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Zwischen tausend Gefühlen: Geborgtes Glück?

Rafe kämpft um das Sorgerecht für seinen unehelichen Sohn und flieht zu seinem Bruder. Ausgerechnet jetzt lernt er die attraktive Angela kennen - dabei hat er doch gar keine Zeit für die Liebe …


  • Erscheinungstag: 01.05.2015
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956494314
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Rachel Lee

Geborgtes Glück?

Aus dem Amerikanischen von Kris Amegee

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der englischen Originalausgabe:

Involuntary Daddy

Copyright © 1999 by Susan Civil-Brown

erschienen bei: Harlequin Enterprises, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Maya Gause

Titelabbildung: Thinkstock / Corbis

ISBN eBook 978-3-95649-431-4

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

PROLOG

Undercoveragent Rafe Ortiz schlurfte müde in die Büroräume des Drogendezernats. In seinem weißen Baumwollhemd, der Khakihose mit den Bügelfalten und seinen Segelschuhen sah er aus wie jemand, der einen Jachtausflug machen wollte.

Es war acht Uhr morgens, und er hatte seit fast achtundvierzig Stunden nicht mehr geschlafen. Rafe sehnte sich nach seinem Bett und hoffte nur, dass er inzwischen nicht vergessen hatte, wo er in Wirklichkeit wohnte. In den vergangenen sechs Monaten als Undercoveragent war sein eigenes Leben weit in die Ferne gerückt, ganz so, als gehöre es zu einem anderen. Er hatte das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wer er eigentlich war. Aber ehrlich gesagt hatte er das noch nie so genau gewusst.

Er brauchte unbedingt eine Auszeit, was jetzt auch möglich war, da er gerade einen Fall abgeschlossen hatte. Nur noch schnell ein paar Sachen im Büro klären und dann nichts wie zurück in sein eigenes Leben, das er vor sechs Monaten verlassen hatte.

„Das Setoner Krankenhaus hat angerufen“, sagte die hübsche Empfangsdame, deren Namen er ständig vergaß. „Auf der Intensivstation verlangt jemand dringend nach Ihnen.“

Rafe hatte das Gefühl, sein Herz würde aussetzen. Wen von seinen Kollegen könnte es erwischt haben? „Um wen handelt es sich?“

„Raquel Molina.“

Sein Gesicht wurde zu einer Maske. „Das muss ein Irrtum sein.“

„Ich weiß nur, dass sie dringend nach Ihnen verlangt. Wer ist sie?“

„Die Schwester von Eduardo Molina.“

„Der Mann, den Sie im Frühjahr hinter Gitter gebracht haben? Das war doch ein richtig großer Fisch, nicht?“

Rafe antwortete nicht.

„Vielleicht hat Sie Informationen für Sie und will die loswerden, bevor sie stirbt.“

Rafe warf ihr einen schwer zu deutenden Blick zu. „Ja, vielleicht.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und ging zur Tür.

„Es tut mir Leid, Mr Ortiz“, sagte die junge Ärztin. Sie sah genau so erschöpft aus, wie er sich fühlte. „Ms Molina ist vor ungefähr einer Stunde gestorben.“

Rafe sah sie verständnislos an.

„Es war eine Schusswunde“, erklärte sie schließlich. „Die Polizei kann Ihnen mehr darüber berichten. Wir haben alles Menschenmögliche getan.“

„Ich kannte sie kaum“, sagte er ungläubig.

Die Ärztin maß ihn mit einem abweisenden kühlen Blick. „Was Sie nicht sagen. Dennoch gibt da dieses kleine Problem. Und dessen werden Sie sich wohl annehmen müssen.“

„Was für ein Problem?“

„Ms Molina Letzter Wille war es, dass Sie das Kind aus Miami wegbringen, weg von ihrer Familie.“

„Das Kind?“ Raquel hatte kein Kind. Zumindest hatte sie ihm nichts davon erzählt. „Welches Kind?“

Die Ärztin sah ihn missbilligend an. „Kurz bevor sie starb, haben wir Ms Molina mittels Kaiserschnitt von einem acht Pfund schweren Jungen entbunden. Und Sie sind der Vater, Mr Ortiz.“

1. KAPITEL

Rafe saß seiner Vorgesetzten Kate Keits gegenüber und blickte irritiert. Als Chefin war sie eigentlich gar nicht so übel, aber im Augenblick nervte sie ihn entsetzlich.

