×

Ihre Vorbestellung zum Buch »D.C.I. Jim Daley ermittelt: Die Mädchen von Strathclyde / Tödliches Treibgut / Der Pate von Glasgow (3in1)«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »D.C.I. Jim Daley ermittelt: Die Mädchen von Strathclyde / Tödliches Treibgut / Der Pate von Glasgow (3in1)« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

D.C.I. Jim Daley ermittelt: Die Mädchen von Strathclyde / Tödliches Treibgut / Der Pate von Glasgow (3in1)

hier erhältlich:

DIE MÄDCHEN VON STRATHCLYDE

Glasgow, 1986: Constable Jim Daley ist in seinem zweiten Jahr als Streifenpolizist bei der Starthclyde Police. Von der traurigen Berühmtheit Glasgows als Mord-Hauptstadt Europas bekommt er nur wenig mit: Betrunkene Obdachlose, eingeschlagene Schaufenster und rachsüchtige Vorgesetzte bestimmen seinen Dienstalltag. Dies ändert sich schlagartig, als er eine tote Prostituierte auffindet und daraufhin mit DC Brian Scott einen Serienmörder jagt …

Bei diesem Kurzroman handelt es sich um das Prequel zu "Tödliches Treibgut" von Denzil Meyrick.

TÖDLICHES TREIBGUT

Zerklüftete Felsen reichen bis in die Brandung hinein, ein entstellter Körper liegt verdreht dazwischen im Sand. Dieser Anblick bietet sich DCI Jim Daley, den es von den rauen Straßen Glasgows an die sonst beschaulichen Strände der Kintyre-Halbinsel verschlägt: Mit seinem Partner DC Scott wird er in das Fischerdorf Kinloch beordert, da sich die örtliche Polizei mit der dort angespülten Frauenleiche überfordert zeigt. Während sie innerhalb der verschworenen Dorfgemeinschaft ermitteln, müssen die beiden feststellen, dass jemand bereit ist, dafür zu töten, dass bestimmte Fragen ungestellt bleiben …

DER PATE VON GLASGOW

DCI Jim Daley von der Mordkommission Glasgow sitzt in dem kleinen
Küstenort Kinloch fest, seit er die Revierleitung dort übernehmen musste. Doch vergessen hat man ihn im Hauptquartier offenbar nicht - er bekommt das Video eines brutalen Mordes geschickt.
Der Täter: James Machie, der Pate von Glasgow, von Daley persönlich hinter Gitter gebracht. Das Opfer: der damalige Kronzeuge. Den zweiten Kronzeugen und ehemalige rechte Hand des Paten, Frank MacDougall, soll Daley nun beschützen. Nur, wie beschützt man jemanden vor einem Geist? Denn Machie wurde vor fünf Jahren ermordet …

"Breit angelegte Kriminalgeschichte, spannend und unterhaltsam zugleich."
Buchkultur

»Fesselnd und mitreissend.«
Wall Street Journal

"Die richtige Prise Authenzität … ein packender Stil … höchst beachtlich."
The Herald

"Meyrick versteht es, eine gute Geschichte zu erzählen und noch der unwichtigsten Nebenfigur Leben einzuhauchen."
Scots Magazine

"Denzil Meyrick wird bald in einem Atemzug mit Alex Gray, Denise Mina und Stuart MacBride genannt. Sehr beeindruckend."
Lennox Herald


  • Erscheinungstag: 17.10.2019
  • Aus der Serie: E Bundle
  • Seitenanzahl: 864
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959674751
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Denzil Meyrick

D.C.I. Jim Daley ermittelt: Die Mädchen von Strathclyde / Tödliches Treibgut / Der Pate von Glasgow (3in1)

Denzil Meyrick

Die Mädchen von Strathclyde

HarperCollins®

HarperCollins® Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2017 by HarperCollins

in der HarperCollins Germany GmbH

Copyright © 2015 Denzil Meyrick

Umschlaggestaltung: bürosüd, München

Titelabbildung: www.buerosued.de

Übersetzung: Peter Friedrich

Redaktion: Thorben Buttke

ISBN 978-3-95967-665-6

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1

Police Constable Jim Daley betrachtete sein Spiegelbild im Schaufenster eines teuren Herrenausstatters. Er hatte gerade die zweite Ausbildungsstufe in Tulliallan, der schottischen Polizeiakademie, hinter sich, und seine durchtrainierte Figur zeugte von den rigorosen Fitnessanforderungen, die dort gestellt wurden.

Er schlenderte weiter zu Currys Elektromarkt und starrte ein paar Sekunden lang in die Auslage. Im Mittelpunkt stand der neueste VHS-Rekorder neben einer Hi-Fi-Anlage von Sony. Er grinste. Sein Sergeant, John Donald, hatte unlängst ein kleines Vermögen für ein „hochmodernes“ Betamax-Gerät hingelegt, das jetzt bereits wieder veraltet zu sein schien. Geschah ihm ganz recht, dachte Daley.

Es war kurz nach fünf Uhr morgens. Sein Blick glitt an den Läden und Büros gegenüber entlang, und mit den behandschuhten Fingern der Rechten strich er im Vorübergehen über die Schaufensterscheiben auf seiner Seite. So konnte er beide Hälften der Straße gleichzeitig kontrollieren und während der Nachtschicht eventuell erfolgte Einbrüche entdecken. Das nannte sich Schaufensterpatrouille, und alle Kollegen im Zentrum von Glasgow machten es genauso.

Als er in die Polizei von Strathclyde eingetreten war und die Grundausbildung absolvierte, hatte er gehofft, an einem dieser Orte auf dem Land stationiert zu werden – der Halbinsel Cowal vielleicht, in Ayrshire. Sogar das ferne Argyll mit seinen Inseln und kleinen Städtchen hätte ihn gelockt. Und nun war er hier, in der Stadt seiner Jugend, und trottete in der grauen Morgendämmerung eines Märztags die Sauchiehall Street entlang. Inzwischen sah er das ganz optimistisch und dachte, dass er von den hartgesottenen Cops in den gnadenlosen Straßen von Schottlands größter Stadt mehr lernen konnte als von den läppischen Landeiern.

Ein plötzliches Geräusch ließ ihn erstarren. Sein Blick zuckte von den Läden auf der anderen Straßenseite zu der schmalen Gasse gleich rechts, die zwischen zwei Bürogebäuden verlief. Aus den Lüftungsöffnungen stieg bereits der Dampf auf, die Boiler wurden in Erwartung der werktätigen Bevölkerung angeheizt. Auf der Straße lag der übliche Müll verstreut: Fish&Chips-Verpackungen, leere Bierdosen, das grüne Glas einer zersplitterten Flasche Likörwein, weiße Kaugummiklümpchen, die am Pflaster klebten, und Massen von weggeworfenen Zigarettenstummeln. Er konnte es gerade noch vermeiden, in ein gebrauchtes Kondom zu treten, als er den Durchgang betrat, um der Ursache der Laute nachzugehen.

Da war es wieder, eine Art Mischung aus Gemurmel und Gesang. Es kam aus einem großen Müllcontainer am Ende der Gasse. Daley zog die schwere, gummibeschichtete Taschenlampe aus dem dünnen Uniformmantel und richtete den Strahl in den Container.

„Hey du, du Arsch!“, schallte ihm eine lallende Stimme entgegen. Unter Bergen von Kartons und Plastikflaschen wühlte sich eine Gestalt hervor. Der Mann blinzelte im grellen Licht. Er trug die Überreste eines dreckigen und zerrissenen Gabardinemantels, der einmal beige gewesen war und über den ein verfilzter Bart herunterhing. Seine grau melierten, strähnigen und wirren Haare wirkten wie Dreadlocks, aber Daley kannte den Mann von früher und wusste, dass die Frisur nur daher kam, dass die Haare zu lange kein Wasser und kein Shampoo mehr gesehen hatten.

„Okay, Dandy, komm da raus. Zeit für einen kleinen Spaziergang, was? Ein bisschen Waschen und was Heißes für den Magen“, schlug Daley vor und hielt dem Mann die Hand hin, um ihm aus dem Container zu helfen. Er versuchte, nicht vor dem Gestank zurückzuweichen, als der Penner seinen Arm mit einem schraubstockartigen Griff packte und sich unbeholfen herausschwang, während er vor sich hin schimpfte.

„Mann, Dandy“, sagte Daley und rümpfte die Nase. „Du stinkst vielleicht. Was hast du letzte Nacht getrunken?“

Der Obdachlose starrte ihn aus blutunterlaufenen Augen an. „Sprit“, knurrte er. „Weiße Sonne für ‘ne kalte Nacht.“ Er lachte heiser und präsentierte eine Ansammlung von fauligen, schwarz-gelben Zähnen.

In der Innenstadt von Glasgow lebten etliche Stadtstreicher, von Drogen und Alkohol gezeichnete Männer, zerbrochene Existenzen. Es ging das Gerücht, dass Dandy – der ironischerweise so hieß, weil er überhaupt nicht so aussah – einmal vermögend gewesen sein sollte. Angeblich hatte er einen guten Job und ein Mittelschichtleben aufgegeben, als seine Frau sich ihre Tochter schnappte und mit einem anderen Mann durchbrannte. Das konnte durchaus stimmen, aber wahrscheinlich war es nur das übliche Gerede innerhalb der Polizeitruppe. Was auch der Grund war, diese unglückliche Seele existierte ganz am Rande, in gewissem Sinne zwischen Leben und Tod. Ein Bettler, der schlief, wo er einen Unterschlupf finden konnte, und sich die meiste Zeit mit billigem Wein oder Industriealkohol gegen das Elend seiner Existenz schützte. Gelegentlich wurde er verhaftet, nicht etwa, weil er eine Gefahr für die Öffentlichkeit dargestellt hätte, sondern aus Fürsorgepflicht. Dann wurde er dem Friedensrichter an einem Bezirksgericht vorgeführt und zu anständigem Benehmen angehalten. Anschließend fand sich ein Platz für ihn in einem der Obdachlosenasyle von Glasgow, die Überbleibseln der berüchtigten viktorianischen Slums ähnelten. Er bekam zu essen, eine Dusche und blieb ein paar Tage lang nüchtern, bevor er sich aus dem Staub machte und der Kreislauf der Verzweiflung von Neuem begann.

„Zwei-eins-drei an Alpha“, sagte Daley in die Sprechmuschel seines Motorola-Funkgeräts. „Habe gerade Dandy gefunden, brauche den Van. Over.“ Er gab der knisternden Stimme am anderen Ende seinen Standort durch und eskortierte den Obdachlosen aus der Gasse zur Hauptstraße, um auf den Rücktransport zum Polizeirevier Stewart Street zu warten. Er hielt den Stadtstreicher fest am Ärmel seines Regenmantels gepackt. Trotz seines schlechten körperlichen Zustands war dem Mann zuzutrauen, dass er die Flucht in die Freiheit ergriff – wenn man sein Leben auf der Straße so bezeichnen durfte.

Dandy murmelte etwas in seinen Bart hinein, und Daley beugte sich näher zu ihm. „Was ist? Der Van kommt gleich. Wenigstens kriegst du Frühstück.“

Dandy wandte sich ihm zu und sah ihn mit einem Ausdruck an, den Daley mit einem Grinsen verwechselte. Doch das war es nicht. Bevor der junge Polizist noch reagieren konnte, riss Dandy den Mund weit auf, als müsste er gähnen, und übergab sich ausgiebig auf sich selbst und Daleys dunkle Uniform.

Police Constable James Daley stand ein paar Sekunden wie angewurzelt da und betrachtete trübsinnig die stinkende grüne Flüssigkeit, die ihm von Ärmel und Revers triefte. Er drehte sich weg und erbrach sich im selben Augenblick auf die Straße, als der weiße Sherpa-Van neben ihm anhielt.

2

Daley verbrachte den größten Teil des Morgens mit dem Versuch, den widerlichen Gestank nach Erbrochenem aus seiner Uniform loszuwerden, aber es half alles nichts. Zur Lunchzeit hatte er es aufgegeben und beschlossen, sie bei der ersten Gelegenheit zur Schnellreinigung zu bringen. Heute Nacht würde er im Dienst eben die Ausgehuniform tragen müssen. Er sah auf die Uhr und seufzte. Er brauchte ein bisschen Schlaf, bevor er um 23.00 Uhr zur Nachtschicht antrat.

Er teilte sich mit zwei anderen jungen Cops eine Wohnung im West End von Paisley. Sie lag weit genug von ihrem Revier entfernt, sodass dieser kleinen Gruppe junger Männer, deren Teenagerjahre noch nicht lange zurücklagen, ausreichend Freiraum blieb, um sich auszutoben. Auf Daley, der bis dahin immer in Glasgow gelebt hatte, wirkte die stahlharte ehemalige Textilverarbeitungsstadt beinahe exotisch. Paisley war berühmt für seine derben Pubs und schönen Frauen. Über genau diese sann der junge Constable nach, während er in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages seine übliche Runde durch die Reihen von Läden, Häusern und hohen Wohnblocks zog.

Um zwei Uhr morgens hätte er eine Pause vertragen können. Doch es war noch eine ganze Stunde hin, bis er ins Büro zurückdurfte, um seine mitgebrachten Sandwiches zu essen. Es war ein Wochentag, die Nacht so still wie ein Grab, und die braven Bürger von Glasgow horchten vor dem nächsten harten Arbeitstag noch an der Matratze. Aber nicht alle.

Daleys Funkgerät erwachte knisternd zum Leben. „Zwei-eins-drei, begeben Sie sich zu 18c Kennedy Path. Ein Mr. Martin hat einen Einbruch gemeldet. Over.“

Er bestätigte den Funkruf und machte sich auf den Weg zu dem Wohnhochhaus, das im orangefarbenen Licht der Straßenlampen aufragte. Er näherte sich dem Gebäude wachsam und suchte die Umgebung nach verdächtigen Bewegungen ab. Doch niemand war zu sehen, als er die schwere Tür zum Treppenhaus aufzog. Die Wände waren übersät von den Graffiti der Glasgower Straßengangs. Er drückte auf den Aufzugknopf und bemerkte, dass der nach oben zeigende Plastikpfeil weggebrannt worden war, und zwar mit einem Feuerzeug, wie es aussah. Man konnte das Birnchen durch das geschmolzene grüne Plastik sehen.

Er hüstelte vor Abscheu, als er den nach Pisse stinkenden Aufzug betrat. Immerhin funktionierte er, das war ein Trost, denn sonst hätte er die Treppe achtzehn Stockwerke hochlaufen müssen. Daley atmete durch den Mund, um dem Gestank zu entgehen. Der Lift kam rüttelnd zum Stehen und glitt keuchend auf.

Die Tür zu Apartment C war farbig gestrichen, und neben einem Jute-Fußabtreter saß seltsamerweise ein Gartenzwerg mit einer winzigen Angelrute. Trotz der späten Stunde klopfte Daley laut an die Tür. Im Oberlicht über der Tür tauchte ein Lichtschein auf, als jemand die Diele betrat.

„Mr. Martin?“, fragte Daley den älteren Mann, der ihm in einem kastanienbraunen Morgenmantel öffnete. „Mein Name ist Constable Daley. Sie haben einen Einbruch gemeldet?“ Er musterte verdutzt die Wohnungstür. Sie zeigte keinerlei Spuren eines gewaltsamen Eindringens.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, erwiderte der Mann: „Och nee, nee, nich bei mir. Ein Stück weiter, Apartment G.“ Er deutete in die Richtung, wo der Korridor abknickte. „Hab vor ‘ner Stunde Krach gehört. Das wär ja nix Ungewöhnliches, aber immerhin.“

„Nichts Ungewöhnliches? Was meinen Sie?“

„Na, das Mädel da … oder junge Frau, sollt ich sagen. Sie hat ‘ne Menge … Freunde“, fügte er mit einem übertriebenen Augenzwinkern hinzu.

„Verzeihung?“

„Sie wissen schon, Männerfreunde“, sagte der alte Mann und suchte in Daleys Miene nach einer Bestätigung, stellte aber fest, dass er nichts verstanden hatte. „Aye, sind ja noch recht jung. Sie is im Geschäft“, erklärte er beinahe flüsternd. „Ständig geht’s rund, Tag und Nacht, ein ewiges rein und raus. Verdammte Schande, wenn se mich fragen. Meine Frau hält’s nich mehr aus. Ich sag ja nich, dass se nich nett wär, das Mädel – sagt immer guten Tag und so, Sie wissen schon. Tät mich nich wundern, wenn se ihrm alten Vater das Herz gebrochen hätt, tät mich gar nich wundern. Mir würd’s so gehn bei ihrm Zustand, wenn ich den so seh.“

„Bei ihrem Zustand?“

„Nix als Haut und Knochen, mein Sohn. Drogen. Der kleinste Wind tät se wegblasen. Is kein Leben nich, wenn Se mich fragen.“

Der Mann begleitete Daley den Gang entlang und um die Ecke bis zur Wohnung der Frau. In einer Nische gab es eine einsame Tür, gegenüber einen vernagelten und mit Graffiti übersäten Durchgang. Kein Gartenzwerg hier. Die Tür zu Apartment G war aufgebrochen. Gesplittertes Holz leuchtete hell durch die verblichene rote Farbe, wo das Sicherheitsschloss aufgehebelt worden war, höchstwahrscheinlich mit einem Brecheisen. Die vier Befestigungsschrauben aus Messing lagen auf dem Steinboden verstreut wie winzige Goldmünzen.

„Ham ganz schön gewütet, die“, stellte Mr. Martin fest. „Mistige Dealer, die schrecken vor nix zurück, wenn’s um ihre Knete geht.“

„Woher wissen Sie, dass es das Werk von Drogendealern war, Mr. Martin?“, fragte Daley, während er in die düstere Diele der Wohnung starrte.

„Die sin ständig hier oben zu Gang und wollen Geld. Abschaum, wenn Se mich fragen. Ich sag Ihnen, wenn ich zehn Jahr jünger wär, das kann ich Ihnen aber sagen …“ Er ließ den Satz unvollendet.

„Ich muss Sie bitten, in Ihre Wohnung zurückzugehen, Sir. Sofern es Ihnen recht ist, komme ich in ein paar Minuten vorbei und nehme ihre Aussage auf. Ich möchte mich zuerst hier drin umsehen, falls Sie nichts dagegen haben.“

Daley sah dem alten Mann nach, der in seinen Pantoffeln davontappte, und meldete gleichzeitig den Vorfall per Funk: „Ich sehe mich jetzt in der Wohnung um.“ Er hörte, wie die Zentrale den Sergeant vom Dienst verständigte. „A-Alpha ruft Zwo-zehn, Zwo-zehn – bitte melden Sie sich, Sergeant Donald.“ Eine Pause entstand, dann sagte wieder die Zentrale: „Zwo-eins-drei, Zwo-zehn trifft in etwa zwanzig Minuten von der High Street ein.“

Als Daley vorsichtig durch die offene Wohnungstür in die Diele trat, konnte er sich den unzufriedenen Gesichtsausdruck seines Sergeants gut vorstellen. Nun musste er das Schlupfloch verlassen, wo er gemütlich seinen Tee trank und Zigaretten rauchte, und sich hinaus in die frostige Nacht wagen, um seinem jungen Untergebenen beizustehen. Daley hatte ein ungutes Gefühl in der Magengrube. Er war zwar relativ neu bei der Polizei, hatte jedoch bereits ein geschärftes Gespür dafür entwickelt, wenn etwas nicht stimmte. Er schob sich langsam weiter in die Wohnung hinein.

