unterwegs war. So wie ­Samuel.

Samuel war Stellmacher und transportierte sein Werkzeug und seine Vorräte in einem Wagen. Wenn man an einer engen Stelle wie dieser in einen beginnenden Felsrutsch geriet, brachen die Maultiere in Panik aus. Und war man da erst einmal hineingeraten, konnte man nicht mehr umdrehen.

Ich sagte: «Ich würde mal vermuten, dass Samuel vor siebzehn oder achtzehn Tagen hier war. Eher unwahrscheinlich, dass es genau der Zeitpunkt war, als der Felsrutsch niedergegangen ist.»

Carson brummte zustimmend.

Die Schlucht war ungefähr eine Viertelmeile tief. Carson stieg vom Pferd und stellte sich neben mich. Die Felswand gegenüber war rund fünfzig Schritt entfernt. Auf beiden Seiten ging es steil nach unten.

Ich schaute in die Schlucht hinunter. Die herabstürzenden Massen hatten weitere Bäume und Steine mit sich gerissen. Auf halber Strecke hatte sich ein Felsbrocken verkeilt, fast so groß wie meine Hütte. Unten auf dem schmalen Grund der Schlucht lagen im Schatten noch Schneehaufen, wo die Sonne hingelangte jedoch nicht. Mit zusammengekniffenen Augen suchte ich den Geröllschutt ab.

Im Canyonland konnte viel schiefgehen, selbst für einen Mann, der wusste, was er tat. Er konnte an der falschen Stelle kampieren. Dass es die falsche Stelle war, würde er erst wissen, wenn er mitten in der Nacht von lautem Gerumpel geweckt wurde, Steinschlag auf ihn niederging und der Boden unter ihm wegrutschte.

«Erkennst du da unten irgendwas?», fragte ich. Meine ­Augen waren nicht mehr so scharf wie früher.

Carson ging im Schnee auf alle viere und beugte sich dann ein wenig vor, um besser hinunterschauen zu können, ohne einen Sturz zu riskieren. Ich tat etwa zwanzig Fuß weiter das Gleiche.

Ich sah nichts als Steine, Schneeflecken und Schatten.

Carson, immer noch auf allen vieren, schaute zu mir herüber und sagte: «Bruder Nels.»

Seine Stimme hatte einen warnenden Unterton. Er sah etwas, dort in der Tiefe. Das ungute Gefühl, das ich wegen des Felsrutsches hatte, wurde stärker. Ich stand auf und ging zu ihm ­hinüber.

Carson schob sich noch etwas weiter vor. Ich hielt ihn am Mantel fest, damit er nicht abstürzte. «Was denn?», fragte ich.

Er sagte nichts. Er starrte bloß weiter in die Schlucht.

«Siehst du irgendwas?», fragte ich.

Carson blinzelte heftig. Er hob an, etwas zu sagen, schüttelte dann aber langsam den Kopf. Schließlich hockte er sich wieder auf die Fersen. «Nein. Ich dachte erst, ich sehe etwas, aber es war wohl nichts. Nur Steine.»

«Was meintest du denn zu sehen?»

«Ein Glitzern. Wie von Metall, wenn Licht darauffällt. Ein bogenförmiges Glitzern.»

«Du hast da unten Metall gesehen?»

«Dachte ich zuerst. Aber es müssen doch Kristalle sein oder irgend so was.»

Die Vorstellung von Metall unten in der Schlucht erschütterte mich. Womöglich ein Werkzeug. «Halt mich fest», sagte ich und kroch näher an den Rand, um hinunterzuschauen. ­Carson hielt mich am Mantel.

Ich guckte, bis mir die Augen weh taten. Dann rutschte ich von der Kante zurück. Carson ließ mich los. Ich sagte: «Ich habe kein Glitzern gesehen. Bist du dir sicher, dass du es ge­sehen hast?»

«Ja. Wahrscheinlich Kristalle.»

Gips, dachte ich, sprach es aber nicht aus. Samuel, der Gestein bewunderte, hätte es ausgesprochen, er hätte uns erklärt, dass es sich bei diesen Kristallen um Gips handelte. Wenn er hier gewesen wäre.

Ich schob meinen Hut in den Nacken und blickte nach oben. Die Raben waren fort. Ohne dass ich hätte erklären können, warum, betrachtete ich das als gutes Zeichen. Ich stand auf und ging zu dem Geröllberg, der den Weg versperrte. Carson kam nach und musterte ihn mit mir zusammen. Der Rutsch hatte den Weg über zwei Wagenlängen verschüttet. Samuel wäre von der anderen Seite gekommen. Selbst wenn er zu Fuß unterwegs gewesen wäre, er wäre nicht so dumm gewesen, über das Geröll zu klettern. Es ist instabil. Die Steine wären weggerutscht.

Ich sagte: «Da hat Samuel sicher ein paar kräftige Worte ­hören lassen, als er auf diesen Felsrutsch gestoßen ist.»

«Hm», sagte Carson.

«Das hat ihm bestimmt nicht gefallen, umdrehen zu müssen.» Ich schwieg kurz. «Vermutlich ist er wieder Richtung ­Süden zurückgefahren, hat einen Schwenk nach Westen gemacht und ist jetzt in nördlicher Richtung durch die Fish Lake Mountains unterwegs. Das würde seine Rückkehr um fünf, sechs ­Wochen verzögern.»

«Die Fish Lakes sind ganz schön hoch.» Carson wischte sich den Schnee von den Knien. Er sagte: «Es ist mühsam, sie zu durchqueren. Besonders um diese Jahreszeit, wenn die Pässe ­zugeschneit sind.»

Carson kannte Samuel nicht so gut wie ich. Samuel war schon seit seinem achtzehnten Lebensjahr im Hinterland des Utah-Territoriums unterwegs. Er hatte sich damit vertraut gemacht wie mit einem Lebewesen. Er konnte die Farbschichten in den Felsflanken der Berge deuten. Er wusste, woraus Felsen bestanden. Er erkannte, wie Wind, Regen und Schnee sie geformt hatten. Wusste, welche Berge die Erde aufgeworfen hatte. Samuel fand Pässe durch die Berge, die sonst keiner fand. Die Fish Lakes würden ihn nicht daran hindern, nach Hause zu kommen.

Ich sagte: «Samuel weiß, was er tut.»

 

Drei Tage später kamen wir wieder in Junction an. Der Ort lag in der Senke eines Canyons und war nur über eine Route gut zugänglich. Rote Felswände umschlossen uns auf allen Seiten. Samuels Hütte war die erste, auf die man stieß. Es dämmerte, und wie ich es mir gedacht hatte, brannte im Ostfenster eine Lampe. Deborah, Samuels Frau, wartete auf unsere Rückkehr.

Kurz bevor wir Junction erreichten, beschlossen Carson und ich, dass er fünf der ansässigen Familien von dem verschütteten Weg berichten würde. Mir würde es zufallen, Deborahs Schwester und Schwager zu informieren, die auf der anderen Seite von Deborahs Pflaumenhain wohnten. Zuerst aber würde ich Deborah selbst von dem Felsrutsch und von Samuels erzwungener Umkehr berichten. Es war nur recht und billig, dass ich das übernahm. Samuel war mein Stiefbruder. Ich kannte Deborah seit dem Tag, als sie und Samuel geheiratet hatten.

In Junction tippten Carson und ich an unsere Hüte und verabschiedeten uns. Er ritt weiter und folgte dem Sulphur Creek. Ich lenkte Bob, mein Pferd, in Richtung von Samuels Hütte. Ich überlegte mir, wie ich Deborah das Ganze am besten erklären könnte. Ich würde ihr sagen, dass Samuel wahrscheinlich durch die Fish Lake Mountains kam. Dass er bis zu sechs Wochen später eintreffen werde. Spätestens in der zweiten Januarwoche wäre er dann da. Vorher mussten wir nicht nach ihm suchen. Und wir mussten uns keine Sorgen machen.

