×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Zwischen Zweifel und Begierde«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Zwischen Zweifel und Begierde« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Zwischen Zweifel und Begierde

hier erhältlich:

Nie hat Carlie die aufregende Zeit mit ihrem sexy Ex Ben Powell vergessen. Seine Küsse, so wild wie der Whitefire Lake im Sturm … Kaum trifft sie ihn unerwartet wieder, fühlt sie sich insgeheim sofort wieder zu ihm hingezogen. Aber alles Hoffen auf eine zweite Chance für eine gemeinsame Zukunft scheint vergebens. Denn kaum hat sie Ben ihr Geheimnis anvertraut, unterstellt er ihr, eine Betrügerin zu sein …


  • Erscheinungstag: 01.10.2015
  • Aus der Serie: Whitefire Lake
  • Bandnummer: 4
  • Seitenanzahl: 160
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956494840
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lisa Jackson

Zwischen Zweifel und Begierde

Aus dem Amerikanischen von Christian Trautmann

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

He’s My Soldier Boy

Copyright © 1994 by Susan Crose

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Autorenfoto: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN eBook 978-3-95649-484-0

www.mira-taschenbuch.de

Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

PROLOG

Whitefire Lake, Kalifornien

Gegenwart

Carlie Surrett!

Seit elf Jahren war diese Frau Ben Powells Verderben, und er hatte geglaubt – nein, er hatte sich geschworen –, sie nie wieder anzusehen.

„Ja, du bist ein verdammter Narr“, sagte er zu sich selbst, während er sich den Schnee vom Kragen wischte. Während er weiter über sein Pech fluchte, riss er die Tür seines gebrauchten Pick-ups auf und griff hinein. Auf dem durchgesessenen Sitz stand ein Sechserpack Bier, und er nahm eines aus dem Karton. Mit finsterer Miene öffnete er die Flasche, indem er den Kronkorken an der verrosteten Stoßstange ansetzte und hart daraufschlug – ein Trick, den er vor Jahren gelernt hatte, als er sich freiwillig zur Army gemeldet hatte. Der Korken flog in eine Schneewehe, und Schaum quoll aus dem Flaschenhals über seine Finger. Ben hob die Flasche an den Mund und trank einen großen Schluck.

Wieso kann ich Carlie nicht vergessen?

Er murmelte Verwünschungen vor sich hin, trat die Tür zu und schaute auf die Trümmer am See, die einmal das Wochenendhaus seiner Schwester gewesen waren. Der einst hübsche kleine Bau war jetzt nur noch ein Haufen verdrehtes Metall, verkohlte Balken und ein absackender, rußbedeckter Kamin. Asche und Trümmerteile. Nichts, was noch zu retten wäre.

Nadine hatte ihn gebeten, es wieder aufzubauen. Er kniff die Augen zum Schutz gegen die Schneewehen zusammen, die über die kalte Asche fegten. Wollte seine Schwester ihm wirklich Arbeit verschaffen, oder war der Job nur ein Almosen für ihren einzigen überlebenden Bruder, einen Mann, der in dieser schäbigen kleinen Stadt von vorn anfangen musste? Nach ihrer Hochzeit heute könnte Nadine sich auf dieser Seite des Sees einen Palast bauen lassen. Wenn sie wollte, konnte sie einen Schwarm Architekten und Bauunternehmer beschäftigen und auch noch Lakaien einstellen, die der neuen Mrs Hayden Garreth Monroe IV. Luft zufächelten.

Verdammt! Er sollte froh sein. Nadine hatte jahrelang gekämpft. Aber war die Heirat mit Monroe, diesem erstklassigen Mistkerl aus einer reichen Familie, der Durchbruch, den sie verdiente? Warum verkaufte sie nicht gleich ihre Seele an den Teufel?

Und wieso musste sie Carlie zur Hochzeit einladen?

„Elender Mist.“ Wütend auf sich selbst und auf die Welt im Allgemeinen, ging Ben über den gefrorenen Weg zum Anleger. Dank eines verkapselten Schrapnells, das er sich bei diesem Scharmützel im Nahen Osten eingefangen hatte, tat sein Knie höllisch weh. Außerdem hatte sein Stolz in den vergangenen zehn Jahren gelitten, und angefangen hatte alles in dieser Stadt. Mit Carlie Surrett. Der wunderschönen, verführerischen, heimtückischen Carlie. Es war ihr gelungen, nicht nur Bens Welt in Schutt und Asche zu legen, sondern auch noch seinen Bruder zu zerstören.

Und nun würde er ihr erneut gegenübertreten müssen. Nur weil seine Schwester darauf bestand, dass er die Vergangenheit ruhen ließ. „Vielen Dank, Nadine.“

Durch den wirbelnden Schnee warf er einen Blick über das aufgewühlte graue Wasser zum anderen Ufer des Whitefire Lake, wo das einladende Licht hinter den Fenstern von Monroe Manor zu sehen war – Haydens Villa am See. Heimelig stieg Rauch aus dem Schornstein auf, und die Weihnachtsbeleuchtung funkelte im Dämmerlicht des trüben Tages, obwohl Weihnachten längst vorbei war. Ich hoffe, du weißt, was du tust, Nadine, dachte er besorgt. Sie war der einzige noch verbliebene Mensch auf dieser Welt, der ihm wirklich etwas bedeutete. Er hatte seiner Mutter nie verziehen, dass sie die Familie im Stich gelassen hatte, als es hart auf hart kam. Und was seinen Vater betraf … tja, der alte Mann war nie über Kevins Tod hinweggekommen.

Das lenkte Bens Gedanken zurück zu Carlie. Schon wieder Carlie. Seine Miene verfinsterte sich, und er trank einen weiteren großen Schluck aus der Flasche.

Der Nordwind, rau wie der Januar, blies über die kabbelige Wasseroberfläche und fuhr schneidend durch seine Uniformjacke.

Heute war der große Tag – der Tag der Abrechnung oder der Freudentag, an dem jahrzehntelange Fehden ignoriert wurden. Und der Tag des Untergangs, zumindest Bens Meinung nach. Längst sollte er unterwegs zur Hochzeit sein, doch er konnte all den Smalltalk nicht ertragen, den Klatsch und die neugierigen Blicke, die seine Anwesenheit zweifellos zur Folge haben würde. Nein, er würde bis zur letzten Minute warten und dann aus dem Hintergrund zuschauen, wie seine Schwester den größten Fehler ihres Lebens beging.

Er sah auf die Uhr. Die Zeremonie sollte in knapp einer Stunde beginnen. Allein bei dem Gedanken daran, dass er wahrscheinlich Carlie dort treffen würde, zog sich alles in ihm zusammen. Als Nadine ihm erzählt hatte, dass Carlie auf der Gästeliste stand, war er wütend gewesen.

