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Der Für-immer-Mann

Quinn glaubt nicht, dass es die richtige Frau für ihn gibt.

Doch bei einem Wettkampf begegnet er der Selbstverteidigungsexpertin D.J., die ihn buchstäblich aus den Socken haut. Zwischen ihnen sprühen vom ersten Augenblick an die Funken. Da passt es sehr gut, dass D.J. ihn als Ausbilder haben möchte. So kann er ihr körperlich umso näher kommen. Nachteil: Emotional beißt er bei D.J. auf Granit. Doch so leicht lässt sich ein Special-Forces- Mann nicht von seinem Ziel abbringen …

"In Der Für-immer-Mann zeigt Susan Mallery auf wundervolle Weise, wie machtlos man gegen die Liebe ist - egal, wie sehr man sein Herz schützen möchte."

Romantic Times Book Reviews


  • Erscheinungstag: 07.11.2016
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499524
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Mallery

Der Für-immer-Mann

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Maike Müller

 

 

 

MIRA® TASCHENBUCH

 

 

MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Quinn’s Woman
Copyright © 2003 by Susan Macias Redmond
erschienen bei: Harlequin Books, Toronto

Published by arrangement with
Harlequin Enterprises II B.V./S.ár.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln
Umschlaggestaltung: büropecher, Köln
Redaktion: Mareike Müller
Titelabbildung: cluckva, Jasmin Awad / Shutterstock;
cocoo, denira, daffodilred / Dollarphotoclub

ISBN eBook 978-3-95649-952-4

www.mira-taschenbuch.de
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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. Kapitel

„Bringen Sie ihn lebend zurück, okay?“, sagte Sheriff Travis Haynes und nickte dabei dem schmal gebauten Private zu, der neben dem provisorischen Podium wartete.

„Klar bring ich ihn lebend zurück“, erwiderte D. J. Monroe und nahm sich eins der Gewehre, die auf dem Tisch lagen. „Aber in welchem Zustand kann keiner wissen …“

Der schmalschultrige Private wurde blass, während die anderen Männer leise lachten und D. J. ihm die Waffe zuwarf. Sie schnappte sich ein weiteres Gewehr für sich selbst und machte sich ohne einen weiteren Kommentar auf den Weg. Sie wusste, dass der junge Mann, der in den nächsten vierzehn Stunden ihr Partner war, schnell merken würde, dass er aufpassen musste, um mithalten zu können.

Und tatsächlich hörte sie nach etwa dreißig Sekunden seine schnellen Schritte auf dem feuchten Boden.

„Wie heißt du?“, fragte sie, nachdem er sie eingeholt hatte.

„Private Ronnie West, Ma’am.“

Kurz musterte sie ihn. Er war groß – mit ungefähr eins neunzig um einiges größer als sie mit ihren eins fünfundsiebzig –, dünn und hatte kaum Bartwuchs. Sein Haarschopf war leuchtend rot.

„Bist du schon achtzehn, Ronnie?“

„Ja, Ma’am. Seit fast vier Monaten.“

„Ist es in Ordnung für dich, mit einer Frau in einem Team zu sein?“

„Auf jeden Fall, Ma’am.“ Er riss seine blassblauen Augen weit auf, während er sie anschaute. „Ich fühle mich geehrt. Mein Sergeant meinte, dass Sie zu den Besten gehören und dass ich verdammt froh sein könnte, dass ich Ihnen bei der Arbeit zusehen darf.“ Er zog den Kopf ein und errötete. „Verzeihung, dass ich geflucht habe, Ma’am.“

Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Die jährlichen Planspiele, ein Wettkampf zwischen der Polizei, der Feuerwehr und den Rettungssanitätern von Glenwood, Kalifornien und dem ansässigen Militärstützpunkt, boten allen Betroffenen eine Gelegenheit zu üben, zu lernen und Spaß zu haben. Am Morgen hatten Hindernisläufe, Scharfschießen und taktische Planung auf dem Programm gestanden. Das alles hatte D. J. nicht interessiert, aber sie freute sich auf die Phase der Spiele, bei der es um Aufspüren und Gefangennahme ging.

Bis zum nächsten Morgen sechs Uhr sollten sie und ihr Partner bis zu fünf feindliche Gefangene herschaffen. Das waren noch ungefähr vierzehn Stunden. In den beiden letzten Jahren hatte sie diesen Teil gewonnen, und sie war stolz darauf. Die anderen Teilnehmer hatten nicht verstanden, warum sie immer solches Glück hatte, und neideten ihr den Erfolg. Vor allem weil sie sich immer einen relativ neuen Rekruten als Partner aussuchte.

„Ronnie, lass uns ein paar Grundregeln festlegen“, meinte sie. „Du kannst so viel fluchen, wie du willst, das kann mich überhaupt nicht schocken.“ Sie lächelte ihn an. „Einverstanden?“

„Ja, Ma’am.“

„Gut. Bei dieser Mission habe ich das Sagen. Du bist hier, um was zu lernen und um Befehle auszuführen. Wenn du mir in die Quere kommst, schneide ich dir ein Ohr ab. Oder was anderes, was noch mehr wehtut. Verstanden?“

Er schluckte und nickte dann.

„Zum Schluss das Wichtigste: Du bist gut fünfzehn Zentimeter größer als ich und wiegst ungefähr zwanzig Kilo mehr. Hast du irgendeinen Zweifel daran, dass ich dich hier und jetzt überwältigen könnte?“

Er musterte ihre Armeestiefel, die Hose und das Hemd in Tarnfarben, ihren ganzen Körper bis zu ihrem Gesicht. Schließlich nahm er Haltung an. „Nein, Ma’am“, antwortete er.

„Dann wäre das ja geklärt.“

Sie verschwand in dem Zelt, das ihrem Team als Hauptquartier diente, um ihren Rucksack zu holen. Ronnie hatte seine Ausrüstung bereits bei sich. Als sie wieder in den diesigen Nachmittag hinaustrat, zog sie ein Messer aus dem Rucksack und steckte es sich in den Stiefel.

