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Weihnachten in deinen Armen

Feiern Sie das Fest der Liebe mit den "McKettricks"!

Ein Schuss hallt durch die eisige Winternacht und verletzt Sawyer McKettrick schwer. So hat er sich seine Begrüßung in Blue River nicht vorgestellt. Obwohl die Lehrerin Piper, die ihn aus dem Schneesturm rettet, ihn für einen Gesetzlosen hält, kümmert sie sich um Sawyer. Aber kann sie auch sein rastloses Herz zur Ruhe bringen?


  • Erscheinungstag: 10.12.2014
  • Aus der Serie: Die Mc Kettricks
  • Bandnummer: 12
  • Seitenanzahl: 220
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955764012
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Linda Lael Miller

Weihnachten in deinen Armen

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ralph Sander

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MIRA Taschenbuch ®

MIRA ® Taschenbücher

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg;

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2014 für dieses eBook bei MIRA Taschenbuch ®

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

An Oulaw’s Christmas

Copyright © 2012 by Linda Lael Miller

erschienen bei Harlequin Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Gestaltung: fredebold & partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher & soiron, Köln

Titelabbildungen: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Autorenfoto: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Redaktion: Mareike Müller

ISBN eBook 978-3-95576-401-2

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eBook-Herstellung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Dezember 1915

Inmitten des immer dichter werdenden Schneetreibens wirkte Blue River, Texas, an diesem eisigen Nachmittag wie eine blasse Bleistiftskizze auf einem gräulichen Untergrund. Nichts erinnerte in diesem Moment daran, dass es sich um eine echte Stadt aus massiven, verwitterten Gebäuden handelte, in der Menschen aus Fleisch und Blut lebten. Sawyer McKettrick kniff die Augen zusammen und konnte mit Mühe die Konturen einiger Dächer ausmachen. Hier und da durchdrang der Schein einer Laterne das Schneegestöber, aber auf der breiten Straße, die vom winzigen Bahnhof wegführte, entdeckte er keine Menschenseele.

Sein Wallach Cherokee wieherte leise und warf den Kopf in den Nacken. Zweifellos war er froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, nachdem er die letzten Stunden in einem Viehwaggon verbracht hatte, unablässig begleitet vom Rattern der Räder auf den Schienen. Für Sawyer selbst war die Reise auf der harten, rußigen Bank im fast verwaisten Passagierabteil so unerträglich langweilig und unbequem verlaufen, dass er die Strecke lieber zu Fuß zurückgelegt hätte.

Zugegeben, Unterhaltungen waren nicht Cherokees große Stärke, aber er konnte gut zuhören, und er war ein vertrauensvoller Begleiter.

Hinter ihnen ertönte die Pfeife des Lokführers, die zum Abschied ein lang gedehntes, klagendes Heulen ausstieß. Dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung. Stahl rollte kreischend über Stahl, der Dampf wurde laut schnaubend in die kalte Luft gestoßen.

Mann und Pferd warteten, während sich der Zug allmählich entfernte und seine Geräusche leiser und leiser wurden. Worauf sie beide warteten, hätte Sawyer beim besten Willen nicht sagen können. Dass sein Cousin und bester Freund Clay McKettrick ihn abholte, der viele Meilen außerhalb von Blue River auf einer Ranch lebte, das hatte er gar nicht erst angenommen. Dafür war das Wetter viel zu schlecht. Außerdem sprach alles dafür, dass der Weg von der Stadt zur Ranch momentan so gut wie unpassierbar war. Dennoch verspürte er in diesem Moment eine unendliche Einsamkeit.

Er warf einen letzten Blick zurück zum Bahnhof, wo noch die Truhe mit seinen Habseligkeiten stand, die er später abholen würde, dann saß er auf und forderte sein Pferd mit sanften Worten dazu auf, sich in Bewegung zu setzen.

In Blue River gab es ein Hotel, in dem er schon bei seinem letzten Besuch übernachtet hatte. Doch Sawyer wollte, dass Cherokee noch ein wenig seine von der Bahnreise steifen Knochen bewegte, ehe er in den Stall kam, in dem es für ihn viel Heu und eine große Portion Hafer gab. Von da aus würde er zum Hotel marschieren und ein Zimmer mieten. Anschließend konnte er einen Boten losschicken, der seine Truhe vom Bahnhof zu ihm brachte, im Speisesaal des Hotels ein Steak essen, ein ausgiebiges Bad nehmen und sich rasieren.

Zuerst allerdings wollte er sich mit seinem Pferd beschäftigen. Er ließ Cherokee das Tempo für den Weg durch den hohen Schnee und die beunruhigende Totenstille bestimmen.