„Sind Sie sicher, dass das Baby von Ihnen ist, Rafe?“, fragte sie. „Es wäre diesen verdammten Molinas zuzutrauen, so was nur zu inszenieren, um Zugang zu einem von uns zu bekommen. Ganz speziell zu Ihnen. Sie haben inzwischen ja fast die ganze Familie hinter Gitter gebracht.“

„Es ist mein Kind.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Ich habe einen Vaterschaftstest machen lassen. Das Ergebnis kam letzte Woche. Mein Sohn. Mein Problem.“

„Das können Sie laut sagen. Es ist ein Problem. Sie müssen schnellstens jemanden finden, der Ihnen das Baby abnimmt, sonst werde ich Sie anderweitig einsetzen müssen.“

Das war ihm klar. Er wusste, dass er nicht als Undercoveragent arbeiten konnte, wenn er ein Kind zu versorgen hatte. Aber ihm fiel niemand ein, der sich monatelang um den Kleinen kümmern konnte, zumindest niemand, dem er vertraute.

„Sie hätten sich nie mit einer Verdächtigen einlassen dürfen, aber das wissen Sie ja selbst. Haben Sie schon erwogen, den Kleinen zur Adoption freizugeben?“

Daran gedacht hatte er. Er hatte sich sogar schon mehrfach auf den Weg zur nächsten Adoptionsstelle gemacht, um alles in Gang zu setzen. Aber jedes Mal war er unverrichteter Dinge wieder zurückgekehrt in seine kleine Einzimmerwohnung, die eher einem Loch als einer Wohnung glich und die seit Ankunft seines kleinen Sohnes ständig nach schmutzigen Windeln und saurer Milch roch.

„Und?“, drängte Kate.

„Das kann ich nicht machen. Ich bin die einzige Familie, die er hat. Die Molinas kann man vergessen.“

„Und? Was wollen Sie tun?“, fragte sie. „Rafe, ich brauche Sie draußen auf der Straße. Wenn Sie nicht mehr als Undercoveragent arbeiten können, muss ich mir jemand anders suchen. Sie müssen sich entscheiden.“

Er nickte zustimmend. „Ich habe Familie in Wyoming“, erklärte er leise. „Geben Sie mir einen Monat Urlaub. Ich bringe den Kleinen hin und bitte sie, sich um ihn zu kümmern.“

„Das klingt gut. Ich erledige den nötigen Papierkram, und Sie können Freitag Ihren Urlaub antreten.“

Erleichtert verließ Rafe Kates Büro. Das war geklärt. Dennoch war er bedrückt, denn er hatte versäumt, ihr zu sagen, dass diese Familie in Wyoming aus nur einem Bruder bestand. Den er nicht kannte. Es handelte sich um einen Halbbruder, der überhaupt nichts von Rafes Existenz wusste. Wie er gehört hatte, war der Mann Polizist, aber das besagte noch lange nicht, dass er ihm auch seinen Sohn anvertrauen konnte. Rafe wusste aus eigener bitterer Erfahrung nur zu gut, dass Pflegeeltern nicht immer nur das Beste für ihren Schützling wollten. Er selbst war in einer Pflegefamilie aufgewachsen und hatte eine entsetzliche Kindheit gehabt. Aber den Molinas wollte er seinen Sohn auf keinen Fall überlassen. Es war ihnen zuzutrauen, dass sie den Kleinen schon von Kindesbeinen an in den Drogenhandel mit einbeziehen würden. Rafe blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sich sein Halbbruder in Wyoming als aufrechtes und geachtetes Mitglied der Gesellschaft erwies.