Auf halbem Weg zu Samuels und Deborahs Hütte kam mir meine braune langhaarige Hündin entgegengerannt. Ich hatte sie bei Deborah gelassen, während ich unterwegs war. Sally ­begrüßte mich kläffend und sprang in großen Sätzen um Bob herum.

Deborah stand wartend in der Tür ihrer Hütte, eine Laterne in der Hand.

1

Deborah

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Ärger

11. Januar 1888

Nackte Fingerknöchel klopften energisch an meine Tür, begehrten Einlass. Meine Nerven flatterten.

Samuel. Mein Mann. Er war da. In Sicherheit. Endlich.

Nein. Nicht Samuel. Er hätte mir durch die Tür zugerufen – Deborah!

Es klopfte weiter, ein schnelles Pochen mit kurzen Pausen dazwischen. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Das war nicht meine Schwester, auch niemand aus ihrer Familie. Die würden sich mit Namen melden. Und sie würden nicht so gegen die Tür hämmern. Meine Nachbarn genauso wenig.

Ärger.

Ich war im Küchenbereich des Vorderzimmers. Das Einzige, was mich von diesem Ärger trennte, war eine Tür. Eine Tür, die möglicherweise nicht einmal verriegelt war. Es war später Nachmittag. Das Licht in der Hütte war trüb. Ich stand sechs Schritte von der Tür entfernt und konnte mich nicht erinnern, ob ich mir die Mühe gemacht hatte, den Riegel vorzuschieben.

Mein Puls raste. Da draußen stand ein Mann. Das wusste ich so sicher, als hätte sich die Tür in eine Glasscheibe verwandelt. Seit fast vier Jahren kamen Männer mit Ärger im Gepäck zu meiner Hütte, gehetzt, immer wieder über die Schulter blickend. Meine Hütte war die erste, auf die sie in Junction stießen.

Sie erschienen im Frühjahr, sie kamen im Sommer und im Frühherbst. Aber nie um diese Zeit, im Januar, wenn Schneestürme fast ohne Vorwarnung losbrachen, die Pässe zuschneiten, Wegmarken unkenntlich machten, Pfade verdeckten. In diesem Teil des Utah-Territoriums lagen weite Strecken zwischen den einzelnen Orten und Außenposten. Wenn es einen draußen erwischte, konnten einem Finger und Zehen erfrieren. Man verlor leicht die Orientierung, und immer wieder verschwand jemand. Aber daran dachte ich ungern.

Kaum jemand kam im Winter nach Junction, nicht wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.

Das Klopfen wurde schneller, lauter.

Ich war eine Frau, allein zu Hause.

Hinter mir auf dem Herd zischte und prasselte Butter in der Pfanne. Ich zog die Pfanne von der Flamme und griff nach meinem Schälmesser. Januar, dachte ich immer wieder. Im Januar, das gab es noch nie.

Mein Brustkorb bebte, so heftig pochte mein Herz. Vielleicht war dieser Mann anders als die anderen. Vielleicht brachte er schlimmeren Ärger mit.

Geh an die Tür, sagte ich mir. Auch wenn es nicht die richtige Jahreszeit war. Auch wenn es sich falsch anfühlte. Beeil dich. Er durfte nicht aufgeben und zur nächsten Hütte gehen. Dort wohnte meine Schwester, und die sollte nicht in diese Sache ­hineingezogen werden. Grace und Michael hatten drei kleine Buben und erwarteten im Frühling ihr viertes Kind. Sie konnten keinen Ärger an ihrer Türschwelle gebrauchen.

Meine Füße setzten sich in Bewegung, das Messer hielt ich in der Hand. Ich stieß gegen den Küchentisch, die Petroleumlampe schwankte. Ich hielt sie mit der freien Hand fest und ging um den Tisch herum. Mein Wollrock wickelte sich mir um die Beine, wie um mich aufzuhalten, aber nach ein paar Schritten war ich an der Tür. Sie war nicht verriegelt.

Mit ungeschickten Händen schob ich den Riegel vor.

«Wer ist da?», rief ich durch die Tür. Das Klopfen hörte auf. Ich fragte: «Was wollen Sie?»

Schweigen. Dann: «Ich bin auf dem Weg zu meinem Bruder.» Eine Männerstimme. «Am Pleasant Creek.»

Er sprach abgehackt, wahrscheinlich klapperten ihm die Zähne vor Kälte. Aber ich verstand ihn. Was er sagte, war ein Code, der mir verriet, dass er ein Bruder war. Ein Heiliger der Letzten Tage. Trotzdem, dachte ich. Januar. Es passte nicht ins Muster der letzten vier Jahre.

Durch die Tür sagte er: «Ich brauche nur eine Wegbeschreibung. Dann reite ich weiter.»

Um diese Jahreszeit?

Ich sagte: «Zum Pleasant Creek ist es ziemlich weit.» Das war mein Teil des Codes. So wusste er, dass er hier richtig war. Zugleich war es eine unverfängliche Aussage.

Der Mann sagte: «Ja, das habe ich schon gehört. Von meinem Bruder.»

Damit hatte er noch einmal bestätigt, dass er ein Heiliger der Letzten Tage war, ein Bruder. Falls er aber doch keiner war, falls er mich täuschen wollte, falls er ein Viehdieb oder sonst ein Dieb war, hatte ich nichts Verdächtiges gesagt. Ich sprach und verhielt mich, wie ich es jedem Fremden gegenüber getan hätte.

«Mein Bruder Joe lebt dort», sagte er.

Das war eine Anspielung auf den Propheten Joseph Smith. Trotzdem zögerte ich. Irgendetwas stimmte nicht. Wenn ich die Tür öffnete, würde ich diesen Ärger hereinlassen. Tat ich es nicht, würde der Mann zur nächsten Hütte weitergehen, der meiner Schwester. Sie und ihre Familie waren neu in Junction. Sie wussten nichts von den Männern, die an meine Tür kamen und um Hilfe baten, und dabei gedachte ich es zu belassen.

«Schwester», sagte er durch die Tür. «Darum, wenn sie Nächstenliebe haben, werden sie den Arbeiter in Zion nicht ­zugrunde gehen lassen.»

Ein Zitat aus dem Buch Mormon.

Ich ließ das Messer in meine Schürzentasche gleiten und schob mit der Stiefelspitze die kleine zusammengerollte Decke zur Seite, die ich gegen die Zugluft an der Schwelle liegen hatte. Ich öffnete die Tür einen Spaltbreit. Kalte Luft drang herein.

Er trug einen langen Mantel. Im Schatten seines breitkrempigen Huts konnte ich die Gesichtszüge nicht erkennen, doch ich sah seinen Bart. Er war kein großer Mann, aber er hatte einen kräftigen Oberkörper. Ich spürte seine Wachsamkeit. Ich spürte, dass er mich einzuschätzen versuchte. Seine Sicherheit lag in meinen Händen. Und meine lag in seinen.

Ich schaute an ihm vorbei. Sein Pferd stand reglos da, mit hängendem Kopf. Das Tageslicht schwand allmählich. Schneewolken hingen tief am Himmel. Dieser Mann würde heute nicht mehr zum Pleasant Creek weiterreiten. Nicht jetzt, wo es bald dunkel wurde.

Meine Nerven waren in Aufruhr. Weis ihn ab, dachte ich. Schick ihn zu Nels – Nels Anderson, der auf der anderen Seite des Bachs wohnte, jenseits der Hütte meiner Schwester. Nels würde ihn über Nacht beherbergen. Und ich wäre ihn los.

Aber das ging nicht. Momentan war ich die Einzige, die von ihm wusste. Wenn er war, was er zu sein behauptete, wenn er war wie die anderen Männer, die kamen, musste ich dem Plan folgen.

