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Im Netz der Gefahr

Als Nikki im Krankenhaus erwacht, kann sie sich nur noch daran erinnern, dass sie im Dschungel vor einem Mann geflohen ist. Jetzt sitzt der attraktive Trent McKenzie an ihrem Bett. War er hinter ihr her? Eins weiß sie aber sicher: Sein Kuss fühlt sich teuflisch gut an. Doch bevor sie ihrem Verlangen nachgeben darf, muss sie herausfinden, welche Rolle Trent in diesem gefährlichen Spiel spielt …


  • Erscheinungstag: 01.01.2015
  • Seitenanzahl: 200
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956493867
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lisa Jackson

Im Netz der Gefahr

Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Hartmann

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

A Husband To Remember

Copyright © 1993 by Susan Crose

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Autorenfoto: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN eBook 978-3-95649-386-7

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

PROLOG

Dampfschwaden stiegen von dem Dschungelboden auf. Die Erde roch nach Feuchtigkeit, obwohl die sengende Tropensonne erbarmungslos das dichte Laubdach durchdrang. Ihre Lungen brannten, ihre Wadenmuskeln schmerzten, und sie schluckte die Angst herunter, die sie höher und höher hinauf in das Hügelland der Insel trieb. Über ihr eigenes schweres Atmen hinweg hörte sie die Brandung tief unterhalb der Klippen ans Ufer donnern, doch sie lief immer weiter und horchte angestrengt auf etwaige Geräusche ihres Verfolgers.

Gott, hilf mir, bitte. Ihre Beine waren zerkratzt von Ranken und Dornen, in ihren Sandalen stolperte sie über frei liegende Wurzeln und Steine. Sie kletterte den überwucherten Pfad hinauf und hoffte, sich auf der Hügelkuppe, hoch über dem Meer, verstecken zu können oder auf eine Weggabelung zu stoßen, die ihr zumindest die Chance eines Entkommens bot.

Pare!“, befahl eine tiefe Stimme. „Bleib stehen!“

Er war dicht hinter ihr, viel zu dicht!

Dama! Por favor! Pare!

Panik erfasste sie. Der Weg führte hinaus aus dem dichten Wald, und sie fand sich auf den felsigen Klippen wieder. Die Sonne schien strahlend hell, das Wasser reflektierte das Licht und blendete sie beinahe. Sie hielt sich im Schatten der Bäume und rannte weiter aufwärts, nach Norden, fort von der Stadt.

Das nackte Entsetzen trieb sie vorwärts. Der Schweiß strömte ihr übers Gesicht; ihr Atem ging laut – zu laut. Ihr Herz raste, als sie die schmutzig-grauen, langsam verfallenden Mauern der alten Missionsstation erblickte. Die Mission war zwar seit Jahren verlassen, stellte jedoch ihre einzige Hoffnung dar. Immerhin bestand die geringe Chance, dass sie dort auf jemanden traf, vielleicht einen Touristen oder Einheimischen, der ihr helfen konnte.

Sie begann den Aufstieg auf den letzten Hügel. Um nicht zu schreien, biss sie sich auf die Lippe und preschte den Weg längs der Klippen entlang. Ihre Füße traten Kiesel los, die herabfielen in die wütende weiße Gischt, die tief unten gegen das felsige Ufer donnerte.

Nur noch ein paar Meter.

Es sei denn, dort ist niemand.

Es sei denn, mein Verfolger hält dort schon jemanden bereit, der mich in Empfang nimmt.

Hinter ihr hastete der Mann den Pfad hinauf und kam immer näher. Schneller! Lauf! Lauf!

Tränen brannten in ihren Augen, aber sie rannte weiter, hörte ihn laut atmen und hoffte, dass er nicht bewaffnet war.

„Bleib stehen!“, brüllte er noch einmal. So nah. So verdammt nah.

Eine riesige Hand packte sie an der Schulter, und sie verlor den Halt. Ihr Fuß knickte um, und sie schrie auf. Im Fallen versuchte sie, sich an vertrockneten Grasbüscheln und spitzen Steinen festzukrallen, doch ihre Finger griffen ins Leere. Ihr Körper stürzte über den Rand der Klippe und schwebte hoch über dem felsigen Strand.

Sie wollte schreien, aber schon umfing sie Dunkelheit.

1. KAPITEL

Stimmen, weit entfernt, wirr, lockend, hallten von irgendwoher aus der Dunkelheit, außer Reichweite.

„Wachen Sie jetzt auf“, sagte eine Frau mit starkem Akzent auf Englisch. „Dios, Sie haben genug geschlafen. Señora, hören Sie mich?“

Sie wollte antworten, konnte allerdings nicht, obwohl die Stimme inzwischen vertraut und freundlich klang, eine der Stimmen, die sie in den Momenten, wenn sie bei Bewusstsein gewesen war, gehört hatte. Sie hatte in der Dunkelheit oft viele Stimmen wahrgenommen und wusste, dass sie freundlich waren. Auf diese Stimmen konnte sie sich verlassen, sie würden ihr helfen – im Gegensatz zu den Stimmen in ihren Träumen, Stimmen, die sie in stummem Entsetzen schreien ließen, während vor ihrem inneren Auge immer und immer wieder die Hetzjagd durch den Dschungel ablief.

Wenn sie doch nur die Augen öffnen könnte.

Señora – hören Sie mich? Señora?“ Die Krankenschwester versuchte wieder, mit ihr zu reden. „Ihr Mann … er ist hier. Wartet darauf, dass Sie aufwachen.“

Mein Mann. Aber ich habe keinen Mann …

Sie schluckte. Herrgott, hatte sie Sand in der Kehle? Und dieser Geschmack in ihrem Mund – eklig und bitter. Metallisch. Ihr Magen brannte. Für einen Moment gelang es ihr, die Lider zu heben. Licht drang in die zugeschwollenen Augenschlitze, was eine Explosion von Schmerzen in ihrem Gehirn auslöste. Sekundenlang sah sie eine korpulente Frau, die sich über sie beugte – eine Frau in Weiß, mit großen Brüsten, besorgter Miene, dunkler Haut und schwarzem Haar, das unter einem gestärkten weißen Schwesternhäubchen zu einem festen Knoten geschlungen war.

Kluge braune Augen blickten sie an, und die Schwester setzte zu einem Redeschwall auf Spanisch an, den sie nicht annähernd verstand. Wo war sie? In einem Krankenhaus vermutlich, aber wo?

Sie konnte sich nicht konzentrieren, konnte den Namen auf dem Schildchen auf dem mächtigen Busen der Frau nicht lesen. „Der Arzt, er ist auf dem Weg hierher, und Ihr Mann, wir haben ihm gesagt, dass Sie aufwachen.“

Ich bin nicht verheiratet, wollte sie erwiderten, konnte die Worte jedoch nicht formen, und wieder überrollte sie eine Woge von Dunkelheit.

