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Von dieser Liebe darf keiner wissen

Als Buch hier erhältlich:

Die Geschichten des zweimaligen Kisch-Preisträgers Erwin Koch gehen unter die Haut. So elegant wie meisterhaft verdichtet erzählt er – in Form von Porträt und Reportage – von Menschen in außergewöhnlichen Situationen, von unmöglichen Helden, todgeweihten Liebenden, zaghaften Verbrechern. Merkwürdig, erstaunlich, liebenswert sind die Personen in Erwin Kochs Geschichten. Der Autor beschreibt ihr Schicksal so, dass es uns unmittelbar berührt und nicht mehr loslässt. Koch setzt das Skurrile und das Tragische dicht zueinander, mit allem trifft er mitten ins Herz.
  • Erscheinungstag: 25.02.2013
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312005574

Leseprobe

Eigentlich eine Liebesgeschichte

Sarah fasst sich ans Becken, rechte Seite, und stöhnt auf, es ist 17 Uhr, längst finster im Dorf am 8. Dezember 2007, ein Samstag, die Welt riecht nach Schnee.

Was hast du?, fragt die Mutter.

Hier tut es weh.

Du hast dich gestoßen?

Hab ich nicht, sagt Sarah und schweigt.

Sarah ist vierzehn, schmal und hoch, sie ist stolz auf ihr langes, üppiges Haar, am liebsten spielt Sarah Klavier, tanzt, seit sie gehen kann.

Ein Muskel, wohl angerissen, vielleicht vom Turnen in der Schule, bei jungen wilden Damen keine Seltenheit, lacht der Kinderarzt und empfiehlt drei Tage Ruhe, Schmerztabletten und Krücken bei Bedarf, Mittwoch.

Sarah legt sich vor den Fernseher, Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Rigiweg 4, Erdgeschoss links, die Mutter holt Pizza, es schneit.

Wenn sie groß ist, wird Sarah nach Amerika auswandern. Dort war sie im letzten Sommer bereits, sechs Wochen lang mit den Eltern und der Schwester, New York, Boston, Las Vegas, Bryce Canyon, Monument Valley, Grand Canyon, Death Valley, San Francisco, Monterey, Los Angeles, Universal Studios, Disneyland, Sarah schlief neben dem Vater, Nacht für Nacht, die Schwester neben der Mutter, einmal sollte Sarah neben die Schwester, die zwei Jahre jünger ist, goht’s no?, neben der schlafe ich nicht! – Sarah schlief am Boden.

Eine Knochenentzündung vielleicht, sagt der Arzt am 17. Dezember 2007, Montag, und ruft das Kinderspital Luzern an.

Zwei Stunden später, die Mutter an der Seite, sitzt Sarah im Krankenhaus und wartet, bis man ihr eine Nadel in die Vene steckt und Blut abnimmt, sie wartet, bis jemand ihr Becken abtastet, ihre Hüfte, geh in die Hocke!, streck jetzt das Knie!, spreiz die Beine!, man möchte, um sicher zu gehen, eine MRT machen, Magnetresonanztomographie.

Das tut nicht weh, sagt die Mutter.

Und wenn doch?

Dann geht’s vorbei, sagt Mami.

Platzangst in der Röhre.

Sie leide, soweit man sehe, nicht an einem bakteriellen Infekt, sondern an einem rheumatischen. Um anderes auszuschließen, werde man morgen oder übermorgen dem Knochenmark eine Probe entnehmen, keine Angst, Sarah.

Ob einem davon schlecht werde, fragt sie. Wenn ich etwas hasse, dann das Kotzen.

Die Mutter fährt zurück ins Dorf, holt Kleider und Sarahs Handy, 079 273 61 64.

Hey. Bin ab sofort im Schpital. OMG. 2 Woche lang. Chnocheentzöndig. U Sarah

OMG, o mein Gott.

U, Umarmung.

Sarah ist schlecht, als sie am Dienstag in 1 West erwacht.

Warum weinst du, Mami?

