×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Kein Mord ist auch keine Lösung«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Kein Mord ist auch keine Lösung« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Kein Mord ist auch keine Lösung

Drei Frauen, ein Ziel: Der Boss muss weg!

Seinen Namen, seine Gene und seinen Chef kann man sich leider nicht aussuchen … Alwine, Özlem und Silvie sind verzweifelt: Denn Sebastian Voigt, der arrogante neue Programmleiter des Hamburger Phönix Verlags, quält sie, wo er nur kann, und macht ihnen den Arbeitsalltag zur Hölle. Dummerweise hat er sie aber auch alle drei auf ihre Weise in der Hand. Die einzige Lösung: Mord! Doch wie bringt man seinen Boss am besten um? Profikiller findet man nicht bei Google, das steht schnell fest. Also müssen sie wohl selber Hand anlegen. Und damit fangen die Probleme erst richtig an. Schnell stecken die drei Amateur-Mörderinnen knietief im Chaos, und zu allem Überfluss ist ihnen auch noch die Polizei auf den Fersen …

»Eine rundum gelungene Urlaubslektüre.«
Leipziger Volkszeitung über »Mordsacker«


  • Erscheinungstag: 09.07.2019
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745750300
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Maya

»Seinen Namen,
seine Herkunft
und seinen Chef
man sich leider nicht kann aussuchen.«

ÖZLEM DUKAN

»Seinen Namen kann man ändern,
seine Herkunft kann man verleugnen,
und wenn der Chef nervt,
muss man ihn killen!«

ALWINE WERKMEISTER

++++ 16. Oktober 2016 ++++

Schlagzeile des Tages –
Eine mörderische Seuche bedroht Deutschland

Niemand weiß, wann es über ihn kommen wird, man weiß nur, dass es dann kein Entrinnen mehr gibt! Die Rede ist vom »Blutrausch« – der atemberaubende Thriller von Dolores Fritz infiziert eine ganze Nation mit dem Lesefieber.

Normalerweise bilden sich lange Schlangen vor Elektronikmärkten oder Konzertsälen, doch jetzt stehen plötzlich Menschenmassen vor Buchhandlungen an. Normalerweise ruft man Verwandte und Freunde an und fragt: »Hast du das schon gehört?« oder »Hast du das schon gesehen?« Anders diesen Herbst. Man fragt: »Hast du das schon gelesen?«

Und so verbreitet sich der Thriller »Blutrausch« schneller als ein Grippevirus und ist ein Überraschungserfolg, zur Freude des Orellio Verlags und der geheimnisvollen Autorin Dolores Fritz, die über Nacht von der erfolglosen Selfpublisherin zur Bestsellerautorin wurde.

Kapitel 1

++++ Dienstag, 9. Mai 2017 ++++

»Als Titel schwebt mir Champagner im Dünensand vor, auf dem Cover ein zerbrochenes Glas am Strand, das ist das perfekte Symbol für den Konflikt …«, sagte ich und verstummte.

Hörte er mir überhaupt zu? Zumindest las er mein Gutachten und das Exposé.

Ich stand vor seinem Schreibtisch und wartete.

Mein Chef zog die perfekt in Form gezupften Augenbrauen hoch.

Wetten, der ging regelmäßig zur Kosmetikerin? Bestimmt hatte er nicht ein überflüssiges Haar am Leib.

Ich wischte mir einen Schweißtropfen vom unteren Brillenrand. Draußen war es für Anfang Mai und Hamburg im Allgemeinen ungewöhnlich warm. Davon merkte man in unseren klimatisierten Verlagsräumen nichts. In Voigts Büro empfand ich es als besonders eisig, was wahrscheinlich an seinem Charisma lag. Eisblöcke strahlten Kälte ab. Trotzdem schwitzte ich wie ein Stück Butter in der Sonne.

Obwohl ich ihn höchstens auf Mitte dreißig und damit sieben, acht Jahre älter als mich schätzte, flößte mein neuer Chef selbst den gestandenen Kolleginnen, die seine Mütter sein könnten, mit seiner unnahbaren Art Respekt ein.

Lag es an seinem Äußeren? Sein Haar war exakt frisiert, die Fingernägel fein säuberlich manikürt, der Körper im Fitnessstudio auf Maß getrimmt. Er war bestimmt auch sehr diszipliniert, was seine Ernährung anging. Jedenfalls sah ich ihn nie beim Imbiss gegenüber, wo es dieses leckere fettige Zeugs gab, das wir uns in stressigen Zeiten – also ständig, denn bei uns im Verlag war es immer irgendwie hektisch – gönnten. Von nächtlichen Kühlschrankorgien und Keksdosenplündereien, wie ich sie manchmal veranstaltete, mal ganz abgesehen. Sebastian Voigt war einer von diesen Menschen, die sich voll unter Kontrolle hatten. Mit der Kleidung, immer businesslike in sorgsam aufeinander abgestimmten Farben, der teuren Uhr am Handgelenk und der Sonnenbrille stets in Reichweite, umgab ihn die Aura des erfolgreichen Geschäftsmannes, der hohe Ansprüche an seine Mitarbeiter stellt. Dabei war er durchaus charmant und riss gern den einen oder anderen Witz. Solange man keine Fehler machte und sich seiner Meinung unterordnete, hatte man nichts zu befürchten.

Doch wer Fehler machte, den stellte er gerne vor allen bloß. Und wehe, man widersprach ihm, dann bekam man seine unerbittliche Härte zu spüren. Ein Teufel in Adonisgestalt. Auf solche Typen flogen nicht nur die Romanheldinnen in meinen Buchprojekten, sondern auch deren Leserinnen sowie Silvie, seine Assistentin. Sie himmelte ihren Bastian (wie sie ihn insgeheim immer nannte, als wir noch Freundinnen waren) an, dass es einem schlecht wurde. Und dabei kaute sie in seiner Gegenwart in naiver Unterwürfigkeit ständig an ihrer Unterlippe – wie Anastasia Steele, die sich die Bestrafung durch ihren schwarzen Ritter, Christian Grey, erhoffte.

Bastian hat gesagt …, also Bastian meint …, das muss ich aber erst mit Bastian abstimmen …, darüber müssen wir Bastian sofort informieren … äffte ich sie in Gedanken nach und hätte mir am liebsten den Finger in den Hals gesteckt.

Langsam wurde ich ungeduldig. Wie lange brauchte er denn für die paar Seiten? Jeder Drittklässler hätte den Text schneller gelesen.

Voigt legte Exposé und Gutachten beiseite, ohne eine Miene zu verziehen. Dann öffnete er die einzige Mappe auf dem Schreibtisch, drehte den Kugelschreiber in seiner Hand und schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr. Also war kein einziger Funke meiner Begeisterung auf ihn übergesprungen. Dabei strotzte das Exposé vor Humor, war knackig im Stil der Autorin geschrieben und zog einen mit seinem Pitch sofort in den Bann.

Er betrachtete mich mit seinen stahlgrauen Augen. Unwillkürlich fröstelte ich. Es fühlte sich an, als würden meine Brillengläser beschlagen, wie wenn ich an einem warmen Tag einen Blick ins kalte Eisfach warf.

