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Der Highlander und die Diebin

Keiner Frau ist es bisher gelungen, Alistair MacKays Interesse für mehr als eine Nacht zu halten. Keiner, außer der jungen Diebin Malina, die ihn vor zwei Jahren um seinen Besitz erleichterte - und dabei unbewusst sein Herz stahl. Nun steht er ihr erneut als Zeuge einer Straftat gegenüber. Nachdem sie einem skrupellosen Laird mehr als nur einen Beutel voll Geld gestohlen hat, will dieser ihren Tod … und Alistair muss sich entscheiden: Geht er das Wagnis ein, ihr zur Flucht zu verhelfen? Oder bringt er sich in höchste Gefahr für die Frau, die seine Leidenschaft geweckt hat?


  • Erscheinungstag: 15.12.2016
  • Aus der Serie: Mac Kay Clan
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 176
  • ISBN/Artikelnummer: 9783733785840
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Wick, Caithness, 1431

Malina drehte sich nicht um. Nur blutige Anfänger begingen diesen Fehler. Schnurstracks setzte sie ihren Weg durch die Menschenmenge fort. Als der dicke Tuchhändler bemerkte, dass seine Börse fehlte, konnte sie seinen erzürnten Aufschrei kaum noch zwischen den anderen Marktschreiern heraushören.

Noch während sie sich ihren Weg durch die Menschen bahnte, die sich auf dem Markt versammelt hatten, füllte sie den Inhalt der teuren Börse in ihren eigenen, schlichten Lederbeutel um und ließ das teure Gegenstück zu Boden fallen. Das Gedränge war zu dicht, als dass irgendwer diese Bewegung bemerken würde, und später könnte niemand mehr sagen, wer die Geldbörse fallen gelassen hatte.

Abseits des Gedränges betrat Malina eine kleine Gasse, die im Vergleich zum Marktplatz fast ausgestorben wirkte. Laut wurde es nur, wenn sich eine Tür zu einem der Wirtshäuser öffnete und das fröhliche Treiben von drinnen auf die Straßen drang. Zusammen mit den lauten Rufen der Gäste drangen auch der Geruch von Met und der Duft von Essen auf die Gasse. Malina atmete tief ein und presste eine Hand gegen ihren Magen, als dieser knurrte. Ohne die Münzen gesehen zu haben, wusste sie, dass sie sich problemlos ein warmes Mahl in einer der Gaststätten hätte leisten können. Ein warmes Mahl, das aus mehr als einer Suppe oder einem Stückchen Kaninchenfleisch oder Fisch bestand.

Sie wandte sich von den Wirtshäusern ab und betrat einen kleinen Laden. Es war dunkel und stickig darin, und Malina hustete, als ihr das Mehl von der Theke entgegenstob.

„Ein Laib Brot“, bestellte sie und zog nach dem zweifelnden Blick des Bäckers zwei Kupfermünzen aus ihrem Lederbeutel hervor. „Von dem frischen Brot, nicht von dem, das du noch von gestern hast“, stellte sie klar, als der Bäcker bereits begierig die Hände nach ihrem Geld ausstreckte.

„Auch noch Ansprüche stellen“, brummte der Mann, reichte Malina aber einen Brotlaib, den er gerade aus dem Ofen gezogen hatte. Sie unterdrückte ein Grinsen, als sie das noch heiße Brot entgegennahm. Es war kein warmer Braten, aber es würde nicht nur ihren eigenen Hunger stillen. Sie zog ein fast sauberes Tuch aus ihrem Gürtel und wickelte das Brot hinein, ehe sie die Bäckerei verließ. Bei jedem Schritt hörte sie die noch vorhandenen Münzen in ihrem Beutel leise klirren. Unschlüssig zog sie die Unterlippe zwischen die Zähne. Ihr Zögern dauerte jedoch nur kurz. Im nächsten Augenblick schlug sie den Weg zu einem Metzger ein und gab die übrigen Münzen für geräucherte Würste aus. Das Geld aufzubewahren hatte keinen Sinn, sobald ihr Stiefvater es bei ihr entdecken würde, würde er es doch nur im nächsten Wirtshaus ausgeben.

