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Herzenszauber in Thunder Point

In einem Akt der Verzweiflung verlässt Devon McAllister mit ihrer kleinen Tochter ihr Zuhause, in dem sie sich nicht mehr sicher fühlt. Sie will nur eins: ihrer traumatischen Vergangenheit entfliehen und irgendwo untertauchen. Unerwartet landet sie in dem Küstenstädtchen Thunder Point, wo sie mit offenen Armen aufgenommen wird. Vor allem der attraktive Spencer unterstützt sie tatkräftig - und berührt ihr Herz. Doch wird es ihr gelingen, ihre schmerzvollen Erfahrungen hinter sich zu lassen?
"Robyn Carr ist eine bemerkenswerte Geschichtenerzählerin."
The Library Journal
  • Erscheinungstag: 12.09.2016
  • Aus der Serie: Thunder Point
  • Bandnummer: 3
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499432
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Robyn Carr

Herzenszauber in Thunder Point

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Barbara Minden

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

The Hero

Copyright © 2013 by Robyn Carr

erschienen bei: MIRA Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.ár.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Getty Images / DEDDEDA / Design Pics

ISBN eBook 978-3-95649-943-2

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

1. KAPITEL

Devon McAllister ging an einer von Bäumen gesäumten Nebenstraße entlang. Sie war sich nicht ganz sicher, wo sie war, ahnte aber, dass sie sich sehr weit vom Gelände der Kommune entfernt hatte. Sie fühlte sich jedoch ausreichend sicher, um sich nicht mehr sofort zu verstecken, sobald sie hörte, dass sich ein Fahrzeug näherte. Inzwischen war sie seit mindestens acht Stunden unterwegs und sah, wie es hinter den zurückliegenden Bergen langsam hell wurde. Das bestätigte ihr, dass sie nach Westen unterwegs war, an die Küste. Devon trug ihre dreijährige Tochter Mercy auf dem Arm und einen Rucksack vollgestopft mit Kleidungsstücken auf dem Rücken. Außerdem hatte sie vierzig Dollar, die ihr ein gutherziger Unbekannter geschenkt hatte, der sie ein kurzes Stück mitgenommen hatte.

Sie war erschöpft, wollte allerdings nicht eher rasten, bis sie den Highway 101 erreicht hatte. Zwischendurch ließ sie Mercy immer mal wieder runter und ging mit ihr an der Hand. Doch dann kamen sie nur unerträglich langsam voran. Sowie sie Motorengeräusche hörte, ließ sie den Kopf sinken und schaute zu Boden.

Es war ein Geländewagen – er fuhr zunächst an ihnen vorbei, hielt aber abrupt vor ihnen. Das Auto war johannisbeerrot und alt, dennoch in einem guten Zustand. Ein Mann stieg aus und rief ihr zu. „Miss? Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit?“

Sie schritt auf den Wagen zu. „Bin ich in der Nähe vom Highway 101?“, fragte sie.

„Da fahre ich hin. Ich bin auf dem Nachhauseweg“, erwiderte er. „Ich kann Sie mitnehmen.“

Der ältere Mann trug eine weiß-rot-blaue Baseballkappe, und seine Wangen und das Kinn hatten ein paar Stoppeln, die er beim Rasieren übersehen haben musste. Obwohl Juni war, hatte er eine Jacke an. Es war neblig, was den Schluss nahelegte, dass sie in einem Tal in der Nähe des Pazifischen Ozeans waren.

„Wohin sind Sie unterwegs?“, fragte Devon.

„Thunder Point“, antwortete er. „Das ist eine kleine Stadt an der Küste in Coos County. Ich arbeite in einer Strandbar und öffne den Laden pünktlich zur Frühstückszeit. Bin schon ein paar Jahre da. Hier in der Gegend gibt’s vor allem Fischerdörfer.“

Sie hatte es also geschafft, Douglas County zu verlassen, war sich aber nicht sicher, wo Coos County lag. Sie hatte überhaupt keine Ahnung, wo irgendetwas lag. Devon war nur selten außerhalb des Geländes ihrer Kommune und noch nie in einer der kleinen Städte an der Küste gewesen. Dennoch wusste sie, dass der Highway 101 sich so weit nach Norden und Süden erstreckte wie nötig. Der Highway 5 war befahrener und befand sich näher an dem Gelände der Gemeinschaft. Falls irgendwer nach trampenden Ausreißern suchte, hätte er dort mit Sicherheit mit seiner Suche begonnen. „Wie weit ist der Highway 101 von Ihrer Stadt entfernt?“

„Ziemlich nah dran. Soll ich Sie dort absetzen?“

Sie trat auf den Geländewagen zu. „Danke“, meinte sie. „Sind Sie sicher, dass es Ihnen nichts ausmacht, uns mitzunehmen?“

„Kein Problem“, antwortete er.

Devon legte ihren Rucksack auf die Rücksitzbank und behielt Mercy nach dem Einsteigen auf dem Schoß. Die Kleine ließ den Kopf hängen und klemmte die Hände zwischen die Knie.

„Ich heiße Rawley Goode“, stellte der ältere Mann sich vor. Sie sagte nichts. „Haben Sie auch einen Namen?“

„Devon“, erwiderte Devon, die eigentlich lieber nicht ihren richtigen Namen benutzen wollte. Wenn nun jemand anfing herumzuschnüffeln und zu fragen, ob jemand eine Frau namens Devon gesehen hatte? Doch sie war einfach zu müde, um zu lügen. Ihre Nervosität mal außen vor gelassen. Wenigstens hatte sie nicht Schwester Devon gesagt.

„Sie sind kein entflohener Sträfling, oder, Devon?“

Sie blickte ihn an. „Gibt es hier in der Gegend ein Gefängnis?“

Breit lächelte er. „War ein Scherz. Wo wollen Sie hin?“

Weil ihr keine bessere Antwort einfiel, antwortete sie: „Seattle. Vielleicht.“

Er pfiff. „Da haben Sie aber noch einen weiten Weg vor sich. Was führt Sie auf diese alte Nebenstraße?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin bis hierhin mitgenommen worden. Doch eigentlich will ich zum Highway 101.“

„Sie trampen?“

Sie nickte. Ihre Reise über die Berge war sorgfältig geplant, das allerdings behielt sie für sich. „Ja, auf der 101 herrscht mehr Verkehr.“

„So lange, bis die Polizei Sie entdeckt. Dann könnte es kompliziert werden.“

„Ich passe auf.“

Devon war nicht wirklich auf dem Weg nach Seattle, sie hatte es einfach nur so behauptet, weil sie ursprünglich von dort stammte. Sie hoffte, dass es in den größeren Städten an der Küste vielleicht ein Frauenhaus oder eine Übernachtungsmöglichkeit für Obdachlose gab. „Ich kenne diese Gegend nicht wirklich gut. Gibt es in der Nähe des Highway 101 eine größere Stadt? Groß genug, um dort vielleicht ein Frauenhaus oder ein Hostel zu finden?“, fragte sie ihn.