„Hast du den Verstand verloren?“, hatte er seine Schwester angefahren. „Es ist schon schlimm genug, dass du Monroe heiratest ...“ Dann bemerkte er den rebellischen Gesichtsausdruck seiner Schwester und hob kapitulierend die Hand. „Tut mir leid, aber ich konnte den Kerl noch nie leiden, das weißt du. Deshalb werde ich dir nicht plötzlich erzählen, er sei eine wunderbare Wahl ...“

„Es reicht“, warnte sie ihn.

Aber er konnte nicht aufhören. „Und als wäre das nicht schlimm genug, muss auch noch Carlie Surrett dabei sein?“

„Es wird Zeit, das Kriegsbeil zu begraben, Ben.“

„Du hast wirklich den Verstand verloren, Nadine. Erst beschließt du, diesen Kerl zu heiraten, was schon echt unglaublich ist. Aber Carlie einzuladen …“

„Benimm dich bloß“, warnte sie ihn mit einem Leuchten in ihren grünen Augen, das ihm verriet, dass sie wieder irgendetwas im Schilde führte.

„Meinetwegen brauchst du dir da keine Sorgen zu machen. Ich bin die Höflichkeit in Person.“

„Ja, klar doch. Und ich bin der Papst. Spar dir das für jemanden auf, der es dir abnimmt.“

Sie hatte die Unterhaltung dann auf den Wiederaufbau des Wochenendhauses gelenkt. Das Thema Hochzeit war wirkungsvoll abgeschlossen. Auf Gedeih und Verderb würde sie ihren Willen bekommen, und Ben musste sich damit abfinden.

„Zur Hölle“, stieß er hervor. Er wollte nicht an Carlie denken. Nicht jetzt. Überhaupt nicht. Er hatte vor, ihr für den Rest seines Lebens aus dem Weg zu gehen. Diese ebenso sture wie schöne Frau bedeutete Ärger, daran gab es nicht den geringsten Zweifel.

Während er sein Bier austrank, versuchte er sich einzureden, dass sie möglicherweise viel zu vernünftig war, um auf Nadines Hochzeit aufzukreuzen. Sie würde doch bestimmt nicht wieder die alten Spekulationen anheizen wollen, oder? Früher war Carlie Surrett eine Frau gewesen, die es ins Rampenlicht zog. Die Fotografen liebten sie, und sie genoss es, den Hauch der Prominenz zu spüren, der zwar flüchtig, aber real gewesen war.

Ben zog ein kleines Fernglas aus der Tasche und hob es an seine Augen. Monroe Manor ragte näher auf als zuvor. Mit dem Schnee auf den Dachtraufen wirkte das dreigeschossige Haus im Cape-Cod-Stil wie eine Winterszene auf einem der legendären Drucke von Currier and Ives.

Wie reizend, dachte er spöttisch. Er hoffte, dass seine dickköpfige Schwester wusste, was sie tat, wenn sie diesem Monroe das Jawort gab.

Gib‘s auf, Powell! Er heiratet sie, und sie ist glücklich. Und was das Wiedersehen mit Carlie betrifft, so kriegst du das schon hin. Es kann nicht viel schlimmer werden als das, was du im Nahen Osten gesehen hast. Oder?

Grimmig lächelte Ben. Lieber würde er wieder in den Kampf ziehen, als jemals erneut in Carlies aufregende blaue Augen schauen zu müssen.

Mit dem Fernglas suchte er das Seeufer ab, musterte die überfrorenen leeren Anleger, alte Mammutbäume, Baumstümpfe und Felsen, bis das ehemalige Kirchencamp in Sicht kam. Er nahm eine Bewegung wahr und stellte das Fernglas scharf.

Fast wäre sein Herz stehen geblieben. Seine Muskeln spannten sich an, als sie schärfer ins Bild kam: eine langbeinige schöne Frau, die aufs Wasser schaute. Ihr schwarzes Haar war locker geflochten und am Hinterkopf aufgedreht, doch ein paar Strähnen wehten ihr ins Gesicht – ein Gesicht, das für alle Ewigkeit in sein Gedächtnis eingebrannt war. Ihre Erscheinung glich der eines Fotomodels von der Titelseite eines Modemagazins. Sie trug einen langen schwarzen offenen Mantel, unter dem ein durchscheinendes blaues Kleid zu sehen war, das ihr bis zu den Knöcheln reichte und außerdem den Blick freigab auf ihren anmutigen Hals.

Er schloss die Finger fester um das Fernglas, als sie sich umdrehte und in seine Richtung blickte. Ihre kornblumenblauen Augen waren warm wie ein Junitag, die Wangen leicht gerötet von der Kälte, ihre vollen Lippen glänzten. Die Mundwinkel hatte sie nachdenklich ein wenig hinuntergezogen. Ben atmete die frostige Luft ein und wartete auf die Welle des Ekels, doch stattdessen empfand er nur Bedauern über all das, was nicht mehr sein würde.

„Du Narr“, stieß er hervor, behielt das Fernglas aber weiterhin oben.

Schlank wie ein Model stand sie auf ihren hochhackigen Schuhen da, und ihr langer Mantel wehte im Wind. Er sah, wie sie erschauerte und den Gürtel festzog, während Schneeflocken auf ihren Wangen schmolzen und sich in ihren ebenholzdunklen Haaren in glitzernde Tropfen verwandelten.

„Na klasse.“ Er zwang sich, das Fernglas herunterzunehmen. Kein Zweifel. Ihrem Outfit nach zu urteilen, würde sie zur Hochzeit gehen. So viel zu seiner Hoffnung, sie möge genug Verstand oder Anstand genug besitzen, um nicht dort aufzutauchen.

Ob es ihm nun gefiel oder nicht, binnen einer Stunde würde er ihr vor Hunderten von Gästen gegenübertreten müssen. Bei dem Gedanken an seinen Vater und daran, wie der alte Mann auf eine Begegnung mit Carlie Surrett reagieren würde, krampfte sich sein Magen zusammen. Schließlich war sie die Frau, die George Powells voreingenommener Meinung nach der Familie nichts als Schande und Leid gebracht hatte. Sie war die Frau, der er die Schuld am Tod seines erstgeborenen Sohnes gab.

Es würde eine Szene geben, und dann wäre Nadines Hochzeit ruiniert. „Verdammt.“ Ben verfluchte die Welt ganz allgemein. Er wusste, was getan werden musste. Auf jeden Fall würde er ihr allein gegenübertreten. Am besten setzte sich mit der berüchtigten Miss Surrett nicht vor einem Publikum aus Hochzeitsgästen auseinander, die das Ganze interessiert verfolgen und hinter seinem Rücken tuscheln würden.

Er versuchte, sich einzureden, dass er sie auf keinen Fall allein sprechen wollte, ihm aber keine andere Wahl bliebe.

Entschlossen marschierte er zurück zu seinem Pick-up und stieg ein. Er legte den Rückwärtsgang ein und sagte sich, dass er nur mit ihr sprechen wollte, um ein paar Dinge klarzustellen, bevor sie auf der Hochzeit erschienen.