»Welchen Konflikt? Diese Geschichte ist oberflächliche, verquirlte Scheiße! Schon tausendmal in Groschenromanen erzählt. Wenn wenigstens noch etwas Sex mit Baumarktutensilien vorkäme …«

Ah, er war also ein Fan von diesem unsäglichen Mr. Grey. Das passte zu ihm.

Seinen Mund umspielte dieses überhebliche Grinsen, das ich besonders an ihm hasste.

Ich setzte zu einer Rechtfertigung an, die mir wie eine Fischgräte im Hals steckenblieb.

Er unterschrieb ein Dokument aus der Mappe. »Sie sollten mal Ihre Brille putzen, Alwine. Anscheinend können Sie Diamanten nicht von Glasperlen unterscheiden.«

Pfff! Wieder brachte ich keinen Ton hervor. An meiner Schlagfertigkeit musste ich unbedingt arbeiten. Dabei hatte ich mir erst gestern für genau den Fall, dass er mich beleidigte, ein paar gute Antworten ausgedacht. Das heißt, ich hatte sie im Internet gefunden: Nie wieder sprachlos! Die zehn besten Argumente, mit denen Sie Ihren Chef um den Finger wickeln. Jetzt fiel mir natürlich kein passender Satz davon ein, aber so schnell gab ich nicht auf. Ich musterte ihn.

Obwohl er seinen Unmut deutlich machte und seine Körpersprache mir verriet, dass ich ihm seine Zeit stahl, startete ich einen letzten Versuch, ihn von meinem Herzensprojekt und meiner Lieblingsautorin, Karoline Katzenbach, zu überzeugen. Morgen war die Buchhandelsvertreterkonferenz und es gab noch einen winzigen freien Platz im nächsten Sommerprogramm. Den musste sie bekommen!

Seit Sebastian Voigt vor sechs Wochen vom Orellio Verlag zu uns gewechselt war und die Programmleitung übernommen hatte, bekamen meine gefühlvollen Romanprojekte einfach keine Chance mehr. Ich konnte ihm vorstellen, was ich wollte, ich erntete Spott und Hohn. Systematisch schmiss er das ganze Programm um und forderte sogar, dass wir ab dem kommenden Jahr nur noch blutrünstige Thriller veröffentlichten.

»Der Phönix Verlag steht seit jeher für Geschichten mit Happy End. Unsere Leser erwarten …«, setzte ich an.

Voigt unterbrach mich »Unsere Leser erwarten vor allem, dass wir sie nicht langweilen.«

Er schmiss mir das Exposé in hohem Bogen hin. Es landete auf dem Fußboden. Wieder mal demonstrierte er mir seine Macht.

Während ich vor seinem Schreibtisch auf die Knie ging und die losen Blätter aufsammelte, donnerte seine Stimme im Befehlston auf mich herab. »Anstatt Ihre Zeit mit diesem Schwachsinn zu vergeuden, kümmern Sie sich lieber um unsere Bestsellerautorin! Dolores hat sich beschwert, dass Sie ihr nicht beim Brainstorming für ihr neues Buchkonzept helfen.«

»Sie ist eine Psychopathin! Niemand kann von mir verlangen, dass ich noch einmal zu ihr in die Einöde fahre!«

»Fräulein Werkmeister, Sie wurden mir von unserem Verleger als die fähigste Lektorin empfohlen. Deshalb habe ich Ihnen die Betreuung unserer wichtigsten Autorin übertragen. Also machen Sie verdammt noch mal Ihren Job!«

Ich richtete mich zu meiner vollen einschüchternden Größe von eins sechsundfünfzig vor seinem Schreibtisch auf, sodass ich fast auf Augenhöhe mit ihm war. »Den mache ich sehr wohl, indem ich Projekte akquiriere, die das Profil unseres Verlags mit seiner Tradition widerspiegeln.«

»Das Festhalten an Traditionen hat diesen Verlag in die roten Zahlen getrieben. Ich bin angetreten, um dieses Unternehmen vorm endgültigen Ruin zu retten. Dafür sind radikale Veränderungen notwendig. Eines habe ich nämlich im Gegensatz zu Ihnen begriffen: dass die Inhalte sich an den Bedürfnissen des Marktes orientieren müssen. Schrecken verkauft sich millionenfach besser als Sehnsucht. Sie kennen die Verkaufszahlen des deutschen Buchhandels.«

Ich hielt dagegen. »Karoline Katzenbach hat für ihre Liebesromane tolle Rezensionen bekommen und eine große Fangemeinde.«

»… die allerdings lange nicht groß genug ist, um zu rechtfertigen, dass wir uns noch eine ihrer grässlichen Schmonzetten ans Bein binden.«

»Wenn Sie sich aber mal die Rezensionen zu Dolores Fritz angucken, werden Sie sehen, dass da ganz schön viel Kritik dabei ist«, warf ich ein.

Voigt legte den Kugelschreiber in Zeitlupe beiseite. Meine Hartnäckigkeit nervte ihn sichtlich.

»Ja, und genau diese Diskussion hat die Menschen neugierig gemacht und veranlasst, das Buch zu kaufen. Vier Millionen verkaufte Exemplare innerhalb von drei Monaten! Dolores Fritz’ Thriller-Debüt im Orellio Verlag hat das geschafft, was bisher für eine deutsche Autorin kaum denkbar war: Sie hat eine ganze Nation zum Lesen gebracht. Gerade weil die ach so anständigen Otto Normalbürger derartige Gewalt nicht für möglich halten, sind sie davon fasziniert. Studien zeigen, dass gerade Frauen es noch eine Spur blutiger mögen. Das Spiel mit der Angst ist ihnen ein tiefes Bedürfnis. Deshalb steht dieses Buch seit Wochen auf Platz 1 der Bestsellerliste. Sie haben wirklich Glück, dass Ihr Verleger mir so ein großzügiges Angebot gemacht hat, das ich nicht ausschlagen konnte. Sonst wäre ich wahrscheinlich nicht unbedingt zum Phönix Verlag gewechselt – Sie wissen ja selber, wie es hier mit den Verkaufszahlen aussieht. Ihre heiß geliebten kitschigen Frauenromane sind halt nicht mehr zeitgemäß, liebe Frau Werkmeister.«

Er lachte herablassend. »Aber machen Sie sich keine Sorgen, jetzt bin ich ja da, um den Laden mal ordentlich auf Vordermann zu bringen. Seien Sie froh, dass ich Frau Fritz überreden konnte, mit mir zu kommen. Wir müssen den Bluthunger der Leser stillen, nicht nur mit Dolores Fritz, auch mit anderen Thrillerautoren. Nur so reißen wir das Ruder herum. «

»In einem Verlagsprogramm geht es aber auch um Vielfalt«, hielt ich dagegen.

Seine Stimme nahm einen abfälligen Ton an. »Wer braucht noch ein weiteres süßliches ›Das kleine Café am Arsch der Heide‹? Der Markt ist überschwemmt mit diesen »›Friede, Freude, Eierkuchen‹«-Geschichten für Frauen, die an der Seite eines weichgespülten Langweilers insgeheim von einem Kerl mit Sixpack träumen, der sie mal ein bisschen härter rannimmt.« Anzüglich ließ er seinen Blick über meinen Oberkörper schweifen.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Wer braucht noch eine weitere detaillierte Schilderung, wie ein Serientäter seine Opfer quält?«

Mein Argument beeindruckte ihn nicht, aber er war sichtlich verwundert, dass ich immer noch widersprach, registrierte ich erfreut.

