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Eine Marcelli weiß was sie will

hier erhältlich:

Dieser alte Sturkopf! Brenna Marcelli ist fürchterlich wütend. Ihr Großvater lässt nicht zu, dass sie das Weingut der Familie übernimmt. Er legt ihr Steine in den Weg, wo er nur kann. Dabei wissen seit jeher alle, dass in ihren Adern kein Blut, sondern Wein fließt. Doch ihre Sturheit kann es mit seiner aufnehmen. Ob es allerdings wirklich klug ist, sich zu diesem Zweck mit Nic Giovanni zusammenzutun? Er ist Brennas Jugendliebe. Der Mann, der einmal geschworen hat, die Dynastie der Marcellis zu zerstören. Und in dessen Nähe Brenna keinen klaren Gedanken fassen kann. Nein, klug ist das sicher nicht. Aber es fühlt sich unglaublich gut an.


  • Erscheinungstag: 20.12.2014
  • Aus der Serie: Die Marcellis
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955764098
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Mallery

Eine Marcelli weiß, was sie will

Roman

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Kruschandl

image

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

The Seductive One

Copyright © 2003 by Susan Macias Redmond

erschienen bei Pocket Star Books, New York

Published by arrangement with

Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New York

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung von bürosüd, München

Redaktion: Daniela Peter

Coverabbildung von Macrovector, GoodStudio, alaver / Shutterstock

Autorenfoto: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN eBook 978-3-95576-409-8

www.mira-taschenbuch.de

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Den Teufel um ein Darlehen von einer Million Dollar zu bitten war eine Sache. Dabei einen Streit mit ihm anzufangen eine ganz andere.

Brenna Marcelli bildete sich ein, keinen allzu niedrigen IQ zu haben. Wie aber würde sie sich verhalten, wenn ihre Zukunft auf dem Spiel stand? Höflich natürlich. Und sehr liebenswürdig. Nicholas Giovanni gegenüber würde sie sich äußerst korrekt verhalten. Sie würde selbstbewusst, überzeugend und sogar ein klein wenig charmant sein. Und auf gar keinen Fall in irgendeiner Weise an Sex denken. Unter gar keinen Umständen. Ganz egal, wie gut er gewesen war.

Leider war er ziemlich gut, dachte Brenna, während sie unruhig im Empfangsraum von Wild Sea Vineyards auf und ab ging. Mehr als gut. Einmal hatten sie sich am Strand geliebt, und wenig später war in den Nachrichten von einer Springflut berichtet worden. Brenna hatte sich immer gefragt, ob Nic und sie dieses Seebeben ausgelöst hatten.

„Das ist eine alte Geschichte“, murmelte sie und presste ihre Mappe wie einen Schutzschild vor die Brust. „Eine uralte Geschichte. Jetzt hat ein neues Jahr angefangen – sogar ein neues Jahrzehnt. Ich bin stark. Ich bin unverletzlich und verdammt noch mal total genervt, dass er mich so lange warten lässt.“

Sie drehte sich um und starrte auf die Tür von Nics Büro. Als seine Assistentin sie um etwas Geduld gebeten und versprochen hatte, dass der Chef gleich für sie da wäre, hatte Brenna ihr geglaubt. Inzwischen waren zehn Minuten vergangen, die Assistentin war verschwunden, und Nic ließ sich weiterhin nicht blicken.

„Das ist nur ein kleines Machtspielchen“, versuchte Brenna sich zu beruhigen und holte tief Luft. „Darauf falle ich nicht rein. Da kann er mich warten lassen, solange er will.“

Sie war ruhig. Ganz ruhig. Dumm nur, dass sie ein flaues Gefühl in der Magengegend hatte. Die fünfte Tasse Kaffee war vielleicht auch nicht die allerbeste Idee gewesen. Und leider konnte sie unmöglich stehen bleiben, denn sonst würden ihre Knie womöglich anfangen zu zittern. Alles in allem war ihr Auftritt nicht ganz so professionell, wie Brenna es sich vorgestellt hatte. Sie musste wirklich …

Die Bürotür öffnete sich, und der Teufel höchstpersönlich erschien.

Okay, vielleicht war es ein wenig übertrieben, Nic als Teufel zu bezeichnen. Aber er war dunkelhaarig, gefährlich, und Brenna musste ihm heute ihre Seele verkaufen. So ganz abwegig war die Bezeichnung also nicht.

„Brenna.“ Er lächelte sie an, als wären sie gute alte Bekannte. „Wie schön, dich zu sehen.“

Wer’s glaubt, dachte Brenna. In den letzten zehn Jahren hatte sie die Giovannis gemieden wie die Pest. Und das aus gutem Grund.

„Hi, Nic.“

Er zeigte auf sein Büro, und sie betrat die heiligen Hallen. Die Einrichtung hatte sich kaum verändert, seit Brenna zum letzten Mal hier gewesen war: wuchtige Möbel, mit einem Schreibtisch aus dem achtzehnten Jahrhundert als Prunkstück mitten im Raum. Der Computer war allerdings neu. Genau wie der Herrscher dieses Zimmers. Zehn Jahre zuvor hatte Nics Großvater hier seine Untertanen empfangen. Von hier aus hatte er die Geschicke von Wild Sea Vineyards gelenkt. Nun war der alte Mann verschwunden, und Nic leitete den Konzern.

Und offenbar leitet er ihn sehr erfolgreich, dachte Brenna mit einem Blick auf die Weltkarte, die gegenüber dem Schreibtisch hing. Neugierig betrachtete sie die farbig hervorgehobenen Besitztümer der Giovannis. In den letzten Jahren waren ziemlich viele neue Farbkleckse hinzugekommen. Typisch Nic! Es war schon immer sein Ziel gewesen, der Größte und Beste zu sein. Und das war ihm offensichtlich gelungen.

Immerhin ermöglichte ihr der Blick auf die Karte, sich von dem verdammten Schreibtisch abzulenken. Leider würde sie sich irgendwann aber doch umdrehen und dieses Monstrum aus Holz in Augenschein nehmen müssen. An sich ja kein Problem. Wenn Nic und sie es nicht ausgerechnet auf diesem Tisch, nun ja, getrieben hätten.

Sie erinnerte sich noch genau: Es war an einem Samstagmorgen um drei Uhr in der Früh gewesen. Die kühle Nachtluft hatte sie umschmeichelt, alles war ganz still gewesen, und die ungeheure Romantik hatte Brenna schier den Atem geraubt. Kein Wunder, dachte sie jetzt höhnisch. Wenn man siebzehn und verliebt ist, findet man es sogar romantisch, dem Brot beim Schimmeln zuzusehen.

„Du kannst dich gerne setzen“, sagte Nic ein wenig spöttisch.

Klar, dachte Brenna, als sie die Schultern straffte und den Kopf in Richtung Vergangenheit drehte. Nic arbeitete hier jeden Tag. Er hatte wahrscheinlich total vergessen, was es mit diesem verdammten Schreibtisch auf sich hatte. Nur sie, sie hatte es leider nicht vergessen.

Langsam ging sie auf den überdimensionalen Besuchersessel zu und nahm auf der glatten Lederoberfläche Platz. Nic ging um den Schreibtisch herum und setzte sich ihr gegenüber.

„Ich war überrascht, zu hören, dass du dich mit mir treffen möchtest“, sagte er freundlich. „Mit deiner Familie ist hoffentlich alles in Ordnung?“

„Es geht ihnen gut. Sehr gut. Francesca ist verlobt.“ Mehr als verlobt sogar, aber das war eine andere Geschichte.

„Dein Großvater ist bestimmt sehr glücklich darüber.“

Brenna nickte und ertappte sich dabei, wie sie Nic anstarrte. Ein markantes Gesicht, dachte sie. Unwillkürlich verglich sie den Mann mit dem Jungen von damals. Nic hatte schon immer bemerkenswert ausgesehen: Augen, in deren Anblick man versinken konnte, eine gerade Nase und ein ausgeprägtes Kinn, das auf einen energischen bis störrischen Charakter schließen ließ. Und dann sein Mund. Dieser Mund, dessen Lippen sie in eine andere Galaxie befördert hatten.

Trotz des warmen Augustwetters trug Nic ein langärmliges schwarzes Hemd und dunkle Hosen. Jeans und T-Shirt gehörten wohl der Vergangenheit an.

„Schick, schick.“

„Alles wegen deines Besuchs.“

Nic lächelte – ein träges, sexy Lächeln, das Brenna nur zu gut kannte. Mit diesem Lächeln hatte er sie davon überzeugt, dass es völlig okay war, sich spätnachts im Weinberg zu lieben. Es war ihr erstes Mal gewesen. Sie hatte ihre Jungfräulichkeit verloren, während rings um sie die Grillen gezirpt hatten und …

Hör sofort auf damit, befahl sie sich. Solche Reisen in die Vergangenheit führten nur zu Problemen. Sie war mit einem Plan hierhergekommen. Und dieser Plan hatte nichts mit irgendeinem sexy Lächeln oder der Hitze, die durch ihren Körper strömte, zu tun.