Das war er seinem Vater schuldig. Und Kevin. Vor allem aber sich selbst.

Verrückt. Das war sie. Absolut verrückt! Zu Nadine Powells Hochzeit bei Hayden Monroe zu erscheinen, forderte den Ärger geradezu heraus. Sie bettelte förmlich darum.

Carlie erschauerte und rieb sich die Arme, während sie dem schneeverkrusteten Weg entlang dem felsigen Seeufer folgte. Schneeflocken verfingen sich in ihren Wimpern, und ihr Zopf löste sich allmählich auf. Sie sollte endlich zur Hochzeitsfeier gehen und es hinter sich bringen oder einfach auf der Stelle verschwinden. Stattdessen war sie hier draußen, irgendwo in der Wildnis, von Zweifeln geplagt.

Das war alles Rachelles Schuld. Ihre beste Freundin hatte darauf bestanden, dass Carlie die Vergangenheit vergaß und Nadines Friedensangebot annahm. Doch wegen Nadine machte Carlie sich keine Sorgen. Nadine war glücklich und zufrieden mit ihrem Leben, bereit zu vergeben und zu vergessen. Das zeigte schon die Tatsache, dass sie Hayden Monroe heiratete, einen Todfeind der Powells.

Doch bei Ben lag der Fall anders. Vollkommen anders. Carlies Herz zog sich zusammen, als sie an ihn dachte, aber das ignorierte sie. Sie würde ihn heute sehen, sich ihm gegenüber höflich verhalten, und damit wäre die Geschichte erledigt.

Ein eisiger Windstoß fuhr durch ihren dicken Wollmantel, und sie fröstelte. Der Verkehrslärm von der Straße, die um den See führte, drang gedämpft an ihr Ohr. Für einen Moment glaubte sie, ganz in der Nähe den Motor eines Pick-ups zu hören, als hätte noch jemand das offene Tor des alten Kirchencamps entdeckt und wäre auf das längst verlassene Grundstück eingebogen. Albern. Sie war allein.

Ihre Satinpumps rutschten auf dem vereisten Boden weg, deshalb entschied sie sich, lieber umzukehren, in ihren alten Jeep Cherokee zu steigen und zu Nadines Hochzeit zu fahren, wo sie in diesem Moment hingehörte.

Ha! Was für ein Witz! Wo sie hingehörte! Genau darin bestand das Problem. Sie wusste überhaupt nicht, wohin sie gehörte. Ganz sicher nicht in die kleine Stadt Gold Creek, Kalifornien, wo sie geboren und aufgewachsen war. Und man musste auch kein Genie sein, um zu begreifen, dass sie definitiv nicht auf Nadines Hochzeit gehörte, wo sie Ben wiedersehen würde.

Ihr Herz stotterte ein wenig, und sie biss sich auf die Unterlippe, als sie ein gefrorenes Spinnennetz zur Seite schob, das von einem tiefhängenden Kiefernzweig baumelte. In Gedanken hatte sie dieses Wiedersehen immer und immer wieder durchgespielt, alberne Fantasien einer längst erkalteten Liebe. Wenn sie überhaupt je existiert hatte.

Eine Nadel blieb im Ärmel ihres Mantels stecken, als sie an einer Reihe Zedern und Fichten vorbeiging, die das Ufer säumten. Carlie blieb stehen und zog sie heraus.

Am Tag von Rachelles Hochzeit war der See blau und ruhig gewesen. In der glatten Oberfläche hatten sich die Berge gespiegelt, die weit über die Baumgrenze aufragten. An diesem Nachmittag jedoch, mit dem Winterwind, der von den Gipfeln blies, war das Wasser zu wütender Gischt aufgepeitscht, und Schaumkronen hoben und senkten sich über der bedrohlich wirkenden Tiefe. Winzige Eispartikel bildeten sich auf dem Wasser, das an das felsige Ufer brandete, und die tiefen Wolken formten sich zu einem dichten Nebel, jenem Nebel, der ein Bestandteil der alten Legenden der Ureinwohner Amerikas war.

Der Anblick des kalten Wassers brachte Erinnerungen zurück. Manche glücklich, andere schmerzlich, und alle reichten bis in ihre Jugend. Hier an diesen Ufern war Carlie zum ersten Mal geküsst worden, hier hatte sie den ersten Schluck Wein getrunken, ihre Unschuld verloren … Sie war jung gewesen und naiv, und sie hatte geglaubt, eines Tages die Welt verändern zu können. Sie hatte an die wahre Liebe geglaubt. Nie hätte sie für möglich gehalten, dass Tragik, Schande und Schmach über sie hereinbrechen könnten.

Närrin! Sie atmete die kalte Luft ein und erinnerte sich daran, wie sie aus Gold Creek geflohen war, einer Provinzstadt voller Kleingeister und Klatschmäuler. Die Geborgenheit ihres Zuhauses existierte nicht mehr, war in Feindseligkeit und Schmerz umgeschlagen. Sie hatte es genossen, in dieser kleinen Gemeinde aufzuwachsen. Doch das war vorbei. Also war sie gegangen, um Abstand zu gewinnen und zu vergessen, dass sie jemals von den Powell-Brüdern gehört hatte.

So schnell sie konnte, war sie in die Großstadt geflohen, in den Lärm, das geschäftige Treiben und das Gewusel Manhattans. Stets hatte sie darauf gehofft, den Schmerz und die Demütigung, die sie in der kalifornischen Kleinstadt erfahren hatte, hinter sich lassen zu können. Dummerweise hatte die Vergangenheit sie nie ganz losgelassen. In New York, Paris, Alaska – überallhin hatten die dunklen Schatten, die Kevins Tod auf ihr Leben geworfen hatte, sie verfolgt und im Unterbewusstsein an ihr genagt.

Der eisige Wind war schneidend, und wieder erschauerte sie. Wenn es etwas gab, das sie in den vergangenen zehn Jahren gelernt hatte, dann, dass sie sich auf niemanden außer auf sich selbst verlassen konnte und sich verdammt noch mal nicht unterkriegen lassen durfte.

Ein Zweig knackte. Carlie wirbelte herum und ließ den Blick hastig über den Boden schweifen. Wahrscheinlich nur ein Tier, aber sie konnte nicht verhindern, dass sich eine Gänsehaut an ihren Armen bildete. Sie spähte in das Dickicht aus Büschen und Bäumen, entdeckte jedoch nichts. Über den Boden schlängelten sich Brombeerranken, und die knorrigen Äste kahler Eichen reckten sich in den grauen Himmel, an dem ein Falke inmitten der Schneeflocken kreiste. Niemand tauchte aus dem Schatten der Bäume auf.

Das war nur deine Einbildung, sagte sie sich. Nur weil du wieder am Whitefire Lake stehst und dich Erinnerungen hingibst, die du längst hättest begraben sollen. Sie drehte sich um und wollte zur offenen Fläche des ehemaligen Zeltplatzes zurückgehen, wo sie ihren Jeep geparkt hatte. In diesem Moment fiel ihr Blick direkt auf den Mann, dem sie aus dem Weg hatte gehen wollen. Hoffnungslos.

