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Zeitenwende am Potsdamer Platz

Als Buch hier erhältlich:

1938: Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Alice nach Deutschland zurück, um die Erbschaft zu regeln. Doch sie erkennt ihr geliebtes Berlin nicht wieder. Die Stimmung ist umgeschlagen, viele Freunde sind in Gefahr. Verzweifelt nutztdie Familie alle Möglichkeiten, um die Galerie zu halten und geliebte Kunstwerke zu retten.Aber Alice erkennt schnell, welch unheilvolle Macht die Nazis bereits auf dem Kunstmarkt haben. Bald schon geht es nicht mehr nur um Gemälde von unschätzbarem Wert, sondern um Leben und Tod. Der Einzige, der ihr jetzt noch helfen kann, ist ein alter Vertrauter – und ihr schlimmster Feind.


  • Erscheinungstag: 28.06.2022
  • Aus der Serie: Die Galeristinnen Trilogie
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749903788
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

»Die Fahrt ins Exil ist ›the journey of no return‹. Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren – aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er selbst ist nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist.«

CARL ZUCKMAYER, »ALS WÄR’S EIN STÜCK VON MIR.
HOREN DER FREUNDSCHAFT«, 1966

TEIL 1

JULI 1938

LONDON – LAUSANNE

Streit

07. Juli 1938

Nur wenige Minuten und doch Welten von der ewig geschäftigen Fleet Street entfernt, in der alle wichtigen englischen Zeitungen saßen, genau gegenüber der hübschen, mittelalterlichen Kirche St. Etheldreda’s, am Ely Place gelegen, öffnete Alice Waldmann die blaue Tür des Gebäudes, in dem die Redaktionsräume der Workers’ News, einer kleinen, unbedeutenden, sich aber umso entschiedener gegen Hitler aussprechenden Zeitung. Vielleicht ist sie gerade deswegen so unbedeutend, dachte Alice nicht zum ersten Mal. Die Öffentlichkeit hielt nicht viel von – wie sie es nannte – Kriegstreibern. Und genau dafür wurde die Redaktion gehalten, die im Übrigen nur aus drei Männern – darunter Alices Verlobtem John Stevens – und einer Sekretärin bestand. Nicht, dass die Engländer begeistert wären über den Kurs ihrer Regierung. Doch herrschte die Meinung vor, dass es unsinnig wäre, sich erneut in einen Krieg auf dem Kontinent hineinziehen zu lassen. Den meisten saß noch immer der Schrecken des Großen Krieges in den Knochen.

Als sie die Tür des Redaktionsbüros öffnete, um John zum Mittagessen in dem kleinen Pub direkt um die Ecke abzuholen, hatte sie das Gefühl, bereits eine Woche in einer walisischen Mine hinter sich zu haben. Und das lag nicht nur am Wetter, das zwar ungewöhnlich warm war, ihr aber mit dem seit Wochen gleichmäßig grauen Himmel auf dem Gemüt lastete. Allein heute Vormittag hatte sie drei schreiende Kleinkinder fotografiert und die Abzüge in der Dunkelkammer, in die sie sich geflüchtet hatte, fertig gemacht. Sie konnte die Kleinen gut verstehen: Es war heiß, sie waren herausgeputzt und an einen Ort verschleppt worden, an dem sie nicht sein wollten, der ihnen fremd war und den sie nicht verstanden. Was ihr die Arbeit allerdings weder erleichterte noch ihre Stimmung hob.

Umso mehr hatte sie sich gefreut, als heute Vormittag Stefan Lorant, der Chefredakteur des außerordentlich erfolgreichen Fotojournals Liliput angerufen und ihr die Zusage für den Artikel über die Ausstellungseröffnung der 20th Century German Art Exhibition in den New Burlington Galleries erteilt hatte – mit Aufnahmen. Er wisse, dass seine Anfrage sehr kurzfristig komme, aber einer seiner Leute sei abgesprungen, und da Kunst ja ohnehin ihr Metier sei, wolle er fragen, ob sie … Ja! Sie wollte! Wenn sie Glück hatte, würde der Artikel in einer der nächsten Ausgaben veröffentlicht werden. Sie konnte es immer noch nicht glauben, dass sie Lorant zufällig über den Weg gelaufen war, als sie vor zwei Wochen im Ye Holy Lamb, dem Pub gleich um die Ecke der Redaktion, auf John gewartet hatte. Er war ein Bekannter ihres Onkels Johann Waldmann und genau wie sie und John vor den Nazis aus Deutschland geflohen. Vor Jahren hatte sie ihn in Berlin kennengelernt, ihm damals aber weiter keine Beachtung geschenkt. Ihr Kopf war zu der Zeit voll mit anderen Dingen gewesen. Lorant hatte sie im Pub angesprochen, und noch bevor sie es sich versah, hatten sie sich über Berlin und Kunst unterhalten. Als er erfuhr, dass sie fotografierte und sich ihren Lebensunterhalt in einem Fotostudio verdiente, hatte er mit den Augen gerollt und sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne, ab und zu für ihn zu arbeiten. Alice hatte ohne zu zögern Ja gesagt, aber geglaubt, sie würde nie wieder etwas von ihm hören. Bis heute Vormittag das Telefon geläutet hatte.

Es wäre so schön, endlich etwas Sinnvolles, etwas Eigenes, etwas … Wesentliches zu tun, hatte sie gedacht, nachdem sie den Telefonhörer aufgelegt hatte und zurück ins Studio gegangen war, wo bereits die nächsten Kunden warteten.

Gegen halb zwölf hatte sie sich eilig die Lippen nachgezogen und die Nase gepudert, bevor Mr. Fisher ihr noch einen Kunden vor das Objektiv schieben konnte. Die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, war eine andere als diejenige, die vor fünf Jahren aus Berlin weggegangen war. Gott, sie war beinahe dreiunddreißig. Älter als die meisten Mütter, deren Kinder sie heute fotografiert hatte. Zerstreut hatte sie die Partie um ihre Augen gemustert, kurz geseufzt und ihrem Spiegelbild die Zunge rausgestreckt, bevor sie die Puderdose mit einem lauten Klacken hatte zuschnappen lassen und sich auf den Weg in die Redaktion machte, um John abzuholen.

Eine halbe Stunde später stand sie vor dem Schreibtisch der Redaktionssekretärin. »Ist Mr. Stevens in seinem Büro?«, fragte sie die kleine unscheinbare Ivy, die auf ihre Schreibmaschine einhämmerte, als wäre sie ihr persönlicher Feind. Die Sekretärin sah kurz auf und blickte über die Schulter in Richtung von Johns Raum. »Scheint noch in der Besprechung zu sein«, antwortete sie knapp und wollte sich wieder der Maschine zuwenden.

»Kann ich in seinem Büro warten?«, fragte Alice, und die Sekretärin nickte, ohne aufzusehen.

»Kann aber noch dauern«, antwortete sie geistesabwesend und zündete sich eine Zigarette an, bevor sie ihre Schreibmaschine weiterbearbeitete.

Alice durchquerte den Redaktionsraum und öffnete die Tür zu dem kleinen Büro, das nicht viel mehr als eine Abstellkammer mit einem übervollen Schreibtisch und einem Besucherstuhl war. Sie setzte sich und betrachtete das Durcheinander auf dem Tisch. Deutsche Zeitungen. Mit spitzen Fingern zog sie ein Blatt heran und schnaubte. Der Stürmer. Antisemitischer Dreck. Sie beneidete John nicht darum, das lesen zu müssen, um seinen Kollegen die Situation in Deutschland zu verdeutlichen. Seine Deutschkenntnisse und sein jahrelanger Aufenthalt in Berlin kamen ihm dabei mehr als zugute. Angewidert schob sie das Blatt über den Tisch zurück.

Ungeduldig blickte sie auf die Armbanduhr. Wenn er nicht bald käme, würden sie es nicht mehr schaffen, essen zu gehen. Dann bliebe ihnen höchstens Zeit für einen kurzen Spaziergang Richtung Themse. Sie wollte eben aufstehen und die Sekretärin noch einmal fragen, als John die Tür aufstieß und beinahe in sie hineingelaufen wäre.

»Alice!«

Sie war aufgesprungen und hätte fast einen Stapel Papier umgerissen. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihnen, vorzuhechten und die gefährlich schwankenden Massen abzustützen. Sie grinsten sich an, dann schloss John die Tür hinter sich, nahm sie in den Arm und küsste sie.

Als sie sich voneinander lösten, griff sie nach seiner Hand. »Los, wir haben nicht viel Zeit! In einer Stunde muss ich …«

John schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Alice. Ich kann nicht. Ich habe versucht, dich zu erreichen, aber du warst schon weg. Und ich muss gleich wieder zurück. Ich hab gesagt, ich müsste noch ein paar Unterlagen holen … Ah, da sind sie ja.« Er griff nach einem Stapel Papiere und blätterte sie rasch durch. Als sie nicht antwortete, blickte er auf, zog sie an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Wir holen das morgen nach, in Ordnung?« Er ließ sie los und sah auf seine Uhr. »Ich muss jetzt wieder rein.«

Alice bemühte sich, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Hastig fischte sie ihr Zigarettenetui aus der Handtasche, öffnete es und hielt es John lächelnd entgegen. »Für eine gemeinsame Zigarette wird aber noch Zeit sein? Weißt du, ich wollte dir noch etwas Wichtiges erzählen. Erinnerst du dich an Lorant und diesen Artikel, den ich vielleicht schreiben kann?«

»Alice, hat das nicht bis heute Abend Zeit? Sieh mal, ich muss wirklich …«

Alice starrte ihn einen Augenblick lang an und ließ dann das Etui zuschnappen. »Was bist du nur für ein beschäftigter Mann.« Sie konnte den verbitterten Ton in ihrer Stimme hören, und er gefiel ihr überhaupt nicht.