«Es ist bitterkalt draußen», sagte ich. Mit einem Kopfnicken deutete ich auf sein Pferd. «Die Scheune ist hinterm Haus. Dort gibt es Futter und Wasser. Und Decken, um das Pferd zu wärmen.» Ich hielt inne. Er ist gefährlich, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf. Lass ihn nicht herein.

Aber er kannte den Code. Er war ein Bruder. Ein Heiliger. Es wäre falsch, einen der Unsrigen abzuweisen.

Ich nahm mich zusammen und sagte: «Ich habe Essen auf dem Herd stehen, und es ist reichlich da.»

«Himmlischer Vater, ich danke dir

Ein weiterer Code. So begannen wir Heiligen unsere Gebete.

Ich lächelte angespannt, während er sich umdrehte, um sein Pferd zur Scheune zu führen. Dann machte ich die Tür zu und verriegelte sie wieder. Ich wollte nicht riskieren, dass er hereinkam, ohne dass ich ihn selbst dazu aufgefordert hatte. Ich zog mein Schultertuch enger um mich und knotete es neu. Die Büchse meines Mannes hing an der Wand neben der Tür.

Er konnte ein Heiliger und zugleich ein Bandit sein. Es gab Heilige, die andere ausraubten und sich nahmen, was ihnen nicht gehörte.

Ich hatte Samuels Büchse bislang nur verwendet, um Schlangen und Wölfe zu verjagen, aber jetzt nahm ich sie aus der Wandhalterung und lehnte sie in die Küchenecke. Ich stellte die Pfanne wieder aufs Feuer und gab das Wildbret hinein, das ich zuvor in Stücke geschnitten hatte. An einem Geschirrtuch wischte ich mir die Hände ab, um ihr Zittern zu unterdrücken. Ich zerteilte mit dem Schälmesser eine Kartoffel und gab sie ebenfalls in die Pfanne. Es war ein einfaches Essen, aber er würde sich nicht beklagen. Die Männer, die hierherkamen, beklagten sich nie.

Polygamisten, so nannten die Zeitungen im Osten diese Männer. Die Bundesregierung brandmarkte sie als Verbrecher. Menschen, die nicht unseren Glauben teilten – wir nannten sie Andersgläubige –, interessierte es nicht im Geringsten, dass die Vielehe und eine entsprechend große Zahl von Kindern dem betreffenden Mann vermehrte Segnungen im Himmel versprachen. Sie bezeichneten die Mehrfachehe als Abscheulichkeit, als schändlich, und erließen Gesetze zu ihrer Bekämpfung. Bibeln schwenkend –, es war die gleiche Bibel wie unsere – schickten sie Deputys ins Utah-Territorium, die Männer mit mehreren Ehefrauen festnehmen sollten. Wurden diese Männer verurteilt, und das wurden sie fast immer, da die Richter und Geschworenen Andersgläubige waren, kamen sie ins Gefängnis. Von ihren Zellen aus mussten sie Geldstrafen in Höhe von mehreren Hundert Dollar zahlen. Wenn sie so viel Geld nicht hatten, verkauften ihre Ehefrauen das Haus, das Geschäft oder die Farm der Familie, um die Schulden begleichen zu können. Ihres Zuhauses beraubt, waren diese Frauen und Kinder fortan auf die Barmherzigkeit anderer angewiesen.

Das war der Grund, warum einige dieser Männer ihrer eigenen Aussage zufolge flohen, warum sie hierherkamen, um sich im Canyonland von Utah zu verstecken. Sie taten es für ihre ­Familie.

Ich rührte den Eintopf um und setzte den Deckel auf den Topf. Ich konnte dafür verhaftet werden, dass ich diesem Mann half, der als Verbrecher angeklagt war. Wenn man mich erwischte, konnte ich im Gefängnis landen und mein Zuhause verlieren. Trotzdem war ich bereit, ihm und den anderen, die vor meiner Tür erschienen, zu helfen. Aber nicht, weil ich die Mehrfachehe für heilig hielt. Ich tat es für ihre Kinder.

Ein eisiger Luftzug kam durch einen feinen Riss entlang des Küchenfensters. Ich wickelte mich noch fester in mein Schultertuch und füllte den Brotkorb mit den kleinen Brötchen, die ich früher am Tag gebacken hatte. Ich stellte den Korb in die Mitte des Tisches. Die Tischlampe nahm ich weg und stellte sie zu den anderen beiden Lampen auf die Arbeitsplatte neben dem Herd. Wenn der Mann wiederkam, wollte ich sein Gesicht nicht erkennen können.

In der Erinnerung waren die Männer, die in meine Hütte gekommen waren, alle gleich. Sie hatten sich die Strecke genau eingeprägt, die Namen der Ortschaften und Außenposten, wo sie mit einer Mahlzeit und Futter für ihre Pferde rechnen konnten, bevor sie sich Richtung Süden zu den tiefen Canyons im Utah-Territorium aufmachten. Ihre unrasierten Gesichter waren von Sorge und Müdigkeit gezeichnet. Die letzten acht Meilen, die sie hinter sich gebracht hatten, konnten den stärksten Mann in die Knie zwingen. Wir nannten dieses Gebiet die Waste­lands, es war der einzige direkte Zugang zu Junction. Massige Gesteinsformationen ragten wie fremdländische Schlösser aus dem Boden. Hier und da türmten sich Felsbrocken übereinander, und in der Erde klafften Spalte, so breit, dass ein Pferd nicht drüberspringen konnte. Ein Weg wand sich, mal kenntlich, mal nicht, um Felsen, senkte sich in tiefe Schluchten und ausgetrocknete Flussbetten. Man konnte sich leicht verirren, selbst wir, die wir hier lebten.

Die Männer nannten mir nicht ihren Namen, und ich nannte ihnen meinen nicht. Einer nach dem anderen saßen sie bei mir am Küchentisch, mit angespannten Schultern und zur Tür zuckendem Blick. Ich stellte mir vor, was sie dachten. Ich dachte das Gleiche. Die Verfolger, die Deputys, waren da draußen.

Die beiden Fenster meiner Hütte waren klein, und dies waren die einzigen Momente, in denen ich froh war, dass es selbst an Tagen mit strahlendem Sonnenschein drinnen schummerig blieb. Ich wollte das Gesicht des jeweiligen Mannes nur verschattet sehen, damit ich es wieder vergessen konnte, nachdem ich ihn zur Floral Ranch am Pleasant Creek weitergeschickt hatte. Die Ranch, noch tiefer in den Canyons versteckt als Junction, gehörte einer Familie. Sie lag elf Meilen von uns entfernt, hier in den Canyons eine beträchtliche Entfernung. Deshalb war sie zum Zufluchtsort für Männer mit mehreren Ehefrauen geworden.

Es waren schon mehr als genug Männer auf der Suche nach der Floral Ranch durch Junction gekommen. Aber noch kein einziges Mal war ein Verfolgter im Januar aufgetaucht. Bis jetzt.

Der Mann saß mit Blick auf die Tür an meinem Küchentisch und aß. Seine Augen huschten zum Fenster in der Wohnstube, dann zum Küchenfenster. Ich stand auf der anderen Seite des Tisches, lehnte mit verschränkten Armen an der Arbeitsplatte. Sein dunkler Bart bedeckte die ganze untere Gesichtshälfte und ließ ihn aussehen wie so viele andere, die schon an meinem Tisch gesessen hatten.

Ich aß nie mit den Männern zusammen. Nicht einmal wenn Samuel, mein Mann, zu Hause war. Es wäre zu vertraulich, zu eng. Für die Unterhaltung galt das Gleiche. Ich sagte nur das Nötigste, und die Männer ebenso. Wenn die Deputys mit ihren hartnäckigen Fragen kamen, musste ich behaupten können, dass ich nichts von den Menschen wusste, die sie suchten. Ich musste in der Lage sein, ihnen dabei in die Augen zu sehen.