Ben Powell.

Das passt, dachte sie. Welche Ironie.

Wie ein Geist der Vergangenheit tauchte er am Seeufer auf. Doch er war aus Fleisch und Blut. Sie gab sich Mühe, nicht erschrocken nach Luft zu schnappen, und hoffte, ein selbstbewusstes Lächeln hinzubekommen.

In seiner tadellosen Militäruniform war Ben Powell weder ein Mann, den man fürchten musste, noch einer, den man lieben konnte. Allerdings sah er so schrecklich gut aus wie auf den Bildern in ihrem Kopf, die sie so lange verbannt hatte.

Seine sinnlichen Lippen waren zu einer schmalen, unnachgiebigen Linie zusammengepresst, und sein Gesicht wirkte nach Jahren in der Armee ernst und markant. Keine Spur mehr von den jungenhaften Zügen, die sie in liebevoller Erinnerung hielt. In seinen Augen lag unverhohlene Feindseligkeit, und Carlie fragte sich, wie um alles in der Welt sie jemals hatte glauben können, ihn zu lieben. Wo waren die Freundlichkeit und der Humor des Jungen, den sie einst insgeheim zu heiraten gehofft hatte?

Er stand stocksteif da, die Uniformmütze akkurat auf seinem Kopf, und starrte sie hasserfüllt an.

„Schick in Schale geworfen, und jetzt weißt du nicht, wohin?“ Seine Stimme war schneidend wie der Wind.

So viel zum Austausch von Nettigkeiten.

„Das Gleiche könnte ich von dir sagen.“ Sie musterte ihn von den Schultern seiner adretten Uniform bis hinunter zu den polierten Schuhen.

Seine Brust war breit, seine Taille schmal, die Hüften schlank wie eh und je. Er besaß nicht einmal den Anstand, langsam kahl zu werden. Sein Haar war voll und kaffeebraun wie vor vielen Jahren, und mit seinen braunen Augen, in denen silbrige Einsprengsel funkelten, schien er bis in die Tiefen ihrer Seele schauen zu können.

„Ich nehme nicht an, dass du hier bist, um mich zur Hochzeit zu begleiten?“, fragte sie, entschlossen, nicht klein beizugeben.

Er schnaubte verächtlich.

„Wohl kaum.“ Sie schob den Mantelärmel ein Stückchen hoch, um auf ihre Uhr zu schauen. „Wir sollten uns besser auf den Weg machen. Ohnehin sind wir schon spät dran.“

„Ich kann es nicht fassen, dass du eingeladen bist.“

Unwillkürlich kehrte die Erinnerung an ihre erste Nacht mit ihm zurück. Sie schluckte hart und versuchte, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Keine Sekunde lang glaubte sie, dass Nadine ihm nichts davon gesagt hatte, sie eingeladen zu haben. Zweifellos hatte Bens Schwester ihn vorgewarnt. Was also wollte er? „Glaub es ruhig. Ich tauche nirgends auf, wo ich nicht erwünscht bin.“

„Da habe ich aber eine andere Erinnerung.“

Sie spürte, wie sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht wich. Trotzdem hob sie das Kinn, um sich nicht anmerken zu lassen, dass sie sich sehr wohl noch an die Party erinnerte, auf der sie einfach aufgekreuzt war, um mit ihm zusammen zu sein. „Hör mal, du musst nicht so tun, als würdest du mich mögen ...“

„Werde ich auch nicht.“

„Gut, dann sind wir uns ja einig“, log sie. Der Stolz legte ihr die Worte in den Mund.

Er presste die Lippen aufeinander.

„Jetzt brauchen wir nur noch die Hochzeit deiner Schwester zu überstehen. Wir müssen nicht einmal miteinander reden, uns ansehen oder gar anfassen. Und hinterher geht jeder wieder seines Weges.“

Er rieb sich den Nacken und schien mit sich zu ringen. „Ich bin nicht zufällig hier“, gestand er. „Ursprünglich stand ich an Nadines Anleger und habe dich zufällig durch das Fernglas entdeckt.“ Seine entschlossene Miene veränderte sich nicht. „Du hast recht, ich wusste, dass du zur Hochzeit eingeladen bist. Aber ich fand, ich sollte dich warnen.“

„Wovor?“

Er musterte sie eine ganze Weile schweigend, bis sie das Gefühl hatte, nun kenne er jede Pore ihres Gesichts.

„Mein Dad wird nicht begeistert sein von deiner Anwesenheit.“

„Dein Dad hat mich nicht eingeladen.“

„Du bist nicht erwünscht, Carlie.“

Das tat weh, aber solche Dinge war sie gewohnt. „Nicht von dir vielleicht, aber ...“

„Ganz bestimmt nicht.“

Alte Wunden rissen wieder auf, doch sie würde sich nicht anmerken lassen, dass er sie immer noch verletzen konnte. Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „Ich hatte gehofft, es würde nicht so sein zwischen uns.“

„Anders kann es nicht sein.“

„Warum nicht?“

„Weil Kevin tot ist, verdammt noch mal. Hast du das etwa schon vergessen?“

„Ich denke jeden Tag daran.“ Wie stets, wenn sie an seinen älteren Bruder dachte, schnürte es ihr die Kehle zu. „Aber“, brachte sie mühsam heraus, „nichts, was ich tun oder sagen könnte, würde ihn zurückbringen. Wir müssen loslassen, alle beide.“

Er schien ihr widersprechen zu wollen. Seine Augen verdunkelten sich, und er schaute an ihr vorbei zu den Bergen, die sich in der Ferne erhoben. Sekunden vergingen, in denen sich das Schweigen zwischen ihnen dehnte. Sie sah, wie es an seiner Schläfe pulsierte, und sein Kiefer mahlte so heftig, dass sie sich fragte, ob seine Zähne dabei heil bleiben würden.

„Ich glaube nicht, dass wir darüber reden sollten“, meinte er schließlich, aber er klang jetzt weniger harsch. Auch der vorwurfsvolle Ausdruck in seinen Augen verblasste.

„Soweit ich mich entsinne, warst du der Ansicht, wir sollten über gar nichts reden!“

„Kann sein.“

„Gut. Denn wir – oder zumindest ich – müssen zu einer Hochzeit.“ Die Luft knisterte vor Gereiztheit, und er erwiderte nichts. Erneut herrschte unangenehmes Schweigen, und es fiel ihr schwer, seinem harten, durchdringenden Blick standzuhalten. „Bist du immer so grob?“, fragte sie impulsiv. „Oder hat dir die Armee beigebracht, dich wie ein Idiot zu benehmen?“

„Anscheinend bringst du das Beste in mir zum Vorschein.“

„Ich kann mich nicht daran erinnern, dich hierher eingeladen zu haben, damit du mich beleidigst. Diesmal bist du der ungebetene Gast, Ben.“ Damit drehte sie sich um und wollte gehen. Doch er hielt sie am Ellbogen fest und drehte sie mit solcher Heftigkeit um, dass seine Mütze in den Schnee fiel. Eine atemlose Sekunde lang erinnerte sie sich daran, wie er gewesen war: ungestüm, jung, kühn, der Schwarm fast aller Mädchen auf der Tyler High. Und sie, Carlie Surrett, hatte sich geschmeichelt gefühlt, weil sie seine Aufmerksamkeit errungen hatte – auch wenn sie ein klein wenig darum hatte kämpfen müssen.

