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Weihnachtsglück und Lichterglanz

Zeit der Wunder in Mustang Creek
Das Leben in einer Großstadt wie New York hat Charlotte Morgan sich nicht so einsam vorgestellt. Erleichtert kehrt sie daher nach Mustang Creek zurück, als ihre Tante sie braucht. Dort begegnet sie Jaxon Locke wieder, der einst ihr Herz berührte - und dann aus ihrem Leben verschwand. Das Knistern zwischen ihnen füllt sofort die magischen Winternächte, die sie miteinander verbringen … Könnte Charlotte dieses Mal tatsächlich die wahre Liebe in Jaxons Armen finden?
Ein Marshal zum Verlieben
Erneut eine Ehe aus Vernunftgründen eingehen? Der jungen Witwe Dara Rose bleibt eigentlich nichts anderes übrig, wenn sie ihre Töchter nicht verlieren will. Und sie weiß, dass sie sich bald entscheiden muss. Da kommt der neue Gesetzeshüter Clay McKettrick nach Blue River, und weckt in Dara Rose nicht nur eine tiefe Sehnsucht, sondern auch die Hoffnung auf ein Weihnachtswunder …
"Miller berührt Herzen, wie es nur wenige Autoren vermögen."
Publishers Weekly
"Millers Romane erzählen vom Zauber der Weihnacht und der Bedeutung der Liebe."
Romantic Times Book Reviews
  • Erscheinungstag: 10.10.2016
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499487
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Linda Lael Miller

Weihnachtsglück und Lichterglanz

Zeit der Wunder in Mustang Creek

image

Ein Marshal zum Verlieben

MIRA® TASCHENBUCH



MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgaben:

Christmas in Mustang Creek

Copyright © 2015 by Hometown Girl Makes Good, Inc

erschienen bei: HQN Books, Toronto

A Lawman’s Christmas

Copyright © 2011 by Linda Lael Miller

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Deutsche Erstveröffentlichung

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.ár.l

Leseprobe:

At Wolf Ranch

© 2015 by Jennifer Ryan

erschienen bei: Avon Books, New York

Übersetzt aus dem Amerikanischen von Michaela Grünberg

Published by arrangement with

Avon, an imprint of HarperCollins Publishers, LLC.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: Büropecher, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Harlequin Books S.A.

ISBN eBook 978-3-956-49948-7

www.mira-taschenbuch.de

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Linda Lael Miller

Zeit der Wunder in Mustang Creek

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Elisabeth Hartmann

1. KAPITEL

Für den Flug von New York nach Wyoming hätte Charlotte Morgan ihr Gepäck nicht aufgeben sollen. Ihr Aufenthalt in Denver dauerte wegen eines Sturms, der von der Westküste her aufzog, nun schon viel länger als geplant. Jetzt wartete sie – endlich – an der Gepäckausgabe des Flughafens Cheyenne. Und wartete … Wie ihre Freundin Karen zu sagen pflegte, existierten nur zwei Arten von Gepäck: Handgepäck und verlorenes. Und ihres gehörte offenbar zur zweiten Kategorie.

Es war der 21. Dezember, kurz vor den Feiertagen. Doch ihr war definitiv nicht zum Feiern zumute, ihre Laune war im Keller.

Das Flughafen-Chaos war typisch für das Pech, von dem sie seit einiger Zeit verfolgt wurde.

Mal sehen. Sie hatte ihre Tante Geneva in einer Einrichtung für betreutes Wohnen unterbringen müssen. Den Umzug zu organisieren, hauptsächlich per E-Mail und Telefon, war nicht leicht gewesen. Hinzu kam, dass nun eine Fremde in Genevas Haus lebte, dem Haus, in dem Charlotte aufgewachsen war. Natürlich hatte sie ihre Tante über Mrs. Klozz ausgefragt, hatte wissen wollen, wie sie und diese geheimnisvolle Besucherin sich kennengelernt hatten, doch Genevas Antworten waren durchgehend vage, wenn nicht gar ausweichend geblieben.

Charlotte hatte in ihrer Sorge Spencer Hogan angerufen, einen alten Freund und den Polizeichef von Mustang Creek, und ihn gebeten, Nachforschungen anzustellen. Doch er hatte nur gelächelt und erklärt, das wäre nicht nötig; Mrs. Klozz wäre, wie er es ausdrückte, „in Ordnung“.

Letztlich hatte Charlotte beschlossen, das Thema ruhen zu lassen. Sie würde die Frau ja früh genug treffen und sich eine eigene Meinung bilden.

Trotz allem hatte sie ein ungutes Gefühl.

Dann – als sie schon dachte, es könnte nicht mehr schlimmer kommen – wurde sie entlassen.

Na dann, fröhliche Weihnachten.

Sicher, das Unternehmen, eine Werbefirma, hatte ihr eine großzügige Abfindung gezahlt. Ihr Boss hatte gemeint, die Budgetkürzungen würden ihren Tribut fordern, von allen.

Nur von ihm nicht, wie es schien. Sein Job war im Gegensatz zu ihrem offenbar sicher gewesen. Es hatte sie einige Mühe gekostet, keine Bemerkung in dieser Richtung fallen zu lassen, allerdings wollte sie im Grunde nur noch nach Hause gehen.

Als sie beobachtete, wie alle anderen ihr Gepäck abholten, während ihres, wie erwartet, nirgends zu sehen war, wurde ihr die Ironie ihres Schicksals bewusst. Als Teenager wollte sie Mustang Creek unbedingt verlassen, Erfolg haben, den richtigen Mann finden und nie zurückschauen. Das hatte sie getan. Sie hatte Mustang Creek verlassen. Sie hatte einen tollen Job gefunden. Sie hatte den richtigen Mann kennengelernt.

Aber zurückgeschaut hatte sie doch.

Außer ihr wartete ein weiterer hoffnungsvoller Passagier. Sie tauschten einen mitfühlenden Blick aus und zuckten die Achseln. Das Band drehte sich noch, vielleicht also …

Ja, sie hatte die Kleinstadt verlassen. Hatte den Traumjob ergattert – und verloren. Hatte einen gewissen Dr. Jaxon Locke getroffen, sich in ihn verliebt, und auch das hatte nicht funktioniert.

Der andere Passagier machte das Rennen; sein Koffer glitt aufs Band.

„Frohes Fest“, sagte er mitfühlend und eilte davon.

Und dann … ein Weihnachtswunder! Charlottes Koffer kam tatsächlich noch heraus – keine zwei Sekunden, bevor sie zum Schalter der Fluglinie laufen und eine Verlustmeldung aufgeben wollte – und machte sich auf den Weg zu ihm. Juhu! Frische Unterwäsche an Weihnachten.

Tante Geneva hätte ihr geraten, dankbar zu sein, und als sie ihren Koffer vom Band wuchtete und zum Autoverleih karrte, lächelte Charlotte tatsächlich. Es wurde besser. Na gut, noch stand ihr die Heimfahrt durch ein aufziehendes Unwetter bevor, doch immerhin hatte sie ihre Kleidung. Alles andere würde sie kaufen oder nach Hause liefern lassen müssen, doch darüber wollte sie sich später den Kopf zerbrechen. Ihr lachhaft teures Apartment war untervermietet, der Rest eingelagert.

Das Schneegestöber traf sie von der Seite, nachdem sie endlich ihr Mietauto erreicht hatte. Nichts ging über eine Fahrt in einem fremden Fahrzeug durch eine Schlechtwetterfront, dachte sie, als sie in den Mittelklassewagen stieg und den Zündschlüssel im Schloss drehte.

Sie war auf dem Weg nach Hause.

Nach sieben Jahren in New York City.

In früheren Jahren hatte sie sich nach dem Stadtleben gesehnt, doch jetzt wollte sie nur noch zurück in das große, alte, zugige Haus, dieses gemütliche Heim, in dem sie groß geworden war. Mustang Creek war jene Art Kleinstadt, in der die Leute, sobald man nur nieste, befürchteten, dass man sich etwas eingefangen hatte, und einem die Lieblingsmedizin ihrer Großmutter anboten. Charlotte wollte den Duft des Grases im Sommer, den Blick auf die Tetons, die alte Weinlaube im Garten.

Sie wollte ihr Zuhause.

Geneva braucht mich, überlegte Charlotte, während sie herauszubekommen versuchte, wie man die Scheibenwischer einschaltete. Doch sie selbst brauchte diese Veränderung vielleicht noch viel dringender. Der Verlust ihres Jobs war in finanzieller Hinsicht keine Katastrophe, denn ihre Tante hatte ihr viel über das Sparen beigebracht. Charlotte fand es schrecklich, dass die lebhafte Frau, an die sie sich erinnerte, langsam abbaute. Dennoch betrachtete sie ihre eigenen veränderten Umstände in mancherlei Hinsicht als etwas Gutes. Sie könnten Zeit miteinander verbringen. Wertvolle Zeit. Sie würde nicht mehr nur für wenige Stunden bei ihr hineinschneien und wieder hinausrauschen wie in den vergangenen paar Jahren. Sie konnte sich um das Haus kümmern, vielleicht einen Teil ihrer Ersparnisse für Reparaturen einsetzen. Das Gebäude benötigte schon seit zehn Jahren ein neues Dach. Charlotte hatte mehr als einmal angeboten, die Kosten dafür zu übernehmen, doch Tante Geneva, ihre einzige noch lebende Verwandte, hatte abgelehnt. Eigensinn und Stolz lagen in der Familie, das war keine Frage. Sie hatte diese Eigenschaften ehrlich erworben.

Sie hätte sich den Wetterbericht genauer anschauen sollen, stellte Charlotte fest, als die ersten Schneeschleier wie verirrte Gespenster ihren Wagen umkreisten. Außer ihr war kaum jemand unterwegs, was ihr nur recht war, denn die Sicht war so schlecht, dass sie kaum die Spur halten konnte. Abgesehen vom trüben Scheinwerferlicht eines Fahrzeugs in einiger Entfernung hinter ihr hatte sie die Straße für sich allein.

