×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Wicked Sexy Liar - Weil ich dich begehre«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Wicked Sexy Liar - Weil ich dich begehre« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Wicked Sexy Liar - Weil ich dich begehre

Surfen, mit den Freunden am Strand chillen - Kellnerin London macht sich ein entspanntes Leben nach dem College-Abschluss. Eine Beziehung ist das Letzte was sie will - doch nach einer heißen Nacht mit dem verführerischen Player Luke ist sie sich dessen plötzlich nicht mehr so sicher …
Normalerweise wechselt Luke die Frauen wie andere die Boxershorts. Aber das mit London ist etwas Besonderes. Seit der Trennung von seiner Ex war er nicht mehr so verliebt. Doch Luke muss vorsichtig sein … denn er hat eine Vergangenheit, die alles zerstören könnte!
"Christina Lauren verpasst einem klassischen Thema einen modernen Twist. Es ist herrlich zu beobachten wie die männliche Schlampe Luke sich ausgerechnet in die beziehungsscheue London verliebt."
Romantic Times Book Reviews
"Eine supersexy, ausgefeilte Romance, die auf perfekte Art und Weise die Lust, den Kick und die Zweifel junger, moderner Liebe darstellt." Kirkus Reviews
  • Erscheinungstag: 06.03.2017
  • Aus der Serie: Wild Seasons
  • Bandnummer: 4
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955766214
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christina Lauren

Wicked Sexy Liar –
Weil ich dich begehre

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Tilly Johansson

MIRA® TASCHENBUCH

image

Copyright © 2017 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH
Deutsche Erstveröffentlichung

Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Wicked Sexy Liar

Copyright © 2016 by Christina Hobbs and Lauren Billings

Erschienen bei: Gallery Books, New York

All rights reserved including the right of reproduction
in whole or in part in any form.

This edition is published by arrangement with Gallery Books,
a division of Simon & Schuster, Inc., New York.

Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Umschlagabbildung: Simon & Schuster iStock

Redaktion: Maya Gause

ISBN eBook 978-3-95576-621-4

www.mira-taschenbuch.de

Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit
lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. Kapitel

LONDON

Wenn man eine Weile keinen Sex hatte, geschieht so einiges mit einem. Man schaut sich einen Liebesfilm an und stößt während der Kussszenen unfreiwillig sonderbare Laute aus – Laute, die irgendwo zwischen einem Schnauben und einem hörbaren Augenverdrehen liegen, und vom anderen Ende der Couch bekommt man dann fast immer ein Kissen zugeworfen. Man kann, ohne groß nachzudenken, sofort mindestens drei Onlineshops für Sexspielzeug aufzählen und präzise wiedergeben, wie schnell und verlässlich die Artikel zugestellt werden. Wenigstens zwei dieser drei Internetadressen generieren sich automatisch, nachdem man nur einen einzigen Buchstaben in das URL-Feld eingetippt hat, und man ist immer der Mitbewohner, von dem erwartet wird, die Batterien in der Fernbedienung, im Handstaubsauger oder in der Taschenlampe auszutauschen.

Was natürlich lächerlich ist, denn eigentlich weiß doch jeder, dass die besten Sexspielzeuge ein Kabel haben und wiederaufladbar sind. Amateure.

Man wird gut im Masturbieren. Richtig gut. Olympiareif. Und wenn man einmal an diesem Punkt angelangt ist, kann man es sich eigentlich nur noch selbst besorgen, denn wie soll ein Kerl mit deiner eigenen Hand oder mit einem Vibrator mit 120 Volt und siebzehn einstellbaren Geschwindigkeiten konkurrieren?

Die Nebenwirkungen einer ungevögelten Vagina sind besonders auffällig, wenn man fortwährend von drei Pärchen umgeben ist, die widerwärtig glücklich miteinander sind. Meine Mitbewohnerin, Lola, und ihre besten Freundinnen Harlow und Mia haben ihre besseren Hälften an einem total durchgeknallten Wahnsinnswochenende in Las Vegas kennengelernt; im wahren Leben gibt es so etwas Verrücktes eigentlich gar nicht. Inzwischen sind Mia und Ansel verheiratet und können trotzdem nicht voneinander lassen. Harlow und Finn scheinen Sex per Blickkontakt zu beherrschen. Und Lola und ihr Freund Oliver stecken in der Anfangsphase ihrer Beziehung, in der man sich dauernd betatscht und es ständig zu spontanem Sex kommt. Aus Kochen wird Sex. Sie gucken The Walking Dead? Offenbar macht sie das scharf. Wieder Zeit für Sex. Manchmal kommen sie zur Tür herein, sagen kurz ein paar Worte, dann sehen sie sich an und schwupps – schon wird gevögelt.

Wir haben dünne Wände, und ich bekomme alles mit. Oliver ist laut, und ich hatte keine Ahnung, dass das M-Wort in Australien so häufig gebraucht wird. Gut nur, dass ich die beiden so gernhabe.

Gott, das tue ich wirklich. Ich habe Lola in einem Kunstkurs an der UCSD, der University of California kennengelernt, und obwohl wir nicht regelmäßig miteinander rumhingen, bis sie letzten Sommer meine Mitbewohnerin wurde, habe ich das Gefühl, sie schon ewig zu kennen.

Ich höre, wie sie durch den Flur schlurft, und lächle. Sie kommt herein, die Haare verstrubbelt, das Gesicht noch gerötet.

„Oliver ist gerade gegangen“, sage ich zu ihr zwischen zwei Löffeln Raisin Bran. Vor zehn Minuten ist er aus der Wohnung gestolpert, genauso zerzaust wie sie, ein schiefes Grinsen im Gesicht. „Ich habe ihn abgeklatscht und ihm für unterwegs eine Flasche Gatorade mitgegeben. Nach eurem Sexmarathon muss er total dehydriert sein. Im Ernst, Lola, ich bin beeindruckt.“

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Lolas Wangen noch röter werden können. Die Wette hätte ich verloren.

„Sorry“, sagt sie und lächelt verlegen hinter der Küchenschranktür hervor. „Du bist bestimmt total angepisst von uns, aber ich fliege bald nach L. A. und …“

„Du brauchst dich nicht dafür zu entschuldigen, dass dir ein niedlicher, bildhübscher Australier jede Nacht die Seele aus dem Leib vögelt“, sage ich und stehe auf, um mein Schälchen abzuspülen. „Ich wäre enttäuscht, wenn du dir das entgehen lassen würdest.“

„Die Fahrt zu ihm nach Hause kommt mir manchmal wie eine Ewigkeit vor.“ Lola schließt den Küchenschrank und starrt nachdenklich ins Leere. „Das ist verrückt. Wir sind verrückt.“

„Ich wollte ihn überreden zu bleiben“, sage ich ihr. „Ich bin den ganzen Tag draußen, und abends muss ich arbeiten. Ihr hättet das Apartment für euch allein gehabt.“

„Du arbeitest heute schon wieder?“ Lola schenkt sich ein Glas Orangensaft ein und lehnt sich an den Tresen. „Das geht nun schon die ganze Woche so.“

Ich zucke mit den Schultern. „Fred braucht jemanden, und ein paar zusätzliche Schichten schaden nicht.“ Ich trockne das Schälchen ab und stelle es weg. „Du musst doch auch irgendwelche Zeichnungen fertig machen, oder?“

„Ja, aber ich würde lieber ein bisschen rumgammeln … Du bist ständig am Strand oder arbeitest im …“

„Und du hast einen arschgeilen Freund und hebst jobmäßig ab wie eine Rakete“, sage ich. Lola ist wahrscheinlich der meistbeschäftigte Mensch, den ich kenne. Wenn sie nicht an ihrem neuen Comic, Junebug, arbeitet oder den Set für die Verfilmung ihres ersten Comics, Razor Fish, besucht, düst sie nach L. A. oder New York oder wo auch immer das Filmstudio oder ihr Verleger sie hinschicken. „Ich wusste, dass du heute arbeiten und den Abend wahrscheinlich mit Oliver verbringen wollen würdest.“ Ich tätschele ihre Schulter und füge an: „Außerdem, was kann man an einem schönen Tag wie diesem Besseres tun, als zu surfen?“

Sie grinst mich über den Rand ihres Glases hinweg an. „Keine Ahnung … sich mit einem scharfen Typen treffen?“

Schnaubend schließe ich den Küchenschrank. „Du bist süß.“

„London“, sagt sie und nagelt mich mit ihrem Blick fest.

„Lola“, erwidere ich.

„Oliver meinte, ein Freund aus Australien würde in die Stadt kommen. Vielleicht sollten wir zu viert was unternehmen.“ Sie senkt den Blick und tut so, als hätte sie etwas Faszinierendes an ihren Fingernägeln entdeckt. „Vielleicht ins Kino gehen oder so.“

„Keine Kuppeleien, bitte“, sage ich. „Meine Herzallerliebste, dieses Gespräch haben wir schon mindestens zehnmal geführt.“

Lola grinst erneut, und ich wende mich lachend ab, will die Küche verlassen. Aber sie lässt nicht locker.