Er richtete seinen Blick auf ihren Mund. Der Wind schien sich plötzlich vollständig zu legen. Sie waren allein. Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, inmitten wirbelnder Schneeflocken und eisiger Luft. Ganz kurz dachte sie, er wollte sie küssen, und sie bekam unvermittelt trockene Lippen. Wie konnte sie auch nur einen Gedanken an ihre Liebe von damals zulassen? Es war doch alles schon so lange her.

„Es überrascht mich, dass du zurück bist“, erklärte er mit rauer Stimme und kniff die Augen zusammen. Sein Atem dampfte in der kalten Luft. „Ich habe gehört, du warst verheiratet.“

Kaum merklich straffte sie die Schultern. „Eine Zeitlang, ja.“

„Hat nicht gehalten?“ Seine Miene verriet Neugier. „Kann mir gar nicht vorstellen, wieso.“

„Unüberbrückbare Differenzen“, erklärte sie, den Stich ignorierend, den der Gedanke an ihre kurzlebige Ehe ihr gab. „Ich habe an die Monogamie geglaubt. Er hielt das für langweilig.“

Ben wirkte skeptisch, doch sie redete sich ein, es sei ihr egal. Was Ben Powell von ihr hielt, spielte keine Rolle. Sie war entschlossen, das Thema zu wechseln. „Und du, Ben? Was machst du wieder hier in Gold Creek? Falls sich die Dinge nicht grundlegend geändert haben, gibt es im Umkreis von Hunderten von Meilen keine Militärbasis.“

„Ich bin fertig mit der Armee.“

Sie musterte seine Uniformknöpfe und die Orden auf seiner Brust. „So sieht es aber nicht aus.“

„Ich erfuhr von der Hochzeit erst, als ich gerade zurück in der Stadt war. Deshalb hatte ich nichts anderes zum Anziehen. Der Koffer mit meinem Smoking ist noch nicht eingetroffen.“

Er besaß also immer noch seinen Sinn für Humor, auch wenn der zynisch war. Und in seinen Augen lag, neben Wut, dieser glühende, intensive Ausdruck, der Carlie fast den Atem stocken ließ.

Sie musste sich ins Gedächtnis rufen, dass sie seinem Sexappeal kein zweites Mal erliegen würde. Nie mehr. Energisch riss sie sich von ihm los. „Wir kommen zu spät.“

„Du solltest nicht hingehen. Nicht nach allem, was passiert ist.“

Sofort fühlte sie sich elend, und der alte Schmerz bohrte sich in ihr Herz.

„Wenn mein Vater dich sieht ...“ Ben zog die dunklen Brauen zusammen.

„Er wird es schon verkraften“, erwiderte sie, obwohl sie nicht sicher war, ob sie George Powells vorwurfsvollem Blick begegnen konnte. „Dies ist Nadines großer Tag. Wenn wir klug sind, werden wir nichts tun, was ihn ruinieren könnte.“

Sie wich zurück und wäre beinah gestolpert, nun drehte sie sich um und marschierte zu ihrem Wagen. Als sie in ihren Cherokee stieg, den Zündschlüssel herumdrehte und auf das Gaspedal trat spürte sie, wie er sie beobachtete. Der Motor überdrehte, sodass sie in einer Wolke aus blauem Qualm von dem kleinen Zeltplatz am See hinunterfuhr, fort von den Geistern der alten Legende und weg von Ben Powell, dem Mann, der sie beinah zerstört hätte.

War es wirklich elf Jahre her? Ein Jahrzehnt voller Schuldgefühle, die sie längst hätte ablegen sollen? Sie schaltete das Enteisungsgebläse an, damit die beschlagene Frontscheibe klar wurde.

„Vergiss ihn“, meinte sie sich wütend. Er war damals der Falsche für sie gewesen, und jetzt war er es umso mehr. Mal ganz abgesehen davon, dass sie ihn heute gar nicht mehr wollte. Es hatte eine Weile gedauert, aber inzwischen war sie zu einer selbstbewussten, unabhängigen Frau geworden.

Sie wischte die Scheibe frei, da das alte Gebläse es nicht schnell genug schaffte. Ihre Finger wurden dabei nass und kalt. Ben Powell vergessen, das war leichter gesagt als getan. Schon so viele Jahre hindurch hatte sie das versucht, und es war ihr offenkundig nicht gelungen. Warum sonst sollte es sie interessieren, was er von ihr dachte?

Sie biss die Zähne zusammen und nahm eine Kurve etwas zu schnell. Der Jeep geriet ins Rutschen und schlitterte auf die Gegenfahrbahn. Durch das jahrelange Fahren auf den vereisten Straßen Alaskas fing sie den Wagen mühelos ab und brachte ihn wieder in die rechte Spur. Ihr Herz klopfte, und sie umklammerte das Lenkrad fester, als sie daran dachte, wie sehr sie Ben einst geliebt hatte.

Es war in jenem Sommer gewesen, in dem sie uneingeladen zu dieser Party erschienen war. Eine warme Julinacht, erfüllt von Grillenzirpen und dem Duft von Geißblatt. Sie war jung und unbekümmert gewesen und hatte es kaum erwarten können, all die Erfahrungen zu machen, die das Leben für sie bereithielt.

Wegen Ben Powell. Ben mit seinem respektlosen Lächeln, den intensiven haselnussbraunen Augen und seinen Versprechungen … du lieber Himmel, warum konnte sie ihn nicht vergessen? Warum weckte sein Anblick Erinnerungen in ihr, die sie in einer dunklen Ecke ihres Herzens für immer verschlossen geglaubt hatte?

Als ein alter Fleetwood-Mac-Song über die „Chains of Love“, die Fesseln der Liebe, im Radio gespielt wurde, summte sie mit.

Trotz all ihrer Schwüre, diesen Mann zu vergessen, drifteten Carlies Gedanken ab, zurück in die warmen Sommernächte, die ihr Leben für immer verändert hatten ...

1. KAPITEL

Whitefire Lake, Kalifornien

Elf Jahre zuvor

„Vielleicht sollten wir lieber umkehren.“ Carlie kaute nervös an der Innenseite ihrer Lippe, paddelte jedoch weiter. Normalerweise war sie nicht ängstlich, im Gegenteil, sie neigte eher zur Abenteuerlust. Doch diesmal stellte sie ihre Entscheidung infrage, während sie das Paddel ins Wasser tauchte und über die Schulter zu ihrer Freundin Brenda schaute, die im Heck des kleinen Bootes gleichmäßig paddelte.