Brenna zwang sich dazu, sich entspannt im Sessel zurückzulehnen. Lässig schlug sie ein Bein über das andere. Dann sah sie Nic leicht amüsiert, fast schon ein wenig gelangweilt an. Zumindest hoffte sie das.

„Solche Umstände, nur für mich? Das glaube ich nicht.“

Er lachte. „Erwischt. Ich habe später noch ein Meeting mit ein paar internationalen Vertriebsmitarbeitern. Jeans würden da wahrscheinlich eher abschreckend wirken.“

Nicht wenn diese Vertriebsmitarbeiter Frauen sind, dachte Brenna. Und ärgerte sich im nächsten Moment darüber.

„Du expandierst also weiter.“

„Sicher. Man muss der Beste und der Größte sein, um Erfolg zu haben.“

„Die Sache mit der Größe kriegst du bestimmt hin.“

„Und auf die Größe kommt es an. Sagt man das nicht?“

„Na ja. Das sagen vor allem die Leute, die mit ihren Talenten nicht richtig umgehen können.“ Etwa achtzehn Sekunden zu spät erinnerte Brenna sich an ihren Schwur, nicht mit Nic zu streiten.

„Tut mir leid“, murmelte sie.

Nic zog die Augenbrauen hoch. „Es tut dir leid, dass du mit mir diskutierst? Das wäre ja ganz was Neues. Jetzt bin ich aber sehr gespannt, was als Nächstes kommt.“ Er grinste und beugte sich vor. „Also gut, Brenna. Du bist hier, du trägst ein Kostüm, und du hast einen Berg Papier mitgebracht. Vielleicht erzählst du mir mal, was du von mir willst.“

Tja. Dann ging es wohl los. Brenna räusperte sich und legte ihre Mappe auf den Tisch. Im selben Moment konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. All die intelligenten, logischen und wohldurchdachten Sätze, die sie so oft geprobt hatte, waren plötzlich weg, spurlos verschwunden.

„Ich gehöre zu den Besten in unserer Branche“, begann Brenna. Dann zögerte sie. Klang das vielleicht zu arrogant? Aus dem Augenwinkel beobachtete sie Nic. Zumindest war er noch nicht in hysterisches Gelächter ausgebrochen.

„Das habe ich nie bezweifelt. Ich würde es nur ungern auf einen Wettstreit mit dir ankommen lassen.“

Sein Kompliment gab ihr neue Kraft. Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich davon abhalten, wie ein eifriges Schulmädchen auf dem Sessel nach vorne zu rutschen. „Mein Großvater sagt, dass ich außer ihm die Einzige in der Familie bin, die Wein wirklich liebt. Und das tue ich. Schon mein ganzes Leben lang.“

Nic wollte etwas erwidern, doch Brenna ließ ihn nicht zu Wort kommen. Auf keinen Fall durfte sie riskieren, dass er etwas über die zehn Jahre sagte, die sie weit weg von Marcelli Wines verbracht hatte. Jene zehn Jahre, in denen sie sich zu einer kompletten Idiotin gemacht hatte.

„Mein Großvater hat mir die Leitung unseres Weinguts übertragen“, fuhr sie eilig fort. „Und ich weiß, was wir brauchen, um weiterhin erfolgreich zu sein.“

„Dann bist du also nicht hier, weil du einen Job suchst.“

„Nein.“ Sie öffnete die Mappe. „Ich bin hier, um ein Darlehen zu bekommen.“

Nic zog die Augenbrauen hoch. „Wieso das denn? Ihr habt doch keine Geldsorgen, oder?“

„Nein, Marcelli Wines hat kein finanzielles Problem. Die Geschäfte liefen nie besser. Aber ich bin nicht die Firma. Ich arbeite für meinen Großvater. Unser Weingut gehört immer noch ihm.“

„Eines Tages wirst du es erben.“

Wohl kaum. Inzwischen hätte Brenna diese Erkenntnis nicht mehr wehtun sollen. Aber sie tat es doch. Sehr sogar. „Dass meine Schwestern und ich eines Tages Marcelli Wines erben, ist nicht mehr so sicher.“ Sie hielt inne. Aber Schweigen brachte nichts. Jetzt half ihr nur noch die Wahrheit. Wahrscheinlich würde Nic sowieso bald von der ganzen Angelegenheit erfahren.

„Na ja. Wie es aussieht, hatten meine Eltern schon ein Kind, bevor sie geheiratet haben. Einen Sohn. Mom und Dad waren damals noch sehr jung und gingen beide noch auf die Highschool. Als rauskam, dass meine Mutter schwanger war, haben ihre Familien sie unter Druck gesetzt. Und irgendwann haben sie das Baby dann zur Adoption freigegeben.“

Nic reagierte genauso cool, wie sie es erwartet hatte. Sein Gesicht zeigte keinerlei Gefühlsregung, er lehnte sich einfach nur in seinem Stuhl zurück. „Das ändert die Dinge natürlich“, erwiderte er. Wann hast du davon erfahren?“

„Bei der Party, die wir immer am 4. Juli geben. Dieses Jahr gab es eine ganz besondere Art von Feuerwerk, um es mal so zu sagen. Fakt ist: Das verloren geglaubte Baby ist inzwischen ein zweiunddreißigjähriger Mann.“

Die Marcellis und die Giovannis waren sich seit drei Generationen spinnefeind. Doch obwohl ihre Familien nicht miteinander sprachen, waren Nic und Brenna auf ähnliche Weise erzogen worden. Was zählte, war die Idee einer perfekten italienischen Familie. Und deshalb würde es wohl noch einige Zeit dauern, bis der Feminismus Einzug in ihre Weingüter hielt.

Nic kapierte sofort. „Dein Großvater ist altmodisch genug, um sich einen männlichen Erben zu wünschen. Ich gehe mal stark davon aus, dass der verlorene Sohn interessiert ist?“

„Es geht um einen Haufen Geld. Wärst du da nicht interessiert?“, fragte Brenna mit einer spöttischen Leichtigkeit, die so gar nicht zu ihren wahren Gefühlen passte. „Jedenfalls stehe ich auf der Erbenliste inzwischen ziemlich weit unten.“ Und jetzt kam der wirklich harte Teil. „Weinanbau liegt mir im Blut. Ich möchte in meinem Leben nichts anderes machen.“

„Warum solltest du? Selbst wenn dein Bruder erbt, würde er dich doch das Geschäft weiterführen lassen, oder?“

„Vielleicht würde er das. Aber ich habe keine Lust, aus meiner Zukunft ein Glücksspiel zu machen. Abgesehen davon habe ich eigene Ideen und Pläne. Ich möchte meinen eigenen Wein machen.“

Nic deutete auf die Mappe vor ihr. „Und das ist der Plan?“

Sie nickte. „Ich habe alles ganz genau ausgearbeitet. Welche Traubensorte ich anbauen will, die Preise für Maschinen, Fässer, Lagerraum. Und auch das Land, das ich kaufen will.“

„Eine eigene Weinproduktion aufzubauen ist nicht gerade billig.“

„Ich weiß.“

Noch immer schaute er ihr direkt ins Gesicht. „Wen hast du sonst noch um ein Darlehen gebeten?“

„Jeden, bis auf die üblichen Kredithaie!“

Er nickte. „Lass mich raten: Sie wollten wissen, warum dir dein Großvater das Geld nicht gibt.“

„Das ist ein Teil des Problems. Sie waren außerdem besorgt, dass ich keinerlei Sicherheiten habe. Ich habe ihnen erklärt, dass der Wein meine Sicherheit ist. Aber das hat sie nicht besonders beeindruckt.“ Sie zuckte die Achseln. „Du bist ein Mann, der gerne Risiken eingeht. Zumindest wenn er sicher sein kann, den vollen Gegenwert für sein Geld zu erhalten. Und das ist bei mir ja der Fall. Ich würde alles dafür tun. Wirklich alles.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Tatsächlich?“

Nur zu gerne hätte sich Brenna in diesem Moment vor die Räder des nächstbesten Lastwagens geworfen. Sie spürte, wie ihr Gesicht von flammender Röte überzogen wurde. Zum Glück würde ihr eher dunkler Teint diese Tatsache vor Nic verbergen. Ein schwacher Trost, aber immerhin! Sie klammerte sich an diesen Gedanken wie an eine Rettungsleine.

„Du weißt, dass ich es schaffen kann“, erwiderte sie ruhig.

„Vielleicht“, sagte er. „Aber warum sollte mir daran gelegen sein, noch mehr Konkurrenz zu bekommen?“

Zum allerersten Mal, seit sie auf das Grundstück von Wild Sea gefahren war, entspannte sich Brenna. „Oh bitte. Mit sehr viel Glück wird meine Weinproduktion in fünf Jahren ein Zehntel deines Geschäfts ausmachen. Ich glaube kaum, dass dir der Gedanke daran schlaflose Nächte bescheren wird.“

„Okay. Aber warum kommst du ausgerechnet zu mir?“

„Weil du der Einzige bist, der über das nötige Kleingeld verfügt.“

„Deine Eltern hätten dir sicher geholfen.“

„Höchstwahrscheinlich. Aber ich wollte nicht, dass sie sich zwischen mir und meinem Großvater entscheiden müssen. Du hast mit diesem ganzen Familienschlamassel nichts zu tun.“

„Ich bin ein Giovanni. Aus deiner Sicht müsste ich doch so etwas wie der Großcousin des Teufels sein.“

Verdammt, konnte er etwa Gedanken lesen? Genau das war ihr noch wenige Minuten zuvor durch den Kopf gegangen. Nur hatte sie das Verwandtschaftsverhältnis ein wenig enger definiert.

