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Zurück in Virgin River

Die Bestsellerreihe zur Netflix-Serie »Virgin River«

Was ist aus dem sorglosen Jungen geworden, der einst ihr Herz erobert hat? Liz ist schockiert: Ihr Jugendfreund Rick Sudder ist ein gebrochener Mann, als er schwer verletzt nach Virgin River heimkehrt. Verbittert über sein Schicksal schlägt er alle Hilfsangebote aus. Weder sein Ziehvater Jack Sheridan noch Liz lässt er an sich heran. Doch so leicht geben die beiden nicht auf. Liz ist entschlossen, Rick zu beweisen, dass es nicht Mitleid ist, was sie für ihn empfindet – sondern dass es eine gemeinsame Zukunft für sie geben kann. Aber ist ihre Liebe stark genug, um Rick Hoffnung zu schenken und den Schmerz zu heilen?

»Ein intensives, fesselndes Lesevergnügen«
Romantic Times Book Reviews

»Robyn Carr ist eine bemerkenswerte Geschichtenerzählerin.«
The Library Journal


  • Erscheinungstag: 28.12.2020
  • Aus der Serie: Virgin River
  • Bandnummer: 7
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745752656
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Walt Booth fühlte sich einsam. Er war zweiundsechzig Jahre alt und seit über fünf Jahren Witwer. Seine Kinder, damals sechsundzwanzig und vierzehn, lebten inzwischen ihr eigenes Leben. Vanessa war mit Paul verheiratet. Sie wohnten auf dem Grundstück hinter den Ställen. Tom hatte schon fast sein erstes Jahr in West Point hinter sich. Walts Nichte Shelby, die bei ihm gewohnt hatte, war vor der Februarkälte in den Urlaub nach Maui geflüchtet, bevor sie ihr Studium in San Francisco beginnen wollte. All das beschäftigte Walt im Moment jedoch nur flüchtig. Er war mit den Gedanken bei seiner Nachbarin, einer lebhaften, wunderschönen, berühmten und nur wenig jüngeren Filmschauspielerin, mit der er erst vor Kurzem etwas angefangen hatte. Sie hieß Muriel St. Claire. Ihre Beziehung hatte sich gerade vertieft, als sie wegen eines Kinofilms nach Hollywood abreisen musste. Walt war bei ihren beiden Labradorhunden und den Pferden zurückgeblieben. Seit Muriel im Privatjet nach L. A. aufgebrochen war, hatte sie sich erst ein einziges Mal gemeldet. Im Hintergrund hatte Walt Partygeräusche gehört. Musik, Gesprächsfetzen, Gelächter und das Klirren von Gläsern. Muriel hatte geklungen, als riefe sie vom anderen Ende der Welt aus an.

Tatsache war, dass Walt sich in sie verliebt hatte. Sie hatte ihn fasziniert, weil sie so gar nicht seiner Vorstellung eines Filmstars entsprach. Muriel war vor fast einem Jahr nach Virgin River gekommen und mit ihren Tieren in ein altes Bauernhaus gezogen, das sie fast alleine restauriert hatte. Walt hatte sie nie in etwas anderem als alten Hemden, Jeans und Stiefeln oder einem Maleroverall gesehen. Sie war eine bombastische Reiterin, Expertin im Schießen und richtete ihre Hunde auf die Jagd von Wasservögeln ab. Muriel war naturverbunden und stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Außerdem hatte sie einen messerscharfen Verstand, und ihre natürliche Schönheit war in Walts Augen etwas ganz Außergewöhnliches. Und nun drehte sie einen Film mit Jack Nicholson, während Walt in seinem Wohnzimmer am Fenster saß und ihren Hund hinterm Ohr kraulte. Und offen gestanden fragte er sich, ob sie jemals wieder zurückkommen würde.

Als es an seiner Tür läutete, erhob er sich schwerfällig. Vor zwei Wochen hatte er sich noch gefühlt wie ein Sechzehnjähriger, der sich auf seine tägliche Verabredung mit Muriel freute. Doch jetzt fühlte er sich alt und kurzatmig.

Er öffnete Luke Riordan die Tür und betrachtete ihn missbilligend. Luke Riordan war so ziemlich der letzte Mensch, den er in diesem Augenblick gebrauchen konnte. Luke und Shelby hatten eine Affäre miteinander gehabt, und die Sache war nicht gut ausgegangen. Walt hielt diese Geschichte für den wahren Grund der Abreise seiner Nichte.

„Guten Morgen, General“, begrüßte ihn Luke mit leichtem Kopfnicken. „Haben Sie eine Minute Zeit?“

„Ich glaube schon“, antwortete Walt. „Kaffee?“

„Nein danke, Sir“, lehnte Luke ab und betrat das Haus.

„Es geht nur um … Na ja, ich dachte, ich sollte mich bei Ihnen entschuldigen.“

„Ach ja?“, fragte Walt. Er wandte sich ab und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Die Hunde sprangen sofort auf Luke zu, als sie ihn entdeckten. Der schokoladenbraune Labrador ließ sich zwar brav vor Luke nieder, wedelte aber dermaßen heftig mit dem Schwanz, dass der gesamte Hundekörper zu vibrieren schien. Währenddessen geriet der kaum ein Jahr alte Buff total außer Rand und Band und sprang Luke an, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Buff! Platz!“, befahl Walt. Doch es half nicht viel. Der gelbe Labrador geriet immer total aus dem Häuschen, sobald sich Besucher blicken ließen.

„Meine Güte.“ Luke packte den Hund lachend hinter den Ohren und setzte ihn ab. „Da haben Sie aber eine schöne Gesellschaft.“

„Das sind Muriels Hunde. Sie ist nicht in der Stadt, und ich passe auf die beiden auf.“

„Nicht in der Stadt?“, erkundigte sich Luke.

Walt setzte sich in seinen Sessel und schnippte mit den Fingern, um die Hunde zu sich zu locken. Er war nicht bereit, noch weitere Informationen über Muriels Verbleib preiszugeben. Mit je einem Labrador an seiner Seite deutete er auf den gegenüberliegenden Sessel. „Setzen Sie sich, Riordan. Ich bin ganz wild auf Ihre Entschuldigung.“

Umständlich nahm Luke Platz. „General Booth, Sir. Shelby ist meinetwegen vor zwei Wochen abgereist. Es tut mir leid, Sir. Sie hatte Grund zur Annahme, dass ihre Zukunft mit mir ungewiss sei, und reiste ab.“

Walt lehnte sich zurück. Shelby war fünfundzwanzig und Luke achtunddreißig Jahre alt. Von Anfang an hatte Walt befürchtet, dass die Beziehung seiner Nichte zu diesem kantigen Hubschrauberpiloten schmerzlich für sie enden würde. „Warum überrascht mich das jetzt nicht?“, erwiderte Walt unfreundlich.

„Ich habe sie gehen lassen, Sir, weil ich dachte, dass es besser sei. Ich fand den Gedanken, dass sie jemandem wie mir vertrauen könnte, furchtbar.“

Walt grinste. Er selbst hätte es nicht besser ausdrücken können. „Ich hätte Sie einfach erschießen sollen“, sagte er. „Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht.“

Luke gelang es nur mühsam, seine Verärgerung zu unterdrücken. „Das kann ich mir vorstellen, Sir.“ Luke hatte noch nicht lang genug seinen Militärdienst quittiert, um die Hierarchie außer Acht zu lassen. Für ihn würde der General immer der General bleiben, und darum verdiente er den entsprechenden Respekt, auch wenn er sich wie ein Mistkerl benahm und Lukes Leben bedrohte.

„Sie sollten sich lieber bei meiner Nichte entschuldigen, statt bei mir“, meinte Walt.„Darum habe ich mich schon gekümmert, Sir. Unglaublicherweise hat sie mir verziehen.“

„Sie haben mit ihr geredet?“

„Ja, Sir. Sie ist zurück und war höllisch sauer auf mich, aber ich habe mich ihrer Gnade ausgeliefert, und sie hat mir noch eine Chance gegeben. Diesmal werde ich es nicht vermasseln.“

Walt machte große Augen und zog die buschigen schwarzen Augenbrauen hoch. „Shelby ist zurück?“

„Ja, Sir. Sie bat mich, Ihnen zu sagen, dass sie gleich hierherkommt. Sie hat noch etwas zu erledigen, und ich wollte vorher mit Ihnen sprechen.“

„Um sich zu entschuldigen“, grummelte Walt. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich meine Nichte gerne sehen.“

„Sie wird gleich hier sein. Doch da ist noch etwas anderes. Ich hätte gerne Ihr Einverständnis, bevor ich Shelby bitte, meine Frau zu werden.“

Walt knirschte mit den Zähnen. „Sie strapazieren Ihr Glück aber wirklich.“

„Oh, Sie wissen noch nicht mal die Hälfte.“ Luke lachte in sich hinein. „Ich bin jetzt fast neununddreißig Jahre alt und will das volle Programm. Dabei gehört das nicht einmal zu Shelbys Bedingungen – aber ich will es so. General Booth, Ihre Nichte bedeutet mir alles. Ich kann nicht mehr ohne sie leben. Ich dachte, es ginge vielleicht. Ich habe es sogar versucht, aber es ist zu spät. Ich liebe Shelby. Ich werde sie immer lieben. Für den Rest meines Lebens.“

Walt setzte sich aufrecht hin und rutschte unruhig auf dem Sessel herum. „Was ist mit ihrer Ausbildung? Mit ihrer Familie? Ich glaube zwar auch, dass meine Nichte eine Familie haben will, aber falls ich mich nicht irre, hatte ich Sie sagen hören, dass Sie nicht …“

„Sie haben vermutlich schon eine ganze Reihe von Dingen von mir gehört. Ich hatte ja auch gedacht, dass ich es so meine, doch das ist nicht der Fall, Sir. Shelby kann von mir verlangen, was sie will. Sie kann machen, was sie will – ich werde sie unterstützen. Und ich werde Shelbys Zeit nicht verschwenden, Sir. Wenn sie mich heiratet, gebe ich ihr alles, was ich habe, und gehe mit ihr, wo immer sie hinwill. Sie wird mein Haus nie wieder in dem Glauben verlassen, sie sei mir egal. Das hätte der schlimmste Fehler meines Lebens werden können.“

Unfreiwillig musste Walt lächeln. „Sie haben Ihre Lektion gelernt, mein Junge, was?“

Luke störte es nicht, dass sein Militär-Idol ihn „mein Junge“ nannte. Aber dass der Mann die Wahrheit so lässig ausgesprochen hatte, traf ihn gewaltig.