Durch die Schneeschauer hindurch konnte Sawyer die Gebäude zu beiden Seiten der breiten Straße nur undeutlich erkennen. Die Fenster waren dunkel, die Türen fest geschlossen. Die Bewohner hielten sich wohl dort auf, wo sie vor dem Wetter geschützt waren, um Öfen und Herde geschart, einen Becher mit heißem Kaffee in der Hand, umgeben vom Duft eines Eintopfs.

Wieder regte sich dieses trostlose Gefühl von Einsamkeit in ihm, doch er rang es schnell nieder. Melancholie gehörte nicht zu seinen üblichen Stimmungen, und es war auch keine für die McKettricks typische Emotion. In seiner Familie machte jeder Mann – und jede Frau – das Beste aus der jeweiligen Situation.

Und dennoch war da dieses eigenartige Kribbeln im Nacken, während Cherokee ungewohnt nervös einen Schritt zur Seite machte, wieherte und den Kopf in den Nacken warf.

Sawyer hatte kaum seinen Mantel zurückgeschlagen, damit er vorsichtshalber seinen 45er Colt ziehen konnte, da hörte er einen gedämpften Schuss und dann bohrte sich auch schon eine Kugel in seine linke Schulter. Das alles spielte sich in Sekundenbruchteilen ab, aber als er nach vorn auf Cherokees Hals sank und den brennenden Schmerz in seiner Schulter spürte, kam es ihm vor wie eine Ewigkeit.

Von einem Moment zum anderen war aus Sawyer ein verwundeter Mann geworden, mitten im Schneegestöber allein mit seinem Pferd – und mit dem Schützen. Er konnte den Mann zwar nicht ausmachen, war sich jedoch sicher, dass er sich irgendwo in der Nähe aufhielt, und zweifellos war auch er zu Pferd unterwegs. Falls irgendjemand die Szene beobachtet oder den gedämpften Schuss vernommen hatte, schien es nicht so, dass er Sawyer zu Hilfe eilen wollte.

Sawyer fehlte die Kraft, seine Waffe herauszuholen, aber der Colt hätte ihm auch nichts genützt, weil er kaum weiter als bis zu Cherokees angelegten Ohren sehen konnte.

Zum Glück wusste zumindest sein Pferd in solchen Situationen, wann es klug war, den Rückzug anzutreten. Es lief im Zickzack durch den Pulverschnee, während Sawyer über den Sattelknauf gebeugt hing, der sich ihm wie eine stählerne Faust in den Magen bohrte. Verkrampft hielt er sich an den Zügeln und der Mähne fest, um nicht aus dem Sattel zu rutschen.

Vielleicht hatte der Schütze ihn aus den Augen verloren, oder er war aus Sawyers Wahrnehmung entschwunden und zurückgewichen. Auf jeden Fall feuerte niemand jenen zweiten Schuss ab, der Sawyers Ende bedeutet hätte.

Seine Gedanken wurden träger und träger, er registrierte seinen rasenden Herzschlag, den rauen, angestrengten Atem, den vertrauten Geruch von nassem Pferdehaar. Allmählich wurde ihm schwarz vor Augen. Während Cherokee sich unverdrossen durch den Schnee kämpfte, schien Sawyers Bewusstsein immer mehr zu schwinden. Dass er dennoch nicht aus dem Sattel fiel, musste damit zusammenhängen, dass er auf der Triple-M-Ranch in Arizona praktisch auf dem Pferderücken groß geworden war.

Erst als sein Pferd vor einem gelblichen Lichtschein in der weißen Schneewüste abrupt stehen blieb, flog er aus dem Sattel, landete mit seinem ganzen Gewicht auf der getroffenen Schulter und verlor vor Schmerzen das Bewusstsein.

Piper St. James saß am Lehrerpult in ihrem verwaisten Klassenzimmer und betrachtete mit finsterer Miene die erbärmliche und völlig schmucklose Kiefer, die an die gegenüberliegende Wand gelehnt stand. Nicht zum ersten Mal wünschte sie, sie hätte niemals Maine verlassen, nur um im immer noch wilden Westen ein Leben voller Abenteuer zu führen.

Ihre Cousine Dara Rose, die ihren gut aussehenden Ehemann und Rancher über alles liebte, hatte Blue River in ihren Briefen als wundervollen, idyllischen Ort beschrieben, an dem freundliche Menschen lebten, die jeden Neuling mit offenen Armen empfingen.

Leise seufzte Piper. Es war kein Wunder, dass Dara Rose ihre Welt so sah, schließlich war sie frisch verheiratet und überglücklich – und großzügig, wie sie war, wollte sie, dass Piper ebenfalls glücklich war. Bis vor Kurzem hatte es das Leben mit Dara Rose und ihren zwei kleinen Mädchen nicht gut gemeint, doch das war dank Clay McKettrick alles anders geworden.