Er stand auf und schaute von oben auf mich herab. Hätte ich doch heute Morgen bloß Absatzschuhe statt der Sneaker angezogen, dann käme ich mir jetzt nicht ganz so winzig vor.

Plötzlich haute er mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Ich zuckte kurz zusammen.

»Hören Sie doch auf! Entweder Sie befolgen meine Anweisung oder …«

»Oder was?«, unterbrach ich ihn, hielt seinem Blick stand und stemmte die Hände in die Hüften. Irgendwie musste ich mich ja größer machen.

Seine Mundwinkel umspielte ein verkniffenes Lächeln, das die Augen nicht erreichte. Ich hatte ihn mehr als verärgert.

Er drehte sich um und holte einen Karton mit der Aufschrift Schrott aus dem Aktenschrank. »Oder Sie sichten diesen Stapel unverlangt eingesandter Manuskripte. Ich erwarte bis morgen aussagekräftige Gutachten mit einer Übersicht aller unverbrauchten dramatischen Situationen.«

Mir verschlug es die Sprache, was ihn sichtlich erfreute. Er drückte mir den Karton in die Hände, hielt ihn noch fest und sagte eindringlich: »Und ich kann Ihnen versprechen, das werden Sie so lange tun, bis Sie es sich anders überlegt haben, zu Dolores rausfahren und Ihren Job machen.« Erst jetzt ließ er ihn los.

Ich betrachtete den Karton, der noch von mir stammte, aus der Zeit, als ich Voigts erkrankte Vorgängerin fast vier Monate vertreten hatte. »Den Stapel hat bereits die Praktikantin gesichtet und Gutachten erstellt.«

»Sehen Sie es als Übung für Ihr Gespür, einen guten Stoff zu finden.« Er zwinkerte mir zu.

Ich knallte ihm den Karton auf den Tisch. »Das ist Schikane!«

»Ach?«

Genau in dem Moment steckte unser Verleger, Hubertus Krohn, seinen grauen Schopf zur Tür herein und wurde Zeuge der Auseinandersetzung.

»Gibt es ein Problem?«, fragte er mehr in meine als in Voigts Richtung. Unsere Blicke trafen sich. Ich schwieg, denn üblicherweise focht ich meine Konflikte selbst aus.

Voigt antwortete: »Ihr bestes Pferd im Stall bockt, weil ich den Mist ablehne, den sie mir wieder anbietet.« Er winkte ab und grinste breit. »Keine Sorge, ich habe die bissige Stute bald gezähmt.«

Jetzt reichte es mir. »Ich bin weder ein Pferd, noch lasse ich mich mit Strafarbeiten zähmen. In welchem Jahrhundert leben Sie eigentlich?« Verständnislos schüttelte ich den Kopf. Hubertus trat näher und wollte anscheinend schlichten. Ich wandte mich an ihn: »Seit Herr Voigt die Programmleitung übernommen hat, höre ich nur noch Thriller und Dolores Fritz.«

Unser Verleger presste die Lippen zusammen.

Tief einatmend bemühte ich mich, sachlich zu bleiben. »Hubertus, ich verstehe, dass wir neue Leserzielgruppen erschließen müssen. Aber doch nicht, indem wir unsere bisherigen Leser verprellen und überhaupt keine Liebesromane mehr ins Programm aufnehmen.« Ich appellierte an die Vernunft meines Ziehvaters, der mir alles beigebracht hatte, was ich als gute Lektorin wissen musste. Immerhin waren wir uns vor Voigts Zeit immer einig gewesen, was wir veröffentlichen wollten.

»So?«, fragte er erstaunt und rückte sich die Krawatte zurecht. Eine Verlegenheitsgeste, die er immer benutzte, wenn er seinen Ärger überspielen wollte.

Er war also noch gar nicht in die Pläne seines neuen Programmleiters involviert?

Voigts Augen verengten sich zu Schlitzen. Am liebsten hätte er mich an Ort und Stelle erwürgt. Okay, vielleicht war das jetzt nicht die feine englische Art, aber er hatte mich schließlich zuerst vor unserem Arbeitgeber in die Pfanne gehauen. Irgendwie musste ich mich ja wehren. Also erzählte ich Hubertus von meinem Herzensprojekt. Wenn er Voigts Meinung teilte, würde ich mich geschlagen geben.

Hubertus las das Exposé und schaute uns danach abwechselnd an. Ich spürte, dass es ihm gefiel, er aber Voigt auch nicht vor den Kopf stoßen wollte. »Ich denke, wir stellen das Projekt den Buchhandelsvertretern vor und hören deren Meinung zur Verkäuflichkeit auf dem Buchmarkt bei dem derzeitigen Trend zu gewalttätigen Stoffen an. Sieht der Vertrieb Chancen, nehmen wir es ins Programm auf.«

»Ich würde lieber einen Roman weniger veröffentlichen, statt den Platz auf Krampf mit so einem schwachen Weglasstitel zu besetzen«, protestierte Voigt.

»Lassen Sie uns die Entscheidung morgen gemeinsam mit dem Vertrieb treffen«, entgegnete Hubertus

Der Programmleiter schluckte. »Wie Sie wünschen.«

Hubertus verließ das Büro und ich wollte ihm folgen. Doch Voigt hielt mich zurück. »Wir waren noch nicht fertig, Fräulein Werkmeister. Schließen Sie die Tür!«, forderte er mich auf und zischte: »Das war gerade eine ganz linke Nummer von Ihnen.« Um sich abzureagieren, warf er einen Minibasketball kraftvoll in den Korb, der in drei Meter Entfernung am Bücherregal hing. Er hatte ihn gleich an seinem ersten Arbeitstag anbringen lassen. Der Ball rutschte durchs Netz, klatschte auf dem Fußboden auf und hüpfte in die Zimmerecke.

»Im Gegensatz zu Ihnen habe ich Sie nicht beleidigt«, zischte ich zurück.

»Oh, doch, Sie haben mein Urteilsvermögen infrage gestellt.« Er zeigte auf das Exposé in meiner Hand.

»Es wird Ihnen aber nichts bringen, dass Sie den alten Mann mit Ihren Rehaugen bezirzt haben. Mich und die Buchhandelsvertreter können Sie damit nicht überzeugen.«

»Was? Eine Frechheit! Ich bezirze niemanden.«

»Wir sehen uns morgen. Vergessen Sie Ihren Karton nicht.«

Ich platzte vor Wut und sagte: »Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Da gibt es einige Gerüchte, wie Sie über Frau Krohn an diesen Posten gekommen sind.« Dann schnappte ich mir den Karton und machte auf dem Absatz kehrt, durchquerte Voigts Büro im Stechschritt und murmelte: »Arschloch!«

»Haben Sie mich gerade Arschloch genannt?«

Mist! Er hatte es gehört. Ich schlug kurz die Augen nieder, drehte mich um und schaute ihm geradeheraus ins Gesicht. »Ja das habe ich, weil Sie eins sind«, murmelte ich leise.

Ohne den Blick von mir abzuwenden, bediente er die Wechselsprechanlage und rief seine Assistentin: »Silvie! Ich brauche Sie wegen einer Abmahnung. Bringen Sie mir bitte die Personalakte von Frau Werkmeister.« Er beobachtete meine Reaktion. Seine Augen blitzten triumphierend auf. Ich ahnte, dass er spürte, wie ich innerlich vor ihm zitterte und die Selbstbewusste nur spielte.