John blickte überrascht auf, dann nahm er ihr die Handtasche ab und stellte sie auf den Schreibtisch. »Entschuldige, in Ordnung, erzähl. Aber schnell, ja?«

Alice runzelte die Stirn. Wie er mit ihr sprach … Als wäre sie eines dieser kleinen heulenden Babys, die sie den ganzen Tag lang fotografieren musste. Manchmal hatte sie das beunruhigende Gefühl, er lebte in einer ganz anderen Welt als sie. War so beschäftigt, dass er sie und das, was ihr wichtig war, gar nicht wahrnahm. Sie bohrte die Fingernägel in ihre Handflächen und trat einen Schritt zurück. »Findest du das nicht ein bisschen ungerecht? Du hast das alles …« Sie machte eine weit ausholende Geste, die sein kleines Arbeitszimmer umfasste. »Und was habe ich? Hm? Einen beschissenen Job in der Dunkelkammer eines dämlichen Fotostudios.«

»Alice, auf was willst du hinaus? Ich habe doch gesagt, dass es mir leid …«

»Ist dir eigentlich klar, was ich in Berlin zurücklassen musste?«, brach es aus ihr heraus. »Ich hatte eine Zukunft, John! Ich habe sie für dich aufgegeben. Und was habe ich dafür bekommen? Eine Dunkelkammer und heulende Babys. Und wenn sich dann endlich, endlich auch einmal eine Chance für mich ergibt, dann interessiert es dich …«

Johns Blick verfinsterte sich, und er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ja, natürlich! Wie konnte ich das nur vergessen! Du hast alles meinetwegen aufgegeben. Ich bin schuld, dass du hier versauerst, statt bei deiner großartigen, erfolgreichen Familie in Berlin zu sein. Weißt du, manchmal habe ich den Eindruck, dass du einfach alles an London schrecklich finden möchtest!« Alice lachte ungläubig auf, doch John ließ sich nicht unterbrechen. »Dass nichts dem Vergleich mit deinem geliebten Berlin standhalten kann. Ich dachte … Ach, egal.« Er wandte sich ab und stellte sich ans Fenster.

»Ach ja? Was soll denn bitte schön in London besser sein?« Sie kniff die Augen zusammen und funkelte ihn zornig an.

John fuhr herum und stemmte die Arme in die Seiten. »Vielleicht dass wir hier eine Zukunft haben? Dass es hier keine NSDAP gibt?«

Sie lachte bitter. »Dafür habt ihr ja eure Blackshirts. Die sind nicht viel …«

»Verdammt, Alice!«, fluchte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein Stapel Papiere segelte herunter und ergoss sich über den Fußboden. Erschrocken trat sie zurück. Sie öffnete den Mund, doch er hob die Hand. »Merkst du eigentlich, dass du mich immer und immer wieder zurückstößt?«, knirschte er zwischen zusammengepressten Zähnen. »Und mittlerweile frage ich mich, ob es nur damit zu tun hat, dass wir nicht mehr in Berlin sind und du so weit von deiner Familie entfernt bist. Ich weiß wirklich nicht, wie lange ich das noch kann, Alice! Glaubst du, ich würde unser Leben in Berlin nicht auch vermissen? Denn ja: Das tue ich. Aber es ist vorbei. Kapier das!« Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, und Alice blickte ihn erschrocken an. Als sie schon glaubte, er hätte nichts mehr zu sagen, fuhr er leise fort: »Weißt du, was ich hier am meisten vermisse? Dich. Denn du entfernst dich immer weiter von uns beiden. Und je mehr ich versuche, dich zu halten, umso schneller entgleitest du mir.«

»Sprichst du etwa von deinen Heiratsanträgen?«

Er richtete sich auf, und sie konnte den verletzten Blick in seinen Augen erkennen.

Schnell wandte sie sich ab, verschränkte die Arme und sah aus dem Fenster. Das erste Mal hatte er gefragt, nachdem sie mehrere Absagen für Wohnungen erhalten hatten. Ein unverheiratetes Paar? Und dazu auch noch eine Ausländerin? Wie oft hatten sie gehört, dass nur an Ehepaare vermietet wurde. Und dennoch hatten sie eine Wohnung gefunden. Zugegeben: John musste Beziehungen spielen lassen, und auch der Wechsel einiger Banknoten in die tiefen Taschen ihrer Vermieterin hatte geholfen. Natürlich wäre es mit einem Trauschein einfacher – und günstiger – gewesen. Aber das würde sie John ganz bestimmt nicht auf die Nase binden. Als dann schließlich ihr Antrag auf Einbürgerung abgelehnt worden war, hatte er seine Frage wiederholt. Alleine der Gedanken, wie … vernünftig … er dabei geklungen hatte, trieb ihr die Hitze in die Wangen.

»Du willst doch nur heiraten, damit ich schneller eingebürgert werde. Das ist durchaus … ehrenwert. Aber es hat nichts mit Liebe zu tun. Ich werde nicht wegen eines Fetzens Papier heiraten.«

»Ah«, sagte er leise. »Ehrenwert … Sag mir, Alice: Warum bist du damals mitgegangen? Wenn hier alles so schrecklich für dich ist? Ich so schrecklich bin? Warum bist du nicht in Berlin geblieben? Ich hatte geglaubt, du wärst mit mir gegangen, weil du mich liebst? Weil du an uns glaubst. Aber vielleicht habe ich mich ja auch getäuscht.« Er wandte sich ab, stützte sich erschöpft auf dem Schreibtisch ab und ließ den Kopf hängen.

Leise trat sie hinter ihn und hob zögernd die Hand. Einen Augenblick lang ließ sie sie über seiner Schulter schweben, als wollte sie sie auf seinen Rücken legen, damit er sich umdrehte. Doch etwas in seiner Haltung ließ sie zögern. Sie blinzelte, dann ließ sie die Hand wieder sinken, nahm ihre Handtasche und schloss, ohne sich noch einmal nach John umzudrehen, leise die Tür hinter sich.

An der Themse

Ohne darauf zu achten, wo sie hinging, war Alice abgebogen und immer schneller die Straßen entlang in Richtung Themse gelaufen. Als der breite Strom vor ihr auftauchte, blieb sie abrupt stehen, stützte sich an der hüfthohen Mauer des Victoria Embankment ab und starrte blicklos auf das sich träge vorbeiwälzende Wasser. Wie sind wir nur so schnell an diesem Punkt angekommen, fragte sie sich bestürzt. Sie lief die Straße am Ufer entlang, immer gegen den Wind, in Richtung Waterloo Bridge, die so marode gewesen war, dass sie vor wenigen Jahren abgerissen worden war und jetzt neu aufgebaut werden sollte. Alice fing den misstrauischen Blick einer Frau auf, die ihr mit einem kleinen Jungen an der Hand entgegenkam. Schnell nahm die Frau den Kleinen an die andere Hand und zog ihn mit eiligen Schritten an ihr vorbei. Der Junge sah neugierig über die Schulter zurück, und Alice unterdrückte den Impuls, ihm ein Gesicht zu schneiden. Dennoch schien er ihre Wut zu erkennen, denn als sich ihre Blicke trafen, brach er in Tränen aus. Erschrocken über sich selbst hätte Alice sich am liebsten bei ihm entschuldigt. Hastig senkte sie den Kopf und sah auf ihre Hände, die immer noch zu Fäusten geballt waren. Langsam öffnete sie sie, atmete ein und aus, ein … aus … und ließ die Schultern sinken. Wie hat es nur so weit kommen können, fragte sie sich und lief weiter. Sie wurde langsamer, bis sie schließlich mitten auf dem Gehweg stehen blieb. Sie fühlte sich unendlich müde, ließ sich auf der niedrigen Mauer des Embankment nieder und spürte, wie ihr die Tränen kamen. Ärgerlich wischte sie sich über die Augen. Vom Fluss her wehte ein leichter, warmer Wind, und sie drehte sich mit dem Gesicht zu ihm, ließ ihn ihre Tränen trocknen. Sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Vor acht Jahren war sie mit nichts nach Berlin gekommen. Und hatte es geschafft. Sie richtete sich auf. Den Teufel würde sie tun, jetzt aufzugeben. Immerhin war sie eine Waldmann. Sie ließ sich von der Mauer gleiten und blickte nach rechts und links, um sich in den Strom der Passanten einzureihen. Sie war sich sicher, dass der Artikel über die Ausstellung eine Chance war. Sie würde John … nein, sie würde sich selbst beweisen, dass sie es auch hier in London zu etwas bringen konnte.