Nic um einen Termin zu bitten war eine Verzweiflungstat, hatte aber auch Vorteile. Die Marcellis und die Giovannis waren seit vielen Jahren verfeindet. Wäre sie den normalen Weg gegangen und hätte die Bank um ein Darlehen gebeten, hätte ihr Großvater das ganz sicher früher oder später herausgefunden. Wenn sie das Geld von Nic bekam, würde er es niemals merken. Grandpa Lorenzo hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als mit einem Giovanni zu sprechen.

Brenna und ihre Schwestern hatten sich nie besonders für diese Familienfehde interessiert. Auch Nic war kein Fan von italienischen Seifenopern, das hatte er schon bei ihrem ersten Treffen deutlich gezeigt. Aber für ihre Großeltern waren diese Feindseligkeiten das reinste Lebenselixier.

„Schon irgendwie absurd, dass wir jetzt hier sitzen und uns darüber unterhalten“, gab sie zu. „Ich gehe mal davon aus, dass dir das gefällt.“

Er musterte sie. Zu gern hätte Brenna gewusst, was Nic gerade dachte. Obwohl, vielleicht doch lieber nicht! Ihr spontaner Entschluss, sich die Haare abzuschneiden, hatte zu einem grauenvollen Ergebnis geführt. Und die letzten Monate, die sie auf der Hazienda ihrer Großmutter verbracht hatte, wo sie täglich bekocht wurde, hatten sieben weitere Pfund zu ihrer an sich schon nicht ganz schmalen Figur hinzugefügt. Das Kostüm stand ihr ziemlich gut, fand Brenna, aber war das genug? Zwischen ihr und dem siebzehnjährigen Mädchen, das geschworen hatte, Nic von ganzem Herzen zu lieben, lagen Welten. Die Frage war nur, ob Nic diese Veränderung positiv oder negativ fand.

„Es wird gemunkelt, dass ich ein skrupelloser Bastard bin.“

„Tatsächlich? Soll ich jetzt Angst bekommen?“

„Das musst du wissen.“

Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie es war, mit Nic zusammen zu sein. Wie es sich anfühlte, von ihm berührt zu werden, seine Lippen auf ihren zu spüren, den Geruch seiner Haut wahrzunehmen. Sie kannte den Jungen von damals. Aber den Mann von heute, den kannte sie nicht. Was hatte sich geändert, was war gleich geblieben? Und war es wichtig, das zu wissen?

Egal. Skrupelloser Bastard hin oder her, sie wollte sein Geld.

„Ich bin nicht so leicht zu erschrecken.“ Entschlossen schob sie ihm die Unterlagen hin. „Schau dir die Sache mal an. Und dann sag mir, was du davon hältst.“

Er legte eine Hand auf die Ledermappe, öffnete sie aber nicht. „Wie viel?“

Ein Schwarm von Schmetterlingen stob irgendwo in ihr auf und begann einen Formationsflug. Offensichtlich trainierten die kleinen Biester Start- und Landemanöver, jedenfalls fühlte es sich so an. Brennas Mund war plötzlich staubtrocken, ihre Handflächen waren dafür umso feuchter. Und um die ganze Sache so richtig angenehm zu machen, schien der Raum sich um sie zu drehen.

„Eine Million Dollar.“

Nic verzog keine Miene. Er zwang sich, nicht zu blinzeln. Und selbstverständlich zuckte er auch nicht zusammen. Aber hinter der Fassade rumorte es: Sieh an. Die kleine Brenna Marcelli war inzwischen doch tatsächlich eine Frau mit Mumm!

Er zog seine Brieftasche heraus und öffnete sie. „Du nimmst auch Zwanziger, oder?“

„Zwanziger sind super.“

„Leider habe ich heute nicht den vollen Betrag dabei.“

„Wie schade.“

Sie beobachtete ihn. Nur ihre großen Augen verrieten, wie nervös sie war. Brenna war am Ende, und das wussten sie beide. Wenn er sie jetzt abwies, würde sie niemals ein Darlehen bekommen. Ihr Traum von einer eigenen Weinproduktion war dann für immer ausgeträumt. Ja, klar, sie konnte einige Tonnen Trauben kaufen, sich die dazugehörige Ausrüstung leihen und irgendwo in einer Garage ein paar billige Fässer aufstellen. Vielleicht würde sie sogar den ein oder anderen Fan gewinnen, und im Wine Spectator würde eine kleine Besprechung erscheinen. Aber ohne eine gehörige Finanzspritze würde sie es nie wirklich schaffen.

Für ihn war das natürlich belanglos. Was ihn betraf, ging es hier ausschließlich um seine eigenen Ziele. Also musste er sich fragen, wie ihre Bitte ins große Ganze passte.

Er stand auf, umrundete den Schreibtisch, bis er direkt vor Brenna stand. Dann lehnte er sich gegen die polierte Oberfläche und verschränkte die Arme vor der Brust. Diese Haltung diente dazu, andere einzuschüchtern. Oder sie herauszufordern. Je nachdem.

Brenna reagierte, indem sie sich aufrecht hinsetzte und dann die Beine hastig wieder übereinanderschlug. Das Rascheln der Seide war in der Stille des Büros deutlich zu hören und brachte irgendwo in Nics Innerem einen Nerv zum Klingen. Nic ertappte sich dabei, wie er der Bewegung folgte und sich unwillkürlich vorstellte, was sich da so alles unter Brennas Rocksaum befand. Die Seidenstrümpfe, die ihre schlanken Beine umhüllten. Und darüber?

Das Paradies. Zumindest hatte ihr Körper ihn vor zehn Jahren genau dahin katapultiert. Warm, feucht und geheimnisvoll hatte er den Weg zur Erlösung aufgezeigt.

Jedenfalls hatte Nic das damals geglaubt. Doch schon bald war ihm klar geworden, dass er sich geirrt hatte. Von Paradies keine Spur. Die reizende Brenna Marcelli hatte ihn direkt in die Hölle geführt. Ihretwegen hatte er sein Zuhause verlassen müssen. Er hatte im Exil gelebt – einsam, verlassen und in den Augen der Welt so gut wie tot.

Bedauerlicherweise konnte auch diese Erkenntnis das Verlangen nicht stoppen, das sich blitzartig in seinem Körper ausbreitete. Verdammt! Schnell sah er in eine andere Richtung. Das hier war die ganz falsche Art von Erinnerungen. Davon durfte er sich jetzt auf keinen Fall ablenken lassen.

„Ich sage nicht Nein“, teilte er Brenna milde mit.

„Du machst Witze!“

Sie sprang auf die Füße und kam nur Millimeter von ihm entfernt zum Stehen. Plötzlich war sie ihm so nahe, dass er die Mischung aus Gold und Braun in ihren Augen erkennen konnte. Er roch ihr Parfum. Der Duft war inzwischen ein anderer, aber seine Reaktion leider immer noch die gleiche: Irgendwo in seinem Inneren breitete sich ein Feuer aus, wurde zum Flächenbrand und wollte Nahrung, Nahrung und noch mehr Nahrung.

Nic ignorierte die Hitze und den Hunger. Hier war weder die Zeit noch der Ort für so etwas. Und Brenna Marcelli war ganz sicher nicht die richtige Frau dafür.

Wichtig war nur sein Plan. In den letzten Jahren hatte er gelernt, dass eine wohldurchdachte Strategie immer zum Erfolg führte. Und wenn es um Rache ging, tja, dann musste man eben warten können.

Brennas Bitte war ein Geschenk – so unerwartet wie ein Home Run in den ersten Sekunden eines Baseballspiels. Und mindestens genauso aufregend. Alles, was er jetzt tun musste, war, den Schläger wegzuwerfen und loszurennen. Aber sein Instinkt warnte ihn: Geh auf Nummer sicher!

„Das ist ein Haufen Geld“, entgegnete er kühl.

Sie nickte. „Ich weiß. Aber schau dir mal meine Unterlagen an. Das ganze Geld fließt in den Wein. Ich selbst bekomme kein Gehalt. Oh, Nic! Das Land, das ich im Auge habe, ist perfekt für einen Pinot Noir: ein Hang, ganz am Ende einer Bergkette, die in Richtung Ozean verläuft. Die Trauben werden Morgennebel bekommen, Mittagssonne und dann noch eine salzige Brise vom Meer. Das wird unglaublich!“

Ihre Begeisterung war so spürbar wie die Hand, die sie auf seinen Arm gelegt hatte. Nic reagierte auf den Kontakt – und die verräterische Antwort seines Körpers –, indem er einen Schritt zur Seite trat und nach ihrer Mappe griff.