„O nein … sie fällt wieder in …“ Die Schwester wechselte erneut ins Spanische und bellte Anweisungen.

Die Dunkelheit war friedvoll und ruhig und kühl.

„Wir verlieren sie wieder!“, rief die Stimme der stämmigen Schwester aus der Finsternis. „Señora! Señora! Wachen Sie auf. Wachen Sie einfach wieder auf!“ Sie spürte kräftige Finger an ihrem Handgelenk, die sich rasch bewegten und versuchten, sie zurück ins Bewusstsein zu holen, doch das Fallen hatte begonnen, und sie schwebte stetig der schwarzen Leere entgegen, dankbar für die Erleichterung, die sie brachte.

„Nikki!“, sprach eine Männerstimme sie an, doch es war zu spät.

Nikki?

„Ihre Frau, sie wacht bald auf“, erklärte die Krankenschwester.

Ich bin mit niemandem verheiratet. Ich bin … Panik erfasste sie, als sie nach einem Namen suchte, nach einer Erinnerung, nach irgendetwas, was sie noch wusste. Aber da war nichts.

„Nikki, bitte. Wach auf.“ Erneut der Ehemann. Ehemann? Ihre Lider flatterten sekundenlang, und ihr Blick fiel auf ein sehr männliches Gesicht. Strenge, scharfe Züge, dichte Brauen und aufgewühlt blickende blaue Augen drangen in ihr umnebeltes Gehirn vor. Seine Lippen waren schmal und sinnlich, seine Nase ein wenig krumm, und sie war sicher, ihn nie im Leben gesehen zu haben.

„Nikki, komm schon. Wach auf.“

Doch die Dunkelheit überspülte sie erneut, riss sie in ihren sicheren stillen Wirbel zu einem Ort, wo sie sich nicht nach ihrer Vergangenheit fragen und nicht überlegen musste, warum dieser Mann, dieser Fremde, behauptete, mit ihr verheiratet zu sein.

Der Duft von Rosen und Nelken durchzog den allgegenwärtigen Geruch nach Antiseptika, und sie hörte Musik, eine sanfte spanische Ballade, hin und wieder unterbrochen von statischem Rauschen, während die Melodie durch ihren Schlaf wehte und sie langsam in den Wachzustand holte. Sie wollte sich recken, aber ihre Muskeln rebellierten, und sie hatte das Gefühl, als hätte sie Ewigkeiten so dagelegen. Alles tat ihr weh, und in ihrem Kopf – mein Gott, ihr Kopf – war ein pochender Schmerz, der ihr die Tränen in die Augen trieb.

Langsam und unter Schmerzen hob sie die Lider und schaute auf eine weiß verputzte Zimmerdecke. Es war dämmrig, doch durch ein einziges Fenster fiel schwindendes Tageslicht und hielt die völlige Dunkelheit aus dem Zimmer fern. Sie blinzelte und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen – ein Krankenzimmer, wie es schien, mit weiß verputzten Wänden, gefliestem Boden und zwei Einzelbetten, von denen eines unbelegt und nicht hergerichtet war.

Sie spürte die Präsenz des Mannes, noch bevor sie ihn sah. Als sie leicht den Kopf drehte und gegen das brennende Stechen die Luft anhielt, erkannte sie einen Fremden, der auf dem einzigen Stuhl hockte. Er war unrasiert, die Ärmel seines zerknitterten Hemds waren hochgekrempelt, die Beine in seinen Jeans hatte er weit von sich gestreckt. Groß war er, mit finsteren, entschlossenen Zügen. Die Lippen bildeten einen harten, schmalen Strich. Er starrte an ihr vorbei auf die Tür zum Flur, hinter der Musik gedämpfte Stimmen und das Rasseln eines Wagens begleitete, der durch den Korridor geschoben wurde.

Böse Vorahnungen ließen ihre Nerven vibrieren, sowie sie ihn anschaute. Es musste einen Grund für seine Anwesenheit geben – aber welchen? Und wer war er? Er sah gefährlich aus mit dem kantigen Kinn, das Entschlossenheit verriet, und Schultern, so breit, dass sie die Stuhllehne verbargen, und er schien seit mindestens einer Woche nicht geschlafen zu haben. Zusätzlich zu seiner zerknitterten Kleidung war sein Haar zerzaust und reichte ihm bis zum Kragen, und der Typ strahlte etwas Bedrohliches aus.

Als ob er plötzlich spürte, dass sie ihn ansah, ließ er den Blick hastig zurück zum Bett schweifen, und Augen, blau wie die karibische See, fixierten sie mit so unbeirrbarer Eindringlichkeit, dass es ihr einen Angstschauer über den Rücken jagte. Sei nicht albern, ermahnte sie sich. Er ist doch offensichtlich ein Freund. Und dennoch hatte er etwas Beunruhigendes an sich, etwas, woran sie sich hätte erinnern müssen, etwas, das wichtig war. Etwas Verzweifeltes. Sie strengte ihr Gedächtnis an, aber Schmerzen schossen durch ihren Kopf.

Sie rechnete mit einem Lächeln von ihm, doch stattdessen verkniff er leicht die Mundwinkel, da er sah, dass sie wach war.

„Nikki.“

War das ihr Name? Er erschien ihr passend, aber trotzdem … Sie wollte etwas erwidern, ihn fragen, wer er war, allerdings versagte ihre Stimme, und es fühlte sich an, als hätte sie Sand in ihrem ausgetrockneten Mund. Sie strich mit der Zunge über die Lippen und versuchte, sich aufzurichten, aber erneut schoss ein brennendes Stechen durch ihren Kopf.

„Hey, Moment.“ Sofort war er auf den Füßen und drückte sie mit großen, schwieligen Händen sanft an den Schultern zurück ins Kissen. „Langsam, Nikki. Du wirst noch viel Zeit zum Reden haben, glaub mir.“

Er kannte sie, doch sie war sicher, ihn nie zuvor gesehen zu haben … Nein, einmal war sie kurz bei Bewusstsein gewesen, und da hatte eben dieser Mann mit den kalten blauen Augen forschend in ihre geblickt. Sie versuchte sich zu konzentrieren, verzog jedoch vor Kopfschmerzen das Gesicht und bekam einen Würgereiz. Es gab etwas über ihn, das sie hätte wissen müssen. Etwas Wichtiges.

Er bot ihr einen Schluck Wasser aus dem Glas auf ihrem Nachttisch an und knickte den Strohhalm, damit sie besser trinken konnte. Das Wasser war warm und schmeckte leicht metallisch, und nach ein paar Zügen schüttelte sie den Kopf, und er stellte das Glas zurück auf den Tisch.