„Ich mache mir ja nur Sorgen um dich“, sagt sie. „Du bist immer allein und …“

Ich winke ab. „Allein heißt nicht gleich einsam.“ Denn so reizvoll der Gedanke an Sex mit einem Menschen aus Fleisch und Blut auch sein mag, die unvermeidlichen Dramen, die damit einhergehen, sind es nicht. Mein Sozialleben ist auch so schon voll genug, mit Lola und ihrem ständig größer werdenden Freundeskreis und all den Bekannten drum herum. Ich komme kaum noch hinterher, mir all die Namen zu merken. „Hör auf, einen auf Harlow zu machen.“

Lola runzelt die Stirn, während ich mich vorbeuge und ihr ein Küsschen auf die Wange drücke.

„Mach dir keine Sorgen um mich“, sage ich und schaue auf die Uhr. „Ich muss los, in zwanzig Minuten kommen die guten Wellen.“

Nach einem langen Tag am Wasser stelle ich mich hinter den Tresen des Fred’s und binde mir eine Schürze um. Fast alle nennen die Bar wegen des Namens des Besitzers, Fred Furley, liebevoll „Regal Beagle“, wie die Bar in der Fernsehserie Three’s.

Das Trinkgeldglas ist etwas mehr als halb voll, was bedeutet, dass es gut läuft, aber nicht dermaßen brummt, dass Fred Verstärkung herbeitelefonieren müsste. An einem Ende des Tresens sitzt ein Pärchen und unterhält sich leise, vor ihnen stehen halb volle Weingläser. Sie sind so in ihr Gespräch vertieft, dass sie kaum aufschauen, als ich an ihnen vorbeigehe. Am anderen Ende sitzen vier ältere Frauen. Schicke Klamotten, fällt mir auf, und noch schickere Handtaschen. Sie lachen. Wahrscheinlich sind sie hier, um etwas zu feiern, was bedeutet, dass sie mächtig Spaß haben und gutes Trinkgeld geben werden. Ich nehme mir vor, in einigen Minuten zu ihnen hinüberzugehen.

Im hinteren Teil des Raums wecken Gelächter und Gejohle meine Aufmerksamkeit, und ich sehe, wie Fred einer Gruppe von Männern am Billardtisch Biere bringt. Da er sich selbst um die Gruppe kümmert, beginne ich, den Getränkevorrat zu checken.

Ich arbeite erst seit gut einem Monat im Fred’s, und der Laden gefällt mir total, die Arbeit geht mir locker von der Hand. Es gibt Buntglaslampen, behagliches Holz und runde Nischen mit ledergepolsterten Sitzbänken. Das Ganze ist längst nicht so abgeranzt wie der Tanzclub, in dem ich während meiner letzten beiden Collegejahre jobbte. Trotzdem gibt es auch hier manchmal unangenehme Gäste, ein unvermeidlicher Nachteil bei dieser Art von Arbeit. Nicht dass ich besonders attraktiv oder gar die schönste Frau im Laden wäre, aber sogar grundanständige Männer vergessen zuweilen ihre Manieren, wenn sie eine Frau auf dieser Seite des Tresens stehen sehen. Als einzige Bedienung muss ich viel herumrennen und zwischendrin die Drinks mixen, aber Fred ist ein toller Chef, mit dem man großartig herumalbern kann. Und er ist besser als ich darin, auf den ersten Blick einen unangenehmen Gast zu erkennen.

Deshalb kümmert auch er sich um die Jungs hinten am Billardtisch und nicht ich.

Ich bin ziemlich eigen, wenn es um eine gewisse Ordnung geht; zu Beginn meiner Schicht lege ich mir die Dinge hinter dem Tresen so zurecht, wie ich es gernhabe: der Spieß für die Bons, Messer, Stößel, Saftpresse, Sparschäler, Zestenschneider, Barsieb, Barlöffel, Mixglas. Mise en place – alles hat seinen Platz.

Ich will gerade eine Frucht zerteilen, als ein Gast sich über den Tresen beugt und zwei White Russians ordert, einen mit Eis, einen ohne. Ich nicke und nehme zwei saubere Gläser aus dem Regal, als Fred hinter mir auftaucht.

„Gib Bescheid, falls dir die Burschen Probleme machen“, sagt er und nickt in Richtung der Billardtisch-Gruppe, die sich gerade lautstark über irgendein Jungsthema auslässt.

Es scheinen typische UCSD-Studenten zu sein: groß, durchtrainiert, sonnengebräunt. Einige tragen bedruckte T-Shirts, andere adrette Hemden. Während ich die Drinks mixe, schaue ich ab und an zu ihnen hinüber, und ihrer Größe, Statur und Bräune nach zu urteilen, muss es sich um Wasserpolospieler handeln.

Einer von ihnen, ein Typ mit dunklem Haar und einem markanten Kinn, an dem man sich wahrscheinlich gut reiben könnte, schaut auf, und unsere Blicke treffen sich. Er sieht gut aus – sie sehen alle ziemlich gut aus, wie ich fairerweise zugeben muss –, aber etwas an ihm lässt mich genauer hinsehen, und aus irgendeinem Grund möchte ich gar nicht mehr wegschauen. Doch er sieht leider so gut aus wie einer dieser eingebildeten Kerle, die in der Regel unerreichbar sind.

Die Erinnerung an vergangene Zeiten lässt mich sofort wegschauen.

Ich drehe mich wieder zu Fred um, nehme unter dem Tresen ein mit FÜR MEIN AUTO beschriftetes Einweckglas heraus und stelle es vor ihn hin. „Ich glaube, wir wissen, dass du dir um mich keine Sorgen zu machen brauchst“, sage ich, und er lächelt und wirft kopfschüttelnd einen Blick auf das Glas, während er ein Bier zapft. „Wir sind heute nur zu zweit?“

„Sieht so aus“, sagt er und stellt das Bier auf den Tresen. „Gibt kein großes Spiel dieses Wochenende. Wird wahrscheinlich relativ ruhig bleiben. Vielleicht haben wir Zeit, um die Vorräte aufzufüllen.“

Ich nicke, während ich die White Russians fertig mache, dann bonge ich sie ein, spüle mir die Hände ab und prüfe noch einmal, ob meine Arbeitsutensilien am richtigen Platz liegen. Ein Räuspern hinter mir lässt mich herumfahren, und plötzlich sind die Augen, die sich Sekunden zuvor noch am anderen Ende des Raumes befanden, kaum eine Armlänge von mir entfernt.

„Was kann ich für dich tun?“, frage ich, ein freundliches, professionelles Lächeln auf den Lippen. Seine Augen verengen sich, und obwohl er mich nicht von oben bis unten mustert, habe ich doch das Gefühl, dass er mich bereits abgecheckt, eine Entscheidung getroffen und mich einer bestimmten Kategorie zugeordnet hat, so wie Männer es eben tun: fickbar oder nicht fickbar. Aus meiner Erfahrung gibt es dazwischen nicht viel.

„Ich würde gern noch eine Runde bestellen“, sagt er und deutet vage über seine Schulter. Das Smartphone in seiner Hand vibriert, und er schaut darauf und tippt schnell etwas, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder mir zuwendet.

Ich ziehe ein Tablett heraus. Ich weiß nicht, was sie bestellt haben, da Fred ihnen die erste Runde gebracht hat, aber ich kann es mir denken.

„Heineken?“, frage ich.

Er runzelt die Stirn, als wäre er gekränkt, und ich muss lachen.

„Okay, also kein Heineken“, sage ich und hebe entschuldigend die Hände. „Was trinkt ihr denn?“

Von Nahem ist der Typ sogar noch hübscher: braune Augen mit Wimpern, für die Mascara-Firmen ein Vermögen verlangen, und Haare, so dunkel und dicht, dass man am liebsten seine Finger darin vergraben möchte.

Aber das alles weiß er vermutlich, und das Selbstvertrauen, das ich quer durch den Raum bemerkt habe, schwängert nun praktisch die Luft. Erneut summt sein Telefon, aber diesmal schaut er nur kurz darauf. „Wieso glaubst du, dass ich Heineken trinke?“, fragt er.

Ich lege ein paar Untersetzer auf das Tablett, zucke die Achseln und versuche, die Unterhaltung im Keim zu ersticken. „Nur so.“

Er lässt nicht locker. Er setzt zu einem Lächeln an und meint: „Sag schon, Grübchen.“

Beinahe gleichzeitig höre ich Freds „Gottverdammt!“ und strecke meine Hand aus, in die er einen raschelnden Dollarschein drückt. Süffisant stopfe ich ihn in das Einweckglas.