Er sagte: »Ich hoffe, die Warnung kommt bei Ihnen an. Beim nächsten kleinsten Vergehen können Sie sich einen anderen Job suchen.«

Scheiße! Der Markt für gut bezahlte Lektoren sah mies aus, eine Kündigung konnte ich mir gerade überhaupt nicht leisten. Außerdem hing ich an unserem Verlag. So einfach ließ ich mich von diesem Widerling nicht vertreiben!

Voigt stand auf, kam ganz dicht an mich heran, schnappte meine Hand und flüsterte mir ins Ohr: »Eine nette Entschuldigung Ihrerseits und ich vergesse, was gerade geschehen ist.« Ich erstarrte. Die Tür sprang auf. Wortlos drehte ich mich um und stürmte hinaus. Dabei streifte ich Silvie, die auf ihren High Heels hereinstöckelte. Ohne uns eines Blickes zu würdigen, liefen wir aneinander vorbei. Aus unserer früheren Freundschaft war mittlerweile eine erbitterte Feindschaft geworden, seit ich ihr die Meinung gesagt hatte, nämlich, dass ich es zum Kotzen fand, wie sie sich bei diesem Bastian einschleimte.

Bloß weg hier! Ich beschleunigte meinen Schritt und stieß im Gang gegen den Putzwagen der Reinigungskraft. Der Wassereimer kippte um. In Sekundenschnelle war meine Hose patschnass. Ich fluchte. Das fehlt mir gerade noch!

Özlem Dukan, unsere Raumpflegerin, schaltete den Staubsauger aus. Mit bedauerndem Blick entschuldigte sie sich, dass sie ihren Wagen mitten im Weg abgestellt hatte, und eilte herbei. Fluchend versuchte sie die schäumende Pfütze aufzuwischen. »Muss beeilen, sonst Ärger mit Chef.« Sie zeigte auf die Tür, wo ich herausgekommen war. Ich stellte den Karton ab, schnappte mir einen Lappen und half ihr.

»Meine Schuld«, sagte ich. Sie lächelte mich freundlich an und fragte: »Du auch Zoff?« Ich antwortete mit stummem Nicken und zusammengepressten Lippen.

Unsere Putzfrau, die seit einem Jahr zuverlässig dafür sorgte, dass wir nicht im eigenen Dreck erstickten, legte ihre Hand auf meinen Unterarm und raunte verschwörerisch in fast perfektem Deutsch. »Seinen Namen, seine Herkunft und seinen Chef man sich leider nicht kann aussuchen.«

Kapitel 2

Am Abend, es war längst einundzwanzig Uhr und die Sonne bereits untergegangen, kam ich nach gefühlten tausend Überstunden endlich zu Hause in Hamburg-Eilbek an. Ich stellte das Fahrrad in den Ständer vor dem Klinkerbau mit der hübschen Putzfassade aus der Gründerzeit, die von den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben war.

Ich beeilte mich, denn Herr Giovanni war heute viel zu lange alleine gewesen. Bevor Voigt in unserem Verlag anfing, hatte ich meinen alten Labrador immer mit ins Büro genommen. Das war für niemanden ein Problem. Herr Giovanni schlief tagsüber unterm Schreibtisch und störte keinen bei der Arbeit. Mittags ging ich mit ihm an der Binnenalster Gassi. Seine Anwesenheit wirkte sich sogar positiv auf den Umgang der Kollegen untereinander aus. Hatte jemand Stress, kam er zu mir und streichelte den Hund. Das war manchmal so hilfreich wie eine Therapiestunde. Außerdem war Herr Giovanni einmal der Star auf einem unserer Werbeplakate mit dem Slogan »Wir haben einen Riecher für gute Liebesgeschichten!« gewesen. Entscheidend war eben die Nase.

Voigt hatte nicht nur etwas gegen mich, sondern auch gegen meinen Hund. Vielleicht hatte er Angst vor dem einäugigen, fast zahnlosen Greis, der ihn einmal angeknurrt hatte, weil er mich während eines verbalen Angriffs vor ihm beschützen wollte. Herrn Giovannis feine Spürnase hatte dem treuen Tier von Anfang an verraten, dass dieser Mensch eher mein Feind als mein Freund war.

Nach dem Zwischenfall mit Voigt sammelte Silvie Unterschriften der Kollegen für ein Verbot von Hunden am Arbeitsplatz. Notgedrungen gab ich Herrn Giovanni, den mir mein verstorbener bester Freund Toni vor vier Jahren anvertraut hatte, die Arbeitswoche über zu Tonis Eltern. Ich konnte und wollte es nicht verantworten, dass der Hund den ganzen Tag allein in einer Wohnung verbrachte. Doch jetzt waren sie für drei Wochen in ihre alte Heimat Sardinien geflogen, um ihren verstorbenen Sohn auf dem Friedhof zu besuchen.

Schon im unteren Hausflur übermannte mich das schlechte Gewissen, denn ich hörte Herrn Giovanni im Dachgeschoss an der Wohnungstür kratzen. Er bellte. Durst und Hunger konnte er nicht haben, denn ich hatte ihm mehrere Pötte Wasser hingestellt und die zweite Ration Futter bekam er immer erst abends. Wenn ich früh mit ihm Gassi ging, hielt er acht Stunden durch. Aber heute waren es zwölf geworden, eindeutig zu viele. Ich nahm gleich zwei der durchgetretenen Stufen auf einmal, rannte schnaufend durch drei Stockwerke nach oben und beruhigte ihn durch die Tür, während ich aufschloss.

Im Flur empfing mich eine große Lache. Herr Giovanni hatte in den Flur gepinkelt.

»Oh, so ein Mist!«

Nun senkte er den Kopf, weil er sich schämte. Der arme Herr Giovanni. »Es war doch meine Schuld, ist ja gut!«, sagte ich tröstend und kraulte ihm die struppigen Ohren.

Es roch leider wirklich unangenehm. Ich riss alle Fenster auf und machte erst einmal Durchzug. Dann holte ich Küchenrolle, Scheuerlappen sowie einen Eimer voll Wasser aus dem Bad und beseitigte das Dilemma auf dem Dielenboden im winzigen Flur. Mit meinem Putzzeug bewaffnet, sah ich mich in den anderen Räumen nach weiteren Pfützen um. Wie immer, wenn er bei mir war, hatte ich alle Zimmertüren offen gelassen, damit er sich zwischen seinen Lieblingsplätzen – Sofa, Bett und Badvorleger – frei bewegen konnte.

Ja, ich weiß, Hunde nimmt man nicht mit ins Bett und verbietet ihnen auch das Sofa. Das sollten all die Hundeprofis machen, wie sie wollten. Ich konnte Herrn Giovannis Blick jedenfalls nicht widerstehen und ihn zurück in seinen Korb schicken, wenn er es sich neben mir gemütlich machte. Außerdem gab es keinen besseren Fußwärmer. Und meine Füße waren ständig kalt.