„Wer … wer bist du?“, fragte sie mit heiserer, leicht piepsiger Stimme, die klang wie ein schlecht gestimmtes Musikinstrument.

Sekundenlang dachte sie zu bemerken, dass er argwöhnisch die Augen zusammenkniff. „Das weißt du nicht?“

„Nein … Ich …“ Voller Panik durchforschte sie ihr Gedächtnis oder vielmehr das, was davon übrig war. Sie fand nichts. Nichts. Nicht nur nichts über diesen Mann oder dieses Krankenhaus oder sich selbst. „Ich … ich kann mich nicht erinnern …“ Aber wie war das möglich? Sie versuchte, sich zu konzentrieren, aber ihr Gehirn förderte nicht ein einziges Ereignis aus ihrer Vergangenheit zutage – keine Person, keinen Ort, kein geliebtes Haustier oder Buch. Nichts. „O Gott“, flüsterte sie. Ihr Herz hämmerte, ihre Handflächen wurden feucht. „Ich erinnere mich nicht …“

Er strich ihr das Haar aus der Stirn und wollte offenbar etwas sagen, bremste sich aber, und der scharfe Blick, mit dem er sie bedachte, verriet, dass er ihr nicht glaubte.

„Wer bist du?“, fragte sie. Instinktiv wusste sie, dass sie diesem Mann gegenüber keinerlei Schwäche zeigen durfte.

„Ist das dein Ernst? Du leidest an Amnesie?“, spöttelte er leise.

„Ich kann …“

Plötzlich beugte er sich über sie, umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen und küsste sie mit einer Intimität, die von Tausenden vorangegangenen Küssen sprach. Seine Lippen verschmolzen warm und besitzergreifend mit ihren, und ihr Herz, das angstvoll schlug, begann zu rasen, bis das Blut in ihren Adern pulsierte. Er stöhnte leise und flüsterte: „Du hast mir gefehlt, Nikki. Mein Gott, ich hatte solche Angst.“ Sein Mund suchte erneut ihren, so leidenschaftlich, dass sie zitterte und in dem Kuss versank, bevor sie ihren Verstand einschalten konnte.

Schluss mit diesem Wahnsinn. Schluss jetzt!

So überzeugend seine Lippen und seine Hände auch waren, auf diese Weise durfte sie nicht reagieren, denn tief in ihrem Herzen war ihr klar, dass dieser Kuss nicht echt war – dass dieser Mann seine Leidenschaft und Fürsorge nur vorspielte. Das wusste sie instinktiv. Sie versuchte, sich zu wehren, aber die Kanüle in ihrem Arm behinderte sie, und sein Mund bewegte sich langsam und sinnlich auf ihren Lippen.

„Gott sei Dank, dass du wohlauf bist.“ Wieder küsste er sie.

Auf ein leises Hüsteln von der Tür her richtete er sich auf; die Röte kroch ihm in den Nacken. Verlegen lächelte er die Schwester an, die im Türrahmen stand. „Sie ist aufgewacht“, meinte er und zuckte die Achseln mit der unschuldigen Hinterlist eines Kindes, das Kekse genascht hat. Jede Spur der Kälte, die sie bei ihm gespürt hatte, verbarg er schnell.

Dios. Dank sei der Jungfrau Maria.“ Die Schwester, eine kräftige, vollbusige Frau mit Augen, so schwarz wie Obsidian, trat an Nikkis Bett. Sie unterdrückte ein Lächeln über die zärtliche Szene, die sie gerade beobachtet hatte, und scheuchte den Mann fort vom Bett, der plötzlich wie ein liebeskrankes Hündchen wirkte.

Nikki versuchte, eine Erklärung abzugeben. „Ich weiß nicht, was hier los ist, aber …“

„Schsch, Señora. Bitte.“ Schwester Consuela Vasquez, was das Namenschild an ihrem üppigen Busen verriet, maß routiniert Nikkis Puls, den Blutdruck und die Temperatur. Nikki wollte protestieren, Fragen stellen, doch die Frau befahl ihr zu warten. „Zuerst müssen wir wissen, wie es Ihnen geht. Dann erzählen Sie uns alles. In Ordnung?“

Nikki wartete ungeduldig, wollte sich dem Blick des Fremden entziehen, der sie während der gesamten Untersuchung nicht aus den Augen ließ. Schließlich, nachdem Schwester Vasquez den Infusionsbeutel geprüft und Informationen in Nikkis Krankenakte gekritzelt hatte, schenkte sie Nikki ein ehrliches, erleichtertes Lächeln. „Nun, Señora Makinzee, Sie sind aufgewacht. Qué tal?“

Nikki zog die Brauen zusammen und schüttelte den Kopf. „Ich … Ich verstehe nicht. Ich spreche kein Spanisch.“

„Sie fragt, wie du dich fühlst“, mischte sich der Mann ein.

„Als wäre ich von einem Sattelschlepper überfahren worden.“

Cómo?“

Die Mundwinkel leicht hochgezogen erklärte der Fremde es der Schwester, und Consuela Vasquez schmunzelte.

. Sie haben Glück, dass Sie noch leben. Ihr Mann … Er hat Ihnen das Leben gerettet.“

Nikki schaute zu dem Mann, der sich übers Bett beugte. Er lächelte nicht mehr, und sein Blick war plötzlich undeutbar. Seine Mimik veränderte sich wie ein Chamäleon. „Ach, ja?“, flüsterte sie. Ihr Herz hämmerte, der Schweiß lief ihr über den Rücken. Sie wollte sich der Schwester anvertrauen, ihr die beängstigende Schwärze erklären, die sich offenbar dort befand, wo ihr Erinnerungsvermögen hätte sein sollen, aber sie zögerte und fragte sich, ob es klug wäre, es einzugestehen, solange dieser Mann – dieser Mann, der sie so leidenschaftlich geküsst hatte, während sie hilflos im Bett lag – im Zimmer war. „Mein Mann? Aber ich bin nicht verheiratet.“

Das Lächeln der Schwester erlosch. „Er ist Ihr Mann, Señora.“

Erneut schüttelte Nikki den Kopf, doch ein stechender Schmerz schoss durch ihr Gehirn und ließ sie nach Luft ringen. „Ich bin nicht verheiratet“, wiederholte sie und begegnete dem Blick des Mannes, der Typ, der behauptete, sie wären ein Ehepaar. Bildete sie es sich nur ein, oder spannten sich seine Kiefer leicht an?

„Aber, Señor Makinzee …“

„McKenzie. Trent McKenzie.“ Sein Blick wurde nicht wärmer, während er nun hinzufügte: „Erinnere dich, wir haben geheiratet, kurz bevor wir nach Salvaje in die Flitterwochen geflogen sind.“

Lieber Himmel, sagte er die Wahrheit? Warum sollte er lügen? Aber sie würde sich doch bestimmt an ihre eigene Hochzeit erinnern!

