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Spiel, Kuss und Sieg

"Wir wissen doch beide, worauf das hinausläuft."Als sie den Mann anschaut, der im Café vor ihr steht, muss Taryn zugeben: Ja, sie weiß es - und das nicht nur, weil sie sich als PR-Beraterin für Ausnahmesportler mit Männern auskennt, die vor Testosteron nur so strotzen. Schon viel zu lange umkreisen Angel, der breitschultrige Bodyguardtrainer mit der faszinierenden Narbe am Hals, und sie einander. Es ist definitiv an der Zeit, der Anziehungskraft nachzugeben … Denn nur weil sie in erster Linie an ihre Arbeit denkt, spricht ja nichts gegen ein kleines Abenteuer.Doch in Fool’s Gold ist es nicht leicht, einfach nur eine Affäre zu haben. Hier glaubt jeder an die große Liebe. Die große Liebe … Ein absurder Gedanke. Oder nicht?
  • Erscheinungstag: 10.12.2015
  • Aus der Serie: Fool's Gold
  • Bandnummer: 20
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956495090
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Mallery

Spiel, Kuss und Sieg

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ivonne Senn

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Deutsche Erstveröffentlichung

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

When We Met

Copyright © 2014 by Susan Macias Redmond

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Books II. B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Daniela Peter

Titelabbildung: pecher und soiron, Köln / Matthias Kinner

ISBN 978-3-95649-509-0

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Wir wissen beide, wohin das führt.“

Taryn Crawford schaute zu dem Mann auf, der an ihrem Tisch stand. Als sie erkannte, um wen es sich handelte, machte sich ein erwartungsvolles Kribbeln in ihr breit. Sie ignorierte das Gefühl und betrachtete ihn genauer. Der Mann war groß, mit breiten Schultern und grauen Augen. Aber sein hervorstechendes Merkmal – das die meisten Leute vermutlich geflissentlich zu ignorieren versuchten – war die Narbe an seinem Hals. Als hätte irgendjemand versucht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Kurz schoss Taryn der Gedanke durch den Kopf, wie der andere Typ wohl aussah, der mit seinem Mordversuch gescheitert war.

Sie schätzte, dass es viele Frauen gab, die sich von dem Mann einschüchtern ließen, der jetzt vor ihr stand. Schon allein seine Muskelmasse konnte einem Angst einflößen. Auf sie traf das allerdings nicht zu. Schließlich trug sie nicht umsonst ein streng geschnittenes Kostüm und Mörder-High-Heels. Diese Kleidung hatte sich bewährt. Und wenn das nicht funktionierte, arbeitete Taryn einfach noch härter als alle anderen. Sie tat, was nötig war, um zu gewinnen. Sicher, das hatte seinen Preis. Aber das war in Ordnung.

Deshalb konnte sie den Blick des Mannes jetzt auch kühl erwidern und fragen: „Ach so. Wissen wir das?“

Sein einer Mundwinkel verzog sich in einer Art schiefem Lächeln nach oben. „Sicher, aber wenn Sie sich wohler fühlen, so zu tun, als wüssten wir es nicht, ist das für mich auch okay.“

„Eine Herausforderung. Wie faszinierend. Sie erwarten aber nicht, dass das reicht, um mich in die Defensive zu drängen, oder?“ Taryn achtete darauf, ganz entspannt auf ihrem Stuhl zu sitzen. Schätzungsweise registrierte der Mann ihre Körpersprache ebenso genau wie jedes ihrer Worte. Vielleicht sogar noch genauer. Sie hoffte, er würde es ihr nicht zu leicht machen. Von leicht hatte sie die Nase voll.

„Es würde mir gar nicht gefallen, Sie zu enttäuschen“, murmelte sie.

Das Lächeln wurde breiter. „Das würde mir auch nicht gefallen.“ Er zog den Stuhl ihr gegenüber hervor. „Darf ich?“

Sie nickte, und er setzte sich.

Es war kurz nach zehn an einem Dienstagmorgen. Im Brewhaha, dem örtlichen Coffeeshop, in den Taryn sich geflüchtet hatte, um ein paar Minuten allein zu sein, bevor sie in das Chaos in ihrem Büro zurückkehrte, war es relativ ruhig. Sie hatte einen Latte macchiato bestellt und ihr Tablet herausgeholt, um die aktuellen Finanznachrichten zu lesen. Bis sie gestört worden war. Schön zu wissen, dass heute ein guter Tag werden würde.

Sie musterte den Mann, der ihr gegenübersaß. Er ist älter als die Jungs, dachte sie. Die drei Männer, mit denen sie zusammenarbeitete – Jack, Sam und Kenny, auch „die Jungs“ genannt –, waren alle Anfang bis Mitte dreißig. Ihr Gast ging mehr auf die vierzig zu. Gerade erfahren genug, um die Sache interessant zu machen, dachte Taryn.

„Wir sind einander nie vorgestellt worden“, sagte sie.

„Sie wissen, wer ich bin.“

Das war keine Frage. „Tue ich das?“

Eine dunkle Augenbraue hob sich. „Angel Whittaker. Ich arbeite bei CDS.“

Auch bekannt als die Bodyguardschule, wie sie sich erinnerte. Für eine so kleine Stadt gab es in Fool’s Gold eine ganze Menge ungewöhnlicher Firmen.

„Taryn Crawford.“

Sie wartete, doch er rührte sich nicht.

„Geben wir uns nicht die Hand?“ Sie schaute ihn fragend an und schloss dann beide Hände um ihren Latte macchiato. Nur um kompliziert zu sein, denn kompliziert sein würde die Sache spannender machen.

„Ich dachte, das Berühren heben wir uns für später auf. Ich mag es lieber, wenn solche Dinge im Privaten passieren.“

Taryn hatte Score, ihre PR-Agentur, vor acht Jahren eröffnet. Seitdem bekam sie es immer wieder mit ungewollten Annäherungsversuchen zu tun, mit Leuten, die sie für dumm hielten, und anderen, die glaubten, weil sie mit drei Exfootballspielern arbeitete, hätte sie ihren Job nur bekommen, indem sie mit ihnen ins Bett gegangen war. Sie war es gewohnt, ruhig zu bleiben, ihre Meinung für sich zu behalten und durch einen unerwarteten Sprint über die Seitenlinie den Sieg davonzutragen.

Dieses Mal hatte Angel die ersten Punkte erzielt. Er ist gut, dachte Taryn fasziniert und nur ein kleines bisschen verschnupft.

„Machen Sie mich an, Mr Whittaker? Denn dafür ist es noch ein bisschen früh am Morgen.“

„Sie werden wissen, wenn ich Sie anmache“, informierte er sie. „Im Moment sage ich Ihnen nur, wie die Dinge stehen.“

„Was uns zu Ihrer Eingangsbemerkung zurückbringt, dass wir beide wissen, wohin das führt. Ich gebe zu, ich bin verwirrt. Vielleicht haben Sie mich mit jemandem verwechselt.“

Während sie ihn ansah, löste Taryn ihre übereinandergeschlagenen Beine und schlug sie dann andersherum wieder übereinander. Sie versuchte nicht, ihn zu provozieren, aber falls Angel sich davon ablenken ließ, war das wohl kaum ihre Schuld.

Eine Sekunde lang erlaubte sich Taryn die Frage, ob sie wohl ein anderer Mensch geworden wäre, wenn sie in einem traditionelleren Zuhause aufgewachsen wäre. Einem Zuhause mit den erwünschten 2,5 Kindern und halbwegs normalen Eltern. Wahrscheinlich wäre sie dann nicht so ehrgeizig. Oder so hartnäckig. Aber wäre das besser oder schlechter? Manchmal war sie sich da nicht so sicher.

Angel Whittaker beugte sich vor. „Ich hätte Sie nicht für jemanden gehalten, der Spielchen spielt.“

„Wir spielen alle Spielchen“, erwiderte sie.