»Du Armer. Alles nur wegen diesem Arsch Sebastian Voigt! Früher musste ich nicht so viele Überstunden machen … Ach, am liebsten würde ich diesem arroganten Idioten den Hals umdrehen. Komm, wir gehen eine Runde am Kanal spazieren!« Freudig hechelnd lief Herr Giovanni zur Tür. »Spazieren« war eins seiner Lieblingsworte. Wie er mich so mit offener Schnauze ansah, wirkte es so, als würde er lächeln. Gerührt kniete ich mich hin, schlang meine Arme um ihn und steckte meine Nase in sein Fell. »Was würde ich nur ohne dich machen?«, murmelte ich. »Morgen bin ich auch pünktlich zu Hause, versprochen.«

Gegen dreiundzwanzig Uhr las ich die Präsentation zu Champagner im Dünensand das letzte Mal durch. Ich hatte zur Visualisierung noch herrlich romantische Bilder von Liebespaaren eingefügt, die die Fantasie der Damen in der Runde zum Träumen anregen sollten. Sie waren in der Überzahl, und wenn ich sie auf meiner Seite hatte, kam Voigt nicht dagegen an.

Gähnend klappte ich den Laptop zu und stellte ihn auf dem schwarz-weiß gestreiften Teppich neben dem Bett ab. Voigt würde das blöde Grinsen schon vergehen. Ich wusste, dass ich die Buchhandelsvertreter überzeugen konnte. Das hatte ich bisher immer getan. Ich legte die Brille ab, löschte das Licht und kuschelte mich unter die Bettdecke. Herrn Giovannis sanftes Schnarchen hallte vom Fußende durchs Schlafzimmer. Ich schob die kalten Zehen an seinen Rücken. Meine Gedanken kreisten um Voigt. »Wenn er mich morgen vor allen beleidigt, bringe ich ihn um!«, sagte ich zu meinem Hund. Der verstummte und drehte sich weg.

Ich schloss die Augen und wälzte mich rastlos von einer Seite auf die andere. Mein verschlissenes Snoopy-Shirt war regelrecht nass geschwitzt. Ich schob die Decke weg, dann zog ich sie wieder über mich.

Herr Giovanni fühlte sich gestört, seufzte genervt und trollte sich ins Wohnzimmer.

Ich stand auch auf, wanderte in die Küche und öffnete den Kühlschrank, der nachts immer vor Altersschwäche brummte. Zielsicher griff ich nach der Milchflasche, schraubte sie auf und trank gierig in großen Schlucken.

»Mmmh!«, schmatzend leckte ich mir die Lippen, stellte die Flasche zurück und guckte in den Brotschrank. Auf irgendwas hatte ich noch Appetit. Die angebrochene Kekspackung lächelte mir zu.

Nein! Zu viel Zucker … zu spät! Ich griff hinein und schwupp verschwand der Keks in meinem Mund. Schnell schloss ich die Schranktür und spazierte kauend durchs dunkle Wohnzimmer, wo ein schwarzer Fellknäuel leise schnarchend auf dem hellbraunen Ledersofa zwischen schwarzen, weißen und grün gemusterten Kissen kaum auffiel.

Ich schnappte mir die Fernbedienung vom Couchtisch, einem umfunktionierten Überseekoffer, den ich vom Flohmarkt hatte, und zappte mich durchs Fernsehprogramm. Auch hier Mord und Totschlag sowie schlechte Nachrichten. Die Welt schien im Chaos zu versinken. Menschen hassten, Menschen bekriegten sich, Menschen zerstörten die Natur. Die Mächtigen schmiedeten Intrigen und betrogen in ihrer unersättlichen Gier. Ich konnte es nicht mehr hören und schaltete den Fernseher aus, der über einem Sideboard, das ich selbst aus zwei dicken Holzbohlen und rotbraunen Klinkern gebaut hatte, an der Wand hing.

Ich liebte es, auf dem Flohmarkt zu stöbern und aus Fundstücken Upcycling-Möbel und Deko zu bauen. Sie gaben der üblichen IKEA-Einrichtung eine individuelle Note, bereiteten mir Freude und kosteten fast nichts. Denn Geld hatte ich leider überhaupt nicht übrig. Außerdem setzte ich lieber Einzelstücke in Szene, als meine kleine Dachwohnung mit Ramsch vollzustellen. Weniger war mehr. Ich sammelte weder Katzen- noch Frosch- oder Kuh-Figuren, höchstens Steine vom Strand.

Der Rundgang endete wieder in der Küche. Ich bediente mich noch mal an der Kekspackung, nahm mir eine Flasche Wasser mit ans Bett, öffnete das gekippte Fenster und sog die kühle Nachtluft in die Lungen. Ich mochte meine Wohnung in der Blumenau, sie war zwar mit ihren 36 Quadratmetern so winzig wie ein Schuhkarton, dafür aber ruhig und gerade so bezahlbar. Sie war auch die einzige, die ich bei meinen vielen Besichtigungen gesehen hatte, in der ein Hund erlaubt war. Der Eilbekkanal und der idyllische Kuhmühlenteich waren nur einen Steinwurf entfernt und eigneten sich perfekt für meine Gassirunden mit Herrn Giovanni. Eine grüne Oase mitten in der Großstadt Hamburg, wer hatte das schon?

Dabei ging es mir gar nicht um mich, sondern um Herrn Giovanni. Er hatte schon genug durchgemacht in seinem Hundeleben. Mein verstorbener Freund hatte ihn aus einer Tierauffangstation in Italien nach Deutschland mitgebracht. Die Vorbesitzer hatten das Tier schwer misshandelt. Es hatte gedauert, bis er wieder Vertrauen zu Menschen fassen konnte. Die Folgen der Misshandlungen hatten auch immer neue Operationen erfordert. Toni hatte sich um alles gekümmert, obwohl er selbst schwer krank gewesen war. Und dann war mein bester Freund an seiner Krebserkrankung verstorben.

Ich hatte seinen Hund adoptiert, hatte Medikamente, Operationen und Therapien bezahlt, damit es ihm gut ging. Ich hatte sogar einen Kredit aufgenommen, damit ich das alles finanzieren konnte, denn Tonis Eltern waren Rentner und hatten auch kein Geld.

In meiner damaligen WG waren Haustiere verboten. Also musste ich umziehen. Mich von Herrn Giovanni zu trennen kam nämlich nicht infrage. Auch wenn es im Moment finanziell ziemlich schwer war: Seine letzte OP hatte doppelt so viel gekostet wie gedacht. Der eine Kredit reichte nicht mehr, und ich nahm zusätzlich noch einen Dispokredit auf. Nun saß mir die Bank im Nacken. Bis zum Monatsende musste ich mein Konto wieder ausgeglichen haben. Ich gönnte mir nichts und sparte, so gut ich konnte.

Trotzdem fühlte ich mich pudelwohl hier, auch wenn ich keine Cafés und Kneipen direkt vor der Haustür hatte wie in Altona, wo ich bis vor zwei Jahren in einem WG-Zimmer gewohnt hatte. Essengehen oder Barbesuche konnte ich mir gerade sowieso nicht leisten.

War ich froh, dass ich die WG-Zeit hinter mir hatte! Allein zu leben bedeutete Freiheit und auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Und wenn der Abwasch in der Spüle überquoll, dann lag das allein an mir. Es gab keinen Zimmernachbarn, der stets alles Geschirr aufbrauchte, nie abwusch, sich ungeniert in meinem Kühlschrankfach bediente, in seinem Zimmer rauchte und nächtelang Klarinette spielte.