Die Dämmerung legte sich allmählich über den See. Wasserläufer und Libellen bewegten sich über die glatte Oberfläche, und Mücken summten in der frühabendlichen Luft.

„Jetzt umkehren? Bist du verrückt?“ Brenda schnalzte enttäuscht mit der Zunge. Das Mädchen mit den aufspringenden roten Locken, den Sommersprossen und schokoladenbraunen Augen war neu in Gold Creek, doch Brenda und Carlie hatten schnell Freundschaft geschlossen. „Außerdem war das deine Idee. Schon vergessen?“

„Darf ich meine Meinung ändern?“

„Jetzt nicht mehr.“ Brenda tauchte ihr Paddel ins Wasser und legte ihre ganze Kraft in den Zug. Das kleine Boot näherte sich dem Ziel, einer verlassenen Blockhütte am südlichen Ufer des Sees.

Das „Bait and Fish“ mit seinen erleuchteten Fenstern glitt vorbei. Flackernde Neonschilder priesen die gängigen Biermarken an und hoben sich krass ab vom verwitterten alten Holz. In der Ferne, nahe dem nördlichen Ufer, zogen Schnellboote Wasserskifahrer. Carlie erkannte Brian Fitzpatrick am Steuer eines silbernen Sportbootes, das am Ufer entlangraste und eine große Heckwelle erzeugte, über die ein Wasserskiläufer, wahrscheinlich Brians jüngere Schwester Toni, gekonnt auf einem Ski balancierte.

„Was für ein Leben“, meinte Brenda verträumt mit Blick auf das elegante Sportboot.

„Möchtest du etwa einer der Fitzpatricks sein?“ Carlie schüttelte den Kopf. „Mit all ihren Problemen?“

„Die haben soooo viel Geld.“

„Und soooo viele Probleme. Hast du nicht von der Wurzel allen Übels gehört?“

„Lass mich ein bisschen sündigen.“

Carlie lachte und genoss die sanfte Brise, die ihrem Gesicht Luft zufächelte und ihre Haare von den Schultern wehte. Obwohl die Sonne schon golden und pink glühend hinter den Bergen versunken war, hielt sich die heiße und schwüle Julihitze.

Jetzt hatten sie die alte Holzhütte mit ihren verwitterten Dachschindeln und Wänden aus rohen Baumstämmen fast erreicht. Sie lag inmitten eines Kiefernwäldchens. Niemand wusste, wem das etwa ein Hektar große Grundstück gehörte, das von den meisten Leuten in der Stadt „Old Daniel‘s Place“ genannt wurde. Jed Daniels hatte die Hütte kurz vor der Jahrhundertwende für seine Braut gebaut, und nach und nach hatten Generationen seiner Nachkommen sie als Sommerresidenz genutzt. Irgendwann war die Familie zu weit verstreut, die Zahl ihrer Mitglieder zu gering gewesen, um sich weiter um die Hütte zu kümmern. Doch falls sie jemals verkauft worden war, sprach zumindest niemand darüber.

Carlie steuerte das Boot vorsichtig an den Steg aus morschen Pfählen und brüchigen Brettern. Das Haus war unbeleuchtet, doch Musik und Gelächter drangen aus den zugenagelten Fenstern, und sie erkannte einen alten Song der Rolling Stones.

Nervös biss sie sich auf die Unterlippe. Was war nur los mit ihr, dass sie ständig Abenteuer suchte oder „Ärger heraufbeschwor“, wie ihr Vater es so oft formulierte?

„Sie ist bloß neugierig, daran ist nichts verkehrt.“ Thelma, ihre Mutter, hatte ihre Tochter bei mehr als einer Gelegenheit verteidigt. „Sie hat einen schnellen Verstand und langweilt sich deshalb leicht.“

„Sie träumt, das macht sie. Glaubt, sie könnte in New York ein heißes Model werden. Da, wo ich herkomme, nennt man das Rosinen im Kopf“, hatte Weldon Surrett gemurrt, während er am Küchentisch saß und eine Zigarette rauchte.

„Wo du herkommst, verstand man unter ‚Spaß haben‘ einen Sechserpack Bier und ein Kartenspiel“, neckte ihre Mutter ihn zärtlich, ehe sie ihren Uniformrock zurechtzupfte und ihrem Mann einen Kuss auf die Wange gab. „Wir sehen uns nach meiner Schicht.“ Thelma hatte Carlie stets in Schutz genommen. Manchmal übertrieb sie und benahm sich wie eine Glucke. Carlie schob das auf die Tatsache, dass ihre Mutter keine weiteren Kinder mehr hatte bekommen können. Ein Jahr nach Carlies Geburt hatte sie sich die Gebärmutter entfernen lassen müssen, und das hatte ihren Wunsch nach einer großen Familie zunichte gemacht. Ihre ganze mütterliche Zuneigung, Liebe und Sorge konzentrierten sich daher auf ihr einziges Kind. Vermutlich hätte Thelma ihre Tochter mit ihren guten Absichten längst erstickt, wenn sie in ihrem Job im Rexall Drugstore nicht genug zu tun hätte.

„Das ist die Hütte?“, erkundigte sich Brenda skeptisch und betrachtete das verfallene Gebäude.

„Ja.“

„Und bist du dir sicher, dass du richtig gehört hast?“

„Absolut.“

„Ben Powell ist hier?“ Brenda hob zweifelnd eine Braue.

„Ich habe gehört, wie er mit seinem Bruder geredet hat“, erwiderte Carlie, während das Boot leicht neben dem Anleger schaukelte. Sie war Ben und Kevin in der neuen Videothek, die neben dem Supermarkt eröffnet hatte, über den Weg gelaufen. Die beiden Jungen hatten sich darüber gestritten, welchen Film sie ausleihen sollten. Kevin hatte bemerkt, dass Carlie die zwei anstarrte. Bei der Erinnerung an das aufflammende Interesse in Kevins Blick, als er sie angesehen hatte, verspürte sie ein leises Schuldgefühl.

Kevin war älter als Ben und hatte schon ein Jahr auf dem College verbracht, ehe seine Noten einbrachen und der Familie das Studiengeld ausging. Jetzt arbeitete er in Monroes Sägewerk und war unzufrieden mit seinem Leben. Carlie war mehrmals mit ihm ausgegangen, aber dann hatte sie aufgehört, sich mit ihm zu treffen. Kevin war sieben Jahre älter als sie, er meinte es viel zu ernst und war zu besitzergreifend. Beim dritten Date wusste Carlie, dass ihre Beziehung keine Zukunft hatte. Er fing an, zweimal am Tag anzurufen, verlangte zu erfahren, wo sie gewesen sei, wurde eifersüchtig auf ihre Freunde und die Zeit, die sie ohne ihn verbrachte. Und das nach nur drei Dates!