Sie war froh, dass sie am Flughafen von Denver Kaffee getrunken und ein Sandwich gegessen hatte, obwohl sie – erschöpft, wie sie war – jetzt gut und gern einen weiteren Kaffee hätte gebrauchen können. Sie drosselte das Tempo noch stärker und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen hinaus in die sich zuspitzende Schneekatastrophe. Es gab ein weiteres unmittelbares Problem, das sie nicht bedacht hatte: Sie hatte keinen Schlüssel für das Haus. Tante Geneva war Schneiderin gewesen und hatte von daheim gearbeitet; sie war ein Genie an der Nähmaschine und hatte im letzten halben Jahrhundert wahrscheinlich den Großteil aller Brautkleider in Bliss County genäht. Deshalb hatte Charlotte eigentlich nie einen Schlüssel gebraucht.

Ehrlich gesagt war sie nicht einmal sicher, ob überhaupt ein Schlüssel existierte. Die Tür mit ihren wunderschön facettierten Glasscheiben war noch das Original, und soweit sie wusste, war das Schloss nie ausgetauscht worden. Vielleicht hatte Tante Geneva der Freundin einen Schlüssel ausgehändigt, die jetzt ihr Haus hütete und ihre geliebte Katze und den Hund versorgte. Allerdings war es bereits nach zehn; angesichts ihrer derzeitigen Fahrgeschwindigkeit würde sie nicht so bald in Mustang Creek eintreffen.

Es erschien ihr nicht angebracht, um Mitternacht an die Tür zu klopfen, zumal sie Millicent Klozz nicht einmal kannte. Auf keinen Fall wollte sie die arme Frau aus dem Schlaf reißen.

Im Radio liefen Weihnachtsklassiker, und Charlotte drehte bei Have Yourself a Merry Little Christmas die Lautstärke höher. Sie liebte den Song. Er weckte Erinnerungen an Heiligabend, daran, wie Tante Geneva sie immer ins Bett gebracht, ihr eine Geschichte vorgelesen und ihr verboten hatte, vor Tagesanbruch nach unten zu gehen.

An dieses Verbot hatte sie sich stets gehalten – abgesehen von dem einen Jahr, als sie sieben war. Da war sie mitten in der Nacht nach unten geschlichen – nicht ganz die knarrende Treppe hinunter, weil sie gewusst hatte, dass sie dann erwischt worden wäre – und hatte die Päckchen unter dem Baum entdeckt. Sowie sie gehört hatte, dass Tante Geneva aufgestanden war – dem Rauschen des Wasserhahns nach zu urteilen, um einen Schluck zu trinken –, hatte Charlotte sich einen raschen Blick auf die Geschenke erlaubt. Die meisten waren mit ihrem Namen versehen.

Dann war sie ins Bett ihrer Tante geklettert und hatte sich dort, die Augen weit geöffnet, eingekuschelt. Als Geneva sich umgedreht hatte, war ihr ein kurzer Schrei entfahren. Offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, ein kleines Gesicht so dicht an ihrem vorzufinden, zumal es im Schein des Nachtlichts im Flur kaum zu erkennen war.

„Der Weihnachtsmann war da“, hatte Charlotte ihr aufgeregt mitgeteilt.

„Hoffentlich hat er mir ein neues Herz mitgebracht“, hatte Geneva geantwortet, nachdem sie nach Luft geschnappt und die Hand aufs Herz gedrückt hatte. „Herrgott, Kind, hast du mich erschreckt!“

„Er war in unserem Haus!“

Charlotte erinnerte sich, wie Geneva sie in den Arm genommen hatte, erinnerte sich an die Wärme ihrer Arme, an das liebevolle Lächeln auf dem Gesicht ihrer Tante. „Aber natürlich.“

Charlotte nahm eine rutschige Kurve und fragte sich, welche Opfer ihre Tante erbracht haben mochte, um sicherzustellen, dass der Weihnachtsmann jedes Jahr ihr Haus besuchte. Als Kind hatte Charlotte nicht begreifen können, welche Mühe es bedeutete, ein Kleinkind großzuziehen. Insbesondere, wenn man diese Verantwortung mit Ende fünfzig übernommen hatte, weil die bedeutend jüngere Schwester und ihr Mann bei einem tragischen Zugunglück gestorben waren. Geneva war ledig gewesen und hatte keinerlei Erfahrung mit Trotzphasen und Schulbroten und später dann mit Cheerleader-Training und Leichtathletik, Pyjamapartys mit kichernden Mädchen …

Ihre Tante hatte all das, ohne mit der Wimper zu zucken, auf sich genommen, und als es Zeit war fürs College, hatte sie Charlotte beraten, ihr jedoch die Wahl überlassen. Jetzt war es an Charlotte, etwas davon zurückzugeben.

Jaxon Locke war den ganzen Weg von Idaho von dem Unwetter verfolgt worden, und allmählich holte es ihn ein, auch im übertragenen Sinn.

Er hatte keine Ahnung, ob es idiotisch war oder nicht, nach Mustang Creek zu ziehen. Nach ihrer Trennung vor etwas mehr als einem Jahr hatte er, wenn auch beiläufig, Charlotte Morgan in sozialen Netzwerken im Auge behalten; sie hatten sich gegenseitig zu ihren Freundschaftslisten hinzugefügt. Vor ein paar Tagen hatte er ihre Seite aufgerufen und erfahren, dass sie nicht mehr in der Firma war. Selbst wenn sie nicht erwähnt hätte, dass sie vorhatte, nach Wyoming zurückzukehren, wäre ihm klar gewesen, wohin sie fahren würde.

Keine Sekunde lang glaubte er an einen Zufall, der sowohl ihn als auch Charlotte mit Mustang Creek verband. Sie war dort aufgewachsen, und er war von seinem Freund Nate Cameron als Partner in dessen Tierarztpraxis eingestellt worden.

Er hatte Charlotte – er nannte sie Charlie – über eine Online-Singlebörse kennengelernt. Gewissermaßen.

Nur, dass er da gemogelt hatte. Gewissermaßen. Auf einer Cocktailparty mitten in Manhattan hatte er neben der Freundin eines seiner Zimmergenossen vom College gesessen. Damals hatte er in einer nahe gelegenen Stadt in Connecticut gearbeitet, und er war zur Hochzeit seines Freundes Remy nach New York gekommen. Diese Frau hatte ihn über ihren Cosmopolitan hinweg gemustert und gefragt: „Single?“

Zu dem Schluss war sie zweifellos gelangt, weil er sich zwar die Mühe gemacht hatte, ein seiner Meinung nach schickes Hemd anzuziehen, dazu aber Jeans und Stiefel getragen hatte. Seine besten Stiefel, teure Stiefel, doch vermutlich sah er aus wie ein Cowboy. „Unverheiratet, ohne feste Beziehung“, antwortete er trocken. „Auf der Einladung stand ‚legere Kleidung‘. Das habe ich wörtlich genommen.“

Ihre Lippen zuckten. „Ein Haarschnitt würde dir auch nicht schaden, aber dein Look entspricht deinem Stil. Im Armani-Anzug und mit gepflegtem Bartschatten würdest du durchaus auf das Cover eines Hochglanzmagazins passen. Woher stammst du?“

„Ursprünglich aus Idaho.“

Sie kam direkt zur Sache. „Ich weiß genau die richtige Frau für dich.“

Das bezweifelte er, nicht nur, weil sie zehn Zentimeter hohe Absätze und zu viel Parfüm trug und die meiste Zeit über in ihr Smartphone quasselte, sondern auch, weil sie einander fremd waren. „Du weißt doch gar nichts über mich.“

„Aber sicher doch. Remy hat von dir erzählt. Du bist Tierarzt, stimmt’s? Du und Remy und noch ein paar andere, ihr habt euch am Ohio State College kennengelernt.“

Er nickte. „Wir haben zusammen in einem Haus gewohnt. Und, ja, ich bin Tierarzt.“

Sie rückte ein bisschen näher heran. „Ich habe eine Kollegin, die ist schön und klug und hasst das Stadtleben genauso sehr, wie du es anscheinend tust, gibt es aber nicht zu. Liebt Tiere und stammt aus einer Kleinstadt. Der Haken dabei: Sie lehnt von Freunden vermittelte Blind Dates ab. Ich weiß aber, dass sie sich kürzlich bei einer Online-Partnerbörse angemeldet hat. Pass auf, ich schreibe dir ihren Namen und die Adresse der Website auf. Kann ja nicht schaden, sich mal ihr Profil anzuschauen.“ Ihr Lächeln war verwegen. „Sag ihr nicht, dass ich die Finger im Spiel hatte.“

„Da ich keine Ahnung habe, wie du heißt, wäre das gar nicht möglich.“

„Wir machen uns offiziell miteinander bekannt, wenn ihr zwei tatsächlich zusammenkommt, okay?“

„Soll mir recht sein“, sagte er und dachte sich, dass aus dieser merkwürdigen Unterhaltung sowieso nichts entstehen würde.

„Sie stammt aus Wyoming, Mr. Cowboy. Ich habe so ein Gefühl, dass du bald einem blaueren Himmel und frischerer Luft entgegenreiten wirst – und ich glaube, sie auch.“

Das Handy der gewollt geheimnisvollen Frau klingelte wieder, und während sie sich meldete, kritzelte sie Charlotte Morgan auf eine Serviette und dazu den Namen einer beliebten Partnerbörse.

Obwohl er im Grunde genommen nur so zum Zeitvertreib mitgespielt hatte, war Jax doch neugierig genug, um sich Ms. Morgans Profil anzusehen.

Online-Dating hatte er nie in Betracht gezogen. Später, als er zu Hause war, tippte er die Webadresse ein und war schließlich … nun, man könnte sagen, völlig baff.

Charlotte Morgan war wirklich schön. Mehr als schön.

Sie tauschten in den folgenden Tagen ein paar zaghafte E-Mails zum Kennenlernen aus, und eines schönen Tages verabredeten sie sich zum Kaffee. Er arbeitete zu der Zeit in einer kleinen Tierarztpraxis knapp hinter der Staatsgrenze und musste für die Anreise Züge und verschiedene andere Transportmittel nutzen.

Als er Charlie schließlich persönlich traf, stellte Jax fest, dass ihre Fotos ihr nicht gerecht wurden, und zusätzlich zu ihrer Schönheit war sie auch noch sexy, intelligent, bezaubernd …

Nach einer stürmischen Romanze lebte Charlie immer noch in New York, und Jax musste zurück nach Idaho, um seinem Vater, ebenfalls Tierarzt, nach einem Herzinfarkt zu helfen.