Rechts lag die Küche, wo eine nackte Glühbirne am Ende eines braunen Spiralkabels brannte. Auf der Geschirrablage stand ein gesprungener Teller, daneben ein alter Wasserkessel und ein halb leerer Becher mit kaltem Tee. Daley spürte, wie seine Schuhsohlen auf dem schmierigen Linoleumboden voller verschütteter Essensreste und Getränkeflecken kleben blieben. Es roch nach Verfall. Die Tür eines Küchenschranks war geöffnet, aber es befand sich nichts darin außer einer einzigen Dose Tomatensuppe. Daley zog sich wieder aus dem Raum zurück.

Die nächste Tür, die er erreichte, war zu. Er stieß sie mit dem Stiefel auf und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Es war das Badezimmer mit einer verdreckten Toilette und einer weiß emaillierten Wanne mit breitem schwarzem Schmutzrand. Das Handwaschbecken war verspritzt mit etwas, das nach getrocknetem Blut aussah. Auf einer gläsernen Ablage sah Daley eine einzelne Spritze und eine Adernpresse aus Gummi. Über den Boden zu seinen Füßen krabbelte ein dicker Käfer.

Damit blieben nur noch die zwei Türen direkt gegenüber dem Bad. Beide waren geschlossen. Daley öffnete die weiter entfernt liegende und fand dahinter einen großen Wandschrank. Auch der war leer, abgesehen von einem alten Puppenkinderwagen. Daleys Schwester hatte genauso einen gehabt.

Er holte tief Luft, während er die behandschuhte Hand ausstreckte und die letzte Tür aufmachte. Er ließ den Lichtkegel der Taschenlampe durch das Zimmer wandern. Ein Schrank mit bodenlangem, gesprungenem Spiegel stand neben einer niedrigen Kommode. Auf dem Boden lagen ein paar Kleidungsstücke verstreut, hauptsächlich Unterwäsche. Die Wände waren kahl, und vor dem Fenster hingen keine Vorhänge.

Auf einem Doppelbett lag der Körper einer jungen Frau. Auf dem weißen Laken unterhalb ihrer gespreizten Beine breitete sich ein großer dunkelroter Blutfleck aus. Ihr Rock war um die Oberschenkel hochgeschoben. Daley drehte sich der Magen um, als das Licht seiner Taschenlampe sich in ihren weit aufgerissenen leblosen Augen fing.

Er griff zum Funkgerät.

Sergeant Donald blickte auf die Leiche hinab. „Schon wieder so ein totes Junkieschwein“, bemerkte er, während er nach einer Möglichkeit Ausschau hielt, seine Zigarette auszudrücken. „Hat es auch einen Namen?“

Ihr Name lautet Tracey Green, Sergeant“, entgegnete Daley scharf. „Sollten Sie die Kippe nicht lieber draußen lassen? Die Jungs von der Gerichtsmedizin haben sicher keine Lust, sie mühsam aus der Ermittlung auszusortieren.“ Kaum waren die Worte heraus, wünschte er sich, er hätte sie hinuntergeschluckt. Die Forensik war für die meisten Polizisten eine relativ neue Disziplin. Sie stellte in ermittlungstechnischer Hinsicht einen großen Fortschritt dar, musste ihr wahres Potenzial aber erst noch beweisen.

Donald starrte den hochgewachsenen schlanken Constable an. „Wenn ich irgendeinen verdammten Ratschlag von Ihnen brauche, Söhnchen, dann frage ich schon danach.“ Er drückte die Zigarette auf dem Fensterbrett aus und schnippte den Stummel durchs offene Fenster, wo er achtzehn Stockwerke tief hinuntersegelte. „Bis dahin halten Sie die Klappe.“

In unbehaglichem Schweigen warteten sie auf die Ankunft der Kripo, die den Fall übernehmen würde. Trotz der Position des Körpers war es zu früh, um definitiv sagen zu können, wie die junge Frau gestorben war. Die Gerichtsmedizin würde ihre sterblichen Überreste ins Leichenschauhaus von Glasgow bringen, um die Todesursache festzustellen. Für Daleys noch relativ ungeübten Blick war sie nicht ohne Weiteres erkennbar.

„Na, genießen Sie die Aussicht?“, höhnte Sergeant Donald.

„Nein, ich habe mich nur gefragt, ob ich mir zusammenreimen kann, was sie umgebracht hat“, erwiderte Daley.

„Bleiben Sie lieber bei Ladendieben und Parksündern, Söhnchen. Um diesen Scheiß müssen Sie sich keine Gedanken machen – wahrscheinlich nie. Ihnen steht ein Leben voll Streifendienst bevor, schätze ich.“

„Weiß man nie“, gab Daley zurück. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber nach erst fünfzehn Monaten im Dienst wäre es nicht unbedingt karriereförderlich gewesen, sich mit seinem direkten Vorgesetzten anzulegen. Er musste die zweijährige Probezeit überstehen, und dieser übergewichtige Mann mit dem keuchenden Atem und dem schwabbelnden Doppelkinn konnte ihm das Leben schwermachen. Sergeant John Donald war die Art von Polizist, vor dem man ihn bei der Ausbildung gewarnt hatte: ungehobelt, arrogant und faul. Daley war es schleierhaft, wie er zum Rang eines Sergeants hatte aufsteigen können. Es hieß, dass Donald sich alle Mühe gab, um sich außerdienstlich bei den hohen Tieren einzuschmeicheln. Dem jungen Beamten war schon aufgefallen, wie Donalds Benehmen sich veränderte, sobald jemand mit einer Menge Lametta an der Uniform auftauchte. Sein grober Arbeiterklasse-Akzent wurde durch eine ausgesprochen kultivierte Ausdrucksweise ersetzt, und sein übliches Herumgeschlurfe verwandelte sich in eine aufrechte und zugleich diensteifrige Pose.

Einer der älteren Polizisten in Daleys Schicht hatte entdeckt, dass Donald kürzlich Mitglied in einem teuren Fitnessstudio geworden war, das vornehmlich von ranghohen Beamten besucht wurde. Zweifellos hatte der Mann, dem sie dort begegneten, kaum Ähnlichkeit dem ordinären Grobian, dem Daley im Schlafzimmer des toten Mädchens gegenüberstand.

Donald furzte lautstark und sah auf die Uhr. „Scheiß drauf, hier ist sowieso nichts mehr zu machen. Warten Sie auf die Kripo, Söhnchen. Kann ja nicht mehr lange dauern. Bauen Sie keinen Mist und lassen sie die Pfoten von dem toten Mädel.“ Er begleitete die Worte mit einer obszönen Geste.

Daley war erleichtert, als er ging, fühlte sich aber nicht ganz wohl bei dem Gedanken, allein mit der Leiche zurückzubleiben. Er starrte den verwüsteten Körper des Mädchens an. Sie war vermutlich nicht viel älter gewesen als er, und doch hatte ihr Leben bereits den Schlusspunkt erreicht. Daley stellte wieder einmal fest, dass er zur Melancholie neigte. In seinen wenigen Monaten bei der Polizei war er Zeuge von Ereignissen geworden, die die meisten jungen Männer seines Alters nie erleben mussten. Die Laster, denen er auf der Straße begegnete, schienen zwei Dinge gemeinsam zu haben: Geld und Tod. In dem Versuch, einen Sinn dahinter zu ergründen, hatte er begonnen, die Bücher der großen Philosophen zu lesen, es aber bald wieder aufgegeben, als Nietzsches Theorien ihn noch tiefer deprimierten.

Er starrte aus dem Schlafzimmerfenster und fragte sich, wie viele Menschenleben da draußen gerade auf der Kippe standen. Die Welt wirkte so ruhig, fast heiter. Doch wer konnte wissen, was auf den zahlreichen Straßen, unter den Dächern der vielen Gebäude wirklich vorging?

Während er über die Stadt hinausblickte, kam es ihm beinahe so vor, als würde die Stadt in seine Seele hineinblicken. In der Diele wurden Geräusche laut und rissen ihn aus seiner Schwermütigkeit.

Die Schlafzimmertür ging auf. Ein großer, ausgesprochen hagerer Mann in einem zerknitterten Anzug und einem hellgrauen Regenmantel tauchte darin auf. In seiner Begleitung war ein junger, gehetzt wirkender Beamter.

„Okay, mein Sohn. Was haben wir denn hier?“, fragte Detective Chief Inspector Ian Burns.

3

Daley sah zu, wie der Detective Chief Inspector den Tatort begutachtete. Der junge Detective Constable machte sich Notizen, während sein Chef das Zimmer untersuchte und nur dann einen Kommentar abgab, wenn er es für unbedingt nötig hielt.

Burns kniete sich hin und zog etwas unter dem Bett hervor. Er hielt eine Plastiktüte voller Kondome in die Höhe. „Tja, ich denke, wir dürfen davon ausgehen, dass das arme Mädel hier auf den Strich ging, um ihre Drogensucht zu finanzieren – sicher Heroin. Vielleicht auch dieses neumodische Crack.“

„Glauben Sie, sie ist von ihren Dealern ermordet worden?“, fragte Daley, eifrig bemüht, sich einzubringen.

„Nein. Jedenfalls nicht auf die übliche Weise. Kein Messerstich ins Herz oder ein Baseballschläger auf den Schädel, mein Junge. Ich nehme mal an, Sie haben ihr nicht so genau unter den Rock geschaut?“

„Äh, nein“, erwiderte Daley. Er hoffte, nicht gleich wieder das Opfer eines derben Scherzes zu werden.

„Nun, dann holen Sie das jetzt nach und sagen Sie mir, was Sie sehen.“

Daley bückte sich und zwang sich, dem Opfer unter den Rock zu spähen. Etwas ragte aus der Scham der jungen Frau heraus, aus der Falte zwischen ihrem Bein und den Genitalien. „Ist das eine Spritze, Sir?“

„Ja. Die nutzbaren Venen im Arm kollabieren, und der Süchtige ist gezwungen, sich die Droge zu injizieren, wo immer es geht. Hübsch, was? Die Frage ist jetzt: Hat nur ihr Körper nicht mehr mitgemacht, oder haben wir schon wieder eine?“ Burns warf seinem Detective Constable einen wissenden Blick zu.

„Schon wieder eine, Sir?“, fragte Daley.

„In den letzten zwei Wochen sind zwei Prostituierte an massiven Überdosen Heroin gestorben. Wir wissen noch nicht, warum.“

„Selbstmord?“

„Aye, durchaus möglich. Das erleben wir öfter, aber drei so kurz nacheinander – das wäre ungewöhnlich. Außerdem schlagen sich diese armen Mädchen meistens von Schuss zu Schuss durch. Weshalb sollten sie sich einen Drogenvorrat zusammensparen, nur um Schluss zu machen? Normalerweise würde ein Süchtiger eher ein Ende machen, wenn er es nicht mehr rechtzeitig schafft, einen Schuss zu bekommen. Paracetamol ist viel billiger als H“, erklärte Burns. „Und sehen Sie sich ihre Lippen an – ganz blau. Ein sicheres Anzeichen für eine Vergiftung.“

„Was ist mit dem vielen Blut?“, erkundigte sich Daley.

„Massive Hämorrhagie, verursacht durch die Überdosis. Die Spurensicherung muss gleich da sein. Aber ich glaube, wir haben unserer Nummer drei.“

„Ach du Scheiße“, stieß der Detective Constable hervor.

„Allerdings ach du Scheiße, DC Scott. Üble Geschichte.“

„Och, aye, wollte ich so nicht sagen, Sir“, erwiderte er verlegen.

„So, was denn dann?“, fragte Burns stirnrunzelnd.

„Ich hab mir nur gerade den blöden Bleistift abgebrochen, Sir“, sagte Detective Constable Brian Scott. „Wenn Sie mir die Ausdrucksweise verzeihen wollen“, fügte er mit einem Augenzwinkern zu Daley hinzu.

4

Als die Spurensicherung eintraf, zogen Daley und die Detectives sich auf den Flur zurück. Burns steckte sich eine Zigarette an, runzelte aber die Stirn, als Detective Constable Scott ebenfalls Anstalten dazu machte. „Ich wäre auf dem Weg hierher in Ihrem Auto beinahe an Ihrem Dampf erstickt“, sagte er. „Wird Zeit, dass Sie sich ein bisschen zurückhalten.“

„Aye, Sir, recht so“, erwiderte Scott und steckte das Päckchen widerstrebend wieder ein.

„Wie lange sind Sie hier schon auf Streife, Constable?“, fragte Burns.

„Knapp über ein Jahr, Sir. Die ersten paar Monate war ich bei Constable Fraser in Sektion Zwei.“

„Bei Davy Fraser?“

„Ja, Sir.“

„Verdammt noch mal. Warum zum Teufel schicken sie die jungen Cops mit dieser Schnapsnase auf die Straße? Muss nach der Akademie in Tulliallan ein ziemlicher Kulturschock gewesen sein.“

„Ach, er war ganz in Ordnung“, log Daley.

„Aye, im Schlaf vielleicht“, warf Detective Constable Scott ein, während er die Spitze seines Bleistifts mit einem stumpfen Taschenmesser bearbeitete.

„Na schön. Hätten Sie Lust auf ein paar Überstunden?“

„Sicher“, antwortete Daley. Er war tatsächlich scharf auf bezahlte Überstunden.

„Ich möchte, dass Sie bis ungefähr elf Uhr bleiben. Klappern Sie die Nachbarschaft ab, sehen Sie zu, was Sie über unsere unglückliche Miss Greene herausfinden. Sie wissen ja, worum es geht: Ihre Gewohnheiten, mit wem Sie Umgang hat, alles. Fangen Sie hier im Haus an, dann nehmen sie sich die Läden in unserem kleinen Bezirk vor. Ich kläre das mit Ihrem Ausbildungsleiter. Wer ist das überhaupt?“

„Sergeant Donald, Sir.“

„Na, Sie sind vielleicht ein Pechvogel“, bemerkte Scott, während er die geschärfte Spitze seines Bleistifts bewunderte. „Davy, die Schnapsdrossel, und Donald, der …“

„Das reicht jetzt, DC Scott. Sie müssen ins Büro und den Papierkram auf den Weg bringen“, sagte Burns mit hochgezogenen Augenbrauen. „Okay, wir haben alle unsere Aufgaben. Legen wir los. Ich fahre rauf zur Baird Street. Der Norden hat sich mit dem letzten Opfer befasst. Sie und Daley, Sie können sich auf dem Revier kurz ausruhen, und dann fangen Sie an.“

„Keine Sorge, Sir. Ich weiß Bescheid“, erwiderte Scott. „Äh, wie kommen wir zurück in die Stewart Street?“

„Einen Fuß vor dem anderen, Brian, einen Fuß vor dem anderen“, antwortete Burns, der bereits auf dem Weg zum Lift war.

Daley konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als der junge Detective leise vor sich hin fluchte.

Während die beiden Männer zurück ins Büro gingen, unterhielt Detective Constable Scott Daley mit Geschichten aus dem Leben bei der Kripo. „Man ist raus aus dem Mist, man muss nicht ständig an windigen Straßenecken rumhängen. Ich mag’s“, sagte er, zögerte dann. „Na ja, jedenfalls ist es ein Job.“

„Wie lange sind Sie schon bei der Kripo?“

„Acht Monate. Macht Spaß, wenn ich auch nicht glaube, dass ich mal in dieselben schwindelerregenden Höhen aufsteige wie unser alter Burns.“

„Was, Detective Chief Inspector?“

„Aye, das ist nichts für meinereinen. Ich will bloß in Ruhe meiner Arbeit nachgehen, den Ball flach halten und mir nicht mehr die Füße nass machen müssen.“

Daley grinste über Scotts überbordenen Ehrgeiz, während das Gespräch zum Fußball wechselte – der ewigen Besessenheit des männlichen Schotten.

Als sie sich dem Büro näherten, blieb Scott stehen. „Ach, übrigens, wir machen nächste Woche einen drauf mit den Jungs. Warum kommen Sie nicht mit, jetzt, wo Sie von Ihrem Betreuer an die Kripo ausgeliehen sind?“

„Okay, gerne“, antwortete Daley und fragte sich plötzlich, was Sergeant Donald davon halten würde, dass er an die Kripo „ausgeliehen“ wurde. Er konnte es kaum erwarten, seine Miene zu sehen.

Später kehrte Daley in den Townhead-Bezirk zurück und fing an, sich nach Tracey Greene zu erkundigen. Seine erste Anlaufstelle waren die Nachbarn in dem Hochhaus im Kennedy Path, wo sie gelebt hatte und gestorben war. Als er den Leuten das Foto zeigte, das sie in ihrer Wohnung gefunden hatten, erkannten die meisten sie wieder, aber das war auch alles. Ja, sie sei wohl drogensüchtig gewesen. Nein, sie wüssten nicht, wo sie gearbeitet oder ihre Zeit verbracht hatte. Nein, ihr tragisches Ende würde sie nicht sonderlich überraschen.

In Glasgow wurden Süchtige nur allzu oft Opfer von Gewalttaten. Sie lebten auf einem schmalen Grat, und der Abgrund gähnte nie weit entfernt. AIDS wütete in ihren Reihen und wurde mittlerweile ebenso gefürchtet wie die brutalen Gangster und Dealer, die den Drogenhandel in der Stadt kontrollierten.

Als Daley zur nächsten Etage hochstieg, sah er unten auf dem Parkplatz einen Polizeivan vorfahren. Seine Fortschritte waren frustrierend geringfügig. Bald würde die reguläre Kripo die Tür-zu-Tür-Befragungen übernehmen, und Daley schickte man dann zweifellos zu seinen regulären Pflichten als Streifenpolizist zurück.

Er klopfte an eine Tür mit dem Namensschild „G Hunter“. Eine nicht mehr ganz junge Frau in einem Frotteebademantel öffnete ihm. „Aye, was gibts, mein Junge? Ich will gerade ein Bad nehmen und muss in weniger als einer Stunde zur Arbeit, also machen Sie bitte fix.“

„Ich wollte fragen, ob Sie diese Frau gekannt haben. Sie wohnte im achtzehnten Stock“, sagte Daley und zeigte ihr das Foto von Tracey Greene.

„Aye, vom Sehen. Die kleine Fixerin, oder?“

Bevor Daley sich erkundigen konnte, ob sie das Mädchen einmal mit jemandem zusammen gesehen hatte, wandte die Frau sich ab und rief in die Wohnung hinein: „Peter, schaff deinen Arsch hier raus und sprich mit dem Poli. Mein Bad wird kalt.“ Ein untersetzter Mann mit schütterem Haar und Bierbauch tauchte in der Diele auf. Seine Frau verschwand in einer Dampfwolke im Badezimmer. Daley präsentierte Mr. Hunter die Fotografie.

„Aye, glaub schon, dass ich die kenne, richtig“, sagte Hunter. Daley bemerkte, dass er kaum einen Blick auf das Bild geworfen hatte und besorgt wirkte. „Was hat sie angestellt? Drogen, wie?“

„Sie wussten also, dass sie Drogen nahm?“, fragte Daley.