Die gejagten Männer waren alle nervös, aber dieser war ein einziges Nervenbündel. Er fuhr jedes Mal zusammen, wenn das Feuer im Herd knackte. Und er schaute immer wieder über die Schulter zu der offenen Tür, die ins Schlafzimmer führte. Hier stimmte etwas nicht, das konnte ich ihn fast denken hören. Es war kein Ehemann da. Das Gold meines Eherings blitzte im Licht der Lampe auf, und ich war mir sicher, dass er es gesehen hatte. Vielleicht hielt er mich für eine Witwe, aber auch das kam ihm wahrscheinlich verkehrt vor. Die Hütte, so klein sie auch war, hätte voller Kinder sein sollen, einige davon schon fast erwachsen. Ich war nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Ich war sechsunddreißig, mein braunes Haar noch ganz ohne Grau. Ich hätte kleine Kinder haben können, sogar ein Baby auf dem Arm.

Ich wirkte wie eine Frau, die allein war. Kaum etwas an mir entsprach seiner Vorstellung von einer Frau, die der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angehörte.

Er wusste nicht, was er von mir halten sollte. Ich sah es an der Art und Weise, wie er mich mit zusammengekniffenen ­Augen beobachtete, während er aß. Er wusste nicht, ob er mir trauen konnte. Ich hätte ihm sagen können, dass ich ihn nicht ans Messer liefern würde. Das Geld, das vermutlich auf seinen Kopf ausgesetzt war, interessierte mich nicht. Ich hätte ihm erzählen können, dass ich nicht konvertiert, sondern in die Kirche hineingeboren worden war. Als Jugendliche hatte ich die Empörung meines Vaters erlebt, als sich Heilige gegen Heilige wandten. Ich hätte ihm erzählen können, dass ich mit neunzehn geheiratet hatte und seit damals um ein Kind betete. Aber nicht alle Gebete werden erhört. Ich hätte ihm sagen können, dass ich allein war, weil mein Mann, ein Stellmacher, zum Arbeiten in den Süden Utahs gefahren und nun gezwungen war, durch die steilen Berge im Norden zu uns zurückzukehren.

Ich schwieg. Je weniger ich sagte, desto besser. Je weniger er über mich wusste, desto sicherer war ich.

Der Mann schlang sein Essen hinunter. Sein rechtes Bein zitterte. Das Klirren seiner Sporen zerrte an meinen Nerven. Selbst wenn er ein Viehdieb oder sonst ein Dieb war, würde ich ihn nicht ans Messer liefern. Das würde nur die Aufmerksamkeit der Regierung auf uns lenken. Was ich wollte, was wir alle in Junction wollten, war einzig und allein, in Ruhe gelassen zu werden.

Januar, dachte ich wieder und wieder. Im Winter nahmen Gesetzeshüter keine Verfolgung auf. Die Belohnung, die auf die Festnahme eines Mannes mit mehreren Frauen ausgesetzt war, war es nicht wert.

Ich betrachtete seine Hände, während er aß. Ein Viehdieb, dachte ich. Ein Zugräuber. Ein Mörder.

Ein Schauder überlief mich. Ich rückte unauffällig etwas näher zu dem Gewehr in der Ecke. Ganz ruhig, sagte ich mir. Er ist ein Heiliger. Er hat aus der Schrift zitiert.

Ich löste meinen Blick nicht von seinen Händen. Es war dämmrig in der Hütte, und ich konnte keine Schrammen oder Narben an seinen Händen erkennen. Nur, dass sie breit waren. Die Fingerknöchel waren geschwollen. Die Hände eines Farmers, dachte ich. Kein Zugräuber. Bloß ein weiterer Mann mit mehr als einer Frau.

Nur wenige Männer in der Kirche hatten mehrere Frauen. Und mehr als zwei konnte sich kaum einer leisten. Vielleicht hatte dieser Mann Dutzende von Frauen. Womöglich hatte er so viele Kinder, dass er sich nicht einmal ihre Namen merken konnte. Und das hatte die Regierung so verärgert, dass seine Festnahme nicht bis zum Frühjahr warten konnte.

Oder er war ein Bandit. Einer, der aus dem Buch Mormon zitiert und, als ich ihm seinen Teller hingestellt hatte, den Kopf gebeugt und sein Dankgebet gesprochen hatte.

Draußen vor den Fenstern war es jetzt stockfinster.

Nach dem Eintopf aß der Mann ein Brötchen, sein Bein zitterte immer noch. Er aß ein zweites Brötchen. Jetzt endlich kam sein Bein zur Ruhe, und seine Schultern sanken langsam herab. Müdigkeit zog an seinen Lidern. Unerwartet stieg Mitleid in mir auf. Womöglich war er schon seit Tagen unterwegs. Und hatte schon lange keine warme Mahlzeit mehr bekommen. Vielleicht hatte er vergangene Nacht im Freien geschlafen. Und das in der Januarkälte.

Als er aufgegessen hatte, holte er tief Luft. Dann geriet plötzlich alles in Bewegung, er stieß sich vom Tisch ab und stand auf, und ich rückte noch ein Stückchen näher zu dem Gewehr.

«Vielen Dank für die Gastfreundschaft», sagte der Mann. «Wenn Sie mir jetzt erklären könnten, wie ich zum Pleasant Creek komme, mache ich mich auf den Weg.»

Er stand mir gegenüber, zwischen uns der Tisch. Wäre es möglich gewesen, hätte ich ihn auf der Stelle zu der Ranch am Pleasant Creek geschickt. Aber so einfach war es nicht. Im Canyonland war nichts einfach. Hier ging nichts auf direktem Weg. Fast alles verlangte nach einem Plan, und hier in Junction hatten wir einen Plan, um diesen Männern zu helfen. Vorsicht und Bedachtsamkeit waren vonnöten. Wir taten einen Schritt nach dem anderen.

«Ich war noch nie am Pleasant Creek», sagte ich. «Ich kenne den Weg dorthin nicht. Aber es gibt hier jemanden, der ihn kennt. Er wird Sie morgen früh hinführen.»

«Ich muss jetzt hin.»

«Es ist zu spät. Nachts wird er das nicht riskieren.»

«Das werde ich mit ihm klären. Wo kann ich ihn finden?»

«Er wird Sie jetzt nicht hinbringen, nicht im Dunkeln. Der Boden ist felsig. Die Pferde könnten sich das Bein brechen. Die Wegmarken sind schon tagsüber schwer zu erkennen. Der Weg genauso. Die Schluchten sind tief und tun sich unvermutet auf. Sie könnten in den Tod stürzen.»

«Warum haben Sie mir das nicht schon vorhin gesagt? Als ich hier angekommen bin, war es noch nicht dunkel.»

Ein Schritt nach dem anderen, sagte ich mir. Lass dich nicht von ihm verunsichern. Bleib bei dem Plan. Verhalte dich wie immer. Er war nicht der Erste, der es eilig hatte und nicht hören wollte. Ich griff wieder auf unseren Code zurück und sagte: «Tragt eure Bedrängnisse mit Geduld, und ich werde euch Erfolg schenken.»

Seine Augen verengten sich, und er studierte mein Gesicht. Er weiß die Antwort nicht, dachte ich. Er war kein Heiliger, er hatte mich getäuscht. Ich schob die Hand in meine Schürzen­tasche und ergriff das Schälmesser.

Er sagte: «Tragt eure Bedrängnisse mit Geduld. Alma. Oder Mosiah.»

Das waren Bücher aus dem Buch Mormon. Er wusste, dass ich ihn auf die Probe stellte, dass ich ihm nicht traute.