Alle dreizehn Schüler waren zu Hause, wo sie bei diesem Wetter auch sein sollten und wo sie sicher aufgehoben waren. So hatte Piper den ganzen Tag allein in der Schule verbracht, und der Stapel Brennholz schwand zusehends. Morgen würde es nicht anders sein, da nichts darauf hindeutete, dass der Schneesturm abflaute. Vielmehr sah es so aus, als würde es nur noch schlimmer.

Bei dieser Vorstellung schüttelte sich Piper. Dank der großzügigen Menschen in Blue River hatte sie zwar genug zu essen, aber der Vorrat an Brunnenwasser ging im gleichen Tempo zuneige wie das Brennholz. Nicht mehr lange, und sie würde die dicken Stiefel anziehen, sich das Schultertuch und den schweren Wollmantel umlegen und die Kapuze hochschlagen müssen, damit ihre Ohren vor der beißenden Kälte geschützt waren. So eingepackt müsste sie den Schulhof überqueren, einmal für mehr Holz aus dem Schuppen und ein zweites Mal, um Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Als wäre das noch nicht genug, hatte sie auch kaum noch Petroleum für die einzige Öllampe, die sie angezündet hatte.

Natürlich würde Dara Roses Ehemann Clay irgendwann vorbeikommen und nach ihr schauen. Allerdings hatte sie keine Ahnung, ob und wann er sich hier blicken ließ, schließlich waren die Wege tief verschneit. Für den Augenblick war Piper jedenfalls auf sich allein gestellt.

Der Wind pfiff um das kleine, klapprige Schulgebäude und heulte dabei wie eine ganze Schar Todesfeen, die nach einem Weg ins Innere suchten. Am liebsten hätte sie sich in dem winzigen Zimmer am hinteren Ende des Klassenraums, das als Lehrerunterkunft diente, ins Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen, um dort zu verharren, bis das Wetter wieder besser wurde.

Aber es bestand die Gefahr, dass sie erfroren war, wenn dieser Fall endlich eintrat, sofern sie nicht zuvor verdursten würde. Also schlüpfte sie in die klobigen Stiefel, die die letzte Lehrerin Miss Krenshaw zurückgelassen hatte, drückte den Kragen des Wollmantels vor den Mund und atmete einmal tief durch, ehe sie die Tür öffnete und nach draußen auf die kleine Veranda trat.

Die Kälte schlug ihr mit der Wucht einer kräftigen Ohrfeige entgegen, sodass Piper beinahe rücklings auf dem Boden gelandet wäre. Sie schlang Umhang und Schal enger um sich und unternahm einen zweiten Anlauf. Je eher sie aus dem Haus kam, umso eher würde sie dorthin zurückkehren können.

Schneeflocken so groß wie Gänsedaunen ließen sie nur ein Stück weit sehen, bevor sie eine weiße Wand bildeten. War das etwa ein Pferd, das von der schwachen Flamme ihrer einzigen Öllampe beleuchtet wurde?

Ihr stockte der Atem, und die plötzlich aufkommende Hoffnung ließ ihr Herz schneller schlagen. Es war tatsächlich ein Pferd. Ein Pferd bedeutete, dass irgendwo auch ein Reiter war. Und ein Reiter bedeutete zumindest Gesellschaft, vielleicht sogar tatkräftige Hilfe. Vielleicht hatte Clay ja doch dem Sturm getrotzt, weil er sie besuchen wollte …

Vorsichtig stieg sie die Stufen hinunter und überquerte den Hof, wobei jeder Schritt eine große körperliche Anstrengung darstellte. Als sie näher kam, konnte sie das Pferd genauer betrachten. Es war gesattelt, die Zügel baumelten herunter, und das Tier verdrehte die Augen so, dass das Weiße zu sehen war.

Aber von einem Reiter fehlte jede Spur.

Auch wenn Piper wenig Erfahrung mit Pferden hatte, fühlte sie sofort mit dem armen Tier mit. Es musste sich im Schneegestöber verlaufen haben und wusste nun nicht mehr weiter. Langsam näherte sie sich ihm, zum einen, da sie wegen des Schnees nicht schneller vorankam, und zum anderen, da sie mit jedem Schritt zögerlicher wurde. Dieses Pferd kannte sie nicht, also gehörte es weder Clay noch einem der anderen Männer – Väter, Brüder oder Onkel ihrer Schüler – in Blue River, die sich um das Wohl der Lehrerin sorgten.

Der Wallach wieherte aufgeregt, während sie näher kam, und wich so ungelenk zurück, dass er fast gestürzt wäre.

„Ganz ruhig“, meinte Piper leise und griff nach dem Zaumzeug. Hinter dem Schulgebäude stand eine Scheune für die Pferde der Schüler, die von weither zur Schule reiten mussten. Dort gab es auch etwas Heu, und der Holzverschlag bot zumindest ein wenig Schutz vor Schnee und eisiger Kälte. Doch bei diesem Wetter schien ihr der Schuppen schrecklich weit entfernt.