„Überprüf deine Schusswaffen“, befahl sie.

Ronnie zog die Augenbrauen hoch. „Sie sind nicht geladen.“

„Überprüf sie trotzdem. Immer überprüfen.“

„Ja, Ma’am.“

Er gehorchte und vergewisserte sich, dass sowohl seine Handfeuerwaffe als auch sein Gewehr nicht geladen waren. Nachdem er fertig war, zog sie sich das Cap tiefer ins Gesicht und fragte sich, warum die Sonne eigentlich nicht schien. Zwar konnte man bei grauem Himmel und tief hängenden Wolken keine verräterischen Schatten entdecken, doch die kühle, klamme Witterung fiel ihr auf die Nerven. Es war immerhin Juli, könnte es da nicht ein bisschen wärmer sein?

Das nordkalifornische Wetter spielt ziemlich oft nicht mit, dachte sie, während sie in Richtung Wald aufbrachen. Ronnie marschierte hinter ihr und veranstaltete dabei so viel Lärm, dass man ihn kilometerweit hören konnte. Wenigstens war er keine Plaudertasche. Ihr Partner vom letzten Jahr hatte unaufhörlich geplappert, bis sie sich gezwungen sah, ihn von hinten zu packen und ihm damit zu drohen, ihm die Kehle aufzuschlitzen.

Zwei Stunden später befanden sie sich tief in „feindlichem“ Gebiet. Um zu verhindern, dass Ronnie ihre Position verriet, verlangsamte sie das Tempo. Inzwischen war ihr T-Shirt feucht und klebte auf ihrer Haut, was sie überhaupt nicht mochte. Von ihrem Hut tropfte Wasser. Das hier war einer dieser Tage, die man am besten mit einem guten Buch auf dem Sofa verbrachte und nicht damit, in abgelegenen Wäldern nach irgendwelchen Angebern zu suchen, die immer alles besser wussten. Trotzdem – die Planspiele halfen ihr dabei, hart zu bleiben. Denn in ihrem Leben ging es einzig darum, stärker zu sein als andere. Das Buch musste warten.

Sie spürte die Bewegung weiter oben mehr, als dass sie sie hörte. Sie blieb stehen, Ronnie ebenfalls. Nachdem sie ihm leise ihren Rucksack gereicht und ihm befohlen hatte zu warten, schlich sie um eine Baumgruppe herum, sodass sie auf der anderen Seite wieder auftauchte.

Auf einem Baumstamm saß ein Mann und studierte eine Landkarte. Sie erkannte ihn als den Rettungssanitäter Fern Hill. Er war Mitte dreißig, ganz gut in Form, allerdings keine große Herausforderung. Doch sie musste nehmen, was sie kriegen konnte.

Sie trat absichtlich auf einen heruntergefallenen Ast, sodass er durchbrach, und zog sich blitzschnell in den Schatten eines dicken Baumes zurück. Der Mann sprang auf und drehte sich in die Richtung um, aus der das Geräusch gekommen war. Sein Rucksack lag auf dem Boden, genau wie sein Gewehr. Allerdings trug er seine Handfeuerwaffe, doch sie bezweifelte, dass er damit umzugehen wusste.

Während der Mann auf die Stelle zuschritt, an der sie auf den Ast getreten war, umkreiste sie ihn und näherte sich ihm dann von hinten. Als sie keine dreißig Zentimeter mehr von ihm entfernt war, packte sie seinen Arm, drehte ihn herum und ließ ihr Bein nach vorne schnellen, um ihn zu Boden zu bringen. Er landete hart, und sie konnte hören, wie die Luft aus seiner Lunge wich.

Im nächsten Moment war sie auf ihm, warf seine Waffe ins Dickicht, drehte ihn um und band ihm die Hände auf dem Rücken zusammen. Sie war schon fast mit seinen Fußfesseln fertig, bevor er mit einem tiefen Luftzug endlich wieder einatmete.

„Du kannst jetzt rauskommen!“, rief sie.

Ronnie erschien mit ihrem Rucksack in der Hand. Mit offenem Mund starrte er auf den gefesselten Mann.

„Das war großartig“, sagte er. „Total schnell und geschmeidig. Er hat sie überhaupt nicht kommen gehört.“

Der Rettungssanitäter sah alles andere als erfreut aus. „Und jetzt?“, fragte er.

D. J. lächelte. „Jetzt entspannst du dich, während wir weiter nach Beute suchen. Ich werde Ronnies Zeit nicht damit verschwenden, mit nur einem Kerl zurück zum Hauptquartier zu ziehen.“

„Vergiss es. Ihr könnt mich nicht einfach hier liegen lassen. Es regnet. Der Boden ist nass.“

D. J. zuckte mit den Schultern. „Wir sind im Krieg.“

Als sie gut fünfhundert Meter entfernt waren, schrie er immer noch. Am liebsten hätte sie ihm den Mund zugeklebt, doch das hätte gegen die Spielregeln verstoßen.

Schade.

Eine Stunde später trafen sie auf drei Männer, die rauchend beisammenstanden. Sie redeten und lachten und machten sich offenbar keine Sorgen darüber, dass irgendwer sie gefangen nehmen könnte.

D. J. analysierte die Situation, ehe sie Ronnie ein Stück weiter wegzog, um sich mit ihm zu besprechen.

„Wenn du gewinnen willst, musst du alles riskieren“, flüsterte sie und setzte ihren Rucksack ab. „Den Feind fangen, während er schutz- und arglos ist. Ich werde warten, während du dich positionierst. Geh nach Osten und lauf in einem Kreis um sie herum. Wenn ich auf die Lichtung trete, wirst du dich direkt vor mir und hinter ihnen befinden. Wenn sie abgelenkt sind, näherst du dich ihnen von hinten.“

Ronnie nickte, doch sie sah den Zweifel in seinen Augen. Er wollte wissen, wie sie es schaffen wollte, drei Männer gleichzeitig abzulenken. Sie lächelte. Es war so einfach.