„Na gut. Dann will ich ehrlich sein.“

Sie nippte an ihrem Kaffee und schluckte. „Bitte.“

„Ich habe Sie letzten Herbst gesehen.“

Als sie sich in der Stadt nach geeigneten Büroflächen umgesehen hatte. Mit einer Firma umzuziehen bedeutete, viel Zeit und Mühe zu investieren. Sie hatten sich erst vor wenigen Monaten wirklich in Fool’s Gold niedergelassen. Aber sie war im letzten Herbst in der Stadt gewesen, und ja, ihr war Angel auch aufgefallen. Sie hatte herausgefunden, wer er war, und sich gefragt, welche … Möglichkeiten da vielleicht bestanden. Was sie ihm gegenüber jedoch niemals zugeben würde.

„Ich habe Sie beobachtet“, fuhr er fort.

„Sollte ich mir Sorgen darüber machen, dass Sie ein Stalker sind?“

„Ich glaube nicht, da Sie mich auch beobachtet haben.“

Das war ihm aufgefallen? Verdammt. Sie hatte versucht, unauffällig zu sein. Kurz überlegte sie, zu lügen, entschied sich dann aber dafür, einfach zu schweigen. Nach einer Sekunde fuhr er fort:

„Nachdem wir einander nun taxiert haben, ist es an der Zeit, die nächste Phase des Spiels einzuläuten.“

„Es gibt Phasen?“ Das war eine ernst gemeinte Frage. Sie verkniff es sich, auf die Sache mit dem Spiel einzugehen. Natürlich war ihr klar, was sie hier taten. Aber es war trotzdem unterhaltsam, so zu tun, als wüsste sie es nicht.

„Mehrere.“

„Gibt es eine Spielanleitung oder eine Punktekarte?“

Seine kühlen grauen Augen waren auf ihr Gesicht gerichtet. „Sie sind keine Frau, die auf diese Art und Weise spielt.“

„Seien Sie vorsichtig mit Ihren Vermutungen.“

„Das war keine Vermutung.“

Er hatte eine angenehme Stimme. Tief, mit einem Hauch von … Nicht Südstaaten, dachte sie. Aber er hatte einen andern Tonfall. Virginia? West Virginia?

Sie stellte ihren Becher ab. „Wenn ich Ihre Behauptung glaube – und ich sage nicht, dass ich es tue.“

„Natürlich nicht.“

Sie ignorierte seine Worte, und um seine Lippen zuckte es amüsiert. „Also wenn ich Ihnen glaube, was meinen Sie, wo das hier hinführt?“

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Das hier ist ein Paarungsspiel, Taryn. Oder wussten Sie das nicht?“

Ah, sein erster Fehler. Sie hielt seinen Blick fest und ließ sich ihren Triumph nicht anmerken. „Sie wollen mich heiraten?“

Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte. „Nicht so ein Paarungsspiel.“

„Sie müssen schon etwas präziser sein, sonst ist es schwer. Sie wollen also mit mir schlafen?“

„Ja, aber es geht um mehr als das.“

Sie ließ ihren Blick zu seiner Brust gleiten und dann über seine Arme. Trotz der kühlen Temperaturen Ende April trug er ein T-Shirt und keine Jacke. Sie sah eine Tätowierung – eine Rose – und mehrere Narben auf seinen Armen. Seine Hände waren stark und ebenfalls zerschunden.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Narbe an seinem Hals und beschloss, das Offensichtliche zu fragen. „Was ist mit dem anderen Kerl passiert?“

Er berührte seine Kehle und zuckte dann mit den Schultern. „Er hatte einen ziemlich schlechten Tag.“

Taryn war eine Geschäftsfrau. Sie konnte über Verkaufsentwicklungen und Finanzen sprechen, aber ihr wahres Talent lag darin, PR-Kampagnen zu entwickeln, die innovativ und erfolgreich waren. Bei Score teilten die vier Partner sich die Arbeit. Kenny und Jack waren die Geldmacher – sie fanden vielversprechende Kunden und führten sie der Agentur zu. Sam kümmerte sich um die Finanzen. Aber Taryn war der kreative Motor, der das Schiff antrieb.

Sie war es gewohnt, es mit Geschäftsführern, Grafikern, Bankern und allem dazwischen zu tun zu haben. In ihrer Welt war sie eine Macht, der niemand in die Quere kam. Aber Angel stammte aus einer ganz anderen Welt. Seine Macht kam nicht aus der Vorstandsetage oder beruhte auf irgendwelchen passenden Anzügen. Er trug sie in seinem Körper. Sie war ein Teil von ihm.

Sie wusste nur wenig über ihn. Die Menschen mochten und respektierten ihn. Aber die genauen Einzelheiten waren immer noch ein Geheimnis. Eines, das sie gerne lösen würde.

„Was lässt Sie vermuten, dass ich auch nur im Geringsten interessiert bin?“, fragte sie.

„Sie sitzen immer noch hier.“

Guter Punkt. Sie wollte nicht noch einen Geschäftsmann – der wäre ihr zu ähnlich. Und was Sporthelden anging – sie arbeitete mit drei derartigen Exemplaren zusammen, und sie laugten sie aus. Angel war anders. Und im Moment klang anders genau nach dem, was sie brauchte.

„Da wird ein wenig Anstrengung nötig sein“, sagte sie.

„Gleichfalls.“

Sie lachte über diese unerwartete Antwort.

„Sie haben doch nicht geglaubt, ich sei leicht zu haben, oder?“, fragte er.

„Offensichtlich nicht.“

Er stand auf. „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich bin gut darin, die richtige Taktik für die richtige Mission zu entwickeln und sie dann durchzuführen.“ Er ging zur Tür, wo er sich noch einmal zu ihr umdrehte. „Und ich bin gut darin, zu warten.“

Mit diesen Worten verschwand er und ließ Taryn mit ihrem kälter werdenden Kaffee und einem Artikel über Kundenzufriedenheit zurück, der auf einmal wesentlich uninteressanter war als vor ihrer Begegnung mit einem faszinierenden Mann namens Angel.

Selbstgefälligkeit fühlt sich gut an, dachte Angel, als er die Straße überquerte und in Richtung Rathaus ging. Er hatte auf den richtigen Moment gewartet, um mit Taryn zu reden, und als er sie alleine mit ihrem Kaffee erblickt hatte, hatte er beschlossen, zu handeln. Sie war so faszinierend, wie er gehofft hatte – intelligent, selbstbewusst und verdammt sexy. Eine Kombination, der schwer zu widerstehen war, selbst unter den besten Bedingungen. Aber in dieser Stadt, wo sie ständig irgendwo in der Nähe war … Er hatte seinen Zug gleich am ersten Tag machen wollen.

Abwarten ist die bessere Strategie, sagte er sich, als er die Treppe zum Eingang des Rathauses hinaufjoggte. Jetzt konnte er seinen Plan umsetzen. Den Plan, der sie auf einen Weg der Verführung bringen und zu einem Ziel führen würde, das sie beide befriedigen sollte.

Er ging die Treppe in den zweiten Stock hinauf und folgte den Schildern zum Büro der Bürgermeisterin.

Marsha Tilson war die am längsten amtierende Bürgermeisterin Kaliforniens. Sie diente der Stadt sehr gut und schien jedermanns Geheimnisse zu kennen. Angel hatte noch nicht herausgefunden, woher ihre Informationen stammten, aber nach allem, was er bisher gesehen hatte, verfügte sie über ein Netzwerk, bei dem die meisten Regierungen blass vor Neid würden.

Er betrat ihr Büro exakt fünfzehn Sekunden vor seinem vereinbarten Termin.

Ihre Assistentin, eine ältere Frau in einem dunklen Blazer, schaute ihn aus roten, geschwollenen Augen an. Angel spürte sofort die unter der Oberfläche brodelnden Gefühle und sah sich nach möglichen Fluchtwegen um.

Die Frau, eine wohlgerundete Brünette, schniefte. „Sie müssen Mr Whittaker sein. Gehen Sie gleich durch, Sie werden schon erwartet.“

Angel ging weiter und hoffte, im Büro der Bürgermeisterin eine etwas ruhigere Atmosphäre vorzufinden. Sein Optimismus wurde belohnt. Bürgermeisterin Marsha sah aus wie immer – perfekt gestylt und gefasst. Sie trug ein hellgrünes Kostüm und Perlen und hatte ihre weißen Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Als er eintrat, stand sie auf und lächelte ihn an.