„Ein paar“, erwiderte Rawley. „Hören Sie, ich habe eine Idee. Sie entscheiden sich, wohin Sie wirklich fahren wollen, und ich kümmere mich um Ihren Transport. Wie wäre das?“

„Warum?“, fragte sie ihn skeptisch. „Weshalb wollen Sie das tun?“

„Ich war auch lange in Ihrer Situation: trampen und nach dem günstigsten Weg suchen, um von hier nach da zu kommen. Normalerweise bin ich in Veteranenheime gegangen, wenn ich ein wenig Unterstützung gebraucht habe.“ Er machte eine Pause. „Schaffen Sie ein kleines Frühstück? Denn das ist mein Vormittagsjob – Kaffee aufsetzen, Eiersandwiches warm machen, zuschauen, wie die ersten Sonnenstrahlen über die Berge kommen. Es ist auch nicht weit vom Highway 101 entfernt. Ich könnte Ihnen eine Karte zeigen, während Sie und die Kleine etwas essen.“

„Nein, danke. Ich habe ein paar Äpfel für später dabei.“

„Ich erkenne, wenn jemand kein Geld hat“, erklärte er. „War selbst schon so weit und habe es die letzten vierzig Jahre immer wieder erlebt. Die Landkarte schenke ich Ihnen. Oder das Frühstück. Danach bringe ich Sie hin, wo Sie wollen, damit Sie die nächste Mitfahrgelegenheit auftreiben können. Keine Gefahr. Ich gebe zu, ich war nicht immer der beste Mensch der Welt, doch ich habe noch nie einer Fliege etwas zuleide getan. Die Äpfel können Sie sich für später aufheben.“

Rawley wusste es zwar nicht genau, aber er war sich ziemlich sicher, dass die junge Frau aus The Fellowship, einer religiösen Kommune, die sich auch „Die Familie“ nannte, kam. Die Kommune hatte ihren Sitz unten am Fluss in Douglas County. Die junge Frau trug ihre Uniform oder Tracht: einen Overall und feste Schuhe, ein langärmliges T-Shirt und einen dicken langen Zopf. Er hatte der Gruppe schon häufig etwas gespendet. Dabei war ihm aufgefallen, dass die Frauen alle gleich gekleidet waren, während die Männer individuelle Kombinationen aus Jeans, Karo- oder Jeanshemden, Hüten und Westen anhatten. Vor ein paar Monaten, als Cooper den alten Angelshop renoviert und in ein erstklassiges Strandlokal verwandelt hatte, hatte Rawley die überflüssigen Industriewaschmaschinen und -trockner zusammen mit etlichen ebenfalls aussortierten Küchenutensilien zur Fellowship-Gemeinde gebracht.

Es war eine private Kommune, doch ihm war bekannt, dass sie in der Nähe ihres Grundstücks einen Straßenstand betrieben, wo sie Erzeugnisse wie Quilts und gewebte Stoffe verkauften. Rawley hatte erst einmal dort angehalten und eine Gruppe von ihnen in der Nähe des Standes gesehen. Um den Verkauf kümmerten sich die Frauen, die Männer halfen bei den schweren Arbeiten. Hauptsächlich jedoch thronten sie über allem und bewachten alles. Rawley hatte sie auch schon einmal auf dem Bauernmarkt in Myrtle Creek herumspazieren sehen, wo sie ebenfalls ihre Produkte anboten. Auch dort hatten die Frauen eine feste Gemeinschaft gebildet, während die Männer sich eher im Hintergrund hielten und sie beobachteten.

Bis zu diesem Morgen hatte er sich noch nie Gedanken über diese Kommune gemacht. Nun allerdings, wo die junge Frau mit ihrem Kind bei ihm im Wagen saß, fragte er sich, was es mit ihr auf sich hatte. Junge, lächelnde und leise sprechende Frauen, die offensichtlich von großen, schweigenden Männern, die sich eindeutig für sie verantwortlich fühlten, bewacht wurden.

Das Mädchen wirkte nervös, also hielt sich Rawley bedeckt. Während sie die zwanzig Minuten zum Strand von Thunder Point fuhren, sprach er nur über Banales und sagte Dinge wie Wird ein schöner Tag heute und Der Nebel wird heute ziemlich früh vom Wasser verschwinden oder Soll heute so um die 21 Grad warm werden, und das ist hier am Meer schon eine Hitzewelle.

Die junge Frau blieb sehr ruhig, äußerte gelegentlich ein Mmm-hmm, schwieg ansonsten jedoch. Ihr kleines Mädchen lehnte den Kopf an ihre Schulter, und ein paar Mal flüsterten sie leise miteinander. Als sie den Berg hinunter auf das Strandlokal zufuhren, sah sie zum ersten Mal die von der Felsküste geschützte und von Felsen übersäte Bucht und den Nebel, der sich gerade lichtete. Ihr entfuhr ein „Wow“.

„Schön, was?“, erwiderte Rawley.

Ein paar Minuten später erreichten sie die Strandbar. Rawley hielt hinter dem Haus und schloss auf. Es war sechs Uhr morgens.

„Kommen Sie rein, setzen Sie sich an die Bar. Ich koche Kaffee und ein paar Eier. Nehmen Sie sich gern auch etwas Obst. Und Cooper, der Besitzer, steht auf seine Tony Tigers. Sie auch? Oder lieber die kleinen Frosted Flakes?“

„Das ist alles sehr großzügig“, sagte sie. „Und wird dankbar angenommen.“

„Wie ich schon sagte, ich war schon oft in Ihrer Lage und habe eine Menge zurückzugeben.“

Als Rawley sich umdrehte, um mit der Arbeit anzufangen, stellte er fest, dass der Kaffee schon aufgesetzt worden war. Er schaute aus dem Fenster und sah einen Mann auf einem Brett allein in der Bucht herumpaddeln. Das war Cooper, der sich beim Frühsport austobte. Außerdem flitzte ein Strandbuggy durch den Sand. Auf dem Beifahrersitz saß eine große Dänische Dogge. Coopers Freundin Sarah hatte offenbar einen Tag frei bei der Küstenwache.

Gut, dachte Rawley. Cooper und Sarah würden eine Zeit draußen bleiben. Das ließ ihm genug Zeit, sich zu überlegen, was er mit Devon machen sollte. Denn offensichtlich musste etwas unternommen werden. Eine Frau und ein kleines Kind mit einem einzigen Rucksack, im Morgengrauen ohne Geld oder Plan auf Nebenstraßen unterwegs … Man musste kein Hellseher sein, um zu wissen, was los war.

Er benetzte ein frisches Geschirrtuch mit warmem Wasser und reichte es Devon, falls sie sich den Staub der Straße von Gesicht und Händen wischen wollte. Und das tat sie auch. Danach wischte sie ihrer Tochter Gesicht und Hände sauber und murmelte ein leises „Danke“.

Rawley fing an, das Essen zuzubereiten. Er brachte einen Obstteller, eine Packung Cornflakes, zwei Schalen, Milch und ein paar kleine Gläser an den Tisch der beiden. Anschließend holte er zwei Rührei-Sandwiches aus der Kühltasche und legte sie in die Mikrowelle.

Devon versorgte ihr kleines Mädchen und teilte alles mit ihr. Nachdem die Sandwiches fertig waren, meinte sie: „So viel zu essen.“

„Reisen macht hungrig“, sagte Rawley und schenkte sich selbst eine Tasse Kaffee ein. Während die junge Frau und ihre Tochter frühstückten, ging er auf die Terrasse, da er nachdenken musste. Er wollte sehen, wo Cooper und Sarah waren und Devon und ihrem kleinen Mädchen Zeit lassen, etwas in den Magen zu bekommen. Wenn er ihnen beim Essen zusähe, würden sie versuchen, nicht zu viel zu essen. Ein Mann, der selbst einmal Hunger gelitten hatte und auf Almosen angewiesen gewesen war, kannte sich damit nur zu gut aus.

Hamlet, die große Dänische Dogge, lag inzwischen angeleint am Dock, während Sarah auf die Bucht hinauspaddelte, um Cooper Gesellschaft zu leisten. Rawley öffnete die Terrassentüren, damit Cooper wusste, dass er mit seiner Schicht begonnen hatte und das Lokal jetzt geöffnet war. Cooper winkte ihm zu, und Rawley hob eine Hand, um zurückzuwinken. Dann beobachtete er, wie Cooper über das glatte Wasser glitt und der Nebel aus der Bucht verschwand.