„Oh Mann“, stieß er kopfschüttelnd aus. „Sie ahnen nicht, wie recht Sie haben.“Walt lehnte sich wieder zurück. „Es gefällt mir, Sie so demütig zu sehen, Riordan. Was wäre, wenn ich Ihnen meine Erlaubnis nicht geben würde?“

„Oh, dann werde ich trotzdem um Shelbys Hand anhalten. Ich werde ihr erklären, dass Sie nicht damit einverstanden sind, und bitte sie dennoch um ihr Jawort. Allerdings würde ich es diesmal gerne richtig machen, Sir. Ich habe schon genug Fehler gemacht – und will nicht noch mehr machen.“

„Hmm“, murmelte Walt. „Das ist vermutlich nicht die einzige Überraschung …“

„Sir?“

„Ich hatte Sie gar nicht für so intelligent gehalten.“

Luke schüttelte den Kopf. Nun bekam er, was er verdiente. Er war mit der Nichte des Generals ins Bett gegangen und hatte ihr erzählt, dass er kein Typ war, der sich fest binden wollte. Jetzt musste er seinen Verstand benutzen, um es wiedergutzumachen. Dabei wusste er genau, dass es dem General schwerfiel, ihm zu glauben. Er selbst hätte sich diesen Sinneswandel ja auch nicht so einfach abgenommen, wenn er an Walts Stelle gewesen und Shelby seine Nichte wäre. Walt würde ihn offenbar wohl noch eine Zeit lang quälen. Luke vermutete, dass es einfach dazugehörte.

Dann ging die Haustür auf, und Shelby rauschte herein. Die beiden Männer erhoben sich, doch Luke war schneller bei ihr und legte ihr den Arm um die Taille. „Hast du alles erledigt?“, fragte er leise.

„Hmm“, antwortete sie und lächelte. „Ich konnte mich nicht schneller losreißen.“ Shelby hatte Virgin River verlassen, ohne Lukes Helfer Art Auf Wiedersehen zu sagen. Das war an sich noch kein Verbrechen, aber Art war ein dreißigjähriger Mann mit Downsyndrom, und einfach ohne Erklärung oder Abschied zu verschwinden, hatte ihm den Eindruck vermittelt, verlassen worden zu sein.

„Er war nicht böse auf mich – nur beunruhigt.“

Dann wandte sie sich an ihren Onkel. „Es tut mir leid, dass ich dir nicht Bescheid gesagt habe, dass ich wieder zurückkomme, Onkel Walt. Ich musste erst noch etwas mit Luke klären.“

Walt betrachtete das schöne, strahlende Gesicht seiner Nichte. Ihre haselnussbraunen Augen glänzten, und ihre Wangen waren vor lauter Aufregung gerötet. Doch das war nicht weiter überraschend. Ein Blick in Lukes Gesicht verriet ihm viel mehr. Luke hatte immer die Ausstrahlung eines bösen Jungen besessen. Eine Aura, die ihn gefährlich und jähzornig erscheinen ließ. Bis jetzt. Auf einmal waren seine rauen Kanten verschwunden und sein Gesichtsausdruck war ungefähr so feindselig wie der eines Hundewelpen.

Lachend schloss Walt seine Nichte in die Arme und drückte sie fest an sich. „Shelby, Shelby“, sagte er und schaute sie grinsend an. „Es sieht so aus als hättest du diesen Kerl gezähmt. Er scheint überhaupt keinen Kampfgeist mehr zu haben.“

„Gott sei Dank“, erwiderte sie. „Ich glaube nicht, dass ich es noch länger ausgehalten hätte. Er war wirklich ganz schön anstrengend. Trotzdem muss Luke noch ein bisschen an sich arbeiten, deshalb werde ich jetzt bei ihm wohnen. Ich komme aber jeden Tag hierher und helfe dir, so wie immer, mit den Pferden.“

Shelby beugte sich hinunter, um die beiden Labradore zu kraulen. „Wo ist Muriel?“„In Hollywood. Sie dreht einen Film.“

„Sag bloß?“, fragte Shelby breit grinsend. „Wie beeindruckend.“

Muriel hätten die neuen Nachrichten gefallen, dachte Walt. Obwohl er Muriel erzählt hatte, dass er sie in allem, was ihr Herz begehrte, unterstützen würde, fühlte er sich nicht wie eine Stütze. Stattdessen war er eifersüchtig, einsam und stand total neben sich. Die Neuigkeiten von Shelby und Luke verstärkten dieses Gefühl noch.

Walt versuchte, es zu ignorieren. „Luke?“, sagte er und suchte Lukes Blick. Als Walt sich Lukes Aufmerksamkeit sicher war, nickte er ihm kurz zu. Das genügte. Luke Riordans Augen strahlten, als ob er von innen leuchtete.

In der Nacht läutete das Telefon auf Walts Nachttisch. Er dachte zuerst, es sei Shelby, die ihre Sachen bei Luke untergebracht hatte, und hoffte, dass nichts schiefgelaufen war. Als Nächstes dachte er an Vanessa, Paul und den kleinen Matt, seinen Enkel. Auch Tom schoss ihm durch den Kopf. Doch ein mitternächtlicher Anruf auf West Point war höchst unwahrscheinlich.

„Walt“, hörte er Muriels Stimme, bevor er sich gesammelt hatte, um angemessen zu reagieren. „Liebling, es tut mir leid … Ich weiß, wie spät es ist.“

Liebling? Hatte sie ihn Liebling genannt? Aber in Hollywood nannte vermutlich jeder jeden Liebling. „Ist schon in Ordnung“, erwiderte er verschlafen. „Wie geht es dir?“

„Mir geht’s gut. Ich habe zum ersten Mal seit Tagen Zeit, dich anzurufen. Doch das wird nicht so bleiben. Hoffe ich jedenfalls.“

„Was ist los?“

„Na ja. Eine ganze Menge. Die Produktionsfirma gibt an allen wichtigen Orten in der Stadt kleine Partys, um schon einmal die Begeisterung für unseren Film anzufachen, indem sie uns Schauspieler auf diese Partys schickt. Ich lese mich in die Rolle ein und verbringe ziemlich viel Zeit mit dem Drehbuchautor, der meinen Text, sobald ich ihn auswendig gelernt habe, wieder ändert. Ich probiere meine Garderobe, spreche mit dem Produktionsdesigner über das Storyboard, nehme Einladungen zu Mittagessen, Drinks, Abendessen und noch mehr Drinks an und rede bis Mitternacht mit irgendwelchen Menschen. Dann falle ich normalerweise todmüde ins Bett und schlafe bis fünf Uhr morgens wie eine Tote, stehe auf und springe aufs Laufband.“

Irritiert schüttelte Walt den Kopf. „Wieso springst du auf ein Laufband?“

Sie lachte. „Ich muss doch gut in Form sein. Und hier habe ich weder Hunde noch Pferde, die mir helfen würden, meine Figur zu halten. Ich habe meinen alten Trainer engagiert, um alles ein wenig zu straffen. Ich weiß, es klingt nicht so, aber ich trainiere hier wie eine Wilde.“

„Du könntest auf die Einladungen zum Drink verzichten, dann würdest du dich besser fühlen.“

„Ich trinke nur Mineralwasser, wenn ich mich mit Schauspielern, Producern, PR-Agenten und so weiter treffe. Sie werden mich nicht mit heruntergelassenen Hosen erwischen.“

Walt lächelte und fühlte sich sofort beschämt, weil er sie so provoziert hatte. Und auch stolz; sie war ein Profi – das hätte er wissen müssen. „Das klingt nach meiner Muriel.“

„Erzähl mal, was ist zu Hause los?“

„Shelby ist wieder da“, sagte er.

Muriel schwieg, bevor sie überrascht fragte: „Tatsächlich?“

„Ja, meine Liebe. Und offenbar ist es Luke gelungen, sie zufriedenzustellen, denn sie ist gleich zu ihm gezogen. Heute Morgen war Luke bei mir, um mich um die Hand von Shelby zu bitten.“

„Was du nicht sagst. Und? Hast du ihm deine Erlaubnis gegeben?“

„Nein. Ich habe ihm gesagt, er soll sich zum Teufel scheren. Und, dass ich ihn hätte erschießen sollen. Das habe ich ihm gesagt.“

„Oh, das erzählst du mir nur, weil du willst, dass ich dich für einen Tyrann halte, stimmt’s?“

„Das dumme Mädchen scheint diesen Luke wirklich zu lieben. Und ihn solltest du erst mal sehen. Hat sich ihrem Regiment schnell gefügt. Ich wette, wenn er sein Hemd hochheben würde, könnte man überall auf seinem Rücken Peitschenstriemen erkennen. Er ist Wachs in ihren Händen.“

„Das glaube ich nicht“, erwiderte sie lachend. „Gut für Shelby. Bei mir hat ihre Methode nie funktioniert. Wenn ich einfach gegangen bin, hieß es immer nur: ‚Okay und tschüss.‘“

„Wie ist Jack Wie-hieß-er-noch-gleich denn so?“

„Wirst du seinen Namen denn niemals aussprechen?“, fragte sie mit einem hörbaren Seufzer.