Am Mittwoch, 19. Dezember 2007, sitzen Vater und Mutter in einem engen düsteren Raum des Kinderspitals Luzern, 1 West 117, zwei Tische darin, zwei Bildschirme, Ordner, Neon leuchtet, zwei Ärzte sind da, eine Pflegerin, und einer beginnt zu reden, er sagt: Im Knochenmark Ihrer Tochter sind Zellen, die dort nicht hineingehören.

Im Knochenmark Ihrer Tochter sind Zellen, die dort nicht hineingehören.

Zellen, die dort nicht hineingehören.

Leukämie, ein Lymphoblastisches Lymphom vom Precursor-B-Typ, Stadium drei, noch sehr jung, Gottlob.

Was genau ist Leukämie?, fragt der Vater.

Und die Mutter, sie weiß nicht weshalb, ahnt, Sarah wird sterben. Sie dreht sich zu ihrem Mann und sieht ihn weinen, sie legt ihre Hand auf seine, er zieht sie weg.

Endlich treten sie an Sarahs Bett, Station 1 West, zwei Ärzte, Vater, Mutter.

Sarah, was dir weh tut, hat einen Namen, Leukämie.

Blutkrebs, sagt der Arzt.

Und Sarah, langes rötliches Haar, lacht heiser auf.

Aber die Wahrscheinlichkeit, dass du wieder gesund wirst, ist groß.

Neunzig Prozent.

Ist doch gut, sagt Sarah und blickt zum Vater.

Hört auf zu heulen, sagt sie, ich habe noch vieles vor, wer heult, soll raus.

Die Mutter ruft ihre Eltern an, der Vater Sarahs Lehrer, man verliere keine Zeit, sagt der Arzt, schon übermorgen beginnt die erste Therapie, keine eigentliche Chemotherapie, eher Vorbereitung, Cortison.

Scheiße. Leukämie. Bluetchräbs. OMG U.

Donnerstag, Sarah liegt im Operationssaal, zwei Ärzte beugen sich über sie, setzen unterhalb des rechten Schlüsselbeins einen Port-a-Cath, einen Langzeitkatheter, der in Sarahs Vene führt.

2 West 224, das Eckzimmer.

Mami, ich will nicht, dass die Leute an meinem Bett heulen.

Und die Mutter weiß, Sarah wird sterben, erzählt es keinem.

Wenn Sarah wieder gesund ist, will sie zuerst zwei Katzen und dann nach Amerika.

21.12.07, Zytoreduktive Vorphase

40 mg Prednison

Dann 30 mg

20 mg

12 mg Methotrexat i.th.

Eine Katze wird Luna heißen, die andere Mickey.

Kurz vor Mitternacht, Sonntag, 23. Dezember 2007, setzt der Vater eine E-Mail in die Welt: Geschätzte Verwandte, Bekannte, Kolleginnen, Kollegen und Freunde aller Art, wir müssen uns diesem Kampf stellen, und wir wollen und werden ihn gewinnen! Schließt uns ein in eure Gedanken, Hoffnungen, Gebete oder in was auch immer.

Den Infusionsständer, der an ihrer Seite ist, nennt Sarah Bello, es ist Heiligabend, Vater, Mutter, Schwester, die Großeltern, einige Freunde sitzen im Kindergartenraum des Kinderspitals und singen O du fröhliche, Sarahs Taufpate hat einen Weihnachtsbaum gebastelt, Sperrholz, bezogen mit grünem Filz, Kugeln hängen daran, Schokolade, Sarah bekommt eine Kamera geschenkt, sie fotografiert den Schrank, das Bett, die Pflegerinnen, Bello, die Mutter, wie sie neben dem Bett sitzt und lächelt, als sie, Sarah und Mami, Pizza essen, dann fernsehen, Upps! Die Pannenshow.

Sarah hat Hunger. Ständig hat sie Hunger. Pizza, Ravioli, Pizza, Braten, Käse, Pizza. Manchmal ruft sie die Mutter zu Hause an, bring mir Fleischkrapfen, aber nicht irgendwelche, sondern die, die Großmutter macht, bring mir Pizza, ich sterbe vor Hunger.

Dieser Hunger sei, sagt der Arzt, nicht außergewöhnlich, eine Folge der Medikamente, kein Grund zur Sorge.