„Mr Whittaker. Schön, dass Sie da sind.“

„Angel, bitte.“ Er durchquerte den Raum und schüttelte ihr die Hand, dann setzte er sich ihr gegenüber hin.

Ihr Büro war groß und hatte viele Fenster. Hinter ihrem Schreibtisch hing die Flagge der Vereinigten Staaten sowie die von Kalifornien, dazwischen ein großes Wappen, das, wie er annahm, für die Stadt Fool’s Gold stand.

„Ihre Assistentin ist ganz aufgelöst“, sagte er.

„Marjorie arbeitet seit vielen Jahren für uns. Aber ihre Zwillingstöchter sind nach Portland, Oregon, gezogen. Sie sind beide schwanger. Marjories Mann ist in Rente, also wollen die beiden näher zu ihrer Familie ziehen. Obwohl sie sich freut, näher bei ihren Töchter und ihren zukünftigen Enkeln zu sein, ist sie auch traurig, hier wegziehen zu müssen.“

Das ist mehr, als ich wissen wollte, dachte er, wahrte aber eine freundliche Miene.

Bürgermeisterin Marsha lächelte. „Jetzt muss ich mich nach jemand Neuem umsehen. Personal zu finden ist relativ leicht, aber eine Assistentin ist eine ganz andere Sache. Da müssen Chemie und Vertrauen stimmen. Man kann nicht jedem die Geheimnisse der Stadt anvertrauen.“ Ihr Lächeln wurde breiter. „Aber deshalb sind Sie heute ja nicht hier.“ Sie beugte sich vor und nahm eine Akte von einem Stapel auf ihrem großen Schreibtisch.

„Gut, Angel, lassen Sie uns mal sehen, was wir hier haben.“ Sie setzte ihre Lesebrille auf. „Sie haben also Interesse, sich in ein Projekt unserer Gemeinde einzubringen.“

Angel war in unterschiedlichen Missionen in den gefährlichsten Gebieten der Welt gewesen. Mit seiner Ausbildung zum Scharfschützen war er schließlich in den privaten Sektor übergewechselt und entwickelte nun Lehrpläne für Menschen, die professionelle Bodyguards werden wollten. Es gab nicht mehr viel, was ihn noch überraschen konnte. Aber er hätte schwören können, mit niemandem über den Grund für seinen Termin bei Bürgermeisterin Marsha gesprochen zu haben. Was ihn zu der Frage brachte: Woher wusste die alte Dame davon?

Sie schaute ihn über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Habe ich das richtig verstanden?“

Er hatte keine andere Wahl, als kurz zu nicken. „Ja, Ma’am.“ Ihr Lächeln kehrte zurück. „Gut. Sie haben eine interessante Vorgeschichte und verfügen über sehr ungewöhnliche Fähigkeiten. Ich habe lange über die Sache nachgedacht und denke, Sie wären ein perfekter Forstwächter.“

Forst was? „Ma’am?“

„Sind Sie mit der Geschichte der Stadt vertraut?“, fragte sie und schloss die Mappe. „Das hier ist Kalifornien, also gab es hier die bekannte spanische Besetzung um 1700 herum. Aber weit vorher hatte sich bereits der Máa-zib-Stamm in Fool’s Gold angesiedelt.“

Davon hatte Angel schon mal was gehört. „Ein Zweig der Maya“, murmelte er. „Matriarchalisch geprägt.“

„Ja.“ Sie nickte. „Ich schätze, Sie hätten kein Problem damit, eine Gruppe von Frauen zu respektieren, die einen Mann nur für den Sex wollten.“

Angel war nicht sicher, ob er zusammenzucken oder der alten Dame auf die Schulter klopfen sollte. Also räusperte er sich einfach. „Okay“, sagte er langsam. „Das ist interessant.“

„In der Tat. Wir feiern schon lange die Máa-zib-Kultur, und das schließt eine Jugendgruppe ein. Zukünftige Krieger der Máa-zib. Die jungen Leute fangen mit einer zweimonatigen Einführung an, die ihnen zeigt, wie es ist, in der ZKM zu sein. Danach folgt eine vierjährige Mitgliedschaft. Wir haben Eicheln, Schösslinge, Setzlinge, Himmelsgreifer und Mächtige Eichen. Jede Gruppe oder Truppe wird als Forst bezeichnet, und der Leiter heißt Forstwächter.“

Sie setzte ihre Brille ab. „Wir haben einen Forst, der dringend einen Wächter braucht, und ich denke, Sie wären für diesen Job perfekt.“

Kinder, dachte er überrascht. Er mochte Kinder. Er hatte sich in Fool’s Gold mehr einbringen wollen, weil er beschlossen hatte, hierzubleiben, und dazu erzogen worden war, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Allerdings hatte er dabei eher daran gedacht, in einem Beratungskomitee mitzuwirken oder irgendeine Fortbildung zu leiten – auch wenn seine Fähigkeiten nicht gerade in die normale Welt passten. Trotzdem … Kinder.

Er zögerte nur eine Sekunde, dann erkannte er, dass es lange genug her war, seit er Marcus verloren hatte. Der Schmerz war immer noch da – er würde immer ein Teil von ihm bleiben, genau wie seine Narben oder sein Herz –, aber er war erträglich geworden. Ja, vermutlich war es ihm inzwischen möglich, mit Teenagern zu arbeiten, ohne mit dem Himmel darüber streiten zu wollen, wie unfair alles war.

„Sicher“, sagte er leichthin. „Ich kann einen Forst leiten.“

Bürgermeisterin Marshas Augen funkelten amüsiert. „Freut mich zu hören. Ich denke, Sie werden diese Erfahrung auf mehreren Ebenen erfüllend finden. Ich werde Ihnen das entsprechende Material in den nächsten Tagen zukommen lassen. Dann können Sie sich mit dem Forstrat treffen.“

Er grinste. „Es gibt wirklich einen Forstrat?“

Sie lachte. „Natürlich. Es geht um zukünftige Krieger der Máa-zib. Was sollte es sonst geben?“

Sie erhob sich, und er stand ebenfalls auf. „Danke, Angel. Normalerweise muss ich neue Bewohner der Stadt erst überzeugen, sich einzubringen. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie zu mir gekommen sind.“ Sie musterte ihn. „Ich nehme an, Ihr Wunsch, etwas zurückzugeben, hat etwas mit Ihrer Vorgeschichte zu tun. Sie sind in einer Bergbaustadt in West Virginia aufgewachsen, richtig?“

Obwohl das kein Geheimnis war, sprach er nicht oft davon. „Sie sind eine gespenstische Frau“, sagte er. „Das wissen Sie, oder?“

Ihr Lächeln wurde breiter. „Nicht viele Menschen haben den Mut, mir das ins Gesicht zu sagen, aber ich hoffe, dass sie es hinter meinem Rücken tun.“

„Das tun sie“, versicherte er ihr.

Dann schüttelten sie einander die Hand und er ging. Marjorie war immer noch in Tränen aufgelöst, also beeilte er sich, das Vorzimmer so schnell wie möglich zu verlassen, und joggte die Treppe hinunter. Vielleicht verbringe ich den Nachmittag damit, mich nach Plätzen zum Zelten umzusehen, dachte er gut gelaunt. Er kannte viele Überlebenstechniken, die er seinem ZKM-Forst beibringen könnte, um den Jungs zu helfen, zu selbstbewussten Männern heranzuwachsen. Ja – das würde richtig gut werden.

„Jack, hör auf damit“, sagte Taryn, ohne von den Papieren vor sich aufzusehen.

Das Geraschel stoppte einen Moment lang, nur um fünf Sekunden später sofort wieder loszugehen. Sie atmete tief ein und schaute über den schmalen Konferenztisch.

„Ernsthaft“, sagte sie. „Du bist schlimmer als ein Fünfjähriger.“

Jack McGarry, ihr Geschäftspartner und Exmann, ließ seine Schultern kreisen. „Wann kommt Larissa?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt. Sie ist morgen hier. In vierundzwanzig Stunden hast du sie zurück. Wenn du dich jetzt bitte mal konzentrieren könntest?“

Sam, der einzige ruhige, rationale unter ihren Partnern, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Du bemühst dich zu sehr. Ist doch klar, dass das nicht funktioniert.“

Weil es ihr Job war, sich zu bemühen. Sie hielt „die Jungs“ an der kurzen Leine, denn wenn sie es nicht täte, würden sie völlig wild werden.