„Nein.“

„Er ist ein netter Mann. Professionell, pünktlich, talentiert, und es gefällt ihm sehr, wie die Leute vor ihm auf die Knie fallen. Und das sollten sie auch. Er hat wirklich eine Gabe. Ich mag ihn. Ich glaube, es wird fantastisch werden, noch einmal mit ihm zu arbeiten.“

„Muriel“, sagte Walt zärtlich. „Wann kommst du nach Hause?“

Sie antwortete ihm ebenso zärtlich. „Ich habe keine Ahnung, Walt. Und ja, ich vermisse dich auch.“

Jacks Bar galt als der zentrale Treffpunkt der Einwohner von Virgin River. Natürlich waren nicht alle jeden Abend dort, aber man konnte davon ausgehen, immer jemanden Bekanntes zu treffen. In der Gemeinde gab es einen Hang zum Militär, seit Jack Sheridan, ein Ex-Marine, die Bar nach dem Beenden seiner zwanzigjährigen Militärlaufbahn eröffnet hatte. Mit ihm war einer seiner besten Freunde in die Stadt gekommen. John Middleton, den Einwohnern besser als Preacher bekannt, war Jacks Partner und Koch in der Bar. Als Nächster hatte sich Mike Valenzuela, der zweimal mit Jack im Irakkrieg gedient hatte, in der Stadt niedergelassen. Nun arbeitete er bei der Polizei. Auch Walts Schwiegersohn, Paul, hatte vor langer Zeit zu Jacks Soldaten gehört und war ebenfalls zweimal mit ihm im Krieg gewesen. Selbst Ex-Army Luke Riordan war in dieser besonderen Gemeinschaft willkommen. Auf alle Fälle gehörte die Bar zu den Orten, an denen Walt sich zu Hause fühlte.

Seit Muriel weg war, hatte er sich jedoch nicht oft blicken lassen, sondern war lieber daheimgeblieben und hatte sich selbst etwas gekocht. Nach Muriels Anruf letzte Nacht fühlte er sich aber wieder etwas zuversichtlicher und beschloss, bei Jack zu Abend zu essen. Er traf schon etwas vor den anderen Gästen in der Bar ein. Der Fernseher, hoch oben in der Ecke des Lokals, lief, damit Jack und wer sich noch dafür interessierte, jederzeit über den Stand der Dinge im Irak im Bilde war.

Während er bediente, parkte Jack seinen Sohn David auf einem Kinderstuhl. „General“, begrüßte Jack ihn. „Lange nicht mehr gesehen.“

„Stimmt“, entgegnete Walt und setzte sich auf einen Barhocker. „Gibt es etwas Neues im Irak?“

„Rick schreibt mir mindestens alle zwei Wochen. Er macht mir zwar keine Angst, aber wenn ich die Nachrichten sehe, kriege ich eine Gänsehaut. Es gab da gerade ein paar heftige Bombardierungen und ein paar Verluste auf unserer Seite.“

Jack hatte einen jungen Schützling, der mit achtzehn ins Marine-Korps eingetreten war, und nach einer einjährigen Spezialausbildung in den Irak geschickt worden war. Der Junge war für Jack so etwas wie ein Sohn.

„Und Sie werden lachen, Sir, ich freunde mich tatsächlich so allmählich mit dem Computer an. Für Rick ist es oft unkomplizierter und schneller, eine E-Mail zu schicken, sobald er in der Nähe eines Computers ist. Und ich will natürlich nichts verpassen. Preacher predigt es mir schon seit Jahren. Er besitzt jede Menge Bücher über Computer. Und natürlich braucht Mel auch einen PC für zu Hause. Also … hatte ich kürzlich einen Sinneswandel.“

„Willkommen an Bord“, sagte Walt lachend.

„Ich nehme an, Sie haben die letzte Zeit überwiegend mit Ihrer Nachbarin verbracht.“ Ungefragt stellte Jack ein Glas mit dem Lieblingsgebräu des Generals vor ihm ab.

„Muriel ist weggefahren, und ich kümmere mich während ihrer Abwesenheit um ihre Hunde und die Pferde“, erklärte Walt mit einem Anflug von Stolz. Muriels Studiovertrag hätte ihr zwar eine Vorortbetreuung für die Hunde und jemanden, der sich um Haus und Pferde kümmerte, zugesichert, doch Walt wollte Muriels wertvollen Anhang nicht in der Obhut eines Fremden wissen. Darum hatte er sie gebeten, ihm diese Aufgabe zu übertragen. „Sie ist wieder in Hollywood, um einen Film zu drehen. Vermutlich hat sie ab und zu ein paar verlängerte Wochenenden frei, aber es wird sicherlich mindestens sechs Monate dauern, bis die Dreharbeiten beendet sind.“

„Sie machen Scherze!“, stieß Jack aus. „Davon wusste ich ja gar nichts.“

„Es kam alles sehr plötzlich.“

„Ziemlich plötzlich.“

„Oh ja.“ Walt nippte an seinem Bier. „Gerade studierte sie noch das Drehbuch, das ihrer Meinung nach in den Händen der richtigen Leute offenbar Potenzial hätte, und schon waren wir auf dem Weg zum Flughafen.“

„Ach was.“

„Ich war auch ganz schön überrascht“, entgegnete Walt. „Inzwischen habe ich ein paarmal mit Muriel telefoniert. Sie arbeitet hart, und den Tieren geht es auch gut.“

Jack lächelte. „Dann haben Sie jetzt wieder ein wenig Zeit für sich.“

Walt nickte. Nach all diesen Jahren war es schwierig, sich wieder umzugewöhnen. Nach dem Tod seiner Frau hatte er sich dazu gezwungen, das Leben eines Singles zu führen. Er wäre tatsächlich nie auf die Idee gekommen, dass er jemals wieder einer Frau begegnen würde, die diese Lücke füllen könnte. Bis er Muriel kennenlernte. Es erstaunte ihn, wie schnell er sich an ihre weibliche Gesellschaft gewöhnt hatte. Und sie war nicht einfach irgendeine Frau, sondern die Frau, die perfekt zu ihm zu passen schien. Beim Reiten, Schießen, bei der Jagd und der Restaurierung ihres Hauses war ihm aufgefallen, dass sie wie füreinander geschaffen waren. Aber nach ihrem Anruf aus Hollywood dachte er zum ersten Mal darüber nach, wie lächerlich es doch war, sich einzubilden, sie hätten irgendwelche Gemeinsamkeiten. Es war so einfach für sie gewesen, ein paar Kosmetika und andere Sachen einzupacken, einen schicken Learjet zu besteigen und in ein anderes Leben zu fliegen.

„Gestern Abend habe ich Shelby und Luke gesehen. Sie haben ein Bier getrunken und sich etwas zu essen mitgenommen. Es sieht so aus, als sei da wieder alles im Lot“, bemerkte Jack.

„Wahrscheinlich“, brummte Walt. „Wirkten sie glücklich?“

Jack neigte sich ihm über den Tresen zu. „Im wahrsten Sinne des Wortes“, sagte er und lachte. „Luke hat länger gebraucht, zu Kreuze zu kriechen, als ich angenommen hatte.“

„Ich will, dass Shelby in guten Händen ist“, erklärte Walt.

„Oh, da gibt es überhaupt keine Zweifel, General. Luke hat den Kampf aufgegeben.“ Er grinste. „Nun gehört er ihr.“

„Ist auch besser so“, grummelte Walt. „Ich würde ihn ohne mit der Wimper zu zucken erschießen.“

Wieder lachte Jack. Walt wirkte auf viele Menschen Angst einflößend, aber bislang fehlte der Beweis, dass er tatsächlich in der Lage war, jemandem wehzutun. Dennoch schien ihm vor Wut bisweilen gewaltig der Hut hochzugehen.

Wenig später kam Mike Valenzuela durch die Hintertür in die Bar und setzte sich neben Walt. Dann tauchte Paul auf. Seine Ankunft kündigte sich immer schon vorher durch laute Stampfgeräusche an, die daher rührten, dass er seine Stiefel vor dem Betreten der Bar an der Tür vom Schlamm befreite. Walt fiel ein, dass die Bar wegen des Zusammengehörigkeitsgefühls so eine beruhigende Wirkung auf ihn hatte. Die Gesellschaft von Männern, die am Ende eines Tages gemeinsam ihre Feierabendbierchen genossen. Kurz darauf erschien Mel mit dem Baby.

Nachdem sie die Männer begrüßt hatte, fragte sie Mike: „Isst Brie heute außerhalb?“

„Nein. Heute nicht. Sie versucht, das Baby früh ins Bett zu bringen. Falls möglich. Die kleine Ness dreht um Mitternacht erst so richtig auf.“

Mel sah Paul an. „Und Vanni?“

Er schüttelte den Kopf. „Vanni kocht heute selbst.“

„Abby?“, erkundigte sich Mel nach seinem Hausgast.

Paul schüttelte noch einmal den Kopf. „Cameron fährt sie zur Ultraschalluntersuchung nach Grace Valley, und er hat ihr angeboten, danach mit ihr in Fortuna essen zu gehen, damit sie mal aus dem Haus kommt.“

„Ach“, sagte Mel. „Ich wusste zwar, dass er noch ein paar Besorgungen machen musste, und bin für ihn eingesprungen, bis er wieder zurückkommt, aber es ist nett von ihm, sich um Abby zu kümmern.“

Paul nickte. Dann wandte er sich mit einem mehr schlecht als recht verborgenen gequälten Gesichtsausdruck an Walt. „Vanni hat erwähnt, dass Muriel weg ist, Sir. Hättest du Lust, mit uns zu Abend zu essen?“

Neugierig musterte Walt ihn von Kopf bis Fuß. Paul hatte seine Frau ganz für sich alleine und war drauf und dran, ihren Vater unfreiwillig zum Abendessen einzuladen? „Ich glaube nicht, mein Sohn, obwohl ich die Aufrichtigkeit deiner Einladung wirklich zu schätzen weiß.“

Alles lachte. Hauptsächlich über den entrüsteten Paul. „Ach komm, ich meine es wirklich ernst, Sir.“

„Du bist ein Schatz“, sagte Walt, wohl wissend, dass er ein wenig mürrisch klang. „Ich bleibe einfach hier sitzen und esse etwas mit Jack.“

„Wo ist Muriel, Walt?“, wollte Mel wissen.

Walt war es leid, immer wieder dasselbe erklären zu müssen. „Sie dreht einen Film“, gab er unglücklich zur Antwort.

„Ach was? Wie aufregend! Eigentlich wollte sie doch eine Pause einlegen. Es muss sich also um einen ziemlich wichtigen Film handeln.“

„Ja, das sagt sie auch. Und Jack Wie-auch-immer-er-heißt spielt die Hauptrolle.“„Jack Wie-auch-i… Jack wer?“

„Ihr wisst schon. Der große Filmstar. Der mit dem Kuckucksnest …“

„Nicholson? Ach du Scheiße!“, stieß Mel beeindruckt aus.