„Nein … Ich meine … Sie wissen schon … sie ist so der Typ, wie? Ich bin ihr ein paarmal im Treppenhaus begegnet, ja? Nettes Mädel, eigentlich viel zu nett für so’n Scheiß. Aber wenn man sie ansah … Sie wissen schon, was ich meine.“

„Sie haben also mit ihr gesprochen, Mr. Hunter?“

„Och, doch, aye. Sie wissen schon, im Lift und so. In dem kleinen Laden drunten, beim Milchholen, Zeitung kaufen. Na ja, sie steckt wohl in Schwierigkeiten, wenn Sie so fragen?“

„Sie wurde letzte Nacht tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Wir haben Grund zu der Annahme, dass sie ermordet wurde“, sagte Daley und beobachtete Hunters Reaktion.

Er landete einen Treffer. Das Gesicht des Mannes wurde erst bleich, dann aschfahl, und Daley glaubte, Tränen in seinen Augen zu entdecken. „Oh, das tut mir aber leid“, sagte der Mann unschlüssig. „Das ist diese miese Gegend, eh? Ich meine, was bleibt den Jungen schon übrig?“

„Haben Sie sie einmal mit jemandem zusammen gesehen? Freunde, Angehörige?“

Hunter schüttelte den Kopf und setzte zu einer Antwort an, als die Stimme seiner Frau aus dem Badezimmer ertönte. „Peter, hol mir das kleine Radio aus der Küche, ja? Ich hab’s vergessen. Und mach die gottverdammte Tür zu, ich spür ja noch hier drin, wie’s zieht.“

„Nein, ich habe nie jemanden bei ihr gesehen. Hören Sie“, sagte Mr. Hunter und ruckte mit dem Daumen über die Schulter. „Ich muss dem Frauchen ihr Radio bringen. Da darf man nicht lang zögern, was?“ Er lächelte halbherzig.

Nachdem der Mann verschwunden war, blieb Daley noch kurz vor der geschlossenen Tür stehen, um die Unterhaltung in seinem Notizbuch festzuhalten. Etwas an Mr. Hunters Benehmen hatte den jungen Polizisten zu der Überzeugung gebracht, dass er mehr wusste, als er preisgab. Daley kritzelte „DCI Burns melden“ hin und ging weiter zur nächsten Wohnung.

Es war beinahe halb elf, als er an die letzte Tür im obersten Stock des Gebäudes klopfte. Niemand öffnete, also notierte er die Apartmentnummer in der Spalte „Keine Reaktion“.

Er war frustriert, wenn auch nicht sehr überrascht darüber, wie lang diese Rubrik war. Hier lebte eine eingeschworene Gemeinschaft, in der man das Misstrauen gegen die Polizei mit der Muttermilch aufsog. Den einzigen echten Anhaltspunkt hatte er von einer jungen alleinerziehenden Mutter bekommen, die behauptete, Tracey Greene mit einem grauhaarigen Mann im Mantel sprechen gesehen zu haben. Allerdings hatte sie diesen noch nie in der Gegend bemerkt. Nicht besonders ergiebig.

Seine Schicht neigte sich dem Ende zu. Er war jetzt seit zwölf ereignisreichen Stunden im Dienst und wollte nur noch nach Hause und ins Bett. Er ging an den Geschäften der kleinen Ladenzeile gegenüber vom Kennedy Path entlang und sah, dass zwei Detectives gerade einen Ladeninhaber befragten. Er überließ sie ihrer Arbeit und betrat den Imbiss nebenan, um sich eine Zeitung und einen Becher Kaffee zu holen.

Er las eben im Sportteil einen Artikel über Kenny Dalglish, als er hinter sich eine Stimme hörte: „Entschuldigung, dürfte ich Sie kurz sprechen?“ Es war Mr. Hunter, der auf ihn zugeeilt kam, während sein dicker Bauch über dem Hosenbund schwabbelte.

„Tut mir leid, konnte vorhin an der Tür nicht reden. Das Frauchen … Sie verstehen, wie es ist, mein Junge.“ Er zuckte mit den Schultern und blickte verlegen drein.

Daley drehte sich zu ihm um, fischte das Notizbuch aus der Tasche und fragte, was er zu sagen hätte.

„Das Mädel, diese Tracey … Ich … Wir haben uns getroffen, sozusagen.“ Hunter trippelte unruhig von einem Fuß auf den anderen. „Äh, könnten wir für eine Sekunde rausgehen?“

Daley tat ihm den Gefallen und sagte draußen leise zu ihm: „Sie meinen, Sie haben Sie für Sex bezahlt?“

„Aye, aye, schätze, so könnte man es ausdrücken, ja genau.“ Er seufzte. „Ich konnte sie gut leiden, das müssen Sie mir glauben. Sie war nett – freundlich, wenn Sie wissen, was ich meine. Es kann für so ein junges Mädel nicht angenehm gewesen sein, einen … also, mit einem alten Knacker das zu tun, was sie mit mir machte. Sie ließ es mich aber nie merken, verstehen Sie?“

„Haben Sie sie in ihrer Wohnung besucht?“

„Ja, am Schluss schon.“

„Was meinen Sie mit ›am Schluss‹?“

„Na ja, am Anfang traf ich sie woanders. Da kannte ich sie ja noch überhaupt nicht.“

„Wo, in einem Bordell?“

„Eine Sauna, mein Junge. Hier, nehmen Sie das.“ Er zog eine Visitenkarte aus der Tasche.

Daley griff danach und las: Cool Winds Sauna, Clyde Street. Sie werden sich freuen, wenn Sie gekommen sind. Die Karte war leuchtend pinkfarben und zeigte die Silhouette einer nackten Frau unter einer Palme.

„Ich weiß, was Sie jetzt denken, mein Sohn. Aber ich bin kein Perversling. Bin jetzt seit fast dreißig Jahren verheiratet. Der Reiz ist hin und fort, falls Sie verstehen, was ich meine. Sie guckt lieber Coronation Street oder geht mit ihren Freundinnen zum Bingo, als … na ja, Sie wissen schon.“ Hunters Gesicht war knallrot angelaufen.

„Dort sind Sie Tracey Greene also zum ersten Mal begegnet, in dieser Sauna in der Clyde Street?“

„Aye. Wir kamen ins Gespräch, und sie war nett. Die meisten der Mädels wollen es bloß hinter sich bringen und nix sagen, aber sie war anders. Gab einem das Gefühl, kein dreckiger alter Knacker zu sein. Ich konnt’s kaum glauben, als ich rausfand, dass sie gleich die Treppe rauf bei mir wohnte.“

„Da haben Sie angefangen, sie zu Hause zu besuchen?“

„Nee, so war das nicht. Sie ging weg von der Sauna. So ein Typ machte ihr Schwierigkeiten.“

„Einer der Bosse?“

„Bin nicht sicher. Eher ein Freier, glaub ich. Schmiss mit Geld nur so um sich. Er schubste sie arg rum. Manchmal, wenn ich sie besuchte, hatte sie ein blaues Auge oder Blutergüsse am Rücken. Konnt gar nicht hinsehen.“

„Haben die Leute von der Sauna nicht auf sie aufgepasst?“

„Och, denen ging’s doch bloß ums Geld und nicht, wie sie behandelt wurde. Der Typ zahlte mehr – damit er sie rumstoßen durfte. Deshalb hat sie aufgehört, hat sie gesagt.“

Daley betrachtete die Visitenkarte. „Sie müssen mit der Kripo sprechen, Mr. Hunter. Das hier könnte sehr wichtig sein.“

„Hab mir schon gedacht, dass Sie das sagen würden“, erwiderte er mit hängendem Kopf und starrte zu Boden. „Musste wohl mal so kommen, dass mein Frauchen es rausfindet. Nur, ich kann das Mädel ja nicht im Stich lassen. Ich will, dass Sie den kriegen, der sie getötet hat.“

„Hören Sie, ich berichte dem Inspector von Ihnen und den Umständen. Ich bin sicher, es lässt sich einrichten, dass sie diskret mit ihm sprechen.“

„Sie meinen, ich soll mein Frauchen belügen?“

„Ich denke, das haben Sie schon getan“, entgegnete Daley. „Aber es geht uns nichts an, was in Ihrer Ehe passiert. Ich bin nur froh, dass Sie mit mir gesprochen haben, Mr. Hunter. Vielen Dank. Ich melde mich bei Ihnen.“

Während Daley zur Stewart Street zurückkehrte, ließ er die Unterhaltung noch einmal Revue passieren. Zu einem moralischen Urteil hatte er kein Recht. War es falsch, wenn ein fetter älterer Mann wie Hunter, der in einer Ehe ohne Liebe festsaß, die Gesellschaft von Prostituierten suchte? Er hätte seine Beziehung zu Tracey Greene problemlos verschweigen können. Doch er hatte sich entschlossen, Daley aufzusuchen und ihm zu sagen, was er wusste.

Daley erkannte mit jedem Tag mehr, dass es im Leben kein reines Schwarz oder Weiß gab. Als Polizist kam er mit allen Schattierungen in Berührung. So war das eben, dachte er.

5

Als Daley die Räume der Kripo im Polizeirevier Stewart Street betrat, hörte er das abgehackte Klappern einer Schreibmaschine, unterbrochen von Flüchen. Detective Constable Brian Scott saß, die Zunge zwischen die Zähne geklemmt, an seinem Schreibtisch. Vor ihm stand eine Flasche Tipp-Ex. Auf dem Boden lagen etliche zusammengeknüllte Entwürfe verstreut.

„Hi, Brian“, sagte Daley. „Ich mache jetzt Schluss. Aber ich habe etwas, das Inspector Burns interessieren könnte.“

„Aye, schön“, erwiderte Scott unkonzentriert. „Verstehen Sie vielleicht was von den verdammten Dingern?“, fügte er hinzu und deutete auf die Schreibmaschine.

„Was ist denn los?“

„Die Scheiß-Tabs oder wie die Dinger heißen. Ich kapier das nicht. Einmal fängt die Schrift hier an, dann wieder dort. Burns will, dass ich die Notizen für die Nachtschicht abtippe. Er behauptet, die Sekretärinnen im Schreibbüro oben haben zu viel zu tun … ha! Klatsch und Tratsch und blöde Magazine lesen, wenn Sie mich fragen.“

„Lassen Sie mich mal versuchen“, schlug Daley vor. Scott räumte bereitwillig seinen Stuhl, und Daley zog ein neues Blatt ein, bevor er mit Bestandteilen der Schreibmaschine zu hantieren begann, von deren Existenz Scott noch nicht einmal etwas geahnt hatte. „So“, sagte er nach einer Weile. „Mit dieser Tabulatoreinstellung sollte es funktionieren.“

„Ich bin beeindruckt“, verkündete Scott. „Wo zum Teufel haben Sie das gelernt? Wir hatten nie Schreibmaschine in der Schule … jedenfalls nicht, wenn ich mal da war.“

„Fragen Sie nicht“, antwortete Daley. „Meine alte Dame hat Schreibarbeiten angenommen, um sich ein bisschen was dazuzuverdienen. Sie war Sekretärin, als sie meinen alten Herrn heiratete. Und klug dazu. Er dachte natürlich, der Platz einer Frau sei zu Hause am Herd.“

„Och, mein Vater war genauso. Aber meine Mutter hätte drei Jobs gleichzeitig haben können, ohne dass er davon ‘was gemerkt hätte. Er lungert mehr Zeit im Pub ‘rum, als ich hier bei der Arbeit verbringe.“

Die Bürotür ging auf, und Detective Chief Inspector Burns hängte seinen Mantel schwungvoll an einen Haken, bevor er sich eine Zigarette anzündete. „Also, Daley. Was haben Sie für mich?“

„Ein paar Dinge, die interessant sein könnten, Sir. Vor allem eine Sache, glaube ich.“ Er reichte dem Detective die Karte des Cool Winds Saunaklubs und berichtete ihm von Hunter und seiner Beziehung zu Tracey Greene. Er erwähnte auch die junge Frau, die Greene mit einem grauhaarigen Mann gesehen haben wollte.

„Gute Arbeit, mein Junge“, meinte Burns. Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und blies stechenden blauen Rauch in den Raum. Daley bemerkte, dass Scott ihm neidisch zusah. „Es war eine harte Nacht, und wir sind unterbesetzt. Deshalb möchte ich, dass Sie uns aushelfen, Constable Daley. Sie sehen nicht so aus, als wären Sie schon bettreif.“

Spontan hätte Daley gesagt, dass er zu müde dazu war und später zur Nachtschicht antreten musste. Doch er konnte die Worte gerade noch hinunterschlucken. Als er zur Polizei ging, hatte er gehofft, nach der Probezeit eine Stelle bei der Kripo zu bekommen. Es wäre idiotisch gewesen, jetzt eine solche Gelegenheit auszuschlagen.

„Ja, Sir, kein Problem“, sagte er. „Heute ist sowieso meine letzte Nachschicht. Ich habe ein paar kurzfristig abgesagte Urlaubstage nachzuholen, das geht also in Ordnung.“

„Okay. Ich möchte, dass Sie und unsere Miss Moneypenny hier zu dieser Sauna gehen. Ich will alles erfahren, was es über das Mädel und ihre Klienten zu wissen gibt.“ Er wandte sich zu Scott. „Nur keine Angst, Brian. Immer feste druff. Verstanden?“

„Ja, Sir“, erwiderte Scott und ließ Daley im Ungewissen, was dieses „immer feste druff“ bedeuten mochte.

„Wenn Sie dort fertig sind, kommen Sie zur Leichenhalle. Crichton tut mir einen Gefallen und zieht die Obduktion von Greene vor. Ich will wissen, ob eine konkrete Verbindung zwischen ihr und den anderen beiden Mädchen existiert.“

Die zwei jungen Polizeibeamten waren gerade dabei, aufzubrechen, als Burns hinzufügte: „Daley, ich hoffe, Sie haben ein paar Zivilklamotten hier. Ein Blick auf Ihre Uniform, und die Mistkerle in der Sauna machen den Laden dicht oder hauen ab. Ziehen Sie sich um. Kümmern Sie sich um ihn, Brian.“

Zum Glück bewahrte Daley in seinem Spind Jeans, ein Sweatshirt und Turnschuhe auf, falls er mal direkt nach der Arbeit ausgehen wollte. Er akzeptierte die von Scott angebotene Zigarette, und sie fuhren in einem zivilen Vauxhall Cavalier die Hope Street entlang, an der eine riesige Plakatwand das Konzert der New Wave Band Sigue Sigue Sputnik ankündigte.

„Das erste Mal ohne Uniform unterwegs?“, erkundigte sich Scott.

„Ja“, erwiderte Daley. „Es fühlt sich ziemlich komisch an, im Dienst die eigenen Klamotten zu tragen.“

„Keine Sorge, man gewöhnt sich daran … Hey, schauen Sie mal!“, rief Scott aus und beäugte eine attraktive Blondine, die vor ihnen die Straße überquerte.

„Sind Sie nicht verheiratet?“, fragte Daley.

„Aye, das schon. Aber an einem kleinen Seitenblick hin und wieder ist doch nix dabei, oder? He, alles klar, Süße?“, rief er durchs offene Fenster.

Irgendetwas sagte Jim Daley, dass sich Constable Scott nicht übermäßig an die Dienstvorschriften gebunden fühlte. Er lächelte kopfschüttelnd. Der junge Detective hatte etwas Entwaffnendes an sich.

„Sind sie von hier?“, fragte ihn Scott.

„Ja, South Side. Und Sie?“

„East End, mein Freund.“

„Gibt nicht viele Cops aus dem East End.“

„Nee, die meisten Jungs, mit denen ich in der Schule zusammen war, arbeiten für die andere Seite, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Ist das nicht problematisch für Sie?“

„Aye, manchmal. Ich geh nicht mehr oft mit meinen Schulfreunden was trinken. Das Gute ist aber, ich kann sie jederzeit in Barlinnie besuchen, weil sie da früher oder später alle landen.“

„Macht man Ihnen das Leben nicht schwer?“

„Nee, eigentlich nicht. Solange ich sie nicht verpfeife, kommen wir bestens miteinander aus.“

„Aber das ist Ihr Job, oder nicht?“

„Sagen wir einfach, so weit ist es noch nicht gekommen. Wird sich irgendwann nicht vermeiden lassen, aber hoppla, wozu sich Sorgen machen über was, das noch nicht passiert ist? Ehrlich gesagt, könnte sogar sein, dass mein Job bei der Kripo was mit meiner Herkunft zu tun hat. Burns ist ein schlauer Hund – er weiß, mit was für Typen ich aufgewachsen bin. Ein bisschen Insiderwissen kann nie schaden, was?“

Sie bogen auf die Clyde Street ab und fuhren den gleichnamigen Fluss entlang, der die Stadt groß und reich gemacht hatte. Daley betrachtete die heruntergekommenen Lagerhäuser und verfallenen Häuser, die ihn säumten. Der Stadtrat hatte versprochen, die Stadt zur europäischen Kulturhauptstadt zu machen. Daley fragte sich, ob das je geschehen würde – oder überhaupt möglich war.

Die Cool Winds Sauna lag am Ende einer Straße hinter einem Teppichdiscounter.

„Hey“, sagte Scott, „das war mal ein Chinese. Als ich fünfzehn war, bin ich immer mit den Jungs hergekommen und hab mich besoffen. Zwei Pfund fürs Essen, und fünf, um sich die Birne zuzuknallen.“

„Ich nehme an, die Besitzer hatten nichts dagegen?“

„Nee, wieso denn? Die haben uns billigen Wein und Cider mit Riesenprofit verkauft, und sie wussten, dass wir keinen Scheiß bauen – man beißt ja nicht die Hand, die einen füttert. War keine große Sache – die Cops kontrollieren in den Pubs nach Minderjährigen, aber irgendwelche Hinterhof-Chinesen sind ihnen schnuppe. Schon komisch, wieder hier zu sein.“

Daley musste lächeln, als Scott „die Cops“ sagte, als würde er nicht dazugehören.

Die Sauna hatte abgedunkelte Fenster und schwere Türen. Scott rüttelte daran, doch sie waren fest verschlossen. Rechts am Türrahmen war eine weiße Gegensprechanlage montiert.

Scott drückte den Knopf und schrie: „Jemand zu Hause?“

Nach ein paar Sekunden erklang eine gedämpfte Stimme, die sich anhörte, als wäre Englisch nicht ihre Muttersprache. „Wir geschlossen. Später wiederkommen für Action.“

Daley erwartete, dass Scott sich ausweisen würde, das tat er jedoch nicht. „Ach komm schon, Kumpel! Unsere Freundinnen sind beim Shoppen. Wir haben nur ‘ne Stunde Zeit. Wir zahlen auch gut.“ Er zog einen Zwanzigpfundschein aus der Tasche und wedelte damit vor der Überwachungskamera über der Tür herum.

Eine Weile blieb es stumm, dann hörte man schwere Riegel zurückgleiten. Die Tür schwang auf, und ein dunkelhäutiger Mann mit schwarzen lockigen Haaren und einem dichten Schnurrbart stand darin. Er trug ein offenes Hemd, und ein goldenes Medaillon ruhte in seiner üppigen Brustbehaarung.

„Scheiße, wenn das nicht Graeme Souness ist“, sagte Scott.