Jack war derjenige von den dreien, den sie am längsten kannte. Nach ihrer schnellen Ehe und der ebenso schnellen Scheidung hatten sie sich entschlossen, Geschäftspartner zu werden. Jack hatte das Geld beigesteuert, Taryn das PR-Know-how, und Score war sofort ein voller Erfolg geworden – wobei es half, dass Jack viele Kunden zu ihr gebracht hatte. Es war ein tolles Arrangement gewesen.

Unglücklicherweise hatte Kenny sich vier Jahre später am Knie verletzt und seine Karriere beenden müssen. Sam war ebenfalls aus der NFL ausgestiegen, und aus Gründen, die Taryn nicht genau kannte, hatte Jack beschlossen, sich den beiden anzuschließen. Ihr Ex hatte seiner Rolle als Star-Quarterback bei den L. A. Stallions einfach hingeschmissen. Angeblich, weil es gut war, auf dem Höhepunkt aufzuhören. Aber sie vermutete, dass dieser Entschluss mehr mit seinen Freunden als mit allem anderen zu tun hatte. Was Jack natürlich niemals zugeben würde.

Und da hatten sie also gestanden – drei Exsportler mit viel Geld, Ruhm und keinem Plan, was sie mit ihrem restlichen Leben anfangen sollten. Aber Moment, Jack war ja Mitbesitzer einer PR-Agentur. Da konnte er die anderen beiden doch einfach mit an Bord holen. Und bevor Taryn wusste, wie ihr geschah, waren sie plötzlich alle vier Partner gewesen.

Anfangs war sie sicher gewesen, dass die Jungs den Laden an die Wand fahren würden. Aber schneller als sie es für möglich gehalten hatte, waren sie ein Team geworden und dann eine Familie. Jack und Kenny waren die Verkäufer. Sie brachten die Klienten und waren das Gesicht der Firma. Sam managte die Finanzen für die Firma und für jeden von ihnen privat. Er war nicht nur clever, er hatte auf dem College auch tatsächlich einige Kurse belegt.

Alles andere war Taryns Aufgabe. Sie führte die Geschäfte, kommandierte die Jungs herum und entwickelte Kampagnen, die ihren Nettowert erhöhten. Es war ein ungewöhnliches Arrangement, aber es funktionierte.

Jack rutschte wieder unruhig auf seinem Stuhl herum. Der Muskel in seinem Kiefer zuckte. Taryn ermahnte sich, dass Jack nicht bewusst schwierig sein wollte, sondern dass er Schmerzen litt. Niemand konnte beinahe zehn Jahren lang in der NFL überleben, ohne körperliche Schäden zu erleiden. Larissa, Jacks persönliche Assistentin und die private Masseurin der Jungs, hatte nicht so schnell nach Fool’s Gold ziehen können wie alle anderen. Nach beinahe einem Monat ohne ihre heilenden Berührungen fingen alle drei ehemaligen Spieler an zu leiden.

„Morgen“, sagte sie noch einmal.

„Bist du sicher?“

„Ja.“ Sie hielt kurz inne. „Du könntest eine Tablette nehmen.“

Sie sagte das mit ihrer sanftesten Stimme, die ihre Partner sonst nie zu hören bekamen. Weil sie wusste, dass Jack sich weigern würde. Mit den Verletzungen und den damit einhergehenden chronischen Schmerzen konnten Tabletten ein schneller Weg in die Hölle sein. Und dorthin wollte keiner der Jungs.

„Was steht als Nächstes an?“, fragte er und ignorierte ihren Vorschlag.

„Wir sind dran“, sagte Kenny und öffnete die Mappe vor sich. „Jack und ich hatten einen zweiten Termin mit dem Geschäftsführer von Living Life at a Run.“ Er griff nach der Fernbedienung, die mitten auf dem Tisch lag, und drückte einen Knopf. Der Bildschirm am Ende des Raumes ging an und ein Logo erschien.

Taryn musterte die eckigen Buchstaben und das seltsame Akronym. LL@R. Sie wollte darauf hinweisen, dass das a fehlte, wusste aber, dass es keinen Sinn hatte. Der Geschäftsführer der Firma stand im Ruf, exzentrisch und schwierig zu sein. Aber er bot ihnen die Chance, den Einzelhandel zu erobern – ein Bereich des PR-Markts, in dem Score bislang keine Kunden hatte finden können.

„Sie wachsen sehr schnell“, sagte Kenny. „Sie sind trendy, und viele Promis tragen ihre Kleidung.“

„Kleidung ist ein Nebenmarkt für sie “, fügte Jack hinzu. „Ihr Hauptaugenmerk liegt auf Sportausrüstungen. Wenn wir sie kriegen könnten, hätten wir auch gute Chancen bei größeren Firmen wie REI.“

Nur zu gern hätte Taryn eine Premiumfirma wie REI zu ihren Kunden gezählt, aber leider stimmte das alte Klischee: Sie würden erst lernen müssen zu gehen, bevor sie lernen konnten, zu laufen.

„Wie geht es weiter?“, fragte sie.

„In ein paar Tagen habe ich ein weiteres Meeting“, erwiderte Kenny.

Taryn wartete, und tatsächlich, Jack starrte seinen Freund an. „Ich? Ich? So sieht es jetzt also bei uns aus? Jeder versucht, zu kriegen, was er kriegen kann? Was ist aus dem Team geworden? Was ist damit, dass wir eine Familie sind?“

Kenny, einen Meter dreiundneunzig Muskelmasse und blonde Haare, stöhnte. „Jetzt mach mal halblang. Du weißt, was ich meine.“

„Tue ich das? Für mich klingt es, als ginge es allein um dich.“

„Dann musst du dich genauer ausdrücken“, sagte Sam sanft. Er schien den kleinen Wortwechsel offensichtlich zu genießen. Taryn wusste, dass er sich jetzt jede Sekunde gegen Jack wenden würde, denn so war es immer, wenn die Jungs so drauf waren wie im Moment.

Sie waren alle erfolgreich, attraktiv und mit einem mindestens achtstelligen Vermögen ausgestattet. Und doch gab es Zeiten, in denen sie sich so ungezogen und wild aufführten wie ein Rudel Hundewelpen. Sam und Jack hatten beide dunkle Haare. Sam, der ehemalige Kicker, war schlank und nur knapp über eins achtzig groß. Jack war ein paar Zentimeter größer und hatte mindestens dreißig Pfund mehr Muskelmasse. Der klassische Körperbau eines Quarterbacks – breite Schultern, schmale Hüften, lange Beine – hatte ihm sowohl auf dem Feld als auch abseits davon gute Dienste geleistet. Und dann war da Kenny, der sanfte Riese der Gruppe.

Meine Jungs, dachte Taryn, während das Gezicke munter weiterging. Die drei waren verantwortlich für ihren Umzug nach Fool’s Gold – und Taryn war noch nicht sicher, ob sie schon bereit war, ihnen das zu verzeihen. Okay, die Stadt war nicht so schlimm, wie sie anfangs gedacht hatte, aber es war definitiv auch nicht L. A. Und sie liebte L. A.

„Also habe ich die Verantwortung?“, fragte Jack grinsend.

„Davon träumst du wohl“, erwiderte Kenny.

„Macht nichts kaputt.“ Taryn sammelte ihre Papiere ein und ging zur Tür. Denn immer, wenn sie „Davon träumst du wohl“ hörte, gab es danach eine Rangelei.

Sam kam mit ihr. „Willst du nicht versuchen, sie davon abzuhalten?“, fragte er fröhlich, als sie auf den Flur hinaustraten.

„Das wäre deine Aufgabe.“

Etwas schlug dumpf gegen die Wand. Sam ging weiter. „Nein danke.“

„Ihr drei werdet nie erwachsen, oder?“, fragte sie.

„Ich bin es doch nicht, der sich hier kloppt.“

Sie schaute ihn an. „Nein, dieses Mal nicht.“

Er zwinkerte ihr zu, dann schlenderte er davon. Taryn ging in ihr Büro. Aus der Ferne hörte sie ein Klirren. Sie ignorierte es und sah ihre Termine für den Tag durch. Um elf Uhr hatte sie eine Konferenz, und die Grafikabteilung hatte gefragt, ob sie ein paar Minuten Zeit hätte.