Fast hätte sie das Zaumzeug zu fassen bekommen, aber plötzlich stolperte sie über ein halb zugeschneites Hindernis auf dem Boden und landete auf Händen und Knien. Etwas Warmes, Feuchtes wurde von ihren wollenen Fäustlingen gierig aufgesogen, etwas, das sich so klebrig anfühlte und so rot war wie frisches Blut.

Dann erst entdeckte Piper den Reiter, der rücklings im Schnee gelandet war, und bemerkte dessen blutverschmierte Schulter. Sie hockte sich hin und musterte ihn mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Angst. Schneeflocken wehten ihr ins Gesicht, die sich auf ihrer eisigen Haut wie Rasierklingen anfühlten.

Ein bitterer Geschmack nach Galle stieg in ihr hoch, dennoch zwang sie sich, jetzt nicht den Kopf wegzudrehen und sich zu übergeben. Sie musste etwas unternehmen, und das so schnell wie möglich.

„Mister?“, rief sie und packte den Mann am Revers seines langen Mantels. „Mister, leben Sie noch?“

Er stöhnte leise, und sie bemerkte, dass ein Augenlid zuckte. Das Pferd, das so dicht neben ihnen stand, dass es sie ohne Weiteres hätte treten können, wieherte wieder und klang diesmal richtig verzweifelt.

„Das kommt alles wieder in Ordnung“, versprach Piper dem Pferd und dem Mann, während sie im Schnee kniete. Ob sie dieses Versprechen allerdings würde halten können, davon war sie im Moment nicht überzeugt.

Der Mann war über eins achtzig groß, und sie wusste, dass sie ihn unmöglich hochziehen konnte. Genauso klar war aber auch, dass er weder gehen noch stehen konnte. Eine Sekunde lang überlegte sie angestrengt, dann sprang sie auf und eilte ins Schulgebäude zurück. Dort ging sie direkt zu ihrem kleinen Quartier und holte den von ihr selbst in mühevoller Kleinarbeit genähten Quilt vom Bett.

Durch die körperliche Anstrengung war ihr etwas wärmer, als sie wieder nach draußen lief. Irgendwie gelang es ihr, den blutenden Fremden so hin und her zu rollen, dass er schließlich auf dem Quilt lag. Einmal öffnete er dabei kurz die Augen – lange genug, um selbst in dem schwachen Lichtschein zu erkennen, dass sie von einem faszinierenden Blaugrün waren – und lächelte sie an, dann verlor er erneut das Bewusstsein.

Die Verzweiflung ließ Piper über sich selbst hinauswachsen. Sie schaffte es tatsächlich, ihn auf dem Quilt liegend bis zu den Stufen zur Veranda zu ziehen, weiter jedoch nicht. Wie lange er schon auf dem Schulhof gelegen hatte, wusste sie nicht, aber abgesehen von der blutenden Wunde stellten Erfrierungen und Unterkühlung für ihn mindestens genauso lebensbedrohende Gefahren dar.

Also packte sie seine breiten, muskulösen Schultern und schüttelte ihn energisch. „Mister!“, brüllte sie, um das Heulen des Winds zu übertönen. „Sie müssen sich zusammenreißen, damit Sie wenigstens die Stufen hinaufkommen! Allein schaffe ich das nicht, und es ist niemand da, der uns helfen könnte!“

Es kam einem Wunder gleich, dass der Fremde die Augen öffnete und genügend Kraft aufbrachte, damit er von Piper unterstützt die kurze Treppe hinaufkriechen konnte. Von da aus gelang es ihr, ihn über die Türschwelle zu hieven und bäuchlings auf dem rauen Holzboden liegenzulassen.

„Mein Pferd“, keuchte er.

„Das muss warten“, erwiderte Piper. Der Fremde war ein Mensch, und einem Menschen galt ihre erste Sorge, auch wenn sie zugeben musste, dass sie um sein Pferd, das sich noch draußen in der Kälte befand, fast genauso besorgt war wie um ihn.

„Mein Pferd!“, wiederholte er etwas energischer als zuvor.

„Ich kümmere mich schon darum“, versicherte sie ihm und erkannte, dass ihr gar keine andere Wahl blieb. Sie schnappte sich noch eine Decke aus ihrem Zimmer und breitete sie über den Mann aus, der mit dem Gesicht auf dem Boden dalag. Anschließend sammelte sie erneut kurz ihre Kräfte und eilte abermals nach draußen.

Später würde sie sich fragen, wie sie das alles geschafft hatte, doch in diesem Moment ließ Piper sich einfach von ihrem Gefühl leiten, das ihr sagte, was sie tun musste. Sie bekam die Zügel des Pferds zu fassen und führte es durch das Schneegestöber in die dunkle Scheune. Dort angekommen, nahm sie ihm Sattel, Satteldecke und das Zaumzeug ab. Dann schüttete sie dem Tier eine Portion Heu in die Futterraufe und füllte einen Eimer mit Schnee. Sie hoffte, dass es in der Scheune warm genug war, um ihn schmelzen zu lassen, damit das Tier etwas zu trinken hatte.