Auf dem Nachhauseweg holte er Peanut, wie er seinen Sprössling nannte, von der Tagesstätte ab. Dann kaufte er noch Trockenmilch für den Kleinen und eine Straßenkarte. Er wollte wissen, wo genau Conard County in Wyoming lag, um überschlagen zu können, wie lange er und der Knirps ungefähr für die Fahrt brauchen würden.

Der Junge hat einen Namen, wies er sich selbst zurecht. Raquel hatte ihn Rafael genannt, nach seinem Vater. Irgendwie fand Rafe jedoch, dass dieser Name zu einem elf Pfund schweren schreienden Baby überhaupt nicht passte. In Rafael musste der Kleine erst noch hineinwachsen. Und bis dahin war er Peanut.

Peanut verschlief die Einkäufe, aber sobald sie wieder im Wagen waren und nach Hause fuhren, wachte er auf und verlangte lautstark sein Recht. Rafe hätte sich am liebsten Watte in die Ohren gestopft.

„Jetzt halt aber mal die Luft an, Peanut“, rief er dem zornig schreienden Knirps zu. „Es sind doch nur noch zwei Blocks!“ Noch zwei Blocks, dann würde er dem Jungen die schmutzige Windel wechseln und ihm die Flasche geben. Rafe fragte sich kopfschüttelnd, wie sich irgendjemand Babys wünschen konnte.

Er hatte in den letzten Tagen viel Übung gehabt, und so schaffte er es, mit Baby, Trockenmilch, Wegwerfwindeln und Straßenkarte in die Wohnung zu gelangen, ohne irgendetwas fallen zu lassen. Inzwischen schrie der Kleine in den höchsten Tönen.

Rafe eilte mit dem kleinen Schreihals ins Badezimmer, wo er sich einen provisorischen Wickeltisch eingerichtet hatte. Er befreite Peanut von der vollen Windel, wusch ihm den kleinen Po und puderte ihn ausgiebig, nachdem er ihn abgetrocknet hatte. Wenigstens die Probleme des Kleinen sind leicht zu lösen, dachte er schmunzelnd. Sobald Peanut sauber war, schluchzte er noch ein, zwei Mal, und dann lächelte er wieder.

„So, kleiner Mann, und jetzt gibt’s was zu essen.“

Rafe probierte die zubereitete Milch und prüfte die Temperatur. Er fand die Milch ziemlich ungenießbar, aber der Kleine trank gierig, bis die Flasche leer war. Dann gab er ein zufriedenes Bäuerchen von sich. Rafe wickelte ihn noch einmal und danach schlief sein kleiner Sohn mit einem seligen Lächeln auf dem Gesicht sofort ein.

Endlich hatte er etwas Zeit und Ruhe für sich. Er schob eine Tiefkühlpizza in den Ofen, schenkte sich ein Glas Milch ein und machte es sich mit einem Buch über Babypflege gemütlich.

Nachdem er die Hälfte der Pizza gegessen hatte, nickte er in seinem Sessel ein. Ganze Berge schmutziger Windeln verfolgten ihn in seinem Traum, aus dem er erst einige Stunden später auffuhr, geweckt von Peanuts forderndem Geschrei. Rafe hatte das Gefühl, überhaupt keine Pause gehabt zu haben. Seine Vaterpflichten schienen ihm jeden Freiraum zu nehmen.

Aber dieses Gefühl schwand sofort wieder. Nachdem er Peanut frisch gewickelt und gefüttert hatte, hielt er ihn im Arm, gab leise zärtliche Laute von sich und beobachtete, wie das Baby mit seinen Augen aufmerksam dem glitzernden Diamanten in seinem Ohr folgte.

Schließlich legte er den Kleinen auf eine Decke auf dem Boden und sah zu, wie er mit Ärmchen und Beinchen fröhlich ruderte, zufrieden mit sich und seiner kleinen Welt. Rafe schmunzelte. So einfach konnte das Leben also sein.