Malina beeilte sich, die Stadt zu verlassen und nach Hause zu kommen. Erst, als sie die heruntergekommene Hütte, die sie ihr Zuhause nannte, erkennen konnte, verlangsamte sie ihre Schritte. Ihr Vater hatte diese Hütte für sich und ihre Mutter gebaut. Ihm würde das Herz bluten, wenn er sehen könnte, wie sie heute aussah. Es würde ihn sicher noch mehr belasten, wenn er sehen könnte, wie es um das Land um die Hütte bestellt war. Malina war nie reich gewesen, doch als Kind hatte sie nie hungern müssen. Das Land um die Hütte hatte ihnen genug geboten, denn ihre Eltern hatten es so gut bestellt, wie sie konnten. Zwei Schafe hatten sie ihr eigen genannt und eine Handvoll Hühner. Es hatte zu einem guten, anständigen Leben gereicht. Mit dem Tod ihres Vaters hatte sich alles verändert. Ihre Mutter hatte nicht lange gewartet, ehe sie wieder geheiratet hatte. Kaum das Trauerjahr hatte sie abgewartet. Sie hatte argumentiert, dass eine Frau und ein Kind allein nicht leben konnten.

Malina hätte ein Leben allein mit ihrer Mutter einem Leben mit ihrem neuen Stiefvater immer vorgezogen.

„Malina!“, ein blonder Wirbelwind kam auf sie zu gerannt und kam nur mit Mühe vor ihr zum Stehen.

„Hast du etwas mitgebracht?“ Dem Jungen folgten drei weitere, größere Jungs, denen man auf den ersten Blick ansah, dass sie Brüder waren. Malina unterdrückte ein Grinsen, als die vier sich um sie aufstellten. Sie zögerte nicht, Brot und Würste hervorzuholen. Der Duft von Essen hätte sie ohnehin verraten, und sie wusste, dass ihren Brüdern der Bauch gehörig knurrte. Zwar hatten sie am Morgen noch den letzten Laib Brot aufgegessen, doch die Reste von diesem waren bereits trocken und hart gewesen.

Barclay zückte ein Messer und schnitt das frische Brot an, während Clyde und Jamie ihn so still beobachteten, als halte er etwas unsagbar Kostbares in den Händen. Angus, mit seinen dreizehn Jahren der älteste ihrer jüngeren Halbbrüder, trat neben Malina und verschränkte die Hände vor der Brust.

„Du solltest nicht stehlen müssen“, brummte er und sah missmutig auf das duftende Brot.

„Nein, sollte ich nicht“, gab Malina ihm recht. „Wir sollten auch nicht hungern müssen“, erinnerte sie ihn und reichte ihm die geräucherte Wurst. Sie sah Angus an, dass er sie am liebsten abgelehnt hätte, doch sein Magen knurrte in diesem Augenblick.

„Nimm es, Angus, ich habe es niemandem gestohlen, der es nicht verschmerzen kann.“

„Ich habe mit dem Schmied geredet, er lässt mich bei sich arbeiten, wenn ich mich als zuverlässig erweise.“

„Dazu musst du stark genug sein, also iss“, forderte Malina ihn auf, während sie die übrigen drei Würste an die jüngeren Brüder verteilte.

„Und beeilt euch, ehe James und Mutter etwas merken.“

Die Ermahnung hätte es nicht gebraucht. Die Jungen schlangen das frische Essen geradezu herunter. Mit gemischten Gefühlen schaute Malina ihnen zu. Sie hoffte inständig, dass Angus die Anstellung bei einem der Schmiede in Wick erhalten würde. Sie hoffte, er würde bei diesem auch ein Dach über dem Kopf finden und nicht länger bei ihnen leben und mit ihnen hungern müssen. Sie hoffte, dass es allen ihren Brüdern einmal besser ergehen würde als ihr. Aber bis es soweit war, würden noch einige Jahre ins Land ziehen. Jamie war erst sieben. John hatte ihn, als er noch jünger gewesen war, ab und an zum Betteln in die Stadt geschickt. Jetzt, so sagte er, habe er keinen Nutzen mehr. Malina sah ihren jüngsten Bruder an, die Backen dick mit Brot und Wurst gefüllt, ein Lächeln auf den Lippen. Jamie war ein fröhliches Kind. Er hatte nie etwas anderes als diese Armut gekannt. Sie wünschte sich so sehr, dass sie diese Tatsache ändern könnte.