Anfangs war das Pferd unruhig, weshalb Piper eine Weile beschwichtigend auf es einredete. Mit einem alten Jutesack rieb sie ihm das Fell trocken, so gut es ging. Dabei versprach sie ihm noch einmal, dass alles gut ausgehen würde – für Ross und Reiter. Etwas anderes würde sie schlichtweg nicht zulassen.

Auf dem Weg zurück zum Schulgebäude kämpfte sie sich zum Schuppen, wo sie sich so viel Brennholz griff, wie sie tragen konnte. Als sie ins Haus zurückkehrte, befand der Mann sich noch immer an der gleichen Stelle und war entweder tot oder fest eingeschlafen.

Während sie ein Stoßgebet zum Himmel schickte, warf sie das Brennholz in die Kiste neben dem Ofen, lief zu dem Fremden, zog sich die blutverklebten Fäustlinge aus und suchte am Hals des Mannes nach dessen Pulsschlag. Er war zwar extrem schwach, doch sie konnte ihn tatsächlich ertasten. Seine gräuliche Haut fühlte sich jedoch erschreckend kalt an.

Oh verdammt, ich muss ja auch noch Wasser holen! Warum habe ich das nicht noch bei Tageslicht erledigt, sondern stattdessen einen Topf Pinto-Bohnen aufgesetzt und einen von Sir Walter Scotts Romanen gelesen?

Piper konzentrierte sich darauf, zum Brunnen zu stapfen, um zwei Eimer mit Wasser zu füllen und sie ins Haus zu schleppen. Das war das Einzige, woran sie im Moment denken durfte.

Allein den Brunnen zu erreichen, kostete sie fast ihre letzten Kraftreserven, nachdem sie es allerdings geschafft hatte, musste sie auch noch jeden Eimer an einem Seil nach unten lassen und dann voll mit Wasser wieder hochziehen.

Das raue Hanfseil brannte auf ihren Handflächen und an den Fingern. Dennoch ließ sie nacheinander beide Eimer im Brunnenschacht nach unten. Als Piper sie anschließend zum Schulgebäude trug, schnitten sich die Henkel tief in ihre Finger ein. Kaum hatte sie sie durch den Schnee bis zum Haus und dort über die Türschwelle geschleppt, stellte sie sie sofort ab, damit sie ihr nicht aus der Hand glitten und sich ihr Inhalt über den auf dem Boden liegenden bewusstlosen Mann ergoss.

Zum Glück hatte Piper keine Zeit zu verlieren, sonst wäre sie vermutlich in einem Anfall von Hilflosigkeit in Tränen ausgebrochen. So aber schüttete sie Wasser in einen Kessel und wuchtete ihn neben den Topf mit den köchelnden Bohnen auf den Ofen.

Ohne ihren reglosen Gast aus den Augen zu lassen, zog sie den ebenfalls blutbeschmierten Mantel und das Schultertuch aus und entledigte sich ihrer Stiefel. Ihre Hände waren taub, weshalb sie sie heftig schüttelte, damit der Blutkreislauf wieder in Gang kam. Zu dumm, dass diese Bewegungen genauso schmerzten wie zuvor das Tragen der vollen Wassereimer.

Als das Wasser im Kessel warm war, goss sie etwas davon in eine Schüssel, damit sie das Blut abwaschen konnte, das auf ihrer Haut getrocknet war. Der Fremde rührte sich in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal. Durchaus möglich, dass er inzwischen gestorben war. Das hielt Piper jedoch nicht davon ab, energisch und bestimmt mit ihm zu reden und dabei den gleichen Tonfall zu verwenden, den sie benutzte, wenn sie einen ihrer Schüler zur Ordnung rief, der nicht auf seinem Platz sitzen bleiben wollte.

„Sie müssen sich jetzt keine Sorgen mehr machen“, erklärte sie ihm. „Ihr Pferd ist in der Scheune gut und sicher untergebracht, es hat genügend Heu und Wasser.“

Da keine Reaktion kam, beugte sie sich abermals über den Fremden, um seinen Puls zu fühlen, den sie zu ihrer Erleichterung auch schnell fand. Auch schien die Schulterwunde nicht mehr so stark zu bluten. Möglicherweise war die Blutung sogar zum Stillstand gekommen.

Sie freute sich über jede noch so kleine Besserung.

Auf einmal fiel ihr die bedrohlich aussehende Schusswaffe auf, die im Halfter an seiner rechten Hüfte steckte. Mit zwei Fingern holte sie den Colt vorsichtig heraus, dann hielt sie die schwere Waffe mit zitternden Händen fest und betrachtete sie. Der Griff war mit kunstvollen Gravuren überzogen – und mit Blutspritzern. Sie las die Initialen S. M., dann trug sie das todbringende Ding ins Garderobenzimmer und legte es behutsam im Regal auf das oberste Brett.