Dieser kostbare Moment wurde jäh unterbrochen, als jemand an seine Tür klopfte. Sofort war Rafe in höchster Alarmbereitschaft. Nur die engsten Kollegen kannten seine Adresse. Dieser nächtliche Besuch konnte nur Gefahr bedeuten.

Er zog seine Pistole aus dem Halfter, entsicherte sie, ging auf Zehenspitzen zur Tür und stellte sich seitlich davon auf. „Wer ist da?“

„Manny Molina.“

Rafe fluchte innerlich und verharrte völlig regungslos. Manuel war der einzige Molina, dem er bisher noch keinerlei Verbindung zu Drogen hatte nachweisen können. Er schien genau das zu sein, für was er sich ausgab. Ein Gastronom.

„Sind Sie allein?“

„Klar bin ich allein. Ich will nur reden.“

Rafe machte die Tür einen Spalt auf und spähte nach draußen. Manny war tatsächlich allein. „Wie haben Sie mich gefunden?“

„Wie finden Sie Leute?“ Manny sah ihn kopfschüttelnd an. „Ich habe Sie natürlich beschatten lassen.“

Rafe spürte, wie sich ihm die Nackenhaare sträubten. „Warum?“

„Wegen des Jungen. Ich will mit Ihnen über den Kleinen reden. Das ist alles, ich schwöre es. Und wenn Sie glauben, ich verrate den anderen, wo Sie zu finden sind, irren Sie sich gewaltig, Ortiz. Das da drinnen ist schließlich mein Neffe!“

„Na, dann brauche ich mir ja wirklich keine Sorgen mehr zu machen“, meinte Rafe sarkastisch.

Manny zuckte die Achseln. „Ich habe nichts gegen Sie, Ortiz. Mein Bruder hat die Strafe gekriegt, die er verdient. Drogenhandel! Ich habe selbst Kinder, und ich will diesen Mist nicht auf der Straße haben. Raquel war auch dagegen. Aber lassen Sie uns doch drinnen reden.“

„Was wollen Sie, Manny?“

„Ich will den Jungen sehen. Mein Fleisch und Blut. Das einzige Kind meiner verstorbenen Schwester. Können Sie das nicht begreifen?“

Widerstrebend, die Pistole fest im Griff, machte Rafe die Tür auf und ließ Manny rein. Der Mann trug einen dunklen Anzug mit Krawatte, jeder Zoll der erfolgreiche Geschäftsmann.

Ohne auf seine teure Kleidung zu achten, kniete sich Manny auf den Boden neben das Baby.

„Er kommt ganz nach Ihnen“, meinte er nach eingehender Musterung. „Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Kinder im ersten Lebensjahr immer dem Vater ähneln.“

Peanut gurgelte fröhlich und wedelte aufgeregt mit Ärmchen und Beinchen.

Rafe vergewisserte sich schnell, dass sich niemand im Hausflur oder unten auf dem Hof versteckt hielt. Dann trat er zurück in die Wohnung, schloss die Tür und drehte sich um, gerade als Manny den Kleinen hochnahm. Das gefiel ihm gar nicht. Mit dem Rücken lehnte er sich gegen die Wohnungstür und versperrte Manny so den Weg nach draußen.

„Was wollen Sie, Molina?“

„Meinen Neffen besuchen“, wiederholte der ungebetene Gast. „Das hier ist Raquels einziges Kind. Ich möchte ihn hin und wieder sehen. Und meine Mutter auch. Er ist schließlich ihr Enkel.“

„Raquel wollte, dass ich den Jungen von der Familie fernhalte.“

Manny lachte verächtlich. „Mich und Mummy hat sie damit sicherlich nicht gemeint.“

„Sie hat Sie beide aber nicht ausgeschlossen.“

„Wenn Sie den Kleinen nicht zu uns bringen wollen, kommen wir eben zu Ihnen. Hierher oder in den Park, wohin Sie wollen. Wie wollen Sie eigentlich als Undercoveragent arbeiten, jetzt, wo Sie den Jungen haben? Vielleicht sollten Sie ihn bei Mummy lassen, während Sie Ihrer Arbeit nachgehen.“

„In Ordnung, ich werde darüber nachdenken“, versprach er unwirsch. Er musste so schnell wie möglich eine Lösung finden – als er Manny vorhin vor seiner Tür stehen hatte sehen, war Rafe schlagartig klar geworden, dass seine Tage als Undercoveragent vorbei waren.