Ich legte mich zurück ins Bett, zählte sogar Schafe und versuchte krampfhaft an etwas Schönes zu denken, aber Voigts fieses Lachen und seine Drohungen verfolgten mich. Genervt klappte ich die Lider wieder auf und machte das Licht an. »Seinen Namen kann man ändern, seine Herkunft kann man verleugnen, und wenn der Chef nervt, muss man ihn killen!«, flüsterte ich.

Ich nahm Notizheft und Stift vom Nachttisch, einem Stapel alter Bücher, den ich zu einer kunstvoll verdrehten Säule zusammengeklebt hatte, so wie ich es bei Pinterest gesehen hatte.

Oh ja, ich nehme den Brieföffner und schlitze ihm den Bauch auf. Oder sollte ich ihn vergiften? Ich könnte einen Skorpion kaufen und ihn in die Schale setzen, wo er immer hineingreift und seinen albernen Basketball herausholt. Besser noch, ich besorge mir ein Folterwerkzeug der Psychopathen-Autorin, die ich dank Voigt betreuen musste … Ich schrieb meine Mordfantasien auf, bis das übermächtige Monster namens Sebastian Voigt so klein wie ein Gremlin wurde, bevor dieser mit Wasser in Kontakt gekommen war. Nicht, dass ich jemals vorhätte, die Pläne in die Tat umzusetzen. Ich konnte schließlich keiner Fliege etwas zuleide tun. Aber es einfach mal aufzuschreiben half mir, Dampf abzulassen. Das war meine Psychotherapie.

Manche Probleme lassen sich eben nur mit Gewalt lösen, dachte ich und murmelte: »Du hörst dich schon an wie er. Und was ist mit der Liebe?« Seitdem Voigt mich beherrschte, war mein Privatleben quasi implodiert. Ich war viel zu beschäftigt mit Überstunden und negativen Gedanken. Ich hätte den Traumprinzen da draußen nicht einmal dann bemerkt, wenn er mit einem Blinklicht auf dem Kopf, einem Hinweisschild um den Hals und einer Sirene in der Hand auf einem Schimmel dahergeritten gekommen wäre. Erschöpft seufzte ich. »Die Liebe werde ich auch noch finden, aber zuerst muss ich den Drachen namens Voigt besiegen.« Dann schlief ich ein.

Kapitel 3

++++ Mittwoch, 10. Mai 2017 ++++

Der Konferenzraum war hell und schlicht eingerichtet. An der einen Längsseite erstreckte sich die nackte Fensterfront, die den Blick nach draußen auf die Häuserfassaden der gegenüberliegenden Straßenseite freigab. Die anderen drei Wände waren weiß gestrichen. An einer umlaufenden Leiste hingen die gerahmten Drucke von Covern, die der Verlag seit Bestehen produziert hatte und die wegen ihres Designs preisgekrönt worden waren. In der Mitte stand ein riesiger Holztisch, um den die Buchhandelsvertreter, der Verleger und seine Frau sowie der Programmleiter, die Lektoren, das Marketing und der Vertrieb auf weißen Freischwingersesseln saßen.

Heute waren die Sonnenschutzrollos heruntergezogen. Der Beamer projizierte Bilder auf eine Leinwand, die schräg neben der Tür an einem fahrbaren Metallgestell hing.

Einige kicherten, andere grinsten hinter vorgehaltener Hand und musterten mich abschätzig. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Anstatt der Fotos, die ich in die Präsentation eingefügt hatte, blickten die Teilnehmer der Buchhandelsvertreterkonferenz auf pornografische Bilder, wie man sie aus Schmuddelzeitungen kennt, die ganz oben im Supermarktregal stehen. Mir stockte der Atem. Ich war entsetzt.

Margarethe Krohn verließ beschämt den Raum und knallte die Tür hinter sich zu. Hubertus sprang auf und wetterte: »Geschmacklos! Stellen Sie das aus. Sofort!« Doch es ging nicht. Die Präsentation lief unerbittlich weiter. Fahrig zog ich den Stick aus dem Laptop und entschuldigte mich: »Ein Scherz, also keiner von mir, da hat jemand …«

Ich sah in Voigts Gesicht. Er wirkte verdächtig amüsiert. Er grinste triumphierend wie ein Rennfahrer, der eine Champagnerflasche köpft (und zwar die Fünf-Liter-Flasche!), weil er den Großen Preis von Monaco in der Formel 1 gewonnen hat.

Natürlich steckte er dahinter.

Dieses miese, niederträchtige Schwein! Grrr!

Wie hatte er es bloß geschafft, meine Datei zu manipulieren? Sie gehörte nicht zum Bestandteil der Gesamtpräsentation, auf die alle Zugriff über den Server hatten. Ich hatte sie nur lokal auf meinem Laptop gespeichert und die Datei kurz vor der Konferenz auf den Stick kopiert.

Aber wie sollte ich das dem Verleger erklären, wenn es mir selbst schleierhaft war. »Es tut mir leid, dann werde ich Ihnen Champagner im Dünensand ohne Visualisierung vorstellen müssen.«

Hubertus fuhr mir wütend ins Wort. »Nein! Ich denke, wir haben genug gesehen.«

Ich lief rot an, senkte den Kopf und setzte mich auf meinen Platz. Das war deutlich. Damit war Champagner im Dünensand Geschichte. Hubertus und seine Frau waren stinksauer auf mich. Ich hatte unseren Verlag und mich bis auf die Knochen blamiert.

Er sagte »Pause!« und stürmte aus dem Konferenzraum.

Ich stand auf und steuerte auf Voigt zu, der zur Tür hinauswollte. Auf dem Flur erreichte ich ihn. »Sie waren das! Sie haben meine Präsentation sabotiert! Glückwunsch!«

Voigt nestelte an seiner Krawatte und guckte gelangweilt von oben auf mich herab. »Das ist definitiv nicht mein Niveau, Fräulein Werkmeister. Wie soll ich das bitte angestellt haben? Ich befand mich nicht einmal in der Nähe Ihres Laptops. Vielleicht sind Sie bei Ihren Kolleginnen ja weniger beliebt, als Sie denken.« Kopfschüttelnd wendete er sich von mir ab und verschwand auf die Herrentoilette.

Den Rest der Konferenz schenkte ich mir und zog mich wie ein geprügelter Hund ins Büro zurück. Kaum saß ich hinterm Schreibtisch, hatte ich wieder diesen Parfümduft in der Nase. Er war mir heute Morgen schon aufgefallen, als ich von der längeren Audienz bei Voigt wegen der Gutachten über die unverlangt eingesandten Manuskripte zurückkam.

Ich schnupperte ganz bewusst … Silvie!

Ich zählte eins und eins zusammen. Na klar. Sie hatte mir den ausgedruckten Terminplan für Dolores’ neues Thrillerprojekt auf den Schreibtisch gelegt. Bei der Gelegenheit hatte sie anscheinend meine Präsentation verunstaltet! Silvie beherrschte nicht nur Excel perfekt, sondern auch Bildbearbeitung. Meine romantischen Fotos gegen diese »Playboy«-Bildchen auszutauschen, war für sie ein Klacks. Dafür brauchte sie keine drei Minuten.