Der hübsche Typ beobachtet mich dabei und blinzelt mich an. „Für mein Auto?“, fragt er, nachdem er die Beschriftung auf dem Glas gelesen hat. „Was hat’s damit auf sich?“

„Nichts“, entgegne ich und deute auf die Reihe von Fassbieren: „Also, was trinkt ihr?“

„Du hast gerade einen Dollar verdient wegen irgendetwas, das ich gesagt habe, und jetzt verrätst du mir nicht mal, was es war?“

Ich schiebe mir eine lose Haarsträhne hinters Ohr, und als mir klar wird, dass er keine Bestellung aufgeben wird, solange ich seine Frage nicht beantwortet habe, gebe ich nach. „Es ist etwas, das ich ziemlich oft zu hören bekomme“, sage ich. Genau genommen habe ich es öfter gehört als meinen eigenen Namen. Ich habe tiefe Grübchen an den Wangen, und es wäre gelogen zu behaupten, dass es nicht meine liebsten und gleichzeitig meine am meisten verhassten Merkmale wären. Zusammen mit meinen sonnengebleichten – und meist vom Wind zerzausten – Haaren und meinen Sommersprossen machen sie aus mir das typische Mädchen zum Pferdestehlen.

„Fred wollte mir nicht glauben, dass ich ständig auf meine Grübchen angesprochen werde“, fahre ich fort und deute mit dem Daumen über meine Schulter. „Deshalb haben wir eine kleine Wette am Laufen: Jedes Mal, wenn mich jemand auf meine Grübchen anspricht, bekomme ich von ihm einen Dollar. Irgendwann kaufe ich mir davon ein neues Auto.“

„Nächste Woche, wenn es so weitergeht“, meckert Fred irgendwo hinter mir.

Erneut summt das Telefon des Kerls, aber diesmal kümmert es ihn nicht; er sieht nicht mal richtig hin. Stattdessen schiebt er es in seine Gesäßtasche, schaut von Fred zu mir zurück und lächelt.

Und mir verschlägt es die Sprache.

Wenn ich den Kerl bislang für hübsch gehalten habe, ist das rein gar nichts im Vergleich zu dem, was mit seinem Gesicht geschieht, wenn er lächelt. Hinter seinen Augen ist ein Licht angegangen, und jede Spur von Arroganz ist verflogen. Seine sonnengebräunte Haut ist rein und glüht praktisch von der Hitze, die sie nun verströmt und die ihm die Wangen färbt. Seine markanten Gesichtszüge werden weicher; in den Augenwinkeln zeigen sich feine Lachfalten. Klar, es ist nur ein Lächeln, aber plötzlich weiß ich nicht mehr, was ich toller finde: seine vollen Lippen, die perfekten weißen Zähne oder die Art, wie er einen Mundwinkel leicht anhebt. Ich kann nicht anders, als das Lächeln zu erwidern.

Er spielt mit einem der Untersetzer auf dem Tresen und grinst mich weiter an. „Dann findest du mich also einfallslos“, sagt er.

„Das habe ich nicht gesagt“, entgegne ich und grinse zurück. „Aber ich scheine ja richtigzuliegen, denn ich mache gutes Geld mit der Wette.“

Einen Moment lang betrachtet er meine Wangen. „Deine Grübchen sind schon ziemlich auffällig. Aber es gibt Schlimmeres. Du könntest ein Holzbein haben oder einen Damenbart.“

Charmant ist er nicht gerade. „Zurück zu eurem Bier“, sage ich. „Flasche oder gezapft?“

„Ich würde gern wissen, warum du geglaubt hast, ich würde Heineken bestellen. So viel hat mein verletzter Stolz verdient.“

Ich schaue zu seinen Freunden hinüber, die eigentlich Billard spielen, aber im Moment versuchen, sich gegenseitig mit den Queues auf die Eier zu schlagen. Ich beschließe, ehrlich zu sein.

„Heineken-Trinker sind typischerweise – und damit meine ich ‚immer‘ – junge Männer, die über großes Selbstbewusstsein verfügen, aber noch nie das Wort ‚Bescheidenheit‘ gehört haben. Sie verziehen sich schnell aufs Klo, wenn die Rechnung kommt, und fahren höchstwahrscheinlich einen Sportwagen.“

Der Kerl nickt und lacht. „Verstehe. Und das ist eine wissenschaftliche Studie?“

Sein Lachen klingt süß. Es sieht ein bisschen albern aus, wie sich dabei seine Schultern heben, als würde er kichern.

„Streng wissenschaftlich“, sage ich. „Die klinischen Tests habe ich selbst durchgeführt.“

Beinahe lacht er laut auf, hält sich aber zurück. „Dann dürfte es dich trösten, dass ich kein Heineken bestellen wollte. Eigentlich wollte ich dich fragen, welche Fassbiere ihr habt, denn wir hatten gerade eine Runde Stella, und ich wollte gern etwas Interessanteres probieren.“

Ohne auf die Zapfhähne zu schauen, bete ich die Liste unserer Biere herunter: „Bud, Stone IPA, Pliny the Elder, Guinness, Allagash White und Green Flash.“

„Wir nehmen ein Pliny“, sagt er, und ich versuche, meine Überraschung zu verbergen – eine berufliche Notwendigkeit. Er muss sich mit Biersorten auskennen, denn er hat das Beste ausgewählt. „Sechs Mal, bitte. Übrigens, ich bin Luke. Luke Sutter.“

Er reicht mir die Hand, und nach einem kurzen Moment des Zögerns ergreife ich sie.

„Schön, dich kennenzulernen, Luke.“

Seine Hand ist riesig, nicht zu weich … und sehr gepflegt. Lange Finger, saubere Nägel, fester Händedruck. Beinahe augenblicklich ziehe ich meine Hand wieder zurück und beginne, die Biere zu zapfen.

„Und dein Name ist?“, fragt er mich.

„Das macht dreißig Dollar“, antworte ich stattdessen.

Luke verzieht amüsiert den Mund, wirft einen Blick in seine Brieftasche, zieht zwei Zwanziger heraus und legte sie auf den Tresen. Er nimmt die ersten drei Gläser und nickt mir zu, ehe er sich abwendet. „Bin gleich zurück und hole den Rest“, sagt er. Dann ist er verschwunden.

Die Tür geht auf, und die Gäste eines Junggesellinnenabschieds strömen herein. In den nächsten drei Stunden bereite ich mehr rosafarbene Drinks und Cocktails mit anrüchigen Namen zu, als ich zählen kann, und ich bekomme gar nicht mehr mit, ob Luke oder einer seiner Freunde die restlichen Biere abholt. Soll mir nur recht sein, rufe ich mir ins Gedächtnis, denn wenn es für mich eine eiserne Regel gibt, an die ich mich ausnahmslos halte, dann die, mich nicht mit Gästen einzulassen. Niemals.

Und Luke … nun, er verkörpert all die Gründe, warum es die eiserne Regel überhaupt gibt.

Als der letzte Gast gegangen ist, helfe ich Fred, den Laden zuzumachen, fahre nach Hause ins leere Loft und falle ins Bett.

Meine Eltern sind nicht sonderlich erfreut über das Leben, das ich mir in San Diego aufgebaut habe, und bei jedem Besuch erinnern sie mich geflissentlich daran. Sie verstehen nicht, warum ich mir eine Mitbewohnerin gesucht habe, nachdem Nana mir das Loft für lau überließ. Obwohl ich nun schon eine ganze Weile hier wohne und mich heimisch fühle, wollen sie einfach nicht begreifen, warum ich das Loft nach meinem College-Abschluss nicht verkauft habe und wieder nach Hause gezogen bin. Mal im Ernst – vom sonnigen San Diego ins arschkalte Colorado? Sicher nicht! Auch dass ich den ganzen Tag surfe und abends als Barkeeperin arbeite, während mein Abschluss in Grafikdesign, für den ich mir den Hintern aufgerissen habe, Staub ansetzt, geht ihnen gewaltig gegen den Strich.

Okay, Letzteres kann ich irgendwie nachvollziehen.

Aber im Moment bin ich zufrieden mit meinem Leben. Lola macht sich Sorgen, weil ich so oft allein bin – und es stimmt ja auch, ich bin tatsächlich viel allein, aber ich bin nicht unglücklich. Die Arbeit hinterm Tresen macht mir Spaß, und Surfen ist einfach das Größte für mich. Es ist ein Teil von mir. Ich liebe es, zu beobachten, wie die Wellen emporsteigen und herabstürzen, ich liebe es, in so große Wellen hineinzufahren, sodass ich mich in einem Tunnel befinde, bis die Welle schließlich bricht und mir die sich überschlagenden Wassermassen in den Ohren dröhnen. Ich liebe den Geschmack der salzigen Luft auf der Zunge, genieße es, wie die Meeresluft meine Lunge füllt. In jeder Sekunde erbaut der Ozean ein Schloss, nur um es im nächsten Moment wieder niederzureißen. Davon kann ich nie genug kriegen.