„Danke“, sagte sie und setzte sich an ihren Schreibtisch. Sie schaute auf ihren Computer. „Ein weiterer Tag im Paradies.“ Und sie liebte jede Minute davon.

Die Jungs waren ihre Familie, und egal, wie viele Stühle, Tische, Fenster und Herzen sie brachen, sie würde zu ihnen stehen. Selbst wenn sie sich ab und zu in Tagträumen darüber verlor, wie viel ruhiger ihr Leben verlaufen würde, hätte sie sich mit ein paar friedlichen Männern zusammengetan, die an die Kraft der Meditation zur Lösung von Konflikten glaubten.

Irgendwo in der Ferne splitterte Glas. Taryn hielt den Blick auf den Computer gerichtet und tippte ungerührt weiter.

2. KAPITEL

Taryn stapelte das Geschirr auf der schmalen Arbeitsplatte. Die Küche war winzig. Eine schmale Zeile mit einem extra schmalen Gasherd und einem Kühlschrank. Die Farben waren nett und die Geräte modern, aber trotzdem gab es nicht mal Platz für zwei Personen.

„Erklär mir das mal“, sagte sie, während sie die Gläser auswickelt und neben die Teller stellte. „Ich unterschreibe die Gehaltsschecks. Ich weiß, dass du dir eine größere Wohnung leisten könntest.“

Larissa Owens hob vorsichtig einen Topf aus einem Karton, den sie auf den Tisch gestellt hatte. Ihre langen blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und sie war vollkommen ungeschminkt. Sie war schlank und gebräunt und sah in Yogahose und T-Shirt einfach umwerfend aus. Wäre Larissa nicht so anbetungswürdig, hätte Taryn sie vermutlich gehasst.

„Ich brauche keine größere Wohnung“, erklärte ihre Freundin. „Eine kleine Zweizimmerbude reicht vollkommen. Die Miete ist günstig, also habe ich mehr Geld für andere Zwecke.“

Das war ja mal wieder klar, dachte Taryn. Sie schnappte sich die Schere und drehte den Pappkarton auf den Kopf, um das Klebeband durchzuschneiden und den Karton dann flach zusammenzufalten. Larissa hatte den größten Helferkomplex der Welt, wenn es um ihre „Zwecke“ ging, vor allem, wenn Tiere betroffen waren. Neben ihrem Vollzeitjob half sie ehrenamtlich in mehreren Tierheimen aus, nahm Hunde, Katzen und Kaninchen zur Pflege bei sich auf und schickte Geld an beinahe jede Organisation, die sie darum bat.

Taryn schaute sich in dem vielleicht fünfundfünfzig Quadratmeter großen Apartment um. „Hier passt kein Tier rein, das größer als ein Goldfisch ist.“

„Ich könnte eine Katze aufnehmen“, sagte Larissa fröhlich. „Ich will keinen Hund. Dafür bin ich zu selten zu Hause. Außerdem, wenn ich etwas Größeres zum Wohnen brauche …“

„… ist da immer noch Jacks Haus“, beendete Taryn ihren Satz. „Ja, ich weiß.“

Jack, der sich von Larissa bereitwillig einspannen ließ, um die Organisationen zu unterstützen, die ihr am Herzen lagen. Taryn war sich nicht sicher, warum, aber irgendwie funktionierte das für die beiden. Als ehemaliger NFL-Quarterback wurde von Jack erwartet, sich für verschiedene Wohltätigkeitsorganisation einzusetzen. Als Kind hatte er seinen Zwillingsbruder wegen eines Herzfehlers verloren, weshalb er sich nun für Kinder, die Organtransplantationen benötigten, engagierte. Oder besser gesagt, Jack schrieb den Scheck für Unterbringung, Transport oder was auch immer benötigt wurde, und Larissa kümmerte sich um die persönliche Seite der Dinge.

„Du fehlst ihm höllisch“, sagte Taryn.

„Das habe ich an seinen unaufhörlichen Nachrichten auf meiner Mailbox bemerkt.“ Larissa rümpfte die Nase. „Ihm fehlen meine Massagen. Das ist nicht das Gleiche.“

„Du bist außerdem seine Assistentin. Ich bin sicher, ihm fehlt auch, dass du ihm seinen Kaffee bringst.“

Larissa grinste. „Bestimmt.“ Sie nahm sich die Schere und legte ihren Karton zusammen. „Okay, diese Stadt hier. Ich dachte, du machst Witze, als du sie mir beschrieben hast.“

„Schön wär’s“, erwiderte Taryn. „Aber nein. Sie ist charmant und sauber und die Leute sind überfreundlich.“

„Mir gefällt es hier.“ Larissa reichte Taryn eine weitere Kiste und holte sich auch noch eine. „Ich habe das Gefühl, bereits Freunde gefunden zu haben. Die Frau, der der süße Coffeeshop gehört, hat mir heute Morgen meinen Kaffee spendiert. Das war wirklich nett.“

„Patience“, grummelte Taryn. „Sie heißt Patience. Ja, sie ist entzückend. Sie sind alle entzückend. Bis auf Charlie, die ist Feuerwehrfrau und mürrisch. Ich mag sie sehr.“

Ehrlich gesagt mochte sie jeden, den sie bislang kennengelernt hatte, was irgendwie nervtötend war. Was, wenn dieses ganze Nettsein auf sie abfärbte? Was, wenn sie anfing, vollkommen Fremde anzulächeln und fröhliche Sachen zu sagen wie: „Einen schönen Tag noch?“ Sie erschauderte. Sarkastisch und emotional distanziert zu sein, hatte bisher hervorragend funktioniert. Warum sollte man ein Erfolgsrezept ändern?

„Haben die Jungs sich schon eingelebt?“, wollte Larissa wissen.

„Ich schätze schon. Du weißt, ich versuche, Gespräche über ihr Privatleben zu vermeiden. Also sind meine Informationen womöglich nicht ganz akkurat. Aber soweit ich weiß, sind Jack und Kenny im Moment tussilos, und Sam, tja …“ Sie grinste. „Armer Sam.“

Larissa presste die Lippen zusammen. „Wir sollten uns nicht über ihn lustig machen.“

„Warum nicht? Ist ja nicht so, als könnte er uns hören.“

„Aber es ist so traurig.“

Das ist es, dachte Taryn, aber auch irgendwie ziemlich lustig. Sam Ridge, der Starkicker und Multimillionär, war in Bezug auf Frauen der größte Pechvogel. Wenn es im Radius von fünfzig Meilen eine Femme fatale gab, fand er sie und verfiel ihr Hals über Kopf. Er hatte schon alles erlebt – von einer Stalkerin über seine Exfrau, die ein Enthüllungsbuch geschrieben hatte, bis zu seiner Freundin, die mit seinen besten Freunden geschlafen hatte.

„Ich warte eigentlich nur darauf, dass er sich in einen Transvestiten verliebt“, sagte Larissa grinsend. „Armer Sam.“

„Ich verstehe das nicht“, gab Taryn zu. „Er ist klug und einfühlsam. Aber er scheint einfach keine normale Frau zu finden.“

„Und was ist mir dir?“, fragte Larissa grinsend. „Hast du schon irgendjemand Verlockendes kennengelernt?“

Die Frage war als Scherz gemeint, das wusste Taryn. Sie ging selten aus. Sie mochte Männer, sie schlief mit ihnen, aber sie ließ sich nicht auf eine Beziehung ein. Auf keinen Fall würde sie ihr Herz oder einen Teil ihrer Psyche irgendeinem Mann anvertrauen. So dumm war sie nicht.

Doch bei Larissas Frage hatte Taryn sofort an Angel denken müssen. Und an Angel zu denken bedeutete, dass sie nicht an etwas anderes denken und ihren Mund nicht dazu bringen konnte, die angebrachten Worte zu formen: Was? Ein Mann? Für mich? Auf keinen Fall.