„Ich heiße …“ Sie blinzelte gegen den rasenden Schmerz, als sie versuchte, einen Blick hinter die verschlossene Tür in ihrem Bewusstsein zu erhaschen.

„Nikki Carrothers“, half Trent ihr auf die Sprünge.

Das hörte sich richtig an. Der Name passte wie ein lieb gewordenes altes Paar Hausschuhe.

„Nikki Carrothers McKenzie.“

Die Hausschuhe waren plötzlich zu eng. „Das glaube ich nicht“, erwiderte sie verunsichert. War es möglich, dass sie mit diesem Mann verheiratet war? Sie musterte ihn, stellte ihn sich die Bartschatten vor, ohne die Falten der Erschöpfung um die Augen, mit gekämmtem Haar. Man konnte ihn wohl als attraktiv bezeichnen. Er war knapp einsneunzig groß, mit breitem Brustkorb, der sich zu schmalen Hüften verjüngte, und Muskeln, die bei jeder Bewegung deutlich zu erkennen waren. Geschmeidig und gefährlich. Denn seine Augen enthielten nicht die Spur von Wärme. Unsterbliche Liebe war sicher nicht der Grund, aus dem er an ihrem Bett stand.

„Keine Erinnerungen?“, fragte die Schwester.

Versuch es, Nikki, versuch es. Sie senkte sekundenlang die Lider und strengte sich an, ihre Erinnerungen – ihr Leben – zurückzuholen. „Keine einzige. Ich … Ich … Ich kann mich einfach nicht erinnern“, gestand sie widerwillig. Ihr Kopf dröhnte.

Consuelas Miene wurde noch besorgter. „Dr. Padillo kommt gleich. Er wird mit Ihnen reden.“ Sie schaute Trent fragend an und hastete dann, nachdem sie Nikki eine Wäsche, ein Frühstück und ein Schmerzmittel versprochen hatte, mit raschelnder Tracht zur Tür hinaus. Trent folgte der Schwester auf den Flur, und so sehr Nikki auch die Ohren spitzte, hörte sie doch nur Fetzen des im Flüsterton auf Spanisch geführten Gesprächs. Was wollte sie in diesem fremden Land – in einem Krankenhaus, um Himmels willen – ohne Erinnerungsvermögen?

Ihr Kopf pochte, und sie versuchte, die Arme zu heben. Der linke war am Bett fixiert, die Kanüle mit Pflaster an ihrem Handgelenk befestigt. Der rechte Arm war frei, schmerzte allerdings, wenn sie probierte, ihn zu bewegen. Und jetzt, nachdem die Kopfschmerzen in ein dumpfes Dröhnen übergegangen waren, stellte sie fest, dass ihr alles wehtat. Ihre Beine und ihr Rumpf – alles – fühlte sich zerschunden und zerschlagen an.

Ihr Mann. Er hat Ihnen das Leben gerettet.

Ihr schnürte sich die Kehle zu. Was hatte sie mit Trent McKenzie zu schaffen?

Sie blickte sich im Zimmer um, betrachtete die dicken verputzten Wände und das einzige Fenster. Verblassendes Sonnenlicht strömte durch die Wedel einer Palme, die sich direkt vor der Scheibe im Wind wiegte und an der Wand am Fußende ihres Betts ein Schattenspiel erzeugte. Das Fenster war einen Spalt geöffnet, und der Geruch des Meeres wehte durch den Raum und vermischte sich mit dem Duft der Rosen, zwei Dutzend rote Knospen, und der weißen Nelken, die in einer Vase auf dem Tisch standen.

Die Karte war geöffnet und an einer riesigen weißen Schleife befestigt, deren Aufschrift lautete: „In Liebe, Trent“. Diese Blumen stammten von dem kalten Mann, der behauptete, mit ihr verheiratet zu sein? Nikki versuchte, sich Trent McKenzie in einem Blumenladen vorzustellen, wo er Vasen voller Schnittblumen – Lilien, Glockenblumen und Orchideen – begutachtete. Es gelang ihr nicht. Der Mann, der in ihrem Krankenzimmer Wache gehalten hatte, war hartgesotten und argwöhnisch, und sein Blick hatte etwas Grausames an sich. Ausgeschlossen, dass er die Blumen geschickt hatte. Und ausgeschlossen, dass sie ihn geheiratet hatte.

Aber warum sollte er lügen?

Wenn sie sich doch bloß erinnern könnte. Der pochende Schmerz in ihrem Kopf setzte wieder ein.

Irgendwo auf dem Flur stöhnte ein Patient, eine Frau weinte leise. Klingeln schrillten, Leute eilten durch die Flure. Mehrere Personen gingen an der Tür vorbei, sämtlich schwarzhaarig und mit dunklem Teint, Bewohner dieser Insel vor der Küste Venezuelas. Als Trent ihr gegenüber Salvaje erwähnte, hatte Nikki blitzartig ein Bild der Tropeninsel vor Augen gehabt. Es war ein Bild aus einem Reisekatalog, in dem Salvaje als Paradiesgarten, als fremdartige tropische Insel geschildert wurde, versehen mit Fotos, kleinen Bildern von weißen Sandstränden, üppigem, dichten Laubwerk, glücklichen Bewohnern und atemberaubend schönen zerklüfteten Felsen, die sich aus dem Meer zu erheben schienen. Nikkis Puls begann zu rasen, sowie sie sich an ein letztes Foto in dem Katalog erinnerte, das Bild einer Missionsstation, vor hundert Jahren auf dem höchsten Punkt der Insel errichtet. Die Mission mit dem zerfallenden Glockenturm und der verwitterten Madonnenstatue. Die Mission aus ihrem Albtraum.

Sie verkrampfte sich, ihr Herz pochte heftig. Was tat sie hier auf Salvaje, und warum behauptete dieser Mann, der einzige Amerikaner, den sie gesehen hatte, ihr Mann zu sein? Wenn sie sich doch erinnern würde! Sie schloss die Augen, kämpfte gegen die schwarze Leere in ihrem Bewusstsein und hörte das rhythmische Klacken von Stiefelabsätzen auf den Fliesen.

Er war zurück. Vor Angst spannten ihre Muskeln sich an, aber sie zwang sich, die Lider zu heben, und sagte sich, dass er ihr unbeabsichtigt einen Fetzen Erinnerung beschert hatte, als er Salvaje, die Wilde Insel, erwähnte. Wenn sie konnte, sollte sie versuchen, ihm noch mehr Informationen zu entlocken, in der Hoffnung, dass jedes kleine Stückchen vielleicht Weiteres aus ihrer Vergangenheit heraufbeschwor.