Als Rawley wieder die Strandbar betrat, hatten Devon und ihr kleines Mädchen einen großen Teil des Frühstücks vertilgt, was ihm ein Lächeln entlockte. Mit seinem Becher in der Hand schritt er hinter den Tresen. „Noch Kaffee?“, fragte er.

„Oh, gerne, Sir“, erwiderte die junge Frau und schlug sich mit der Hand auf den Mund. „Wenn Sie mir Ihre Adresse aufschreiben, versuche ich, Ihnen Ihre Freundlichkeit zurückzuzahlen, sobald ich dazu in der Lage bin.“

„Geben Sie es lieber an andere weiter, Devon“, bat er. „Das versuche ich nämlich, wann immer es mir möglich ist.“

„Natürlich. Das werde ich auch machen.“

„Sie wollen also in eine größere Stadt? Eine mit Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose?“

„Das scheint mir für den Anfang gut genug zu sein“, bestätigte sie.

„Ich hoffe, es ist Ihnen nicht unangenehm, wenn ich Sie frage, was Sie in diese Situation gebracht hat?“

Die junge Frau holte tief Luft und streichelte ihrer Tochter über den Rücken. „Es ist gar nicht so kompliziert. Ich habe meinen Job verloren und finde keinen neuen. Ich erhalte zwar ein bisschen Sozialhilfe und Essensmarken, doch das reicht nicht, um Miete zu zahlen. Und ich habe keine Familie, die mich aufnehmen könnte. Also da bin ich.“

„Nach welcher Art von Arbeit suchen Sie denn?“, fragte Rawley.

Ein wenig verlegen lachte Devon. „Ach, ich arbeite, seit ich fünfzehn bin, ich könnte eine Menge Dinge tun. Bürotätigkeiten, kellnern, in einem Altersheim jobben. Ich habe auch eine Weile auf einer Farm gearbeitet. Geputzt, gekocht, ziemlich oft Kinder gehütet – einmal war ich sogar Aushilfslehrerin in einer Vorschule. Ich bin aufs College gegangen. Aber bei keinem meiner Jobs habe ich genug verdient, um ausreichend für mich und Mercy sorgen zu können. Ich hatte einen Freund, doch er hat mich verlassen. Sehen Sie?“, beendete sie ihre Aufzählung und neigte den Kopf zur Seite. „Ziemlich einfach. Nur blödes Timing. Pech.“

Rawley lehnte sich über den Tresen. „Wissen Sie, es gibt da einen Ort am Fluss. Eine religiöse Gruppe. Sie nennen sich selbst The Fellowship. Ich könnte Sie dorthin fahren, und dann sehen wir, ob Sie für eine Zeit bei ihnen unterkommen könnten …“

„Nein!“, unterbrach sie ihn panisch. „Bitte nicht! Wenn Sie mich einfach nur zum Highway bringen könnten.“

Beschwichtigend hob er die schwielige Hand. „Sschh …“, sagte er. „Devon, ich weiß, dass Sie von dort kommen. Ich habe zwar keine Ahnung warum, und Sie müssen es mir auch nicht erzählen. Aber wenn Sie bei Nacht und Nebel mit dem Kind über den Berg wandern, ist ziemlich klar, dass Sie schnell da wegwollten.“ Er betrachtete das kleine Mädchen mit gerunzelter Stirn. „Sie ist Ihre Tochter, oder?“

„Natürlich!“ Die junge Frau schaute zu Boden. „Ich bin über den Berg mitgenommen worden. Aber jetzt sollte ich besser verschwinden …“

Das Kind sah aus wie seine Mutter. Rawley hatte nur vorsichtshalber noch einmal nachgefragt. „Bleiben Sie einfach sitzen. Ich kann Ihnen helfen. Sie und Ihre Kleine sind hier in Sicherheit. Sie können in Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll. Sie müssen nicht zum Highway. Und Sie müssen auch nichts riskieren.“

Die junge Frau blickte ihn überrascht aus ihren großen blauen Augen an, ihre pfirsichfarbenen Lippen waren leicht geöffnet. Ihre Tochter, von der Unterhaltung offensichtlich unberührt, spielte mit den Frühstücksflocken in ihrer Schale. „Warum?“, flüsterte Devon.

„Ich habe Ihnen doch schon erklärt warum. Wollen Sie Einzelheiten hören? Da war dieser Krieg. Sie sind noch zu jung, um überhaupt davon zu wissen. Jedenfalls kehrte ich völlig fertig aus dem Krieg nach Hause zurück. Niemand wollte etwas mit mir oder irgendjemandem von uns zu tun haben. Ein paar von uns zogen in der Gegend umher, einfach um zu vergessen oder den Krach in den Köpfen zu stoppen. Es gab zwar das Veteranenheim, doch die Leute dort hatten keine Ahnung, wie sie uns Vietnamveteranen überhaupt helfen sollten. Wie gesagt, ich habe eine Menge Almosen bekommen. Ich habe mal hier und mal da gearbeitet, manchmal auf der Straße oder im Veteranenheim ausgeholfen. Jetzt hab ich ein Haus und einen Job. Das ist meine Geschichte. Und Sie behalten Ihre Geschichte so lange für sich, bis Sie Vertrauen zu mir haben. Aber, Mädchen, wir müssen etwas ändern, denn mir war sofort klar, woher du kommst, als ich dich gesehen habe.“

Devon machte große Augen, doch sie schwieg.

„Die Kleidung, der Zopf … Sobald Cooper – der Besitzer der Strandbar – kommt und mit der Tagesschicht beginnt, bringe ich dich irgendwohin, wo du was zum Anziehen kriegst, das nicht gleich jedem deine Christengemeinschaft oder wie auch immer das heißt, wo du herkommst, verrät.“

The Fellowship“, erinnerte sie ihn leise.

„Und falls du versuchen willst, kein Aufsehen zu erregen, würde es nicht schaden, wenn du dir diesen Zopf abschneidest. Wie findest du die Idee?“

Sie biss ein wenig auf ihrer Lippe herum. Als sie schließlich doch zu sprechen begann, sagte sie: „Vielleicht bin ich noch nicht weit genug weg. Vom Gelände der Kommune.“

„Glaubst du, sie suchen nach dir?“

Devon schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Eigentlich nicht. Sie sind keine schlechten Menschen. Aber …“

Rawley ließ es eine Minute in der Luft hängen, bevor er fragte: „… aber?“

„Sie wollten nicht, dass ich sie verlasse. Dennoch habe ich es getan. Und wir gehen nicht mehr zurück“, schob sie vehement hinterher.

„Dann verhalten wir uns lieber vorsichtig. Falls du jemanden von denen herumschnüffeln siehst, schlage lieber Alarm. Ich bin jetzt seit über vier Jahren fast jeden Tag in der Stadt gewesen, und bis jetzt ist noch nie jemand von dort hier aufgetaucht. Mein Haus steht in Elmore. Eine halbe Stunde von hier mit dem Wagen entfernt. Dort habe ich auch noch nie jemanden von denen getroffen. Ich vermute, dass einige von hier schon einmal an einem Stand eurer Gemeinde oder eurem Gelände gewesen sind. Darum halte ich es für sinnvoll, wenn du dein Aussehen veränderst. Allerdings solltest du eines machen, damit es klappt.“

„Was denn, Mr. Goode?“

Sie erinnerte sich an seinen Namen. Bemerkenswert bei jemandem, der die ganze Nacht unterwegs und total erledigt war.