„Gut. Aber überlegen Sie nicht zu lange“, mahnte Manny. „Mama sehnt sich danach, ihren Enkel in die Arme zu schließen. Wie heißt er übrigens?“

„Raquel hat ihm den Namen Rafael gegeben.“

„Nach Ihnen, wie?“ Manny nickte und sah sinnend auf das Baby in seinen Armen nieder. „Hören Sie, meine Schwester war damals echt fertig, nachdem Sie Eduardo verhaftet hatten.“

Das wollte Rafe nicht hören. „Ich habe sie nie angelogen.“

Manny lachte trocken. „Na, wer glaubt denn schon jemandem, der der Schwester eines bedeutenden Drogenhändlers erzählt, dass er als Undercoveragent des Drogendezernats tätig ist! Als sie es Eduardo erzählte, hat der sich schiefgelacht.“

„Wäre besser für ihn gewesen, wenn er’s geglaubt hätte.“

Manny warf ihm einen abschätzenden Blick zu. „Sie scheinen wenig Sinn für Humor zu haben.“ Er musterte Peanut nachdenklich. „Wie dem auch sei. Ich verlange nicht viel von Ihnen. Der Junge sollte seine Familie kennen. Seinen Onkel, seine Großmutter, seine Cousins. Und wir werden dem Kleinen nicht schaden.“

„Ich werde darüber nachdenken.“

„Ich melde mich morgen Abend, einverstanden?“

„Gut.“

Manny verabschiedete sich. Rafe blieb in der Tür stehen und blickte ihm nach, bis er den Hof durchschritten hatte. Dann schloss er die Tür und verriegelte sie. Erst jetzt merkte er, dass ihm der Schweiß auf der Stirn stand. Diesmal war alles gut gegangen.

Obwohl es bereits spät in der Nacht war, rief Rafe bei seiner Vorgesetzten an. „Manny Molina war gerade bei mir.“

Kate Keits schwieg erschüttert. „Wie zum Teufel hat er Sie gefunden?“

„Er hat mich beschatten lassen.“

Sie unterdrückte einen Fluch. „Sie müssen sofort untertauchen, Rafe. Fangen Sie schon mal an zu packen. Ich kümmere mich um alles andere.“ Sie hielt kurz inne. „Wenn die Molinas sich so ins Zeug legen, ist es verdammt ernst.“

Rafe packte das Notwendigste ein. Die restlichen Sachen konnte er später holen, wenn überhaupt. Im Augenblick war nur wichtig, so schnell wie möglich aus der Stadt zu kommen.

Um fünf Uhr morgens, als sogar die Straßen von Miami noch leer genug waren, um jeden, der einen beschattete, sofort auszumachen, ging es los. Rafe fuhr eine Weile ziellos umher, und als er ganz sicher war, dass niemand ihnen folgte, fuhr er noch schnell zum Friedhof. Er hatte selbst keine Erklärung für diesen plötzlichen Entschluss.

Er nahm seinen Sohn auf den Arm, stieg aus dem Wagen und ging zu Raquels Grab. Dort stand er dann und räusperte sich verlegen. „Sieh mal, hier ist er. Es geht ihm gut, Rocky.“ So hatte er Raquel immer genannt. „Ich bringe ihn von hier weg. Manny will ihn haben, und ich traue ihm nicht. Deswegen verschwinden Peanut und ich. Wenn der Junge älter ist, bringe ich ihn her, damit er dich besucht.“

Plötzlich brannten heiße Tränen in seinen Augen. Hastig wandte er sich ab und steuerte auf den Ausgang zu.