Rasch zog sie sich ihr langärmliges Shirt aus. Darunter trug sie ein olivfarbenes Top, allerdings keinen BH. Ronnie starrte sie überrascht an und errötete, als sie seinen Blick mit einem Stirnrunzeln quittierte.

Er trat einen Schritt zurück und stammelte eine Entschuldigung. Während er sich noch fragte, ob sie ihm jetzt ein Ohr abschneiden würde … oder etwas anderes … schob sie das Top bis knapp unter ihre Brüste hoch, zwirbelte den Stoff zu einem Knoten zusammen und klappte ihn nach innen. Der Stoff lag nun eng an ihren Brüsten an, und ihre Taille war entblößt. Als Nächstes lockerte sie die Kordel in dem Taillen-Tunnelzug ihrer Hose und rollte diese bis zu den Hüftknochen runter. Die Handfeuerwaffe steckte sie sich hinten in die Hose. Zum Schluss warf sie das Cap auf den Boden und löste ihren Zopf. Danach beugte sie sich nach vorne und verwuschelte ihre gewellten Haare, sodass ihre Frisur sexy wirkte. Sie richtete sich auf und warf den Kopf in den Nacken, wobei ihre braunen Haare nur so flogen.

Ronnie klappte die Kinnlade herunter. „Sie sehen umwerfend aus“, brachte er hervor. Danach atmete er hastig ein und sagte schnell hinterher: „Tut mir leid, Ma’am. Ich wollte nicht …“

Sie schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Schon gut. Nimm deine Position ein. Ich gebe dir zwei Minuten Vorsprung.“

Sie wartete die versprochene Zeit ab und lief dann auf die Männergruppe zu. Die drei standen immer noch herum, redeten und rauchten. Sie drückte die Brust nach vorne, schlenderte auf sie zu und versuchte, zugleich entspannt und verloren zu wirken.

„Ich habe total die Orientierung verloren“, sagte sie leise. „Könnte mir einer der Herren vielleicht helfen?“

Sie waren alle beim Militär – Offiziere und erfahrene Berufssoldaten, die auf alles vorbereitet waren, doch nicht auf eine spärlich bekleidete Frau mitten im Wald. Es war feucht und kalt, und so überraschte es sie nicht, dass die Blicke der Männer an ihrer Brust hängen blieben.

Der Älteste von ihnen trat auf sie zu. „Was ist denn das Problem, Ma’am?“

Sind das Idioten, dachte sie zufrieden. Ihre Gewehre lehnten an einem Baum, nur noch einen weiteren Schritt und die Waffen wären außer Reichweite.

D. J. ließ verführerisch eine Locke zwischen ihren Fingern hin und her gleiten. „Das ist so untypisch für mich“, meinte sie. „Was habe ich mir nur dabei gedacht? Ich weiß nicht mal mehr, zu welchem Team ich gehöre. Ich habe mich nur für die Spiele angemeldet, weil mein Freund mich darum gebeten hat, und dann hat der Mistkerl mich vor drei Tagen verlassen.“ Sie blinzelte, als müsste sie Tränen zurückhalten. „Mir ist kalt, ich bin müde und habe keine Ahnung, wo ich bin.“

Die Männer näherten sich ihr.

„Keine Bewegung! Hände hoch.“

Das musste sie Ronnie lassen: Seine Stimme klang überraschend kräftig, als er die Befehle gab. Die Männer drehten sich zu ihm um. Nachdem sie wieder sie anschauten, hielt sie ihre Handfeuerwaffe auf sie gerichtet.

Zwei der Offiziere fluchten, einer lachte. „Klasse Show“, sagte er.

„Vielen Dank.“

Innerhalb weniger Minuten waren alle drei gefesselt.

Man durfte maximal fünf Gegner fangen. Lieferte man vor Mitternacht bis zu vier Gefangene ab, gab es einen Bonus. Je eher man die „Feinde“ ins Camp zurückbrachte, desto größer der Bonus. D. J. hatte erwartet, dass sie und Ronnie mindestens bis neun oder zehn Uhr brauchen würden, ehe sie vier zusammenhatten, doch sie hatten Glück gehabt.

Nachdem die Männer gefesselt waren, rollte sie ihren Hosenbund wieder hoch und löste den Knoten in ihrem Top. Sowie sie ihre Ausrüstung eingesammelt hatte, streifte sie sich ihr Hemd über.

„Unseretwegen brauchst du dich nicht anzuziehen“, meinte einer der Offiziere grinsend. „Ein bisschen nackte Haut macht sich immer gut.“

„Sehr witzig“, erwiderte sie und wandte ihm den Rücken zu. Warum dachten Männer eigentlich immer, dass Frauen ihre Aufmerksamkeit wollten?

„Weißt du noch, wo der Typ vom Rettungsdienst ist?“, fragte sie Ronnie.

„Ja, Ma’am.“

„In Ordnung. Nimm die drei hier mit und sammle ihn unterwegs ein. Nachdem du sie im Hauptquartier abgeliefert hast, überzeugst du dich davon, dass sie uns unsere Bonuspunkte geben, und anschließend treffen wir uns wieder hier. Ich werde mich nicht weiter als sechshundert Meter von hier entfernen.“ Sie musste ein bisschen lachen, da ihr einfiel, wie laut er sich im Wald bewegte. „Ich bin mir sicher, dass ich dich hören werde.“

„Ja, Ma’am.“

D. J. beobachtete Ronnie dabei, wie er die Gefangenen abführte. Die Offiziere waren nur locker aneinandergefesselt. Die Spielregeln schrieben vor, dass sie auf dem Rückweg kooperieren mussten. Bis zu ihrer Festsetzung durften sie alles Mögliche anstellen, um zu entkommen, doch eben nur bis zum ersten Schritt zurück zum Camp. Dennoch hatte sie für den Fall der Fälle ihre Namen notiert.