Er trat an ihr Bett und baute sich mit seiner zynischen Art und seinem lügenden Blick vor ihr auf. Nikki, am Bett fixiert, gezwungen, unter einer dünnen Bettdecke still zu liegen, fühlte sich unglaublich verletzbar und wusste instinktiv, dass sie sich vor dem Sturz nicht so gefühlt hatte. „Dr. Padillo ist informiert“, erklärte Trent etwas weniger barsch. „Er kommt binnen einer Stunde. Vielleicht können wir dich dann hier herausbringen.“

„Wohin gehen wir dann?“

„Zurück ins Hotel, wo wir unsere Koffer packen. Dann nehmen wir den ersten Flug nach Seattle, sobald du reisefähig bist.“

Seattle. Ihre Heimat war der Pazifische Nordwesten. Sie hätte ihm fast geglaubt. „Haben wir dort ein Haus?“, fragte sie und bemerkte, wie er die Zähne zusammenbiss und zögerte.

„Ich habe ein Haus. Du hast eine Wohnung, aber wir haben geplant, dass du nach unserer Rückkehr mit deinen Sachen bei mir einziehst.“

„Wir … Wir haben in Seattle geheiratet?“

Der Blick mit dem er sie forschend anstarrte, verriet seinen Verdacht, dass sie irgendwie beabsichtigte, ihm eine Falle zu stellen.

„Vor einem Friedensrichter. Eine kurze Zeremonie, bevor wir hierher in die Flitterwochen geflogen sind.“

Keine große Hochzeit? Eine heimliche Heirat? Was war mit ihrer Familie – ihren Eltern? Sie lebten doch sicher noch … Ihr Magen zog sich zusammen, als sie versuchte, sich auf Seattle zu konzentrieren – die Stadt am Puget Sound. Vor ihrem inneren Auge sah sie graues Wasser, weiße Fährschiffe und kreisende Möwen an einem wolkenverhangenen Himmel. Erinnerungen? Oder eine Ansichtskarte, die irgendein Bekannter ihr geschickt hatte?

Trent massierte sich die Schultermuskeln, als würden sie ihm von seiner Wache schmerzen. Sie beobachtete die Bewegungen seiner Hand und fragte sich, ob genau diese Hände sie intim berührt hatten. Hatten sie über ihre Rippen gestrichen, waren sie besitzergreifend über ihren Schenkel gelitten, hatten sie sich um ihren Nacken gelegt und sie an seinen Körper gedrückt, mit einer Leidenschaft, so heiß wie ein Vulkan? Und hatte sie ihrerseits ihn berührt, ihn geküsst, mit ihm geschlafen? Hatte sie die Finger mit den dichten schwarzen Haarsträhnen in seinem Nacken verwoben? Hatte sie verwegen die Hand in den Bund seiner abgetragenen Jeans geschoben? Hilflos biss sie sich auf die Lippe. Trent war sexy, maskulin und gefährlich, und dennoch … Wenn sie mit ihm geschlafen hatte, wenn ihr nackter Körper sich mit seinem vereinigt hatte, würde sie sich dann wirklich nicht daran erinnern?

Trent wandte sich zu ihr um, ertappte sie dabei, dass sie seinen Rücken musterte, und für eine Sekunde fiel die harte Schale von ihm ab, und in seinen Augen blitzte ein Funken von Bedauern auf. Nikki wurde es eng in der Brust; sie bekam kaum noch Luft, denn hinter dem Bedauern erkannte sie auch einen Hauch von körperlichem Verlangen. Hastig wandte er den Blick ab, als fürchtete er, seine Augen könnten seine Gefühle verraten.

„Wer bist du wirklich?“, fragte Nikki.

Er verzog den Mund. „Du erinnerst dich ehrlich nicht an mich?“

„Warum sollte ich lügen?“

„Warum sollte ich lügen?“

Sie hob leicht die ringlosen Finger ihrer linken Hand an und bewegte sie demonstrativ.

Er presste die Lippen zusammen. „Hausordnung. Dein Schmuck, inklusive Ehering, befindet sich im Safe.“

„Kein heller Streifen auf der Haut.“

„Keine Zeit zum Sonnenbaden. Wir sind erst ganz kurz vor deinem Sturz hier eingetroffen.“

„Ich bin gestürzt?“

„Auf den Felsen bei der alten Missionsstation. Du kannst von Glück sagen, dass du noch lebst, Nikki. Ich dachte … Du hättest tot sein können.“

Angst schnürte ihr die Kehle zu. „Ich kann mich nicht erinnern“, flunkerte sie ihn an, wollte keine Bestätigung hören, dass ihr Albtraum der Wirklichkeit entsprach, dass er kein Produkt ihrer allzu lebhaften Fantasie war.

„Hast du mich den Berg hinauf verfolgt?“, fragte sie. Es war kaum mehr als ein Flüstern.

Er zögerte, allerdings nur einen Herzschlag lang. „Du warst allein, Nikki“, sagte er, und sie erkannte, dass er sie nach Strich und Faden belog. „Niemand war bei dir.“

„Wo warst du?“

„Ich habe auf dich gewartet. In der Missionsstation. Ich habe nicht gesehen, wie du gestürzt bist.“ Sein Gesicht wurde kreideweiß, als würde er eine grausige Erinnerung noch einmal durchleben. „Ich glaube, es wäre am besten … für dich … nach Hause zu fliegen. Dort wirst du dich sicherer fühlen und den Unfall vergessen.“

Den Unfall? Kalte Angst packte sie, und sie wünschte, sie hätte wieder laufen können, dass ihr Körper ihr gehorchen würde und sie flüchten könnte … Aber wohin?

„Ich glaube nicht, dass ich mich sicherer …“

„Aber du wärst in Sicherheit. Bei mir.“

„Ich kenne dich nicht einmal“, erwiderte sie, und das nackte Entsetzen drückte ihr die Luft ab.

Er seufzte und strich sich mit der Hand durch seine widerspenstigen Haare. „Vielleicht sollten wir nicht über diese Dinge reden. Der Arzt will nicht, dass du dich aufregst.“

Jetzt riss ihr der Geduldsfaden, und sie schlug jegliche Vorsicht in den Wind. „Ich kann mich an gar nichts erinnern! Ich erinnere mich nicht an mein Leben, meinen Beruf, meine Eltern, meine Verwandten, und an dich erinnere ich mich erst recht nicht! Und da soll ich mich nicht aufregen?“

Sein Mund zuckte, und auf sein Gesicht trat wieder dieser kaltherzige Ausdruck.“Ich denke, wir sollten lieber auf Padillo warten. Hören, was er zu sagen hat.“

Beim Klang seiner Stimme brach sie in Angstschweiß aus. Sie konnte sich an keine ihrer früheren Beziehungen erinnern, hätte allerdings schwören können, dass keiner der Männer ein so grober Kerl mit Falkenaugen, kantigen Zügen und abgenutzten Stiefeln gewesen war. Sie bemerkte die abgetragene Lederjacke, die er nachlässig über die Stuhllehne geworfen hatte, und seine schief getretenen Stiefelabsätze. Er bewegte sich unruhig wie ein Mensch, der es gewohnt war, immer wieder einen Blick über die Schulter zu werfen. Vor Furcht war ihr Hals wie ausgedörrt. War er ein Betrüger? Jemand, der sie entführen sollte? Oder war er tatsächlich ihr Mann?