Sarah bestellt die Dorfcoiffeuse ins Zimmer, Sarah will nicht, dass ihr Haar, wenn die Chemotherapie beginnt, in Strähnen ausfällt, die Coiffeuse kürzt das Haar auf Nackenlänge, die Mutter fotografiert, schön siehst du aus.

Das sagst du nur so, sagt Sarah.

Schnitzel

Wienerli

Kartoffelauflauf

Der Arzt sagt: Deine Blutwerte sind gut, an Silvester geht’s nach Hause.

Müde und bleich sitzt Sarah vor ihrem Laptop, Rigiweg 4, Erdgeschoss links, es ist Neujahr, Sarah schaut Friends. Immer wieder fährt die Mutter sie ins Spital zur Chemotherapie.

Prednison

Vincristin

Daunorubicin

E. coli Asparaginase

Methotrexat i.th.

Im Fernsehen lässt Sarah keine Kochsendung aus, Das perfekte Promi-Dinner, Die Küchenschlacht, Teufels Küche, Sarah beschließt, ein Kochbuch zu schreiben, Frühlingsrollen, Eiersalat, Maccheroni alle cinque Pi, Jakobsmuscheln auf Nudelnest, Hot Dogs mit Sauerkraut, den Grill anheizen, die Würstchen auf beiden Seiten quer leicht einritzen und mit Öl bestreichen, das Sauerkraut ausdrücken und in eine geölte Aluschale füllen. Die Würstchen rundum ca. 10 Min hellbraun grillieren.

Wenn es ihr gutgeht, sitzt Sarah am Klavier und spielt mit der Schwester, mit der Mutter, manchmal spielen alle drei, sechs Hände, Mami ganz links, die Schwester in der Mitte, Sarah bei den hohen Tönen, rechts.

Ich will nach Amerika.

Die Coiffeuse kommt nach Hause, Mitte Januar 2008, kürzt Sarahs Haar auf fünf Millimeter.

Jetzt sehe ich aus wie ein Bub.

Schön, wie Sinead O’Connor, sagt die Mutter.

Wer ist das?

Wenn du willst, sagt Mami, schneide ich mein Haar so kurz wie du.

Einmal klingelt es an der Tür, die Schwester rennt los, Scheiße, schreit Sarah, mach erst auf, wenn ich mein Kopftuch anhabe.

Scheiße, schreit Sarah, mach nicht so laut.

Lass mich in Ruhe.

Sarahs Heftigkeit, ihre Aggressivität, sagt der Arzt, sei nicht ungewöhnlich, wohl auch Folge der Medikamente.

28.01.08, Induktion Phase I/b

Cyclophosphamid

Cytarabin

6-Mercaptopurin

Eine Pflegerin kommt ins Haus, drückt das Mittel in den Port-a-Cath, der in Sarahs Brust steckt, viermal in der Woche, Sarah liegt auf dem Sofa, weiß und haarlos, der Bauch tut weh, sie isst kaum, Verbotene Liebe, Marienhof, Sarah schläft weg, erwacht, hau ab, du dumme Kuh, lass mich in Ruhe, blöder Oberdepri.

Die Kinderkrebshilfe schenkt Sarah zweihundert Franken. Sarah bestellt zwei Blumensträuße, einen für den Vater, einen für die Mutter, Gutscheine für die Schwester. An Sarahs Rücken, Gesäß und Hüfte leuchten rote Streifen, kein Grund zur Sorge, sagen die Ärzte, nicht ungewöhnlich, erhebliche Hyperammoniämie, zu viel Ammoniak im Blut, leichte Nebenniereninsuffizienz.

Der Vater, Finanzfachmann, geht täglich zur Arbeit, er weint heimlich, kommt abends wieder und schweigt, hält sich fest am Glück der ersten Jahre, als er Sarah im Tragetuch hatte, als Sarah, umgeben von zehn Schnullern, im Bettchen schlief und erwachte, sobald er das Zimmer verließ, als er, noch kein Jahr her, mit Sarah am Rand des Grand Canyon stand, er und Sarah, seine Älteste, sprachlos im Licht der aufgehenden Sonne.