Zuerst sollten sie sich aber heute Abend versöhnen. Sie hatten beide Dinge gesagt, die sie nicht so meinten. Vielleicht, dachte sie, als sie in den Bus nach Chelsea stieg, können wir gemeinsam den Schaden wiedergutmachen.

Eine Art Gegenausstellung

Als Alice gegen sechs Uhr abends nach Hause kam, hatte John bereits den Tisch mit ihrem besten Geschirr gedeckt und stand am Herd. Er hatte sie nicht hereinkommen hören, und so blieben ihr einige Sekunden, um ihn von der Tür aus zu beobachten. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie daran dachte, was sie sich gegenseitig an den Kopf geworfen hatten.

Als er mit einem lauten Fluch den heißen Deckel fallen ließ, sprang sie schnell dazu und versuchte, den Topf mit den Kartoffeln festzuhalten, bevor er vom Herd rutschen konnte. Überrascht sah er auf, und einen Moment lang merkte sie gar nicht, wie heiß der Topf tatsächlich war. Mit einem kleinen Aufschrei ließ sie ihn fallen, und die Kartoffeln kullerten kreuz und quer über den Fußboden. Der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen, und sie steckte die Fingerspitzen mit einem kleinen Jammerlaut in den Mund. John zog sie schnell zum Waschbecken, drehte den Wasserhahn auf und hielt ihre Hand unter das kalte Wasser. Obwohl ihre Finger wehtaten, konnte sie den Blick nicht von John abwenden, beobachtete, wie er die Augenbrauen runzelte, als er die Hand nach links und rechts drehte, um zu sehen, ob sich Brandblasen bildeten. Als er schließlich aufschaute und sie das Leuchten in seinem Blick sah, machte ihr Herz einen Sprung. Er nahm sie in die Arme, und sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hals, atmete seinen Geruch ein.

Als sie eine Stunde später ineinander verschlungen im Bett lagen, hatte sie ihm endlich von dem Artikel erzählt.

Er setzte sich auf und zog sie an sich. »Warum hast du das nicht schon heute Mittag …«

Sie warf ihr Kissen nach ihm. »Willst du es nun hören oder nicht?«

Er nickte und griff nach ihrer Hand. »Tut mir leid wegen heute. Das war dumm von mir.«

Alice schluckte. »Na ja, wir haben uns ja beide nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Also sind wir quitt?«

Er nickte. »Aber jetzt erzähl: Um was geht es genau? Was ist das noch mal für eine Ausstellung?« Er beugte sich vor, um nach seinem Tabakbeutel zu angeln, der in seiner Hosentasche steckte.

Alice wickelte sich in die Decke und stand auf, um ihre Zigaretten aus der Handtasche zu holen, die immer noch in der Küche lag. »Die 20th Century German Arts-Ausstellung in den New Burlington Galleries. Wird morgen eröffnet«, rief sie, während sie nach dem Aschenbecher griff und ihn ausleerte. Beinahe wäre sie über eine Kartoffel gestolpert, die sie übersehen hatten. Sie hob sie auf, warf sie in den Ascheimer und wanderte wieder ins Schlafzimmer, wo sie sich aufs Bett fallen ließ. »Eine Art Gegenausstellung zu dieser grässlichen Schau, die gerade durch ganz Deutschland tourt. Johann hat in seinem letzten Brief darüber berichtet. Erinnerst du dich?«, nahm sie den Faden wieder auf. Sie zündete sich ihre Zigarette an. »Über die musst du doch in einem dieser schrecklichen Blätter auch was gelesen haben, oder?«

Er streifte die Asche seiner Zigarette ab und legte den Arm hinter den Kopf. »Sei froh, dass du sie nicht lesen musst. Ich kenn dich.« Er tippte auf ihren Oberarm. »Du würdest Gift und Galle spucken. Und zu Recht!«

Sie stützte sich auf und sah ihn an. »So schlimm?«

»Schlimmer.«

Alice ließ sich zurückfallen. »Hmm. Dann ist diese Ausstellung noch wichtiger, als ich dachte.«

»Um was geht es da? Ich habe zwar irgendwas läuten hören, aber bei uns in der Redaktion ist das nicht unbedingt ein Thema.«

Sie grinste und stupste ihm mit dem Zeigefinger in die Rippen.

»He!«, rief er lachend und rückte ein Stück zur Seite, bevor er sie an sich zog. »Hör mal …«

Sie wand sich aus seiner Umarmung und setzte sich auf. »Na ja, wie der Name der Ausstellung schon sagt, werden dort deutsche Künstler ausgestellt, die Probleme mit dem neuen Deutschland haben. Die dort nicht mehr ausgestellt werden oder sonst wie Ärger mit den Nazis und deren Vorstellungen von … Kultur haben.« Sie verzog verächtlich den Mund. »Soweit ich weiß, haben ein paar emigrierte Kunsthändler die Ausstellung organisiert, um auf die Lage in Deutschland aufmerksam zu machen. Außerdem ist es doch eine großartige Möglichkeit, dem englischen Publikum zu zeigen, was Deutschland kulturell zu bieten hat … hatte.«

Er zog sie an sich, und sie legte den Kopf auf seine Brust.

»Schon möglich. Aber mach dir nicht zu viele Hoffnungen, dass die breite Masse was mit Kunst anzufangen weiß.«

»He! Sei kein Snob! Vielleicht wird die Ausstellung ja ein Erfolg.«

Er lachte. »Gut, gut. Warten wir es ab. Vielleicht hast du ja recht. Auf jeden Fall freue ich mich, dass du darüber schreibst.«

»Und die Fotos mache«, ergänzte sie.

»Richtig, die auch.« Er strich zärtlich über ihr Haar. »Du vermisst die Galerie und deine Familie, nicht wahr?«

Alice horchte auf seinen Herzschlag, dann hob sie den Kopf und sah ihn an. »Ja. Mehr als ich es für möglich gehalten habe.«

20th Century German Art Exhibition

08. Juli 1938

John war am nächsten Morgen extra eine halbe Stunde früher aufgestanden, um Frühstück für Alice zu machen. Sie waren gemeinsam bis zur Victoria Station gefahren, wo sich ihre Wege trennen würden. Bevor er ausstieg, nahm er sie noch einmal in den Arm und küsste sie, was ihnen einige tadelnde Blicke anderer Fahrgäste einhandelte.

»Viel Erfolg«, sagte John leise. »Und wenn du eine Schreibmaschine brauchst, dann komm zu mir in die Redaktion.«

Sie sah ihm hinterher, bis er im Gedränge verschwunden war. Als der Bus wieder anfuhr, stützte sie das Kinn in die Hand und sah aus dem Fenster, beobachtete die auf den Bürgersteigen dahineilenden Passanten und den mörderischen Linksverkehr, an den sie sich immer noch nicht gewöhnt hatte. Mehr als einmal wäre sie beinahe überfahren worden. Zerstreut blinzelte sie in die Sonne, die bereits jetzt heiß vom Himmel herabbrannte. Sie spürte einen Schweißtropfen im Nacken und wischte ihn verstohlen fort. Wenn es noch wärmer wird, komme ich mir bald wie in Italien vor, dachte sie und versuchte sich vorzustellen, wie die Engländer mit solch einer Hitze zurechtkämen. Sie grinste, dann blickte sie auf den alten zerknitterten Fahrplan, der sie seit ihrer Ankunft in London begleitete. Nicht, dass sie die Haltestelle verpasste. Als sie sah, dass sie noch ein gutes Stück vor sich hatte, zog sie den Brief, den ihr Johann im April geschickt hatte, aus der Handtasche und las ihn erneut. Während der Bus sich durch den dichten Verkehr drängte, flog ihr Blick über die vertraute Handschrift, und beinahe meinte sie, die Stimme ihres Onkels durch den Verkehrslärm hören zu können.

Berlin, 15. April 1938

Liebe Alice,

gestern habe ich mir die Ausstellung Entartete Kunst im Haus der Kunst am Königsplatz, gleich rechts vom Reichstagsgebäude, angesehen.

Ich muss sagen, ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Lachen, weil ich so viele Arbeiten der modernen deutschen Kunst zusammengestellt in einer Ausstellung sehen konnte. Weinen, weil du in Deutschland nur noch »Schreckenskammern« finden wirst, in denen genau diese Kunst dem Gespött des Publikums preisgegeben wird.

Anscheinend soll es nur noch zwei Kategorien für die Beurteilung von Kunst geben: gesund oder entartet. Du wirst unschwer erkennen, dass es sehr viel einfacher sein wird, Kunst nach diesen Kriterien zu bewerten.

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, alles, was ich dort sah, entspräche meinem persönlichen Geschmack und meinen Vorlieben. Aber richtig ist es nicht, was hier passiert! Denn wer legt fest, was gut und was schlecht ist? Und was heute gut ist, kann morgen bereits entartet sein.

Ich sage es nur ungern, aber hier in Deutschland werden wir uns wohl diesen neuen Kriterien zu unterwerfen haben und müssen darauf hoffen, dass es irgendwann auch wieder anders wird. So lange müssen wir eben sehen, dass wir das Beste daraus machen.

Es grüßt dich Johann.