Und ich mag es, todmüde ins Bett zu fallen, weil ich den ganzen Tag auf dem Surfbrett und die halbe Nacht hinterm Tresen stand, nicht weil ich am Schreibtisch gehockt und stundenlang auf einen Computerbildschirm gestarrt habe.

Im Moment ist das Leben ziemlich gut.

Aber als ich am Samstagabend meine Schicht im Fred’s antrete, fühle ich mich fahrig und komplett erledigt: Meine Rippen schmerzen, und ich spüre immer noch, dass ich vorhin eine Lunge voll Salzwasser herausgehustet habe.

An manchen Tagen kooperiert das Meer und serviert mir die Wellen auf dem Silbertablett. Heute war kein solcher Tag. Anfangs war die Dünung ganz anständig, aber ich kam in keine der Wellen richtig hinein. Entweder war ich zu früh dran oder zu spät. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich heute vom Brett gefallen bin. Vor meiner Zeit auf dem College verbrachte ich die Schulferien immer bei meiner Großmutter, und ich bin am Black’s Beach und in Windansea surfen gewesen, seit ich alt genug war, um mein Brett selbst zu tragen. Aber je länger ich heute auf dem Wasser blieb, desto frustrierender wurde es, und der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war, als mich eine Riesenwelle erfasste und ich mich plötzlich auf dem Meeresboden wiederfand.

Der Kerl mit den Haaren und dem Lächeln ist wieder da. Luke heißt er, wie ich mich dunkel erinnere. Er sitzt heute mit einigen Freunden in einer Nische, aber er fällt mir sofort auf, als ich hereinkomme.

Es ist rappelvoll, und ich spüre einen Anflug von Neid, als ich über die laute Musik hinweg Harlows Lachen vernehme. Ich würde mich lieber zu ihr und ihren Freunden setzen, als zu arbeiten, und bin merklich gereizt, als ich mich hinter den Tresen stelle und mir die Schürze umbinde.

„Da hat aber jemand einen schlechten Tag“, sagt Fred, während er ein Tablett voller Margaritas fertig macht. „Hast du nicht mal gesagt, der blödeste Tag auf dem Wasser schlägt immer noch den besten Tag woanders?“

Ähm. Ja, das habe ich gesagt. Warum müssen die Leute einen immer an die schönen Dinge im Leben erinnern, wenn man mies drauf ist? „Bin nur ein bisschen platt und genervt“, sage ich und versuche zu lächeln. „Das wird schon wieder.“

„Tja, da bist du hier ja genau richtig. Was gibt es Besseres als laute, betrunkene Leute, wenn man schlecht drauf ist.“

Das entlockt mir ein widerwilliges Grinsen, und Fred tätschelt sanft mein Kinn.

Auf dem Tresen liegen eine Reihe von Bestellungen, und ich nehme mir eine davon. Zwei Martinis, stark, extra Oliven. Ich stelle zwei Gläser auf ein Tablett, fülle einen Mixbecher mit Eis und gieße Wermut, jede Menge Gin und einen Schuss Olivensaft darüber. Ich verfalle in meinen Arbeitsrhythmus: abmessen, schütteln, eingießen, servieren … und tatsächlich entspannen mich die vertrauten Handgriffe ein wenig.

Aber ich werde immer noch nervös, wenn ich an die Atemnot zurückdenke, als ich einige schreckliche Sekunden lang dachte, ich würde es nicht mehr an die Wasseroberfläche schaffen. Ist mir schon einige Male passiert, und obwohl es wie immer gut ausgegangen ist, fällt es mir schwer, das nachklingende Gefühl, beinahe ertrunken zu sein, wieder abzuschütteln.

Ich sehe Luke aus dem Augenwinkel, und ich schaue auf, als er um die Nische herumgeht und etwas in sein Telefon eintippt. So einer bist du also, denke ich und überlege, wie vielen Mädchen er wohl gerade eine SMS schickt. An seinem Tisch sitzt eine Brünette, die sich für das, was er tut, brennend zu interessieren scheint, und ich bin drauf und dran, zu ihr hinüberzugehen und ihr zu sagen, dass sie auf das falsche Pferd setzt und sich lieber an einen der adretten Jungs in der hintersten Ecke heranmachen soll.

Ich schüttele, gieße die milchige Flüssigkeit in zwei Gläser und schaue noch mal kurz auf die Bestellung, ehe ich zwei mit jeder Menge Oliven bestückte Spieße hinzufüge. Die Bedienung, die heute mitarbeitet, lächelt und verschwindet mit der Bestellung, und ich mache mich an die nächste und greife nach einer Flasche Amaretto, als ich hinter mir höre, wie jemand einen Barhocker an den Tresen heranrückt.

„Wie läuft’s mit den Einnahmen für das neue Auto?“

Ich erkenne seine Stimme sofort. „Heute noch nichts“, sage ich, ohne aufzuschauen, und mache den nächsten Drink fertig. „Aber mir ist heute nicht nach Lächeln zumute, deshalb habe ich wenig Hoffnung, dass etwas dazukommt.“

„Möchtest du darüber reden?“, fragt er mich.

Ich drehe mich zu ihm um: Heute trägt er ein dunkelblaues T-Shirt, seine Frisur sitzt wieder perfekt, und alles in allem sieht er viel zu gut aus, um keinen Ärger zu bedeuten. Unfähig zu widerstehen, schenke ich ihm ein winziges Lächeln. „Ich glaube, als Barkeeperin ist das eigentlich mein Spruch, oder?“

Luke zieht kurz eine Augenbraue nach oben (sieht süß aus), ehe er zu seinen Freunden rüberschaut.

„Außerdem, glaube ich, warten deine Leute auf dich“, sage ich und bemerke, dass die Brünette ihn nicht aus den Augen lässt. Er greift in seine Tasche, checkt sein Telefon und sieht mich wieder an.

„Die sind später auch noch da“, sagt er, und in seinen Augen blitzt ein Lächeln auf, ehe sein Mundwinkel sich zu dem niedlichen schiefen Grinsen hebt. „Ich dachte, ich komme mal rüber und hole mir einen Drink.“

„Was darf’s denn sein?“, frage ich. „Noch ein Bier?“

„Klar“, sagt er. „Und deinen Namen wüsste ich auch gern. Außer du möchtest, dass ich dich zeit unseres Lebens Grübchen nenne.“

Luke reißt die Augen auf, flüstert „Ups“, zieht einen Dollarschein aus der Tasche und stopft ihn in das Einweckglas. „Ich habe mich vorbereitet“, sagt er und beobachtet mich, während ich ein IPA ins Bierglas laufen lasse. „Für den Fall, dass du heute wieder arbeitest.“

Ich versuche, nicht allzu lange darüber nachzudenken, dass er sich eigens für mich und dieses kleine Spiel ein Bündel Eindollarscheine in die Tasche gestopft hat.

„Ich heiße Lon…“, setze ich an, als plötzlich die Tür aufgeht und Mia und Ansel hereinkommen. Lukes Kopf fährt zu den beiden herum, gerade als ich meinen Namen zu Ende murmele. „…don.“

Im nächsten Moment sieht er mich wieder an, sein Blick ist seltsam verkniffen. Er nickt kurz. „Schön, dich offiziell kennenzulernen.“

Ich bin mir sicher, dass er meinen Namen nicht richtig verstanden hat, aber wenn es ihm nichts ausmacht, dann macht es mir auch nichts aus.

Ein weiterer Gast setzt sich an die Bar und winkt mich heran. Lächelnd schiebe ich Luke das Bier hin, der Untersetzer stößt gegen seine Hand. „Das macht fünf Dollar.“

Er zwinkert mir zu, zieht seine Brieftasche heraus und sagt: „Danke dir.“

Ich gehe zu dem anderen Gast, sehe aber aus dem Augenwinkel, wie Luke einen Schein auf den Tresen legt und zu seinen Freunden zurückkehrt, ohne auf das Wechselgeld zu warten. Entweder hat er mir kein Trinkgeld gegeben, oder es ist sehr viel.

Ich kann es mir denken, was es mir nicht eben einfacher macht, ihn blöd zu finden.

Zwei Whiskey Sours, vier Blue Moons und ein Tablett mit Margaritas später tippe ich ein paar Rechnungen in die Kasse ein. Mia, Ansel und Harlow stehen neben dem Tresen und warten auf Finn, um zu viert ins Kino zu gehen. Drei tiefe Atemzüge lang beobachte ich sie und denke über meine zwiespältigen Gefühle hinsichtlich einer Beziehung nach. Einerseits sehe ich, wie glücklich die Leute um mich herum sind – einige sind sogar miteinander verheiratet –, und das möchte ich auch irgendwann einmal sein. Andererseits weiß ich, dass ich dafür noch nicht bereit bin.