„Es tut mir so leid, kleiner Mann“, sagte er zu dem winzigen Bündel in seinen Armen. „Es tut mir so leid, dass deine Mom tot ist. Ich weiß, dass ich sie nur schwer ersetzen kann, aber wir haben wohl keine andere Wahl und müssen das Beste daraus machen.“

Er setzte seinen Sohn in den Babysitz, stieg ein und fuhr los. Wieder vergewisserte er sich, dass niemand ihnen folgte, und dann fuhr er auf direktem Wege Richtung Wyoming. Wenn seine Berechnungen stimmten, würde er fünf Tage für die Reise brauchen. Fünf Tage, und dann wären er und Peanut in einer völlig anderen Welt.

Angela Jaynes parkte ihren Wagen auf der Straße vor dem Haus im Schatten eines riesigen alten Baumes. Sie war eine zierliche schmale Frau mit blondem Haar und blauen Augen, die wehmütig blickten.

Conard City hatte sich in den fünf Jahren, seit sie zuletzt hier gewesen war, kaum verändert. Und Emmas Haus war noch genau so, wie sie es in Erinnerung hatte. Dasselbe zweistöckige Haus mit weißen Schindeln und dunkelbraunen Fensterläden.

Die Sonne stand schon tief am Himmel, und es wehte ein kühler Wind, der die Blätter über die Straße trieb. Man konnte den nahenden Winter förmlich riechen. Das kalte ungemütliche Wetter passte hervorragend zu Angelas Stimmung. Wäre es ein warmer sonniger Tag, wäre sie wahrscheinlich beleidigt gewesen.

Sie stieg aus, reckte und streckte sich kurz und blickte abwesend die Straße entlang, die gesäumt war von großen alten Häusern mit gepflegten Gärten und uraltem Baumbestand. Ob sich Conard City wohl je verändern würde?

Sie hoffte inständig, dass ihre Freundin schon zu Hause war, denn es war höchste Zeit, ihren Blutzuckerspiegel zu überprüfen. Seit ihrer letzten Mahlzeit war etwas zu viel Zeit vergangen und Angela spürte dieses wohlbekannte Gefühl der Schwäche in ihren Muskeln, die klare Warnung dafür, dass ihr Blutzuckerspiegel absackte. Sie hatte für solche Fälle zwar immer einige Bonbons parat, aber darauf griff sie nur ungern darauf zurück, weil es danach immer einige Zeit dauerte, bis sich alles wieder eingependelt hatte.

Kaum hatte sie geklopft, da wurde die Tür auch schon aufgerissen, und Emma schloss sie in die Arme.

„Angela“, freute sie sich, „wie schön, dich zu sehen!“

Angela drückte sie an sich, in dem glücklichen Gefühl, tatsächlich zu Hause zu sein. „Du hast zugenommen“, bemerkte sie lachend, „und es steht dir prächtig.“

„Ganze acht Pfund“, stimmte Emma zu. „Gage behauptet, das sei darauf zurückzuführen, dass ich glücklich bin, und damit hat er recht.“ Emma trat einen Schritt zurück und musterte ihre Freundin. „Du siehst wunderbar aus“, meinte sie, schüttelte aber gleichzeitig den Kopf. „Wunderbar, aber nicht gesund. Ist alles in Ordnung mit dir? Musst du etwas essen?“

„Also …“

Angela brauchte nicht weiterzureden. Emma zog sie schnell mit sich in die Küche. „Setz dich.“ Emma schob sie energisch zu einem Stuhl am runden Eichentisch, der die Küche zu beherrschen schien. Düfte, die einem den Mund wässerig machten, kamen aus dem Ofen.