Offiziell hatte sie nie mit ihm Schluss gemacht, weil sie offiziell nie zusammen waren; sie traf sich einfach nicht mehr mit ihm. Er verbrachte viel Zeit im Buckeye Restaurant and Lounge, wo er Bier trank und sich durch den Tabakqualm Sportübertragungen anschaute. Dabei schwelgte er in Erinnerungen an seine glorreichen Tage als bester Basketballspieler der Tyler High School.

Carlie schüttelte sich bei dem Gedanken an Kevin. Zu oft hatte er sieberühren, küssen, mit ihr allein sein wollen. Es gab nicht eine einzige Gemeinsamkeit zwischen ihnen, und auf seinen jüngeren Bruder Ben und sie traf das vermutlich ebenfalls zu.

Was also machte sie hier? Tauchte uneingeladen bei einer Party auf, nur weil Ben Powell dort sein sollte, Kevins jüngerer Bruder? Wow, Carlie, du legst es wirklich auf Ärger an!

Sie vertäute das Boot an einem der stabiler aussehenden Pfähle, ging vorsichtig über die ausgebleichten Bretter und folgte einem von Unkraut überwucherten Pfad, der zur Veranda führte. Ein alter Schaukelstuhl bewegte sich sanft im Wind. Die Stimmen wurden lauter, einige kamen aus dem Haus, andere von der Rückseite. Eine schwere Kette und ein Schloss an der Vordertür deuteten darauf hin, dass sie einen anderen Eingang finden mussten.

„Mir kommen allmählich Zweifel wegen dieser Sache hier“, gab Brenda zu. „Es ist ein bisschen unheimlich. Gibt es nicht ein Gesetz, das unbefugtes Betreten und Eindringen verbietet?“

„Ich dachte, du willst nicht umkehren.“ Doch auch Carlie fühlte sich hin- und hergerissen. Sie dachte an eine andere Party vor knapp einem Jahr, als eine Gruppe Jugendlicher sich im Haus der Fitzpatricks auf der anderen Seite des Sees getroffen hatte. Die Dinge waren außer Kontrolle geraten, und Roy Fitzpatrick, der Goldjunge von Gold Creek, Erbe des Fitzpatrick-Vermögens, war dabei ums Leben gekommen.

Jackson Moore geriet unter Verdacht und wurde festgenommen, doch Carlies beste Freundin Rachelle Tremont gab Jackson das Alibi, das er brauchte, um einer Anklage zu entgehen. Jackson verließ das Gefängnis als freier Mann, aber er zog aus der Stadt fort und ließ Rachelle mit beschädigtem Ruf und gebrochenem Herzen zurück.

Die Nachwirkungen jener Party waren verheerend gewesen. Carlie erinnerte sich daran, durch welche Hölle die Fitzpatricks und Tremonts gegangen waren. Dennoch konnte sie jetzt nicht umkehren. Die Verlockung, Ben zu sehen, war größer als ihre Furcht davor, beim Übertreten irgendeines unbedeutenden Gesetzes ertappt zu werden. Sie verließ die Veranda und nahm einen Weg aus überwucherten Steinplatten zur Rückseite des Hauses.

Warum sie sich so von Ben angezogen fühlte, wusste sie selbst nicht. Von allen Jungen in der Stadt sollte sie gerade ihn meiden, da er Kevins jüngerer Bruder war. Aber sie fand alles an ihm anziehend – sein verwegen gutes Aussehen, sein lässiges, ein wenig spöttisches Lächeln, seine offen zur Schau getragene Geringschätzung allem gegenüber, was mit Geld zu tun hatte.

Ben war kleiner und kompakter als Kevin, aber auch muskulöser, und mit seinen haselnussbraunen Augen schien er direkt in Carlies Seele blicken zu können. Und nun schlich sie hier wie ein Dieb herum, und als sie um die Ecke kam … stieß sie beinah mit ihm zusammen.

Sie erschrak, und Brenda, die dicht hinter ihr gegangen war, taumelte gegen ihren Rücken.

Ben wirkte nicht im Geringsten überrascht. Nackt bis zur Taille und nur mit einer an den Knien aufgerissenen, ausgeblichenen Levi‘s bekleidet, blieb er stehen, eine Flasche Bier in der Hand. Ein Lächeln breitete sich auf seinem von dunklen Bartstoppeln bedeckten Gesicht aus. „Carlie, richtig? Carlie Surrett?“

Sie nickte. Ihre Kehle war plötzlich wie ausgedörrt, ihr Herz hämmerte.

„Und ich bin Brenda.“ Ihre Freundin trat aus ihrem Schatten, um sich vorzustellen.

Ben schien amüsiert zu sein. Seine Mundwinkel zuckten, und in seinen Augen flackerte Interesse auf. Er unterbrach den Blickkontakt mit Carlie jedoch nicht eine Sekunde.

Carlie schluckte und warf die Haare zurück. Sie fühlte sich auf einmal unbeholfen und fragte sich, warum sie so blöd gewesen war, ohne Einladung zu dieser Party mitzukommen.

„Kevin ist nicht hier“, informierte Ben sie und trank einen großen Schluck aus der Flasche. Fasziniert beobachtete Carlie, wie er schluckte. Schweiß lief ihm den Hals hinunter, und sein Adamsapfel bewegte sich langsam.

„Ich bin nicht wegen Kevin hier.“

Er hob eine seiner dunklen Brauen. „Sondern?“

„Aus keinem besonderen Grund“, log sie und hörte, wie Brenda scharf die Luft einsog. „Ich hab bloß gehört, dass hier ‘ne Party läuft.“

Er legte die Hand an das raue Holz der Hütte und strich unruhig mit den Fingerspitzen über die von Hand bearbeiteten Bohlen. Carlie bemerkte seine gebräunten Arme, seine muskulösen Schultern, die unter seiner Haut pulsierenden Venen. „Aha, ihr taucht also uneingeladen bei irgendwelchen Partys auf, was?“

„Ich wusste nicht, dass sie nur für geladene Gäste ist.“

Er grinste nur. „Wir versuchen, sie möglichst klein zu halten, um ein Fiasko wie das bei den Fitzpatricks zu vermeiden.“

„Niemand weiß, dass wir hier sind.“

„Niemand?“

Brenda schüttelte den Kopf.

„Du kannst uns vertrauen“, beteuerte Carlie und fragte sich, warum sie das Gefühl hatte, ihn zu ködern.

„Kann ich das?“ Er zog die Brauen zusammen. „Kevin scheint der Ansicht zu sein, dass du sein Mädchen bist.“

Carlies Nackenhärchen richteten sich auf. „Da irrt Kevin sich.“

Ben trank noch einen Schluck Bier. „Wie kommt er dann darauf?“

„Ich finde, es ist keine gute Idee, darüber zu sprechen ...“

„Kevin hat die Sache zu ernst genommen“, mischte Brenda sich ein. „Außerdem ist er zu alt für sie.“ Schulterzuckend ging sie an Carlie und Ben vorbei. „Ich lasse euch beide das mal allein klären.“

„Da gibt es nichts zu klären“, protestierte Carlie. Ihr wurde heiß, und sie begriff, dass es ein Fehler gewesen war, hierher zu kommen. „Tja, vielleicht sollten Brenda und ich lieber verschwinden.“

„Ihr seid doch gerade erst angekommen.“

„Ich weiß, aber ...“ Unschlüssig wedelte sie mit der Hand.