Es ist knapp über ein Jahr her, dass Justin und ich uns getrennt haben, und ich weiß noch gut, wie es ist, sich als Paar etwas vorzunehmen, immer den anderen und dessen Wünsche mit einbeziehen zu müssen in die Samstagabendplanung und sich anschließend mit einer Gruppe von Freunden von Neuem darüber abzustimmen, was man schließlich tatsächlich unternimmt. Sicherlich würden mir die meisten Leute nicht glauben, aber nachdem ich mir auf dem College den Hintern aufgerissen habe und eine ganze Weile einen festen Freund hatte, ist es schön, rein gar nichts tun zu müssen. Ich surfe, ich arbeite, ich gehe nach Hause. Meine Entscheidungen treffe ich danach, was gut für mich selbst ist, nicht als Hälfte eines Paares.

Trotzdem, es gibt Momente wie heute Abend, wo mir klar wird, dass ich mich manchmal tatsächlich ein bisschen einsam fühle. Und dabei geht es nicht allein um Sex, sondern um Zweisamkeit, darum, jemanden zu haben, der mich anschaut, als hätte er den ganzen Tag nur darauf gewartet, als hätte er sich nach mir gesehnt. Es geht darum, jemanden zu haben, der mich auf andere Gedanken bringt, mit Kinobesuchen oder Gesprächen, mit einem warmen Körper, der sich beim Einschlafen an mich kuschelt.

Scheppernd öffnet sich die Geldschublade der Kasse, und ich gebe einem Gast das Wechselgeld. Ich schaue in die Richtung von Harlows Lachen und stelle verwundert fest, dass Luke und Mia in der Nähe der Toiletten stehen und miteinander quatschen.

Wir sind alle auf die UCSD gegangen, und obwohl es dort verschiedene Fakultäten gibt, überrascht es mich nicht, dass die beiden sich kennen. Trotzdem muss ich innerlich lachen, denn in Lolas Freundeskreis gibt es so viele Querverbindungen und Verknüpfungen, dass ich die Einzelheiten wohl nie richtig überblicken werde.

Ich wusste, dass Harlow berühmte Eltern hat, aber erst vor Kurzem erfuhr ich, dass ihre Mutter in meiner Kindheit die Lieblingsschauspielerin meiner Mom war.

Ich wusste, dass Mia früher getanzt hat, erfuhr aber erst kürzlich, dass ihre Laufbahn ein jähes Ende nahm, als sie von einem Truck angefahren wurde.

Ich wusste, dass Finn seinem Vater und seinen Brüdern sehr nahesteht, aber erst als ich ins Fettnäpfchen trat und ihn fragte, was er seiner Mom zum Muttertag schenken würde, erfuhr ich, dass sie starb, als er noch ein Kind war.

Irgendjemand ruft quer durch die Bar meinen Namen und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich beeile mich, ein Tablett mit Drinks an einen Tisch zu bringen, und auf dem Rückweg hält mich Harlow fest und schlingt die Arme um mich.

„Hey, Fremde“, sagt sie. Ihr Blick wandert über mein Gesicht, ehe sie nach einer meiner Haarsträhnen greift. „Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Gott, du siehst toll aus. Wie ein Model im Bademoden-Special von Sports Illustrated. Zum Teufel mit dir und deinen süßen Sommersprossen.“

Ich lächle sie breit an. „Ich sollte dich überallhin mitnehmen, du Ego-Booster.“

„Kannst du hier abhauen und mit uns ins Kino gehen?“, fragt sie.

Ich schüttle den Kopf, und ihre Mundwinkel senken sich. „Nur ich, Fred und eine Kellnerin sind da, und nachher kommt noch diese neue Band“, erkläre ich.

„Vielleicht am Wochenende? Alle drei Roberts-Jungs sind in der Stadt.“

Ich nicke, die Vorstellung, einen Abend unter vielen Leuten zu verbringen, muntert mich auf. „Ich versuche es.“ Ihr Mann, Finn, der früher in der Fischereibranche tätig war, steht kurz davor, durch eine Reality-Doku namens Der Fischer-Clan, in der das arbeitsreiche Leben seiner Familie porträtiert wird, ein heißer Fernsehstar zu werden.

Harlows Augenbrauen heben sich leicht. Das war ein Fehler. Ich kenne Harlow zwar erst seit neun Monaten, aber ihre Verkupplungskünste sind legendär.

„Vielleicht können wir dich und Levi …“

Ich suche schon nach einer Ausrede. „Nein, nein“, sage ich und schaue zum Tresen hinüber, wo bereits einige Leute darauf warten, bedient zu werden. „Ich muss weitermachen, Miss Heiratsvermittlerin. Ich schicke dir morgen eine SMS und lasse dich wissen, ob ich mitkomme.“

Harlow nickt, dann wendet sie sich wieder ihrem Tisch zu. „Meinetwegen, du stures Ding!“, ruft sie, während ich hinter den Tresen zurückkehre.

Als ich dort eintreffe, sehe ich Fred ein paar Biere zapfen und mit einigen Stammgästen reden; ein Stück weiter hinten sitzt Luke allein am Tresen.

Er sieht irgendwie aufgewühlt aus, mit ernster Miene, die man bei ihm, wie ich vermute, nicht allzu oft sieht. Zugegeben, ich weiß so gut wie nichts über ihn, außer dass er fortwährend von Frauen beobachtet wird, dass er wie ein Arschloch wirkt, aber überhaupt keins ist, wenn man mit ihm redet, und dass er an einem einzigen Abend mehr SMS erhält als ich in einer ganzen Woche. Aber was weiß ich schon?

Ich schaue zu Mia, Ansel und Harlow hinüber, die ihre Sachen zusammenklauben und winken, ehe sie zu Finn hinübergehen, der am Ausgang steht.

„Alles okay mit dir?“, frage ich Luke und hole unterm Tresen ein Schnapsglas hervor.

Er nickt, und sobald er mich ansieht, ist die ernste Miene verschwunden, und das süße Lächeln ist wieder da. Instinktiv schaue ich weg und grabe mit einer kleinen Handschaufel im Eiskübel.

„Ach, ich bin in Gedanken gerade ganz woanders“, sagt er. „In einer Bar kann man prima nachdenken.“

Ich nicke. Und weil er darauf zu warten scheint, dass ich noch etwas sage, tue ich es. „Stimmt. Zum Beispiel über schlechte Noten. Verlorene Jobs. Geldsorgen. Die verflossene erste Liebe.“

Sein Blick fängt meinen wieder ein. „Sprichst du aus Erfahrung?“, fragt er.

„Ja“, sage ich, fülle das Schnapsglas mit Whiskey und schiebe es ihm hinüber. Trotz seines Lächelns sieht er so aus, als könnte er den Drink gut gebrauchen. „Barkeeper-Erfahrung. Vielleicht brauchst du ja bloß ein bisschen Ablenkung.“ Ich schaue über seine Schulter hinweg zu seinen Freunden; mittendrin sitzt die Brünette, die ihn keine Sekunde lang aus den Augen lässt. Mit einem leichten Kopfschütteln folgt er meinem Blick.

Luke nimmt das Schnapsglas, legt den Kopf zurück und kippt den Whiskey in einem Zug herunter. Er stellt das Glas ab und atmet leicht hustend aus. „Danke.“

„Kein Problem.“

„Was ist mit dir?“

Ich gehe zum Spülbecken und stelle das Schnapsglas hinein. „Was soll mit mir sein?“

„Brauchst du auch ein bisschen Ablenkung?“

Ich spüre ein scharfes Stechen in der Lunge, schaffe es aber, freundlich zu lächeln. „Kein Bedarf.“

Luke senkt den Blick und schaut durch seine dichten Wimpern zu mir auf. „Was soll das heißen, kein Bedarf?“

Ich nehme ein Geschirrtuch und schaue darauf herab, während ich sage: „Es heißt, ich lasse mich nicht mit Männern ein, die ich auf der Arbeit kennenlerne.“

„Davon hat ja auch niemand gesprochen, Grübchen.“ Mit einem verschlagenen Lächeln greift er in seine Tasche, zieht einen weiteren Dollar heraus und stopft ihn in das Einweckglas. Unsere Blicke treffen sich, und zwischen meinen Rippen und dem Bauchnabel zieht sich etwas zusammen. Sein Blick ist wissend, als würde er erkennen, dass ich einen Scheißtag hatte, und ich wiederum erkenne, dass er einen Scheißabend hat, und ihm gefällt, dass wir beide diese Dinge registrieren.

Ich mag diese Chemie zwischen uns nicht, dieses wortlose Verständnis.

Oder vielleicht mag ich nicht, wie sehr es mir gefällt. Ich spüre immer noch das Gefühl des Beinahe-Ertrinkens, aber je länger er hier sitzt und mit mir spricht, desto schwächer wird es.