„Ich mache gerade einen Schmorbraten“, erklärte Emma. „Aber der braucht noch eine Weile, bis er fertig ist. Was möchtest du haben? Kekse? Milch?“

„Beides, bitte. Und ich brauche noch mein Blutzuckermessgerät aus dem Wagen.“

„Das hole ich. Bleib du sitzen und iss etwas.“ Emma stellte einen Teller mit Keksen und ein Glas mit Milch vor Angela.

Gleich darauf war sie zurück mit Angelas Handkoffer, der die nötigen Utensilien enthielt. „Soll ich das Insulin in den Kühlschrank stellen?“

„Ja, bitte.“ Angela holte das Blutzuckermessgerät hervor und pikte sich in den Finger. Die beiden Frauen hatten sich im College ein Zimmer geteilt, und dabei hatte Emma gelernt, fast genauso gut mit der Krankheit umzugehen wie Angela selbst.

Angela las den Messwert ab. Etwas zu niedrig, aber noch im grünen Bereich. Mit einem Seufzer packte sie das Gerät weg und nahm noch einen Keks.

Ihre Freundin musterte sie besorgt. „Alles in Ordnung?“

Sie nickte. „Ja, alles in Ordnung. Ich musste nur etwas essen.“

„Bei deinem Anruf sagtest du, du hättest Probleme.“

„Ach, weißt du, es ist mir einfach alles zu viel geworden. Der Job. Die Krankheit. Ich brauche einfach mal eine Auszeit.“

Emma lachte. „Recht so. Erzähl, hast du gekündigt oder nur Urlaub genommen?“

„Ich habe gekündigt. Weißt du, diese Arbeit auf der Bank … ich konnte sie nicht mehr länger ertragen. Vollstreckungswesen ist einfach nicht meine Sache.“ Angela versuchte, gelassen zu bleiben. „Ich will nie wieder mit dafür verantwortlich sein, dass Menschen ihr Zuhause, ihren Hof oder andere Habe verlieren.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

Angela musterte Emma aufmerksam. „Macht es deinem Mann auch wirklich nichts aus, wenn ich einen ganzen Monat hier bin?“

„Aber nein, im Gegenteil,“, beteuerte Emma. „Du kannst ihn ja selbst fragen, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Er freut sich schon riesig darauf, dich kennenzulernen.“

Angela lächelte und nahm sich noch einen Keks. „Und ich erst. Er muss ja was ganz Besonderes sein, wenn er dich deine Angst vor Männern vergessen ließ, nachdem …“ Sie sprach nicht weiter, weil sie den Zwischenfall im College nicht erwähnen wollte. Emma war damals brutal überfallen und halb tot in einer dunklen Ecke zurückgelassen worden.

„Ja, er ist ein ganz besonderer Mensch“, bestätigte Emma versonnen. „Jemanden wie ihn müssen wir unbedingt auch für dich finden.“

Angela schüttelte ablehnend den Kopf. „Bitte verschon mich.“ Es war schon schlimm genug, dass sie selbst mit ihrer Krankheit leben musste. Einem anderen Menschen war das nicht zuzumuten. Gut, es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hatte sie noch geglaubt, trotz ihres Diabetes ein Recht auf Liebe zu haben. Inzwischen jedoch war sie eines anderen belehrt worden. Sie hatte nicht nur ihr ungeborenes Kind verloren, sondern auch ihren Verlobten, der ihr zu verstehen gegeben hatte, dass kein Mann eine Frau wollte, die keine gesunden Kinder zur Welt bringen konnte, die ständig mit einem Fuß im Krankenhaus war und die niemals spontan etwas unternehmen konnte, weil sie gezwungen war, nach einem festen Zeitplan zu leben.