Jax hatte Charlotte vermisst, allerdings hatte er auch etwas über sich selbst erfahren. Der Westen war noch immer seine Heimat, der Ort, an den er gehörte. Ihm wurde bewusst, dass er bleiben wollte – nicht unbedingt in Idaho, zumal sein Vater nach seiner vollständigen Genesung seine Hilfe im Grunde nicht brauchte, sondern irgendwo da draußen unter diesem unendlich weiten Himmel.

Er bat Charlie – nun gut, er flehte sie geradezu an –, mit ihm zu kommen, doch aus Gründen, die er noch immer nicht recht verstand, sperrte sie sich. Ja, manchmal sehnte sie sich nach den offenen Weiten, sagte sie, aber sie mochte ihren Beruf, ihr Umfeld, ihren Freundeskreis.

Urplötzlich behauptete sie, die Stadt zu lieben, obwohl ihre Kollegin damals auf Remys Hochzeitsempfang das Gegenteil behauptet hatte.

Damit steckten sie in einer Sackgasse. Er wollte sich in einer Kleinstadt am anderen Ende des Landes niederlassen. Sie wollte in der Stadt bleiben.

Jax erinnerte sich nur zu gut an das letzte Mal, als sie ihre Lage sachlich diskutieren wollten, damit sie einen Kompromiss fanden. Sie hatten gerade miteinander geschlafen, sie lag noch in seinen Armen, aber ihr abgewandtes Gesicht verriet ihre Gefühle. Es stimmte, dass sie einen Job mit einem vergleichbaren Gehalt nur an einem Ort bekommen würde, der ein bedeutendes Finanz- und Kulturzentrum war. Es stimmte auch, dass sie in einer Kleinstadt nicht einfach die Straße entlangschlendern und zwischen rund einem Dutzend verschiedener Restaurants wählen konnte. Kein Shopping, kein Theater, kein Symphonieorchester … Die Liste ließe sich beliebig weiterführen.

Eine klassische Pattsituation. Zwar war er Dr. Locke, doch er übte keinen glamourösen Beruf aus wie die meisten Männer, die sie kannte. Er half Kühen beim Kalben, behandelte Pferde und fuhr dafür zu unmöglichsten Zeiten in abgelegene Gegenden. Er impfte Katzen und Hunde, sterilisierte und kastrierte Haustiere. Nein, die Arbeit war nicht glamourös, aber befriedigend. Jax liebte Tiere, liebte seinen Beruf und sah sich ehrlich gesagt auf lange Sicht nicht in einer Großstadt. Er war damit aufgewachsen, Kätzchen und Zicklein mit der Flasche aufzuziehen, er war täglich geritten, hatte Zaunpfähle gesetzt wie ein Profi und höchst selten Kunstgalerien oder Museen besucht, was Charlies liebste Freizeitbeschäftigung war.

Er mochte die freie Natur, sie mochte Wolkenkratzer.

Lass uns die ganze Sache abblasen.

Das hatten sie getan. Leider, bedauerlicherweise, hatten sie sich nicht einigen können und hatten sich getrennt.

Das Problem war, dass Jax sie nie aus seinem Kopf bekommen hatte.

Also war er jetzt auf dem Weg nach Mustang Creek, ausgerechnet.

Wie gut standen die Chancen, dass er jemanden aus ihrer Heimatstadt kannte und schließlich dort praktizieren würde?

Vielleicht war das alles mehr als ein Zufall, vielleicht war es eine Art Vorbestimmung. Wie die Begegnung mit der Frau auf Remys Party – ihr Name war Kendra Nash, wie sich herausstellte –, von der er rein zufällig zum ersten Mal von Charlie gehört hatte.

Griff das Schicksal erneut ein? Jax hatte kein Jobangebot erwartet, als er Nate kontaktierte; er hatte nur wissen wollen, ob es in der Gegend offene Stellen gab.

Charlottes letzter Facebook-Eintrag lautete: „Fliege bald zurück nach Wyoming. Lebwohl, N. Y. Es war schön, aber ich will nach Hause. Frohe Weihnachten.“

Jax schreckte auf, als sein Handy klingelte, und schaltete die Freisprechanlage ein. Vor der Windschutzscheibe wurde das Wetter von Sekunde zu Sekunde schlechter. „Hallo.“

„Jax, du bist noch unterwegs, nicht wahr? Kommst du voran?“

Nate Cameron, der Mann, in dessen Praxis er einsteigen würde.

„Gewissermaßen, wenn man bei Tempo fünfzig von Vorankommen sprechen kann. Ich hatte gehofft, dem Unwetter davonfahren zu können. Das ist mir offenbar nicht geglückt“, antwortete Jax grimmig.

„Ich habe vor etwa zwei Stunden ein Zimmer in dem Hotel an der Main Street für dich gebucht. Und zwar das letzte verfügbare Zimmer. Ich würde dich wirklich gern bei mir unterbringen, doch bei diesem Wetter findest du mein Haus nie im Leben. Die Leute übersehen die Zufahrt manchmal sogar am helllichten Tag; erst recht mitten im Schneesturm. Außerdem ist es bei diesen Schneeverwehungen völlig egal, wie gut dein Wagen ist; du könntest stecken bleiben. Es stürmt gewaltig. In der Stadt haben sie wenigstens Schneepflüge eingesetzt.“

Der Plan hörte sich gut an. Jax bezweifelte inzwischen sogar, dass er die Stadt überhaupt finden würde; die Straße verschwand förmlich vor seinen Augen. „Danke. Ich rufe dich morgen früh an.“

„Treffen wir uns doch einfach. Diese Wetterfront soll ziemlich schnell vorbeiziehen. Ich frühstücke gewöhnlich in Betsey’s Café. Es liegt direkt neben dem Hotel. Um acht?“

„Gut, bis dann.“

Als Jax endlich die Lichter von Mustang Creek in der Ferne sah, war er doch einigermaßen erleichtert. Seine Schultern schmerzten von der Anspannung, und was er jetzt wirklich brauchte, war ein weiches Bett und einen gesunden Nachtschlaf.

Das vermutlich einzige Hotel der Stadt war nicht schwer zu finden. Der Parkplatz war voll, und das einzige Fahrzeug, das über viele Meilen vor ihm gewesen war, bog ebenfalls dort ein. Nach etwa zehnminütiger Suche fand er schließlich eine Parkbucht. Dann schnappte er seinen Koffer und rannte los, den Kragen hochgeschlagen.

Das veraltete Foyer war leer bis auf den Angestellten und eine sehr bestürzt wirkende junge Frau am Empfangstresen.

„Kein Zimmer frei?“, fragte sie.

„Nicht eines. Es tut mir leid. Der Schneesturm und so.“ Der junge Mann glaubte, sich rechtfertigen zu müssen.

Glänzendes dunkles Haar schwang herum, als sie sich umdrehte, zweifellos enttäuscht. Plötzlich erstarrte sie. „Jax?“

Charlie. Sie schaute ihn entgeistert an, Fassungslosigkeit lag im Blick ihrer traumhaften grünen Augen.

„Ja. Hi.“ Es hatte ihm fast die Sprache verschlagen.

Zufall? Ausgeschlossen. Das Schicksal oder was auch immer spielte eindeutig mit seinem Verstand.

Ja, er hatte damit gerechnet, Charlie über den Weg zu laufen – Mustang Creek war schließlich nur ein kleiner Ort. Doch er hätte nicht im Traum daran gedacht, dass sie eine der ersten Personen sein würde, denen er begegnete, noch dazu mitten in einem Schneesturm.

„Was machst du hier?“ Charlie starrte ihn mit großen Augen und ein wenig argwöhnisch an. Hielt sie ihn für einen Stalker?

„Jobangebot“, entgegnete er lahm.

„Ach … so …“ Sie schien ebenfalls um Worte zu ringen. Ein schwacher Trost. „Wie stehen die Chancen?“

Gut, wenn man aktiv ein Ziel verfolgt, dachte er trocken.

Er räusperte sich. „Ich habe ein Zimmer, für den Fall, dass du eine Unterkunft benötigst.“

Der Angestellte tippte auf seiner Tastatur. „Sie sind Dr. Jaxon Locke? Der Letzte, der heute Abend eincheckt. Zimmer 215. Zwei Betten. Vielleicht liegt irgendein Weihnachtszauber in der Luft, da Sie beide sich offenbar kennen. Moment, ich gebe Ihnen Ihre Schlüsselkarten.“

Genau in diesem Augenblick ertönte aus der Musikanlage der Song Have Yourself a Merry Little Christmas.

Ja, vielleicht werde ich tatsächlich ein nettes kleines Weihnachtsfest haben, schoss es Jax durch den Kopf. Vielleicht.

2. KAPITEL

Auf keinen Fall würde sie sich ein Zimmer mit Jaxon Locke teilen.

Charlotte war fassungslos, völlig aus dem Gleichgewicht geworfen, als sie ihn dort sah. Er war der letzte Mensch im gesamten Universum, den sie ausgerechnet in Mustang Creek anzutreffen erwartet hätte. Das war ihre Heimatstadt, verdammt noch mal, ihr sicherer Ort, ihre Zuflucht. Was machte er hier? Fast hätte sie geglaubt, sie würde träumen, wenn ihr nicht vor Erschöpfung und von der anstrengenden, stundenlangen Fahrt durch diesen schlimmen Schneesturm jeder Knochen im Leib schmerzen würde.

Nein, das war echt. Zu allem Übel besaß der Mann die Frechheit, gut auszusehen, selbst mit zerzaustem Haar, auf dem immer noch Schneeflocken lagen, mit zerknitterter Kleidung und vor Müdigkeit hängenden breiten Schultern. Sein Bart wuchs nach, attraktive Stoppeln, und in seinem Blick lag ein Hauch von Belustigung.