„Melinda, wir müssen aufhören, in Gegenwart der Kinder Scheiße zu sagen“, erinnerte Jack sie geduldig, während er über seine Schulter blickte, um zu sehen, was David machte.

„Oh Scheiße, habe ich vergessen. Aber Walt, das ist ja wirklich ein tolles Ding, oder? Der Mann ist ein Weltstar. Das muss ganz schön aufregend für sie sein.“Walts Augen blitzten gefährlich. „Sie ist vermutlich total begeistert.“

„Kein Wunder, dass du so gereizt bist“, sagte Mel lachend. „Jack, wenn keiner zum Essen kommt, werde ich mir einfach etwas für zu Hause mitnehmen. Dann kann ich die Kinder füttern und ins Bett bringen. Falls jemand anruft und ich wegmuss, könntest du rasch für mich einspringen? Da Cameron in Grace Valley ist, habe ich Bereitschaftsdienst.“

„Mach dir keine Sorgen, Mel“, beruhigte Mike sie. „Ich springe für dich ein. Falls du einen Anruf bekommst, bevor Jack den Laden dichtmacht, ruf mich einfach. Ich komme dann rüber und passe auf die Kinder auf.“

„Danke, Mike. Jack? Hilfst du mir beim Tragen?“

„Sicher, Schatz. Ich ziehe diesem kleinen Kerl nur eben noch die Jacke an, und dann helfe ich dir. Walt, dein Essen kommt in einer Minute.“

„Lass dir Zeit“, sagte Walt. „Ich hab mein Bier noch nicht ausgetrunken.“ Und muss meine Wunden lecken, dachte er.

Cameron Michaels befand sich in einer außergewöhnlichen Situation – er versuchte, einer Frau den Hof zu machen, die von ihm Zwillinge erwartete. Sie waren sich vor wenigen Monaten in Grants Pass begegnet, wo eine Reihe merkwürdiger Umstände sie zusammengebracht hatte. Es war eine unvergessliche Nacht des Glücks gewesen. Keiner von ihnen hätte gedacht, dass sie sich je wiedersehen würden.

Cameron war damals im Steakhaus des Davenport Hotels gewesen, weil er und seine Kollegen aus seiner vorigen Kinderarztpraxis dort üblicherweise einmal im Monat zu Abend aßen. Und sie war wegen der Hochzeit einer Freundin, auf der Vanni die Aufgabe der Brautjungfer übernommen hatte, dort gewesen. Nikki Jorgensen hatte Joe Benson geheiratet, und die Feier fand im Davenport statt. Doch Abby war später an die Hotelbar geflohen, um den vor Liebe triefenden Reden bei der Hochzeit zu entkommen. Cameron hatte keine Ahnung gehabt, dass einige seiner Freunde aus Virgin River im Festsaal waren, als er Abby an der Bar traf. Es war Liebe auf den ersten Blick, eine kurze, sehr heftige Affäre. Eigentlich hatte er angenommen, dass seine wilden Zeiten hinter ihm lagen. Abby hatte so etwas bis dahin noch nicht einmal in Erwägung gezogen. Und dann hatte ausgerechnet diese Nacht zur Schwangerschaft geführt, obwohl sie versucht hatten, genau das zu vermeiden.

Als Abby sich nach Virgin River zurückgezogen hatte, um dort in Ruhe das Ende der Schwangerschaft abzuwarten, war Cameron wirklich der letzte Mensch, dem zu begegnen sie erwartete. Doch Cameron hatte ebenfalls Verbindungen nach Virgin River, und er liebte diesen Ort. Cameron hatte den alten Dr. Mullins gekannt, der vor einigen Monaten gestorben war. Außerdem war er mit Mel und Jack Sheridan wie auch mit Vanni und Paul befreundet. In Virgin River sah er die Möglichkeit, sein Leben zu ändern, und deshalb entschied er sich, für ein Jahr hierher zu ziehen. Zu diesem Entschluss trug die Tatsache, dass er die Frau, mit der er diese wundervolle Nacht verbracht hatte, nicht mehr wiederfinden konnte, nicht unerheblich bei. Wie seltsam, dass er dann ausgerechnet in dem Ort gelandet war, an dem sie sich versteckte. Als Familienmediziner und Kinderarzt war Cameron in Virgin River von unschätzbarem Wert.

Doch gerade jetzt litt er unter der extrem komplizierten Beziehung zu Abby. Sie hatte sich in Virgin River verkrochen, weil sie bei ihrer ersten Begegnung vor dem Gesetz verheiratet gewesen war. Obwohl sie ihren Ehemann zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Abbys Mann war ein halbwegs berühmter Rockstar, der sie einen Ehevertrag mit einer Spezialklausel hatte unterschreiben lassen. Die Klausel besagte, dass ihr im Falle der Untreue kein Unterhalt zustehen würde.

Nach der Scheidung hatte ihr Exmann ihr außerdem einen Haufen unbezahlter Kreditkartenrechnungen hinterlassen. Sie brauchte sein Geld, um damit seine Schulden bezahlen zu können. Falls also jemand vor der Scheidung herausgefunden hätte, dass sie Zwillinge erwartete, wäre das ihr finanzieller Ruin gewesen. Eine Katastrophe.

Cameron versuchte, die Sache ruhig angehen zu lassen. Abby hatte viele Gründe, sich vor einer voreiligen ernsthaften Beziehung zu fürchten. Beim ersten Mal war die Sache so ausgegangen, dass sie einen untreuen Schwachkopf geheiratet hatte, der sie mit einem Ehevertrag an sich band. Und als sie ihre Vorsicht beim nächsten Mal etwas gelockert hatte, war sie schwanger geworden. Mit Zwillingen!

Cameron hatte bei Abby angerufen. „Mel hätte gerne, dass du eine Ultraschalluntersuchung bei Dr. Stone, dem Gynäkologen in Grace Valley, machen lässt. Ich habe mir gedacht, ich könnte dich hinbringen, und danach essen wir einfach etwas in Fortuna, wenn du magst. Das wäre für dich mal eine gute Gelegenheit rauszukommen, und wir könnten ein oder zwei Stunden miteinander verbringen.“

Allerdings schien sie nicht sehr erbaut von dieser Idee zu sein. „Das ist ein nettes Angebot, aber warum kann ich nicht alleine nach Grace Valley zum Arzt fahren und nach der Ultraschalluntersuchung nach Hause fahren?“, hatte sie ihn gefragt.

„Weil ich, liebe Abby, gerne bei der Ultraschalluntersuchung dabei sein möchte.“Abby schwieg.

„Typisch Mel, dir einen Ultraschalltermin bei John Stone vorzuschlagen – er wird es nicht ungewöhnlich finden, dass ich dich begleite. Es bleibt unser Geheimnis, so lange du es für nötig hältst, dennoch sollten wir wirklich einmal wieder Zeit miteinander verbringen. Reden, so wie früher, bevor das alles passierte. Uns wieder neu kennenlernen.“ Es entging ihm nicht, dass sie ihm schließlich nur widerwillig zustimmte. Aber warum zum Teufel? Okay, er hatte Abby in die Enge getrieben. Doch es waren auch seine Babys, und er würde auf keinen Fall nachgeben. Natürlich konnte man eine romantische Beziehung nicht erzwingen. Er hatte auch gar nicht vor, Abby zu nötigen, die Beziehung, die zu diesen Babys geführt hatte, fortzusetzen. Aber er würde sich auch nicht einfach sang- und klanglos zurückziehen. Es waren auch seine Kinder, die sie erwartete. Das bedeutete ihm sehr viel.

Abby bedeutete ihm sehr viel. Doch Liebe ließ sich nicht erzwingen.

Cameron hatte einen Ultraschalltermin für abends, wenn John mit seinen üblichen Untersuchungen fertig war, vereinbart. Ein anschließendes Abendessen bot sich förmlich an. Um vier Uhr holte Cameron Abby ab, aber ihre Unterhaltung kam nicht richtig in Gang, obwohl er sich ein paar Themen zurechtgelegt hatte. Wie bist du aufgewachsen? Wie war deine Zeit als Stewardess? Was hast du vor, wenn die Babys auf der Welt sind? Nichts davon funktionierte, da sie das Gespräch gleich von Anfang an in eine ganz andere Richtung lenkte.

„Ich muss dir etwas sagen, Cameron. Vanessa hat unser Geheimnis erraten. Sie erinnerte sich daran, dass ich damals bei der Hochzeitsfeier plötzlich verschwunden war, und sie wusste natürlich auch, dass du in Grants Pass wohntest. Es lag vermutlich daran, wie du mich angesehen oder mit mir gesprochen hast, jedenfalls weiß sie es und war sehr direkt. Sie meinte, dass du ein guter Kerl bist und eine Chance verdient hast.“

Cameron war zunächst sprachlos. „Gelobt sei Vanessa“, brach es schließlich atemlos aus ihm heraus.

„Ich vertraue ihr, weil ich weiß, dass sie eine gute Menschenkenntnis hat. Das heißt aber nicht, dass gewisse Schwierigkeiten damit überwunden wären. Erstens, ich kenne dich kaum, obwohl ich mit dir geschlafen habe, und vielleicht passen wir gar nicht zusammen. Zweitens, ich bin immer noch an diesen fiesen kleinen Ehevertrag gebunden. An diesen miesen unfairen Ehevertrag, der eigentlich Betrug ist. Und drittens habe ich Vanessa zu absolutem Stillschweigen verdonnert, ich will nicht, dass jemand von uns weiß. Ich schäme mich ziemlich für das, was ich getan habe, und kann es mir nicht erlauben, dass es bis zu meinem verfluchten Ex durchsickert.“

„Gut“, sagte Cameron. „Das war deutlich.“

„Ich will meine Kinder so gut wie möglich beschützen.“

Cameron reichte ihr die Hand. „Das weiß ich wirklich zu schätzen, Abby. Es ist sehr mutig von dir.“ Sie sah ihm ins Gesicht, und ihr fiel auf, dass seine Augen einen dunklen, beinahe marineblauen Farbton angenommen hatten. Es war ihm offenbar todernst. „Auch ich will die Kinder beschützen.“

Ab da verlief die restliche Fahrt bis Grace Valley schweigend. John Stone begrüßte Cameron herzlich und schien hocherfreut, Abby wiederzusehen. Dr. Stone erklärte ihnen, dass er es für angebracht hielt, die Schwangerschaft intensiv im Auge zu behalten, weil er, genau wie Mel, davon ausging, dass die Babys zu früh auf die Welt kommen würden. Es war dem Doktor wichtig, dafür zu sorgen, dass die Babys für eine natürliche Geburt richtig herum lagen, und deshalb waren die Ultraschalluntersuchungen unerlässlich. John wollte Abby, für den Fall einer Frühgeburt oder falls ein Kaiserschnitt notwendig wäre, in der Nähe eines Krankenhauses mit einer Neugeborenenintensivstation untergebracht wissen. Er bat sie, vorsichtshalber alle Termine und Verabredungen in der nächsten Zeit abzusagen. Dann begann er mit der Ultraschalluntersuchung. „Es ist vielleicht noch ein bisschen zu früh, das Geschlecht der Babys eindeutig zu bestimmen. Wollen Sie es denn wissen, falls es klar erkennbar ist?“

„Ja. Natürlich“, sagte Abby.