„Du musst einem Fremden vertrauen, Liebes. Das ist alles.“ Die junge Frau senkte den Blick erneut zu Boden. „Das letzte Mal, als ich das getan habe …“

„Das kann ich mir, ohne die Geschichte zu kennen, vorstellen“, erwiderte Rawley. „Ich hielt eure Kommune immer für anständig und sicher. Für einen Zufluchtsort, der auf Wohltätigkeit und ehrlicher Arbeit basiert. Doch wenn es wirklich so wäre, wärst du bei Tageslicht und mit etwas Geld in der Tasche von dort weg. Obwohl ich schon alt bin, bin ich nicht blöd.“

„Eine Zeit lang war die Kommune tatsächlich ein Zufluchtsort und hat mir geholfen. Eine Zeit lang.“

„Weißt du, was wir tun, Liebes? Wir besorgen euch ein paar Anziehsachen, und dann bringe ich dich und deine Kleine in mein Haus. Dort habt ihr einen sicheren und warmen Ort, wo ihr euch erst einmal ausruhen könnt. Im Kühlschrank ist etwas zu essen. Vielleicht möchtest du dich als eine Verwandte von mir ausgeben – zum Beispiel als Tochter meines zweiten Cousins. Ich habe keine direkte Verwandtschaft mehr.“

Devon lächelte. „Ich auch nicht, Mr. Goode.“

„Vielleicht nennst du mich außerdem Rawley.“

„Rawley“, meinte sie. „Ich bin mir nicht sicher …“

„Devon, du bist hier bei Fremden, denen du vertrauen kannst. Auf dem Highway den Daumen hochzuhalten, ist nicht sicherer. Das kann ich dir verdammt noch mal garantieren. Und hier hättest du wenigstens Zeit, um in Ruhe und in Sicherheit nachzudenken.“

Spencer Lawson war neu in Thunder Point und auf Wohnungssuche. Er hatte gerade eine Stelle als Sportdirektor und Coach an der Highschool angetreten und wohnte vorübergehend mit seinem zehnjährigen Sohn Austin in Coopers Fifth-Wheel-Wohnauflieger. Spencer musste zugeben, dass das trotz des begrenzten Raums, besonders im Badezimmer, nicht nur angenehm, sondern ein echtes Vergnügen war. Jeden Morgen mit Blick auf die Bucht aufzuwachen, gefiel ihm sehr. In dem Wohnanhänger gab es zwar keine große Küche, aber er war ohnehin kein großer Koch. Außerdem hatte Cooper gleich nebenan zwei Küchen und einen schönen, großen Gas-Außengrill.

Spencer war schon eine Zeit lang wach. Mit seinem Rest Kaffee im Becher beschloss er, nach nebenan in Coopers Strandlokal zu gehen. Er ließ Austin, der ausgestreckt auf dem großen Bett lag, schlafen. Seit sie in Coopers Wohnanhänger gezogen waren, teilten sie sich ein Schlafzimmer. Doch mit Austin in einem Bett zu schlafen, war, als ob man mit einer kompletten vierten Klasse in einem Bett schlafen würde. Die meisten Nächte flüchtete Spencer daher auf die Couch im Wohnzimmer. Als er über die Terrasse auf die offenen Türen der Strandbar zuschritt, hörte er Stimmen. Eine weibliche Stimme sagte: „Nein! Bitte nicht!“

Spencer blieb stehen. Er hörte, dass Rawley die Frau beruhigte und sagte: „Devon, ich weiß, dass Sie von dort kommen. Ich habe zwar keine Ahnung, warum, und Sie müssen es mir auch nicht erzählen.“

Spencer entdeckte Cooper und Sarah draußen auf dem Meer auf ihren Brettern durch die Bucht gleiten. Ihre Paddelschläge waren gleichmäßig und synchron. Leise zog sich Spencer einen Stuhl vor der offenen Tür heran und belauschte schamlos die Unterhaltung. Nach fünf Minuten hatte er die Geschichte verstanden. Da sprach eine junge Frau, die mit einem Kind vor einer Sekte, einer religiösen Gemeinschaft oder etwas Ähnlichem davongelaufen war. Und Rawley würde ihr nicht nur helfen, sondern es auch noch geheim halten. Obwohl Spencer es kaum erwarten konnte, ins Lokal zu gehen, um einen Blick auf die junge Ausreißerin zu werfen, wollte er nicht, dass sie und Rawley aufhörten, sich zu unterhalten.

Wenige Minuten später kamen Sarah und Cooper aus dem Wasser. Sie lehnten ihre Bretter gegen die Anlegestelle und leinten den Hund ab. Hamlet spurtete auf die Terrasse. Das war Spencers Einsatz. Er stand auf und wartete auf sie. Zuerst begrüßte er Hamlet und spendierte ihm eine ausgiebige Kopf- und Ohrmassage. „Hey, Ham, alter Junge! Wie geht’s?“ Sarah und Cooper erklommen lässig die Treppe zur Terrasse.

„Was ist los?“, fragte Cooper Spencer.

Spencer hob die Tasse. „Ich habe keinen Kaffee mehr.“

„Irgendetwas fehlt dir immer“, erwiderte Cooper. „Komm rein. Rawley kann dich versorgen. Ich tippe mal, dass du auch frühstücken willst.“

„Vielleicht, ja.“

„Wo ist der Junge?“

„Liegt quer auf dem Bett ausgestreckt. Schnarchend.“

Cooper lachte leise.

Ham wartete aufgeregt und wedelte wie verrückt mit dem Schwanz, weil er hoffte, dass er etwas abkriegte. Die drei – und Ham – betraten gemeinsam die Bar. Sie bemerkten sofort die junge Frau mit dem langen Zopf, die mit ihrem kleinen Kind am Tresen saß. Rawley schaute von seinem Platz hinter der Theke hoch. Das kleine Mädchen lächelte breit, deutete auf die Neuankömmlinge und sagte: „Mama! Pony im Haus!“

Die Frau lachte und hielt sich die Hand vor den Mund. Ihre blauen Augen funkelten.

Ham lief sofort zu der Kleinen. Er liebte Kinder.

„Es ist nur ein Hund“, erklärte Cooper. „Möchtest du ihm einen Keks geben? Pass trotzdem auf. Er hat ein wirklich großes Sabbermaul, doch er beißt nicht.“ Rawley holte einen großen Hundekeks aus einem Glas auf der Theke und reichte ihn dem Mädchen. Sie hielt den Keks auf der flachen Hand, als ob sie ein Pferd fütterte. Danach begrüßte Cooper die junge Frau. „Hallo. Ich bin Cooper. Das ist meine Verlobte Sarah. Und der Letzte im Bunde ist mein Freund Spencer.“

„Darf ich vorstellen: die Tochter meines Vetters“, erklärte Rawley. „Na ja, Vetter zweiten Grades, entfernt verwandt. Devon. Sie besucht mich.“

Cooper neigte den Kopf und musterte sie genauer. „Devon …“

Doch Rawley antwortete nicht. Und zwar weil er Devons Nachnamen nicht kannte. Schließlich meinte Devon: „McAllister. Und das ist meine Tochter Mercy.“

„Schön, Sie kennenzulernen! Rawley, du hättest mir sagen sollen, dass du Besuch bekommst, und dir einen Tag freinehmen können.“

„Es war eine spontane Entscheidung. Aber wenn du auf mich verzichten kannst, würde ich sie gern ein bisschen herumführen und ihr alles zeigen. Außerdem sind die beiden vermutlich müde von der Reise. Ich könnte sie aber auch zu Hause absetzen und danach zurückkommen …“

„Nimm ruhig einen Tag frei, Rawley. Ich komm schon klar. Landon kommt bald, um auszuhelfen, falls er den Hintern aus dem Bett kriegt Und Spencer ist ja schon da …“

„Ist das wirklich in Ordnung?“, fragte Rawley.