Sie runzelte die Stirn, schob den Brief zurück in die Handtasche, fischte zwei Artikel heraus, die bereits vor einigen Tagen erschienen waren, und strich sie glatt. German Art: A Reply to Munich hatte der Scotsman getitelt und Degenerate German Art: London Exhibition Of Movements Condemned in Germany die Yorkshire Post als Antwort auf die Ausstellung, von der Johann in seinem Brief berichtete. Sie las so konzentriert, dass sie um ein Haar ihre Haltestelle verpasst hätte. Hastig sprang sie auf und drängte sich durch die schwitzende Menge zum Ausgang.

Ein Freund

Bereits von der Haltestelle aus konnte Alice die Schlange erkennen, die sich vor der Eingangstür der New Burlington Galleries gebildet hatte. So viel dazu, Mr. Stevens, dachte sie und grinste zufrieden.

Sie blieb kurz am Straßenrand stehen, ließ ein paar Passanten vorbei und hielt nach Max Prendergast Ausschau. Hastig überquerte sie die Fahrbahn und stellte sich neben das hüfthohe Eisengeländer einer Treppe, deren Stufen in ein Kellergeschoss hinabführten. Ungeduldig tippte sie mit der Schuhspitze auf das Straßenpflaster und sah auf die Uhr. Wo blieb er denn nur? Hatte ihn seine Tante doch noch aufgehalten? Aus seinen Erzählungen wusste sie, dass diese Eigentümerin einer kleinen, aber sehr teuren Kunsthandlung – und ein ziemlicher Drachen – war, die immer wieder versuchte, ihren einzigen Neffen und Mitarbeiter zu verheiraten. Immerhin war er bereits sechsunddreißig Jahre alt und ließ nicht erkennen, dass er eine Familie gründen wollte. Im Gegenteil.

Als Alice Max bei ihrem letzten gemeinsamen Mittagessen gefragt hatte, ob er mit ihr zusammen eine Ausstellung sehen wollte, hatte er gar nicht erst wissen wollen, um was es sich handelte, sondern sofort zugesagt. Zufälligerweise hatte er gehört, dass seine Tante genau für diesen Tag eine sehr wohlhabende, extrem langweilige, aber ledige Kundin eingeladen hatte. Ihm war klar, was das zu bedeuten hatte. Um seiner Tante und ihren Bestrebungen einen Strich durch die Rechnung zu machen, hätte er sich buchstäblich jede Ausstellung angesehen. Selbst wenn es sich um Schrumpfköpfe gehandelt hätte. Da könne er sicher auch noch was lernen, hatte er mit grimmiger Miene erklärt. Aber natürlich wäre es ihm viel lieber, wenn sie sich was Vernünftiges ansehen könnten. Da er aber noch nie enttäuscht worden war, wenn sie einen Galerie- oder Ausstellungsbesuch vorgeschlagen hatte, hätte er vollstes Vertrauen in sie. Als sie an seinen treuherzigen Augenaufschlag dachte, musste sie lachen. Sie war wirklich froh, dass sich ihre Wege in dieser Riesenstadt gekreuzt hatten. Wenn Max sich vor zwei Jahren für ein anderes Fotostudio entschieden hätte, dann hätten sie sich nie kennengelernt. So aber stand er eines Nachmittags, kurz nachdem sie die Stelle in Mr. Fishers Fotostudio angetreten hatte, ohne jede Terminvereinbarung im Atelier und wollte Aufnahmen von seinem Dackel Strudel machen lassen. An Mr. Fishers geblähten Nasenflügeln und dem leise und rechtschaffen zitternden Doppelkinn hatte sie gleich gesehen, dass ihm diese Art von Kundschaft nicht willkommen war. Allerdings konnte er es sich nicht leisten, einen Auftrag auszuschlagen. Also hatte er ihn an sie weitergereicht. Was ein Glück war, denn Max und sie hatten sich von Anfang an prächtig verstanden. Als sich herausstellte, dass er in einer Galerie arbeitete und sie aus einer deutschen Kunsthändlerfamilie stammte, waren der beiderseitigen Begeisterung keine Grenzen mehr gesetzt. Es war eine der amüsantesten Porträtsitzungen gewesen, an die sie sich erinnern konnte. Noch bevor er gegangen war, hatten sie sich zum Mittagessen verabredet und im Laufe der Zeit ihre Freundschaft vertieft.

Auch von John war Max begeistert. Als Max John das erste Mal gesehen hatte, waren ihm fast die Augen aus dem Kopf gefallen, und seither war er ihm schlichtweg verfallen. Was nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhte.

»Was soll ich nur tun, damit er mich endlich erhört, Alice?«, hatte er sie erst letzte Woche beim gemeinsamen Lunch gefragt und nach ihrer Hand gegriffen. »Ich lege mich auch auf den Rücken, wie Strudel …«

Sie hatte ihm mit ihrer Gabel in den Handrücken gepikst. »Vergiss es.«

»Autsch! Deutsches Biest!« Er hatte sich grinsend den Handrücken gerieben. »Bist du dir denn seiner so sicher?«

Alice hatte gelacht. »Hundertprozentig!«

»Vielleicht hatte er ja nur noch keine Gelegenheit. Ich meine: Sieh mich an …«

»Ein tragischer Verlust für die Damenwelt.«

Max hatte sie über den Rand seines Weinglases angesehen und geprustet. »Die Damenwelt interessiert mich einen feuchten Kehricht, Darling.«

»Na hör mal, bin ich etwa keine Dame?«

Er hatte sie einen kleinen Augenblick lang gemustert und ihr dann mit einem frechen Grinsen geantwortet. »Nein, das bist du nicht.«

»Oh, du gemeiner Kerl!«, hatte sie auf Deutsch gesagt.

»Erkennst du kein Kompliment, wenn man dir eines macht?«, fragte er und lachte.

Erneut warf Alice einen Blick auf die Uhr. Kein Max weit und breit. Eine Zigarettenlänge gebe ich ihm noch. Ansonsten gehe ich alleine rein, dachte sie und runzelte die Augenbrauen. Die Schlange vor dem Eingang wurde und wurde nicht kürzer. Sie durfte auf keinen Fall die Eröffnungsreden verpassen. Sie klappte die Handtasche auf und fischte eine Zigarette heraus, als etwas Feuchtes an ihrem Ohr schnüffelte. Mit einem kleinen Aufschrei fuhr sie herum und guckte in Strudels große Augen.

»Nun? Kommt der Göttliche auch?«, fragte Max hinter ihr.

Hastig drehte sie ihren Kopf, um der eifrigen rosa Zunge des kleinen Hundes zu entgehen. Sie nahm Max das Feuerzeug, das er ihr reichte, aus der Hand, zündete sich ihre Zigarette an und inhalierte tief.

»Hallo, Strudel«, sagte sie und kraulte ihn unter dem Kinn. Der kleine Dackel wand sich vor Begeisterung, und Max hatte alle Hände voll zu tun, ihn nicht fallen zu lassen. Alice beobachtete ihn schadenfroh. »Hallo, Max. Schön, dass du doch noch gekommen bist.« Demonstrativ sah sie auf ihre Armbanduhr. »Du hast tatsächlich nur eine halbe Stunde länger gebraucht. Und nein: John kommt nicht. Du musst also mit mir vorliebnehmen. Tut mir leid.«

Max sah sie beleidigt an. »Was willst du denn? Ich bin fast pünktlich.«

Alice schüttelte den Kopf und grinste. »Und ich dachte immer, ihr Engländer wärt so überaus korrekt.«

»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du eine schreckliche und pedantische Preußin bist? Komischerweise mag ich dich trotzdem. Keine Ahnung wieso. Vielleicht bin ich ja so was wie ein barmherziger Samariter … Strudel, was meinst du? Sind wir Samariter? Wahrscheinlich ja.« Max blickte sie an, und Alice konnte nicht anders, als zu lachen. »Und dein Kostüm gefällt mir auch.« Er bedeutete ihr, sich zu drehen, damit er das streng geschnittene, taillierte Kleid mit dem schwarz-weißen Oberteil und den kurzen Ärmeln bewundern konnte. »Und einen neuen Hut hast du auch noch«, rief er.

Alice streckte ihm die Zunge raus, freute sich jedoch mehr, als sie zugeben wollte, dass es ihm aufgefallen war. Sosehr sie John auch liebte: Er würde wahrscheinlich kaum registrieren, wenn sie in einem Kartoffelsack herumlief. Den neuen Hut, der so neu auch nicht mehr war, hatte er bis jetzt jedenfalls nicht bemerkt.

»Bist du so weit?«, fragte sie und hakte sich bei Max unter. »Wir sind spät dran. Es gibt Arbeit, die erledigt werden muss.« Während sie über die Straße eilten, berichtete sie ihm in wenigen Worten von ihrem Auftrag.

Eine unpolitische Ausstellung

Wenn jetzt eine Panik ausbräche, dachte Alice schaudernd, als sie sich mit der Masse nach oben in den ersten Stock arbeitete. Sie hatte Max im Gedränge schnell aus den Augen verloren. »Max?«, rief sie über die Köpfe der Wartenden. »Max?«

Die dicke Frau hinter ihr blickte schnaufend und mit erhitztem, gerötetem Gesicht zu ihr auf. »Nun gehen Sie doch weiter!«, zischte sie Alice an.