Der Wasserkessel auf dem Ofen begann leise zu pfeifen. Gewissenhaft leerte Piper die Schüssel und schüttete das Wasser, mit dem sie sich die Hände gewaschen hatte, durch einen breiten Spalt im Holzboden aus. Dann wischte sie sie mit einem Lappen trocken und stellte sie zur Seite. Sie holte sich den Vorrat an Stoffstreifen, die sie als Verbandsmaterial benutzte, da sich in den Pausen immer irgendein Schüler verletzte. Außerdem nahm sie ein Fläschchen Jodlösung aus dem Schrank hinter ihrem Pult.

Ihre Gedanken kehrten zu dem schrecklichen Colt zurück. Niemand trug noch solche Waffen, schließlich lebten sie im zwanzigsten Jahrhundert. Nur Gesetzeshüter wie Clay, der Marshal in Blue River war, hatten noch Schusswaffen – und natürlich die Gesetzlosen!

Ob der Fremde die Waffe mit dem langen Lauf benutzt hatte, um Banken, Züge und gesetzestreue Bürger auszurauben? Ihr war nicht aufgefallen, dass er irgendeine Art von Abzeichen oder Marke trug, die ihn als Gesetzeshüter auswies. Aber vielleicht fand sich in einer seiner Taschen ein Dokument … oder in den Satteltaschen, die sie mit allen anderen Sachen in der Scheune bei seinem Pferd zurückgelassen hatte.

Jetzt hör endlich auf, ermahnte sie sich. Es führte zu nichts, sich Gedanken zu machen, auf die sie keine Antworten finden konnte, es sei denn, sie würde die Kleidung des Fremden durchsuchen. Da ihr das aber viel zu persönlich erschien, widmete sie sich lieber anderen Dingen.

Aus der Schublade ihres ramponierten Eichenschreibtischs griff sie sich eine Schere und machte sich an die Aufgabe, auf die sie liebend gern verzichtet hätte. Sie kniete sich neben dem Mann auf den Boden und drehte ihn vorsichtig auf den Rücken. Der beißende Gestank von Schießpulver und der stechende metallische Geruch von Blut stiegen ihr in die Nase und füllten ihre Lunge. Sofort regte sich Pipers empfindlicher Magen, sie begann zu würgen und musste angestrengt schlucken. Als Nächstes schnitt sie ein Stück aus dem guten, aber ruinierten Mantel des Mannes. Die Kugel hatte den teuren dunklen Stoff zerrissen, ebenso das ursprünglich weiße Hemd, und war dann in seine Schulter eingedrungen.

Nachdem Piper die Wunde endlich freigelegt hatte, erschrak sie erneut und schlug sich eine Hand vor den Mund. Dabei wusste sie nicht, ob sie so gegen ihre Übelkeit ankämpfen oder verhindern wollte, dass ihr ein Entsetzensschrei über die Lippen kam.

Aus der tiefen Fleischwunde floss wieder Blut, und Piper schaute schnell auf die Sachen, die sie zusammengesucht hatte, damit sie seine Schulter verbinden konnte: eine Schüssel mit heißem Wasser, die sauberen Stoffstreifen, die Jodlösung. Jetzt erst begriff sie, dass für die Versorgung dieser Schusswunde mehr erforderlich war als ein paar Stoffstreifen, ganz abgesehen davon, dass sie selbst mit dieser Situation überfordert war. Was dieser Mann benötigte, war ein richtiger Doktor, der die Kugel herausoperieren konnte. Mit einer simplen Lehrerin, die gerade mal in der Lage war, kleine Schnittwunden zu verarzten, war ihm nicht gedient.

Sie schaute durchs Fenster hinaus in die Nacht und ins Schneegestöber, während sie im Geist die Strecke abging, die sie bis zu Dr. Howards Haus am anderen Ende von Blue River zurücklegen musste.

Tagsüber und bei gutem Wetter waren dafür keine zehn Minuten nötig, doch bei dem Schneesturm konnte sie nicht ausschließen, dass sie womöglich vom Weg abkam, sich verlief und irgendwo da draußen in der Wildnis erfror. Hinzu kam, dass Dr. Howard eigentlich Zahnarzt war, wenn auch ein sehr guter, der sicher wusste, was in einem solchen Notfall zu tun war.

Da sie aber keine Möglichkeit hatte, ihn herzuholen, musste sie eben ihr Bestes geben. Gott allein konnte sagen, ob das genügen würde.