Spencer betrachtete das Duo – Mutter und Tochter. Devon McAllister war so flach wie ein Brett. Dennoch sah sie wunderschön aus. Sie wirkte sehr jung, wie Anfang zwanzig. Und sie war verletzlich, das war auf den ersten Blick zu erkennen. Er fragte sich sofort, wie sie in diese Gemeinschaft, die sie nicht gehen lassen wollte, geraten war. Außerdem spürte er plötzlich den dringenden Impuls, sich einzumischen, ihr Obdach, Schutz, Ratschlag oder was auch immer anzubieten.

„Klar“, entgegnete Cooper. „Wenn du mehr Zeit brauchst, sag einfach Bescheid, damit ich umorganisieren kann. Wie lange bleiben Sie?“

Wieder antwortete die junge Frau nicht, doch Rawley erklärte: „Das ist noch nicht klar. Ich habe ihr gesagt, dass sie ein paar Tage oder Wochen bleiben darf. Sie wird mich nicht stören. Wenn es dir wirklich nichts ausmacht, gehen wir jetzt. Bist du fertig?“, fragte Rawley die junge Frau.

„Danke. Es war schön, Sie alle kennenzulernen.“

Damit verschwanden die drei langsam durch die Hintertür und stiegen in Rawleys Geländewagen.

Cooper sah zu Sarah und Spencer. „Rawley hat überhaupt keine Familie.“

„Na ja, zweiten Grades, eine entfernte Verwandte eben …“, meinte Sarah.

„Die ohne Vorwarnung zu Besuch kommt?“, warf Spencer ein. „Nee, die beiden sind nicht miteinander verwandt. Darauf würde ich meinen letzten Dollar verwetten.“ Aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen erzählte ihnen Spencer allerdings nichts von der Unterhaltung zwischen Rawley und Devon, die er zufällig mitbekommen hatte.

„Stimmt, das erscheint mir merkwürdig“, pflichtete Cooper ihm bei. „Rawley ist zwar ein bisschen seltsam, aber er ist doch kein, du weißt schon …“

„Kidnapper? Serienmörder?“, bot Sarah ihm an. „Ich schätze, er hat sie eher beim Trampen oder Betteln aufgegabelt. Die meisten wissen nicht, wie großzügig Rawley ist. Er hat ein weiches Herz, will jedoch nicht, dass man es merkt. Er ist mehr so der mürrische und schweigsame Typ, aber er würde sein letztes Hemd hergeben. Als wir nach Bens Tod seine Sachen durchgesehen haben, brachte Rawley anschließend Bens alte Kleidung zum Veteranenheim. Aber nicht, ohne sie vorher zu waschen. Säckeweise. Ich mache mir eher Gedanken um Rawley als um die Frau und ihr kleines Mädchen. Ich hoffe, sie nutzen ihn nicht aus.“

„Vielleicht solltest du mit ihm reden“, schlug Spencer Cooper vor. „Was, wenn etwas passiert? Was, wenn die Frau verzweifelt ist und ihn total ausnimmt?“

„Ich versuche es“, erwiderte Cooper. „Doch es wird vermutlich schwer, etwas aus ihm herauszubringen. Rawley … ist richtig stolz darauf, so wenig wie möglich zu erzählen.“

„Das Mädchen sah aus wie fünfzehn“, sagte Spencer stirnrunzelnd. „Er muss sie irgendwo aufgegabelt haben, weil sie in Schwierigkeiten steckt.“ Er blickte auf das Geschirr auf dem Tresen. „Er hat ihnen etwas zu essen gegeben.“

2. KAPITEL

Rawley brachte Devon zum nächstgelegenen Walmart. Er parkte auf dem großen Parkplatz und schaute sie an. „Gehen deine Leute jemals zu Walmart?“, fragte er.

„Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte sie. „Und ich war während meiner Zeit bei ihnen auch nie hier. Aber ich habe noch ein paar Anziehsachen.“

Die Sachen waren in dem Rucksack gewesen, den man für sie hinter dem Zaun deponiert hatte. Sie hatte sie noch nicht genau angesehen und wusste darum auch nicht, ob sie passten. Aber in jedem Fall war der Rucksack mit Dingen für ihre Flucht gefüllt.

Rawley griff nach der Sonnenblende über seinem Kopf und brachte eine Baseballkappe zum Vorschein. „Versteck deinen Zopf unter der Kappe“, riet er Devon. „Kauf dir ein paar Sachen und auch etwas für Mercy. Und kauf dir auch noch andere Frauensachen, die du vielleicht brauchst. Dinge, die auf keinen Fall im Haus eines 63-jährigen Singles herumliegen. Ich besorge uns ein paar Lebensmittel. Wir versuchen, uns zu beeilen und kein Aufsehen zu erregen. Wollen wir es so machen?“

Devon nickte und versteckte ihren Zopf unter der Kappe. „Ich habe noch vierzig Dollar“, erklärte sie.

„Ich weiß, du machst dir Sorgen. Und ich weiß, dass du skeptisch bist und mir und allen misstraust. Das ist auch richtig so. Aber du bist keine Gefangene. Falls du beschließt, dass du nicht hierbleiben und mehr Distanz zu deiner Kommune haben willst, bist du frei und kannst gehen, wohin du willst. Du solltest nur nicht so aussehen, als ob du von dort kommst. Und du musst auch nicht mitten in der Nacht weglaufen, sondern es mir nur sagen, wenn ich dich irgendwohin bringen soll. Dann mache ich das. Behalte deine vierzig Dollar. Die wirst du vermutlich noch brauchen, könnte ich mir vorstellen.“

„Ich war freiwillig da“, enthüllte sie. Bis sie schließlich nicht mehr freiwillig dort gewesen war.

„Ja, und jetzt bist du freiwillig von dort weggegangen. Lass uns das hier schnell erledigen. Dann kannst du dich entspannen und ein wenig ausruhen.“

Von wegen kein Aufsehen erregen. Sobald sie Walmart betraten und die kleine Mercy sich kurz umgesehen hatte, rief sie, so laut sie konnte: „Mama! Was ist das hier?“

Devon brauchte eine Sekunde, um sich von dem Schrecken zu erholen. Dann nahm sie Mercys kleine Hand und sagte: „Nur ein sehr großes Geschäft, Süße. Und jetzt sei bitte ganz leise und komm mit.“ Wenigstens hatte Mercy sie nicht Schwester Devon genannt. So wie es Jacob gefallen hätte. Niemand war Mutter oder Vater oder Ehemann oder Ehefrau, nein, sie waren alle Schwestern und Brüder. Was Jacobs Verhalten ziemlich inzestuös machte.

Natürlich erinnerte sich Devon daran, schon einmal in einem Walmart gewesen zu sein. Es war ja nicht so, dass sie ihr früheres Leben vergessen hatte. Sie nahm ihre Tochter an der Hand, suchte sich einen Einkaufswagen und eilte durch die Frauenund Kinderbekleidungsabteilung. Zwei Jeans, eine Shorts, zwei Shirts, Socken, Unterwäsche, Tennisschuhe. Für Mercy kaufte sie ganz ähnliche Sachen. Dann legte sie noch zwei Kapuzenpullis in den Wagen – falls sie nachts fliehen mussten – und einige Hygieneartikel. Als Letztes kam eine Schere zum Haareschneiden. Rawley hatte vollkommen recht: Sie durfte nicht mehr aussehen wie die anderen.