„Wo wir gerade dabei sind“, sagt er leise, „viel habe ich von deinen Grübchen heute noch nicht zu sehen bekommen.“

Achselzuckend entgegne ich: „Sagen wir einfach, ich hatte einen durchwachsenen Tag.“

Er stützt sich mit den Ellbogen auf den Tresen und mustert mich. „Klingt, als müsstest du auch ein bisschen Dampf ablassen.“

Ich lache und komme nicht umhin, es zuzugeben: „Stimmt wohl.“

Er greift nach einem Untersetzer und dreht ihn langsam im Kreis. „Vielleicht könnte dir jemand dabei helfen.“

Ich ignoriere ihn und beginne, den Tresen abzuwischen. Es ist nicht das erste Mal, dass mich jemand bei der Arbeit anmacht, im Gegenteil. Aber zum ersten Mal bin ich versucht, darauf einzugehen, denn mich durchströmt ein wohliges Kribbeln bei der Vorstellung, was er mir da anbietet.

„Hast du einen festen Freund?“, fragt er unbeirrt, und ich schüttle den Kopf.

„Nein“, sage ich. Wenn man von seinen nackten Armen in dem T-Shirt Rückschlüsse ziehen kann, dann sieht er ohne Klamotten bestimmt fantastisch aus.

Und ich wette, er weiß das.

Dieses Selbstgespräch zeigt, dass ich viel zu lange keinen Sex hatte. Das Letzte, was ich brauche, ist ein Kerl wie Luke. Ich atme tief durch und bringe ein bisschen Abstand zwischen uns, trete ein Stück zur Seite.

Er folgt mir mit seinem Blick und fragt: „Ist es ein Prinzip von dir, dich nicht mit Gästen einzulassen?“

„Irgendwie schon.“ Ich lege das Geschirrtuch zusammen, schiebe es mir hinten unter die Schürze und schaue ihn an.

„Was, wenn ich dir verspreche, dass ich es absolut wert bin?“

Warum denke ich, dass er absolut die Wahrheit sagt? Er lächelt schüchtern, aber in seinen honigbraunen Augen erkenne ich, dass er auf der Jagd ist.

„Ich bin mir sicher, dass du großartig bist.“ Ich lehne mich ans Spülbecken hinter mir, starre ihn an und bin erstaunt, dass ich überhaupt noch hier stehe. „Aber ich kann mich nicht mal an deinen Namen erinnern.“

„Klar kannst du das.“ Er beugt sich vor, verschränkt die Arme auf dem polierten Holz.

Ich verkneife mir ein Lächeln.

„Wann machst du Feierabend?“, fragt er.

Ich kann nicht anders, als auf seinen Mund zu starren und mir vorzustellen, wie seine heißen, geöffneten Lippen an meinem Hals hinabgleiten, über meine Brüste, über meinen Bauch.

Mir wird klar, dass man, wenn man eine Durststrecke beenden möchte, am besten auf ein sicheres Pferd setzen sollte. Und wer könnte mich besser aus meinem Sexnotstand erlösen als jemand, der genau weiß, was er tut? Noch dazu jemand, dem es egal ist, ob das Ganze womöglich zu etwas führt, was über die Bettkante hinausgeht?

Ich lasse einige Augenblicke verstreichen, ehe ich mich aufrichte und nach einer Bestellung greife, die die Kellnerin mir hingelegt hat. Jetzt oder nie.

„Ich mache um ein Uhr Schluss.“

2. Kapitel

LUKE

Ich bin mir nicht sicher, was sie von all den anderen Mädchen unterscheidet, die ich mit nach Hause genommen habe, jedenfalls eile ich die Stufen hinauf und erreiche vor ihr die Tür, schließe auf, öffne sie einen Spaltbreit und blicke ins dunkle Wohnzimmer und zur Küche.

Nicht schlecht.

Auf dem Wohnzimmertisch steht kein Teller mit Essensresten, und – noch wichtiger – auf dem Küchenboden liegen keine Boxershorts. Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel und hoffe, dass die Luft wirklich rein ist: Bitte macht, dass im Schlafzimmer – und im Bad – keine aufgerissenen Kondompackungen herumliegen.

Grinsend stoße ich die Tür für sie auf. „Hereinspaziert.“

Logan schaut mir ins Gesicht, dann in die Dunkelheit, ehe sie vorsichtig einen Schritt nach vorne macht. Ich greife hinter sie, um das Licht anzuknipsen.

Und da ist er: der Unterschied. Die meisten Mädchen betreten mein Haus rückwärts, ihre Finger in mein T-Shirt gekrallt. Einige schauen nur auf mein Gesicht, warten auf die winzige Kopfbewegung nach links, auf das wortlose Zum Schlafzimmer geht’s da lang. Sie hingegen tritt ein und betrachtet alles so wie mich – als wäre sie nicht sicher, ob sie irgendetwas anfassen möchte.

Sie holt tief Luft, und ich kann die Worte dahinter schon hören, ehe sie sie laut ausspricht: „Mir wird gerade klar, dass ich nicht weiß, was ich hier tue.“

Ich trete einen halben Schritt zurück und sage: „Nichts, was du nicht möchtest.“

Innerlich aber seufze ich verdrossen; es war ein langer Tag voller Drama. Schneller Sex wäre jetzt genau das Richtige, um abzuschalten. Mir ist nicht nach einer langen Verführungsarie.

Als hätte er Plan A schon aufgegeben, knurrt plötzlich mein Magen, und ich blicke zur Küche. „Hast du Hunger?“

Sie zuckt die Achseln. „Ein bisschen.“

„Ich habe …“ Ich gehe rüber und checke, was der Kühlschrank hergibt. „Bier. Tortillas. Sriracha-Chilisauce. Sellerie. Peperoni und …“, ich öffne ein Fach, „Käsesticks.“

Als sie nichts erwidert, drehe ich mich um, und ihre skeptische Miene sieht saukomisch aus. „Was ziehst du für ein Gesicht?“

„Keine Ahnung“, entgegnet sie, zuckt die Schultern und lächelt vorsichtig.

Ich lege meinen Arm auf die offene Kühlschranktür. „Dann verrate mir, was du denkst.“

Sie hebt ihre Brauen, als würde sie eine Bestätigung erwarten, dass ich ihre Antwort auch wirklich hören möchte. Auf mein Nicken hin sagt sie: „Du bist fast zu klischeehaft, um wahr zu sein.“

Ich stoße ein bellendes Lachen aus. „Echt jetzt?“

Die Wahrheit platzt in einem Wortschwall aus ihr heraus: „Du bist heiß wie die Sünde, musstest nachschauen, ob das letzte Mädchen nicht sein Höschen auf der Couch liegen gelassen hat, und dein Kühlschrank ist junggesellenmäßig leer.“

Fügen wir also der Liste der Dinge, die mich an diesem Mädchen faszinieren, das Wörtchen aufmerksam hinzu.

Ich zucke mit den Schultern und grinse. „Ich esse meistens auswärts.“

Sie lächelt belustigt. „Wenn diese Puzzleteile das vermutete Ganze ergeben, dann heißt es aber auch, dass du einen riesigen Penis hast und im Bett famos bist.“ Ein Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln, und ich kämpfe so lange wie möglich dagegen an, aber schließlich muss ich laut auflachen. Endlich lächelt sie richtig, und es ist, als würde die Sonne aufgehen; es trifft mich völlig unerwartet. Ein sexy Lächeln fährt mir immer geradewegs in den Schwanz, aber ihr Lächeln ist nicht nur sexy, es ist unschuldig. Das liegt nicht allein an ihren Grübchen. Es ist das Funkeln in ihren Augen, etwas, das tief unter die Oberfläche geht. Ich weiß nicht, ob ein richtiges Lächeln auch anders aussehen kann als unschuldig, ihres ist jedenfalls das schönste unschuldige Lächeln, das ich gesehen habe seit …

Ich wische mir mit der Hand übers Gesicht und trete näher zu ihr heran, kämpfe gegen das immer heftiger werdende Ziehen in meinem Bauch an, als ich nach einer ihrer blonden Haarsträhnen greife. Sanft schiebe ich sie ihr hinters Ohr und flüstere: „Sag mal, Logan …“

Ihre Augen verengen sich für einen Moment, dann unterdrückt sie ein Grinsen.

Ich überlege, ob ich sie wirklich danach fragen soll, aber sie hier zu sehen, nicht mehr im schummrigen Barlicht, entwaffnet mich. Im Fred’s sah sie irgendwie härter aus, hatte einen gewissen Argwohn im freundlich-professionellen Blick. Hier aber erkenne ich, dass ihre Augen nicht einfach nur blau sind, sondern dass ein kobaltfarbener Ring eine türkisfarbene Mitte umschließt, und dass ihre Nase mit niedlichen hellen Sommersprossen gesprenkelt ist. Sie nagt an ihrer Unterlippe, während sie erneut das Wohnzimmer in Augenschein nimmt.

Heilige Scheiße, kann es sein, dass sie wirklich noch Jungfrau ist?

Soll ich sie fragen?

Nein. Sie trägt schwere Stiefel und einen kurzen karierten Rock, und ich möchte nicht riskieren, eine Stiefelspitze ans Schienbein zu kriegen oder an eine noch empfindlichere Stelle.