Machen Sie Sport!, rät die Psychologin.

Es ist die Krankheit, die Sarah so macht, tröstet die Mutter den Vater.

In ihren Ohren hört Sarah den Puls, der Kopf schmerzt, für den Gang ins Bad ist Sarah zu schwach, die Mutter bringt sie ins Spital, Bluttransfusion, ein Beutel, zwei Beutel, 0 positiv.

Sarah erbricht.

In Amerika führe ich ein Café, am liebsten in Colorado.

Einmal sitzen beide Eltern an ihrem Bett, 2 West 224, und Sarah sagt zur Mutter: Sag dem Typ neben dir, er soll verschwinden.

Im System Familie, Herr M., haben Sie eine wichtige Funktion, die des Blitzableiters, des Sündenbocks, sagt die Psychologin.

Der Vater versucht es mit Squash – die Achillessehne reißt.

Sarah notiert: Wie ein Fisch sehe ich nun aus, mein Kopf ist ein Mond.

Am 26. Februar 2008 beendet Sarah den zweiten Chemoblock, zwei Wochen später beginnt sie den nächsten, Protokoll M.

Schön bist du, sagt die Mutter, die jetzt immer neben ihr ist, vier Tage im Spital, zehn zu Hause, vier im Spital, zehn zu Hause.

6-Mercaptopurin

HD – Methotrexat

Leucovorin Rescue

Ist es schon Sommer?

Bald, sagt Mami.

Wie geht es Papi?

Er humpelt an Krücken.

Mami?

Ja?

Sag Papi, dass ich ihn mag.

Ist Sarah zu Hause im Dorf, liegt sie auf dem Sofa, schaut Friends auf DVD, zehn Staffeln, 236 Episoden, 86 Stunden. Ist sie im Spital, wacht die Mutter im Nebenbett, MTV, A Shot at Love mit Tila Tequila, sie kichern, so ein Quatsch!, irgendwann löschen sie das Licht und stellen sich die Krankheit Krebs vor, runde Wesen mit Beinen und Armen, Augen und Nasen, schwarze und weiße. Die weißen tragen Helme und schlagen auf die schwarzen ein, sie schreien und wüten, treiben die Gegner hinaus über eine Klippe, jetzt habe ich wieder einen erwischt, jubelt Sarah, ich auch, sagt die Mutter.

Wie geht es dir heute?, fragt der Arzt.

Gut, lügt Sarah.

Lumbalpunktion zwischen dem dritten und vierten Lendenwirbel, einmal im Monat, es tut nicht mehr weh.

Ein trauriger Clown bin ich, notiert Sarah in ihr Heft.

Sie weint nicht vor Fremden.

Nachts hört die Mutter sie wimmern.

Sarah?

Lass mich.

Oder ich könnte in Amerika, statt Wirtin, Wedding Planner werden.

19.05.08, Re-Induktion Phase II/a

05.07.08, Re-Induktion Phase II/b

6-Thioguanin

Cytarabin

Methotrexat i.th.

Sie kann nicht mehr stehen, Sarah hat Durchfall, ein Rotavirus, hoch ansteckend. Sarah liegt auf der Infektabteilung, wer zu ihr tritt, ist in Kunststoff gehüllt, Sarah schweigt und starrt zur Decke, hört Radio Pilatus, zu schwach, sich zu drehen, wenn eine Pflegerin sie wäscht.

Hat sie wieder die Kraft dazu, schickt Sarah eine SMS, hey, hier sind Hölle und Teufel los.

Bluttransfusion.

Ein Pilz in der Lunge.

Die Ärzte versuchen es mit AmBisome, Sarah erwacht, die Wirbelsäule brennt.

Mami! Mami!

Es ist elf Uhr nachts, die Mutter im Nebenraum, Sarah ruft sie an, 079 273 61 64, und schreit vor Angst: Mami, wo bist du?

Eine Pflegerin hört die Schreie und ruft den Arzt: Sofort röntgen, jetzt ist der Darm geplatzt, jetzt müssen die Chirurgen her, aber man kann sie ja nicht operieren, geht nicht, ihre Blutwerte sind zu schlecht, sie wird uns verbluten, geht nicht.