Devon traf Rawley an der Kasse am Ausgang. Ihr Herz klopfte. Jetzt war sie also mit einem leicht schäbigen, alten Kerl hier, der sie mitgenommen hatte und ihr noch weiter helfen wollte. Dabei hätte sein bloßer Anblick ihr eigentlich Angst machen müssen. Vor dem großen, gut aussehenden Jacob mit seiner einschmeichelnden Stimme und dem offenen, gewinnenden Lächeln hatte sie keinen Augenblick Angst gehabt. Im Gegenteil, er hatte ihr so viel zu bieten gehabt, als sie in Not gewesen war. Und doch war er derjenige, vor dem sie sich wirklich hätte in Acht nehmen müssen!

In seinem Einkaufswagen hatte Rawley Lebensmittel und … Devon schaute etwas genauer hin. Er hatte einen Autokindersitz für Mercy gekauft. Für seinen alten Geländewagen mit der kleinen Fahrerkabine. Devon war sprachlos vor Rührung. Dieser Kindersitz bedeutete ihr viel mehr als alle Versprechungen Jacobs.

Der neue Sitz musste direkt neben der Tür befestigt werden. Für den Mittelsitz gab es keine Gurte. Sie musste also ohne Gurt neben Rawley sitzen, während Mercy auf dem Beifahrersitz saß.

Wenn es möglich gewesen wäre, hätte Devon den ganzen Weg bis zu Rawley Goodes Haus die Luft angehalten. Sie versuchte sich einzureden, dass sie im Geländewagen eines alten Mannes sicherer waren als in der Kommune. Sie versuchte sich einzureden, dass es sicherer war, als per Anhalter zu fahren. Devon hatte eine blühende Fantasie, und dennoch gab es etwas, auf das sie nicht vorbereitet war. Als sie in einer sauberen und ordentlichen Gegend in die Einfahrt seines kleinen Backsteinhauses einbogen, spürte sie, wie sie von einer Woge der Erinnerung überrollt wurde. Sein Haus sah genau so aus wie das, in dem sie aufgewachsen war. Als sie hineingingen, blieb Devon in Rawleys kleinem Wohnzimmer stehen und brach vor Erleichterung und von Gefühlen überwältigt beinahe in Tränen aus. Das könnte Tante Marys Haus sein! Die Möbel waren etwas anders, aber vermutlich genauso alt und mit den vertrauten Spitzendeckchen auf Oberflächen und Lehnen von Queen-Anne-Sessel und Sofas dekoriert. Auf dem abgenutzten Boden lag ein kleiner Teppich, die Holzmöbel wirkten schon etwas mitgenommen, aber frisch poliert.

„Oh, mein Gott!“, flüsterte sie. „Oh, mein Gott!“ Sie stellte Mercy auf den Boden.

„Mama, wo sind die anderen Kinder?“

Devon kniete sich vor ihre Tochter. Sie stellte die Tüten ab, die sie genau wie ihren Rucksack mit ins Haus gebracht hatte. „Wir machen Ferien. Und ich glaube, du solltest ein Nickerchen machen.“

„Ich will keine Ferien!“, jammerte Mercy.

„Uns bleibt keine andere Wahl. Wir müssen.“

„Ich will nicht müssen.“

„Hör auf“, sagte Devon streng. „Sofort.“ Dann nahm sie sie in den Arm.

Rawley trug die Lebensmittel sofort in die Küche und fing an, die Sachen wegzuräumen. Devon wartete einfach an der Tür, hielt Mercy an der Hand und hatte Angst, weiter in das Haus vorzudringen. Rawley kam zu ihr und reichte ihr ein Stück Papier. „Oben gibt es zwei Schlafzimmer. Du erkennst gleich, welches mein Zimmer ist. Es sieht mächtig verwohnt aus. In der Küche findest du etwas zu essen. Ich hebe nichts für später auf – es ist alles für dich und Mercy. Ich esse in der Strandbar und spüle dort das Geschirr, bevor ich nach Hause komme. Du siehst mich also erst wieder um acht oder so. Das ist meine Telefonnummer.“ Dann grinste er. „Du bist der erste Mensch, der meine Nummer bekommt. Außer dir kennt nur Cooper sie, aber auch nur, weil er mir das Telefon geschenkt hat. Er war es leid, dass ich manchmal einfach nicht aufgetaucht bin. Du rufst einfach an, wenn du etwas brauchst oder wenn sich etwas ändert oder wenn … Ich glaube nicht, dass dich hier jemand stören wird.“

„Du gehst weg?“, fragte sie.

Er hob die Schultern. „Ich könnte auch bleiben. Cooper wäre es egal. Aber wenn ich du wäre, wäre ich immer noch nervös und unsicher. Wenn ich weg bin, hast du die Möglichkeit, in Ruhe nachzudenken. Schau dir das Haus an. Ruh dich aus. Iss etwas. Schlaf. Wonach auch immer dir zumute ist.“ Er öffnete die Haustür. „Oben gibt es noch ein drittes Zimmer. Da steht der Fernseher. Im Schrank in der Diele sind frische Laken. Und auch Handtücher und so was.“

„Ich denke, wir sollten lieber weiterziehen“, sagte sie.

Er sah auf seine Uhr. „Du hast stundenlang Zeit, zu tun und zu lassen, was du willst.“

„Danke, Mr. Goode.“

„Einfach nur Rawley“, bat er. Und dann war er weg.

Vollkommen überwältigt saß Devon auf der alten, abgewetzten Couch und zog Mercy neben sich. Mercy. Eigentlich hatte sie ihre Tochter Mary nennen wollen. Nach ihrer Tante, die sie vor fünf Jahren zum letzten Mal lebend gesehen hatte und die damals schon sehr verwirrt gewesen war.

Aus Devons blauen Augen strömten Tränen.

„Wir sind frei“, flüsterte sie Mercy ins Ohr.

„Mama, wo sind die anderen Kinder?“

Schwester Laine hatte Devon dabei geholfen, den Weg aus dem Fellowship nach draußen zu finden. Laine lebte noch nicht lange in der Familie, noch keine sechs Monate. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Frauen war sie sehr unabhängig. Laine schien sich weder vom Gruppendenken beeinflussen zu lassen noch nach Jacobs Wohlgefallen zu sehnen. Dennoch war sie vorsichtig, diszipliniert und gehorsam. In Jacobs Gegenwart wirkte sie nervös, vielleicht sogar verängstigt. Aber dann schenkte sie Devon wieder ein geheimnisvolles Lächeln oder zwinkerte ihr heimlich zu. Sie sprach nicht über ihre Vergangenheit, erwähnte höchstens, dass sie von einem üblen Ort kam und Jacob ihr Frieden und Sicherheit versprochen hatte. Es war unausgesprochen, aber offenbar, dass sie von einem Mann missbraucht worden war. Laines Geschichte erinnerte Devon daran, wie verschieden sie alle waren, egal wie sehr sich Jacob das Gegenteil wünschte.

Devon erzählte Laine, dass sie das Grundstück und die Gemeinschaft verlassen wollte und Jacob niemals zugelassen hätte, dass sie Mercy mitnahm. Es war kein Geheimnis. Devon hatte laut darüber gesprochen, dass sie gehen wollte, sobald sie erfahren hatte, dass sie schwanger war. Doch Jacob war dagegen, absolut dagegen, weil Mercy sein Kind war. Also waren die Kommune und das Grundstück Devons und Mercys Zuhause gewesen.