„Wenn du rummachen möchtest, bin ich dabei“, sage ich. „Du bist schön und süß, und dein Mund ist der reinste Wahnsinn.“ Während ich das sage, schaue ich auf ihre Lippen, spüre aber, dass sie gerade die Augen verdreht. Sie strahlt eine seltsame Widersprüchlichkeit aus: einerseits eine harte Schale, andererseits scheint man sie mit Samthandschuhen anfassen zu müssen.

„Oder“, sage ich und trete einen Schritt zurück, „wir bestellen Pizza und spielen Titanfall auf meiner Xbox.“ Ich schätze, auf Letzteres wird sie keinen Bock haben – mir soll es recht sein, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein so scharfes Ding überhaupt weiß, was Titanfall ist.

Dass ihre Augen aufleuchten, habe ich nicht erwartet, und ehe das Leuchten wieder erlischt, sehe ich, wie ihr Blick durch das Wohnzimmer wandert. Offenbar habe ich sie falsch eingeschätzt.

Ich streife die Schuhe ab und kehre in die Küche zurück, nehme zwei Biere und nicke in Richtung Wohnzimmer. „Na dann, los.“

Lächelnd und mit leicht federnden Schritten kommt sie herüber und setzt sich zu mir auf die Couch. Sie nimmt den Controller und bewegt mit dem Daumen fachmännisch den kleinen Joystick. „Würde ich dich in Verlegenheit bringen, wenn ich dich fertigmache?“, fragt sie.

Lächelnd schüttle ich den Kopf und fahre die Spielkonsole hoch. „Überhaupt nicht. Meine Oma hat mir das Spiel letzte Woche geschenkt, und sie fände es bestimmt witzig, wenn sie erfährt, dass ich von einer Frau besiegt wurde.“

Ich spüre ihren Blick auf meinem Gesicht, während ich durch das Startmenü klicke. Als ich mich ihr zuwende, lächelt sie, und ihre Grübchen zeigen sich. „Wie süß.“

„Du findest es süß, dass meine Großmutter mir ein Ego-Shooter-Spiel geschenkt hat?“ Ich bin versucht, ihr zu erzählen, wie Grams mich zum einundzwanzigsten Geburtstag nach Vegas geschickt hat und meinte, es wäre okay, wenn ich mich dort tätowieren ließe, ich solle mir aber auf keinen Fall eine Nutte nehmen. Als ich entgegnete, dass ich noch nie für Sex bezahlen musste, hat sie mir eine Kopfnuss verpasst.

„Yeah.“ Logan schaut weg, blickt auf den Fernsehbildschirm. „Obwohl du was bist, zweiundzwanzig?“

„Dreiundzwanzig. Im Oktober werde ich vierundzwanzig.“

„Ah. Dreiundzwanzigeinhalb!“ Sie knufft mich in die Wange. „Mein elfeinhalbjähriger Cousin drückt sich auch immer so aus.“

„Sehr lustig.“

Ihr Lachen geht mir durch und durch. „Fast vierundzwanzig“, sagt sie. „Wird es vielleicht langsam Zeit, mit den Videospielen aufzuhören?“

Mit einer Kopfbewegung deute ich auf ihre Hände. „Sieht nicht so aus, als hättest du so ein Ding zum ersten Mal in der Hand, Grübchen.“

Sie zuckt die Achseln und sieht mich wieder an. „Sagen wir einfach, so ein Ding hatte ich zuletzt öfter in der Hand als so ein Ding.“ Sie nickt in Richtung meines Schritts, und ich huste, verschlucke mich fast an meinem Bier. Als sie zum Fernseher zurückschaut, lacht sie laut und deutet auf den Bildschirm. „Bitte sag mir, dass du kein GiantD92 bist.“

Augenzwinkernd erwidere ich: „Ich glaube, du weißt, dass ich einer bin.“

Logan schüttelt den Kopf, aber es kommt mir alles andere als genervt vor. Im Gegenteil. Ihre Wangen sind eindeutig gerötet, man sieht es selbst im schwachen Bildschirmlicht, und sie sitzt direkt neben mir.

Das Spiel ist geladen und wir wählen unsere Figuren, und erst jetzt wird mir bewusst, dass ich noch nie mit einem Mädchen Xbox gespielt habe, außer mit meiner Schwester Margot, und die ist schrecklich schlecht. Die Grundlagen beherrsche ich ganz gut, Wände hinaufrennen, Gewölbe überspringen und so, aber die taktischen Feinheiten von Titanfall muss ich mir erst noch aneignen. Logan neben mir hat mit alledem kein Problem; allmählich habe ich den Eindruck, dass sie womöglich ein Zocker ist.

Small Talk ist nicht ihr Ding. Sie ist süß, aber nicht albern, und sie versucht eindeutig nicht, mich zu beeindrucken. Und doch ist sie schon dabei, mich nass zu machen. Trotzdem läuft es total locker zwischen uns, man hört nichts außer dem Gewehrfeuer des Videospiels und unseren gelegentlichen Aufschreien bei Sieg oder Niederlage.

„Benutz dein Sniper-Gewehr!“, brüllt sie, obwohl sie nur wenige Zentimeter entfernt von mir sitzt.

Unsere Daumen hämmern auf die Steuerungstasten ein.

„Nein, ich mag das MK5.“

„Alter, du ballerst ziellos umher, irgendwann triffst du mich versehentlich. Sei mal für zwei verfickte Sekunden ein bisschen präziser!“

Lachend wechsle ich das Gewehr, lege mit einigen wenigen Schüssen einen Ogre um und bahne uns eine Schneise.

„Ich hatte doch recht, richtig?“, trällert sie.

„Ja, hattest du – fuck!“, rufe ich. In einem Blutbad bricht meine Figur zusammen, niedergemäht von einer Maschinengewehrsalve des gegnerischen Teams. „Wo kam das denn plötzlich her?“

Sie drückt auf die Pause-Taste. „Wow. Lange hast du nicht durchgehalten.“ Ihre Augen blitzen amüsiert, ihr Mund verzieht sich zu einem sardonischen Grinsen.

Sie scheint sich wohlzufühlen, macht zweideutige Sprüche, witzelt über Sex – weswegen wir ja hier sind –, aber ich spüre, dass sie es nicht schafft, den ersten Schritt zu machen.

„Darf ich dir eine Frage stellen?“, sage ich.

Sie greift nach ihrem Bier. „Du meinst noch eine?“

Ich blicke ihr direkt ins Gesicht.

Mit einem neckischen Lächeln – diese verdammten Grübchen bringen irgendwas in mir zum Schmelzen, dann zum Kochen – gibt sie nach und sagt: „Ja, klar. Solange es dich nicht stört, falls ich nicht antworte.“

„Warum bist du mitgekommen? Vorher hast du gesagt, du lässt dich nicht mit Gästen ein, und trotzdem bist du hier.“

„Ich lasse mich auch nicht mit Gästen ein“, sagt sie schnell, aber leise. „Nie.“

Meine Frage war allgemein gemeint, aber ihre Antwort überrascht mich. „Niemals?“

Sie schüttelt den Kopf.

Ich frage mich, ob das alles war, ob sie noch etwas sagen wird.

Meine eigentliche Frage hat sie nicht beantwortet, aber als ich sie anschaue, sieht es so aus, als würde sie noch darüber nachdenken. Schließlich zieht sie ein Bein auf die Couch und wendet sich mir zu.

„Ich möchte dich auch etwas fragen“, sagt sie.

Ich hebe mein Kinn und nicke leicht, nehme einen Schluck von meinem Bier, warte.

„Machst du so was oft?“, fragt sie.

Während sie das sagt, deutet sie mit einer ausholenden Armbewegung auf das ganze Zimmer, doch ich bin mir sicher, dass sie nicht das Videospiel meint.

Ich zähle kurz nach. Vielleicht zehn in den letzten zwei Monaten? Das könnte ihr viel vorkommen. „Ich meine … nicht jede Nacht, aber, ja, manchmal.“

„Warum?“, fragt sie.

Warum? Die Frage klingt absurd. Warum ich Sex habe? Ist das ihr Ernst?

Ich mustere sie; ihre strahlenden blauen Augen fixieren mich, warten auf eine Antwort. Wie kann jemand nur so unschuldig und argwöhnisch zugleich wirken?

Ehrlich gesagt, die Frage wurde mir so oder so ähnlich sicher schon ein halbes Dutzend Mal gestellt. Üblicherweise schaut die Frau im Bett dabei zu mir auf, entweder bevor wir vögeln oder kurz danach, und ihre Stimme klingt so beiläufig wie möglich.

Du gehst bestimmt mit vielen Frauen ins Bett.

Wann hast du das letzte Mal eine Frau mit nach Hause genommen?

Ich hoffe, du weißt, dass ich so was normalerweise nicht tue. Das hier ist anders, Luke.