Die nächste halbe Stunde verbrachte Piper damit, die Wunde zu säubern und mit der Jodlösung zu beträufeln, damit sie sie anschließend mit den Stoffstreifen verbinden konnte. Natürlich musste das Loch in der Schulter des Fremden genäht werden. Doch der Gedanke, Nadel und Faden durch Fleisch zu ziehen, war mehr, als sie ertragen konnte. Selbst wenn sie es versuchen würde, würde ihr dabei zumindest übel werden. Womöglich verlor sie aber auch das Bewusstsein, und damit war keinem gedient.

Zum Glück erlangte der Mann nicht das Bewusstsein zurück, während sie ihm den Verband anlegte. Als sie fertig war, legte sie wieder die Decke über ihn, holte ein Kissen und schob es ihm unter den Kopf, damit er es etwas bequemer hatte. Während sie aufstand und an sich herabschaute, stellte Piper fest, dass ihr Kleid genauso wie ihr Mantel und die Fäustlinge mit Blut beschmiert war.

Sie spülte die Schüssel aus und füllte sie mit sauberem Wasser, ging in ihr kleines Quartier, zog sich bis auf Unterhemd und Unterrock aus und wusch Arme und Gesicht. Dann schlüpfte sie in ein buntes Kleid, das für diese Jahreszeit eigentlich etwas zu dünn war. Doch auf ihr graues Wollkleid konnte sie nicht verzichten, daher tat sie alles, um zu vermeiden, dass es schmutzig wurde.

Nachdem Piper wieder vollständig angekleidet war, löste sie die Nadeln aus ihrer hochgesteckten Frisur und ließ ihr dunkles Haar locker über die Schultern fallen. Sie bürstete es gründlich und band es im Nacken zu einem lässigen Knoten zusammen.

Da sie sich unbedingt irgendwie beschäftigen musste, um nicht über ihre Situation nachzudenken, verbrannte sie ihre Strickfäustlinge im Ofen. Das Blut auszuwaschen, wäre völlig vergebliche Mühe gewesen. Danach prüfte sie, wie sehr ihr Kleid in Mitleidenschaft gezogen worden war. Es sah ziemlich übel aus.

Resigniert griff Piper wieder nach ihrer Schere, sah kurz nach dem immer noch verwundet daliegenden Fremden, schnitt die blutbesudelten Stellen aus dem Stoff und faltete die Reste zusammen, damit sie später für etwas anderes verwendet werden konnten.

Sie und Dara Rose waren in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, daher wusste Piper nur zu gut, dass man nichts so einfach wegwarf, wenn es noch auf andere Weise nützlich sein konnte.

Nachdem sie auch diese Arbeit erledigt hatte, aß sie an ihrem Lehrerpult einen Teller Bohnen, die den ganzen Nachmittag über auf dem Ofen gekocht hatten. Dabei überlegte sie, was sie als Nächstes tun sollte.

Sie war erschöpft, und jeder Muskel tat ihr davon weh, dass sie einen erwachsenen Mann über den Schulhof bis ins Haus gezogen, sein Pferd versorgt und dann auch noch Brennholz und Wasser nach drinnen getragen hatte.

Dennoch wagte sie es nicht, die Augen zu schließen und ein wenig zu schlafen. Der Fremde war momentan zwar außer Gefecht gesetzt, aber er war nun mal ein Fremder, der zudem eine Waffe mit sich herumgetragen hatte. Wenn er nun das Bewusstsein wiedererlangte und … irgendwas tat?

Aus sicherer Entfernung musterte Piper den Mann erneut und prägte sich seine Gesichtszüge gut ein. Sie betrachtete die karamellbraunen Haare, den schlanken, muskulösen Körper, die teure Kleidung und die kostspieligen Stiefel. Sein Pferd stammte sicher aus einer erstklassigen Zucht. Insgesamt machte er den Eindruck eines vermögenden Mannes, das bedeutete allerdings noch lange nicht, dass er sein Vermögen nur auf ehrliche Weise verdient hatte. Er konnte ein skrupelloser Gelegenheitsdieb sein, und womöglich war er gefährlich.

Wieder wanderte ihr Blick zum Fenster und zum Schneetreiben, das draußen herrschte. Der Weg zum Doc war zu weit, sie wagte es schließlich nicht einmal, zum nächsten Haus zu gehen, da sie ihrem Orientierungssinn nicht traute. Vermutlich würde sie zielstrebig in die falsche Richtung marschieren, bis sie draußen auf dem freien Land ihre Kräfte verließen, sie zu Boden sank und der Kälte zum Opfer fiel.

Ein Schaudern durchfuhr sie, als sie aufstand und den leeren Teller mitsamt Suppenlöffel nach nebenan trug.

Immer noch machte sie einen weiten Bogen um den Fremden, hockte sich auf eine der Schulbänke und musterte ihn aus sicherer Entfernung, während sie angestrengt nachdachte. Sie könnte ihm den dicken Mantel abstreifen und selbst tragen, um zumindest besser vor dem Schnee und der Kälte geschützt zu sein, wenn sie versuchte, das gut eine Viertelmeile entfernte Nachbarhaus zu erreichen. Aber es war sicher nicht gut für ihn, wenn sie ihn hin und her bewegte. Abgesehen davon wurde ihr allein schon bei dem Gedanken schlecht, den blutigen Mantel anzuziehen.