Sie hatten morgens Eier eingesammelt, als Laine ihr auf einmal zugeflüstert hatte: „Ich weiß, dass du weg willst.“

„Nein“, hatte Devon gesagt und ihre Überraschung verborgen, für den Fall, dass dies eine Falle sein sollte. „Ich bin sehr glücklich hier.“

„Ich weiß, dass du wegwillst, und wenn es wirklich so ist, kann ich dir helfen. Wenn du mich allerdings verrätst, wird es übel, sehr übel. Wenn du nicht wegwillst, ignorier mich einfach.“

Doch Devon erwiderte: „Wie willst du mir helfen?“

„Hör mir gut zu. Am 9. Juni gibt es im Zaun hinter dem Hühnerhaus ein großes Loch, genau da drüben. Und dort steht dann ein Rucksack mit ein paar Kleidungsstücken, Wasser, ein paar Äpfeln, Müsliriegeln. Schau außerhalb des Zauns hinter dem Baum. Um Mitternacht wartet unten an der Straße ein Geländewagen – mit abgeschalteten Lichtern. Der Fahrer wird dich über die Berge mitnehmen. Er wird nicht lange warten. Fahr zur Küste. Du solltest den Highway Nr. 5 vermeiden. Er liegt zu nah am Gelände, und dort finden sie dich sofort, falls sie dich suchen. Trampe auf dem Highway 101. Das ist sicherer. Falls etwas schiefgeht, versuch, ein Frauenhaus zu finden, und erzähl ihnen deine Geschichte. Und als letzten Ausweg, falls es keine andere Möglichkeit gibt, erzählst du alles der Polizei.“

„Wieso als letzten Ausweg?“

„Weil sie, sobald du etwas erzählst, hierherkommen und alle in Gefahr bringen könnten, Devon. Jacob wird zurückschlagen. Also, geh nur zur Polizei, wenn es gar nicht anders geht und du sonst nicht in Sicherheit gelangst.“

„Warum machst du das?“

Laine zuckte mit den Schultern. „Ich habe das alles auf dem Farmers Markt organisiert. Ich wollte selbst türmen, aber ich glaube, du solltest zuerst gehen. Ich denke mir etwas anderes aus.“

„Vielleicht können wir beide gehen“, schlug Devon vor und fragte sich, ob sie den Verstand verloren hatte.

Doch Laine schüttelte den Kopf. „Wir beide und Mercy wären zu einfach zu finden. Wenn du einen festen Standort gefunden hast, erzähl jemandem, was hier vorgeht. Die Launen, die Drohungen, die kleinen Wutausbrüche und die Gärten. Falls du es erzählen musst, um selbst in Sicherheit zu sein. Hier ist es nicht sicher.“

„Aber das war es einmal. Oder zumindest schien es so“, erklärte Devon.

„Jetzt ist es nicht mehr sicher, so viel kann ich dir sagen. Es wird Zeit, die Kinder hier herauszubringen. Und ich glaube, das weißt du. So, und nun lass uns ein paar Eier einsammeln. Und lach um Himmels willen über meine Witze! Du hast nur diese eine Chance. Nutze sie.“

Es wird Zeit, die Kinder hier herauszubringen. Dieser Satz hatte Devon Angst gemacht, und da wusste sie, dass sie handeln musste. Ihr blieb nichts anderes übrig, als das Risiko einzugehen und die Chance, die sich ihr bot, zu ergreifen. Sie musste Laine vertrauen. Doch sobald ihre Entscheidung getroffen war, hatte Devon entsetzliche Angst gehabt, bis sie endlich mit Mercy entkommen war.

Es war alles vorbereitet gewesen, genau wie Laine es versprochen hatte.

Gegen zwei Uhr nachmittags kehrte Rawley zur Strandbar zurück. Als er die Bar betrat, wunderte er sich nicht zum ersten Mal über eine der merkwürdigsten Freundschaften, die er je gesehen hatte, und er hatte seit Vietnam schon viele Merkwürdigkeiten gesehen. Cooper stand hinter der Theke. Spencer Lawson saß ihm auf einem Barhocker gegenüber. Ihre Freundschaft war noch ziemlich jung. Soweit Rawley wusste, war Spencer mit einer ehemaligen Verlobten von Cooper verheiratet gewesen. Die arme Frau war vor Kurzem an Krebs gestorben. Ein paar Monate vor ihrem Tod hatte ihre Familie viele Bluttests gemacht, um potenzielle Knochenmarkspender zu identifizieren. Dabei hatte sich herausgestellt, dass ihr zehnjähriger Sohn Austin gar nicht Spencers leiblicher Sohn war, sondern Coopers.

Na ja, dachte Rawley, entweder ein Mann zerbricht daran oder er kommt damit klar.

Die beiden Männer waren damit klargekommen. Tatsächlich hatte Spencer den Job in Thunder Point sogar nur angenommen, damit beide Väter in derselben Stadt wohnen und dem Jungen beistehen konnten. Der zehnjährige Austin hatte gute Aussichten, maßlos verwöhnt zu werden.

„Hallo, Rawley“, begrüßte Cooper ihn. „Wie geht’s deiner entfernten Kusine?“

„Hm? Ach, ihr geht’s gut. Sie macht einen Mittagsschlaf, ruht sich aus oder was auch immer.“

„Und wie lange, glaubst du, bleibt sie?“

Rawley zuckte mit den Schultern. „Kann ich nicht sagen. Vielleicht findet sie es nicht so lustig bei einem alten Veteranen und fährt bald weiter.“

„Was hat sie überhaupt hierhergeführt?“, fragte Cooper.

„Du bist auf jeden Fall der neugierigste Hund, den ich kenne. Ich kenne keine Einzelheiten, und ich brauche auch keine Einzelheiten. Aber ich nehme an, dass sie in einer blöden Situation war oder so und einen Ort braucht, um sich etwas davon zu erholen. Spielt keine Rolle. Ich freue mich, ihr ein Bett anbieten zu können. Sie hat ein Kind – und so ein Kind darf man nicht einfach ignorieren. Ich möchte nicht, dass sie allein in irgendeinem heruntergekommenen Hotel unterkommen muss, nur weil ich alter Trottel unflexibel bin.“ Er verdrehte den Hals, um aus dem Fenster auf den Strand zu schauen. „Wo wir gerade von Kindern sprechen …“

„Austin ist unten an der Anlegestelle und angelt mit Landon“, erklärte Spencer. „Ich muss mir ein Haus in der Innenstadt ansehen, obwohl Austin am liebsten für den Rest seines Lebens hierbleiben will.“

„Es ist als Wohnort nicht so schlecht wie manch anderes“, meinte Rawley. Coopers Wohnauflieger diente als Gästehaus, seit dieser das obere Stockwerk über der Bar zu seiner Wohnung umgebaut hatte.

„Ich suche nach etwas mit einem etwas größeren Badezimmer und einer etwas größeren Küche“, erklärte Spencer lachend. „Von weniger sandig ganz zu schweigen.“

„Falls du jemandem beibringen könntest, sich die großen zehnjährigen Füße abzutreten, könntest du letzteres Problem vielleicht lösen. Ist dir aufgefallen, wie groß Austins Füße sind? Ist das normal?“, fragte Cooper.

„Nun, bei Bernhardinerwelpen ist das völlig normal“, konterte Spencer trocken.

Rawley überließ die Männer ihrer Unterhaltung und ging in die Küche. Da gab es immer irgendwas zu tun – putzen, Vorräte aufstocken, umräumen, organisieren. Jetzt, wo Cooper eine Wohnung und eine Verlobte hatte, hielt sich Rawley aus Coopers Wohnräumen fern. Cooper konnte seine eigene Wohnung putzen und die Wäsche waschen. Cooper gefiel es, sich um den Strand zu kümmern, ihn zu harken, Müll einzusammeln, sicherzustellen, dass kein Schutt herumlag, der Tieren oder Menschen schaden konnte. Er behauptete, sich auf die Art einen Überblick darüber zu verschaffen, wer den Strand nutzte und wofür. Außerdem kümmerte er sich um die Instandhaltung der Paddelboards und Kajaks. Und neben alldem verbrachte er viel Zeit mit den Leuten aus der Stadt. Am Strand, am Dock und in der Strandbar. Cooper konnte gut mit Menschen umgehen. Rawley war nie so gewesen.