Nachdem sie allein war, setzte D. J. sich auf einen gefällten Baumstamm und zog ihren Rucksack zu sich heran. Der Nebel lichtete sich allmählich. Endlich. Aber die Sonne würde bald untergehen, es würde also heute nicht mehr wärmer werden. Sie überlegte kurz, ob sie ein Feuer anzünden sollte, doch das würde ihre Position verraten, und das ging auf gar keinen Fall.

Wenn ihr niemand zu nahe kam, konnte sie genau hier auf Ronnie warten. Aber falls sie sich verstecken musste, hatte er nicht allzu gute Chancen, sie zu finden. Für den Weg zum Camp und zurück brauchte er ungefähr zwei Stunden, wenn es ihm gelang, auf dem Rückweg einen der Jeeps anzuhalten, die um den Wald herumfuhren. Sollte er es in der von ihr vorgesehenen Zeit nicht schaffen, würde sie allein losziehen, um einen weiteren Gefangenen zu machen, und bis Mitternacht ins Camp zurückkehren.

Als die ersten fünfundvierzig Minuten verstrichen waren, hörte D. J. etwas. Keine Schritte oder Bewegungen im Unterholz. Sie konnte das Geräusch nicht richtig einordnen, aber es bewirkte, dass sich die Härchen auf ihren Armen aufstellten und ihre Sinne sich schärften.

Da draußen war jemand.

Geräuschlos glitt sie vom Baumstamm in den schattigen Schutz eines Baumes. Nachdem sie ihren Rucksack unter ein paar Blättern versteckt hatte, vergewisserte sie sich, dass sie ihre Waffe bei sich hatte, ehe sie sich daranmachte herauszufinden, mit wem sie es zu tun hatte.

Sie lief zuerst nach Osten und dann nach Süden, damit sie hinter ihm herauskam. Dabei verließ sie sich voll und ganz auf ihren Instinkt. Obwohl sie immer noch nichts Eindeutiges hörte, wusste sie, dass da jemand war.

Sie konnte weder verbogene Zweige entdecken, die ihr eine Richtung wiesen, noch Fußspuren oder aufgeschreckte Vögel oder Eichhörnchen. Ein paarmal war sie fast sicher, dass sie sich dieses Beinahegeräusch nur eingebildet hatte, und begann, zu ihrem Rucksack zurückzulaufen. Dann aber durchfuhr sie ein Schauer, als hätte jemand mit den Fingernägeln über eine Tafel gekratzt, und sie war sich sicher, dass da draußen noch jemand war.

Sie brauchte dreißig Minuten für die Umrundung. Als sie nicht mehr weit von ihrem Ausgangspunkt entfernt ankam, musste sie angewidert feststellen, dass ihr Gegner gerade dabei war, ihren Rucksack aus dem Versteck zu zerren. Er war direkt darauf zumarschiert, als hätte er von Anfang an gewusst, dass er dort lag. Wie hatte er das gemacht?

D. J. verwarf die Frage. Als sie sich davon überzeugt hatte, dass der Mann ein violettes Armband trug und kein orangefarbenes wie sie, erkannte sie, dass er Freiwild war. Während er sich über ihre Sachen beugte und offensichtlich abgelenkt war, näherte sie sich für den Angriff.

Sie war keine dreißig Zentimeter mehr von ihm entfernt, als sie ihm den Lauf des Gewehrs in den Rücken drückte.

„Peng, Sie sind tot“, flüsterte sie. „Jetzt ganz langsam aufstehen.“

Der Mann schloss ruhig ihren Rucksack und hob die Hände in die Luft. „Ich habe Sie da draußen herumlärmen gehört. Was haben Sie getan? Mit ein paar Hasen Völkerball gespielt?“

Ihr gefiel weder die Frage noch der selbstgefällige Unterton in seiner Stimme. Zum einen wusste sie genau, dass sie leise gewesen war. Zum anderen war sie diejenige mit dem Gewehr in der Hand.

„Hände oben lassen“, befahl sie, während sie sich so weit von ihm entfernte, dass er ihr Gewehr nicht greifen konnte.

Wie er mit dem Rücken zu ihr dastand, versuchte sie, die Situation einzuschätzen. Der Mann war groß, etwa eins neunzig, und ziemlich muskulös. Seine gute Tarnung verriet ihr, dass er im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern kein Amateur war. Nichts an ihm kam ihr bekannt vor, was bedeutete, dass er vermutlich zum Militär gehörte. Zu den Spezialkräften? Hatten sie einen ihrer Männer in den Wettkampf geschickt?

Warum konnte sie seine Handfeuerwaffe nicht sehen? Sein Gewehr lag auf dem Boden neben seinem Rucksack, aber wo war seine Pistole?

„Wie lange wollen Sie noch so dastehen?“, fragte er im Plauderton. „Oder haben Sie vergessen, wie es weitergeht? Sie müssen mich auffordern, mich umzudrehen, und dann mustern wir uns von oben bis unten. Sobald Sie mir mit Ihrem Gewehr Angst eingejagt haben, fesseln Sie mich. Können Sie sich das merken, oder sollen wir es Schritt für Schritt tun?“

„Geht’s noch?“, fuhr sie ihn an. So ein arroganter Arsch – offensichtlich war er der Meinung, dass er leicht mit ihr fertigwerden konnte, nur weil sie eine Frau war. Am liebsten hätte sie ihm für seine herablassende Art in den Hintern getreten, aber sie würde auf keinen Fall einen Kampf beginnen, den sie möglicherweise nicht gewinnen konnte.