Dr. Stone lachte plötzlich laut auf. „Wow“, rief er erfreut. „Gleich hier vorne haben wir einen Prachtjungen. Noch verdeckt er das andere Baby, aber sobald sie größer sind, ändern sie ihre Positionen, und dann sehen wir sie besser.“

Cameron, der aus medizinischer Sicht schon so vieles gesehen hatte, vor allem, was Kinder betraf, geriet aus der so mühsam bewahrten Fassung. Sein Blick verschleierte sich, und sein Herz klopfte. Ein Sohn! Oh Gott, ein Sohn! Er versuchte, seine Emotionen zu kontrollieren, aber es schien ihm nicht zu gelingen. Cameron griff nach Abbys Hand und drückte sie. „Sieh mal“, flüsterte er. „Das da vorne, der mit den Chefallüren, das ist ein Junge.“

Glücklicherweise war auch Abby von ihren Gefühlen überwältigt. Das lenkte ihre Aufmerksamkeit ein wenig von Camerons Reaktion ab. „Mein Gott“, wisperte sie.„Sie sehen prächtig aus“, erklärte John. „Der Geburtstermin ist zwar am zweiten Juli, aber wenn wir sechsunddreißig Wochen daraus machen, liegen wir gut. Die Babys sehen fabelhaft aus, Abby.“ Er betastete ihren Bauch und versuchte die Babys ein wenig zu drehen, um innere Organe, Gliedmaßen und Schädel besser sehen zu können. „Ich werde veranlassen, dass Mel Ihnen Blut abnimmt, um das Downsyndrom, Spina Bifida und ein paar andere genetische Krankheiten auszuschließen. Aber es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Im Gegenteil.“

Abby sah Cameron in die Augen. Ihre Wangen waren feucht vor Tränen. Cameron wischte sie ihr zärtlich weg.

„Oh Mann“, machte sich John Stone bemerkbar.

Cameron hob den Kopf. „Hören Sie, John, was auch immer Sie zu wissen glauben, Sie wissen nichts. Haben Sie mich verstanden?“

„In dieser Klinik ist alles streng vertraulich“, erwiderte John. „Kann ich Ihnen sonst noch behilflich sein?“

„Nein“, antworteten Abby und Cameron unisono.

„Na dann“, sagte John. „Sie erwarten mindestens einen Jungen. Aber meine Lippen sind versiegelt. Sie bekommen ein paar verdammt gut aussehende Babys.“ Er grinste. „Ich kann es kaum erwarten. Und Sie?“

In den ersten zehn Minuten der Autofahrt von Grace Valley zum Abendessen nach Fortuna sprach keiner von ihnen ein Wort. Bis auf Abbys ungewöhnlich flache Atemzüge war nichts zu hören, bis sie ihn schließlich aufgebracht anfuhr: „Ich kann nicht fassen, was du da gerade getan hast!“

Cameron wusste genau, auf was sie anspielte. „Ich war einfach überwältigt.“ Keine Entschuldigung, keine weitere Erklärung.

„Und Dr. Stone weiß jetzt Bescheid.“

„Na und? Ich bin der Vater!“

„Du hast mir dein Wort gegeben, dass du es niemandem verraten wirst! Du hast gesagt, dass es geheim bleibt, so lange ich will!“

„Vanessa weiß es doch auch.“

„Sie hat es von selbst erraten!“

„John hat es auch selbst erraten, weil mir Tränen in die Augen schossen, als ich meinen Sohn sah.“

„Es ist mein Sohn! Du bist nur der Samenspender, der eine schnelle Nummer mit einem Mädchen aus der Bar schieben wollte!“

Cameron fuhr noch ein paar Hundert Meter weiter, bevor er den Wagen langsam auf den Seitenstreifen lenkte. Er wendete das Auto und fuhr in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

„Was machst du?“, fragte sie entgeistert.

„Ich bringe dich nach Hause“, antwortete er.

„Gut!“, entgegnete sie. „Das passt mir ganz hervorragend!“ Abby verschränkte die Arme vor der Brust und starrte aus dem Fenster in die Abenddämmerung hinaus. Der Weg nach Virgin River war noch lang. Und da sie sich anschwiegen, kam er Abby noch länger vor als sonst.

Als Cameron bei Walts Grundstück ankam, nahm er nicht direkt die Straße, die zu Vanni und Paul führte, sondern hielt stattdessen erst einmal hinter den Stallungen an. Cameron schaltete den Motor aus und sah Abby ins Gesicht. „Erinnerst du dich an den Abend, als wir uns kennenlernten, Abby? Und an unsere Unterhaltung, bevor wir ins Zimmer gingen? Du erwähntest eine Liste, die du aufgestellt hattest – die Liste der Eigenschaften, die der für dich ideale Mann haben sollte.“

Abby betrachtete ihn mit finsterer Miene und nickte widerwillig.

„Ein wichtiger Punkt auf dieser Liste war das Benehmen. Du erinnerst dich vielleicht.“

„Hör zu, Cameron – du hast mich in diesen Schlamassel gebracht und …“

„Man hat mir dabei geholfen“, sagte er streng. „Und zwar nicht zu knapp.“

„Bring mich einfach nach Hause, bitte!“, befahl sie unfreundlich.

„Gleich. Jetzt hörst du mir erst einmal zu. Pass bloß auf, Abby. Wenn es mit dir nicht auf die freundliche und entgegenkommende Tour geht, kann ich auch anders. Egal, wie du die Dinge drehst und wendest. Ich hatte weder vor, einfach nur als Samenspender zu dienen, noch wollte ich dich nach dieser einen gemeinsam verbrachten Nacht nie wiedersehen. Im Gegenteil. Ich habe dich überall gesucht. Ich wollte mit dir zusammen sein. Ich habe es nie als eine schnelle Nummer betrachtet. Du bist einfach verschwunden und hast dich geweigert, Kontakt zu mir aufzunehmen, obwohl du versprochen hattest, dass du dich melden würdest. Und …“, fuhr er fort, „… es ist mir sehr wichtig, dass du Folgendes begreifst: Ich versuche, so gut es geht, dir beizustehen, aber wenn du es nicht zulässt und versuchst, mich von meinen Kindern fernzuhalten, dann kämpfe ich. Und ich verfolge dich. Dann werde ich eine Suche starten, gegen die Kolumbus mit seiner Expedition wie ein blutiger Anfänger aussehen wird. Also versuche erst gar nicht, irgendwelche raffinierten Spielchen mit mir zu treiben. Ob du es nun gerne hörst oder nicht: Wir stecken beide in dieser Geschichte.“

„Bring mich bitte nach Hause.“

„Hast du mich verstanden?“

„Ja“, antwortete sie bockig. „Und jetzt will ich wirklich nach Hause.“

Er umrundete die Stallungen und hielt vor dem Haus von Vanni und Paul an, wo Abby momentan wohnte. Als Abby aus dem Auto flüchten wollte, packte Cameron sie am Handgelenk und hielt sie fest. Abby betrachtete ihn mit einem Anflug von Panik. „Abby, ich kann dich nicht zwingen, mich zu mögen, doch ich kann dafür sorgen, dass du mir erlaubst, der Vater meiner Kinder zu sein. Ich wüsste da einhundert Möglichkeiten. Bitte denk daran.“

Ohne etwas darauf zu erwidern, riss Abby sich los und stieg aus. Cameron sah ihr hinterher, als sie über die Veranda ins Haus ging. Er blieb noch eine Weile sitzen und machte das Licht an, um auf seine Uhr zu sehen. Es war kurz nach halb sieben. Heute Nacht hatte Mel Bereitschaftsdienst, jedenfalls so lange, bis er zurückkehrte. In Virgin River gab es allerdings nur selten Notfälle. Sein Vorgänger, Dr. Mullins, hatte es in den letzten vierzig Jahren auch geschafft, sich seinen abendlichen Whisky zu gönnen. Cameron brauchte auch einen. Dringend.

Er wendete das Auto und steuerte Jacks Bar an.

Abby lehnte sich mit dem Rücken von innen an die Wohnungstür. Vanni und Paul befanden sich im Wohnzimmer. Sie und das Baby lagen gemeinsam auf dem Boden. Abby betrachtete die familiäre Szene, die so viel Ruhe ausstrahlte, und brach in Tränen aus.

Paul und Vanni waren sofort auf den Beinen.

„Oh Gott“, sagte Vanni, die, dicht gefolgt von Paul, gleich zu ihr eilte. „War bei der Ultraschalluntersuchung alles in Ordnung?“

„Fabelhaft. Dr. Stone sagt, die Babys entwickeln sich großartig.“

„Warum weinst du denn dann um Himmels willen?“

„Ich habe mich mit Cam gestritten“, erklärte Abby schluchzend, während ihr Tränen über die Wangen rannen.

„Cam?“, fragte Paul irritiert.

„Ich war sauer. Er wurde so rührselig, als er das Ultraschallbild gesehen hat – einer der Zwillinge ist auf jeden Fall ein Junge. Ich fand es furchtbar, dass er vor John Stone auf einmal so gefühlsduselig wurde, und dann habe ich die Nerven verloren.“

„Oh, Abby.“

„Gefühlsduselig?“, wiederholte Paul noch verwirrter als vorher. „Cameron?“„Vanni. Ich habe ihn als Samenspender bezeichnet! Ich war so gemein.“

„Oh Abby!“

„Samenspender?“, fragte Paul nun vollends irritiert.