„Ich werde da mal reinschauen und dich in den nächsten Tagen kontaktieren.“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Wie genau mache ich das?“

Brenna grinste. „Du solltest wohl besser nicht auf der Hazienda anrufen. Aber meine Handynummer steht oben auf den Unterlagen. Wenn du mich nicht erreichst, hinterlass mir einfach eine Nachricht. Dann rufe ich zurück.“

„Okay.“

Sie presste die Hände zusammen. „Nic, ich weiß, dass das sehr viel Geld ist und dass du ein Risiko eingehst. Aber ich kann das schaffen. Du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir.“

„Da mach dir mal keine Sorgen. Wenn es so aussieht, als müsste ich irgendetwas bereuen, bekommst du eine Absage.“

Nicht einmal das schien sie zu beeindrucken. „Du wirst begeistert sein. Garantiert“, versicherte sie ihm mit leuchtenden Augen.

Wahrscheinlich stimmte das sogar. Außerdem, rief Nic sich in Erinnerung, ergriff ein erfolgreicher Geschäftsmann gerade die unerwarteten Chancen. Die ganze Sache hier hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: Wenn er auf den Deal einging, würde er ein Auge auf alles haben müssen, was Brenna tat. Anders gesagt: Er würde ein Auge auf Brenna haben müssen. Und das hatte bisher immer zum selben Ergebnis geführt.

Also riskierte er nicht nur sein Geld. War das gut oder schlecht?

Er wusste es nicht. Aber eine Sache wusste er ganz genau: Die Zeit mit Brenna würde garantiert nicht langweilig werden. Natürlich bestand die Gefahr, dass sie ihn wieder auf gefährliches Terrain führte. Doch diesmal würde sie nicht so einfach davonkommen. Diesmal hielt er die Zügel in der Hand.

Brenna hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Statt des direkten Wegs wählte sie die Straße, die am Meer entlangführte. Sie kurbelte die Fenster ihres alten Toyotas herunter und genoss die warme, salzige Luft auf ihrer Haut. Ihr Jackett und ihre High Heels lagen achtlos hingeworfen auf dem Beifahrersitz. Das Radio war zu voller Lautstärke aufgedreht, und Brenna sang ausgelassen einen alten Beach-Boys-Song mit. Ha! Sie kannte jede Textzeile auswendig, obwohl die Schnulze wahrscheinlich aus der Zeit der Dinosaurier stammte.

Sie fühlte sich wild, frei und so ausgelassen wie schon lange nicht mehr. Nur der Sitzgurt hielt sie noch zurück, sonst wäre sie vermutlich einfach abgehoben und losgeflogen. Sie lehnte sich zurück und lachte laut auf vor Glück.

Sie hatte es getan. Sie hatte es wirklich getan.

Klar. Nic hatte nicht Ja gesagt. Noch nicht. Aber ihr Bauchgefühl sagte Brenna, dass er es tun würde. Er hatte ihr zugehört. Und das, obwohl niemand anderes dazu bereit gewesen war. Mehr als diese winzige Chance brauchte sie auch gar nicht. Denn ihr sorgfältig ausgearbeiteter Plan würde Nic auf jeden Fall aus den Socken hauen. Vielleicht sogar aus der Hose.

„Ich hoffe mal, ich bin dabei, wenn das passiert“, murmelte sie. Unwillkürlich musste sie grinsen, als sie sich Nicholas Giovanni unten ohne vorstellte.

Es war fast zehn Jahre her, dass sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. In der Zwischenzeit hätte er zu einem Mann mit Bauchansatz und vielen Falten werden können. Doch weit gefehlt! Bei seinem Anblick war Brennas Körper augenblicklich wieder in Flammen aufgegangen. Und vielleicht, nur ganz vielleicht, hatte sie da vorhin in den Augen von Mr Lover-Lover ebenfalls einen Funken von Begehren erblickt.

Was Sex betraf, waren die letzten Jahre für Brenna die reinste Wüste gewesen. Erst diese endlose, verkorkste Ehe. Dann hatte ihr Widerling von einem Mann sich auch noch urplötzlich aus dem Staub gemacht. Und selbst das letzte unverbindliche Abenteuer lag inzwischen schon neun Monate und elf lange Tage zurück. Kein Wunder also, dass schon der kleinste Hauch männlicher Bewunderung Balsam für ihre dürstende Seele war. Insbesondere wenn diese Bewunderung ausgerechnet von Nic kam.

Natürlich wird nichts zwischen uns laufen, ermahnte Brenna sich. Falls Nic ihrem Plan zustimmte, oder besser gesagt, sobald er ihrem Plan zustimmte, würden sie Geschäftspartner sein. Und sie war auf keinen Fall so dumm, Arbeit und Privatvergnügen zu vermischen. Nicht wenn eine Million Dollar und ihre Zukunft auf dem Spiel standen. Kein Mann war ein solches Risiko wert. Nicht mal der Sexgott Nic Giovanni höchstpersönlich.

Brenna bog in die Einfahrt des Marcelli-Weinguts ein und seufzte. Okay, soweit sie sich erinnerte, war der Sex mit Nic spektakulär gewesen. Einfach unglaublich. Bewusstseinsverändernd. Aber keine Million Dollar wert.

Unruhig rutschte sie auf ihrem Sitz hin und her. Diese ganzen Erinnerungen machten sie irgendwie total … nervös. Wäre sie eine Katze, würde sie sich jetzt wahrscheinlich am nächsten Türrahmen reiben. Dabei war die Sache doch ganz klar: In der nächsten Zeit musste sie jeglichen körperlichen Kontakt zu Nic vermeiden. Dieser Mann war nichts anderes als ihr Kreditgeber. Fertig, aus. Es ging hier nicht um Gefühle. Diesmal ganz bestimmt nicht!

Zum Glück blieb Brenna keine Zeit, weiter über ihren Entschluss nachzudenken, denn inzwischen war sie auf der Hazienda angelangt. Und die Anzahl der Autos, die auf dem Parkplatz standen, ließ nur einen Schluss zu: Die komplette Familie war mal wieder versammelt.

Der Familiensitz der Marcellis war in den späten Zwanzigerjahren erbaut worden. Das Haupthaus bestand aus drei imposanten Stockwerken im spanischen Stil. Als Vorbild hatte Brennas Urgroßvater das Anwesen eines spanischen Adligen aus dem achtzehnten Jahrhundert gedient. Die Fortpflanzung hatte offenbar zu den Hobbys dieses Spaniers gehört, denn er hatte es immerhin auf zehn Kinder gebracht. Entsprechend üppig war nun die Anzahl der Räume, die den Marcellis zur Verfügung standen. Und das ist auch gut so, dachte Brenna, als sie ihren Wagen im Schatten einer alten Eiche parkte. Denn gegenwärtig zählten zu den Bewohnern der Hazienda ihre Großeltern väterlicherseits, die Großeltern mütterlicherseits, ihre eigenen Eltern und sie selbst.

„Peinlich, aber wahr“, murmelte sie, als sie in ihre Schuhe schlüpfte und sich das Jackett überzog. „Du bist siebenundzwanzig Jahre alt und wohnst noch zu Hause.“

Genau genommen war Brenna erst im letzten Frühjahr wieder hier eingezogen, nachdem ihr Mistkerl von Ehemann – ein frischgebackener Kardiologe ohne einen Hauch von Anstand oder Dankbarkeit – sie für ein jüngeres Model verlassen hatte. Natürlich eine ehemalige Cheerleaderin. Jetzt wartete Dr. Egomane nur noch auf den Moment, in dem die Tinte unter den Scheidungspapieren getrocknet war. Denn dann konnte er endlich sein kleines Schminktöpfchen heiraten.

Brenna trauerte ihrem Exmann in spe gewiss nicht nach. Aber ein klein wenig ausgleichende Gerechtigkeit wünschte sie sich doch. Momentan war ihre Lieblingsfantasie, dass er sich eine Geschlechtskrankheit zuzog, die ihn daran hinderte, die Hochzeitsnacht zu genießen. Für immer!

Aber abgesehen von ihren Rachegedanken war es tatsächlich höchste Zeit, sich nach einer eigenen Bleibe umzusehen. Nach einem Zuhause. Auch wenn sie es momentan sehr genoss, von so vielen Menschen umgeben zu sein, die sie liebten.

Über die Hintertreppe gelangte Brenna in die Küche. Wie üblich hatten sich hier sämtliche weibliche Mitglieder des Marcelli-Clans versammelt. Ihre beiden Großmütter waren versunken in den heiligen Kochprozess: Granny M rührte eifrig in einem großen Topf, während Grandma Tessa mit chirurgischer Präzision das Gemüse schnitt. Am Küchentisch saß Brennas Mutter, vor sich einen großen Karton mit Mustern für Hochzeitskarten. Ihr gegenüber standen mit leicht trotziger Miene Katie und Francesca.

Beim Anblick ihrer Schwestern musste Brenna unwillkürlich grinsen. Die beiden wirkten wie zwei Fünfjährige, die man beim Anmalen des Familienhundes erwischt hatte.