In ihrem Bett rollen sie Sarah zur Radiologie, die Mutter wartet, kauert sich hin, Eis auf den Armen, um nicht ohnmächtig zu werden. In ihrem Bett rollen sie Sarah zurück auf 2 West. Und plötzlich rennt der Arzt aus dem Lift, atemlos und glücklich: Der Darm ist ganz.

Und irgendwann in der Nacht steht der Vater neben Sarah, Tränen in den Augen, und sagt: War wohl Fehlalarm.

Behalt deinen Senf für dich, sagt Sarah.

AmBisome auch am nächsten Tag, am übernächsten, noch sieben Mal.

Wieder brennt die Wirbelsäule.

Eine Pflegerin greift zum Schmerzmittel, Nubain, das Licht tut weh, jeder Ton, man verdunkelt den Raum und flüstert, Sarah lacht auf, sie beginnt zu gackern, zu reden, Sarah sieht Pizze durch die Luft fliegen, wie Schmetterlinge flattern sie durch 2 West, aber lieber als Pizze hat Sarah jetzt Beeren, Himbeeren, Erdbeeren, Brombeeren, Mami, ich will jetzt Erdbeeren!, Sarah redet drei Stunden lang, vier, fünf, sie redet über Amerika, wie schön es dort sei, Amerika ist das Beste überhaupt, dort gibt es alles, Wüste, Wald, Meer, Stadt, Land, Dschungel, Wolkenkratzer, Nebel, Sonne, Schnee, Bären, Seelöwen, Krokodile, dort fährst du stundenlang und siehst kein Haus, aber hier in der Schweiz, ach Scheiße, hier ist alles so eng, so klein und niedrig, aber in Amerika, wenn du dort, zum Beispiel in der Wüste von Nevada, wenn du dort an einer Tankstelle bist und nicht weißt, wo du heute Nacht schläfst oder welche Straße nach Las Vegas führt, immer hilft dir jemand, immer, ist es nicht so?, gib Antwort!, es ist doch so.

Keine Brauen mehr, keine Wimpern.

Sarah lackiert ihre Nägel.

Sie kann nicht mehr gehen.

Der Arzt sagt: Wir sind auf den letzten hundert Metern.

Am 2. Juli 2008 wird der Vater vierzig, Sarah darf nach Hause, sie sitzt im Rollstuhl, ein Freund aus Amerika ist gekommen, man isst Pizza, fotografiert sich am Tisch, Sarah, haarlos und weiß, lacht in die Kamera.

Die Sarah, die ich kannte, bin ich nicht mehr. Oberbeschissen sehe ich aus.

18.07.08, 6-Thioguanin, 94 mg, die letzte Portion, das Ende der Chemotherapie.

Die Mutter packt den Rollstuhl ins Auto, eine Schachtel Medikamente und hilft Sarah auf den Sitz, dann queren sie die Alpen und fahren acht Stunden weit, überraschen Vater und Schwester abends in einem Restaurant am Meer von Follonica.

Wäre nicht passiert, was passiert ist, wäre ich jetzt eine andere, notiert Sarah.

Aber wer bin ich?

04.08.08, Beginn der Erhaltungstherapie, Methotrexat montags, Purinethol täglich auf nüchternen Magen, Antibiotika von Mittwoch bis Freitag, Blutanalyse immer montags beim Kinderarzt, Anzahl Leukozyten pro Mikroliter, Anzahl Thrombozyten, Blutmenge.

Sarah lernt wieder gehen.

Acht Monate Chemo: lang und anstrengend. Mit Höhen und Tiefen. Aber ich habe sie gemeistert.

Sarah, nun fünfzehn, wiederholt die zweite Sekundarklasse, sie fehlt oft, ist schwach und matt, kommt sich fremd vor – die kichern ja nur!

Gib ihnen Zeit, sagt die Mutter.

Sarah hält in der Schule einen Vortrag: Unter Chemotherapie versteht man eine Behandlung mit hochgiftigen Medikamenten. Sie zielt darauf, die Krebszellen im Körper vollständig zu vernichten. Leider schadet die Chemotherapie auch gesunden Zellen.