***

Varrich Castle, 1431

„Halt das Schwert höher, Bryce“, ermahnte Alistair seinen Knappen, während er selbst einen Schritt zurücktrat. Bryce folgte der Anweisung und hob seinen Schwertarm höher in die Luft. Alistair nickte knapp, ehe er einen erneuten Angriff auf den Jungen andeutete. Dieses Mal gelang es Bryce, den Schlag abzuwehren, auch wenn er viel zu viel Kraft in seine Bewegung legte.

„Ich schaffe das, ganz bestimmt“, versicherte er und lockerte seine Schultern. „Noch einmal, bitte“, forderte er Alistair auf, der dem Wunsch seines Knappen nur zu gern nachkam.

„Keine Angst. Bis du deinem Bruder wieder begegnest, bist du so gut wie er.“

„Sicher?“

Alistair lachte über den Eifer, den er in der Stimme des Jungen hörte. Es schien ein gemeinsamer Charakterzug des Sinclair-Clans zu sein, dass sie sich unbedingt beweisen mussten. Wenn Caitriona diese Eigenheit an ihre Kinder vererbt hatte, würde Ramsay noch viel Spaß mit seinem Nachwuchs haben.

„Gut, machen wir weiter, vergiss aber deine Deckung nicht, du hast das Schild aus gutem Grund, benutz es auch.“

Bryce nickte, und sein angestrengter Gesichtsausdruck zeigte deutlich, wie sehr er sich Alistairs Worte zu Herzen nahm. Alistair bereitete sich auf einen erneuten Angriff vor, als das Hufgetrappel eines herannahenden Pferdes ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Monroe!“, rief Bryce erstaunt und senkte Schwert und Schild augenblicklich.

„Wenn du in einem echten Kampf so unaufmerksam bist, kostet dich das dein Leben“, warnte Alistair ihn, senkte jedoch ebenfalls sein Schwert, als der Bruder seiner Schwägerin sein Pferd vor ihnen zum Stehen brachte.

„Was führt dich so weit in den Norden? Und so überraschend?“, erkundigte sich Alistair, während Monroe abstieg. Monroe begrüßte Alistair mit festem Händedruck, ehe er seinem jüngeren Bruder einen Klaps auf die Schulter gab.

„Mein Vater hat einen Auftrag für mich, der so kurzfristig kam, dass es keinen Sinn machte, einen Brief vorab zu senden, der meine Ankunft mitteilen würde. Ich hoffe, ich bin dennoch für ein paar Tage willkommen?“

„Ein paar Tage nur?“ Alistair führte Monroe in Richtung des Haupthauses der Burg, während Bryce sich um das Pferd seines Bruders kümmerte.

„Aye, ich bin eigentlich auf dem Weg nach Wick und habe den Besuch bei euch bereits von Vater erbitten müssen. Mutters Wunsch, Cait einen Brief zukommen zu lassen und ihre Bitte, ich möge eine Antwort von ihr mit mir bringen, hat ihn schließlich einlenken lassen. Aber komm, ich erzähle das ganze lieber nur einmal euch allen, als es mehrmals erklären zu müssen.“

Die beiden Männer gingen gemeinsam in die große Halle.

„Monroe!“ Sie waren kaum zwei Schritte in die Halle getreten, als Caitriona bereits auf die beiden zukam und ihren Bruder fest in ihre Arme zog.

„Es tut so gut, dich wiederzusehen!“

„Du willst nicht immer noch, dass ich dich von hier fortbringe, oder? Mutter versichert mir, dass deine letzten Briefe überaus positiv von diesen Wilden hier berichten.“

Caitriona schlug ihm leicht auf den Arm, während Monroe lachte.

„Es ist nicht sehr nett, deine Schwester so zu necken“, ermahnte sie ihn, was Monroe jedoch nur mit hochgezogenen Brauen zur Kenntnis nahm.

„Was bringt dich hierher?“

„Zum einen dieser Brief.“ Er zog den Brief ihrer Mutter aus seiner Tasche und überreichte ihn Caitriona, die ihn überrascht musterte.