Wir musterten einander. Schließlich sagte ich: «Ich werde ­Ihnen Erfolg schenken, aber Sie müssen auf mich hören. Sie sind an meine Tür gekommen. Ein Fremder. Sie haben um Hilfe gebeten. Ich versuche Ihnen zu helfen.»

Der Mann verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Eine Bodendiele knarrte. Er sah auf seine geballte Faust hinunter. Er öffnete die Hand, spreizte die Finger, ballte sie wieder zur Faust, spreizte sie wieder.

Ich sagte: «Sie müssen heute Nacht hierbleiben, in meiner Scheune. Ich werde Sie vor Tagesanbruch zu dem Mann schicken, der Sie führen kann.»

«Schicken Sie mich jetzt zu ihm. Ich werde in seiner Scheune übernachten.»

Der Tisch stand unverändert zwischen uns, aber ich fühlte mich an die Wand gedrängt. Nicht den Kopf verlieren, dachte ich. Denk nach.

«Wir heißen Fremde willkommen», sagte ich. «Fremde wie Sie. Wir haben es schon oft getan und werden es weiterhin so halten, solange die Notwendigkeit besteht.» Ich wählte meine Worte mit Bedacht. Ich durfte nichts preisgeben. Selbst wenn ich ihm getraut hätte, hätte ich nichts darüber gesagt, wie wir ­Männern halfen. Ich durfte ihm nicht sagen, dass ich ihn zu Nels Anderson schicken würde – nicht bevor Nels ihn tatsächlich zur Floral Ranch führen konnte. Bis ich den Mann weiterschickte, würde niemand außer mir wissen, dass er hier war. Sollte man ihn in meiner Scheune finden, würde ich womöglich festgenommen werden. Aber dann wäre niemand anders beteiligt. Nur ich.

«Wir sind nachbarlich gesinnte Menschen hier in Junction. Aber wir erwarten, dass unsere Besucher auf uns hören, wenn es um die Canyons geht. Und darum, wie man sie durchquert.»

Er sah mich durchdringend an. Ich hielt seinem Blick stand. Meine Finger schlossen sich fester um das Schälmesser in meiner Schürzentasche. Er schaute zur Haustür, dann zu den Fenstern. Sein Blick kehrte zu mir zurück. «Also gut. Ich verbringe die Nacht in Ihrer Scheune.»

«Ja», sagte ich. «Ja. Gut.» Meine Worte kamen zu schnell. Ich atmete tief durch, um meine Nerven zu beruhigen. «Ich ­wecke Sie vor Tagesanbruch.»

«Ich werde bereit sein.»

«Gut.» Ich wusste nicht, warum ich das immer wieder sagte. Gar nichts war gut. Ich sagte: «In der Scheune liegen Pferde­decken. Sie können sich oben ins Heu legen. Da werden Sie ­zumindest nicht erfrieren.»

«So Gott will.»

«So Gott will.»

Er nickte mir kurz zu und ging zur Tür. Das metallische Klirren seiner Sporen markierte seine Schritte. Er nahm seinen langen Mantel vom Haken und zog ihn an. Ich sah zu, wie er die Knöpfe schloss. In der Scheune war es kalt, aber ich wollte ihn nicht neben dem Herd auf dem Boden schlafen lassen. Er brachte Ärger. Ich war eine Frau und allein im Haus.

Der Mann wickelte sich seinen Schal um den Hals. Er beobachtete mich, und ich ihn. Er streifte seine Handschuhe über, zog seinen Hut zurecht. Den Blick immer noch auf mich gerichtet, drückte er die Türklinke hinunter, hielt dann jedoch inne. Sein Blick huschte zur Küchenecke, wo Samuels Büchse stand.

Dann wandte er sich wieder mir zu. «Ich muss Ihnen etwas sagen.»

Er will beichten, dachte ich. Er will mir sagen, was er getan hat. Ich hob abwehrend die Hand. «Nein. Sagen Sie es nicht.»

«Ich muss es Ihnen sagen. Es ist nicht mehr als recht und billig.»

Ich schüttelte den Kopf, um ihn davon abzuhalten, aber er sprach weiter. «Ein paar Männer sind hinter mir her, und sie werden sicher hier vorbeikommen. Sie sind nicht mehr weit, zehn Meilen vielleicht. So nah, dass ich gestern Nacht ihr Lagerfeuer gesehen habe. Es könnte ungemütlich werden, wenn sie hierherkommen.»

Angst durchzuckte mich. «Wie viele sind es?»

«Zwei. Oder drei.»

«Nur zehn Meilen? Mehr nicht?»

«Ungefähr. Sollten sie mich finden, werde ich sagen, dass ich in Ihre Scheune eingebrochen bin. Sie haben mich nicht gesehen. Sie wussten nicht, dass ich hier bin.»

Ich nickte. Was blieb mir anderes übrig.

Er zog sich den Hut tiefer ins Gesicht, bereit zu gehen. Dass er sich plötzlich gewillt zeigte, die Nacht in meiner Scheune zu verbringen, konnte ein Trick sein. Vielleicht wollte er in Wirklichkeit sein Pferd holen und versuchen, allein zum Pleasant Creek zu gelangen, trotz der dunklen Nacht, in der Schneewolken den fast vollen Mond und die Sterne verdeckten. Er konnte sich so leicht verirren oder im Kreis reiten. Er würde es gar nicht bemerken. Andere dagegen sehr wohl, sobald es wieder hell wurde. Er würde eine Spur hinterlassen, die selbst ein Kind lesen konnte. Und auch wenn seine Verfolger ihn nicht fanden, wenn er in eine Klamm gestürzt war und niemand seine sterblichen Überreste fand, würden sie nach Junction zurückkommen. Sie würden wissen, dass er zunächst hier gewesen war. Sie würden alle Familien hier beschuldigen, ihm geholfen zu haben, einem Mann mit mehreren Ehefrauen. Oder einem Mann, der weit Schlimmeres getan hatte.

Das konnte ich nicht riskieren. Mit Führer würde er sich nicht verirren. Mit Führer und bei Tag würde er vier, fünf Stunden brauchen. Bis die Deputys hier wären, gäbe es keine Spur mehr von dem Mann.

«Die Männer, die hinter Ihnen her sind», sagte ich, «sind zehn Meilen entfernt. Davon sind acht schwieriges Gelände. Wie Sie selbst wissen. Wir nennen diese Wüstenei die Wastelands. Im Dunkeln werden die Männer da nicht durchreiten. Vielleicht versuchen sie es, aber bestimmt nicht lang. Niemand reitet da nachts durch, nicht einmal wir. Die werden bis Tagesanbruch warten.»

Er beugte den Kopf seitlich und musterte mich. Er traute mir nicht, genauso wenig wie ich ihm.

«Die Wastelands machen ihnen Angst», sagte ich. «Besonders nachts. Das ist immer so.»

«Immer?»

«Immer.»

«Darauf geben Sie mir Ihr Wort?»

«Ja.»

Sein Nicken war kurz, und ich wusste nicht, wie ich es deuten sollte. Er öffnete die Tür. Es schneite. Er wich zurück, ­zögerte. Dann senkte er den Kopf, trat hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Schnee. Man würde Fußspuren sehen. Unverkennbar die ­eines Mannes. Seine Stiefel waren größer als meine. Die Stiefel eines Mannes, der von der Bundesregierung gesucht wurde. Dem ich Hilfe angeboten hatte.

Spuren. Von meiner Haustür zur Scheune.

 

2

Deborah

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Der Dollarschein

11. Januar 1888

Im Licht dreier Lampen wusch ich das Geschirr des Mannes ab. Die Spuren seiner Anwesenheit waren schnell getilgt. Ihn aus meinen Gedanken zu vertreiben war nicht so leicht.