Am 28. August 2008, nachts um halb elf, schreiben die Eltern ihren Freunden: Wir genießen die Möglichkeit, ohne Angst durchs Leben zu gehen. DANKE!

Einst schwänzte Sarah jedes Klassenlager, nun will sie ins Klavierlager, jeden Morgen bringt die Mutter sie hin, holt sie am Abend, Sarah glüht auf, Oktober 2008.

Noch schmerzen die Beine, der Rücken.

Das kommt wohl vom Liegen, sagt der Vater.

Ich will nach Amerika, ein Austauschjahr in Amerika, ich will.

Später, sagt der Vater, wenn die Erhaltungstherapie zu Ende ist.

Eine aus der Klasse hat einen Bruder, der hatte Darmkrebs, Mami, was für schöne Hände der hat, so schöne Augen. Mit dem kann man vernünftig reden.

Die Mutter schenkt künstliche Wimpern, Sarah richtet ihr Zimmer neu ein, es ist jetzt Februar 2009.

Der versteht mich total.

♥ English – I love you ♥

♥ Afrikaans – Ek het jou lief ♥

♥ Albanian – Te dua ♥

♥ Arabic – Ana behibak ♥

♥ Armenian – Yes kez sirumen ♥

♥ Bambara – M’bi fe ♥

♥ Bangla – Aamee tuma ke bhalo aashi ♥

♥ Belarusian – Ya tabe kahayu ♥

Aus Deutschland, www.peruecken24.de, lässt die Mutter drei Perücken zur Ansicht schicken, Sarah entscheidet sich für New Phyllis, tizianrot. Monate später, April 2009, verlängert sie ihr Haar, das wieder gewachsen ist, mit dem Haar einer Fremden, die Prozedur dauert Stunden, dann sitzt Sarah im Auto der Mutter und fotografiert sich mit dem Handy, glücklich, aufgeregt, schickt ihrem Freund ein erstes Bild.

Ende Mai feiert die Familie ein Dankesfest, Sarah trägt einen weißen Rock, eine schwarze Bluse mit weißen Tupfen, zwei goldene Herzen am Hals, der Vater steht am Gartengrill. Und Sarah, das Gesicht aus Glück, hält eine Rede, beschenkt Freunde und Verwandte, den Eltern reicht sie ein großes Plakat: Ohne euch hätte ich das nicht geschafft, Gutschein für ein Verwöhnungsprogramm à la Sarah, morgens von ca. 8.30 bis ca. 24 Uhr, Datum wird noch bekannt gegeben, HEMG.

Habe euch megagern.

Dann reicht Sarah dem Vater die Hand, umarmt die Mutter und weint.

Meine Rolle, denkt der Vater.

Und die Mutter weiß: Wie wunderbar, dass ich mich irrte.

Am nächsten Morgen erwacht Sarah mit Schmerzen im Becken, sie will ins Spital, Morphium oder irgendwas, Hauptsache, es tut nicht mehr weh, man untersucht, redet davon, dass Sarah ihre Muskeln, Bänder und Sehnen überanstrengt habe.

Physiotherapie.

Mit einer Freundin gründet sie die Band Caramel Coffee, Sarah am Klavier, die Freundin am Mikrophon, Caramel, weil Sarah Karamell mag, Coffee, weil die Freundin Kaffee liebt.

Ein neues Leben ist gewonnen. Eine neue Ansicht der Welt. Ich habe Dinge hinter mir, die andere nie erleben werden.

Sarahs Haar wird lang und länger, rötlicher als zuvor.

Purinethol täglich auf nüchternen Magen, Antibiotika von Mittwoch bis Freitag.

Es wird Sommer 2009, Familie M. fährt nach Follonica ans Meer, Sarahs Freund ist dabei, einmal tut das Auge weh, dann das Becken, die Beine, Sarah schwimmt nur wenig, streitet mit der Schwester, du Kuh. Im September macht sie Schluss mit dem Freund, zu viel Krebs auf einem Haufen, sagt Sarah.

Sie richtet ihr Zimmer neu ein, alles weiß, einer hilft ihr dabei, ein Kollege aus dem Dorf, zwei Jahre älter als Sarah, M.