„Was?“, fragte Brenna. „Ich war nur zwei Stunden weg. Was ist jetzt schon wieder passiert?“

„Nichts Schlimmes“, antwortete Granny M, auch bekannt als Mary-Margaret O’Shea. „Francesca hat wundervolle Neuigkeiten.“

Brennas Mutter schien nicht ganz so begeistert. „Dabei hatten wir doch gerade ein Datum festgelegt und wollten die Einladungskarten bestellen.“

Aha. Es ging also mal wieder um Hochzeiten.

Neuerdings schien das ja das Lieblingsthema der Marcellis zu sein: Erst hatte sich Mia, Brennas jüngste Schwester, dem Altar bis auf wenige Schritte genähert – nur um dann die ganze Sache abzublasen. Dann hatte Katie sich ausgerechnet mit dem Vater von Mias ehemaligem Objekt der Begierde verlobt. Und in den letzten Monaten hatte Francesca, Brennas Zwillingsschwester, für ein wenig Aufregung gesorgt: Francesca hatte sich in den gut aussehenden Chef einer Security-Firma verliebt. So weit, so normal. Doch kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, hatte Mr Security herausgefunden, dass er eine ihm bisher unbekannte zwölfjährige Tochter besaß. Und Francesca hatte ihrerseits herausgefunden, dass sie schwanger war.

Brenna war die Einzige, die Amors Pfeilen bisher nicht zum Opfer gefallen war. Und das sollte gefälligst auch so bleiben. Ihr Plan war es, jegliches Herzflimmern zu vermeiden und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Ab und zu vielleicht ein klein wenig bedeutungsloser Sex. Aber das war es dann auch schon. Die große Seifenoper der Marcellis konnte gern ohne sie ablaufen. Sie hatte weder die Zeit noch die Energie für so etwas.

Brenna ging zum Küchentisch und schnappte sich auf dem Weg einen frisch gebackenen Keks. Verdammt, warum lagen in diesem Haus auch überall so leckere Dinge herum? Ihr Cholesterinspiegel war in den letzten sechs Monaten bestimmt ins Unermessliche gestiegen.

„Also“, sagte sie und blickte fragend ihre unglaublich schöne und unglaublich dünne Zwillingsschwester an.

Das Leben war einfach nicht fair! Francesca war jetzt im zweiten Monat schwanger. Aber sah sie dick aus? Nein. Nicht mal ansatzweise. Umgekehrt wäre das natürlich anders gewesen. Brenna hatte keinen Zweifel daran: Sollte sie jemals das kuschelige Zuhause einer Spermie werden, würde sie über Nacht zunehmen und einen Bauch wie eine Wassermelone bekommen. Und das wahrscheinlich ab der neunten Woche.

Francesca zuckte mit den Schultern. „Ich weiß, wir haben darüber gesprochen, dass wir noch warten wollen. Wegen des Babys und so. Aber Sam und ich haben unsere Meinung geändert. Und deshalb haben Katie und ich beschlossen, dass es eine Doppelhochzeit wird. Wenn du auch noch heiraten würdest, könnte es sogar eine Tripelhochzeit sein.“

Gleichzeitig stöhnten beide Großmütter vernehmlich auf. Brennas Mutter stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Hände. „Ich werde langsam zu alt für diesen Wahnsinn“, murmelte sie.

„Eine Doppelhochzeit?“ Brenna fand die Idee gar nicht so schlecht. Mal abgesehen von dem Tripel-Quatsch. So weit kam es noch! „Eine Doppelhochzeit spart doch viele Kosten“, sagte sie zu ihrer Mutter, während sie das Jackett über eine Stuhllehne hängte. „Die Gäste müssen nur einmal statt zweimal gefüttert werden.“

„Aber das Kleid!“, Grandma Tessa hielt anklagend das Gemüsemesser in die Luft. „Wir hatten kaum Zeit, ein Kleid für Katie zu machen. Und jetzt auch noch das! Bist du sicher, Francesca, dass du in deiner Verfassung vor den Altar treten willst? Nicht, dass wir uns nicht für dich freuen. Ein hübsches Mädchen wie du braucht einfach einen Ehemann.“

„Genau. Und die hässlichen Mädchen bleiben Single“, murmelte Brenna.

Katie zog eine Grimasse und versuchte, das Kichern zu unterdrücken. „Wir legen den Termin einfach so weit nach hinten, dass wir noch genügend Zeit für die Vorbereitungen haben.“

„Ihr könntet an Thanksgiving heiraten“, schlug Brenna vor und knabberte genüsslich an ihrem Keks. „Das wäre doch ein passendes Datum. Schließlich betet die Familie seit Jahren darum, dass wir endlich unter die Haube kommen. Und zwei von vier Schwestern sind dann ja versorgt. Da kann man dem Herrn doch mal danken.“

Grandma Tessa murmelte etwas, das Brenna nicht genau verstand. Vermutlich würde sie gleich den Rosenkranz herausziehen, um sich auf einen kurzen Perlentrip zu begeben. Aber ihre Großmutter begnügte sich diesmal mit einigen düsteren Blicken.

„Das Thanksgiving-Wochenende würde mir passen“, erwiderte Katie. „Wir könnten am Samstag heiraten.“

Francesca nickte. „Sam ist bestimmt einverstanden. Der genaue Termin ist ihm nicht so wichtig. Und was das Kleid betrifft: Ich will irgendetwas Einfaches, weit Geschnittenes.“

„Da würde ich mir mal gar keine Sorgen machen“, versicherte Brenna ihr. „Du gehörst zu dieser Art von Frauen, die auch im neunten Monat noch eine fantastische Figur haben.“

Ihre Mutter ließ die Hände sinken. „Also, ich weiß nicht. Wir werden Tag und Nacht nähen müssen.“

Es gehörte zur Tradition, dass jede Marcelli-Braut ein Kleid trug, das die weiblichen Familienmitglieder selbst genäht hatten. Theoretisch eine großartige Idee. Nur dauerte das Spitzengeklöppel leider endlos. Brenna konnte das egal sein. Sie musste sich um das Weingut kümmern und war deshalb von der Sklavenarbeit mit der Nadel befreit.

Ihre Mutter griff nach Block und Stift. „Wenn das wirklich eine Doppelhochzeit werden soll, müssen wir jetzt sofort ein paar Listen machen.“

Die drei Schwestern warfen sich heimliche Blicke zu. Wenn ihre Mutter erst mal mit dem Listenmachen loslegte, war im Nu der halbe Tag vorbei. Höchste Zeit, sich zu verdrücken!

„Ich besorge uns mal was zu trinken“, sagte Brenna und ging eilig in Richtung Vorratskammer.

Francesca trat einen Schritt zur Seite. „Schokolade wäre auch gut.“

Katie bewegte sich unauffällig in die Gegenrichtung. „Cracker und Käse oder Kekse?“

„Kekse“, antworteten Francesca und Brenna im Chor.

Kopfschüttelnd betrachtete ihre Mutter sie. „Ihr geht nirgendwohin, meine Damen. Wir müssen zwei Hochzeiten planen.“

Katie schnappte sich ein Blech mit Keksen von der Arbeitsplatte, gab Granny M und Grandma Tessa einen Kuss und eilte aus dem Raum.

„Ich hab dich lieb, Mom“, rief sie mit einem letzten Blick über die Schulter.

Francesca folgte ihr auf dem Fuß.

Brenna nahm sich eine Flasche Wein, den Korkenzieher und zwei Gläser. Dann öffnete sie den Kühlschrank. Wie zu erwarten, stand dort ein Krug mit gekühlter Schokomilch. Die Grannies waren sehr trickreich, wenn es darum ging, Francesca genug Kalzium zuzuführen.

„Ihr denkt wirklich an alles“, sagte Brenna, während sie die Kühlschranktür mit dem Ellbogen schloss.

Ihre Mutter warf ihr einen düsteren Blick zu. „Wir müssen Pläne schmieden.“

„Das tun wir doch auch. Später. Mach dir keine Sorgen, Mom“, meinte Brenna aufmunternd. „Wir kriegen das alles schon rechtzeitig hin.“

„Du erlaubst, dass ich da meine Zweifel habe. Und jetzt trinkt ihr auch noch am helllichten Tag Wein.“

„Wir haben ja auch was zu feiern.“

Der Blick ihrer Mutter hatte plötzlich Radarqualität. „Du bist ja so fröhlich heute, Schatz. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?“

Brenna hatte nicht die Absicht, von ihrem Deal mit Nic zu erzählen. Jedenfalls nicht ihren Eltern. Natürlich würden die beiden verstehen, dass ihre Tochter gern unabhängig sein wollte. Aber trotzdem würden sie in einen Zwiespalt geraten. Denn das Familienoberhaupt der Marcellis war nach wie vor Brennas Großvater. Und der würde ganz bestimmt nicht erfreut sein. War die Katze erst mal aus dem Sack, mussten sich ihre Eltern wahrscheinlich für eine der beiden Seiten entscheiden. Also behielt Brenna die Neuigkeiten lieber für sich.