Januar. Schnee. Seine Fußstapfen von meiner Hütte zur Scheune.

Samuel, mein Mann, fehlte mir. Wäre er zu Hause, wäre ich dem Ärger gewachsen.

Aber vielleicht erwies sich der Schnee ja als Glück im Unglück. Vielleicht brachte er die Regierungsleute dazu umzudrehen. Ich schrubbte die Tasse, die der Mann benutzt hatte, noch energischer. Das Wasser schwappte gegen die Seiten der Schüssel. Der Weg durch die Wastelands war schwer zu erkennen und schon bei gutem Wetter eine Herausforderung. Im Schnee würde es noch schwieriger sein, ihm zu folgen. Vielleicht beschlossen die Deputys, den Mann entkommen zu lassen. Vielleicht war er ihnen das Risiko nicht wert.

Nein, das glaubte ich nicht. Wenn sie den Schneid gehabt hatten, ihn bis hierher zu verfolgen, würden sie die Sache zu Ende bringen wollen.

Halte du es genauso, sagte ich mir. Ein Schritt nach dem anderen. Tilge alle Spuren seiner Anwesenheit hier in der Hütte.

Mehr konnte ich momentan nicht tun.

Vielleicht war der Mann bereits fort. Womöglich war er zur Scheune gegangen und hatte sich von dort aus davongemacht, um nicht an der Hütte vorbeireiten zu müssen, wo ich ihn hören könnte. Er mochte fort sein, aber seine Spuren waren es nicht.

Ich trocknete das Geschirr ab und stellte es ins Regal. Neben dem Regal war mein Kalender an die Wand gepinnt. Es war zu dunkel, als dass ich die Zahlen hätte erkennen können, aber ich wusste, welches Datum es war. Mittwoch, der 11. Januar. Wie in jedem Jahr unserer Ehe war Samuel auch diesmal am 1. September aufgebrochen, um im südlichen Utah und nördlichen Arizona für Siedler in dortigen Außenposten Räder zu bauen und reparieren. «Rechne am ersten Dezember mit mir», hatte er am Tag seiner Abreise zu mir gesagt.

Das war hundertdreiunddreißig Tage her. Eine lange Zeit, und ich hatte keinen einzigen Brief von ihm bekommen. Das entsprach ihm gar nicht. Er schrieb mir immer, auch wenn die Briefe erst nach Wochen bei mir ankamen.

Samuel war seit einundvierzig Tagen überfällig. Die Sehnsucht nach ihm verzehrte mich. Tag für Tag sagte ich mir, dass Samuel auf dem Heimweg war. Nels meinte, er habe wegen des Felsrutsches umkehren und einen längeren Weg nehmen müssen. Es war Winter, aber das würde Samuel nicht aufhalten. Wir waren jetzt fast achtzehn Jahre verheiratet, und er war immer nach Hause gekommen. Das Wetter mochte ihn verlangsamen. Aufhalten würde es ihn nicht.

Auch den Mann, der sich in meiner Scheune versteckte, hatte das Wetter nicht aufgehalten. Genauso wenig wie die Männer, die ihn verfolgten. Sie waren nur zehn Meilen entfernt. Ich stellte die eine Lampe wieder auf den Tisch. Etwas ragte unter dem Brotkorb hervor. Ich schob die Lampe näher hin. Es war ein Dollarschein.

Ohne den Schein zu berühren, setzte ich mich an den Tisch. Die Männer ließen meistens Geld da. Normalerweise Dimes und Quarters, manchmal aber auch einen Schein wie diesen. Ich betrachtete das Geld nicht als Versuch, mein Schweigen zu erkaufen. Vielmehr ermöglichte es den Männern, ihren Stolz zu wahren, auch wenn sie gezwungen waren, sich zu verstecken und Hilfe von Fremden anzunehmen. Mit dem Geld ließen sie mich wissen, dass sie es gewohnt waren, für sich selbst aufzukommen. Sie waren ehrenwerte Männer, die sich um ihre Familie kümmerten, ihre Farm bestellten und ihren Geschäften nachgingen. Sie kamen hungrig und ungewaschen an meine Tür, aber es waren Männer der Kirche, die mehrere Ehefrauen hatten, so wie Abraham und Jakob im Alten Testament. Diese Männer ­lebten die göttliche Offenbarung, die der Prophet Joseph Smith seinen eigenen Worten zufolge empfangen hatte. Die Vielehe, so habe Gott ihm, dem Propheten, gesagt, sei heilig. Wer sie praktiziere, dem sei ein Platz im Celestialen Reich sicher.

Samuel und ich glaubten das nicht mehr. Unsere Eltern schon. Samuels Stiefvater hatte zwei Frauen. Mein Vater drei. Die erste war Alice gewesen. Sie war vor vielen Jahren gestorben, aber sie blieb Teil unserer Familie. Meine ältere Halbschwester und zwei Halbbrüder waren ihre Kinder. Mein Vater hatte in meiner Jugend öfter von Alice erzählt, damit wir sie und ihr tiefes Vertrauen in die Kirche nicht vergaßen. Mein ­Vater und sie waren kurz nach ihrer Heirat in Ohio vom Propheten Joseph Smith getauft worden. Von Ohio aus waren sie dem Propheten nach Westen gefolgt, und als dieser in Missouri ermordet wurde, folgten mein Vater und Alice Brigham Young ins Utah-Territorium.

«Wir waren über sechshundert Leute in Kimballs Wagenverband», erzählte uns mein Vater jedes Jahr an Alices Todestag. Seine Stimme war ernst, aber es schwang auch Stolz darin. Er war ein großer Mann mit breitem Brustkorb und mit starken Armen vom jahrelangen Ledergerben. Sein dichter dunkler Bart reichte bis zu den Wangenknochen. Er betonte immer, wie fröhlich Alice auf dieser letzten Fahrt gewesen war. Wie oft sie gelächelt hatte. Sie war auf dem Weg nach Zion. Aber in Nebraska erkrankte sie an einem Fieber und starb. «Ich habe sie am Platte River begraben», sagte er. «Nicht weit vom Chimney Rock. Ich habe ihr Grab mit einem Holzkreuz markiert, in das ihr Name geschnitzt ist.»

Meistens erzählte mein Vater dann weiter, Schwester Zena, eine Frau aus dem Verband, habe sein jüngstes Kind, Asher, zu sich genommen. «Er war noch keinen Monat alt, und Schwester Zena war willens und in der Lage, ihn zu stillen. Eine andere Familie, die Bufords, bot mir an, sich um Sarah zu kümmern. Sie war damals sieben. Und wieder andere Leute sagten, sie hätten Platz für Paul. Er war noch ein kleines Kerlchen, gerade erst drei geworden. Das waren alles brave Leute, aber Sarah und Paul? Die konnte ich nicht hergeben.» An dieser Stelle schüttelte er den Kopf. «Ich scheue mich nicht zu sagen, dass es nicht einfach war, den Wagen zu lenken und mich gleichzeitig um die beiden zu kümmern. So ein Treck ist kein Ort für Kinder. Sie können zwischen die Räder geraten und überfahren werden. Oder sie werden von Maultieren getreten. Ich weiß von zwei Fällen, wo ein Kind herumgestromert ist und verlorenging. Aber ich riskierte es. Ich konnte nicht anders. Es war schlimm genug, dass ich Ash nicht behalten konnte. Das hätte Alice verstanden. Ein Säugling braucht die Brust. Aber erwartet hätte sie, dass ich Sarah und Paul bei mir behalte.»