Nachts erwacht sie vor Schmerzen.

Mit M. kann man reden wie mit niemandem sonst, der versteht einen besser als der Rest des Universums, riesenmegaabartigüberdimensionalgut.

Die Mutter verlangt eine Untersuchung im Kinderspital.

Falls keine körperliche Ursache zu entdecken sei, meint der Arzt, sei eine psychische zu vermuten.

Sarah ist sechzehn, ihr Austauschjahr bewilligt, 406 Eastwood Drive, Warner Robins, Georgia, United States of America.

Wieder sitzen die Eltern in einem kleinen Raum, zwei Ärzte vor sich, einer beginnt zu reden, Hüftnekrose, gewisse Teile des Oberschenkelknochenkopfes seien abgestorben, wohl verursacht vom Cortison, beidseitig und atypisch schnell, eine Operation ist angebracht, beidseitig, frühestens nach Abschluss der Erhaltungstherapie.

Immerhin spinne ich nicht.

Sie humpelt an Krücken, setzt sich ans Klavier, übt mit der Freundin das Lied Run von Leona Lewis, I’ll sing it one last time for you, then we really have to go, immer wieder, und spielt es am Weihnachtskonzert der Schule fehlerfrei. Der Arzt ruft an, es ist Samstag, und redet mit der Mutter, die Mutter nickt und nickt.

Die Operation werde acht Stunden dauern.

Sarah wankt in ihr Zimmer und setzt sich aufs Bett und schweigt, schaut Fotos an, zusammengefasst zu einem bunten hellen Buch, Sarah M., Amerika 2007, 7. 7. – 18. 8., Bryce Canyon, Capitol Reef, Grand Canyon, Death Valley, Golden Gate, Disneyland.

Man wird, einfach erklärt, deine Oberschenkelhalsknochen durchtrennen, um fünfzig Grad drehen und wieder zusammensetzen, so, dass dein Gewicht auf den gesunden Teilen zu liegen kommt – und du wieder schmerzfrei gehen kannst.

20. Dezember 2009, Abschluss der Erhaltungstherapie.

Diesen großartigen Tag werden wir heute Abend feiern, schreiben die Eltern ihren Freunden.

Zwei Stunden nach der letzten Tablette hat Sarah, die nie Fieber hatte, Fieber.

Sie notiert: Hope dies last.

Sarah erwacht auf der Intensivpflegestation, Kinderspital Luzern, Spitalstrasse, vier Menschen stehen an ihrem Bett, Ärzte, Pflegerinnen, und bereden ein Schmerzmittel, Sarah, frisch operiert, wimmert, es ist der Nachmittag des 15. Januar 2010, Schläuche an Armen und Hüften, sie schläft ein, erwacht, dämmert weg, dann steht die Mutter neben ihr, auch der Freund, der staunt und schweigt, Sarah blutet aus einer Wunde, Pfleger heben sich hoch und wechseln die Tücher, Sarah schreit, dämmert weg.

Verlegung auf 1 West.

Die Großeltern schicken einen Musikballon, gefüllt mit Helium. Stößt Sarah ihn an, singt er Don’t worry, be happy.

Bluttransfusion.

Kopfschmerzen.

Physiotherapie.

Sarah fotografiert ihre Narben, links, rechts, vierundzwanzig Zentimeter lang.

Eine Hüfte wie ein Elefant, schreibt sie.

Einmal sitzen beide Eltern an ihrem Bett, und Sarah sagt zur Mutter: Sag dem Typ neben dir, er soll jetzt verduften.

Eines Nachts, die Mutter im Nebenbett, flüstert sie: Weshalb ist man so, wie man ist?

Der Vater kommt nicht mehr ins Zimmer, gibt, was er abgeben muss, einer Pflegerin ab, Kleider, Bücher, Nagellack.

Das hat nichts mit dir zu tun, sagt seine Frau. Das ist die Krankheit.

Wenn das tröstet!, sagt er.