„Ich brauche keine Schlüsselkarte“, sagte sie zu dem Angestellten, etwas barscher als beabsichtigt. Sofort hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil er so zuvorkommend gewesen war, dieser junge, zaghafte Einheimische. Freundlicher fügte sie hinzu: „Trotzdem vielen Dank für Ihre Bemühungen.“

„Ich war Ihnen ja keine große Hilfe. Ich befürchte nur, Sie werden keine andere Unterkunft finden.“

In dem Punkt hatte er wahrscheinlich recht. Obwohl der Yellowstone- und der Grand-Teton-Nationalpark relativ nahe gelegen waren, ganz zu schweigen von den Skihängen, die Wintersportler aus aller Welt anlockten, war Mustang Creek eben doch eine Kleinstadt. Abgesehen von diesem Hotel gab es natürlich ein paar schlichte Motels und Frühstückspensionen, doch in einer Nacht wie dieser, noch dazu kurz vor Weihnachten, würden auch diese schnell ausgebucht sein.

Jax drängte sich an Charlotte vorbei und klatschte seine Kredit karte auf den Tresen. Dieses leichte Zucken in seinen Mundwinkeln, war das etwa ein Grinsen?

„Das Zimmer hat zwei Betten, Charlie“, erinnerte er sie mit einem flüchtigen Seitenblick. „Zähl sie durch: zwei. Glaub mir, ich bin den ganzen Weg von Idaho hierher gefahren und so müde, dass ich vergessen könnte, wie ich heiße. Deine Tugend ist nicht in Gefahr, jedenfalls heute Nacht nicht.“ Er legte eine Pause ein – er grinste tatsächlich, verdammt noch mal – und dann brachte er die Sache auf den Punkt. „Außerdem, hast du eine Wahl? Willst du im Auto schlafen? Klingt frostig, wenn du mich fragst.“

Der Angestellte zog die Karte mit heiterresigniertem Schwung durch und ergänzte beipflichtend: „Die Temperatur soll noch drastisch sinken.“

Schöne Aussichten. Vielleicht war Mrs. Klozz doch noch wach …

Charlotte bezweifelte es.

Es ging auf Mitternacht zu. Tante Geneva wäre schon vor Stunden zu Bett gegangen. Und wenn Mrs. Klozz nun schwerhörig war und Charlotte zitternd vor der Tür stehen und vergebens klopfen würde?

Hier zu landen, mit Jax, das war eine unverhoffte Schicksalswendung nach einem sehr, sehr langen Tag.

„Schlüsselkarte?“

Jax reichte sie ihr.

Nach kurzem Zögern nahm sie sie. „Guck nicht so selbstgefällig.“

„Das ist nicht selbstgefällig“, entgegnete er und griff nach ihrem und seinem Gepäck. „Ich bin mir sicher, dass mein normaler, ironischtriumphierender Gesichtsausdruck bedeutend besser wäre als alles, was ich im Augenblick zustande bringen kann. Lass uns das Zimmer finden, damit ich ins Bett fallen kann. Auch wenn Weihnachten vor der Tür steht – mir ist im Moment nicht nach Feiern zumute. Ich bin verdammt müde.“

Und kein Platz in der Herberge.

Welche Ironie.

Sie folgte ihm. Es würde bestimmt unangenehm werden, und das nicht nur, weil sie nicht vorgehabt hatte, sich ein Zimmer mit jemandem zu teilen. Jax Locke war vielleicht kein Axtmörder, genau genommen war er aber auch nicht gerade harmlos, wie etwa ein Lieblingscousin, ein alter Freund oder vertrauenswürdiger Kollege.

O nein.

Sie und Jax hatten eine gemeinsame Vergangenheit. Das letzte Mal hatte sie ihn in New York gesehen, und plötzlich tauchte er wie aus heiterem Himmel in Mustang Creek auf?

Was genau ging hier vor sich?

Etwas Merkwürdiges, so viel war klar.

Mit dem Gefühl, dass die Welt aus den Fugen geraten war, folgte Charlotte ihm einen Flur entlang bis zur richtigen Tür und sah zu, wie er sie öffnete. Er wartete auf sie. „Nach dir“, sagte er mit einer angedeuteten Verbeugung.

Das war eine wirklich schlechte Idee. Doch die Alternativen sahen nicht besser aus: mitten in der Nacht eine alte Dame zu wecken, Erfrierungen zu riskieren, wenn sie im Mietauto schlief, oder im Foyer zu übernachten, was peinlich werden würde.

Sie fand das Zimmer in Ordnung. Es war ein typisches Hotelzimmer, aber was hatte sie erwartet? Die entscheidenden Möbel waren da – zwei Betten, die auf eine lange, schmale Kommode mit einem Fernseher obendrauf zuliefen, ein runder Tisch mit zwei Sesseln und einer Hängelampe darüber. Zur Einrichtung gehörten schwere Vorhänge mit Zugstangen aus Plastik und farbenfrohe, aber nichtssagende Bilder an den Wänden.

Das Zimmer wirkte sauber und roch auch so, dem Himmel sei Dank.

Und zum Glück war es warm. Was nicht unwichtig war angesichts des Sturms, der draußen toste.

„Ich hoffe, die haben einen Generator“, bemerkte Jax, offenbar bemüht, ein Gespräch in Gang zu bringen. „Dieser Wind wächst sich zu einem erstklassigen Schneesturm aus.“ Er seufzte und fügte hinzu: „Ich werde jetzt heiß duschen gehen und dann ungefähr hundert Jahre lang schlafen. Wenn du zuerst ins Bad willst, nur zu.“

Das Fenster klapperte, als der eisige Wind erneut dagegenprallte.

Charlotte war genauso müde wie Jax, und es war ihr zu anstrengend, sich mit ihm zu streiten, obwohl sie ihm durchaus die eine oder andere Frage darüber hatte stellen wollen, was er hier zu suchen hatte. Er hatte seine Gründe dafür gehabt, New York zu verlassen und nach Idaho zu ziehen, aber was um alles in der Welt hatte ihn nach Mustang Creek geführt? Ein Stellenangebot, hatte er gesagt. Was für ein … Zufall. Oder etwa nicht? „Ich putze mir nur rasch die Zähne.“

„Klar.“ Jax ließ sich auf dem Bett beim Fenster nieder und fing an, seine Stiefel auszuziehen.

Ihre Kosmetiktasche und den Flanellpyjama aus ihrem Koffer fest im Griff, eilte Charlotte ins Badezimmer. Sie schloss die Tür mit Nachdruck, putzte sich die Zähne, zog sich um und ging zurück ins Zimmer, wo sie Jax nur mit Jeans bekleidet vorfand. Angesichts ihres höchst unerotischen Aufzugs zog er die Brauen hoch.

Was hatte er erwartet? Vielleicht eine kleine Victoria’s-Secret-Modenschau?

Da seine nackte, muskelbepackte Brust sie an andere, bessere Zeiten erinnerte, wandte sie den Blick ab.

„Pinke Kätzchen?“, zog er sie auf.

Charlotte atmete tief durch. „Meine Tante hat mir diesen Pyjama geschenkt“, sagte sie gepresst, „also trage ich ihn. Er ist bequem. Und warm.“

„Das glaube ich dir. Bist du fertig im Bad?“

Sie stolzierte zu ihrem Bett. Soweit sie wusste, stolzierte niemand – außer vielleicht ein paar auserwählte Heldinnen in einem Liebesroman, allerdings nicht in einem mit Kätzchen bedruckten Flanellpyjama. Charlotte versuchte es dennoch. Sie wies in Richtung Badezimmertür. „Ja. Es gehört dir.“ Mit diesen Worten schlug sie das Bettzeug zurück und schlüpfte darunter.

„Danke.“ Jax verschwand im Bad und schloss die Tür hinter sich. Endlich konnte Charlotte sich ein wenig entspannen. Sie kuschelte sich ein und starrte an die Zimmerdecke.

Dann hörte sie Wasser rauschen.

Jax war nackt da drinnen, wurde ihr mit plötzlicher, instinktiver Klarheit bewusst. Sie stellte sich vor, wie das Wasser in kleinen Bächen über seinen durchtrainierten Körper rann, den sie nur allzu gut kannte …

Du bist ein hoffnungsloser Fall, sagte sie sich. Dann zog sie sich müde, aber entschlossen die Bettdecke bis unters Kinn und fand sich wieder einmal mit der verwirrenden Tatsache ab, dass Vergangenes vergangen und heute alles anders war. Und trotz der sonderbar zufälligen EsgeschahineinerNacht-Situation, in der sie steckte, würde am nächsten Morgen doch alles wieder seinen normalen Gang gehen. Jetzt musste sie nur die Augen schließen und sich vom Schlaf in selige Besinnungslosigkeit führen lassen.

Doch so erschöpft sie auch war, ihr Gehirn lief auf Hochtouren und kaute und nagte auf einem einzigen Gedanken herum.

Jaxon Locke war in Mustang Creek.

Solange sie in New York und er in Idaho gelebt hatte, war es ihr gelungen, seine Existenz zu ignorieren. Meistens. Sie hatte ihr Leben weitergeführt, hatte gelernt, ohne ihn zu leben, sogar erfolgreich zu sein.

Meistens.

Und jetzt teilte sie sich urplötzlich in einer winzigen Stadt in Wyoming ein Hotelzimmer mit ihm.

Wo blieb da die Logik?

Und wie sollte sie das überleben?

Eine einfache Frage.

Aber weit und breit keine Antwort in Sicht, weder eine einfache noch sonst eine.

Sie kniff die Augen fest zusammen, entschlossen, sich selbst im Schlaf zu verlieren.

Doch sie war immer noch wach, als Jax lange Minuten später aus dem Bad zurückkam; durch ihre gesenkten Wimpern sah sie, dass er nackt war – bis auf das Handtuch, das er sich um seine schmale Taille gewickelt hatte. Anscheinend wusste er, dass sie wach war, obwohl sie vorgab, bereits eingeschlummert zu sein.

„Hör dir diesen Wind an“, sagte er. „Klingt wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe. Es ist brutal da draußen.“

Sie gab ihre Dornröschen-Vorstellung auf. Auf rätselhafte Weise hatte Jax sie schon immer durchschaut; es war für gewöhnlich viel zu anstrengend, ihn hinters Licht zu führen. „Nett von dir, dass du das Zimmer mit mir teilst.“ So. Sie hatte etwas Höfliches gesagt. Wenn nicht sogar etwas Freundliches.