„Ein Brief? Deswegen bist du hier? Sag mir die Wahrheit, Monroe, ist etwas geschehen? Geht es Mutter gut? Und Vater? Oder … um Himmels Willen, gibt es Neuigkeiten von Dermid?“

Monroe ergriff ihre Hände und schüttelte den Kopf.

„Beruhige dich, Cait, Mutter und Vater geht es gut. Sie sind gesund und wohlauf. Von Dermid gibt es derweil keine Neuigkeiten. Aber deswegen bin ich hier.“

„Ich verstehe nicht …“

„Wieso unterhaltet ihr euch nicht schon ein wenig, während ich Ramsay suchen gehe“, schlug Alistair vor und machte sich auch schon auf den Weg.

Eine Stunde später saßen die vier zusammen vor dem Kamin.

„Wir haben seit fast einem Jahr keine Nachricht von Dermid erhalten. Zwar gibt es nach wie vor einige Landsleute, die sich am französischen Hof aufhalten, doch sollte Dermid nach Vaters Willen längst zurück nach Hause kommen, heiraten und sich für Vaters Nachfolge als Laird vorbereiten“, erklärte Monroe leise.

„Und ihr hofft, von Alec MacCane Neuigkeiten über euren Bruder zu erfahren?“, erkundigte sich Ramsay. Monroe nickte.

„Dermid hat MacCane und seine beiden Kinder in einigen seiner Briefe erwähnt. MacCane ist erst vor wenigen Wochen nach Schottland zurückgekehrt. Vater erhofft sich von ihm zu erfahren, ob Dermid einen längeren Aufenthalt in Frankreich plant und vielleicht auch den Grund dafür …“

„Er glaubt, eine Frau stecke dahinter?“

„Nun, was sonst würde Dermid davon abhalten, nach Hause zu kommen? Es ist nicht so, als erwarte ihn hier eine Verurteilung. Im Gegenteil, der König hat alle Schotten, die zur Besiegelung der Auld Alliance nach Frankreich reisten, belobigt. Dermid kann sich seine Braut fast frei erwählen, seine Zukunft sieht so rosig aus, wie die kaum eines anderen Mannes im Reich.“

„Wann brichst du auf?“

„In zwei Tagen“, erklärte Monroe und lächelte seine Schwester an, als er sah, wie deren Gesicht sich verfinsterte.

„Ich werde auf dem Rückweg erneut bei euch einkehren, wenn ihr erlaubt?“

„Selbstverständlich! Diese Frage musst du nie stellen.“

„Hast du etwas gegen einen Reisegefährten einzuwenden? Oder zwei?“

Nicht nur Monroe wandte sich nun überrascht an Alistair. Dieser zuckte mit den Schultern.

„Mir täte eine Reise gut und Bryce ebenso. Der Junge ist im richtigen Alter für ein kleines Abenteuer … ein gänzlich sicheres Abenteuer“, beeilte Alistair sich mit einem Blick auf Caitriona zu sagen.

„Nur zu gern“, nahm Monroe das Angebot an. „Allein reist es sich nur halb so gut wie in Gesellschaft. Allerdings … versprich mir bitte, unterwegs nicht vor wütenden Vätern oder Ehemännern fliehen zu müssen. Ich glaube kaum, dass das eine geeignete Lektion für Bryce wäre.“

Alistair ließ die gutmütigen Witze Monroes und Ramsays, der bald mit einstimmte, über sich ergehen. Er bemühte sich, bei ihren Worten nicht an ein Paar grüner Katzenaugen zu denken, das ihm seit viel zu langer Zeit nicht aus dem Kopf ging.

2. KAPITEL

Es roch äußerst penetrant nach Fisch. Das war das erste, was Alistair an Wick auffiel. Doch der Gedanke daran, heute Nacht wieder in einem richtigen Bett schlafen zu können, ließ ihn selbst diesen Gestank ertragen. In den letzten beiden Nächten hatten sie ihr Lager abends außerhalb der wenigen Dörfer, die sie passiert hatten, aufgeschlagen.

„Ich mache mich auf den Weg zu MacCane. Ich nehme an, ihr beide wollt euch direkt auf die Suche nach einem Quartier für die Nacht machen?“, wandte Monroe sich an Alistair und Bryce, während er sein Pferd zum Stehen brachte.