Rawley beschäftigte sich lieber bis halb acht im Lokal und in der Küche. Im Sommer wurde es erst spät dunkel. Aber Cooper und Landon kamen bis zum Sonnenuntergang auch ohne ihn in der Strandbar klar.

Rawleys Telefon hatte den ganzen Tag nicht geklingelt. Er fragte sich, was er vorfinden würde, wenn er nach Hause kam. Er hatte absolut keine Ahnung. Sie war nervös; vielleicht war sie weg. Sein Haus könnte auf den Kopf gestellt worden sein, alle Wertsachen gestohlen … Nicht, dass er viele Wertsachen besessen hätte. Aber mit dem, was er dann tatsächlich vorfand, als er nach Hause kam, hatte er nicht gerechnet. Er hörte den Fernseher im oberen Stockwerk. Da Rawley sie nicht erschrecken wollte, machte er sich schon am unteren Treppenabsatz bemerkbar.

Devon kam zur Treppe und schaute zu ihm hinunter. Ihr Haar war kinnlang abgeschnitten, so in der Art süß-unordentlich. Es fiel ihr eher wie zufällig in die Stirn. Die dichte Mähne, die ihr bis zum Po gereicht hatte, war weg. „Hier oben, Mr. Goode“, sagte sie. „Oh, mein Gott, ich habe schon so lange nicht mehr ferngesehen. Wir haben Popcorn gegessen – ich hoffe, das ist in Ordnung. Sie sagten, wir dürften alles essen. Wir haben nicht alles aufgegessen. Es ist noch jede Menge übrig. Aber der Fernseher – meine Tochter ist wie in Trance. Sie hat noch nie ferngesehen.“

Dann lachte sie und strahlte über das ganze Gesicht. „Na ja, sie war wie in Trance. Jetzt schläft sie, und ich sehe mir ein Baseballspiel an. Ich liebe Baseball und habe seit Jahren kein Spiel mehr gesehen!“

Rawley lachte leise in sich hinein, aber er blieb am Fußende der Treppe stehen. „Kein Fernseher bei euch in der Gemeinde, nehme ich an“, sagte er.

„Kein Fernseher, keine Zeitungen, kein Internetanschluss, keine Telefone. Keine Ablenkungen, kein Konsum, keine Werbung. Jedenfalls nicht für uns.“ Dann war da wieder ihr Grinsen.

„Wie ich das alles vermisst habe!“

„Hast du etwas gefunden, das Mercy sich ansehen konnte?“

„Böse Zeichentrickserien. Sie war im siebten Himmel.“

„Habt ihr außer Popcorn noch etwas anderes gegessen?“, fragte Rawley.

Devon nickte. „Für Mercy habe ich ein paar Rühreier und Toast gemacht. Ich selbst hatte ein Sandwich, Chips und Limo …“ Sie verdrehte die Augen. „Limo! Das war so gut! Und dann das Popcorn. Soll ich den Fernseher jetzt ausmachen? Damit du Ruhe hast?“

Rawley lächelte. Sie wirkte wie von innen erleuchtet. Er konnte sich nicht erinnern, schon jemals so zufrieden mit sich gewesen zu sein, und schüttelte energisch den Kopf. „Nein, ich werde mir meine Zeitung und eine Cola holen. Ich mag Sport. Vor dem Tod meines Vaters habe ich immer Sport mit ihm geguckt. Darum stehen da oben auch zwei Liegesessel. Du kannst die ganze Nacht fernsehen, wenn du willst. Die meiste Zeit schlafe ich vor dem Fernseher ein.“

„Zeitung!“, rief Devon atemlos.

„Ich teile sie mit dir.“

Seit Mercy fernsehen durfte und die ungeteilte Aufmerksamkeit einer Mutter erlebte, anstatt von sechs Schwestern erzogen zu werden, fragte sie nur noch selten nach den anderen Kindern oder den Schwestern der Familie. Devon und sie verließen nur selten das Haus. Und wenn doch einmal, dann gingen sie bis ans Ende der Straße, wo es einen winzigen Park mit Schaukeln und einer Rutsche gab, um etwas Bewegung zu haben und frische Luft zu bekommen. Rawley brachte ihnen jeden Tag etwas anderes mit. Zuerst ein paar Spielsachen für Mercy: eine Babypuppe mit einer Windel, die mit winzigen kleinen Hinterlassenschaften gefüllt war. Das kleine Mädchen kannte keine Papierwindeln. Dann Stifte, Malbücher und Seifenblasen. Beim nächsten Mal hatte er ein paar Bücher aus der Bücherei unterm Arm: Bilderbücher für Dreijährige und ein paar Romane, die ihm die Bibliothekarin für eine dreißigjährige Frau empfohlen hatte.

„Fast richtig“, sagte Devon lachend. „Ich bin achtundzwanzig.“

Am Tag darauf kam er mit einem Laptop nach Hause. „Ich dachte, du würdest ihn vielleicht benutzen wollen. Es ist ein alter Computer, den Cooper mir überlassen hat. Weißt du, wie man damit umgeht?“

„Natürlich weiß ich, wie man mit einem Computer umgeht. Wir haben nur das böse Internet nicht benutzt, das sich in den letzten Jahren vermutlich wahnsinnig weiterentwickelt hat. Und ich kann dir gar nicht sagen, wie gern ich es mir ansehen würde!“

„Ich habe kein WLAN. Cooper meinte, dass ich dir sagen soll, du sollst einfach die Leitung eines Nachbarn oder die Leitung in der Bar benutzen. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie das geht.“

Doch Devon lächelte. Sie hatte keine Probleme, es herauszufinden.

Für Devon waren die Tage seit ihrer Flucht aus der Kommune eine einzige Reizüberflutung. Es gab so viele neue Ideen, über die man reden, und Programme, die man sich ansehen, und Zeitungen, die man lesen konnte. Sie geriet beinahe in Ekstase.

Dass es tagelang regnete, kam Devons Wunsch, sich in Bücher, Zeitungen, das Fernsehprogramm und den Computer zu vertiefen, sehr entgegen. Rawley verbrachte nicht ganz so viele Stunden bei der Arbeit wie sonst. Und Devon und Mercy waren so glücklich und beschäftigt, dass es ihnen so vorkam, als wäre er schon wieder zurück, kaum dass er das Haus verlassen hatte. Devon bereitete ein paar Mal das Abendessen für sie drei vor, und obwohl Rawley nicht besonders redselig war, war er doch sehr gesellig.

„Wie geht es mit dem Computer voran?“, erkundigte er sich.

„Es ist eine Offenbarung – man kann alles herausfinden.“ Aus reiner Neugier gab Devon „Religiöse Gemeinschaften in Oregon“ ein und fand diverse Seiten, aber nichts wirklich Interessantes. Gemeinschaft war ein dehnbarer Begriff. Er reichte von Gastgebern für Familien, religiösen Sekten, Kult- oder anderen Organisationen, die alles sein konnten, angefangen bei nicht zertifizierten Gesundheits- und Rehabilitationszentren, bis hin zu bekannten unabhängigen Gemeinschaften und separatistischen Organisationen. Fasziniert las Devon weiter und weiter.

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