Wütend presste ich die Lippen aufeinander.

Sie hat gestern mitbekommen, dass ich Voigt verärgert habe und er sich wegen mir eine Rüge von Hubertus eingefangen hat. Sie hasst mich, weil ich ihren Mr. Grey hasse. Und weil sie will, dass er den Kampf gegen mich gewinnt, hat sie ihm mit der Sabotage meiner Präsentation einen kleinen Liebesdienst erwiesen, um sich bei ihm einzuschleimen.

So musste es gewesen sein!

Zielgerichtet marschierte ich den Flur entlang bis zum anderen Ende. Ohne anzuklopfen, stieß ich die Bürotür zu Voigts Vorzimmer auf, verschränkte die Arme vor der Brust und baute mich breitbeinig vor dem Schreibtisch meiner Kollegin auf.

Silvie sah wie immer aus wie aus dem Ei gepellt. In dieser Hinsicht passte sie zu ihrem Bastian.

Die pastellfarbene Seidenbluse und der dezente Silberschmuck unterstrichen ihren frühlingshaften Typ mit der leichten Sommerbräune. Ja, der Parfümduft in meinem Büro gehörte eindeutig zu ihr. Meine ehemalige Freundin starrte aus ihren blauen Kulleraugen, die ein geschwungener Lidstrich betonte, den ich nie hinbekäme, auf den Computerbildschirm und tippte mit ihren french nails hochkonzentriert auf der Tastatur herum.

Dass sie sich nicht ablenken ließ, war schon ungewöhnlich. Silvie nutzte als geselliger Typ gerne die Gelegenheit für einen Plausch im Büroalltag. Gut, vielleicht nicht unbedingt mehr mit mir. Seit wir uns wegen Voigt gestritten hatten, gingen wir uns gekonnt aus dem Weg und vermieden jegliche Kommunikation, die über das Dienstliche hinausging.

Meine Anwesenheit verunsicherte sie und genau das wollte sie überspielen.

Erst als ich »Herzlichen Dank« sagte, drehte sie das Näschen zu mir, allerdings in Zeitlupe. »Was willst du von mir? Ich habe zu tun.« Ihre Stimme klang genervt.

»Du hast die Bilder in meiner Präsentation ausgetauscht!«

Silvie wich meinem Blick aus. Sie hackte auf ihre Tastatur ein, rechnete etwas auf dem Taschenrechner daneben zusammen, hielt sich dann am Kaffeepott fest und trank einen Schluck, bevor sie ihn wieder neben den ausgebreiteten Dokumenten auf der Tischplatte abstellte. Sie behandelte mich wie Luft.

»Du kommst jetzt mit zu Hubertus Krohn und wirst das klarstellen, du hinterhältige Schlange.«

»Ich werde gar nichts. Was soll der Quatsch? Du bist ja paranoid.« Silvie zeigte mir den Vogel. In meiner Wut langte ich über den Schreibtisch und packte sie am Handgelenk. Silvie erschrak und starrte mich für eine Zehntelsekunde aus weit aufgerissenen Augen sprachlos an. Da hatte sie mich wohl unterschätzt. Die liebe Alwine konnte eben auch anders!

Sie riss sich los und warf dabei den Kaffeepott um. Die Brühe ergoss sich über die Unterlagen und färbte sie braun. Silvie sprang reflexartig hoch, um ihren Rock zu retten. »Manno, spinnst du? Ich muss das in zwei Minuten beim Chef abliefern.«

»Dann muss er eben warten. Wir gehen jetzt zu Herrn Krohn!« Ich trat um den Schreibtisch und umklammerte ihren Arm. Silvie weigerte sich und schlug mir die Hand weg. »Autsch!« Ich packte sie erneut, rutschte ab, bekam nur ihren Blusenärmel zu fassen, der im nächsten Augenblick riss. »Ey!«, rief Silvie und verpasste mir eine Ohrfeige, dass mir die Brille verrutschte. Sie rief: »Blöde Kuh!«, und besah sich den Schaden an ihrer Bluse.

»Du schlägst mich?« Ich haute reflexartig zurück.

Silvie schubste mich mit der ganzen Kraft ihres zierlichen Körpers gegen das Bücherregal, in dem alle Titel unseres Verlages aufgereiht waren. Im Fegefeuer der Liebe kippte und krachte neben mir zu Boden.

Die Tür schwang auf und unsere Putzfrau, Özlem Dukan, stürmte hinein. Sie warf sich zwischen uns und forderte: »Aufhören!« Im nächsten Moment wich sie einem Schlag von beiden Seiten aus.

Blitzschnell griff sie nach unseren Händen und hielt sie eisern fest. »Alhumqaa! Ihr Dummköpfe!«, schimpfte sie. »Ihr werdet euch doch nicht einschlagen Köpfe wegen Mann? Oder riskieren Job«, herrschte sie uns an wie eine Mutter, die ihre ungezogenen Teenager zur Vernunft bringen muss.

Voigt erschien plötzlich im Türrahmen und musterte uns mit finsterem Blick. Anscheinend war die Konferenz doch schon zu Ende.

Özlem, die uns immer noch an den Handgelenken umklammert hielt, verzog den Mund zu einem überfreundlichen Lächeln und ließ uns los. Wir blieben wie erstarrt stehen.

Er trat ein, lief an uns vorbei in sein Büro, legte seine Unterlagen auf dem Schreibtisch ab und kam zurück. »Wo bleibt meine Gesamtkalkulation?«, raunzte der Programmchef grimmig in Richtung Silvie. Die huschte hektisch hinter ihren Computer. »Ich bin gleich so weit.«

Voigt maulte: »Was heißt gleich? Ich brauche sie sofort. Vor zehn Minuten haben Sie mir gesagt, das Marketing hätte sie bereits unterzeichnet. Wo ist jetzt das Problem, verdammt noch mal? Wenn Sie es noch nicht einmal schaffen, Ihre Aufgaben pünktlich zu erledigen, sollten Sie sich dringend nach einem neuen Job umsehen. Vielleicht können Sie ja irgendwo als Putze anfangen.«

Sein verächtlicher Blick wanderte zu Özlem. Dann baute er sich breitbeinig vor Silvie auf und drohte: »Wenn Sie sich weiter von Ihrer Kollegin von der Arbeit abhalten lassen, kann das ganz schnell eine Kündigung nach sich ziehen.«

Silvie begann leise zu schluchzen. Voigt beeindruckte das überhaupt nicht. Sein Mund verzog sich zu einem schiefen Grinsen. Es schien ihm zu gefallen, dass sie sich so schnell von ihm einschüchtern ließ. Er trat an den Schreibtisch heran und sah die in Kaffee getränkten Unterlagen.

»Das ist nicht Ihr Ernst.« Er wetterte: »Die Marketingchefin hat gerade das Haus verlassen, Frau Krohn wartet bereits seit drei Minuten auf mich und die abgestimmte Kalkulation. Können Sie mir verraten, was ich Ihr sagen soll? Meine völlig unfähige Assistentin hat ihren Kaffee über die Unterlagen geschüttet. Deshalb unterbrechen wir die Arbeit für ein Stündchen oder auch zwei …«

Silvie hätte mich mit ihrem Blick am liebsten getötet. Özlem trat vor. »Ihre Assistentin keine Schuld treffen. Ich gestaubt habe. Dabei umgefallen Tasse. Frau Werkmeister nur helfen wollen …« Sie zog demonstrativ den Putzlappen aus der Schürzentasche und wedelte damit herum.