»Hier!«, hörte sie Max von weiter unten rufen.

Sie warf einen weiteren argwöhnischen Blick hinter sich. Als sie schließlich im Vorraum ankam, schwitzte sie. Kurz nach ihr holte Max sie ein, auch er außer Atem und den Dackel fest an sich drückend. Erleichtert stöhnte er und ließ sich gegen die Wand sinken.

Neugierig sah Alice sich um. Etwas abseits, im Inneren der Ausstellungsräume, konnte sie einen Fotografen erkennen, der sein Blitzlichtgerät überprüfte. Sie beugte sich vor und bemerkte das Oberlicht, durch das Tageslicht in den Ausstellungsraum fiel. Wofür braucht man denn hier ein Blitzlichtgerät, fragte sie sich und hörte die Stimme ihrer Berliner Freundin Greta Bergner, die ihr das Fotografieren beigebracht hatte: Man kann sich immer ums Licht kümmern.

Alice stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen ersten Blick auf die Bilder zu werfen. Was sie sah, ließ ihr Herz höherschlagen. Bereits von hier aus konnte sie einen Liebermann erkennen! Sie blickte sich um und entdeckte ein paar Meter weiter einen kleinen Verkaufstisch, auf dem die Ausstellungskataloge auslagen. Aufgeregt zupfte sie an Max’ Ärmel. »Hast du einen Shilling?«

Er sah zum Verkaufstisch hinüber und stöhnte. »Willst du tatsächlich Lebenszeit in dieser Schlange verbringen?«

»Sei kein Dummerjan, Max! Wir wollen doch wissen, was wir uns ansehen, oder?«

Seufzend kramte er in seiner Hosentasche und reichte ihr ein paar Münzen. Sie stellte sich in der Schlange an. Ihr Blick blieb an dem Katalogumschlag hängen, und sie lächelte. Große blaue Pferde von Franz Marc war zwar nicht jenes Gemälde, das sie damals mit John im Kronprinzenpalais Unter den Linden gesehen hatte. Aber dennoch ließ es sie an jenen Nachmittag in der Galerie der Lebenden denken, als sie Grete Ring über den Weg gelaufen waren. Kurz bevor Johann, Ludwig und sie beschlossen hatten, die Galerie Waldmann wiederzueröffnen …

Wenige Minuten später hielt sie den Katalog in Händen, und noch während sie zurück zu Max ging, begann sie ihn rasch durchzublättern. Keine Abbildungen. Aber was für Namen! Sie blieb stehen. Max Beckmann. Otto Dix. Wassily Kandinsky. Paul Klee. Oskar Kokoschka. Lovis Corinth. Max Slevogt.

Erst als Max nach ihrem Arm griff, sah sie überrascht auf. Er war ihr entgegengegangen und zog sie nun zielstrebig in eine ruhige Nische, um gemeinsam mit ihr einen ersten Blick in den Katalog zu werfen. Alice konnte seine Aufregung spüren, als sie die Köpfe über die Seiten beugten.

»Du musst mir unbedingt zeigen, welche Bilder du kennst.« Max sah sie mit leuchtenden Augen an.

»Dann lass uns hineingehen, und ich stelle dir ein paar alte Bekannte vor«, antwortete sie, und sie reihten sich wieder in die Masse der Besucher ein. Doch kaum waren sie zwei Schritte vorgedrungen, ging mit einem Mal ein Raunen durch die Menge, ein unerwartetes Wogen, das sie beide zur Seite drückte. Sie spürte, wie ihr jemand auf den Fuß trat, und versuchte, instinktiv auszuweichen. Doch alles, was sie damit erreichte, war, ihrem Hintermann ebenfalls auf die Füße zu treten. Mit einem entschuldigenden Lächeln versuchte Alice, sich umzudrehen, konnte jedoch nur den weißen Haarschopf eines Mannes erkennen, der die Ursache des Tumults zu sein schien, denn wo er durch die Menge pflügte, wich diese zur Seite.

»Das ist Augustus John! Hast du nicht gesagt, dass er die Eröffnungsrede halten wird?« Max hatte sie an der Hand gepackt und versuchte, ihnen einen Weg aus der Menge heraus zu bahnen. Ohne darauf zu achten, ob er jemanden anrempelte, zog er sie hinter sich her. »Hast du deinen Notizblock und einen Stift? Kamera bereit?«, fragte er über seine Schulter hinweg.

Als sie sich endlich aus der Menge herausgearbeitet hatten, blieb Alice stehen und zog ihre Kamera aus der Tasche, dann eilte sie Max hinterher, der, Strudel unter dem Arm, mit energischen Schritten auf einen Konzertflügel zueilte. Als sie zu ihm aufschloss, bildete die Menge bereits einen Halbkreis um drei ernst dreinblickende Männer, von denen sie annahm, es handle sich um den Diplomaten Sir Ronald Storrs, Augustus John und einen der Organisatoren der Schau, Herbert Read.

Als sie sich neben Max stellte, beugte er sich zu ihr. »Wenn du uns suchst: Strudel und ich setzen uns dort hinten auf das Sofa. Hier vorne ist uns das Gedränge zu groß.«

Alice nickte abwesend und sah nach vorne. Hoffentlich machen die drei in ihren Eröffnungsreden klar, dass diese Ausstellung nicht unpolitisch verstanden werden kann, dachte sie, als sie Storr und John dabei zusah, wie sie ihre Notizen ordneten. Denn wie könnte man diese Ausstellung als etwas anderes als eine Antwort auf die unsägliche Politik der Nazis verstehen. Nur schade, dass John nicht da war, um das mitzuerleben. Alice ließ ihren Blick an den Bildern entlangwandern, die sie von hier aus erkennen konnte. So viele Künstler, die in Deutschland unerwünscht waren. Gedankenverloren betrachtete sie das große melancholische Triptychon Versuchung von Max Beckmann, die darauf abgebildeten gefesselten Frauen und den sehnsuchtsvollen Jüngling, und fragte sich, wie offen Briefe aus Deutschland sein konnten.

Als die Menge um sie herum schließlich unruhig zu tuscheln begann, wandte sie sich wieder den drei Männern zu. An deren steifer Körperhaltung konnte man erkennen, dass sie sich nicht wohlzufühlen schienen. Hatte es etwa eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen gegeben?

Als sich Augustus John räusperte, legte sich schließlich gespannte Stille über die Zuhörer. Einer der Fotografen brachte sich in der ersten Reihe in Stellung. Auch Alice griff nach ihrer Kamera. Nachdem sie hastig die Einstellungen überprüft hatte, machte sie eine Aufnahme von dem alten Maler, der einen Schritt vortrat und mit volltönender Stimme ansetzte: »Es ist mir eine große Freude, diese Ausstellung als eröffnet zu erklären.« Dann räusperte er sich erneut … und anstatt weiterzusprechen, trat er wieder zurück. Alice ließ verwirrt die Kamera sinken und sah in die ebenso verwirrt wirkenden Mienen der Zuhörer um sich herum. Sollte das alles gewesen sein? Oder hatte er seinen Text vergessen? Das war doch keine Rede … schon gar keine Eröffnungsrede! In einer Eröffnungsrede befasste man sich doch in irgendeiner Form mit den ausgestellten Objekten und den Künstlern, die sie geschaffen hatten. Von der fehlenden politischen Betrachtung ganz zu schweigen.

Das kann ja nur besser werden, dachte sie ärgerlich und schüttelte den Kopf, als nach kurzem Zögern Sir Storr das Wort ergriff.

Ihr Gesicht verfinsterte sich, als Storr erklärte, dass die Ausstellung lediglich einen Überblick über die aktuelle Entwicklung deutscher Kunst leisten wolle und keinerlei politische Einschätzung der momentanen Lage in Deutschland sei. Alice schnaubte verächtlich. Sie warf einen kurzen Blick zu Max und erkannte ihre eigene Verblüffung in seinem Gesicht gespiegelt. Unablässig strich er über Strudels Kopf. Dieses Herunterspielen der politischen Dimension erschien ihr geradezu fahrlässig. Argwöhnisch folgte sie den weiteren Ausführungen des Diplomaten, hätte ihm am liebsten seine Papiere aus der Hand gerissen und die Fetzen in den Abfallkorb gestopft.

Als Storr seine Rede wenige Minuten später beendet hatte und das Publikum höflich, aber ratlos klatschte, kämpfte Alice sich durch die Menge zurück zu Max, der aufgestanden war und auf sie zukam.

»Was war denn das?«, fragte er irritiert und setzte Strudel auf den Boden.

»Feigheit«, knurrte Alice zornig und schob den Notizblock in ihre Handtasche.

»Aber vor was oder wem?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Such dir was aus. Die Regierung … Hitler … Vielleicht soll ja auch einfach nicht der Eindruck erweckt werden, dass das eine von jüdischen und deutschen Emigranten organisierte Ausstellung sei.« Gedankenverloren blickte sie auf den großen Beckmann. »Dann müssen die Bilder eben für sich selbst sprechen. Komm, lass uns mal sehen, ob wir uns eine Erfrischung organisieren können. Und dann schauen wir uns die Bilder an. Schließlich sind wir deswegen da.« Sie hatte sich eben umgewandt, um nach einem Getränkestand Ausschau zu halten, als sie Max hinter sich aufstöhnen hörte.