Auf der Couch aber wurde mir diese Frage noch nie gestellt, im Plauderton, noch vollständig bekleidet, mit klarem Blick und fast völlig wertfrei. Beinahe kommt es mir so vor, als ginge es Logan darum, mich zu verstehen.

„Mehr würde ich im Augenblick nicht gebacken bekommen“, entgegne ich. „Ich meine, ich fürchte mich nicht vor einer festen Beziehung oder so. Ich war schon schwer verliebt, bin mir aber nicht sicher, ob ich so was noch mal hinbekommen könnte.“

Sie lacht rau auf und nickt und nimmt einen Schluck von ihrem Bier.

„Zumindest nicht im Moment“, fahre ich fort. „Ich versinke gerade in Arbeit.“ Es klingt lachhaft, völlig absurd. Wir alle arbeiten wie die Blöden. Wir sind alle schwer beschäftigt und jung und chaotisch. „Aber ich bin nun mal ein Mann. Ich stehe auf Sex. Ich stehe auf Frauen. Ist das ehrlich genug für dich?“

Sie nickt.

„Jetzt bist du dran“, sage ich. In meiner Brust scheint etwas Uraltes ächzend zum Leben zu erwachen. Es ist schon eine Ewigkeit her, dass ich mit jemandem außerhalb meiner Familie eine solche Unterhaltung geführt habe – ehrlich und offen –, und ich habe völlig vergessen, wie gut es sich anfühlt.

Erneut nimmt sie einen kräftigen Schluck Bier, ehe sie antwortet. Ich betrachte ihren Hals, als sie schluckt. Er ist lang und zart und glatt. „Ich bin mit zu dir nach Hause gekommen, weil ich heute Morgen von einer üblen Welle erwischt wurde.“

Sie surft … daher ihre geile Figur.

„Ich bin schon lange nicht mehr dermaßen herumgeschleudert worden“, sagt sie und starrt auf die Flasche in ihrer Hand. „Ich hatte total vergessen, wie furchteinflößend es ist. Anfangs hatte ich keine einzige gute Welle erwischt. Und dann kam eine, die mich beinahe zermalmt hätte. Danach stand ich den ganzen Tag neben mir, war fertig mit den Nerven. Normalerweise baue ich meine Anspannung nicht ab, indem ich mit jemandem schlafe. Aber heute Abend dachte ich mir, warum nicht?“

„Warum nicht?“, wiederhole ich leise und spüre, wie sich mein Puls beschleunigt.

Sie nickt, aber wartet offensichtlich darauf, dass ich noch etwas sage.

„Was immer du möchtest, okay?“, sage ich.

Langsam, so langsam, dass ich jedes ihrer Gefühle in ihrem Blick aufflackern sehe – Unsicherheit, Furcht, Begehren, Entschlossenheit –, beugt sie sich vor und streicht mit ihren Lippen über meine. Es fühlt sich wie Seide an.

„Wir machen das nur heute Nacht“, sagt sie und lehnt sich ein Stück zurück, um mich direkt anzusehen. Und als sie es sagt, klingt es völlig anders als bei den anderen Mädchen. Sie fürchtet nicht, dass sie in die Falle tappen könnte zu glauben, dass mehr daraus wird. Sie fürchtet, dass ich es glauben könnte. In ihren Wangen zeigen sich die Grübchen, als sie lächelnd hinzufügt: „Also sieh zu, dass du mir alle deine Tricks zeigst.“

Ich lache, dann folgt der nächste Kuss. „Zu Befehl, Ma’am.“

„Und wenn du wieder ins Fred’s kommst, erwarte nicht, dass ich dir auf dem Parkplatz einen blase“, sagt sie, ihr Mund an meinem. „So ein Mädchen bin ich nicht.“

Siehst du. Ich hatte recht.

Ich löse mich von ihr, um ihr in die Augen zu schauen und mit zwei Fingern an der Stirn zu salutieren. „Verstanden.“

Ohne lange zu fackeln, greift sie nach dem Saum meines T-Shirts und hilft mir, es auszuziehen. Erst lässt sie ihre Fingerspitzen, dann ihre Handflächen vorsichtig über meine Haut gleiten, erkundet meinen Oberkörper, als ob sie vergessen hätte, wie sich Haut anfühlt, weil es schon ewig her ist, dass sie so etwas getan hat. Ihre Hände sind samtweich, ihre Fingernägel gerade lang genug, um mir sanft über die Brust und den Bauch zu kratzen, bevor sie sich an den Knöpfen meiner Jeans zu schaffen macht.

Whoa. Gott bewahre.

Ich hebe leicht meine Hüften, um ein Kondom aus der Tasche zu ziehen und es neben ihre Hüfte zu legen. „Sollen wir ins Schlafzimmer rübergehen?“

Sie schüttelt den Kopf. „Hier ist gut.“ Sie zieht mir die Hose und die Boxershorts herunter, dann scheint ihr etwas einzufallen, und sie hält inne. „Wohnst du alleine?“

Ich küsse sie und sage, den Mund an ihren Lippen, während ich die Hose zu Boden schleudere: „Das will ich doch schwer hoffen, wenn du mich auf meiner Couch ausziehst.“

Ich spüre ihr Kichern an meinem Mund, dann sauge ich an ihrem Hals und schiebe mich etwas von ihren Händen weg. Ich will nicht, dass sie schon meinen Schwanz anfasst; keiner von uns ist schon fickbereit, und wozu die Eile? Es ist eine komplette Kehrtwende zu ihrem Verhalten bis vor fünf Minuten. Sie ist nicht mehr zurückhaltend, kein bisschen. Ich frage mich, ob sie bei allem so ist: erst zögerlich, dann geht sie aufs Ganze. Und doch spüre ich bei ihr eine gewisse Distanziertheit, als würde sie im Geiste Punkte auf einer Prüfliste abhaken und sich nicht vollständig auf die Situation einlassen.

Merkwürdig.

Normalerweise spüre ich bei meinen Gespielinnen ein hitziges Verlangen nach Verbundenheit – endlose Blickkontakte, eine Abfolge gehauchter Fragen, Küsse, die sich wie preisgegebene Geheimnisse anfühlen –, und das bedeutet, dass ich auswählen kann, wie viel ich von alledem möchte. Aber Logan geht es nicht um Verbundenheit; irgendwie scheint sie es hinter sich bringen zu wollen, und gleichzeitig will sie jede Sekunde auskosten. Paradox, aber so kommt es mir vor.

Seltsamerweise muss ich an eine Autofahrt mit meinen Eltern durch die Rockies während eines Schneesturms denken: Mom bemerkte selig, wie schön doch alles sei, während Dad vollauf damit beschäftigt war, uns sicher ans Ziel zu bringen. Meine Aufgabe hier besteht darin, Logan und mich sicher ans Ziel zu bringen.

Sie legt meine Hände auf ihre Bluse und schließt die Augen, während ich die Knöpfe öffne und sie küsse. Sie verströmt den Duft von Apfelsinen und süßem Mädchen.

Ich streife ihr die Bluse von den Schultern und öffne ihren BH. Wow, ihr Vorbau ist auch nett. Die Brüste sind nur ein wenig größer als meine Hände, genau richtig. Flacher, muskulöser Bauch. Sie hat den Body eines Mädchens, das unbefangen im Bikini surft: kurvig, sonnengebräunt, definierte Muskeln. Ich möchte mich in diesem Körper verlieren, möchte spüren, dass sie loslässt, dass ein gewisses Drängen ihre Selbstbeherrschung hinfortspült. Ausnahmsweise mal würde ich gerne bei eingeschaltetem Licht mit ihr auf dem Bett liegen und Unsinn brabbeln, während ich jeden ihrer perfekt geformten Körperteile mit Küssen bedecke.

Aber ich spüre ihre Anspannung, spüre, wie sie die Dinge voranzutreiben versucht, weitermachen will, um ans Ziel zu gelangen.

Wirke ich selbst auch so, wenn ich einfach nur vögeln will?

Ich beuge mich vor und küsse ihr Kinn, öffne ihren Mund mit meinen Lippen. Ihre Zunge liegt weich in meinem Mund, und unter dem Biergeschmack schmeckt sie sogar nach Apfelsine. Ich stelle mir vor, wie sie in der Bar nach einer greift und ab und zu, während sie Drinks mixt, an einem Stück Apfelsine lutscht.

„Komm“, flüstere ich und sauge an ihrer Unterlippe. Gib mir irgendetwas. „Fass mich an.“

Sie leckt mir über die Oberlippe, und ihrer Kehle entfleucht ein Laut des Verlangens.

„Es ist okay, es zu wollen. Ich will es auch. Du tust hier nichts Falsches.“

Sie legt mir eine Hand in den Nacken, spreizt die Beine, dann zieht sie mich zwischen ihre Schenkel und

komm schon

Autor

Entdecken Sie weitere Romane aus unseren Serien

Wild Seasons