Aber sie war distanziert. Sie wollte bestimmt nicht die falschen Signale aussenden.

Keineswegs würde sie mit ihm schlafen.

Nicht, dass er das zu erwarten schien.

Das Problem war nur: Ein Teil von ihr wollte aus ihrem Bett in seines springen – so viel zu besagten Signalen – und ihn mit offenen Armen empfangen, so schamlos wie nur irgend möglich, und sich seinem Liebesspiel, ihm selbst, hingeben. Dieser einzigartigen Verbindung aus ihr und ihm.

Sogar nach all dieser Zeit und all dem willentlichen Vergessen erinnerte sich ihr Körper noch immer.

Im Bett hatten sie weiß Gott nie Probleme gehabt. Ihre Schwierigkeiten hatten andere Ursachen, zum Beispiel seine altmodischen Standpunkte. Er hatte keine berufstätige Frau gewollt, die auf Augenhöhe mit einigen der einflussreichsten Personen der Werbewelt agierte. Etwas von ihrer Verbitterung meldete sich zurück, ernüchternd und schmerzlich. Nein, soweit sie wusste, hatte Jax sich eine Ehefrau gewünscht, die Fahrgemeinschaften pflegte, Plätzchen backte und Mutter seiner Kinder war, eine Frau, die das Kleinstadtleben so sehr liebte, dass nichts anderes infrage kam. Oder jedenfalls kein anderer Lebensraum. Eine Frau, die Gardinen mit Vichy-Muster für die Küchenfenster nähte, in der Sonntagsschule unterrichtete und Aufhebens um ihre Blumenbeete machte.

Na gut, diese Dinge hatte er vielleicht nicht wörtlich gesagt, aber sie gehörten einfach dazu, oder?

Für Jax sprach, dass er nie vorgegeben hatte, New York City genauso sehr zu lieben, wie sie es tat. Für ihn war New York lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg zu einem anderen Ort, dritte Base in einem metaphorischen Baseballspiel. Nächste Station: Schlagmal.

Übersetzt hieß das: grenzenlose Weiten, Pickup-Trucks, Mischlingshunde.

Das Landleben.

Nun ja, wenigstens war er ehrlich. Das konnte sie nicht von allen Typen sagen, mit denen sie zusammen gewesen war, sowohl vor als auch nach ihm.

Er war rücksichtsvoll, höflich, intelligent … und sexy.

Sehr, sehr sexy.

Ein weiteres Mal überkam Charlotte ein Gefühl leisen Erstaunens. Eben noch hatte sie mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Wirklichkeit gestanden, die sie kannte und verstand. Und im nächsten …

Nun, im nächsten Moment war Jax da. Sie konnte es immer noch nicht so recht glauben.

„Aber natürlich teile ich das Zimmer mit dir“, sagte er.

Charlotte war verwirrt. Das Zimmer teilen?

Ach ja. Sie hatte sich bedankt, jetzt reagierte er darauf.

Bleib am Ball, ermahnte sie sich im Stillen.

Es kam ihr so vor, als habe Jax’ Stimme ein wenig zu schroff geklungen. Vielleicht hatte er ihre Gedanken erahnt. Vielleicht ließ er im nächsten Moment das Handtuch fallen.

Sie wälzte sich auf die ihm abgewandte Seite.

„Danke“, krächzte sie. Aus irgendeinem Grund schien sich ihr die Kehle zuzuschnüren, und ihre Augen brannten.

„Keine Ursache.“ Er hatte sich nicht gerührt. Wenn doch, hätte sie es gewusst, hätte es gespürt. Und seine Stimme war immer noch leise, immer noch heiser. „Übrigens, ich will dich wirklich.“

Da war sie wieder, die für ihn typische Ehrlichkeit, und zeigte sich genau im falschen Moment.

Charlotte verspannte sich. „Daraus wird nichts.“ Wollte sie ihn abschrecken – oder sich selbst davor bewahren, dass die Erinnerungen an gestern ihren gesunden Menschenverstand von heute überschwemmten?

„Das liegt natürlich bei dir“, sagte Jax ruhig.

Sie drehte sich wieder zu ihm um und sagte das denkbar Schlimmste. „Es wäre keine gute Idee, weißt du?“

Großartig. Sie hatte soeben zugegeben, dass sie sich vorgestellt hatte, wie schön es wäre, in Jax’ Armen zu liegen und ihm zu erlauben, ihren Körper noch einmal zum Leben zu erwecken.

Jax grinste. Von allen Männern, die ihr je begegnet waren, hatte er das anziehendste jungenhafte Lächeln. „Aber immerhin noch im Bereich des Möglichen?“

Warum sollte sie nicht genauso ehrlich zu ihm sein? „Wenn du nicht zufällig ein Kondom dabeihast, nein, ausgeschlossen.“

Sie war froh – und doch auch etwas enttäuscht – darüber, dass er so bestürzt war. „Ja, guter Punkt. Ich habe keins.“

„Dann schlaf jetzt.“ Charlotte schloss die Augen wieder.

Sie hörte das wispernde Rascheln, als er anzog, was immer er im Bett tragen mochte. Das Badetuch hatte er wohl zu Boden fallen lassen … Die Situation war viel zu intim, zu vertraut. Wenn sie einfach nur einschlafen könnte …

„Charlie …“ Jax’ Stimme klang ganz weich, und sie hätte schreien können, weil sie sich so sehr um Distanz bemühte. Oder etwa nicht? Trotz dieser dummen Bemerkung über das Kondom. Aber es funktionierte überhaupt nicht. „Du hast mir sehr gefehlt“, sagte er.

Das war jetzt kein faires Spiel.

Charlotte wollte, konnte ihn nicht ansehen. „Bin ich der Grund, warum du nach Mustang Creek gekommen bist?“ Die Frage fiel ihr regelrecht aus dem Mund, war aus dem Unterbewusstsein direkt auf ihre Zunge gerutscht und hatte dabei ihren normalerweise gut funktionierenden Verstand geschickt umgangen. „Ich weiß, man hat dir eine Stelle angeboten, aber …“ Sie versuchte, sich herauszuwinden.

Das liegt wohl an der Erschöpfung, überlegte sie, verzweifelt auf der Suche nach einer Erklärung für sich selbst.

„Könnte sein“, antwortete Jax.

Dann seufzte er, und sie hörte seine Matratze nachgeben, als er sich ins Bett legte.

Und das war’s dann. Zwei Sekunden später fing er leise an zu schnarchen.

Sie dagegen war hellwach.

Flüchtig dachte sie an Mord. Ein Kissen auf seinem Gesicht würde seinen Zweck erfüllen.

Verlockend war die Vorstellung auf jeden Fall.

Jax wachte auf, blinzelte zunächst verwirrt, nachdem er geschlafen hatte wie der sprichwörtliche Stein, doch dann fiel ihm alles wieder ein.

Die lange Fahrt.

Der Schneesturm.

Und Charlotte, mit der er das Hotelzimmer teilte, aber nicht das Bett.

Genau.

Das Unwetter hatte anscheinend ein wenig nachgelassen; der Wind rüttelte nicht mehr am Fenster wie eine Horde heulender Todesfeen, die einzudringen versuchten. Filigrane Eisblumen zierten die Scheiben.

Im Bad nebenan lief Wasser, und Jax stellte sich vor, wie die Dampfschwaden aus der Tür treten würden, sobald sie sich öffnete.

Charlotte stand unter der Dusche. Es fühlte sich gut an, dazuliegen und sich vorzustellen, wie herrlich nackt sie gerade war, noch dazu ganz in seiner Nähe. Jax hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis, und sie hatte genau die Figur, die ihn erregte: schlank, hübsch proportionierte Brüste, nicht groß, aber auch nicht klein, lange Beine, die in einem Kostüm sehr sexy wirkten, doch seiner Meinung nach noch viel besser aussehen würden, wenn sie in abgeschnittenen Jeans steckten, nackt und gebräunt von der Sonne Wyomings.

Er gehörte eindeutig zu den Männern, die auf schöne Beine standen.

Er schwelgte in seiner Fantasie. Ein wenig später wurde die Dusche ausgeschaltet, kurz darauf auch der Föhn. Charlotte erschien in Jeans und einem hellblauen Pullover, noch barfuß, ihr schulterlanges dunkles Haar glänzte. Sie hatte nie viel Makeup getragen; seiner Meinung nach hatte sie es auch nicht nötig. Bis auf einen Hauch Lipgloss und vielleicht etwas Wimperntusche, um diese grünen Augen zu betonen, verkörperte sie das Kleinstadtmädchen, das sie so dringend hatte hinter sich lassen wollen.

„Guten Morgen.“ Er sagte es gut gelaunt, denn er hatte ziemlich gute Laune, besonders, als sie kurz auf seine nackte Brust schaute, bevor sie sich dabei ertappte und ihm stattdessen in die Augen sah.

„Hm, ja, guten Morgen.“

„Wie hoch liegt der Schnee?“ Er wollte nur ins Gespräch kommen und erwartete eigentlich nicht, dass sie es wusste. Wahrscheinlich war sie noch nicht lange genug auf den Beinen, um nach dem Wetter zu sehen.

Doch sie überraschte ihn. „Etwa dreißig Zentimeter, glaube ich, aber es ist schwer zu sagen, weil die Fenster vereist sind.“ Sie kramte in ihrem Koffer, fand ein Paar Socken, setzte sich auf das zerwühlte Bett und zog sie an. „Mein Mietwagen ist sportlich. Ich bin mir nicht sicher, ob er Spikereifen hat.“ Sie hielt kurz inne. „Hoffentlich haben sie die Straßen geräumt.“

Jax hatte das Bedürfnis, ruhig und vernünftig zu bleiben. „Ich habe um acht Uhr nebenan einen Frühstückstermin. Wenn du dich uns anschließen möchtest, kann ich dich danach fahren, wohin du willst. Mein Pick-up schafft das.“

Sie zögerte, sichtlich in Gedanken. Ihre Socken hatten ein Muster aus winzigen Zuckerstangen. Noch ein Geschenk ihrer Tante? Er nahm es an, da die weltgewandte Frau, die er in New York gekannt hatte, keine Socken mit Zuckerstangen anziehen würde. Ihm war das Kleinstadt-Zuckerstangen-Mädchen lieber; er hatte schon immer gewusst, dass sie es in sich hatte.