»Was?«

»Gefahr von rechts«, zischte er. »Verflucht.«

Alarmiert blickte Alice sich um und sah eine hagere Frau mit ausgeprägtem Pferdegesicht auf sie zusteuern. »Ist das etwa deine Tante?«, fragte sie verblüfft.

Max nickte, und ihr schien, als wäre er um eine Nuance blasser geworden. Auch das noch, dachte sie und drückte Max beruhigend den Unterarm.

»Max«, rief Mrs. Prendergast, als sie sie erreicht hatte, und blickte missbilligend auf Alices Hand, die noch auf dem Arm ihres Neffen lag. Schnell zog Alice sie weg und trat einen Schritt zur Seite.

»Tante Maud! Ich dachte … Wollte heute nicht Lady Daphne bei dir reinschauen?« Alice hörte die Anspannung in seiner Stimme.

Maud Prendergast lächelte kalt. »Stell dir vor, das hat sie getan. Sie war jedoch sehr enttäuscht, dass du nicht da warst, und ist schon bald wieder gegangen. Sie hat sich nicht einmal die neuen Stücke angesehen, die du ihr hättest zeigen können.« Sie wandte sich zu Alice um und musterte sie prüfend. »Möchtest du mich nicht vorstellen?«

Alice lief ein kalter Schauder über den Rücken. Kein Wunder, dass Max so oft wie möglich das Weite sucht, dachte sie und trat einen Schritt näher.

Max räusperte sich. »Natürlich. Tante Maud, Alice Waldmann. Eine Kollegin sozusagen. Sie kommt aus Berlin, wo ihre Familie eine bekannte Kunsthandlung führt. Sie kennt sich hervorragend mit deutscher Kunst aus. Alice, meine Tante Mrs. Maud Prendergast.«

Alice streckte die Hand aus, doch Mrs. Prendergast nickte nur kurz und wandte sich, ihre Hand geflissentlich ignorierend, wieder Max zu.

»So? Eine Kollegin? Interessant …« Sie blickte zu den Bildern. »Hast du dir diese Sachen eigentlich schon angesehen? Unglaublich, was hier ausgestellt wird. Und dafür zahlt man auch noch einen ganzen Shilling Eintritt! Rausgeworfenes Geld.« Sie warf Alice einen Blick zu, als wäre diese persönlich für die Auswahl verantwortlich, und schüttelte missbilligend den Kopf. »Das alles ist ja äußerste Hässlichkeit. Nicht ein wirklich qualitätvolles Stück dabei. Also, dass Hitler das nicht haben möchte, kann man verstehen.«

Alice biss die Zähne zusammen, damit ihr nicht doch noch eine unüberlegte Bemerkung über die Lippen kam, die Max möglicherweise Ärger einhandelte.

Max, der ihr einen schnellen Blick zugeworfen hatte, beugte sich zu Strudel herab, hob ihn hoch und hielt ihn Mrs. Prendergast direkt unter die Nase. Alice wusste, dass seine Tante den Hund nicht ausstehen konnte, und sah mit grimmiger Befriedigung, wie sie hastig zurückzuckte. Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu, und seine Tante wich noch weiter zurück. Max deutete auf die Bilder. »Weißt du, ich finde das hier alles sehr interessant und habe gedacht … Meinst du nicht, wir sollten auch ein paar der hier gezeigten Künstler ausstellen?« Er lächelte seine Tante mit treuherzigem Augenaufschlag an, den selbst Strudel nicht besser hinbekommen hätte. »Auch wenn vielleicht nicht alles deinem Geschmack entspricht. Aber sollten wir nicht ein Zeichen setzen?«

Mrs. Prendergast musterte ihn mit eisigem Blick, doch er wich ihm nicht aus. Strudel winselte und wollte heruntergelassen werden. Sie starrten sich einige wenige Sekunden lang verbissen an, bis Mrs. Prendergast schließlich missbilligend den Kopf schüttelte. »Woher nimmst du bloß solche Ideen? Das musst du von deiner armen Mutter haben.« Dann sah sie Alice an. »Sie als Deutsche, Sie können uns doch vielleicht erklären, was all das … all dieser Primitivismus zu bedeuten hat? Kann einem so etwas tatsächlich gefallen?«

»Tante Maud …«, sagte Max warnend.

Alice hob die Hand. »Nein, Max, lass nur. Ich denke, deine Tante verdient eine Antwort.« Sie setzte ihr süßestes Lächeln auf. »Obwohl … Wenn ich darüber nachdenke … Eine Erklärung ergibt nur Sinn, wenn man sie an ein Gegenüber richtet, das sie auch verstehen kann. Meinen Sie nicht auch?« Sie wandte sich ab und hakte sich bei Max unter. »Wollen wir uns dann mal umsehen?«

Ein Vorschlag

»Primitivismus! Max, ich bitte dich«, zischte Alice, als sie sich durch die Menge schoben. »Und Sie, als Deutsche!«, äffte sie Mrs. Prendergast nach.

Max hob eine Augenbraue und zog Alice in eine Ecke hinter eine Palme. »Tut mir leid, Alice. Wahrscheinlich hat sie es gar nicht so gemeint. Sie ist ein dummes Biest. Das habe ich dir doch schon erzählt. Und selbst wenn sie es so gemeint hat … Lass sie doch reden!«, versuchte er sie zu beruhigen, während er einen Zweig zur Seite bog, der zwischen ihnen hing.

»Aber sie verbreitet all diese … dummen Vorurteile über Deutschland. Wahrscheinlich besteht Deutschland für sie aus Primitivismus und Nazis. Hör doch auf, mit diesem Palmdings herumzuwedeln!« Ärgerlich riss sie ihm den Zweig aus der Hand, brach ihn kurzerhand ab und warf ihn in den Kübel. »Sie hasst Deutschland und alles, was deutsch ist.«

»Aber das kann dir doch völlig egal sein! Und dass sie schlecht auf Deutschland zu sprechen ist, kannst du ihr eigentlich nicht vorwerfen. Du müsstest das doch verstehen. Immerhin hast du Deutschland wegen der Nazis verlassen.«

Alice schnaubte. Max hatte ja recht. Eigentlich könnte ihr Mrs. Prendergast wirklich vollkommen gleichgültig sein. Und doch ärgerte sie ihr Urteil. Im Grunde ging es gar nicht um ihre Ansichten über Deutschland, sondern um die Kunstwerke, die hier gezeigt wurden. All diese dummen Ignoranten, dachte sie ärgerlich.

»Sieh mal.« Max hob Strudel hoch, der enthusiastisch mit dem Schwanz wedelte, und hielt ihn Alice entgegen. »Wir lieben dich!« Er legte den Kopf schief und imitierte den Gesichtsausdruck des Hundes.

Alice konnte nicht anders, als zu lachen.

»Na siehst du.« Max grinste. »Ist doch alles halb so wild. Und nun, Gnädigste, nachdem du dich ausgetobt hast, lass uns was zu trinken suchen. Kunst macht durstig. Dann werden wir uns die Bilder ansehen, und du … du wirst einen fantastischen Artikel schreiben.« Er blinzelte und sah Strudel an. »Manchmal überrascht mich mein eigener Scharfsinn. Dich nicht auch, Strudel?« Er drückte dem kleinen Hund einen Kuss auf den Kopf und reichte Alice den Arm. »Bereit für einen Gin Tonic, meine Beste?«

Sie nickte. »Bereit.«

»Gut. Dann lass uns die Quelle suchen.«

Sie hatte sich dann doch für eine Limonade entschieden, während Max bei seiner Wahl geblieben war. Als zwei Plätze auf einem der Sofas vor dem großen Konzertflügel frei geworden waren, hatten sie sich dort niedergelassen, nippten an ihren Gläsern und beobachteten gut gelaunt das Treiben um sich herum. Immer wieder staunte Alice, wen Max alles kannte. So hatte er sie auf den Fotoredakteur des Life Magazine David F. Ritchie aufmerksam gemacht. Wenige Minuten später hatte er aufgeregt an ihrem Ärmel gezupft, da er Elsa Lanchester in der Menge entdeckte, die Alice erst vor Kurzem mit John in einer Kino-Matinee, in Bride of Frankenstein gesehen hatte. »Willst du dir ein Autogramm geben lassen?«, fragte sie Max.