„Zu früh“, sagte der Mann mit einem Akzent, den Daley für griechisch hielt, möglicherweise auch türkisch. „Nur eine Dame hier. Ihr könnt sie nehmen gleichzeitig oder nacheinander, okay? Geld zuerst“, fügte er hinzu und streckte die Hand aus.

„Wir wollen sie erst sehen“, erwiderte Scott.

Widerwillig trat der Mann beiseite und ließ sie ein. Er führte sie durch einen dunklen Flur in den Empfangsbereich. Fotos von nackten Frauen in verschiedenen Posen zierten die Wände. Die Beleuchtung war gedämpft, irgendwo im Hintergrund spielte ein Radio, und die Luft war geschwängert von billigem Parfüm.

„Ihr zahlt Hälfte jetzt, dann sehen Mädchen“, sagte der Mann und baute sich neben dem Tresen auf.

„Nein“, gab Scott zurück und zückte seinen Dienstausweis. „Entweder Sie helfen uns, oder ich mache den Laden dicht, und Sie wandern ins Gefängnis, Amigo.“ Er sprach laut und langsam, als könnte das dafür sorgen, dass er richtig verstanden wurde.

Die Hand des Mannes zuckte plötzlich unter die Theke, und ein kurzer Baseballschläger pfiff durch die Luft. Scott wich geschickt seitlich aus und erwischte den Typen mit einem beidhändigen Hieb in die Nieren. Als der Angreifer sich vor Schmerz zusammenkrümmte, riss Scott das Knie hoch und schmetterte es dem Mann unters Kinn. Er ging wimmernd zu Boden.

„Sei jetzt ein braver Junge und hör mir gut zu. Mein Freund hier wird dir das Foto von einem Mädel zeigen, das mal für dich gearbeitet hat. Ich will alles über sie wissen, kapiert?“ Er sprach drohend, sein Gesicht war rot angelaufen und hatte jede Spur von Verbindlichkeit verloren. Er zerrte den Bordellbetreiber in die Höhe und drückte ihn gegen den Empfangstisch.

„Gut, Jimmy. Erzähl dem Mann von Tracey Greene.“

Daley zögerte einen Moment lang. Er hatte in seiner kurzen Zeit bei der Polizei schon eine Menge Gewalttätigkeit erlebt – und war sogar selbst schon angegriffen worden. Doch aus irgendeinem Grund schockierte ihn die beiläufige Art, wie Scott sein Opfer in die Knie gezwungen hatte. Er musste an Detective Chief Inspector Burns Bemerkung mit dem „immer feste druff“ denken.

„Kennen Sie diese Frau?“, erkundigte sich Daley und zeigte dem Mann das Foto von Tracey Greene.

„Nein! Ich nicht kenne“, erwiderte er.

Scott schnappte sich den Baseballschläger und zog ihn über eine Reihe von Trinkgläsern auf einem Regal hinter dem Empfangstisch. Sie flogen zu Boden und zersprangen. „So, nur für den Anfang“, meinte er gelassen.

„Okay, okay! Tracey. Ein Junkie. Wir werfen sie raus vor Monaten.“

„Und ihre Kunden?“, fragte Daley. „Wir wollen wissen, wer ihre Kunden waren, vor allem der eine, der ihr wehgetan hat. Verstehen Sie mich?“

„Ich dachte, ihr Jungs wärt Moslems“, sagte Scott erstaunt und hielt eine Kette mit fleischfarbenen Kugeln in die Höhe, von denen jede etwas kleiner war als die nächste.

„Ich bin Moslem“, antwortete der Mann.

„Ach so, aber ihr betet den Rosenkranz, was?“

„Was ist Rosenkranz? Das chinesische Kugeln, man steckt sie …“

„Das reicht!“, stieß Daley hervor. „Erzählen Sie mir von dem Mann, der Tracey Greene wehgetan hat, als sie hier arbeitete.“

Der Bordellwirt sank in die Knie und ließ den Kopf hängen. „Ich kann Ihnen nicht sagen. Ich habe Familie.“ Er begann zu weinen.

Daley sah Scott an, der mit verwirrtem Gesichtsausdruck an der rosa Kugelkette schnupperte.

„Hören Sie. Nein, Sie haben recht. Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. … wie ist Ihr Name?“, fragte Scott.

„Suleiman, ich heiße Jat Suleiman.“

„Also gut Jat. Wir machen das folgendermaßen.“ Scott legte die Kugeln auf den Tresen. „Sie müssen uns gar nichts sagen. Ich sorge einfach dafür, dass jede Nacht ein Polizist hier vor der Tür steht. Okay? Gut fürs Geschäft.“

„Nein! Nein, Sie verstehen nicht. Wir haben private Kunden. Sie wollen nicht, dass ich rede.“

„Hier haben Sie meine Karte, Jat. Rufen Sie an, wenn Sie wollen, dass der Beamte abgezogen wird. Kommen Sie, Jim, gehen wir“, sagte Scott.

Jat Suleiman blieb schluchzend am Boden zurück.

Als sie wieder in den Wagen stiegen, blinzelte Daley ins grelle Sonnenlicht. „Glauben Sie, er überlegt es sich?“

„Och, aye, irgendwann schon. Ein paar Stunden ohne Freier, weil ein Cop vor seinem Laden rumsteht, das sollte reichen.“ Er überlegte kurz. „Aber komisch, hätte wirklich nicht geglaubt, dass diese Gangster es mit Rosenkränzen haben.“

„Wie er gesagt hat, es war kein Rosenkranz“, antwortete Daley.

„Auf jeden Fall eine verflixt seltsame Halskette.“

„Nein, auch keine Halskette.“

„Was?! Sie verarschen mich! Ist das Ihr Ernst?“

„Mhm.“

„Meine Fresse! Ich muss mir schleunigst die Hände waschen. Dachte mir doch, dass da was merkwürdig riecht“, sagte Scott mit einem Ausdruck des Entsetzens. „Dreckige Schweinehunde.“

6

Jim Daley fürchtete den Besuch in der Leichenhalle. Zum ersten Mal hatte er sie im Rahmen seiner Ausbildung von innen gesehen, und das war für den jungen Constable der härteste Teil seiner Einführung ins Polizistendasein gewesen. Es stank – nach dem erstickenden Hauch des Todes. Er erinnerte sich noch gut daran, wie übel ihm geworden war, während der Pathologe geschickt die Leiche ausweidete. Um ihn herum hatten die übrigen Auszubildenden sich einer nach dem anderen entschuldigt und den Saal verlassen, oder sie waren einfach umgekippt. Er war entschlossen gewesen, bis zum Ende durchzuhalten. Als jedoch eine kranke Leber, angeschwollen, grünlich verfärbt und eitrig, aus dem Leichnam gehoben wurde, hatte er es nicht mehr ausgehalten. Er war hinausgerannt und hatte sich heftig übergeben.

Als der Wagen jetzt vor den Toren der Leichenhalle anhielt, fühlte Daley, wie sich ihm der Magen umdrehte.

„Ich frage mich, ob der Chef recht hat“, grübelte Detective Constable Scott, während er aus dem Vauxhall Cavalier stieg und sich eine Zigarette ansteckte. „Hey, wollen Sie auch?“, fügte er hinzu und hielt Daley die offene Packung hin.

„Nein danke. Wissen Sie, das hier ist nicht gerade der Teil unseres Jobs, der mir am besten gefällt, Brian.“

„Och. Aye, ich weiß schon. Ich lass es einfach nicht an mich ran. Stell mir vor, es wäre bloß ein Stück Fleisch. Den Rat hat man mir gleich am Anfang gegeben – funktioniert prima. Aber ich sag Ihnen eins, wenn all die Mädels auf dieselbe Art umgebracht worden sind, haben wir’s mit einem Serienkiller zu tun.“

„Das werden wir ja bald erfahren“, sagte Daley und starrte das rote Backsteingebäude an.

Scott sog den letzten Zug von seiner Zigarette in die Lunge und trat sie mit der Schuhspitze auf dem Pflaster aus. „Aye, los gehts, Jimmy“, meinte er und stieß die schwere Glastür auf. Der kränklich-süße Gestank der Verwesung ließ Daley zurückprallen. Er biss die Zähne zusammen und folgte dem Detective.

Ein Pfeife rauchender Mann kam ihnen entgegen. Er war von durchschnittlicher Größe, und sein störrisches, an den Schläfen zurückweichendes Haar und die buschigen Koteletten zeugten von einem lange aus der Mode gekommenen Stil. Er hatte ein freundliches Gesicht und eine leicht geistesabwesende Art.

„Ah. DC Scott, nicht wahr?“, grüßte er und schickte eine Wolke blauen Pfeifenrauchs in die übel riechende Luft. „DCI Burns hat Sie schon angekündigt. Und dieser junge Mann ist …?“

„PC Daley, Mr. Crichton“, erwiderte Scott mit einer Geste in Richtung seines Kollegen. „Zurzeit an die Kripo ausgeliehen. Kann sich noch keinen Anzug leisten.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, junger Mann“, sagte Crichton und schüttelte Daley die Hand. „Am Anfang einer Karriere als Detective – sehr löblich. Ich fürchte, dann werden Sie sich an den Ort hier gewöhnen müssen.“ Er lächelte liebenswürdig. „Folgen Sie mir, meine Herren. Ich muss mir noch schnell die Hände waschen.“ Er bat die Polizeibeamten in den Untersuchungsraum.

Eine zugedeckte Leiche lag auf einer metallenen Transportliege unter einer Batterie von Lampen, die der eines Operationssaals ähnelte. Ein Assistent zog das Tuch weg, während die grellen Leuchten über der Leiche von Tracey Greene flackernd angingen.

„Ich habe getan, worum DCI Burns mich gebeten hat“, erklärte Crichton. „Ich war heute Morgen ziemlich fix, deshalb kann ich Sie jetzt schon informieren.“

Daley starrte die sterblichen Überreste der jungen Frau an. Sie war nur Haut und Knochen. Ihre Rippen traten hervor, die Brüste waren kaum vorhanden, und ihre Hüftknochen stachen heraus, als wollten sie gleich die Haut durchstoßen. Es war leicht, sich das Skelett darunter vorzustellen. Ihr Gesicht war wächsern, und die Augen blickten ins Leere. Ein breiter Schnitt verlief von ihrem Kinn bis zu den Genitalien und war mit dickem schwarzem Faden in einem Zickzackmuster wieder zugenäht worden. Es war dasselbe Prinzip, nach dem Daley seine Fußballschuhe schnürte.

Während er die Szene betrachtete, drehte sich ihm der Kopf. Das Mädchen wirkte auf dieser stählernen Liege, jeglicher Würde beraubt, fremden Blicken ausgeliefert, noch bedauernswerter als in der spartanischen Wohnung, die ihr Zuhause gewesen war.

„Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die Abschürfungen hier und dort lenken“, sagte Crichton. „Ich weiß, wegen der Leichenblässe sind sie schwer zu erkennen, doch ich würde sagen, dass sie gefesselt war – vielleicht mit Handschellen oder einem Strick. Die Traumata an Hand- und Fußgelenken sind identisch, sie war also an Händen und Füßen festgebunden“, trug er mit ausdrucksloser Stimme vor.

„Sie hatte in den Stunden vor ihrem Tod Sex – sowohl vaginal als auch anal. Ich habe Spermaproben zur Analyse entnommen. Es ist nicht zu übersehen, dass sie ziemlich schlecht behandelt wurde – nicht nur in den letzten Augenblicken ihres Lebens, sondern schon Wochen oder gar Monate vor ihrem Tod. Es gibt umfangreiche ältere Prellungen, und drei ihrer Rippen wurden in jüngster Vergangenheit gebrochen. Es finden sich zwei deutliche Brandwunden an ihrem Gesäß, möglicherweise dadurch verursacht, dass ihr eine brennende Zigarette auf der Haut ausgedrückt wurde. Angesichts des Durchmessers der Verletzungen wäre eine Zigarre noch wahrscheinlicher.“

„Was war die Todesursache?“, fragte Scott, und schob sich zu Daleys Abscheu gleichgültig einen Streifen Kaugummi in den Mund.

„An dem Punkt wird es interessant“, sagte Crichton. „Ihre Venen sind durch die vielen Spritzen kollabiert – nicht ungewöhnlich bei Drogenmissbrauch. Dem Anschein nach hat sie sich ihren letzten Schuss durch eine Injektion in die Leiste gesetzt. Wir konnten in der Spritze, die DCI Burns entdeckte, eine Heroinlösung nachweisen. Aber meiner Ansicht nach reichte die Menge nicht aus, um sie zu töten.“

„Was war es dann?“, fragte Scott verwirrt.

„Hier.“ Crichton hob den Arm der Toten an. „Schauen Sie, direkt unter der Achsel. Sehen Sie diese leichte Verfärbung?“

Scott beugte sich vor, um die Leiche zu inspizieren, während er weiter enthusiastisch auf seinem Kaugummi kaute. „Aye, ein winziger lila Bluterguss.“

„Ja, genau, DC Scott. Es ist das Überbleibsel einer zweiten Heroininjektion. Und weil es zu einem Bluterguss kam, können wir sicher sein, dass sie vor dem Tod erfolgte, wenn auch nicht lange davor.“

„Sie hat sich also zwei Spritzen mit der Droge gesetzt. Selbstmord?“, fragte Daley.

„Nein. Ein Selbstmord ist ausgeschlossen. Ich konnte die Wirksamkeit der Injektion in die Leiste berechnen, indem ich die Überreste des Heroins an den Wänden der Injektionsspritze untersuchte. Es war eine starke Dosis, reichte jedoch keinesfalls aus, um sie zu töten. Aber nachdem unmittelbar zuvor schon ein Schuss in eine brauchbare Vene in ihrer Achsel injiziert wurde, hätte sie nicht mehr die Geschicklichkeit aufgebracht, sich die zweite Dosis selbst zu setzen.“

„Dann hat ihr die Spritze in die Leiste ein anderer verpasst?“, wollte Scott wissen.

„Beinahe mit Sicherheit. Ich habe mir die Fotos vom Tatort angesehen. Die Art, wie ihr Rock hochgezogen und ihre rechte Hand auf den Oberschenkel gelegt wurde, sollte den Schluss nahelegen, dass sie sich die Droge selbst verabreicht hatte. Die tödliche Injektion wurde ihr allerdings von jemand anderem gesetzt.“

„Es ist also derselbe Modus Operandi wie bei den zwei Mädchen davor, Mr. Crichton?“, fragte Scott.

„In aller Kürze: ja.“

„Das war’s dann mit meinem freien Wochenende“, klagte Scott.

„Genau. Und mit den kollektiven Wochenenden zahlreicher Ihrer Kollegen auch, wenn ich mich nicht irre. In den Straßen unserer schönen Stadt läuft ein Serienkiller frei herum, der Prostituierte ermordet“, äußerte der Pathologe. „Fühlen Sie sich nicht gut, Constable Daley?“

Ohne zu antworten, die Hand fest vor den Mund gepresst, rannte Daley aus dem Untersuchungsraum.

7

Auf der kurzen Fahrt mit dem Zug nach Paisley ließ Daley den Blick durch den Waggon schweifen. Zwei ältere Herren diskutierten über Fußball. Fünf Mädchen im Teenageralter, alle in derselben Schuluniform, lasen kichernd in einer Ausgabe von Smash Hits mit einem Foto von George Michael auf dem Cover. Eine junge Mutter sah müde zum Fenster hinaus, während sie ein schlafendes Baby in den Armen wiegte. Ein pickeliger Jüngling lauschte in einen Walkman hinein und gab sich große Mühe, jeglichen Augenkontakt mit den Mitfahrern zu vermeiden.

Daley hatte keine Ahnung, was sie alle getan hatten, bevor sie in den Zug stiegen. Aber mit ziemlicher Sicherheit hatten sie kein ausgeweidetes Mädchen auf einer stählernen Transportbare angestarrt. Er schnupperte an seinem Ärmel. Der Geruch des Todes würde noch tagelang an ihm kleben. Er wusste, dass er den Gestank nicht loswerden konnte, ganz egal, wie oft er duschte, wie viel Deo er benutzte oder wie viel Jovan Musk Oil er sich ins Gesicht schmierte.

Als er den Wecker auf 19.30 Uhr stellte, war ihm bereits klar, dass er ihn nicht brauchen würde. Für Constable Jim Daley gab es heute keinen Schlaf mehr. Um achtzehn Uhr versuchte er es gar nicht mehr, kaufte sich Fish&Chips zum Abendessen und machte sich fertig für die Nachtschicht.

„Ich habe ein Wörtchen mit Ihnen zu reden“, knurrte Sergeant Donald, als Daley sich nach dem Appell anschickte, auf Streife zu gehen.

Er folgte seinem Vorgesetzten in dessen Büro, wo der Sergeant Platz nahm, während sein Bauch die Knöpfe der Uniform zu sprengen drohte. Er starrte Daley mit unverhohlener Abneigung an.

„Soso, Sie sind also Burns neuer Laufbursche, was?“, sagte er und griff nach einem Päckchen Benson & Hedges auf dem Tisch.

„Sir?“, erwiderte Daley. Er tat so, als wüsste er nicht, was Donald meinte.

„Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Sie dämlicher Schlaks. Wenn ich Sie daran erinnern darf, hatte ich vor Kurzem das Vergnügen, einen Bericht über ihre Fortschritte in der Probezeit zu verfassen. Und vergessen Sie nicht, dass es nicht der letzte war. Ich musste einige Dinge erfahren, die sich darin gar nicht gut machen werden. Gar nicht gut. Genau gesagt, so schlecht, dass Ihre ganze Karriere den Bach hinuntergehen könnte“, sagte er höhnisch.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Sergeant.“

„Neulich Nacht hatte ich ganz hinten im Archiv von Sektion Zwei zu tun. Traf dabei zufällig Ihren alten Kumpel Davy Fraser.“ Donald nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. „Natürlich war er schon ziemlich dicht. Hatte die übliche Fahne.“

„Was hat das mit mir zu tun?“, fragte Daley. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

„Wenigstens haben Sie den Anstand, blass zu werden, wenn man Sie auf frischer Tat erwischt hat, Daley. Aye, als ich ihm sagte, dass ich ihn wegen seiner Trinkerei melden müsste, da hat er geplaudert. Sie wissen ja, wie gesprächig er wird, sobald er besoffen ist.“

Daley schwieg und hielt den Blick unverwandt auf die Wand hinter Donald gerichtet. Wie bei den meisten neuen Cops hatte es auch bei ihm zu den Initiationsriten gehört, im Dienst ein oder zwei Gläser Whisky zu trinken, während der erfahrene Führungsoffizier ihn vorgeblich in den Dienst einwies. Zu seinem Pech war er an Fraser geraten, der für seine Sauferei berüchtigt war. Obwohl die Drohung fristloser Entlassung über jungen Polizeibeamten schwebte, blieb ihnen in der zweijährigen Probezeit nichts anderes übrig, als den Alkohol zu akzeptieren, den ihre sogenannten Mentoren ihnen aufzwangen. Das Risiko, dabei erwischt zu werden, war der Verachtung der Kollegen allemal vorzuziehen. Wenn ein junger Beamter nicht mitspielen wollte, wurde er einfach kaltgestellt. Und damit war die Chance dahin, die Probezeit unbeschadet zu überstehen.