„Das hat er mir sehr übel genommen. Und er will mich auch nicht in Ruhe lassen. Er wird mir Probleme machen – als ob ich nicht schon genug Probleme hätte.“ Abby schlang die Arme um Vanni und weinte sich an ihrer Schulter aus. „Er sagte, dass er mich nicht zwingen könne, ihn zu lieben, dass er aber auch nicht zulassen wird, dass ich ihm die Babys wegnehme!“

„Ihn lieben?“, fragte Paul. „Babys? Was zum Teufel ist denn los?“

Vanni schaute Paul über die Schulter hinweg an. „Cameron ist der Vater. Behalte es aber für dich.“

„Bitte sag es bloß nicht weiter!“ Abby klang angespannt.

Paul verstummte, Vanni streichelte ihr sanft über den Rücken. Dann fand Paul die Sprache wieder. „Wollt Ihr mich verkohlen?“

„Ich wollte gar nicht so gemein zu ihm sein“, sagte Abby unter Tränen. „Vielleicht liegt es an der Schwangerschaft.“

„Ganz sicher, Schatz“, tröstete Vanni.

„Warte mal“, meinte Paul. „Ich komme nicht ganz mit.“

„Es ist eine lange Geschichte, Paul“, entgegnete Vanni. „Erzähl es einfach niemandem weiter. Den Rest erkläre ich dir später, ja?“

„Aber ich dachte, sie haben sich gerade erst kennengelernt!“, sagte Paul. „Offenbar haben sie sich eben nicht gerade erst kennengelernt. Sei doch nicht so begriffsstutzig. Ich erkläre dir später die Zusammenhänge, sobald Abby sich ein wenig beruhigt hat.“

Paul wandte sich von ihnen ab und hob den kleinen Matt hoch, der am Boden spielte. „Das muss ja eine lange Geschichte sein“, murmelte er. „Eine sehr, sehr lange. Ungefähr fünf Monate lang?“

„Abby, du musst entschuldigen“, bat Vanni. „Aber mit Cam kannst du nicht so umspringen. Du musst ihn nicht unbedingt lieben oder so, aber du solltest dennoch höflich bleiben. Cam hat auch seine Rechte. Und er ist kein schlechter Kerl. Eigentlich ist er sogar ein ziemlich guter Kerl.“

„Ich weiß. Ich weiß. Es geht mir eben unter die Haut, dass ich diese Babys austragen und sie auf die Welt bringen muss und trotzdem keine Kontrolle darüber habe, was passiert. Null. Ich habe sie gerade verloren.“

„Na, dann sag ihm das doch … und dann wird sich schon alles …“

„Ähm, Mädels?“, meldete sich Paul aus dem Hintergrund. „Ihr werdet wohl noch eine Zeit lang mit dem Thema beschäftigt sein, oder?“

„Ja, Paul“, stimmte Vanni ihm zu. „Tut mir leid.“

„Oh Gott“, unterbrach Abby. „Ihr wolltet eigentlich Sex haben! Ihr seid zum ersten Mal seit Jahren alleine, und da komme ich zu früh nach Hause und ruiniere euch den Abend.“

„Schon okay, Süße“, sagte Vanni. „Wir können immer miteinander schlafen.“

Paul rieb sich den Nacken. „Na ja, eigentlich …“ Die Sache mit dem Sex geriet im Augenblick mit dem Baby, einer Mitbewohnerin und dem General, der, seit Muriel weg war, häufiger mal spontan vorbeikam, immer mehr zur Glückssache. Das mit immer war reines Wunschdenken.

Paul schob Matt zu Vanni. „Wisst ihr was? Ich gehe einfach mal ein bisschen an die Luft. Kaffee trinken bei Jack oder so. Und ihr macht es euch gemütlich, hm?“„Klar“, erwiderte Vanni und kümmerte sich um das Baby. „Das ist wahrscheinlich eine gute Idee.“

Kaum hatte Paul die Tür hinter sich geschlossen, fragte Vanni Abby: „Hast du schon was gegessen, Schatz? Ich hol dir etwas, und dann reden wir über alles.“

2. KAPITEL

Als Cameron in Jacks Bar eintraf, saßen dort mindestens schon ein Dutzend Menschen beim Abendessen. Er setzte sich an die Bar.

„Hey, Doktor“, begrüßte ihn Jack und legte ihm eine Serviette auf den Tresen.„Wie geht’s?“

„Großartig“, log Cameron wenig überzeugend. „Kann ich einen Scotch bekommen? Einen ordentlich starken?“

„Klar. War ein langer Tag, was?“, fragte Jack, während er sich abwandte, um nach einem Scotch zu suchen, der Cams Anforderung genügte.

„Er wurde auf einmal ziemlich lang. Aber keine Bange, ich esse nur etwas und trinke noch einen Kaffee, und dann erlöse ich deine Frau vom Bereitschaftsdienst.“

„Wir haben das im Griff, Doktor. Doch ich dachte, du isst heute irgendwo mit Abby zu Abend?“

„Das hat nicht so richtig hingehauen.“

Jack lachte. „Da wird Paul sich aber freuen. Er dachte, dass er seine Frau heute mal für sich alleine hat.“

„Tja, an mir lag es nicht“, stieß Cameron aus. „Kannst du mir glauben.“

„Ist alles in Ordnung?“

„Bestens“, antwortete er und hob sein Glas. „Ganz toll.“

Cameron hatte noch nicht richtig an seinem Drink genippt, da betrat Paul die Bar. Er setzte sich neben Cameron und stützte sich mit den Ellbogen auf der Theke ab. „Was trinkst du da?“, fragte er Cameron.

„Scotch.“

„Bring mir ein Crown. Dasselbe Rezept“, orderte Paul bei Jack.

Jack stellte ihm ein Glas hin und schenkte ein. „Ich hätte schwören können, dass du heute Abend etwas anderes vorhattest“, sagte er zu Paul.

„Das dachte ich auch“, erwiderte dieser. Er führte das Glas an die Lippen und nahm einen Schluck. „Aber dann kam Abby mit einer Art Gefühlskrise nach Hause und beanspruchte Vannis volle Aufmerksamkeit.“ Paul warf einen kurzen Seitenblick auf Cameron. „Ziemlich viel Geheul. Geht noch weiter.“

Cameron drehte sich zu ihm. „Ich kann nichts dafür“, entgegnete er beinahe unfreundlich. „Ich war total nett zu ihr. Fürsorglich. Wunderbar.“

„Ich weiß“, lenkte Paul ein. „Ich nehme an, sie hat es sich selbst zuzuschreiben. Sie hat gesagt, sie hätte die Nerven verloren und ein paar unhöfliche Dinge gesagt. Gemeinheiten.“ Er trank einen Schluck. „Mann, lass sie einfach. Sei nachsichtig mit ihr. Wegen der Schwangerschaft und weil sie da einfach neben sich steht.“

Jack lehnte an der Theke und lauschte der Unterhaltung, die glücklicherweise nicht von den anderen speisenden Gästen gehört werden konnte, aufmerksam. Außer ihm waren nur Paul und Cameron an der Bar.

„Ich habe so gut wie möglich reagiert“, rechtfertigte sich Cameron.

„Sie sagte, sie hat das Gefühl, sich um alles alleine kümmern zu müssen. Sie muss die Babys austragen und so. Und dass sie sich fühlt, als ob ihr alles entgleitet und sie nichts mehr im Griff hat.“

„Sie hat nichts im Griff?“, fragte Cameron aufgebracht und lachte verbittert.

„Ja und sie fühlt sich jetzt ziemlich schlecht deswegen.“

„Ach was?“, sagte Cameron. „Kannst du dir vorstellen, dass es auch mir schlecht geht? Und zwar aus demselben Grund.“ Dann stierte er in seinen Scotch und verzog beleidigt das Gesicht.

„Jetzt komm“, ermahnte ihn Jack. „Was kann sie schon groß zu dir gesagt haben?“

Cameron schaute von seinem Drink hoch. „Sie hat mich mit einem sehr unschmeichelhaften Wort tituliert.“

Jack lachte ihn aus. „Aber du bist doch ein großer Junge. Wie schafft es da ein kleines schwangeres Mädchen bloß, dich so zu beleidigen?“

„Schon gut. Es ist vorbei.“

„Wie wäre es mit – Samenspender?“, schlug Paul vor.

Cameron warf Paul einen bösen Blick zu. „Weiter so, du Vollidiot. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein loses Mundwerk hast?“

„Vanni hat mich zwar ermahnt, dass ich es niemandem sagen soll, aber dich kann sie damit bestimmt nicht gemeint haben. Ich vermute, du weißt Bescheid, stimmt’s?“

Besorgt sah Cameron in Jacks Richtung.

„Mach dir seinetwegen keine Sorgen“, beschwichtigte Paul ihn. „Er sagt nichts weiter. Jedenfalls nicht, solange man nicht will, dass er etwas weitersagt. Er kann schweigen.“

Da fragte Jack, der aufmerksam jedes Wort verfolgt hatte: „Aber warum um alles in der Welt nennt sie dich so?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Cameron und zog eine Grimasse.

„Tja, falls es dich beruhigt, Vanessa hat mich vorhin wegen genau der Frage Dummkopf genannt.“ Paul trank einen Schluck. „Offensichtlich befinden wir uns in einer misslichen Lage, Dad.“

„Wow!“, stieß Jack aus und richtete sich auf. Dann griff er nach einem Glas und schenkte sich auch einen Scotch ein. Normalerweise wartete er, bis man ihn zum Mittrinken aufforderte, aber in diesem Fall war es offensichtlich angebracht, die beiden zu trösten. „War denn beim Ultraschall alles in Ordnung?“, erkundigte er sich vorsichtig.

„Bestens“, antwortete Cameron und nippte an seinem Scotch. „Die Babys gedeihen prächtig.“

„Und mindestens einer ist ein Junge“, ergänzte Paul, während er mit seinem Scotchglas spielte. Nach einem erneuten Schluck fiel ihm auf, dass Cameron ihn anstarrte. „Was? Es hat mir niemand gesagt, dass ich das auch geheim halten soll.“

„Du bist wirklich ein Dummkopf“, stellte Cameron fest.