Larissa stellte die Pfanne ab, die sie gerade ausgepackt hatte, und starrte ihre Freundin an. „Oh mein Gott. Was? Du hast jemanden kennengelernt? Wer ist er? Du musst mir alles erzählen.“ Ihre großen blauen Augen weiteten sich. „Ist er von hier? Womöglich ein alleinerziehender Vater?“ Sie seufzte. „Das wäre so romantisch. Ein süßer Kerl mit ein paar kleinen Kindern. Zum Beispiel ein Automechaniker. Oder vielleicht besitzt er einen kleinen Lebensmittelladen und hat seine Wohnung direkt darüber. Er vermisst seine Frau noch, aber er ist bereit, nach vorne zu sehen. Nur weiß er nicht, was du über die Kinder denkst.“

Taryn starrte sie an. „Für diese Unterhaltung brauchst du mich gar nicht, oder? Ein Witwer mit zwei Kindern und einem Lebensmittelladen? Das wird nie passieren.“

Larissas Schultern sackten nach unten.“ Warum magst du ihn denn nicht? Er ist doch so nett.“

Taryn unterdrückte einen Schrei. „Es gibt keinen Lebensmittelladenmann. Du hast ihn erfunden. Was stimmt denn nicht mit dir? Mein Gott. Der einzige Mann, an dem ich interessiert bin, ist ein ehemaliger Black-Ops-Scharfschütze mit einer Narbe, als hätte ihm jemand die Kehle durchgeschnitten.“

Larissa reichte ihr die Pfanne. „Ich würde lieber mit dem Mann ausgehen, dem der Lebensmittelladen gehört.“

„Mit dem, der gar nicht existiert?“

„Du konzentrierst dich immer auf das Falsche. Also, dann erzähl mir mal von diesem Scharfschützen.“

Taryn fing an, die Teller und Schüsseln in die Regale zu räumen, wusste aber, dass das nicht reichen würde, um ihre Freundin abzulenken.

„Du fühlst dich von ihm angezogen“, erklärte Larissa.

„Vielleicht. Ja. Ein bisschen.“ Sie seufzte. „Wenigstens ist er Witwer. Das sollte dich glücklich machen.“

So viel hatte sie immerhin in Erfahrung bringen können. Aber es war schwer, an Informationen zu gelangen, ohne den Menschen sagen zu müssen, warum sie daran interessiert war. Und sie war noch nicht bereit, der Welt mitzuteilen, dass sie Angel heiß fand.

„Das ist doch schon mal was. Aber er will keinen Lebensmittelladen kaufen?“

„Larissa, ich bitte dich. Hör auf.“

Larissa lächelte. „Alle denken, du bist tough, aber das bist du gar nicht.“

„Ich kann es sein, aber nicht in deiner Gegenwart.“

„Okay, dieser Angel. Geht ihr miteinander aus?“

„Nicht wirklich. Bislang taxieren wir einander nur.“

„Was heißt das?“

Taryn dachte an Angels Ankündigung, dass er gut war im Warten. Ein kleiner Schauer der Vorfreude überlief sie, als sie sich fragte, wann er wohl seinen ersten Zug machen würde. Er ließ sie absichtlich schmoren, und das respektierte sie. Er wollte das Spiel aufregend gestalten … für sie beide.

„Ich habe keine Ahnung“, gab sie zu. „Aber ich sage dir Bescheid, wenn ich es herausgefunden habe.“

Angel legte ein Brautmagazin auf den Tisch. Ford starrte ihn ungläubig an.

„Einfach so?“, fragte er. „Bist du heute Morgen aufgewacht und hast gedacht, es ist ein guter Tag zum Sterben?“

„Sie ist verlobt“, sagte Angel grinsend. „Sie trägt einen Verlobungsring. Ich versuche nur, den Anlass gebührend zu würdigen.“

Ford hob beide Hände in der klassischen Unterwerfungsgeste, aber Angel war heute abenteuerlich zumute. In letzter Zeit hatte er das Gefühl, dass alles zu seinen Gunsten lief. Die Antwort auf die berühmte Dirty Harry-Frage: „Bin ich glücklich?“, lautete eindeutig ja. Das war er. Und okay, der Film war bereits ein Jahr vor seiner Geburt herausgekommen. Aber er konnte sich mit der Hauptfigur identifizieren. In Zweifelsfällen war eine größere Waffe meistens die Lösung für das Problem.

Consuelo, ihre kleine Kollegin, kam ins Büro. Sie schaute die Zeitschrift an, dann die beiden Männer.

Er war’s“, sagte Ford und zeigte auf Angel. „Er hat das da hingelegt.“

Angel sah seinen Freund an. „Ach, so läuft das jetzt also?“

Ford ging rückwärts in Richtung Tür. „Das ist das Gesetz des Dschungels, Bruder. Während sie sich über dich hermacht, kann ich die Flucht antreten. Isabel und ich versuchen, ein Baby zu bekommen. Ich will mein Kind noch aufwachsen sehen.“

Consuelo, einen Meter siebenundfünfzig reine Muskeln und Entschlossenheit, nahm das Magazin in die Hand, blätterte es einmal durch und legte es wieder auf den Tisch. Sie lächelte Angel an. „Danke. Das war sehr liebenswürdig von dir.“

„Siehste“, schien der Blick zu sagen, den er Ford zuwarf, dann ging Angel auf Consuelo zu. „Ich weiß, dass du dich mit Kent verlobt hast. Ich hoffe, ihr beide werdet sehr glücklich miteinander.“

Consuelo ließ sich von ihm umarmen. Als er sich wieder von ihr löste, trat sie einen kleinen Schritt zur Seite, packte Fords Arm und drehte ihn daran herum auf den Rücken. Er landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden. Als er wieder atmen konnte, setzte er sich auf.

„Hey, wofür war das denn?“, fragte er empört.

„Für deinen Zynismus. Du bist verheiratet und solltest es besser wissen.“

Consuelo drehte ihm den Rücken zu, nahm sich die Zeitschrift und ging zur Tür. „Ich bin nach dem Lunch zurück“, rief sie.

„Es ist noch nicht einmal zehn“, knurrte Ford und rappelte sich auf. „Warum darf sie schon gehen?“

Angel lachte leise. „Willst du ihr sagen, dass sie es nicht darf?“

„Nein.“

„Dachte ich mir. Komm, wir gehen auch.“

„Wohin?“, fragte Ford und schloss zu ihm auf.

„In eine Schule.“

„Kinder oder Bäume?“

„Bäume. Ich habe vor ein paar Monaten eine Orchidee bestellt. Die ist jetzt da, und ich muss die Karte unterschreiben, damit sie ausgeliefert werden kann.“

Sie gingen nach draußen.

„Warum braucht denn eine Orchidee mehrere Monate, um hierher geschickt zu werden?“, fragte Ford.

„Weil sie sehr selten ist. Ich wollte eine ganz bestimmte.“

Aus Thailand, dachte Angel. Eine Orchidee, die für ihren Farbkontrast bekannt war. Die äußeren Blätter waren von einem blassen Rosa, aber innen war die Blüte von einem dunklen Blauviolett. Diese ungewöhnliche Schattierung hatte fast die gleiche Farbe wie Taryns Augen.

„Seit wann interessierst du dich für Blumen?“

Angel funkelte seinen Freund an. „Was ist denn heute mit dir los? Hör auf, mir ständig Fragen zu stellen. Kommst du nun mit oder nicht?“

Ford lehnte sich grinsend an seinen Jeep. „Scheint so, als hätte da jemand zu lange keinen Sex mehr gehabt. Du wirst immer übellaunig, wenn du zu lange nicht flachgelegt worden bist.“

„Halt den Mund.“

„Danke, dass du meinen Punkt noch mal so schön unterstrichen hast.“

Taryn stellte ihren Wagen ab und nahm ihre Aktentasche vom Beifahrersitz. Sie war am Vorabend ein paar Papiere durchgegangen, hatte ihre E-Mails abgearbeitet und war um zehn ins Bett gegangen. Ihr Privatleben war wirklich mehr als traurig. Sie sollte dringend mal wieder ausgehen, neue Freunde finden. Wie sie Larissa gestern gesagt hatte, die Menschen hier in der Stadt waren wirklich nett. Es war nur …

Sie überquerte den Parkplatz und seufzte. Die Stadt war nicht das Problem, musste sie zugeben. Sie war das. Sie hatte Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen. Sie vertraute anderen Menschen nur schwer, und etwas von sich preiszugeben, fiel ihr nicht leicht. Das hatte ihr schon mehr als ein Mann gesagt, nachdem sie mit ihm ausgegangen war – oder besser gesagt: nachdem sie mit ihm geschlafen hatte. Die fraglichen Männer wussten am Ende nicht mehr über sie als beim ersten Treffen. Sie hatte sich nie die Mühe gemacht, ihnen zu sagen, dass es genau darum ging. Wenn sie zu dumm waren, alleine darauf zu kommen, warum sollte sie dann ihren Atem vergeuden und es ihnen erzählen?