„Sie trinken also gern ein oder zwei Gläschen Whisky, was?“ Donald grinste triumphierend.

Daley antwortete nicht, sondern hielt den Blick weiter starr geradeaus gerichtet, obwohl ihm das Herz in der Brust hämmerte. Wenn Donald die Sache weiterverfolgte, war seine Laufbahn bei der Polizei tatsächlich beendet.

„Och, Sie kennen mich doch, Jim.“ Donald erhob sich und stellte sich dicht vor seinen Untergebenen. „Ich bin kein Judas, das müssen Sie zugeben.“ Als der Kleinere von beiden musste er den Kopf in den Nacken legen. Sein Gesicht war nur Zentimeter von Daley entfernt, und der schale Gestank seines Schnapsatems war nicht zu ignorieren. „Sagen Sie DCI Burns einfach, dass Sie nicht daran interessiert sind, das Helferlein der Kripo zu spielen, und wir vergessen die ganze Sache.“

Daley zuckte zurück, als Speichelspritzer auf seinem Gesicht landeten.

„Wenn irgendein Bursche von dieser Schicht eine Chance bei der Kripo kriegt, dann bin ich das. Comprende?

Ein paar Herzschläge lang herrschte Stille zwischen ihnen, bevor Daley das einzig Mögliche erwiderte: „Jawohl, Sergeant.“

„Gut“, sagte Donald etwas munterer, als er hinter seinen Schreibtisch zurückkehrte. „Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie auf Streife kommen. Sie sind spät dran.“

Als Daley sich abwandte, um das Büro zu verlassen, sprach der Sergeant das letzte Wort, und die Drohung in seiner Stimme war unüberhörbar. „Aber denken Sie daran: Seien Sie ein braver Junge und halten Sie sich vom Whisky fern.“

Der Zusammenstoß mit Sergeant Donald ging Daley nicht aus dem Sinn, während er auf Streife war. Zunächst wurde er zu einem häuslichen Streit im Townhead gerufen, der bei seinem Eintreffen bereits verraucht war. Wie so oft in solchen Fällen sprang die bis dahin übel gelaunte Frau ihrem offensichtlich betrunkenen Ehemann zur Seite, als Daley ihn befragen wollte. Sie forderte den Constable auf, sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Ungefähr eine Stunde später schickte ihn das Revier Killermont Street zu einem Code 26 in der Sauchiehall Street, weil er der nächste verfügbare Beamte war. Code 26 bedeutete, dass in einem Bürogebäude eine Alarmanlage losgegangen war. Er musste fast eine Stunde in der Kälte ausharren, bis der gereizte Verwalter mit dem Schlüssel auftauchte und er mit ihm das Haus überprüfen konnte. Es gab keine Spur eines Einbruchs, und der Vorfall wurde als Betriebsstörung zu den Akten gelegt. Die waren nachts häufig Auslöser für Einsätze.

Als er die Sauchiehall Street entlang zurückging, wandten sich Daleys Gedanken wieder Donald zu. Ihm blieb keine Wahl. Donald war hinterhältig genug, um seine Drohung wahr zu machen. Daley hatte seine kurze Zeit bei der Kripo sehr genossen – dafür war er schließlich zur Polizei gegangen. Aber jetzt musste er mit Detective Chief Inspector Burns sprechen und ihm mitteilen, dass er die zusätzlichen Einsätze nicht übernehmen konnte. Er verfluchte sein Pech. Nicht nur, dass er ausgerechnet Davy Fraser als Tutor bekommen hatte – dazu war der Sergeant seiner Abteilung auch noch einer der korruptesten Männer, dem er je begegnet war.

Rechts von ihm ertönte ein Klopfen, und er wandte den Kopf. Auf der anderen Straßenseite führte eine breite Eingangstreppe zum Bürogebäude einer multinationalen Ölgesellschaft hinauf, hinter dessen Glastüren ihm ein uniformierter Wachmann zuwinkte.

Der Mann öffnete die Tür und fragte: „Wie gehts, mein Junge? Wie wär’s mit einer Tasse Tee? Ziemlich frostig heute Nacht, nicht wahr?“

Daley kannte den Mann – einen ehemaligen Verkehrspolizisten namens Bobby – und nahm die Einladung gerne an, eine Zeit lang der Kälte zu entkommen.

„Ist ‘ne Weile her, dass ich Sie hier gesehen habe“, sagte Bobby, nachdem er hinter einer Reihe von Bildschirmen Platz genommen hatte, die Schwarz-Weiß-Bilder von den Überwachungskameras des Gebäudes zeigten.

„Ja, in den letzten Monaten bin ich im Townhead eingesetzt worden. Mein neues Revier“, erklärte Daley. „Gestern Nacht war ich da auf Schaufensterstreife.“

„Aye, da kriecht einem die Kälte in die Knochen, mein Junge.“ Bobby goss eine heiße Tasse Tee aus seiner Thermoskanne ein und reichte sie Daley.

Während Daley an dem Gebräu nippte, fiel ihm auf, dass der Wachmann ein wenig beunruhigt wirkte. „Stimmt etwas nicht, Bobby?“

„Hm, ja und nein“, erwiderte der ältere Mann. „Hab ich Ihnen mal gesagt, dass ich bei der Heilsarmee arbeite? Jedenfalls wenn ich mir nicht hier die Seele aus dem Leib schufte.“

Daley nickte. „Das ist sicher Ihre masochistische Ader, Bobby. Verteilen sie nicht Suppe am Busbahnhof?“

„Aye, das tue ich. Arme Seelen. Ich weiß nicht, wie sie das schaffen, das ganze Jahr bei jedem Wetter im Freien. Es ist eine verdammte Sünde, dass wir in unserem Zeitalter noch Obdachlose draußen auf der Straße lassen.“ Er trank einen Schluck Tee. „Seit meine liebe Frau die Kinder genommen hat und nach Süden abgedampft ist, bleibt mir nicht mehr viel – da kann ich genausogut versuchen, ein bisschen Gutes zu tun.“

„Ich erlebe es in jeder Nachtschicht mit“, meinte Daley traurig.

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen, mein Junge? Sie müssen sie nicht beantworten, wenn Sie nicht wollen.“

„Schießen Sie los, Bobby. Wenn ich kann, werde ich sie beantworten.“

„Es sind nicht nur die Penner, um die wir uns in den Suppenküchen kümmern. Die Schönen der Nacht kommen auch mal vorbei und holen sich einen heißen Tee ab oder was.“ Er zögerte. „Es ist bloß so, man sagt, dass eines der Mädels, das öfter bei uns ist, tot aufgefunden wurde.“

„Ach ja? Wie heißt sie?“

„Ein nettes Ding, höflich, gut erzogen, fand ich. Sie war nicht wie die anderen. Sie wirkte irgendwie fehl am Platz. Tracey. Tracey Greene wurde sie genannt. Ich hab mich nur gefragt, ob es stimmt, was ich gehört hab.“

Daley beugte sich vor. „Das darf ich Ihnen eigentlich gar nicht sagen, Bobby, aber ja, Sie haben recht. Sie lag tot in ihrer Wohnung im Townhead.“ Er ließ aus, dass sie ermordet worden war.

„Oh, das tut mir leid. Merkwürdig, ich habe sie erst neulich Nacht hier gesehen. Wenn ich ›hier‹ sage, meine ich, dass sie von den Kameras erfasst wurde“, erklärte er und wies auf die Bildschirme.

„Ach, und was hat sie gemacht? Freier gesucht? Das war doch gar nicht ihr Gebiet.“

„Nein, sie hat nicht gearbeitet. Jedenfalls glaube ich das nicht. Hier, ich kann es Ihnen zeigen. Wir haben alles aufgezeichnet.“ Er griff unter den Tisch, brachte eine große VHS-Kassette zum Vorschein und schob sie in den Rekorder vor sich. „Normalerweise löschen wir die Bänder, um sie wiederzuverwenden, nur das hier habe ich beiseitegelegt, als ich von ihrem Tod hörte. Weiß eigentlich gar nicht recht, warum.“

Ein Bildschirm vor Daley erwachte zum Leben. Es war ein Schwarz-Weiß-Bild, doch sehr scharf. Anscheinend sparte die Ölgesellschaft nicht, wenn es um den Schutz ihrer Besitztümer ging. Eine abgemagerte junge Frau im Minirock kam die Straße entlang auf die Kamera zu. Sie blieb bei einer zusammengekauerten Gestalt im Rinnstein stehen, und es machte den Eindruck, als würde sie mit ihr sprechen.

„Das ist definitiv Tracey Greene“, sagte Daley.

„Ich zoome jetzt rein“, verkündete Bobby. „Wird ein bisschen unschärfer, aber man kann erkennen, mit wem sie redet.“

Der Bildausschnitt auf dem Monitor wurde größer und undeutlicher. Daley betrachtete fasziniert diese Vision eines Mädchens – voller Leben –, das er erst vor wenigen Stunden tot in der Leichenhalle gesehen hatte.

Sie öffnete ihre Handtasche und schien der zusammengekrümmten Gestalt auf dem Pflaster etwas hinzuhalten.

„Da“, sagte Bobby. „Herz aus Gold, das Mädel. Sie gibt ihm Geld.“

Daley starrte den Bildschirm an. Tracey Greene hatte ohne Zweifel etwas aus der Handtasche genommen. Die beiden unterhielten sich miteinander, und nach einer Weile trat die junge Frau zurück und ging weiter die Straße entlang aus dem Bild.

„Können Sie da stoppen?“, fragte Daley.

Als der Wachmann einen Knopf drückte, um auf Standbild zu schalten, wurde klar, mit wem Tracey Greene gesprochen hatte. Trotz der unscharfen Konturen war es unverkennbar Dandy mit seinen verfilzten Haaren und dem langen Mantel.

Am Ende seiner Schicht verdrückte Daley sich in die Bürotoilette. Er wartete ein paar Minuten, bevor er sie wieder verließ und aus dem Fenster im Flur spähte, das auf den Personalparkplatz hinausging. Von Sergeant Donalds verbeultem alten Ford Escort war nichts mehr zu sehen. Daley zog das Videoband aus der Tasche seines Regenmantels und ging in die Büros der Kripo.

Er war überrascht, Detective Chief Inspector Burns bereits hinter seinem Schreibtisch und in die Arbeit vertieft zu sehen. Daley klopfte an die offenstehende Tür, und Burns blickte von dem Dokument auf, in dem er gerade las.

„Daley, was kann ich für Sie tun?“

Der junge Polizeibeamte reichte Burns die Videokassette und erklärte ihre Bedeutung.

„Ausgezeichnet. Kommen Sie, schauen wir uns das mal an.“ Burns führte Daley in das Großraumbüro der Kripo, in dem sechs Detectives arbeiteten. An der Wand waren drei Fotos mit rotem Klebestreifen verbunden und mit krakeliger Hand beschriftet. Eines davon zeigte Tracey Greene. An der Ermittlungstafel hingen außerdem Bilder aus der Cool Winds Sauna und Tracey Greenes Wohnung, dazu noch von einigen anderen Orten, die Daley nichts sagten.

Burns rief ein paar der Detectives zu sich, und sie traten mit ihm und Daley vor einen großen Fernsehbildschirm. Sie ließen das Video ein paarmal durchlaufen, während Burns sich nachdenklich das Kinn rieb.

„Aye, stimmt, das ist Dandy. Er treibt sich schon ewig im Stadtzentrum herum.“

„Es sieht so aus, als würde sie ihm Geld geben, Sir,“ äußerte Daley.

„Falls ja, ist das das erste Mal in beinahe dreißig Jahren, dass ich so etwas erlebe. Aber anscheinend ist nichts unmöglich. Drogensüchtige Prostituierte sind normalerweise keine großen Menschenfreunde, andererseits heißt es überall, dass sie ein nettes Mädel war. Weiß man‘s?“

„Die Aufnahme wurde am Tag vor ihrem Tod gemacht“, bemerkte eine junge Frau in einem schicken Hosenanzug.

„Ich habe Dandy in der folgenden Nacht festgenommen, Sir. Er schlief in einem Müllcontainer bei der Sauchiehall Street, gar nicht weit weg davon.“

„Aye, und er hat den armen Jungen sowas von vollgekotzt“, rief eine Stimme aus dem Hintergrund. Brian Scott hängte seinen Regenmantel auf.

„Und Sie sind zu spät“, rüffelte ihn Detective Chief Inspector Burns.

„Ja, tut mir leid, Sir. Mein Zug kam nicht.“

„Gut, ich will mit Dandy sprechen“, sagte Burns und ignorierte Scotts Entschuldigung. „Sie und Daley fahren los und suchen ihn. Sollte nicht allzu schwierig sein. Sehen Sie einfach im nächsten Obdachlosenasyl oder in diesem Müllcontainer nach.“

Daley trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. „Sir, könnte ich Sie kurz sprechen?“

Burns sah auf die Uhr und seufzte. „Ja, wenn Sie schnell machen. Kommen Sie.“ Er ging vor Daley her zurück in sein Büro. „Und Brian, Sie können den Mantel gleich wieder anziehen – keine Zeit für Ihre üblichen drei Tassen Tee.“

Daley schloss die Tür hinter sich, während Burns am Schreibtisch Platz nahm.

„Wo liegt das Problem, mein Sohn?“

„Ich hatte einen kleinen Zusammenstoß mit Sergeant Donald, Sir“, erklärte Daley verlegen. „Er hat mir klipp und klar verboten, weiter für die Kripo zu arbeiten.“

„Darf ich raten? Er hat damit gedroht, in Ihren Personalberichten herumzupfuschen, um Sie unter Druck zu setzen.“

„Ja, Sir“, erwiderte Daley, überrascht von Burns Klarsicht. „Das trifft es im Wesentlichen. Ich …“

„Jetzt reicht es mir. Ich lasse mir von dem Deppen nicht reinreden. Ich will, dass Sie sich ab morgen hier zum Dienst melden. Sie sind offiziell zur Kripo abgestellt. Ich kläre das noch heute mit dem Chef.“

„Sergeant Donald wird darüber nicht glücklich sein, Sir“, meinte Daley, der Repressalien von Seiten seines vorgesetzten Sergeants fürchtete.

„Das können Sie laut sagen, mein Junge. Er wird ganz und gar nicht glücklich sein, wenn ich mit ihm fertig bin. Und nun ziehen Sie sich um und suchen mir diesen Dandy. Willkommen an Bord, Assistant Detective Constable Daley.“

8

Der Mann bewunderte sich im Schlafzimmerspiegel. Er war Ende fünfzig, besaß aber noch straffe Gesichtshaut, kein schwabbeliges Doppelkinn wie die meisten Männer seines Alters. Er hielt sich fit, joggte, spielte Squash und Golf und ging regelmäßig zum Schwimmen. Er trank gerne Alkohol, achtete allerdings sorgfältig auf die Menge. Er zügelte seinen Appetit und aß nicht mehr als achtzehnhundert Kalorien am Tag. Er rauchte hin und wieder eine gute Zigarre, vermied jedoch Lungenzüge.

Das graue Haar war der einzige Hinweis auf sein wahres Alter. Doch es gefiel ihm. Es verlieh ihm eine gewisse Gesetztheit, die ihm noch fehlte, als er zwischen zwanzig und dreißig den Familienbetrieb, eine Transportfirma, von seinem kranken Vater übernommen hatte. Zwar hatten seine Eltern wenig Vertrauen in seine Geschäftstüchtigkeit gehabt, aber er hatte die Firma groß gemacht. Inzwischen verfügte er über eine Flotte von vierzig Lastwagen und eine florierende Baufirma – die war seine eigene Idee gewesen. Leider war sein Vater schon lange tot und konnte sich nicht mehr für den Fehler entschuldigen, an ihm gezweifelt zu haben. Von seiner Mutter sah er nicht viel. Sie war sicher untergebracht in einem billigen Seniorenheim, sodass er das weitläufige Familienanwesen am grünen Nordrand der Stadt ganz für sich allein hatte.

Sein Vater war wie von Dämonen getrieben gewesen, besessen von dem überwältigenden Wunsch, seine Wurzeln in der Armut des East End von Glasgow hinter sich zu lassen. Sein Sohn hatte dafür gesorgt, dass das nur noch eine sehr entfernte Erinnerung war.

Aber er wurde von seinen eigenen Dämonen gehetzt.

Er strich sich mit der Fingerspitze eine Augenbraue glatt und stolzierte zu dem Stuhl, über den er seinen Mantel drapiert hatte – das Beste, was die Savile Row zu bieten hatte. Er schlüpfte hinein und klopfte ihn ab, ob der Schlüssel zu seinem Jaguar XJS und seine Brieftasche noch darin steckten.

Dann warf er einen Blick zum Bett, auf dem regungslos eine nackte junge Frau lag.

„Einen schönen Tag noch“, sagte er zu ihr, während er auf dem Absatz kehrtmachte und hinausmarschierte.

Sie antwortete nicht. Ihre Augen starrten blicklos an die Rauputzdecke und ins Nichts.

So sehr sie sich auch bemühten, Detective Constable Scott und Assistant Detective Constable Daley fanden keine Spur von Dandy. Sie erkundigten sich in jedem Obdachlosenheim der Stadt und überprüften die Krankenhäuser – sogar die Leichenhalle. Es schien, als hätte der Stadtstreicher sich in Luft aufgelöst.

„Scheiße, Mann“, sagte Brian Scott. „Könnte überall sein, der Kerl. In einem Abbruchhaus, auf der Couch von irgendeinem Deppen, oder tot in einem Straßengraben. Keine Ahnung. Wir müssen zurück und dem Boss sagen, dass wir ihn nicht gefunden haben.“

Daley stimmte widerwillig zu. Er war nicht glücklich darüber, dass sein erster offizieller Einsatz bei der Kripo ein Misserfolg gewesen war.

Burns war mit den Gedanken ganz woanders. „Okay, Jungs, ich habe das an alle Streifen in der Stadt weitergeleitet. Einer wie Dandy taucht früher oder später schon wieder auf. Ihr beide meldet euch jetzt ab. Ruht euch aus – in den nächsten Tagen werdet ihr dazu nicht oft Gelegenheit haben. Nutzt die Chance.“

„Wir übernehmen also den Fall, Sir?“, fragte Scott.

„Aye, das tun wir, mein Junge. Der ACC hat mir die Leitung der Ermittlung übertragen. Ich will, dass dieser Mistkerl gefasst wird, und zwar pronto. Mir bleiben nur noch achtzehn Monate bis zur Pensionierung. Da möchte ich vermeiden, dass mein Vermächtnis aus einem Haufen toter Prostituierter besteht, die in der ganzen Stadt rumliegen. Seid morgen früh um Punkt acht wieder hier. Und vergesst eure Zahnbürsten nicht.“

„Ja, Sir“, erwiderten Daley und Scott wie aus einem Mund.

„Und ziehen Sie sich einen Anzug an, Daley“, fügte Burns hinzu, bevor er sich wieder dem Papierkram zuwandte.

Als sie das Büro verließen, seufzte Scott: „Der Boss zieht die Zügel an. Keine Chance auf Freizeit, bis wir den Fall geknackt haben.“

„Da gehen meine freien Tage den Bach runter“, antwortete Daley.