Er schüttelte den Kopf, während er der Schauspielerin hinterhersah. »Nein. Nicht, dass ich nicht gerne eines hätte. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sie in Ruhe gelassen werden möchte.«

Alice sah ihren Freund an und hätte am liebsten den Arm um ihn gelegt. Stattdessen stupste sie ihn mit dem Ellenbogen an. »Weißt du, dass du ein sehr netter Mensch bist, Max Prendergast?«

Er sah sie überrascht an, dann verzog er den Mund zu einem spöttischen, kleinen Lächeln und griff nach ihrer Hand. »Was haben sie dir denn in die Limonade geschüttet? Wodka?« Er stand auf und zog sie hoch. »Komm. Lass uns Bilder ansehen. Deswegen sind wir hier. Erweitere meinen Horizont.«

Sie lachte. »Mal sehen, was ich für dich tun kann.«

Eine halbe Stunde später zog Alice Max von dem Kokoschka-Gemälde Selfportrait of a »Degenerate« Artist fort und deutete aufgeregt auf das Gemälde von Franz Marc, das auch auf dem Katalogumschlag abgebildet war und hier Blue Horses hieß. »Oh, Max, sieh nur! In Berlin gibt es ein ganz ähnliches, aber viel größer! Es ist riesig und heißt Der Turm der blauen Pferde, und es hing im Kronprinzenpalais, in der Galerie der Lebenden. Ich habe es damals zusammen mit John gesehen. Es ist einfach atemberaubend!« Sie seufzte. »Ich hoffe, dass dem Bild nichts passiert. Wenn ich mir vorstelle, dass so etwas entartet sein soll …«

Max trat näher an das Bild heran. »Du hast recht. Es ist wirklich fantastisch. Gibt es hier noch mehr Arbeiten von … Wie heißt er noch mal … Marc … zu sehen?« Er blickte über ihre Schulter, während sie im Katalog blätterte.

»Ja, sieh mal, hier: einige Ölgemälde und dann noch Aquarelle und Holzschnitte.«

Als sie ihn nach Luft schnappen hörte, sah sie erschrocken auf. »Max? Was ist denn?«

Er blickte reglos auf den Katalog. Langsam schüttelte er den Kopf und hob den Blick. »Weißt du, dass wir Hornochsen sind?« Nachdenklich tippte er mit dem Zeigefinger gegen sein Kinn. Strudel blickte interessiert zu ihm auf, und als Alice ihn verständnislos ansah, legte Max seine Hand unter ihren Arm und schob sie eilig zur nächsten Sitzgruppe. Dann setzte er Strudel auf ihren Schoß und lief vor ihr auf und ab. Alice streichelte den Hund, der es sich bequem machte, und beobachtete Max misstrauisch. »Sagst du mir jetzt bitte schön, warum wir Hornochsen sind?«

Er blieb stehen und schob seine Hände in die Jackentaschen. »Na ja, ich meine, warum sind wir nie auf die Idee gekommen, zusammen … eine eigene Galerie zu gründen?«

Alice runzelte die Stirn. Dann öffnete sie den Mund und schloss ihn gleich wieder.

Max setzte sich neben sie und griff nach ihrer Hand. »Sieh mal, ich habe das nötige Kapital, oder ich kann es jedenfalls besorgen, und du … du hast einfach so viel Ahnung. Und wir kennen uns im Kunstgeschäft aus. Du hast bereits in Berlin in einer Galerie gearbeitet. Wieso sind wir nur so gottverdammt blind?«

Alice starrte ihn an. »Eine Galerie? Hier? In London?«

Er nahm auch ihre andere Hand in seine und nickte. »Ja, ja!«

So unrealistisch der Vorschlag auch sein mochte, aus einer Laune heraus geboren … Sie wollte verdammt sein, wenn sie es sich nicht vorstellen konnte. Sie schloss die Augen. Ein Gefühl stieg in ihr auf, wie kleine, feine Champagnerperlen, die durch ihre Blutbahn rasten und sie schwindlig machten. Es wäre das, was sie sich – nach einer Heimkehr nach Berlin – am meisten wünschte. Arbeit in einer Galerie. Zwar hatte sie sich bei einigen beworben, doch als Deutsche hatte sie keinen Fuß in irgendeine Tür bekommen. Für den Bruchteil einer Sekunde gab sie sich der Illusion hin, dass Max recht haben könnte. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Sie musste auf dem Boden der Tatsachen bleiben und öffnete die Augen. »Max, ich habe nichts zu bieten. Kein Eigenkapital. Weder Geld noch einen Grundstock an Gemälden.«

Max winkte ab. »Das Geld kann ich besorgen. Und du bringst dein ganzes Wissen, deine Kontakte nach Deutschland ein. Ich meine …« Er breitete die Hände aus. »Das ist doch was. Und später, wenn der Laden richtig läuft, kannst du ja immer noch Geld mit einbringen. Oder …« Er sprang auf und nahm erneut seine Wanderung auf. »Oder ich stelle dich erst einmal als Geschäftsführerin ein. Dann hättest du auch ein Gehalt. Ach, Alice, komm schon. Sag Ja!«

Alice stand auf, sah ihn an und drückte Strudel an ihre Brust. »Max, sei ehrlich: Was hättest du denn davon? Ich kann nichts bieten. Ich habe kein Geld, ich habe hier keinen Namen, ich habe kein Netzwerk. Ich bin hier einfach nur … ein Niemand. Ich wäre ein Klotz am Bein für dich. Eine finanzielle Belastung.« Sie drückte ihm Strudel in den Arm und sah ihn an. »Lass gut sein, Max. Es ist eine wundervolle Vorstellung. Aber leider vollkommen unmöglich!« Sie wandte sich ab, nahm den Katalog und versuchte, sich zu fassen. »Was ist? Wollen wir nicht weiter?«, fragte sie und hatte den Eindruck, dass der muntere Ton in ihrer Stimme sich fürchterlich falsch anhörte.

Max machte einen Schritt auf sie zu, und sie drehte sich zu ihm um. »Denk drüber nach, Alice, was du mit deinem Leben anfangen willst. Und wenn du es weißt, sag mir Bescheid.«

Sie sahen sich einen Augenblick lang an, dann schüttelte Max sich und verzog das Gesicht. »Mein Gott, wo kommt denn auf einmal dieser ganze existenzielle Ernst her? So kenne ich uns gar nicht. Das liegt wahrscheinlich an all der Kunst hier.« Er deutete so schwungvoll um sich, dass Strudels Ohren flatterten.

Alice musste lachen und hakte sich bei ihm ein.

»Dann lass uns mal sehen, was ich alles für meinem Artikel brauchen kann.«

Kurz bevor sie in den nächsten Saal eintraten, warf Alice noch einmal einen Blick über die Schulter zu dem Bild mit den blauen Pferden. Eine eigene Galerie, dachte sie und wandte sich schnell wieder ab.

Schlechte Nachrichten

11. Juli 1938

Drei Abende hatte Alice an dem Artikel geschrieben, hatte nach der Arbeit im Fotostudio in Johns kleinem Büro in der Redaktion gesessen und gefeilt, umgeschrieben, geändert. Hatte unzählige Zigaretten geraucht und das ein oder andere Glas Whiskey mit John geteilt.

Er hatte sie in Ruhe arbeiten lassen, geduldig zugehört, wenn sie ihn um Rat fragte, ihn ihr aber nie aufgedrängt.

Ganz nebenbei hatte sie ihm von Max’ Vorschlag erzählt, so, als handelte es sich um einen gelungenen Scherz.

John hatte sie einen Moment lang angesehen. »Und?«

»Und was?«

»Was hältst du von der Idee?«

Sie hatte aufgeblickt und den Rotstift, an dessen Ende sie gekaut hatte, weggelegt. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. »Natürlich hört sich das … verlockend an. Aber es ist vollkommen aussichtslos. Das weißt du.«

John hatte mit den Schultern gezuckt und nach einer Zeitung gegriffen. »Nicht aussichtsloser als das, was du gerade tust, oder?« Dann hatte er die Zeitung aufgeschlagen und angefangen zu lesen.

Alice starrte ihn eine Sekunde lang an, ehe sie wieder nach ihrem Stift griff. Eine eigene Galerie …

Nun, nachdem sie die letzte Zeile getippt und John den Artikel vorgelesen hatte, sah sie ihn erwartungsvoll an. Doch anstatt etwas zu sagen, legte er die Füße auf den Tisch und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.

Alice blickte ihn an. »Und? Was sagst du?«

Er nahm die Füße wieder vom Tisch, griff hinter sich, angelte nach der Whiskeyflasche und hielt sie einladend hoch.

Sie schüttelte den Kopf. John goss sich einen Fingerbreit in sein Glas ein.

Alice trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Schreibtisch. »Jetzt sag schon! Gut oder schlecht?«

Er nahm einen Schluck und lehnte sich vor, griff nach dem Text und überflog ihn noch einmal.