„Ich habe überhaupt kein Interesse daran, Sie zu mustern“, sagte sie. „Legen Sie die Hände auf Ihren Kopf und knien Sie sich hin.“

„Aber ich bin doch gerade erst aufgestanden“, protestierte er und klang dabei wie ein verzogenes Kind, das man aufgefordert hatte, sein Gemüse zu essen. „Warum überlegen Sie sich nicht zuerst, was Sie wollen, bevor Sie mich unnötig herumscheuchen?“

Sie knirschte mit den Zähnen. „Hören Sie mal, Sie …“

Er bewegte sich so schnell wie ein Gepard, der sich auf seine Beute stürzte, als er herumwirbelte und mit dem Fuß so kräftig gegen das Gewehr trat, dass sie die Waffe loslassen musste. Schmerz durchzuckte ihren Arm, das Gewehr landete krachend auf den Boden.

D. J. hatte kaum Zeit, die Situation zu erfassen, aber sie wusste, dass sie im Kampf mit dem verletzten Arm deutlich im Nachteil war. Doch es kam zu keinem Kampf. Ihr Gegner hatte wie aus dem Nichts seine Handfeuerwaffe gezogen und zielte damit auf ihren Kopf.

Von der ersten Sekunde ihrer Begegnung an hatte sie erkannt, dass er gut war. Inzwischen war ihr klar, dass er tödlich schnelle Reflexe hatte. Er war groß, hatte dunkle Augen, und sein Lächeln wollte gar nicht recht passen zu dem kalten Eisending in seiner Hand. Er war wirklich sehr gut. Das musste sie ihm lassen. Doch war er gut genug? Er hatte gegen das Gewehr getreten und nicht gegen ihren Arm. Hatte seine Mutter ihm beigebracht, dass man keine Mädchen schlug?

Getreu ihrer Philosophie, jede verfügbare Waffe einzusetzen, beschloss sie, es herauszufinden.

Sie achtete nicht auf die Pistole und zog ihren pochenden Arm zu sich heran. Mit der freien Hand hielt sie das Handgelenk fest und zwang sich, leise zu wimmern.

Gewinnen um jeden Preis, sagte sie sich im Stillen. Sie hasste nichts so sehr, wie Schwäche zu zeigen.

Zwar hielt der Mann die Waffe weiterhin fest in der Hand, aber er machte einen halben Schritt nach vorn. „Was ist? Ich habe das Gewehr getroffen und nicht Sie.“

Wütend funkelte sie ihn an. „Vielleicht haben Sie darauf gezielt, doch Sie haben nicht getroffen.“ Sie atmete scharf ein und biss sich auf die Unterlippe. „Ich glaube, mein Handgelenk ist gebrochen.“

Er runzelte die Stirn. „Ich habe Ihr Handgelenk gar nicht berührt.“

Erneut schaute sie ihn an. „Genau. Weil Sie mit diesen Stiefeln ja auch genau spüren, womit Sie in Kontakt kommen. Mein Fehler.“

In Gedanken drückte sie sich die Daumen, und als er nach unten auf seine Stiefel blickte, hätte sie vor Freude fast gejubelt. Eine Nanosekunde Unaufmerksamkeit war alles, was sie benötigte.

D. J. schlug mit ihrem Fuß aus und traf ihr Gegenüber in der Magengrube. Doch selbst als die gesamte Luft aus seiner Lunge entwich, griff er noch nach ihrem Bein. Sie hatte allerdings diese Reaktion vorausgeahnt und sich bereits weggedreht.

Die Pistole verschwand genauso schnell, wie sie aufgetaucht war. Der Luftmangel hatte ihn sicher geschwächt, doch er bewegte sich dennoch auf sie zu. D. J. bereitete sich auf seinen Angriff vor, aber der passierte dann so schnell, dass sie die Bewegung kaum sah. Und im nächsten Moment stürzte sie auch schon auf den nassen Boden.

Ein Teil ihres Gehirns versuchte zu verstehen, was genau er getan hatte, während der Rest begriff, dass er sich offenbar noch zurückgehalten hatte – denn sie verspürte keinerlei Schmerzen. Er hatte sie kräftig genug angegriffen, um sie zu Fall zu bringen, jedoch nicht so kräftig, als dass er ihr wehgetan hätte. Wie konnte er nur so viel Kontrolle haben?

Sie hätte sich gern darüber empört, dass er sie anders behandelt hatte, nur weil sie eine Frau war, aber sie war zu sehr damit beschäftigt, wieder auf die Füße zu kommen und herauszufinden, was er als Nächstes plante.

So schnell sie konnte, ordnete D. J. ihre Gedanken. Sie wusste, dass sie angreifen musste, statt darauf zu warten, besiegt zu werden. Also holte sie tief Luft, um sich zu sammeln und bewegte sich auf ihn zu. Als er mit dem Arm ausholte, duckte sie sich und drehte sich, doch statt ihm wie geplant gegen das Knie zu treten, rutschte sie auf den nassen Blättern aus. Irgendetwas blinkte, und sie streckte instinktiv die Hand aus. Sie kriegte seine Pistole zu fassen. Er schlug ihr mit der Hand auf den Unterarm, und die Waffe fiel herunter. Sie schaffte es, mit einem Fuß dagegenzutreten, sodass sie wieder in die Luft flog. Mit einer grazilen Pirouette fing sie sie auf und drehte sich langsam zu ihm um. Er duckte sich, sie rutschte abermals aus und fiel. Ihre rechte Hand schoss nach vorn, und sie traf ihn versehentlich mit der Waffe am Hinterkopf. Er plumpste wie ein Stein zu Boden.

Ihr erster Gedanke war, dass er tot war. Dann sah sie, dass sich sein Brustkorb regelmäßig hob und senkte. Ihr zweiter Gedanke war, dass sie ihn fesseln musste, solange er bewusstlos war, weil es ihr mit Sicherheit nicht gelingen würde, wenn er erst wieder wach war.

2. Kapitel

Als Quinn das Bewusstsein wiedererlangte, lag er mit auf dem Rücken gefesselten Händen im Matsch. In Gedanken fluchte er angewidert. Seine Gegnerin hatte ihn bezwungen – nicht weil sie besser trainiert oder kräftiger war, sondern weil sie einfach nur Glück gehabt hatte. Lief es so nicht immer?