»In fünfzehn Minuten habe ich die Unterlagen auf meinem Tisch, ansonsten können Sie Ihren Kram zusammenpacken. Und damit meine ich Sie alle drei! Mir reicht es!« Voigt knallte die Tür zu seinem Büro hinter sich zu.

Das war deutlich.

Kapitel 4

Silvie verfiel in Hektik. Der Drucker ratterte und spuckte mehrere Blatt Papier aus. Sie sprang auf. Ich stand ihr im Weg. »Was stehst du hier noch rum, verpiss dich!«, motzte sie und drängelte mich beiseite. »Du kannst froh sein, dass sie dich gedeckt hat. Sonst wärst du fällig gewesen.« Sie wies mit dem Kopf auf Özlem.

Unsere Putzfrau ergriff das Wort und flüsterte: »Hey, Mädels, Ihr nicht kapieren. Voigt euch spielen gegeneinander aus.« Silvie hielt inne und sah Özlem Dukan an, die mithilfe von Händen und Füßen erklärte: »Du glauben sollen, dass ist schuld sie, wenn er dich kündigen. Und dich er benutzen, um kleinzumachen Alwine.«

Silvie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihre Schuhspitzen: »Blödsinn.«

Özlem nickte wissend und sagte: »Ich gesehen, wie du heute Morgen in Büro an Computer von ihr …« Sie zeigte auf mich.

»Ich hab’s doch gewusst.« Ich machte einen Schritt auf Silvie zu. Ihr Blick flatterte.

Ich verengte die Augen und zischte leise: »Du kleine, hinterhältige Schlampe.« Silvie schnappte sich die Blätter und schubste mich beiseite. Ich riss sie ihr aus der Hand und warf sie im hohen Bogen durchs Zimmer. »Was hab ich dir getan, hä?«

Silvie packte mich am T- Shirt.

Özlem flüsterte: »Stopp!«, und schob uns wieder auseinander. »Ich gestern auch hören, dass Voigt dich erpressen, Silvie. Wenn du machen Alwines Präsentation kaputt, dann er vergessen Sache mit E-Mail.«

»Ich kann mir keine fristlose Kündigung leisten.« Silvie flüchtete aus dem Büro und rannte den Gang entlang zur Damentoilette. Wir folgten ihr. Sie schloss sich in der mittleren Kabine ein.

Ich wummerte gegen die Tür. »Und deshalb spielst du das Kollegenschwein? Wir waren einmal befreundet.« Özlem beobachtete die Szene vom Waschbecken aus.

Silvie schniefte und sagte kleinlaut: »Es tut mir leid. Er erpresst mich. Wenn ich nicht tue, was er von mir verlangt, kündigt er mich fristlos und schreibt mir ein mieses Arbeitszeugnis. Ich kann so schon kaum die Miete bezahlen.«

Aha!

Ich sah Özlem mit großen Augen an und fragte in Richtung Silvie. »Womit erpresst er dich denn?«

Sie schnäuzte sich die Nase, schloss die Tür auf und kam heraus. Ihre Wimperntusche war verlaufen. »Du weißt doch, dass meine Mutter Multiple Sklerose hat. Ich habe von hier aus private Telefonate geführt und E-Mails geschrieben, um die Sache mit ihrer Kur zu regeln. Dabei hat er mich erwischt.« Ohne mich oder Özlem anzusehen, drehte sie den Wasserhahn auf und wusch das Gesicht mit kaltem Wasser. »Wie hätte ich es denn machen sollen? Ich wollte dafür Urlaub nehmen, aber den hat er mir verweigert.« Sie wischte sich mit dem Finger die verschmierte Wimperntusche ab. Ich reichte ihr ein Papierhandtuch und schlug vor: »Wir gehen zu Krohn und du erzählst ihm alles.«

»Das bringt doch nichts. Wir wissen alle, dass Krohn seinen neuen Programmleiter braucht. Voigt hat ihm und dem Verlag mit seinen Kontakten zu den Medien den Arsch gerettet. Er hat dafür gesorgt, dass wir Dolores Fritz unter Vertrag bekommen. Was glaubst du, hinter wen der alte Krohn sich stellen wird? Voigt wird es abstreiten und mir das Leben noch mehr zur Hölle machen.« Silvie warf das Papierhandtuch in den Müllbehälter.

Oh, aus dem geliebten Bastian war der schlichte Voigt geworden. Ich musterte sie abschätzend. Das naive Lippenbeißen war ebenfalls in Zusammenhang mit seinem Namen verschwunden.

»Und ich dachte, du hast was mit ihm.«

Kurze Stille. Silvie schlug die Augen nieder und sagte leise: »Ich hatte …« Sie wusch sich erneut die Hände. »Ja, es war ein Fehler … seitdem behandelt er mich wie seine Sklavin.«

Özlem, die bis dahin aufmerksam zugehört hatte, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte inbrünstig: »Dieses Schwein! Das zu ihm passen.« Wir guckten sie mit großen Augen an.

»Ich Dreck ihm räumen nicht nur im Büro hinterher, sondern auch zu Hause und in Bootshaus, was gehören ihm. Wo er immer feiern Party mit junge Frauen.«

Sie verstummte kurz und ergänzte: »Aber dort ohne Bezahlung machen. Mich er erpressen auch.«

Ich war genauso sprachlos wie Silvie und zog ungläubig die Augenbrauen hoch. Er hielt sich Özlem als seine Putzsklavin? Ich hakte nach: »Wie das?«

Özlem polierte einen nicht vorhandenen Wasserfleck am Hahn weg. »Er mitbekommen, dass meine Arbeitsgenehmigung falsch«, sagte sie kleinlaut.

Mir entfuhr ein: »Oh, Scheiße!«

Eine Volontärin betrat die Damentoilette und verschwand in der ersten Kabine.

»Nach Feierabend auf einen Aperol im Rizz? Wie in alten Zeiten?«, fragte Silvie mich versöhnlich und schaute auch Özlem an. »Ich lade euch ein. Ich bin zwar fast pleite, aber egal.«

»Ich muss erst Herrn Giovanni versorgen.« Ich guckte auf die Uhr. »Die fünfzehn Minuten sind gleich um.«

Wir eilten in Voigts Vorzimmer zurück. Die Tür zu seinem Büro stand offen. Es war leer.

Zuerst riefen wir die Marketingchefin an, damit sie eher von der Mittagspause zurückkam, um die Papiere erneut zu unterschreiben. Dann halfen wir Silvie beim Kopieren und Zusammenstellen von Voigts Unterlagen.

Kaum dass wir fertig waren, stand er in der Tür und kontrollierte uns. Er wirkte misstrauisch, pflaumte Özlem an und drohte Silvie erneut. Mich schickte er mit einer Beleidigung sowie einem weiteren Stapel ungefragt eingesandter Manuskripte an meinen Arbeitsplatz und verlangte, dass ich bis zum Feierabend darüber Gutachten erstellte. Ich protestierte, denn das Zeitfenster zur Erledigung war völlig unrealistisch.

Pff! Sollte er doch morgen meckern. Heute gehe ich pünktlich.

Autor