Sie lächelte ihrer Mutter zu, während sie sich möglichst unauffällig in Richtung Tür bewegte. „Zwei meiner Schwestern werden wundervolle Männer heiraten. Wenn das kein Grund zur Freude ist …“

„Brenna, ich bin deine Mutter. Was ist los mit dir?“

„Nichts. Wirklich gar nichts. Heiliges Indianerehrenwort.“ Grandma Tessa warf ihr einen scharfen Blick zu. „Lügner holt der Teufel. Genau wie Diebe. Der Herr sieht alles, junge Dame.“

„Ich werde es mir merken“, erwiderte Brenna treuherzig. Dann drehte sie sich um und eilte mit ihrer Beute die Treppe hinauf.

2. KAPITEL

Brenna wusste sofort, wohin Katie und Francesca sich verzogen hatten. Sie öffnete die Tür zu dem Zimmer, das sie und ihre Zwillingsschwester früher miteinander geteilt hatten. Seit der Rückkehr auf die Hazienda hatte sie ihr ehemaliges Reich für sich. Es sei denn, der Rat der Schwestern tagte mal wieder.

Vorsichtig stellte sie den Wein und die Gläser auf dem Nachtschränkchen ab und reichte die Schokomilch Francesca. Während Brenna sich mit dem Korkenzieher ans Werk machte, ließ ihre Zwillingsschwester sich seufzend auf dem einen Bett nieder. Auf dem anderen hatte Katie es sich bereits gemütlich gemacht.

„Wir sollten uns beeilen. Die lassen uns wahrscheinlich nicht lange in Ruhe“, sagte Katie und griff nach dem Glas Cabernet, das Brenna ihr reichte. „Mom hat schon recht. Es gibt noch ziemlich viel zu tun für die Hochzeit.“

„Hört, hört. Hier spricht Miss Organisationstalent persönlich“, gab Brenna zurück. Sie schenkte sich ebenfalls ein Glas Wein ein und erhob es zu einem Toast. „Auf meine beiden Schwestern und ihre Doppelhochzeit!“

Als keine Reaktion erfolgte, sah sie sich verblüfft um. Katie beobachtete sie scharf, während Francesca eher besorgt wirkte.

„Was?“, fragte Brenna, während sie aus ihren Schuhen schlüpfte und sich auf die Matratze sinken ließ. „Ihr schaut mich so komisch an, und das macht mich ganz nervös.“

„Kein Grund, nervös zu sein. Es ist nur …“ Francesca richtete sich auf und beugte sich zu ihr hinüber. „Ich mache mir Sorgen um dich. Wir machen uns Sorgen um dich.“

„Weil ich mitten am Tag Wein trinke? Das ist echt eine Ausnahme. Normalerweise habe ich so viel zu tun, dass ich es nicht mal schaffe, zu Mittag zu essen. Hätte nie gedacht, dass ausgerechnet ich das mal sagen würde. Na ja, wie auch immer. Jedenfalls nehme ich trotzdem nicht ab, weil die Grannies mich am Abend immer so mästen.“ Sie tätschelte sich den Bauch. „Wahrscheinlich muss ich mich mal ernsthaft ans Kalorienzählen machen.“

Ihre beiden Schwestern tauschten wissende Blicke, was Brenna genervt aufseufzen ließ. „Ich hasse es, wenn ihr hinter meinem Rücken über mich sprecht.“

„Haben wir gar nicht“, verteidigte sich Katie. Aber während sie sprach, zupfte sie an einer Strähne ihres rotbraunen Haars und biss sich dann auf die Unterlippe. Ein sicheres Zeichen, dass sie gerade log.

Francesca zuckte mit den Schultern. „Wir sind nur ein klein wenig besorgt.“

„Wieso das denn?“

„Weil wir heiraten werden.“

Brenna nahm einen Schluck von ihrem Cabernet. Im vorletzten Jahr war die Ernte ziemlich mies gewesen. Aber dieser kalifornische Wein des letzten Jahres war wesentlich besser. Die Kekse auf dem Teller schienen ihr verführerisch zuzuzwinkern. Brenna war kurz versucht, aber wahrscheinlich war es besser, erst mal die Sache mit ihren Schwestern hinter sich zu bringen.

„Es mag euch erstaunen, aber die doppelte Brautschau hat mich bisher noch nicht um den Schlaf gebracht“, erwiderte sie. Die Chardonnay-Ernte kann jeden Moment beginnen. Deshalb ist es mir leider nicht möglich, am großen Nähmarathon teilzunehmen. Aber im Geiste werde ich natürlich immer bei euch sein.“

„Ums Kleid geht’s doch gar nicht“, sagte Katie und sah Hilfe suchend zu Francesca. „Erklär du’s ihr.“

Francesca nahm einen Schluck Schokomilch und seufzte. „Wie soll ich es sagen? Wir wollen natürlich nicht deine Gefühle verletzen.“

Herzlichen Dank! Brenna freute sich sehr über so viel schwesterliches Mitgefühl. Nur leider wusste sie überhaupt nicht, wovon die beiden sprachen. „Sagt ihr mir gerade, dass ich nicht zu eurer Hochzeit kommen soll?“

„Natürlich nicht“, kam unisono die empörte Antwort.

„Und weshalb habt ihr dann Angst, mir wehzutun?“

„Du hast ja gerade niemanden, mit dem du dich triffst.“

Die Sache wurde immer mysteriöser. Brenna beschloss, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, sich selbst zu kasteien, und griff nach einem Keks. „Wenn ihr denkt, dass ich deprimiert bin, weil ich ohne einen Mann zur Hochzeit kommen werde, kann ich euch versichern: Ihr irrt euch!“ Um Männer konnte sie sich gerade überhaupt keine Gedanken machen. Na ja. Es sei denn, diese Männer hatten eine Million Dollar zu verleihen. Das war natürlich eine ganz andere Sache.

Katie schüttelte den Kopf. „Francesca, jetzt ist nicht der Moment für komischen Psycho-Talk. Sag es ihr einfach.“ Aber bevor ihre Schwester auch nur den Mund öffnen konnte, legte Katie selbst schon los: „Francesca und ich machen uns Sorgen, weil wir endlich so wundervolle Männer gefunden haben und weil dieser Bastard, mit dem du verheiratet warst, jetzt eine andere hat und weil du immer nur mit deinem Wein beschäftigt bist und unser komischer neuer Bruder vielleicht alles erben wird. Und was soll dann aus dir werden? Das alles macht uns eben Angst – dass wir glücklich sind und du vielleicht ganz unglücklich.“ Sie holte tief Luft.

Brenna biss in ihren Keks. „Beeindruckendes Lungenvolumen“, murmelte sie, den Mund voller Krümel, und schluckte dann. „Mir geht’s gut.“

Keine ihrer Schwestern wirkte überzeugt. Brenna ließ den Blick zwischen den zwei Nervensägen hin- und herwandern. Beiden konnte man die irisch-italienischen Vorfahren klar ansehen. Katie hielt es mehr mit den Iren, hatte rötlich-braune Haare und einen blassen Teint. Francesca dagegen hatte sich auf beiden Seiten bedient: Ihre dunklen Haare stammten von den Marcellis. Und den beneidenswert schlanken Körper hatte sie eindeutig den O’Sheas zu verdanken. Bei Brenna selbst hatten die römischen Götter voll zugeschlagen: dunkle Haare, braune Augen und ein, nun ja, eher kurvenreicher Körper.

Und dann gab es da noch Mia. Beim Gedanken an die gebleichten Haare und das dramatische Make-up ihrer jüngsten Schwester musste Brenna unwillkürlich grinsen. Vor dieser Frau war kein Mascara jemals sicher. Mia glich nichts und niemand. Sie war einfach sie selbst.

Schon immer waren Brennas Schwestern ihre besten Freundinnen gewesen. Egal, was passierte, sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Und das würde hoffentlich auch in Zukunft so bleiben.

„Es geht hier um euch“, sagte Brenna zu Katie und Francesca. „Kein Grund, sich um mich Sorgen zu machen! Mir geht’s gut. Sehr gut sogar.“

Auch das schien die beiden nicht zu überzeugen. Puh. Brenna hatte eigentlich nicht vorgehabt, irgendjemandem von ihren Plänen zu erzählen, bevor die ganze Sache in trockenen Tüchern war. Aber vielleicht musste sie jetzt doch mit der Wahrheit rausrücken. Sonst glaubten ihre Schwestern womöglich noch, sie müsse ihre Sorgen in einer Kiste Marcelli-Wein ertränken. Und das würde die beiden Bräute nur um ihren Schönheitsschlaf bringen.

Francesca sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Verheimlichst du uns irgendwas?“

„Eine ganze Menge.“

Brenna stellte ihr Weinglas ab und stand auf. Sie ging zu ihrem Schrank, griff sich eine Jeans und ein T-Shirt und begann sich umzuziehen.

Während sie den Rock abstreifte, sagte sie: „Ich war heute bei Nic Giovanni und habe ihn um ein Darlehen gebeten. Sieht so aus, als würde er mir das Geld geben.“

Sie zog das T-Shirt über den Kopf, strich sich die schulterlangen Haare zurück und drehte sich um. Fassungslos starrten ihre Schwestern sie an. Der Anblick ihrer offenen Münder und der weit aufgerissenen Augen war ziemlich komisch.