Charlotte sagte: „Vielleicht rufe ich dich an, falls ich Probleme bekomme, aber ich muss nach Hause und mich davon überzeugen, dass alles in Ordnung ist. Wenn ich Tante Geneva besuche, muss ich ihr versichern können, dass es Can-Can und Mutley gut geht. Das wird bestimmt das Erste sein, was sie wissen will.“

„Hund und Katze?“ Seine Vermutung war gut begründet und basierte auf früheren Gesprächen.

Sie nickte und rang sich tatsächlich ein winziges Lächeln ab. „Eine Freundin meiner Tante versorgt sie. Meine Tante ist inzwischen womöglich zu … konfus, um Tiere zu halten. Das meinen zumindest ihre Ärzte. Diese Vorstellung bricht mir das Herz. Sie liebt die Viecher so sehr. Sie sind wunderbare Gefährten, ohne sie wäre sie einsam. Diesen Gedanken kann ich nicht ertragen.“

In diesem Moment hätte er sich noch mehr in sie verlieben können, wenn das überhaupt möglich gewesen wäre. „Du bist also wegen Weihnachten zurückgekommen“, bemerkte er vorsichtig.

Sie hatte vor, in Mustang Creek zu bleiben, doch er wollte nicht preisgeben, dass er informiert war, wollte nicht eingestehen, dass er ihre Einträge in den sozialen Netzwerken verfolgt hatte. Er hatte ein Auge darauf gehabt, ob sie mit einem Mann zusammen war, während er in Idaho lebte, und hatte keinen Hinweis auf irgendetwas Ernstes gefunden, nicht ein einziges Foto, keine neckische Nachricht. Hier und da fanden sich Fotos von ihr und ihren Freunden, aber entweder war sie zurückhaltender als die meisten seiner Freunde, oder sie hatte tatsächlich keine Beziehung gehabt.

Er vermutete Letzteres. Das gab ihm Hoffnung.

„Ich gehe nicht zurück nach New York“, erwiderte sie ausdruckslos und zog ein Paar kurze Stiefel an. Sie stand auf und warf ihr Haar zurück. „Tante Geneva braucht mich, also bleibe ich hier.“

„So ein Zufall“, sagte er. Schon wieder dieses Wort. „Auch ich bleibe hier.“

„Zufall, wie?“ Charlotte wirkte skeptisch und ein bisschen fasziniert. „Da müssen wir uns wohl oder übel darauf einigen, dass diese Stadt doch groß genug für uns beide ist.“ Es war schwer, unschuldig auszusehen, wenn man nur Boxershorts trug, während die eigene Traumfrau im selben Zimmer vor einem stand. Jax zupfte das Laken zurecht. „Ich habe Nate im College kennengelernt. Da er jetzt als Partner in Tate Calders Pferdezucht eingestiegen ist, braucht er einen Mitarbeiter für seine Praxis. Also, ja, vielleicht ist es Zufall, dass mein Studienfreund in deiner Heimatstadt lebt. Ich habe mich daran erinnert, wie du die Gegend beschrieben hast, und als er mir vorschlug, mit einzusteigen, habe ich die Chance ergriffen.“

Bei ihrer Antwort fragte sich Jax, ob sie seine Erklärung überhaupt gehört hatte. „Wir werden beide in Mustang Creek leben“, sagte sie. Es klang resigniert, doch er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht recht deuten.

„O ja. Vielleicht können wir mal zusammen essen gehen. Auf deine Rechnung.“

„Träum weiter, Cowboy.“ Charlotte fischte eine kleine rote Mütze aus ihrem Koffer und zog sie auf.

Ihre Tante hatte sie gehäkelt, dachte er sich. Die Mütze wirkte selbst gemacht, und Charlotte sah entzückend aus.

Die Frau, die er in New York gekannt, die stets Designer-Outfits und teure Schuhe getragen hatte, die Frau, die er Charlie genannt hatte, hätte sich nie im Leben diese Mütze aufgesetzt, zumindest nicht in der Stadt.

Niedlich war das einzige Wort, das ihm dazu einfiel, und es brachte ihn zum Lachen. Charlie, das urtypische Stadtmädchen – niedlich? Was für ein Gedanke. „Wir haben die Nacht zusammen verbracht, kann also schon sein, dass du mir eine Einladung zum Essen schuldig bist. Ich mein ja nur.“

Sie wies auf ihr Bett, und er hätte schwören können, dass ein gewisses Glimmen in ihren Augen war. „Ich habe hier geschlafen und du da drüben. Und das bedeutet, wir haben nicht ‚die Nacht zusammen verbracht‘, jedenfalls nicht im strengsten Sinne des Wortes.“

„Du hast recht“, sagte er augenzwinkernd.

„Jax, könntest du bitte für eine Sekunde aufhören, mich so zu verwirren?“

Er imitierte den Cowboy-Jargon so gut er konnte. „Will’s versuchen, aber, Darling, du machst es mir schwer.“

Irgendetwas in seinem Tonfall oder Verhalten musste wohl einen Nerv getroffen haben, denn sie wurde rot. Trotz ihres Großstadtschliffs war Charlotte nach wie vor ein Kleinstadtmädchen. Hastig sagte sie: „Ich muss los. Ich kenne diese Mrs. Klozz noch nicht, die Tante Geneva hilft, aber sie hat offenbar kein Handy. Wahrscheinlich weiß sie nicht einmal, dass ich in der Stadt bin. Außerdem muss ich im Haus und bei den Tieren nach dem Rechten sehen und dann Tante Geneva besuchen.“

„Bleib nicht im Schnee stecken.“

Mit ihrem Rollkoffer auf dem Weg zur Tür knurrte sie: „Ich gebe mein Bestes.“

3. KAPITEL

Das alte Haus war tief verschneit, wirkte jedoch warm und einladend. Ein geschmückter Weihnachtsbaum stand eingerahmt im großen Fenster zur Straße, und Charlotte hätte jedes einzelne Stück des geliebten Christbaumschmucks in allen Einzelheiten beschreiben können.

Sie lächelte über die blaue Kugel, auf der eine Kleinstadt abgebildet und in schnörkeligen weißen Buchstaben „Stille Nacht“ aufgedruckt war. Über die Spiralen aus Milchglas in verschiedenen Farben. Das funkelnd rote Rentier, das sie mit zwölf von ihrem Babysitter-Gehalt gekauft und in den Baum gehängt hatte, erfreut darüber, etwas beitragen zu können. Es hatte wirklich nicht zu dem antiken Weihnachtsschmuck gepasst, doch Tante Geneva war begeistert gewesen, hatte Charlotte fest umarmt, und bei der Erinnerung an Genevas warme, bedingungslose Annahme blieb Charlotte noch ein paar Minuten mit Tränen in den Augen im Auto sitzen. Es war schwer.

Sehr schwer.

Jetzt hätte Geneva auf die Veranda kommen müssen, wie immer mit vorgebundener Schürze, um ihr mit leuchtenden Augen zuzuwinken.

Okay, lass das. Das Leben änderte sich, das wusste Charlotte. Ihre Tante war in den Achtzigern und hatte im Lauf der Zeit viele Weihnachtsfeste erlebt. Sie beide hatten so viele schöne Erinnerungen miteinander geteilt; Charlotte weigerte sich, diese durch Kummer zu verderben. Sie stieg aus und schlug die Autotür zu, wobei ihr auffiel, dass irgendjemand, vermutlich Mrs. Simpson von nebenan, den Schnee auf der Zufahrt geräumt hatte.

Sie brauchte dann doch keinen Schlüssel.

Die Haustür mit den facettierten Glasscheiben ließ sich problemlos öffnen. Sogleich schlug ihr ein Duft von Zimt und Nelken entgegen, und Charlotte war klar, dass jemand zu Hause war und Plätzchen backte.

Es fühlte sich sehr wie Heimkommen an – sogar ohne Tante Geneva.

„Hallo“, rief sie vorsichtig, um niemanden zu erschrecken.

Mutley kam angerannt, sprang an ihr hoch und bellte aufgeregt. Ein Rassehund war er eindeutig nicht, eher eine Mischung aus etwa einem halben Dutzend verschiedener Arten. Sie freute sich, mit solch einer hemmungslosen Begeisterung empfangen zu werden. Can-Can lag zusammengerollt auf ihrer Decke auf dem Sofa, hob den Kopf und gähnte katzenhaft. Dann lächelte sie auf ihre Art, bevor sie sich wieder ihrem Nickerchen hingab.

Beiden Tieren ging es gut. Das war auf jeden Fall schon mal eine Erleichterung. Charlotte versicherte Mutley, dass auch sie ihn liebte, wehrte noch ein paar Hundeküsse ab, dann stellte sie ihren Koffer ab und versuchte es noch einmal. „Ähm, hallo?“

„Hallo, meine Liebe.“ Die Frau, die aus der Küche wuselte, war klein und vollschlank, hatte weißes Haar, strahlende Augen und ein ansteckendes Lächeln. „Ich habe dich erwartet. Das war ein ziemlich heftiger Sturm, nicht wahr? Ich habe Kaffee gekocht, und es gibt warmen Streuselkuchen und Zimtschnecken. Das ist ein neues Rezept, ich benötige dein Urteil.“

Charlotte versuchte eine halbförmliche Vorstellung. „Ich bin Charlotte.“

„Natürlich, Kindchen.“

„Hat Tante Geneva Ihnen gesagt, dass ich komme?“ Sie hatte nicht einmal ihrer Tante Bescheid gegeben, dass sie unterwegs war, für den Fall, dass ein Flug Verspätung hatte oder ausfiel. Zumindest hatte sie keinen bestimmten Tag angegeben; dass sie Weihnachten in Mustang Creek verbringen würde, verstand sich von selbst.