„Die Freuden des Lebens bei der Kripo, Jungchen. Was hast du jetzt vor? Ich hab einen Riesendurst.“

„Ich wollte heute Abend ein bisschen ausgehen. Aber das vergesse ich wohl besser und lege mich schlafen“, erklärte Daley düster.

„Pfeif drauf, Jim. Das wirst du in der Branche noch schnell genug lernen. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Wo wolltest du denn hin?“

„Ach, bloß ein paar Bierchen trinken und später in so einen Klub in Paisley. Hab da ein Auge auf ein Mädel geworfen. Sie ist mittwochs immer mit ihren Freundinnen da. Sie kommen nach dem Badminton oder so was auf ein paar Drinks vorbei.“ Daley starrte in die Ferne.

„Bin dabei“, verkündete Scott. „Wenn ich jetzt nach Hause gehe, muss ich nur bei Schwiegermama zu Abend essen oder so ein Mist. Ich sag Ella einfach, es gab einen Notfall im Dienst. Spendierst du mir deine Couch, Alter?“ Scott wirkte nachdenklich. „Badminton. Ist das was mit Pferden?“

Der Klub war laut und gruftartig. Gedämpfte Beleuchtung verbarg die abblätternde Farbe, den fleckigen Teppichboden und die zerrissenen Polster. Die alles überdeckenden Gerüche waren Tabak, Alkohol und billiges Parfüm, doch darunter lag noch etwas Modriges mit einem Schuss Desinfektionsmittel. An der Wand hinter dem DJ flackerte ein Abbild des Eiffelturms mit dem Schriftzug „Paris“ im Stroboskoplicht.

Daley und Scott kauften teures Flaschenbier an der überfüllten Bar und suchten sich dann einen Tisch, der so weit wie möglich vom Trubel entfernt lag.

Daley hatte sich umgezogen und trug einen Freizeitanzug, eine taubenblaue Angelegenheit mit Bügelfalten und bis zu den Ellbogen hochgekrempelten Ärmeln. Der Button-down-Kragen eines weißen Hemds ließ gerade genügend Platz für den Knoten einer burgunderroten Krawatte, die zu seinen Stiefeletten passte. Er hatte sich die Haare gegelt, damit sie glatter wirkten, und versuchte, nicht wie ein Polizist außer Dienst auszusehen.

Scott steckte noch in seinem Anzug von der Arbeit. Seine einzige Konzession ans Ausgehen war es gewesen, sich Wasser ins Gesicht zu spritzen und etwas von Daleys Jovan Musk Oil aufzusprühen, nachdem er misstrauisch daran geschnuppert hatte.

„Ich rieche wie ‘ne Schwuchtel, Jim“, beschwerte er sich, als sie sich hinsetzten. „Und um hier ein blödes Bier zu kriegen, muss man glatt ‘ne Hypothek aufnehmen. Das Ding da hat mich fast ein Pfund gekostet!“ Er kräuselte die Lippen und beäugte den Inhalt der Flasche deutschen Bieres. „Außerdem schmeckt’s wie Scheiße, das Zeug.“

Daley sah sich um. Keine Spur von dem Mädchen, das er seit drei Monaten bewunderte. Er hatte den Klub auch schon an freien Wochenenden mit seinen Mitbewohnern besucht, aber gesehen hatte er das Mädchen nur Mittwoch abends. Wenn er an diesem Tag zufällig dienstfrei hatte, kam er also her.

Während die neueste Single von Tears for Fears durch die Lautsprecher dröhnte, trank Scott die Flasche leer und betrachtete sie wehmütig. „Hier kriegt man nicht viel fürs Geld, was? In das verdammte Ding geht doch kaum mehr rein als in ein Schnapsglas. In unserer Kneipe kriegste mittwochs ein Pint Heavy für fünfundvierzig Pence. Hier, willste eine?“ Er bot Daley eine Zigarette an. „Ich besorg uns mal noch ‘ne Runde. Wenigstens gibt’s die nächsten Tage bezahlte Überstunden!“ Er musste schreien, um den Krach zu übertönen.

Daley sah seinem neuen Freund nach, der sich zur Bar durchkämpfte, und sog an der Zigarette. Er konnte sich nicht erklären, warum sein Herz so heftig schlug. Aber es war nicht zu leugnen. Die Aussicht, das Mädchen wiederzusehen, stimulierte ihn auf eine Weise, die seinem Begleiter albern vorgekommen wäre, das wusste er. Das letzte Mal hatte sie ihm zugelächelt. Doch bevor er noch den Mut aufgebracht hatte, sie anzusprechen, war ihm ein großer junger Mann in einem trendigen Anzug zuvorgekommen und hatte sie auf die Tanzfläche geschleift. Danach hatte Daley zu viel getrunken und nur im Gehen noch einen flüchtigen Blick auf sie werfen können. Zu seiner Erleichterung hatte sie immer noch bei ihren Freundinnen gesessen und nicht mit dem Mann zusammen, mit dem sie getanzt hatte.

Als der DJ einen langsamen Song von The Blue Nile über Liebe, Verlust und funkelnde Lichter auflegte, sah er sie endlich. Sie war mit drei anderen Mädchen auf dem Weg von der Garderobe zur Bar. Sie trug ein elegantes schwarzes Etuikleid. Ihre Beine waren schlank und sonnengebräunt, die kupferfarbenen Haare lang und offen und mit Highlights durchsetzt. An ihrem Handgelenk fing ein goldenes Armband das Licht ein und glitzerte.

„Da, wieder drei Stundenlöhne weg“, kommentierte Scott und stellte zwei Flaschen Bier auf den Tisch. „Was ist los mit dir, hast du ein Gespenst gesehen?“ Er folgte Daleys Blick und sah das Mädchen. „Ach, ist das die Kleine, von der du so schwärmst? Aye, die würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen. Ich muss schon sagen. Trink aus und schlepp sie aufs Parkett. Schmiede das Eisen, solange es heiß ist, sag ich immer. Anders kommt man bei den Weibern nicht weiter, Mann.“

Ehe er sich’s versah, war Daley, angefeuert vom Bier und von Scotts Worten, bereits auf dem Weg zu ihr. Er hatte die Bar noch nicht ganz erreicht, als sie sich schon nach ihm umdrehte und ihn anlächelte. „Ich hoffe, du hast diese Woche den Mut, mich zum Tanzen aufzufordern.“ Sie lachte, und ihre Freundinnen kicherten im Chor.

Befangen bat Daley sie um den nächsten Tanz, und sie drängten sich zum Parkett durch, als die ersten Takte von Every Breath You Take von The Police durch den Paris-Nachtklub von Paisley schallten.

Wie passend, dachte Daley, während sie sich im Arm hielten und im Rhythmus der Musik auf dem überfüllten Parkett wiegten. Obwohl kaum ein Wort zwischen ihnen gesprochen worden war, hatte er sich bereits in sie verliebt. Sie hatte etwas an sich, das sie von allen Frauen unterschied, die er kannte. Was es war, hätte er sich selbst nicht erklären können, und anderen schon gar nicht.

Als die letzten Töne verklangen, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Ich heiße übrigens Liz. Wie ist dein Name?“

„Jim, Jim Daley“, erwiderte er und blickte ihr in die kornblumenblauen Augen.

„Nun, schön, dich kennenzulernen, Jim Daley. Wäre es dir recht, wenn wir uns auf einen Drink zu dir und deinem Freund setzen?“

„Aber ja, gerne“, stotterte Daley. „Wir sitzen da drüben.“ Er deutete in die Richtung, wo Scott finster seine Bierflasche anstarrte.

„Ich weiß. Ich habe euch gleich beim Hereinkommen gesehen.“

„Ah ja“, antwortete Daley mit einem strahlenden Lächeln.

„He, Kleiner, mach dir bloß keine Hoffnungen. Ich habe nur nach einem Tisch Ausschau gehalten. Eurer lag am besten – ein Stück weit weg vom ärgsten Trubel.“

„Richtig.“

„Du meine Güte, Jim Daley.“ Sie lachte. „Du hast vielleicht ein ausdrucksvolles Gesicht. Du bist wohl kein besonders guter Lügner, schätze ich … Ich hol mal die Mädchen.“

Er sah ihr nach, während sie davonging: hochgewachsen, aufrecht und anmutig. Obwohl er nie zuvor mit ihr gesprochen hatte, überraschte es ihn irgendwie nicht, dass sie sich gut ausdrücken konnte. Das schien zu ihr zu passen.

„Mit dir zieh ich jederzeit gerne wieder um die Häuser, Jimmyboy“, nuschelte Scott. Die Mädchen, mit denen sie sich in den letzten drei Stunden den Tisch geteilt hatten, waren gerade en bloc zur Toilette geströmt. „Absolute Spitzenklasse, jede Einzelne von ihnen. Solche Miezen gibt’s nicht in meiner Kneipe.“

„Das kann ich mir vorstellen“, erwiderte Daley.

„Hör mal, wenn du sie abschleppst, sag nix davon, dass du ein Bulle bist.“

„Ist mir aufgefallen, dass du es nicht erwähnt hast.“

„Klaro. Gibt nichts auf dem Planeten, was sie mehr abtörnt, Jim. Vor allem so vornehme Miezen. Daddy erlaubt nicht, dass sie was mit ‘nem Cop zu tun haben. Nee, Kaufleute, Banker, Playboys, sonst lassen sie keinen ran.“

„Meinst du? Was schlägst du vor?“

„Denk dir was aus, Jim. Scheiße, Mann, du warst doch schon bei genügend Gerichtsverhandlungen. Wenn du dem Amtsrichter was vorschwindeln kannst, wirste das wohl auch bei ‘nem harmlosen Mädel schaffen.“

„Ich möchte nicht damit anfangen, dass ich sie belüge“, antwortete Daley ernsthaft.

„Och, es ist doch so, wie dieser John Lennon sagt: Eine Lüge, die oft genug erzählt wird, wird irgendwann zur Wahrheit.“

„Das war Lenin“, meinte Daley.

„Aye, genau, sag ich doch. Kluger Junge, hat viel mehr auf dem Kasten als dieser McCartney-Typ. Egal, dein Song heute Nacht ist Ticket to Ride, also keine Sorge nich.“

Wie sich herausstellte, wohnten Liz und ihre Freundinnen in Bridge on Weir, einem exklusiven Vorort ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt von Paisley. Daley begleitete sie zum Taxistand, den Arm um ihre Hüfte gelegt. Er hörte, wie Scott ihren Freundinnen ein paar Meter weiter hinten Witze erzählte und Lachsalven auslöste.

„Ich gehe zur Uni“, sagte Liz und lächelte zu ihm empor. „Was machst du und dein Freund?“

Da war sie, die Frage, die er gefürchtet hatte. „Och.“ Daley zögerte. „Äh, er macht in Versicherungen.“

„Und du?“ Sie blieb stehen und musterte ihn neugierig.

„Ich, oh … Ich bin Beamter.“ Die Notlüge schien ihm unter den Umständen einigermaßen okay. Schließlich war er genau genommen ein Staatsdiener. Er lächelte sie schüchtern an. „Darf ich dich wiedersehen?“

„Natürlich siehst du mich wieder. Wir gehen jeden Mittwoch aus – da läuft man sich irgendwann über den Weg.“

„Ach so“, meinte Daley enttäuscht.

„Du bist echt süß, weißt du das?“ Sie kicherte, während sie in ihrer Handtasche herumkramte und ein kleines Ringbuch und einen Stift zum Vorschein brachte. „Hier ist meine Nummer, du Blödmann“, sagte sie, riss eine Seite heraus und gab sie ihm.

Sie sah ihm in die Augen und küsste ihn dann leidenschaftlich auf den Mund.

Zum ersten Mal im Leben war Jim Daley bis über beide Ohren verliebt.

9

„Gut, dass du noch was von dem Mundwasser da hattest“, meinte Scott, als sie am folgenden Morgen den Zug nach Glasgow nahmen. „Des Polizisten bester Freund, glaub mir. Hier, willste ’ne Polo?“

„Hast du einen Kater, Brian?“

„Bin ich gewohnt. Nix, was ein paar Tassen Tee und ein Speckbrötchen nicht wieder hinkriegen, Kumpel.“

Sie hatten die Räume der Kripo kaum betreten, als Burns sich schon zur Tür seines Büros herauslehnte und sie mit gekrümmtem Zeigefinger zu sich rief. Er hielt einen durchsichtigen Beweismittelbeutel mit einem dünnen Notizbuch in der Hand.

„Okay, Jungs, das hier wurde in Tracey Greenes Wohnung gefunden. Die Forensik hat einen Blick drauf geworfen. Es gibt ein paar Namen und Adressen, aber hauptsächlich Initialen, Telefonnummern und Autokennzeichen.“

„Warum die Nummernschilder?“, fragte Daley.

„Die Straßenmädels machen das immer so“, erklärte Scott. „Wenn sie in ein Auto einsteigen, schreiben ihre Kolleginnen die Nummer auf. Zur Sicherheit – falls sie nicht mehr zurückkommen oder verprügelt werden. So kann man die Freier identifizieren. Die Mädels liefern uns seine Karre, und wir schnappen uns den Mistkerl.“

„Jedenfalls theoretisch“, meinte Burns. „Ich möchte, dass Sie beide über die Leute in diesem Buch alles herausfinden, was möglich ist. Ich will wissen, wer sie sind und wo sie wohnen. Ach ja, und Sie werden sehen, dass eine Seite herausgerissen ist. Aber die Jungs vom Labor haben sich die Abdrücke auf der nächsten Seite angesehen. Hier.“ Burns reichte Daley ein Blatt mit dem Inhalt M. A571 WHT in Großbuchstaben. „Das überprüfen Sie natürlich zuerst.“

„Warum sie wohl die ursprüngliche Seite herausgerissen hat?“, überlegte Daley.

„Genau das sollen Sie feststellen. Sie werden merken, dass die meisten einfach nur Freier waren, doch wir müssen sie aus der Ermittlung ausschließen. Und man weiß ja nie …“

„Irgendeine Spur von Dandy?“, fragte Scott.

„Nein. Nicht die geringste. Falls Greene ihm nur aus purer Menschenfreundlichkeit Geld gegeben hat, bezweifle ich allerdings, dass wir viel von ihm erfahren würden …“ Burns wollte noch etwas hinzufügen, wurde aber von einem anderen Beamten unterbrochen.

„Tut mir leid, Sir, wie es aussieht, haben wir ein weiteres totes Mädchen. Derselbe Modus Operandi. In einem der Hochhäuser in den Gorbals.“

Burns seufzte. „Also gut, Sie beide machen sich an die Arbeit. Ich will über jeden Bescheid wissen, der in diesem Adressbuch steht, und zwar noch heute Nachmittag, bevor Sie Feierabend machen.“

Scott und Daley beschlossen, sich jeweils eine Hälfte von Tracey Greenes Büchlein vorzunehmen. Daley war zuständig für A bis M, Scott sollte sich um den Rest kümmern.

„Versuch’s erst mal mit dem von der Forensik“, schlug Scott vor, während er wählte. „Ich rufe die Telefonnummern an, und du nimmst die Kennzeichen. Dann tauschen wir und sehen zu, was dabei rauskommt.“

Daley begab sich in die uniformierte Abteilung des Polizeireviers Stewart Street, wo die dritte Schicht Dienst hatte. Von seinen Überstunden her kannte er einige der Beamten.

Derek, der Controller, saß in gedämpftem Licht an seinem Schreibtisch und begrüßte ihn mit leiser Stimme. „Okay, wir gehen die Kennzeichen zwischen den Anrufen durch“, sagte er, wobei er auf den Tisch deutete, wo die Funksprüche aller Polizisten der Abteilung zusammenliefen und ausgewertet sowie die Streifenpolizisten dirigiert wurden.

„Können wir mit dem hier anfangen?“, bat Daley und reicht ihm den Zettel mit der Nummer M. A571 WHT.

Derek gab sie ein und zog dann eine Augenbraue hoch. „Die wurde gestern schon von einem Ihrer Kollegen von der Nachtschicht überprüft.“

„Ach, und von wem?“

„Unser aller Freund Davy Fraser. Er erkundigt sich nicht gerade oft nach einem Kennzeichen, was?“ Derek lachte. „In seiner Bude in der alten Tretmühle bekommt man nicht viele Autos zu sehen, nicht wahr?“ Er wartete, bis die Fahrzeugdaten auf dem Bildschirm aufleuchteten. „Da haben wir’s. Ein Firmenwagen, wie es aussieht. Murchieston Transport. Die Büros liegen in Possil.“

Daley fragte sich, ob das „M“ in der Notiz für Murchieston stand. Und er grübelte darüber nach, warum Davy Fraser das Nummernschild in der vorausgegangenen Nachtschicht kontrolliert haben könnte.

Langsam arbeiteten sie die Liste ab, bis Daley die zugehörigen Adressen von den Kennzeichen in seiner Hälfte von Tracey Greenes Notizbuch ausfindig gemacht hatte. Die meisten Autos waren Privatfahrzeuge, bei einigen, wie dem auf der herausgerissenen Seite, handelte es sich allerdings um Firmenwagen.

Daley beschloss, es darauf ankommen zu lassen. Er sah Davy Frasers Nummer nach und rief ihn zu Hause an. Etwas war seltsam an dieser herausgerissenen Seite: Warum nur die eine und zu welchem Zweck? Vor seinem geistigen Auge sah er das Bild von Tracey Greene, die mit Dandy, dem Penner, sprach. Aus irgendeinem Grund kehrten seine Gedanken immer wieder zu dieser Szene des körnigen Videos zurück.

„Davy, tut mir leid, Sie belästigen zu müssen, aber hier ist Jim Daley.“ Es gab eine Menge Gehuste am anderen Ende der Leitung, garniert mit gedämpften Schimpfworten, die Frasers leidgeprüfte Frau, die den Hörer abgenommen hatte, ihm an den Kopf warf.

„Jimmy, zum Teufel, was soll das? Warum rufen Sie mich um diese Zeit an? Ich war nach der Nachtschicht noch den ganzen Vormittag im Gericht. Ich hab einen Schädel wie ein Presslufthammer, Söhnchen.“

„Tut mir leid, Davey. Ich habe nur eine kurze Frage. Ich bin für den Tracey-Greene-Fall zur Kripo abgestellt.“

„Aye, wem sagen Sie das. Sergeant Donald hat mir die halbe Nacht deswegen das Ohr abgekaut. Er ist unzufrieden mit Ihnen, um es milde auszudrücken.“

Daley spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. „Ach ja, hatten Sie mal wieder eines Ihrer kleinen Gespräche?“, fragte er und dachte daran, dass es Fraser gewesen war, der Donald erzählt hatte, dass er bei der Arbeit trank.