Taryn hatte L. A. nicht verlassen wollen, aber sie war überstimmt worden. Nun war Score in Fool’s Gold ansässig, und sie musste aus der Situation eben das Beste machen. Wichtiger noch, sie musste ihr Leben endlich wieder in Schwung bringen. Es musste doch interessantere Dinge geben, als den ganzen Tag nur zu arbeiten.

Sie hörte das Geräusch eines Basketballs, der im stetigen Rhythmus auf den Bürgersteig aufprallte, und ignorierte es. Aber Sam war ziemlich hartnäckig und schloss schnell zu ihr auf.

„Du kommst mit dem Auto zur Arbeit?“, fragte er. „Du wohnst doch nur eine Meile entfernt.“

Sie blieb stehen und sah ihn an. „Hast du meine Schuhe bemerkt?“, fragte sie. „Ich trage Charlotte-Olympia-Pumps mit zwölf Zentimeter hohen Absätzen. Könntest du darin auch nur bis zur Ecke laufen? Ich glaube kaum. Außerdem darfst du heute nicht mit mir reden, ich bin größer als du.“

Sam seufzte. „Das wird wieder einer dieser Tage, oder?“

„Darauf kannst du wetten.“

Sie schenkte ihm ein Lächeln und betrat dann das Gebäude. Er überquerte die Straße und ging zu dem Basketballplatz, den die Jungs im Zuge der Renovierung hatten bauen lassen. Nicht nur einen halben Platz, wie an ihrem letzten Büro. Nein, dieser hier hatte die normale Größe. Taryn wusste nicht, was er gekostet hatte, und wollte es auch gar nicht wissen.

Wäre einer ihrer Geschäftspartner jetzt hier gewesen, hätte sie ihm gesagt, wie unglaublich nervtötend sie das alles fand. Aber sie war allein, also schaute sie aus dem Fenster. Kenny, Jack und Sam trugen alle drei Baggy-Shorts und T-Shirts. Sam wirkte trotz seiner athletischen Figur schmal neben den anderen, aber er war schnell und benutzte beim Spiel seinen Kopf. Kenny und Jack reagierten meistens nur. Was erklärte, warum Sam sie normalerweise mit weitem Abstand schlug.

Die drei kämpften um den Basketball, dann löste Sam sich von den anderen. Er drehte sich elegant um, sprang hoch und versenkte den Ball. Beim Zugucken erkannte Taryn, dass die Jungs auch mehr als nur einander brauchten. Ein paarmal die Woche morgens mit immer denselben Leuten zu spielen musste irgendwann langweilig werden.

Sie ging zu ihrem Büro. An ihrem Schreibtisch nahm sie den Telefonhörer ab, legte ihn dann aber wieder auf. Es gab viele gute Gründe, das hier nicht zu tun: Die Jungs waren über dreißig und damit alt genug, sich um sich selbst zu kümmern. Außerdem wollte sie nicht, dass irgendjemand – genauer gesagt, Angel – glaubte, sie suche nach Wegen, um mit ihm in Kontakt zu treten. Und wenn sie ihm sagte, dass es nicht um ihn ging, würde er es nur noch mehr glauben. Sie seufzte und nahm den Hörer erneut in die Hand.

„CDS“, sagte eine Männerstimme.

„Justice Garrett, bitte.“

„Am Apparat.“

„Hi Justice, ich bin Taryn Crawford. Ich kenne deine Frau. Vielleicht hat sie mich ja mal erwähnt: Ich arbeite bei Score hier in der Stadt.“

„Stimmt. Patience hat mir davon erzählt. Ihr seid diese PR-Firma mit den Footballspielern.“

„Ganz genau.“ Das war dumm. Sie fühlte sich wie eine Mutter, die versuchte, für ihr sozial inkompetentes Kind eine Verabredung zum Spielen abzumachen. Aber auch wenn sie innerlich über sich den Kopf schüttelte, wollte sie wirklich, dass die Jungs glücklich waren. Von Zeit zu Zeit waren sie zwar nervig, aber sie waren das, was in ihrem Leben einer Familie am nächsten kam.

„Bei euch arbeiten doch Exsoldaten, oder?“, fing sie an. „Und ihr macht gerne Sport und so?“

Es entstand eine kleine Pause. Taryn konnte dem verschlossensten Skeptiker eine Multimillionendollarkampagne verkaufen, warum also war das hier so schwer?

„War das eine Frage?“, fragte Justice.

„Nein. Okay, du weißt von Jack, Kenny und Sam, oder? Als ehemaligen Footballspielern liegt ihnen der Wettbewerb immer noch im Blut …“ Sie ermahnte sich, zum Punkt zu kommen. „Die Jungs haben einen neuen Basketballplatz. Sie spielen ein paarmal die Woche morgens. Ich dachte, du und deine Leute hätten vielleicht Lust, gegen sie anzutreten?“

Eine weitere Pause, dann lachte Justice leise. „Dazu hätten meine Leute und ich sehr große Lust. Ich hoffe, deine Jungs sind gute Verlierer?“

Taryn grinste. „Tja. Dein Team wird so den Arsch versohlt kriegen.“

„Das werden wir ja sehen. Wann fangen sie an?“

„Um sechs Uhr. Das nächste Mal übermorgen.“

„Wir werden da sein.“

Taryn legte auf und war mehr als nur ein bisschen stolz auf sich. Sie loggte sich in das externe Laufwerk der Firma ein, lud die Daten herunter, die sie am Vorabend zu Hause bearbeitet hatte, und aktualisierte ein paar Kundenkonten.

Um neun traf sie sich mit ihren Grafikern und Designern. Das sechsköpfige Team war das Herzstück der Firma. Aus ihrem Büro kamen alle Präsentationen, einschließlich der Designs, Layouts und Videos für Werbe- und Promotionspots.

Dann gab es noch Sams Team, bestehend aus zwei Buchhaltern, die sich um die Zahlen kümmerten; Taryns Assistentin, die zugleich Office-Managerin war; Larissa, Jacks persönliche Assistentin und Masseurin der Jungs; dazu Kenny und Sams Assistenten.

Als Kenny, Jack und Sam ihr den Vorschlag unterbreitet hatten, nach Fool’s Gold zu ziehen, hatte sie entgegnet, dass das die Firma wertvolle Mitarbeiter kosten würde. Doch da hatte sie sich geirrt. Was bei geschäftlichen Dingen nicht besonders oft vorkam. Diesmal allerdings schon. Alle waren von dem Umzug ganz begeistert gewesen. Sie war die Einzige, die so zurückhaltend reagiert hatte.

Tja. Das kam davon, wenn man sich ausgeglichene, familienorientierte Mitarbeiter suchte. Dann rächte sich das irgendwann, dachte Taryn belustigt.

Ihre Assistentin betrat ihr Büro. „Die Jungs sind jetzt so weit.“

Taryn folgte ihr in den kleineren Konferenzraum. Sam, Jack und Kenny waren schon da – frisch geduscht nach dem morgendlichen Spiel, denn beim Umbau war auch eine Umkleidekabine eingebaut worden. Sogar zwei, denn obwohl Taryn nicht vorhatte, jemals in der Firma zu duschen, hatte sie darauf bestanden, dass es auch eine für die Frauen gab. Und so hatten sie zwei große Duschen, Spinde und eine Dampfsauna. Allerdings versuchte Taryn nie jemanden dazu zu überreden, dass das nächste Meeting in der Sauna stattfand, während die Jungs das ständig taten.