„Nein, Liebes, hat sie nicht. Aber überall finden sich Bilder von dir, deshalb war es nicht besonders schwer, dich zu erkennen. Du bist tatsächlich so hübsch wie auf den Fotos.“ Die ältere Frau lächelte. „Der Kuchen ist noch warm. Hast du Hunger?“

Leicht verwirrt folgte Charlotte der Frau in die vertraute Küche. Sie hatte wirklich Hunger. Ihre letzte Mahlzeit, ein abgepacktes Sandwich am Flughafen, hatte sie gestern Nachmittag zu sich genommen. Und der Gewürzduft versprach etwas so Besonderes, dass ihr das Wasser im Mund zusammenlief. „Ja, habe ich. Hier riecht es ja köstlich.“

Die altmodische Küche war makellos wie immer, mit den gewohnten Rüschengardinen vor dem Fenster, dem vertrauten Holztisch und dem uralten, summenden Kühlschrank.

„Ich bin ziemlich sicher, dass mir der Kuchen gelungen ist, aber ich versuche immer noch, meine Zimtschnecken zu perfektionieren.“ Millicent Klozz sauste zu dem alten Backofen. Die Klappe knarrte wie gewohnt, als sie sie öffnete und ein Blech herauszog. „Man möchte meinen, in meinem Alter würde ich es aus dem Effeff beherrschen, aber ich finde, das Leben verlangt von uns, dass wir uns immer noch mehr abverlangen, meinst du nicht auch?“ Energisch fegte sie zwischen Backofen und Tisch hin und her und deckte zwei Teller auf. „Ich möchte eine ehrliche Meinung. Zu viel Vanille im Guss? Das ist meine größte Sorge.“ Sie setzte sich. „Na, was macht dein junger Mann heute?“

Ihr was?

„Wie bitte?“

Mrs. Klozz reichte ihr einen Teller mit einer Zimtschnecke und eine Gabel und neigte den Kopf zur Seite. „Du weißt schon, der junge Mann. Der große, gut aussehende.“

Charlotte hätte sich beinahe an einem Bissen von dem Gebäck verschluckt. Als sie sich von ihrem Hustenanfall erholt hatte, stieß sie hervor: „Ich habe gar keinen jungen Mann.“

„O doch, doch. Den mit den blauen Augen.“ Millicent Klozz winkte ab. „Er ist Tierarzt, oder? Ja. Stimmt, jetzt erinnere ich mich. Ich will ja nicht altmodisch erscheinen, aber du warst letzte Nacht mit ihm zusammen, mein Fräulein. Wir sind hier in Mustang Creek.“

Der Vanillegehalt im Zuckerguss ist genau richtig, dachte Charlotte, obwohl das nicht zur Debatte stand.

Ja, sie lebten hier in einer sehr kleinen Stadt, trotzdem … Wie viele Leute mochten in einem derartigen Sturm draußen unterwegs gewesen sein, um Tratsch zu verbreiten?

Sie schüttelte einen Anflug von … was auch immer ab.

„Ich habe mir ein Zimmer mit Jax geteilt, weil ich keine andere Wahl hatte. Es war so spät, ich wusste, dass Sie schon schlafen würden, und das Wetter war grauenhaft. Auf jeden Fall ist er nicht mein junger Mann.“ Moment, hörte sie sich bissig an? Als müsste sie sich verteidigen? Hoffentlich nicht. „Die Schnecke ist übrigens köstlich. Nicht zu viel, nicht zu wenig Vanille. Danke.“

Mrs. Klozz’ Augen funkelten geradezu, und sie tat Charlottes Dank gutmütig lächelnd und mit einer Handbewegung ab. Dann preschte sie in ihrer Begeisterung über die Geschichte, die sie sich zusammenreimte, weiter vor: „Er ist dir hierher gefolgt. Wie romantisch! Was hast du jetzt vor?“

Wow. Die Buschtrommeln funktionierten offenbar prächtig.

War Jax ihr tatsächlich nach Mustang Creek gefolgt? Charlotte hatte den Verdacht, doch er hatte es nicht offen ausgesprochen – oder doch? Er war ausdrücklich in die Stadt gekommen, um in die Tierarztpraxis seines Freundes einzusteigen; so zumindest hatte sie ihn verstanden.

Neben ihr gab Mutley ein ganz leises, flehendes Winseln von sich. Sie beachtete ihn nicht. Tante Geneva hielt nichts davon, dass Haustiere beim Essen bettelten. Doch Charlotte hatte ihm früher hin und wieder heimlich ein Bröckchen gegeben, sobald sie ihre Mahlzeit beendet hatte. Seine schlechten Angewohnheiten könnten also durchaus ihre Schuld sein.

Charlotte wurde bewusst, dass ihr eine Frage gestellt worden war, und antwortete mit ein wenig Verspätung. „Ich habe überhaupt nichts vor“, sagte sie. „Jax hat sein Leben und ich habe meins. Mustang Creek ist zwar klein, aber das heißt nicht, dass wir wie Kletten aneinanderhängen müssen.“

Große Worte.

Mrs. Klozz hörte anscheinend gar nicht zu. Sie griff nach einer Zimtschnecke, biss ein winziges Stück ab und kaute versonnen. „Vielleicht etwas mehr braunen Zucker in die Füllung? Rosinen? Da zögere ich immer. Nicht jeder mag Rosinen. Sie sind gewöhnungsbedürftig.“ Pause. „Was meinst du?“

Charlotte wollte lachen. Sie mochte diese Frau jetzt schon. „Zu braunem Zucker oder Rosinen? Die Schnecken sind köstlich, so, wie sie sind.“

„Nein, nein, Liebes, ich spreche von Jaxon Locke. Weich nicht vom Thema ab.“ Wieder eine Pause. „Also … was hast du zu diesem jungen Mann zu sagen?“

Mrs. Klozz war liebenswert und ziemlich exzentrisch. Wo hatte Tante Geneva sie bloß gefunden?

Mittlerweile strahlte Mrs. Klozz und bot ihr noch eine Zimtschnecke an.

Charlotte griff zu. Allmählich war sie satt, doch das Gebäck gehörte zum Feinsten, was sie je gekostet hatte. „Ich … ähm, was Jax betrifft, kann ich nicht viel sagen“, nahm sie den Gesprächsfaden wieder auf.

Millicent wies mit der Gabel in Charlottes Richtung. „Er steigt in die Praxis ein und übernimmt zunächst einmal die Behandlung der Kleintiere. Apropos, wir müssen Mutley und Can-Can hinbringen und ihnen die Krallen schneiden lassen. Tut mir leid, dass ich dir die Aufgabe überlasse, aber ich kann den Ausdruck auf ihren pelzigen Gesichtern kaum ertragen, wenn ihnen klar wird, wohin die Reise geht. Tiere sind so sensibel. Würde es dir etwas ausmachen, Liebes?“

Mutley, ganz Sensibelchen, kratzte sich in diesem Augenblick und zerstörte damit alles. Mrs. Klozz ignorierte sein wenig ansprechendes Benehmen.

„Von seinen genauen Plänen habe ich nichts gewusst“, sagte Charlotte und stopfte sich eine halbe Schnecke in den Mund. „Von Jax’ Plänen, meine ich“, fügte sie kauend hinzu.

Sie sprachen doch jetzt über Jax, oder? Millicent Klozz nahm eine verbale Haarnadelkurve nach der anderen, daher war es schwer zu sagen.

Da für sie der Gang zum Tierarzt offenbar geklärt war, steuerte sie das Gespräch in eine weitere Kurve. „Der Arzt sagt, Geneva kann an Weihnachten heimkommen“, verkündete sie. „Ach du liebe Zeit, ich muss noch mehr backen. Dann kann ich den anderen Patienten Plätzchen mitbringen. Dass die liebe Geneva nach Hause darf, heißt ja nicht, dass auch alle anderen so viel Glück haben. Bist du dir sicher mit der Glasur?“

Sie sah besorgt aus, und da Charlotte noch den Mund voll hatte, nickte sie nur.

„Na gut.“ Millicent lehnte sich zurück und seufzte. „Ich liebe dieses alte Gebäude. Es ist so gemütlich, nicht wahr? Das trifft es genau. Gemütlich. Ich bin so froh, dass du hier bist, Charlotte. Ich bin hier bis auf Mut und Can-Can ganz allein herumgegeistert und brauchte dringend Gesellschaft.“

Jax fegte den Schnee von seiner Windschutzscheibe und versuchte, sich aufzumuntern. Sicher, Charlie war am Morgen blitzschnell abgehauen, hatte nicht zum Frühstück bleiben wollen, doch es wäre unsinnig, da etwas hineinzuinterpretieren, was gar nicht zutraf.

Vielleicht hatte sie bei seinem Treffen mit Nate nicht einfach dabeisitzen und warten wollen, und wer konnte ihr das verübeln?

Sie würden sich schon bald wiedersehen. Davon war er überzeugt.

Er war nach Mustang Creek gekommen, um Charlotte wiederzufinden. Das war ihm gelungen. Der Job war eine Zugabe, zumal er ihm einen legitimen Grund dafür bot, hier zu sein, doch er konnte nicht abstreiten, dass sie der wahre Grund war.

Okay, die vergangene Nacht war nicht die Nacht seiner Träume gewesen, obwohl sie ihr näher kam als alle anderen Nächte des vergangenen Jahres.

Was soll’s, dann war er eben nicht dazu gekommen, sie in den Arm zu nehmen, oder gar, sie zu küssen, oder …

Vermutlich hatte alles seine Kehrseite.

Immerhin war er mit Charlotte zusammen gewesen. Sie beide ganz allein …

Wie auch immer, das Letzte, was er wollte, war, sie zu bedrängen.

Fürs Erste war er froh, sich im selben Teil des Landes wie sie aufzuhalten. Irgendwann mitten in der Nacht hatte er sich umgedreht, hatte nur dagelegen und auf ihr leises Atmen in der Dunkelheit gelauscht, das hatte ihm gereicht. Er hätte nichts dagegen, ihr beim nächsten Mal noch ein bisschen näher zu sein, aber das war schon mal ein Anfang.