„Im Ernst?“, stieß Francesca hervor. „Du bist zu Nic gegangen und hast ihn um ein Darlehen gebeten? Für deinen eigenen Wein?“

Katie hielt ihr Glas mit beiden Händen umklammert. „Um wie viel hast du ihn gebeten? Wohl kaum um den Betrag, den du neulich erwähnt hast. Das wäre ja Wahns…“

„Eine Million Dollar“, antwortete Brenna grinsend und schlüpfte in ihre Jeans. „Oder eine siebenstellige Summe, wie wir Geschäftsleute so sagen.“

„Quatsch!“

Francesca klang völlig entsetzt. Katie murmelte etwas vor sich hin, das Brenna nicht genau verstand. Umso besser! Ihre ach so vernünftige Schwester war bestimmt schon dabei, alles durchzukalkulieren und sich einen Notfallplan auszudenken, falls Brenna versagen sollte. Was sie natürlich nicht tun würde.

Sie hängte ihr Kostüm in den Schrank und ließ sich zurück aufs Bett fallen. „Zu Nic zu gehen war kein spontaner Einfall. Ich habe alles genau durchdacht. Das war die einzige Möglichkeit, die mir noch blieb. Die Banken geben mir einfach kein Geld. Zumindest nicht ohne die Unterstützung von Grandpa Lorenzo. Sobald ich ohne ihn aufkreuze, denken sie, dass da was faul ist. Und selbst wenn es klappen würde, wäre die Sache ziemlich schwierig. Ich habe einfach keine Sicherheiten. Das Land, das ich kaufen werde, könnte man natürlich verpfänden. Aber sonst habe ich keinen Cent. Und das wird sich nach der Scheidung von Jeff leider auch nicht ändern.“

Ihre Schwestern wirkten leicht benommen. Erste Anzeichen von Panik machten sich auf ihren Gesichtern breit.

„Und was ist mit Unterhalt? Jeff muss doch bestimmt zahlen?“

„Viel zu wenig.“ Brenna schüttelte den Kopf. Klar, ihr zukünftiger Exmann würde ihr jeden Monat Geld überweisen müssen. Geschah dem undankbaren Mistkerl ganz recht, nachdem sie ihm das verdammte Medizinstudium finanziert hatte. Aber das Geld würde nicht reichen. Nicht für eine eigene Weinproduktion. Falls Nic zu seinem Wort stand – schnell überkreuzte sie Zeige- und Mittelfinger –, konnte sie mit dem Unterhaltsgeld gerade mal die Zinsen zurückzahlen.

„Das funktioniert. Ihr werdet schon sehen“, versicherte sie ihren Schwestern.

„Nic Giovanni.“ Kates Stimme war plötzlich leicht belegt. „Du bist einfach zu ihm gegangen und hast ihn um ein Darlehen gebeten? Du kennst ihn doch noch nicht mal. Wieso glaubst du, dass er da mitmacht?“

Brenna griff nach ihrem Weinglas und räusperte sich. „Er ist ein Mann, der gern Risiken eingeht. Vor einigen Jahren hat er sich schon mal an der Neugründung eines Weinguts beteiligt. Ich habe damals davon gelesen. Und jetzt ist es mir wieder eingefallen.“

Und dass sie Nic nicht kannte … Tja, dazu wollte sie sich lieber nicht äußern. Zehn Jahre zuvor hatte sie ihn ziemlich gut kennengelernt. Aber davon wussten ihre Schwestern nichts. Ihre Gefühle für Nic hatte Brenna gut verborgen.

Am Anfang hatte sie geschwiegen, weil sie davon ausgegangen war, dass Nic nur eine kurze Affäre wollte. Dann war ihre Beziehung ernster geworden. Aber Brenna gefiel der Gedanke, dass Nic und sie ein Geheimnis hatten. Also hatte sie weiter geschwiegen. Und als dann das schreckliche Ende kam, war sie einfach viel zu beschämt gewesen, um mit irgendjemandem darüber zu reden.

„Eine Million Dollar ist verdammt viel Geld“, sagte Francesca. „Was machst du, wenn es nicht klappt? Wenn irgendetwas total schiefgeht?“

Brenna zuckte mit den Schultern. „Dann mache ich wahrscheinlich ein ziemlich dummes Gesicht.“

„Mit Schulden von einer Million Dollar.“

„Das ist mir egal. Ich muss es einfach versuchen. Klar, die ganze Sache kann völlig in die Hose gehen. Aber trotzdem wäre es schlimmer, einfach nichts zu tun. Und überlegt mal – selbst wenn Grandpa Marcelli Wines verkauft oder unserem merkwürdigen neuen Bruder vermacht: Wir werden ja immer noch etwas erben. Natürlich nicht eine Million Dollar. Aber einen Teil meiner Schulden werde ich schon abbezahlen können.“

„Dann warte doch“, erwiderte Katie. „Warte, bis wir das Geld wirklich haben. Und dann kannst du loslegen.“

Brenna schüttelte den Kopf. „Jetzt ist der richtige Moment. Das spüre ich einfach. Diese zwei Hektar Land, die ich gefunden habe, werden nicht ewig zum Verkauf stehen. Außerdem gibt es da draußen schon ein paar Wagenladungen Pinot Noir und Chardonnay-Trauben mit meinem Namen drauf. Ich weiß genau, wie ich daraus eine perfekte Cuvée machen kann. Und sowieso: Ich habe die letzten zehn Jahre beinah ausschließlich mit Warten verbracht. Und jetzt möchte ich endlich etwas tun.“

„Und was machst du, wenn Nic dir das Geld nicht leiht?“, fragte Francesca.

Darüber wollte Brenna lieber nicht nachdenken. Aber es konnte natürlich passieren. „Dann muss ich eben doch noch warten. Aber ich glaube einfach nicht, dass die Sache schiefgeht. Macht euch nicht solche Sorgen! Ich habe einen perfekt ausgearbeiteten Plan. Ich kenne mich mit Wein aus und habe kein Problem damit, vierundzwanzig Stunden am Tag zu schuften. Vertraut mir einfach, ich schaffe das schon!“

Ihre Schwestern wechselten einen letzten Blick und sahen dann Brenna an.

„Dann mal los!“ Francesca hob ihre Schokomilch zu einem Toast. „Du machst das schon. Und wenn du Hilfe brauchst, sag mir einfach Bescheid.“

„Das werde ich.“

Katie nahm sich ein Stück Schokolade und ließ es genießerisch auf der Zunge zergehen. „Und wie war er nun, unser böser, böser Nachbar? Ich habe ihn ewig nicht mehr gesehen. Aber ich erinnere mich noch gut an das letzte Mal. Bei seinem Anblick hat mein Herz einen kleinen Salto gemacht.“

Francesca grinste. „Genau. Ich habe ihn irgendwann im Frühjahr mal in der Stadt getroffen. Er kam gerade aus dem Feinkostladen. In so einer schwarzen Lederjacke und mit Sonnenbrille. Hielt mir die Tür auf und lächelte mich an. Und ich stand da mit heruntergeklapptem Unterkiefer, bis er irgendwann auf seinem Motorrad davongefahren ist.“

Brenna verdrehte die Augen. „Ihr zwei seid doch echt jämmerlich.“

„Komm schon“, entgegnete Katie. „Als ob du nie von Nic Giovanni geträumt hättest. Keine Frau kann sich ihm auf hundert Schritte nähern, ohne an Sex zu denken. Jedenfalls habe ich nie von so einer Frau gehört. Ich glaube keine Sekunde lang, dass du völlig immun gegen seine Ausstrahlung bist.“

Treffer versenkt. „Er sieht ganz gut aus“, gab Brenna zu.

„Uhhh.“ Francesca zog die Augenbrauen hoch. „Wenn das mal nicht die Untertreibung des Jahrhunderts ist. Ein großer, dunkelhaariger, geheimnisvoller Mann, der schätzungsweise genau weiß, was er im Bett tut. Was willst du denn noch, Brenna?“

„Ich dachte, du liebst Sam heiß und innig.“

„Tue ich auch.“ Francesca wirkte kein bisschen beschämt. „Aber ich bin eine Frau. Und beim Anblick von Nic Giovanni geraten meine Hormone eben in Wallung. Katie und Mia geht es genauso. Und dir bestimmt auch. Du gibst es nur nicht zu. Warum eigentlich nicht, Brenna?“

Wallende Hormone. Ob das die richtige Beschreibung für ihren Zustand war?

Katie kuschelte sich in die Kissen. „Also los, Brenna. Gibt es da nicht die eine oder andere Nic-Fantasie, die du mit uns teilen möchtest?“

„Na klar. Dass er mir eine Million Dollar leiht.“

„Vielleicht etwas Interessanteres?“

Brenna nippte an ihrem Wein. Etwas Interessanteres? Das konnten sie haben.

„Nic war der erste Mann, mit dem ich geschlafen habe.“

Im Zimmer herrschte plötzlich Totenstille. Francesca saß reglos da, das Glas mit der Schokomilch halb erhoben. Katie hatte die Hand nach dem Keksteller ausgestreckt. Doch irgendwie schien sie die Kekse ganz vergessen zu haben. Brenna fühlte sich, als hätte sie den Pausenknopf bei einer DVD gedrückt.