Alistair nickte und sah sich auf den Straßen Wicks um.

„Wir treffen uns später bei der Kirche, schlage ich vor.“ Alistair deutete auf den Turm, der hinter einigen Dächern vor ihnen aufragte.

„Gut, dann sehen wir uns später. Ach, und Alistair, sei so gut und bring meinen kleinen Bruder nicht auf dumme Gedanken, wenn ihr auf die erstbeste Schankmaid trefft.“ Monroe grinste und wandte sein Pferd von den anderen beiden ab, um den Weg zurück aus dem Stadttor und in Richtung von Wick Castle einzuschlagen.

„Cait betont immer wieder, dass man auf Monroe nicht hören solle. Wenn es also irgendetwas gibt, dass ich über Frauen lernen sollte, böte sich das jetzt sicher an.“

Alistair warf seinem Knappen einen kurzen Blick zu, ehe er sein Pferd im Schritt weiterlaufen ließ.

„Ich glaube, in dieser einen Angelegenheit stimmt Cait eurem Bruder zu. Und ich auch! Du bist viel zu jung, um dir über Frauen den Kopf zu zerbrechen, lern erst einmal, anständig mit dem Schwert umzugehen.“

„Ich bin dreizehn!“, protestierte Bryce und ließ sein Pferd Alistair folgen.

„Wie gesagt, viel zu jung.“

„Wie alt warst du, als du damit angefangen hast, dich mit Frauen auseinanderzusetzen?“

Alistair dachte kurz nach, räusperte sich dann und schüttelte den Kopf.

„Ich bin niemand, den du dir zum Vorbild nehmen solltest.“ Alistair sah, wie die Augen seines Knappen sich weiteten.

„Wieso nicht? Es gibt keine Frau, die deinem Charme nicht erliegen würde. Wieso sollte man dem nicht nacheifern?“

„Weil dein Vater vielleicht nicht so mildtätig über derlei Kapriolen hinwegsehen wird, wie Ramsay es bei mir tut. Und weil nicht jede Frau empfänglich für diesen Charme ist, auch wenn du dies nicht glauben magst.“

Bryce zuckte mit den Schultern. „Umso besser. Ich würde eh keine Frau heiraten wollen, die sich einfach so um den Finger wickeln lässt. Wenn sie es bei mir tut, tut sie es auch bei anderen Männern.“

„Du wirst die Frau heiraten, die dein Vater für dich vorsieht, da wirst du nicht viel dazu sagen können, ob du sie um den Finger wickeln kannst oder nicht.“

„Ich bin der vierte Sohn. Monroe und Logan sind noch unverheiratet. Vater wartet ungeduldig auf Dermids Rückkehr, vorher will er keine weiteren Hochzeiten absprechen. Bis er bei mir ankommt, wird er keine großen Clans mehr haben, mit denen er Allianzen schmieden muss.“

„Du bist ein Sinclair, Bryce. Näher kann man dem Königshaus kaum noch kommen, ohne in die königliche Familie selbst einzuheiraten. Vertrau mir, du wirst noch genug heiratswillige junge Damen und ihre allianzhungrigen Väter treffen, wenn deine Zeit gekommen ist.“

„Dann hoffe ich, dass Vater mir mehrere zur Wahl stellt. Dann nehme ich die, die mich am wenigsten leiden mag.“

Alistair schüttelte erneut den Kopf. Der Junge hatte äußerst ungewöhnliche Ansichten über die Ehe. Es war nur gut, dass er noch einige Jahre Zeit hatte, um seine Meinung zu ändern.

Als sie das Gasthaus erreichten, nahm Bryce die Pferde und brachte sie in den Stall, wo er sich um die Tiere kümmerte, während Alistair das Wirtshaus betrat und nach zwei Zimmern für die Nacht fragte.

Das Haus war jetzt zur Mittagszeit gut besucht, stellte Alistair fest. Er bestellte sich einen Krug Met und hielt nach einem freien Tisch Ausschau, um auf Bryce zu warten. Die Leute, die an den einzelnen Tischen saßen, aßen, tranken und lachten, nahm er dabei kaum zur Kenntnis. Er überflog ihre Gesichter, wohl wissend, dass er hier keine Bekannten zu erwarten hatte.