Für die Kinder sorgen zu müssen machte ihn langsamer. Sein Planwagen fiel zurück und fuhr bald am Ende des Verbands. Aber man vergaß ihn nicht. Eine unverheiratete junge Frau, neunzehn Jahre alt, brachte ihm sieben Tage lang etwas zu essen. Jeden Abend kam sie zu Fuß vom Wagen ihrer Eltern zu seinem. Und sie brachte nicht nur Essen, wie mein Vater zu sagen pflegte. «Sie spendete uns Trost. Sie nahm Sarah und Paul in den Arm, wenn sie nach ihrer Mutter weinten, und sang sie in den Schlaf.» Wenn die Kinder zu Bett gebracht waren, lief sie wieder zum Wagen ihrer Eltern zurück. Mein Vater kniete nieder und betete um Kraft für den kommenden Tag.

«Eines Nachts ist mir Alice in einer Vision erschienen», ­erzählte er uns. «Ich sah sie, als stünde sie leibhaftig vor mir. ‹Unsere Kinder brauchen eine Mutter, hörte ich sie sagen. ‹Und du brauchst eine Frau.»

Acht Tage nachdem er Alice begraben hatte, heiratete mein Vater Margaret, die junge Frau, die seine Kinder in den Schlaf sang.

Sie war meine Mutter.

Ich kam ein Jahr später in Salt Lake City zur Welt. Mein ­Vater nannte mich seine Tochter Zions. Ich war das erste seiner vielen im Utah-Territorium geborenen Kinder.

«Es ist Gottes Plan», sagte mein Vater zur Geburt jedes seiner Kinder. «Gottes Plan», sagte er, als Brigham Young ihn ­anwies, Salt Lake zu verlassen und in Parowan eine Gerberei aufzumachen. «Gottes Plan», sagte er, als ihm ein Engel offenbarte, er solle eine weitere Frau heiraten.

«Eine freudenreiche Offenbarung», sagte meine Mutter, als Sarah und ich das Haus für die Ankunft der neuen Frau saubermachten. Sarah war fünfzehn und ich sieben. «Jetzt ist mir ein Platz im Celestialen Reich sicher», sagte meine Mutter, während wir die Küchenwände schrubbten. «Ein herrlicher Gedanke.»

Ihre Stimme war schrill. Einzelne braune Haarsträhnen lösten sich aus dem Dutt in ihrem Nacken. Sie arbeitete schnell, wischte auf allen vieren den Staub aus den Ecken. «Gott hat uns so viel gegeben, ihr Mädchen», sagte meine Mutter, während wir die Fenster putzten. «Euer Vater wurde vom Propheten Joseph Smith getauft, und jetzt hat Brigham Young diese heilige Offenbarung bestätigt.»

Am Tag der Hochzeit brachte mein Vater Schwester Caroline zu uns nach Hause. Sie war blond, und sie hatte eine viel schmalere Taille als meine Mutter. Ihre Hände waren weich, die Fingerknöchel noch nicht von der harten Arbeit geschwollen. Ihr Kleid war schwarz-weiß kariert und hatte bauschige Ärmel, die am Handgelenk zusammengefasst waren. Der Spitzenkragen war breit und reichte ihr bis auf die Schultern. Meine Mutter trug ihren Sonntagsstaat, aber neben Schwester Caroline wirkte das dunkelblaue Kleid unscheinbar und altmodisch. Die Ärmel waren zu schmal, und der gehäkelte Kragen war grob und schwer.

Meine Mutter hatte vorgesehen, dass Schwester Caroline mit ihr am einen Ende des langen Küchentisches sitzen würde. Die Frauenseite, so hatte sie ihr Tischende zu nennen beschlossen. Mein Vater fegte diese Idee mit einer Handbewegung fort. Er hieß Schwester Caroline an seinem Tischende Platz nehmen, gleich neben ihm, wo bisher Paul gesessen hatte. Mein Vater half ihr auf die Bank und ließ die Hand dabei einen Augenblick auf ihrer Schulter liegen. Sein Daumen strich über die Rundung ihres Oberarms.

Einen Moment lang erstarrten alle – meine Mutter am gegenüberliegenden Tischende, meine drei älteren Halbgeschwister, meine jüngeren Brüder auf den Bänken –, denn keiner hatte erwartet, meinen Vater diese Frau auf diese Weise berühren zu sehen. Schwester Caroline sah lächelnd zu ihm auf und warf dann einen kurzen Blick auf meine Mutter. Mein Vater nahm seine Hand weg, zog seinen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich. Er neigte den Kopf. Bei diesem Anblick kamen wir wieder zu uns und neigten ebenfalls den Kopf.

«Himmlischer Vater», betete er. «Wir danken dir für das ­Essen auf unserem Tisch und dafür, dass du deine Tochter Caroline in unsere Familie gebracht hast.»

Nach dem Essen, aber bevor der Tisch abgedeckt war, brachen mein Vater und Schwester Caroline zu einem kleinen Spaziergang auf. Bestürzung zuckte über das Gesicht meiner Mutter, als die beiden von ihrem Spaziergang zurückkamen und mein Vater ihr etwas zuflüsterte. Sie wandte sich ab, als mein Vater Schwester Caroline in das Schlafzimmer führte, das er normalerweise mit meiner Mutter teilte. «Ein Platz im Celestialen Reich», sagte meine Mutter, mehr zu sich selbst als zu Sarah und mir, während sie sich in unserem Zimmer entkleidete, um bei uns zu schlafen.

Sie schlief so lange bei uns, bis das Haus, das mein Vater schräg gegenüber von unserem baute, fertig war und Schwester Caroline dort einzog. Ich dachte, das würde meine Mutter aufmuntern. Sie würde wieder singen, während wir Brot buken und den Boden putzten. Unsere Familie würde wieder wie früher sein. Doch so war es nicht. Mein Vater verbrachte die meiste Zeit bei Schwester Caroline.

«Ein Segen», sagte meine Mutter, als Schwester Caroline ihr erstes Kind bekam. «Euer Vater findet Gunst bei Gott, und uns ist das Celestiale Reich verheißen.» Das waren ihre Worte, doch mit jedem weiteren Kind, das Schwester Caroline zur Welt brachte, wurde meine Mutter stiller, nur noch ein schwaches Abbild ihrer selbst.

Mein Vater war ein, zwei Nächte in der Woche bei uns. Meine Mutter bekam weitere Kinder. Wenn er bei uns war, fragte er nach unseren Schulaufgaben und hob sich das jüngste Kind auf den Schoß. Aber er wirkte unbeteiligt, während er mit uns zu Abend aß und später zu meiner Mutter ins Schlafzimmer ging. Ich glaube, er war mit den Gedanken woanders. In Schwester Carolines Gesellschaft wirkte er wie ein jüngerer Mann. Sein breites Lächeln überstrahlte den ergrauenden Bart, und er lachte viel.

Als ich siebzehn war, begannen Männer um mich zu werben. Ich hatte den jungen Freiern, die erklärten, dass sie jeden Abend niederknieten und um eine Offenbarung beteten, nicht viel zu sagen. Ich war noch nicht bereit für die Ehe. Ich war nicht bereit, in die Fußstapfen meiner Mutter zu treten. Oder zu einer zweiten oder dritten Ehefrau zu werden.

Ich war achtzehn, als mein Vater mir mitteilte, dem Farmer Ed Yardley sei offenbart worden, dass er einer zweiten Ehefrau würdig sei. «Er hat um Erlaubnis gebeten, mit dir darüber zu sprechen», sagte mein Vater. «Er will bald heiraten.»

Bald, das bedeutete noch diesen Monat. Ich senkte den Kopf, als dächte ich über Bruder Eds Offenbarung nach, doch in Wirklichkeit hämmerte Panik in meiner Brust. An Bruder Ed war nichts auszusetzen, außer dass er eine Frau und ein Kind hatte.

Ich spürte, dass mein Vater auf eine Antwort wartete. Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich keine Zweitfrau werden wollte. Dass ich nicht eine erste Frau so verletzen wollte, wie meine Mutter verletzt worden war.