„Ja? Ein Dummkopf, der sich freute, dass das Baby schlief, bis Abby plötzlich auftauchte und zu heulen anfing und …“ Er hielt inne und schüttelte trübselig den Kopf.

„Meine Herren, ich möchte einen Toast aussprechen“, verkündete Jack und erhob sein Glas. „Lasst uns auf das Geheimnis trinken. Falls diese Unterhaltung jemals bekannt werden sollte, sind wir tote Männer. Mausetot!“

„Auf unser Geheimnis“, stimmten die beiden anderen Männer ein.

„Gut“, sagte Jack. „… und jetzt, wo wir alle Geheimnisträger sind, wüsste ich zu gerne, wann das alles passiert ist und vor allem wie.“

„Es war am Wochenende von Joe Bensons Hochzeit in Grants Pass. Und auf die übliche Art und Weise.“

„Du warst doch gar nicht bei dieser Hochzeit“, stellte Paul richtig.

„Ich war aber an jenem Abend zum Essen im Hotelrestaurant verabredet. Und da begegnete sie mir an der Bar. Das ist alles, was ich zum jetzigen Zeitpunkt dazu sage. Und wenn du Abby erzählst, dass ich darüber gesprochen habe, machst du alles nur noch schlimmer. Begreifst du das, Paul?“

„Und was willst du jetzt unternehmen?“

„Wie unternehmen?“

„Na ja“, sagte er und sah sich nach allen Seiten um, um sicherzugehen, dass sie nicht heimlich belauscht wurden. Jack beugte sich über den Tresen, um kein Wort zu verpassen. Paul fuhr im Flüsterton fort. „Abby ist schwanger, und du bist der Vater. Was fällt dir dazu ein, Kumpel? Kennst du das Wort heiraten?“

Ungehalten stellte Cameron sein Glas ab. „Jetzt pass mal gut auf, Paul. Ich schaffe es nicht mal, Abby dazu zu überreden, mit mir in einem Restaurant in Fortuna zu Abend zu essen. Sie hasst mich. Obwohl ich mich wie ein perfekter Gentleman benommen habe. Sowohl am fraglichen Abend als auch heute. Aber sie hasst mich und bezeichnet mich als Samenspender.“

„Wow!“, sagte Paul.

„Wow!“, wiederholte Jack.

Sie erhoben wieder die Gläser und starrten melancholisch ins Leere.

Vanessa setzte Teewasser für Abby auf und brachte den kleinen Matt ins Bett. Als sie in die Küche zurückkehrte, putzte sich Abby die Nase und tupfte sich die Augen trocken. Während der Tee zog, legte Vanni die Reste vom Abendessen – Roastbeef mit Kartoffeln und Karotten – auf einen Teller und stellte ihn in die Mikrowelle. Sie schenkte ihrer Freundin Tee ein. Für sich selbst nahm Vanni ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich Abby gegenüber. „Bist du fertig mit Weinen?“, fragte sie.

Abby nickte. „Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“

„Ich schon. Während meiner Schwangerschaft spielten meine Gefühle dermaßen verrückt, dass ich keine Ahnung habe, wie es irgendjemand in meiner Nähe aushalten konnte. Ich war komplett durchgedreht.“

„Ich sollte mich schämen“, sagte Abby seufzend. „Dir ging es damals viel schlimmer.“

„Das spielt doch jetzt keine Rolle“, tröstete Vanni sie. „Du hast im Moment eben viel Stress. In deiner Situation, frisch geschieden mit einem Berg unbezahlter Rechnungen und diesem schrecklichen Ehevertrag ist es eigentlich kein Wunder, dass du ein bisschen … überreagierst.“

Abby schnäuzte sich geräuschvoll die Nase. „Erst beklage ich mich darüber, dass mir alles entgleitet, und dann verliere ich die Nerven. Das ergibt doch keinen Sinn.“„Abby. Ich bin nicht gerade für meine Weisheit bekannt, sondern eher für mein verdammtes Temperament. Die genauen Worte meines Mannes, der überhaupt kein Temperament hat. Ich will aber, dass du weißt, dass ich zu dir halte und dich unterstütze, egal, was du tust. Trotzdem sage ich dir, was ich denke, was du nun tun solltest. Du solltest gleich morgen früh in die Klinik gehen und dich bei Cameron entschuldigen. Ich bin der Meinung, ihr solltet euch mal ernsthaft darüber unterhalten, wie ihr das mit den beiden Kindern handhaben wollt. Ihr beide müsst euch nur für eine Sache verantwortlich fühlen, und das sind die Kinder. So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Weder du willst auf die Kinder verzichten noch er. Deshalb müsst ihr einen Weg finden, wie ihr miteinander klarkommt, ob ihr nun Freunde seid oder nicht. Aber es wäre natürlich viel besser, wenn ihr Freunde wärt. Schon allein der Kinder wegen. Hm?“

„Es macht mich einfach so wütend!“, brach es aus Abby heraus, während ihr schon wieder Tränen über die Wangen rollten.

„Was macht dich so wütend?“

„Dass er auch hier gelandet ist! Dass er mich gefunden hat! Dass ich nun zusätzlich zu allem anderen auch noch einen Weg finden muss, mit ihm klarzukommen! Ich wollte eigentlich einfach nur in aller Ruhe meine Babys zur Welt bringen, sie dann zu meiner Mutter bringen und mein Leben weiterleben wie bisher.“

„Ach ja? Tja, Abby, darauf hast du keinen Anspruch.“

Abby schaute sie mit geweiteten und feuchten Augen an, während sie nervös ein Taschentuch in ihren Händen zerknautschte.

„Hör mal, ich kenne Cameron schon ewig. Noch aus einer Zeit, bevor Paul hier aufkreuzte und mir sagte, was er für mich empfindet. Na ja, ich kann nicht gerade behaupten, dass ich ihn gut kannte – wir hatten zwei sehr platonische Verabredungen. Doch wir haben viel miteinander gesprochen, und daher weiß ich, dass er schon immer heiraten und eine Familie gründen wollte. Er liebt Kinder so sehr, dass er eine zweite Facharztausbildung in Kindermedizin gemacht hat. Er …“

„Das weiß ich alles längst …“

„Abby, hör mir bitte zu. Du und ich, wir sind immer gute Freundinnen gewesen. Wir sind zusammen geflogen, haben zusammen eine Menge Partys gefeiert, haben gemeinsam sämtliche miserablen Liebhaber betrauert, denen wir unsere Herzen geschenkt hatten. Und, lieber Himmel, wenn ich darüber nachdenke, welche Idioten wir uns als Ehemänner vorstellen konnten, dann bekomme ich noch nachträglich eine Gänsehaut. Als deine Freundin will ich ehrlich zu dir sein. Und als meine Freundin schuldest du es mir, mir zuzuhören. Abby, du hast kein Recht darauf, einfach dein Leben so weiterzuleben wie bisher. Für den Schlamassel, in dem du steckst, bist du genauso verantwortlich wie er. Und er hat genauso viel Anrecht auf seine Kinder wie du. Ich glaube, für Cameron wäre es eine Tragödie, wenn du es geschafft hättest, mit den Kindern zu verschwinden. Es steht ihm zu, seiner Familie sagen zu dürfen, dass er Vater von Zwillingen wird. Und seine Mutter hat ein Recht darauf zu erfahren, dass sie bald Großmutter wird. Kann sein, dass alles kompliziert ist und vielleicht sogar alles andere als perfekt, aber ich wette, für Cam gehört das momentan trotzdem zu den schönsten Dingen seines Lebens. Ich glaube, dass, falls irgendwelche Probleme in der gemeinsamen Elternschaft auftauchen, du das Problem sein wirst. Und nicht er.“

Abby verschlug es für einen Augenblick die Sprache. Als sie sie schließlich wiederfand, sagte sie nur: „Wow!“

„Ich weiß, das war jetzt brutal. Doch, Abby, es ist die Wahrheit, und so sehe ich es. Du musst ihn nicht heiraten. Du musst ihn auch nicht lieben, aber du musst ihn für seine Kinder da sein lassen. Er hat nichts getan, womit er deinen Zorn verdient hätte. Du darfst Kid Crawford, deinen widerlichen Exmann, gerne weiter hassen, wenn du willst. Allerdings werde ich nicht ruhig mit ansehen, wie du Cameron bestrafst. Er ist eine gute Seele. Und wenn er nicht hier aufgetaucht wäre und rein zufällig mit dir zusammengetroffen wäre, hätte ich es für deine Pflicht gehalten, ihn ausfindig zu machen und ihm die Wahrheit zu sagen.“

Abby beugte sich über den Tisch zu Vanessa. „Bist du sicher …“, fragte sie weinerlich, „… bist du sicher, dass du dich in so einer misslichen Lage so vernünftig und rational verhalten würdest?“

„Vielleicht nicht“, räumte Vanni sanft ein. „Es mag schwierig sein, sich in der Situation vernünftig und rational zu verhalten, aber ich mache mir keine Sorgen – du wirst schon auch alleine zur Vernunft kommen. Denn Cameron wird dir sicher niemals wehtun. Ihr werdet euch gemeinsam um die Kinder kümmern, und er kann großartig mit Kindern umgehen. Er ist sicher ein wunderbarer Vater. Weißt du eigentlich, wie viele Frauen sich einen solchen Vater für ihre Kinder wünschen? Denk doch mal nach, Abby. Es ist nicht das Schlechteste, das dir passieren konnte. Was wäre denn, wenn die Kinder von Kid wären?“ Vanni stand auf und ging zur Mikrowelle, die sie erneut anstellte, um das Abendessen für Abby noch einmal warm zu machen. „Jetzt solltest du erst mal etwas in den Magen bekommen. Dann schläfst du eine Nacht darüber, und morgen reißt du deine Schutzmauern ein.“

Als Abby ins Bett ging, lag sie noch lange wach und dachte nach. Sie wusste, dass Vanessa in beinahe allen Punkten recht hatte. Natürlich musste Abby viel kooperativer sein, und sie machte sich auch nicht wirklich Sorgen über Camerons Fähigkeiten als Vater. Wenn sie es nicht damals schon geahnt hätte, so wüsste sie es spätestens jetzt. Er nahm ihre Launen hin, ging immer noch auf ihre Bedürfnisse ein und schützte ihre Privatsphäre, wobei er außerdem auch noch versuchte, ihr Angst und Panikattacken zu nehmen. Seine Aufmerksamkeit war hundertprozentig auf das Wohlergehen der Kinder gerichtet. Und genau das war der Knackpunkt. Allem, was Abby bislang behauptet hatte, zum Trotz, erinnerte sie sich immer noch an die gemeinsame Nacht in Grants Pass. An ihr brennendes Verlangen. Cameron war ein fantastischer Liebhaber. Jedes seiner Worte und alles, was er getan hatte, diente nur dazu, ihr zu zeigen, wie sehr er sie vergötterte. Er war genau der Mann, von dem alle Frauen träumten.