Ein brauner Lockenkopf ließ ihn kurz innehalten. Alistair schimpfte sich selbst einen Narren und trank einen großen Schluck. So langsam könnte er die kleine Diebin doch wirklich vergessen. Zwei verdammte Jahre war es her, dass sie ihn um sein Geld erleichtert hatte, und noch immer spukte sie ihm im Kopf herum. Bei jedem Paar grüner Augen, bei jedem dunklen Schopf, den er sah, musste er an sie denken. Schlimmer noch, er konnte an keine andere Frau mehr denken. Mochten die Männer auf Varrich Castle ihn auch necken, so viel sie wollten, Alistair hatte die letzten beiden Jahre regelrecht zölibatär verbracht. Eine Tatsache, die er tunlichst für sich behielt. Welche Scherze er über sich ergehen lassen müsste, wenn seine Narretei bekannt würde, konnte er sich nur zu gut vorstellen. Nein, besser, sie glaubten ihn den Schürzenjäger wie eh und je und trieben damit ihre Späße.

Alistair riss sich vom Anblick der dunkelhaarigen Frau los und zwang sich, seinen Blick zur Tür zu richten. Von Bryce war noch nichts zu sehen. Vielleicht sollte er lieber hinausgehen und dem Jungen helfen, anstatt hier zu sitzen und sich Hirngespinsten hinzugeben. Er leerte den Krug und wollte sich gerade auf den Weg machen, als sein Blick erneut von der fremden Frau angezogen wurde. Alistair schalt sich schon einen Narren, als er beobachtete, wie ihre Hand in die Geldkatze des neben ihr sitzenden Mannes griff, ohne, dass dieser es bemerkte. Alistairs Herz begann schneller zu schlagen. Seine Hand schloss sich fester um den leeren Krug, und er wünschte sich sehnlichst, er hätte noch etwas übriggelassen.

Die Frau flüsterte dem Mann etwas ins Ohr, worauf dieser purpurrot anlief und eifrig nickte. Mit katzenhaften Bewegungen schlüpfte die Diebin von der Bank und wandte sich zum Gehen. Endlich konnte Alistair ihr Gesicht sehen. Zwei verdammte Jahre aber diese grünen Augen würde er überall wiedererkennen.

Sie ging zielstrebig auf die Tür des Wirtshauses zu, ohne je den Blick davon abzuwenden.

Unvermittelt griff Alistair nach ihrem Arm, als sie an ihm vorbeiging, und hielt sie zurück.

„Mary, so sieht man sich wieder.“

Langsam drehte sie sich zu ihm um. Ihre Augen weiteten sich. Sie erkannte ihn, daran hegte Alistair keinen Zweifel.

„Es tut mir leid, Sie müssen mich mit jemandem verwechseln“, sagte sie jedoch und versuchte, ihm ihren Arm zu entziehen. Alistairs Griff wurde fester, und er trat einen Schritt auf sie zu. Zwei Jahre hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Er würde sie nicht einfach so gehen lassen.

„Ich vergesse ganz sicher nicht die Frau, die mir mein Geld gestohlen hat.“

„Wirklich, Ihr müsst mich verwechseln“, versicherte sie ihm und versuchte erneut, sich ihm zu entziehen. Ihr Blick huschte zwischen der Tür und dem Mann, neben dem sie eben gesessen hatte, hin und her.

„Mein Geld!“, schrie da der Mann, dem sie die Börse erleichtert hatte. Den Moment der Ablenkung nutzte das Mädchen aus, riss sich von Alistair los rannte auf die Straße hinaus. Alistair beeilte sich, hinter ihr herzukommen, doch nach wenigen Schritten war sie bereits im Menschengetümmel der Stadt verschwunden.

***

Der Diener, der Alec MacCane von Monroes Ankunft berichten sollte, war nun schon eine ganze Weile verschwunden. Monroe konnte sich lebhaft vorstellen, worauf der Mann hoffen musste, sobald er hörte, dass einer von Irvine Sinclairs Söhnen ihn aufsuchte. In einem seiner Briefe hatte Dermid seinen Vater wissen lassen, dass Alec MacCane auf eine Verbindung ihrer Häuser hoffte und dabei äußerst klug vorging. MacCane war nicht vermessen genug, eine Hochzeit zwischen seiner Tochter und Dermid vorzuschlagen, wohl wissend, dass Irvine Sinclair für seinen Erstgeborenen und Erben mächtigere Bündnisse anstrebte. Für einen Zweit- oder Drittgeborenen hingegen kam MacCanes Tochter durchaus in Frage. Monroe war bereit, sein Pferd darauf zu verwetten, dass er diese Tochter gleich kennenlernen würde, ob er wollte oder nicht.