„Aye, na ja … also, was wollen Sie, wo Sie mich schon aufgeweckt haben? Ich muss noch ein bisschen Schlaf kriegen, bevor ich heute Nacht zum Dienst antanze.“

„Sie haben gestern Nacht ein Fahrzeug überprüft, einen Jaguar XJS, Nummer A571 WHT. Was war der genaue Anlass?“

„Ach das.“ Fraser hustete wieder. „Och, den habe ich nur durchlaufen lassen, um so ein penetrantes Arschloch abzuwimmeln. So einen Typen, der behauptete, der Wagen hätte ihn beinahe umgefahren, als er die High Street überquerte. Ein Raser angeblich. Ich kontrollierte das Kennzeichen und sagte ihm, dass wir der Sache nachgehen würden.“

„Was wir aber nicht tun.“

„Sie wissen doch selbst, wie es ist, Jimmy. Sein Wort gegen das des Fahrers und so weiter … dem Typen fehlte überhaupt nix, er hatte nicht mal einen Kratzer. In meinen Augen ist da nix passiert.“

„Er war also da und konnte mithören, als Sie das Nummernschild überprüfen ließen? Er hörte die Antwort des Controllers?“

„Aye, ja, hören konnte er sie, ob er sie verstanden hat, weiß ich nicht. Was soll das Ganze eigentlich?“

„Nicht gerade vorschriftsgemäß, oder?“

„Nu machen Sie mal halblang, Söhnchen. Warten Sie, bis Sie nicht mehr ganz so feucht hinter den Ohren sind, dann können Sie mir was über Vorschriften erzählen. War’s das jetzt? Ich brauch ein Glas Wasser, mir klebt die Zunge am Gaumen.“

„Eine kleine Frage noch, Davy. Dieser Mann, der den Raser gemeldet hat, wie sah er aus?“

„Och, durchschnittlich. Ungefähr meine Größe, kurze Haare, dunkel, aber ins Graue gehend. Glattrasiert. Wirkte irgendwie runtergekommen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Wie, runtergekommen? War er alkoholisiert?“, wollte Daley wissen. Er fragte sich, ob Fraser so etwas überhaupt aufgefallen sein konnte, da er wahrscheinlich selbst getrunken hatte.

„Nee, nicht auf die Art, Söhnchen. Eher verlebt. Tiefe Falten, Sie wissen schon. Dunkle Tränensäcke unter den Augen. Sah aus, als hätte er ’ne Woche nicht geschlafen. Verstehen Sie mich nicht miss, er war ganz manierlich. Uralter Anzug allerdings – breite Aufschläge wie in den Siebzigern. Ach ja, und er hätte einen Besuch beim Zahnarzt vertragen können.“

Daley beendete das Telefonat. Es erstaunte ihn, wie viele Details Fraser im Gedächtnis behalten hatte. Macht der Gewohnheit vermutlich. Schließlich war er seit langen Jahren ein Cop, trotz der Trinkerei. Einiges musste hängen geblieben sein.

Daley kehrte zurück in die Räume der Kripo. Ihm auf den Fersen kam Detective Chief Inspector Burns zur Tür herein, der von einem stämmigen Mann in einem schlecht sitzenden Anzug begleitet wurde.

„Scott, Daley, in mein Büro!“, befahl Burns.

Burns saß bereits hinter seinem Schreibtisch und steckte sich eine Zigarette an, als die beiden jungen Beamten anklopften und eintraten. Der untersetzte Mann stellte sich als Inspector Ward vom Dezernat für Schwerverbrechen vor. Er blinzelte Scott und Daley durch dicke Brillengläser an.

„Anscheinend sind Sie Inspector Ward auf die Zehen getreten“, meinte Burns unheilverkündend.

Ohne ihnen Zeit zu einer Erwiderung zu lassen, ergriff Ward das Wort: „Die Cool Winds Sauna, Jungs. Was sollte das?“

Während Scott sich durch einen halbwegs zutreffenden Bericht ihrer Vernehmung von Jat Suleiman haspelte, musterte Ward ihn von Kopf bis Fuß.

„Tja, dank euch beiden Hübschen haben sie den Laden geschlossen und die Fliege gemacht. Wir überwachen den Laden schon seit Monaten. Teil einer laufenden Ermittlung, unter anderem wegen Geldwäsche. Nach eurer Razzia gab es zwei Anfragen, ein Autokennzeichen zu identifizieren – A5761 WHT –, die letzte davon erst ganz kürzlich, autorisiert von einem gewissen Constable Daley.“

„Das bin ich, Sir“, antwortete Daley.

„Damit muss Schluss sein!“, rief Ward und hieb mit der Faust auf den Tisch. „Wenn Sie meinen Fall kippen, können Sie ihre Karriere bei der Polizei vergessen. Verstanden?“

„Jetzt machen Sie mal einen Punkt“, konterte Detective Chief Inspector Burns und sprang auf. „Die Jungs haben auf meinen Befehl hin gehandelt. Wollen Sie etwa meine Karriere torpedieren?“

„Nein, Sir, selbstverständlich nicht. Aber unsere Ermittlung hat Vorrang.“

„Hat sie etwas mit Murchieston Transport zu tun?“, fragte Daley.

„Und wenn dem so wäre?“, röhrte Ward und wirbelte seinen Stuhl zu Daley herum.

Burns ging dazwischen. „Erzählen Sie mir von Murchieston.“

„Hören Sie, müssen wir das vor den beiden Jungs hier besprechen, Sir?“

Jungs! Diese Jungs, wie Sie sie nennen, sind Teil meines Teams in einer Morduntersuchung, Inspector. Nach meiner Auffassung geht das Ihren Ermittlungen vor. Spucken Sie es schon aus!“, schrie Burns. Sein Gesicht war vor Zorn rot angelaufen.

„Allan Murchieston war in letzter Zeit ungewöhnlich erfolgreich. Sein Geschäft ist von ein paar Lieferwagen zu einer ganzen Flotte von Lastwagen und einer Baufirma angewachsen. Wir glauben nicht, dass das alles mit rein legalen Mitteln machbar gewesen wäre!“

„Betreibt der Kerl im Nebenberuf einen Puff?“, fragte Scott.

„Er hat vielseitige Interessen. Aber mehr sage ich nicht.“ Ward wandte sich zu Burns. „Ich bin sicher, Sie begreifen, wie entscheidend Diskretion in diesem Fall ist, Sir“, meinte er knapp.

Nachdem Ward gegangen war, hörte Burns sich an, was Daley über das zu dem Kennzeichen gehörende Fahrzeug und den Mann zu sagen hatte, der bei Davy Fraser Anzeige erstattet hatte.

„Und was meinen Sie, Daley?“

Der junge Constable zögerte. „Ehrlich? Ich weiß nicht recht, Sir.“

„Hören Sie, Jim“, sagte Burns und beugte sich vor, „der größte Vorzug eines Cops ist ein scharfer Instinkt. Versuchen Sie niemals, ihn zu ignorieren – egal, wie lächerlich er Ihnen vorkommen mag. Damit fahren sie immer gut. Und nun frage ich Sie noch einmal: Was sagt Ihnen Ihr Instinkt?“

„Ich denke, Murchieston ist in die Sache verwickelt, Sir. Vor allem, da wir jetzt von seiner Verbindung zu Cool Winds wissen. Es kann kein Zufall sein, dass er heimlich Geschäfte mit dem Laden macht und das Nummernschild eines seiner Firmenwagen gleichzeitig in Greenes Adressbuch steht.“

„Ja, das klingt logisch, Daley. Aber mit derselben Begründung könnte man sagen, dass er nicht unbedingt der Killer sein muss. Wir müssen uns vorsehen. Ich will nicht auch noch von unseren eigenen Leuten torpediert werden. Sie und Brian nehmen sich Murchieston Transport vor und finden heraus, wer diesen Wagen fährt. Dann sehen wir weiter.“

10

„Du hast diesen Fahndungskram echt drauf, Jim“, sagte Scott, während sie die Büros der Kripo verließen. „Schon beeindruckend, Mann. Holen wir uns ’nen Wagen, fahren rauf nach Possil und nehmen Murchieston unter die Lupe.“

„Warte mal, Brian“, erwiderte Daley. „Ich will nur noch kurz mit dem ‚Sammler‘ sprechen.“

Er ging durch die uniformierte Abteilung des Reviers und klopfte an die Tür mit der Aufschrift „Constable C. Reid. Divisional Intelligence Officer“. Abweichend von seinem hochtrabenden Titel wurde der Mann, der die Akten über Verdächtige, verurteilte Straftäter und sonstige polizeibekannte Personen verwaltete, einfach der „Sammler“ genannt. Es war seine Aufgabe, Kriminellen auf der Spur zu bleiben, die im Umfeld des Reviers wohnten. Und Charlie Reid erfüllte seinen Job sehr gut.

„Hallo, mein Sohn, was kann ich für Sie tun?“, fragte er mit einladendem Lächeln. Er war ein untersetzter Mann Anfang fünfzig, der Ende der 1970er-Jahre bei einem Einsatz verwundet worden war und seitdem souverän den Innendienst als „Sammler“ versah.

„Was wissen Sie von Dandy?“, fragte Daley ihn.

„Die alte Schnapsnase?“

„Genau.“

„Treibt sich auf der Straße rum, seit ich hier Streife gegangen bin, muss also so um die achtzehn Jahre her sein. Keinen Schimmer, wie er es geschafft hat, so lange da draußen zu überleben.“

„Sie kennen diese Geschichten über ihn – die Gerüchte. Ist da was dran?“

„Ach so, Sie meinen, dass er mal ein Professor war oder so. Aye, davon hab ich gehört. Glaub nicht, dass es stimmt, aber irgendwas schwirrt mir da im Hinterkopf rum.“ Er strich sich über den kahlen Schädel. „Ich sag Ihnen was, lassen Sie mich noch das hier fertig machen. Geben Sie mir eine halbe Stunde, dann buddle ich alles aus, was wir über ihn haben, und sage Ihnen Bescheid.“

„Danke, Charlie. Ich bin im Außendienst. Sie erreichen mich über Funk.“

Murchieston Transport lag in einem schäbigen Industriegebiet im Stadtteil Possil, das bessere Tage gesehen hatte. Hinter einem Stacheldrahtzaun sah man eine Reihe niedriger Bürogebäude, die an eine geschäftige Werkstatthalle grenzten. Ein ganzes Team von Mechanikern arbeitete daran, Murchiestons Flotte von Lastwagen am Rollen zu halten. Ein in Ehren ergrauter Schäferhund bellte wild am Ende einer schweren Kette, als Scott und Daley aus dem zivilen Polizeifahrzeug stiegen und an die Tür mit der Aufschrift „Büro“ klopften.

Es summte, das Türschloss klickte, und Scott stieß die Tür auf. Eine junge blonde Frau mit üppigem Make-up saß an einem Schreibtisch und starrte stirnrunzelnd die Schreibmaschine an.

„Ja bitte?“, sagte sie, ohne den Blick zu heben.

„Freut mich auch, Sie kennenzulernen“, erwiderte Scott sarkastisch und zückte seine Dienstmarke. „Kripo Stewart Street. Wir wollen uns nach einem Ihrer Firmanwagen erkundigen.“

„Schon wieder?“, gab sie ungeduldig zurück. „Da war doch erst vor ein paar Minuten einer da. Geht es zufällig um A571 WHT?“

Daley und Scott wechselten einen Blick. „Aye, das ist die Nummer“, antwortete Scott. „Und wer war der andere Typ?“

„Der hatte angeblich gesehen, wie der Fahrer gestern beim Aussteigen Geld verloren hat. Zwanzig Mäuse. Ich sagte ihm, er könne es hier lassen, doch der Kerl wollte es unbedingt persönlich abgeben. Wahrscheinlich scharf auf ’ne Belohnung.“

„Und wer fährt das Auto?“, fragte Daley.

„Der Chef. Allan Murchieston.“

„Dann haben Sie dem Mann Murchiestons Adresse gegeben?“

„Aye, hab ich. Ich weiß, dass er reichlich Kohle hat, aber niemand kann es sich leisten, mit Zwanzigern um sich zu schmeißen, oder? Glauben Sie mir, wenn ich an die Löhne denke, die er zahlt, ist der Geiz groß.“

„Wie sah dieser Mann aus?“, hakte Daley nach.

„Keine Ahnung, so ein Typ halt. Schon älter, vielleicht in den Fünfzigern. Oder noch antiker. Kann man in dem Alter nicht mehr so genau sagen. Wen kümmert’s? Wenn Sie ’nen Moment Zeit haben, können sie selber einen Blick auf ihn werfen“, sagte sie und wies auf die kleine Kamera an der Wand hinter ihr.

Als sie aufstand, sah man, dass sie einen engen schwarzen Rock, schwarze Strumpfhosen und weiße Stöckelschuhe mit unglaublich hohen Absätzen trug.

„Der Blick wird immer besser“, bemerkte Scott leise, als sie sich über den Videorekorder beugte, der unter einem kleinen Fernsehgerät stand. Nachdem sie die Kassette zurückgespult hatte, drückte sie die Pausentaste und drehte sich zu den Polizisten um.

„Da ist er. Kein besonders hübscher Anblick – ganz anders als Sie, mein Großer“, sagte sie mit einem Augenzwinkern in Richtung Daley.

Sie betrachteten mit zusammengekniffenen Augen das Bild, dessen Qualität nicht an das Überwachungsvideo der Ölgesellschaft heranreichte.

„Darf ich kurz ans Gerät?“, fragte Scott.

„Sie dürfen an alles, was Sie möchten, Süßer“, erwiderte sie und schob sich näher an Daley heran. Er spürte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg.

Scott spielte das Video vor und zurück, bis die Züge des Mannes deutlicher erkennbar wurden. Daley erinnerte sich an Davy Frasers Beschreibung des altmodischen Anzugs, der kurzen grauen Haare, des zerfurchten Gesichts.

„Brian, das ist derselbe Kerl, der gestern Davy dazu brachte, das Kennzeichen zu überprüfen. Hundertprozentig“, sagte Daley. Er wollte gerade noch etwas hinzufügen, als er seinen Namen über Funk hörte.

„A-Alpha ruft ADC Daley. ADC Daley, bitte kommen. Over.“ Er meldete sich und vernahm: „Jim, könnten Sie bitte so bald wie möglich den ‚Sammler‘ anrufen? Over.“

Daley bat die Dame von der Rezeption, das Bürotelefon benutzen zu dürfen, und klingelte Charlie Reids Durchwahl an.

„Okay, mein Junge. Dandy. Wirklicher Name Kenneth Lister. Ehemaliger Soldat der Royal Marines. Es war tatsächlich etwas dran an seiner Geschichte. Er diente auf einem Zerstörer der Navy, als er erfuhr, dass seine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Sie hatten eine kleine Tochter. Sie saß mit im Wagen, kam aber mit leichten Verletzungen davon. Sieht so aus, als wär’s dann mit ihm bergab gegangen. Innerhalb eines Jahres wurde er entlassen, und das kleine Ding wuchs bei ihrer Tante mütterlicherseits auf.“

„Wie hieß das Mädchen?“, fragte Daley.

„Rebecca Lister“, antwortete Reid. Er verstummte kurz. „Nur hat sie ihren Namen geändert. Als Teenager steckte sie in jeder Menge Schwierigkeiten. Daher konnte ich sie aufspüren. Sie hat ihren zweiten Vornamen und den Familiennamen ihrer Tante benutzt: Tracey Greene.“

Daley starrte das eingefrorene Videobild auf dem kleinen Bildschirm an. Jedes Bild erzählte seine eigene Geschichte, und das von der Überwachungskamera in der Sauchiehall Street hatte gelogen. Es hatte keine Prostituierte gezeigt, die einem alten Obdachlosen Geld gab. Sie hatte ihrem Vater die Identität des Mannes mitgeteilt, der hinter ihr her war. Nur für alle Fälle.

„Brian, wir müssen zu Murchiestons Haus. Wo wohnt er?“, schrie er die Rezeptionistin an.

„Jetzt mal halblang, Hübscher. Er lebt draußen in der Pampa beim Mugdock Park. Hier …“ Sie kritzelte die Adresse hin und reichte sie Daley.

Er warf einen letzten Blick auf den Bildschirm. Das Haar des Mannes war kurz geschnitten, er war glatt rasiert, trug einen uralten Anzug und wirkte nüchtern. Aber ein Irrtum war ausgeschlossen. Es war Dandy. Tracey Greenes Vater.

Allan Murchieston lief zwei Stufen auf einmal nehmend von seinem Fitnessraum im Keller nach oben. Er hatte gerade sein tägliches Training beendet und wollte duschen und einen Kaffee trinken.

Zum Glück musste er sich nicht mehr so oft mit dem geschäftlichen Alltag befassen. Seine Handvoll vertrauenswürdiger Manager beherrschte die langweilige, ermüdende Leitung seiner Unternehmen viel besser, als er es gekonnt hätte. So behielt er die Übersicht, konnte einträgliche Gelegenheiten erkennen und sich seinen privaten Vorlieben widmen.

Er zog den Reißverschluss seines blauen Trainingsanzugs auf, ging zur Vordertür und las den kleinen Stapel Post vom Fußabstreifer auf. Er überflog diverse Rechnungen, den Brief einer alten Tante und die Einladung zu einer Geschäftsinitiative unter Federführung des Gemeinderats. Nichts von Interesse.

Er lief weiter ins Wohnzimmer und genoss den Blick durch das große Fenster. Die Strahlen der Frühlingssonne sprenkelten den üppigen Garten mit Lichtflecken, und die Hügel in der Ferne nahmen nach dem kalten, schneereichen Winter langsam eine gesunde grüne Farbe an. In diesem Tal lagen nur wenige, aber exklusive Anwesen verstreut.

Gedankenverloren registrierte er eine Bewegung in der Auffahrt und wandte den Kopf. Tatsächlich, ein heruntergekommen wirkender Mann in einem schlecht sitzenden Anzug kam auf das Haus zugeschlurft. Da er ziemlich abseits wohnte, erhielt Murchieston selten ungebetenen Vertreterbesuch. Dieses Individuum jedoch war genau der Typ, der es darauf anlegte, einem doppelt verglaste Fenster, Gartenzäune oder neues Pflaster anzudrehen. Vermutlich lag der Eindruck an dem müden und doch entschlossenen Schritt.

Er war nicht in der Stimmung, sich mit diesem Jammerlappen abzugeben, daher kehrte er zurück zur Vordertür, riss sie auf und starrte finster die lange Auffahrt entlang. Von dem Mann im schlecht sitzenden Anzug war keine Spur mehr zu sehen.

Er ging ein paar Stufen hinunter in Richtung Garten, konnte aber immer noch niemanden sehen.

Er wollte gerade kehrtmachen, als ihn ein harter Schlag von hinten traf. Er krümmte sich zusammen, und Schmerz durchschoss seine Nieren. Er versuchte, keuchend wieder zu Atem zu kommen, als ihn schon ein weiterer Schlag erwischte, diesmal am Kopf, und ihn in eine qualvolle Dunkelheit hineinwirbelte.

„Nur Mut, Jimmy“, sagte Scott, als sie die breiten Straßen der Stadt hinter sich gelassen hatten und über die kurvenreichen kleinen Landstraßen nördlich von Glasgow donnerten. Der Motor des Vauxhall Cavalier heulte protestierend auf, als Scott das Gaspedal durchtrat, um einen dahinrumpelnden Van zu überholen, für Daleys Geschmack an einer viel zu unübersichtlichen Stelle.