Sie stand auf und stellte sich neben ihn. »Sag mir jetzt auf der Stelle, was du von dem Artikel hältst!«

»Vielleicht sollten wir uns erst noch einmal mit der Interpunktion beschäftigen … oder einen Spaziergang machen.« Er grinste sie an. »Wolltest du nicht noch irgendetwas besorgen?«

»In Ordnung, du wolltest es nicht anders.« Sie schloss die Augen, hielt sich die Ohren zu und sang unmelodisch: »Gut oder schlecht, gut oder schlecht, gut oder …«

John hob lachend die Hände. »In Ordnung! Er ist gut. Alice, hörst du mich? Er ist sehr gut!«

»… oder schl… Wirklich? Sagst du das jetzt nicht bloß, damit ich aufhöre?«

Er lachte, und Alice riss ihre Arme hoch, drehte sich um die eigene Achse. Sie blieb an einem Stapel Zeitschriften hängen, der aus dem kleinen überladenen Regal stürzte und sich mit einem dumpfen Knall auf dem Boden verteilte. Erschrocken schlug sie die Hände vor den Mund und sah zu John. Dann fiel sie ihm lachend um den Hals. »Ich hoffe, du meinst das wirklich ernst!«

Er nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und strich ihr eine ihrer störrischen Locken aus der Stirn. Sie betrachtete seine kleinen Lachfältchen um die ernsten Augen, seine Nase, die ein bisschen zu groß war, und seinen Mund, der immer zu einem Lächeln bereit schien. Dann legte sie ihm die Hand in den Nacken, zog ihn zu sich heran. »Küss mich«, sagte sie leise und schloss die Augen, als sie seine Lippen auf ihren fühlte. »Lass uns nach Hause gehen.«

John nickte. »Auf dem schnellsten Wege.«

Er ließ sie los, trat hinter seinen Schreibtisch und schob seine Papiere zusammen, als er auf einmal stutzte und einen Umschlag unter einer Zeitung hervorzog. »Hätte ich fast vergessen. Das ist heute für dich angekommen.« Er hielt ihr den Umschlag über den Tisch hin.

Alice runzelte die Stirn und griff danach. Festes, schweres Papier. Sie sah John an. »Was ist das?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich war heute Mittag kurz zu Hause, und das lag im Briefkasten. Ich dachte, ich bringe es dir mit. Sieht offiziell aus. Schweizer Briefmarke.«

Der Absender war ein Notar aus Lausanne. Sie griff nach dem Brieföffner, schlitzte den Umschlag auf und zog das Schreiben aus dem Kuvert.

»Sehr geehrtes Fräulein Waldmann«, las sie leise. … Ihr Vater Heinrich Lux, verstorben am … Mitteilung …

Sie ließ das Schreiben sinken. Von weit weg konnte sie John hören, verstand aber nicht, was er sagte. Als sie seine warme Hand auf ihrem Arm spürte, sah sie auf. Sie hielt ihm das Schreiben hin und setzte sich vorsichtig.

Er las die wenigen Zeilen, dann blickte er sie an. »Es tut mir leid, Alice.« Behutsam strich er über ihre Hand und drückte sie.

»Ich werde ihn nie wiedersehen, John!« Die Endgültigkeit dieses Gedankens raubte ihr den Atem. So vieles hätte sie ihrem Vater noch sagen … ihn fragen wollen. Doch nun … Sie hatte die Jahre ungenutzt verstreichen lassen und es immer wieder hinausgeschoben, ihn zu besuchen. Mehr als ein paar freundschaftliche Briefe hatten sie nicht gewechselt. All den vielen heiklen Themen waren sie beide geflissentlich ausgewichen.

Von ihrer Mutter hatte sie sich auch schon nicht verabschieden können. Und nun auch nicht von ihrem Vater …

John zog sie hoch, und sie hielt sich an ihm fest, als wäre er der einzige Mensch, der sie vor dem kalten Abgrund bewahren könnte, in den sie zu stürzen drohte.

Eine Reise von wenigen Tagen

Die Sonne hatte sich noch nicht über den Horizont gekämpft, als Alice am Küchentisch saß. Nachdem John und sie nach Hause gekommen waren, hatten sie die halbe Nacht geredet und Erinnerungen an Heinrich Lux heraufbeschworen, die sie abwechselnd zum Lachen oder zum Weinen gebracht hatten.

Schließlich war sie in seinen Armen eingeschlafen. Doch selbst im Schlaf hatte sie keine Ruhe gefunden, sondern von ihrem Streit mit Lux und ihrer Großmutter Helena geträumt. War auf der Flucht vor ihrer Verbitterung und Wut durch lange Korridore gestolpert, bis sie schließlich vor einer Stunde schweißgebadet aufgewacht war.

Sie hatte sich zu John umgedreht und ein paar Minuten sein schlafendes Gesicht betrachtet. Alice wollte ihn nicht aufwecken; also war sie aufgestanden, hatte die Schlafzimmertür leise hinter sich zugezogen und war barfuß in die Küche gegangen.

Während sie darauf wartete, dass das Kaffeewasser kochte, zog sie den Brief aus ihrer Handtasche, legte ihn auf den Küchentisch und betrachtete ihn vom Herd aus.

Als sie den Kaffee aufgebrüht hatte, setzte sie sich an den Tisch und drehte den Brief in den Händen hin und her. Sie hatte gestern Abend nicht mehr die Kraft gehabt, ihn zu Ende zu lesen. Vorsichtig zog sie die Seiten aus dem Umschlag.

Eine Stunde später, als die ersten Sonnenstrahlen durch das Küchenfenster auf den Fußboden fielen und sie John durch den Flur in die Küche tappen hörte, stand ihr Entschluss fest: Sie würde so schnell wie möglich in die Schweiz fahren, um persönlich mit dem Notar zu sprechen. Man könne die ganze Angelegenheit auch auf schriftlichem Wege abwickeln, hatte er geschrieben. Doch für sie war es keine Angelegenheit. Ihr Vater war gestorben, und auch wenn ihr Verhältnis schwierig gewesen war, so war er ihr doch nie gleichgültig gewesen. Im Gegenteil …

In dürren Worten hatte der Notar erklärt, dass es keine große Erbschaft sei, die sie erwarten dürfe. Das, was von Lux’ einstmals beträchtlichem Vermögen nach seiner Übersiedlung von Deutschland in die Schweiz übrig geblieben war, hatte er zum großen Teil aufgebraucht. Es gebe da aber noch eine kleine Sammlung Gemälde. Da sie mittlerweile in London lebe und die Überstellung derselben sicherlich zu kompliziert sei, gehe er davon aus, dass es in ihrem persönlichen Interesse liege, wenn diese Bilder verkauft würden und ihr der Erlös – nach Abzug seiner eigenen Kosten – auf ein von ihr zu benennendes Konto transferiert würde.

Alice hatte den Brief zusammengefaltet und in das Kuvert zurückgeschoben. Als John die Küchentür öffnete, stand sie auf, goss ihm eine Tasse Kaffee ein, drückte ihn auf seinen Stuhl und setzte sich ihm gegenüber.

Zerzaust und verschlafen lächelte er sie an. Alice beugte sich vor, griff über den Tisch nach seiner Hand und drückte sie.

»Warst du schon mal in der Schweiz?«

Nichts zu verlieren

Seit Tagen hatte Alice versucht, Lorant telefonisch zu erreichen. Sie wollte ihm den Text und die Aufnahmen noch unbedingt vor ihrer Reise in die Schweiz übergeben. John hatte ja recht: Sie könnte sie ihm auch per Post schicken. Aber sie wollte ihm die Sachen persönlich in die Hand drücken und von ihm hören, ob es für sie bei seinem Blatt vielleicht eine Zukunft geben könnte. Als sie ihn drei Tage nicht ans Telefon bekam, hatte sie ihren Text und die Bilder kurzerhand in die Tasche gesteckt und sich auf den Weg in die Redaktion des Liliput in der City gemacht. Doch auch diesmal hatte sie kein Glück. Ein junger Mann, der sie misstrauisch beäugte, erklärte unwirsch, Mr. Lorant sei momentan nicht zu erreichen, wenn sie aber unbedingt jemanden sprechen wolle: Sein Stellvertreter, Mr. Steffens, treffe sich gerade mit ein paar Kollegen im Ye Holy Lamb, da könne sie ja ihr Glück versuchen. Dann schob er sie unsanft hinaus. Verblüfft starrte Alice die geschlossene Tür an, dann verdrehte sie entnervt die Augen, drehte auf dem Absatz um und machte sich auf in den Pub, der gleich um die Ecke lag. Dann würde sie eben mit dem Stellvertreter sprechen.

Alice brauchte ein paar Sekunden, damit sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnten, und blieb an der Tür stehen. Langsam ließ sie den Blick über den Schankraum schweifen und blieb am einzigen Tisch hängen, an dem auf Deutsch diskutiert wurde. Ohne weiter zu zögern, zog sie den Umschlag mit ihrem Bericht und den Fotos aus der Tasche und trat an den Tisch. »Herr Steffens?«

Fünf Männer blickten überrascht auf. Nur der sechste, der mit dem Rücken zu ihr saß, legte seine Pfeife zur Seite und schob ein paar Papiere zusammen, bevor er sich zu ihr umdrehte. Nervös zuckten die Blicke der anderen zwischen ihr und dem stellvertretenden Chefredakteur hin und her. An ihren Gesichtern konnte sie ablesen, dass ihnen die Störung nicht recht war. Ob sie besser gewartet hätte, bis sie ihr Treffen beendet hätten? Nein, sie hatte lange genug versucht, Lorant zu erreichen, und der Artikel sollte doch aktuell sein. Sie hielt Steffens den Umschlag entgegen, der einen flüchtigen Blick darauf warf, ihn ihr aber nicht abnahm. Sie räusperte sich. »Mein Name ist Alice Waldmann. Herr Lorant bat mich vor Kurzem, einen Artikel für Ihr Magazin über die 20th Century German Arts Exhibition zu schreiben. Nun, hier ist er.«

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