Schlimmer noch: Die Frau hatte ihn gefesselt, während er bewusstlos gewesen war – anders hätte sie ihn auch nicht unter Kontrolle bringen können. Sie hatte beherzt und entschlossen gehandelt, das musste er ihr zugestehen, aber der Treffer gegen seinen Kopf war eher Zufall gewesen.

Und was jetzt? Am besten tat er noch eine Weile so, als wäre er bewusstlos. Zumindest so lange, bis die Frau, die ihn gefesselt hatte, sich Sorgen um seine Verfassung machen würde. Doch bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, spürte er mit Interesse eine Hand an seinem Knöchel. Von dieser Show wollte er keinen einzigen Teil verpassen, also öffnete er doch die Augen.

Die Sonne war inzwischen untergegangen, aber sie hatte eine kleine batteriebetriebene Lampe auf den Boden gestellt, die ausreichend Licht spendete. Er war sich nicht sicher, warum sie es riskierte, Licht zu machen, aber es gefiel ihm, dass er sehen konnte, was sie tat.

Die Frau hockte sich neben ihn. Sie tastete die Innenseite seines linken Knöchels ab und zog das Messer heraus, das er in seinen Stiefel geschoben hatte. Er drehte den Kopf und sah, dass sie das andere Messer, das er sich in den Ausrüstungsgürtel gesteckt hatte, schon herausgenommen hatte.

Dann fuhr sie mit der Hand an der Innenseite seines Beins bis zum Knie hinauf und dann an der Außenseite wieder hinunter zu seinem Stiefel. Nachdem sie das Gleiche am anderen Bein wiederholt hatte, bewegte sie sich in der Hocke ein Stückchen zur Seite und drückte die Handfläche auf seinen Oberschenkel. Als sie fast bei seinem besten Stück angelangt war, grinste er.

„Ein bisschen weiter nach links“, sagte er.

Sie sah auf. Bei ihrem Kampf hatte sie irgendwann den Hut verloren. Er nahm lange dunkle, zu einem Zopf zurückgebundene Haare wahr sowie braune Augen, einen wohlgeformten Mund und Sommersprossen auf leicht gebräunter Haut. Hübsch, dachte er abwesend. Nein, mehr als hübsch. Sie war zugleich elegant und taff. Eine faszinierende Kombination.

Eine ihrer wohlgeformten Augenbrauen bewegte sich nach oben. „Ein bisschen weiter nach links?“, wiederholte sie, ließ die Hand dann zu seiner Lende gleiten und tätschelte ihn. „Ich weiß, dass die meisten Männer ihre private Ausrüstung gern als Waffe betrachten, aber für mich ist das nicht besonders interessant.“

Leise lachte er. „Das sagen Sie jetzt, wo ich gefesselt und Ihrer Gnade ausgeliefert bin.“

„M-hm. Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich werde unter gar keinen Umständen meine Meinung ändern.“

Sie stand auf, machte einen Schritt über ihn hinweg auf seine andere Körperseite und hockte sich wieder hin. Jetzt fuhr sie mit den Händen an seinem anderen Oberschenkel entlang. Von dort aus tastete sie sich zu seinem Magen vor und weiter bis zu seiner Brust.

Er mochte es, wie sich ihre Hände auf seinem Körper anfühlten. Ihre Bewegungen waren schnell genug, um zu demonstrieren, dass sie wirklich nicht interessiert war, aber gewissenhaft genug, um versteckte Waffen zu finden. Zumindest dachte sie das.

Nachdem sie seine Jackentaschen durchsucht und auch den Saum und das Innenfutter kontrolliert hatte, setzte sie sich auf die Fersen. „Anscheinend sind Sie entwaffnet.“

„Wollen Sie mir nicht das Hemd ausziehen?“, fragte er. „Ich könnte mir was auf die Haut geklebt haben.“

„Wenn dem so sein sollte, kommen Sie in nächster Zeit wohl kaum dran, oder?“ Sie tippte auf seinen Oberarm. „Meine Knoten sind echt fies.“

Das hatte er auch schon herausgefunden. Das Zerren an den Stricken hatte sie kein bisschen gelockert. Er musste eine andere Fluchtmöglichkeit finden. Auch wenn er im Augenblick gar nicht woandershin wollte, denn sie war das Unterhaltsamste, was er seit Monaten erlebt hatte.

Er ließ den Blick über ihren Oberkörper schweifen und verharrte lange genug an ihren Brüsten, dass sie es bemerkte. Dann verlagerte er seine Aufmerksamkeit wieder auf ihr Gesicht. Sie kniff die Augen zusammen, und ihre Lippen waren ganz schmal geworden, aber sie beschwerte sich nicht. Irgendwo auf dem Weg hatte sie die Regeln gelernt – wenn sie in einer Männerwelt mitspielen wollte, musste sie auch nach Männerregeln spielen. Doch das bedeutete nicht, dass sie verpflichtet war, diese Regeln zu mögen.

In einem kleinen Willenskampf starrten sie einander an. Quinn wusste, dass er sie irgendwann mürbe machen konnte, aber er entschied sich für etwas Interessanteres. Eine Herausforderung.

„Sie haben geschummelt“, sagte er leise.

Er wartete auf ein Blinzeln, ein Erröten, ein Schuldeingeständnis. Stattdessen zuckte sie nur mit den Schultern. „Ich habe gewonnen.“

„Sie haben mich zufällig erwischt und das ausgenutzt.“

„Da stimmt.“ Sie veränderte ihre Position, bis sie neben ihm saß. „Hätten Sie irgendwas anders gemacht?“

Ohne ihren Zufallstreffer hätte er auf jeden Fall gewonnen, aber es gab keinen Grund, ihr das zu sagen. Sie wusste es bereits.