Tausend Gründe für eine Entführung schwirrten ihr durch den Kopf, doch sie glaubte nicht, dass sie reich oder berühmt oder die Tochter irgendeines Tycoons war. Sie fühlte sich nicht wie eine politische Extremistin oder eine Kriminelle oder dergleichen … Aber aus irgendeinem Grund wollte dieser Mann, dass sie oder die Leute in diesem Krankenhaus annahmen, er wäre mit ihr verheiratet.

Sie hatte kaum Erinnerungen, war allerdings überzeugt, dass dieser Schwindler nicht ihr Ehemann war.

Doch wer auf dieser Insel würde ihr glauben? Bestimmt nicht Schwester Vasquez, die offensichtlich der Meinung war, dass Trent in seine angebliche Frau vernarrt war. Aber vielleicht der Arzt. Wenn sie Dr. Padillo allein sprechen konnte, gelang es ihr vielleicht, ihn davon zu überzeugen, dass etwas nicht stimmte.

Trent schaute aus dem Fenster, als hielte er nach jemandem unten auf dem Parkplatz Ausschau.

„Ich bin mir sicher, wenn ich tatsächlich mit dir verheiratet wäre, dann wüsste ich es“, erklärte sie.

„Du wirst dich erinnern“, erwiderte er kühl. Er lehnte sich mit der Hüfte an die Fensterbank, und sein Blick wanderte von Nikki zu dem Kruzifix an der Wand, dem einzigen Schmuck in dem ansonsten kahlen Raum. „Sobald ich dich hier rausgeholt habe.“

„Aber das kannst du nicht“, sagte sie, und Verzweiflung drohte sie zu überwältigen. Allein mit diesem Mann – ohne Erinnerungen an die Vergangenheit?

„Ich bin dein Mann, Nikki, und nachdem du jetzt aufgewacht bist, werde ich den Arzt um deine Entlassung bitten, sobald du fliegen darfst.“

2. KAPITEL

„Sie ist also wach!“, sagte der Arzt, der den Kopf in Nikkis Krankenzimmer steckte. Er war klein und rundlich, hatte ein breites Lächeln, dunkle Augen und einen Halbkranz von grauem Haar. Selbstbewusst betrat er das Zimmer. „Buenos días, Sie sind unsere schlafende Schönheit, Dornöschen, ?“

Nikki fühlte sich alles andere als schön. Sie hatte Schmerzen am ganzen Körper und wusste, dass ihr Gesicht zerkratzt und von Blutergüssen verunstaltet war. „Buenos días“, sagte sie leise, froh, endlich jemanden zu sehen, der ihr vielleicht helfen konnte.

Der Arzt nahm ihre Krankenakte aus der Halterung am Fußende des Betts und überflog die Eintragungen. Sein Arztkittel, eine Nummer zu klein, spannte über seinem Bauch, und als er den Kopf hob und lächelte, zeigte sich eine Goldumrandung an einigen seiner Zähne. Auf seiner platten Nase saß eine kleine Nickelbrille. „Ich bin Dr. Padillo“, sagte er, legte die Krankenakte beiseite, rückte mit seiner Stiftleuchte näher, zog behutsam Nikkis Augenlid zurück und richtete den schmalen Lichtstrahl auf ihr Auge. „Cóme se siente hoy?“

„Wie bitte?“

„Sie versteht kein Spanisch.“ Als sie Trents Stimme hörte, verkrampfte sie sich.

Da der Lichtstrahl Nikki blendete, konnte sie Trent nicht sehen, doch sie spürte, dass er seinen Posten beim Fenster nicht verlassen hatte. Stunden hatte er auf der Fensterbank sitzend oder mit rastlosem Auf-und-ab-Schreiten am Fußende des Betts verbracht.

„Dr. Padillo hat gefragt, wie du dich heute fühlst.“ Als die Stiftleuchte erlosch, erhaschte Nikki einen Blick auf ihn. Er lehnte an der Fensterbank, hatte eine Hüfte sexy vorgeschoben.

„Willst du die Wahrheit?“, fragte Nikki und blinzelte.

„Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, antwortete Trent.

„Als hätte man mich zu Hackfleisch verarbeitet.“

Padillo zog die Brauen hoch und setzte seine Brille ab. „Cómo?“

Trent sagte etwas auf Spanisch, und der Arzt lächelte und polierte seine Brillengläser mit einem Zipfel seines Arztkittels. Er schob sich die Brille wieder auf die Nase. „Ihren Sinn für Humor haben sie anscheinend nicht verloren, wie?“

„Nur mein Gedächtnis.“

„Stimmt das?“, fragte er Trent, was Nikki ziemlich wurmte. Nicht Trent hatte das Gedächtnis verloren, sondern sie, und es passte ihr nicht, dass die beiden Männer über sie redeten.

„Ja, es stimmt“, sagte sie leicht verärgert.

Stirnrunzelnd prüfte Padillo ihr anderes Auge, knipste die Leuchte aus und sah Trent an, der sich aufgerichtet hatte und in Nikkis Blickfeld getreten war. Seine Miene war streng, seine gereizte Stimmung hatte sich nicht geändert. Dr. Padillo rieb sich das Kinn. „Sie haben sehr viel Glück gehabt, Señora McKenzie. Wir alle waren in großer Sorge um Sie. Besonders ihr Mann.“

„Krank vor Sorge“, fügte Trent hinzu, und Nikki glaubte, einen Hauch von Spott in seinem Tonfall zu entdecken. Er sah sie kühl an, dann wandte er sich wieder dem Arzt zu.

Nikki wollte sich anders hinlegen, verzog jedoch das Gesicht, als Schmerzen durch ihr Bein fuhren. „Ich fühle mich, als hätte ich mir jeden Knochen im Leib gebrochen.“

Padillo lächelte leicht, war wohl nicht sicher, ob sie scherzte. „Die Knochen – die sind in Ordnung. Abgesehen von Ihrem –“ er warf Trent einen Blick zu „ – tobillo.“

„Von deinem Knöchel. Er ist verstaucht, aber nicht gebrochen“, erklärte Trent ihr, wenngleich sie es lieber vom Arzt persönlich als von ihm gehört hätte. Die Vorstellung, dass Trent und Padillo über ihre Verletzungen oder sonst etwas redeten, was sie betraf, verursachte ihr Magenschmerzen.