Sie ging ans Ende des Tisches und öffnete den dort stehenden Laptop. Dann fiel ihr Blick auf Jack, der sich entschieden hatte, sich nach dem Duschen nicht anzuziehen. Er saß in einem weißen Bademantel und mit Flip-Flops am Tisch.

„Lass mich raten“, sagte sie. „Larissa ist da.“

„Während wir sprechen, wärmt sie gerade den Massagetisch vor.“

„Sag mir, dass du wenigstens Unterwäsche trägst.“

Jack zwinkerte ihr zu.

„Mein Team arbeitet an verschiedenen Kampagnen“, erklärte sie, während sie etwas über die Laptoptastatur eingab. Durch das firmeninterne Netzwerk konnte sie von überall auf ihre Daten und alle notwendigen Informationen zugreifen.

„Das ist unser Vorschlag für die Klassique-Rum-Kampagne. Der Layoutspot wird zum Ende der Woche fertig sein, aber in der Zwischenzeit kann ich euch schon mal unsere Ideen für Anzeigen und die Facebook-Aktionen zeigen.“

Sie berührte das Touchpad des Computers, und auf der großen Leinwand am anderen Ende des Raumes erschien eine PowerPoint-Präsentation. „Wir haben uns farblich an das neue Logo angelehnt. Offensichtlich wird Klassique Rum mit Partys und Spaß gleichgesetzt.“

„Strandpartys“, korrigierte Kenny und grinste Jack an. „Das war ein verdammt cooles Wochenende.“

Die beiden hatten die Firmenzentrale von Klassique in der Karibik besucht. Taryn war auch eingeladen gewesen, hatte aber abgelehnt. Kenny und Jack dabei zu beobachten, wie sie sich mit Dutzenden attraktiven, willigen Frauen vergnügten, entsprach nicht ihrer Vorstellung von einer guten Zeit.

Das Telefon auf dem Tisch klingelte.

„Jack, Larissa ist jetzt so weit“, ertönte die Stimme von Taryns Assistentin über den Lautsprecher.

Jack war bereits aufgesprungen. „Bis später“, rief er und verschwand.

„Ich hoffe wirklich, dass er den Bademantel anbehält, bis er im Massageraum ist“, murmelte Taryn.

„Ich auch“, sagte Sam. „Denn er hat nichts darunter.“

Glücklicherweise nahmen ihre Mitarbeiter die Eigenarten, die es mit sich brachte, für ehemalige Sportler zu arbeiten, gelassen hin. Aber ab und zu musste Taryn sich mit einer Beschwerde über zu viel männliche Nacktheit befassen.

Die meistens von dem erbosten Freund einer weiblichen Angestellten kam.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Kampagne und ging Folie für Folie durch. Kenny steuerte mehrere wertvolle Informationen aus Kundensicht bei, während Sam die Kosten addierte. Zwei Stunden später, als sie beinahe fertig waren, kam Jack zurück.

Er trug Jeans und ein langärmliges T-Shirt. Sofort bemerkte Taryn, wie viel entspannter er sich bewegte. Er setzte sich neben Kenny.

„Sie meinte, du solltest ihr noch fünfzehn Minuten geben, um die Hände zu entspannen, dann ist sie bereit“, sagte Jack.

Kenny nickte.

Taryn schaute Sam an. „Ist es okay, wenn du warten musst?“

„Klar.“

Durch die Rolle des Kickers hatte Sams Körper am wenigstens abbekommen. Die anderen beiden witzelten immer darüber, dass er den leichtesten Job im Spiel hatte, aber Taryn wusste, dass das nicht stimmte. Obwohl sie sich normalerweise nicht die Mühe machte, irgendetwas über irgendeine Sportart zu lernen, hatte die Partnerschaft mit den Jungs sie gezwungen, sich wenigstens mit den grundlegenden Regeln von Football vertraut zu machen. Daher wusste sie nun, dass der Kicker vielleicht nicht so sehr bedrängt wurde wie die anderen Spieler, aber auf ihm lastete das ganze Spiel über ein unglaublicher Druck. Jede Sekunde auf dem Feld stand er im Zentrum der Aufmerksamkeit aller, was gerade bei einem knappen Spielstand nicht leicht auszuhalten war. Die NFL war eine Milliardendollarindustrie, und wenn man die prüfenden Blicke nicht ertrug, war man nicht lange dabei.

„Was habe ich verpasst?“, fragte Jack.

„Ich bringe dich später auf den neuesten Stand“, erwiderte Kenny.

Taryn schaute auf ihre Liste mit Dingen, die sie besprechen wollte. „Ich denke, wir sind beinahe durch. Sam, kannst du uns ein Update bezüglich der Party geben?“

Sie bemühte sich, ihre Genervtheit nicht durchklingen zu lassen. Auch wenn das schwierig war. Denn nachdem sie mit der gesamten Firma nach Fool’s Gold gezogen waren, hatten die Jungs beschlossen, ihre wichtigsten Kunden zu einem Partywochenende einzuladen. Für das lange Wochenende vom Sommerfestival der Stadt – was auch immer das sein sollte – hatten sie einen Teil des Gold Rush Resorts angemietet. Jetzt würden zwanzig Kunden samt Ehefrauen und Kindern hier auftauchen und erwarten, gut unterhalten zu werden.

Sam räusperte sich. „Klar“, sagte er. „Wir haben die Kunden wie besprochen eingeladen. Die Feier findet im Juli statt.“

„Während des Sommerfestivals, richtig?“, fragte Kenny.

Taryn wandte sich ihm zu. „Du hast von diesen ganzen Festivals gehört?“

„Natürlich. Sie sind einer der Gründe, warum wir hierher gezogen sind. Die Stadt organisiert jeden Monat ein Festival, um die Jahreszeiten und verschiedenen Feiertage zu feiern.“ Er stieß Jack mit dem Ellbogen in die Rippen. „Im Juni gibt es das Heißluftballonfestival. Wir sollten uns auch einen mieten und mitfahren.“

„Ich bin dabei“, sagte Jack lässig. „Wenn ich ihn steuern darf.“

„Du steuerst den bestimmt nicht“, erwiderte Kenny.

„Wie auch immer. Ich habe das Sagen.“

„Super“, sagte Taryn. „Damit du sichergehen kannst, dass ihr alle drei abstürzt oder in Flammen aufgeht. Sam, sorg dafür, dass unsere Versicherungen rechtzeitig aufgestockt werden.“

Jack schenkte ihr ein träges Lächeln. „Du würdest mich vermissen, Darling.“

„Ja, das würde ich, und dann würde ich mit meinem Leben weitermachen.“ Sie wandte sich wieder an Sam. „Wegen der Party“, wiederholte sie. „Wo stehen wir da?“

„Wir befinden uns im Planungsstadium.“

Sie wartete, aber von Sam kam nichts mehr. „Es sind nur noch drei Monate bis dahin. Du musst dich langsam mal ranhalten.“

„Das tue ich.“

Das ist vollkommen untypisch für Sam, dachte Taryn. Normalerweise hatte er immer alles im Griff. „Kannst du uns schon irgendwelche Einzelheiten erzählen? Du weißt schon, dass wir dafür sorgen müssen, dass die Kunden die Zeit ihres Lebens haben. Außerdem bringen sie ihre Familien mit, was den Druck noch mal erhöht. Ihr drei wolltet hierher ziehen. Ihr habt auf dieser Party bestanden. Kommt ja nicht eine Woche vorher zu mir und sagt, dass es ein Problem gibt, denn dieses Mal werde ich es nicht lösen.“

„Sieh nur, was du angestellt hast“, sagte Kenny im Plauderton. „Sam, du hast Taryn aufgeregt, und daraus kann niemals etwas Gutes entstehen. Dort, wo ich herkomme …“

Taryn schlug mit der flachen Hand auf den Konferenztisch. „Wag es ja nicht, mir jetzt irgendeine Geschichte von den guten alten Zeiten auf der Farm zu erzählen, Kenny Anderson Scott. Du willst der Welt einreden, dass du ein einfacher Junge aus Iowa bist, aber ich weiß es besser.“

Kenny schaute auf seine Uhr. „Wie die Zeit vergeht. Larissa wartet bestimmt schon auf mich.“

Er rannte förmlich aus dem Raum, und Jack schaute ihm hinterher.

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