Francesca fand zuerst die Sprache wieder. „Nic? Nic Giovanni? Nic, unser Nachbar, der Urenkel des verhassten Salvatore? Und ihr beide habt Romeo und Julia gespielt?“

„Mhhh.“

„Mit ihm geschlafen?“, fragte Katie. „Im Sinne von … Sex?“

„Mhhh.“

„Und du hast nie etwas gesagt?“ Jetzt klang Katie wirklich beleidigt. „Ich bin deine Schwester!“

„Hey, ich bin ihre Zwillingsschwester. Mir hat sie auch kein Sterbenswörtchen verraten.“

Brenna lehnte sich auf dem Bett zurück. „Da gab es nicht so viel zu erzählen.“

Sie duckte sich, als Francesca ein Kissen nach ihr warf.

„Erzähl es uns“, befahl ihre Zwillingsschwester. „Fang ganz von vorne an. Und versuch bloß nicht, irgendwelche interessanten Details auszulassen!“

„Besonders den Sex nicht“, fügte Katie hinzu. „Du hast mit ihm geschlafen? Ich kann es einfach nicht glauben. Weißt du noch? Damals auf der Highschool haben wir alle drei davon geträumt, Sex mit ihm zu haben. Und du hast es einfach getan. Wie kann das sein?“

„Weiß ich auch nicht so genau. Es ist einfach passiert.“

Brenna stellte ihr Weinglas auf das Nachtschränkchen, zog die Knie an den Oberkörper und umfasste sie mit den Händen. So viel Zeit war vergangen. Und trotzdem war es ganz schön schwierig, diese Geschichte zu erzählen. Nicht weil sie sich nicht erinnerte oder weil es so eine große Sache war. Aber sie hatte sich einfach daran gewöhnt, alles für sich zu behalten.

Andererseits: Die Sache war zehn Jahre her. Warum sollte sie den Menschen, die sie am allermeisten auf der Welt liebte, nichts davon erzählen?

„Es fing an, als ich siebzehn war und Nic zwanzig. Ich wusste natürlich, wer er war und all das, aber wir hatten noch nie wirklich miteinander gesprochen. Er hat mich erwischt, als ich auf dem Gelände von Wild Sea rumschlich. Der Wein war noch in den Fässern. Aber mir war klar, dass sie ihn bald in Flaschen abfüllen würden. Also wollte ich vorher noch mal rausfinden, was es mit den verhassten Giovannis und ihrem ach so großen Erfolg auf sich hatte.“

Francesca sah sie schockiert an. „Du hast dich da echt reingeschlichen?“

„Ja. Durch den Hintereingang. Das ging ganz einfach. Jedenfalls hat Nic mich dann erwischt, als ich gerade einen ihrer Cabernets probierte.“

Das war zehn Jahre zuvor gewesen. Und noch immer konnte sich Brenna an jedes Detail erinnern. An den intensiven Geschmack des Weins auf der Zunge. Die Hitze des Sommer-nachmittags. Und ihre Panik, als sie plötzlich jemand am Arm gepackt hatte. Sie hatte sich umgedreht und plötzlich Nic gegenübergestanden. Und bevor sie auch nur die kleinste Chance hatte, sich irgendwie aus der Sache rauszureden, versank sie schon in seinen unglaublich braunen Augen.

Die Welt um sie herum hatte stillgestanden, und sie hatte jede Einzelheit registriert. Seine Größe. Die Art, wie er seine Haare zurückgekämmt hatte. Die einzelne Locke, die ihm in die Stirn fiel. Die Stoppeln auf seinem Kinn und die Staubkörner, die im Sonnenlicht tanzten. Draußen sangen die Vögel. Und von irgendwoher erklangen gedämpfte Stimmen einer Unterhaltung.

„Und war er wütend?“, unterbrach Francesca ihre Gedanken.

„Eher neugierig. Ich habe ihm einfach die Wahrheit gesagt: dass ich nichts Böses will. Und warum ich mich bei Wild Sea eingeschlichen habe.“ Sie erinnerte sich daran, wie Nic mit aller Macht versucht hatte, sich das Lachen zu verkneifen. Ihre forsche Art hatte ihn offenbar sehr amüsiert. „Ich hatte gerade zwei Goldmedaillen für meine Weine gewonnen und war ziemlich von mir selbst überzeugt. Also habe ich ihm gleich auch noch erklärt, dass es Quatsch ist, neue Eichenfässer zu benutzen. Weil das Vanillearoma dadurch einfach zu stark wird. In einem Chardonnay ist das natürlich großartig. Aber doch nicht in einem Cabernet Reserve. So ein Wein muss ganz leicht nach Beeren und Schokolade schmecken. Vielleicht auch noch ein klein wenig nach Pflaume und …“

Sie hielt inne und blickte ihre Schwestern an. Katie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen, und Francesca war auf dem Bett zusammengesunken.

„Was ist?“

Katie ließ die Hände sinken. „Das mag für dich vielleicht komisch klingen. Aber der Wein ist nicht das Spannende an dieser Geschichte. Komm endlich zur Sache, Brenna. Zu der Sache mit Nic.“

„Banausen“, murmelte Brenna. Für sie gehörten Nic und der Wein einfach zusammen. Dachte sie an den einen, dachte sie auch an den anderen. Aber das würden ihre Schwestern wohl kaum verstehen.

„Also: Statt mich rauszuschmeißen, hat Nic mich seine Weine probieren lassen. Ich habe ihm dann zu jedem meine Meinung gesagt. Manchmal waren wir uns einig. Manchmal nicht. Wobei ich natürlich immer recht hatte.“

„Natürlich“, erwiderte Francesca lachend.

Brenna grinste. „Wir haben den restlichen Tag zusammen verbracht. Und irgendwie gab es immer neue Gesprächsthemen. Klar, ich wusste schon, dass er ziemlich süß ist und all das. Aber damals war mir der Wein viel wichtiger als jeder Mann. Wahrscheinlich ist das immer noch so.“

Katie griff nach ihrem Glas. „Du brauchst ganz dringend eine Therapie. So viel ist klar.“

„Vielleicht gibt mir Francesca ja eine Ermäßigung.“

Ihre Zwillingsschwester schüttelte den Kopf. „Ich behandle keine Familienmitglieder. Das wäre auch gar nicht zulässig. Aber zurück zu Nic. Wie ging es weiter? Ihr habt den Tag zusammen verbracht. Es war großartig. Und dann?“

„Einige Tage später war ich draußen im Weinberg. Plötzlich ist er auch aufgetaucht. Dann haben wir wieder stundenlang geredet. Ich habe einen Sonnenbrand bekommen, weil wir so lange geblieben sind. Und am Ende haben wir uns verabredet.“

Brenna erinnerte sich noch genau an diesen märchenhaften Sommer. Wenn Nic da war, war der Himmel mit einem Mal blauer und der Salzgeschmack des Meers intensiver. Sie lachte öfter, schlief ruhiger, und das Atmen fiel ihr plötzlich leichter.

„Wir wurden Freunde“, fuhr sie zögerlich fort. Es war gut, ihren Schwestern von der Sache zu erzählen. Aber je mehr sie erzählte, desto mehr wurde sie von der Vergangenheit eingeholt. Und das war gefährlich. „Wir sind auf seinem Motorrad an den Strand gefahren und haben gepicknickt, wir …“

„Du bist auf seinem Motorrad gefahren?“ Francesca klang entrüstet. „Das ist so unfair! Genau das wollte ich auch immer.“

„Wenn ich Nic das nächste Mal treffe, werde ich es ihm ausrichten, versprochen.“

Francesca verdrehte die Augen. „Das war damals. Ein Teenagertraum. Außerdem hat er dieses Motorrad wahrscheinlich gar nicht mehr.“

„Vielleicht ist es jetzt ein anderes Model, aber ein Motorrad hat er immer noch“, entgegnete Brenna. „Ich habe ihn vor Kurzem damit gesehen.“ Dass bei diesem Anblick ihr Blut zu kochen begonnen hatte und ihre Kehle wie ausgedörrt gewesen war, erwähnte sie lieber nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass Nic in seiner schwarzen Lederjacke unzählige Erinnerungen in ihr hervorgerufen hatte. Mit siebzehn in Nicholas Giovanni verschossen zu sein ging ja gerade noch. Mit siebenundzwanzig war es dagegen einfach nur noch peinlich.

„Also. Wie ging es weiter?“, drängelte Katie. „Ihr hängt zusammen rum. Und dann?“

„Es ging so weiter, dass er mich eines Tages geküsst hat. Das hat mich echt total überrascht. Ich habe zwar für ihn geschwärmt, aber eigentlich dachte ich, er hält mich für ein Kind, einfach irgendein kleines Mädchen.“

Nic hatte immer wieder mal erwähnt, dass sie ja noch ein Küken war. Und sie hatte ihn empört darauf hingewiesen, dass drei Jahre kaum einen Unterschied machten. Besonders dann nicht, wenn man erst mal älter wurde.

„Er kann gut küssen, oder?“, bohrte Katie nach.

„Nicht schlecht.“

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