In dem Augenblick ging die Hintertür auf, und Gage Dalton kam herein. Er sah Angela an und lächelte herzlich. „Na endlich. Das wurde aber auch Zeit, dass du uns mal besuchst. Hi, ich bin Gage.“ Er gab ihr die Hand und wandte sich dann seiner Frau zu. „Emma, haben wir noch Platz für einen weiteren Hausgast?“

„Sicher. Wer ist es denn?“

„Ich habe jemanden getroffen, den ich vom Drogendezernat her kenne. Na ja, kennen ist zu viel gesagt, wir sind uns ein paar Mal begegnet. Er ist hier, um etwas mit Nate zu besprechen. Augenblicklich wohnt er im ‚Lazy Rest‘. Das ist zwar kein übler Laden, aber er hat seinen drei Monate alten Sohn mit dabei.“

„Ein Motel ist wirklich kein Ort für Babys“, protestierte Emma. „Sag ihm, er ist uns herzlich willkommen. Wir haben genügend Platz.“ Sie wandte sich Angela zu. „Es sei denn, du würdest dich gestört fühlen? Du brauchst schließlich deine Ruhe, und Babys können ziemlich laut sein.“

„Nein, nein, das ist schon in Ordnung“, beruhigte Angela sie. „Ich liebe Kinder.“

„Gut“, freute sich Gage. „Ich rufe ihn gleich an.“

„Schatz, könntest du zuerst Angelas Koffer aus ihrem Wagen holen? Sie wird sich nach der langen Fahrt ausruhen wollen.“

Zehn Minuten später war Angela in ihrem Zimmer mit Blick auf die Straße. Mit einem wohligen Seufzer streckte sie sich auf dem Bett aus und schlief sofort ein.

Rafe hatte erst gezögert, Gages freundliches Angebot anzunehmen. Doch für Peanut war ein Privathaus besser als dieses laute Motel, und daher hatte er schließlich doch dankend angenommen.

Er hatte Gage im Büro des Sheriffs getroffen, wo er sich Nate Tate vorstellte. Dass sie Brüder waren, hatte er allerdings für sich behalten. Und er hatte sich ziemlich idiotisch benommen. „Hallo, ich werde mich einige Tage in Ihrer Stadt aufhalten. Ich bin Drogenfahnder, und ich trage eine Waffe.“

Nate hatte ihn einen Moment lang ungläubig angestarrt. „Erwarten Sie irgendwelche Schwierigkeiten?“

Die Frage war vernünftig. Nate schien in Ordnung zu sein. Er sah jünger aus, als Rafe es von einem Mann Mitte fünfzig erwartet hätte, und er machte einen zuverlässigen und fähigen Eindruck, was Rafe sehr begrüßte.

Nate sah seiner Mutter genau so wenig ähnlich wie Rafe, der seinem Vater ähnelte. Wahrscheinlich kam auch Nate nach seinem eigenen Vater.

Als Rafe vor dem Haus der Daltons vorfuhr, stand Gage schon in der Haustür, neben sich eine umwerfende rothaarige Schönheit.

Gage lief auf den Wagen zu. „Wie kann ich helfen?“, fragte er ohne Umschweife.

Rafe öffnete den Kofferraum. „Wenn Sie das Gepäck nehmen würden? Ich muss Peanut aus dem Wagen holen.“

Behutsam holte Rafe das schlafende Baby samt Babysitz aus dem Auto, schnappte sich dann noch die Windeltasche und ging auf das Haus zu. Die schöne Frau trat zur Seite, um ihn hereinzulassen. „Hallo“, sagte sie, „ich bin Emma Dalton.“

„Rafe Ortiz. Und das hier ist Rafael junior, genannt Peanut.“

Behutsam zog Emma eine Ecke der Decke von Peanuts Gesicht. „Wie süß!“

„Er ist ein braver Junge“, erklärte Rafe. „Danke, dass wir bei Ihnen wohnen dürfen.“

Emma bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln. „Wir konnten doch nicht zulassen, dass Sie beide im Motel wohnen. Außerdem haben wir genug Platz. Ihr Zimmer ist oben den Flur entlang, nach hinten raus. Fühlen Sie sich wie zu Hause. Abendessen gibt’s in ungefähr einer Stunde. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie ruhig schon vorher runter.“

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