Vermutlich behandelte er alle Frauen, mit denen er ins Bett ging, gleich. Er war der personifizierte Charme, die pure Sensibilität, die schiere Kraft, und er hatte sogar eine Menge Humor. Dennoch hatte er ihr beim ersten Wiedersehen, nachdem er erfahren hatte, dass sie seine Babys erwartete, nicht gesagt, dass er sich in sie verliebt hatte. Zwar hatte er seine väterlichen Rechte eingefordert, aber er hatte ihr nicht vorgeschlagen, sie zu heiraten.

Er hatte behauptet, dass er nach ihr gesucht hätte. Und dass er mehr Zeit mit ihr verbringen wollte …

Abby wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Sie durfte sich nicht länger mit Gedanken an Liebe und Hochzeit quälen – abgesehen davon, dass sie ohnehin über eine Liebeserklärung gelacht, und ihn, einen praktisch Fremden, niemals geheiratet hätte. Das wäre vollkommen verrückt gewesen.

Dennoch hatten Vanni und er recht. Cam war sehr umsichtig auf ihre Gefühle eingegangen, und sie hatte sich einfach furchtbar verhalten. Ihre Kinder wären besser mit einem guten Vater, auf den sie stolz sein konnten, bedient, als mit gar keinem. In dieser Nacht fand Abby kaum Schlaf.

Am nächsten Morgen stand sie bereits sehr früh auf. Paul saß trotzdem schon vor ihr in der Küche. Er trank Kaffee, obwohl der Morgen gerade erst am Horizont dämmerte, und betrachtete sie aus verschlafenen Augen über den Rand seiner Tasse hinweg. „Es tut mir leid“, sagte sie, noch bevor sie ihm einen guten Morgen wünschte. „Ich war gestern Abend ziemlich durch den Wind, aber ich werde heute gleich als Erstes in die Klinik fahren, um mich bei Cameron zu entschuldigen, und will versuchen, mit ihm zusammen an unserem gemeinsamen, äh … Projekt zu arbeiten.“

Verhalten lächelte Paul. „In Anbetracht der Tatsachen halte ich das für eine gute Idee.“

„Hast du einen besseren Vorschlag?“, fragte sie.

„Abby, ich weiß nicht, wie man sich fühlt, wenn man schwanger ist“, erwiderte Paul. „Ich weiß nur, dass ich mir schrecklich viele Sorgen gemacht habe, als der kleine Matt zur Welt kam. Vanni war stinksauer auf mich und gleichzeitig sehr traurig. Ich hatte Angst, ich könnte dem Baby irgendwie schaden. Ich glaube, Mel hatte auch Angst, aber sie meinte zu mir, dass es in der Geschichte der Menschheit keine einzige gesunde Geburt gegeben hätte, falls solche Sorgen und Ängste zu ernsthaften Problemen führen würden. Ich wollte einfach nur glücklich sein.“ Er räusperte sich. „Ich wette, Cameron hält zu dir. Und ich vermute, dass er sich dasselbe wünscht wie ich.“

Abby schenkte Paul ein Lächeln. „Du hast recht. Ich muss unbedingt an mir arbeiten. Ich habe zwar eine Menge Probleme, doch die sind im Augenblick einigermaßen unter Kontrolle. Ich rede mit Cameron. Falls er mich nicht zu sehr hasst …“

„Oh, das tut er nicht.“ Abby warf Paul einen fragenden Blick zu. „Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass er dich nicht hasst“, fuhr er fort. Dann lächelte er wieder.

„Ich wünschte, ich könnte auch eine Tasse Kaffee trinken“, seufzte Abby, während sie neidisch auf Pauls Kaffeetasse sah.

Er lachte. „Siehst du, die ganzen Dinge, die man aufgibt, um eine gute Mutter zu sein, können einen schon allein für sich genommen launisch machen.“

Während Abby in ihren Mantel schlüpfte, um das Haus zu verlassen, tauchte Vanessa mit dem Baby auf. Abby hoffte rechtzeitig vor der Öffnung der Klinik einzutreffen, damit sie mit Cameron unter vier Augen sprechen konnte. Sie war sich jedoch noch nicht sicher, welche Worte außer „Entschuldigung“ sie wählen würde.

Als sie schließlich vor der Kliniktür stand, musste sie mehrfach anklopfen, bis endlich jemand kam. Sie schaute zur Uhr. Es war erst halb acht, und die Klinik öffnete nicht vor neun. Kaum hatte Cameron ihr die Tür geöffnet, sagte sie: „Es tut mir so leid.“

Er stand ihr barfuß, mit nackter Brust und in Boxershorts gegenüber. Um seinen Hals hatte er ein Handtuch geschlungen, und seine Haare tropften vom Duschen. Abby errötete, als sie sich erinnerte, wie sie die Brüste an diese feste Brust gedrückt hatte. Cam hatte sich damals auf diese muskulösen Arme gestützt, um sie nicht zu erdrücken.

„Ich bin extra so früh hergekommen, aber vielleicht ist es doch noch etwas zu früh“, erklärte sie.

„Kein Problem“, beruhigte er sie und ließ sie eintreten. „Wie geht’s dir? Alles in Ordnung?“

„Ich glaube schon.“

„Was ist los, Abby?“, fragte er. „Bist du krank? Hast du Schmerzen?“

„Ich war gestern ein ziemliches Biest, und ich bin hier, um mich zu entschuldigen.“„Oh“, machte er und atmete hörbar aus. „Vergiss es. Du warst aufgebracht. Wir waren beide aufgebracht. Zwillinge zu erwarten ist ganz schön stressig. Akzeptiere es einfach.“

„Ich dachte, wir könnten vielleicht eine Minute miteinander reden, falls du Zeit hast.“

Sein Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln. „Was hältst du von einer Tasse Kräutertee?“

„Ein starker Kaffee mit einem Schuss Whiskey und viel Sahne wäre mir lieber, aber das kommt vermutlich nicht infrage …“

Sanft lächelte er sie an. „Ganz schlechte Idee. Dafür gibt es in der Küche Tee. Mel hat ihn dort hingestellt. Für schwangere Mädchen.“

„Das bin ich“, sagte sie. „Trinkt Mel keinen Tee?“

„Oh nein. Mel ist schwer koffeinsüchtig. Wenn sie könnte, würde sie sich den Kaffee direkt in die Venen spritzen.“

„Das kann ich nachvollziehen. Ich bin auf Entzug. Das ist möglicherweise auch ein Grund für meine Laune.“

„Der Kräutertee ist koffeinfrei.“

„Wunderbar“, erwiderte sie sarkastisch. „Es kommt immer noch schlimmer, als man denkt.“

Diesmal klang Cams Lachen schon etwas munterer. „Komm mit in die Küche. Hast du schon gefrühstückt?“

„Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich das gerne auf nachher verschieben. Nachdem wir miteinander geredet haben.“

Cameron füllte einen Kessel mit Wasser und sah sie an. „Schlägt dir das, was du mit mir besprechen willst, auf den Magen?“

„Mir schlagen zwei Babys auf den Magen. Morgendliche Übelkeit mal zwei. Geht aber vorbei.“ Sie setzte sich hin. „Ich habe mich heute schon übergeben, das reicht erst mal für den Augenblick.“

Cameron starrte auf den Kessel auf dem Herd. Sie würde es vermutlich nicht verstehen, aber er hätte ihr gerne auch in den schlimmsten Momenten der Schwangerschaft beigestanden. Gerne wäre er derjenige gewesen, bei dem sie sich beklagte, den sie für alles verantwortlich machte und dem sie Beschimpfungen an den Kopf würfe. Auch, wenn er davon schon eine Menge abbekommen hatte. Er hasste den Gedanken, dass sie litt, ohne dass er sie umarmen und trösten durfte. So verrückt es klang, er wollte dabei zusehen, wie sie grün im Gesicht wurde, ins Badezimmer rannte und weiß wie ein Laken zurückkam, um in seine Arme zu fallen. Er wäre so gerne ihr Freund gewesen und nicht nur ein unbeteiligter Beobachter. Er hätte gerne gespürt, wie sie nachts ihren dicken Bauch gegen ihn presste. Er hätte gerne gehabt, dass sie ihn aufweckte, wenn sich eines der Babys in ihrem Bauch bewegte. Er sah sie an. „Möchtest du ein paar Kekse?“

„Nein, danke.“

„Du leidest nach fünf Monaten immer noch unter morgendlicher Übelkeit?“

„Ich fürchte. Mel hat gesagt, das kommt vor. Manche von uns haben dieses Glück, und ich gleich doppelt. Meine Hormone spielen offenbar total verrückt.“

Cameron nahm eine Tasse und hängte einen Teebeutel hinein, sich selbst schenkte er einen starken Kaffee ein, schwarz, wie Mel ihn liebte.

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll“, begann Abby. „Cameron, ich war gestern Abend ekelhaft und gemein zu dir … Es tut mir leid. Ich habe total die Nerven verloren. Ich bin gar nicht sauer auf dich. Ich fürchte auch nicht, dass du ein schrecklicher Vater wirst. Es liegt einfach nur an dem ganzen Schlamassel, in dem ich stecke. Ich würde gerne nichts mehr damit zu tun haben. Ich möchte dich da raushalten. Ich würde die Babys gerne da raushalten.“

„Verstehe.“

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