Und selbst wenn ihr das alles gelänge, änderte das nichts am Wetter.

Sie saß hier fest.

Schließlich nahm sie ihr Strickzeug und widmete sich dem Schal, den sie Dara Rose zu Weihnachten schenken wollte. Sie konnte nichts anderes tun, als darauf zu warten, dass der Mann sich regte oder zumindest etwas sagte.

Oder dass er starb.

„Wasser“, krächzte er nach einer Weile. „Ich … brauche … Wasser.“

Pipers zierlicher Körper wurde von neuer Kraft erfasst. Sie stand auf, nahm eine Schöpfkelle voll Wasser aus einem der vollen Eimer, brachte sie zu dem Fremden und kniete sich neben ihm hin. Eine Hand schob sie unter seinen Kopf, um ihn weit genug anzuheben, damit sie ihm etwas Wasser einflößen konnte.

Er trank ein paar Schlucke, dann musterte er Piper, während sie seinen Kopf vorsichtig zurück auf das Kissen bettete.

„Wo? Wer?“, murmelte er mit rauer Stimme.

„Sie sind in der Schule von Blue River“, antwortete sie. „Ich bin Miss St. James, die Lehrerin. Und wer sind Sie?“

„Mein Pferd … ist es …“

Piper brachte ein flüchtiges Lächeln zustande. Sie wusste nicht, ob sie sich freuen sollte, dass er endlich bei Bewusstsein war, oder ob es sie beunruhigte, weil sie nicht wusste, welche Folgen sein Erwachen haben würde. „Ihrem Pferd geht es gut. Es steht in der Scheune, und es hat Futter und Wasser.“

Er zog einen Mundwinkel kaum merklich nach oben, zudem kam es ihr so vor, als blickten seine Augen prompt etwas klarer in die Welt. „Das … ist … gut“, brachte er angestrengt heraus.

„Wer sind Sie?“, entgegnete sie, da sie noch immer nicht in seinen Taschen nach irgendwelchen brauchbaren Dokumenten gesucht hatte. All ihr Mut war aufgebraucht worden, während sie seine Wunde verarztet hatte.

Statt zu antworten, bedeutete er ihr, ihm noch mehr Wasser zu geben. Diesmal hob er seinen Kopf ohne ihre Hilfe an, doch nachdem er nahezu den ganzen Inhalt der Kelle getrunken hatte, fiel er in die nächste Bewusstlosigkeit. Seine Haut war erschreckend weiß, die Lippen wiesen einen bläulichen Hauch auf.

Er sollte in einem Bett liegen, nicht auf dem Fußboden, aber angesichts des Größenunterschieds zwischen ihnen konnte Piper ihn unmöglich noch weiter hinter sich herziehen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihn zuzudecken und dafür zu sorgen, dass der Ofen immer an war – und für ein Wunder zu beten, damit dieser Mann überlebte.

Die Nacht verstrich nur langsam. Ab und zu stöhnte der Fremde im Schlaf, ein paar Mal murmelte er den Namen einer Frau: Josie. Hin und wieder schien er fast verzweifelt auf eine Antwort zu warten.

Wiederholt stand Piper im Verlauf der Nacht von ihrem Stuhl auf, um sich neben den Mann zu knien und seine Hand zu halten. „Ich bin hier“, sagte sie dann in der Hoffnung, dass er sie für diese Josie hielt, wer immer sie auch sein mochte.

Dann lächelte er jedes Mal und schlief eine Zeit lang ruhig weiter, während Piper sich wieder auf ihren Stuhl setzte und weiterstrickte. Irgendwann trennte sie den Schal auf, weil sie beschlossen hatte, stattdessen neue Fäustlinge zu stricken. Der größte Teil des Winters lag noch vor ihnen, da konnte sie sie gut gebrauchen. Viel schwieriger war allerdings die Frage, woher sie einen neuen Mantel bekommen sollte, nachdem der alte so mit Blut verschmiert war, dass sie mit ihm nichts mehr anfangen konnte. Ihr Gehalt reichte mit Mühe und Not, um über die Runden zu kommen, eine solche Neuanschaffung konnte sie sich praktisch gar nicht leisten.

Normalerweise machte ihr diese Tatsache nichts aus, immerhin war sie – genau wie Dara Rose – daran gewöhnt, hart zu arbeiten und jeden Penny dreimal umzudrehen. Allerdings befand sie sich momentan auch nicht in einer normalen Situation.

Ist dieser Mann tatsächlich ein Gesetzloser? Vielleicht sogar ein Mörder?

Autor

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