Die Besprechung mit Nate war ebenfalls gut verlaufen. Seine florierende Praxis brauchte ein weiteres Paar helfender Hände. Jax hatte Erfahrung sowohl mit großen als auch mit kleinen Tieren, also mit Vieh ebenso wie mit den typischen geliebten Haustieren, und die neue Übereinkunft schien allen gerecht zu werden. Ginge es nicht um Charlotte, wäre er dann in Idaho geblieben, um irgendwann die Praxis seines Vaters zu übernehmen? Wahrscheinlich. Doch dann war sein Vater derjenige gewesen, der ihn mit dem für ihn typischen warmherzigen Lächeln ermutigt hatte, Charlottes Spur zu folgen. „Jax, mir kommt es so vor, als könntest du Charlotte nicht vergessen, und ich weiß, dass du es versucht hast“, hatte er gesagt. „Ich denke, du solltest mal einen Abstecher nach Wyoming machen.“

Tja, er war in Mustang Creek, er hatte Arbeit, und jetzt musste er das Mädchen erobern.

Auftrag noch nicht ganz erfüllt, aber zwei Drittel davon hatte er bereits hinter sich gebracht.

Die Praxis war ein niedriges, weitläufiges Gebäude, an dem ein schlichtes Schild angebracht war und dessen Parkplatz groß genug für Anhänger war. Im Inneren war es erstaunlich modern, mit Computern am Empfang und einem voll ausgestatteten Operationssaal. Nate war jung und unternehmungslustig, genau so, wie Jax ihn aus der Studienzeit in Erinnerung hatte.

Begeistert führte Nate ihn herum. „Hier sind die Zwinger.“ Er zeigte in die entsprechende Richtung. „Und wir haben ausgezeichnete Pfleger. Sie lieben Tiere und sorgen dafür, dass diese sich in der fremden Umgebung so wohl wie möglich fühlen. Ich muss dich warnen: An Heiligabend haben wir eine Adoptionsaktion zur Rettung von Tieren laufen, gleich hier um die Ecke. Das wird eine anstrengende Nacht. Ich hoffe, das macht dir nichts aus. Ist natürlich freiwillig. Falls du schon etwas vorhast, habe ich volles Verständnis.“

Er hatte nichts vor, würde zum Fest nicht zurück nach Idaho fahren. Seinem Dad würde es an nichts fehlen; er verbrachte wie jedes Jahr die Feiertage mit seinem älteren Bruder, Jax’ Onkel Seth, also wäre er nicht allein. Die beiden Männer verbrachten Heiligabend gewöhnlich damit, sich Geschichten zu erzählen und bei Eierpunsch in Erinnerungen zu schwelgen. Jax hatte dieses zwanglose Treffen immer genossen, weil es den alten Herren so viel Freude bereitete, doch dieses Jahr würde er passen. Schließlich hatte er eine neue Stelle; außerdem hatte er die alten Kamellen schon zigmal gehört.

Trotzdem wurde er ein bisschen wehmütig, wenn er an seine Familie dachte. Am ersten Weihnachtstag versammelte sich die ganze Mannschaft im Haus seiner Tante, wo das absolute Chaos ausbrach. Aufgeregte Enkelkinder tobten herum, zu viele Frauen drängten sich in der Küche, hier und da lagen Geschenkpapierfetzen auf dem Boden …

Das würde ihm fehlen. Allerdings war er von all den Cousins und Cousinen als Einziger noch nicht verheiratet. Niemand gab ihm das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, doch er fühlte sich so, besonders, wenn man am Esstisch Platz nahm, jeweils neben seinem Ehemann oder seiner Ehefrau, und gemütlich plauderte. Jedes Mal kam dann zwangsläufig die Frage auf: „Na, Jax, hast du eine Freundin?“

„Diese Tier-Rettungsaktion an Heiligabend ist eine großartige Idee“, sagte Jax und meinte es ernst. Gewöhnlich redete er niemandem zu, mitten im Festtagstrubel ein neues Haustier einzuführen, doch er wusste, dass Nate eine Art Prüfverfahren vorschalten würde. Und die Notwendigkeit, ein gutes Zuhause für ansonsten ungewollte Tiere zu finden, bestand das ganze Jahr über. „Ich bin dabei.“

„Danke.“ Nate warf einen Blick auf sein Handy. „Wir sehen uns um vier Uhr bei mir. Ich muss nach einem Husky schauen, der heute Vormittag am Bein operiert worden ist, und dann muss ich raus zur Ranch der Calders, weil eine unserer Stuten fohlen will. Es ist fast wie ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk.“

Jax ging hinaus zu seinem Pick-up.

Vielleicht brauchte Charlotte ein Kätzchen. Oder einen Welpen. Er hatte keine Ahnung, was er ihr sonst zu Weihnachten schenken sollte. Mit den Zuckerstangen-Socken war ihm schon jemand zuvorgekommen, und auch der Pyjama mit den pinkfarbenen Kätzchen war bereits abgehakt. Darüber musste er unwillkürlich grinsen.

Ein Haustier wäre vielleicht kein so übles Geschenk, aber es war unfair, jemandem ein Tier zu schenken, der womöglich gar nicht bereit war, eine solche Verpflichtung einzugehen. Allerdings könnte er sich selbst um den Vierbeiner kümmern, falls sie beschließen sollte, wieder nach New York zu ziehen …

Er hoffte, dass sie blieb.

Charlie war eine sonderbare Mischung aus Mädchen vom Lande und Großstadtfrau. Er hatte sich in die Großstadtfrau verliebt, und jetzt wollte er das Mädchen vom Lande kennenlernen. Am Morgen, in Jeans und lässigem Pullover, hatte sie ausgesehen, als wäre sie zu Hause. Noch besser wäre es gewesen, wenn er ihr beides hätte ausziehen und mit ihr hätte schlafen können. Er hoffte, dass die Zukunft dieses Szenario noch für ihn bereithielt.

Apropos Zukunft … Er hatte Arbeit, brauchte aber auch noch eine Unterkunft. Auf Nates Sofa zu schlafen, was dieser ihm für heute Abend angeboten hatte, war auf kurze Sicht okay. Doch er würde es bald satthaben, und Nate ebenfalls. Das Hotel war in Ordnung, jedoch unpersönlich. Dort würde er nicht wohnen.

Es war an der Zeit, sich nach einem Haus oder einer Wohnung umzusehen.

Also stieg er in seinen Pick-up, startete den Motor und rief Charlie an. Das erforderte Kraft. Sie meldete sich nicht, also hinterließ er eine Nachricht. „Hier ist Jax. Ich brauche eine Wohnung und wüsste gern, ob du mir eine empfehlen kannst.“

Zwei Minuten später rief sie an. Zumindest zeigte das Display ihre Nummer.

Nur dass die Stimme, die sich dann meldete, nicht Charlottes war. „Jaxon Locke?“

„Äh, ja.“

„Oh, schön. Charlotte hat versehentlich ihr Handy liegen lassen. Sie war wohl in Eile. Ich kann mit den Dingern umgehen, aber sie sind nicht alle gleich, wissen Sie, daher ist diese Behauptung fraglich. Ich muss wohl die richtigen Tasten gedrückt haben.“ Kurze Pause. „Ich bin so froh, dass Sie hier sind.“

Jax nahm das Handy vom Ohr, sah es zweifelnd an und klinkte sich dann wieder in das Gespräch ein. „Ich auch. Ich weiß nicht recht, mit wem ich rede. Charlie erwähnte … Sind Sie zufällig Mrs. Klozz?“

„Nenn mich Millicent, mein Lieber.“

Nenn sie Millicent. „Also, Charlie – Charlotte – ist momentan nicht zu Hause?“

„Sie ist außer Haus“, kam die Antwort. „Ich richte ihr aus, dass du angerufen hast.“

Alles gut und schön, aber Jax verstand immer noch nicht, warum Mrs. Klozz – Millicent – sich die Mühe machte, einen Anruf für eine andere Person zu beantworten.

„Okay“, sagte Jax gedehnt. „Entschuldigen Sie die Störung.“

„Na, keine Sorge“, setzte Millicent die wirre Unterhaltung fort. „Du störst mich nicht. Kein bisschen.“ Sie atmete hörbar durch. „Ich wollte unbedingt auf deine Anfrage reagieren. Du solltest einfach hier wohnen. Wir haben jede Menge Platz.“

Jax’ Verstand setzte aus. „Was?“

Millicents Tonfall klang mitfühlend. „Das Haus ist groß, und wir könnten einen Mann gut gebrauchen. Ich kann diese blöde Tür zum Bad im ersten Stock nicht reparieren – jene, die nicht richtig schließt. Und ich habe es weiß Gott versucht. Es gibt noch ein paar andere kleine Probleme, die du sicher besser lösen könntest als ich, also warum ziehst du nicht bei uns ein? Es wäre doch albern, irgendwo anders Miete zu bezahlen.“

Endlich fiel der Groschen. Und er konnte sich gut vorstellen, wie Charlotte auf diese Idee reagieren würde. „Ma’am, das ist sehr freundlich von Ihnen, aber …“

„Sag Millicent und du“, erinnerte sie ihn. „Mir ist klar, dass man mir Bestechung unterstellen könnte, aber ich backe die tollsten Weihnachtsplätzchen.“

Das bezweifelte er nicht, dennoch …

„Hier ist die Adresse. Auch mit mir und Charlotte im Haus stehen vier Schlafzimmer leer. Sieh es doch mal so, Jaxon. Zwei hilflose Frauen, die ein wenig schutzbedürftig sind und jemanden benötigen, der eine Badezimmertür reparieren kann, würden dich sehr gern hier haben. Du brauchst ein Dach über dem Kopf, und Charlotte und du kennt euch schon. Perfekt.“

Schutzbedürftig? In Mustang Creek, Wyoming?

Zunächst einmal konnte man Charlotte Morgan kaum als hilflos bezeichnen. Außerdem war Jax zwar neu in der Stadt, doch einer Sache war er sich ziemlich sicher: Er brauchte nur eine Münze im Schnee zu verlieren, und schon würde irgendein aufrechter Bürger ihn aufspüren und sie ihm zurückgeben.

Woher kannte Millicent überhaupt seinen Namen?

Anruferkennung vielleicht. Das erklärte aber nicht, woher sie wusste, dass er eine Unterkunft suchte. Sie war sicher nicht so weit gegangen, Charlottes Sprachnachricht abzuhören. Selbst wenn sie es gewollt hätte, wie wäre sie an das Passwort gekommen?

„Wir sehen uns“, sagte Millicent leichthin und legte auf.

In diesem Moment kam Nate aus dem Haus, blieb beim Pick-up stehen und blickte Jax belustigt an.

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