. Der Knöchel ist geschwollen, aber zum Glück nicht gebrochen.“

Wahrscheinlich sollte sie ihm das glauben, aber in ihrem Krankenbett, geplagt von Schmerzen am ganzen Körper, fühlte sie sich alles andere als glücklich.

„Ihre Muskeln schmerzen, und Sie haben Schnitt- und Schürfwunden – Prellungen. Fleischwunden. Sicher sind Sie …“ Er zögerte.

„Blau und grün?“, half Trent ihm aus.

Dr. Padillo grinste. „. Viele Hämatome. Aber ich glaube, Sie werden es überleben.“ Seine dunklen Augen blitzten, als er sie leicht an den Armen und am Hals berührte und ihr Krankenhemd anhob, um die Hautabschürfungen in Augenschein zu nehmen, die sie auf ihrem Unterleib und dem Rücken spürte. „Diese Verletzungen müssen sauber gehalten und mit antibiotischer Salbe behandelt werden, damit sie heilen und sich nicht entzünden“, ließ er Trent wissen. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, deutete er auf einen Kratzer, der sich von ihrer rechten Achsel ausgehend über ihre Rippen zog, und ein Lufthauch streifte ihre Brust.

Peinlich berührt spürte sie, wie ihr die Röte über den Hals ins Gesicht stieg, was lächerlich war, falls Trent wirklich ihr Mann war. Bestimmt hatte er sie viel spärlicher als mit einem Krankenhemd bekleidet gesehen. Ihre Brüste waren nichts Neues für ihn. Trotzdem war sie froh, als der Arzt den dünnen Baumwollstoff wieder über sie legte und dem Anstand einigermaßen Genüge getan war.

Die Kopfschmerzen, die, solange sie wach war, nie ganz aufgehört hatten, steigerten sich wieder zu einem schmerzhaften Dröhnen. Alles tat ihr weh. Ihre gesamte rechte Seite war wund, und sie spürte das Pochen in ihrem Knöchel. Padillo horchte sie mit einem Stethoskop ab und bat sie, die Hand zur Faust zu ballen und sich aufrecht hinzusetzen. Sie tat, was er verlangte, gestattete sich dann einen Blick in Trents Richtung, in der Hoffnung, dass er so viel Anstand besaß, aus dem Fenster zu blicken, doch er fixierte sie, als hätte er jedes Recht zuzusehen, während der Arzt sie untersuchte.

„Uuh!“, entfuhr es ihr, als Padillo ihren rechten Fuß berührte.

Der Arzt runzelte die Stirn. „Tiene dolor aquí.“

„Was?“

„Er sagt, dass du dort Schmerzen hast – im Fuß.“

Mucho Schmerzen“, sagte sie und biss die Zähne zusammen.

.“ Padillo zog das Laken und die leichte Bettdecke wieder über sie. „Der Fuß wird noch ein paar Tage lang … schmerzempfindlich sein, doch gegen Ende der Woche werden Sie wieder damit auftreten können.“ Er schob die Hände in die Kitteltaschen und fügte hinzu: „Wir hatten uns schon gefragt, ob Sie überhaupt noch aufwachen.“

„Wie lange war ich …?“

„Du hast sechs Tage lang im Koma gelegen“, sagte Trent, und so, wie er aussah, hatte er sich offenbar während der ganzen Zeit ihrer Bewusstlosigkeit nicht rasiert. Vermutlich war es ein Zeugnis seiner unsterblichen Liebe, dass er fast eine ganze Woche an ihrem Bett gewacht hatte, und trotzdem hatte er etwas beinahe Raubtierhaftes an sich.

Noch einmal musterte sie seine harten Züge und suchte in ihrer Erinnerung nach Hinweisen auf dieses markante Gesicht. Wenn sie ihn geheiratet hatte, würde sie ihn doch sicher lieben, mit ihm im selben Bett schlafen, sich an irgendetwas erinnern, was ihn betraf. Sie biss sich auf die Lippe, als er ihren Blick erwiderte, mit Augen von undurchsichtigem Blau, die nichts von seinen Gefühlen preisgaben. Verzweiflung erfüllte ihr Herz.

„Die Schwester gibt Ihnen ein Schmerzmittel“, sagte Dr. Padillo, notierte etwas in ihre Krankenakte und lehnte sich dann mit der Hüfte gegen das Bett. „Erzählen Sie von Ihrer … Dios“, knurrte er und schnippte mit den Fingern.

„Amnesie“, ergänzte Trent.

. Haben Sie überhaupt irgendwelche Erinnerungen?“

Nikki ließ den Blick von dem Arzt zu Trent und wieder zurück wandern. Sie brauchte Zeit allein mit Padillo, doch Trent machte keinerlei Anstalten, sich zu verziehen. „Können wir unter vier Augen reden?“, fragte sie, und Padillo zog die Brauen zusammen.

„Wir sind doch unter uns …“ Sorgenvoll blickte er zu Trent auf.

„Bitte.“

„Aber Ihr Mann …“

Bitte, Doktor. Es ist wichtig! Sie krallte die Finger in den gestärkten Stoff seines weißen Kittels.

„Das ist vielleicht eine gute Idee“, sagte Trent und zuckte lässig die Achseln. Als hätte er nichts zu verbergen. „Sie ist im Moment ein bisschen durcheinander. Vielleicht können Sie so manches mit ihr klären und ihrer Erinnerung auf die Sprünge helfen.“

Wegen dir bin ich nicht durcheinander, dachte sie, hielt jedoch ihre Zunge im Zaum, denn es war nun einmal so, dass sie nicht das Geringste über sich selbst wusste.

Trent strich mit den Fingern an der Fußstange des Krankenbetts entlang. „Falls ich gebraucht werde: ich warte im Flur.“ Mit leisem Klacken seiner Stiefelabsätze verließ er das Zimmer, schloss die Tür hinter sich, und Nikki stieß einen langen Seufzer aus.

„Dieser Mann ist nicht mein Ehemann“, versicherte sie so nachdrücklich sie konnte.

„Nicht?“ Der Arzt zog skeptisch die Brauen hoch und musterte Nikki, als hätte sie tatsächlich den Verstand verloren.

„Ich … Ich bin mir ganz sicher.“

„Ihr Erinnerungsvermögen. Es ist zurück?“

„Nein, aber …“ Ach, es war hoffnungslos! Hilflos ballte sie eine Hand zur Faust, und Schmerz schoss in ihren Arm. „Ich würde mich doch an ihn erinnern. Ich weiß es genau!“ Ungebeten brannten heiße Tränen in ihren Augen, doch sie wollte nicht weinen.