„Ah, verzeiht, dass wir euch haben warten lassen.“

Monroe drehte sich herum und sah sich einem Mann mittleren Alters gegenüber, der sich mit der rechten Hand auf einen Stock stützte, während er an der linken von einer jungen Frau gestützt wurde. Alec MacCane und seine Tochter, nahm Monroe an.

„Alec MacCane?“, erkundigte er sich dennoch, woraufhin der Mann nickte.

„Und Ihr seid einer von Irvine Sinclairs Söhnen, Dermid Sinclairs Bruder. Was für eine Freude, Euch kennenzulernen. Darf ich Euch meine Tochter Fenella vorstellen? Aber bitte, nehmt doch Platz.“

Monroe folgte den beiden zum Kamin, vor dem sie Platz nahmen.

„Ich hoffe, Ihr verzeiht, dass wir Euch haben warten lassen, Mylord. Wie Ihr seht habe ich mit dem Gehen momentan ein paar Probleme.“

„Ich hoffe, es ist nichts Ernstes.“

„Ach, pure Unachtsamkeit. Ich habe vergessen, meinem Pferd zu sagen, dass ich hinter ihm stehe, als es von einer Katze erschrocken wurde. Mein Fuß war der Leidtragende. In ein, zwei Wochen sollte er aber wieder verheilt sein, meinte der Arzt. Nun aber zu Euch, Mylord. Was führt euch so weit in den Norden?“

„Ich bin im Auftrag meines Vaters hier. Wie wir aus Briefen meines Bruders erfuhren, hat er viel Zeit mit euch am französischen Hof verbracht. Wir haben seit Monaten nichts von ihm gehört und hofften, er hätte Euch gegenüber vielleicht erwähnt, wie lange er noch vorhat, in Frankreich zu verweilen.“

Monroe sah, wie sich die Stirn des Mannes in Falten legte. Das war ganz offensichtlich nicht, was er erwartet hatte. MacCane sah seine Tochter an und schüttelte den Kopf.

„Das kann doch gar nicht sein“, sagte er schließlich und wandte sich wieder Monroe zu.

„Dermid Sinclair ist zwei Monate vor uns aus Frankreich abgereist“, erklärte MacCane.

„Seid Ihr Euch sicher?“, fragte Monroe und rutschte auf dem Stuhl, auf dem er saß, nach vorn.

„Absolut! Er verabschiedete sich noch von uns, ehe er aufbrach.“

„Aber, das kann nicht sein … wir müssen sein Schiff suchen lassen. Falls es gesunken ist …“

„Ihr solltet nicht vom Schlimmsten ausgehen, Mylord“, versuchte Alec MacCane ihn zu beruhigen. „Ich fürchte, ich kann mich nicht mehr an den Namen des Schiffes erinnern, auf dem Euer Bruder abreiste. Ella, Kind, erinnerst du dich daran?“, wandte sich MacCane an seine Tochter, doch diese schüttelte nur stumm den Kopf. Alec seufzte. „Ich werde in meinen Aufzeichnungen nachsehen müssen. Ich habe sehr gewissenhaft Protokoll geführt über unseren Aufenthalt in Frankreich und auch jede Abreise enger Vertrauter notiert. Wenn Ihr die Güte hättet, morgen Vormittag noch einmal zurückzukommen, Mylord, dann kann ich Euch gewiss den Namen des Schiffes nennen, auf dem Euer Bruder die Reise nach Hause antrat. Vielleicht könnt Ihr Euch sogar schon im Hafen unserer schönen Stadt danach erkundigen. Ich weiß zwar nicht, wie weit gen Norden das Schiff auf Kurs war, aber vielleicht ist es einem der Seemänner oder Händler in Wick ein Begriff, und sie können Euch mehr darüber erzählen.“

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