Im Internet, www.ricardo.ch, kauft der Vater ein schweres Krankenbett, elektrisch verstellbar, mit Freunden trägt er es ins Wohnzimmer, Erdgeschoss links, acht Wochen lang liegt Sarah auf dem Rücken und sieht hinaus in den Garten, Rigiweg 4, es ist Winter, auf der Küchenablage, Schachtel neben Schachtel, sind Medikamente, ein Duschstuhl steht im Raum, ein Rollstuhl, Desperate Housewives, Grey’s Anatomy, Scheiße, schreit Sarah ihre Schwester an, mach nicht so laut, halt du doch endlich mal deine Fresse.

Bin ich Mensch oder Maschine?

Abends sitzt der Freund neben Sarah und hält ihre Hand.

Mami, bring mir mein Heft!

Mami, wann gibt es zu essen?

Mami, komm!

Kommt der Vater von der Arbeit, bleibt er vor der Tür stehen und wartet, holt Luft, tritt ein und schweigt.

Am 8. März 2010, im Zimmer des Arztes, steht Sarah wieder auf ihren Beinen, ein Schritt, zwei Schritte, drei, sie gurrt vor Glück.

Ich habe nun eine breitere Hüfte wegen diesen blöden Platten darin, notiert sie.

Sarah schreibt: Ohne Krücken werde ich bald nach Amerika düsen.

Es ist Mai, Sarah übt im Rehabilitationszentrum des Kinderspitals Zürich, Affoltern am Albis, fünf Wochen ist sie dort, Physiotherapie, Wassertherapie, Trainingstherapie, Klettergruppe, Koordinationsgruppe, Massagen – allgemeiner Eindruck: Sarah ist eine freundliche, sehr reife und motivierte junge Frau.

Mir wird hier alles zu viel. Es ist Zeit, dass ich nach Amerika komme und neu beginne.

Bevor Sarah, begleitet von Eltern und Schwester, ins Flugzeug nach New York steigt, schreibt sie die Geschichte ihrer Krankheit auf, sechsundfünfzig Seiten, Cancer & I, auf dem Umschlag ein helles Bild, Sarah und ihr langes tizianrotes Haar.

Mit Eltern und Schwester will Sarah durch Amerika reisen, Washington, Philadelphia, Denver, San Francisco, Atlanta, und dann allein bei ihrer Gastfamilie bleiben, in Warner Robins, Georgia, ein wunderbares Jahr lang.

An Krücken steigt Sarah ins Flugzeug, LX 16, 11. Juli 2010, 09:55, im Rollstuhl verlässt sie den JFK Airport.

Sarah will sofort ins Hotel.

In Ocean City, Tag zehn in Amerika, lässt sie sich ein Tattoo auf den Nacken malen, Henna, etwas heller als ihr Haar. Der zwölfte Tag führt hinauf nach Denver, Colorado. Der Schwester, als sie schon im Mietwagen sitzt, wird schlecht, die Mutter führt sie zur Toilette, die Schwester erbricht, aber Sarah will jetzt ins Hotel, verdammt, endlich ins Hotel, ich bin megamüde!

Die Welt dreht sich nicht allein um dich, sagt der Vater.

Sarah, weiß und wütend, hinkt zur Toilette: Wann kommt ihr endlich, verdammt, ich will ins Hotel.

Mir ist schlecht, sagt die Schwester.

Halt die Fresse!, lärmt Sarah.

Am nächsten Morgen, in Fairplay, 600 Einwohner, 120 Kilometer hinter Denver, sagt sie: Mami, mir geht’s beschissen.

Im Internet findet der Vater eine Klinik, zwei Stunden von Fairplay entfernt, Frisco, Colorado, die Mutter setzt sich ans Steuer und quert, Sarah auf der Hinterbank, den Hoosier Pass, Kurve nach Kurve, Colorado State Route 9, es ist der 23. Juli 2010.

Thrombos 65.

65000 Blutplättchen in einem Mikroliter Blut. Normal sind 300000.

Die Mutter faxt die Zahl ans Kinderspital Luzern. Das antwortet sofort: Bitte lassen Sie Sarahs Blut noch einmal analysieren. Sind die Werte noch immer schlecht, ist ein Rückfall zu vermuten.

Noch 50.

Autor