Dr. Padillo tätschelte ihre Schulter. „Diese Dinge brauchen ihre Zeit.“

„Aber ich würde mich doch an den Mann erinnern, den ich geheiratet habe!“

„Wie Sie sich an Ihre restliche Familie erinnern?“

Sie antwortete nicht. Der Nebel, der ihre Vergangenheit einhüllte, wollte sich nicht lichten, und ihr blieben nur dunkle Schatten und verschwommene Gefühle, nichts Greifbares.

„An Ihr Zuhause? Ihr Haustier? Ihren Beruf? Erinnern Sie sich daran?“

Sie schloss die Augen und kämpfte gegen die Tränen, die hinter ihren verschwollenen Lidern brannten. Sie erinnerte sich an so wenig, und doch fühlte sie sich wie in der Falle, wie ein Insekt im klebrigen Netz einer Spinne, verletzlich und schwach. Sie blickte auf die Kanüle, durch die die Infusion in ihren Arm tröpfelte, auf das Metallgestell des Betts, den Verband an ihrem Arm und den winzigen Raum – ihr Gefängnis, bis sie wieder laufen konnte.

Wenn sie sich doch bloß erinnern könnte! Warum belagerte Trent wie ein aufmerksamer Wachtposten Tag und Nacht ihr Zimmer? Er konnte sich doch darauf verlassen, dass das Pflegepersonal sich um sie kümmerte. Oder war seine Besorgnis ganz anderer Art? Fürchtete er, dass sie flüchten könnte?

Sie schloss die Augen, während die Fragen in ihrem Kopf dröhnten. Warum zum Teufel befand sie sich auf dieser kleinen Insel vor der Küste Venezuelas? Und warum um Gottes willen glaubte der Arzt ihr nicht? Es musste doch eine Möglichkeit geben, ihn zu überzeugen!“

„Ich habe Trent McKenzie zum allerersten Mal gesehen, als ich aufgewacht bin.“

„Sehen Sie! Das stimmt nicht. Er hat Sie schließlich ins Krankenhaus gebracht.“ Padillo lächelte ermutigend. „Geben Sie sich Zeit, Señora McKenzie. Ihr Amerikaner! Immer in Eile.“

„Nennen Sie mich bitte Nikki.“

„Na gut, Nikki. Überstürzen Sie nichts“, sagte Dr. Padillo sanft. „Sie haben … Glück gehabt. Der Unfall hätte viel schlimmere Folgen haben können.“

Sein Tonfall ließ sie aufhorchen, und zum ersten Mal fragte sie sich, warum sie am ganzen Körper dermaßen zerschunden war. „Was ist passiert?“, fragte sie, blickte zu dem Mann auf und wehrte sich gegen das grauenhafte Gefühl, dass der Mann, in dessen Hände der Arzt sie entlassen würde, von Natur aus gefährlich war.

„Ich habe mit Ihrem Mann und auch mit der policía gesprochen. Die Aussagen stimmen überein. Sie und Señor McKenzie sind in den Hügeln bei der Missionsstation gewandert. Diese Hügel sind stellenweise sehr … escarpadas … hm, spitz … nein …“

„Steil“, kam sie ihm zur Hilfe, und ihr Albtraum stand ihr wieder lebhaft vor Augen. Die zerklüfteten Felsen. Die brüllende See. Die schwindelnden Höhen und die Missionsstation mit dem zerfallenden Glockenturm.

. Steil. Der Weg, auf dem Sie gingen, war schmal, führte am Rand der Felsen entlang, und Sie sind gestolpert, haben den Halt verloren und sind hinuntergestürzt. Glücklicherweise sind Sie auf einem … saliente – Dios … wie heißt das …“

„Auf einem Vorsprung gelandet“, vervollständigte Trent den Satz, nachdem er die Tür geöffnet und die letzten Worte mitgehört hatte. Er nahm Nikki ins Visier, und sein Mund war ein schmaler Strich. „Du bist über den Rand gerutscht und ein Stück darunter auf einem Felsvorsprung gelandet. Wärst du nur einen Meter weiter gerutscht, dann wärst du über dreißig Meter tief ins Meer gestürzt.“

Ein Ruck ging durch ihren Körper, als sie sich an den freien Fall erinnerte. Der Albtraum entsprach demnach der Wirklichkeit. Gott steh mir bei! Angst würgte sie, doch sie brachte in rauem Flüsterton hervor: „Und du hast mich gerettet?“

Seine Lippen spannten sich ein wenig. „Ich konnte dich nicht vor dem Sturz vom Felsen bewahren – ich befand mich bereits in der Missionsstation. Aber ich habe dich schreien gehört.“ Er biss die Zähne zusammen. „Ich folgte dem Schrei und rannte zu der Stelle, an der du abgestürzt warst. Zum Glück konnte ich zu dir herunter steigen und dich zurücktragen.“

Log er? „Wie bist du zu mir hinunter gekommen?“

„Es war heikel“, gab er zu und krempelte den Ärmel seines Baumwollhemds auf. „Aber ich bin Bergsteiger.“

„Du hast also nicht gesehen, wie ich gestürzt bin?“

Er hielt ihren Blick fest und zögerte Sekundenbruchteile lang. „Es tut mir leid. Ich hätte nicht vorausgehen sollen.“

Nikki war nicht überzeugt, dass er die Wahrheit sagte, doch die Schmerzen machten ihr zu schaffen, und sie wusste, dass es sinnlos war, mit diesen beiden Männern zu diskutieren. War es möglich, dass Trent, wie er behauptete, ihr Retter war, oder war er der Mann, der sie verfolgt und vom Felsen gestoßen hatte? Doch wenn es so war, warum hätte er sie dann in ärztliche Obhut bringen sollen? O Gott, ihr Kopf tat so weh.

Schaudernd dachte sie an ihren Albtraum, wie ihre Füße auf dem steinigen Weg den Halt verloren und ihr Körper dem felsigen Strand tief unter ihr entgegenstürzte. Tief im Inneren hatte sie damit gerechnet, dass der grausige Traum Wirklichkeit war, trotzdem zitterte sie vor Angst, einer Angst so kalt wie der Meeresgrund. Sie war nicht abgestürzt, sie war gestoßen worden, gejagt von jemandem … von jemandem, der düster und schlecht war. Sie blickte Trent ins Gesicht, in dieses ernste, entschlossene Gesicht. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass er sie vor dem Tod bewahrt hatte … Beinahe hätte sie aufgeschrien, doch sie kämpfte gegen das Schaudern an, das ihren Körper erfasst hatte. Vor diesem Fremden, der behauptete, ihr Mann zu sein, durfte sie keine Schwäche zeigen, und sie musste sich einen Plan zurechtlegen, eine Möglichkeit zur Flucht aus dem Krankenhaus suchen und herausfinden, wer sie war. Herrgott, wenn ihr Kopf nicht so entsetzlich schmerzen würde, wenn sie ihren Knöchel belasten könnte, dann würde sie einen Weg finden, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

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