„Außerdem“, fuhr sie fort, „war das meine einzige Chance, Sie zu fesseln. Das hätten Sie sonst niemals zugelassen.“

„Guter Punkt.“

„Also, wer sind Sie?“

„Ihr Kriegsgefangener. Haben Sie vor, mich zu misshandeln?“

Ihr Mundwinkel zuckte. „Sparen Sie sich den hoffnungsvollen Tonfall. Sie sind bei mir in Sicherheit.“

„So ein Pech.“

Fast hätte sie gelächelt, aber es gelang ihr, die Kontrolle zu behalten. Als ihr Gesichtsausdruck wieder ernst war, sagte sie: „Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Ich weiß.“

Sie wollte wissen, wer er war, und er würde es ihr sagen … später. Im Augenblick hatte er einfach nur Spaß, trotz des kühlen Abends und des feuchten Matsches. Er hatte gedacht, die Planspiele würden langweilig werden und keinerlei Herausforderung bieten. Er hatte sich geirrt.

Sie zog ein Knie an die Brust und lehnte sich zu ihm hinüber. „Wenn Sie mir Ihren Namen nicht verraten wollen, dann sagen Sie mir wenigstens, warum Sie nach unten geguckt haben. Sie sind ein guter Kämpfer. Sie hätten wissen müssen, dass es ein Fehler war.“

Ein guter Kämpfer? Jetzt war es an ihm, ein Lächeln zu unterdrücken. Das war eine schamlose Untertreibung. Sie hatte gegen ihn keine Chance gehabt, und er ging davon aus, dass sie das auch genau wusste.

Sie schob ihr Kinn auf eine Art nach vorn, die puren Stolz signalisierte. Wer war sie? Militär?

„Ich wusste, dass Sie mich reinlegen würden, und wollte sehen, was Sie vorhaben“, sagte er.

Sie erstarrte. „Sie haben mich auf die Probe gestellt?“

„Ich würde eher sagen: mit Ihnen gespielt.“

Einen Moment lang klang es, als würde sie fauchen. Ihre dunklen Augen wurden wieder zu schmalen Schlitzen, und er hatte das Gefühl, dass sie ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre.

„Quinn Reynolds“, sagte er, um sie abzulenken. „Und nachdem Sie mich schon überall befummelt haben, könnten wir uns doch einfach duzen.“

Sie ignorierte den Köder. „Sie verraten mir also nichts, wenn ich danach frage, sondern geben die Informationen nach Ihren Bedingungen preis?“

„So was in der Art.“ Da er davon ausging, dass sie ihm ihren Namen nicht verraten würde, wechselte er das Thema. „Wo ist dein Partner?“

„Er wird jeden Moment zurück sein, und dann bringen wir Sie zum Hauptquartier. Unsere ersten vier Gefangenen hat er schon abgeliefert. Wo ist Ihr Partner?“

„Ich bin so spät angekommen, dass man mir niemanden mehr zuweisen konnte. Außerdem arbeite ich lieber allein.“

„Natürlich tun Sie das.“ Sie klang leicht amüsiert. „Da seid ihr paramilitärischen Machotypen doch alle gleich.“

„Das ist mehr als nur ein bisschen wertend.“

„Es ist treffend.“

Dem hatte Quinn nichts entgegenzusetzen. Stattdessen blickte er in den dunklen Himmel. „Es wird gleich wieder anfangen zu regnen. Wenn du mich nicht bald zum Hauptquartier zurückbringen willst, könntest du mich wenigstens irgendwohin zerren, wo ich geschützter bin.“

Sie sah ebenfalls zum Himmel, konnte in der Dunkelheit aber nicht viel erkennen. Er rechnete schon damit, dass sie ihn im Matsch liegen lassen würde, da holte sie überraschenderweise eine Plane aus ihrem Rucksack und breitete sie unter einem in der Nähe stehenden Baum aus. Dann packte sie ihn unter den Armen und zog ihn auf die Plane.

Ihre Kraft beeindruckte ihn, während ihr verärgerter Gesichtsausdruck ihn amüsierte. Worüber regte sie sich so auf? Dass ihr Partner noch nicht zurück war? Dass sie beide wussten, dass er besser als sie und vermutlich nur so lange ihr Gefangener war, wie es ihm gefiel?

„Und wohin gehörst du?“, fragte er. „Nicht zum Militär.“

Sie saß mit verschränkten Beinen am Rand der Plane. „Wie können Sie sich so sicher sein?“

„Irre ich mich?“

Sie schüttelte den Kopf.

In genau diesem Augenblick öffnete der Himmel seine Schleusen. Regen fiel schwer auf den Boden. Innerhalb weniger Sekunden bildete sich an der Stelle, wo er gelegen hatte, eine Pfütze. Er zog die Knie an die Brust, um seine Füße vor dem Regenguss zu schützen.

Wütend sah sie ihn an, und er konnte ihre Gedanken geradezu hören. Woher hatte er gewusst, dass es regnen würde? Wer ist der Kerl? Allerdings nahm er an, dass sie in ihrem Kopf wahrscheinlich nicht das Wort Kerl benutzte. Sie hatte sich ohne Zweifel etwas Netteres ausgesucht.

„Wenn du mir deinen Namen nicht verraten willst“, sagte er, „kann ich versuchen, ihn zu erraten.“

Sie richtete die Lampe und ignorierte ihn.

„Brenda“, begann er.

Sie blinzelte nicht.

„Bambi? Heather? Chloe? Annie? Sarah? Destiny? Chastity?“

Sie seufzte. „D. J.“

Er wollte wissen, wofür die Initialen standen, fragte aber nicht, weil sie genau damit rechnete. Stattdessen sagte er: „Ich würde dir ja gern die Hand schütteln, aber ich bin im Augenblick gefesselt.“

Sie lächelte. „Das sehe ich.“

Hey – eine Spur von Humor. Das gefiel ihm. Eine raue, taffe Frau in einer äußerst weiblichen Verpackung. Wenn er sie dazu kriegen könnte, ihn noch mal gründlich abzusuchen – sein Abend wäre perfekt.