«Deborah?», fragte mein Vater nach.

Ich hob den Kopf und sah ihm in die Augen. «Mutter braucht mich. Zeb ist erst ein paar Monate alt. Ich kann sie jetzt nicht allein lassen.»

«Du bist deiner Mutter eine gute Tochter. Aber du bist gerade achtzehn geworden. Es ist Zeit für eine eigene Familie, und Bruder Ed ist ein braver Mann. Seine Offenbarung ist bestätigt worden.» Mein Vater lächelte. «Dir wird ein Platz im Celestialen Reich sicher sein. Und, Deborah, er hat sich bereit erklärt, dir ein eigenes Haus zu bauen.»

«Mutter braucht mich», wiederholte ich. «Ich kann sie nicht alleinlassen. Wenn Zeb älter ist, werde ich einer Ehe zustimmen.»

Mein Vater muss die Klugheit dieser Entscheidung erkannt haben. Der Haushalt meiner Mutter umfasste inzwischen neun Kinder. Sarah, meine ältere Stiefschwester, hatte schon Jahre zuvor geheiratet und war weggezogen. Ich war die älteste noch zu Hause wohnende Tochter. Ohne meine Hilfe würde meine Mutter nur mit größter Mühe zurechtkommen. Mein Vater musste das begriffen haben, denn er erwähnte die Angelegenheit mit keinem weiteren Wort mehr. Noch im selben Monat heiratete Ed Yardley, mein potentieller Ehemann, eine andere Frau.

Jetzt, Jahre später, befand sich ein verfolgter Mann in meiner Scheune. Sein Dollarschein lag auf meinem Küchentisch. Das Risiko, das ich einging, um ihm und seinesgleichen zu helfen, war weit größer als der Wert eines Dollars. Wenn man mich erwischte, würde man vielleicht meinen Obsthain niederbrennen. Vielleicht würde man mich verhaften. Ich ging das Risiko dennoch ein. Nicht weil ich die Vielehe für richtig hielt. Das tat ich nicht. Ich sagte mir, dass ich es für die Kinder dieser Männer tat, und das stimmte. Aber es war nicht nur das. Diese Männer glichen meinem ältesten Stiefbruder, Paul. Er saß im Bundesgefängnis in Salt Lake. Man hatte ihm seine Gerberei weggenommen, und seine zwei Frauen und sieben Kinder waren auf die Barmherzigkeit von Nachbarn und Familie angewiesen.

Ich griff nach dem Dollarschein. Er war knitterig, als hätte jemand ihn in der geballten Faust gehalten. Ich legte ihn wieder hin, stand vom Tisch auf und trat ans Fenster. Schneefall erhellte die Nacht. Es war still. Von dem Mann war nichts zu hören.

Ich spähte nach Lichtern in der Hütte meiner Schwester auf der anderen Seite des Pflaumenhains. Die Hütte war zu weit weg, mehr als eine Dreiviertelmeile entfernt. Trotzdem spürte ich, dass Grace, ihr Mann und die drei kleinen Buben da waren. Und ich spürte die Bürde der Verantwortung für die anderen sechs Familien in Junction.

Spuren im Schnee. Gesetzeshüter zehn Meilen von hier. Der Mann in meiner Scheune. Sofern er noch da war.

Ich nahm Samuels Büchse und legte sie neben mein Bett. Der Dollarschein wanderte in das Weckglas, das mir als Sparkasse diente. Das Weckglas verstaute ich in der obersten Schublade. Ich bürstete mir das Haar und flocht es, blieb aber angezogen. Ich würde in meinen Kleidern schlafen, um Zeit zu gewinnen, wenn ich vor Tagesanbruch aufstand, um den Mann auf den Weg zu schicken. Sagte ich mir. In Wirklichkeit war mir unbehaglich zumute. In meiner Scheune schlief ein Mann. Ich war allein.

Ein Frösteln überlief mich, nicht nur wegen der Winternacht. Ich schlug die Steppdecke zurück, fuhr mit der Hand über die kalten Laken und ging in die Küche. Der Lichtschein des Herdfeuers, der durch die Ritzen um die Feuerklappe drang, leitete mich. Mit Topflappen nahm ich die beiden Wärmsteine heraus, die ich immer im Ofen liegen hatte. Ich wickelte sie in Geschirrtücher und trug sie nacheinander ins Schlafzimmer. Dort schob ich sie unter die Decke am Fußende des Bettes, damit sie die ­Laken anwärmten.

Samuel hatte mir die Steine gegeben, als wir vor fünfeinhalb Jahren nach Junction kamen. «Das hier ist Sandstein», hatte er gesagt und mir in der offenen linken Hand einen flachen roten Stein hingehalten. Wir standen in der Küche, und die behauenen Baumstämme, aus denen die Hütte gebaut war, waren noch so frisch, dass sie nach Erde rochen. Samuel hatte Bewässerungsgräben für die Pflaumenbäume gegraben, die wir kurz zuvor gepflanzt hatten, und war zum Mittagessen hereingekommen. Mit einem Finger seiner freien Hand fuhr Samuel über einen weißen Streifen, der sich rings um den Stein zog. Er sagte: «Das ist wahrscheinlich Gips. Der hat sich irgendwie in den Sandstein eingelagert.» Er deutete mit einem Nicken zum Küchenfenster. «Komm mal mit ans Licht. Ich möchte dir etwas zeigen.» Ich stellte mich neben ihn ans Fenster, meine Schulter an seiner. Er hielt den Stein mit beiden Händen hoch, neigte ihn und drehte ihn hin und her. «Siehst du das? Den Gips?» Ich sah ihn. An manchen Stellen war er klar wie Glas, an anderen wolkig. Er schimmerte wie Eis auf einem gefrorenen See.

«So was hab ich noch nie gesehen», sagte ich.

«Ja, der macht was her. Aber ich habe noch einen besseren.» Er legte den ersten Stein auf den Küchentisch und zog einen zweiten aus seinem Rucksack. Er war kleiner und runder als der andere. Seine Farben reichten von einem verwaschenen Gelb bis zu hellem Braun. Mir erschien er ziemlich gewöhnlich, hier in dieser Felsenlandschaft voller Steine.

«Den hab ich im Fluss gefunden», sagte Samuel. «Das Gelb fiel mir gleich auf. Sieht aus wie Sandstein, aber es ist etwas anderes. Härter, fester, beständiger. Wie unsere Heimstatt hier, ­Deborah.»

«Und unsere Obsthaine», sagte ich. «Die Bäume, die einmal zeigen werden, dass wir hier waren.»

Samuel blickte auf den Stein, den er in der Hand hielt, dann legte er ihn mir in die Hand. «Du bist noch jung», sagte er. ­«Es ist noch Zeit.»

Für ein Kind, meinte er, sagte es aber nicht. Meine Sehnsucht nach einem Kind war einer der Gründe, warum ich mich bereit erklärt hatte, unser Zuhause in Parowan aufzugeben. Hierher zu kommen war ein Neubeginn. In Parowan wussten die Leute nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Ich war eine seit langem verheiratete Frau, die keine Kinder hatte. Die Leute missbilligten inzwischen meine Ehe mit Samuel. Sein Weltbild war offener als das der Kirche. Meine ungewollte Kinderlosigkeit bezeugte, dass Samuels Glaube nicht stark genug war. In Junction war ich weit weg von all dem Getuschel und den wissenden Blicken. Hier konnte ich vielleicht doch noch ein Kind bekommen.

Da Samuel nicht zu Hause war, nutzte ich die Steine jetzt, um unser Bett zu wärmen.

Schnee stob gegen die beiden Fenster. Ich überprüfte erneut den Riegel an der Tür. Im Schlafzimmer hielt ich eine Laterne hoch und studierte die Landkarte, die neben den Kleiderhaken an die Wand geheftet war. Ne...