„Bei wem hast du eigentlich fahren gelernt, Brian? Evel Knievel?“

„Och, wir haben als Jungs viel mit Autos rumgemacht, Jimmy“, erwiderte er und driftete um die nächste Kurve. „Das Baby hier hat beinahe achtzig PS, da sind wir in Null Komma nix da.“

„Wir müssen nach einem Schild Richtung Red Knowe Ausschau halten. Das Mädchen im Büro hat gesagt, das Haus sei ein ganzes Stück von der Straße zurückgesetzt.“

„Keine Sorge, wir sind noch nicht mal in der Nähe“, sagte Scott. Er drückte auf die Hupe und verfluchte wortreich den Fahrer eines Traktors mit Anhänger, der sie fast zum Stehen gebracht hatte. „Schreib dir die Nummer von dem Mistkerl auf, Jim. Ich verpass ihm auf dem Rückweg einen Strafzettel. Die Wichser denken, die Straße gehört ihnen!“

Nach ein paar weiteren Kilometern halsbrecherischer Fahrt, häufiger Flüche von Scott und noch häufigerer Stoßgebete von Daley, tauchte hinter den Bäumen am Straßenrand ein großes Backsteingebäude am Ende einer langen Auffahrt auf.

„Jede Wette, dass das Red Knowe ist“, sagte Daley erleichtert, weil sie ihr Ziel erreicht hatten, ohne ihr Leben in einem zerfetzten Autowrack zu lassen.

„Du hast wahrscheinlich recht, Jim. Mal sehen, wo das Schild ist“, erwiderte Scott. Er wirkte beinahe enttäuscht, dass der Höllenritt zu Murchiestons Anwesen ein Ende hatte.

Tatsächlich stand an der Einmündung ein Holzschild mit dem Namen des Hauses. In einem letzten gewagten Fahrmanöver jagte Scott auf das Gebäude zu. Die durchdrehenden Räder wirbelten Steinchen in die Luft. Hinter einem roten XJS mit dem Kennzeichen A571 WHT kamen sie schlitternd zum Stehen.

Daley war als Erster aus dem Wagen – froh, noch in einem Stück zu sein. Er sprang die Eingangsstufen hinauf zu einer massiven Eichentür. Sie stand offen.

„Ich wette, dein Dandy ist schon hier“, stieß Scott unterdrückt hervor.

Sie traten vorsichtig ein. Rechts von ihnen lag ein weitläufiges Wohnzimmer mit Panoramafenstern. Links sahen sie ein Esszimmer mit angeschlossener Küche, Granitarbeitsplatten und teuren Geräten. Eine Treppe schwang sich empor zu den oberen beiden Geschossen, während darunter eine kleinere Wendeltreppe vermutlich in den Keller ging.

Die Polizeibeamten standen ein paar Sekunden lang lauschend da, hörten jedoch nichts.

„Sieh dich mal im Keller um, Großer“, sagte Scott. „Ich nehme mir die oberen Etagen vor. Alles wirkt ruhig. Gib Laut, wenn du etwas findest.“

Daley schlich sich leise hinunter in den Keller. Er gelangte in einen schwach beleuchteten Flur mit zwei holzgetäfelten Türen. Vorsichtig öffnete er die erste. Sie führte in ein großes Badezimmer mit geräumiger Dusche, WC und einer Holzkabine, an der eine Messingplakette mit der Aufschrift „Dampfbad“ hing.

Lautlos schloss er die Tür wieder und überlegte. Er wandte sich gerade der zweiten Tür zu, als dahinter wiederholte gedämpfte Schläge ertönten. Er streckte die Hand nach dem Messingtürgriff aus und öffnete behutsam.

Er sah ein komplett ausgestattetes Fitnessstudio. Am anderen Ende baumelte ein nicht mehr ganz junger Mann an einem Seil, das um seinen Hals lag und oben an einer Kraftstation verknotet war. Er trat stumm um sich. Sein Gesicht war dunkelviolett angelaufen, und das Geräusch kam von seinen Füßen, die gegen das Gerät schlugen.

„Brian, schnell! Er ist hier!“, schrie Daley aus voller Kehle. Er hoffte, sein Kollege würde ihn oben hören können. Er rannte zu dem Mann, den er für Murchieston hielt, hob ihn an den Beinen in die Höhe und entlastete damit das Seil um seinen Hals. Sobald Daley sein Gewicht auffing, begann Murchieston zu keuchen. Ein jaulender Laut drang aus seiner Kehle, während er sich verzweifelt bemühte, die Lunge mit Luft zu füllen. Aber der Strick hatte sich zu eng um seinen Hals geschlossen. Er zerrte mit beiden Händen daran, ohne dass es ihm gelang, ihn zu lockern. Das Röcheln ertönte immer leiser und seltener, als würde das Leben nach und nach aus ihm entweichen.

Daley hielt Murchieston mit einem Arm in die Höhe und versuchte, mit der anderen Hand die Schlinge zu lösen, bekam jedoch das Seil nicht richtig zu fassen.

„Brian, zum Henker noch mal, komm hier runter!“, brüllte er.

Er war erleichtert, als hinter ihm Schritte laut wurden. Doch dann schob sich eine Gestalt in sein Blickfeld, und er erkannte, dass es nicht sein Kollege war.

Der Mann trug einen zweireihigen Nadelstreifenanzug mit überbreiten Aufschlägen. Seine Haare waren kurz geschnitten, und er war glattrasiert. Das Einzige, was ihn noch mit dem Mann verband, den Daley vor ein paar Tagen aus dem Müllcontainer geborgen hatte, war sein grimmiges Grinsen: schwarze, gelbe, faulige Zähne.

„Loslassen!“, schrie der Eindringling mit kehliger, heiserer Stimme. Er hielt einen Kugelkopfhammer in der linken Hand. „Loslassen, junger Mann!“, wiederholte er und zückte das Werkzeug.

„Brian!“, rief Daley verzweifelt, als Dandy den Hammer mit schmerzhafter Wucht auf seine linke Schulter herabsausen ließ. Er heulte gequält auf und versuchte, Murchieston weiter hochzuhalten, spürte jedoch, wie ihm die Kräfte schwanden. „So muss es nicht enden, Kenneth!“, stieß er hervor. Wie durch ein Wunder erinnerte er sich an Dandys wahren Namen und hoffte, er würde ihn irgendwie aus seiner mörderischen Wut herausreißen. „Dieser Mann gehört vor Gericht gestellt, nicht nur wegen Ihrer Tochter, sondern auch wegen der anderen, die er missbraucht und ermordet hat.“

Eine Sekunde lang starrte Dandy ihn mit offenem Mund an.

„Ich weiß, dass Tracey Greene Ihre Tochter war. Was passiert ist, tut mir leid,“ krächzte Daley, während das leise Jaulen von Murchiestons mühsamen Atemzügen immer schwächer wurde. „Dieser Mann sollte im Gefängnis schmoren, nicht Sie! So helfen Sie ihm nur, damit davonzukommen.“

Einen Augenblick lang dachte Daley schon, er wäre zu ihm durchgedrungen, denn Dandy ließ den Hammer fallen und zögerte.

Er hatte sich getäuscht.

Der Mann warf sich auf ihn, packte den jungen Polizisten mit einem schraubstockartigen Griff am Hals und begann, ihn zu würgen.

Daley fühlte, wie ihm Murchiestons Beine entglitten und er das Bewusstsein zu verlieren begann. Der Raum drehte sich um ihn, und er sah Lichtblitze vor den Augen. Jetzt rang er selbst schwer nach Luft.

Gerade als ihm schwarz vor Augen wurde, spürte er, wie ein Ruck durch Dandys Körper ging und seine Finger um Daleys Kehle sich lockerten. Beinahe automatisch und immer noch gegen die Ohnmacht ankämpfend, hievte er Murchieston wieder in die Höhe, um den Strick zu entlasten, der ihn zu erwürgen drohte.

„Aye, hab dich“, sagte Brian Scott, während er Dandy den Arm auf den Rücken bog, sein Gesicht in den Teppichboden presste und ihm Handschellen anlegte. „Halt durch, Jimmy“, sagte er, zog etwas aus der Tasche und kletterte in das Gestänge der Fitnessmaschine.

Ein paar Sekunden später, fiel Murchieston wie ein Klotz gegen Daley. Er ging unter der Last zu Boden und sah, wie Scott das Seil mit einem Messer mit langer Klinge bearbeitete. Endlich zog er dem Opfer den Strick von der Kehle, und sobald die Blockade entfernt war, holte der Mann tief und keuchend Luft.

Daley rappelte sich hoch, während Murchieston auf Händen und Knien am Boden zurückblieb. Als er die verletzte Schulter zu bewegen versuchte, schrie er vor Schmerz auf.

„Nicht übel“, meinte Scott. Er musste die Stimme erheben, um Murchiestons heftiges Atemholen und Dandys Flüche zu übertönen. „Sieht aus, als hättest du ganz schön was abgekriegt. Och, aber das wird wieder. Kannst stolz auf dich sein, Jimmyboy.“

„Wo hast du das Messer her?“, fragte Daley mit schmerzverzerrtem Gesicht.

„Och, ewig vergess ich den blöden Schlagstock. Ich bin aus dem East End, Jimmy – hab mir das Ding aus der Küche geschnappt, als ich dich rufen hörte. Der Boss würde sagen, das liegt einem eben im Blut.“

In der Ferne vernahm Daley Polizeisirenen. Die Kavallerie war unterwegs.

11

„Soso, du hast dir also die Schulter verletzt, als du im Büro die Treppe runtergefallen bist?“, fragte Liz. Sie starrte den Mann an, der ihr mit einem Arm in der Schlinge in der schicken Weinbar in Paisleys New Street gegenübersaß.

„Ja, im Prinzip schon … doch“, murmelte Daley.

„Ach, das passiert Beamten dauernd. Muss wohl Berufsrisiko sein.“

In ihren Augen funkelte der Spott, und Daley wusste, dass sie ihm nicht glaubte. Er suchte hektisch nach dem besten – dem einfachsten – Weg, ihr zu sagen, was sein wahrer Beruf war.

„Aber über eines bin ich sehr froh“, sagte sie mit strahlendem Lächeln.

„Ach, und was ist das?“

„Dass du kein Polizist bist. Mein Vater hasst die Polizei. Er würde mich glatt enterben, wenn ich mich mit einem Gesetzeshüter einließe. Absolut tabu, mein Lieber.“

„Aha“, meinte Daley. Nun saß er richtig in der Klemme. Er blickte um sich und hoffte auf eine Eingebung.

„Du bist komisch, Jim Daley. Du bist komisch und hinreißend und ich glaube, ich mag dich sehr.“

„Danke“, erwiderte Daley, und seine Miene heiterte sich auf.

„Aber egal. Wann bist du die Schlinge los und kannst wieder Streife gehen?“

„Ach, in ein paar Wochen ist alles wieder in Ordnung, nur ob ich dann noch Streife …“ Er biss sich auf die Lippen, als er merkte, was er gesagt hatte.

„Reingelegt!“, rief sie mit einem Lächeln. „Die Sünden der Vergangenheit holen jeden ein, sagt meine Mutter immer.“

„Meine auch“, antwortete Daley belämmert. „Wenn du jetzt gehen willst, verstehe ich das. Ich wollte dich nicht anlügen. Brian sagte, dass Mädchen wie du die Polizei hassen.“

„Mädchen wie ich?“, fragte sie in gespielter Entrüstung. „Was meinst du denn damit?“

„Na ja, du weißt schon … wohlerzogene Mädchen.“

„Du meinst verwöhnte Tussis, nicht wahr, Jim?“

„Also, du weißt schon …“

Sie beugte sich vor und nahm seine Hand. „Tu dir einen Gefallen und hör nicht mehr auf Brian Scott. Er ist ein netter Kerl, aber ich glaube nicht, dass du seinem Beispiel folgen solltest.“

„Wie hast du herausgefunden, dass ich Polizist bin?“

„Du meinst, abgesehen von den kurzen Haaren und der militärischen Haltung?“

„Ja, irgendwie schon.“

„Brian Scott hat meiner Freundin erzählt, dass er Inspector ist und du sein Sergeant bist.“

„Echt? Dieser Dreck… so ein Schwein …“, berichtigte er sich rasch.

„Ich habe allerdings keine Witze gemacht, was meinen Vater angeht.“

„Nein?“

„Aber wen kümmert’s, was er denkt? Der Alte ist ein Dinosaurier. Es gibt keinen Mann auf Erden, der ihm für seine hübsche Tochter gut genug ist. In der Hinsicht musst du dich auf schwere Zeiten gefasst machen.“

„Du meinst, du willst mich wiedersehen?“

„Ach, ich möchte noch viel mehr von dir sehen, Jim Daley.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Du bist doch kein Linkshänder, oder?“

„Nein, Rechtshänder. Warum?“

„Wie schade. Wenn du Linkshänder wärst und den Arm so lange nicht benutzen konntest, müsste inzwischen alles ziemlich steif sein.“

„Was?“ Daleys Kehle wurde trocken. Er konnte den eigenen Herzschlag in den Ohren hören. Wurde ihm etwa gerade ein wenig schwindelig? „Meine Wohnung ist nicht weit entfernt, Liz“, meinte er hoffnungsvoll.

„Wie schön für dich.“ Liz zwinkerte ihm zu, und ein strahlendes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Aber lass uns erst noch ein Glas Wein trinken, ja? Eines nach dem anderen, Jimmyboy.“

HarperCollins®

hc_ya

Copyright © 2017 by HarperCollins
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der englischen Originalausgabe:
Whisky From Small Glasses
Copyright © 2015 Denzil Meyrick
Erschienen bei: Polygon, An Imprint of Birlinn Limited

Published by arrangement with Birlinn Ltd., Edinburgh

Covergestaltung: bürosüd, München
Coverabbildung: David Henderson / Getty Images,
Artwork: www.buerosued.de
Redaktion: Thorben Buttke

ISBN E-Book 9783959676649

www.harpercollins.de

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

Für Fiona, Rachel und Sian

PROLOG

Blitzende Lichter tanzten vor ihren Augen. Ihre Glieder erschlafften allmählich, als besäßen sie einen eigenen Willen. Der Schmerz war nur noch dumpf zu spüren, und die Panik verebbte. Sie wusste, dass ihre Gedärme sich entleert hatten. Inzwischen war es ihr egal. Ihre letzten Emotionen bestanden aus einer verblassenden Mischung aus Zorn über die Ungerechtigkeit und einer überwältigenden Traurigkeit, an deren Ursache sie sich nicht mehr richtig erinnern konnte.

Ihr ganzes Ich, alles, was sie je gewesen war, sickerte langsam aus ihr heraus: ihre Liebe, ihre Sehnsüchte, ihre Vorlieben und Abneigungen. Die Dinge, die sie wütend machten, die sie deprimierten, zum Lachen oder zum Weinen brachten, schrumpften dahin. Ihre allerletzten Augenblicke versanken in einem immer dunkler werdenden Abgrund – in der unwirklichen Distanziertheit eines Verstandes, der sich den Weg ins Vergessen zu erleichtern versuchte.

Plötzlich, während das Licht nachzulassen begann, erfüllte das Gesicht eines kleinen, blonden und blauäugigen Kindes ihre Gedanken. Nur für einen kurzen Moment flammte die furchtbare, erstickende Pein noch einmal auf, dieses Ringen nach Atem, der Kampf darum, am Leben zu bleiben und zurückzukehren.

ERSTER TEIL

1

Die Leiche bewegte sich im selben Rhythmus wie der Seetang und das Treibgut, die sich in der Biegung der niedrigen felsigen Bucht wiegten. Da trieben Styroporbecher, ein Fischerhandschuh mit drei fehlenden Fingern und eine Getränkeflasche, deren Etikett von Meer und Sonne so ausgebleicht war, dass man den ehemaligen Inhalt nur erahnen konnte. In den orangefarbenen Fetzen eines Plastiknetzes, das immer noch seinen ursprünglichen Zweck erfüllte, hatte sich eine kleine Krabbe verheddert und hob und senkte sich im Einklang mit der Leiche.

Es handelte sich um den nackten Körper einer Frau, die mit dem Gesicht nach unten im Wasser lag, die Gliedmaßen zu einem trägen „X“ ausgebreitet. Ihre Haut erschien wächsern – eine schauerliche Mischung aus Gelb und Grau, die an den Füßen, den Händen und im Genick in Schwarz überging. Ihre sterblichen Überreste waren nach der Zeit, die sie im Meer verbracht hatten, entsprechend aufgetrieben. Einzelne Bereiche am unteren Rücken und an den Oberschenkeln sahen angenagt aus, höchstwahrscheinlich von Krabben, was darauf hindeutete, dass die Leiche zumindest eine Weile weiter draußen getrieben war.

Auffallend und beinahe unheimlich wirkten die beiden knallroten Bänder, mit denen die Haare zu zwei Zöpfen an den Seiten zusammengebunden waren. Die Frisur erinnerte an glückliche Kindertage und stand in krassem Gegensatz zu der verwesenden Leiche, deren Gestank die salzige Meeresluft des lauen Frühlingstages verpestete.

Detective Constable Archie Fraser hatte zwar sechs Jahre in Uniform hinter sich, war bei der Kriminalpolizei aber noch ein Neuling. So neu, dass er nur hoffen konnte, die Szene am Strand mit angemessener professioneller Distanz zu betrachten. Eine junge weibliche Police Constable von der uniformierten Polizei sah mit jener Mischung aus Entsetzen und Faszination zu, die dem Menschen angesichts eines Todesfalls eigen ist, vor allem bei der grausigeren Variante. Ebenso erging es der kreidebleichen Spaziergängerin mit ihrem Hund, die die Polizei gerufen hatte. Ihr großer schwarzer Labrador schnüffelte herum und scharrte unbeeindruckt von der Leiche im Sand.

„Könnten Sie Ihren Hund bitte anleinen, Mrs. MacPherson?“ Fraser sprach mit einer Selbstsicherheit, die er nicht fühlte. Es war durchaus zu befürchten, dass der Hund den ungewöhnlichen Geruch aufschnappte und ins Wasser sprang, um seine Quelle zu untersuchen.

Fraser hatte es in Kinloch von Anfang an nicht leicht gehabt. Erst vergangenen Monat hatte sich sein oberster Vorgesetzter – ein gewisser Inspector MacLeod, der Leiter der Dienststelle – bemüßigt gesehen, ihm einen strengen Verweis zu erteilen. Er hatte eine junge Ladendiebin mit Handschellen an einen sehr heißen Heizkörper gefesselt vorgefunden, während Fraser, der Beamte, der sie festgenommen hatte, einem dringenden Ruf der Natur folgte.

„Jetzt reißen Sie sich mal zusammen, Junge, reißen Sie sich zusammen!“, hatte MacLeod mit seinem unverkennbaren Highland-Akzent gebrüllt. „Das Letzte, was ich hier brauchen kann, ist die Dienstaufsicht, bloß weil Sie so ein bescheuertes Weibsbild halb durchgebraten haben. Sie haben verdammtes Glück, dass sie sogar zu blöde war, um Anzeige zu erstatten.“

Fraser war aufgefallen, dass sein Chef ihn wie einen Fremden behandelte. Sicher, Touristen verwechselten ihn oft mit einem Deutschen oder Skandinavier, wobei er doch tatsächlich von der Isle of Harris stammte. Er hatte sich eine lange Strafpredigt anhören müssen und beschlossen, sich in jeder Hinsicht zu bessern und viel seltener ins Restaurant „Taste of India“ zu gehen.

Autor

Entdecken Sie weitere Romane aus unseren Miniserien

Dci Jim Daley