D. J. sah auf die Uhr. Seit Ronnies Aufbruch waren fast vier Stunden vergangen. Entweder hatte er sich verlaufen, oder jemand hatte ihn gefangen. Wäre er in der Nähe gewesen, hätte sie auf jeden Fall gehört, wie er sich durchs Dickicht schlug. Die Stille verriet ihr, dass sie mit ihrem Gefangenen ganz allein war.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Quinn. Für einen Mann, der seit Stunden gefesselt auf dem Boden saß, wirkte er überraschend entspannt. Der Regen hatte aufgehört, aber es war immer noch kühl und feucht. Sie zitterte leicht. Sie hätte nichts lieber getan, als zum Camp zurückzugehen. Es gab nur eine Sache, die sie daran hinderte … eine sehr große, sehr starke, sehr männliche Sache.

„Die Regeln legen fest, dass ein Gefangener alles versuchen darf, um zu entkommen“, sagte sie. „Aber sobald man zum Hauptquartier aufbricht, muss er ruhig mitgehen.“

Quinn nickte. „Das habe ich auch gehört.“

„Und?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich war noch nie der Typ, der sich an Regeln hält.“

Genau das hatte sie befürchtet. Mit Ronnies Hilfe hätte sie zumindest versuchen können, Quinn unter Kontrolle zu halten. Aber solange sie auf sich allein gestellt war, würde er entkommen. Sie gab es zwar nicht gern zu, aber es war die Wahrheit. Er war zu gut.

Sie musterte seinen kräftigen Körper und fragte sich, wer und was er war. Wie viel konnte er, was sie nicht konnte? Wo hatte er es gelernt? Sie war noch nie jemandem wie ihm begegnet und hätte ihm gern Tausende von Fragen gestellt. Aber Interesse zu zeigen würde bedeuten, sich in die Karten schauen zu lassen – und sie hatte gelernt, dass sie das niemals tun durfte.

„Wenn du nicht kooperierst, sitzen wir bis morgen früh hier fest“, sagte sie. „Bis uns die Patrouille einsammelt.“

„Von mir aus – dann muss ich keinen Mitternachtsmarsch machen, und du kriegst Punkte für meine Gefangennahme.“

Sie traute diesem einfachen Abkommen nicht. Er gehörte zu der Sorte Mann, der immer einen Plan hatte. Trotzdem – er hatte noch keinerlei Anstalten gemacht zu fliehen … jedenfalls bisher noch nicht.

Er veränderte seine Position, sodass er sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm lehnte und mehr saß als lag. Dann zeigte er mit dem Kinn zu ihrem Rucksack.

„Wenn wir hier über Nacht festsitzen, wie wär’s dann mit etwas zu essen?“

Bei seinen Worten knurrte ihr Magen. Sie hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Eine Flut von Anrufen hatte sie vom Mittagessen abgehalten, bevor sie zu den Planspielen aufgebrochen war, die am Nachmittag begonnen hatten.

Sie griff nach ihrem Rucksack und hielt dann inne. „Wo ist deine Ausrüstung?“, fragte sie.

„Versteckt.“

Ihre war auch versteckt gewesen, bis er sie gefunden hatte. Sie fragte sich, ob es ihr gelingen würde, seinen Rucksack aufzuspüren, beschloss dann aber, dass es die Sache angesichts der kalten, regnerischen Nacht nicht wert war. Was sie dabeihatte, würde für beide reichen.

Sie kramte vier Müsliriegel hervor, zwei Schokoriegel, einen Apfel und noch eine Flasche Wasser.

„Kein Fast Food?“, fragte er. „Ich habe einen Riesenappetit auf Pommes.“

„Tut mir leid, stehen leider nicht auf der Gefängnisspeisekarte“, erwiderte sie, während sie die verpackten Snacks auf zwei gleich große Haufen verteilte.

Er sah sich das Essen an und zuckte mit den Schultern. „Besser als ein MRE.“

Ein Meal ready to eat. Eine Mahlzeit für Soldaten, die ins Gefecht mitgenommen werden kann. Sie hatte schon mehrere probiert, und obwohl sie nicht so schlecht waren wie ihr Ruf, aß sie lieber das, was sie in ihrem Rucksack hatte.

„Dann bist du vom Militär?“, fragte sie.

„Gewissermaßen.“

„Spezialkräfte?“

„So was in der Art.“

Sie war sich nicht sicher, ob er so wortkarg war, um sie zu ärgern, oder weil er nicht darüber sprechen durfte, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente.

Sie goss etwas Wasser aus der neuen Flasche in die Flasche, aus der sie getrunken hatte. Als in beiden die gleiche Menge war, stellte sie eine neben Quinn auf den Boden. Er drehte sich halb von ihr weg, sodass sie seine gefesselten Handgelenke sehen konnte.

„Machst du mich los, damit ich essen kann?“, fragte er.

Leise lachte sie. „Das hättest du wohl gern.“

Er rollte zurück in eine Sitzposition. „Dann wirst du mich wohl füttern müssen.“

Die Aussicht schien ihn nicht besonders zu stören. Sie konnte sogar Belustigung in seinen dunklen Augen sehen. Doch das ignorierte sie genauso wie den neckenden Unterton in seiner Stimme. Wenn er dachte, ihn zu füttern würde sie nervös machen, hatte er sich gehörig geschnitten.

„Ich habe dich noch nie in der Stadt gesehen“, sagte sie, während sie den ersten Müsliriegel auspackte. „Du bist nicht hier stationiert, oder?“

„Nein. Ich bin vorgestern eingeflogen und heute Morgen nach Glenwood gekommen. Ich bin hier, um mich mit meinem Bruder zu treffen.“

Sie brach den Müsliriegel in kleine Stücke und hielt ihm das erste hin. Da er keine Anstalten machte, sich nach vorn zu beugen, musste sie den Arm quer über seinen Körper ausstrecken. Erst als ihre Finger praktisch seinen Mund berührten, machte er endlich den Mund auf und biss in den Riegel.

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