„Ihr wart nicht eingeladen.“

„Genau.“

„Das spielt keine Rolle.“ Er sah ihr in die Augen, und ihr fiel das Atmen schwer. Die Geräusche der Nacht, das tiefe Quaken von Ochsenfröschen, die irgendwo im Dunkeln verborgen waren, das leise Zirpen Tausender Grillen – plötzlich schien all das verstummt zu sein. Der Duft wilder Rosen überlagerte den Geruch von brennendem Holz und Abgasen.

„Na kommt, sehen wir uns die Party mal an. Deswegen seid ihr doch hier, oder?“

„Brenda und ich wollten nur unsere Plätze im Boot tauschen, da hörten wir die Musik ...“ Das war natürlich nicht ganz die Wahrheit, nur konnte Carlie schlecht zugeben, dass sie seinetwegen hier war.

„Wollt ihr ein Bier?“ Seine Miene blieb neutral, und dennoch hatte sie das Gefühl, dass er sie herausforderte.

„Warum nicht.“

Er wandte sich ab und ging barfuß einen staubigen Pfad entlang. Carlie folgte ihm nervös in den Bereich, der einst ein Garten gewesen sein mochte. Vor einer verfallenen Garage war Kies gestreut, und mehrere Limousinen, Pick-ups und Motorräder parkten in der holprigen Zufahrt. Ein Stapel grauen, zum Teil von Brombeerranken überwucherten Brennholzes nahm eine schiefe Wand der Garage ein. Andere Partygäste saßen auf den Stoßstangen, auf der durchhängenden Veranda und gingen durch eine offene Tür ein und aus. Ein rostiges Schloss mit einer Kette lag auf dem Boden.

„Wem gehört dieses Haus?“, erkundigte sich Carlie.

„Einem der Typen hier.“ Ben deutete auf einen pickelgesichtigen, vielleicht neunzehn Jahre alten Jungen, der ein Feuer in einem alten Grill anzufachen versuchte. „Er wohnt in Coleville und behauptet, sein Onkel sei Daniels Erbe, der die Hütte bekommen hat. Er meint, sein Onkel versuche, sie zu verkaufen.“

„Und es ist ihm egal, wenn dein Freund hier eine Party veranstaltet?“

Ben grinste. „Was glaubst du denn?“

„Dass der Onkel keine Ahnung hat.“

„Schlaues Mädchen.“

Ben machte sie mit einigen Gästen bekannt, von denen die meisten nicht älter waren als sie – Kids, die im Sägewerk jobbten, im Holzunternehmen oder in der Eisdiele Dari-Maid. Einige hatten Vollzeitjobs, andere verbrachten ihren Sommer in Gold Creek, bis sie im Herbst aufs College zurückkehrten. Natürlich kannte Carlie einige, aber es gab auch eine Menge Jugendlicher, die sie nie zuvor gesehen hatte.

Brenda hatte sich bereits ein Bier genommen und versuchte, ein Gespräch mit Patty Osgood zu beginnen, der Tochter des Pfarrers. Patty war ein paar Jahre älter als Carlie, doch ihr Ruf war schon so zweifelhaft, dass er ihrem Vater graue Haare bescheren würde, wenn er davon erführe.

Patty saß auf einem Baumstumpf, und ihre langen gebräunten Beine ragten aus Shorts, die kaum ihren Po bedeckten. Die weiße Bluse hatte sie unter ihren Brüsten geknotet. Der Anblick ihres flachen Bauchs und ihres Dekolletés überließen kaum etwas der Fantasie.

Patty war nicht wirklich ein schlimmes Mädchen, aber sie stellte gern den makellosen Körper zur Schau, den der liebe Gott ihr gegeben hatte, ohne sich sonderlich um irgendwelche Konsequenzen zu scheren. Schon mit vielen Jungs aus der Stadt war sie ausgegangen, doch momentan schien sie nur Augen für Ben zu haben.

„Sieh mal einer an“, bemerkte Erik Patton, als Ben und Carlie auf ihn zukamen. Er zog an seiner Zigarette und blies den Rauch seitlich aus dem Mund. „Ich dachte, dich würde ich nie wieder auf einer Party antreffen.“ Betont lässig zupfte er sich einen Tabakkrümel von der Zunge und sah zu seinem Freund Scott McDonald hinüber. Die beiden Jungen waren Freunde von Roy Fitzpatrick gewesen. Sie waren überzeugt, dass Jackson Moore Roy getötet hatte. Die meisten Einwohner von Gold Creek teilten diese Meinung, obwohl gegen Jackson nie Anklage erhoben worden war. Nur wenige Menschen in der Stadt hielten Jackson für unschuldig. Zu dieser kleinen Minderheit gehörte Carlie, und daran störte Erik sich ganz offenkundig. Immerhin hatte er sie in jener schicksalhaften Nacht zum Sommerhaus der Fitzpatricks mitgenommen.

Sie bekam eine Gänsehaut auf den Armen. „Ich wollte nur ...“

„Spar dir das, Surrett“, schnitt Erik ihr das Wort ab und hüllte sich in eine Qualmwolke. „Wir waren alle da. Wir wissen, was passiert ist.“

„Jackson ist nicht ...“

„Klar, er hat Rachelle dazu gebracht zu behaupten, sie wären die ganze Nacht zusammen gewesen. Aber wir alle wissen doch, dass das ein Haufen Mist ist. Das hat sie nur deshalb gesagt, damit er ein Alibi hat.“

„So etwas würde sie nicht tun!“

„Würde sie doch.“ Er gab einen angewiderten Laut von sich. „Sie hat es mit ihm getrieben, ohne ihn richtig zu kennen. Sie ist eine Schlampe.“

„Halt den Mund“, befahl Ben, konnte jedoch nicht verhindern, dass Carlie sich auf Erik stürzte.

„Wage es ja nicht ...“

Ben hielt sie am Arm fest. „Das reicht“, wandte er sich mit ruhiger Autorität an Erik. „Du möchtest dich vielleicht entschuldigen.“

„Ich sag bloß, wie es ist.“

„Du hast keine Ahnung“, konterte Carlie.

Erik warf Ben einen feindseligen Blick zu, besaß jedoch genug Verstand, ein wenig zurückzuweichen. „Vergiss es. Vergiss, dass ich irgendetwas gesagt habe.“

„Das ist schon besser.“ Bens Blick war scharf, und Streit lag in der Luft.

Autor

Entdecken Sie weitere Romane aus unseren Serien

Whitefire Lake